Kitabı oku: «Dr. Geltsamers erinnerte Memoiren - Teil 3»

Yazı tipi:

NIKOLAUS KLAMMER


DR. GELTSAMERS

ERINNERTE MEMOIREN

„Ein phantastischer Roman“

in 5 Büchern



3. Buch:

Der Gulag des

Dmitri Alexandrowitsch Krakow



© Yvain Verlag, Keie a. T., 20**

Satz: Fotosatz Galahad GmbH, Coel

Druck & Bindung: Erec & Pelleas, Bors

Printed in Germany

ISBN A-44-55536544-17-9

ZWISCHEN DEN BÜCHERN


Doch halt! Ist es von mir als Autor dieses Romans nicht eine Zumutung, die Leserin{1} in den 3. Teil einer Geschichte schicken zu wollen; mitten hinein in einen „phantastischen Roman“, dessen Ende noch nicht einmal für mich selbst vollkommen absehbar ist, weil sich die Protagonisten nie vollständig so verhalten, wie ich es vorher für sie geplant hatte? Obwohl mir als Schriftsteller natürlich der Inhalt und die Psychologie meiner Helden am vertrautesten ist, muss ich ja selbst ab und an heimlich zurückblättern, um die ausufernde und zugegeben auch absichtlich geheimnisvoll gehaltene Geschichte zusammenzuhalten und überblicken zu können. Um wie viel schwerer muss es da erst meiner Leserin fallen, brav den Ereignissen rund um DR. GELTSAMERS ERINNERTE MEMOIREN zu folgen, die sie, wenn sie endlich diesen Band in Händen hält, schon im dritten Jahr hintereinander in Atem halten, falls sie kein Neueinsteiger in die Serie ist. Ist das so oder sollten Sie, liebe Leserin, mit dem Gedächtnis eines Elefanten gesegnet sein und sich tatsächlich noch gut an die verwobenen Handlungsstränge der beiden Vorbände erinnern können, überblättern Sie bitte die folgenden Seiten, die in der Hauptsache Dienst an der Kundin sind, Geschehenes rekapitulieren und sonst nichts Neues bringen oder gar eines der Rätsel auflösen. Beginnen Sie in diesem Fall nach meiner kursiven Einleitung auf der Seite 17. Für alle anderen – und auch für den Autor, der neben dem vorliegenden noch an weiteren komplexen Büchern schreibt und sich gerade ein wenig wie der sprichwörtlich von der Meute gehetzte Hase fühlt – folgt nun eine so kurz wie mögliche, aber so ausführlich wie nötige Zusammenfassung der bisherigen Ereignisse, die gerade einmal knapp zwei Tage, aber schon über achtzig Jahre überspannen. Dies ist einer der verzweifelten Haken, die der gejagte Hase schlägt und auf diese Weise versucht, dem Zuschnappen der Zähne des vordersten Hundes – meiner treuesten Leserin, die das Fehlen eines Rückblicks beklagte - zu entkommen.

*

Und das ist vorher geschehen: Der mäßig erfolgreiche und auch nicht übermäßig begabte Schriftsteller Nikolaus M. Klammer, als Autor im kleinen, aber feinen Münchener Welkenbaum-Verlag unter Vertrag, geht eines sonnigen Morgens kurz nach Ostern mit seinem Terrier Cicero in den Altstadtgassen seiner Heimatstadt Augsburg spazieren. Klammer ist Mitte Fünfzig, verheiratet mit seiner Frau Irene und hat zwei inzwischen erwachsene und längst flügge gewordene Kinder, einen Sohn und seine Tochter Isa, die gerade ein Studiensemester in Peru absolviert. Er lebt und arbeitet in seinem kleinen Eigenheim in dem Augsburger Vorort Diedorf. Der Autor ist ein ehemaliger Lehrer, ein neunmalkluger, etwas selbstgerechter und ordnungsfanatischer Mann, dessen realistische Romane allesamt ein wenig langweilige und langatmige Gesellschaftsdramen sind. Mit seinem neuesten Werk „Aber ein Traum“ kommt er nicht so recht voran und sein Lektor Jochen Engold wird bereits ungeduldig.

Klammers Überraschung ist groß, als er plötzlich im Schaufenster eines ihm unbekannten und namenlosen Buchladens und Antiquariats ein schwarzes Buch entdeckt, das laut der Angabe auf dem Cover angeblich von ihm selbst stammen soll. Es sind DR. GELTSAMERS ERINNERTE MEMOIREN, die Sie, liebe Leserin, nun bereits zum dritten Mal aufgeschlagen haben. Klammer betritt die Buchhandlung, die damit wirbt, jedes Buch beschaffen zu können. Er will das vermeintliche Plagiat erwerben und wird von einer jungen, schönen Frau bedient. Aber etwas Seltsames scheint in dem Laden vor sich zu gehen, denn Cicero reagiert verängstigt und der Autor hat später, als er versucht, sich an die Ereignisse im Laden zu erinnern, mit einigen Gedächtnislücken zu kämpfen.

Mit DR. GELTSAMERS ERINNERTEN MEMOIREN heimgekehrt, beginnt Klammer in ihnen zu lesen. Er stößt auf ein von einem Jesuitenpater namens Gaetano Marini herausgegebenes Tagebuch. Marini, der den Text mit vielen Anmerkungen begleitet, gibt vor, in den vatikanischen Archiven zu arbeiten. Das Tagebuch stammt angeblich von der brasilianischen Ärztin Elena Kuiper und ist aus den späten Zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts. Sie berichtet darin vom Schicksal einer entomologischen Expedition in die wilden Dschungel des Amazonasbeckens. Die Forscher stoßen am Oberlauf eines neuentdeckten und bisher unerforschten Seitenarms des gewaltigen Stroms auf einen wehrhaften Eingeborenenstamm, der offenbar nur aus Frauen zu bestehen scheint. Die Männer der Forschergruppe und der Begleitmannschaft reagieren auf diese Amazonen wie tollwütige, brünstige Tiere und es kommt zu einer Auseinandersetzung, bei der außer der Ärztin und dem schwer am Gelbfieber erkrankten Schweizer Professor Urs Bergner, die beide von den Eingeborenen gefangengenommen werden, nahezu alle anderen getötet werden. Nur der einheimische Träger Paco vermag zu entkommen und in den Urwald zu fliehen. Die weiteren, leider etwas lückenhaften Tagebucheinträge erzählen, wie Dr. Kuiper langsam das Vertrauen des Stammes, der sich selbst „Etraquoo“ nennt, und vor allem die Zuneigung der jungen Eingeborenen Lokwi gewinnt, deren Liebe sie bald erwidert. Von Lokwi lernt sie die Grundlagen der Etraquoo-Sprache kennen und erfährt von dem Mythos der Kraqu‘A, die in grauer Vorzeit vom Himmel gestiegen, eine Stadt namens Listakar gebaut und gegen die Frauen des Stammes Krieg geführt hätten. Einige ihrer architektonisch erstaunlichen Ruinen sind in der Ferne in dem Gebirge, in dem der namenlose Fluss entspringt, zu sehen. Der Schweizer Professor hat eine Theorie, doch leider fehlt in dem Tagebuch der Teil mit seiner Erklärung, weshalb es bei den Etraquoo nur Frauen zu geben scheint. Eines Tages versucht Paco, der sich bisher versteckt gehalten und sich in ein vertiertes und gefährliches Monstrum verwandelt hat, Lokwi zu vergewaltigen. Er wird dabei von Elena Kuiper überrascht und erschossen. Nach diesem Ereignis entscheidet sich die Ärztin, zusammen mit ihrer eingeborenen Freundin und dem kranken Professor, aus der Gefangenschaft zu entkommen. In einer dramatischen Flucht während eines Gewittersturms gelingt es den beiden Frauen und dem Schweizer, mit einem der Kähne der Expedition über den Fluss zu entkommen. Leider gehen dabei die Ruder verloren und die drei werden von der Strömung mitgerissen. Sie bedroht die Gefahr, mit ihrem Boot in einem gewaltigen Strudel, der sich in einem See unterhalb der Ruinenstadt Listakar gebildet hat, zu ertrinken.

An dieser Stelle wird Klammers Lektüre von seiner heimkehrenden Frau unterbrochen. Solch ein Buch hat er nie geschrieben und es ist ihm ein Rätsel, warum sein Name auf dem Titelblatt steht. Und noch etwas ist merkwürdig: In den Anmerkungen des Jesuitenpaters findet sich ein Hinweis auf Klammers vor dem 2. Weltkrieg in der UdSSR verschollenen Großvater mütterlicherseits, Sebastian Kerr, dem das Expeditionstagebuch der Ärztin anscheinend um 1930 in Berlin in die Hände kam. Der wenig später vor den Nazis ins Ausland geflüchtete Kerr war wie sein Enkel Schriftsteller und Lyriker gewesen; sein Hauptwerk ist der in den Wirren seines Exils verlorengegangene Roman „Die Hyänen von Berlin“. Und genau auf dieses Buch von Kerr stößt Klammer zu seinem vollkommenen Erstaunen in DR. GELTSAMERS ERINNERTEN MEMOIREN, als er sie später am Abend ein weiteres Mal aufschlägt, um seine begonnene Lektüre fortzusetzen. Auf welche Weise das Expeditionstagebuch der brasilianischen Ärztin von den Seiten des schwarzen Buches verschwinden und wie durch Zauberhand durch die „Hyänen von Berlin“ ersetzt werden konnte, bleibt Klammer ein Rätsel. Ein Anruf unterbricht seine Überlegungen. Es ist seine Tochter Isa. Sie ruft aus Südamerika an, um ihn zu fragen, ob ihre Freundin Mercedes ihm das Buch gegeben habe. Isa wird offensichtlich verfolgt, denn plötzlich wird ihr Anruf unterbrochen und eine Männerstimme behauptet am anderen Ende der Leitung, man hätte Isa entführt und werde sich am nächsten Tag wieder melden. Damit endet der 1. Band der fünfteiligen Trilogie, die Sie gerade lesen, liebe Leserin. Erinnern Sie sich wieder? Gut, dann machen wir gleich weiter:

Zu Beginn des 2. Bandes finden wir Nikolaus M. Klammer am frühen Morgen in seinem Wohnzimmer vor. Er hat nicht geschlafen, sondern in den „Hyänen von Berlin“ gelesen, den Roman, den ihm das unheimliche schwarze Buch auf so ungewöhnliche Weise präsentiert hat. Er hat vergeblich darauf gewartet, dass die Entführer seiner Tochter wieder Kontakt mit ihm aufnehmen.

Im ersten Kapitel der „Hyänen“ beschreibt sein Großvater Sebastian, wie er Ende Januar 1929 von Augsburg aus in Berlin eintrifft, weil er in der Hauptstadt der Weimarer Republik Bertolt Brecht treffen will, von dem sich der junge Mann Unterstützung bei seiner Karriere als noch unbekannter Autor erhofft. Schließlich stammt der berühmte Brecht ebenfalls aus der Fuggerstadt und teilt auch sonst einige weitere biografische Details mit ihm. Er fährt zuerst in den Berliner Vorort Tegel, wo er sich auf Vermittlung seines Vaters fürs Erste im Haushalt des reichen Ingenieurs Eduard Gere einquartieren will. Doch der Empfang durch das Hausmädchen Karla ist kühl und abweisend. Es scheint ein dunkler Schatten über der jüdischen Familie zu schweben. Die Dame des Hauses ist an einem Nervenleiden erkrankt, das sie in ein abgedunkeltes Zimmer zwingt, der Hausherr alles andere als über den Besuch des Sohns seines alten Kriegskameraden erfreut. Allein Greta, die Tochter, und ihr Bruder Gregor empfangen Sebastian freundlich und laden ihn ein, mit ihnen gemeinsam das Berliner Nachtleben zu erkunden. Schon bald manifestiert sich die Bedrohung, die wie ein Damoklesschwert über den Geres zu hängen scheint und die barsche Karla wird am helllichten Tag von einem unheimlichen Eindringling überfallen. Nur das beherzte Eingreifen von Sebastian kann Schlimmeres verhindern. Er jagt den Einbrecher, dessen Augen merkwürdig leuchten, in die Flucht. Der Mann lässt dabei einen ziegelsteinförmigen Gegenstand zurück. Wie sich herausstellt, ist er eine Maschine mit unbekannter Funktion, auf der ein Pentagramm mit einem Kugelkreuz darin eingraviert ist. Später entdeckt Sebastian das ungewöhnliche Symbol auch auf einem Plakat eines Berliner Nachtlokals namens „Haricot Doré“, auf dem das Pentagramm auf dem Anhänger der Halskette der dort am Abend auftretenden Schönheitstänzerin Lokwi zu finden ist.

