Kitabı oku: «Leben ohne Ende»

Yazı tipi:


Nino Rauch: Leben ohne Ende

Vorwort

Als dieses Buch schon fast fertig war, habe ich mich hingesetzt, um noch einmal die Motivation zu überprüfen, mit der ich es geschrieben habe. Während der Arbeit daran musste einfach alles raus. Da war nicht die Zeit dafür, sich solche grundlegenden Fragen zu stellen.

Aber als dann ein großer Stapel bedruckten Papiers vor mir lag, der meinen Krankheitsverlauf mit allem Drumherum quasi im Zeitraffer beschreibt, ist mir ein bisschen schwindlig geworden. Ich war plötzlich unsicher, ob ich das alles nicht eigentlich nur für mich selbst festgehalten hatte. Ob es Außenstehenden zumutbar ist. Ob es nicht zu persönlich, zu echt und zu konkret ist, um es zu veröffentlichen.

Also habe ich das Manuskript eingepackt, mich damit in ein Kaffeehaus gesetzt und alles von vorne bis hinten noch einmal durchgelesen. Ganz so, als ob ich nicht der Autor, sondern der erste Leser meines Buches wäre. Während dieser Lektüre ist mir eines klar geworden:

Dies ist kein Buch über die Krankheit Krebs. Nicht in erster Linie.

Es ist ein Buch über die Fähigkeit von Menschen, mit Schicksalsschlägen umzugehen, zu kämpfen und noch einmal zu kämpfen. Gerade dort, wo der Kampf schon fast aussichtslos zu sein scheint. Und es ist ein Buch darüber, dass kaum jemand all das sofort und ganz alleine schafft. Als ich erfahren habe, dass ich an Lymphdrüsenkrebs litt, wollte ich nämlich gar nicht kämpfen. Es ging mir einfach nur schlecht, und ich wollte vor allem in Ruhe gelassen werden. Irgendwann gab es auch eine Zeit, in der ich sogar sterben wollte.

Aber da war mein engstes Umfeld, allen voran meine Mutter, und da waren die Ärzte aus dem St. Anna Kinderspital, und die alle wollten das nicht zulassen. Die kämpften um mich und für mich mit, solange ich dazu nicht in der Lage war.

Das war mir anfangs gar nicht recht. Viele der Menschen, die mir während meiner Krankheit begegnet sind, habe ich verflucht, weil ich mich von ihnen einfach nur bedrängt, bloßgestellt und beleidigt gefühlt habe. Auch davon handelt dieses Buch. Wie schwer es ist, jemandem zu helfen, dem es wirklich schlecht geht. Und wie schwer es sein kann, sich helfen zu lassen, wenn man am Boden liegt.

Als ich schließlich im Kaffeehaus die letzte Seite meines Manuskripts gelesen hatte, hatte ich plötzlich das Gefühl, dass jedenfalls noch etwas fehlt. So sehr das meine, und nur meine Geschichte ist, die ich da beschreibe, so sehr ist es doch zugleich auch die Geschichte vieler anderer Kinder und Jugendlicher, die gegen den Krebs gekämpft haben oder es jetzt gerade tun.

Deshalb habe ich mich noch einmal aufgerafft und eine Idee verwirklicht, die ich eigentlich schon von Anfang an hatte. Ich habe mir von einigen Menschen, die wie ich als Kind an Krebs litten, von ihrer Krankheit und von ihrem Umgang damit erzählen lassen.

Und ich habe Prof. Dr. Helmut Gadner besucht, den ehemaligen Leiter des St. Anna-Kinderspitals, um mir von ihm die Geschichte seines jahrzehntelangen Kampfes gegen Kinderkrebs berichten zu lassen.

Alle diese wahren Geschichten sind zu meiner ergänzend hinzugetreten und bilden jetzt gemeinsam mit ihr dieses Buch. Seither habe ich mir die Frage, wofür ich es geschrieben habe, nicht mehr von Neuem stellen müssen. Es war mir ein für allemal klar.

Dies ist kein Buch über Krebs. Es ist ein Buch über sehr junge Menschen, die sich gegen ein Schicksal wehren, das keiner von ihnen verdient hat. Es ist ein Buch für diejenigen, die diesen Weg erst noch gehen müssen und diejenigen, die ihn bereits gegangen sind.

Einer davon bin ich.

Nino Rauch, Wien, Februar 2014

1

Ich schrecke aus dem Schlaf auf. Mein Unterarm fühlt sich feucht an. Es ist dunkel. Ich drücke mich aus meiner Bauchlage hoch. Weit genug, um das Leintuch abtasten zu können. Unter meinen Fingern ist es nass, warm und klebrig.

Vor Schreck ziehe ich meine Hand mit einem Ruck zurück. Ich beuge mich aus dem Bett und drücke den Lichtschalter. Ein, zwei Sekunden brauchen meine Augen, um sich an die Helligkeit zu gewöhnen, dann sehe ich es ganz klar: Mein Leintuch, meine Decke und mein Kissen sind knallrot.

In Panik springe ich auf und betrachte die Lache, die sich langsam ausbreitet, sich in den Stoff frisst und in die Matratze sickert. Der Fleck hat einen Durchmesser von der Größe eines Fußballtrikots. Das Blut tropft von der Bettkante. Dünne Rinnsale. Der Boden rund um die Lache ist rot gesprenkelt, und die Flecken auf dem Teppich laufen schon ineinander. Ich widerstehe dem Impuls, laut zu schreien, weil ich meine Eltern nicht wecken will. Zum Glück teile ich mir mein Zimmer nicht mit meinen beiden kleineren Brüdern Rico und Raffael. So bekommt vorerst niemand mit, was hier geschehen ist.

Entsetzt schaue ich an mir herunter. An meinen Armen klebt Blut, an meinen Fingern, am Körper. Ich begreife nicht, was passiert ist. Ich sehe keine Wunde, fühle keinen Schmerz. »Scheiße, was ist nur los?«, denke ich.

Ich befühle hektisch meinen Bauch, die Arme, den Hals, um doch etwas zu finden, spüre aber keine Verletzung. Zitternd berühre ich meine Nase, und obwohl sie mir nicht weh tut, bin ich sicher, dass das Blut nur von dort stammen kann. Da ich schon seit Wochen unter einem chronisch verstopften Nasenloch und anderen Beschwerden leide, ist das der einzig logische Schluss. Ich atme tief durch und fühle, wie mein Puls wieder sinkt, als mir die Erzählung eines Schulkollegen einfällt, der unter häufigem Nasenbluten leidet und nachts schon öfter in solchen Schlachtfeldern aufgewacht ist. Zumindest hat er das behauptet. »Jetzt hab ich auch was zu erzählen«, denke ich.

Da ich pinkeln muss, gehe ich aufs Klo, und bin froh, dass ich einen Grund habe, das Zimmer zu verlassen, das aussieht, als wäre darin ein brutaler Mord verübt worden. Während ich mich erleichtere, amüsiere ich mich sogar einen Moment lang über die absurde Vorstellung, jemand könnte mein Zimmer so vorfinden und glauben, ich sei erstochen worden. Da bemerke ich, dass mein Urinstrahl nicht gelb, sondern blutrot ist.

Mir wird schwindlig. Ein heftiges Druckgefühl baut sich in meinem Ohr auf und breitet sich im Kopf aus. Als ich noch einmal in die blutige Kloschüssel schaue, kriege ich kaum Luft. Die Bedenken, meine Eltern zu wecken, sind plötzlich weg. Ich laufe in ihr Schlafzimmer und rüttle meine Mutter unsanft wach. Sie schreckt auf, will wissen, was los ist. Ich schalte die Lampe auf ihrem Nachttisch ein und halte ihr meine blutigen Hände entgegen. Erst jetzt sehe ich im Spiegel neben ihrem Bett, dass auch mein ganzes Gesicht wie mit roter Farbe bemalt aussieht.

Meine Mutter starrt mich an wie ein Gespenst. »Was hast du da gemacht!«, fährt sie mich an. Ich stammle herum, als müsste ich etwas verbergen und fühle mich dabei wie ein kleiner, hilfloser Junge. In meinen Augen spüre ich Tränen, die hinauswollen. Da sie jetzt schon so entsetzt ist, traue ich mich nicht, meiner Mutter auch noch von dem blutigen Urinstrahl zu erzählen, obwohl ich sie doch deshalb geweckt habe. Stattdessen entschuldige ich mich sinnlos und murmle etwas von Nasenbluten. Kaum habe ich das Wort ausgesprochen, scheint meine Mutter sich ein bisschen zu entspannen. Das macht auch mich wieder ruhiger.

Sie atmet tief durch, schaut hinüber zu meinem Stiefvater, der immer noch schläft, dann wieder zu mir. »Morgen«, sagt sie, »fahren wir ins Spital«. Sie sagt es in einem Ton, der mir signalisieren soll, dass Widerspruch zwecklos ist.

2

Ich bin vierzehn Jahre alt und habe nur ein Ziel: Profifußballer zu werden. Deshalb geht es mir extrem auf die Nerven, dass ich seit über vier Wochen Probleme mit dem Atmen habe. Das verstopfte Nasenloch. Bemerkt habe ich das in der Schule, dem Sportgymnasium, das ich besuche. Während des Unterrichts kann ich mich dort kaum mehr konzentrieren. Vor allem seit durch den hartnäckigen Schnupfen auch das rechte Ohr belegt ist. Ich höre schlechter, muss nachfragen, wenn mich jemand anspricht, mein Gegenüber darum bitten, seine Worte zu wiederholen. Das macht auf die Dauer schlechte Stimmung, sowohl bei mir, als auch bei den anderen. Umgekehrt verstehen meine Mitschüler und die Betreuer auch mich nicht mehr gut, weil meine Stimme nasal klingt. Den Ausführungen der Lehrer kann ich kaum folgen.

Immer wieder versuche ich, den Druck, der von meinem Ohr in meinen Kopf ausstrahlt, auszugleichen. Mit Daumen und Zeigefinger halte ich beide Nasenflügel zu, presse sie an die Scheidewand, atme gegen ihn an. Aber er verschwindet einfach nicht.

