Kitabı oku: «Petersburger Erzählungen»
LUNATA
Petersburger Erzählungen
© 1842 by Nikolai Wassiljewitsch Gogol
Originaltitel Peterburgskie raskazy
Aus dem Russischen von Alexander Eliasberg
Umschlagbild Benjamin Paterssen
Der Stadtrand von St. Petersburg in der Nähe der Porzellanfabrik
© Lunata Berlin 2020
Die Nase (1836)
1
Am 25. März ereignete sich in Petersburg eine ganz ungewöhnliche, seltsame Begebenheit. Der auf dem Himmelfahrtsprospekt wohnende Barbier Iwan Jakowlewitsch (der Familienname war ihm verlorengegangen, und sogar auf seinem Schilde, das einen Herrn mit einer eingeseiften Wange darstellte, war weiter nichts zu lesen als die Aufschrift: » … und wird zur Ader gelassen«) – also, der Barbier Iwan Jakowlewitsch erwachte ziemlich früh und spürte den Duft frischgebackenen Brotes. Er richtete sich in seinem Bett ein wenig auf und sah, daß seine Frau, eine ziemlich ehrenwerte Dame, die sehr gern Kaffee trank, aus dem Ofen soeben ausgebackene Brote zog.
»Heute, Praskowja Ossipowna, will ich keinen Kaffee«, sagte Iwan Jakowlewitsch; »statt dessen möchte ich warmes Brot mit Zwiebeln essen.« (Das heißt, Iwan Jakowlewitsch wollte gern beides, aber er wußte, daß es vollständig unmöglich war, beides zugleich zu erlangen, denn Praskowja Ossipowna mochte derartige Gelüste durchaus nicht leiden.) Mag der Dummkopf meinetwegen nur Brot essen, um so besser für mich, dachte sein Ehegespons; dann bleibt für mich noch eine Portion Kaffee übrig, und warf ein Brot auf den Tisch.
Iwan Jakowlewitsch zog anstandshalber einen Frack über das Hemd, setzte sich an den Tisch, schüttete sich Salz aus, machte sich zwei Zwiebelköpfe zurecht, nahm das Messer zur Hand, zog ein bedeutsames Gesicht und begann das Brot zu schneiden. Nachdem er das Brot in zwei Hälften geschnitten, sah er mitten hinein – und zu seinem großen Erstaunen erblickte er etwas Weißliches. Iwan Jakowlewitsch stocherte vorsichtig mit dem Messer daran herum und befühlte es mit dem Finger. »Ganz fest!« murmelte er in den Bart, »was mag denn das sein?«
Er steckte die Finger hinein und zog – eine Nase heraus! … Da ließ Iwan Jakowlewitsch die Hände sinken, begann sich die Augen zu reiben und zu tasten: Eine Nase, wirklich eine Nase! und noch obendrein schien es die Nase eines Bekannten zu sein. Entsetzen malte sich auf Iwans Gesicht, aber dieses Entsetzen war noch nichts gegen den Abscheu, der sich seiner Gattin bemächtigte.
»Wo hast du denn diese Nase abgeschnitten, du Vieh?« schrie sie zornig. »Du Halunke! du Trunkenbold! ich selbst werde dich der Polizei anzeigen! Ein solcher Spitzbube! Schon von drei Herren habe ich gehört, daß du während des Rasierens so an der Nase zerrst, daß sie kaum sitzen bleibt!«
Aber Iwan Jakowlewitsch war mehr tot als lebendig; er erkannte, daß diese Nase keinem andern gehören konnte als dem Kollegien-Assessor Kowalow, den er jeden Mittwoch und Sonntag rasierte.
»Wart, Praskowja Ossipowna! ich wickele sie in ein Läppchen und lege sie in die Ecke; da mag sie ein Weilchen liegen bleiben, dann werde ich sie fortschaffen.«
»Nichts da! Was, ich sollte hier in meinem Zimmer eine abgeschnittene Nase haben! So'n vertrockneter Zwieback! Versteht weiter nichts, als nur immer mit dem Rasiermesser über den Riemen zu streichen; aber seine Pflicht tun, das wird er bald gar nicht mehr imstande sein, der Herumtreiber, der Taugenichts! Soll ich etwa bei der Polizei für dich alles verantworten? … Ach du Schmierer, du einfältiger Klotz! Hinaus damit! Hinaus! Bringe sie, wohin du willst! Daß ich sie hier nicht mehr vor Augen habe!«
Iwan Jakowlewitsch stand da wie erschlagen. Er dachte nach und dachte nach – und wußte nicht, was er denken sollte. »Der Teufel mag wissen, wie das zugegangen ist«, sagte er endlich, sich hinter den Ohren krauend; »ob ich gestern Abend betrunken nach Hause gekommen bin oder nicht, das weiß ich wirklich nicht mehr, aber allem Anschein nach ist dieses eine ganz ungewöhnliche Begebenheit, denn ein Brot ist doch etwas Gebackenes, und eine Nase etwas anderes. Das verstehe ich nicht!« Iwan Jakowlewitsch verstummte. Der Gedanke, die Polizei könnte bei ihm eine Nase finden und ihn verklagen, nahm ihm alle Besinnung. Schon flimmerte ihm ein roter Kragen mit silbernen Tressen vor den Augen, ein Degen – und er bebte am ganzen Leibe. Schließlich nahm er seine Hosen und Schuhe, zog all das Zeug an, und von den nachdrücklichen Ermahnungen Praskowja Ossipownas begleitet, wickelte er die Nase in einen Lappen und ging hinaus auf die Straße.
Er wollte sie irgendwo heimlich unterschieben: entweder unter den Eckstein am Tor oder sie ganz unbemerkt irgendwo verlieren und dann in einer Querstraße verschwinden. Aber zum Unglück begegnete er immer wieder irgendeinem Bekannten, der gleich mit der Frage begann: »Wohin denn, Iwan Jakowlewitsch?« oder »Wen hast du schon in so früher Morgenstunde rasiert?« usw., so daß Iwan Jakowlewitsch nirgends eine passende Gelegenheit finden konnte. Ein andermal hatte er die Nase bereits fallen lassen, aber ein Wachmann zeigte sie ihm schon von ferne mit seiner Hellebarde und sagte: »Heb es auf, da hast du etwas fallen lassen!« und Iwan Jakowlewitsch blieb nichts anderes übrig, als die Nase wieder aufzuheben und sie in seine Tasche zu stecken. Verzweiflung begann sich seiner zu bemächtigen und das um so mehr, als es auf der Straße immer belebter wurde und man die Kaufläden und Magazine zu öffnen begann.
Da beschloß er, nach der Isaaksbrücke zu gehen: vielleicht glückte es ihm, sie dort in die Newa zu werfen … Aber ich muß mich ein wenig schuldig bekennen, daß ich bis jetzt noch nichts von Iwan Jakowlewitsch, diesem in vielen Beziehungen so ehrenwerten Manne gemeldet habe.
Wie jeder rechtschaffene russische Handwerker war Iwan Jakowlewitsch ein schrecklicher Trunkenbold, und obgleich er täglich fremde Gesichter rasierte, so war doch sein eigenes ewig unrasiert. Sein Frack (einen Rock trug er niemals) war ganz scheckig, das heißt, er war schwarz, aber ganz mit braunen und grauen Flecken besät; der Kragen glänzte, und statt der drei Knöpfe waren nur noch die Fädchen zu sehen. Iwan Jakowlewitsch war ein großer Zyniker, und wenn der Kollegien-Assessor Kowalow, wie das seine Gewohnheit war, beim Rasieren zu ihm sagte: »Deine Hände, Iwan Jakowlewitsch, riechen ja immer!« so antwortete Iwan Jakowlewitsch auf diese Bemerkung: »Wonach sollten sie denn riechen?« – »Das weiß ich nicht, Freundchen, aber sie riechen«, entgegnete der Kollegien-Assessor, und Iwan Jakowlewitsch nahm eine Prise und seifte ihn dafür auf der Wange, der Oberlippe, hinter den Ohren und unter dem Kinn, kurz, überall wo es ihm gefiel, ein.
Dieser ehrenwerte Bürger stand also jetzt auf der Isaaksbrücke. Zunächst schaute er sich um, dann lehnte er sich ans Geländer, als wollte er nur hinuntersehen, um zu sehen, ob viele Fische vorüberschwämmen, und warf ganz heimlich das Läppchen mit der Nase hinab. Es war ihm zumute, als sei ihm mit einemmal eine Zentnerlast vom Herzen genommen, ja Iwan Jakowlewitsch lachte sogar fröhlich auf. Statt nun zu gehen, um Beamtengesichter zu rasieren, wandte er seine Schritte einer Anstalt zu, auf deren Schild »Speisen und Tee« ausgeboten wurden, um ein Glas Punsch zu trinken – als er plötzlich am andern Ende der Brücke einen Polizei-Inspektor von imponierendem Äußern mit großem Backenbart, dreieckigem Hut und Degen an der Seite gewahrte. Er war einer Ohnmacht nahe; der Polizei-Inspektor aber winkte ihm mit der Hand und sprach: »Komm doch mal her, mein Lieber.«
Iwan Jakowlewitsch wußte, was sich gehört, nahm schon von weitem seine Mütze ab, ging auf den Polizei-Inspektor zu und sagte: »Ich wünsche Euer Hochwohlgeboren das beste Wohlbefinden.«
»Ach was Hochwohlgeboren, sage mir, Freundchen, was hast du da gemacht, als du auf der Brücke standest?«
»Bei Gott, gnädiger Herr, ich war auf dem Wege zu meinen Kunden und wollte nur sehen, ob der Fluß schnell fließt.«
»Du lügst, du lügst! Damit kannst du dich nicht herausreden. Antworte nur!«
»Ich will Euer Gnaden zweimal wöchentlich, ja sogar dreimal ohne alle Widerrede rasieren«, antwortete Iwan Jakowlewitsch.
»Nein, Freund, mach keine Geschichten! Mich rasieren schon drei Barbiere, und die rechnen es sich noch zur größten Ehre an. Also heraus damit: Was hast du dort gemacht?«
Iwan Jakowlewitsch erbleichte … Aber hier verschwindet die Begebenheit völlig im Nebel, und was weiter geschah, ist nicht bekannt geworden.
2
Der Kollegien-Assessor Kowalow wachte ziemlich früh auf, machte »brr brr!« – was er übrigens immer tat, sobald er aufwachte, wenn er sich auch die Ursache nicht zu erklären vermochte. Kowalow reckte sich und ließ sich einen kleinen auf dejm Tische stehenden Spiegel geben. Er wollte nach dem Hitzbläschen sehen, das ihm gestern Abend auf der Nase entstanden war. Aber zu seinem größten Erstaunen bemerkte er, daß er statt der Nase nur eine vollständig glatte Stelle im Gesicht hatte! Im höchsten Grad erschreckt ließ sich Kowalow Wasser reichen und rieb sich mit einem Handtuch die Augen: Wirklich, er hatte keine Nase mehr! Er begann sich mit den Händen zu befühlen, er kniff sich, um sich zu überzeugen, ob er nicht schliefe. Nein, allem Anschein nach schlief er nicht mehr! Da sprang der Kollegien-Assessor Kowalow aus dem Bett und schüttelte sich – Nein, keine Nase mehr! … Er ließ sich sofort die Kleider geben und eilte dann geradeswegs zu dem Oberpolizeimeister.
Aber zunächst müssen wir unbedingt einiges über Kowalow mitteilen, damit der Leser weiß, was für ein Mann denn dieser Kollegien-Assessor eigentlich ist. Die Kollegien-Assessoren, welche diesen Titel auf Grund von Prüfungszeugnissen erlangen, dürfen durchaus nicht mit jenen Kollegien-Assessoren verglichen werden, die zu ihrem Rang im Kaukasus befördert worden sind. Das sind zwei vollständig verschiedene Arten von Kollegien-Assessoren. Kollegien-Assessoren – aber Russland ist ein so wunderliches Land, daß, wenn man von einem Kollegien-Assessor spricht, sämtliche andere Kollegien-Assessoren von Riga bis Kamtschatka unfehlbar alles auf ihre eigene Person beziehen; dasselbe gilt übrigens von allen andern Ämtern und Titeln. Kowalow war ein kaukasischer Kollegien-Assessor. Er war erst zwei Jahre in dieser Stellung, und so konnte er sie auch jetzt noch nicht vergessen. Um sich aber mehr Ansehen und Bedeutung zu geben, nannte er sich niemals Kollegien-Assessor, sondern stets Major.
