Kitabı oku: «Madame Nina weiß alles»

Madame Nina:
Madame Nina weiß alles
Alle Rechte vorbehalten
© 2017 edition a, Wien
www.edition-a.at
Cover: JaeHee Lee
Gestaltung: Lucas Reisigl
Lektorat: Silvia Meister
ISBN 978-3-99001-241-3
eBook-Herstellung und Auslieferung:
Brockhaus Commission, Kornwestheim
www.brocom.de
Ein Superstar am Bauernmarkt
In der Bar wurde es plötzlich still. Die angenehme Geräuschkulisse, das sanfte Plätschern der Gespräche, unterbrochen vom kurzem, hellen Lachen eines meiner Mädchen, war binnen Sekunden verebbt und einer fühlbar gespannten Ruhe gewichen. Gerade hatte ich zur Champagnerflasche gegriffen, um mir ein weiteres Glas Dom Pérignon einzuschenken, als mir das unpassende Schweigen bewusst wurde. In die Stille hinein stellte ich die Flasche zurück auf die Theke und sah auf.
»Was gibt es denn?«, fragte ich. Keines der Mädchen antwortete. »Los, los«, forderte ich sie auf, »macht weiter.«
Die Uhr ging auf Mitternacht an diesem Donnerstagabend Anfang der goldenen Neunzigerjahre in Wien. Eine gute Ära war das, der wirtschaftliche Aufschwung beinahe ungebrochen, noch regierte der Zeitgeist des »Alles ist möglich«. Dieser generell positiven Grundstimmung konnte auch der seit Tagen anhaltend fallende Regen keinen Abbruch tun. Und wenn Gäste Sorgen oder Stress hatten, gaben sie die Probleme samt ihrem Mantel bei der Eingangstüre meines Etablissements »Ninas Bar« ab. Das Unangenehme wurde nach draußen in die unfreundliche Nacht verbannt.
Hier bei mir durften sich die Herren für einige Stunden Urlaub von den Kümmernissen des Alltags nehmen, private oder berufliche Schwierigkeiten rückten in den Hintergrund.
Ab und zu erzählte ein Gast, den etwas bedrückte, einem Mädchen von seinen Problemen. Allerdings waren die Widrigkeiten durch das stimmige Ambiente der Bar weichgezeichnet, und die Herren sprachen über das, was sie beschäftigte, in anekdotenhaft verbrämter Weise. Schon allein dadurch wogen die Sorgen nicht mehr so schwer, jeder Kummer oder Ärger schien leichter und daher auch einfacher zu bewältigen. Wenn diese Gäste mein Etablissement verließen, hatten sie dank der Mädchen, die alle auch gute Zuhörerinnen waren, jede Menge seelischen Ballast abgeworfen.
Diese Art der Entspannung hat im Laufe der Jahre, da bin ich ganz sicher, vielen Gästen über private und berufliche Krisen hinweggeholfen.
Hier in der Bar war es stets gemütlich. Bei mir tauchten die Herren in eine Welt der Intimität und Lockerheit ein. Das gedämpfte Licht und der warme Schein der Kerzen aus den schweren Silberleuchtern, das exquisite plüschige, rote Mobiliar, die üppigen Stoffdrapierungen und meine stets wie Diven zurechtgemachten Mädchen schufen den Rahmen dieser Oase des Wohlfühlens. Bei mir sollten die Gäste amüsante Stunden in luxuriöser Atmosphäre und diskreter Behaglichkeit erleben.
In diesem ebenso noblen wie familiären Ambiente, auf das ich großen Wert legte, saß ich mit einigen Gästen an der Theke. Einige andere Herren hatten sich bereits mit Mädchen in eines der sechs Séparées zurückgezogen.
Es war ein typischer Donnerstagabend in meiner Bar. Um die dreißig Mädchen waren da und etwa vierzig bis fünfzig Gäste, bunt gemischt, vom Beamten bis zum Bauunternehmer. Der Donnerstag war in den Achtziger- und Neunzigerjahren traditionell gut fürs Geschäft, denn es war üblich, dass die Männer, die verheirateten und liierten, an diesem Tag »Ausgang« hatten, ihren sogenannten »Herrenabend« genossen. Auch in meinem Etablissement hatte der Donnerstag diese Bezeichnung.
Das Perlen der Gespräche hatte wieder eingesetzt, ich nahm also doch noch einen Schluck Champagner. Als ich das Glas abstellte, wanderte mein Blick durch die Bar und blieb bei den mit einem roten Teppich ausgelegten Stufen vor dem Eingang hängen.
Schlagartig wurde mir klar, was meine Mädchen gerade eben so fasziniert und die Gespräche zum Verstummen gebracht hatte. Es war ein Herr, der dort beim Entree stand, ein Mann mit einer Aura, die weit in den Raum reichte. Gewellte, dunkle, schulterlange Haare. Prägnante Gesichtszüge. Eine hohe Stirn mit starken Augenbrauen, darunter eine ausgeprägte Nase und schmale Lippen. Wer war das nur? Er kam mir bekannt vor. Hunderte Gesichter rasten durch meinen Kopf, doch keines deckte sich mit dem Aussehen dieses Gastes. Dabei hatte ich ein wirklich hervorragendes Gedächtnis, was die Besucher der Bar betraf. Noch nach vielen Jahren konnte ich mich an jeden von ihnen erinnern, an kleinste Details, die mir die Herren in Gesprächen anvertraut hatten. Vermutlich war diese Tatsache eines der Erfolgsgeheimnisse meines Etablissements. Auch wenn ein Gast zehn Jahre lang nicht da war, erkannte ich ihn sofort wieder und wusste alles, was er mir einst erzählt hatte. So konnte ich ihn wie einen alten Freund empfangen, der erst gestern zu Besuch war. Und den Herren vermittelte dies ein Gefühl der absoluten Vertrautheit und des Willkommenseins.
Aber der Mann, der noch immer bei der Eingangstür stand? Nein, an ihn erinnerte ich mich nicht. Ich konnte also ausschließen, dass er schon einmal hier gewesen war. Ich musste ihn woanders gesehen haben. Vielleicht in der Zeitung oder im Fernsehen? Aber ich konnte nicht einordnen, warum mir sein Aussehen so geläufig war.
Ich stand noch immer an der Theke und unterhielt mich mit einem Gast, einem Rechtsanwalt in mittleren Jahren. Gerade erzählte er mir von seinem Hund, davon, dass das arme Tier seit seiner Scheidung an Schnupfen litt. Und dass er das Leiden seines treuen, vierbeinigen Freundes nun mit Homöopathie zu bekämpfen gedachte. Doch jetzt musste der Rechtsanwalt warten.
»Herr Doktor, bitte entschuldigen Sie«, sagte ich. »Ich bin gleich wieder bei Ihnen, ich will nur rasch unseren neuen Gast begrüßen.«
Ich füllte eine zweite Champagnerflöte, nahm die beiden Gläser und winkte ein Mädchen heran. Gemeinsam gingen wir auf den Herrn an der Treppe zu, ich voran, Julia hinter mir. Ich trug nicht nur den Champagner, sondern auch mein strahlendstes Lächeln. Dieses Strahlen war meine Rüstung, meine Uniform. Ich streifte es über wie den teuersten Pelz. Es hüllte mich ein und gab mir Sicherheit. Und kaum legte ich es an, versetzte es mich in eine Glücksstimmung. Wie eine Welle breitete sich meine gute Laune, mein Lachen, meine Herzlichkeit in der Bar aus und erreichte jeden meiner Gäste. Egal, ob die Herren ständige Besucher waren, wie der renommierte Rechtsanwalt, oder ob sie zum ersten Mal in mein Etablissement kamen, ich umfing sie mit meiner Fröhlichkeit. Ich konnte dieses Strahlen, diesen Glückszustand jederzeit abrufen, dennoch war daran nichts künstlich oder aufgesetzt. Denn es kam aus meinem Innersten, es war mein tiefes Bedürfnis, die Gäste damit zu umfangen, sie mit einer angenehmen Wärme zu umgeben. Egal, ob es mir gut oder schlecht ging, ob die Geschäfte großartig liefen oder dahindümpelten, mein Strahlen konnte ich jederzeit anknipsen.
Lache, Bajazzo, auch wenn dir zum Weinen ist, das war mein Motto. Eine Zeile, angelehnt an den Text aus der Oper »Pagliacci«, die ich schon immer verinnerlicht hatte. Dort singt der Bajazzo, der Clown: »Die Leute zahlen und wollen lachen hier … Verwandle in Witze die Schmerzen und die Tränen … Lache Bajazzo … Lache über den Schmerz, der das Herz dir vergiftet.« Hier in der Bar war ich der Bajazzo, der alle Sorgen weglachte.
»Herzlich willkommen, der Herr«, begrüßte ich also strahlend den fremden Mann an der Treppe. »Wie geht es Ihnen an diesem wunderschönen Abend?«
Julia bat ich: »Nimm dem Herrn doch bitte den Mantel ab.«
Gerne ließ er sich von ihr aus der langen Jacke helfen und nahm das Champagnerglas, das ich ihm anbot.
»Wenn ich mich nicht irre, sind Sie zum ersten Mal bei uns?«, fragte ich den mysteriösen Unbekannten.
»Es tut mir leid, ich spreche kein Deutsch«, antwortete er mir höflich auf Englisch.
Er war also Amerikaner. Ich hatte in meiner Jugend lange genug in den USA gelebt, um seinen Akzent sofort zu erkennen.
»Oh wie schön«, sagte ich. »Sie sind aus New York, nicht wahr?«
Er nickte. Zugleich spürte ich seine leichte Verwunderung über meine Frage. Vielleicht war es seine kurz in die Höhe gezogene Augenbraue, die mir dieses Gefühl vermittelte. War er so prominent, dass er davon ausging, jeder müsse ihn kennen? Fieberhaft dachte ich nach, wer er sein könnte. Zu gern hätte ich Julia zugeflüstert, dass sie mir mit dem Namen aushelfen soll, denn offensichtlich wusste sie ganz genau, um wen es sich da handelte. Doch Julia hatte nur Augen für den amerikanischen Herrn, sie war intensiv damit beschäftigt, ihn ehrfürchtig anzuschauen.
Eines wurde mir dadurch aber immerhin klar, der Mann musste aus dem Showgeschäft sein. Denn obwohl Julia, ein zwanzigjähriges Mädchen aus Oberösterreich, erst seit einigen Monaten bei mir in der Bar arbeitete, wusste ich bereits, dass sie ein eher begrenztes Wissen über Unternehmer und Politiker hatte.
Nun gut, dachte ich. Wenn der Herr aus der Showbranche kommt, dann ist er sicher kein Produzent oder Regisseur. Denn würde er hinter den Kulissen arbeiten, hätte Julia vermutlich keine Ahnung, dass der Mann berühmt ist. Da sie ihn aber ebenso intensiv wie offensichtlich anhimmelte, musste der Amerikaner als Musiker auf der Bühne stehen oder in Filmen zu sehen sein. Ein Popstar also? Oder ein Schauspieler? Ein Name fiel mir aber noch immer nicht ein.
»Machen Sie es sich bitte gemütlich«, sagte ich stattdessen zu dem Fremden und wies auf einen der freien Plätze an der Theke.
Es war für mich immer erfrischend, Englisch zu sprechen. Ich verband damit stets Erinnerungen an meine Zeit in Amerika. Obwohl diese Phase in den USA für mich ziemlich schwierig gewesen ist. Von meiner Heimat Kroatien kommend war ich damals zunächst in New York gelandet. Und wenn ein Wort als Überbegriff für meine Amerika-Zeit steht, dann ist es »Chaos«. Mit Chaos hatte alles begonnen und im Chaos hatte der USA-Aufenthalt geendet. Doch trotz aller Widrigkeiten habe ich aus dieser Zeit, von der ich Ihnen später noch ausführlich erzählen werde, etwas Wunderbares mitgenommen. Meine große Liebe für die offene, wenngleich auch ein wenig unverbindliche und oberflächliche Art der Amerikaner.
Abermals versuchte ich Blickkontakt mit Julia aufzunehmen. Ich wollte endlich das Rätsel um diesen Herrn lösen. Doch Julia war dermaßen hingerissen von unserem Gast, dass sie mich überhaupt nicht wahrnahm. Ihre grünen Augen blitzten ihn aufgeregt an, sie setzte ihre üppigen Rundungen in Szene, umschwirrte den Amerikaner wie ein aufgeregt flatternder draller Engel. Man konnte ahnen, dass sie so rasch wie möglich auf seinem Schoß landen wollte.
Die Vorstellung, die Julia da lieferte, war zwar sehenswert und schmeichelte dem Herrn sicher. Aber ich war nach wie vor in der Bredouille. Wie sollte ich mit jemandem gelöst plaudern, der davon ausging, dass ich genau wusste, wer er war und was ihn nach Wien geführt hatte? Der es vielleicht als Beleidigung empfand, wenn er erkannte, dass ich keine Ahnung hatte? Ich zog mich vorübergehend mit einer harmlosen Frage aus der Affäre.
»Wie gefällt Ihnen die Stadt?«, wollte ich von ihm wissen.