Während einer Französisch-Schulstunde soll ich vor der Klasse in einem gespielten Dialog die Frage nach meiner Herkunft beantworten.

»Vous venez d’où?«, will die Lehrerin wissen. Ich forme die Lippen, um die Vokale und Konsonanten deutlicher aussprechen zu können, aber die Silben scheinen meinen Mund unkontrolliert zu verlassen, klingen wirr und genuschelt. Meine Mitschüler lachen und ich fühle, wie mir am ganzen Körper heiß wird. Die Lehrerin runzelt die Stirn und betrachtet mich mit zusammengekniffenen Augen. »Macht der sich über mich lustig?«, scheint sie zu denken.

Die Situation ist mir peinlich. Zuhause in Stockerau, in der Nähe von Wien, bin ich immer ein guter Schüler gewesen, habe, schon um Ruhe vor den Lehrern zu haben, immer die von mir geforderte Leistung erbracht. Auch deshalb, weil meiner Mutter, die eine ziemliche Perfektionistin ist, meine Noten so wichtig gewesen sind. Ich schiele in Richtung meiner Mitschüler. Der Blick einiger von ihnen ist mitleidig, die anderen grinsen, und ich spüre, dass mit mir etwas nicht in Ordnung ist. Rasch verdränge ich den Gedanken.

Am nächsten Tag findet ein Fußball-Trainingsmatch statt. Während der Spielpause stehe ich in der Umkleidekabine mit dem Rücken zum Trainer. Er kommt zu mir und packt mich überraschend hart an der Schulter. Sein Griff ist fest und seine Finger bohren sich zwischen meine Knochen. Erschrocken fahre ich herum.

»Was ist mit dir? Willst du mich ärgern?«, fährt er mich an. Seine Stimme klingt unfreundlich und gereizt und ich begreife, dass ich eine Aufforderung überhört haben muss.

»Es tut mir leid, ich habe sie vorher nicht verstanden«, entschuldige ich mich. Der Trainer runzelt die Stirn. Eine steile Falte hat sich zwischen seinen Augenbrauen gebildet und es sieht nicht aus, als würde er meiner Behauptung Glauben schenken.

»Was soll das heißen, du hast mich nicht verstanden?«, schnaubt er. »Ich bin keine fünf Meter von dir entfernt gewesen und habe den Satz dreimal laut und deutlich wiederholt!«

Wieder spüre ich, dass etwas nicht stimmt, versuche den Gedanken aber neuerlich zu verdrängen, indem ich mich auf die Taktik für die zweite Hälfte konzentriere. Während des Matches sprinte ich wie ein Gejagter über das Spielfeld. Auf diese Art beweise ich mir selbst, dass es mir gut geht und entgehe meinen Grübeleien für eine Dreiviertelstunde. Nur beim Sport fühle ich mich noch frei. Wenn ich laufe, den Ball spiele, den Körper an seine Grenzen treibe, die Kraft meiner Muskeln und die Lust an der Bewegung spüre, wenn der Schweiß über meine Haut rinnt und meine innere Hitze kühlt, nehme ich keinen Druck wahr. Dann ist alles im Fluss. Der Atem strömt ungehindert. Ich kann meine Lungenflügel bis in die Spitzen mit Luft füllen und meinen Brustkorb erweitern. Mein Kopf ist leicht.

Nach ein paar Tagen spricht mich mein Zimmerkollege Stefan auf meine verstopfte Nase an. Mein Schnarchen hält ihn in der Nacht vom Schlafen ab. Er drängt darauf, dass ich mich untersuchen lasse. Wir hätten schließlich unseren Sportarzt hier, meint er. Ich winke ab.

»Ist nur ein Schnupfen. Das wird schon«, sage ich und klinge zuversichtlicher, als ich bin. Er zuckt mit den Schultern.

In der Nacht schrecke ich aus dem Schlaf auf, als ein stumpfer Gegenstand gegen meinen Kopf prallt. Verwirrt reibe ich die schmerzende Stelle, blinzle in die Dunkelheit und erkenne meinen Zimmerkollegen, der sich ebenfalls aufgerichtet hat. Er hebt seine Hand, zielt mit einem Fußballschuh nach mir, wirft. Ich ducke mich, und der Schuh knallt hinter mir gegen die Wand. Wahllos greift Stefan nach dem Munitionsvorrat neben seinem Bett. Fußballschuhe, Hallenschuhe, Laufschuhe, Sneakers und Badeschlapfen fliegen wie Geschosse in meine Richtung. Ich schreie, dass er aufhören soll. Aber es ist mehr ein Krächzen.

»Wenn du dich nicht gegen das verdammte Schnarchen behandeln lässt!«, ruft er, und ich verspreche es.

Aber natürlich halte ich dieses Versprechen nicht. Von meinem Stiefvater sind Rico, Raffael und ich als »Indianer« aufgezogen worden. Indianer kennen bekanntlich keinen Schmerz. Eine einfache Erkältung ist kein Grund, zum Arzt zu gehen, es sei denn, man ist verweichlicht. So habe ich es gelernt.

Im Internat wird das nicht anders gesehen. Wir alle sind richtige Männer. Solange wir uns beim Fußballspielen nicht beeinträchtigt fühlen, sollen wir uns nicht beklagen. Nur wenn die sportliche Leistung abnimmt, werden die Trainer unruhig und versuchen uns die Schmerzen auszureden. So schlimm kann es doch nicht sein. Wir sollen die Zähne zusammenbeißen. Wir sind schließlich junge, fitte Spieler und keine lahmen Fußballopas, die wegen jeder angeknacksten Zehe beim Physiotherapeuten sitzen, um Schmerzmittel zu erbetteln.

Auch unter den Mitschülern will keiner als schwach angesehen werden. Weichlinge werden rasch als Außenseiter abgestempelt, und der Weg zurück in die Gemeinschaft ist hart. Wir sind jung, stark und unbesiegbar. Jeder ist hier der Beste oder wird es einmal werden.

3

Ich kenne es nicht, mich krank zu fühlen. Vielleicht auch, weil mein Umfeld von mir immer erwartet hat, gesund zu sein. Ich bin Leistungssportler. Mit sechs Jahren meldet mich mein Stiefvater bei der Juniorfußballmannschaft meines Heimatorts Stockerau an. Er selbst wie auch sein Schwiegervater, mein Großvater, haben ihr Leben lang in ihrer Freizeit auf dem grünen Rasen gespielt. Um mir die Anerkennung der beiden zu verdienen, trainiere ich so viel und hart ich kann. Bald wird klar, dass ich Talent habe. Die Trainer sehen, wie geschickt ich den Ball berühre, wie ich seine Flugbahn erahne, was für einen Riesenspaß mir das Spiel macht. Für das Training verzichte ich gerne auf meine liebste Fernsehsendung, auf einen Nachmittag im Freibad oder einen Kinobesuch mit meinen Eltern. In das Stammbuch meines besten Freundes schreibe ich unter die Frage nach meinem schönsten Tag, Pizza zum Mittagessen und Fußballtraining am Nachmittag.

Von jetzt an fahre ich in allen Schulferien ins Trainingslager, wo ich von österreichischen Fußballgrößen wie Didi Constantini und Hermann Stessl trainiert werde. Meine Eltern fördern mich gerne und sind daher bereit, die nicht gerade billigen Camp-Aufenthalte zu bezahlen.

Mit dreizehn Jahren wechsle ich von der Stockerauer Fußballmannschaft in die von Spillern, eine höhere Liga. Dort werde ich rasch zum wichtigsten Stürmer, schieße die meisten Tore der Saison und verhelfe der Mannschaft zum Sieg in der Meisterschaft. Im Ort bin ich ein kleiner Star. Die hübschesten Mädchen des Dorfs versäumen keines meiner Spiele, winken mir von der Tribüne aus zu, springen bei jedem Tor auf und rufen meinen Namen. Wenn ich sie nach dem Match anspreche, laden sie mich zu Grillfesten und Poolpartys in die Häuser ihrer Eltern ein. Die Burschen nicken anerkennend, klopfen mir auf die Schulter, wollen bei mir einschlagen. Im Ort gibt es keinen Gleichaltrigen, der mich nicht grüßt, wenn er mir auf der Straße begegnet. Alle wollen zu unserer Fußballclique gehören.

Als ich, von meinen Fans und der Familie umjubelt, den Meisterschaftspokal in Händen halte, bin ich der glücklichste Junge der Welt. Ich spüre sein Gewicht in meinen Händen, sehe den Sonnenglanz des Metalls und fühle mich durch ihn erhoben. Mein Trainer dreht den Lautstärkeregler der Musikanlage bis zum Anschlag.

»We are the Champions« dröhnt über den Platz. Ich höre die Rufe nicht mehr, kein Klatschen und keine Gratulationen, sehe nur noch mein Lebensziel. Ich will Fußballprofi werden.

Mein Traum scheint in Erfüllung zu gehen, denn schon kurz darauf werden meine Eltern von den verschiedensten Leistungssportzentren Österreichs angerufen. Meine Mutter spricht mit den sportlichen Leitern und erkundigt sich nach den Kosten, ob ich weiterhin zu Hause wohnen kann oder welchen Abschluss mir die Schule ermöglicht. Sie versprechen mir, mich zu einem Star zu machen, malen mir eine glänzende Karriere aus, reden von einer Einberufung in das Nationalteam und von einer Menge Geld, die es zu verdienen gäbe. Als ich meinen beiden kleinen Brüdern davon erzähle, sind sie natürlich neidisch, zugleich aber wirken sie auch stolz, einen so erfolgreichen großen Bruder zu haben.

