Kitabı oku: «Bald alt? Na und!»

Nora Aschacher: Bald Alt? Na und!
Alle Rechte vorbehalten
© 2015 edition a, Wien
www.edition-a.at
Lektorat: Anatol Vitouch
Cover: Kyungmi Park
Gestaltung: Susanna Barborik
Gesetzt in der Premiéra
Gedruckt in Europa
1 2 3 4 5 — 17 16 15
Print-ISBN: 978-3-99001-115-7
eBook-ISBN 978-3-99001-132-4
eBook-Herstellung und Auslieferung:
Brockhaus Commission, Kornwestheim
www.brocom.de
Inhalt
FREI! UNENDLICH FREI?
Pension: Sackgasse, Freizeitparadies, Neubeginn
Gesucht: eine neue Zeitkultur
AUFGABEN, ALTERSBILDER, ALTERNATIVEN
Aufgaben anstatt aufgeben
Altersbilder bunt wie ein Regenbogen
Auf der Suche nach AlterNativen
KUNST, KREATIVITÄT, KIRSCHBLÜTEN
Die späten Jahre als Kreativitätspool
Kunst ist Schokolade für das Gehirn
Kirschblütenzeit. Tanze Deinen Traum
SIEBENMAL HINFALLEN, ACHTMAL AUFSTEHEN
Wie aus heiterem Himmel
Der Fall nach dem Fall
Gehen kommt vor dem Fallen
Ein Lob dem Schildkrötentempo
FRÜHSTÜCK BEI DORA
Home-Sweet-Home
Alters-WG mit Henry, Hobbit und Paro
Asimo, mon amour
DER GROSSE ABSCHIED HIER UND ANDERSWO
Der sanfte, wilde Freund
Die Erfahrung des Todes ist die äußerste Stille
Im Grunde glaubt niemand an seinen eigenen Tod
ALTERN UNTER PALMEN
Reisende hält man nicht auf
Endstation Demenzresort
Altern, eine globale Herausforderung
Zu Besuch bei den mächtigen Großmüttern
WER FÜRCHTET SICH VOR …
Oldie-Bashing als neuer Volkssport
Spezialvariante: Jung gegen Alt
Annas und Hartwigs immaterielles Erbe
Ein zeitloser Generationenvertrag
FREI! UNENDLICH FREI?
Pension: Sackgasse, Freizeitparadies, Neubeginn
Es geschah beim Anflug auf Bali. Von Windböen geschüttelt, schlingerte das Flugzeug auf und ab. Die Flugbegleiter-Crew verteilte die üblichen Einreiseformulare. An sich keine große Sache. Ich hatte in der Vergangenheit schon hunderte dieser Zettel ausgefüllt. Name, Geburtsdatum, Nationalität, Beruf, Reisezweck. Als ich zur Spalte Profession kam, zögerte ich, denn ich war seit Kurzem in Pension. Aber 'Pensionistin' schreiben ging nicht, denn Pensionist ist kein Beruf, sondern ein Zustand. Ich, deren Leben jahrzehntelang weitgehend von der Arbeit geprägt war, konnte keinen Beruf mehr vorweisen. Kurz überlegte ich, doch noch Journalistin anzugeben, aber in der nächsten Zeile müsste ich meinen Arbeitgeber hinschreiben. Menschen, die in Pension sind, egal ob Lehrerin, Dachdecker, Laborleiterin, Content Manager, können keine Arbeitgeber nennen. Von den Turbulenzen bei der Landung habe ich nahezu nichts mitbekommen, weil mir zum ersten Mal seit meiner Pensionierung vor acht Monaten radikal bewusst wurde, dass ich nicht nur auf Bali sondern im Niemandsland des Ruhestandes gelandet war. Wieder zu Hause erwartete mich im Postfach der Ausweis, der meine neue Identität bestätigte. Ich war also jetzt eine gesetzlich anerkannte Pensionistin. Im Nachbarland würde man Rentnerin zu mir sagen, ein ebenso dumpfes, niederdrückendes Wort, mit dem einzigen Unterschied, dass Rentner ein Palindrom ist. Natürlich hatte ich einiges über Ältere gelesen, die aufs Abstellgleis geschoben werden, im Nichtstun-Nirwana enden oder vom Pensionsschock getroffen werden. Aber Lesen und Erleben sind unterschiedliche Erfahrungskonzepte, wie schon eine Anekdote über einen buddhistischen Meister erzählt: „Er las viel über die Sterne und wurde Astronom. Er las viel über Geschichte und wurde Lehrer. Er las viel über das Schwimmen und ertrank.“ Ich begann also, die Menschheit aus meinem neuen Blickwinkel zu betrachten. Wie ergeht es meinesgleichen, wie erleben 60-, 65-, 75-Jährige ihr Rentner-Dasein? Ich habe eine Immobilienhändlerin getroffen, die ihren Job voller Lust und Leidenschaft bis zum 80. Lebensjahr ausübte, einen Rechtsanwalt, der sich höchst widerwillig mit 67 von seiner Kanzlei trennte, eine Sekretärin, die einfach nur froh war, den immer rasanteren Arbeitsbedingungen entkommen zu sein, eine Biologin, die in der Pension Menschen im Taxi durch die Stadt fährt, eine Beamtin, die sich transzendentaler Meditation und Aromatherapie zuwandte, einen Manager, der zum Alkoholiker wurde, eine Schmuckkünstlerin, die auch noch mit 80 in ihrem Atelier steht und Metall bearbeitet. Aber es waren speziell drei Menschen, die mir mit ihren unterschiedlichen Erfahrungen und Lebensentwürfen die Bandbreite eines Daseins nach einem abgeschlossenen Arbeitsleben bewusst machten.
Jan ist einer davon. Der 66-jährige Pole konnte seinen letzten Arbeitstag nicht erwarten. Über 30 Jahre lang ist er in die Grube eingefahren, und es waren die letzten beiden Jahre vor der Pensionierung, die ihm körperlich schwer zu schaffen machten, erzählt mir seine Schwester Elzbieta, die in Wien verheiratet ist und eine Reinigungsfirma betreibt. Jan meldete sich mehrmals krank, aber dadurch schob sich sein Pensionsantritt immer wieder aufs Neue hinaus, denn im Kohlebergwerk galt als Regel, dass jeder Krankenstand eingearbeitet werden musste und hinten angehängt wurde. Nicht nur einmal ging Jan mit schwerer Bronchitis und Fieber zur Arbeit, wusste er doch, dass seine Krankheit ihn noch weiter vom ersehnten Pensionsantritt entfernen würde. Dann war es endlich soweit, und Jan gab ein Fest für ein paar seiner Kumpels und seine Verwandten.
In den ersten Monaten genügte es ihm, ohne Helm und Grubenlampe unter freiem Himmel hin und her zu gehen und sich bei Regen nackt in den Garten zu stellen, damit „der Kohlendreck raus kann.“ Danach wurde er unruhig, wusste nichts mit sich anzufangen, litt unter gesundheitlichen Rückfällen und war häufig beim Arzt. Es dauerte einige Zeit, bis er zu einem neuen Lebensrhythmus fand. Er hilft nun seiner Frau bei schweren Gartenarbeiten, spielt mit ehemaligen Kollegen Karten, bessert Schäden am Haus aus, übernimmt kleine Handwerksarbeiten.