»Schön ist es hier«, antwortete er freundlich. »Aber ich habe bisher nicht viel von Wien gesehen. Wir drehen den ganzen Tag. Da bleibt nicht viel Zeit.«
Ein Schauspieler also. Immerhin ein Hinweis, der meinem Gedächtnis vielleicht doch noch auf die Sprünge helfen konnte. Mit dieser neuen Information im Hinterkopf betrachtete ich den amerikanischen Gast genauer. Ja, ich kannte dieses markant geschnittene Gesicht tatsächlich. Vielleicht trug er die Haare gewöhnlich anders? Die lange Mähne gehörte eventuell zu seiner Rolle. Ich versuchte, ihn mir mit einer anderen Frisur vorzustellen. Doch mein Erinnerungsvermögen versagte hartnäckig. Ich hatte noch immer keine Ahnung, wer da neben mir saß.
Das Gedränge um unseren prominenten Gast verschärfte sich zusehends. Jetzt buhlten neben Julia auch Emilija und Bianca um seine Aufmerksamkeit. Die zielstrebige Emilija, eine Rumänin, die ihr Image gern aufpolierte, indem sie sich als Mazedonierin ausgab, und die österreichische Jus- Studentin Bianca, die eine konservative Pagenfrisur trug, versuchten mit dem Schauspieler auf Tuchfühlung zu gehen.
Auch alle anderen Mädchen in der Bar schienen nur noch Augen für diesen einen Gast zu haben, jede schaute fasziniert in seine Richtung. In der Luft lag eine fast magische Spannung. Die ein wenig verrückte und überdrehte Bianca, die aber auch das klügste Mädchen war, erfasste die Situation instinktiv und brachte sie doppeldeutig auf den Punkt. »Einer für alle, alle für einen!«, rief sie den Schlachtruf der drei Musketiere und prostete unserem prominenten Gast mit ihrer Sektflöte zu.
Sie erntete lautes Gelächter. Die Atmosphäre entspannte sich in der allgemeinen Heiterkeit. Und auch ich konnte endlich aufatmen. Denn die scharfsinnige Bianca hatte mir das richtige Stichwort geliefert. Das letzte Puzzleteil fiel auf seinen Platz, ich hatte die Identität des Herrn gelüftet. Jetzt wusste ich, dass die langen Haare tatsächlich zu seiner Rolle gehörten. Der Mann, der neben mir an der Theke saß und meinen Mädchen den Kopf verdrehte, war Charlie Sheen, ein achtundzwanzigjähriger Hollywoodstar. Er war mir so bekannt vorgekommen, weil ich in der Zeitung gelesen hatte, dass er in und um Wien für das dreißig Millionen Dollar teure Remake des Alexandre-Dumas-Klassikers »Die drei Musketiere« vor der Kamera stand. Der Mantel-und-Degen-Film wartete mit Starbesetzung auf. Kiefer Sutherland spielte Athos, Chris O’Donnell D’Artagnan – und Charlie Sheen gab mit Aramis den Dritten im Bunde.
Langsam wurde mir das Aufsehen, das die Mädchen um unseren berühmten Gast aus Hollywood machten, zu viel. Ich hob die Hand und forderte sie mit einem Wink auf, zur Normalität zurückzukehren. Sie verstanden sofort, und rasch hatte sich die Betriebsamkeit wieder auf normalem Niveau eingependelt. So gehörte sich das. Schließlich besuchte uns nicht zum ersten Mal ein prominenter Gast. Meine Bar, »Ninas Bar«, war immerhin der nobelste Nachtclub der Stadt. Im Zentrum von Wien gelegen, in der Innenstadt nahe dem Stephansplatz, am Bauernmarkt. Und wenn anspruchsvollen Herren der Sinn nach einem ebenso diskreten wie niveauvollen Zeitvertreib stand, stießen sie rasch auf uns. Meine Bar, zu der auch ein kleines Restaurant gehörte, war ein beliebter Treffpunkt für Opernsänger, Schauspieler, Geschäftsmänner und Adelige. Und wenn internationale Stars nach Wien kamen, schauten einige von ihnen ebenfalls gerne bei uns vorbei.
Ich hatte die Mädchen ausreichend instruiert, wie solch hochkarätige Gäste zu behandeln sind – genauso wie jeder andere Herr, der zu uns in die Bar kam. Das war ein ungeschriebenes Gesetz, das in meinem Etablissement galt. Der Grund für meine strikte diesbezügliche Anweisung war simpel: Stars wie Charlie Sheen sollten hier in eine Atmosphäre der Privatheit eintauchen und nicht das Gefühl haben, wie auf dem roten Teppich bei einer Oscar-Verleihung im Rampenlicht zu stehen und die Rolle des glamourösen Stars spielen zu müssen. Ich hatte stets vermutet, dass dieser Teil des Prominentenlebens einigermaßen anstrengend für sie ist. In der Öffentlichkeit durften sie sich nie einen Fehler erlauben, weil die Lupe des Interesses ständig auf sie gerichtet war. Immer standen sie unter Beobachtung, verfolgt von den Medien und den begeisterten Fans. Deshalb war es mir wichtig, dass sie sich in meiner Bar wie zu Hause fühlten, weit weg von der Schattenseite ihrer Berühmtheit, abseits von den Strapazen ihrer Auftritte vor einem großen Publikum. Bei mir in der Bar sollten sie einfach nur Männer sein können, Herren, die erfolgreich waren und sich ein bisschen Genuss und Entspannung verdient hatten.
»Was hat Sie denn hierher zu uns geführt?«, fragte ich Charlie Sheen. Da war ich ganz Geschäftsfrau, ich interessierte mich trotz des hohen Ansehens, das meine Bar in Wien genoss, immer dafür, warum Gäste zu uns kamen. Ich wollte wissen, wer ihnen den Anstoß gegeben hatte, »Ninas Bar« zu besuchen.
»Ich wohne im Hotel Sacher«, erklärte mir Charlie Sheen. »Dort habe ich an der Rezeption gefragt, wohin ich in Wien gehen kann.«
Ich nickte. Schön zu hören, dachte ich. Wieder einmal hatte sich mein Konzept der Perfektion bezahlt gemacht. Ich achtete mit Argusaugen darauf, dass sich bei mir alle Gäste wohlfühlten und darauf, dass meine Mädchen ein erstklassiges Service boten. Denn ein zufriedener Gast war die beste Werbung. Schließlich lebten wir von Mundpropaganda. Und die machte vor den Pforten der Luxushotels nicht Halt. Die Portiers der Nobelherbergen kannten »Ninas Bar« aus der Zeitung und aus dem Fernsehen, und sie empfahlen mein Etablissement an ihre Gäste, sobald sie nach einer derartigen Lokalität gefragt wurden. Wenn die Herren dann bei mir in der Bar schöne Stunden erlebt hatten, bedankten sie sich im Hotel für den guten Tipp mit einem hohen Trinkgeld. Und die Portiers empfahlen »Ninas Bar« gern wieder. Wenn also ein Gast wie Charlie Sheen nach einem Nachtclub fragte, fiel dem Personal an der Rezeption als erste Adresse »Ninas Bar« ein. Voilà! So lief das. Auch im Sacher, obwohl ich die Portiers selbst gar nicht kannte.
Apropos Hotel Sacher, in dem Charlie Sheen während seiner Zeit in Wien residierte. Ich war ja stets begeistert vom Sacher, von dieser großartigen Hotel-Institution und seiner noblen Atmosphäre. Vor allem die vorzügliche Küche hat es mir immer angetan. Man konnte dort hervorragend speisen, nur das Beste und das Feinste. Und das Service war einmalig. Außerdem bekam man im Sacher in den Achtziger- und Neunzigerjahren noch jede Menge Hollywoodstars zu Gesicht, in der Roten Bar, in der Blauen Bar und im Restaurant.
In meiner Bar zeigte sich Charlie Sheen im Laufe der Nacht als ausnehmend angenehmer Gast. Er bestellte mehrere Flaschen Champagner und wählte schließlich, sehr zur Enttäuschung Julias, Biancas und Emilijas, Manuela für ein intimes Tête-à-Tête.
Manuela, die Glückliche, war ein Mädchen aus Mistelbach, einer niederösterreichischen Kleinstadt nördlich von Wien. Wie Bianca war sie Studentin, hatte allerdings die Fächer Theaterwissenschaften und Publizistik gewählt. Ihr Elternhaus konnte man durchaus als gut bürgerlich bezeichnen, und eigentlich wäre sie sicher auch ohne ihre Arbeit in der Bar finanziell durchs Studium gekommen. Allerdings hatte Manuela einen recht großen Hang zu luxuriösen Dingen.
Diesem Faible konnte sie nachgeben, weil sie bei mir gut im Geschäft war. Die Herren mochten sie, ihre langen blonden Haare, ihre kurvige Sanduhr-Figur und ihre blauen Augen, die gleichzeitig Unschuld versprachen und Erfahrung ahnen ließen.
Charlie Sheen nahm sie mit ins Séparée »Schwalbennest«. Ein edel ausgestattetes Zimmer mit großen, beleuchteten Spiegeln, teilweise schwarzen Marmorwänden und mit einem Jacuzzi mit goldenen Wasserhähnen, der von Goldstatuen umrahmt war. Seinen klingenden Namen trug der Raum, seit ein Gast ein kleines künstliches Nest mit Vögelchen aus Plastik mitgebracht hatte, das wir im Kronleuchter des Séparées platziert hatten. »Das ist jetzt mein Schwalbennest«, hatte der Herr damals gemeint.
Jetzt zeigte Charlie Sheen eine Vorliebe für dieses Zimmer.
Manuela erlebte dort mit ihm offenbar ihre Nacht der Nächte. Denn nachdem Charlie Sheen die Bar verlassen hatte, setzte sie sich zu uns und schäumte über vor begeisterter Redseligkeit. Er sei so toll gewesen, schwärmte sie. So aufmerksam. So einfühlsam. Die anderen Mädchen hingen an ihren Lippen, fasziniert von ihren Erzählungen. Man merkte ihnen an, dass sich in die Bewunderung auch ein Körnchen Eifersucht mischte. Denn jedes von ihnen wäre Charlie gern ins Séparée gefolgt und würde jetzt gern vom Erlebten berichten.
Es schien fast so, als meinten sie, durch die körperliche Liebe mit einem Star könnte sich dessen Ruhm auf sie übertragen.
»Meinst du, er kommt wieder?«, fragte mich Manuela mit sehnsuchtsvollem Blick schließlich.
Jetzt war es Zeit, mein Mädchen mit sanftem Nachdruck an eine unserer Grundregeln zu erinnern. »Unsere Gäste sind keine Dates, sondern Kunden«, wies ich sie zurecht. »Bitte denk gerade bei einem Herrn wie Charlie Sheen daran.«
»Schon klar«, antwortete sie, während sie sich gedankenverloren durch die blonden Haare strich und ihr verklärter Blick das Gegenteil sagte. »Aber meinst du, er kommt wieder? Meinst du, es hat ihm gefallen?«
Dass der Hollywoodstar durchaus zufrieden gewesen war, zeigte sich schon am nächsten Tag. Charlie Sheen besuchte uns abermals, diesmal hatte er einige Kollegen aus dem Film-Team dabei, die aber allesamt weniger bekannt waren als er. Er wurde während seines Wien-Aufenthaltes zum Stammgast der Bar. Kein Abend verstrich ohne seine Anwesenheit, ganze vier Wochen lang.
Damals ahnte wohl niemand, dass Charlie Sheens Leben in den folgenden Jahrzehnten eine veritable Achterbahnfahrt aufnehmen würde. Drogenmissbrauch und Totalabstürze katapultierten den Hollywoodstar weltweit in die Schlagzeilen, er bereicherte den amerikanischen Wortschatz gar um den Begriff »sheening«, der als Synonym für die Einnahme von Suchtpräparaten und den nachfolgenden Zusammenbruch steht. Für die Boulevardpresse war sein exzessives Leben ein stetig sprudelnder Quell von Sensationsstorys. Sie berichteten über ihn in Verbindung mit Callgirls und Escort-Agenturen sowie über seine Dreiecksbeziehung mit einer Pornodarstellerin und einem Model. Und er schadete mit seinen aggressiven Ausbrüchen in der Öffentlichkeit seiner Karriere. Im Jahr 2015 bekannte er schließlich über die Medien, dass er sich mit dem HIV-Virus infiziert hatte.
Mich machten die Negativ-Schlagzeilen über ihn stets ein bisschen traurig. Denn ich hatte ihn immer so vor Augen, wie ich ihn Anfang der goldenen Neunzigerjahre in der Bar erlebt hatte. Zwar war sein Ruf schon damals ein wenig ramponiert, aber für mich war er ein junger, netter Herr, lebensfroh, höflich und neugierig, für den das Leben nur das Beste bereitzuhalten schien.
Bescheidenheit zählte allerdings schon damals nicht zu seinen Tugenden. Dafür hatte ich aber Verständnis. Schon in jungen Jahren war er weltberühmt, und er war nicht der Erste, der eher schlecht als recht mit seinem rasanten Aufstieg, der damit einhergehenden Popularität und dem erlangten Reichtum umgehen konnte.