Es schmeichelt mir, so umworben zu werden, etwas Besonderes zu sein. Rasch entscheiden meine Eltern und ich, dass ich mit dem kommenden Schuljahr in das Sportgymnasium St. Pölten wechseln werde. Unter der Woche werde ich im zugehörigen Internat wohnen. Meine Eltern haben sich vor allem für diese Schule ausgesprochen, weil sie mit Matura abschließt. Noch sehen sie nicht den Fußballstar in mir, sondern ihren vierzehnjährigen Sohn Nino, der eine gute Ausbildung bekommen soll.

Voller Vorfreude zähle ich die letzten Ferientage. Ich kann es nicht erwarten, meinem Ziel die nächsten Schritte entgegenzugehen und bereite mich auf den Eintritt in die neue Schule vor. Jeden Tag laufe ich zwei Stunden, mache fünfzig Liegestütz und Sit-ups. Das Freibad, in dem ich im Vorjahr Stammgast gewesen bin, besuche ich kaum noch, weil ich lieber trainiere. Ich verzichte auf das Eis, das sich meine Freunde nach der Schule gönnen, weil ich gelesen habe, dass Zucker schlecht für die Gesundheit ist. Fette und vitaminarme Lebensmittel versuche ich ebenfalls zu meiden, ich esse keine Pommes frites mehr und nur noch selten einen Hamburger.

Ich freue mich darauf, von zu Hause wegzugehen, selbstständiger zu werden, neue Menschen kennenzulernen und bin nicht traurig, meine alte Schulklasse zu verlassen, weil dort der Zusammenhalt unter den Schülern nicht besonders stark war.

Ich träume von meiner Karriere, halte dabei glänzende Pokale in Händen und trage Medaillen um meinen Hals. Mit an die Brust gedrückter Hand singe ich die Nationalhymne. Ich sehe mich mein verschwitztes Trikot mit Spielerlegenden tauschen. Nicht nur die Bewohner eines kleinen niederösterreichischen Ortes jubeln mir zu, wenn ich ein Tor erziele. Es sind begeisterte Fans aus dem ganzen Land, vielleicht sogar aus ganz Europa, der Welt, die sich von ihren Stühlen erheben und die Arme der Reihe nach in die Höhe reißen, um gemeinsam die Welle für mich zu formen.

Endlich ist der Sommer zu Ende, und ich darf mein neues Leben beginnen. Als ich an einem Wochenende zwei Monate nach Schulbeginn nach Stockerau heimkomme, mustert mich meine Mutter besorgt. Sie hat mich in den vergangenen Wochen selten gesehen, da an Samstagen und Sonntagen die österreichweiten Meisterschaftsspiele ausgetragen werden und ich kaum noch zu Hause bin. Sie betrachtet mich mit gerunzelter Stirn und will wissen, ob alles in Ordnung ist. Ich wehre mich gegen ihre mütterliche Fürsorge, indem ich erkläre, kein Kind mehr zu sein.

Aber meine Mutter, von der ich immer mit Strenge erzogen worden bin, duldet meine Widerrede nicht. Sie tritt näher an mich heran, legt ihre Hand an meinen Hals und möchte wissen, warum meine Stimme so nasal klingt. Erst jetzt begreife ich, worauf sie hinaus will. Ich löse mich aus ihrer Berührung, habe das Gefühl, dass sie mich noch immer unter Kontrolle halten will, möchte selbstständig sein wie im Internat. Nur zögernd erzähle ich ihr von dem nun schon länger anhaltenden Schnupfen und dem belegten Ohr, spiele die Beschwerden herunter, weil ich weder vor ihr noch vor mir selbst verweichlicht erscheinen will.

Aufmerksam lauscht meine Mutter meinen Beschreibungen der Symptome, verschränkt die Arme vor ihrer Brust, wiegt ihren Kopf. Als ich fertig bin, entscheidet sie, dass ich am Montag zu Hause bleiben werde und wir einen Hals-Nasen-Ohrenarzt im Ort aufsuchen werden. Sie besteht darauf, obwohl ich beharrlich versuche, ihr diesen Plan auszureden.

Am darauffolgenden Tag fahren wir gemeinsam zum Arzt. Drei ältere Frauen sitzen im Wartezimmer, als wir es betreten. Nur eine von ihnen grüßt uns, die anderen scheinen mit ihren Leiden beschäftigt. Sie stöhnen, jede Bewegung scheint sie zu schmerzen. Ich habe das Gefühl, nicht hierherzugehören. Ich kenne keine Orte, an denen es nach Krankheit riecht. Ich bin immer gesund und fit gewesen.

Nach einer halben Stunde bittet uns die Ordinationsassistentin in den Behandlungsraum. Als wir ihn betreten, wächst das ungute Gefühl in meinem Magen. Der Arzt untersucht mich. Er fragt nach dem Beginn meiner Beschwerden, will wissen, ob ich auch Fieber gemessen habe. Ich verneine. Er fordert mich auf, meinen Oberkörper frei zu machen und greift nach dem Stethoskop. Als die runde, kalte Metallscheibe meine Haut berührt, richten sich die Härchen in meinem Nacken auf.

Ich atme kräftig, schlinge die Luft tief in meine Lunge. Auf keinen Fall soll der Doktor an ihrer Kapazität zweifeln. Er leuchtet in meine Ohren, drückt meine Zunge mit einem flachen Holzstäbchen hinunter, um meinen Rachen zu begutachten. Schließlich nickt er, bewegt seinen Drehstuhl in Richtung meiner Mutter und erklärt ihr, dass es sich bei meiner Erkrankung um eine gewöhnliche Verkühlung handle und man einfach abwarten müsse.

Das Gesicht meiner Mutter hat einen skeptischen Ausdruck und ich fürchte, dass sie ihm gleich widersprechen wird. Sie schweigt. Als ich mich schon erleichtert zum Gehen wende, fragt sie doch noch nach, ob ich nicht wenigstens Antibiotika einnehmen sollte. Aber der Arzt winkt ab und erklärt, dass Antibiotika bei einer Viruserkrankung nichts ausrichten können. Ich bin froh darüber. Ohne verordnetes Medikament habe ich die offizielle Erlaubnis, weiterhin am Fußballtraining teilzunehmen.

Die Ordinationsassistentin reicht uns eine Untersuchungsbestätigung und fragt, ob wir einen Kontrolltermin vereinbaren wollen. Meine Mutter zögert. Schließlich nickt sie, und die Assistentin notiert das Datum in ihrem Kalender, sowie auf einem Erinnerungskärtchen, das sie meiner Mutter reicht. Sie lächelt uns zu, als wir die Ordination verlassen. An der Art, wie meine Mutter ihre Lippen aufeinanderpresst, erkenne ich, dass sie nicht zufrieden ist und der Diagnose des Arztes nicht traut. Ich vermute, dass sie nicht wirklich vorhat, wiederzukommen.

Zurück im Internat versuche ich, mich wieder voll auf mein Ziel zu konzentrieren. Aber nach einer weiteren Woche haben sich meine Symptome immer noch nicht verbessert. Meine Stimme klingt nasaler denn je, der Druck in meinem Ohr scheint dauernd zu wachsen, und das Atmen fällt mir schwer. Ich kämpfe mit Sport dagegen an, versuche, beim Laufen und Krafttraining die ungewohnte Beeinträchtigung zu vergessen. Es gelingt mir ganz gut, nicht aber meiner Mutter.

Wieder nimmt sie mich nach dem Wochenende aus der Schule und fährt mit mir zum praktischen Arzt, der uns nach einer kurzen Untersuchung eine Überweisung für ein Stirnhöhlenröntgen schreibt. Ich habe Angst vor dem Termin. Ich habe gehört, dass man bei einer Stirnhöhlenentzündung drei Tage lang nicht trainieren darf, aber meine Mutter beruhigt mich und rät, zuerst die Ergebnisse abzuwarten, bevor ich mir solche Gedanken mache.

Das Röntgeninstitut liegt in Stockerau. Seine Einrichtung sieht unmodern und schon mindestens fünfzig Jahre alt aus. Wieder sitzen im Wartebereich nur alte Menschen. Ich habe keine Lust, mich hier untersuchen zu lassen, verliere langsam die Geduld. Ich will wieder ungestört trainieren können, statt von einem Arzttermin zum nächsten gefahren zu werden. Ich muss doch regelmäßig laufen, meine Gewichte stemmen, den Ball spielen und kämpfen, um in Form zu bleiben. Wie soll ich mit meinen Konkurrenten mithalten können, meine Gegner besiegen, meinem Ziel entgegenarbeiten, wenn ich hier zwischen kranken Omis und Opis herumsitze? Meine Mutter bittet mich, noch ein bisschen durchzuhalten. Es klingt, als ginge es um ihre eigene Gesundheit und obwohl ich weiß, dass sie mein Bestes will, fühle ich mich von ihrer Fürsorge genervt.

Während der Untersuchung spreche ich so wenig wie möglich, antworte den Fragen der Assistentinnen und des Arztes knapp und lasse meine vor der Brust verschränkten Arme nur sinken, wenn es unbedingt nötig ist. Gott sei Dank geht der Termin schnell vorüber. Mit dem Röntgenbefund fahren wir zum praktischen Arzt. Der betrachtet das Bild, schüttelt den Kopf und sagt, dass die Stirnhöhlen frei seien. Er verschreibt mir Nasentropfen und rät uns, wie schon zuvor sein Kollege, abzuwarten. Wieder bin ich erleichtert, meine Mutter hingegen wirkt nach wie vor angespannt. Ich kehre zurück ins Internat und bin ein weiteres Mal überzeugt, meine Beschwerden bald der Vergangenheit zuordnen zu können.

Erst als ich am nächsten Wochenende daheim in einer Blutlache erwache und meinen roten Urin in der Kloschüssel sehe, weiß auch ich, dass mit meinem Körper etwas ernsthaft nicht stimmt.

4

Meine Mutter ist ein sehr reinlicher Mensch. Mehrmals pro Woche putzt sie in unserem Haus in Stockerau das Bad, und die Toiletten säubert sie beinahe jeden Tag penibel. Ordnung ist ihr wichtig. Ich habe einmal erlebt, dass sie auf ihrem Weg zur Arbeit wieder umgekehrt ist, weil sie vergessen hatte, ihr Bett zu machen. So hat sie noch in der Nacht meines Blutsturzes alle Spuren beseitigt und mein Schlafzimmer in beste Ordnung gebracht, bevor ich mich wieder hingelegt habe.