Heinz kenne ich schon lange. Der heute 72-Jährige war als freiberuflicher Industriedesigner immer selbstständig gewesen. Mal gab es Aufträge, dann war wieder Flaute. Ein ewiges Auf und Ab ohne die Sicherheit eines monatlichen Einkommens, dafür aber mit freier Zeit- und Arbeitseinteilung. Als Heinz älter wurde, blieben die Aufträge mehr und mehr aus, bis er letztendlich keine Angebote mehr schreiben musste. Der Pensionsantritt bedeutete für ihn Entspannung, denn seither kommt regelmäßig jeden Monat Geld aufs Konto, auch wenn es nur eine magere gesetzliche Mindestrente ist, aber zum Glück liegt die Wohnungsmiete im unteren Bereich. An Heinz’ Lebensentwurf hat sich vor und nach der Pensionierung nicht allzu viel geändert. Er knabbert weiterhin sein Erspartes an, hält Ausschau nach Sonderangeboten, ist ausreichend beschäftigt, Gemüse und Obst als Vorräte anzulegen und die eigenen Kleidungsstücke zu reparieren. Das hat er von seiner Frau gelernt, die vor zehn Jahren gestorben ist. Theater, Konzert, Essen gehen oder Zeitungsabonnements stehen nicht am Programm. Nachrichten entnimmt er dem Internet oder den TV-Informations-Sendungen. Das Ausleihen von DVDs lässt ihn vergessen, dass er vor zehn, fünfzehn Jahren regelmäßig ins Kino gegangen ist. Eine Leidenschaft gönnt sich Heinz, die er sich durch zusätzliche Sparmaßnahmen und kleine Zusatzjobs finanziert, wie Hunde und Wohnungen betreuen. Einmal im Jahr ist er mit seinem fürs Campen eingerichteten uralten Kombi fünf Wochen in Frankreich unterwegs.
Martha, 61, lernte ich bei einem Seminar über die „Potenziale des Alters“ kennen. Sie erzählte mir, sie habe sich für einen „Golden Handshake“ entschieden. Von Seiten der Personalabteilung wurde ihr mit 58 nahegelegt, in Pension zu gehen, nicht weil die Gesundheitsmanagerin schlechte Ergebnisse lieferte, sondern weil Einsparungen gefragt waren und ältere Arbeitnehmer als Erste auf der Liste standen. Martha, die sich selbst als umtriebig beschreibt, entwarf sofort Zukunftspläne. Sie wollte nicht untätig herumsitzen, musste sich aber ein paar Monate später eingestehen, dass sie es sich leichter vorgestellt hatte, ihr Können und Wissen als Privatperson und nicht mehr als Vertreterin einer angesehenen Organisation anzubringen.
Für die einen ist die Pensionierung der große, heiß ersehnte Jackpot, für die anderen der Fall ins Nichts. Jeder von uns wird sich vorstellen können, dass Jan froh ist, der Kohlengrube halbwegs heil entronnen zu sein. Bei Heinz gibt es kein wirklich dra matisches Vorher-Nachher-Gefälle. Anders bei Martha. Aufgewachsen in einer Zeit und einem Umfeld, wo für Frauen nur Kinder, Küche, Kirche vorgesehen waren, bedeutete der Job für sie finanzielle Unabhängigkeit, war ein Symbol für Selbstständigkeit und gab ihr die Genugtuung, es als Frau in eine höhere Position geschafft zu haben, auch wenn sie dafür doppelt so viel wie ihre Kollegen arbeiten musste. Sie erlebt die erste Zeit der Pensionierung als ambivalente Periode, wie die meisten unserer Altersgruppe mit einem zwar anstrengenden aber qualifizierten Job. Plötzlich kein Termindruck, keine langatmigen Sitzungen, keine zeitfressende Mailkorrespondenz. Sie kann tun und lassen, was ihr gefällt, um zehn Uhr Tennis spielen, nachmittags Freunde treffen, ins Museum gehen, zur Tulpenblüte nach Holland fahren. Nach etwa einem Jahr zeigt der Honeymoon Risse. Marthas Interesse an Sport, Kultur und Reisen weicht einer latenten Unzufriedenheit und Übellaunigkeit.
Oft durchleiden Arbeitsbesessene in den ersten Urlaubswochen ähnliche Krisen. Sie verkraften den Entzug ihrer Droge nicht, werden gereizt und missmutig. Trotz Postkartenlandschaft mit Sonne, Palmen, Strand, Meer, trotz köstlicher Speisen fehlt ihnen ihre heimliche Geliebte, die Arbeit. Workaholics können sich in der Sicherheit wiegen, nach der Zeit des Entzugs, also nach dem Urlaub, wieder ungehinderten Zugang zur Droge zu bekommen.
Diese Perspektive bleibt Martha verwehrt. Ihr neuer Stress heißt Unterforderung. Sie muss zugeben, dass ihr langweilig ist, es irritiert sie, dass niemand nach ihr verlangt, niemand einen Rat oder einen Tipp braucht. Alle scheinen ausgezeichnet ohne sie zurecht zu kommen. Sie, die früher eine hohe Position im Spitalsmanagement hatte, erlebt nun, was Machtlosigkeit und Ohnmacht bedeuten. Sie fühle sich, erklärte sie uns im Verlauf der Tagung, wie eine Patientin, die vom Krankenzimmer aus die Geschäftigkeit und Zielstrebigkeit der anderen auf der Straße beobachte. Noch vor Kurzem habe sie selbst zu den anderen gehört. Jetzt sei sie im Out, am Abstellgleis. Ihr vorgesehener Nachfolger, der ihren Abgang nicht erwarten konnte, hatte schon Monate vor ihrer Pension wichtige Informationen und Kontakte an sich gerissen und danach ihre vertrauten Mitarbeiterinnen in eine andere Abteilung versetzen lassen. An sie gerichtete Briefe wurden ihr nicht nachgeschickt. Was Martha besonders hart traf: Am Tag nach der Pensionierung war ihre berufliche Mail-Adresse gelöscht worden, als hätte sie nie existiert. Gedanken, die Martha nicht mehr losließen, kennen viele von uns: Ich habe keinen Wert. Ich gehe niemandem ab. Wenn ein Stein ins Wasser fällt, zeigen sich kurz Kreise auf der Wasseroberfläche, der Stein sinkt zu Boden, danach ist die Wasseroberfläche glatt und unberührt wie zuvor. Der Stein bin ich.
Diese subjektiven Empfindungen sind keineswegs Fantasiegespinste. Denn wer erst einmal aus dem beruflichen Umfeld weg ist, der zählt tatsächlich in der Regel nicht mehr. Experten empfehlen daher, ein bis zwei Jahre (manche sprechen sogar von fünf bis zehn Jahren) vor dem Ablaufdatum im Arbeitsleben Vorsorge zu treffen, sich außerhalb des beruflichen Umfeldes ein soziales Netz aufzubauen und Interessen zu stärken, die sich später im Freizeit-Paradies ausbauen lassen. Denn irgendwann ist die Wohnung neu ausgemalt, das Eigenheim renoviert, sind alle Bücher vom Nachttisch ausgelesen, wurden sämtliche Bekannte und Freunde besucht und die ,Wollte ich immer schon‘-Wanderungen und Reisen sind unternommen. Allmählich schleichen sich bei vielen von uns Unruhe und Missmut in das entpflichtete Leben ein, und der Satz „Das kann doch nicht alles gewesen sein“ wird zu einem konstanten Hintergrundgeräusch. Wir sagen uns: „Ich muss mir irgendetwas suchen, denn nur so in den Tag hinein zu leben, bekommt mir gar nicht, das ist so unbefriedigend.“ Aber womit anfangen, was tun, welchen Weg einschlagen?
