Kitabı oku: «Stromausfall»
Eine andere Art der Liebe
Stromausfall
Tradition
Vorwurf
Stirb und werde
Crisis
Nachbemerkung
Nikolaus Klammer
Stromausfall
⚜
Erzählungen
Texte und Bilder:
© Copyright by Nikolaus Klammer
Umschlag:
© Copyright by Bernhard Wurzer
»Gewitterstimmung«
Öl auf Leinwand (Ausschnitt)
klammer@email.de Druck: epubli – ein Service der neopubli GmbH, Berlin
INHALT
Eine andere Art der Liebe Eine Erzählung
7
Stromausfall Eine Erzählung aus der Heimat
81
Tradition Vorwurf
167
Stirb und Werde
192
Crisis
Eine Erzählung
239
Nachbemerkung
295

Eine andere Art der Liebe Eine Erzählung aus dem ›Jahrmarkt in der Stadt‹-Zyklus
Norbert Szczesny klopft seinen Oberkörper ab. Er senkt die Arme und schüttelt den Kopf. Seltsam, ich hätte wetten können … Er stößt sich von der Wand ab, an der er lehnt und tritt zu seinem Mantel. Er hat ihn vorhin an einen aufdringlichen Kleiderhaken neben der Eingangstür gehängt, der wie ein aufgerichteter Phallus geformt war. Szczesny findet in der Innentasche die Zigaretten und das Feuerzeug. Ich darf nicht rauchen. Das ist der Grund für die schlecht durchbluteten Beine. Das hat der Arzt gesagt. Und ich weiß es eigentlich auch ohne ihn. Die Raucherei wird mich noch einmal umbringen. Szczesny ist neununddreißig. Mit vierzig ist Schluss mit dem Rauchen, hat er sich vorgenommen. Also darf ich noch ein ganzes Jahr lang so viel paffen, wie ich will. Und wenn sich Clara auf den Kopf stellt; versprochen ist versprochen! Vierzig ist die Hälfte des Lebens, heißt es. Das wäre zu verrückt. Jetzt kann er keinen Krebs mehr gebrauchen, nachdem er die Stelle von Kerner hat und endlich gutes Geld verdient. Clara muss nicht mehr den Halbtagsjob in der Boutique machen. Sie kann zu Hause bleiben. Ihre Bücher schreiben. Szczesny hat gesund zu sein. Das ist er Clara und dem Büro schuldig. Er raucht nur noch in Ausnahmesituationen. Der Gedanke ist ein gutes Alibi: Nur noch in Ausnahmesituationen rauchen. Auf jeden Fall weniger rauchen. Zwei Schachteln am Tag waren einfach zu viel. Das ist mir schon klar. Das erzählt mir schließlich Schwager Henry bei jedem Treffen. Der isst nur noch vegetarische Vollkost und macht Jogging. Gut, das ist nicht schlimm. Jeder hat das Recht, den Tag auf seine Weise kaputtzumachen. Was Norbert stört, ist das vollkommen von sich selbst überzeugte Sendungsbewusstsein, das Henry an den Tag legt. So penetrant! Er käme mit seinem Schwager gut aus, wenn diese Unart nicht wäre. Ihm gefällt Henrys Lächeln. Szczesny sieht dann Clara. Wie sie früher war, bevor sie ihren ersten Roman veröffentlicht hatte.
Jetzt ist eine Ausnahmesituation. Wenn das keine ist! Szczesny bringt sein Anzünde-Ritual ruhig hinter sich. Niemand hier im Wartezimmer braucht zu bemerken, wie nötig er seine Nikotinration gerade hat. Das geht nur ihn und seine Beine etwas an. Er wird beobachtet. Das spürt er, ohne aufzusehen. Dafür hat er einen Sinn entwickelt. In dem Großraumbüro, in dem er bisher arbeitete, wurde er immer beobachtet und kontrolliert. Szczesny spürt ein Ziehen über der Nasenwurzel, genau in der Mitte der Stirn. An der Stelle, die seine als Schutz vor der Flamme des Feuerzeugs hochgezogenen Augenbrauen erreichen. Es ist ein kaltes Zielen eines Blicks, das er tief im Schädel spürt. Es kitzelt ihn. Aber noch sieht er nicht auf. Das wäre eine Blöße. Szczesny überlegt, ob ihn eine der Frauen im Wartezimmer betrachtet. Der Gedanke gefällt ihm. Obwohl er meist treu ist, mag er kurze, erwartungslose Flirts. Er versucht, sein Feuerzeug mit einer lässigen Handbewegung zu schließen. Mein Name ist Bond. Dabei bemerkt er Unruhe. Sein Körper zittert. Der Unterleib ist kalt. Szczesny nimmt einen tiefen Zug. Da ist ein beifälliges Nicken in seiner Lunge, als könne sie nur mit diesem Rauch richtig atmen.
Szczesny sieht auf und seiner Beobachterin in die Augen. Er hat recht mit seiner Vermutung. Es ist eine Frau, die ihn anstarrt. Leider nicht die, auf die er gehofft hat. Die kümmert sich nicht um ihn. Ist in ein Modeheft vertieft. Die andere, die Fette, ist es. Sie sieht allerdings sofort weg, runter auf ihre Oberschenkel. Jetzt ist Szczesny am Zug. Er kneift die Augen ein wenig zusammen und beobachtet. Er ist der Meinung, dass er das gut kann, das Beobachten. In der Stasi hätten sie solche wie mich mit Handkuss aufgenommen. Die Fette ist in seinem Alter, vielleicht ein wenig jünger. Trotzdem sieht sie verbraucht aus, aufgedunsen, speckig. Das lockige, blonde Haar ist unvorteilhaft, verlogen. Wahrscheinlich gefärbt. Ihre Bluse spannt über der beachtlichen und sehr tief auf dem Bauch aufliegenden Brust. Sie trägt eine Jersey-Leggings in schreienden Farben. Soll wohl das Fett verbergen. Aber Szczesny glaubt eher, es ist die einzige Sorte Hose, die dehnbar genug ist, um ihr ein bequemes Sitzen zu ermöglichen. Er mag keine Leggings. Er verbindet mit ihnen penetranten Schweißgeruch. Szczesny ekelt sich. Der schlechte Geschmack auf der Zunge kann aber auch von der Zigarette kommen. Es ist die Erste an diesem Montag. Aber noch sieht er nicht weg. Etwas fehlt ihm. Szczesny nimmt noch einen Zug und wartet. Diese Zigarette schmeckt überhaupt nicht. Der erste Zug war wunderbar gewesen, aber jetzt schmeckt der Rauch abgestanden, ranzig. Da ist ein widerlicher Belag auf der Zunge. Endlich blickt die Fette auf. Das musste kommen, darauf hat Szczesny gewartet. Sie muss kontrollieren, ob er sie noch beobachtet. Nun ist sie ertappt. Er hat sie erwischt. Ein kurzer Augenaufschlag, ein schnelles Wenden des Kopfes, Hilfesuchen im Raum. Alle sind mit sich und den Zeitschriften beschäftigt. Das war doch ein gelungener Abschluss! So muss das sein. Szczesny lächelt.
Sie ist rot geworden, bildet er sich ein. Sie schämt sich. Er tritt nahe an die Frau heran, drückt seine halb gerauchte Zigarette in einem Aschenbecher auf dem niedrigen Tisch vor ihr aus. Sie reagiert nicht, starrt auf ihre fetten Oberschenkel, die von der Leggings zusammengequetscht sind. Ruhig lehnt sich Szczesny wieder an die Wand. Er schließt die Lider nur halb. Seine Unruhe hat ihn nicht verlassen. Sie ist nicht einmal kleiner geworden. Aber jetzt tritt die Langeweile zu ihr. Beide gemeinsam erzeugen eine zerfahrene Leere in seinen Gedanken. Szczesny ist nun Körper und spürt. Der schwache Harndrang und das flaue Krampfen des Magens treten wie Musiker, die eine Bühne betreten, nach vorn und beginnen ein Duett. Er lehnt, hört zu und bildet sich ein, unmittelbarer Zeuge des Entstehens seines ersten Magengeschwürs zu sein. Szczesny hat genau den Punkt, in dem sich die sanfte Übelkeit fast zum Schmerz verdichtet. Er erinnert sich flüchtig an ein Molièrestück, das er mit Clara kürzlich in der ›Komödie‹ im Gignoux-Haus gesehen hat. Das ist eine heruntergekommene Spielstätte des Augsburger Stadttheaters in der Altstadt. Er hat den Titel vergessen.