Als ich am nächsten Morgen erwache, habe ich für einen Augenblick ganz vergessen, was in der Nacht geschehen ist. Erst als ich das besorgte Gesicht meiner Mutter sehe, fällt es mir siedend heiß wieder ein.

Ich will nicht ins Spital. Als meine Mutter mir erklärt, dass ich dort auch nicht hin muss, bin ich positiv überrascht. Sie hat noch in der Nacht mit meiner Tante telefoniert und sie gebeten, ihre guten Kontakte zur Wiener Ärzteszene zu nutzen. Das finde ich zwar völlig übertrieben, aber immerhin bleibt mir so die bedrückende Krankenhausatmosphäre erspart.

Wir packen unsere Sachen und machen uns von Stockerau aus auf den Weg nach Wien. Erst auf der leeren Straße wird mir bewusst, dass Sonntag ist. Meine Mutter und meine Tante müssen sich wirklich ins Zeug gelegt haben, um diesen Arzttermin zu bekommen, denke ich, und fühle mich dabei nicht gerade wohl. Noch einmal versuche ich, meiner Mutter die ganze Sache auszureden, ihr klarzumachen, wie übertrieben mir das alles scheint. Aber sie geht nicht darauf ein, scheint auf Autopilot geschalten zu haben. Also beschränke ich mich darauf, während der Fahrt murmelnd die obszönsten Schimpfworte auszuprobieren, die ich im Internat gelernt habe.

Der Arzt, bei dem wir einen Termin bekommen haben, ist Professor, wie das Türschild in der restaurierten Altbauwohnung im vierten Wiener Gemeindebezirk verrät. Die Praxisräume sind hoch und hell, die Wände frisch ausgemalt. Der Wartebereich, in dem ich der einzige Patient bin, ist so groß wie unser Wohnzimmer. Im Hintergrund läuft klassische Musik und es riecht nach Rosenblüten, die auf mehrere Schüsseln verteilt im Raum drapiert sind. Die Umgebung gefällt mir und ich fühle mich mit der Situation versöhnt, habe ein viel besseres Gefühl als bei den Arztbesuchen in Stockerau. »Jetzt bringst du das hinter dich«, mache ich mir innerlich zusätzlich Mut, »und ab morgen wird beim Training wieder Vollgas gegeben.«

Die Untersuchung verläuft zunächst harmlos. Der Professor betrachtet die Röntgenbilder meiner Stirnhöhlen, die meine Mutter aus Stockerau mitgebracht hat. Er sagt, dass ich den Druck in meinem Ohr beschreiben soll, will wissen, ob er sich in den letzten Tagen ausgebreitet hat. Er fragt nach vorangegangenen Operationen, erkundigt sich, ob ich regelmäßig Medikamente einnehme, und ich erzähle von den mir verschriebenen Nasentropfen. Der Professor notiert einige Worte auf einem Karteikärtchen, bittet mich danach, ein wenig vom Fußballspielen zu erzählen, lauscht meiner nasalen Stimme und nickt. Mit einem Wattestäbchen tupft er Sekret aus meiner Nase und steckt die Probe danach in ein verschließbares Plastikröhrchen.

Als ich schon meine, fertig zu sein, präsentiert er mir plötzlich einen etwa fünfzehn Zentimeter langen Metallstab, an dessen Enden eine Linse und ein Lämpchen eingebaut sind. Das Ding sieht nicht gut aus, denke ich. Er erklärt mir, dass es sich bei dem Gerät um eine Sonde handelt, mit deren Hilfe er das Innere meines Nasenraums inspizieren wird. Na fein. Er bittet mich, für einen Moment stillzuhalten. Als er mir den Stab vors Gesicht hält, muss ich mich bemühen, nicht zurückzuzucken. Aber der Professor führt ihn so vorsichtig in meine Nasenöffnung, dass ich kaum eine Berührung spüre. Die Untersuchung dauert nicht lange. Als der Professor sie beendet hat, legt er die Sonde an ihren Platz zurück und sieht mich und meine Mutter an.

»Es handelt sich entweder um Polypen. Oder um einen Tumor«, sagt er trocken.

Das Wort ›Tumor‹ füllt den Raum. Ich sehe, wie meine Mutter in ihrem Sessel zurückkippt, von der Wucht der Aussage in die Lehne gedrückt zu werden scheint. Ich halte meinen Atem an, fürchte die drohende Möglichkeit, mit dem nächsten Luftzug zu inhalieren und sie so Wirklichkeit werden zu lassen.

»Und was heißt das?«

Die Stimme meiner Mutter klingt heiser. Sie hat Mühe, den Satz auszusprechen.

Jetzt hebt der Professor beschwichtigend seine Hand. Ein Tumor ist nichts anderes als eine Wucherung, ein Gewächs, erklärt er uns. Er kann durchaus gutartig sein. Das aber muss erst durch eine Biopsie festgestellt werden. Dazu schneidet man Gewebe aus dem Gewächs, das später von einem Pathologen unter dem Mikroskop untersucht und analysiert wird. Die Gewebeentnahme bedeutet nur einen kleinen Eingriff von etwa einer halben Stunde, fügt er hinzu.

Er selbst werde operieren, verspricht der Professor. Handle es sich um Polypen, werde er diese sofort entfernen, andernfalls ein Stück des betreffenden Gewächses für die spätere Untersuchung entnehmen.

Ich atme wieder. Auch meine Mutter scheint beruhigter. Ihre Stimme hat jetzt den üblichen rauen, aber kräftigen Klang.

»Wir bekommen doch rasch einen Termin?«, will sie wissen. Der Professor sieht in seinem Kalender nach, führt ein kurzes Telefonat. Er spricht mit seiner Assistentin, nickt uns zu. »Ich kann schon am Dienstag in der Privatklinik ›Goldenes Kreuz‹ operieren, wenn Sie möchten«, bietet er uns an.

Sandra
Diagnose Knochenkrebs 1996 im Alter von 16 Jahren

Im Raum riecht es nach Plastik, nach Desinfektionsmittel und Farbe. Es ist ein künstlicher Geruch, leblos und fremd. Langsam dringt er in Sandras Nase, erfüllt sie und lässt das gerade erwachende Mädchen blinzeln. Benommen versucht sie sich zu erinnern, wo sie sich befindet, doch ihre Gedanken laufen wirr durcheinander. Bilder von Menschen in weißen Gewändern tauchen auf und verschwinden wieder, sind unbekannt und lassen sich nicht zuordnen. Sandra öffnet ihre Augen weit und erblickt eine weiße Zimmerdecke. Zwei Neonröhren sind dort angebracht. Sie kann die Umrisse der Lampen nur undeutlich erkennen. Sandra sieht nicht gut, hat sechs Dioptrien auf dem einen und sieben auf dem anderen Auge.

»Wo habe ich schon wieder meine Brille hingelegt?«, denkt sie. Verwirrt will sie an ihre Nase greifen und fühlt, dass sie ihre Hand nicht bewegen kann. Sie versucht es noch einmal und scheitert. Erst jetzt bemerkt sie, dass ihre Arme niedergebunden und festgezurrt sind. Erschrocken öffnet Sandra ihren Mund, möchte um Hilfe rufen, doch kein Ton kommt heraus. Wie Blitzlichter erscheinen in ihrem Gedächtnis Bilder, die Sandra nicht einordnen kann. Menschen, die sich über sie beugen. Maskengesichter. Unbekannt und mit erstarrtem Ausdruck. Das Gefühl der Benommenheit wird weniger und sie nimmt nun wahr, dass etwas in ihrer Kehle steckt, ihren Worten den Weg versperrt und in ihrem Inneren scheuert. Nur langsam begreift Sandra, dass es sich dabei um einen Beatmungsschlauch handelt.

»Warum werde ich künstlich beatmet?« denkt sie verzweifelt und fragt sich, was mit ihr geschehen ist. Das Gefühl, sich nicht bemerkbar machen zu können, ist beklemmend und wirkt wie eine zusätzliche Sperre in ihrer Kehle. Hilflos liegt Sandra auf dem Rücken, ist festgeschnallt und gefesselt. Sie hört ein Piepsen, dreht ihren Kopf ein wenig zur einen, dann zur anderen Seite und erkennt, dass die gleichförmigen Töne von einem medizinischen Gerät verursacht werden. Sie sieht einen Bildschirm mit Linien und Kurven, Kabel in verschiedenen Farben und Plastikschläuche. Außer ihr ist niemand im Raum. Ihr Bein schmerzt, in seinem Inneren pocht und pulsiert es, es drückt und brennt, und plötzlich kommen die Erinnerungen.

Nach einem halben Jahr, in dem Sandra wegen ihrer Schmerzen von einem Arzt zum nächsten gebracht wurde, in dem sie eine Untersuchung nach der anderen und schon einige Spitalaufenthalte über sich ergehen hat lassen, wurde ihr, für sie völlig überraschend, die Diagnose Knochenkrebs gestellt. Sandra ist bestürzt, als sie erfährt, dass in ihrem rechten Knie ein Tumor wächst, und gleichzeitig erleichtert, weil sie endlich eine Diagnose hat.

Nach den ersten beiden Chemotherapieeinheiten, die sie im Wiener Allgemeinen Krankenhaus und im St. Anna Kinderspital erhalten hat, war eine große Operation geplant. Sechs bis sieben Stunden sollte der Eingriff dauern, ihr Bein dabei der Länge nach aufgeschnitten, die Knochen ausgeschabt, der Tumor entfernt und eine sogenannte Endoprothese, eine innere Stütze aus Titan, eingesetzt werden. Verschwommen sieht Sandra jetzt, wie sie auf dem Rollbett in den Operationssaal geführt wird. Undeutlich hört sie die Stimme des Anästhesisten, der ihr erklärt, dass sie nun gleich einschlafen wird. Sie sieht, wie sich eine Schwester lächelnd über sie beugt, spürt die Hand der Operateurin, die ihren Oberarm tätschelt. Sie alle wollen sie beruhigen, begegnen ihr freundlich und hilfsbereit.