Der Schweizer Ethnologe Mario Erdheim bezeichnete die Adoleszenz als unruhige Phase des Übergangs, mit der Chance, die Vergangenheit zu hinterfragen und neue Perspektiven für die Zukunft zu gewinnen. Eine Lebensphase also, in der ein radikaler Bedeutungswandel vollzogen wird, in der Arbeit, Beziehungen, Sexualität mit neuen Bedeutungen belegt werden müssen. Ist nicht der Übergang in den sogenannten Ruhestand eine ebenso bedeutende, unruhige Phase, in der wir die Chance bekommen, uns und unser Leben neu zu definieren? Nicht im Sinne eines hormonellen Ausnahmezustandes, sondern in der Reifung der eigenen Persönlichkeit. Nachdem wir aus all dem herausgefallen sind, was uns teilweise kaputt gemacht hat – Konkurrenz, Hierarchie, Konsum, durchstrukturierter Alltag, Geschwindigkeitswettbewerb – könnten wir da nicht neue Wege suchen und finden, die nicht nur individuell lustvoll und interessant sind, sondern auch Wegweiser-Funktion für andere Generationen haben? Wenn gesellschaftliche Zwänge schwinden, öffnen sich andere Sichtweisen und Handlungsmöglichkeiten. Bei vielen von uns kristallisieren sich gerade in dieser Periode Lebensfragen heraus, die sich auch Jüngere stellen, mit dem einzigen Unterschied, dass sich im Prozess des Alterns diese Lebensfragen radikaler zuspitzen: Was möchte ich wirklich? Wie kann ich meine Erfahrungen und mein Potenzial nutzen? Was könnte ich Sinnvolles tun? Wie kann ich mein persönliches Wachstum weiterentwickeln? Wodurch kann ich Freude in mein Leben bringen?
Berechtigte Fragen, denn immerhin haben wir Älteren gut 20,30 Jahre vor uns, die es zu gestalten, zu leben und nicht bloß zu verleben gilt. Bisher ging man davon aus, wie lange jemand gelebt hat. Neue Konzepte sprechen von der verbleibenden Lebenszeit, der Lebenserwartung, also wie lange jemand noch leben kann. Diesen „Entwurf in die Zukunft“ anzudenken, wie die Schweizer Psychotherapeutin und Autorin Verena Kast es nennt, ist für unser Selbstwertgefühl von großer Bedeutung. Denn eines ist sicher: Auch wir Alten haben – bis wir sterben – eine Zukunft, und die wird in Zukunft immer länger dauern. Lasst uns also in dieser verbleibenden Zeit zu Expertinnen und Experten von Lebensentwürfen mit Zukunftscharakter werden. Erforschen wir Wege zu einem neuen, selbstbestimmten, tätigen Leben in voller Zeitautonomie, geprägt durch Selbstmotivation – abseits von Erwerbsarbeit.
Gesucht: eine neue Zeitkultur
Wir aus dem Arbeitsprozess Ausgegliederte verfügen über eine der wertvollsten Ressourcen, die Hans Magnus Enzensberger einmal als „das wichtigste aller Luxusgüter“ bezeichnet hat: die ZEIT.
Wir haben Zeit. Nicht alle Zeit der Welt, aber im Vergleich zu früheren Generationen steht uns ein großzügig bemessenes Zeitkonto zur Verfügung. Unsere Kinder und Enkelkinder dürfen sich auf ein noch längeres Leben einstellen. Ich habe absichtlich das Wort „dürfen“ gewählt, denn diese verlängerte Lebensdauer ist ein in der menschlichen Evolution einmaliges Geschenk. Der emeritierte Soziologe Peter Gross bezeichnet das Wachstum der Lebenserwartung als „die größte zivilisatorische Errungenschaft der letzten Jahrhunderte.“ Es liegt ausschließlich an uns, mit welcher Einstellung wir dieses Geschenk annehmen. Werfen wir es in den Restmüllcontainer, lassen wir die Kostbarkeit im hintersten Eck einer Lade verschwinden, oder freuen wir uns über dieses neue Glück, das uns zu Teil wird, genießen wir die Farben und den Duft unseres Lebensherbstes?
Zunächst gilt es, den neuen zeitlosen Raum zu erkunden. Haben wir nicht früher immer geklagt, keine Zeit zu haben, um Freunde zu treffen, Bücher zu lesen, Wanderungen zu machen, eine Sprache zu lernen? Jetzt steht uns diese Zeit zur Verfügung, und die Frage ist, wie gehen wir mit dieser von uns selbstbestimmten Zeit um? Schlagen wir sie tot, rennen wir ihr hinterher, nutzen wir sie, drehen wir sie zurück, verlieren wir sie, sind wir ihr voraus, gewinnen wir sie, halten wir sie an, nehmen wir sie, gehen wir mit ihr, hinken wir ihr hinterher, halten wir Schritt mit ihr, verschwenden wir sie, brauchen wir sie? Die wenigsten von uns können auf Erfahrungen zurückgreifen, ein Zeitkontingent nach eigenen Wünschen und Bedürfnissen zu gestalten. Kindergarten, Schule, Lehre, Masterstudium, Job, alles zeitlich durchreglementiert, so dass kaum Raum bleibt, Atem zu holen. Jahrzehntelang waren wir gewohnt, die Gesetzmäßigkeiten einer Arbeitskultur befolgen zu müssen, in der Leistung nach den im Büro oder in der Fabrik verbrachten Stunden gemessen wurde, in der die meisten von uns in einen Acht-Stunden-Tag eingepresst waren, ohne viel mitreden zu können, wann sie welche Arbeiten zu erledigen hatten. Selbstbestimmte Zeit am Arbeitsplatz ist ja reiner Luxus. Nach der Pensionierung finden wir uns in einer Lebensphase mit neuer Zeitkultur wieder, die eine ungewohnte Fülle an Freiräumen bietet. Wir stehen vor der einzigartigen Situation, nicht nur über selbstbestimmte Zeit zu verfügen, sondern diese Zeit mit selbstbestimmten Wünschen, Träumen, Aktivitäten gestalten zu können – vorausgesetzt wir sind halbwegs gesund, müssen nicht einen chronisch kranken Angehörigen pflegen und bekommen eine Pension, die eine Realisierung von Wünschen möglich macht. Ist doch wunderbar, oder? Warum sind dann nicht alle über 60-Jährigen, einschließlich mir, von Glück durchtränkte Geschöpfe, frage ich mich, und mir fällt dazu eine Szene ein, die ich in Südindien beim Besuch eines Elefantendorfes mit der Kamera aufgenommen habe. Ich sehe einen jungen Elefanten, der mit dem rechten Bein an einem Pflock angebunden ist, vor ihm ein paar Äste mit grünen Blättern, hinter ihm ein nackter Baumstamm. Der kleine Elefant bewegt sich unruhig etwas nach rechts, steigt mit einem Bein über den Baumstamm, kommt aber nicht weit, wendet sich zur Mitte, dann wieder nach links. Mehr als maximal ein Meter Bewegungsfreiheit nach vorne ist nicht drinnen. Und dann wieder nach rechts, ein Schritt vor, ein Schritt zurück. Weben nennt sich diese Verhaltensstörung von Elefanten in Gefangenschaft, ein Bewegungsmuster, bei dem der Kleine rhythmisch mit dem Körper schaukelt und den Rüssel hin und her schwingt. Von außen gesehen ein jämmerliches Dasein inmitten eines grünen Baumparadieses. Aus der Perspektive des jungen Elefanten gehört das Angebundensein zum Bestandteil seines Lebens, er kennt nichts anderes.