Er kehrt zurück von seinem Ausflug in den eigenen Körper und entscheidet sich, zornig zu werden. Der Warteraum ist voll, abgefüllt wie der Vorortzug, der an jeder Milchkanne hält und mit dem er morgens gegen sechs Uhr von Gessertshausen in die City zur Arbeit fährt. Szczesny ist nicht der Einzige, der steht. Auch die anderen Wartenden werden langsam unruhig. Szczesny kontrolliert mit einem schnellen, ungeduldigen Blick seine Uhr. Drei, vier Leute im Raum ahmen sofort diese Geste nach. Er wartet jetzt beinahe eine Stunde. Wieder zählt er die Personen, die vor im da waren, es sind noch immer drei Leute. Ich hätte zu Hause frühstücken können. Ich nehme mir einen Tag frei und stehe mir im Wartezimmer die Beine in den Bauch. Dabei muss ich noch wegen der Lohnsteuerkarte meiner Frau ins Einwohnermeldeamt. Die schließen mittags. Ich will doch nur einen Befund abholen, den kann mir auch die Kleine am Empfang geben! Hier entsteht ihm ein Gedanke, wird beherrschend. Deutlich löst er sich aus dem wirren Knoten der anderen. Diesen Gedanken verdrängt er schnell. Von ihm will er nichts wissen.
Und wenn sie etwas Ernsthaftes gefunden haben? Das ist der Gedanke, den er nicht brauchen kann. Die Tür neben ihm öffnet sich ein wenig. Die Arzthelferin streckt schüchtern ihren Kopf durch den entstandenen Spalt, muss den Namen wiederholen, bis Szczesny bemerkt, dass er gemeint ist. Er hebt er sich von der Wand, sieht kurz und entschuldigend in die Runde. Szczesny geht hinter dem Mädchen her. Sie sieht gut aus. Dieser Arzt wählt seine Sprechstundenhilfen nicht unbedingt nach sachlichen Gesichtspunkten aus. Das ist ihm sympathisch, erinnert ihn an seine eigene Sekretärinnen-Auswahl im Büro. Das Mädchen öffnet eine Tür, verzieht den Mund zu einer eingeübten, freundlichen Maske.
»Nehmen Sie doch bitte schon einmal Platz«, sagt sie, »der Herr Doktor kommt sofort.« Szczesny murmelt ein paar Worte, genießt den schwungvollen Abgang, verfolgt die Bewegungen ihres Gesäßes. Sie zeichnen sich deutlich auf dem knielangen, weißen Rock ab. Wäre nicht schlecht, die Kleine. Wenn ich nur Zeit hätte … und natürlich eine andere Umgebung. Seine Hose ist ihm jetzt im Schritt zu eng. Er sucht sich eilig einen Stuhl, lenkt sich ab. Er interessiert sich für den Raum, in dem er nun sitzt. Hier sieht es ihm nicht nach einem medizinischen Untersuchungsraum, sondern eher nach dem Empfangszimmer eines Rechtsanwalts aus. Hübsch nach Farben sortierte Fachbücher beherrschen die Regale ab der linken Wand. Ein impressionistischer Druck hängt hinter dem Schreibtisch und zeigt Mohnblumen in einer Sommerwiese. Der Tisch ist aus schwerem Holz, die Arbeitsplatte zumindest aus einem Marmorimitat. Geöffnete Aktenordner und kleine, gelbe Notizblätter liegen in kunstvoller Unordnung auf ihr. Der Chefsessel dahinter hat einen dunkelbraunen, brüchigen Lederbezug. In der Ecke steht ein summender PC, dessen Bildschirmschoner Werbung für ein Kopfschmerzmittel macht. Der Stuhl, auf dem Szczesny Platz genommen hat, wirkt schon weit weniger ehrfurchtgebietend. Und er ist niedrig, unbequem und quietscht, wenn er sich bewegt. Szczesny fühlt sich wie ein Schüler, der wegen eines dummen Streiches auf den Direktor warten muss. Seine Erektion fällt so schnell in sich zusammen, wie sie kam.
Hier drin ist Rauchen sicherlich verboten. Erstaunlich genug, dass man im Wartezimmer … Wo gibts das heute noch? Die Nichtraucher sind dabei, ihren Feldzug zu gewinnen. Zwei, drei Jahre noch, dann wird es unter Strafe stehen, sich in der Öffentlichkeit eine Kippe anzuzünden. Durch eine unscheinbare, durch ein medizinisches Plakat verdecken Seitentür, die Szczesny bisher nicht bemerkt hat, kommt der Arzt herein. Er trägt ebenfalls die freundliche, aufgeschlossene Maske, die in dieser Praxis wohl morgens an alle verteilt wird. In den Augen hat er diesen »Ich-glaube-an-das-Gute-im-Menschen«-Blick, der Ärzte und Pfaffen so vertrauenerweckend und seriös wirken lässt. Und Psychologen. Die üben das vor dem Spiegel, glaube ich. Szczesny steht unsicher auf. Der Händedruck seines Gegenübers ist selbstverständlich fest und trocken. Der Arzt weiß den komplizierten Namen seines Patienten und spricht ihn fehlerfrei aus, ohne auf den schmalen Aktenordner in seiner linken Hand zu sehen.
»Nehmen Sie doch bitte wieder Platz, Herr Szczesny. Wie geht es Ihnen heute?« Er geht um den Tisch herum und setzt sich energisch in seinen Sessel, der unter seinem Gewicht einmal ächzt. Tatkraft, denkt Szczesny, lebensbejahend, an den Fortschritt und das Gute im Menschen glaubend. Widerlich. Er nickt nur. Er weiß: Der Arzt bereitet mit dieser Frage etwas vor.
»Ist denn Ihre Frau heute nicht mitgekommen?« Der Doktor lehnt sich nach vorn, über die Marmorplatte, die sie trennt. Das war zu erwarten; er verschränkt auch seine Arme nicht. Er ist offen, ist für seinen Patienten da. Er spricht ein akzentuiertes, gedehntes Hochdeutsch. So würde Szczesny nur mit Kindern oder Ausländern reden.
»Nein«, antwortet er, lehnt sich zurück. Am Liebsten hätte er seinen Stuhl, dessen Rückenlehne dabei quietscht, weiter zurückgeschoben. Er nennt keinen Grund, weshalb er allein gekommen ist. Ich verschränke meine Arme, ich halte Abstand. Der Gedanke ist wiedergekehrt. Szczesny erwartet schlimme Nachrichten.
»Ja, Herr Szczesny, die Probe ist ausgewertet. Ich habe das Ergebnis hier«, sagt der Arzt zögernd und macht eine Kunstpause. »Ja«, wiederholt er, als ihm Szczesny nicht antwortet und nur die Stirn runzelt und auf den Boden starrt, »es ist, wie wir erwartet haben: Ihre Frau, das wissen wir ja von den Untersuchungen, ist organisch völlig gesund: Sie ist in der Lage, ein Kind zu empfangen und auszutragen. Auch psychische Ursachen sind ja doch, so weit abzusehen, auszuschalten.«
Szczesny wartet ab. Nichts Neues bisher, aber jetzt lässt der Arzt die Katze aus dem Sack. »Ich habe Ihre Probe ins Labor geschickt. Das Ergebnis des Spermiogramms ist jetzt definitiv. Es tut mir aufrichtig leid, Ihnen das sagen zu müssen, aber Sie sind im Augenblick nicht zeugungsfähig …« Jetzt sieht Szczesny auf. »Ja, sehen Sie, Herr … ahm, Szczesny, es ist doch so: Einfach ausgedrückt ist Ihr Sperma verändert, es ist nicht dazu in der Lage, sich zum Ei in der Gebärmutter vorwärts zu bewegen. Im Normalfall sind etwa zwanzig Prozent der Spermien eines Ejakulates unbeweglich oder unreif. Bei Ihnen sind es nahezu alle. Das heißt, Ihre Spermiogenese funktioniert nicht, wie sie sollte. Warum das so ist, lässt sich noch nicht sagen, dazu müssen wir eingehende Untersuchungen machen. Es gibt wahrscheinlich nicht nur eine Ursache, sondern mehrere. Umweltgifte, ja, Allergien spielen da eine Rolle, Spätfolgen von Erkrankungen, auch Hitze, wie in der Sauna zum Beispiel …, äh, in Amerika leidet laut neusten Untersuchungen bereits jeder achte Mann zeitweise an diesem Phänomen. Hier …«
Der Arzt beginnt nun näher zu erklären. Er nimmt sich Zeit und seine psychologische Aufgabe, die die Diagnose mit sich bringt, ernst. Er zeigt Mikroskopaufnahmen von Szczesnys und von gesundem Sperma, hat Statistiken bei der Hand. Szczesny sitzt wie betäubt. Er hört kaum, versteht wenig und nickt unaufhörlich. Sein Magen schmerzt wieder. Er ist übersäuert. Sodbrennen steigt die Speiseröhre aufwärts. Szczesny erkennt: Er ist schockiert. Nicken, ja, das kann er. Aber sonst? Was ist eigentlich so schlimm an dieser Eröffnung, die er halb erwartet hat? Was ändert sich? Gut, kein Kind dann eben, zumindest nicht jetzt. Das ist doch nicht so schlimm. Also liegt es an mir. Clara hat die erniedrigenden Untersuchungen ganz umsonst gemacht. Hätte ich mich nur früher überreden lassen, zuerst meine Samen untersuchen zu lassen. Warum ist er dann so entsetzt? Was schockiert ihn an den Aufnahmen seiner Spermien mit ihren abgeknickten, verdoppelten Schwänzen und ihren deformierten Köpfen? Sie sehen lächerlich hilflos und schwach aus. Sie sind verkrüppelt. Und sie kommen aus Szczesny, aus seinem Selbst. Etwas versinkt, ein Selbstwertgefühl, eine Entscheidungskraft. Der Arzt redet. Sein Thema sind nun wieder die Ursachen, die er im Augenblick nur mutmaßen könne, da Szczesny organisch gesund sei. Umweltverschmutzung, Hypothyreose, Gifte in den Lebensmitteln, Alkohol, allergische Reaktionen, ungesunde Lebensweise …