»Höre, meine Liebe«, pflegte er zu sagen, wenn er auf der Straße einer alten Frau begegnete, die Vorhemdchen verkaufte, »gehe mal nach meiner Wohnung, sie befindet sich in der Gartenstraße, frage nur: Wohnt hier der Major Kowalow? Jeder wird dir's zeigen.« Begegnete er aber einem hübschen Mädchen, so gab er ihr außerdem noch einen geheimen Auftrag, indem er hinzufügte: »Frage, mein Herzchen, nach der Wohnung des Majors Kowalow.« Aus diesem Grunde wollen wir von jetzt an den Kollegien-Assessor Major titulieren.
Der Major Kowalow hatte die Gewohnheit, täglich auf dem Newski Prospekt spazierenzugehen. Der Kragen seines Vorhemdchens war immer außerordentlich sauber und steif gestärkt. Sein Backenbart glich in seinem ganzen Zuschnitt demjenigen, wie ihn gegenwärtig noch die Gouvernements- und Kreisgeometer sowie die Architekten und Regimentsärzte, wie auch Leute, die allerlei Ämter bekleiden, und überhaupt alle diejenigen tragen, die volle rote Wangen haben und sehr gut Boston spielen. Diese Backenbärte gehen mitten über die Wange und direkt auf die Nase zu. Major Kowalow trug eine Menge Karneolpetschafte, auf denen teils Wappen, teils die Wörter Mittwoch, Donnerstag, Montag usw. eingegraben waren. Major Kowalow war nach Petersburg gekommen, um sich eine seinem Range entsprechende Stellung zu suchen, wenn es gelänge, eines Vizegouverneurs; im anderen Falle die eines Exekutors bei irgendeiner wichtigen Abteilung. Major Kowalow war auch nicht abgeneigt zu heiraten, aber nur eine solche Dame, die ihm ein Kapital von zwei Mal hunderttausend zubringen würde. Somit kann nun der Leser selbst urteilen, in welcher Situation unser Major sich befand, als er bemerkte, daß er da statt einer gar nicht üblen regelmäßigen Nase eine ganz einfältige, gleichmäßige glatte Stelle hatte.
Zum Unglück war auf der Straße nicht ein einziger Kutscher zu sehen, und so mußte er zu Fuß gehen, wobei er sich in seinen Mantel hüllte, und das Taschentuch vor das Gesicht hielt, sich stellend, als blute ihm die Nase. Aber vielleicht ist's mir nur so vorgekommen, dachte er und trat in eine Konditorei, um in einem Spiegel nachzusehen. Glücklicherweise war augenblicklich niemand in der Konditorei; Burschen reinigten das Zimmer und stellten Stühle und Tische zurecht. Einige andere trugen mit verschlafenen Gesichtern auf Tabletten noch warme Kuchen herbei; auf Stühlen und Tischen lagen noch die mit Kaffee begossenen gestrigen Zeitungen. »Nun Gott sei Dank, es ist niemand hier«, sagte er, »da kann ich nachsehen.« Und scheu trat er an einen Spiegel und blickte hinein. »Mag der Teufel wissen, was das für eine scheußliche Sache ist«, rief er und spuckte aus; »wenn da wenigstens statt der Nase sonst etwas da wäre, aber nichts, gar nichts!«
Ärgerlich biß er sich in die Lippe, verließ die Konditorei und beschloß, niemanden, ganz wider seine Gewohnheit, auf der Straße anzusehen oder anzulächeln. Da plötzlich stand er wie angewurzelt vor einer Haustür; dort ging etwas ganz Ungewöhnliches vor. An der Einfahrt hielt ein Wagen, der Schlag wurde geöffnet, und heraus trat in gebückter Haltung ein Herr in Uniform und eilte die Treppe hinan. Wie groß war Kowalows Schrecken und Erstaunen, als er bemerkte, daß dieser Herr – seine eigene Nase war. Bei dieser außerordentlichen Erscheinung war es ihm, als ob alles um ihn herum sich drehte; er fühlte, daß er sich kaum auf den Beinen zu halten vermochte; allein er beschloß – am ganzen Leibe bebend, als hätte er das Fieber – unter allen Umständen zu warten, bis die Nase in den Wagen zurückkehren würde. Nach Verlauf von zwei Minuten kam die Nase wirklich wieder heraus. Sie war in goldgestickter Uniform mit großem Stehkragen; sie trug sämischlederne Beinkleider, und an der Seite hing ein Degen. Der mit Federbusch geschmückte Hut ließ vermuten, daß sie den Rang eines Staatsrats bekleide. An allem war zu erkennen, daß sie Besuche machte. Sie sah sich nach beiden Seiten um, rief dem Kutscher zu: »Weiter!« setzte sich in den Wagen und fuhr davon.
Der arme Kowalow hätte beinahe den Verstand verloren. Er wußte nicht, was er von dieser seltsamen Begebenheit denken sollte. Und in der Tat, wie war es möglich, daß die Nase, welche er noch gestern im Gesicht gehabt und die weder gehen noch fahren konnte, in Uniform steckte! Er lief dem Wagen nach, der glücklicherweise in geringer Entfernung vor der Kasankathedrale wieder haltmachte.
Er eilte hinterher, drängte sich durch einen Haufen Bettelweiber mit verbundenen Gesichtern und zwei Öffnungen für die Augen, über die er sich früher so oft lustig gemacht hatte. Es waren nur wenige Menschen zugegen. Kowalow war in so aufgeregtem Zustande, daß er sich zu nichts entschließen konnte, und überall suchten seine Augen nach diesem Herrn. Endlich sah er ihn abseits stehen. Die Nase hatte ihr Gesicht vollständig in ihren großen Stehkragen gesteckt und betete mit größter Andacht.
Wie könnte ich wohl zu ihr gelangen, dachte Kowalow. Alles – die Uniform, der Hut – kurz, alles beweist, daß sie ein Staatsrat ist. Der Teufel mag wissen, wie das zu machen ist.
Er begann um die Nase herumzuhüsteln, aber sie veränderte nicht für eine Minute ihre Stellung.
»Hochgeehrter Herr«, sprach Kowalow, sich Mut machend, »hochgeehrter Herr – –«
»Was wünschen Sie?« antwortete die Nase und wandte sich um.
»Es kommt mir seltsam vor, sehr geehrter Herr … mir scheint … Sie sollten doch ihren Standort kennen … und da finde ich Sie auf einmal … und wo? … urteilen Sie selbst …«
»Verzeihen Sie, ich begreife gar nicht, wovon Sie reden … Erklären Sie sich deutlicher.«
Wie soll ich mich ihr denn noch deutlicher erklären? dachte Kowalow, und neuen Mut fassend, fuhr er fort: »Natürlich … Übrigens bin ich Major. Ohne Nase herumgehen, das werden Sie zugeben, ist unschicklich. So eine Händlerin, die auf der Himmelfahrtsbrücke Apfelsinen verkauft, kann sich ohne Nase behelfen; aber da ich die Absicht habe, und … übrigens bin ich in vielen Häusern mit vornehmen Damen sehr genau bekannt – mit Frau Staatsrätin Tschechtarew und vielen anderen … Sie sehen also selbst … ich weiß nicht, geehrter Herr, was Sie … (hier zuckte der Major die Achseln) … Verzeihen Sie … verträgt sich das mit den Regeln von Pflicht und Ehre – – Sie werden selbst begreifen – –«
»Ich begreife gar nichts«, antwortete die Nase. »Erklären Sie sich deutlicher.«
»Hochgeehrter Herr«, sprach Kowalow im Gefühl seiner eigenen Pflicht, »ich weiß nicht, wie ich Ihre Worte verstehen soll … Mir scheint doch, die ganze Sache ist hier so augenfällig wie möglich … Oder wollen Sie … Aber – Sie sind ja doch – meine eigene Nase!«
Die Nase sah den Major an und runzelte die Stirn.
»Da irren Sie, geehrter Herr; ich bin ich selbst. Und zudem kann es zwischen uns keinerlei enge Beziehungen geben. Nach den Knöpfen ihrer Uniform zu urteilen, müssen Sie bei einem ganz andern Ressort Dienst tun.« Und mit diesen Worten wandte die Nase sich ab.
Kowalow verlor vollständig den Kopf; er wußte nicht, was er tun, und noch weniger, was er denken sollte. In diesem Augenblick hörte er das angenehme Rauschen eines Damenkleides; da kam eine ältliche Dame daher, ganz in Spitzen, und mit ihr eine andere schlanke, angetan mit einem weißen Kleide, das ihre schöngewachsene Gestalt lieblich hervortreten ließ; auf dem Kopf hatte sie einen leichten hellgelben Hut. Hinter den Damen schritt ein langer Heiduck mit langem Backenbart und einem ganzen Dutzend Kragen und öffnete seine Schnupftabaksdose.
Kowalow trat näher, zog den batistenen Kragen seines Vorhemdchens in die Höhe, ordnete seine an der goldenen Uhrkette hängenden Petschafte und wandte, nach allen Seiten hin lächelnd, seine Aufmerksamkeit der zierlichen Dame zu, die sich gleich einer Frühlingsblume leicht verneigte und das weiße Händchen mit den halb durchsichtigen Fingern zur Stirn hob. Das Lächeln auf Kowalows Gesicht verbreitete sich noch, als er unter dem Rande ihres Hutes das runde Kinn und einen Teil der Wange gewahrte, die wie eine Frühlingsrose glühte. Aber plötzlich sprang er zurück, als hätte er sich verbrannt. Er erinnerte sich, daß er ja statt der Nase nur eine glatte Stelle im Gesicht hatte, und die Tränen strömten ihm über die Wangen. Er wandte sich ab, um dem Herrn in der Uniform gerade ins Gesicht zu sagen, daß er nur Staatsrat spiele – daß er ein Schelm und Halunke und weiter nichts sei als seine eigene Nase … Aber die Nase war nicht mehr da; sie war bereits davongefahren, wahrscheinlich, um wieder irgendwo einen Besuch zu machen.
Das brachte Kowalow zur Verzweiflung. Er ging hinaus, blieb einen Augenblick unter der Kolonnade stehen und blickte sich nach allen Seiten um, ob nicht irgendwo die Nase zu sehen sei. Er erinnerte sich sehr wohl, daß sie auf dem Kopfe einen Hut mit Federbusch und eine goldgestickte Uniform anhatte; aber den Mantel hatte er nicht beachtet, und auch die Farbe des Wagens und der Pferde war ihm nicht mehr im Gedächtnis; ja er wußte nicht einmal mehr, ob hinten auf dem Wagen ein Lakai gestanden und in welcher Livree. Zudem fuhren noch so viele Wagen hin und her und obendrein mit solcher Schnelligkeit, daß es schwer war, sie voneinander zu unterscheiden. Und hätte er auch den rechten unter denselben bemerkt – er hatte ja gar kein Mittel, ihn anzuhalten. Es war ein schöner sonnenheller Tag, und auf dem Newski Prospekt wimmelte es von Menschen. Ein Blütenstrom von Damen ergoß sich über das ganze Trottoir von der Polizeibrücke bis zur Anitschkinbrücke. Da kommt auch sein guter Bekannter, der Hofrat, auf ihn zu, den er Oberstleutnant zu titulieren pflegte namentlich dann, wenn Fremde zugegen waren. Da ist ferner Jaryschkin, der Vorsteher einer Abteilung des Senats, sein intimer Freund, der des Abends beim Boston stets verliert, wenn er Acht spielt. Und da winkt ihn ein anderer Major, der seinen Assessorenrang im Kaukasus erlangt hat, mit der Hand zu sich …
»Ach, hol's der Teufel!« sagte Kowalow, »heda, Kutscher, fahre mich direkt zum Polizeimeister!«
Kowalow setzte sich in eine Droschke und schrie dem Kutscher zu: »Fahr los, wie der Blitz!«
»Ist der Polizeimeister zu Hause?« schrie er, in den Hausflur tretend.
»Nein, nicht zu Hause«, antwortete der Portier; »soeben ausgegangen.«
»Ach, wie dumm!«
»Ja«, fuhr der Portier fort, »soeben erst fortgegangen; wären Sie nur eine kleine Minute früher gekommen, so hätten Sie ihn vielleicht noch zu Hause getroffen.«
Ohne das Tuch vom Gesicht zu nehmen, setzte sich Kowalow wieder in die Droschke und schrie mit verzweiflungsvoller Stimme: »Fort, weiter!«
»Wohin?« fragte der Kutscher.