Ich frage mich, sind wir, gefangen in unserem Arbeits- und Leistungs-Zeitkorsett, dem Elefanten nicht sehr ähnlich? Ist zu erwarten, dass der Elefant im Alter begierig in die Wildnis aufbrechen und große Distanzen zurücklegen wird? Wohl kaum. Wahrscheinlich wird er weiterhin seinen nun imaginären Halbkreis einhalten, weil er immer noch die Fesseln spürt, auch wenn sie nur mehr immateriell vorhanden sind. Wie sieht es mit uns aus, die wir nun im vollen Besitz der Goldwährung Zeit und Herrscher im Königreich Zeitautonomie sind? Einige von uns gleiten langsam aber beständig in den Kokon ,Zeit totschlagen‘, entpuppen sich keineswegs als bemerkenswerte Schmetterlinge, liefern auch keine Seide sondern sitzen täglich stundenlang vor dem Fernsehgerät. Andere leben, wie es so schön heißt, in den Tag hinein, könnten als Protagonist in Lessings „Lob der Faulheit“ auftreten, wieder andere gestalten ihren Alltag ausschließlich nach ihren eigenen, individuellen Bedürfnissen, wie etwa Martin, 68.
Der ehemalige Filialleiter macht seit seiner Pensionierung vor drei Jahren jeden Freitag Eintragungen in seinen Terminkalender, um die kommende Woche zu strukturieren: zweimal Mittagessen mit Freunden, einmal Fitnesscenter, ein Bridge-Nachmittag, ein Abend im Kasino, die restliche Zeit wird mit der ebenfalls pensionierten Partnerin verbracht, die er vor Kurzem kennengelernt hat. Vorgesehen sind weiters pro Jahr zwei Wochen Skifahren, zwei Wochen Wandern und drei Städtereisen. Im Gegensatz zu Alleinlebenden, die den zeitlosen Raum in völliger Autonomie einteilen können, sehen sich Paare vor die Aufgabe gestellt, zwei oft unterschiedliche Rhythmen und Interessen langfristig zu koordinieren.
Ein Beispiel dafür sind meine Freunde Katharina und Bernhard. Beide lieben gutes Essen und Restaurantbesuche. Katharina ist zusätzlich noch an Konzerten, Theater, Lesungen interessiert. Sie hat es sich längst abgewöhnt, Bernhard mitzunehmen, denn Theaterfestivals, Ausstellungen, Vernissagen sind nicht sein Bereich. Dafür erwartet er Katharina zu Hause mit einer Gastro-Spezialität. Zu reden und zu diskutieren gibt es viel, und dann bleibt ja noch die Freude am Körper des Anderen. Wir Älteren lernen zu akzeptieren, dass der Partner, die Partnerin andere Interessen haben darf als wir, und wir machen daraus keinen Beziehungskrieg, denn wir spüren, dass unsere gemeinsame Zeit zu kostbar für Machtkämpfe und Interessenkonflikte ist. Das Einzige was zählt ist, dass der Andere existiert, und gemeinsam kann es ein schöner Abend werden. Natürlich auch nicht immer. Das unterscheidet uns dann nicht so elementar von jüngeren Beziehungen.
Es geht nun nicht darum, die unterschiedlichen Lebensentwürfe zu bewerten und zu beurteilen. Es zeigt sich nur, dass diejenigen unter uns, die das Genussmodell vorziehen, keinerlei Anlass zur Klage haben. Für sie steht alles bereit, immer vorausgesetzt, ihre Pension ist ausreichend: Es gibt Pensionistenclubs, Seniorenrabatte für Theater und Kino, speziell konzipierte Reiseangebote, sie können lebenslang einfach spazieren gehen, nachmittägliche Kaffee- und Kuchensessions abhalten, Heurigenabende verbringen, Wellness-Hotels aufsuchen, Kreuzfahrten unternehmen. Noch funktioniert dieses Modell. Die Frage ist: Kann das Freizeit-Paradies eine Vision für die Zukunft sein? Möchte ich zwanzig, dreißig Jahre auf diese Art und Weise verbringen? Wir dürfen nicht vergessen, unser aller Lebenserwartung steigt. Wir werden nicht nur immer älter, wir werden gesünder älter als die Generationen vor uns. Derzeit gilt 40 als das neue 30,73 als das neue 65, und 80 ist noch lange nicht 80. Ein Kind, das heute auf die Welt kommt, hat die Chance, älter als hundert Jahre zu werden, vorausgesetzt sein Lebensweg wird nicht durch einen tödlichen Unfall oder eine schwere Krankheit vorzeitig beendet.
Ich glaube, wir brauchen als Ergänzung zu den drei klassischen „L“: Laufen, Lieben, Lachen, die drei „A“: Aufgaben, Altersbilder und Alternativen.
AUFGABEN, ALTERSBILDER, ALTERNATIVEN
Aufgaben anstatt aufgeben
Das Absurde an der Situation des sogenannten Ruhestandes: Jetzt, wo wir selbst entscheiden können, wann wir etwas tun wollen, haben wir nichts zu tun, außer wir schaffen uns selbst eine Aufgabe, eine Tätigkeit.
Maria, 62, hat sich angewöhnt, ihrer chronisch kranken Nachbarin jeden Morgen gegen 9 Uhr Zeitung und Frühstücksgebäck zu bringen und am Abend vorbeizuschauen, ob alles in Ordnung ist. „Ich mache das gerne, denn ich hab dann das Gefühl, dass ich noch gebraucht werde.“
Manfred, 82, Witwer, geht zweimal am Tag zügig spazieren, aber er findet keine Begleitung. Also nimmt Manfred morgens und nachmittags den Hund Nikki auf seine Spaziergänge mit. Das freut den Hund wie auch die jüngeren Nachbarn, die untertags arbeiten.
Sylvia, 65, hat sich entschlossen, das Leben ihres Sohnes und ihrer Schwiegertochter zu erleichtern. Beide haben einen fordernden Fulltime-Job, daher ist für Sylvia Montag, Mittwoch, Freitag Betreuung der Enkelkinder angesagt.
Martina, erst seit einem Jahr in Pension, ist nach ihrer Erholungsphase klar geworden: „Wenn ich diese Zeit nicht nutze, um zu tun, was ich will, bin ich dumm, denn diesen Freiraum zu haben, ist ein Privileg.“ Martina wird entsprechende Kurse belegen und danach Third-Age-Seminare als Vorbereitung auf den Ruhestand anbieten, damit wir Oldies nicht wie ein vom Sturm gebeutelter Schoner in den Hafen Pension geschleudert werden.
Wie wir mit dem Privileg umgehen, in Eigenverantwortung eine Aufgabe zu finden, hängt vom persönlichen Lebensentwurf ab, sowie von den Erwartungen, die wir an den Prozess des Älterwerdens und an das Leben an sich stellen. Wir Älteren sind so heterogen wie die Jungen. Ich kenne eine 73-Jährige, die mit Stativ und Fernrohr Kraniche, Eisvögel, Zaunkönige, Mauersegler, Graureiher beobachtet. Ich weiß von einer 71-Jährigen, die archäologische Fundstücke archiviert, einem 73-Jährigen, der bei der Vorbereitung von Ausstellungen in Museen hilft, und einer 60-Jährigen, die Patienten im Spital betreut. Für einen spirituellen Weg entschied sich Herta, 70, ehemalige Vorstandsassistentin an der Börse. Sie wollte sich selbst besser kennenlernen, besucht nun Yoga- und Meditationskurse und studiert vergleichende Religionswissenschaften.