Auch Nikolaus Klammer kennt das eigentümliche Pentagramm. Er hat es auf einer Abbildung in einem Sachbuch über Geheimgesellschaften von einem gewissen Roman Gaitania gesehen, das ihm sein Verleger Karl-Heinz Welkenbaum als Rezensionsexemplar zugesendet hat. Klammer wird klar, dass es sich bei Gaitania und dem Jesuiten Gaetano Marini, der das Tagebuch der Ärztin Elena Kuiper herausgegeben hat, um ein und dieselbe Person handelt. Er unterbricht seine Lektüre und versucht Näheres von seinem Verleger über den Pater zu erfahren, doch Welkenbaum und seine Lebensgefährtin Verena Salva sind über ein verlängertes Wochenende nach Rom verreist. Da sich die Entführer seiner Tochter Isa noch immer nicht gemeldet haben, entscheidet sich Klammer endlich, von sich aus etwas zu unternehmen und nicht mehr länger zu warten. Er fährt nach Augsburg, weil er die Buchhandlung aufsuchen will, in der er DR. GELTSAMERS ERINNERTE MEMOIREN erworben hat. Doch das Antiquariat ist über Nacht verschwunden. In den leeren und scheinbar schon lange verlassenen Geschäftsräumen, in denen er keine Spuren mehr von einer Buchhandlung findet, stößt er nur auf ein paar Hinweise, die auf Italien hindeuten; unter anderem auf einen Abriss aus einer Zeitung, auf dem eine Fotografie zu sehen ist, auf der Pater Marini mit den anderen Mitgliedern der Vatikanischen Glaubenskongregation - also der ehemaligen Inquisition - zu erkennen ist. Klammer flieht aus dem leeren Laden, in dem eine seltsame Atmosphäre herrscht, als wären in ihm die physikalischen Gesetze von Zeit und Raum durcheinandergeraten. Wieder zuhause angekommen, stellt der Autor fest, dass sich die Entführer, die vielleicht nur blufften, noch immer nicht gemeldet haben. Dafür hat Isa wieder angerufen, wie er von seiner Frau erfährt. Seine Tochter hat ihm eine verschlüsselte Botschaft hinterlassen, die ihn auffordert, die Vicolo della Volpe in Rom aufzusuchen. Das ist eine schmale Gasse, in der sich erstaunlicherweise auch das Hotel Raphael befindet, in dem Welkenbaum mit seiner jungen Freundin abgestiegen ist. Klammer reist noch in der darauffolgenden Nacht mit der Bahn nach Rom. Im Zug liest er weiter in dem Roman seines Großvaters.

Sebastian Kerr berichtet darin, wie er immer weiter in die Rätsel und Schicksale der Geres verstrickt wird. Zwischen Greta und Karla gehen seltsame und intime Dinge vor, die er sich nicht erklären kann, und die Dame des Hauses teilt ihm vertraulich mit, die Geres seien eine Familie von „Pagen“, deren Aufgabe es seit Jahrhunderten sei, eine bestimmte Personengruppe zu schützen. Das Erkennungszeichen der Pagen sei das Pentagramm mit dem Kreuz. Ihre bösen Gegenspieler wären ein Geheimbund, der sich die „Hyänen“ nenne und sehr mächtig sei. Mehr kann Sebastian nicht in Erfahrung bringen, da ihn Greta und Gregor mit in die Berliner Innenstadt nehmen. Spät in der Nacht landen sie schließlich im „Haricot Doré“, wo Sebastian einen Auftritt von Lokwi miterlebt. Er verliebt sich Hals über Kopf in das Dschungelmädchen. Er wird nach der Vorführung von einer schwangeren Frau angesprochen, die sich als Elena Kuiper zu erkennen gibt und sich mit Lokwi in der Homosexuellenbar vor den Hyänen versteckt. Sie übergibt dem jungen Autor ihr Tagebuch und einen Anhänger, den er niemals ablegen solle. Bevor die Ärztin jedoch ihre Geschichte erzählen kann, beginnt im „Haricot Doré“ eine Polizeirazzia. Die Geschwister, Elena, Sebastian und auch Lokwi entkommen knapp dem Zugriff der Gendarmen, werden jedoch hinter dem Lokal von dem Einbrecher vom Vormittag und von einem korrupten Polizisten gestellt. Die bewaffneten Männer verlangen die Herausgabe des Tagebuchs der Ärztin. Die Situation eskaliert in einem Kampf und einer wilden Verfolgungsjagd, die durch einen plötzlichen Unfall endet, als kein geringerer als Bertolt Brecht, der mit seiner Frau Helene in seinem Auto zufällig das dämonische Mitglied der Hyänen überfährt, das ihm unvorsichtig vor den Kühlergrill seines Steyr VI läuft. Es stellt sich dabei heraus, dass dieser unheimliche Mann ein künstlicher Mensch, ein Roboter, ist. Auch Karla, die Hausangestellte der Geres, ist übrigens ein Maschinenwesen, das allerdings aufseiten der Pagen steht und sie unterstützt. Das Buch verbleibt in Sebastians Händen; gemeinsam mit Brecht flieht die Gruppe in die Nacht.

Obwohl der Roman seines Großvaters an dieser Stelle noch nicht zu Ende ist, wird Nikolaus Klammer vom Schlaf übermannt und schlummert bis zum nächsten Morgen, als sein Zug schon beinahe Rom erreicht hat. Neben ihm sitzt nun ein Italiener, der sich als Avvocato Fabio Ienalli und als ein Bewunderer des Schriftstellers vorstellt. Klammer ist misstrauisch und versucht in Rom angekommen, den unheimlichen Mann abzuschütteln. Tatsächlich taucht der angebliche Avvocato am Nachmittag des gleichen Tages wieder auf, als Klammer die Vicolo della Volpe aufsucht und dort in einem der Häuser die aus Augsburg verschwundene Buchhandlung entdeckt. Er will sie gerade betreten, als Ienalli ihn mit einem Messer bedroht und von dem Autor die Herausgabe von DR. GELTSAMERS ERINNERTE MEMOIREN fordert. Doch das Buch ist inzwischen nicht mehr in Nikolaus Klammers Besitz …

*

Habe ich dich soweit wieder auf den Stand der Dinge gebracht, liebe Leserin? Ist die Erinnerung wieder da? Gut, dann wollen wir den armen Karl-Heinz Welkenbaum nicht länger unter der römischen Sonne schwitzen und ihn endlich in die gut gekühlten Räumlichkeiten des Hotels Raphael gehen lassen.


❧

WAS VORHER GESCHAH


Karl-Heinz Welkenbaum schüttelte ermattet den Kopf. Durch die drei Fettwülste seines Doppelkinns wurde daraus ein sanftes Wiegen. Er spürte, wie ihm die Körpersäfte aus allen Poren drangen und als Sturzbach den Rücken hinunterrannen. Sicherlich bildeten sie schon eine breite, dunkle Linie auf seinem leichten, hellen Jackett. Er fragte sich zum wiederholten Mal, wie es diese Römer fertigbrachten, so ameisenemsig in ihrer staubtrockenen, rostig-braunen und hoffnungslos überfüllten Stadt zu leben, in der es schon jetzt, im Frühsommer, unerträglich heiß war. Da lobte er sich doch sein heimatliches Bayernland, wo von einem weiß-blauen Osterhimmel eine sanfte, gütige Sonne herab lachte, der Löwenzahn auf den saftigen Kuhweiden erblühte und man beim Sitzen im Biergarten noch einen Trachtenjanker benötigte.

Welkenbaum nahm den Strohhut vom Kopf, benutzte ihn als Fächer und wischte sich die Schweißperlen von der Stirn, während er dem Portier des Hotels Raphael bedeutete, die gläserne Eingangstür offen zu halten. Er konnte bereits die herrliche Kühle spüren, die ihm aus dem klimatisierten Foyer der Nobelherberge entgegenwehte und dabei seine beige Leinenhose bauschte. Jetzt noch ein kühles Getränk - die an der Dachbar ausgeschenkte Maisplörre verdiente zwar kaum den Namen „Bier“, war aber, wenn eiskalt, durchaus trinkbar -, dann war er nach dem schier endlos langen, vormittäglichen Einkaufsbummel, der, wenn es einen gerechten Gott gab, sicherlich seiner Zeit im Fegefeuer angerechnet wurde, wieder mit sich und der Welt versöhnt. Gut, dass in der Vorsaison auch die Filialen der großen Läden ab 13:30 Uhr eine lange Mittagspause einlegten, weil Verena sonst bis in die Nacht hinein geshoppt hätte. Ihr dadurch gebremster Kaufrausch hatte bereits manische Züge angenommen. Der Münchener Verleger stand kurz vor einem Nervenzusammenbruch und hätte es keine fünf Minuten länger in den stickigen und von Menschenmassen überschwemmten Gassen und Geschäften ausgehalten, ohne eine Mordtat zu begehen.

Er sah zu seiner neuen Freundin und frischgebackenen Lebensgefährtin zurück. Wo blieb sie denn? Sie verhandelte tatsächlich noch immer gestenreich mit dem Taxifahrer, der fast unter einem Berg von Taschen und Kartons verschwand, die er vom Rücksitz und dem Kofferraum seines weißen Fiat geholt hatte und nun quer über den breiten Bürgersteig vor dem Hotel dem Eingang entgegen jonglierte. Währenddessen stolzierte die seit ihrem gestrigen Friseurbesuch wasserstoffblonde Verena auf frisch erworbenen, schwindlig machend hohen Designerpumps neben ihm her und trug ein winziges Pratesi-Handtäschchen und eine kleine Papiertüte aus einer Parfümerie in den Händen, die sie im geschmeidigen Takt ihrer Bewegungen schlenkerte. Passanten drehten sich nach der jungen Frau im kurzen, roten Sommerkleid um und pfiffen ihr hinterher. Eine Vespa, auf der zwei typische römische Ragazzi hockten, fuhr langsam über den Platz vor dem Hotel. Beide machten mit ihren Smartphones Schnappschüsse von ihr.

Was für eine Frau!, dachte Welkenbaum voller Besitzerstolz. Er fühlte sich durch die Szene an einen alten Hollywood-Film erinnert und genoss für einen Moment das Banale und Klischeehafte der Situation:

Da war Verena Salva, seine im Verhältnis zu seinen eigenen Lebensjahren blutjunge und sehr attraktive Geliebte. Sie hatte das halbe Viertel leer gekauft. Ihre Anschaffungen trug ihr ein sichtlich überforderter, wie ein ermüdeter Atlas unter dem Gewicht der Pakete schwankender Chauffeur, den sie wie ihren persönlichen Diener behandelte, in die todschicke Fünf-Sterne-Unterkunft, in der das Paar in der Präsidentensuite hoch über den Dächern der Ewigen Stadt logierte. Und da war er selbst, der dicke, unansehnliche, aber reiche und geschmackssichere Verleger, der ihr Vater hätte sein können und mit ihr gerade einen zweiten – oder dritten – Frühling erlebte. Er hatte überall brav seine Platin-Kreditkarte gezückt und hielt ihr nun gemeinsam mit dem Portier die Türen auf, damit Verena die Beute ihres Raubzuges in Sicherheit bringen konnte. Fehlte nur noch, dass im Aufzug Tea for two gespielt wurde und nicht den eisernen Gesetzen einer Endlosschleife gehorchend zum dritten Mal an diesem Tag das Thema von „Der Pate“ -, das dem Verleger, wenn er es sich recht überlegte, allerdings auch ganz passend erschien, da er sich schmeichelte, durchaus Ähnlichkeiten mit dem aufgequollenen Marlon Brando der späten Jahre aufzuweisen: Beiger Leinenanzug, schütteres Haar, schleppende, nuschelnde Aussprache, wulstige Lippen, Überbiss und ein sarkastischer Blick.

Doch wie das mit Klischees so war, sie hielten der Wirklichkeit selten stand. Das war zwar alles so, aber doch auch ein wenig anders; viel weniger glamourös. In der bayerischen Heimat wurde gerade eine Kalt- und Schlechtwetterfront aus nordwestlicher Richtung erwartet, der Ausläufer eines atlantischen Sturmtiefs, das sich mit viel Regen und Frostgefahr bis in die tiefen Lagen näherte. Die Löwenzahnwiesen, von denen Welkenbaum träumte, waren längst überall, auch in der Nähe seiner Villa in Bad Griesbach, Opfer der Unkrautvernichtungsmittel geworden und bittergelb leuchtenden Raps-Monokulturen gewichen, deren aggressive Leuchtfarbe bei ihm Kopfschmerzen verursachte. Denn der Verleger besaß keine Platin-Kreditkarte – nicht einmal eine goldene -, und war nicht so reich, um seine Freundin mit italienischer Designermode auszustaffieren und sich einfach so ein verlängertes Osterwochenende in einer von Roms Nobelhotels leisten zu können. Er verdankte das durchschnittlich große Zimmer im 2. Stock, dessen Fenster in den Innenhof auf die Parkplätze zeigte, der freundlichen Einladung eines Freundes, seines Verleger-Kollegen und Bruders im Geiste Ugo Tozzini, der die edizione tempo moderno herausgab und mit dem er schon seit vielen Jahren eng kooperierte. Auch hatte Verena den Großteil ihres Einkaufs von ihrem eigenen Geld bezahlt, dessen munter sprudelnde Quelle Welkenbaum unbekannt war, denn sie arbeitete nicht. Dies war eines ihrer Geheimnisse, auf deren Wahrung sie sehr viel Wert legte. Verena war auch bei Weitem nicht so jung, wie sie aussah; doch ihr wirkliches Alter verriet sie nicht. Was nun endlich Marlon Brando anging: Diese Ähnlichkeit hatte nur einmal eine Topless-Tänzerin in der Augsburger Apollo-Bar entdeckt, in der er sich einmal mit Nikolaus Klammer getroffen hatte. Diese Übereinstimmung war der Frau aus Osteuropa aber erst aufgefallen, nachdem der Verleger ein paar Flaschen Champagner spendiert hatte, um seinen schreckensstarr und stocksteif am Tisch sitzenden Autor aufzumuntern, der sich so wohlfühlte wie ein Goldfisch in einem Piranha-Becken.