Warum hat mir keiner von ihnen gesagt, dass ich auf der Intensivstation aufwachen könnte?, denkt Sandra, die nun sicher ist, sich auf ebendieser zu befinden.

Wieder versucht sie, ihre Arme und Beine zu bewegen, spreizt die Finger und Zehen, hebt ihren Kopf. So sieht sie, dass sich hinter dem Fußende ihres Bettes eine Milchglasscheibe befindet, auf deren gegenüberliegender Seite jemand steht. Sandra strampelt und zuckt, so gut sie kann, mit ihren Gliedmaßen. Endlich bemerkt sie die Gestalt hinter der Trennwand und eilt zu ihr herüber. Die Schwester betritt ihr Zimmer, und Sandra lässt ihren Kopf erschöpft in das Kissen fallen, driftet schon wieder in eine Traumwelt ab.

Achtmal muss Sandra im Laufe ihrer Krebserkrankung operiert werden. Weil ihr Bein manchmal so anschwillt, dass die Ärzte die Wunde nicht schließen können, müssen Haut- und Muskelstücke aus ihrem zweiten Oberschenkel und dem Rücken entnommen werden, um den Spalt zu schließen. Zweimal infiziert sich die behandelte Stelle, da Sandras Immunsystem durch die lange Behandlung geschwächt ist. Das Bein muss von Neuem aufgeschnitten und ausgeschabt werden. Einmal bricht das Ende der Prothese, das mit dem Bein verbunden ist, den Knochen. Jedes Mal muss Sandra danach mehrere Tage bis Wochen still in ihrem Krankenzimmer liegen, danach wieder mit der Physiotherapie beginnen, lernen, das Bein zu bewegen, die geschwundenen Muskeln wieder aufzubauen und zu trainieren. Seit beinahe zwei Jahren geht Sandra nun schon auf Krücken, verbringt ihre Tage in Spitälern und Kliniken, statt wie die Mädchen ihrer Klasse zur Schule zu gehen, die ihr nun viel bedeutet. Plötzlich wünscht sie sich nichts mehr, als gemeinsam mit ihren Mitschülern dem Unterricht lauschen zu dürfen, in einem normalen Klassenraum zu sitzen, Aufgaben zu lösen, zu rechnen und zu schreiben.

Als sie vor dem achten Eingriff in den Operationssaal des AKHs geschoben wird, würgt es sie in der Kehle. Bisher hat sie ihre Behandlungen zumeist still über sich ergehen lassen, hat akzeptiert, was geschehen ist und sich ihrem Schicksal gefügt. Sie riecht den vertrauten Geruch nach Desinfektionsmittel, Plastik und Farbe, fühlt die pochenden Schmerzen in ihrem Bein, spürt das Brennen und Ziehen. Die Operateurin kommt auf ihr Bett zu. Bei ihrem Anblick beginnt Sandra zu weinen. Die Tränen lassen sich nicht zurückhalten, laufen ihre Wangen hinunter, durchnässen bald das Tuch, auf dem sie liegt. Es ist kurz vor Weihnachten. Sandra kann nicht mehr. Sie will die Feiertage zu Hause und mit ihrer Familie verbringen. Sie hat keine Energie mehr. Sie weiß, welcher lange Krankenhausaufenthalt, welche Schmerzen, was für eine mühsame Trainingsarbeit danach auf sie warten.

»Ich kann nicht mehr«, weint Sandra und wiederholt die Worte so lange, bis es schwarz vor ihren Augen wird.

Als sie im Aufwachraum des Krankenhauses die Augen öffnet, hat eine Veränderung stattgefunden. Die Schmerzen in ihrem Bein sind zum ersten Mal kaum noch zu spüren, im Zimmer riecht es frischer, und sie fühlt sich weniger benommen. Plötzlich wächst aus ihrer inneren Leere eine Kraft. Sandra hat nie an ihrer Genesung gezweifelt, hat immer fest daran geglaubt, bald gesund zu werden, aber sie hat es noch nie so stark gefühlt, wie in diesem Moment.

»Niemals wieder sehe ich ein Krankenhaus von innen!«, denkt sie und ballt ihre Hände zu Fäusten. Nie wieder will sie die Behandlungen so passiv über sich ergehen lassen, sagt sie sich. Und tatsächlich, nachdem sie aus dem Spital entlassen wird, infiziert sich die Wunde nicht mehr. Die Prothese hält, und Sandra kommt für lange Zeit nicht mehr zurück.

5

An den beiden Tagen vor meiner Operation bin ich wortkarg, in mich gekehrt und stocksauer. Auf meinen Körper, auf die Ärzte und das Spital, auf meine Mutter, die mir all das durch ihre Hartnäckigkeit eingebrockt hat. Außerdem habe ich Angst. Einerseits vor dem Eingriff, der abklären soll, was mir eigentlich fehlt. Aber die Gedanken daran kann ich recht gut verdrängen. Immer noch bin ich sicher, dass die ganze Sache letzten Endes ergebnislos bleiben wird.

Größere Angst aber habe ich davor, was das alles für meine Sportler-Karriere bedeutet. Mein Selbstbild hat gehörige Risse bekommen. Ich fühle mich längst nicht mehr so stark und unverwundbar wie noch vor ein paar Wochen. Wenn mein Körper anscheinend nicht einmal in der Lage ist, mit einer verstopften Nase alleine fertig zu werden, wie soll er dann die Härten des Fußballprofi-Lebens durchstehen? Die neuerlichen Fehlzeiten, die durch die Operation entstehen, sind für meine Stellung im Internat eine Katastrophe. Selbst wenn doch noch alles rasch vorübergeht, habe ich in den letzten Wochen in jedem Fall so viele Trainingseinheiten verpasst, dass ich bei den nächsten Partien auf der Bank sitzen werde. Die anderen sind nicht so untätig wie ich gewesen und haben meine Abwesenheit mit Sicherheit genutzt, um den Trainern ihre Qualitäten zu beweisen. Außerdem ist mein Image im Eimer. Jeder im Internat hält mich jetzt für ein nicht belastbares Weichei, denke ich verzweifelt. Dabei hat alles so gut ausgesehen. Mein Lebenstraum, der in den vergangenen Jahren kontinuierlich gewachsen ist, liegt in Scherben vor mir.

Am aggressivsten macht mich, dass meine Mutter das überhaupt nicht zu interessieren scheint. Sie macht sich ausschließlich Sorgen um meine Gesundheit, hat Angst wegen des »Tumors«, den der Professor als Möglichkeit erwähnt hat. Dass mein Leben gerade seine Perspektive, seinen Sinn zu verlieren droht, versteht sie nicht. Das nehme ich ihr übel, auch wenn ich das nicht offen ausspreche.

Am Dienstag werde ich im »Goldenen Kreuz« aufgenommen. Nach der Anmeldung werde ich zur Blutabnahme und danach als Vorbereitung auf die Biopsie zur Computertomographie geschickt. Bevor ich in die enge Röhre geschoben werde, wo man mich von allen Seiten durchleuchten wird, bekomme ich ein Kontrastmittel gespritzt. Eine Schwester erklärt mir ausführlich, was das ist und was es bringt. Da es nichts anderes zu tun gibt, höre ich zu, obwohl mich der ganze Vorgang anwidert und überhaupt nicht interessiert.

Mit Hilfe des Kontrastmittels kann man später auf den Röntgenbildern die Strukturen meines Körpers besser erkennen und so etwas über den Ausbreitungsgrad meiner Krankheit erfahren, erläutert sie. Dafür, dass sie von »meiner Krankheit« spricht, würde ich am liebsten auf sie einschlagen. Aber natürlich beherrsche ich mich. Sie spritzt mir routiniert das Kontrastmittel. Die Flüssigkeit läuft heiß durch meine Venen. Sie hinterlässt einen metallischen Geschmack auf meiner Zunge, den ich nicht kenne. Angst breitet sich gemeinsam mit der fremden Substanz in meinem ganzen Körper aus. Ich befehle mir innerlich, mich zusammenzureißen.

»Du kannst dich entspannen«, rät die Schwester, die offenbar die Schweißtropfen auf meiner Stirn bemerkt hat, »die Untersuchung ist ungefährlich und dauert nur ein paar Minuten.«

Ich werde in die enge Röhre geschoben. Sie umschließt mich, nimmt mir die Luft zum Atmen. Ich fühle mich alles andere als entspannt.

»Bitte jetzt nicht mehr bewegen«, sagt die Schwester, und ich erstarre, denke an einen metallenen Sarg, erinnere mich an Gruselgeschichten von lebendig begrabenen Toten. Der Schweiß läuft meine Schläfen hinunter. Ich zähle still die Sekunden, die mir wie Minuten erscheinen. Was, wenn man mich hier drinnen vergisst und ich von alleine nicht mehr heraus kann? Mir fallen Szenen aus James Bond-Filmen ein, in denen scheinbar harmlose medizinische Untersuchungen zu tödlichen Fallen werden. Parallel dazu merke ich, wie ich in Panik gerate. Ich würde am liebsten laut um Hilfe schreien.

Aber dann, so wird mir klar, müsste man mit der Untersuchung noch einmal von vorne beginnen. Alles, nur das nicht, denke ich. Unter Anspannung all meiner Muskel gelingt es mir, die Panik zu unterdrücken. In was für einen verdammten Albtraum bin ich hier geraten?, schießt es mir durch den Kopf.