Bei jedem seiner Besuche in der Bar floss der Champagner in Strömen, er bestellte eine Flasche nach der anderen. Meist sieben oder acht an einem Abend, manchmal aber auch fünfzehn. Von sechstausendfünfhundert Schilling aufwärts war die Flasche zu haben, nach oben gab es eigentlich kein Limit. Und Charlie Sheen wählte nie den günstigsten Champagner. Er ließ sich seine Aufenthalte bei mir also einiges kosten. Die Rechnung bezahlte er immer mit Kreditkarte.
Wenn Charlie da war, saß er um die zwei Stunden mit den Mädchen zusammen, genoss die Gespräche und den Champagner, ehe er sich ins Séparée zurückzog.
»Ich liebe Frauen, weißt du«, verriet er mir. »Es geht mir nicht um ihre Haarfarbe oder um die Größe ihres Busens. Diese Dinge sind mir egal. Es geht mir immer nur um die Chemie, um dieses gewisse Etwas.«
Und offenbar hatte auch Charlie Sheen selbst dieses gewisse Etwas, dem sich die Mädchen nicht entziehen konnten. Schon ein paar Tage nach seinem ersten Besuch in der Bar entwickelte sich unter ihnen wieder ein richtiger Wettkampf um Charlies Gunst. Obwohl sie wussten, dass dieses Buhlen um seine Aufmerksamkeit ganz und gar unprofessionell war, schafften sie es nicht, angebrachte Distanz zu ihm zu halten. Er war wie ein Magnet. Und in gewisser Weise konnte ich ja auch nachvollziehen, was Charlie Sheen bei den Mädchen auslöste. Denn auch ich spürte die Faszination, die von diesem Herrn ausging.
Er sah nicht nur fantastisch aus, er war auch höflich, offen und umgänglich. Obwohl ein junger Amerikaner, benahm er sich wie ein Gentleman der alten Schule. Und er war unglaublich großzügig. Er lachte und scherzte viel, tanzte und sang mit uns. Er war ein Star, aber völlig allürenfrei. Welche Frau hätte sich dem Charme und Charisma eines solchen Mannes schon entziehen können?
Besonders freute ich mich, dass Charlie Sheen kein Geheimnis daraus machte, dass er regelmäßiger Gast in meiner Bar war. Während seiner Zeit in Wien sprach er sogar ganz offen in einem Interview über seine favorisierte abendliche Adresse: »In Wien kenne ich außer dem Würstelstand am Heumarkt und Madame Ninas Bar gar nichts.«
Das gefiel mir nicht nur wegen der Werbung, die er da für die Bar gemacht hatte. Nein, es war mir mindestens ebenso wichtig, dass Charlie Sheen damit zwischen den Zeilen wissen ließ, wie wohl er sich bei uns fühlte. Und das bestätigte mir, dass ich meine Arbeit gut und richtig machte. Ich war ja mit Leidenschaft eine Wiener Puffmutter, für die ihre Bar und das Umsorgen der Gäste den Mittelpunkt des Lebens darstellten.
Darin zeigt sich vielleicht auch, dass die Branche damals noch ganz anders tickte als heute. Jetzt geht es in erster Linie um schnellen Sex zu Dumpingpreisen. Jetzt zählen Extreme und Eskalation. Doch in den Neunzigerjahren ging es um Glanz, um Luxus, um Genuss, immer gepaart mit Menschlichkeit und Wärme. Diese ganz spezielle Mischung schuf im Nachtleben eine noble Stimmung, in der sich die Gäste kultivierter und disziplinierter als heute benahmen. Ach, was für eine schöne Zeit!
Die Mädchen waren jedenfalls ganz wild auf Charlie Sheen. Ihre Begeisterung flaute auch nicht ab, als er quasi schon Stammgast bei uns war. Immer wenn er zur Tür hereinkam, gab ihnen das einen richtigen Energieschub, da rauschte ein Cocktail aus Hormonen und Adrenalin durch ihre Adern, der sie zu aufgeregten Groupies machte, und der sie vor allem jede Regel der Professionalität vergessen ließ. »Ihr habt hier keine Rendezvous, die Männer zahlen für ihr Vergnügen«, ermahnte ich die Mädchen immer wieder. »Und das gilt auch für Charlie Sheen.«
Doch meine Predigt stieß auf taube Ohren. Mir war durchaus klar, was da ablief. Ich hätte jederzeit darauf gewettet, dass mindestens die Hälfte der Mädchen davon träumte, von Charlie Sheen als ständige Begleiterin auserkoren zu werden, die an seiner Seite ein herrliches Leben in Amerika führte.
Die Anbetung des prominenten Herrn trieb dann sogar sonderbare Blüten. Eines der Mädchen, eine rassige Italienerin mit einem Lockenkopf, überreichte ihm eines Abends einen hellblauen Plüsch-Elefanten.
Das Geschenk zeigte aber nicht die gewünschte Wirkung. Charlie zog sich nie mit ihr zurück. Wenn Manuela da war, fiel seine Wahl immer auf sie. Er schätzte es auch, wenn das »Schwalbennest« zur Verfügung stand. Denn auch darauf legte er Wert, nach Möglichkeit nicht nur dasselbe Mädchen, sondern auch dasselbe Zimmer. Ganz unflexibel war Charlie Sheen aber keineswegs. War das »Schwalbennest« besetzt, wich er in den »Roten Salon« aus, ein sehr großer, in Rot gehaltener Raum, unser VIP-Zimmer, ebenfalls mit Spiegeln, Marmor, Goldstatuen und einem Jacuzzi ausgestattet.
Charlie Sheen hatte auch kein Problem damit, ein anderes Mädchen zu wählen, wenn Manuela nicht in der Bar war. Dennoch brachte er selbst die erfahrene Manuela zum Träumen. Sie hing der Fantasie nach, Frau Sheen zu werden. Das klingt vermutlich äußerst naiv, allerdings hatte das Leben in der Bar gezeigt, dass sich Gäste immer wieder in ein Mädchen verliebten, und die Beziehung dann in einer Heirat mündete. Manche dieser Ehen gingen auch gut. Es waren ja, nicht zu vergessen, die Neunzigerjahre, und der Respekt zwischen Gästen und Mädchen war intakt, zumindest viel größer, als er heute zwischen den Damen des Gewerbes und ihren Kunden ist. Meine Mädchen waren keine Objekte, sie wurden von den Herren als Menschen mit all ihren Facetten wahrgenommen. Manchmal scherzte ich sogar, dass ich das Schild »Ninas Bar« eigentlich gegen eines mit der Aufschrift »Ninas Heiratsinstitut« austauschen sollte.
Aber Charlie Sheen würde für meine Mädchen unerreichbar bleiben, das wusste ich. Ich war ja immerhin fast fünfzig Jahre alt und alles andere als naiv. Ja, auch Manuela würde wohl nie Mrs. Sheen werden, auch wenn der junge Herr noch so nett war. Doch sie verfolgte mit ungebrochener Begeisterung alles, was in den Zeitungen über die Dreharbeiten zu lesen war und fragte ihn auch persönlich immer wieder nach allen Details. Als sich Charlies Wien-Aufenthalt schließlich dem Ende zuneigte, die Dreharbeiten vor dem Abschluss standen, war Manuela an fast jedem Abend in der Bar, sofern sie nicht gänzlich indisponiert war. Sie wollte die Hoffnung einfach nicht aufgeben.
Doch dann kam Charlie Sheen plötzlich nicht mehr. Eigentlich hatte er sich für einen letzten Abend angekündigt, doch an diesem erschien er nicht. So kam es, dass er sich nicht einmal verabschiedete. Er schickte auch keine Nachricht und keine Blumen, wie das manche Gäste taten. Er war einfach verschwunden.
Für die Mädchen war es ein schwerer Schlag, als wir aus den Medien erfuhren, dass der Film-Tross mit Charlie Sheen, Kiefer Sutherland, Chris O’Donnell und all den anderen netten Herren abgereist war. Vor allem Manuela traf diese Nachricht, geknickt saß sie an diesem Abend mit hängendem Kopf und traurigen Augen an der Theke.
Es war noch nicht spät, es war die ruhige Stunde, bevor die ersten Gäste eintrafen. Im Hintergrund lief leise Musik, wir ließen es immer langsam und entspannt angehen. Um diese Zeit kamen die Mädchen nach der Reihe in die Bar. Und es war immer eine große Freude, sie zu sehen. So schön hergerichtet, so gepflegt, so duftend, so gut geschminkt und die Frisur picobello. Alle trugen ihre Uniform. Einen engen schwarzen, transparenten Body, ein weißes Schürzchen, eine kleine weiße Schleife um den Hals und zierliche weiße Manschetten. Ein bisschen sahen sie aus wie Playboy-Bunnys, aber auch wie Kellnerinnen. Das passte, denn sie servierten ja auch die Drinks an die Tische und schenkten den Gästen hinter der Bar Champagner aus.
Auf der Uniform hatte ich aus gutem Grund bestanden. Oft waren es entzückende Mädchen, die da bei mir arbeiten wollten, aber nicht alle konnten sich schöne Kleider leisten. Deshalb schien mir die einheitliche Garderobe sinnvoll. Und die Idee bewährte sich, die Uniform machte die Mädchen gleich, egal aus welcher sozialen Schicht sie kamen.
In die heute gedrückte Atmosphäre der Bar sagte ich laut: »So geht das nicht. Hier herrscht eine Stimmung wie bei einer Beerdigung. Los, los!«
Manuela erwachte aus ihrer Starre, nahm ihre Handtasche und suchte darin etwas. Dann zog sie ein vorerst undefinierbares Stück Stoff heraus. Es war eine Herrenunterhose. Ein weißer Slip der Marke Calvin Klein. Mit belegter Stimme erzählte sie, dass Charlie Sheen ihn im Séparée vergessen hatte. Nun wollte sie seine Unterhose für alle Zeiten als Andenken aufbewahren. Sie hielt den Slip wie eine Fahne in die Luft. »Da steht Calvin Klein drauf«, rief sie. »Aber wenn Charlie ihn anhatte, war Calvin groß darin.«
Wir brachen in schallendes Gelächter aus. In unseren kollektiven Heiterkeitsausbruch hinein kam der erste Gast des Abends durch die Tür. Es war der Rechtsanwalt mit dem verschnupften Hund. Ob der guten Stimmung erfreut, stimmte er in unser Lachen mit ein, ohne den Grund unserer guten Laune zu kennen. Ich ging auf den Herrn zu und begrüßte ihn. »Wie geht es Pino?«, fragte ich ihn. »Ist er wieder gesund?« Er nickte erfreut. »Du hast dir sogar seinen Namen gemerkt«, sagte er.
Manuela, die Charlie Sheen so sehr ins Herz geschlossen hatte, schloss wenig später ihr Studium ab. Ich war dabei, als ihr das Diplom überreicht wurde. Ich freute mich und war ein bisschen stolz auf sie.
Nicht allen Mädchen, die bei mir arbeiteten, schafften danach den Sprung in ein glückliches Leben. Doch Manuela scheint das gelungen zu sein. Bei mir in der Bar verliebte sie sich in einen Bauunternehmer. Mittlerweile haben sie und der Herr zwei Kinder. Ob ihr Leben glücklich ist, kann nur sie selbst sagen. Aber ich glaube, dass sie es gut getroffen hat.
Wenn ich sie das nächste Mal sehe, werde ich sie aber auf alle Fälle fragen, was aus Charlie Sheens Calvin-Klein-Unterhose geworden ist.
Rohdiamanten
Diskretion war für mich immer das oberste Gebot, sie stand stets an erster Stelle meines Ehrenkodex. Niemals, wirklich niemals, würde ich den Namen eines Herrn nennen, der Gast in meinem Etablissement war. Eine Ausnahme mache ich aber, wenn Gäste selbst ganz offen in den Medien über ihre Vorliebe für die Bar gesprochen und sich dazu bekannt haben, dass sie meinen Nachtclub gern besuchen. Was die Namen der übrigen Herren betrifft, sind meine Lippen für ewige Zeit versiegelt. Keiner meiner Gäste soll jemals wegen der angenehmen Stunden, die er in Ninas Bar genossen hat, Schwierigkeiten bekommen. Keiner soll sich für diese schöne Zeit rechtfertigen müssen.
Von Anfang an wollte ich mit meinem Nachtclub einen Mikrokosmos der Entspanntheit und Behaglichkeit schaffen, der nichts mit der Alltagswelt vor der Eingangstüre zu tun hat. Hier sollten die Gäste in ein Märchenland abtauchen und Abenteuer erleben können. Die Herren mussten aber sicher sein, dass sie diese aufregenden Episoden ihres Lebens, die Befriedigung ihrer innersten Sehnsüchte, im Kreis von zutiefst loyalen Freunden genießen konnten. Meine Mädchen und ich wurden diesem unausgesprochenen Wunsch nach absolutem Vertrauen von Anfang an gerecht. Die Herren wussten, dass nichts, was in der Bar geschah, nach außen drang.
Dass sich die Gäste unserer Verschwiegenheit gewiss waren, erwies sich als äußerst zuträglich fürs Geschäft. Denn die Gäste bedankten sich für unser Stillschweigen und die Intimität, die sie in meiner Bar genossen, oft mit unglaublicher Großzügigkeit. Sie orderten den besten Champagner, ließen die edelsten Tropfen in Strömen fließen. Mancher Gast badete im wahrsten Sinne des Wortes darin. Ich erinnere mich an einen Herrn, der den Jacuzzi eines Séparées mit Champagner füllen ließ.