Tom Lackey wiederum begann mit den Stuntvorführungen auf der Tragfläche eines Flugzeuges im Alter von 80, nach dem Tod seiner Frau. Inzwischen gilt er als ältester Wingwalker der Welt, sitzt im Rollstuhl und schaffte 2014 an seinem 94. Geburtstag die 40 Kilometer-Route von Land’s End bei Cornwall nach der Scilly-Insel. Er betreibt sein Hobby nicht nur zum eigenen Vergnügen, sondern um damit Gelder für Sozial- und Gesundheitsprojekte zu sammeln.
Sich selbst eine Aufgabe zu geben, bedeutet die leidenschaftliche Beschäftigung mit einer Sache, die wir immer schon geliebt haben oder vielleicht erst jetzt lieben lernen. Der springende Punkt ist die Leidenschaft, die es uns möglich macht, im so geschätzten Flow zu schwimmen.
Sich selbst eine Aufgabe geben, das ist der Schlüssel. Aber damit die Türe aufgeht, muss der Schlüssel im Schloss umgedreht, die Idee in die Realität umgesetzt werden.
Frank McCourt war 66 Jahre alt, als er sein erstes Buch veröffentlichte. „Die Asche meiner Mutter“ wurde zu einem Welt-Beststeller. Der ehemalige irisch-amerikanische Lehrer schrieb das Buch, für das er den Pulitzer-Preis erhielt, in seinem Ruhestand.
Wenige Tage vor dem 81. Geburtstag erfüllte sich die ehemalige Unternehmerin und angestellte Apothekerin Margot Opferkuch, Salzburg, ihren Traum von der eigenen Apotheke „Zur Sonne.“ Rita Levi-Montalcini, Nobelpreisträgerin für Medizin und Physiologie, gründete mit 95 das renommierte European-Brain-Research-Institute in Rom, um die molekulare Basis von neurologischen Krankheiten besser verstehen zu können. In einem Interview mit der Zeitschrift „European Biotechnologist“ sagte die 2012 im Alter von 103 Jahren verstorbene Wissenschaftlerin: „Ich schlafe nachts kaum mehr, aber meine Vorstellungskraft und meine Kreativität ist in den vergangenen Jahren enorm gewachsen, so dass ich neue Ideen entwickle und diese am nächsten Tag mit meinen jungen Mitarbeitern diskutiere.“
Hermann, 70, organisiert Wanderungen und Orientierungsläufe für naturverbundene Menschen, wie er selbst einer ist. Begründung: „Es ist wichtig, sich immer wieder neue Ziele zu setzen.“ Seine Frau hat sich im Alter einen Jugendtraum erfüllt. Sie studiert und schreibt an ihrer Dissertation im Fach Germanistik.
Viele von uns sind erst im Alter auf den Geschmack von Lernen und Studieren gekommen. Die Australierin Lis Kirkby begann ihr Grundstudium mit 85. Als 92-Jährige reichte sie 2013 an der Universität von Sydney ihre Dissertation zum Thema: „Vergleich der Großen Depression mit der globalen Finanzkrise“ ein. Das Sprichwort „Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmer mehr“ ist blanker Unsinn, denn unser Gehirn ist plastisch. Lernen ist bis ins hohe Alter möglich. Die Hirnforschung bestätigt es, das Leben gibt ihr Recht. Ein beeindruckendes Beispiel ist der Protagonist des Films „The First Grader“, Kimani Maruga aus Kenia. Ein Jahr nachdem in Kenia jedem Bürger das Recht auf Schulbildung garantiert und das Schulgeld abgeschafft worden war, meldete sich der 84-jährige Analphabet für die erste Klasse einer achtjährigen Grundschule in Eldoret an. Nicht alle zeigten sich über den Wissensdurst des alten Mannes erfreut. Viele Eltern und Offizielle wollten nicht, dass einer der kostbaren Schulplätze im Dorf von einem Alten besetzt wird. Trotz aller Widerstände gelang es Kimani Maruga, sich seinen Lebenswunsch, schreiben und lesen zu lernen, zu erfüllen. Er schaffte sieben Klassen, dann starb er. „Der Film hat eine klare Botschaft, niemand ist zu alt zum Lernen“, sagt Regisseur Justin Chadwick.
Im Alter studieren, forschen, ein Ehrenamt übernehmen, ein Buch schreiben, eine neue Karriere starten, für welche Aufgabe auch immer wir uns entscheiden, auf drei Ingredienzen sollten wir nicht vergessen, die unseren weiteren Lebensweg bereichern können. Und diese sind Offenheit für neue Erfahrungen, Aufgeschlossenheit, Lebensfreude.
Andreas Kruse, einer der bekanntesten Gerontologen, betont immer wieder, wie wichtig es ist, an sich selbst zu arbeiten, denn jede Persönlichkeit lässt sich bis zur Todesstunde verändern, ist bis zuletzt kreativ. Der Leiter des Instituts für Gerontologie an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg erwähnt in diesem Zusammenhang gerne Johann Sebastian Bach, dessen Stücke er selbst bei Vorträgen am Klavier spielt. Der 65-jährige Komponist schrieb noch kurz vor seinem Tod am 28. Juli 1750 den Choral „Vor deinen Thron tret’ ich hiermit.“ Bester Beweis für die These, dass es keinen Stillstand der Seele oder des Geistes, kein Ablaufdatum für Kreativität gibt. Andreas Kruse sieht im Lebenslauf jedes Menschen ein Entwicklungspotenzial, eine Selbstaktualisierung, die verlangt, dass wir uns immer weiterentwickeln und ausdrücken. Was in der ersten Lebenshälfte nur teilweise vorhanden war, kann, darf, soll in der zweiten Lebenshälfte stark zum Ausdruck kommen. Aber die viel gepriesene späte Freiheit des Alters existiert nur dann, wenn wir in uns die Offenheit für Neues zulassen, wenn wir Bereitschaft zeigen, uns mit neuen Phänomenen auseinanderzusetzen. Sich im Alter nur auf die eigenen Erfahrungen zu beschränken, macht nicht weise, sondern engstirnig. Geistiger Reiseproviant für den Weg in die große Freiheit des Alters ist demnach die Kombination von Erfahrungen und Offenheit. Studien zeigen zwar, dass die Offenheit für neue Erfahrungen im Durchschnitt mit dem Alter abnimmt, dass aber diese Offenheit durch Erfolgserlebnisse unterstützt werden könnte. Leider mangelt es aber gerade an diesen Erfolgserlebnissen, weil wir Älterwerdende einem gesellschaftlichen Grundproblem begegnen. Im sogenannten dritten Lebensalter gibt es immer mehr von uns mit Ressourcen und Kompetenzen, aber noch keine Kultur der Nutzung. Unser Wissen und unser Können werden weder abgerufen noch nachhaltig „bewirtschaftet“, sondern schlicht und einfach brach liegen gelassen. Ist das nicht jammerschade? Kann es sich eine Gesellschaft leisten, die Potenziale ihrer älteren Mitbürgerinnen und Mitbürger nicht nur nicht zur Kenntnis zu nehmen, sondern diese Potenziale verkommen zu lassen? Die Antwort ist ein klares Nein, denn 2050 werden 34 Prozent der Gesamtbevölkerung in Europa über 60 Jahre alt sein. Es wäre zu wünschen, dass bis dahin ein Wertewandel in Bezug auf Altern stattgefunden hat. Wir jetzt lebenden 60plus-Menschen können nicht so lange warten, wir wollen unsere Ideen, Anregungen, Konzepte, JETZT verwirklichen. Es bleibt uns daher nichts anderes übrig, als selbst initiativ zu werden, um unsere späte Freiheit zu nutzen.