Am frühen Nachmittag werde ich auf einem Rollbett in den Operationssaal geschoben. Eine Schwester redet mit leiser Stimme auf mich ein, sieht mich an und lächelt. So sehr ich eigentlich beschlossen habe, mich gegen alles hier abzukapseln, bin ich doch spontan froh, ihr freundliches Gesicht zu sehen. Die Angst hat sich seit der Computertomographie weiter ausgebreitet, sitzt in meinem Magen, der Brust, und verschnürt meine Kehle wie ein Band. Die Anästhesistin nimmt meine Hand. Sie erklärt mir, sie wisse aus Berufserfahrung, dass nichts so tröstlich sei, wie die Berührung durch einen anderen Menschen. Na, sie muss es ja wissen. Sanft drückt sie meine Finger. Obwohl ich das unangenehm sentimental und kindisch finde, fühle ich mich tatsächlich ein wenig besser.

Alles wird gut, sage ich mir. Ich habe auf keinen Fall einen Tumor. Ich, der ich immer gesund gewesen bin. Bestimmt sind es Polypen, die den Druck in meinem Kopf und den lästigen Schnupfen verursachen.

Der Professor beugt sich über mich, und als ich sein konzentriertes Gesicht sehe, ist die Angst wieder da, trifft hart wie ein Vollrist-Schuss gegen meine Brust, und ich weiß plötzlich, dass ich nicht mehr zu retten bin.

6

Ich wache auf und fühle mich wie zerschlagen. Trotzdem bin ich für einen Moment froh, es jetzt hinter mir zu haben. Aber als ich in das kreidebleiche Gesicht meiner Mutter blicke, wird mir sofort wieder klar, dass das nicht das Ende der Geschichte ist. Ich kenne sie zu gut, um nicht automatisch hinter die Fassade von Festigkeit zu blicken, die sie errichtet hat, um mich nicht zu beunruhigen.

Als der Professor mein Zimmer betritt, wird die Stimmung nicht gerade ausgelassener. Es ist beinahe, als wäre ich bereits tot, so bleiern lastet jeder stille Moment auf allen Dingen im Raum. An der Art, wie der Arzt und meine Mutter einander zunicken, erkenne ich, dass sie bereits miteinander gesprochen haben, bevor ich wach geworden bin. Vermutlich haben sie sich darauf verständigt, mir nicht alles, was die Operation zutage befördert hat, ungeschminkt mitzuteilen. Das kann nicht gut sein, denke ich. Andererseits will ich eigentlich auch gar nichts darüber wissen, über den »Verlauf des Eingriffs«, meinen »Zustand«, meine »Prognose«, und wie all die anderen widerwärtigen medizinischen Ausdrücke heißen, die für mich zu alten, sterbenden Omas passen, aber sicher nicht zu mir.

Allerdings fühle ich mich schwach und ausgeliefert. Am liebsten würde ich den Arzt und meine Mutter anschreien, aufspringen und diesen widerlichen Ort verlassen. Aber ich bin körperlich nicht in der Lage dazu. Deshalb beschließe ich, mich auf passiven Widerstand zurückzuziehen. Ich wende mich ab, lasse die Müdigkeit, die ich in mir spüre, die Oberhand über meinen Zorn gewinnen, und drifte in einen Dämmerschlaf ab.

Im Einschlafen überlege ich noch, wann ich wohl wieder zum Training zurückkehren kann. Ich grüble, was ich tun könnte, damit meine Mutter und die Ärzte es mir erlauben. Auch wenn ich innerlich weiß, dass sie es gut mir meinen, sind sie zu meinen Gegnern geworden, die ich überwinden muss, um wieder das Leben führen zu können, das ich will. Ich blinzle noch einmal und präge mir das mich abstoßende Interieur des Krankenhauses, seinen Geruch und seine widerwärtig milden, beruhigenden Farben ein. Wenn ich keine Spieler auf dem Platz bekämpfen kann, dann werde ich eben das hier bekämpfen, denke ich trotzig. Dann ist eben das Krankenhaus mein Gegner.

Als ich nach dem kurzen Erholungsschlaf erwache, ist es Abend. Meine Mutter hat bereits unsere Sachen gepackt. Da es nur ein geringfügiger Eingriff war, darf ich das Krankenhaus noch an diesem Tag wieder verlassen. Das scheint mir ein gutes Zeichen zu sein. Meine Stimmung hellt sich ein wenig auf, während ich das Spitalshemd gegen Jeans und Pullover tausche.

Auf der Heimfahrt kauft meine Mutter an einer Tankstelle ein Feuerzeug und eine Packung Zigaretten. Sie öffnet die Packung mit fahrigen Bewegungen. Die Zigaretten rutschen heraus, fallen zu Boden. Meine Mutter greift nach einer, steckt sie in den Mund und zündet sie an, als wäre sie ein lebensnotwendiges Medikament. Sie hat das Rauchen vor eineinhalb Jahren aufgegeben, wie ich mich sehr genau erinnere. Erst jetzt fällt mir auf, dass meine Mutter krank und gealtert aussieht. Die feinen Fältchen und Linien scheinen sich mit einem Mal tief in ihr Gesicht gegraben zu haben. Ihre Augen sind gerötet, die Tränensäcke geschwollen.

Die Zigarette inhaliert sie in wenigen, intensiven Zügen. Dann schiebt sie mich zurück zum Auto, steigt ein und startet wortlos den Motor.

7

Am nächsten Tag muss ich zu einer Magnetresonanz-Untersuchung in die Landeshauptstadt St. Pölten. Wie genau meine Mutter es geschafft hat, so schnell den nächsten Untersuchungstermin zu bekommen, ist mir schleierhaft. In jedem Fall ist sie dafür den ganzen Abend am Telefon gehangen. Ich überstehe die Prozedur mit meiner schon im Goldenen Kreuz erprobten Methode des passiven Widerstandes. Meine Mutter scheint das nicht zu stören, solange ich alles mit mir machen lasse, was sie und die Ärzte von mir verlangen.

Danach ist erst einmal Ruhe. Das Nikolaus-Fest steht vor der Tür. Traditionell feiern wir es bei meinen Großeltern, und diese Feier scheint mir der ideale Ort zu sein, um in die Normalität zurückzukehren und den Spitals-Albtraum hinter mir zu lassen.

Es ist früher Nachmittag und noch hell draußen. Als wir Kinder jünger waren, hat sich mein Stiefvater an diesem Tag manches Mal als Nikolaus verkleidet und uns die Jutesäckchen, die mit Mandarinen, Äpfeln, Nüssen, Schokoladekrampussen und Vanillekeksen von Oma gefüllt waren, gegen Vortrag eines kurzen Gedichts überreicht. Schon als ich vier Jahre alt war, habe ich ihn beim Betreten des Hauses an seinen Schuhen erkannt.

Wir sitzen um den großen Esstisch, meine Brüder reden und lachen. Mein Opa spricht über die Fußballsaison, über die Leistungen seiner Lieblingsmannschaft Rapid, beklagt Spritpreise, das immer teurer werdende Service seines Autos und amüsiert sich über meine Geschichten aus dem Internat. Über meine Gesundheit spricht hier niemand, und darüber bin ich heilfroh.

Da mein Opa mich oft zur Schule fährt und ebenso oft zu den Matches begleitet, kennt er die meisten meiner Klassenkollegen und fragt mich gerne über ihre neuesten Streiche und Späße aus. Wenn ich ihm davon erzähle, verändert sich sein Gesichtsausdruck. Er wird weicher und milder und sein spitzbübisches Lachen erinnert mich dann an das eines kleinen Jungen. Die Großmutter will wissen, ob es schon einen Termin für die Weihnachtsfeier im Fußballverein gibt, fragt, ab wann ich und meine Brüder trainingsfrei haben, was die Schule macht und ob im Heim ordentlich gekocht wird. Ich sage, dass das Essen in unserer Kantine nicht annähernd so gut schmeckt wie das ihre, und sie lächelt zufrieden. Mein Stiefvater setzt sich neben meinen Opa, spricht mit ihm über den österreichischen Fußball. Sie diskutieren, ob Rapid es schaffen wird, dieses Jahr den Meistertitel zu holen, sind sich einig, dass das Nationalteam nicht mehr so gut ist und seine Spieler nicht mehr so ehrgeizig sind wie früher.

»Die Burschen sind alle zu verwöhnt. Es spielt ja keiner mehr in seiner Freizeit im Park«, sagt mein Opa und schüttelt den Kopf. Mein Stiefvater nickt und holt Naschereien aus der Küche. Wie immer hat meine Mutter sie schon zwei Wochen zuvor für uns besorgt. Aber sie ist diesmal nicht wie sonst bei unserer Feier dabei. Sie trifft sich in Wien mit einem gewissen Professor Helmut Gadner. Natürlich weiß ich, dass es dabei um mich geht.

In den vergangenen zwei Tagen hat meine Mutter ihre manische Telefonaktivität noch gesteigert. Sie hat pausenlos mit Medizinern telefoniert, Meinungen eingeholt und das weitere Vorgehen geplant. Ich selbst war damit beschäftigt, die Erinnerungen an die Operation und die Untersuchungen im Krankenhaus zu verdrängen. Ich habe mich entschieden, über die möglichen Konsequenzen einfach nicht nachzudenken. Ich möchte Profisportler sein, und Profisportler sind nicht ernstlich krank.

Meine Brüder streiten gerade darüber, ob Ronaldo oder Figo der bessere Fußballer ist, als meine Mutter auf einmal im Zimmer steht. Niemand von uns hat sie das Haus betreten gehört, keiner damit gerechnet, dass sie so schnell wieder aus Wien zurück sein würde.

Sie sieht mich an. Ihr Blick ist so konzentriert, dass ich das Gefühl bekomme, es seien nur wir beide im Raum.

»Pack deine Tasche, Nino!«, sagt sie, »wir müssen ins Spital.«

Ihre Stimme klingt einen Halbton tiefer als gewöhnlich.

»Jetzt!? Sofort!?«, stottere ich. Ich kann nicht glauben, dass sie mich aus der gemütlichen Atmosphäre reißen will. Sie nickt, und ihr Gesicht hat die Farbe von kalkigem Stein.