»Gradeaus!«
»Wie das – geradeaus? Da kreuzen sich ja zwei Straßen – soll ich rechts oder links fahren?«
Diese Frage nötigte Kowalow wieder nachzudenken. In seiner Lage galt es vor allem, sich an die Polizeiverwaltung zu wenden, nicht als ob er zu der Polizei in direkter Beziehung gestanden hätte, sondern weil ihre Anordnungen viel schneller ausgeführt wer den als die der anderen Behörden. Bei den Vorgesetzten desjenigen Ressorts, bei welchem die Nase angestellt war, Genugtuung zu suchen, wäre ein ganz unvernünftiges Bemühen gewesen, da er aus den eigenen Antworten der Nase bereits den Schluß hatte ziehen können, daß diesem Menschen nichts heilig war und daß er in diesem Falle wieder ebenso lügen könnte, wie er bereits früher gelogen hatte, als er behauptete, daß er ihn, Kowalow, nie gesehen habe. Und so wollte Kowalow dem Kutscher schon den Befehl erteilen, sofort nach dem Polizeiamt zu fahren, als ihm wieder der Gedanke kam, dieser Schelm und Halunke, der sich schon bei der ersten Begegnung in so gewissenloser Weise benommen, könnte ein zweites Mal die Gelegenheit wahrnehmen und aus der Stadt entwischen – und dann waren alle Nachforschungen fruchtlos oder konnten sich doch, wovor Gott behüten möge, einen ganzen Monat lang hinziehen. Da endlich schien der Himmel ihn selbst zu erleuchten. Er beschloß, sich sofort zur Zeitungsexpedition zu begeben, um so schnell wie möglich unter ausführlicher Beschreibung all seiner Eigenschaften die Sache bekannt zu machen, damit jeder, dem er begegnete, ihn sofort anhalten und ihm zuführen oder ihm wenigstens seinen Aufenthaltsort angeben könnte. Nachdem er diesen Plan reiflich erwogen, befahl er dem Kutscher nach der Zeitungsexpedition zu fahren, und hörte auf dem ganzen Wege nicht auf, ihn mit der Faust in den Rücken zu stoßen und ihm zuzurufen: »Schneller, du Tagedieb! Schneller, du Hundsfott!«
»Ach, gnädiger Herr«, sprach der Kutscher mit dem Kopfe schüttelnd und sein Pferd, dessen Haar so lang war wie bei einem Bologneserhündchen, mit den Zügeln schlagend.
Endlich hielt die Droschke an, und nachdem Kowalow ein wenig zu Atem gekommen, eilte er in das kleine Vorzimmer, wo ein grauköpfiger Beamter in einem alten Frack und mit einer Brille auf der Nase an einem Tische saß und mit der Feder zwischen den Zähnen eingenommene Kupfermünzen zählte.
»Wer nimmt hier Bekanntmachungen an?« schrie Kowalow. »Ah! Guten Tag!«
»Ihr Diener!« sprach der grauköpfige Beamte aufblickend und dann die Augen sofort wieder auf den Geldhaufen vor sich senkend.
»Ich möchte eine Bekanntmachung …«
»Bitte, warten Sie noch ein wenig«, sagte der Beamte, mit der Rechten eine Zahl auf das Papier schreibend und mit der Linken zwei Kugeln auf der Rechenmaschine weiterschiebend. Ein Lakai, dessen Goldborten und sonstiges saubere Äußere bewiesen, daß er in einem aristokratischen Hause diente, stand neben dem Tisch mit einem Zettel in der Hand und hielt es für angemessen zu beweisen, daß er ein geselliger Mensch sei. »Wollen Sie's wohl glauben«, sagte er, »daß das Hündchen keine achtzig Kopeken wert ist – das heißt, ich würde nicht einmal acht dafür geben; aber die Gräfin ist ganz verliebt darein, bei Gott, so verliebt – und da bekommt hundert Rubel, wer es findet. Soll ich Ihnen aufrichtig etwas sagen, nämlich unter uns, die Geschmäcker der Leute sind ganz unvereinbar: wenn man schon Hundeliebhaber ist, so soll man sich einen Hühnerhund halten oder einen Pudel; dann soll's einem auch nicht leid tun, wenn er fünfhundert oder gar tausend Rubel kostet, dafür muß es aber dann schon ein schöner Hund sein.«
Der würdige Beamte hörte diese Mitteilungen mit bedeutsamer Miene an und berechnete gleichzeitig, wieviel Buchstaben die Anzeige enthalte. Neben dem Lakai stand noch eine ganze Menge von Frauen, Ladendienern und Dienstpersonal mit Zetteln. Der eine hatte einen Kutscher abzugeben, der sich durch Nüchternheit auszeichnet; der andere wünschte eine wenig gebrauchte Kalesche zu verkaufen, die im Jahre 1814 aus Paris gekommen sei; ein neunzehnjähriges Mädchen wurde angeboten, das sich auf Wäsche und andere Arbeiten verstand; eine feste Droschke ohne Federn, ein junger feuriger Apfelschimmel, siebzehn Jahre alt, frischer, aus London eingetroffener Rüben- und Rettichsamen, ein Landhaus mit allem Zubehör, Pferdeställen und einem freien Raum, der sich zur Anlegung eines Birken- oder Tannenhains eigne; noch ein anderer forderte alle diejenigen, welche alte Schuhsohlen zu kaufen wünschten, auf, sich täglich zwischen acht und drei Uhr morgens da und dort einzufinden, um den Preis zu erfragen. Der Raum, in dem diese ganze Gesellschaft sich aufhielt, war sehr klein und die Luft darin außerordentlich dumpf; aber dem Kollegien-Assessor Kowalow vermochte der Geruch nichts anzuhaben, da er sein Taschentuch vors Gesicht gedrückt hatte und seine Nase sich ja Gott weiß wo befand.
»Mein geehrter Herr, erlauben Sie mir, Sie zu bitten – ich habe große Eile«, sagte er endlich mit einiger Ungeduld.
»Sogleich, sogleich! – Zwei Rubel dreiundvierzig Kopeken. – Einen Augenblick! – Ein Rubel vierundsechzig Kopeken!« sprach der grauköpfige Herr, den Dienern und alten Weibern die Zettel ins Gesicht werfend. »Nun, was wünschen Sie denn?« fragte er endlich, sich an Kowalow wendend.
»Ich möchte – –« begann Kowalow, »es ist mir da eine Nichtswürdigkeit, eine Schurkerei angetan worden – und bis jetzt konnte ich es noch nicht herauskriegen. Da möchte ich Sie bitten, in Ihre Zeitung die Bekanntmachung einzurücken, daß derjenige, der mir diesen Schuft dingfest macht, eine ausreichende Belohnung erhalten würde.«
»Darf ich fragen, wie Ihr werter Name ist?«
»Wozu den Namen? Den kann ich Ihnen nicht sagen. Ich habe viele Bekannte, die Staatsrätin Tschechtarew, die Frau des Stabsoffiziers, Pelagia Grigorjewna Podtotschin … die würden es ja sofort erfahren und da sei Gott vor! Sie können ja einfach schreiben: ein Kollegien-Assessor, oder noch besser: ein Herr mit Majorsrang.«
»Und war der davongelaufene Bursche ihr Diener?«
»Was für ein Diener? Das wäre noch keine Schurkerei! Weggelaufen ist mir – meine Nase –«
»Hm! Ein seltsamer Name! Und hat dieser Herr Nasow Ihnen eine große Summe mitgenommen?«
»Nase – damit meine ich – es wird Ihnen unglaublich vorkommen! Meine eigene Nase ist mir abhanden gekommen, und ich weiß nicht, wohin; der Teufel hat mir einen argen Streich spielen wollen!«
»Ja, auf welche Weise ist sie Ihnen denn abhanden gekommen? Die Sache kommt mir doch ein wenig unbegreiflich vor.«
»Das kann ich Ihnen nicht sagen, auf welche Weise; aber die Hauptsache ist, daß sie jetzt in der Stadt herumkutschiert und sich Staatsrat nennt. Und darum möchte ich Sie bitten, bekanntzumachen, daß derjenige, der sie fängt, sie mir so schnell wie möglich zustellen möchte. Sie werden doch wohl begreifen, daß ich einen so hervorragenden Körperteil nicht entbehren kann! Das ist keine kleine Zehe, die sich im Stiefel versteckt – da sieht's kein Mensch, wenn einem die fehlt. Ich besuche des Donnerstags die Soiree der Staatsrätin Tschechtarew, und die Frau des Stabsoffiziers, Pelagia Grigorjewna Podtotschin, die eine sehr hübsche Tochter hat, ebenfalls eine sehr gute Bekannte von mir, und Sie werden begreifen, daß ich mich jetzt – so kann ich mich doch nicht vor ihnen sehen lassen!«
Der Beamte dachte tief nach, was die fest zusammengepreßten Lippen bewiesen.
»Nein, eine solche Bekanntmachung kann ich in die Zeitung nicht aufnehmen«, sagte er endlich nach langem Schweigen.
»Wie? Warum?«
»Ja, dadurch könnte die Zeitung um ihren Ruf kommen. Wenn da jeder hineinsetzen könnte, seine Nase sei ihm fortgelaufen, dann … Man sagt ohnehin schon, daß allerlei Unsinn und Lügen darin ständen.«
»Aber dies hier ist doch kein Unsinn. Mir scheint, daß darin nichts dergleichen ist.«
»Ja, Ihnen mag das so scheinen. Da hatten wir in der vorigen Woche einen ähnlichen Fall. Kommt da just wie Sie ein solcher Beamter zu uns mit einem Zettel – das Inserat machte zwei Rubel dreiundsiebzig Kopeken –, und die ganze Bekanntmachung bestand darin, daß ein schwarzer Pudel davongelaufen sei. Scheint es, daß etwas Besonderes dabei wäre? Es hat sich aber gezeigt, daß es ein Pasquill war; mit diesem Pudel war ein gewisser Kassierer gemeint – ich erinnere mich nicht mehr welcher Anstalt.«
»Aber ich fahnde hier ja nicht nach einem Pudel, sondern nach meiner eigenen Nase – und das ist doch fast dasselbe wie nach mir selbst.«
»Nein, ein solches Inserat kann ich durchaus nicht annehmen.«
»Aber wenn ich doch wirklich meine Nase verloren habe?«
»Wenn das der Fall ist, so ist es eine Sache, die den Arzt angeht. Es soll ja Ärzte geben, die jede beliebige Nase ansetzen können. Allein ich sehe schon, Sie sind ein lustiger Herr und lieben es, Späße zu machen.«
»Ich schwöre Ihnen – so wahr Gott heilig ist! Übrigens, wenn es schon soweit gekommen ist, kann ich Ihnen ja auch zeigen –«
»Warum sollen Sie sich bemühen!« fuhr der Beamte fort und nahm eine Prise. »Doch, wenn es Ihnen nicht unangenehm ist«, fügte er neugierig hinzu, »so möchte ich wohl gerne sehen.«
Der Kollegien-Assessor nahm das Tuch vom Gesicht.
»In der Tat, höchst merkwürdig«, sagte der Beamte, »die Nasenstelle ist vollständig glatt, so glatt wie eine frischgebackene Plinse. Es ist kaum zu glauben.«
»Nun, jetzt werden Sie doch wohl nicht mehr streiten wollen? Sie sehen selbst, die Sache muß in die Zeitung. Ich würde Ihnen zu ganz besonderem Dank verpflichtet sein und freue mich, daß dieser Anlass mir das Vergnügen verschafft hat, Ihre Bekanntschaft zu machen.« Wie aus diesen Worten zu ersehen, beschloß der Major, es mit der Liebenswürdigkeit zu versuchen.
»Die Veröffentlichung ist schließlich eine Sache ohne Belang«, sagte der Beamte; »nur sehe ich nicht ein, was für einen Nutzen es für Sie haben könnte. Wollen Sie nicht lieber irgend jemandem, der eine gewandte Feder führt, den Vorfall erzählen, damit er ihn als ein seltnes Naturereignis schildert? Er kann dann diesen Aufsatz in der ›Nordischen Biene‹ (hier nahm er sich wieder eine Prise) abdrucken lassen, zur Belehrung der Jugend (hier putzte er sich die Nase) oder auch zur Unterhaltung des Publikums.«
Der Kollegien-Assessor ließ alle Hoffnungen fahren. Er warf einen Blick in ein vor ihm liegendes Zeitungsblatt, das die Ankündigungen der Theatervorstellungen enthielt; schon verbreitete sich über sein Gesicht ein Lächeln, da er den Namen einer Schauspielerin, einer hübschen Person, las. Und er faßte schon in die Tasche, um nachzusehen, ob er eine Fünfrubelnote bei sich habe, da nach seiner Meinung die Stabsoffiziere im Parkett sitzen müssen, aber der Gedanke an die Nase verdarb alles wieder.