»Sie rauchen, nicht wahr? Aber daran kann es eigentlich nicht liegen.« Atempause, dann jovial: »Das kann jedem passieren. Damit ist Ihr Wunsch nach einem Kind aber nicht unerfüllbar. Es ist sehr wahrscheinlich, dass diese Veränderung an Ihren Spermien eine Vorübergehende ist und wir das in den Griff bekommen. Das könnte allerdings einige Zeit in Anspruch nehmen. Ich empfehle Ihnen dringend weitere Untersuchungen und Testauswertungen. Sie wissen, es gäbe da beispielsweise noch die Möglichkeit eine Samenspende oder ein Kind zu adoptieren, Sie sollten sich das gemeinsam mit Ihrer Frau ernsthaft überlegen …«
Der Arzt redet weiter, immer weiter. Er öffnet und schließt seinen Mund, stößt Laute aus, die Szczesny nicht versteht. Er nickt weiter. Ich muss wie ein Vollidiot aussehen, denkt er. Aber ich muss das erfassen. Was bedeutet das? Wie geht es weiter mit uns. Mir ist schwindlig, auch mein Atem geht schneller. Der Arzt müsste das doch bemerken. Ich glaube, ich gehe gleich nach Hause. Die dumme Lohnsteuerkarte muss eben warten. Ich werde mich ein wenig hinlegen. Ich muss jetzt nachdenken. Der Arzt steht auf. Was sagt er? Hat er genug von mir? Ist der nächste dran? Auch Szczesny stemmt sich aus seinem unbequemen Stuhl. Das geht problemlos, trotz des Schwindels. Nur die Beine sind wieder einmal eingeschlafen. Der Arzt nimmt ihn bei der Hand, will beruhigen. Szczesny sieht ihn überrascht an. Der ist älter, als ich dachte. Er hat Falten. Von der Nähe sehe ich das. Wahrscheinlich ist sein Haar gefärbt. Vielleicht trägt er auch eine Perücke. Aber eine Gute, ich sehe keinen Ansatz. Nein, das ist sein eigenes Haar, aber er hat es getönt. Szczesny will lächeln und sagen, dieser Beruf sei doch ganz schön anstrengend. Immer fröhlich und optimistisch sein, immer ruhig und zuversichtlich. Er könne das nicht. Er will damit auch weiteren Vertröstungen zuvorkommen, zeigen, dass er verstanden hat. Aber ausgerechnet in diesem Moment fällt ihm sein Schwager ein. Und bevor er diesen peinlichen Gedanken mit seinem Sodbrennen gemeinsam hinunterschlucken kann, sagt der Arzt:
»Sehen Sie, Herr Szczesny, das ist kein Beinbruch. Sag ich immer. Sie sind genauso Mann wie vorher. Auf Ihr Geschlechtsleben hat das alles keinen Einfluss.« Mach jetzt keinen Witz, denkt Szczesny. Bitte. Mach keinen Witz. Die Miene des Arztes wird augenblicklich ernst, als habe er Szczesny verstanden.
»Ich kann verstehen«, sagt er, »wenn Sie diese neue Situation im Moment etwas überfordert. Sie müssen ins Reine kommen; mit Ihrer Frau reden. Das ist ganz wichtig. Sie müssen gemeinsam an die Sache ran. Das benötigt seine Zeit. Lassen Sie sich vorne an der Anmeldung bitte für weitere Untersuchungen einen neuen Termin geben. Wenn Sie darüber hinaus mit mir sprechen wollen, stehe ich Ihnen im Rahmen meiner Sprechzeiten gerne zur Verfügung.« Szczesny hat sein Nicken wieder aufgenommen. »Und denken Sie daran: Es hat sich nichts geändert. Sie sind immer noch derselbe.«
*
Clara Szczesny starrte schon seit geraumer Zeit in die geöffnete Holzkiste, in der sie ihre Teebeutel-Sammlung aufbewahrte. Es waren in der Hauptsache biologische Kräuter- und ayurvedische Gewürztees, die sich ihr in farbenfrohen Papierhüllen verführerisch darboten und geduldig darauf zu warten schienen, dass ihre suchenden Finger sich endlich entschieden und die richtige Mischung für diesen Tag herauspickten. Ihre Aufschriften versprachen Glück, Harmonie, Gesundheit und Wohlbefinden, aber die meisten der Tees schmeckten sich zum Verwechseln ähnlich bitter und scharf, denn Ingwer war die bevorzugte Geschmacksrichtung der jungen Frau und diese fernöstliche Zutat fand sich in jeder ihrer Yogi-Mischungen. Clara war jedoch während ihrer allmorgendlichen Teezeremonie nicht ganz bei der Sache, denn sie wartete voller Ungeduld auf den Briefträger, der pünktlich wie ein Uhrwerk montags um diese Zeit - früher als an den anderen Wochentagen - die Post brachte und sie geräuschvoll in den amerikanischen Briefkasten steckte, den Norbert draußen vor dem Reihenhaus auf einem wackligen Pfosten aufgestellt hatte. Clara hoffte auf den braunen Umschlag mit der überarbeiteten Fassung ihres neuen Romans darin, die ihr ihr Verlagslektor Dr. Engold am Wochenende telefonisch angekündigt hatte. Er war seltsam einsilbig bei dem kurzen Anruf gewesen und hatte sie auf diese Postsendung vertröstet. Aber dann würde sie ja sehen, was er alles anzumerken und zu beanstanden hatte …
Clara schüttelte den Kopf und sich auf diese Weise selbst aus ihrer Selbstversunkenheit und sah auf. Nein, die große Küchenuhr ließ sich nicht betrügen. Je mehr Clara sich auf ihren Gang konzentrierte, umso länger schienen ihr die Abstände zwischen einem Tick und einem Tack und desto gemächlicher kroch der Minutenzeiger wie ein ermüdeter Bergsteiger dem Gipfelkreuz seiner Wanderung entgegen. Kurz kam ihr der Gedanke, sie müsste diesen Satz, der ihr so wundervoll ausformuliert auf der Zunge lag, aufschreiben, damit sie ihn nicht wieder verlor, denn er war ein wunderbarer Einstieg in eine der Geschichten, an denen sie im Augenblick schrieb. Sie wusste, wenn sie den ersten Satz hatte, dann erledigte sich der Rest fast von alleine. Allerdings griff sie dann doch anstatt zu einem der Kugelschreiber, die zusammen mit Notizzetteln überall in der Wohnung griffbereit verteilt waren - einer lag direkt neben ihrer Teekiste auf der Küchenanrichte - zu einem der bunten Beutel, den sie an seinem Faden in die bereitgestellte Tasse hängte. Sie hatte ihrem Unterbewussten die Entscheidung überlassen und las nun den Spruch, der auf seinem Anhänger stand: Das Leben schenkt dem Wissenden Tiefe. Sie lachte ironisch auf und stellte den Wasserkocher an. ›Altindische Weisheit oder Chai‹, dachte sie, ›was davon schmeckt bitterer?‹
Dann wartete sie erneut ungeduldig und sah aus dem Küchenfenster hinaus. Aber noch war es nicht so weit; ausgerechnet heute ließ sich der verräterische Postbote Zeit. Das Teewasser begann zu dampfen, zu zischen und zu sprudeln. Schließlich erklang ein durchdringendes Pfeifen und der Kocher schaltete sich mit einem zufrieden klingenden Klicken aus, als wäre er auf seine Tätigkeit stolz. Clara beobachtete noch eine Runde lang den Minutenzeiger der Küchenuhr, anschließend goss sie das wieder etwas abgekühlte, heiße Wasser ganz langsam in die Tasse, wo der Teebeutel begann, gelbe Farbfäden zu bluten. Sie nahm den Anhänger in die Hand, wickelte ihn mit seinem Faden und um den Griff der Tasse. Dabei schmunzelte noch einmal über den weisen Spruch. Unter ihm war die Ziehdauer für ihren Aufguss angegeben. »Fünf bis acht Minuten«, murmelte Clara und ärgerte sich über die ungenaue Zeitangabe, die sie verunsicherte. Die Frau mochte klare, exakte Vorgaben, mit Ungefährem konnte sie nichts anfangen. Halbierte sie für sich und ihren Mann die Vier-Mann-Rezepte aus Kochbüchern, benutzte sie einen Taschenrechner und kämpfte über die Küchenwaage gebeugt mit jedem Gramm.