Fragen wir uns: „Ist das Leben, das ich lebe, das Leben, das ich leben will?“
Sagen wir uns: „Ich kann in jeder Sekunde meines Lebens einen neuen Anfang wagen, denn mein Leben beginnt JETZT.“
Altersbilder so bunt wie ein Regenbogen
Manuela, 30, verheiratet, zwei Kinder, arbeitet im Marketingbereich. Sie ist die Tochter einer Freundin von mir. Wenn Manuela und Gerhard Gäste haben, kommt häufig die Rede auf Manuelas Großmutter, 82. Diese begann mit 60 einen Karatekurs sowie ein Seniorenstudium. Letzteres hat sie abgeschlossen, die Karatestunden wurden gegen Qi Gong-Lektionen ausgetauscht. Dazu kamen eine Ausbildung als Visagistin sowie mehrere Massagekurse. Manuelas Großmutter unternimmt jährlich eine große Reise, zuletzt war die Mongolei an der Reihe. Während des Jahres betreut die 82-Jährige „ältere Menschen“, wie sie es nennt. Sie macht regelmäßige Hausbesuche bei pflegebedürftigen Siebzigjährigen und erfüllt damit die Forderung einiger Experten, die meinen, wir Alten sollten doch ein Sozialjahr absolvieren. Im Gegensatz zu Manuela, die eine gut sortierte Hausapotheke ihr Eigen nennt, nimmt die Großmutter nicht einmal Medikamente gegen zu hohen Blutdruck oder zu hohes Cholesterin. Wird Manuela gefragt, ob sie Angst vorm Älterwerden hat, dann gibt sie zu: „Ein bisschen schon, aber wenn ich mir meine Großmutter ansehe, dann beruhige ich mich wieder.“
„Wenn jemand sagt, Altwerden ist schön, dann weiß er nicht, wovon er spricht.“ Die 58-jährige Renate sieht ihre kommenden Jahre mit pessimistischen Augen. Die Arbeit in einer Spitalsambulanz wird immer anstrengender. Zum einen weil es an Personal mangelt, und zum anderen, weil sie selbst den Schichtdienst nicht mehr so leicht übersteht wie früher.
Dazu kommt, dass ein großer Teil ihres Geldes, das sie als Pensionsvorsorge monatlich in eine Versicherung einbezahlt hat, im Verlauf der Finanzkrise verloren gegangen ist. Renate hat berechtigte Angst, mit der staatlichen Pension später einmal nicht auskommen zu können, also wird sie nach ihrem 60. Lebensjahr weiterarbeiten müssen, vorausgesetzt der Arbeitgeber erlaubt es. Renates Mutter ist vor fünf Jahren gestorben. Nach deren Tod begann sich ein schleichender körperlicher Verfall des Vaters abzuzeichnen, trotzdem lebt der 83-Jährige noch alleine in seiner Wohnung. Fremde Hilfe lehnt er ab, in ein Heim will er nicht. Also wechseln sich Renate und ihre beiden Geschwister bei der Pflege ab. Von Zeit zu Zeit schrammt Renate an einem Burn-Out vorbei, und daran wird sich in den nächsten Jahren nicht viel ändern.
Zwei Beispiele von mir bekannten Menschen, die die beiden Extremseiten der gegenwärtigen Altersbilder illustrieren. Alter als Lust oder als Last. Auf der einen Seite das Schreckensbild des schmerzgekrümmten, hilflosen Pflegefalls, auf der anderen Seite der aktive, lebenslustige Oldie. Derzeit steht es 70 zu 30 für die Lebenslustigen. Die Philosophie des aktiven Oldies lautet: Altern ist ein einziger Spaß. Wir machen, was wir wollen, und wir lächeln immer. Wir „Silver-Consumer“ lächeln, wenn wir eine Versicherung abschließen, der Bank unsere Einlagen anvertrauen, neue Inkontinenzwindeln erstehen, altersgerechte Matratzen kaufen und im Reisebüro den nächsten Urlaub buchen. Wir lächeln, wenn wir beim Bergsteigen, Schwimmen, Radfahren, Tanzen, Essen, Trinken fotografiert werden. Wir lächeln im Rollstuhl, im Schwimmbad, im Bett, in der Küche, unterm Riesenrad. Wenn wir gefüttert werden, lächeln wir weniger. Wenn uns die Tochter im Heim besucht, wir aber unter Alzheimer leiden und keine Ahnung haben, wer sie ist, lächeln wir auch nicht wirklich. Aber ansonsten sehen wir immer gesund und sportlich aus, geben uns optimistisch, sehen im Leben nur das Positive.
Was dagegen zu sagen ist? Nichts, absolut nichts, so das Lächeln nicht zum gesellschaftlichen Terror, zum Leistungsdruck wird und sich als allein gültiges Bild behauptet, das aussagt: Alter ist ein einziges Vergnügen, in dem alle jede Minute ihres Lebens nur Spaß haben. So wie das Defizitmodell ist auch dieses produktivitätsorientierte positive Modell einseitig ausgerichtet und kann möglicherweise bei vielen von uns, die nicht „aktiv altern“ können oder nicht bloß Aktivität um der Aktivität willen vortäuschen wollen, Schuld- und Minderwertigkeitsgefühle hervorrufen. Und aus ist es mit dem nicht enden wollenden Spaß.
In Wirklichkeit geht es weder darum, ein verharmlosendes Hohelied auf das Alter zu singen, noch ein Schreckensszenario mit allen nur möglichen gruseligen Details zu malen. Es ist an der Zeit, diese Lebensphase, die als globale Herausforderung gilt, mit ihren Höhen und Tiefen zu erforschen, die Chancen und Grenzen zu erkennen und jedem Einzelnen von uns die Möglichkeit zu geben, diese Jahre eigenverantwortlich gestalten zu können.
Als ich vor Kurzem an einer internationalen Tagung über die Zukunft des Alters teilnahm, richtete eine Teilnehmerin an die dort anwesenden Wissenschaftler und Altersexperten die Frage: „Haben Sie schon einmal über Ihr eigenes Altersbild nachgedacht, das Sie im Kopf mit sich herumtragen?“ Stille machte sich in der Runde breit.
Ich habe die Anregung aufgenommen und über mein eigenes Altersbild nachgedacht. Keine Großväter. Beide starben kurz nach Kriegsende. Die Großmutter mütterlicherseits wird begraben, als ich sechs bin. Mein Erinnerungsalbum zeigt eine müde, abgearbeitete Frau mit viel Verständnis für Kinder. Der Großmutter väterlicherseits musste täglich das Essen gebracht werden. Meine Mutter und ich gingen immer um die Mittagszeit vom 18. in den 17. Bezirk. Als Jugendliche machte ich die literarische Bekanntschaft von Bert Brechts unwürdiger Greisin, die sich mit 72 nicht mehr weiter für die Familie aufopfern will, sondern nach dem Tod ihres Mannes ein neues Leben beginnt. Ich war schon damals eindeutig auf ihrer Seite. Jene alte Frau, die Tag und Nacht im Miethaus gegenüber bewegungslos am Fenster saß, verachtete ich allerdings. Sie hätte präzise Auskunft geben können, wann ich und andere Menschen in der Straße abends weggingen, nachts nach Hause kamen, ob wir alleine oder zu zweit waren. Dieses Am-Fenster-Sitzen kannte ich schon als Kind von einigen Frauen im Dorf. Mir war damals völlig unklar, was es draußen zu sehen gab, außer stündlich vorbeifahrende Züge und hin und wieder einen Menschen, der einkaufen, zum Friedhof oder in die Kirche ging. Irgendwann waren diese Frauen im Dorf „weg vom Fenster“, und es läutete das Totenglöckchen.