Aber wie er nun unnachahmlich seine Worte dehnte, als er den Concierge an der Rezeption in seinem holprigen Italienisch um die Zimmercard bat, das hatte doch etwas von Cosa Nostra und dem Paten, fand Welkenbaum.

„Posso … avere la chiave della … uh, 239, per favore?“, fragte er, während Verena zusammen mit dem keuchenden Taxifahrer neben ihn trat. Hoffentlich bekam der arme Mann keine Herzattacke.

„Ma come, Signore.“

Der Mann am Empfang, ein braungebrannter und ölig schwarzhaariger Macho aus dem Bilderbuch, achtete jedoch kaum auf den dicken Verleger. Sein Blick lag sehnsüchtig auf dem großzügigen Ausschnitt von Verenas Kleid und verweilte dort. Eine kleine Pause entstand. Welkenbaum kniff die Augen zusammen und entzifferte das Namensschild, das der Hotelangestellte auf seiner weinroten Weste trug.

„Andrea. Was habe ich dir denn bloß getan, dass du mich so respektlos behandelst?“, murmelte er stirnrunzelnd auf Deutsch und hob sich seine zu einer Klaue geformte Rechte an die Unterlippe. Er weckte den Mann aus seiner Starre.

„Scusami?“

Welkenbaum wiederholte seinen Wunsch auf Englisch, das er noch schlechter als Italienisch sprach. Aber diesmal wurde ihm gehorcht. Andrea sah endlich widerstrebend hoch und griff hinter sich in die Ablage.

„Che cosa hai detto? Camera 239?“ Er reichte die Karte über den Tisch.

„Welki!“, rief Verena und schnappte sich sofort die Schlüsselkarte aus der Hand ihres Freundes. „Ich muss sofort und auf der Stelle duschen. Regle du das mit dem Tassista, bitte.“

Der Verleger verbeugte sich, während der Taxifahrer erleichtert die Pakete zu Boden fallen ließ.

„Ist recht, mein Engel. Ich werde noch ein wenig an die Bar gehen und komme dann später nach.“

„Trinke nicht zu viel, Karl-Heinzelmann. Du weißt, du sollst an deinen Blutdruck denken. Und bleibe nicht allzu lange weg. Du hast hoffentlich nicht vergessen, dass wir uns heute Abend mit Roman Gaitania und seiner netten Gattin Mercedes treffen wollen und vorher möchte ich mir noch unbedingt den Vatikan ansehen.“

Verena winkte einem der Pagen, der die Rolle des Trägers übernahm und mit ihr in Richtung der Aufzüge ging. Welkenbaum bezahlte ohne Murren die unverschämt hohe Rechnung des Chauffeurs. Er wusste, dass alle Taxifahrer Roms Gauner waren und hatte keine Lust auf langwierige, aber erfolglose Verhandlungen. Er wollte ebenfalls zu den Aufzügen, als ihn der Concierge noch einmal aufhielt.

„One moment please, Mr Welkenbaum, i have something for you.”

Der Mann sprach nun englisch und war besser bei der Sache, nachdem Verena entschwebt war. Welkenbaum konnte zusehen, wie sich sein Gehirn einschaltete und er nicht mehr nur mit dem Rückenmark dachte. Etwa vor einer Stunde sei un tedesco dagewesen, der sich nach dem Verleger erkundigt hätte, berichtete er. Dieser Herr, der sich leider nicht vorgestellt habe, hätte sich als ein Freund von Welkenbaum ausgegeben und würde es am späten Nachmittag noch einmal versuchen. Inzwischen jedoch habe er aber etwas dagelassen, das unbedingt in die Hände des Verlegers gelangen müsse.

Der Concierge tauchte hinter das wuchtige barocke Holzmöbel der Rezeption, kramte ein wenig herum und schob Welkenbaum anschließend über die polierte Tischplatte ein schwarzes Buch entgegen. Auf dessen Titel war ein seltsames, unbeholfen zentralperspektivisch in warmen Herbsttönen ausgeführtes Gemälde zu sehen, das einen Mann in einer Rüstung zeigte, der gerade dabei war, ein Straußenei mit einem Schwert aufzuschlagen. Vielleicht hatte der Ritter es in dem Ofen, der links von ihm munter brannte, gekocht und wollte es nun verzehren. Hinter einer Mauer waren die Dächer einer mittelalterlichen Stadt zu sehen.

Welkenbaum nahm das gebundene, recht dicke Buch in die Hand und entzifferte am ausgestreckten Arm den Titel.

DR. GELTSAMERS ERINNERTE MEMOIREN

Das sagte ihm nichts, aber dafür der Name des Autors umso mehr. Nikolaus Klammer! Das war einer seiner Verlagsautoren; übrigens einer der wenigen, die ihm ein bisschen Geld einbrachten. Gerade eben hatte er an ihn denken müssen. Erstaunt ließ er sich vom Concierge den tedesco beschreiben, der das Buch gebracht hatte. Der Mann hinter der Rezeption hatte ein gutes Personengedächtnis; es handelte sich eindeutig um Klammer. Aus welchen Gründen auch immer: Der Schriftsteller hielt sich in Rom auf.

Er sah sich das Buch genauer an. Es war nicht beim Welkenbaum erschienen. Obwohl er mit vielen Verlagen zu tun hatte, erkannte er das orangefarbene Logo der Edition nicht. Der Verleger schüttelte verwirrt den Kopf.

Seltsam, dachte er. Vielleicht ist dieser DR. GELTSAMER ja ein Frühwerk aus der Zeit vor unserer Zusammenarbeit. Aber Klammer hat nie erwähnt, er hätte vorher anderswo veröffentlicht. Warum bringt er mir dieses Buch bis nach Rom hinterher? Was ist daran so besonders? Ist es gar ein Raubdruck?

Er drehte den schwarzen Band herum. Auf dem Karton der Rückseite stand ein Spruch von Dostojewski, sonst nichts. Zumindest wurde der große russische Autor als Urheber genannt. Das Zitat selbst war dem belesenen Verleger nicht bekannt.

„Die unverfälschte Wahrheit ist immer unwahrscheinlich … Um die Wahrheit wahrscheinlicher zu machen, muss man ihr unbedingt etwas Lüge beimischen“, entzifferte der Weitsichtige mühsam den etwas verwaschen abgedruckten Text. Er machte sich nicht die Mühe, in seinem Jackett nach einer seiner unzähligen Lesebrillen zu suchen.

Zwar Fadenbindung und stabiler Rücken, aber dennoch äußerst billig produziert!, dachte er. Bücher haben heutzutage einfach keine Qualität mehr. Sie werden - wenn überhaupt! -, schlecht lektoriert und so günstig wie möglich hergestellt. Sie sind ein Wegwerfartikel wie Toilettenpapier. Früher, ja, früher, da war man noch stolz auf seine Bibliothek und auf die ledernen Buchrücken. Aber heute? Lesen und in den Papiermüll damit. Wer hat heute denn noch ein Bücherregal? Was sind das nur für Zeiten … Vielleicht war das so ein neumodisches Selfpublishing-Ding, das Klammer in einer kleinen Auflage heimlich bei einer Internet-Druckerei hatte produzieren lassen und seinem Verleger bisher verschwiegen hatte. Na, den Zahn werde ich ihm aber ziehen. Wir haben schließlich Verträge miteinander. Wenn er das Buch tatsächlich an mir vorbei geschrieben und veröffentlicht hat, werden meine Anwälte ihn mit Klagen überziehen, die ihn zu meinem Leibeigenen machen werden. Welkenbaum lächelte in sich hinein. Leibeigener. Dieser Gedanke gefiel ihm. Die hätte die CSU schon längst wieder in Bayern einführen sollen. Ich könnte wetten, beim Ministerpräsidenten liegt bereits ein ausformulierter Gesetzesentwurf dazu.

Er bedankte sich abgelenkt bei dem Concierge und schob das Buch in die von seinen vielen Brillenetuis ausgeweitete Tasche seines Jacketts. Die ausgestreckte Rechte des Concierge, der auf ein Trinkgeld hoffte, ignorierte er. Auch wenn er sie nicht bezahlen musste, galt für ihn trotzdem: Wo die Übernachtung über zweihundert Euro kostete, dort gab es keine Almosen mehr. Er hatte es jetzt noch eiliger, zur Bar und zu seinem Bier zu kommen.

Im Aufzug, mit dem er hoch zum Dachgarten fuhr, erklang tatsächlich aus dem Lautsprecher The Godfather von Nino Rota in einer schmachtenden Klavierversion; denn ab und an, dachte er, ist die Wirklichkeit - man mag daran glauben oder nicht - noch viel klischeehafter und kitschiger als die Literatur.

❧

An der Bar gab es tatsächlich Löwenbräu-Bier vom Fass!

Ein Glas trank er sofort, mit dem zweiten in der Hand stellte sich Welkenbaum erst einmal an die niedrige Mauer der Dachterrasse in den Schatten einer der Kübelpalmen, die zusammen mit lila blühender Bougainvillea und den quadratischen Sonnenschirmen aus hellem Leinen – beinahe in der Farbe seiner Kleidung -, für mediterranes Flair sorgten. Er genoss diesen Moment der Ruhe. Die Aussicht von dem Dach des vollständig mit Efeu eingewachsenen Hotels Raphael war sicherlich großartig. Allein nach Westen in Richtung Tiberschleife und die Engelsburg wurde der Blick ein wenig durch den hoch aufragenden Bau und den Glockenturm der benachbarten Santa-Maria-del-Pace-Kirche geschmälert, die nur durch die schmale Sackgasse Vicolo della Volpe vom Hotelkomplex getrennt war. In alle anderen Richtungen ging der Blick über die sieben Hügel der ewigen Stadt weit. Scheinbar zum Greifen nah ragte die Kuppel des Petersdoms in die etwas vom Smog verschleierte Luft und dort hinten stand das vom Verkehr umflutete Nationaldenkmal für Viktor Emanuel II., ein Bauwerk aus den Zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts, das Welkenbaum immer an eine überdimensionierte Schreibmaschine erinnerte. Die Luft hier oben roch fast frühlingshaft und frischer als in den engen Straßenschluchten zu seinen Füßen. Der Gestank nach Zweitakter-Motoren und Feinstaub war hier nicht so aufdringlich, hier war ein Geruch nach in der Hitze schmorenden Zypressen mit Grundnote von Zitrone und altem Abfall dominant. Alles wirklich beeindruckend, ja.

Doch der gebürtige Münchener war inzwischen Mitte Sechzig und hatte in seinem Leben so viel gesehen, dass er gegen Schönheit und übrigens auch Hässlichkeit ordentlich abgehärtet war. Das war ihm alles gleich; seine Sinne waren in den Jahren abgeschliffen und stumpf geworden. Freilich bedauerte er diesen Zustand, der sich anfühlte, als würde er unter einer langsam erblindenden Käseglocke leben. Zudem war er im Alter nicht nur weit-, sondern auch kurzsichtig geworden. Deshalb verschwamm ihm der Horizont zu einem braunfleckigen impressionistischen Bild. Er hätte die passende Brille im Hotelzimmer gehabt, aber als er am Vormittag mit Verena auf Einkaufstour gegangen war, hatte er sie liegengelassen. Es gab eigentlich nur noch wenige Dinge, die ihn noch wirklich interessierten und aus der selbstgewählten Lethargie seiner zweiten Lebenshälfte reißen konnten. Das war zum einen der Sex mit seiner neuen Freundin, der jedes Mal neu und auf eine andere Weise herausfordernd und aufregend war, und zum anderen selbstredend die Lyrik, sie war ihm seit seiner frühen Jugend treue Begleiterin und Lebenselixier zugleich. Nur deshalb führte er auch weiterhin seinen vom Vater geerbten kleinen Verlag, dessen Alltags- und Prosageschäft er längst in die Hände seines Partners Jochen Engold gelegt hatte, der als strenger Lektor die Autoren pflegte und oft genug auch quälte.

Aber vielleicht sah Welkenbaum das alles auch zu düster. Denn da – Gerechtigkeit musste sein! - waren freilich noch das eiskalte Bier in seiner Hand, das ihm bei jedem Schluck von Neuem Freude machte, sein abends im Ohrensessel genossener, alter schottischer Single-Malt-Whiskey von der Isle of Skye, die Golfpartien mit Freunden, Industriellen und Prominenten. Sie waren alle stramme CSU’ler, die wie er selbst in gesetztem Alter aus dem lauten und hektischen München ins niederbayerische Bäderdreieck geflohen waren, wo sie zumindest wochenends recht günstig in Villen oder alten, renovierten Vierseit-Bauernhöfen residierten, in den warmen Thermalquellen und Kuranlagen die Vielzahl ihrer Wehwehchen behandelten und dem Herrgott den Tag stahlen. Außerdem passierte in den sanften Hügeln und Wäldern zwischen Bad Birnbach und Bad Füssing alles erst zwanzig Jahre später. So irreal es klang, dort wurde noch gefühlt mit der D-Mark bezahlt, es gab die DDR, Franz-Josef Strauß war Ministerpräsident und man musste darauf achten, den Mercedes nicht in singende Pilgergruppen zu lenken, die nach Altötting zogen, um dem einzig wahren, weil bayerischen, Papst zu huldigen. Am Wochenende nach Griesbach zu fahren war wie eine Zeitreise. Spätestens hinter Landshut war man endgültig im Jahr 1980 angekommen.