Vor Kurzem hatte sie in der Sonntagsbeilage der Zeitung gelesen, dass der wahre Teekenner nur den zweiten, manchmal gar den dritten Aufguss trinken würde, da sich erst dann der volle Geschmack der Aromen entwickeln würde. Sie kannte nur eine Person, die das auch im echten Leben tat und das war ihr geiziger Onkel Sigmund, der sein altes Badewasser zum Toilettenspülen benutzte und das Klopapier durchnummerierte, weil er den Verdacht hatte, seine bei ihm lebende alte Mutter würde zu viel davon verbrauchen. Nein, Clara würde sich nicht dazu durchringen können, ihren Tee zweimal aufzugießen, egal, ob er dann weicher und intensiver schmecken würde. Da würde sie sich schäbig vorkommen. Das war ihr zu exzentrisch, zu, ihr fiel kein anderes Wort ein, zu … verschwommen.
Wieder glitt ihr Blick wie von einem Magneten angezogen zur Uhr. Da sie sich für eine Ziehzeit von sechs Minuten und dreißig Sekunden entschieden hatte, blieben noch drei Minuten und 40 Sekunden, bis sie den Teebeutel aus der Tasse nehmen konnte …
Es klingelte an der Haustür und Clara zuckte zusammen, als wäre sie bei etwas Verbotenem ertappt worden. ›Das ist endlich der Postbote‹, dachte sie, ›ausgerechnet jetzt! Der Umschlag mit meinem Text passt nicht in den Briefkasten. Er muss ihn mir persönlich übergeben.‹ Ein Bild von dem jungen Mann, der ihr seit ein paar Wochen die Post brachte und offenbar eine Aushilfe war, weil er keine Uniform trug, tauchte vor ihrem inneren Auge auf. Er grüßte immer sehr höflich und klingelte häufig, um ihr die großen Umschläge ungeknickt übergeben zu können. Er war nicht ganz ihr Typ, aber er wirkte sympathisch und schien immer ein wenig zu zögern, wenn er ihr die Post überreichte; ganz so, als würde er sie ansprechen wollen und traue sich nicht. Hatte sie einen heimlichen Verehrer in ihm?
Noch drei Minuten, 10 Sekunden und es klingelte erneut. Clara war vollkommen aus dem Konzept gebracht. Sollte sie sofort zur Tür gehen oder zuerst den Teebeutel aus der Tasse entfernen? Damit hatte sie die Wahl zwischen einem zu bitteren und einem zu geschmacklosen Aufguss – Skylla und Charybdis, zwischen denen sie Schiffbruch erlitt. Es gab keinen richtigen Weg – egal, was sie tat. Wie sie solche Situationen hasste! Clara entschied sich für das Türöffnen und eilte aus der Küche nach vorn. Es war jedoch nicht der Briefträger, der ihr mit sehnsüchtigem Blick die ersehnte Sendung überreichen wollte. Ungeduldig mit den Absätzen wippend stand stattdessen auf dem Fußgitter vor der Haustür ihre Freundin und Nachbarin Gitta Mammensohn-Sapher, die zwar vage für den Vormittag ihren Besuch angekündigt hatte, aber für ihre Verhältnisse erstaunlich früh am Morgen hereingeschneit kam. Entweder war etwas Schlimmes geschehen oder sie hatte etwas unheimlich Wichtiges zu berichten.
»Und … lässt du mich rein?«, fragte Gitta strahlend und ohne auf eine Antwort der noch zögernden Clara zu warten, schob sie sich an ihrer Freundin vorbei in den Gang, wo sie sofort ihren Mantel ablegte, ihn achtlos zusammenknüllte und halb über einen nahen Stuhl warf. Er rutschte auf den gefliesten Boden. »Ist das kalt heute! Ist er auch da?« Offenbar war keine Katastrophe geschehen, Gitta kam zum Plaudern vorbei. Clara schüttelte den Kopf und hob mit einem Hauch von Missbilligung in der Miene den Mantel auf und hängte ihn ordentlich an einen Garderobenhaken, nachdem sie ihn über einen Kleiderbügel gezogen hatte.
»Norbert hat sich zwar einen Tag freigenommen, aber er ist in die Stadt gegangen, um ein paar Erledigungen zu machen. Ich erwarte ihn erst am Nachmittag zurück.« Clara und ihre Freundin Gitta, die sich herab beugte, um aus ihren hohen Stiefeln zu schlüpfen, lächelten sich in stummem Einverständnis zu. »Aber komm doch rein. Willst du einen Tee? Ich mache mir gerade eine Tasse Chai.«
Gitta kannte sich aus. Sie öffnete den Garderobenschrank und entnahm ihm ein Paar von Claras selbstgefilzten Hausschuhen, die dort vorbereitet auf ihre Besucher warten. Erst dann trat die Nachbarin ins Wohnzimmer, das zusammen mit der offenen Küche eine Einheit bildete und beinahe die gesamte Fläche des kleinen Reihenhauses in Anspruch nahm.
»Ach, ein Kaffee wäre mir eigentlich lieber, wenn es nicht zu viele Umstände macht«, sagte sie und sah sich aufmerksam um. »Habt ihr die Möbel umgestellt?«
»Nein, wie kommst du denn darauf?«
»Ich weiß nicht. Es kam mir so vor.« Gitta zuckte mit den Schultern und setzte sich an den Esstisch, auf dem Claras Laptop aufgeklappt stand. Sie spähte neugierig auf weiße Oberfläche des Textprogramms, in die ihre Freundin vorhin ein paar Sätze getippt hatte.
›Einmal sah ich einen Baum, dessen Äste der Wind herabgerissen und der Straße geschenkt hatte. Der Baum war nackt und kahl und so einsam. Ich verachtete diesen Baum; dafür, dass er hart und unnachgiebig war. Deshalb musste er sterben, musste seine Blätterschönheit herab in den Dreck tränen und sie dem grausamen Wind ausliefern, der das buntfleckige Laub über dem Asphalt drehte. Warum war er nicht weich wie ein Grashalm, der sich nach dem Wind wieder aufrichtet?‹, las sie und wunderte sich. Das war anders als alles, was sie bislang von ihrer Freundin kannte. War das Ausdruck einer Krise? Im Privatleben oder in ihrem Schaffen?
»Kommst du voran mit deinem neuen Werk?«, fragte Gitta unschuldig. Clara trat flink zu ihr und drehte den Computer eilig herum, damit der Bildschirm aus dem Sichtfeld von ihrer Freundin kam.
»Eigentlich nicht, nein«, erwiderte Clara streng. Darüber wollte sie nicht reden; dafür hatte Gitta keinen Sinn.
Der Tee! Wenn Clara sich beeilte, würde sie den Aufgussbeutel gerade zur richtigen Zeit herausnehmen können. Noch blieben ihr ein paar Sekunden Zeit. Sie machte einen Schritt in Richtung Küchenzeile. Da klingelte es erneut. Clara seufzte. Die mutwillige, wahrscheinlich blutjunge Gottheit, die für die Dinge ihres Alltags zuständig war, wollte sie heute anscheinend ein wenig ärgern. Seufzend überließ sie ihren Tee seinem bitteren, dunklen Schicksal und trat erneut an die Haustür. Vielleicht kam sie heute ja doch dazu, es einmal mit einem zweiten Aufguss zu versuchen. Vor der Haustür stand diesmal wirklich der Briefträger in der Kälte des Februarvormittags. Genau wie Clara es sich vorhin ausgemalt hatte, hielt er den ersehnten Umschlag in seiner nach vorn gehaltenen Hand und strahlte sie mit einem übertrieben freundlichen Lächeln an. Doch diesmal überwand er seine Furcht:
»Guten Morgen. Ich habe diesen Brief für Sie, Frau Szczesny. Das sind sie doch, oder? Clara Szczesny, die bekannte Schriftstellerin?« Er stolperte mit der Zunge über die geballte Konsonantenanhäufung ihres Nachnamens. Clara hatte nie daran gedacht, sich ein Pseudonym zuzulegen. Nun kam ihr in den Sinn, dass das vielleicht ein Versäumnis war. Sie nickte und nahm verwundert und geschmeichelt den Umschlag mit ihrem Manuskript in die Hände, presste ihn jedoch sofort schützend gegen ihre Brust. Es geschah ihr nicht oft, dass sie in ihrem privaten Bereich auf ihre Berufung angesprochen wurde. Schließlich war sie alles andere als berühmt und hatte erst zwei Romane veröffentlicht, die sich allerdings recht ordentlich verkauften, weil es ihr ausschließlich weibliches Publikum durch Mundpropaganda verbreitete. Clara spürte, wie ihr das Blut in den Kopf schoss. Hoffentlich bemerkte der junge Mann nicht ihr Erröteten. Zum Glück war es ein recht dunkler Tag.
»Ja, die bin ich …«, gab sie zögernd zu.