Dann gab es Tanten. Eine führte mit 80 noch eine Geschirrhandlung, trug statt der verordneten Altersdauerwelle Zöpfe und erschien mit einem zwanzig Jahre jüngeren Liebhaber. Sie galt als kein guter Umgang für uns Kinder. Eine weitere Tante übersiedelte mit 75 in die Nachbarortschaft und ließ das Haus radikal umbauen. Dazu gehörte auch, dass sie den Sichtschutz, die über 50-jährigen Stauden und Bäume, erbarmungslos absägte und ausgrub und stattdessen zehn Zentimeter hohe Ligusterstöckchen pflanzte. Abgesehen vom Baum-Mord bewunderte ich ihre selbstbewusste Haltung der Zukunft gegenüber, immerhin war sie 75, in meinen Augen also knapp an der Todesgrenze. Liguster ist zwar an sich schnell wachsend, aber dieser ließ sich Zeit. Als er endlich halb so hoch war wie die alten Stauden, musste sie wegen Demenz ins Heim. Eine andere Tante, Diabetikerin und 85, lag jeden Nachmittag genussvoll in ihrer Glasveranda und ließ die Sonne auf ihren nackten Körper scheinen.
Gestorben ist sie mit 94. Ich erinnere mich an einen Freund der Familie, der mit 80 per Autostopp zwischen Salzburg und seiner Zweitwohnung in Sopron pendelte. Stühle, Bettteile, Türstöcke, Koffer waren auf den Reisen mit dabei. Interessanterweise fand er immer jemanden, der ihn und sein Mobiliar mitnahm. Da er ein genialer Erzähler von Geschichten und Mulatschakfesten war, machten einige der Autofahrer sogar einen Umweg, um ihn und die Türstöcke direkt in Sopron abzuliefern. Ich erinnere mich an die Nachbarin im Dorf, die mit 75 so schwer erkrankte, dass die Familie bereits das Begräbnis plante. Sie erholte sich, als wäre nichts gewesen. Ein paar Jahre später kam es wieder zu einem längeren Spitalsaufenthalt. Es sah schlecht aus, aber noch einmal gewann ihr Lebenswille, bis sie mit 93 starb.
Das für mich entscheidende Altersbild begegnete mir aber inmitten schneebedeckter Berge unter knallblauem Himmel und kräftiger Wintersonne in Arosa, Schweiz. Bei einer Schneewanderung bemerkte ich eine interessante Gestalt, die mehr tänzelte und hüpfte als im Schnee zu stapfen. Aus der Nähe sah ich dann eine Person um die 80 in einem merkwürdig bunten Mantel, ein grüngraues Wollmützchen und darunter ein mageres Gesicht voller Falten, fröhlich zwinkernde Augen, die Mundwinkel in die Höhe gezogen, Kopfhörer in den Ohren, einen – damals hieß das so – Walkman um den Hals gehängt. Die Frau sang vor sich hin, winkte mir verschmitzt lächelnd zu, drehte sich einmal im Kreis und tänzelte weiter – ein Ausdruck von Lebensfreude pur. Ich war 45 und wusste sofort, so möchte ich im Alter auch unterwegs sein. Und wie sieht es mit Ihren Altersbildern aus?
Auf der Suche nach AlterNativen
Wir, die jetzt lebenden über 60-Jährigen, betreten einen neuen Kontinent, den Hans Vontobel, Gründer der „Stiftung kreatives Alter“, den Kontinent der Langlebigkeit genannt hat. Unsere Aufgabe als Pionierinnen und Pioniere wird es sein, diesen Kontinent in unserem eigenen Interesse und für die Lebensqualität der nächsten Generationen zu erforschen, damit diese bei ihren Erkundungen auf unsere Landkarten und Orientierungshilfen zurückgreifen können. Unsere Erfahrungsberichte werden der gegenwärtigen Gesellschaft Denk- und Handlungsanstöße geben, die zukunftstauglich sind. Denn im Lebensabschnitt Alter zeigen sich all jene gesellschaftlichen Brennpunkte, die in langlebigen Gesellschaften mehr denn je Bedeutung bekommen werden. Welchen Wert geben wir einem Dasein ohne Erwerbsarbeit? Bleiben wir weiterhin der Einstellung verhaftet, dass ein sogenanntes lebenswertes Leben ausschließlich mit jung, kräftig, nützlich und effizient assoziiert wird? Auf welche Art und Weise übernimmt jeder von uns Verantwortung für jene Lebenszeit, über die er in der Pension selbstbestimmt verfügen kann? Was bedeutet es, einem Menschen zu versprechen, ihn in guten wie auch in schlechten Zeiten zu lieben, wenn die schlechten Zeiten aus zehn, zwanzig und mehr Jahren bestehen, die von Krankheiten geprägt sind? Wie gehen wir damit um, unsere Erinnerung zu verlieren und als Demenzkranke auf konstante Hilfe und Pflege angewiesen zu sein? Wie werden wir zurechtkommen, wenn in Zukunft vier bis fünf Generationen zusammenleben, wenn die 50-Jährigen sowohl Eltern und Großeltern als auch Kinder und Enkelkinder versorgen müssen? Wie viel Technik wollen und brauchen wir, nicht nur im Alter, sondern insgesamt im Leben? Wie kann jeder Einzelne seinen Teil der Verantwortung übernehmen, damit er den nachfolgenden Generationen das Glück eines langen Lebens in einer intakten Umwelt ohne Hunger und Armut ermöglicht?
Wir, die erste langlebige Generation, befinden uns auf einer Reise. Reisen können inspirierend sein, weil sie anregen, das eigene Leben, die eigenen Werte zu überdenken und zu hinterfragen. Die ersten Schritte unserer Reise lassen uns jetzt schon zu dem Schluss kommen: Das derzeit gültige Lebens- und Arbeitsmodell ist nicht wirklich zukunftstauglich, um den kommenden Generationen ein glückliches Altern zu ermöglichen.
Kulturwandel beim Arbeiten, Wohnen, Handeln, Denken ist angesagt.
Arbeitszeit ist Lebenszeit
An der Arbeitswelt zeigt sich die Ambivalenz der Gesellschaft gegenüber uns Älteren besonders deutlich. Wir über 50-Jährige gelten als zu teuer und nicht lernfähig.
Zugegeben, es gibt vereinzelte Betriebe, deren Leitung erkannt hat, dass es wirtschaftlich ganz einfach dumm ist, die Erfahrung von älteren Führungskräften und Fachleuten zu verlieren. Sie bieten pensionierten Mitarbeitern eine zweite Karriere als Senior-Experten gegen ein Beratungshonorar an. Aber warum nur so wenige?