Selbst der Beamte schien durch die bedrängte Lage Kowalows gerührt. Um ihm seinen Kummer soviel als möglich zu erleichtern, hielt er es für angemessen, ihm seine Teilnahme auszudrücken: »Wirklich, es geht mir sehr nahe, daß Ihnen diese Anekdote passieren mußte. Wollen Sie nicht ein Prischen nehmen? Das vertreibt das Kopfweh und alle schwermütigen Gedanken; selbst gegen Hämorrhoiden ist der Schnupftabak ein gutes Mittel!« Und mit diesen Worten hielt der Beamte Kowalow seine Tabaksdose hin, auf deren Deckel eine Dame mit Hut abgebildet war.
Diese Unbedachtsamkeit brachte Kowalow um seine Geduld.
»Ich begreife nicht, wie Sie sich einen solchen Scherz erlauben können«, sagte er wütend; »sehen Sie denn nicht, daß mir gerade das fehlt, was zum Prisennehmen unerläßlich ist? Hol' der Teufel Ihren Tabak. Ich kann ihn jetzt nicht einmal sehen, nicht nur Ihren schlechten Beresiner, sondern auch wenn man mir sogar Rapé anbieten würde.« Und mit diesen Worten ging er ganz wütend aus der Zeitungsexpedition hinaus und begab sich zu dem Polizei-Inspektor.
Kowalow traf diesen Beamten gerade in dem Augenblick, als er sich reckte, gähnte und sprach: »Ach, jetzt schlaf ich recht hübsch zwei Stündchen!« Und so kam ihm der Besuch des Kollegien-Assessors selbstverständlich durchaus nicht gelegen. Der Polizei-Inspektor war ein großer Freund von allerlei schönen Sachen und Industrieerzeugnissen, aber staatliche Banknoten zog er doch allem andern vor. »Das ist etwas Reelles«, pflegte er zu sagen; »es geht nichts über so einen reellen Schein; er braucht keine Nahrung, nimmt nur wenig Raum ein, findet immer Platz in der Tasche, und fällt er zu Boden, so zerbricht er nicht.«
Der Polizei-Inspektor empfing Kowalow ziemlich trocken und sagte, unmittelbar nach dem Essen sei keine Zeit, gerichtliche Untersuchungen einzuleiten; schon die Natur habe es so eingerichtet, daß man sich dann ein wenig ausruhe (aus welcher Bemerkung der Kollegien-Assessor entnehmen konnte, daß der Polizei-Inspektor mit den Sinnsprüchen der alten Weisen nicht ganz unbekannt war) und daß man einem ordentlichen Menschen nicht die Nase abreiße.
Das war überaus deutlich. Es muß hier bemerkt werden, daß Kowalow ein höchst empfindlicher Mensch war. Er konnte alles verzeihen, was man über ihn selbst sagte, aber niemals das, was sich auf seinen Rang oder seine Stellung bezog. Er ließ sogar gelten, daß die Zensur in Theaterstücken alles das passieren ließ, was auf die Offiziere gemünzt war, aber Stabsoffiziere durften nie angegriffen werden. Der Empfang des Polizei-Inspektors machte ihn so verwirrt, daß er den Kopf schüttelte und, die Arme ein wenig ausbreitend, im Gefühl seiner Würde sagte: »Ich muß gestehen, nach solchen beleidigenden Bemerkungen von Ihrer Seite habe ich nichts mehr hinzuzufügen.« Sprach's und ging.
Er kam nach Hause, kaum noch seine Beine fühlend. Es dämmerte schon. Seine Wohnung erschien ihm traurig und widerwärtig nach all diesen unglücklichen Bemühungen. Als er in das Vorzimmer trat, erblickte er seinen Diener Iwan rücklings auf dem schmutzigen Ledersofa liegend, wie er sich die Zeit damit vertrieb, daß er nach der Decke spuckte, wobei er glücklich immer ein und dieselbe Stelle traf. Der Gleichmut seines Dieners empörte ihn. Er versetzte ihm mit seinem Hut einen Hieb auf den Kopf und schrie: »Immer machst du Dummheiten, du Schweinigel.«
Iwan sprang jäh in die Höhe, lief was er konnte, um seinem Herrn den Mantel abzunehmen.
In seinem Zimmer angelangt, warf sich der Major müde und kummervoll auf einen Stuhl, seufzte einige Male tief auf und sagte schließlich: »Mein Gott, mein Gott! Ist das ein Unglück! Hätte ich einen Arm oder ein Bein verloren, das alles wäre noch nicht so schlimm; aber ein Mensch ohne Nase – der Teufel weiß, was das ist: Nicht Fisch und nicht Fleisch – man kann ihn einfach nehmen und zum Fenster hinauswerfen. Und hätte ich sie noch im Kriege oder im Duell oder auf eine andere selbstverschuldete Art verloren, aber um nichts und wieder nichts, ohne Not, nicht einen Groschen habe ich dafür bekommen … Aber nein, es ist ja unmöglich!« fuhr er nach einigem Sinnen fort; »ganz undenkbar, daß ich die Nase verloren haben könnte; ganz und gar unwahrscheinlich. Das hat mir geträumt oder ich phantasiere nur; vielleicht habe ich aus Versehen statt des Wassers den Branntwein ausgetrunken, mit dem ich mir nach dem Rasieren das Kinn abwasche. Iwan, der Dummkopf, hat ihn nicht weggestellt, und ich habe ihn sicher getrunken.« Und um sich zu überzeugen, ob er wirklich nicht betrunken sei, kniff sich der Major so empfindlich, daß er selbst aufschrie. Dieser Schmerz überzeugte ihn vollständig, daß er in der Tat ganz wach und nüchtern sei. Langsam näherte er sich dem Spiegel und schloß zuerst die Augen, in der Hoffnung, daß vielleicht seine Nase sich wieder an der alten Stelle befände; aber in demselben Augenblick sprang er zurück und rief aus: »Was für ein niederträchtiger Anblick!«
Es war wirklich unbegreiflich; wenn er irgend etwas anderes, einen Knopf, die Uhr, einen silbernen Löffel verloren hätte! Aber ein solcher Verlust! Und noch in der eigenen Wohnung! … Der Major Kowalow kam, alle Umstände erwägend, auf den Gedanken, ob es der Wahrheit nicht am nächsten liegen möchte, daß niemand anders schuld daran sei als die Frau des Stabsoffiziers Podtotschin, die ihn mit ihrer Tochter zu verheiraten suchte. Und er selbst kokettierte gern mit ihr, ging aber einer endgültigen Erklärung aus dem Wege. Als Frau Podtotschin ihm geradeheraus erklärte, daß sie ihr Töchterchen ihm geben möchte, da zog er sich ganz leise mit seinen Komplimenten zurück, indem er bemerkte, er sei noch zu jung, er müsse erst noch fünf Jahre dienen, um gerade zweiundvierzig Jahre voll zu haben. Und darum hat die Frau des Stabsoffiziers sicher aus Rache den Plan gefaßt, ihn zu schänden, und sich zu diesem Zwecke irgendein paar alte Hexenweiber angeworben, da auf keinerlei Weise angenommen werden konnte, daß ihm die Nase abgeschnitten worden sei: niemand kam zu ihm ins Zimmer; der Barbier Iwan Jakowlewitsch hatte ihn bereits am Mittwoch rasiert, und während des ganzen Mittwochs, ja sogar noch während des Donnerstags war die Nase noch heil gewesen. Dessen erinnerte er sich noch genau und wußte es ganz gut. Zudem würde er ja auch den Schmerz empfunden haben, und ohne Zweifel hätte die Wunde nicht so schnell heilen können. Es gingen ihm allerlei Pläne durch den Kopf; sollte er die Frau des Stabsoffiziers auf dem Rechtswege vor Gericht laden oder sich selbst zu ihr begeben und sie überführen? Er wurde in seinen Gedanken durch das Licht gestört, das durch alle Spalten der Tür hindurchdrang und erkennen ließ, daß Iwan bereits im Vorzimmer die Kerze angezündet hatte. Bald darauf trat Iwan selbst herein, das Licht vor sich tragend und die ganze Stube erleuchtend. Das erste, was Kowalow tat, war, nach dem Taschentuch zu greifen und die Stelle zu verhüllen, wo sich gestern noch die Nase befunden, damit dieser Dummkopf von Diener den Mund nicht so aufsperre, wenn er seinen Herrn in einer so seltsamen Verfassung erblickte.
Iwan war noch nicht wieder in seine Kammer gegangen, als aus dem Vorzimmer eine unbekannte Stimme sich vernehmen ließ, welche rief: »Wohnt hier der Kollegien-Assessor Kowalow?«
»Bitte treten Sie ein, ja, hier wohnt er«, rief Kowalow schnell aufspringend und die Tür öffnend.
Es war ein Polizeibeamter von hübschem Äußeren mit einem nicht zu hellen und nicht zu dunklen Backenbart und ziemlich vollen Wangen, derselbe, welcher zu Beginn unserer Erzählung auf der Isaaksbrücke stand.
»Haben Sie vielleicht beliebt Ihre Nase zu verlieren?«
»Ganz recht.«
»Sie ist jetzt aufgefunden worden.«
»Was sagen Sie?« rief der Major Kowalow. Die Freude lähmte ihm die Zunge. Mit weit aufgerissenen Augen starrte er den vor ihm stehenden Polizeimann an, auf dessen vollem Gesicht und Lippen hell das flackernde Kerzenlicht zitterte.
»Auf welche Weise?«
»Auf höchst seltsame Weise: sozusagen auf der Landstraße. Sie saß bereits im Postwagen und wollte nach Riga fahren. Der Paß war schon vor längerer Zeit auf den Namen eines Beamten ausgestellt worden. Und ist es nicht merkwürdig, daß ich selbst anfangs sie für einen Herrn hielt? Aber glücklicherweise hatte ich meine Brille bei mir, und da sah ich denn sofort, daß es eine Nase war. Ich bin nämlich kurzsichtig, und wenn Sie selbst vor mir stehen, so sehe ich nur, daß Sie ein Gesicht haben, aber von einer Nase, einem Bart bemerke ich nichts. Meine Schwiegermutter, das heißt, die Mutter meiner Frau, sieht ebenfalls nichts.«
Kowalow war außer sich. »Wo ist sie, wo? Ich eile sofort hin –«
»Sorgen Sie sich nicht. Ich wußte, daß Sie sie brauchen und habe sie gleich mitgebracht. Und merkwürdigerweise ist der Hauptverbrecher bei dieser Sache ein Halunke von Barbier da auf der Himmelfahrtsstraße – jetzt sitzt er bereits auf der Wache. Ich hatte ihn schon lange im Verdacht, daß er ein Trunkenbold und Dieb sei, und noch vorgestern nahm er in einem Laden eine Partie Knöpfe an sich. Ihre Nase ist noch ganz so, wie sie war.« Und damit griff der Polizeibeamte in die Tasche und zog die in Papier gewickelte Nase heraus.
»Ja, ja, das ist sie!« rief Kowalow; »richtig, das ist sie! Werden Sie heute eine Tasse Tee mit mir trinken?«
»Würde mir sehr angenehm sein, aber ich kann wirklich nicht; ich muß von hier sofort nach dem Zuchthaus fahren … alle Lebensmittel sind jetzt furchtbar teuer … bei mir wohnt die Schwiegermutter, das heißt die Mutter meiner Frau, und Kinder; namentlich das älteste erweckt große Hoffnungen – ein kluger Junge; aber es fehlt mir vollständig an Mitteln, um ihm eine gute Erziehung zu geben …«
Als der Polizeibeamte fort war, verharrte der Kollegien-Assessor einige Minuten in einem unbestimmten Geisteszustand; erst nach einigen Minuten war es ihm möglich, wieder zu sehen und zu fühlen – so hatte ihn die unerwartete Freude überwältigt. Vorsichtig nahm er die wiedergefundene Nase in beide Hände, die er ballte, und betrachtete sie noch einmal ganz aufmerksam.
»In der Tat, sie ist's!« sagte der Major Kowalow zu sich. »Da ist auch das Hitzbläschen an der linken Seite, das sich vorgestern gebildet hat.« Ein Wunder, daß der Major nicht vor Freude auflachte. Aber nichts ist von Dauer hier auf Erden, und so ist auch die Freude im zweiten Augenblick schon nicht mehr so lebendig wie im ersten; im dritten wird sie noch schwächer, und schließlich verfließt sie unbemerkt mit dem gewöhnlichen Zustand der Seele – wie die Ringe auf dem Wasser, die durch das Hineinfallen eines Steines entstanden sind, endlich auf der glatten Oberfläche wieder verschwinden. Kowalow begann nachzudenken und besann sich, daß die Sache ja noch nicht vollständig erledigt war: die Nase war zwar gefunden, aber nun mußte sie wieder an ihren Platz befestigt werden.