Ich achte nicht darauf, wie meine Großeltern, meine Brüder und mein Stiefvater reagieren. Ich spüre bloß, wie ein Wall der Abwehr in mir wächst. Ich steige bloß wegen der Blässe meiner Mutter in den Wagen, wegen ihrer versteinerten Körperhaltung und ihrer veränderten Stimmlage. All das gibt mir ein Gefühl, als hätten mich zwei schrankbreite Türsteher untergehakt, um mich wer weiß wohin zu befördern. Widerstand zwecklos.

Die gesamte Fahrt über sprechen wir kein Wort miteinander. Es ist diese Ruhe vor dem Sturm, die mir mehr Angst macht als alles andere. Denn während der Autofahrten der vergangenen Tage habe zwar ich meine Mutter angeschwiegen, um meinen Widerwillen zum Ausdruck zu bringen. Aber sie hat sich, wie sie es immer tut, trotzdem bemüht, wenigstens ein bisschen Konversation zu betreiben, auch wenn sie dabei in mir ein denkbar ungeeignetes Gegenüber hatte.

Diesmal geht das Schweigen von ihr aus, und es ist so drückend, dass ich es nicht wage, es zu brechen. Dabei ist mir die Stille plötzlich so unangenehm, dass ich meiner Mutter dankbar wäre, wenn wir irgendein belangloses Gespräch führen würden. Aber es geht nicht, und das macht mir den Ernst der Lage auf die schrecklichste Weise bewusst.

Das St. Anna Kinderspital liegt ganz in der Nähe vom Goldenen Kreuz, wo vor drei Tagen der Eingriff vorgenommen wurde. Als ich aus dem Wagen steige, will ich deshalb in die andere Richtung gehen. Meine Mutter hält mich zurück. Sie deutet stumm auf den richtigen Eingang. Ich lese den Namen des Spitals dreimal. Werbebilder von Spendenkampangen poppen in meinem Kopf auf. Ich sehe Kinder mit durchscheinender Haut. Bläulich schimmernde Adergeflechte. Die Kinder haben keine Haare. Nicht einmal einen Flaum, weder Brauen noch Wimpern. Durch die fehlende Begrenzung wirken ihre Augen riesig. Mein Magen dreht sich um, sodass ich fast die paar Weihnachtskekse wieder loswerde, die ich bei meinen Großeltern essen konnte, bevor meine Mutter mich gekidnappt hat.

»Was machen wir hier?«, schreie ich. Meine Mutter greift nach meiner Hand, hält sie fest, als wollte sie einen möglichen Fluchtversuch unterbinden.

»Du musst ein paar Tage mit Cortison behandelt werden. Währenddessen werden weitere Untersuchungen durchgeführt, damit sie mit Sicherheit sagen können, woran du leidest.«

»… leidest.« Ich will das Wort nicht hören. Seine Buchstaben hämmern in meinen Kopf.

Wir treten durch ein Glastor. Unsere Schritte hallen. Meine Mutter scheint mit jedem Meter zu schrumpfen. Mir fällt ein, dass sie schon einmal hier war. Es liegt Jahre zurück, aber sie hat mir einmal davon erzählt, als wir beide noch nicht ahnen konnten, dass wir dieses Gebäude jemals gemeinsam betreten würden.

Die Cousine meiner Mutter ist in diesem Haus gegen Leukämie behandelt worden. Mit sechzehn Jahren ist sie in einem der Zimmer an der Krankheit gestorben. Als mir das einfällt, und ich zu wissen glaube, dass auch meine Mutter daran denkt, explodiert Hitze in mir wie eine Bombe. Ich habe das Gefühl niederzubrechen, aber meine Beine machen einfach weiter, als würden sie nicht zu mir gehören. Meine Mutter hält meine Hand, als würde sie sie nie mehr loslassen wollen.

Ich erinnere mich, wie meine Mutter mir von dem viel zu kleinen Gesicht ihrer Cousine erzählt hat, das mit dem Fortschreiten der Krankheit immer weiter zu schrumpfen schien, von ihren Oberschenkeln, die so dünn wie die Oberarme gesunder Kinder waren. Damals musste man das St. Anna Kinderspital durch eine Schleuse betreten. Darin wurde man von Kopf bis Fuß mit Desinfektionsmittel besprüht und musste danach Schutzkleidung überziehen, um keine Keime in das Innere des Krankenhauses zu tragen.

Zwar gibt es die Schleuse nicht mehr, aber der Weg durch das Glastor und die Eingangshalle kommt mir trotzdem vor wie ein Gang zum Schafott, und ich weiß, dass es meiner Mutter genauso gehen muss.

Wir stehen in der Eingangshalle. Ich blicke mich um, sehe kleine bunte Sessel. Gelb und rot. An den Wänden hängen Kinderzeichnungen. Es riecht nach Desinfektionsmittel und seltsam bitter. Ich betrachte meine Umgebung, als sähe ich sie durch eine Trennscheibe. Hinter den vordergründig fröhlichen Farben und den lustigen Bildern spüre ich entsetzliche Dunkelheit. Ich frage mich, wie viele Kinder in diesem Haus schon gestorben sind. Meine eigene Welt schrumpft auf dieses Krankenhaus zusammen.

»Muss ich jetzt sterben?«

Der Satz bricht aus mir heraus. In diesem Moment bin ich kein selbstbewusster Jugendlicher mehr, und schon gar kein Profisportler. Sondern ein kleiner Bub. Ein Kind, das Schutz bei seiner Mutter sucht, von der es weiß, dass sie doch immer alles heilen kann. Doch meine Mutter schweigt. Ich sehe, dass sie versucht, ihre Tränen zurückzuhalten. Es gelingt ihr nicht. Wir weinen beide. Weinen hemmungslos in der Eingangshalle stehend, bis eine Schwester kommt und uns zur Seite nimmt.

Günther
Diagnose Nierenkrebs 1976 im Alter von 3 Jahren

Auch Günther hat früher viel geweint. Die Bilder aus seiner frühesten Kindheit sind wie in Tränen gebadet. Er war zu klein, um zu verstehen, was mit ihm geschieht, aber Schmerz und Angst empfand er deshalb nicht weniger.

Heute wünscht sich Günther ein Auffangnetz. Einen Anker für die Zeit nach der Entlassung aus dem Spital. Menschen, die an Krebs erkrankten Kindern und ihren Eltern, den Geschwistern und anderen Betreuungspersonen für die Beantwortung offener Fragen zur Verfügung stehen, die raten und unterstützen können, vielleicht, um auch nur verständnisvoll zuzuhören oder zu trösten.

Inzwischen gibt es in Österreich eine solche Gruppe von Menschen – die Survivors – die als Kinder selbst von der Krankheit betroffen waren, nun gesund sind und sich für die Anliegen und Rechte der kleinen Krebspatienten einsetzen, sie im Spital besuchen, um ihnen Mut zuzusprechen und regelmäßige Treffen veranstalten, an denen diese nach ihrer Entlassung teilnehmen können. Günther gehört schon lange dazu.

Heute gibt es auch die Kinderkrebshilfe, in der ehemalige Patienteneltern die Väter und Mütter akut erkrankter Kinder unterstützen. Damals, als Günther mit drei Jahren an Nierenkrebs im Endstadium gelitten hat, ihm eine Niere entfernt werden musste, er monatelang Chemotherapie erhielt und bestrahlt wurde, schließlich mit einer offenen Operationswunde, die nicht verheilen wollte, aus dem Spital entlassen wird, gab es solche Organisationen noch nicht. Günthers Eltern sind ratlos, wie sie sich weiter verhalten sollen, wie ihr Kind, das schon im Sterben gelegen hat und für das mancher Arzt keine Chance mehr gesehen hat, nun auf die gesündeste Weise zu behandeln ist.

Sie entscheiden sich, ihren Sohn zu schonen, soweit es nur geht. Bis zum Schuleintritt kennt Günther weder Regeln noch Verbote. Er wird unter einen imaginären Glassturz gestellt, behütet und verwöhnt – wer kann es seinen Eltern verdenken? Auch sein Umfeld, die Kindergärtnerinnen und andere Betreuungspersonen, reagieren ähnlich, gibt es doch damals weder im Krankenhaus noch an anderer Stelle gut ausgebildete Mitarbeiter, an die man sich nach der Entlassung mit seinen Fragen, Ängsten und Befürchtungen wenden kann.

Statt ihnen Verständnis entgegenzubringen, rät ein Kassenarzt Günthers Eltern gar dazu, die Situation locker zu nehmen. Schließlich könnten die beiden es ja jederzeit mit einem neuen und gesunden Geschwisterchen für Günthers großen Bruder probieren.

Günther kann sich an die Zeit seiner Erkrankung nur noch schemenhaft erinnern. Einige Ereignisse sind ihm im Gedächtnis geblieben, vor allem aber die unermesslichen Schmerzen. Wie er diese damals hat überleben können, fragt er sich heute, wenn er zur Aufarbeitung seiner Krankheit versucht, sich noch einmal in die damalige Zeit hineinzuversetzen.

Die Erfahrungen, die Günther durch die fehlende Nachsorge gemacht hat, prägen sein Leben. Durch das regellose Aufwachsen und die Überbehütung ist es ihm schwergefallen, sich einzufügen, wo Anpassung gefordert war. So ist er schon in der Volksschule ein Schüler, der sich gegen unliebsame Aufträge sträubt, nicht verstehen will, warum er zurechtgewiesen wird, wenn er doch nur tut, was ihm Spaß bereitet. Später fliegt er wegen seines aufmüpfigen Verhaltens von der Schule.

Er ist ein Querdenker, einer, der den Mund nicht hält, wenn er findet, dass es etwas zu sagen gibt. So arbeitet Günther unermüdlich daran, die Nachsorge von Krebspatienten und deren Angehörigen in Österreich zu verbessern, prangert Missstände an, ist in Kontakt mit Organisationen im Ausland und immer auf der Suche nach Ideen. Er hatte die Idee, das Angebot der Survivors zu erweitern. Ehemalige an Krebs erkrankte Kinder sollen Eltern akut erkrankter im Spital für Gespräche zur Verfügung stehen, denn Günther weiß aufgrund seiner jahrelangen Krankenhausbesuche, dass sich diese solchen Kontakt dringend wünschen.