Charlie Sheen, über dessen Besuch in meiner Bar ich eingangs erzählt habe, fällt nicht unter meine selbst auferlegte Verschwiegenheitspflicht. Er hat mit Journalisten darüber gesprochen, wie gern und wie oft er bei mir Gast ist. Und das hat er nicht nur einmal getan. Deshalb habe ich mich entschlossen, diesem Buch meine Erinnerungen an ihn voranzustellen. Immerhin ist er ein Hollywoodschauspieler, ein internationaler Star, und es ist doch schön, wenn ein so prominenter Herr die Geschichte meines Lebens, meine Memoiren, eröffnet. Die Erlebnisse mit Charlie Sheen zeigen ja auch, wohin mich mein Schicksal geführt hat. Ich wurde Europas letzte echte Puffmutter, das war meine Bestimmung. Ich werde Sie auf eine Reise in die Vergangenheit mitnehmen, Ihnen erzählen, wie es dazu kam, und was ich alles in meiner Bar erlebt habe.
Die Episode mit Charlie Sheen habe ich Ihnen zum Aufwärmen serviert. Damit Sie wissen, woran Sie hier sind. Damit Sie eine Vorstellung haben, was Sie erwartet, wenn ich Sie aufs schlüpfrige Parkett des Wiener Nachtlebens der vergangenen dreißig Jahre bitte.
Halt. Schlüpfrig ist eigentlich nicht das richtige Wort, um mein Etablissement und meine Mädchen zu beschreiben. Sage ich schlüpfrig, schwingt etwas Anstößiges, Unanständiges, Ordinäres und Billiges mit. Und weder die Mädchen, die bei mir gearbeitet haben, noch das Ambiente meiner Bar wurde diesen Begriffen gerecht. Ja, die Mädchen boten auch Liebe an, aber eine Art der Liebe, die vermutlich ehrlicher war, als dies oftmals im Alltag der Fall ist.
Ich werde Ihnen wilde und groteske, abenteuerliche und lustige, tragische und weise Geschichten über einige der mehreren Hundert Mädchen erzählen, die in den vergangenen drei Jahrzehnten bei mir gutes Geld verdient haben. Dass es in meinem Etablissement nie schlüpfrig wurde, ist sicher auch meiner Auswahl dieser Damen zu verdanken.
Wenn sich ein Mädchen bei mir vorstellen kam, gab es ganz klar definierte Kriterien, die sie zu erfüllen hatte. Hübsch sollte sie sein und Ausstrahlung und Charisma haben. Fröhlichkeit musste sie mitbringen, ein positives Wesen. Und nach Möglichkeit sollte sie intelligent sein und mehrere Sprachen beherrschen. Völlig nebensächlich war dagegen ihre Herkunft; ob sie aus einer wohlsituierten Familie kam oder aus einer unteren sozialen Schicht, war mir egal. Eine untergeordnete Rolle spielte auch das Alter. Obwohl ich doch gern Anfängerinnen nahm, die noch nie in diesem Gewerbe gearbeitet hatten, denn sie ließen sich leichter nach meinen Wünschen und zu ihrem Vorteil formen.
Um herauszufinden, ob ein Mädchen meinen Vorgaben entsprach, vertiefte ich mich in ein Gespräch mit ihr, um es besser kennenzulernen. Ich erkannte rasch, ob eine Dame in meine Bar passte, denn ich betrachtete die Bewerberinnen aus meiner ganz eigenen Perspektive, ich nannte sie Stein-Perspektive. Diese Betrachtungsweise hatte drei Kategorien, in die ich die Mädchen, die sich vorstellten, einteilte. Es gab rohe Edelsteine, die sich in kurzer Zeit zu perfektem Glanz schleifen ließen. Es gab Halbedelsteine, die mit Geduld und Liebe ebenfalls zu recht ansehnlichen Schmucksteinen werden konnten. Es gab aber auch die Pflastersteine, bei denen jede Mühe vergeblich wäre, sie würden nie glänzen.
Zumeist entschied ich mich für Rohdiamanten, die noch geschliffen werden mussten. Im Formen dieser Mädchen habe ich mir in den Jahrzehnten, während ich die Bar betrieb, unendliche Geduld antrainiert. Ich nahm die jungen Damen also unter meine Fittiche und arbeitete mit ihnen zuerst an ihren Umgangsformen und an ihrem Aussehen.
Ich erklärte ihnen, wie sie sich den Gästen gegenüber zu benehmen hatten, dass ich von ihnen erwartete, dass sie höflich und freundlich sind und gut zuhören können müssen. Ich zeigte ihnen auch, wie man Champagner einschenkt und Drinks serviert.
Wichtig war natürlich ihre optische Erscheinung. Hatte ein Mädchen schlechte Zähne, schickte ich sie auf meine Kosten zum Zahnarzt. Die Arbeit in meiner Bar sollte ja nicht an ihrem Friedhof im Mund scheitern, wenn sonst alles passte. Für manche Mädchen vereinbarte ich einen Termin beim Friseur. Denn sie sahen zwar hübsch aus, aber erst eine neue Haarfarbe oder eine schicker Schnitt machten sie zum unverwechselbaren Typ. Außerdem erteilte ich den jungen Damen eine Lektion in Körperpflege. Sie mussten sich gründlich und regelmäßig baden, ihre Fingernägel und ihre Haare pflegen und frisch duften.
Wohlgerüche waren mir immer besonders wichtig. In meinem Etablissement legte ich nicht nur Wert auf absolute Sauberkeit, da durfte kein Staubkörnchen auf der Theke liegen, ich ließ sogar die Champagnerflaschen polieren, ehe sie gekühlt wurden, sondern es musste auch herrlich duften. Für das angenehme Aroma sorgten riesige Arrangements weißer Lilien, meine Lieblingsblumen, die ich regelmäßig liefern ließ, und der sinnliche Geruch der Duftkerzen, die jeden Abend entzündet wurden, bevor die ersten Gäste kamen. Natürlich erwartete ich auch von meinen Mädchen, dass sie ein exklusiver, frischer, sanft-blumiger Duft einhüllte. Bei den Parfums kam nur das Beste vom Besten in Frage. Ich ließ Flakons der großen Marken wie Hermès und Chanel bringen und die Mädchen konnten sich ihr Lieblingsparfum auswählen.
Düfte spielen für mich von frühester Kindheit an eine große Rolle. Ich erinnere mich noch immer an den frischen Geruch, der meine Mutter umgab. Als junges Mädchen las ich in einem Buch den Satz »Es hat nach billigem Parfum gerochen«. Ich sprach mit meinem Vater darüber und er erklärte mir den Unterschied zwischen minderwertigen und teuren Essenzen, aus denen Düfte hergestellt werden. »Wer sich kein edles Parfum leisten kann, sollte sich auf Wasser und Seife beschränken«, sagte er. »Wenn du einen Duft trägst, dann muss er fein und feminin sein.«
Mein persönliches Lieblingsparfum ist seit vier Jahrzehnten »Must de Cartier«, ein orientalischer, aber dennoch frischer Duft. Manchmal probiere ich etwas Neues aus, aber immer wieder komme ich auf »Must de Cartier« zurück, weil mich dieses Aroma begeistert. Dieser Duft, das bin einfach ich.
Eine Erklärung für meine Besessenheit von exklusiven Gerüchen liefert vielleicht die Astrologie. Ich bin ein doppelter Löwe, also im Sternzeichen Löwe geboren und auch mein Aszendent steht im Löwen. Und im Zeichen des Löwen Geborene lieben nicht nur alles Schöne und Teure, sondern auch exquisite Düfte. Ich bin tatsächlich wie eine große Katze. Ich schnuppere und rieche gern überall.
Den Wohlgeruch in meiner Bar perfektionierte ich im Lauf der Jahre so weit, dass dieses Bouquet aus weißen Lilien, Duftkerzen und den Parfums der Mädchen die Herren regelrecht anlockte. Wurde die Eingangstüre geöffnet, entfaltete sich der angenehme Geruch am ganzen Bauernmarkt. Manche Gäste erzählten mir, dass sie eigentlich nur vorbeigehen wollten, der typische Duft sie aber auf magische Weise in mein Etablissement gezogen habe. Ja, die Herren waren stets voll des Lobes über das Aroma, das sich in und vor der Bar entfaltete, obwohl es manchem vielleicht auch Probleme bereitet hat, wenn er nach einem Besuch bei mir eingehüllt in unseren Duft nach Hause kam.
Ich glaube, dass viele Frauen unterschätzen, wie sehr der Duft des Exquisiten die Männer anzieht, und wie sehr die Erinnerung an ein schönes Erlebnis mit einem bestimmten Geruch verknüpft ist. Ein Gast, ein Franzose, der damals ein hochrangiger Polizist in Paris war, sprach mich einmal darauf an. »Ich war schon oft in Wien und bin viel herumgekommen«, sagte er, »doch ich habe mich noch nie so wohlgefühlt wie in Ihrer Bar. Es riecht hier auch so gut. So eine Madame wie Sie könnte auch Paris gut gebrauchen.«
Ich verstand die Begeisterung des Franzosen gut. Meine Mädchen rochen so fein und in ihren Uniformen mit den durchsichtigen schwarzen Bodys und der schwarzen Unterwäsche sahen sie aus wie Püppchen. Die Herren konnten sie auspacken wie Pralinen.
Sagen Sie jetzt nichts über Gleichberechtigung und Emanzipation. Nachtleben ist Showbusiness, und die Herren mochten diese Show. Und die Mädchen verdienten bei mir recht gut. Sicher war ihre Arbeit nicht immer leicht, aber sie erhielten für jede Flasche Champagner, die ein Gast bestellte und die er mit derjenigen Dame genoss, zehn Prozent des Kaufpreises. Zusätzlich bekamen die Mädchen Trinkgeld, das ganz ordentlich ausfallen konnte. Besonders dann, wenn sie spezielle Wünsche der Herren erfüllten.
Das Honorar, das die Mädchen erhielten, wenn sie einen Gast in ein Séparée begleiteten, war allein ihre Sache. Das ging mich nichts an, da habe ich mich nicht eingemischt. Ich weiß, dass die Herren die jeweilige Dame für eine Stunde Vergnügen mit etwa hundertfünfzig bis zweihundert Euro entlohnten, es gab aber auch Gäste, denen das Amüsement fünftausend Euro wert war.
Ich bot den Mädchen ein sicheres, angenehmes Umfeld für ihre Arbeit, dafür erwartete ich von ihnen Disziplin und Professionalität. Dazu gehörten auch Pünktlichkeit und Zurückhaltung im Umgang mit den Gästen. Wenn ich etwa an der Theke saß und ein Gespräch verfolgte, in dem ein Mädchen einem Herrn von seinen privaten Problemen erzählte, schritt ich sofort ein. Meistens genügte ein Blick, um es auf seinen Fehler hinzuweisen. Die Damen sollten sich, wenn dies dem Gast ein Bedürfnis war, seine Sorgen anhören, aber nicht umgekehrt.
Ja, was schlüpfrig ist und was nicht, mag eine Frage der Perspektive sein. Meine Bar war es aber, so sehe ich das zumindest, nie. Sie war anders. Gestatten Sie mir einen Vergleich. Meine Bar war wie eine Pferdekutsche. Ich war der Kutscher, der die Zügel hielt. Meine Mädchen waren die Pferdchen und in der Kutsche saßen die Gäste. Die Pferde waren wild, leidenschaftlich und manchmal störrisch. Ich brauchte Strenge und Einfühlungsvermögen, um sie zu lenken, damit die Gäste die Kutschfahrt ihres Lebens genießen konnten. Das war »Ninas Bar«.
Manchmal waren nicht nur die Mädchen störrisch, sondern auch die Herren, die zu uns kamen. Ehe ich Ihnen über meinen Schicksalsweg erzähle, der mich von Kroatien über Amerika nach Wien führte, wo ich zur legendären Puffmutter wurde, möchte ich Ihnen eine Geschichte über einen ganz besonderen Gast anvertrauen, auf den dies zutrifft. Damit breche ich mein persönliches Schweigegelübde die Besucher meiner Bar betreffend nicht, denn der Herr, den ich auf ganz spezielle Art und Weise schätzte, ja, liebte, machte nie ein Geheimnis aus seinen Besuchen in meinem Etablissement.
Falco
Ich liebte alle Herren, die zu mir kamen. Allein schon deshalb, weil sie kamen. Meine Gäste genossen also einen großen Sympathievorschuss. Bei näherer Betrachtung gab es allerdings nicht mit allen sofort ein herzliches Verstehen, obwohl die Herren, mit denen ich gleich eine Verbundenheit fühlte, in der Überzahl waren. Bei den anderen dauerte es eine Weile, bis wir uns mochten.