»Wenn sie nun nicht festwüchse?«
Bei dieser Frage, die er sich selbst stellte, erbleichte der Major.
Mit einem Gefühl unerklärlichen Schreckens sprang er zum Tisch und rückte den Spiegel näher, damit er die Nase nicht schief aufsetze. Die Hände bebten ihm. Vorsichtig und behutsam hielt er sie an der alten Stelle … o Schrecken! Die Nase hielt nicht! … Er hielt sie vor den Mund, wärmte sie durch seinen Atem ein wenig an und hielt sie wieder an die glatte Stelle zwischen den beiden Wangen, aber die Nase wollte durchaus nicht festhalten.
»Na, na, na! So klettere doch hinauf, du dummes Ding!« sagte er zu ihr. Aber die Nase war wie von Holz und fiel mit einem eigentümlichen Ton so wie ein Pfropfen auf den Tisch. Das Gesicht des Majors begann krampfhaft zu zucken. »Wäre es wirklich möglich, daß sie nicht wieder anwachsen wollte?« sagte er entsetzt zu sich. Aber so oft er sie auch andrückte – alle Bemühungen waren fruchtlos.
Er rief Iwan und schickte ihn zu dem Arzt, der in demselben Hause die schönste Wohnung im ersten Stock inne hatte. Dieser Doktor war ein stattlicher Mann, hatte einen schönen pechschwarzen Backenbart, eine frische gesunde Frau, aß des Morgens frische Äpfel, reinigte sich mit der größten Sorgfalt den Mund, indem er ihn jeden Morgen fast dreiviertel Stunden lang spülte und die Zähne mit fünf verschiedenen Bürstchen putzte. Der Doktor kam unverzüglich. Nachdem er gefragt, wann ihm das Unglück passiert sei, faßte er den Major ans Kinn, hob seinen Kopf und gab ihm mit dem Zeigefinger ein Schnippchen auf dieselbe Stelle, wo früher die Nase gesessen, so daß der Major seinen Kopf mit solcher Heftigkeit zurückzog, daß er mit dem Hinterkopf an die Wand schlug. Der Arzt sagte, das habe nichts zu bedeuten, riet ihm, ein wenig von der Wand wegzutreten, und befahl ihm, den Kopf erst nach rechts zu neigen, befühlte dann die Stelle, wo die Nase gesessen hatte, und sagte »hm!« Dann befahl er ihm, den Kopf nach links zu neigen, und sagte »hm!« Und zum Schluß gab er ihm wieder mit dem Finger ein Schnippchen, so daß Major Kowalow den Kopf emporriss wie ein Pferd, dem man die Zähne besieht. Nachdem der Arzt diese Prüfung angestellt hatte, schüttelte er den Kopf und sagte: »Nein, es ist unmöglich; es ist besser, Sie bleiben so wie Sie sind, denn es könnte noch viel schlimmer werden. Natürlich könnte ich Ihnen die Nase wieder ansetzen; ja, ich könnte sie, wenn's Ihnen beliebte, jetzt gleich wieder befestigen; aber ich versichere Sie, es würde für Sie nur noch schlimmer werden!«
»Das ist eine schöne Geschichte! Wie sollte ich ohne Nase auf der Welt herumlaufen?« rief Kowalow. »Ärger als es jetzt ist, kann es gar nicht werden. Das ist ja, um des Teufels zu werden! Wo soll ich mich mit einem so niederträchtigen Gesicht sehen lassen? Ich habe sehr distinguierte Bekannte, und noch heut Abend muß ich in zwei Familien Besuche machen. Ich habe sehr viele Bekannte: da ist die Staatsrätin Tschechtarew, die Frau des Stabsoffiziers Podtotschin, wiewohl ich mit ihr nach dieser Tat nur noch durch die Polizei verkehren kann … Seien Sie so liebenswürdig«, fuhr Kowalow mit flehender Stimme fort. »Gibt es denn gar kein Mittel? Machen Sie sie irgendwie fest: wenn's auch nicht schön aussieht – wenn sie nur fest sitzt! Ich kann sie sogar in kritischen Situationen leicht mit der Hand festhalten. Ich will sogar nicht tanzen, damit sie nicht durch irgendeine unvorsichtige Bewegung zu Schaden kommt. Und was die Remuneration für Ihre Besuche anlangt, so seien Sie überzeugt – soweit meine Mittel gehen –«
»Sie können versichert sein«, sprach der Doktor weder mit zu lauter noch zu leiser, aber außerordentlich freundlicher und anziehender Stimme, »daß ich nie aus Gewinnsucht meiner Praxis nachgehe. Das ist ganz gegen meine Grundsätze und meine Kunst. Allerdings nehme ich Geld für meine Besuche, aber nur um meine Patienten nicht zu verletzen. Natürlich könnte ich Ihnen die Nase wieder ansetzen; aber ich versichere Sie bei meiner Ehre – wenn Sie schon meinen Worten nicht glauben wollen – es würde noch weit schlimmer werden. Waschen Sie die Stelle öfters mit kaltem Wasser, und ich versichere Sie, Sie werden auch ohne Nase so gesund sein, als hätten Sie eine Nase. Die Nase selbst aber möchte ich Ihnen raten in eine Flasche mit Spiritus zu legen, oder noch besser: gießen Sie zwei Löffel voll scharfen Branntwein und aufgewärmten Essig darauf – dann bekommen Sie ein hübsches Stück Geld dafür. Ich bin sogar bereit, sie selbst zu nehmen, wenn Sie nicht zu viel dafür verlangen.«
»Nein, nein! Verkaufen? Um keinen Preis!« schrie verzweifelt der Major Kowalow.
»Entschuldigen Sie!« sagte der Doktor mit einer Verbeugung; »ich wollte Ihnen nur nützlich sein … was soll ich tun? Wenigstens haben Sie gesehen, daß ich es aufrichtig meinte.«
Und mit diesen Worten verließ der Doktor in würdevoller Haltung das Zimmer. Kowalow bemerkte nicht einmal sein Gesicht und sah in seiner tiefen Betäubung nur noch die aus den Ärmeln des schwarzen Fracks hervorstehenden schneeweißen Manschetten.
Am folgenden Tage beschloß er, bevor er dem Gericht die Klage einreichte, an die Frau des Stabsoffiziers zu schreiben, ob sie ihm nicht ohne Kampf das zurückgäbe, was ihm gehörte. Der Brief hatte folgenden Inhalt:
»Meine Gnädigste!
Ich kann Ihr eigentümliches Benehmen durchaus nicht begreifen. Seien Sie überzeugt, durch ein solches Vorgehen erreichen Sie nichts und werden mich dadurch nie bewegen, Ihre Tochter zu heiraten. Sie können glauben, daß die Geschichte meiner Nase schon in der ganzen Stadt bekannt ist, wie auch der Umstand, daß Sie und niemand anders in erster Reihe beteiligt sind. Ihr plötzliches Verschwinden und ihre Flucht, der Umstand, daß sie bald in der Gestalt eines Beamten, bald in ihrer eigenen Gestalt sich zeigt, sind weiter nichts als das Resultat der Zauberkünste, welche Sie oder diejenigen geübt haben, die sich mit solch edlen Beschäftigungen befassen. Ich halte es für meine Pflicht, Ihnen die Mitteilung zu machen, daß, wenn oberwähnte Nase sich nicht heute noch an Ort und Stelle befindet, ich mich genötigt sehen werde, bei den Gerichten Schutz und Genugtuung zu suchen.
Im übrigen mit vollständiger Hochachtung
Ihr ganz ergebener
Platon Kowalow.«
»Sehr geehrter Herr!
Ihr Brief hat mich über die Maßen verwundert. Ich muß Ihnen offen gestehen, das und insbesondere diese ungerechten Vorwürfe Ihrerseits hatte ich durchaus nicht erwartet. Ich teile Ihnen mit, daß ich den Beamten, von dem Sie sprachen, niemals in meinem Hause empfangen habe, weder in seiner eigenen noch in fremder Maske. Allerdings hat Philipp Iwanowitsch Potantschikow mich besucht, und wenn er sich freilich auch um meiner Tochter Hand beworben hat (er ist ein höchst ehrenwerter, nüchterner und hochgelehrter Mann), so habe ich ihm doch niemals die geringste Hoffnung gegeben. Sie erwähnen noch der Nase. Wenn Sie damit meinen, ich hätte Ihnen eine Nase, das heißt eine abschlägige Antwort oder einen sogenannten Korb geben wollen, so wundert es mich im höchsten Grade, daß Sie selbst davon reden, während ich doch, wie Ihnen wohl bekannt, der ganz entgegengesetzten Meinung war, und wenn Sie jetzt in gesetzlicher Weise um meine Tochter werben, so bin ich sofort bereit, Ihrem Wunsche entgegenzukommen, um so mehr, da dies stets der Gegenstand meines lebhaftesten Verlangens war, in welcher Hoffnung ich stets gern zu Ihren Diensten verbleibe
Alexandra Podtotschin.«
»Ja«, sagte Kowalow, als er den Brief gelesen, »sie ist wirklich unschuldig. Es ist nicht möglich. Der Brief ist so geschrieben, wie nur ein vollkommen unschuldiger Mensch schreiben kann.« Der Kollegien-Assessor war in dergleichen Dingen erfahren, weil er wiederholt noch im Kaukasus in amtlichem Auftrage gerichtliche Untersuchungen zu leiten gehabt hatte. »Aber auf welche Weise, mit Hilfe welcher Schicksalstücke ist denn das vor sich gegangen? Nur der Teufel begreift die ganze Geschichte!« rief er endlich und ließ die Hände sinken.
Mittlerweile hatte sich das Gerücht von diesem außergewöhnlichen Ereignis durch die ganze Stadt verbreitet, und zwar, wie das dann immer zu geschehen pflegt, nicht ohne besondere Zusätze. Damals waren alle Geister ganz besonders dem Ungewöhnlichen zugeneigt; das Publikum hatte sich soeben erst mit dem Magnetismus zu beschäftigen angefangen. Zudem war die Geschichte von den tanzenden Stühlen, die in der Marstallstraße gespielt hatte, noch frisch in aller Gedächtnis, und somit brauchte man nicht darüber zu staunen, daß man sich bald darauf erzählte, die Nase des Kollegien-Assessors Kowalow spaziere gegen drei Uhr auf dem Newski Prospekt umher. Täglich strömte eine große Menge von Neugierigen dorthin. Irgend jemand erzählte, die Nase habe sich in Junkers Ladenräumen gezeigt – und neben Junker entstand ein solches Gedränge und Gewühl von Menschen, daß sogar die Polizei einschreiten mußte. Ein gewisser Spekulant von ehrwürdigem Aussehen mit einem Backenbart, der vor dem Theater allerlei Kuchen verkaufte, fabrizierte sehr schöne hölzerne, dauerhafte Bänkchen, auf denen er die Neugierigen gegen Entrichtung von achtzig Kopeken sich aufstellen ließ. Ein verdienstvoller Oberst verließ deshalb extra früher als gewöhnlich das Haus und drängte sich nur mit großer Mühe durch die Menge; aber zu seinem nicht geringen Verdruß sah er in dem Ladenfenster statt der Nase eine gewöhnliche wollene Jacke, sowie das lithographierte Bild eines jungen Mädchens, das seinen Strumpf glatt zog, nebst einem stutzerhaften Burschen mit ausgeschnittener Weste und kleinem Bärtchen, der sie hinter einem, Baum hervor beobachtete – ein Bild, das schon mehr als zehn Jahre an ein und derselben Stelle hing. Beim Fortgehen sagte er grimmig: »Wie kann man nur mit solchen einfältigen, unwahrscheinlichen Gerüchten die Leute in Aufregung versetzen!« Dann ging die Sage, die Nase des Majors Kowalow spaziere nicht auf dem Newski Prospekt, sondern im Taurischen Garten umher; sie halte sich dort schon seit langer Zeit auf, und als Chosrew-Mirza dort noch wohnte, sei er über dieses seltsame Naturspiel im höchsten Grade erstaunt gewesen. Eine Anzahl Studenten der chirurgischen Akademie begab sich dorthin. Eine vornehme, ehrwürdige Dame bat in einem besonderen Brief den Inspektor des Taurischen Gartens, ihren Kindern dieses seltene Phänomen zu zeigen, und womöglich belehrende und bildende Erklärungen für die Jugend hinzuzufügen.