»Ich finde Ihre beiden Romane wirklich … wirklich großartig«, platzte der höchstens fünfundzwanzigjährige und gut aussehende Briefträger heraus, der auf Clara einen etwas verschämten Eindruck machte, der ihm gut stand. »Ganz ehrlich. Ich habe nicht geglaubt, dass in dieser Stadt solch … geniale Literatur entstehen kann. Kann ich vielleicht ein Autogramm bekommen, hier …« Er fischte aus seiner Umhängetasche die Taschenbuchausgabe von ›Das Lavendelbett‹ heraus. Es war ihr Erstlingswerk, dessen Titelblatt ein übertrieben kitschiges Südfrankreich-Motiv zierte: Eine weiße Marmorterrasse, auf der unter tiefblauem, wolkenlosen Himmel eine schöne Frau in Grün sehnsuchtsvoll in die Ferne sah, wo sich lila Lavendelfelder bis zum Horizont erstreckten. Ein geschmackloses Bild, das nur wenig mit dem Inhalt ihres Buchs zu tun hatte, aber geschickt auf eine bestimmte Käuferschicht zielte, für die die Verpackung ein Versprechen darstellte. Dass auch junge Postboten männlichen Geschlechts zu ihrem Publikum gehörten, war Clara neu. Aus seiner Jacke holte er seinen weißen Postzusteller-Kugelschreiber. Es gab also auch Männer, die ihre Bücher lasen? Das machte Hoffnung. Und so standen sie sie sich eine Weile gegenüber: Clara in ihre Gedanken versunken und dabei die korrigierten Druckfahnen gegen den Oberkörper gepresst und der Postbote unsicher mit dem dargebotenen Buch und dem Stift. Gitta kicherte im Hintergrund. Schließlich entschied sich Clara. Das ging ihr doch alles zu weit. Sie bemerkte, wie unpassend und peinlich ihre Situation war.
»Ein anderes Mal vielleicht. Ich habe Besuch …«, sagte Clara abweisend und entschied sich dann doch zu einem freundlichen Lächeln, um die Abfuhr etwas abzumildern. »Einen schönen Tag noch!«
Anschließend schlug sie eilig die Haustür vor der Nase des verblüfften Aushilfszustellers Georg Hauser zu, der dem verschlossenen Eingang noch eine ganze Weile ›Das Lavendelbett‹ entgegenstreckte, bis er dazu in der Lage war, sich seine Niederlage einzugestehen und seinen erniedrigenden Job fortzusetzen, von dem sich der erfolglose junge Autor gerade ernährte.
*
Ämter sind für Szczesny niederdrückend, gewalttätig, Faschismus in Reinkultur. Er fühlt sich dort in einem rechtsfreien Raum, wittert hinter jeder Tür eine niederträchtige, gegen ihn gerichtete Intrige und hinter jedem der gleichmütigen Beamtengesichter Bosheit und Hass. Auf dem Amt zeigt der Staat für ihn sein wahres Gesicht. Die Verachtung, die er für seine Untertanen empfindet. Norbert ist deshalb nur schwer zu überreden, in eine Behörde zu gehen. Clara musste diesmal ihre sämtlichen Überredungskünste anwenden.
Es erstaunt ihn, dass er nicht lange warten muss. Kaum, dass er am Automaten eine Nummer gezogen hat, leuchtet sie schon über einem der Schalter auf. Er kam noch nicht einmal dazu, sich zu setzen. An denen sollte sich mal mein Arzt ein Beispiel nehmen.
»Guten Tag«, sagt er übertrieben freundlich, reicht seinen Personalausweis über den Tresen. »Ich habe in diesem Jahr noch keine Lohnsteuerkarte bekommen. Man hat mich an meinem Arbeitsplatz deswegen ermahnt.«
Der Beamte nickt langsam, sieht sich die abgenutzte, in Plastik eingeschweißte Karte aufmerksam an, vergleicht dann die Abbildung mit zur Seite gelegtem Kopf mit dem Original. Das Ergebnis seiner Überprüfung scheint ihn vorerst zufriedenzustellen. Mein Ausweis ist seine Bibel. Als würde er dort die Antwort auf jede Frage finden.
»Einen Augenblick.« Der Beamte nickt wieder und wendet sich zu seinem Computer, tippt mit zwei Fingern. Nach einer Weile kratzt er sich am Kopf, hebt ihn dann unwillig. Ein unfreundlicher, abweisender Blick trifft den sofort schuldbewussten Szczesny. Quatsch, komme ich wegen ihm oder sitzt er für mich da? Beamten sind nicht mehr die Halbgötter aus Adolfs Zeiten. Dienstleister sind das, nicht mehr. Sie haben es nur vergessen.
»Ihnen wurde bereits eine Lohnsteuerkarte mit der Post zugeschickt, vor etwa zwei Wochen«, sagt der Beamte entschieden.
»Nein, das ist nicht wahr. Die kam nie bei mir an«, stottert Szczesny ertappt, »sonst wäre ich doch nicht hier bei Ihnen.«
»Ich habe alles hier in meinen Daten«, unterbricht ihn der Beamte. Er tippt mit dem Finger auf den Bildschirm, den Szczesny nicht einsehen kann. »Sie haben die Karte bereits zugeschickt bekommen. Sind Sie vielleicht umgezogen und haben vergessen, das zu melden?« Der Blick des Pfarrers bei der Beichte. Der Computer ist Gott und Szczesny leugnet ihn. Ketzer gehören verbrannt.
»Nein, wir sind selbstverständlich nicht umgezogen. Da hat sich nichts geändert. Ich habe nur in diesem Jahr keine Lohnsteuerkarte bekommen und ich brauche natürlich eine. Das …« Es ist so weit. Szczesny verwickelt sich in seine hilflose Wut.
»Das ist nicht möglich«, entscheidet der Beamte apodiktisch. Das Amen in der Kirche; jedes Widerwort ist Blasphemie und Rebellion gegen die herrschende, gottgewollte Ordnung. Der Mann öffnet seinen Schreibtisch, entnimmt ihm ein eng bedrucktes Papier. »Falls Sie die Karte verloren haben und eine neue beantragen wollen, muss ich eine Bearbeitungsgebühr erheben. Wenn Sie dieses Formular ausgefüllt haben, können Sie direkt hier an der Kasse einzahlen und Ihre neue Karte wird Ihnen innerhalb von zwei Wochen zugesendet. Aber vielleicht sehen Sie doch noch einmal zu Hause nach. Wahrscheinlich haben Sie sie nur verlegt.«
»Ich sagte …«, beginnt Szczesny wütend. Dann verstummt er. Der Beamte sieht ihn stumm an. Szczesny weiß es genau. Der Mann glaubt ihm nicht. Egal, was er sagt oder vorbringt: Für den Mann ist er ein Lügner. Wie betäubt nimmt er das Formular in die Hand. Szczesny fällt dabei auf, wie verwahrlost der Mann aussieht. Wie ein Alkoholiker. Er glaubt sogar, eine Fahne riechen zu können. Bestimmt hat der Kerl eine Flasche Jägermeister unter dem Tresen. Jetzt wirkt alles an ihm verdächtig. Der Beamte ist nachlässig und nicht ganz sauber gekleidet. Er trägt fettiges, zurückgekämmtes Haar, ist übernächtigt, grau. Der Blick schwimmt trübe auf roten Rändern. Er reicht Szczesny den Ausweis zurück, gähnt dabei unterdrückt in die Hand.
»Das ist eine Ungeheuerlichkeit! Ich möchte gerne mit Ihrem Vorgesetzten reden.« Ein schwacher Versuch. Der Beamte zuckt sofort mit den Schultern. An solche Forderungen ist er offenbar gewöhnt.
»Bitte schön. Das wäre der Herr Dr. Klammer. Dr. Nikolaus Klammer.« Der Beamte lächelt freudlos, während er den Vornamen übertrieben prononciert ausspricht. Es wird deutlich, dass er den Herrn Dr. nicht ausstehen kann. »Zimmer 403, 4. Stock. Sie müssen sich allerdings vorher bei seinem Büro anmelden, im Zimmer 401 bei Frau Rothschädl, das ist seine Vorzimmerdame. Soll ich Ihnen das aufschreiben? Ich glaube allerdings nicht, dass der Herr Dr. Nikolaus Klammer heute im Hause ist. Einen schönen Tag noch«, erwidert der Beamte kühl und wendet sich wieder seinem Bildschirm zu, dessen Inhalt wahrscheinlich nüchterner ist als er selbst.
Vorzimmerdame, was für ein veraltetes Wort. Haben Beamte keine Sekretärinnen? Szczesny schüttelt den Kopf und tritt ein paar Schritte zurück. Er zerknüllt das Formular in einer Hand. Aufmerksam beobachtet er weiterhin den Beamten, der keine Notiz mehr von ihm nimmt.