In erster Linie denkt man, dass die Chemie zwischen zwei Menschen stimmen muss, damit sie gut miteinander auskommen. Das mag schon stimmen, aber ich habe in den vielen Jahren in meiner Bar erkannt, dass der Beruf eines Herrn eine große Rolle dabei spielte, ob ich mich gut mit ihm verstand. So gab es nie Sympathieprobleme mit Gästen, die eine Führungsposition innehatten, wie Unternehmer oder Manager. Mit ihnen vertrug ich mich immer auf Anhieb. Weit schwieriger war der Umgang mit Künstlern. Oft fragte ich mich, woran das lag. Vielleicht daran, dass Führungskräfte klar und strukturiert denken, sie planen genau und verfolgen konkrete Ziele. Und so agieren sie auch im Privatleben. Das macht sie leicht einschätzbar, man kann ihre Reaktionen vorhersehen.
Künstler dagegen sind immer ein bisschen chaotisch, auch im Denken. Sie folgen ihrer Intuition, sie sind emotioneller und sprunghafter. Das macht sie kompliziert. Falco war einer der kompliziertesten.
Eines Abends kam er in die Bar. Nein, er kam nicht, sondern er erschien. Mit einer ganzen Entourage im Schlepptau. Mit hoch erhobenem Kopf, provokant- arrogantem Blick und kerzengeradem Rücken schob er sein Ego vor sich her. Er setzte sich hemmungslos in Szene, jede seiner übertriebenen Gesten schien zu rufen: »Schaut her, da bin ich! Der Größte! Der Beste!« Es war dieser inszenierte Auftritt, der ihn mir, wie soll ich sagen, ja, auf Anhieb unsympathisch machte.
Dabei hatte er natürlich guten Grund, stolz zu sein. Falco, der Wiener Popstar, der eigentlich Hans Hölzel hieß, hatte Hochsaison, er war am Zenit seines Erfolges. Es war noch nicht lange her, dass er es mit seinem Song »Rock Me Amadeus« als erster deutschsprachiger Musiker an die Spitze der amerikanischen und der englischen Charts geschafft hatte. Dieser Hit und andere seiner Lieder wie »Vienna Calling« liefen unentwegt im Radio, und meine Mädchen tanzten dazu, wenn einer der Songs bei mir in der Bar gespielt wurde.
Als nun Falco höchstpersönlich eines Nachts bei uns erschien, legten sie sich ordentlich ins Zeug, um ihm zu imponieren. Schnell wurde sein Hit »America« in die Musikanlage geschoben, und die Mädchen sangen aus Leibeskräften mit, um Falcos Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.
Das Typische an mir
I bin untypisch ganz und gar
Einmal hoch und einmal tief
Einmal gspritzt, dann wieder klar
Die Mädchen bemühten sich vergeblich. Falco würdigte sie keines Blickes.
Es war tief in der Nacht. Er wankte schon ein bisschen. Ob der genossene Alkohol oder etwas anderes der Grund dafür war, dass er nicht mehr ganz sicher auf den Beinen stand, weiß ich nicht. Sein Gleichgewichtssinn war jedenfalls nicht mehr der beste, doch von seiner arroganten Attitüde hatte er keinen Funken eingebüßt. Umgeben von seinem Gefolge lehnte Falco an der Theke und unterhielt sich mit nasaler Stimme mit seiner Entourage. Blasiert, hochnäsig, überheblich und selbstherrlich sind die Attribute, die mir heute einfallen, wenn ich an den Falco von damals zurückdenke.
Von meinen Mädchen, die sich immer wieder zu ihm drängten, nahm er keine Notiz. Erst Tanja schaffte es, mit Falco ins Gespräch zu kommen. Tanja war ein schlankes, blasses Mädchen. Sie sah so unschuldig aus, als hätte sie sich von der Betstunde kommend in die Bar verirrt. Doch das täuschte. Tanja war intelligent und schlagfertig. Manchmal übertrieb sie es auch und wurde richtig frech.
Es dauerte nicht lange, und sie setzte sich zu Falco an die Bar, begleitet von den neidvollen Blicken der anderen Mädchen. Ich kannte Tanja gut genug, um zu wissen, dass sie zu ihm passte. Denn auf seine herablassenden, snobistischen Sprüche würde sie mit stoischer Gelassenheit antworten.
Genau das tat sie auch. Sie hielt dagegen, aber nicht zu viel. Sie provozierte ihn, aber wohldosiert. Am Ende zogen sich die beiden in mein exklusivstes Séparée zurück, in den Roten Salon.
Falco kam immer öfter in die Bar. Ich hatte das intensive Gefühl, dass ihn mehr herzog, als die Lust aufs Nachtleben, auf schöne Mädchen und auf die Möglichkeit, sich hemmungslos zu inszenieren. Da war etwas, das über diese Dinge hinausging, etwas, das ihn an meiner Bar faszinierte. Doch was genau ihn hier so in den Bann zog, konnte ich nicht erklären.
Ich beobachtete ihn, wie ich alle Gäste beobachtete, um sicherstellen zu können, dass er sich wohlfühlte. Gleichzeitig hoffte ich, dadurch irgendeinen Anhaltspunkt zu bekommen, was ihn an meiner Bar so begeisterte.
Falco bestellte immer Jack-Daniel’s-Whiskey für sich, und für die Mädchen Champagner. An seiner herablassenden Art änderte sich nichts. Einige Nächte widmete er sich demselben Mädchen, um es dann ganz plötzlich links liegen zu lassen und nicht mehr zu beachten und sich ausschließlich mit einem anderen zu beschäftigen. Doch selbst dieses unverschämte, flegelhafte Verhalten verhinderte nicht, dass ein Mädchen nach dem anderen sein Herz an ihn verlor.
Wie kann man sich nur in einen Mann mit solchen Manieren verlieben, dachte ich. Ich verstand das zwar nicht, aber ich akzeptierte es. Der Gast war zufrieden, und die Mädchen waren selber schuld, wenn sie nicht professionell die Grenze zogen. Trotzdem konnte ich mir eines Abends ein Kopfschütteln nicht verkneifen, als er sich den Mädchen gegenüber wieder besonders rüpelhaft benahm.
Falco bemerkte meinen Unwillen. Er bat mich zu seinem Tisch. Ich wusste, warum. Trotzdem gab ich die Unwissende. Ich lächelte ihn an. »Was ist denn, Hans?«, fragte ich. »Ist bei dir alles in Ordnung?«
Er nahm einen kräftigen Schluck Jack Daniel’s, direkt aus der Flasche. Es war, wie zumeist, bereits die zweite an diesem Abend.
»Warum schüttelst du den Kopf?«, fragte er. »Was mache ich falsch?«
»Du solltest die Mädchen nicht so von oben herab behandeln«, hielt ich ihm entgegen. »Du lebst doch auch in gewisser Weise von ihnen. Sie kaufen alle deine Platten.«
Er nahm noch einen Schluck Whiskey. Es schien, als würde er sich meine Worte zu Herzen nehmen. »Du hast recht«, sagte er dann auch. »Könntest du bitte die Musik etwas leiser machen? Ich möchte dazu etwas sagen.«
Obwohl es mir seltsam vorkam, dass sich Falco, der in meiner Bar sonst eher unter seinen Freunden blieb, an alle Gäste wenden wollte, erfüllte ich ihm seinen Wunsch und machte die Musik leiser. Die Bar war voll, jeder Tisch besetzt. Alle Augen richteten sich auf ihn, als er sich erhob. Er stellte die Whiskeyflasche ab und ging zu unserer kleinen Bühne.
Die Bühne in meiner Bar war ein kleines Podest in einer Nische. Dort wurde oft und gern getanzt. Die Mädchen drehten sich allein zur Musik oder sie tanzten mit den Herren. Besonders am Donnerstagabend, dem traditionellen »Herrenabend«, an dem immer Boogie-Musik auf dem Programm stand, wurde die Bühne stark frequentiert.
Eines Abends war auf der Bühne der Teufel los. Eines meiner Mädchen tanzte mit einem Gast zu den Liedern des Musicals »Das Phantom der Oper«. Die beiden machten das wirklich gut. An einem der Tische saß ein Herr allein bei einem Glas Champagner und beobachtete die Darbietung. Ich ging auf ihn zu. »Sie sitzen so allein hier, mein Herr«, sagte ich. »Darf ich Ihnen eine Dame schicken, die Ihnen Gesellschaft leistet?«
»Nein, danke«, antwortete der nette Gast. »Ich warte, bis das Programm zu Ende ist.«
Er dachte tatsächlich, dass wir hier in der Bar auf der Bühne eine professionelle Show bieten.
In meiner Bar ging es ja auch um Unterhaltung. Es war nicht so, dass die Gäste sofort mit einem Mädchen im Séparée verschwanden. Es gab Herren, die sich davor stundenlang in der Bar amüsierten, die tanzten und sangen. Manchmal dachte ich, dass diese Männer ein recht unglückliches Leben haben mussten, wenn sie nur hier bei mir richtig Spaß haben konnten.
Nun stellte sich Falco auf die Bühne und ich nahm an, dass er nach meinen mahnenden Worten etwas Verbindliches sagen würde, vielleicht etwas Selbstkritisches, etwas in der Art, dass es ihm hier gefiel, dass er allen dankbar für das gute Service und die freundliche Behandlung war, und dass er sich bessern wolle. Doch Falco war ein Mann der Überraschungen.
Da stand er nun, alle schauten zu ihm und jeder wartete auf seine Rede. Doch es kam anders. Langsam knöpfte Falco den Hosenschlitz seiner Jeans auf. Dann holte er sein bestes Stück hervor, das, wie mir die Mädchen schon berichtet hatten, von ansehnlicher Größe war. Ja, und dann pinkelte Falco auf die Bühne.
Alle waren fassungslos. Ich auch. Doch im Gegensatz zu den anderen musste ich etwas tun. Schließlich war ich die Chefin. »Hans«, sagte ich, während er noch pinkelte, »was machst du da?«
Er schnauzte mich an. »Halt den Mund«, rief er. »Du kannst dir deine Huren in den Arsch schieben. Ich brauche euch alle nicht.«
Das war zu viel. Ich erteilte ihm Lokalverbot, was auch sonst. Eine so strikte Maßnahme war ungewöhnlich, denn ich hatte ein großes Herz und sah über Verfehlungen der Gäste eher hinweg, zumal dann, wenn sich ein Herr entschuldigte. Falco dachte aber nicht daran, um Verzeihung zu bitten. Und so blieb ich hart, auch wenn es sich bei ihm um einen international erfolgreichen Popstar handelte.
Mir war schon damals klar, dass Falco große Probleme hatte. Ich bin empathisch, ich fühle mich leicht in Menschen ein, deshalb ahnte ich, dass sich hinter seiner arroganten Maske eine verletzte Seele verbarg. Heilung suchte er nicht im Hellen und Positiven, ihn zogen das Dunkle, die Abgründe und die Exzesse an. Dazu gehörte Alkohol, der seine Schwierigkeiten noch verstärkte.
Bereits zwei Nächte später konnte sich Falco nicht mehr an seinen skandalösen Auftritt und dessen Konsequenz erinnern. Er klopfte wieder am Portal meiner Bar. Die schwere Eingangstüre, außen in dunklem Schönbrunner-Grün lackiert und innen rot tapeziert, war stets verschlossen. Erst nach einem Blick durchs Guckloch entschieden die Mädchen oder ich, ob ein Herr eingelassen wurde. Als Falco draußen stand, schickte ich ihn weg. Er gebärdete sich wie ein abgewiesener Liebhaber, raunzte und bettelte, war beleidigt und verletzt. Das war Falco in einer völlig neuen Rolle. Und zum ersten Mal war er mir sympathisch. Ich fühlte mit ihm, und ich war sicher, dass ich mit meiner schon lange gehegten Vermutung recht hatte. Er war nicht wie die anderen Gäste, die in meine Bar kamen, um Spaß zu haben, sich wohlzufühlen und sich mit den Mädchen zu vergnügen. Falco zog noch etwas anderes hierher.
Aber ich konnte ihn nicht hereinlassen. Er hatte Lokalverbot. Aus gutem Grund, er hatte auf meine Bühne gepinkelt. Es musste Grenzen geben, vor allem im Nachtleben, und die Einhaltung dieser Grenzen musste kontrolliert werden. In meiner Bar sorgte ich dafür. Hätte ich Falco seine Entgleisung durchgehen lassen, wären vielleicht andere Gäste auf die Idee gekommen, sich auch so schlecht zu benehmen. Wer weiß, welche Gespenster ich da geweckt hätte.
Ein halbes Jahr später, als Falcos empörender Bühnenauftritt einigermaßen in Vergessenheit geraten war, stand er wieder in meinem Etablissement. Ein neues Mädchen, das nichts von dem Vorfall wusste, hatte ihn eingelassen. Er war also wieder da, und das war in Ordnung. Ich hob das Lokalverbot für ihn auf, und von nun an zeigte er bessere Manieren.
Zwar schien er auf den ersten Blick immer noch sehr arrogant, doch es schwang jetzt auch ein Hauch von Demut in seinem Verhalten mit, Dankbarkeit dafür, dass er hier sein konnte, dass wir ihn in unsere Show aufnahmen, dass wir ihn liebevoll umsorgten. Vielleicht spielte auch mit, dass Falco dabei war, sich in eines meiner Mädchen zu verlieben. Sie hieß Evelyn und hatte kurze, platinblonde Haare.