Obwohl es in Günthers Leben seit seiner Erkrankung im Kleinkindalter viele schwere Zeiten gegeben hat und es beinahe zwanzig Jahre dauern sollte, bis er mit ihrer Aufarbeitung beginnen hat können, möchte er mit niemandem tauschen. Schließlich haben all die schmerzhaften Erfahrungen ihn zu dem Menschen gemacht, der er heute ist, so sagt er.

Krankenhaus bedeutet Schmerz. Wenn Günther sich auch aus der Zeit seiner Krebserkrankung nicht mehr an vieles erinnern kann, so ist dieser Eindruck doch präsent. Unzählige Fingerstiche muss der kleine Bub während des Aufenthalts im Spital und bei Kontrollen über sich ergehen lassen. Wenn diese auch nicht so weh tun wie eine offene Operationswunde, so ist es doch ihre Regelmäßigkeit und die Gewissheit ihrer baldigen Wiederholung, die ihm Angst machen. Wie gestern kommt es Günther vor, wenn er sich daran erinnert, wie die Ärztin ihn darum bittet, ihr seine Hand zu reichen. Sie packt ein Instrument aus, das aussieht wie eine Rasierklinge mit einer Spitze an der Längsseite. Er sieht das Glänzen der Klinge, weiß, was nun gleich folgen wird. Er fühlt den festen Griff der Ärztin an seinem Handgelenk, aus dem er sich nicht mehr entwinden kann, und dann den tiefen Stich in seine Fingerkuppe. Der Schmerz rast seinen Arm hinauf, über die Schulter bis in den Kopf. Blut quillt und die Ärztin lächelt ihn an.

Wenigstens ist es immer dieselbe Frau Doktor, die ihn behandelt. Nach seiner Entlassung muss Günther regelmäßig Spritzen bekommen. Erinnern kann er sich nur, dass sie unangenehm, aber zu überstehen gewesen sind. Einmal jedoch sitzt er auf dem Krankenhausbett, die Tür öffnet sich und eine Fremde betritt den Raum. Wie »seine« Frau Doktor trägt sie einen weißen Arztkittel, ist aber viel jünger und sieht nicht so vertrauensvoll großmütterlich aus. Günther beginnt zu schreien. Als sich die junge Ärztin nähern will, schlägt er um sich und ist vor Angst nicht mehr zu beruhigen. Die Fremde versucht ihm zu erklären, dass »seine« Frau Doktor sich in einer wichtigen Operation befinde, daher jetzt leider nicht bei ihm sein könne, aber Günther schreit weiter. Weder Eltern noch Krankenhauspersonal gelingt es, den Dreijährigen zu beruhigen, und so wartet die Familie schließlich mehrere Stunden im Spital, bis Günthers Ärztin Zeit für ihren kleinen Patienten hat.

Günther erzählt die Geschichte nicht ohne Stolz. Schon damals zeigt sich, dass er ein Kämpfer ist und die Behandlungen nicht einfach über sich ergehen lässt. Für ihn ein wichtiges Verhaltensmuster auf dem Weg zur Genesung.

8

Wir werden zum ärztlichen Direktor des Krankenhauses geführt. Professor Gadner begrüßt uns freundlich. Seine Stimme klingt warm, aber bestimmt. Ich höre ihn reden und nehme die Laute wie durch einen Filter gedämpft wahr. Ich erkenne den sachlichen Tonfall, verstehe die Worte nicht und fühle mich trotzdem sicherer als zuvor. Auch meine Mutter sieht beruhigter aus. Prof. Gadner erklärt lange, bespricht ausführlich, erkundigt sich erneut nach dem bisherigen Krankheitsverlauf. Meine Mutter hat sich die Augen getrocknet, sich in ihrem Sessel aufgerichtet, als könne sie so jeden einzelnen Satz, jedes Wort und jede Silbe besser in sich aufnehmen. Sie sammelt die Informationen wie Teile eines Schutzpanzers für mich, und ich beginne mich langsam besser zu fühlen. Meine Gedanken wandern aus dem Zimmer.

Ich stelle mir den Sportplatz vor, sehe meine Mitschüler dem Ball hinterherjagen und Tore schießen. Ich war glücklich im Internat. Ich habe junge Leute kennengelernt, die wie ich für den Sport leben, fühlte mich selbstständig und frei. Niemand wollte von mir wissen, ob ich schon für die nächste Mathematikschularbeit gelernt habe, oder wie ich plane, mich für den kommenden Geographietest vorzubereiten. Dort gab es auch keine Kranken, keinen Krebs, kein Sterben.

Ich schweife noch etwas weiter ab und fange an, mich an die Mädchen im Internat zu erinnern. Als besondere Mutprobe für die Burschen gilt es dort, vorbei am Erzieher in eines der beiden Mädchenstockwerke zu schleichen und einen Gegenstand aus einem der Zimmer zu entwenden. Mir fällt ein, wie ich einmal dabei erwischt worden bin und am nächsten Tag bei der Direktorin des Internats erscheinen musste. Damals hatte ich fürchterliche Angst. Nicht, weil ich so großen Respekt vor der Direktorin hatte, sondern weil sie mein Fehlverhalten bei nächster Gelegenheit dem sportlichen Leiter melden würde, der es wiederum den Trainern berichten konnte, woraufhin es dann mit Sanktionen belegt wurde.

Ich erinnere mich daran, wie ich im Büro der Direktorin an das blonde Mädchen dachte, in dessen Zimmer ich geschlichen war. Wie kokett und einladend mich das Mädchen angegrinst hatte, als ich ihr Haarband vom Nachttisch genommen und mich wieder hinausgeschlichen hatte, und wie ich im Angesicht der schimpfenden Direktorin das Gefühl hatte, dass dieses Grinsen die Strafe, die ich bekommen würde, durchaus wert gewesen ist.

In diesem Moment, in Professor Gadners Zimmer, neben meiner aufmerksam auf seine Worte lauschenden Mutter, wird mir klar, dass ich aus meiner Welt gekippt bin. Vielleicht werde ich dieses Mädchen, die Direktorin, das ganze Internat, nie mehr wiedersehen. Vielleicht werde ich nie mehr gegen einen Fußball treten. Vielleicht werde ich hier sterben, schon bald.

Wieder drückt es mir Tränen in die Augen, diesmal Tränen des ohnmächtigen Zorns über die Ungerechtigkeit, dass ausgerechnet ich von all den vielen Schülern im Internat nicht das Recht haben soll, weiterzuleben. Warum, zum Teufel? Ich würde es am liebsten herausschreien!

In diesem Moment will Professor Gadner von mir wissen, ob ich noch Fragen an ihn habe, und ich schrecke auf.

»Wie lange werden die Untersuchungen dauern? Kann ich morgen wieder in St. Pölten sein?«, frage ich, ohne daran zu glauben.

Dr. Gadner schüttelt den Kopf mit einer Vehemenz, als wolle er mir verdeutlichen, dass ich den Ernst der Lage verkenne. »Ich fürchte, das ist unmöglich, Nino«, sagt er mit ruhiger Stimme.

Nach dem Gespräch schickt uns Professor Gadner zur Aufnahme auf unsere Station. Wir gehen durch die Gänge des Spitals, die mir mit jedem Schritt enger und dunkler erscheinen, benützen den Aufzug, dessen sich schließende Türen mir das Gefühl geben, gefangen zu sein.

Die Schwester auf der Station begrüßt uns freundlich, fragt, ob ich Schmerzen habe, und ich verneine. Sie bietet uns ein Glas Wasser an, das ich dankbar annehme und in einem Zug leere. Meine Mutter trinkt schluckweise und mechanisch, so als sei sie in Gedanken an einem ganz anderen Ort. Die Schwester verschwindet im Personalzimmer, kehrt mit einem Stapel Blätter und einem Kugelschreiber zurück.

Sie fragt meine Mutter, ob sie mit aufgenommen werden möchte. Meine Mutter nickt. Sie nennt der Schwester unsere Namen, die Adresse, Telefonnummer, Versicherungs- und Geburtsdaten. Nach der Reihe muss sie Fragen über meine Kinderkrankheiten, vorangegangene Operationen und getätigte Impfungen beantworten, noch einmal meinen Gesundheitszustand schildern, wird nach bei mir vorhandenen Allergien und Unverträglichkeiten, regelmäßigen Medikamentengaben, meinen Ess- und Trinkgewohnheiten befragt. Sie soll den Verlauf ihrer Schwangerschaft mit mir und meine Geburt schildern und ich stutze, ärgere mich, frage mich, wozu das nach all den Jahren noch nützlich sein soll.

Ich habe das beklemmende Gefühl, dass nicht nur meine Gegenwart, sondern auch meine ganze Vergangenheit von diesem Spital aufgesogen wird. Bald wird mein Leben, ein Fußballer auf dem Weg zum Profi, nicht mehr wahr sein, denke ich. Bald werden sie mich zu einem Krebskind degradiert haben, das wie alle anderen nur noch das Recht auf Sterben und Mitleid hat. Aber obwohl ich die Fragerei als peinlich und indiskret empfinde, schweige ich, weil ich mich ausgelaugt und erschöpft fühle. Zum Schluss will die Schwester wissen, ob meine Mutter bereit ist, ihre Zustimmung zur Teilnahme an den laufenden Studien zu geben. Sie erklärt, dass die Ergebnisse der Studien Grundlage neuer Forschung seien und somit der Entwicklung von verbesserten Heilmethoden dienen würden. Sie versichert, meine Patientendaten würden dabei vertraulich behandelt werden, und meine Mutter gibt ohne langes Zögern ihr Einverständnis, nickt und unterschreibt wie ein Roboter. Gerne würde ich ihr den Stift aus der Hand nehmen. Was kümmern mich »verbesserte Heilmethoden« für andere, wenn ich hier krepieren muss, denke ich.

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