Der freut sich jetzt bestimmt auf seine Mittagspause. Ist jetzt auch keiner mehr in der Schalterhalle außer mir. Bestimmt zählt er die Stunden bis zum Abend. Beschäftigt sich mit irgendwelchen sinnlosen Statistiken, stempelt irgendwelche Akten oder sieht der Uhr bei ihrer Rundwanderung zu. Hat daheim eine Frau, ein paar Kinder. Muss sie ernähren und will ab und an in den Urlaub an die Adria fahren. Deshalb macht er diesen Scheiß hier. Das Funktionieren fällt ihm immer schwerer. Jeden Morgen aufzustehen und zur Arbeit zu gehen, ist für ihn eine Qual. Ich sehe es ihm an. Seine Erfüllung ist das nicht. Da war er einmal vor langer Zeit zu faul in der Schule. Hat sich wegen irgendwelcher Träumereien oder aus Gedankenlosigkeit nicht die Folgen bewusst gemacht. Die Büros und Ämter und die Schulen sind voll von diesen Menschen. Staatsbeamte, das sind alles Verlierer! Der Mann ist so alt wie ich. Zwanzig Jahre steht er schon an dem Schalter und er weiß genau: Die nächsten zwanzig macht er dasselbe. Und kurz vor seiner Pensionierung kriegt er einen Schlaganfall vom Saufen. Und seine Frau und seine Kinder verachten ihn. Da sei ihm ein wenig Sadismus gegönnt. Hat ja sonst nichts im Leben.
Trotzdem bleibt da etwas bestehen, das den Beamten von Szczesny entfernt. Einen Graben öffnet, eine Mauer zieht. Es ist seine Stellung. Die Macht, die hinter ihm steht und die er repräsentiert. Es ist der gesichtslose, bösartige Staat, der Szczesny zum Lügner stempelt. Der Torwächter vor dem Gesetz. Der Beamte sieht auf, bemerkt Szczesnys Blicke. Szczesny fühlt sich ertappt, Blut schießt in sein Gesicht. Der Mann hält ihn für einen Lügner. Und auf eine gewisse Weise hat er recht. Unsicher wendet sich Szczesny ab, geht durch die Halle zum Ausgang. Er weiß: Der Beamte sieht ihm hinterher, beobachtet jeden seiner Schritte. Er spürt den Blick in seinem Rücken. Und er hat diese Situation schon einmal erlebt:
Vor zwei Wochen stürzte Kerner an Szczesnys Tisch im Großraumbüro. Szczesny hob ruhig den Blick vom schmutziggrauen PC-Monitor. Er sah Kerner ängstlich schwitzen, auf der Stirn standen feuchte Perlen, eine rann ihm über die Wange.
»Aber Herr Kerner, was haben Sie denn?«, fragte er, obwohl er die Antwort wusste. Seit Tagen bereitete er sich auf diesen Moment vor.
»Szczesny, die neue Lohnbuchhaltung ist gerade abgestürzt.« Kerners Stimme war rau. Jetzt muss ich einfach ruhig bleiben. Er darf nichts merken.
»Aber im Probelauf war doch alles einwandfrei«, erwiderte Szczesny. Er hoffte, der andere kaufte ihm seine gespielte Bestürzung ab. Aber Kerner war viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt, um auf einen falschen Ton in der Stimme des anderen zu achten.
»Scheiß auf den Probelauf! Scheiß drauf!«, wurde Kerner laut. »Wir haben drei Probeläufe gemacht. Das Programm müsste narrensicher sein. War es auch!« Er zögerte plötzlich, sah Szczesny scharf an. Jetzt sehr prüfend, sehr genau. »Aber das hat einer hier aus der Abteilung sabotiert. Einer von uns. Ich bin mir sicher. Der hat sich heimlich an meinen Schreibtisch geschlichen und ist über mein Passwort und meinen Terminal ins CICS. Er hat das Programm verändert und den Maschinencode neu kompiliert. Das ist ja kein großes Problem, wenn man sich auskennt.«
Szczesny richtete sich beteiligt auf. Hatte Kerner ihn bereits jetzt im Verdacht? Von allen Tischen wanderten verwunderte Blicke zu den beiden. Szczesny konnte sie spüren, ohne sie zu sehen. Keinen Fehler jetzt. Ungläubig reagieren:
»Aber wer kennt denn ihr Passwort überhaupt? Ändern Sie es denn nicht regelmäßig?«
»Das bietet doch jemandem mit Erfahrung keine Schwierigkeiten. Wissen wir doch beide. Außerdem sind es eh nur mein Geburtstag und die ersten drei Buchstaben meines Namens.« Die erste Falle, dachte Szczesny. Er hatte Mühe, sich ein überlegenes Lächeln zu verkneifen. Es sind zuerst die ersten vier Buchstaben und momentan ist es der Geburtstag deiner Tochter - kern_1903. So simpel!
»So?«, fragte er harmlos. »Aber wer hatte denn die Möglichkeit? Ich meine, man kann doch nicht einfach in Ihr Büro spazieren und an Ihrem Terminal herumspielen! Ich kann mir das nicht vorstellen. Das muss doch jemand merken. Vielleicht sollten wir die Werkssicherheit …«
Kerner zuckte mit den Schultern, setzte sich ächzend zu Szczesny an dessen Schreibtisch. Er sah, dass er seinen Vorgesetzten geschafft hatte. Er ist reif.
»Ich kann vor der Geschäftsführung nichts beweisen. Eine Sabotage nimmt mir niemand ab. Da hat sicher keiner Fingerabdrücke hinterlassen. Der Absturz bleibt an mir hängen.«
»Ist denn der Fehler so schlimm?«, mischte sich Paul Hallart vom Nebentisch ungläubig ein. »Ich meine, können wir das denn nicht schnell wieder beheben? Wir haben doch die Backup-Kopie, die jeden Abend erstellt wird – und die Offlinedateien.« Kerner sackte in sich zusammen.
»Das Backup ist selbstverständlich durch die neue, also die falsche Version ersetzt worden und alles über die Offlinedateien zu reparieren, wird Wochen dauern. Wer immer das war, Paul. Der Saboteur hat ganze Arbeit geleistet. Das Programm hat sich beim Anfahren selbst zerstört, indem es sich auf die 3812er Platte kopierte und dann wieder zurück.« Hallart war sprachlos.
»Die sind doch nicht kompatibel, die 3812er ist …«, sprang Szczesny ein und rief dann laut, als würde ihm alles jetzt erst bewusst: »Mein Gott! Die gesamte Buchhaltung ist nur noch Schrott?« In Hallart kam wieder Leben.
»Aber der Administrator …, ich meine, die Operator … Wann …?«, stotterte er.
»Es ist passiert, Hallart«, erwiderte Kerner leise. Und während er das sagte, wurde er bleich. Szczesny schien es, als würde jemand Kerners Kopf mit Milch füllen. Langsam, von Kragen her aufsteigend, wich die Farbe aus seinem Gesicht. Er wirkte, als würde er sich gleich übergeben. »Szczesny, ich bin ruiniert«, sagte er erstaunlich ruhig, »der Alte setzt mich auf die Straße. Die da oben müssen doch glauben, dass ich das verhunzt habe. Die Arbeit von einem halben Jahr. Ich kann froh sein, wenn sie keinen Schadenersatz einfordern …«
Szczesny unterdrückte nur mühsam ein triumphierendes Lächeln. Hab ich dich. Endlich.
Eine Woche später saß Szczesny auf Kerners Stuhl.
*
Gitta hörte erst auf, zu kichern, nachdem Clara mit ihrem sandbraunen und dicken DIN-C4-Umschlag von der Haustür zurückgekehrt war, unschlüssig mitten im Zimmer stehen blieb und ihrer Freundin einen unfreundlichen Blick zuwarf.
»Der ist doch süß, der neue Aushilfspostbote. Hättest ihn ruhig zum Kaffee einladen und ihm seinen Wunsch erfüllen können. Da wäre dir kein Zacken aus der Krone gefallen. Ich unterhalte mich gerne mit ihm, wenn er mir mal etwas an die Tür bringt. Er hat mir erzählt, er würde Bilder malen und ab und an Geschichten schreiben. Waren wir auch mal so jung?«, glaubte Gitta sich verteidigen zu müssen. Clara zuckte mit den Schultern und suchte nach einem geeigneten Platz für die Sendung ihres Verlegers Welkenbaum - zwar sichtbar, aber doch nicht so offen, dass der Briefumschlag ihr ständig ins Auge fiel. Im Moment wollte sie sich noch nicht mit Engolds Kritik auseinandersetzen. Sie befürchtete das Schlimmste; schließlich war sie ein Wagnis eingegangen. Womöglich lag bei dem korrigierten Text ein Schreiben, man könne ihn in dieser Form unmöglich veröffentlichen. Schließlich war ihr neues Werk, ›Die Boten des Himmels‹, in vielerlei Hinsicht außergewöhnlich und unterschied sich deutlich von ihrem eher konventionellen Erstling, der von einer Amour fou in einem Bauerndorf in den Cevennen erzählte und der dem Briefträger zu ihrem Erstaunen so gut gefallen hatte. ›Die Boten des Himmels‹ war genau die Art von Literatur, die sie schaffen wollte. Wenn ihr Verleger das nicht einsah, war es vielleicht an der Zeit, sich einen Neuen zu suchen. Sie musste unbedingt mit ihrer Agentin sprechen; die konnte sich für die fünfzehn Prozent Provision, die sie von jedem verkauften Buch bekam, schon ein wenig mehr anstrengen.