Evelyn hatte eine schwierige Kindheit und Jugend. Sie lebte mit ihrer Mutter eine Zeit lang im Ausland und hatte dort viel Leid erlebt, bittere Armut und Vernachlässigung. Daran war sie fast zerbrochen, sie hatte jeden Respekt vor sich selbst verloren. Als sich Evelyn bei mir bewarb, zeigte sie keine Spur von Selbstsicherheit. Ich hatte schon immer ein gutes Händchen für derart vom Leben gebeutelte Mädchen. Vielleicht liegt es daran, dass ich selbst keine Kinder habe, vielleicht konnte ich bei ihnen meine Muttergefühle ausleben. Auf jeden Fall bin ich stolz, dass ich es zumeist schaffte, diesen Mädchen zu helfen, ihren Selbstwert zu stärken, damit sie wieder zu sich selbst finden konnten. Bei Evelyn war das auch so.
Sie war einer von den rohen Edelsteinen, das war mir klar, als ich sie zum ersten Mal sah. Groß, schlank und sportlich, mit wunderschönen langen schwarzen Haaren. Perfekt, müsste man eigentlich denken. Aber es gab viele schöne Mädchen mit langen schwarzen Haaren. Ich musste Evelyn zu einem anderen Typ machen, dann wäre sie ein Brillant.
Damals war die Dänin Brigitte Nielsen mit ihrer platinblonden Kurzhaarfrisur der Traum vieler Männer. Nielsen, groß, durchtrainiert und immer ein wenig von der Aura der Unnahbarkeit umgeben, war Model für Giorgio Armani, Gianni Versace und Gianfranco Ferré, und der italienische Produzent Dino De Laurentis hatte sie für den Film »Red Sonja« mit Arnold Schwarzenegger unter Vertrag genommen.
Frauen, die aussahen wie Brigitte Nielsen, waren damals im Nachtleben selten. Und ich dachte mir, dass Evelyn genau dieser Typ sein könnte, dass ihr die Frisur von Brigitte Nielsen stehen würde. »Du hast so ein hübsches Gesicht und so einen schönen Körper«, sagte ich zu ihr. »Ich habe eine Idee. Lass deine Haare schneiden und platinblond färben.«
Danach sah Evelyn fantastisch aus. Sie strahlte eine große Kühle aus, während ihre Augen von Toleranz, von Geduld, Verständnis und Nachsicht sprachen. Tugenden, die sie in den Jahren ihrer Kindheit und Jugend beim stetigen Blick in die Abgründe des Lebens erworben hatte. Evelyn umgab etwas Rätselhaftes, und die Männer liebten sie.
Sie war es auch, die mir erklärte, was Falco wirklich bei mir in der Bar suchte. Er wollte sich in der Fantasiewelt, die wir alle unter meiner Regie Nacht für Nacht schufen, nicht bloß bedienen, um sich zu belohnen und sich etwas zu gönnen, er wollte ein Bestandteil von ihr sein. Kein Außenstehender, nicht bloß ein Gast, sondern ein Mitglied der Familie, er wollte die Seiten wechseln. Falco suchte nach Geborgenheit und hielt dieses inszenierte Märchen des Barbetriebes für das reale Leben, er konnte offenbar nicht zwischen Illusion und Wirklichkeit unterscheiden.
Zuerst verlor Evelyn ihr Herz an ihn. Sie kokettierte mit ihm. Wenn ich die beiden zusammen sah, ahnte ich immer, dass Liebe zwischen diesen beiden nicht ausgeschlossen war. Denn in gewisser Weise konnten sie auf Augenhöhe miteinander umgehen. Im realen Leben trennten Falco und Evelyn zwar Lichtjahre, er war ein Weltstar, sie eine Prostituierte, aber im Inneren waren sie beide verletzte Kinder, sensibel genug, um ein Leben lang darunter zu leiden, und mutig genug, um ein Leben lang gegen ihren Schmerz zu kämpfen. Falcos Verwundung kam vielleicht daher, weil sein Vater die Familie verlassen hatte. Die Ursache von Evelyns Verletzung waren vermutlich die Erfahrungen, die sie in ihrer Kindheit und Jugend machte. Aber ich weiß es nicht, und es steht mir auch nicht zu, darüber Vermutungen anzustellen. Denn obwohl manche in mir eine Psychotherapeutin sahen, hatte ich gar keine diesbezüglichen Qualitäten. Ich war eher gut darin, zu zeigen, wie man trotz seelischer Verletzungen lebt und das möglichst gut.
Wie die anderen Mädchen auch servierte Evelyn die Getränke, schenkte Champagner aus und arbeitete ab und zu hinter der Theke. Das tat sie besonders gern, wenn Falco da war. Denn Barfrauen haben im Nachtleben den Status der Unberührbarkeit und sind deshalb für die Jäger unter den Herren, zu denen Falco gehörte, besonders interessant.
Der Popstar war zu dieser Zeit bereits auf gewisse Weise ein Teil von uns. Er war zwar noch immer ein Gast, der die Show, die wir inszenierten, konsumierte, aber als besonders geschätzter Besucher zählte er gleichsam zur Familie. Meinem Mann, der mir während der gesamten dreißig Jahre, in denen ich die Bar betrieb, sowie davor und danach immer zur Seite stand und steht, und der vom Hintergrund aus viele Dinge lenkte, vertraute Falco besonders. Falcos Vater hatte, wie ich schon erwähnte, die Familie verlassen, als er noch ein Kind war, sodass er unter der Obhut seiner Mutter und seiner Tante aufwuchs. Offenbar hatte er das Weggehen des Vaters nie verwunden, dieser Verlust war vermutlich eine der Ursachen seines Schmerzes und seiner unstillbaren Sehnsüchte.
Ich glaube, er sah in meinem Mann so etwas wie einen Ersatzvater, und ich gönnte ihm das Gefühl dieser Vertrautheit und des Aufgehobenseins von Herzen. Denn abseits dessen schien Falco wenig zu haben, das seiner Seele gut tat. Er hatte zwar seinen großen Erfolg als Musiker, aber der machte ihn auch nicht glücklich, und er hatte den Alkohol.
Falco war ein Mann mit zwei Persönlichkeiten. Der private Hans war verletzlich und liebevoll, immer auf der Suche nach Zuneigung und stets von der Angst besessen, nicht gut genug zu sein. Die Kunstfigur Falco, die er kreiert hatte, war sein zweites Ich, unsympathisch, arrogant und immer danach strebend, zu provozieren. Dieser Kunstfigur erlaubte er es auch, den Schmerz, unter dem Hans litt, mit Exzessen aller Art zu betäuben.
Eines Abends erzählte mir ein Mädchen hinter vorgehaltener Hand, dass Falco von Evelyn regelmäßig Geld forderte, und dass sie es ihm auch gab. Das Mädchen, das mir diese Geschichte hinterbrachte, war eine Wienerin mit einem ziemlich losen Mundwerk und einer ausufernden Fantasie. Als sie in der Bar zu arbeiten begann, tischte sie mir am laufenden Band Unwahrheiten auf. Ihr Vater, sagte sie, lebe am Genfer See und sei mit Ölgeschäften reich geworden, ihre Mutter sei eine Schönheit, sie verbringe die Hälfte ihrer Zeit in Paris und sei dort die Muse junger Künstler. Tatsächlich hatte ihr Vater eine Trafik in einer Wiener U-Bahnstation und ihre Mutter, eine typische Wiener Matrone, arbeitete bei ihm. Deshalb nahm ich die Dinge, die mir Uschi erzählte, nicht unbedingt für bare Münze. »Wie meinst du das?«, fragte ich sie. »Falco bezahlt doch für Evelyn, und nicht umgekehrt.«
Uschi schüttelte den Kopf. »Ich war dabei, als er sie gefragt hat, wie viel sie verdient hat. Es war ihm zu wenig und er hat sie angeschrien, dass sie gefälligst ihren Hintern bewegen und mehr Geld heimbringen soll. Er hat ihr sogar zwei Ohrfeigen gegeben, eine links und eine rechts.«
»Hör mal, Uschi«, sagte ich, »was ist denn das wieder für eine Geschichte?«
Ich fragte sie vorsichtig, weil sie immer, wenn ich sie auf die Unwahrheiten, die sie verbreitete, ansprach, zu toben begann und wegrannte. Doch diesmal beharrte sie darauf. »Nein, es stimmt wirklich«, sagte sie. »Ich war dabei.«
Ich glaubte ihr trotzdem nicht. Aber ich war alarmiert und beobachtete Falco und Evelyn mit Argusaugen. Mir fiel auf, dass er jetzt jedes Mal anrief, bevor er die Bar besuchte, und immer fragte, ob Evelyn auch da sei.
»Was läuft da zwischen euch?«, fragte ich Evelyn.
»Ich weiß es nicht genau«, sagte sie.
»Nimmt er Geld von dir?«
»Das würde ich so nicht sagen.«
»Was heißt das?«
»Frag mich nicht. Das verstehst du nicht.«
»Ach Schätzchen«, sagte ich, »hast du eine Ahnung, was ich alles verstehe.«
Ich beließ es dabei. Aus meiner Sicht lief ja alles gut. Falco kam regelmäßig, er war ein guter Gast, der Geld ins Haus brachte und sich mittlerweile ordentlich benahm, und Evelyn sorgte dafür, dass er zufrieden war. Alles weitere ging mich ja eigentlich nichts an.
Das änderte sich eines Nachts, als mich ein Krachen und Klirren zusammenschrecken ließ. Ich ging gerade strahlend durch die Bar, eilte von einem Gast zum anderen, begrüßte einen Herrn, erkundigte mich beim nächsten, ob alles nach seinen Wünschen sei, und fragte einen weiteren nach seiner Familie, weil er mir bei seinem letzten Besuch von ihr erzählt hatte.
Das Krachen und Klirren kam von dem Tisch, an dem Falco im Kreis seiner Freunde mit Evelyn saß. Er hatte gerade mit der Faust so fest auf die Tischplatte gedroschen, dass die Gläser und die Aschenbecher aneinander geschlagen waren. Der Tumult ging weiter. Falco wedelte mit einem Geldschein und schrie Evelyn an: »Das soll alles sein? Dafür schicke ich dich anschaffen?«
Ich nahm Evelyn danach beiseite. »Meint er das ernst?«, fragte ich sie.
»Das weiß ich nicht«, sagte sie. »Ich glaube, er weiß es auch nicht.«
Ich sah zu Falco hinüber, der sich im Kreis seiner Entourage mit blasiertem Gesichtsausdruck, großspurigen Gesten und nasaler Stimme wieder einmal als arroganter Schnösel produzierte. »Da könntest du recht haben«, sagte ich.
Ich gab ihr ein kleines Bündel Geldscheine, alles in allem eine überschaubare Summe, damit sie etwas hatte, das sie ihm abliefern konnte. Bei den Umsätzen, die Falco brachte, war das allemal drin.
Ihn selbst wollte ich nicht darauf ansprechen. Als Puffmutter ging es mich nichts an, welche Spiele er mit meinen Mädchen spielte, solange die Mädchen das Spiel in Ordnung fanden. Doch eines Tages kam er selbst auf mich zu. »Als ich jung und arm war, wusste ich immer, dass ich eines Tages reich sein würde«, sagte er. »Ich wusste auch immer, wie mir das gelingen würde.« Er goss sich sein Glas halb mit Jack Daniel’s voll. »Ich wollte Zuhälter werden.«
Falco lebte in meiner Bar also eine seltsame Fantasie aus, die Erfüllung eines verrückten Traumes. Es war ein Spiel, das ich auch von anderen Herren kannte. Ein nobler Gast, ein Bankdirektor, der stets die feinsten Anzüge trug, schlüpfte bei mir in die Rolle des Strizzis. Das ging so weit, dass er eines Abends in die Kassa griff und brüllte: »Jetzt ist Schluss! Ab heute kassiere ich.« In diesem Moment meinte er das vollkommen ernst, er identifizierte sich mit seiner Rolle. Ich stoppte ihn mit einer schallenden Ohrfeige, und er fand rasch wieder zurück in die Wirklichkeit. Bei Falco aber war ich mir nicht sicher, ob eine solche Maßnahme reichen würde, damit er Theater und Realität wieder auseinanderhalten konnte.
Für mich und für meinen Mann war immer klar, wo die Wirklichkeit endete und wo die Show begann. Ich arbeitete in der Bar, mein Mann half mit. Das war unser Geschäft, unser Privatleben hatte damit nichts zu tun. Wir waren nicht gefährdet, die Dinge zu verwechseln. Bei den Mädchen war das schon anders. Viele hatten Illusionen über die Gäste, sich selbst und das Leben insgesamt. Sie träumten davon, dass sich ein reicher Herr in sie verliebte und sie heiratete, oder davon, ein Star zu werden, in welcher Branche auch immer. Doch so lange ihre Fantastereien und Träume in einem einigermaßen professionellen Rahmen blieben, war das ihre Sache.