Welkenbaum nahm einen Schluck von seinem Bier und gestand sich ein, ein weiteres Mal in die Klischeefalle – diesmal in die bayerische - getappt zu sein. Aber er war eben ein frustrierter Alt-Achtundsechziger und ein Zyniker durch und durch. Je älter er wurde, um so ausgeprägter zeigte sich dieser unangenehme Charakterzug an ihm. Wenn er heute auf die Ewige Stadt blickte, die ihm von seinem Standort aus so großzügig wie eine alternde Prostituierte ihr Dekolleté, ihr Panorama darbot, sah er blutige Gladiatorenkämpfe, verderbte Renaissancepäpste, einen auf einem Scheiterhaufen brennenden Giordano Bruno, Mussolinis Schwarzhemden, Mafia-Korruption, Umweltsünden und einen Verkehrsinfarkt. Aber er sehnte sich nur kurz zurück in die Heimat, wo er manchmal mit dem Bauern vom Nachbardorf durch dessen endlose Maisfelder spazierte und mit ihm über Gott und die Welt diskutierte. Das hieß, eigentlich redete nur der alternde Städter, den es auf das Land verschlagen hatte; denn der Landwirt war ein schweigsamer, eigenbrötlerischer Mann. Vielleicht kam er aber auch nur nicht zu Wort.

Allerdings, um den etwas wirren Gedankengang zu einem versöhnlichen Ende zu führen: Mochten jetzt auch alle Franzosen der Welt über Welkenbaum herfallen, die italienische Küche - fiel ihm plötzlich mit einem leichten Magenknurren ein, weil durch eine mutwillige Böe von der Hotelküche unter ihm der würzige Geruch von gebratenem Fleisch und Fett zu ihm herauf wehte - war einfach und unleugbar die allerbeste auf der Welt. Auf jeden Fall war sie unvergleichbar besser als die niederbayerische, was – man denke nur an die grauenvolle „Heidlsuppe“ aus saurer Milch - auch kein großes Kunststück war. Er freute sich jetzt auf das Abendessen mit Roman Gaitania und seiner bezaubernden Gattin in einer kleinen Trattoria in der Nähe der Piazza Navona. Das Lokal hatte der ehemalige Geistliche, der eigentlich Gaetano Marini hieß und sich gut in der Stadt auskannte, ausgewählt. Der sympathische kleine Italiener hatte noch von einem Überraschungsgast gesprochen und der Verleger war gespannt, wer das war. Wenn jemand wusste, wo man in dieser unüberschaubaren und kosmopolitischen Millionenstadt authentische latinische Küche bekam, dann wohl ein sündiger Priester, der viele Jahre im Vatikanischen Archiv und für die Kurie gearbeitet und daneben direkt an der Quelle ein Sachbuch über Geheimgesellschaften und prekäres Wissen geschrieben hatte; ein profundes und mit über 1000 Seiten buchstäblich gewichtiges Werk, das Welkenbaum auf Deutsch und Tozzini gleichzeitig auf Italienisch herausgeben wollten. Nur deshalb war der Verleger mit Verena in Rom, wollte aber das Geschäftliche durchaus auch mit seinem Vergnügen verbinden. Und ein gutes Essen in einer römischen Trattoria gehörte eindeutig zum zweiten, denn ein gelungenes Gericht war eine weitere Sache, die den Bonvivant im Verleger aus der dumpfen Lethargie reißen konnte, in die scheinbar unentrinnbar gewickelt seine Lebenstage immer schneller kamen und gingen. So kam es ihm zumindest vor.

Doch endlich Punkt jetzt. Die Midlife-Krise habe ich doch eigentlich längst überwunden. Es gibt im Moment andere Dinge als die Verluste, die mein Altern mit sich bringt, und über die ich nachdenken muss. Geschäftliches. Und dieses merkwürdige Buch von Klammer.

Welkenbaum wandte sich von der süchtig machenden Aussicht und den Wohlgerüchen, die aus der Hotelküche emporstiegen, ab und suchte sich ein schattiges Plätzchen unter einem der Sonnenschirme. Die meisten der Tische waren nicht besetzt und deshalb fand er einen ruhigen und ungestörten Ort weit weg von der Bar. Hier konnte ihn auch die Hitze des frühen Nachmittags nicht erreichen. Der Sessel aus künstlichem Rohrgeflecht, auf dessen dicken Polstern er saß, war tief und bequem. Er bedauerte kurz, jetzt über den Dächern der Ewigen Stadt kein Mittagsschläfchen halten zu können. Aber er musste sich endlich mit DR. GELTSAMERS ERINNERTEN MEMOIREN, die Klammer für ihn an der Rezeption hinterlassen hatte, beschäftigen. Was trieb den fanatisch reisefaulen und sesshaften Schriftsteller eigentlich nach Rom? Der sollte doch eigentlich in seinem gutbürgerlichen Häuschen im Speckgürtel von Augsburg vor seinem PC hocken und endlich seinen nächsten Roman fertigstellen, der schon im Herbst auf der Frankfurter Buchmesse präsentiert werden sollte! Den selbst Jochen Engold noch nicht einmal in Ausschnitten zu Gesicht bekommen hatte.

Welkenbaum klopfte sein Jackett ab und fand tatsächlich in einer Innentasche einer seiner unzähligen Lesebrillen, die er an allen Orten, an denen er sich befand, verteilte und oft auch liegen ließ. Er setzte sie zufrieden auf.

Entweder hat man wie die meisten nur eine einzige Brille und sucht sie dauernd, weil man sie mal wieder verlegt hat oder man macht es wie ich und hat auf jedem Tisch und in jeder Tasche eine parat liegen. Das mag zwar teurer sein, spart aber viel Lebenszeit.

Er studierte noch einmal das Cover des schwarzen Buchs, bevor er es aufschlug.

DR. GELTSAMERS ERINNERTE MEMOIREN, dachte er, was ist das denn für ein bescheuerter Titel. Engold hätte Klammer so etwas nie durchgehen lassen. In der Luft hätte er das zerrissen! Erinnert an Doktor Murkes gesammeltes Schweigen. Ist das etwa eine Satire auf Böll? Gibt es irgendetwas Langweiligeres als eine Satire auf Böll? Da lese ich ja noch lieber die Gebrauchsanweisung für einen Thermo-Mixer. Gnade mir Gott, wenn ich jetzt eine Glosse von Klammer ertragen muss. Mein morgendlicher Stuhlgang ist humorvoller als dieser stocksteife Kerl!

Nikolaus Klammer – übrigens war das kein Pseudonym, sondern, soweit ihm bekannt, der echte Name des Schriftstellers - hatte viele gute Eigenschaften als Autor und fand auch bei einer großen Lesegemeinde Anklang, aber niemand konnte ihm vorwerfen, dass er sehr witzig oder gar satirisch war. Im Gegenteil, Klammer war ein recht kleinkarierter und im besten Sinne „bürgerlicher“ Schriftsteller, der von kleinkarierten und im besten Sinne bürgerlichen Leuten gelesen wurde. Auch wenn der versierte, aber hoffnungslos altmodische Geschichtenerzähler sich recht ordentlich verkaufte, denn schließlich gab es ja in Deutschland massenhaft kleinkarierte Bürger, würde man ihn in einigen Jahren vollkommen vergessen haben. Seine unpolitischen Romane waren auf Gesellschaftsdramen und -kritik eingeengt und alles andere als „phantastisch“, wie der Untertitel auf diesem Buch hier versprach. Klammer fehlte einfach der Horizont und auch ein wenig das Talent, um ein wirklich Großer zu werden.

Ungeduldig blätterte der Verleger das Buch auf und bewunderte auf der ersten Seite das geschmackvolle Exlibris, das Klammer dort eingestempelt hatte. Zwischen dem Einschlag und dem ersten Blatt waren auch ein nagelneuer Fahrschein der römischen Verkehrsbetriebe und merkwürdigerweise die Visitenkarte eines römischen Anwalts eingeklemmt gewesen, die ihm jetzt buchstäblich in den Schoß fiel. Praktisch, da hatte er gleich zwei Einmerker zur Hand.

Welkenbaum überflog nur kurz und mit der Stirn runzelnd das offensichtlich frei erfundene Impressum und sah sich dann die sepiabraune Fotografie, die auf das erste Kapitel einstimmte, an. Die Illustration zeigte eine winterliche Gebirgslandschaft, die er keiner bestimmten Weltgegend zuordnen konnte. Stirnrunzelnd begann er im ersten Kapitel des Buches zu lesen, das „Das Gulag des Dmitri Alexandrowitsch Krakow“ hieß und eine vollkommen andere Geschichte erzählte, als sie Welkenbaum erwartet hatte. Er las selten Prosa, aber wenn er es tat, dann war er vollkommen bei der Sache und konzentriert. Niemals überlas er eine Zeile oder ließ sich von seiner Umgebung ablenken. Seine Lippen bewegten sich beim Lesen kaum merklich, als würde er den Text für sich mitsprechen. Er war der ideale Leser, so wie ihn sich jeder Autor wünschte.

Schon nach den ersten Absätzen bezweifelte er, dass der „phantastische Roman“ wirklich von Klammer stammte. Ein anderer musste ihn geschrieben haben, das war ganz und gar nicht der Stil des Augsburger Autors. Der Text gab vor, Aufzeichnungen aus der zweiten Hälfte der 80er Jahren des letzten Jahrhunderts zu sein und nach einem umständlichen Einstieg entwickelte die Erzählung rasch eine eigenartige Sogwirkung, der sich der Verleger nicht entziehen konnte. Sie führte ihn schnell weit weg von dem hitzigen römischen Frühsommertag direkt in die eisigen und unbarmherzigen Permafrost-Tundren Sibiriens. Welkenbaum betrat atemlos und fasziniert eine andere Welt.

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KAPITEL EINS

DAS GULAG DES

DMITRI ALEXANDROWITSCH KRAKOW



Die Wahrheit ist jedoch nur eine weitere Lüge,

der man noch nicht auf die Schliche gekommen ist.

Dr. Eduard Geltsamer


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Aus den Aufzeichnungen eines Vergessenen


Folge mir, mein Leser! Wer hat dir erzählt, es gäbe keine wahre, glückliche und ewigwährende Liebe in dieser Welt! Möge diesem Lügner die lästerhafte Zunge herausgeschnitten werden! Folge mir, mein Leser, und nur mir allein und ich werde dir solch eine Liebe zeigen. So will ich beginnen, mein Leser, den ich mir vorstelle, den es aber wahrscheinlich niemals geben wird. Ich kann dir eine unglaubliche und dabei wahre Geschichte versprechen. Es ist meine eigene:

Es war, glaube ich, der Heilige Augustinus, der irgendwo in den Confessiones geschrieben hat, wir würden unser Leben wie alte Bäume beenden - langsam, von oben nach unten, von der immer kahler werdenden Krone hinab über den faulenden Stamm zu den im kalten Erdreich erstarrenden Wurzeln herunter, würden wir dahinsiechen.

Aber vielleicht habe ich das überhaupt nicht bei dem alten Bischof von Hippo gelesen, sondern Konstantin Konstantinowitsch Michajlowitsch hat mir das bei einem Glas Wodka und eine rohen, vom Frost weichen und fauligen Zwiebel erzählt, als wir uns schlotternd auf dem Boden unter dem gusseisernen Esstisch zusammenkauerten, auf rohen, längst vom vor Wochen schon verheizten Parkett entblößten Bohlen. Dieses letzte Möbel war mit einer schweren Damast-Tischdecke behängt, die auf drei Seiten bis zum Boden herabhing, und beschützte uns ein wenig vor der beißenden und mörderischen Kälte im leeren Zimmer. Brennholz für den Kanonenofen hatten wir schon lange keines mehr und die Temperatur im Freien lag bei - 35°C.

So muss das gewesen sein. Ich sehe es vor mir. Das war im düsteren Januar oder Februar ‘42, im sechsten Monat der Blockade durch die Heeresgruppe Nord der verfluchten Deutschen, während draußen auf den Straßen von „Piter“ hunderttausende unschuldige Zivilisten einfach verhungerten und erfroren. Auch Kostja hat es nur einen Monat später erwischt. Diese knorrige Eiche von einem Mann wurde durch einen einzigen Schuss aus dem Gewehr eines ver*** Scharfschützen gefällt, während mein alter, bester Freund etwas zu leichtfertig an den Newa-Barrikaden den letzten paar übrig gebliebenen Ratten nachjagte, die unsere tägliche Brotration, mickrige einhundertfünfundzwanzig mit Zellulose gestreckte Gramm - es das einzige Essen, das wir für unsere Lebensmittelkarten vom Sowjet der Stadt erhielten -, aufbessern sollten.