»Wenn ich jeden jungen Mann, der mir sympathisch ist, auf einen Kaffee hereinbitten würde, käme ich zu nichts anderem mehr. Und ich weiß nicht, ob das Norbert so gut gefallen würde«, knüpfte Clara nach einer zumindest für ihre Freundin etwas peinlichen Gesprächspause wieder an. Sie hatte sich inzwischen entschieden und schob den Umschlag gelassen in eine Lücke ihres ausladenden Bücherregals, das eine ganze Wand des Zimmers einnahm. Dort drängten sich alphabetisch sortiert die großen Werke der Literatur eng aneinander, allesamt vom ersten bis zum letzten Wort aufmerksam durchgelesen und für Clara Wichtiges durch kleine Klebezettel zwischen den Seiten markiert. Es war eine Sammlung, die mancher Bücherei zur Ehre gereicht hätte. »Außerdem hat der Postbote mich überrumpelt. Wollte er doch glatt ein Autogramm von mir! Das muss man sich mal vorstellen. Als ob ich eine Prominente wäre.« Jetzt musste sie ebenfalls lachen.
»Mach dich nicht kleiner, als du bist. Schließlich ist das ›Lavendelbett‹ ein Bestseller und wurde sogar im Fernsehen beim Literarischen Quartett erwähnt …«
»… aber nicht gerade lobend«, ergänzte Clara. Sie trat an den Küchentisch, setzte sich zu ihrer Freundin und nahm seufzend den Teebeutel aus der dampfenden Tasse, legte ihn auf einen vorbereiteten Unterteller. Die von ihr angestrebte Ziehzeit des Aufgusses war um zwei Minuten überschritten. Vorsichtig nippte sie an ihrem heißen Getränk. ›Natürlich‹, dachte sie, ›der Tee ist viel zu bitter und der Ingwer darin inzwischen zu scharf.‹ Bevor sie ihn allerdings in den Ausguss schüttete, wollte sie noch versuchen, ihn mit Honig zu retten. Sie stand wieder auf, trat an den Vorratsschrank und öffnete ihn, überlegte, welche der fünf Honigsorten, die dort angebrochen standen, für ihren Tee passte. Dabei wurde sie bei ihren Verrichtungen scharf von Gitta beobachtet. Es war der jetzt gleichmütigen Miene der Freundin nicht anzumerken, was sie sich dabei dachte, aber Clara wusste das Pokerface ihrer Freundin zu deuten. Gitta fand, dass die neurotische Clara wieder einmal viel zu genau nahm.
»Du bist viel zu penibel«, hatte Gitta ihr vorgeworfen, »bist du in der analen Phase hängen geblieben? Ich würde an deiner Stelle mal an eine Therapie denken.« Die anschließende, äußerst heftige Auseinandersetzung, die beinahe ihre Freundschaft ruiniert hatte, hatte Gitta jedoch dazu bewogen, dieses Thema nie mehr anzusprechen und höchstens noch mit einem stummen und gut verborgenen Augenrollen Claras Putz- und Ordnungssucht zu kommentieren.
»Außerdem ist das Buch wirklich kein Bestseller. Weißt du, was ich mit der gebundenen Ausgabe vom ›Lavendelbett‹ bisher verdient habe? In dem halben Jahr seit der Veröffentlichung nicht mehr als fünftausend Mark. Das ist zum Leben zu wenig und zum Sterben zu viel.« Clara kehrte mit dem Honigglas - Wiesenblumen - und einem kleinen Löffel zurück an den Tisch und setzte sich wieder. Aufmerksam öffnete sie das Glas und tauchte den Löffel in den goldfarbenen, von beigen Kristallen gepunkteten und recht zähen Seim.
»Das wird sicher noch mehr; die Mundpropaganda läuft und dein Werk liegt in jeder Augsburger Buchhandlung im Schaufenster. Kommt nicht bald auch die Taschenbuchausgabe auf den Markt? Immerhin haben die Einnahmen ausgereicht, dass du nicht mehr als Schulsekretärin arbeiten musst.« Vorsichtig drehte Clara den Löffel eine Handbreit über dem Glasrand im Kreis, bis der letzte Honigfaden von ihm abgetropft war. Erst dann hob sie ihn in die Tasse und rührte.
»Sicher, das ist wahr. Manchmal jammere ich einfach zu viel. Es sollen inzwischen ein englischer und ein italienischer Verlag an einer Übersetzung interessiert sein. Vor allem aber hat Norbert endlich begriffen, dass das Schreiben ein Beruf sein kann, als er den ersten Scheck vom Verleger in der Hand hielt. Er hatte plötzlich nichts mehr dagegen, dass ich meinen Halbtagsjob in der Hauptschule aufgegeben habe, um mich ganz aufs Schreiben konzentrieren zu können. Auch wenn er es vielleicht noch nicht ganz eingesehen hat: Meine Literatur ist einfach mehr als nur mein kleines Hobby. Es ist mein Ernst. Früher war er immer der Meinung, da würde ich eben ein wenig spinnen. Dieser Meinung war übrigens auch der Rest meiner Familie. Jetzt unterstützt Norbert mich sogar und erkundigt sich ab und an nach meinem Schaffen. Das hat er früher nie gemacht.« Sie probierte erneut ihren Tee. Er war jetzt zwar genießbar, aber er schmeckte enttäuschend flach und süß. Die Mission, einen brauchbaren Tee zu brühen, war endgültig gescheitert.
»Hat dein Mann das ›Lavendelbett‹ eigentlich gelesen?«
»Ich denke nicht. Er kennt nur Ausschnitte, weil er mich zu ein paar Lesungen und im Oktober zur Buchmesse begleitet hat. Aber ich kann ihn verstehen. Es ist ganz schwierig, vorurteilsfrei einen Roman zu lesen, dessen Autor man auf so intime Weise kennt. Man sucht unwillkürlich immer den Bezug zur Person hinter dem Text. Obwohl man nie den Schriftsteller mit seinem Werk verwechseln sollte, geschieht das doch ständig. Für viele bin ich die Eloise du Bracque aus dem ›Lavendelbett‹. Du glaubst gar nicht, wie oft ich danach gefragt werde, ob der Roman auf eigenen Erfahrungen beruht.« Während sie erzählte, war Clara mit ihren Gedanken an einem ganz anderen Ort, fragte sich unter anderem, ob sie es wagen und den Tee noch einmal aufgießen sollte, wann sie zuletzt die Dachfenster geputzt und ob sie ihre leicht demente Mutter mal wieder im Altersheim besuchen sollte. Selbst wenn diese Visiten sie immer deprimierten, fühlte sie doch eine Verpflichtung und hatte ein schlechtes Gewissen, wenn die Lücken zwischen den Besuchen zu groß wurden. Henry könnte wirklich auch einmal bei der alten Frau vorbeischauen und sich nicht immer und überall drücken! Schließlich war ihr jüngerer Bruder immer der Liebling gewesen, auch wenn die Mutter sich jetzt nicht mehr daran erinnern konnte. Am liebsten hätte Clara ihn sofort angerufen. Da sie das Gespräch über ihre Literatur bereits gefühlte einhundert Mal geführt hatte, fiel es Gitta nicht auf, wie gedankenverloren ihre Freundin war.
»Und? Tun sie das?«, fragte Gitta und verzog maliziös die Mundwinkel. Sie selbst hätte ihr Lächeln niemals maliziös genannt – sie hatte nicht einmal eine genaue Vorstellung davon, was das Wort eigentlich bedeutete – aber Clara kam dieses Adjektiv sofort in den Sinn. Auch wenn sie sich lieber einen Finger abgeschnitten hätte, bevor sie es in einem ihrer eigenen Texte zu verwendet hätte. Sie gehörte nicht zu den Autorinnen, die angeberisch ein Fremdwort benutzten, wenn es auch passende deutsche Formulierungen dafür gab.
»Du fragst mich allen Ernstes, ob ich meinen schwindsüchtigen Ehegatten mit einem muskulösen, cevennischen Bauernsohn betrogen habe?«, erkundigte sie sich und schüttelte die anderen Gedanken bis auf einen ab. »Du weißt, dass ich noch nie in meinem Leben in Südfrankreich war. Ich spreche nicht einmal französisch.« Für einen kurzen Moment sahen sich die beiden Frauen stumm in die Augen. Dann zuckte Clara wie von einer Nadel gestochen zusammen:
»Aber ich habe dir ja noch gar keinen Kaffee gekocht. Ich bin eine schreckliche Gastgeberin. Das tut mir leid!« Sie sprang auf und nahm ihre Teetasse in die Hand. »Ich glaube, ich trinke jetzt auch lieber einen Kaffee.« Sie trat zur Kaffeemaschine und schaltete sie ein. Das Küchenmonster erwachte lautstark schnaufend, mahlend, dampfend, stampfend und gurgelnd zu seinem mechanischen Scheinleben. Clara mochte diese Geräusche. Steampunk, nannte Sebastian sie. Aber an diesen Mann wollte sie im Moment überhaupt nicht denken.
»Und? Hast du es besorgt?«, fragte sie betont gleichgültig, fast abweisend, während sie konzentriert in einem Metallbecher warme Milch aufschäumte. Sie fürchtete sich vor der Antwort, aber irgendwann musste sie sich ja einmal der Wahrheit stellen. Auch wenn sie tausend Worte und Geschichten wusste, um weiter vor ihr davon zu laufen.