Die Gäste, die in mein Etablissement kamen, verließen absichtlich die Wirklichkeit, wenn sie die Schwelle zur Bar übertraten, und gaben sich für ein paar Stunden bewusst der Täuschung hin, die Welt sei heil, unterhaltsam, gemütlich und liebevoll. Das war es ja, was ich verkaufte. Brachte einer von ihnen die Dinge durcheinander, war mir das nicht recht, denn am Ende waren wir Geschäftspartner, und unter Geschäftspartnern sind klare Verhältnisse immer von Vorteil. Trotzdem griff ich nicht ein. Denn das Gleichgewicht aus Fantasie und Realität, mit dem viele Herren leben, ist sehr empfindlich und Schaden ist dort schnell angerichtet. Zumal, wenn es sich um eine komplizierte Persönlichkeit wie Falco handelte.
Das Alter mag seine Nachteile haben, aber es hat auch seine Vorteile. Zum Beispiel weiß ich jetzt als Frau von fast siebzig Jahren, wohin das Schicksal manche Menschen, die ich während der Zeit in meiner Bar kennengelernt habe, geführt hat. So kann ich Ihnen auch erzählen, wie die Geschichte mit Falco und Evelyn geendet hat.
Die beiden spielten das Zuhälterspiel noch eine Weile, dann hörte Evelyn auf, bei mir zu arbeiten. Falco hatte tatsächlich sein Herz an sie verloren. Sie wurde seine Freundin. Ich erfuhr aus den Zeitungen, dass er ihr den Song »Jeanny«, der wie ein Liebeslied klingt, aber von einem Mädchenmörder handelt, in einem Hotelzimmer dutzende Male vorsang, als er daran feilte.
Jeanny, quit livin’ on dreams
Jeanny, life is not what it seems
Such a lonely little girl in a cold, cold world
There’s someone who needs you
Knapp ein Jahr waren Falco und Evelyn ein Paar. Während dieser Zeit sprach er einmal in einem Interview darüber, dass er sie bei mir kennengelernt hatte, und dass diese Zeit die beste seines Lebens gewesen sei.
Für Evelyn ging die Sache gut aus. Nach der Beziehung mit Falco hatte sie offenbar genug von ihren wilden Zeiten als platinblonde Schönheit im Nachtgeschäft, dorthin wollte sie nicht zurück. Sie fasste in einem bürgerlichen Leben Fuß, heiratete und gründete mit ihrem Mann, einem Manager aus Salzburg, eine Familie. Jetzt erinnert, abgesehen davon, dass sie noch immer schön ist, nichts mehr an die Evelyn von damals. Ihre Haare sind zwar noch immer kurz, aber jetzt wieder dunkel, sie kleidet sich gut, aber unauffällig, und sie wirkt sehr natürlich.
Für Falco endete die Sache nicht so gut, wie jeder weiß. Als mein Mann und ich 1998 aus dem Fernsehen erfuhren, dass sein Geländewagen auf der Straße zwischen den Städten Villa Montellano und Puerto Plata in der Dominikanischen Republik von einem Bus gerammt worden war und Falco noch an der Unfallstelle starb, wussten wir, dass dieser Unfall kein schrecklicher Zufall war.
Ehe Falco zum letzten Mal in die Dominkanische Republik aufbrach, besuchte er mich in der Bar, um sich zu verabschieden. »Hast du einen Fotoapparat, Nina?«, wollte er wissen.
»Warum brauchst du einen, Hans?«, fragte ich ihn überrascht.
»Ich möchte, dass es ein Bild von uns beiden gibt, und ich will, dass du es in die Auslage stellst. Alle sollen sehen, dass ich gern bei dir bin.«
Ein Mädchen machte das Foto von uns beiden. Danach fragte er nach meinem Mann, der aber an diesem Tag nicht in die Bar kam. Das machte Falco unglücklich. »Nina« sagte er, »ich wollte mich aber auch von deinem lieben Mann verabschieden.«
»Du kommst ja wieder, Hans«, hielt ich ihm entgegen.
»Wer weiß, ob wir uns in diesem Leben noch einmal sehen werden«, sagte er mit einem Lächeln, während er mich umarmte. Mit diesem Lächeln im Gesicht verließ er meine Bar. Ich sah ihn nie wieder. Das Foto, das ihn mit mir zeigte, stellte ich nach seinen Wünschen in die Auslage.
Warum ich sicher bin, dass er seinem Leben selbst ein Ende gesetzt hat? In seiner Welt, in der sich Illusion und Realität vermischten, hatte Falco keine Chance gehabt, je zu gewinnen, je ein normales, zumindest einigermaßen zufriedenes Leben führen zu können. Als dann noch sein Ruhm als Musiker, der sein Ego gestützt hatte, zu zerbröckeln begann, war ihm nur noch der Alkohol geblieben.
Eine Frau steigt aus einem Auto
Gestatten Sie mir dieses Bild: Ich stelle mir vor, dass Sie hinter der Theke stehen. Natürlich ohne Ihnen nahetreten zu wollen. Denn ich bin sicher, dass Sie es für sich ausschließen, hinter der Theke einer Bar wie meiner zu arbeiten. Ich vermute, dass sie es am Ende dieses Buches ein bisschen weniger oder auch ein bisschen mehr ausschließen werden. Aber es muss ja nicht unbedingt die Theke eines Nachtlokals sein. Es kann jede Theke sein. Es geht mir nur darum, dass Sie auf der Seite stehen, auf der ich so oft gestanden bin. Ich sitze Ihnen gegenüber auf der anderen Seite und erzähle Ihnen meine Lebensgeschichte, zu der auch die Geschichte meiner Bar gehört, die ich vor wenigen Wochen zugesperrt habe. Nicht, dass Sie denken, ich hätte mein Etablissement freiwillig geschlossen, um mich in den Ruhestand zurückzuziehen. Nein, ich hätte noch so gern weitergemacht. Aber es gab schreckliche Querelen mit dem Hausbesitzer, die in einem Rechtsstreit mündeten, und letztendlich musste ich leider das Handtuch werfen und zusperren.
Ich selbst mag Geschichten. Ich habe schon immer gern zugehört. Ich verstand es stets als Vertrauensbeweis, wenn mir ein Herr Episoden aus seinem Leben anvertraute, oder wenn ein Mädchen das tat. Ich verstand den Herrn dann besser, wusste, was ihn bewegte, wie er reagierte, was er sich erhoffte. Das half mir dabei, ihm das zu bieten, was er erwartete. Auch die Geschichten der Mädchen waren mir dienlich, ich konnte etwa nachvollziehen, warum sie sich in gewissen Situationen auf ganz spezielle Weise verhielten. Es half mir auch bei meinen Versuchen, ihr Leben in eine vernünftige Bahn zu lenken, was mir zugegebenermaßen nicht immer gelang. Der Erfolg meiner Bar war also zu einem guten Teil auf den Geschichten der Menschen, die dort ein und aus gingen, begründet.
Mein Selbstbewusstsein schwankt wie bei wahrscheinlich jeder Frau. Manchmal fühle ich mich wie die Königin der Nacht, als die mich so viele Herren gefeiert haben, manchmal wie eine Frau, deren Wert davon abhängt, wie hart sie arbeitet, und manchmal fühle ich mich wie ein schüchternes kleines Mädchen. Vielleicht hat es damit zu tun, dass ich mich, seit ich über dieses Buch nachzudenken begonnen habe, frage: Würden Sie sich die Geschichte, die ich Ihnen auf meinem Barhocker sitzend und an Champagner nippend erzähle, während Sie hinter der Theke stehen, anhören wollen?
Ich denke schon, und es hätte vermutlich auch etwas mit meinem Aussehen zu tun. Würde ich zum ersten Mal Platz an der Theke nehmen, bliebe es nicht aus, dass Sie mich unauffällig von der Seite mustern, während Sie die anderen Gäste bedienen. Sie würden sich fragen: Wer ist diese Frau? Vielleicht würden Sie sich auch fragen: Wer um Gottes Willen ist denn diese Frau? Denn ich muss schon sagen, ich bin eine Erscheinung, die Ihnen ganz bestimmt auffiele. Machen Sie sich also bitte ein Bild von mir, ehe ich damit beginne, Ihnen meine Lebensgeschichte zu erzählen.
Stellen Sie sich vor, ich komme irgendwo an. Jetzt steige ich aus einer schwarzen Limousine. Meistens ist es ein schwerer Mercedes in einer etwas verlängerten Version, damit ich genug Platz für meine Beine habe. Sobald der Wagen hält, sehen Sie einen unauffälligen Herrn mit grauen Haaren aussteigen, er geht um den Wagen herum und öffnet die Tür, hinter der ich sitze.
Wenn Sie mich zum ersten Mal sehen, fällt Ihnen sicher sofort mein Strahlen auf, das ich wie teuren Schmuck im Gesicht trage. Ich strahle den Mann an, der mir die Tür öffnet. Dieses Strahlen habe ich mir bewahrt, auch über die Zeit meiner Bar hinaus. Es ist etwas Schönes. Es verändert die Menschen um mich. Es macht sie mir geneigt und großzügig. Es verändert auch mich. Wenn die Tage trüb sind, kann ich im Nu meine Stimmung verbessern, indem ich mein Strahlen aufsetze. Es hält mich glücklich. Es hält mich am Leben. Es stellt einen Wert für mich dar. Ich würde sagen, es ist so etwas wie mein Markenzeichen. Probieren Sie es einmal. Üben Sie, zu strahlen. Es ist gar nicht so schwer, und irgendwann haben nicht nur Sie dieses Strahlen, sondern es hat auch Sie. Es verändert Ihr Leben.
Wenn Sie mich beim Ankommen beobachten, werden Sie feststellen, dass ich eine Weile brauche, bis ich meine Füße auf die Straße gestellt habe. Betrachten Sie mich genauer, dann kennen Sie den Grund. Ich bin korpulent. Ich würde sogar sagen, ich bin ausgesprochen korpulent. Irgendwann einmal, so viel kann ich Ihnen schon jetzt verraten, war ich ein zierliches junges Ding. Als ich geheiratet habe, wog ich fünfzig Kilo. Jetzt mustere ich mich manchmal und frage mich, wohin dieses zierliche junge Ding verschwunden ist. Ich schaue meine Handgelenke an und denke, dass die Knochen darin noch immer so leicht und zerbrechlich sein müssen, wie sie es damals waren. Doch jetzt sind sie in Armen verborgen, die, so empfinde ich es jedenfalls, so viel wiegen, wie früher das ganze zierliche junge Ding.
Wenn ich bei meinem Arzt bin, rügt er mich oft wegen meines Gewichtes. Er hat natürlich recht, ich sollte abnehmen. Ich gebe zu, dass in der schwarzen Limousine immer öfter eine Krankenschwester mitfährt, in Zivilkleidung natürlich, damit nicht so auffällt, dass ich Betreuung brauche. Sie hilft mir in den Rollstuhl, der zusammengeklappt im Kofferraum liegt. Nicht nur mein Übergewicht drückt auf die Gelenke, ich habe seit einer Knieverletzung Probleme beim Gehen.
Das Essen ist schuld an meiner Korpulenz, ich weiß es. Ich esse gern, und ich esse viel, zu viel. »Herr Doktor«, sage ich zu meinem Arzt, wenn er mir wegen meines Gewichtes wieder einmal die Leviten liest, »früher einmal musste ich um jeden Bissen kämpfen, da ging es ums Überleben. Das habe ich verinnerlicht. Ich bewundere Menschen, die sich beherrschen können, aber ich kann es nicht.«
»Madame Nina«, antwortet er dann, »vielleicht gab es Zeiten, in denen es ihren Tod bedeutet hätte, wenn sie nicht gegessen hätten. Doch jetzt bedeutet es ihren Tod, wenn sie essen.«
Was soll ich machen, ich esse aber so gerne. Dabei war ich als Kind, als sechs- oder siebenjähriges Mädchen unterernährt, spindeldürr, ein Skelett. Aus irgendeinem absonderlichen Grund wollte ich damals nicht essen, obwohl wir wirklich reichlich hatten. Meine Eltern machten sich große Sorgen um mich, weil ich so dünn war, sie schickten mich wiederholt zur Kur in die Berge und ans Meer, damit ich dort ein bisschen zunehme.
Zu Hause saß ich dann bei Tisch, kaute mit leerem Mund und fütterte heimlich den Hund mit meinem Essen. Irgendwann waren meine Eltern wieder dermaßen beunruhigt wegen meiner Klapprigkeit, dass sie mich zum Arzt brachten. »Nina«, sagte er zu mir, »wenn du nicht essen willst, wirst du sterben.« Dieser Satz war eine Initialzündung und er hat sich in meinem Kopf eingegraben. Ich habe damals zu essen begonnen und ich habe nie mehr aufgehört. Nach und nach kam ich auf den Geschmack, ich wurde zur Genießerin und entwickelte einen Hang zu gutem Essen, zum besten, zum feinsten.
In Wien ist es ja einfach, dieser Leidenschaft, gut zu essen, zu frönen. Mein Mann und ich waren und sind Stammgäste in den besten Restaurants der Stadt, bei den »Drei Husaren«, im »Sacher«, im »Schwarzen Kameel«, beim »Plachutta«. Den Verlockungen erstklassigen Essens kann ich einfach nicht widerstehen. Ich liebe delikat gewürzte Speisen, exquisit komponierte Zutaten. Ich liebe saftige Steaks, goldbraune Schnitzel, herrliche Jakobsmuscheln und köstliche Garnelen. Wie fein das ist, wie schmeckt mir das, ach, ich esse so gern. Am liebsten hätte ich immer von allem ein bisschen auf meinem Teller, was für eine Geschmacksexplosion.