Über all diese Vorgänge waren natürlich alle diejenigen unvermeidlichen Besucher aller Bälle der Gesellschaft hocherfreut, die gern die Damen lachen machten und deren Stoff zu jener Zeit völlig erschöpft war. Nur wenige ehrwürdige, wohlgesinnte Leute waren unzufrieden. Ein Herr äußerte sich mit Unwillen dahin, daß er nicht begreife, wie man in dem gegenwärtigen erleuchteten Jahrhundert so unsinnige Erfindungen verbreiten könne, und er sei höchst er staunt, daß die Regierung nicht ihre Aufmerksamkeit darauf lenke. Dieser Herr gehörte, wie hieraus zu ersehen, zu denjenigen, welche die Regierung in alles verwickeln möchten – sogar in ihre eigenen täglichen Streitigkeiten mit ihrer Frau. Gleich darauf – aber hier verhüllen sich alle Ereignisse wieder mit nebelhafter Dunkelheit, und was ferner geschah, ist ganz und gar nicht bekannt geworden.
Das Porträt (1842)
Erster Teil
Nirgends blieben so viele Leute stehen wie vor dem kleinen Bilderladen in der Schtschukinpassage. Der Laden zeigte aber auch ein Sammelsurium der sonderbarsten Herrlichkeiten. Den meisten Raum beanspruchten die Ölgemälde, die blank von grünlich angehauchtem Firnis waren und durch stumpf gelbe Goldrahmen in ihrer Buntheit noch gehoben wurden. Ein weißer Winter mit beschneiten Bäumen, ein knallig roter Sonnenuntergang, der mehr an eine Feuersbrunst gemahnte, ein holländischer Bauer mit bös verrenktem Arm und langer weißer Pfeife, der eher einem Truthahn in Manschetten als einem Christenmenschen ähnlich sah – das etwa waren die Motive dieser Bilder. Doch auch Porträts in Stahlstich fehlten nicht: Chosrew-Mirsa, die Lammfellmütze auf dem Kopf, und ein paar Generale in Dreimastern und mit windschiefen Nasen. Ferner hingen an der Ladentür gleich ganze Stöße grober Holzschnittbilderbogen, Erzeugnisse der durch kein Studium beirrten Kunstbegabung unseres Volkes. Da sah man die Prinzessin Miliktrissa Kirbitjewna sowie auf einem andern Blatt die Stadt Jerusalem, bei der die Häuser und die Kirchen ohne Federlesen dick mit roter Farbe überpinselt waren. In diesem Rot ertrank auch noch ein Teil des Erdbodens nebst zwei kleinrussischen Bäuerlein in Fausthandschuhen, die anbetend vor den heiligen Stätten knieten. Käufer für solche Kunstwerke sind sicher äußerst rar, Bewunderer hingegen trifft man immer haufenweise. Ganz ohne Zweifel findest du vor ihnen jederzeit den einen oder andern bummligen Bedienten, in seiner Linken die Menage mit dem Mittagessen, das er für seinen Herrn aus einem Restaurant geholt hat; eins ist nicht zu bezweifeln: seinen Mund wird sich der arme Herr an der Kohlsuppe heute nicht verbrennen. Daneben steht dann wohl in fadenscheinigem Mantel einer der Kavaliere unserer Trödelmärkte, ein abgemusterter Soldat, der ein paar Federmesser feilhält, und etwa eine Vorstadthausiererin, am Arm den großen Korb voll Filzpantoffeln. Ein jeder äußert hier die Kunstbegeisterung auf seine Art: die Bauern fassen die Drucke mit den Fingern an, die »Kavaliere« mustern sie mit wichtiger Miene, die Laufburschen und Handwerkslehrlinge erheben ein Gelächter und finden in den ausgehängten Fratzen verblüffend viele Ähnlichkeiten mit den Kameraden, die gerade neben ihnen stehen. Die alten Diener in den groben Mänteln verweilen hier, weil es ja schließlich einerlei ist, wo sie Maulaffen feilhalten, die jungen Trödlerinnen zieht es unwillkürlich überallhin, wo das Volk sich sammelt, sie kommen angelaufen, um zu hören, was die Leute schwätzen, und festzustellen, was es da zu sehen gibt.
Ohne sich dabei etwas zu denken, hemmte der junge Maler Tschartkow, der ganz von ungefähr des Weges kam, vor diesem Laden seinen Schritt. Er hatte einen alten Mantel an und war im übrigen recht nachlässig gekleidet. Das deutete auf einen Mann, der sich mit Selbstverleugnung seiner Arbeit widmet und deshalb keine Zeit hat, auf sein Äußeres zu achten, was doch für junge Leute sonst von tief geheimnisvollem Reiz ist. Er machte also vor dem Laden halt und lachte anfangs über die entsetzlich schlechten Bilder. Doch langsam wurde er nachdenklich und fragte sich, wem wohl in aller Welt mit dem Geschmier auf irgendeine Art gedient sein könnte. Nicht das erschien ihm wunderlich, daß sich der Russe aus dem Volk von diesen Recken einer grauen Vorzeit, von ihren Gastereien und Gelagen, von Foma und Jerjoma fesseln läßt – die Vorwürfe der Holzschnittbilderbogen waren gewiß volkstümlich und dem kleinen Mann zu Herzen sprechend. Aber wo in der Welt gab es wohl einen Käufer für die bunten, ruppig hingeklecksten Ölgemälde? Wem konnten diese holländischen Bauern, diese blitzblauen und knallroten Landschaften auch nur das geringste sagen, dieses Gesudel, das den Anspruch machte, auf einer irgendwie gehobenen Stufe der Malerei zu stehen, und das dabei die Kunst doch nur zutiefst erniedrigt und geschändet zeigte? Und dabei waren das durchaus nicht die Produkte eines blutigen Dilettanten. Sonst hätte daraus doch bei aller Unfähigkeit und Stümperei wenigstens der Drang, das Beste herzugeben, sprechen müssen. Hier aber war nur eines zu verspüren: absoluter Stumpfsinn und eine kraftlos kümmerliche Talentverlassenheit, die sich ganz unverfroren auf die Kunst geworfen hatte, da doch ihr eigentliches Feld im besten Fall ein Handwerk von der gröbsten Art gewesen wäre. Und diese traurige Talentverlassenheit blieb dabei ihrem angeborenen Beruf vollkommen treu – sie trieb die Kunst kaltblütig als ein ordinäres Handwerk. Dafür waren Zeugen diese Farben und der flotte Strich, das lockere Gelenk und die geübte Hand, die eher einem primitiven Automaten als einem richtigen Menschen zu gehören schienen . . . Tschartkow stand eine Weile vor den scheußlichen Gemälden und war mit den Gedanken bald woanders. Der Bilderhändler aber, ein ergrauter Mann in einem Mantel aus gemeinem Fries, mit einem Kinn, an dessen Stoppeln seit dem Sonntag kein Rasiermesser gekommen war, sprach mittlerweile lebhaft auf ihn ein und marktete und machte Preise, ohne sich vorher zu vergewissern, was Tschartkow eigentlich gefallen habe und ob er etwas von den Sachen kaufen wolle.
»Die Bauern da und hier die feine kleine Landschaft bekommen Sie zusammen für bloß fünfundzwanzig Rubel. Wie das gemalt ist! Das muß jedem in die Augen springen! Frisch von der Messe angekommen: der Lack noch nicht mal richtig trocken! Oder der Winter da – wenn Sie den Winter wollen . . . Fünfzehn Rubel! Das ist allein der Rahmen wert! Ja, so ein Winter stellt was vor!« Der Kaufmann schnippte mit dem Zeigefinger kräftig an die Leinwand, als könnte er auf diese Art die hohe Qualität des Winters augenfällig machen. »Soll ich die Bilder gleich zusammenbinden und Ihnen in die Wohnung schaffen lassen? Wie ist die werteste Adresse? Petruschka, he, reich mal den Bindfaden herüber!«
»Halt, lieber Freund, nur immer langsam!« rief der Künstler, als er, aus der Versunkenheit erwachend, sah, daß der gerissene Händler im Begriff war, die Bilder ganz im Ernst mit Bindfaden zu einem Packen zu verschnüren. Es schien Tschartkow ein wenig peinlich, nichts zu kaufen, da er schon gar so lange in dem Laden stand, und er fuhr fort: »Halt, halt, ich möchte lieber untersuchen, ob sich da unten nicht was für mich findet.« Er bückte sich zu einer Anzahl abgewetzter und verstaubter Bilder, die liederlich am Boden aufgestapelt lagen und sich in dem Geschäfte augenscheinlich nur geringer Wertschätzung erfreuten. Da gab's uralte Ahnenbilder, für die man hier auf Erden kaum noch einen Nachkommen gefunden hätte; da gab es löcherige Leinwanden, darauf sich überhaupt nichts mehr enträtseln ließ, und Rahmen, die den Goldglanz längst verloren hatten – mit einem Worte: nichts als schäbiges Gerümpel. Der Künstler aber sah den Haufen durch und dachte insgeheim: ›Vielleicht kann ich da doch etwas entdecken.‹ Er hatte oft davon erzählen hören, wie der und jener schon in solchem alten Plunder Werke großer Meister aufgestöbert hätte.
Sowie der Händler sah, wofür sich Tschartkow interessierte, erlahmte sein geschäftiger Eifer alsobald; er trat mit der gehörigen Würde wieder auf seinen alten Posten vor der Tür und rief die Leute an und wies auffordernd in den Laden: »Treten Sie näher, Herr! Hier gibt es Bilder . . .! Nur hereinspaziert, hereinspaziert! Frisch von der Messe angekommen!« Als er sich, ohne etwas damit zu erreichen, halb kaputt geschrien hatte, begann er ein ausführliches Gespräch mit einem Trödler, der ihm gerade gegenüber gleichfalls in der Türe lehnte; doch endlich fiel ihm ein, daß ja in seinem Laden noch ein Kunde war. Da wandte er den Leuten draußen kurz den Rücken und trat zu Tschartkow hin. »Na, Herr? Was ausgesucht?« Der Künstler aber stand schon eine Weile regungslos und starrte auf ein Porträt in einem schweren breiten Rahmen, der sicher in vergangenen Tagen einmal vornehm und höchst prunkvoll ausgesehen hatte, heute aber kaum noch schwache Spuren von Vergoldung aufwies.
Dies Bildnis stellte einen alten Mann dar. Ein fleischloses, bronzefarbenes Gesicht mit breiten Backenknochen. Der Maler hatte seine Züge offenbar in einem Augenblick krampfhafter Erregung festgehalten. Und nicht die stille Kraft des Nordens sprach aus ihnen, des Südens Flammensiegel war auf diese Stirn gedrückt. Um seine Glieder wallte ein weites orientalisches Gewand. War das Porträt auch arg verschmutzt und stark beschädigt – kaum hatte Tschartkow das Gesicht vom Staub gereinigt, da erkannte er die Handschrift eines großen Malers. Das Bild schien unvollendet; doch die Kraft des Künstlerpinsels wirkte schlagend. Besonders zeigte sich das an den Augen; der Maler hatte alles, was sein Pinsel konnte, und all sein Streben eingesetzt, um sie zu treffen. Sie sahen einen wirklich an aus dem Porträt heraus und wollten dessen Harmonie beinah zerstören durch ihre seltsame Lebendigkeit. Als Tschartkow nun das Bild zur Ladentüre trug, da wurde der Blick der Augen noch viel lebhafter. Und auch die Leute draußen spürten das. Denn eine Frau, die hinter Tschartkow stand, schrie ganz erschrocken: »Hu, wie er einen ansieht! Hu!« und fuhr zurück. Ein unbehagliches Gefühl, das er sich selber nicht erklären konnte, beschlich den Künstler. Eilig lehnte er das Bild von neuem an die Wand.
»Na, nehmen Sie nun das Porträt?« fragte der Händler.
»Ja, was soll es kosten?« fragte Tschartkow.
»Was wird man denn dafür schon groß verlangen? Drei Viertelrubel, sagen wir!«
»O nein.«
»Was bieten Sie mir denn?«
»Zwanzig Kopeken allerhöchstens«, sagte Tschartkow da und wendete sich rasch zum Gehen.
»Was Sie für einen Schundpreis bieten! Einen Zwanziger! Da kostet ja der Rahmen mehr! Sie wollen es dann wohl erst morgen kaufen? – Halt, Herr, bleiben Sie! Bloß einen Zehner legen Sie noch drauf! – Na also, meinetwegen denn, in Gottes Namen! Geben Sie her den Zwanziger! So wahr ich lebe, bloß weil es mein Handgeld ist – Sie sind der erste, der mir heut was abkauft.«
Danach wischte der Händler mit der Rechten durch die Luft, wie wenn er sagen wollte: Hol's der Kuckuck, fort mit Schaden!