»Klar, habe ich«, erwiderte Gitta und griff in eine Tasche ihrer Strickjacke, holte eine längliche Schachtel heraus und legte sie vor sich auf den Tisch, schob sie mit zwei Fingern in dessen Mitte. Dann lehnte sie sich zurück und verschränkte demonstrativ ihre Arme.
*
Szczesny steht auf dem Bürgersteig vor dem Einwohnermeldeamt. Es ist kühl. In der Nacht ist ein wenig Schnee gefallen. Längst hat er sich in einen dickflüssigen, braunen Brei verwandelt, der wie Klebstoff auf dem Asphalt liegt. Szczesny weiß nicht, in welche Richtung er gehen soll. Er lässt sich von eiligen Menschen anrempeln.
Ein Fels in der Brandung bin ich. Allein mit mir.
Weder die Stöße der anderen noch das Lärmen der Geschäftsstraße dringen bis zu ihm vor. Nur ein dünnes Pfeifen steht in seinem Ohr. Szczesny senkt den Kopf.
Ich bin erschöpft, denkt er und macht einen Schritt zur Seite. Er rutscht aus, fällt aber nicht. Damit reiht er sich willig in den Strom ein, taucht in die Menge. Es ist schön, mit ihr zu gehen, dorthin, wohin alle gehen. Sich treiben lassen. Aufgehen. Anonym und ohne Selbst. Szczesnys aufgewühlter Geist wird eins mit der Menge, ist Menge und verliert seine Gedanken in dem Fluss aus Leibern, der ihn mitreißt. Doch die Straße mündet bald, der Strom ergießt sich in einen großen Platz und die Menge, in der er sich so geborgen fühlte, verläuft sich. Hier steht Szczesny noch einmal still. Er kramt aus seinem Mantel einer Zigarette hervor. Erst als er sie in den Mund steckt, kommen ihm Zweifel.
Das ist die zweite in kurzer Zeit. Das habe ich nicht nötig. Er schiebt die Zigarette zurück in die Tasche, dort zerkrümelt er sie langsam zwischen den Fingern. Szczesny sieht sich dabei um. Jetzt hindert mich nichts mehr, heimzugehen, Clara zu begegnen. Wie soll ich ihr das erklären, was der Arzt gesagt hat? Er hat seine Frau schließlich gedrängt, sich untersuchen zu lassen. Damit ging es los. Er will das Kind. Unbedingt. Sein Schwager Henry hat drei, zwei Jungs, ein Mädchen. Der älteste, Daniel, ist gerade achtzehn geworden. Ein potenter Mann. Alle sind sie gesund: Henry, der über zehn Jahre älter ist als seine jüngste Schwester Clara, seine gedrungene Frau, die lauten und rücksichtslosen Kinder, sogar ihr Familienhund. Sie tragen ihre Gesundheit wie einen Orden. Jeder muss sie bewundern. Nur sie allein wissen, wie man richtig lebt.
Ein einziges Mal hat Szczesny seinen Schwager besiegt. Das war an Claras Geburtstag vor knapp einem Jahr. Es ging wie immer los: Henry erzählte, was für ein toller Hecht er sei und dass ein intensives Lauftraining nur Vorteile habe, solange man nicht der Idee verfalle, es zu übertreiben oder irgendwelches Zeug zur Muskelbildung fresse.
»Du weißt nicht, was das für ein Körpergefühl ist. Da, fühl’ mal: Ich habe auch ohne Proteine meinen Oberarmumfang fast verdoppeln können. Das ist der Bizeps. Und hier der Trizeps, hier. Ich bin jetzt auch viel ausdauernder. Weißt schon – auf jedem Gebiet.« Henry zwinkerte seiner Frau zu, die verlegen lächelte. Szczesny verzog nur einen Mundwinkel. »Meine Gesundheit ist jetzt viel stabiler als früher. Ich habe seit zwei Jahren keine Erkältungen. Und was Kopfschmerzen sind, weiß ich schon gar nicht mehr.« Henry machte eine bedeutsame Pause, sah zu, wie sich Szczesny ein Bier öffnete. »Ich vertrage jetzt auch wesentlich mehr Alkohol als andere, ist mir aufgefallen. Ich kann jeden unter den Tisch saufen.«
»Bravo, du bist mein Held!« Das kam von Clara, die mit einer Schüssel Kartoffelchips ins Wohnzimmer kam. Szczesny sah dankbar zu ihr. Da schlug ihm sein Schwager mit der flachen Hand auf die Schulter.
»Wetten?«, fragte er. Szczesny sah ihn erstaunt an. Hatte er richtig verstanden? »Na, wollen wir es nicht mal ausprobieren? Wir beide, gegeneinander?« Henry nahm sich ebenfalls ein Bier, öffnete es, stellte es vor sich hin.
»Ich dachte, du hättest die Pubertät inzwischen hinter dir. Aber bei Männern dauert das ja etwas länger, heißt es«, bemerkte Clara und Henrys Frau lachte. »Ich glaube auch nicht, dass Norbert diesen Unsinn mitmacht. Ja?«
Clara wandte sich zu ihrem Mann. Einen Moment war er verwirrt, sein Blick wanderte zwischen der Bierflasche und seiner Frau hin und her. Dann sah er zu Henry, der die muskulösen Arme verschränkt hatte und ihn überlegen anlächelte.
»Wenn du willst«, Szczesny nahm seine Bierflasche in die Hand und leerte sie in wenigen Zügen. »Das war zum Warmwerden. Ich hole den Schnaps.«
Henry lachte. Er klopfte sich dabei auf die Oberschenkel. Szczesny bemerkte Claras missbilligende Augenbraue. Auch die Schwägerin schien nicht gerade begeistert. Aber jetzt konnten die beiden Männer keinen Rückzieher mehr machen.
Szczesny denkt nicht gerne an diese Wette zurück. Beide soffen sich nahe an die Bewusstlosigkeit, aber er, Szczesny, trug den Sieg davon. Sie tranken gleich viel Alkohol und waren auch im gleichen Stadium der Trunkenheit, aber ihm war nicht schlecht geworden. Henry kotzte den Gang voll. Clara war zwei Wochen böse mit ihrem Mann und nahm nun seltsamerweise ihren Bruder in Schutz, betrachtete ihn als das Opfer.
Jemand rempelt Szczesny an. Es ist eine junge, gut aussehende Frau, die ebenso gedankenverloren über den Königsplatz geht. Sie lächelt flüchtig und entschuldigend, dann ist sie weiter. Szczesny sieht ihr hinterher. Das wäre doch gelacht, denkt er.
Später geht Szczesny langsam eine Treppe in einem Haus in der Jakober Vorstadt hinauf. Er ist nicht erwartungsvoll, nichts zittert in seinem Körper. Er spürt keine Lust. Er sieht sich auch nicht nach der Prostituierten um, die er unten vor dem Stundenhotel in der Hasengasse angesprochen hat. Trotzdem: Er ist hier.
»Wir sind da«, sagt die Frau wie zur Bestätigung, drängt sich an ihm vorbei, während sie in ihrer Tasche nach dem Zimmerschlüssel kramt. Sie trägt hohe, schwarze Stiefel und einen Pelz. Szczesny mustert abschätzend ihre Beine. Was will ich hier? Träge tritt er hinter der Frau in das Hotelzimmer und schließt hinter sich die Tür. Endgültig …
Die Hure dreht sich zu Szczesny um, schlüpft aus ihrem Pelz. Sie legt ihn vorsichtig auf den Sessel neben dem Bett. Diese Geste erinnert ihn an Clara. Sie hat nur ein kurzes Kleid an. Szczesny bemerkt einen Kaffeefleck unterhalb des Ausschnitts. Ihr war sicher kalt da draußen. Im Schnee; in dieser – Sackgasse. Er sieht der Frau ins Gesicht, versucht, sie hinter der dicken Makeup-Schicht und den gefärbten Haaren zu erkennen. Er schätzt sie auf vierzig, mindestens. Aber sie bleibt puppenhaft und unwirklich: Ihr Blick ist leer, abwartend. Sie sehen sich an, dann senkt sie ihren Augen.
»Willst du was trinken?«, fragt sie. »Der Empfang kann uns Sekt ‘raufbringen.« Szczesny schüttelt den Kopf. Er langt in seinen Mantel und holt die Brieftasche hervor. Umständlich zieht er zwei Geldscheine heraus und reicht sie ihr. Sie nickt, nimmt das Geld vorsichtig mit zwei Fingern, schiebt es ihn ihre Handtasche. Die Nägel sind grün lackiert. Sie lächelt und legt den Kopf schief. Szczesny reagiert nicht. Die Hure zuckt mit den Schultern, öffnet sie ihr Kleid, lässt es zu Boden fallen, steigt aus ihm heraus und legt es sorgfältig über den Pelz. Sie ist mager. Die Hautlappen ihrer Brust senken sich, als sie den BH abnimmt. Szczesny sieht eine Gänsehaut auf ihren Schultern. Interessiert mich nicht, denkt er. Darf mich nicht interessieren.
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