Sie sehen, ich gerate ins Schwärmen, wenn es ums Essen geht. Diese Affinität zu deliziösen Speisen hat sich seit meiner Kindheit entwickelt. Denn der Satz des Arztes »Wenn du nicht isst, wirst du sterben« verfolgt mich bis heute. Ich muss essen. Wenn ich Hunger habe, schreie ich. Denn esse ich nicht, habe ich das Gefühl, zu sterben. Das ist ein psychischer Defekt.
Essen, gutes Essen, ist also ein wichtiger Teil meines Lebens, und wohl auch deshalb hatte ich lange Zeit direkt neben meiner Bar ein Restaurant, den »Rosa Elefant«. Das war ein hübscher kleiner Betrieb mit einem rund achtzig Quadratmeter großen Gastraum, in dem etwa fünfundsiebzig Besucher Platz hatten. Im Sommer kam noch ein riesiger Schanigarten dazu. Anfangs war das Restaurant täglich geöffnet, später sechs Tage in der Woche, außer Sonntag, von sechzehn Uhr bis zwei Uhr früh.
Im »Rosa Elefant« gab es eine Verbindungstür zu meiner Bar, die von den Herren gern benützt wurde. Denn so vermieden sie es, sich eventuellen neugierigen Blicken auszusetzen, wie das vielleicht der Fall war, wenn sie meinen Nachtclub direkt vom Bauernmarkt aus betraten. Schlüpften sie durch die Verbindungstür, setzten sie sich nicht dem Verdacht aus, etwas aus bürgerlicher Sicht Unanständiges im Sinn zu haben.
Das Restaurant lief vom ersten Tag an großartig. Die Gäste kamen in Scharen, nicht nur wegen der gemütlichen Atmosphäre, sondern vor allem auch wegen der herrlichen Speisen. Wir servierten klassische österreichische Hausmannskost, Pfannengerichte wie Eiernockerl und Schinkenfleckerl mit grünem Salat. Ach, wie herrlich das geschmeckt hat. Deftig, aber nicht zu fett und gut verträglich.
Die Spezialität im »Rosa Elefant« waren aber Spareribs, wir verkauften sie tonnenweise. Für diese Schweinerippchen, die in einer Mischung aus Öl, Honig, passierten Paradeisern, Tabasco und Bier mariniert und danach auf dem Holzkohlengrill gegart wurden, standen die Gäste Schlange. Dazu gab es alle erdenklichen Saucen, deren süß-scharfe Aromen perfekt mit dem Geschmack der Rippchen harmonierten und dem Gaumen schmeichelten. Unsere Spareribs waren so berühmt, dass sogar zwei amerikanische Piloten zu den Stammgästen des »Rosa Elefant« zählten. Immer, wenn die beiden in Wien waren, kamen sie ins Restaurant, um Spareribs zu essen, obwohl dieses Gericht eigentlich eine Spezialität der amerikanischen Küche ist und in ihrer Heimat am besten zubereitet wird.
Aber nicht, dass Sie jetzt denken, ich hätte vielleicht selbst im »Rosa Elefant« gekocht. Nein, nein, dafür reichten meine diesbezüglichen Künste bei Weitem nicht aus, beim Essen bin ich besser. Ich habe auch keine Tipps gegeben oder Rezepte geliefert. In der Küche des Restaurants regierte ein hervorragender Koch, ein Waldviertler, der dreiundzwanzig Jahre lang bei uns war. Er hat mit der Qualität der Speisen dafür gesorgt, dass der »Rosa Elefant« so stark frequentiert war, dass wir in diesem kleinen Restaurant fünf Kellner beschäftigten. Manchmal war der Andrang der Gäste enorm, sie mussten sich anstellen und warten, bis ein Tisch frei wird.
Auch die Besucher meiner Bar liebten das Essen des »Rosa Elefant«. Hatten die Herren Hunger, konnten sie dort bis Mitternacht bestellen, die Speisen wurden in mein Etablissement gebracht. Zum Essen zogen sich die Gäste dann in einen kleinen Extraraum zurück, der mit einem Vorhang geschlossen wurde. Ich wollte verhindern, dass sich die Gerüche der Speisen ausbreiten, dass sie sich mit dem so schön komponierten Duftbouquet in der Bar mischten und die anderen Gäste störten.
Die Herren hatten aber nicht nur bis Mitternacht Appetit, sie verlangten oft bis in die frühen Morgenstunden nach einem Imbiss. Dann bereitete ich ihnen in der kleinen Küche meines Etablissements selbst eine Kleinigkeit zu. Die Gäste schätzten es, wenn Madame höchstpersönlich ihr Bedürfnis nach Essen befriedigte. Es ist ja tatsächlich so, dass Liebe durch den Magen geht.
Ich servierte den hungrigen Herren Schinkenbrote und Speckbrote, Schinken- und Käsetoast und Würstel, eine leichte Mahlzeit für zwischendurch eben.
Erst als es mein Restaurant, den »Rosa Elefant«, nicht mehr gab, brachte ich regelmäßig Selbstgekochtes mit in die Bar. Nichts Großartiges, vielleicht ein Kalbsgulasch, nicht zu scharf, fein und leicht gewürzt, dazu mit dem Löffel ausgestochene Nockerl. Manchmal waren es auch Krautrouladen. Den Gästen hat es stets geschmeckt.
Wurden in der Bar große Feste gefeiert, ließ ich die Speisen, wie Muscheln und Lobster, aus einem der ersten Restaurants der Stadt anliefern. Denn es war ja nicht so, dass ich ständig in der Küche stand. Ich war in meinem Etablissement die Gastgeberin und nicht die Köchin. Wenn’s ums Kochen ging, hatte ich auch nie große Ambitionen. Als Kind sagte meine Mutter immer wieder zu mir: »Raus aus der Küche, Nina. Weg vom Kochlöffel.« Das habe ich mir zu Herzen genommen. Aber was ich koche, das kann ich Ihnen verraten, schmeckt herrlich.
Aber sie sind ja noch dabei, mich zu beobachten, wie ich aus der schwarzen Limousine steige. Sie sehen eine ausgesprochen korpulente Frau, der ein unauffälliger Herr mit grauen Haaren die Tür aufhält. Jetzt fällt Ihnen sicher der opulente Goldschmuck auf, den ich trage. An meinen Handgelenken, in denen sich noch immer diese zarten Knochen des jungen Dings, das ich einmal war, verbergen, hängen schwere goldene Armbänder, die klimpern, sobald ich mich bewege. Vielleicht trage ich gerade jenes mit den vielen alten goldenen Medaillons, die ich über die Jahre gesammelt habe, Andenken, die mir mein Mann auf Reisen geschenkt hat. Dazu eine prachtvolle breite Kette und wippende Ohrgehänge, natürlich ebenfalls aus massivem Gold und mit Edelsteinen besetzt. Schauen Sie auf meine Hände. Sehen Sie die kostbaren Ringe? Etwa diesen schweren Jugendstilring mit schwarzer Emaille, die von funkelnden Diamanten umgeben ist?
Jetzt denken Sie eventuell, dass ich aufgeputzt bin, aufgeputzt wie ein Christbaum, wie man im Wienerischen sagt. Sie meinen womöglich, dass ich es mit dem Schmuck übertreibe. Aber ich mag das. So bin ich, ich habe ein Faible für Schmuck. Ich glänze so gern. Schmuck verleiht mir etwas Prächtiges, etwas Königliches. Es kann nie genug Schmuck sein.
Diese Leidenschaft für Pretiosen reicht in meine Kindheit zurück. Meine Mutter trug gern Schmuck, ich erinnere mich vor allem an ihre wunderschönen Perlenketten. Denke ich an meinen Vater, fällt mir sofort sein auffälliger Siegelring ein, den er immer an der Hand hatte. Von ihm bekam ich auch mein erstes wertvolles Schmuckstück. Er überreichte mir zum achtzehnten Geburtstag einen Allianzring, einen massiven Goldring mit einem Rubin in der Mitte und zwei Brillanten.
Bis heute kaufe ich Schmuck nicht selbst, ich lasse mich verwöhnen und ihn mir schenken. Mein Mann hat mich, seit wir uns kennen, immer mit Gold und Edelsteinen überhäuft. Auch mein liebstes Schmuckstück bekam ich von ihm. Eine schwere goldene Halskette, mittellang, mit einem brillantbesetzten Elefanten als Anhänger. Das war ein besonderes Geschenk zu einem besonderen Anlass. Ich bekam die Kette zur Eröffnung unseres Restaurants »Rosa Elefant«. Das Besondere war, dass der Elefant einen aufgestellten Rüssel hatte, und das gilt als Glücksbringer. Lange Jahre brachte er mir tatsächlich Glück. Dann wurde er mir leider gestohlen.
Auch mein teuerstes Schmuckstück, ein kostbarer Jugendstilring meiner Mutter, gehört nicht mehr zu meiner Schmucksammlung. Er wurde mir auf einer Amerikareise zusammen mit einigen anderen Juwelen aus der Wohnung geraubt. Jetzt bin ich klüger, all mein Schmuck liegt hier in Wien sicher aufgehoben in einem Bankschließfach.
Aber Sie betrachten mich ja noch immer, während ich aus der schwarzen Limousine steige. Es ist kühl, trotzdem trage ich keinen Pelz. Nur ein kleines bisschen davon, mein schwarzer Umhang aus feinem Kaschmir ist schmal pelzverbrämt. Hätten Sie mich früher gesehen, wäre Ihnen sofort mein Pelzmantel aufgefallen. Aber all die schönen Stücke hängen schon jahrelang ungetragen und gut verwahrt bei meinem Kürschner. Viele, viele herrliche Pelze, Zobel und Nerze. Jeder Mantel ist für mich wie ein Juwel. Mein Mann schenkte sie mir immer zu Weihnachten, ich habe die Pelze über viele Jahre gesammelt. Jetzt ist schon lange kein neuer dazugekommen. Denn die Zeiten haben sich geändert. Pelz zu tragen, gehört sich jetzt nicht, und ich will niemanden provozieren, indem ich meine Pelzmäntel ausführe. Bin ich böse, weil ich meine Pelze so liebe? Verurteilen Sie mich bitte nicht.
Ich lege großen Wert auf meine Kleidung. Aber ich habe die Erfahrung gemacht, dass die Herren nicht so sehr darauf achten, was eine Frau trägt. Sie haben zwar ihre Vorlieben, aber selten kann ein Mann genau sagen, was eine Frau, die eben den Raum verlassen hat, anhatte. Doch wenn Sie eine Frau sind, werden Sie sich bei meinem Anblick wahrscheinlich auch über meine Kleidung Gedanken machen. Denn ich habe eine sehr expressive Art, mich anzuziehen, meine Garderobe ist ausdrucksstark, ich falle auf. Mein Erscheinungsbild ist aber nicht von lauten, schrillen Farben geprägt. Die setze ich nur bei meinen auffälligen Brillen ein, ich trage sie in allen Nuancen, von Beige über Blitzblau bis Rot. Bei der Garderobe erreiche ich diesen ausdrucksvollen Effekt, indem ich mich vorzugsweise in Schwarz und Weiß kleide, dazu trage ich blutroten Lippenstift. Das sieht immer sehr dramatisch aus. Ich habe ja einen Hang zur Theatralik.
Wenn Sie mich nach dem Namen meiner liebsten Designermarke fragen, rufe ich laut Chanel, Chanel, Chanel. Auch als ich noch dieses schlanke, junge Ding war, trug ich mit Vorliebe Chanel-Kostüme. Diese schlichten, fast biederen Kostüme verleihen jeder Frau eine subtile Sinnlichkeit, die sie erotischer macht als das größte Dekolleté. Ich liebe Chanel-Kostüme auch, weil sie zu jeder Gelegenheit passen, zu jeder Tageszeit, sie können beim Frühstück ebenso getragen werden wie abends beim Ausgehen. Ich liebe die Qualität der Stoffe und der Verarbeitung, die feinen Bleikettchen in den Jackensäumen, die für den guten Fall und den perfekten Sitz sorgen. Ich wollte schon immer gekleidet sein wie eine Prinzessin, wie eine stilsichere, moderne Prinzessin, wie Caroline von Monaco. Jetzt hängen meine vielen Chanel-Kostüme allerdings seit Jahren ungetragen in den Schränken. Um reinzupassen, müsste ich ja fünfzig Kilo abnehmen. Aber ich werde sie nie weggeben. Sie sind so schön, ich schaue sie immer wieder gern an.
Seit ich korpulent bin, näht eine Schneiderin meine Garderobe. Den schlichten, zeitlosen Schnitten und Schwarz und Weiß bin ich aber treu geblieben. So wie der Marke Chanel. Heute kaufe ich dort meine Taschen und Schuhe, Broschen und Tücher.
Sie sehen, ich mag Klassisches. Hin und wieder kommt ein Tupfen Leoprint dazu, vielleicht ein Schal oder ein Umhang mit diesem Muster. Ich bin ja eine Katze, eine korpulente Katze, ein Löwe.
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