So hatte Tschartkow unversehens das Porträt gekauft und dachte sich dabei in seinem Sinn: ›Wozu kauf ich das eigentlich? Was hab ich denn davon?‹ Er holte einen Zwanziger aus der Tasche, gab ihn dem Händler, klemmte das Porträt unter den linken Arm und ging hinaus. Wie er so durch die Straße schritt, fiel es ihm auf die Seele, daß das sein letzter Zwanziger gewesen war. Ihm wurde plötzlich trüb und weh zumute; geheimer Zorn und eine dumpfe Gleichgültigkeit bekämpften sich in ihm. »Zum Teufel noch einmal! Ist das ein dreckiges Leben!« sprach er im ärgerlichen Ton des Russen, dem es schlecht geht, vor sich hin. Mechanisch ging er schnellen Schrittes weiter und achtete auf nichts von dem, was um ihn war. Das rote Licht des Sonnenuntergangs erhellte noch das halbe Himmelsrund; die Häuser, die gen Abend schauten, beglänzte abschiednehmend noch ein letzter warmer Schein; langsam gewann zugleich das kalte Dämmerblau des Mondes an Gewalt. Die Häuser und die Menschen warfen endlos lange, leichte, durchsichtige Schattenstreifen auf die Erde. Des Malers Auge ward allmählich wider Willen gefesselt von dem Himmel droben, der still in Ungewissem, duftig klarem Lichte stand. Fast gleichzeitig entrannen seinen Lippen die zwei Sätze: »Blödsinnig fein im Ton!« und »Hol der Teufel diese Tränenwelt!« Er drückte das Porträt, das immer wieder seinem Arm entgleiten wollte, fester an sich und schritt schneller aus.
Todmüde und in Schweiß gebadet, erreichte er die Straße, wo er wohnte: die fünfzehnte Querstraße auf der Wassilij-Insel. Schwer atmend und nicht ohne unterwegs ein paarmal auszurasten, erstieg er dann die Treppen, wo Spülwasser ausgegossen war und wo die Hunde und die Katzen manche Spuren ihres Daseins hinterlassen hatten. Als Tschartkow droben an die Tür klopfte, blieb drinnen alles still. Niemand zu Hause. Er stützte sich aufs Fensterbrett und wartete geduldig, bis hinter ihm ein Schritt erscholl und sich ein junger Bursch in blauem Hemd zeigte. Der Bursch war unsres Malers dienstbarer Geist, der ihm Modell stand, seine Farben rieb und ihm den Boden fegte, den er jedoch zu gleicher Zeit mit seinen Stiefeln wieder frisch verdreckte. Er hieß Nikita, und er trieb sich, wenn sein Herr abwesend war, beständig unten vor dem Tor umher. Nikita suchte lange tastend nach dem Schlüsselloch, das in der Dunkelheit nicht leicht zu finden war. Doch endlich ging die Türe auf. Tschartkow betrat sein Vorzimmer, in dem die fürchterlichste Kälte herrschte, wie es bei Künstlern meist der Fall ist, ohne daß sie es jedoch bemerken. Der Maler legte seinen Mantel dort nicht ab und ging gleich in sein Atelier, ein großes, aber niedriges quadratisches Gemach mit dick befrorenen Fensterscheiben, wo eine Menge Ateliergerümpel sich herumtrieb: zerbrochene Gipsgliedmaßen, leinwandbespannte Keilrahmen, flüchtige Skizzen, kaum begonnen, schon verworfen, nachlässig über Stuhllehnen gehängte Draperien. Tschartkow war ganz erschöpft; er warf den Mantel ab und lehnte das Porträt, das er mit heimgetragen hatte, tief in Gedanken zwischen ein paar andere Bilder von kleinerem Formate an die Wand. Dann sank er auf den Diwan, dem man es eigentlich nicht gut nachsagen konnte, daß er mit Leder »überzogen« sei; denn all die vielen blanken Messingknöpfe, die einst das Leder festgehalten hatten, führten schon längst ein Leben ganz für sich, wie sich der Überzug denn gleichfalls selbständig gemacht hatte und so Nikita in die Lage setzte, darunter schmutzige Strümpfe, Hemden sowie andere Wäschestücke zu verstauen. Als er ein Weilchen stumpf auf diesem Möbel gesessen und gelegen hatte, soweit von Liegen bei dem schmalen Diwan überhaupt die Rede war, rief Tschartkow endlich laut nach Licht.
»Ist doch kein Licht mehr da«, erwiderte Nikita.
»Was heißt: ›kein Licht‹?«
»War doch schon gestern keins mehr da«, brummte Nikita.
Richtig, schon gestern hatte es kein Licht gegeben. Der Maler nickte matt und fand sich damit ab und sagte weiter nichts. Er ließ sich aus den Kleidern helfen und zog den äußerst fadenscheinigen Schlafrock an.
»Ach ja, und dann ist auch der Hauswirt dagewesen«, meldete Nikita.
»Wegen des Geldes wohl? Schon recht«, erwiderte der Maler und schlug wegwerfend mit der Linken durch die Luft.
»Er hatte heute aber jemand bei sich«, fuhr Nikita fort.
»Bei sich? Wen denn?«
»Weiß nicht . . . Den Polizeiwachtmeister . . .«
»Was wollte denn der Wachtmeister?«
»Weiß nicht. Er sagte: weil die Miete nicht bezahlt ist.«
»Na, was soll dann sein?«
»Weiß nicht, was sein soll. Bloß hat er gesagt: ›Wenn er nicht zahlen will‹, hat er gesagt, ›dann muß er aus dem Haus.‹ Sie wollten morgen beide wiederkommen.«
»Sollen nur kommen«, sagte Tschartkow. Eine dumpfe Traurigkeit warf ihre Schleier über ihn.
Der junge Tschartkow war ein Künstler von Begabung, der für die Zukunft viel versprach. Was ihm in den Momenten gehobener Inspiration gelang, das zeugte von geschärftem Blick und Sinn für strenge Komposition, von einem eifervollen Drang, sich der Natur zu nähern. »Mein lieber Tschartkow«, sagte sein Professor oft zu ihm, »Sie haben zweifellos Talent. Es wär 'ne Sünde und 'ne Schande, wenn Sie's verkommen und verludern ließen. Woran es fehlt, das ist die Ausdauer. Wenn Sie mal etwas reizt, wenn Ihnen was gefällt, dann stürzen Sie sich drauf, und alles andere scheint Ihnen Dreck und Tand. Sie wollen überhaupt nichts andres sehen. Nehmen Sie sich wohl in acht, daß Sie kein Modemaler werden! Schon heute kreischen Ihre Farben manchmal gar zu laut. Sie zeichnen auch bei weitem nicht solid genug. Oft ist die Zeichnung einfach schwach, alle Konturen ganz verblasen. Sie werfen sich auf den modernen Beleuchtungsschwindel und auf dergleichen billigen Kitsch, der jedem Esel in die Augen sticht. Sehn Sie sich vor: auf einmal stecken Sie, hast du nicht gesehen, tief in der englischen Manier. Sehn Sie sich vor: schon streckt die eitle Oberflächlichkeit nach Ihnen ihre Krallen aus. Sie laufen auch zuzeiten mit einer stutzerhaften Halsbinde und einem blankgebügelten Kastor umher. Es ist ja sehr verlockend, Geld zu machen mit modernen Bildchen und Porträtchen. Bloß geht bei der Beschäftigung das Talent zum Kuckuck, statt daß was Rechtes daraus wird. Geduld, Geduld! Und jede Arbeit innerlich ausreifen lassen! Sollen andere den Stutzer spielen und leicht verdientem Geld nachjagen – das Geld, das Ihnen mit der Kunst noch einmal zu erwerben vorbestimmt ist, das läuft Ihnen nicht davon!«
Teilweise hatte der Professor recht. Zuweilen packte Tschartkow wohl die Lust, flott in den Tag hineinzuleben und sich fein zu kleiden, kurzum, sich seiner Jugend leichtsinnig zu freuen; doch er behielt sich stets im Zügel. Zuzeiten konnte er beim Malen alles um sich her vergessen; riß er sich dann zum Schluß von seiner Arbeit los, so glich es dem Erwachen aus einem wunderschönen Traum. Auch sein Geschmack war gut gebildet. Wohl hatte er die Tiefe Raffaels noch nicht so recht erfaßt, doch fühlte er sich hingerissen von Guidos saftigem, breitem Strich, er ließ sich fesseln von den Porträts des großen Tizian und schwärmte für die Niederländer. Noch hatte sich der dunkle Schleier, der diese alten Bilder deckt, vor seinen Augen nicht gelichtet, doch konnte er durch ihn hindurch schon mancherlei erkennen, wenn er sich auch in seinem Innersten nicht unbedingt der Meinung des Professors unterwerfen wollte, die alten Meister seien Vorbilder für uns, die ewig unerreichbar blieben. Er fand sogar, daß unser neunzehntes Jahrhundert die Alten doch in manchen Stücken überflügelt hätte. Man stünde heute der Natur intimer gegenüber und wisse sie mit mehr Lebendigkeit und Treue nachzubilden. Kurzum, er dachte, wie nun einmal junge Leute denken, die schon etwas erreicht haben und innerlich sehr stolz auf das Erreichte sind. Es konnte ihn empören, wenn irgend so ein zugereister Maler aus Frankreich oder Deutschland, der oft nicht einmal Maler von Beruf war, wenn so ein Mensch bloß durch die flotte Technik, durch breiten Strich und knalliges Kolorit ein mächtiges Geschrei erregte und sich im Handumdrehen ein Vermögen machte. Solche Gedanken lagen ihm sehr fern, wenn er von seiner Arbeit hingenommen war und Speis und Trank, kurzum, die ganze Welt darob vergaß; sie plagten ihn nur in den Zeiten, wo die Not bei ihm am Ende gar zu groß geworden war, wenn er kein Geld für Farben, Leinwand noch auch Pinsel mehr besaß und wenn der ungeduldige Hausherr des Tages zehnmal erschien und die längst fällige Miete einkassieren wollte. Dann schien der durch den Hunger aufgepeitschten Phantasie des armen Kerls das Los des reichen Malers höchst beneidenswert; dann stand in ihm wohl der Gedanke auf, der, ach so oft, verführerisch durch die Russenköpfe geistert: den ganzen Krempel hinzuschmeißen und seinen Kummer zu versaufen, Gott und der Welt zum Trotz! – Na ja, und gerade heute lag ihm die Art von Stimmung nur zu nah.