Entschuldige bitte, aber ich musste meinen Stift kurz aus meinen schlecht durchbluteten und deshalb immer eiskalten Fingern auf meinen Küchentisch legen, denn ich hatte mich zu schnäuzen, bevor etwa ein vorwitziger Tropfen von meiner Nasenspitze auf das Papier fiele und es besudelte. Seit vielen Jahren gelingt es mir nicht mehr, richtig zu weinen; seit jenem Tag im Leningrader Justizgefängnis Krestj, als alles begann und mir der Hauptmann Boris Utschakow nach meinem Prozess eher zufällig die Nase brach, weil sie in die Nähe seiner Faust geriet, als er mich verprügelte. Gedulde dich, Towarischtsch Leser, ich werde gleich davon berichten, nachdem ich von dem merkwürdigen Grund berichtet habe, aus dem ich diese Aufzeichnungen überhaupt schreibe.

Durch den harten Schlag geschah mit mir etwas Ungewöhnliches. Meine Augen werden zwar wie eben, als mich unvermittelt die Trauer über den Verlust meines seit nun seit fünfundvierzig Jahren toten Kostja überwältigte und meine Aufzeichnungen auf einen Abweg führte, glänzend und feucht, aber die Tränenflüssigkeit rinnt mir nicht mehr aus den Augenwinkeln über die Wangen, sondern sammelt sich und läuft wie durch einen Ausguss nach innen ab, durch die Nase und in die Mundhöhle, wo ich ihren warmen, salzigen Geschmack auf der Zunge spüre.

Etwas macht mir aber meine unfreiwillige kleine Schreibpause eben deutlich. Der Aphorismus von den Bäumen und dem Sterben hätte zwar gut zu meinem geliebten Freund gepasst, aber er stammt nicht von ihm, wahrscheinlich noch nicht einmal von dem alten Klugscheißer Augustin. Warum ist mir dieser Satz denn dann so tief im Gedächtnis verwurzelt geblieben? Wahrscheinlich, weil ich jetzt selbst ein alter Mann und fast so alt wie dieses furchtbare, endlose Jahrhundert bin und die meisten meiner Gedanken im Lauf der Zeit wie totes Laub aus meinem Haupt gefallen sind. Ja, es wird langsam kahl dort oben und damit habe ich nicht nur meinen schütteren Haarwuchs gemeint. Wenn ich diese Welt verlasse, wird mein Geist wohl so leer und rein sein, wie der des Säuglings, der sie nach gregorianischer Rechnung Schlag Mitternacht am 1. Januar des Jahres 1901 betreten hat.

Doch vielleicht sollte ich meine Erinnerungen ganz anders beginnen.

Wenn es eine Konstante gibt, die für meine Heimatstadt gültig ist, dann ist es doch sicherlich jene, dass sich in ihr niemals etwas ändert oder es zumindest sehr, sehr langsam geschieht. Es mag in ihr Revolutionen, Pogrome, Attentate, Hungerkatastrophen und Choleraepidemien gegeben haben, Eroberer, Kriege und Misswirtschaft, aber der Leningrader erduldet alles und macht danach weiter wie bisher, lässt sich zurück in sein privates Leben fallen und trinkt nur ein wenig mehr Wodka. Die Politik überlässt der den Moskowitern, auf die er nicht allzu gut zu sprechen ist. Das eine Mal in diesem Jahrhundert, in dem den Städter im Oktober 1917 der gerechte Zorn über den seinen lächerlichen Zaren ergriff und er von Demagogen aufgepeitscht den Winterpalast stürmte, hat ihm bis heute genügt. Auch, weil er vom Regen in die Traufe geriet. Deshalb will der Genosse Leningrader eigentlich nur mehr seine Ruhe, ein Sofa, auf dem er sitzen und einen Fernseher, in den er glotzen kann, einen gefüllten Kühlschrank, vielleicht ein kleines Auto, aber ganz sicher ein nettes Mädchen, an deren weiten Brust er sich ausweinen kann. Schenke den Leuten ihren kleinen Wohlstand, Staatsmann, und es gibt keine Kriege und Aufstände mehr. Lass sie so leben, wie sie es schon vor einhundert Jahren getan haben, dann wird alles gut. Sind alle saturiert und satt, müssen die Schmarotzer, Kapitalisten und korrupten Politiker auch nicht fürchten, vom zornigen Volk am nächsten Laternenmast aufgehängt zu werden.

Auf jeden Fall haben die Menschen in dieser Stadt von den Religionen, Ideologien und irgendwelchen Ismen die Schnauze voll. Kein Wunder, wenn sie sie die Perle an der Newa nicht mehr Leningrad, sondern untereinander einfach wie früher „Piter“ nennen. Hat nicht Andre Gidé schon 1936 gesagt: „Was ich an Leningrad bewundere, ist St. Petersburg.“ Spricht das nicht Bände?

Und wenn dann plötzlich in der staubigen Auslage einer kleinen Buchhandlung in einer kleinen Seitenstraße des Rizhski-Prospekts nahe der Fontanka ein Schild hängt wie dieses:


Dann kommt die Welt endlich wieder in Ordnung.

„Wir besorgen jedes Buch - versprochen!“, las ich im Vorbeigehen und blieb sofort wie vom Schlag getroffen stehen. Ich gebe zu, mir war dieser namenlose Buchladen vollkommen unbekannt, obwohl er so aussah, als gäbe es ihn schon länger an diesem Ort als die Mikhail-Lermontov-Statue in der Nähe. Seit Jahren flanierte ich schließlich diese Straße vom Militär-Altenheim kommend hinunter, um mein bevorzugtes Teehaus vorne am Obvodniy-Kanal aufzusuchen. Und das geschah ausgerechnet mir, der ich am liebsten meinen Tag mit der Nase zwischen den bedruckten Seiten eines Buches verbringe und alle Literatur sammle, der ich habhaft werden kann! Ich kann deshalb meinen kleinen Wohnraum kaum mehr benutzen und schlafe in der Küche unter dem Tisch.

In meiner Erinnerung war das Haus, in dem ich nun so überraschend diese Buchhandlung entdeckte, ein ordentlich heruntergekommenes Bürohaus, in dessen Erdgeschoss sich bis in die Sechziger Jahre hinein ein ab da an nie wieder renovierter oder jemals umgebauter staatlicher Kurzwarenladen befunden hatte, an den heute nur noch eingeworfene und notdürftig mit Brettern abgedeckte Schaufenster und eine verwitterte und abgebröckelte Schrift über der Tür erinnerten. Gut, dann war da eben ein neues Geschäft eingezogen – gut für mich; die Zeiten ändern sich.

Aber dieses Schild war schon frech. Jedes Buch konnten sie besorgen? Wirklich? Wenn das stimmte und nicht ein freches Märchen war, dann musste sich hinter der Eingangstür das Paradies befinden. Zumindest mein Paradies.

Mein imaginärer Leser, lass mich ehrlich zu dir sein: Ich legte beide Hände an den Kopf und spähte durch die schmutzige Scheibe in die Auslage, in der das verheißungsvolle Schild hing – und ich zitterte vor Aufregung! Doch die Auslage war so leer wie die Regale eines Lebensmittelgeschäfts. Etwas Dreck und Fussel lagen in den Ecken und eine Fliege auf dem Rücken, mit zusammengeklappten Beinen. Der Blick hinein in den Laden war mir durch die rohe Rückseite eines breiten Schranks versperrt, der von innen gegen das Fenster geschoben worden war. Vielleicht ein Bücherregal? Noch ließ ich die Hoffnung nicht fallen, in der trostlosesten und grausten Straße von allen grauen und trostlosen Straßen dieser Stadt auf eine unverhoffte Schatzkiste gestoßen zu sein. Zu heftig loderte das frisch entzündete Feuer des Bücherliebhabers in meinem Gemüt, um jetzt schon enttäuscht aufzugeben und mich abzuwenden. Seit der Genosse Gorbatschow der Parteisekretär der KPdSU geworden ist, weht doch ein frischer Wind durch die alte, müde UdSSR und mit „Glasnost“ und „Perestroika“ sind plötzlich Dinge möglich geworden, an die unter seinen muffig nach Verwesung stinkenden Vorgängern nicht einmal zu denken gewesen wäre. Also auch ein Antiquariat, das, wie er großmäulig und mit echter russischer Seele versprach, jedes Buch besorgen konnte. Warum also nicht?

Ich trat vor die Tür und drückte die Klinke hinunter. Bei meinem Glück war der Besitzer noch in der Mittagspause. Doch das Geschäft war nicht abgeschlossen, das spürte ich. Die Tür jedoch, sie ließ sich nur wenige Millimeter nach innen öffnen, dann stieß sie schon auf einen Widerstand, als würde ich sie gegen eine massive Wand pressen. Das konnte doch nicht wahr sein!

Ich nahm es erst einmal sportlich, denn wir Leningrader sind große Sportler, auch wenn wir manchmal nicht vollkommen legale Mittel anwenden, und drückte fest mit der Schulter gegen die Tür. Tatsächlich hatte ich den Eindruck, sie würde sich um eine Papierbreite weiter hinein bewegen. Und gleichzeitig stieg mir der süßeste und wunderbarste Duft der Welt in die Nase. Es war der unverwechselbare Geruch nach alten Büchern, nach dem sauren Papier ihrer gelb-braun verfärbten Seiten, nach dem Leim ihrer Einbände, nach dem feinen Staub, der auf ihren Goldschnitten lag. Ich fühlte mich wie ein Verhungernder, dem der Zutritt in eine Küche verwehrt wird, aus der er schon die Dämpfe nach Borschtsch, Pelmeni und Kohlrouladen riechen kann.

Daher drückte ich fester gegen das Holz der nicht sehr stabilen Tür. Ich kannte das ja von der Physik, der Philosophie und der Juristerei: Auch sie sind Türen, die sich nur mit Eifer und Geduld öffnen lassen und ist man erst einmal drinnen, ist alles gut. Aber bis dahin ist es leider kein Zuckerschlecken. Wenn ich in den Jahren, die ich in Professor Krakows Privatgulag zweihundert altväterliche Werst nördlich von Krasnojarsk verbrachte, etwas gelernt habe, dann ist das Geduld.

Inzwischen war der Türspalt schon so breit, dass ich eine Hand hätte hindurch schieben können.

„Hallo, Towarischtsch Buchhändler!“, rief ich in der Hoffnung, drinnen Aufmerksamkeit zu erregen. Doch mir wurde nicht geantwortet.

Ich trat einen Schritt zurück und atmete von der Anstrengung keuchend ein und aus, die man dem Herz eines über Achtzigjährigen eigentlich nicht zumuten dürfte. Mir war schwindlig und ich kniff die Augen zusammen. Täuschte ich mich, oder glitt die Tür, nachdem ich sie einmal mit meinem Kraftakt in Bewegung gesetzt hatte, nun doch unendlich langsam Millimeterchen für Millimeterchen weiter nach innen? Nein, ich sah richtig. Es war, als würde sie dabei in eine dickere Atmosphäre tauchen, in der sich die Zeit zusammenzog wie in einem schwarzen Loch. Glaubt mir oder nicht, ich hatte in meinem Leben schon wesentlich seltsameres, unheimlicheres und erschreckenderes gesehen, um mich von solch einem Phänomen beunruhigen zu lassen. Ich werde dir später treu und ehrlich von meinen metaphysikalischen Erlebnissen berichten. Aber das alles wurde allmählich sogar mir zu lang.

Ich sah mich um. Außer meiner Wenigkeit waren nicht viele Leute unterwegs und keiner schien sich über einen alten Veteranen zu wundern, der vergeblich versuchte, durch eine schmale Tür zu treten. Weiter hinten spielten ein paar Kinder und warfen Kronkorken gegen eine Hauswand. Und wenn ich weitergehen und mich vorne an der Kreuzung nach rechts wenden würde, dann käme ich auch in meinem Greisentempo in nur wenigen Minuten zu Vasilijs Café „маленький чайхана“, wo wie an jedem Werktag schon ein blubbernder Samowar, ein Schälchen mit Würfelzucker, eine Untertasse mit Bubliki und die „Nowy Mir“ auf mich warteten.

Ach, ja. Ich entschied mich, nicht wieder in meinen Alltag zurückzukehren und nahm das Risiko auf mich.

„Риск - благородное дело.“ - „Das Wagnis ist eine edle Sache“, sagt man.

Ich nahm ein paar Schritte Anlauf und sprang mit Wucht gegen die widerspenstige Tür, die mir so hartnäckig den Eintritt ins Paradies verwehrte. Und fiel mit ihr buchstäblich ins Haus!


❧


„O, господи! - Ach, herrje!“

Nun müsste ich dir eigentlich berichten, wie es mir in der Buchhandlung ergangen ist, mein geduldiger Leser. Aber meine Erinnerung setzt erst richtig in dem Moment wieder ein, als ich geraume Zeit später – es waren in der Tat über zwei Stunden vergangen -, erneut auf dem Bürgersteig vor dem Buchlanden stand. In der Hand hielt ich ein Buch mit einem schlichten, blauen Einband und einen recht dicken Stapel leerer, linierter Kanzleipapier-Bögen im Quartformat, auf denen ich jetzt meine Aufzeichnungen für dich niederschreibe. Jetzt war die Tür wirklich fest verschlossen und das Schild, das mir so vollmundig vorhin alle Arten von Büchern versprochen hatte, war im Schaufenster umgedreht worden und auf der jetzt sichtbaren Rückseite stand schlicht „Geschlossen“ zu lesen.


Für heute auf den Besuch des „Kleinen Teehauses“ zu verzichten, so überstürzt am verblüfften Pförtner vorbei zurück ins Altenheim zu humpeln, wie das für einen alten, hinkenden Veteranen dieses entsetzlichen 20. Jahrhunderts nur möglich ist, den Küchentisch - den einzigen, den ich besitze -, von Briefen, Essensresten und Zeitschriften leerzuräumen und dann sogleich mit dem Schreiben zu beginnen, war alles, was ich in diesem Augenblick wollte. Denn ich muss dir ja unbedingt von den Dingen berichten, die mir geschehen sind. Das ist meine Aufgabe, hatte ich erkannt. Ich bin der letzte Überlebende, der noch von Allem erzählen kann. Die anderen Augenzeugen sind längst von uns gegangen. Und ich sollte mich eilen, denn selbst mich, auch wenn ich es manchmal kaum zu glauben vermag, wird wohl bald der Teufel holen. Er schleicht schon in den Nächten humpelnd durch die Gänge des Heims und hält in der Gestalt des Pflegers Lasar schnuppernd seine Nase in die Luft. Aber die Wahrscheinlichkeit, alt zu werden, steigt mit dem Alter, das man erreicht hat. Ich wäre nicht der erste Russe, dem es gelingt, dem Teufel ein Schnippchen zu schlagen.

Wenn du dich nun fragst, ob mir nicht doch irgendeine Erinnerung an meine Erlebnisse in der Buchhandlung geblieben ist: Doch, manches weiß ich noch. Es steht mir deutlich vor Augen, als wäre ein Schlaglicht darauf gerichtet. Anderes ist verschwommen, nebulös oder ganz meinem Gedächtnis entfallen; das alles ist eine Collage aus Eindrücken und großen weißen Flächen, die ich unmöglich in eine zeitliche oder gar sinnvolle Reihenfolge bringen kann.

Das erste, an was ich mich erinnere, ist, dass mir jemand aufgeholfen hat, als ich drinnen zwischen zwei hohen Bücherstapeln schwer zu Boden stürzte und mir dabei ein Knie verstauchte, weil die von innen grün gepolsterte Eingangstür so urplötzlich ihren Widerstand aufgegeben hatte. Aber wer mir mit seinen Armen unter die Achseln fuhr und mir aufhalf – ich weiß es nicht mehr. Nicht einmal, ob es ein Mann, eine Frau oder gar ein Kind war. Ich sehe allerdings noch das Gesicht eines gutmütigen, mittelalten Mannes mit Leninbart vor mir, der sich über eine Theke hinweg nach meinen Wünschen erkundigt. Er spricht fehlerloses Russisch mit einem merkwürdigen weichen Akzent. Ich glaube, er ist Lateinamerikaner, vielleicht ein Kubaner.

Im Hintergrund des hohen Raumes, den im 1. Stock eine Galerie umläuft, die über eine gusseiserne Wendeltreppe zu erreichen ist und auf der eine überwältigende Anzahl gestopft voller Bücherregale steht, sitzt ein dunkelhaariges, vielleicht sechs- oder sieben Jahre altes Mädchen. Es ist bildhübsch. Das ist mein nächster Erinnerungssplitter: Ich lächle ihm vertraut zu. Es zermahlt wie eine wiederkäuende Kuh einen Kaugummi, sitzt auf einem Kanzleistuhl, mit dem es ausdauernd zurück kippelt und dabei ständig Gefahr läuft, mit ihm gemeinsam nach hinten gegen eine Bücherwand zu stürzen. Es hält ein großes, dickes Buch vor sich auf den Oberschenkeln, einen antiquarischen Atlas, wie mir jetzt einfällt. Aber es kümmert sich nicht um den Band, den es bei einer Landkarte von Nordamerika aufgeschlagen hat. Es beobachtet mich stattdessen aus seinen dunkelbraunen, wie fette Kohlestückchen glänzenden Augen und ich fühle mich, als würde es versuchen, mich zu hypnotisieren. Oder nein, da überlappen sich zwei Erinnerungen! Dieser Blick kommt von dem rostrot getigerten Kater, der unter dem Stuhl des Mädchens kauert! Er hat vier blütenweiße Pfoten und eine ebenso weiße Maske teilt sein intelligentes Gesichtchen, das einem Rorschachtest entsprungen scheint, in zwei symmetrische Hälften.

„Não!“, wird meine erstaunte Frage beantwortet, „das ist nicht „Mephisto“; so alt werden Katzen auch hier nicht. Der alte Kater hat den Schweizer zwar um ein paar Jahre überlebt, aber er ist noch vor dem Großen Krieg gestorben. Das hier ist Chert, unser „Meister Hämmerlein“, wie ihn das Mädchen nennt. Er hat schon vor vielen Jahren Mephistos alten Platz bei uns eingenommen und ist der stolze letzte einer langen Ahnenreihe von edlen Buchkatzen. Morrem os gatos banqueteiam-se os ratos. Ein Buchladen ohne Katze ist wie ein Tanzlokal ohne Musik, mein Freund – ohne Liebe und ohne Seele.“

„Meister Hämmerlein“ hat wohl bemerkt, dass über ihn gesprochen wird, denn er gähnt, streckt sich ausgiebig und schlendert dann mit hocherhobenem Schwanz sorglos zu mir herüber, um mich zu begrüßen. Er streicht mir schnurrend um die Beine, als wären wir alte Bekannte. Ich beuge mich zu ihm herab und sehe:

Da ist noch jemand in dem Raum, halb hinter einem hohen Zeitschriftenständer verborgen, in dem allerdings keine Magazine, sondern schmale Bilderbücher stecken. Diese Gestalt ist für mich kaum greifbar, ein Schatten ohne Gesicht und Konturen. Aber ich fühle mich nicht bedroht, Frieden und Ruhe gehen von dieser Erscheinung aus. Will sie sich vor mir verbergen? Kenne ich sie vielleicht? Fast will mir scheinen, es ist so.

In einem weiteren Bruchstück, das mir von den zwei Stunden in dem Laden geblieben ist, nicke ich begeistert.

„Ja, das ist eine gute Idee“, stelle ich fest. „Dass ich noch nicht selbst darauf gekommen bin.“

Der südamerikanische Buchhändler schmunzelt zufrieden und gibt dem Mädchen einen Auftrag.

„Mercedes!“, ruft der wohlbeleibte Mann und seine Tochter eilt beflissen herbei – jetzt ist ihr hoher Hocker, auf dem sie eben noch saß, doch umgefallen. „Meister Hämmerlein“ rennt davon und taucht unter einen Vorhang. Der Mann fährt ihr zärtlich über ihr welliges, dichtes Haar.

„Hole uns Papier, bela garota!“

Mich ergreift ein überwältigendes Déjà-vu. Plötzlich weiß ich es wieder. Ich war in diesem Antiquariat schon einmal, vor ziemlich genau fünfzig Jahren, in den Dreißigern, lange vor dem großen vaterländischen Krieg. Ich war damals nicht allein dort, der große Michail Afanassjewitsch hatte mich hingeführt. Wie habe ich das nur vergessen können? Der Laden war in einem anderen Haus und in einem anderen Stadtviertel gewesen; in der Südlichen Wyborgski, wenn ich mich recht entsinne. Aber der Laden sah exakt so aus wie heute, das weiß ich noch genau. Nur der Händler war ein anderer gewesen – ebenfalls kein Russe, sondern, ich denke, es war ein Schweizer …

Das sind meine Erinnerungen. Vielleicht kannst du ja etwas damit anfangen. Ich jedenfalls wurde meiner erst wieder bewusst, als ich das Antiquariat verlassen hatte.

Welches Buch mochte ich mir denn in der Buchhandlung ausgesucht haben, auch wenn ich daran nur noch eine verschwommene Erinnerung hatte? Es war zu meinem vollkommenen Erstaunen ausgerechnet eine vollständige Ausgabe von „Der Meister und Margaritha“, jenem berühmt-berüchtigten satirischen Roman von eben jenem Michail Afanassjewitsch Bulgakow, mit dem ich ‘34 oder ‘35 in dieser Buchhandlung gewesen war; so genau weiß ich das nicht mehr. Selbstverständlich hielt ich eine russische Ausgabe in Händen, gedruckt von einem mir unbekannten westdeutschen Verlag. An solch eine Ausgabe ist praktisch nicht heranzukommen, die einzige offizielle und längst vergriffene Ausgabe des Romans ist die von der Zensur stark gekürzte Version aus dem Jahre 1966. Für mich ist dieses Buch wertvoller als eine byzantinische Ikone aus dem Alexander-Newski-Kloster.

Вот тебе на! Ich bemerke es schon, mein Leser. Auf welche Weise ich dem Genossen Michail Afanassjewitsch begegnet bin, willst du wissen? Nun, ich habe ihn bestohlen.

Da war ich Anfang Dreißig, eigentlich noch blutjung und unerfahren; ein grüner Junge, der Rechtswissenschaften an der Leningrader Universität belegt hatte. Heute heißt sie ausgerechnet nach dem größten Widersacher der modernen russischen Kultur Staatliche Schdanow-Universität. Nach den bedrückenden Jahren des Bürgerkriegs und meines endlosen Militärdienstes, die mir meine Jugend geraubt hatten, glaubte ich, die Welt hätte gerade noch auf einen wie mich gewartet.

„Begegnet“ ist übrigens in diesem Fall ein verständlicher Euphemismus für einen Jüngling, der ganz kurz glaubt, er wäre nicht in der Lesestube eines literarischen Vereins, sondern in seinem persönlichen Literaturhimmel gelandet. Als ich mit Wanja, einem Freund, der futuristische Gedichte über den neuen Sowjetmenschen schrieb und deshalb Eintritt in diese heiligen Hallen hatte, in den kleinen, verräucherten Raum trat, saß der von mir Vergötterte halb von einer spanischen Wand verdeckt an einem Ecktisch. Er studierte aufmerksam eine Zeitschrift, die er trotz seiner schmalen Lesebrille ganz nah an sein Gesicht gehoben hatte. Selbstverständlich sprach ich ihn nicht an, sondern setzte mich mit Wanja ziemlich weit von ihm entfernt an einen Tisch an der anderen Seite des Raums und himmelte ihn von der Ferne an, während mein Dichterfreund wortreich mit irgendwelchen pikanten Anekdoten über seine weiblichen Eroberungen angab. Ein Glas Weißwein stand vor Bulgakow auf dem Tisch und daneben lag ein recht schmales schwarzes Buch – keines von seinen eigenen. Wahrscheinlich war es seine momentane Lektüre. Mich interessierte brennend, was das für ein Werk war, aber ich saß zu weit entfernt.

Lass ihn mich dir beschreiben: Seit ein paar Jahren wurden die als bourgeois verrufenen Werke des bislang erfolgsverwöhnten Schriftstellers nicht mehr veröffentlicht und seine Stücke – wie sein genialer „Molière“ - nicht mehr aufgeführt. Seine materielle Lage war schwierig, aber es hieß, er habe sich in seiner Verzweiflung direkt an Väterchen Stalin gewendet und durch dessen Vermittlung den Posten eines Regie-Assistenten am Moskauer MXAT ergattert. Offenbar ging es ihm dort nicht sehr gut, denn seit den letzten Fotos, die ich von ihm kannte, war der hagere, äußerst elegante Sanguiniker ordentlich in die Breite gegangen. Der gerade einmal Vierzigjährige wirkte schwerfällig und vorzeitig gealtert und seine streng zurückgekämmten Haare waren dünn und aus der Stirn verschwunden. Wie wir alle rauchte er wie ein Schlot und trank. Er hatte eine ungesunde, rot gesprenkelte Gesichtsfarbe, was auf einen zu hohen Blutdruck hinwies. Aber seine Augen funkelten noch immer neugierig und ein leichtes Lächeln lag ausdauernd auf seinen Lippen. Welche Fügung ihn an diesem Tag nach Leningrad in diesen Club führte, habe ich erst später erfahren. Während er immer verzweifelter auf ein Auslandsvisum wartete, machte er wegen seiner Beschwerden eine Elektroschock-Kur und wohnte währenddessen im vornehmen Astoria-Hotel. Чëрт его знает, wie er sich diesen Luxus leisten konnte.

Immerhin! Auf einmal schien der Autor doch zu bemerken, dass er meiner permanenten Beobachtung ausgesetzt war, denn er sah plötzlich wie ertappt auf, linste über den Rand seiner wie ein Geier auf seiner Nasenspitze hockenden Brille hinweg in den Raum, fand meinen Blick, erwiderte ihn unfreundlich und musterte mich durchdringend. Ich gab als erster nach und senkte die Augen. Abgelenkt lauschte ich eine Weile den Worten von Wanja, die wie ein Wasserfall aus seinem Mund plätscherten und sich um eine kleine Soubrette am Mariinski-Theater drehten.