»Geduld, Geduld!« so sprach er grimmig vor sich hin. »Auch die Geduld hat schließlich ihre Grenzen. Geduld! Und wovon soll ich morgen mittag essen? Gepumpt krieg ich von keinem was. Wenn ich auch alle meine Bilder und alle Zeichnungen dazu verkaufen wollte, der ganze Kram trägt mir noch keinen Zwanziger ein. Sie hatten freilich ihren Zweck, das fühl ich ganz genau. Umsonst hab ich kein Stück davon gemacht; an jedem habe ich mein Teil gelernt. Aber was nützt mir das? Bloß Studien und Skizzen, die ewiglich nur Studien und Skizzen bleiben, und weiter wird nichts draus. Wer soll sie denn auch kaufen, da doch niemand meinen Namen kennt? Wer kann denn etwas anfangen mit diesen Zeichnungen nach der Antike und Studien nach der Natur, oder mit meiner »Psyche«, die niemals fertig wird, oder mit dieser Innenansicht meines Zimmers oder mit dem Porträt Nikitas, und wenn es zehnmal besser ist als irgend so ein Kitschporträt von einem Modemaler? Zum Teufel noch einmal! Was plag ich mich und schinde mich gleich einem Schuljungen in einem fort nur mit dem Abc, wo ich doch einen Namen haben und mir Geld verdienen könnte, so gut wie irgendeiner von den andern?«
Kaum waren diese Worte seinem Mund entronnen, da packte unsern Maler jäh ein Zittern; er wurde totenbleich: zwischen den Leinwanden hervor, die drüben lehnten, sah ihn ein krampfverzerrtes Antlitz an; zwei fürchterliche Augen bohrten ihren Blick in seine Stirn, als wenn sie ihn verschlingen wollten; zwei stumme Lippen riefen ihm dräuend zu, er solle schweigen. Schon war der Maler im Begriff, laut aufzuschreien, um Nikita, der draußen schon ein fürchterliches Schnarchen angehoben hatte, zu sich in das Atelier zu rufen. Doch er besann sich auf einmal und mußte lachen: das war bloß das Porträt, das er gekauft und mittlerweile wieder ganz vergessen hatte. Der Mondschein, der durchs Zimmer wallte, fiel auf das Bild und lieh ihm diese gespenstische Lebendigkeit. Er machte sich daran, es näher zu betrachten und zu säubern. Er tauchte einen Schwamm ins Wasser und fuhr damit ein paarmal über das Porträt. So wusch er fast den ganzen Staub und Schmutz herunter, der sich durch viele Jahre angesammelt hatte. Dann hängte er das Bildnis an die Wand und mußte mehr noch als im Anfang staunen, wie meisterhaft gemalt es war. Dies Gesicht schien ihm zu leben, diese Augen sahen so fest auf ihn, daß er zum Schluß entsetzt zurückfuhr und zitternd rief: »Er starrt mich an! Das sind lebendige Menschenaugen!« Und ihm fiel ein, was ihm vor längerer Zeit schon sein Professor über ein Bildnis Lionardo da Vincis Seltsames berichtet hatte. Der große Meister mühte sich an dem Porträt durch viele Jahre und hielt es immer noch nicht für vollendet, indessen es doch nach Vasaris Zeugnis von aller Welt als unerhört vollendetes, schlechthin vollkommenes Werk der Kunst gepriesen wurde. Vollendeter als alles andre waren auf dem Bild die Augen; sie weckten Staunen und Bewunderung bei den Zeitgenossen. Sogar das kleinste Äderchen darin, das kaum noch zu erkennen war, hatte des Künstlers Pinsel treulich festgehalten. Das Bildnis nun, das heute hier vor Tschartkow hing, besaß etwas ganz Sonderbares. Das konnte schon nicht mehr als Kunst bezeichnet werden, denn es zerriß die ganze Harmonie des Bildes; die Augen wirkten wie lebendige Menschenaugen, als wären sie aus eines Menschen Angesicht geschnitten und lebendig in die Leinwand eingefügt. Vor diesem Bild empfand man nichts von dem erhabenen Genuss, der unsre Seele bei dem Anblick eines Meisterwerkes packt, mag dessen Vorwurf noch so grausig sein – hier lähmte den Beschauer ein schmerzlich quälendes Gefühl. ›Wie kommt das?‹ fragte sich der Maler unwillkürlich. ›Das ist doch bloß Natur, lebendige Natur . . . Woher denn also das seltsam peinliche Gefühl? Ist schon die sklavische, buchstabentreue Abschrift der Natur Versündigung am Geist der Kunst und wirkt gleich einem grell dissonierenden Gekreisch? Oder kommt es daher, daß hier der Maler sein Modell nicht mit dem rechten Anteil und Gefühl betrachtet, daß nicht die Seele ihm die Hand geführt hat? Steht darum bloß die schauerliche Wirklichkeit des Dargestellten auf der Leinwand, von keinem Glanz der unergründlichen Idee durchhellt, die heimlich hinter allen Dingen waltet? Gleicht das hier nicht der Wirklichkeit, die sich dem Blicke öffnet, wenn man zu dem Messer des Chirurgen greift, um eines Menschen Schönheit zu ergründen? Man schneidet ihm das Innere auf und sieht nur Gräuel und Entsetzen! Warum scheint dir die einfachste und niedrigste Natur, wenn sie der rechte Künstler abmalt, von einem ganz eigenen Licht verklärt, und du empfindest nichts von Niedrigkeit? O nein, du hast den edelsten Genuss daran und meinst zu spüren, wie sich der Strom der Welt um dich zu stillerem Fließen glättet? Warum scheint dir das gleiche Stück Natur, wenn es ein andrer Künstler auf die Leinwand bannt, von Hässlichkeit und Schmutz erfüllt, und mag der Künstler die Natur genauso treu darstellen wie der erste? Nein, nein, es fehlt an seinem Bilde doch etwas: das Leuchten, das von innen kommt. Das ist genauso wie ein Blick ins Land: mag auch die Aussicht noch so wunderherrlich sein – steht nicht der Sonnenball am Firmament, so fehlt ihr irgend etwas.‹
Tschartkow trat wieder vor das Bildnis hin, um diese wunderlichen Augen näher zu betrachten, und sah entsetzt, daß sie in Wahrheit auf ihn niederstarrten. Das war nicht bloß getreue Nachahmung der Natur, das war die furchtbare Lebendigkeit, wie sie das Antlitz einer Leiche zeigen müßte, die aus dem Grabe aufersteht. Ob es vom Mondlicht kam, das einen gerne in das Reich erregter Phantasien lockt und jedem Ding ein anderes Gesicht verleiht, als es am nüchtern hellen Tage zeigt, ob sonst etwas schuld war – ihm grauste es mit eins davor, so mutterseelenallein in seinem Atelier zu sitzen. Ohne Geräusch ging er zur andern Wand, drehte dem Bild den Rücken zu und war bestrebt, ihm keinen Blick zu schenken. Doch wider Willen schweiften seine Augen verstohlen schielend in die alte Richtung. Schon graute es ihm auch vor jedem Schritt durchs Zimmer, denn immer war es ihm, als schliche jemand leise hinter ihm, und zaghaft drehte er den Kopf zurück. Er war gewiß kein Feigling, aber seine Phantasie und seine Nerven waren leicht erregbar, und heute Abend konnte er die dumpfe Furcht nicht bannen. Er setzte sich in eine Ecke, hatte aber da noch immer das Gefühl, als starre ihm ein Fremder über die Schulter ins Gesicht. Sogar das Schnarchen seines Dieners, das aus dem Vorgemach hereindrang, konnte nicht sein Angstgefühl verscheuchen. Zaghaft und ohne aufzublicken, erhob er sich zuletzt, begab sich hinter seinen Bettschirm und legte sich zur Ruhe nieder. Jedoch durch eine Ritze in dem Schirm sah er das monderhellte Zimmer liegen, sah er gerade gegenüber seinem Bett das Bildnis an der Wand. Die fürchterlichen Augen bohrten sich noch drohender, als sie es zuvor getan, in sein Gesicht und schienen nichts zu sehn als ihn allein. Von kaltem Grauen angepackt, nahm er all seinen Mut zusammen, sprang aus dem Bett, ergriff ein Laken und deckte das Bild sorgfältig zu.
Als das geschehen war, begab er sich, viel ruhiger geworden, von neuem in sein Bett. Er sann darüber nach, wie arm er war, wie schwer das Los des Künstlers ist und welchen Dornenweg er hier auf Erden wandeln muß. Und dabei spähten seine Augen unwillkürlich durch die Ritze in dem Schirm nach dem verhüllten Bild. Der Mondschein ließ das Weiß des Lakens noch viel greller leuchten; ihm war, als sähe er den Glanz der fürchterlichen Augen durch das Linnen dringen. Erschrocken heftete er seinen Blick darauf, als wolle er sich überzeugen, daß dies törichter Wahn und Täuschung sei. Dann aber – darf er seinen Augen trauen? – sieht er auf einmal klar: das Laken ist verschwunden, das Bild hängt offen da und starrt, wie blind für alles andre ringsumher, geradeaus in sein Gesicht, durch sein Gesicht hindurch auf seiner Seele Grund . . . Es wird ihm kalt ums Herz. Er sieht: der fremde Alte dort im Bild bewegt sich, stützt die Hände auf den Rahmen, stemmt sich hoch und springt mit beiden Füßen aus dem Bild . . . Tschartkow sieht durch die Ritze in dem Schirm nur noch den leeren Rahmen. Ein schwerer Schritt tappt durch das Zimmer und schreitet langsam, langsam auf den Bettschirm zu. Dem armen Künstler klopft das Herz im Halse. Mit angehaltenem Atem lauscht er zitternd – gleich schaut er um den Schirm herum auf ihn, der unheimliche alte Mann. Sieh, dort – da starrt er ihn schon an mit seinem bronzebraunen Gesicht und rollt die aufgerissenen Augen. Tschartkow will schreien – er hat keine Stimme mehr; er will sich rühren, ach, nur einen Finger rühren – die Glieder weigern ihm den Dienst. Mit offenem Mund und angehaltenem Atem sah er auf diese seltsame Erscheinung, um deren hohen Leib eine Art faltenreiche Kutte asiatischen Charakters wallte; bang harrte er, was werden würde. Der Alte hockte sich zu seinen Füßen nieder und holte etwas aus den Falten seines wallenden Gewandes. Es war ein Sack. Der Fremde löste dessen Schnur, ergriff ihn an den beiden Zipfeln und schüttelte ihn aus: mit dumpfem Dröhnen fielen schwere Rollen auf den Boden, welche langen, dünnen Säulen glichen. Sie waren eine wie die andere in blaues Packpapier gehüllt, auf einer wie der andern stand geschrieben: »1000 Dukaten«. Der Fremde reckte seine langen, knochigen Hände aus den weiten Ärmeln und machte sich daran, die Rollen aufzuwickeln. Es funkelte von Gold. So schwer das Herz des Malers war und ob die Angst ihm auch fast das Bewusstsein raubte – er konnte seinen Blick nicht von dem Golde reißen; er sah, wie es von knochigen Fingern ausgewickelt wurde, wie es im Mondlicht glitzerte und klingelte und klapperte, und – wieder eingewickelt wurde. Auf einmal sah er eine Rolle, die von den andern fortgekollert war und unter ihm zu Häupten seines Bettes an der Erde lag. Gleichsam von einem Krampf gepackt, hob er die Rolle auf und schielte dabei voll Entsetzen nach dem Fremden, ob der es auch nicht sähe. Doch der alte Mann schien ganz vertieft in seine Tätigkeit; er raffte seine Rollen wieder in den Sack, und dann verschwand er, ohne Tschartkow einen Blick zu schenken, hinter dem Schirm, wie er gekommen war. Das Herz des Malers pochte fürchterlich, da er dem Klang der Schritte lauschte, die sich langsam, langsam zu entfernen schienen. Er krampfte seine Finger fester um die Rolle und zitterte am ganzen Leib für seine Beute. Da plötzlich hört er, wie die Schritte wieder näher kommen – dem Fremden ist wohl eingefallen, daß die eine Rolle fehlt. Da, da – er funkelt ihn um den Schirm herum mit bösen Augen an! Verzweifelt preßt der Maler seine Hand aus allen Kräften um die Rolle und müht sich wütend ab, ein Glied zu rühren; ein Schrei entringt sich seiner Brust, er – ist erwacht.
Der kalte Schweiß rinnt ihm herab, sein Herz schlägt so gewaltig, wie ein erregtes Menschenherz nur schlagen kann, es liegt ein Druck auf seiner Brust, als müsse er sogleich den letzten Atemzug verhauchen. »Soll das ein Traum gewesen sein?« fragt er und faßt sich mit den Händen an den Kopf. Aber die furchtbare Lebendigkeit des Fremden hatte nichts Traumhaftes gehabt. War er denn nicht schon wach gewesen, als die Erscheinung wieder in den Rahmen stieg; ja, wehte dort nicht immer noch ein Zipfel des wallenden Gewandes durch die Luft? Und spürte er es denn nicht deutlich in der Hand, daß er darin vor einem Augenblick erst einen schweren Gegenstand gehalten hatte? Das Mondlicht füllte das Atelier und ließ in dessen finsteren Winkeln hier und dort bald dies, bald jenes aus dem Dunkel treten. Hier ein Stück Linnen und dort gipsern weiß den Abguss einer Hand, hier eine über einen Stuhl geworfene Draperie, dort eine alte Hose, ein Paar ungeputzte Stiefel . . . – Plötzlich bemerkte Tschartkow, daß er gar nicht im Bette lag – er stand auf seinen Füßen dicht vor dem seltsamen Porträt. Wie er dahin gekommen war, schien ihm vollkommen unverständlich. Noch staunenswerter aber war es, daß das Bildnis unverhüllt und offen hing und daß das Laken ohne Spur verschwunden war. Starr vor Schrecken sah er auf das Porträt und fühlte sich durchbohrt von diesen fürchterlich lebendigen Menschenaugen. Kalt rann der Schweiß von seiner Stirn; er wollte fliehen, aber seine Füße hafteten am Boden. Er sieht – es ist kein Traum –, wie sich das Antlitz des alten Mannes dort im Bilde regt, wie sich die schmalen Lippen ihm entgegenspitzen, um ihm das Blut aus seinem Leib zu saugen . . . Mit einem wilden Angstgeheul springt er zurück und – ist erwacht.
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