Es dauerte eine ganze Weile, bis ich mich erneut getraute und zu Bulgakow hinüber spähte. Er saß zu meiner Überraschung nicht mehr an seinem Platz. Ich sah mich in dem Lesesaal um. Offenbar hatte er ihn nur kurz verlassen. Denn sein halbvolles Weinglas und das von der Zeitschrift, in der er geblättert hatte, halb verdeckte Buch lagen noch immer auf seinem Tisch. Frage mich heute nicht mehr, lieber neugieriger Leser, welcher Kikimora mich damals ritt, aber ich handelte gedankenschnell. Ich erhob mich zum Erstaunen meines Freundes eilig von meinem Platz, ging hinüber zum leeren Tisch des Schriftstellers und – hast du es nicht gesehen -, nahm sein schwarzes Buch an mich und verbarg es eilig unter meiner Jacke. Diesen frechen, mir heute noch unbegreiflichen Diebstahl hat wahrscheinlich niemand bemerkt; nicht einmal Wanja, da ich ihm bei meiner Tat den Rücken zukehrte. Er fragte mich zwar, was ich dort drüben gewollt habe, aber ich zuckte nur mit den Schultern und murmelte ein paar gleichgültige Worte. Mein Freund war viel zu sehr auf sich selbst bezogen und mit seinen Erzählungen von seinen angeberischen Liebesabenteuern beschäftigt, um nachzuhaken.

Ich weiß, du möchtest nun erfahren, was dies für ein fabelhaftes Buch war, das ich so frech von Bulgakow entwendete und das leider nicht lange genug in meinem Besitz war, um es mit der Aufmerksamkeit studieren zu können, die es eigentlich verdiente. Da muss ich dich auf später vertrösten, an das Ende meiner Aufzeichnungen, wenn ich alles andere berichtet habe. Aber so viel kann ich schon verraten: Ich hielt mit meinem Diebesgut, das übrigens, soweit ich informiert bin, zum ersten Mal im Jahr 1819 in einer Berliner Buchhandlung auftauchte und nach einigen Umwegen in der Bibliothek des Dichterfürsten Goethe landete, ein kleines Stück von der ungeheuerlichen Geschichte, die alsbald mein Leben verändern und bestimmen sollte, in meinen Händen. Es ist eine Schande, wie wenig ich daraus machte.

Ach, ach! Ich bin gerade aufgesprungen und händeringend um den Küchentisch gelaufen. Nimm das nicht ganz wörtlich, mein Leser: Selbstverständlich kann ein asthmatischer und vom Rheuma geplagter Greis mit einem schwachen Herz nicht einfach aufspringen und um einen Tisch rennen! Aber als ich eben atemlos mit dem kümmerlichen Rest aus meiner letzten Flasche Wodka – Gott strafe den verblichenen Genossen Andropow, der seine Herstellung so weit einschränkte, dass das Wässerchen ein Luxusgut geworden ist – und einem Zahnputzglas zum daraus Trinken zu meinem Platz zurückkehrte, fühlte ich mich genauso abgekämpft. Und darauf kommt es doch an, oder? Siehst du nun, worauf ich zu Beginn meiner Aufzeichnungen hinauswollte, als ich von meinen Gedanken schrieb, sie würden wir Herbstlaub von meinem Haupt fallen und bunt auf den Wegen durcheinanderwirbeln, mutwillig hierhin und dorthin hüpfen?

Meine Aufgabe ist klar umrissen und deshalb wurden mir doch auch in der verzauberten Buchhandlung die Papierbögen mitgegeben. Ich soll von meiner Begegnung mit meinem armen Wastija und unseren gemeinsamen Erlebnissen im Gulag berichten, um die Geschichte für die Nachwelt – also für dich, mein Leser! - aufzuheben. Doch die Gedanken hüpfen mir von hier nach dort, springen vor und zurück in der Zeit und das Garn meiner Erzählung verwickelt sich zu dem unauflösbaren, verknoteten Knäuel, das mein Leben ist. Ist das ein Zurückscheuen, vielleicht gar Angst vor der Erinnerung? Verzeih mir meine Mängel. Ich bin kein Schriftsteller und beherrsche nur die trockene, umständliche Sprache eines Juristen, der allerdings sein Geschäft niemals richtig ausgeübt hat. Von einem begnadeten Autor wie zum Beispiel Michail Afanassjewitsch einer war, bin ich endlos weit entfernt.

Also gut. На здоровье! Zum Wohl, mein Leser, gönne dir und mir eine Pause und ein Gläschen. Lass uns so tun, als würden wir anstoßen. Dann werde ich meine Aufzeichnungen von neuem und vielleicht besser und verständlicher beginnen.

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Mein Prozess dauerte schließlich genau vier Minuten und sechsunddreißig Sekunden. Diese lächerlich kurze Zeitspanne genügte für die Verlesung der Anklageschrift durch den Staatsanwalt, dessen joviales Äußeres mich immer an den Schauspieler Boris Andreyev erinnerte, für das resignierte Schulterzucken meines sogenannten „Verteidigers“, die Verkündung des Urteils und der Festlegung des Strafmaßes – wie bei allen anderen vor mir war es die Todesstrafe mit Umwandlung in eine lebenslange Haft in einem Arbeitslager –, und letztlich genügte die Zeit auch für mein knappes Schlusswort:

„хуй тебе в зỳ бы! - Leckt mich!“

Wie gesagt: Vier Minuten und sechsunddreißig Sekunden können über ein Schicksal entscheiden.

Dies war übrigens das letzte Mal, dass ich für viele Jahre die genaue Uhrzeit wusste, denn gleich nach dieser Farce wurde ich wieder in den kahlen Verhörraum zurückgeführt. Dort musste ich die für die Dauer der Verhandlung kurzzeitig zurück erhaltene und nach einem Jahr hungern viel zu weiter Zivilkleidung und meine wenigen Wertsachen abgeben. Anschließend wurde ich noch ein letztes Mal ein wenig von meinen Folterknechten durchgeprügelt. Dies geschah jedoch mehr aus Folklore als aus Überzeugung, denn sie gingen sehr nachlässig vor und ich blutete anschließend nur ein wenig aus meiner erneut gebrochenen Nase. Weshalb ich, ich erwähnte es bereits, heute aus den Nasenlöchern weine. Der Ranghöchste von ihnen, der schon erwähnte Hauptmann Utschakow, steckte sich grinsend meine goldene Uhr in die Uniformjacke, nachdem er sie genüsslich ans Ohr gehalten und eine Weile verzückt ihrem Ticken gelauscht hatte.

Dann trieb man mich halbnackt hinaus auf einen eisigen, windigen Gefängnishof, wo bereits einige ebenfalls nahezu unbekleidete Leidensgefährten auf unsere gemeinsame Deportation ins Gulag warteten. Aus den tiefhängenden Wolken fiel feuchter, schwerer Schnee in dichten Flocken in diesen düsteren Tag hinein und wir drängten uns bibbernd ganz eng aneinander.

Es ist sicher nicht notwendig, die vielfältigen Gründe, die zu meiner Verhaftung durch Berias MGB-Schergen und im Frühjahr 1951 dann endlich zu meiner Verurteilung führten, heute aufzuführen und über die Behandlung, die mir widerfuhr, zu klagen. Selbst wenn Anschuldigungen der Wahrheit entsprechen sollten, waren sie doch alleine dem wachsenden Verfolgungswahn des allseits verehrten Genossen Parteisekretär Josef Wissarionowitsch Stalin geschuldet, der wahllos jeden ins Gulag schicken oder vor ein Erschießungskommando stellen ließ, der sich in seinen Augen auf die eine oder andere Art verdächtig machte. Und verdächtig – das waren für ihn inzwischen alle.

Deshalb stand ein bunt zusammengewürfelter Haufen menschlicher Jammergestalten an jenem Samstag im Februar mit nackten Füßen auf den vom Schneematsch rutschigen und kalten Pflastersteinen in einem Hinterhof des berüchtigten Kresty-Gefängnisses an der Großen Newa. Alle Viertelstunde wurde ein weiterer, im Schnellverfahren abgeurteilter Unglücklicher aus dem ziegelroten Gebäudekomplex ausgespuckt und gesellte sich niedergeschlagen zu unserem zitternden Häuflein. Wir wurden dort im Hof nur schlecht und nachlässig bewacht, denn keiner der Wärter hatte Lust, sich bei dem nassen Schneefall und der lausigen Kälte näher zu uns zu gesellen. Von uns ging ja auch keinerlei Bedrohung oder gar Rebellion aus und an eine Flucht in schmutziger Unterwäsche dachte auch keiner. Unsere gelangweilten, Papirossa rauchenden Aufpasser mit ihren auf die Rücken geschobenen Kalaschnikow-Gewehren standen an der Wand unter einem schützenden Dach, wo in einer rostigen Tonne ein kleines, qualmendes Holzfeuer brannte. Eine Flasche vom Selbstgebrannten ging bei ihnen rundherum.

So kam es, dass wir Verurteilten uns zuerst flüsternd und dann immer lauter unterhielten und unsere traurigen Geschichten austauschten. Stell dir vor, auf dem Hof fror ein Durchschnitt durch die Sowjetgesellschaft unter besonderer Berücksichtigung der Intelligenzija. Wir hatten unter uns einen Professor für Sinologie, einen Deserteur, einen Trambahnfahrer, einen Theaterschauspieler, den baumstarken sibirischen Schmuggler und Schamanen Fedor, von dem ich noch viel berichten werde, dazu einen ehemaligen Komsomol-Funktionär, zwei Lehrer, mehrere Kolchos-Bauern, einen Frauenmörder und einen gescheiterten Rechtsanwalt – also meine Wenigkeit. Zusammenzurücken und uns gegenseitig aus unseren verpfuschten Leben zu erzählen, lenkte uns gut von unseren immer steifer werdenden, halb durchgefrorenen Gliedmaßen ab. Bald begannen wir wie die Peripatetiker im Kreis zu gehen, ab und zu gegen die Kälte gymnastische Übungen zu machen oder uns auf Fedors Empfehlungen hin gegenseitig abzureiben. Immer wieder warfen wir sehnsuchtsvolle Blicke zu der kleinen Feuerstelle hinüber, die uns wie ein nahes, aber unerreichbares Paradies erschien. Das alles half uns, diesen endlosen, früh in der Dämmerung versinkenden Nachmittag zu überstehen.

Endlich öffnete sich die Hintertür zum Hof ein allerletztes Mal für diesen Tag und ein einzelner Sträfling wurde von zwei Wärtern, die ihn zwischen sich unter den Achseln ergriffen hatten, ins Freie gezogen und uns wie Abfall vor die Füße geworfen. Ihm war es am Schlechtesten von uns allen gegangen. Jeder unter uns Jammergestalten war ausgezehrt, fiebrig und erbärmlich, aber dieser Verurteilte befand sich in einem mitleiderregenden Zustand und schien auf dem hauchdünnen Seil zwischen Leben und Tod zu balancieren. Der fast zum Skelett abgemagerte Mann, der sich direkt vor mir stöhnend auf dem Pflaster auf die Seite wälzte und sich dort wie ein Fötus in sich zusammenkauerte, hatte am ganzen Körper Blutergüsse, Wunden und blaue Flecken, seine eingenässte Unterwäsche war zerrissen und blutig.

Mit wundem Herz setzte ich mich zu ihm und legte seinen kahlgeschorenen Kopf auf meinen Schoß. Offenbar hatte er bei den Verhören länger Widerstand geleistet als wir anderen Angsthasen und sich hartnäckig geweigert, sozialistische Selbstkritik zu äußern. In seinem augenblicklichen Zustand war es unmöglich für mich, sein wirkliches Alter festzustellen. Seine verwitterten und narbigen Gesichtszüge waren die eines Greises mit eingefallenen Wangen und nur noch wenigen Zahnruinen im Mund. Aber irgendetwas sagte mir, dass er noch nicht alt war. Hätte mir allerdings jemand erzählt, er sei fast zehn Jahre jünger als ich, ich hätte es ihm sicher nicht geglaubt.

Er atmete lange und pfeifend aus. Ich beugte mich weiter zu dem Ärmsten herunter und wollte kontrollieren, ob er noch atmete oder sich nicht gerade jetzt mit einem letzten Schnaufer von diesem Jammertal verabschiedet hatte. Da schlug er erschrocken seine Augen auf und starrte mich an. Er hatte den fassungslosen Blick einer geprügelten, unschuldigen Kreatur, ängstlich und gehetzt. Ich redete ihm gut zu und sammelte mit der Hand ein wenig Schnee, den ich auf seine vom Fieber kochende Stirn drückte. Sein verschleierter Blick wurde klarer und für einen kurzen Moment sah mich ein beseelter Mitmensch und kein gejagtes Tier in der Falle mehr an.

„Wie heißt du, Towarischtsch?“, fragte ich den Genossen. Er nuschelte, weil man ihm die Schneidezähne ausgeschlagen hatte. Trotzdem war sein fehlerhaftes Russisch gut zu verstehen. Es war unzweifelhaft ein Deutscher.

„Ich bin … ich heiße Sebastian Kerr. Ich freue mich, Sie kennenzulernen, Freund“, stammelte er mit letzter Kraft, stöhnte und presste seine Lider unter Schmerzen zusammen. Dann überwältigte ihn das Selbstmitleid. „Weißt du, ich habe mir meinen dreiundvierzigsten Geburtstag schon etwas anders vorgestellt.“

Sebastian, den ich aufgrund seines unaussprechlichen Namens sofort in „Wastija“ umtaufte, versuchte tatsächlich zu lächeln. Er gab sich wirklich Mühe, aber mehr als einen schiefen Mundwinkel brachte er mit seinen geschwollenen, aufgeplatzten Lippen nicht zustande. Tränen des Schmerzes quollen ihm aus den Augenwinkeln und gruben helle Furchen in seine schmutzigen Wangen. Ich befürchtete wieder, er würde auf der Stelle in meinen Armen seinen Wunden und der Erschöpfung erliegen und rief nach den Wärtern. Doch diese Unmenschen ließen sich nicht einmal herab, sich von ihrer Feuerstelle abzuwenden und zu uns hinüber zu sehen. Wollten sie uns denn alle hier auf dem Hof wie Vieh verrecken lassen?

Aber ich will ganz ehrlich mit dir sein, Leser: Als ich vernahm, dass ich ausgerechnet einen Deutschen in den Armen hielt, war ich nahe daran, seinen Kopf auf die Erde zu legen und mich leise davonzuschleichen. Mein Verstand sagte mir zwar, dass er ein genauso armer Hund wie wir alle und wahrscheinlich an den Gräuel unschuldig war, die seine Landsleute in Väterchen Russland veranstaltet hatten, aber meine Wut auf die Nazis sprach eine andere Sprache. Das Verbrechen der Wehrmacht an Leningrad, dass ich vor nicht einmal zehn Jahren miterlebt hatte, konnte und wollte ich nicht vergeben. Niemals – auch heute noch nicht. Doch dann liefen seine warmen Tränen über meine Hände und mein Widerwille schmolz durch die Hitze des Mitleids, das ich für ihn empfand. Keine Kreatur durfte so viel leiden wie er. Das konnte und durfte niemals gerecht sein.

Doch endlich tat sich etwas. Das hohe Eisentor zum Ausgang zur Straße hin wurde geöffnet und zwei Automobile kamen in den Hof gefahren. Sie bremsten erst knapp vor unserem Häuflein. Der eine Wagen war ein nagelneuer MAZ-200-LKW mit einem Wellblech-Kofferaufbau auf der Pritsche. Dadurch war ein fensterloser Bus für Gefangenentransporte entstanden, der problemlos dreißig oder mehr Menschen aufnehmen konnte. Der andere Wagen war zu meiner Überraschung und Faszination tatsächlich ein schwarzer ZIS-115 aus dem Moskauer Stalinwerk. Mit solchen gepanzerten Staatskarossen ließen sich eigentlich nur die höchsten Regierungsvertreter zu Empfängen oder diplomatischen Missionen fahren und man sah sie selbst hier in Leningrad sehr selten. Es gab in der gesamten Sowjetunion sicherlich nicht mehr als dreißig, vierzig Stück von den noblen, dabei absolut beschusssicheren Wägen.

Aus dem offenbar gerade gewaschenen und blitzsauberen Automobil stieg ein endlos langer und dünner Mann, der einen knöchellangen Zobelfellmantel und eine dazu passende Mütze trug. Die Gefängniswärter ließen sofort unauffällig ihr „Wässerchen“ verschwinden und nahmen respektvoll Haltung an. Ihre Stiefel knallten zackig, als sie die Kalaschnikows präsentierten und ihr Kinn in die Luft streckten. Das musste schon ein verdammt hohes Tier sein, das uns hier in unserem proletarischen Fegefeuer besuchte, aber das bleiche Mondgesicht des Mannes war mir vollkommen unbekannt. Er salutierte nachlässig zu den Soldaten hin und trat dann sofort zu dem bewusstlosen Wastija und mir. Seine schweren glänzenden Winterstiefel, an denen keine Spur Staub oder Schneematsch waren, klirrten lautstark und merkwürdig metallisch auf dem Pflaster.

Es fällt mir schwer, Dr. Dmitri Alexandrowitsch Krakow so zu beschreiben, wie ich ihn zum ersten Mal an jenem trüben Spätnachmittag sah und dabei unsere spätere intime Bekanntschaft, die von meiner Seite von abgrundtiefem Hass erfüllt war, und mein Wissen über ihn auszulassen. Aber ich will es für dich trotzdem versuchen, mein Leser. Das erste, das mir auffiel, war seine Größe. Er überragte uns wie eine hohe, schmale Birke das niedrige Buschwerk in der Tundra. Das volle Gesicht unter der Mütze lag im Schatten und er trug trotz der hereinbrechenden Dämmerung eine kleine Brille mit kreisrunden, geschwärzten Gläsern. Er nahm sie nicht ab, als er uns aufmerksam von oben herab musterte. Die Kleidung unter dem Mantel hatte militärischen Schnitt, aber ich konnte sie keiner Sowjetinstitution zuordnen. Dann hoben sich seine etwas weibisch wirkenden, wie mit einem Kosmetikstift nachgezeichneten Augenbrauen, als wäre er über unseren Anblick amüsiert. Weißt du, wir waren sicher ein Anblick für die Götter, wie wir da in unserer schmutzigen Unterwäsche wie die Pietà von Michelangelo aussahen und dabei eine höfliche Konversation betrieben, als ob wir gerade zufällig in einem Gasthof zusammengekommen wären.

„Da haben sich ja die zwei Richtigen schon gefunden“, sagte er mit seiner kalten Eisenerzstimme. Wenn das eine witzig gemeinte Bemerkung gewesen sein sollte, blieb mir ihr tieferer Sinn verborgen. Er nickte zufrieden.

„Die beiden hier“, wandte er sich zurück zu zwei Soldaten, die wie er in dunkelgrauen Fantasieuniformen steckten und eben aus dem Transport-LKW stiegen. Sie traten gemeinsam mit Boris Utschakow, dem Hauptmann unserer Gefängnisaufseher – ja, genau jenem Genossen, der vorhin grinsend meine goldene Uhr an sich genommen hatte -, zu uns heran. Einer von den Soldaten, dem ein struppiger, schwarzer Bart wie einen Urwald ums Kinn wuchs und der wie ein Räuberhauptmann aus dem Märchen aussah, half mir beim Aufstehen. Der andere nahm ohne sich anzustrengen Wastija auf seine Arme - denn der hatte ja nur noch das Gewicht eines Kindes - und wollte ihn bereits zu Krakows Wagen tragen. Doch ein Zischen des Dr.‘s ließ ihn sofort zur Salzsäule erstarren. Wie ich später noch häufig bemerken konnte, konnte Krakow so gesprächig wie ein Fisch sein. Er winkte seinen Mann, der sich den Körper des halb entseelten Wastija aufgeladen hatte, mit zwei Fingern seiner Rechten zu sich, dann streifte er einen Handschuh ab und prüfte den Puls des Ohnmächtigen an dessen Hals. Dabei schob er sich mit der anderen Hand die runden Gläser seiner undurchsichtigen Brille auf die Nase und blickte Hauptmann Utschakow über deren dünnen Metallrand an. Krakow hatte schwarze, verquollene Schweinsäuglein in seinem aufgeblähten Gesicht und sein Blick war hart und kalt, immer strafend und allwissend und auf eine seltsame Weise von innen leuchtend, als würde ein Feuer in ihnen brennen. Im Polytechnikum hatte ich einen Assessor, der uns Studenten mit den gleichen starren Augen aburteilte, wenn er uns unsere Arbeiten zurückgab. Der Genosse Utschakow wurde unter diesem Blick merklich kleiner. Er stotterte eine wirre Entschuldigung. Krakow spitzte ironisch den Mund und schien dabei die Herzschläge Wastijas mitzuzählen.

Ich habe keine Ahnung, welcher Universität, Fakultät oder Fachrichtung er seinen akademischen Grad verdankte, aber ein Arzt war er nicht. Doch die Überprüfung des Gesundheitszustandes des Bewusstlosen schien ihn zu keinem guten Ergebnis zu bringen.

„Von ‚tot oder lebendig‘ war nie die Rede, Mann“, sagte er mit eisiger Ruhe, die Utschakow sichtlich das Blut in den Adern gefrieren ließ. Vergebens irrte der Blick des Hauptmanns auf der Suche nach einem Mauseloch, in dem er sich verstecken konnte, im Hof umher.

„Wenn diesem Gefangenen etwas geschieht, mache ich dich persönlich bei dem Genossen Beria dafür verantwortlich, надсмотрщик!“, fuhr Krakow für seine Verhältnisse geradezu geschwätzig fort und beendete seine oberflächliche Untersuchung, indem er die besudelte Kleidung des Deutschen abklopfte. Verwundert sah er auf.

„Wo ist sein Medaillon?“, fragte er langsam und seine Blicke waren nun wie zwei brennende Speere, die sein Gegenüber durchbohrten. Der Hauptmann räusperte sich und griff dann verlegen in Tasche seiner Uniformjacke, in der sich am heutigen Tag so einiges angesammelt hatte. Er brauchte eine Weile bis er fand, was er suchte. Soweit ich erkennen konnte, war der Gegenstand, den Utschakow dann zögernd zu Tage förderte, eine kreisrunde, flache Scheibe. Sie war etwa fünf Zentimeter im Durchmesser und sah einer großen Tscherwonez-Münze, ähnlich. Allerdings glänzte sie nicht golden, sondern rot wie poliertes Kupfer.

„Dieses Schmuckstück hat der Verurteilte im Verhörraum verloren. Ich habe es aufgehoben und selbstverständlich nur für ihn aufbewahrt, Genosse Kandydat“, versuchte er sich aus der Affäre zu ziehen. „Ich wollte es später in die Asservatenkammer zu seinen anderen persönlichen Sachen bringen.“

Der Hauptmann drückte die Münze in die Hand von Dr. Krakow, der sofort seine Faust um sie schloss und seinen dünnen Mund zu einem wie von einem Rasiermesser gezogenen Lächeln verzog. Er nickte kurz und stellte sich anschließend ganz nah zu Utschakow. Dann flüsterte er ihm ein paar Worte zu, die ich leider nicht verstand. Aber der Aufseher wurde bleich wie der Schnee, der auf den Dächern lag und sackte erschüttert in sich zusammen. Ich gebe es zu: Mein Tag wurde dadurch besser.

Während Krakows Mann Wastija endlich zu der feinen Nobel-Karosse des Dr.‘s brachte, um ihn dort vorsichtig auf die breite Rückbank zu betten, ließ Krakow den Hauptmann, dessen Todesurteil er wahrscheinlich eben emotionslos verkündet hatte, einfach stehen und winkte einen anderen Aufseher des Kresty-Gefängnisses heran, mit dem er anschließend zu den übrigen Gefangen ging, die nun ganz eng und verängstigt beieinanderstanden. Während ich von dem finsteren Bärtigen zu dem Gefangenentransporter gebracht und in ihm als erster Platz nehmen musste, wählte Krakow unter den Abgeurteilten ein Dutzend Männer aus, die dann zu mir in den LKW geführt wurden; es schienen mir die kräftigsten und gesündesten Proletarier unter ihnen zu sein. Ein wenig wirkt die Szene wie ein Sklavenmarkt in einer orientalischen Stadt.

Auch der starke Fedor gehörte natürlich zu den Männern, die der Dr. für sich reklamierte. Stolz setzte sich der ehemalige Schmuggler neben mich, der ursprünglich von der Karasee stammte und ein Samojede vom sibirischen Ureinwohnervolk der Selkupen war. Ganz nebenbei war er übrigens auch ein wiedergeborener Schamane aus dem 19. Jahrhundert, der den Namen Peptej getragen hatte. Er legte seinen Arm über meine Schulter und drückte mich an sich; irgendetwas an mir hatte seinen Beschützerinstinkt geweckt. Wie ich später von ihm erfuhr, war es die Güte, mit der ich mich um Wastija gekümmert hatte.

„Du bist ein guter Mensch, Towarischtsch. Das wird sicher wieder ein bemerkenswerter Tag“, sagte er und ich hörte zum ersten Mal seinen Lieblingsspruch.

Der muffige Kofferaufbau füllte sich mit den kräftigen Verurteilten, die Krakow sich für seinen Gulag ausgewählt hatte. Sie setzten sich schweigend und auch ein wenig ängstlich um ihre Zukunft zu uns. Ich fragte mich, wie ich wohl in dieses Bild passte, den schon das längere Halten eines Bleistifts ermüdete und dünn wie ein Haselnusszweig war. Ich befreite mich deshalb aus Fedors brüderlichem Schwitzkasten und rutschte ganz an den Rand der rohen Holzpritsche, auf der wir hocken mussten. Dort wagte ich es, leise bei Krakows bärtigem Soldaten, der uns misstrauisch bewachte, leise Erkundigungen einzuziehen.

„Brüderchen Aufseher“, fragte ich, „wer ist denn dieser vornehme Herr im Zobel und wohin werdet ihr uns nun von hier aus bringen?“

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Litres'teki yayın tarihi:
10 kasım 2024
Hacim:
226 s. 11 illüstrasyon
ISBN:
9783746740355
Yayıncı:
Telif hakkı:
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