Ja, Organisationen wie ASEP, Austrian Senior Expert Pool, wurden gegründet, damit Ältere Wissen und Erfahrungen an jüngere UnternehmerInnen weitergeben, diese beraten und coachen im Sinne von Generativität, das heißt an die kommenden Generationen denken und etwas „zurückzahlen.“ Aber warum bilden sich Initiativen dieser Art nur für Projekte in Industrie, Wirtschaft und öffentlichem Dienst?
Warum gibt es ein Johann-Gottfried-Herder-Programm nur für emeritierte WissenschafterInnen, die bei einer Gastprofessur im Ausland sogar Partnerin oder Partner mitnehmen können, und nicht etwas Ähnliches für andere Berufsgruppen? Zugegeben, es existieren vereinzelte Unternehmen mit Weiterbildungsund Gesundheitsprogrammen für ältere Arbeitnehmer, weil man Expertenwissen nicht vorzeitig – durch Frühpension oder innere Kündigung – verlieren möchte. Aber warum nur so wenige?
Zugegeben, es finden sich Personalfachleute und Führungskräfte, die bewusst auf die Erfahrung und das Können von uns Älteren setzen und nicht weiterhin an tranigen Vorurteilen festhalten wie abnehmende Belastbarkeit im Alter, höhere Krankheitsanfälligkeit, Skepsis vor Neuem. Aber warum nur so wenige?
Ja es gibt sogar Betriebe, die vorwiegend Ältere beschäftigen. Viele sind es nicht. Als Paradefall gilt die bekannte Firma „Vita Needle“ in Boston, USA. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind 70,80,90 Jahre alt, denn es gehört zur Firmenpolitik, die Präzisionsnadeln für Industrie und medizinische Anwendungen von Älteren fertigen und verpacken zu lassen.
Die Zusammenarbeit begann in den späten Achtzigern, als das Familienunternehmen Schwierigkeiten hatte, Arbeitnehmer zu finden, also probierte es die Firmenleitung mit Älteren. Diese suchten einen Nebenverdienst oder wollten der häuslichen Langeweile entkommen. Inzwischen läuft die Zusammenarbeit zur beiderseitigen vollsten Zufriedenheit. Die Vita Needle-Mitarbeiter kommen gerne, sind hoch motiviert, haben freie Wahl bei Arbeitszeit und Arbeitsstunden, und Chef Frederik Hartmann erfreut sich an einem Umsatzplus von hundert Prozent in fünf Jahren.
Auch „Veterankraft“ hat seit seiner Gründung 2010 seine Umsätze angeblich verzehnfacht. Das schwedische Unternehmen vermittelt Gelegenheitsjobs für Pensionistinnen und Pensionisten, die sich eine freiwillige Rückkehr aus der Pension in eine Arbeit wünschen, nicht nur weil die Pension zu niedrig ist, sondern weil die Leute „irgendetwas tun wollen und Lust auf Abwechslung haben“ wird Firmengründer Tomas Eriksson im Oktober 2013 in der Berliner Zeitung zitiert: „Das sind Leute, die ein langes Berufsleben hinter sich haben, und dann kommen sie nach Hause, und niemand ruft sie mehr an.“ Der Wunsch, etwas zu tun, tritt bei den meisten drei bis vier Jahre nach der Pensionierung auf, hat man bei Veterankraft beobachtet.
Dies soll kein Plädoyer sein, so lange arbeiten zu müssen bis wir halbtot vom Bürosessel, der Werkbank oder vom Montageband fallen, aber eine Anregung, unsere Vorstellungen vom Leben und der Arbeit grundsätzlich zu überdenken. Dazu gehört die Dualität Arbeit und Freizeit. Arbeit ist grundsätzlich Hölle, Freizeit ist grundsätzlich Paradies. Das Leben besteht daraus, ab Montag zu warten, dass das Wochenende kommt, das Jahr über auf den Urlaub zu hoffen und die Zeit der Pensionierung herbeizuflehen. Keine Frage, dass es genügend langweilige, anstrengende, uninteressante und noch dazu schlecht bezahlte Jobs gibt, die nicht viel mehr Möglichkeiten und Freiheiten bieten, als auf ein Leben nach der Arbeit zu warten. Großer Zeitdruck, Überbeanspruchung, schwere Lasten, Lärm, Staub, Hitze, Kälte, Unfallgefahren, das alles sind Faktoren am Arbeitsplatz, die krank machen und verständlicherweise dazu beitragen, dass der Job als Last und die Freizeit als Lust empfunden wird. Aber müssen wir darin Orientierungspunkte für die Zukunft sehen? Ergonomisch gestaltete Arbeitsplätze und Arbeitsabläufe, die Mitarbeiter nicht wie Zitronen auspressen, wurden bereits konzipiert und vereinzelt realisiert. Internationale Studien belegen, dass 60 Prozent der Befragten angeben, sie würden in der Firmenhierarchie eine Stufe hinuntersteigen, um etwas Sinnvolles zu machen. Status, Ansehen, Karriere sind nicht mehr die Lockmittel, jetzt muss die Work-Life-Balance passen und der Job soll mit den Fähigkeiten und Interessen übereinstimmen.
Gut so, aber reicht diese Einstellung für die Zukunft? Ist nicht zusätzlich ein genereller Aufstand gegen die verordnete Zeitdisziplin angesagt? Sollten wir nicht endlich das herkömmliche 3-Phasen-Modell Ausbildung-Arbeit-Ruhestand grundsätzlich hinterfragen, das in seiner Rigidität überholt ist? Die nachfolgenden Generationen werden es uns danken, wenn ihre Arbeitsbiographien nicht mehr so eintönig verlaufen wie die von uns jetzigen Älteren. Warum nicht mehr Zwischenräume, die wir zum Lernen, zum Nachdenken, zum Erholen nutzen, um danach wieder in denselben oder einen anderen Job hineinzugehen, allerdings mit jederzeit möglichem Einblick in unser Pensionskonto? Was die nach uns Kommenden brauchen, sind mehr Sabbaticals, mehr Experimente mit Zeitausgleich und Zeitguthaben, Modelle von Bildungsurlauben und sonstigen Auszeiten, die auch für jene realisierbar sind, die ihre Sozialversicherungsbeiträge nicht ein Jahr lang vom Sparkonto abbuchen können. Wir brauchen mehr Freiräume, ohne dass deswegen das System der sozialen Sicherheit, die große Errungenschaft des Sozialstaates, in Frage gestellt wird. Es muss doch möglich sein, dass jemand, der länger arbeiten will und kann, auch nach dem gesetzlich verordneten Pensionsalter in seinem oder einem anderen Job aktiv bleibt. Genauso muss es möglich sein, dass Menschen mit einem harten, körperlich fordernden Job einige Zeit früher gehen, ohne mit finanziellem Verlust bestraft zu werden. Warum entwerfen wir nicht Modelle eines flexiblen Pensionsantrittsalters, nicht in Form einer Jahreszahl, sondern in Form von Zeitspannen und Zeitwertkonten? Warum nicht den Renteneintritt als schrittweisen Prozess gestalten? Worauf warten wir?
Vor Kurzem traf ich einen alten Freund wieder, und im Verlauf unseres Gespräches sagte Rudolf, 76, den bemerkenswerten Satz: „Für mich ist Arbeitszeit Lebenszeit, ist Teil meines Seins als Künstler, als Mensch.“ Rudolf, der, wie es im Ausstellungskatalog heißt „sein ganzes Leben der Kunst gewidmet hat“, denkt nicht ans Aufhören, im Gegenteil, die Arbeit an seinen Materialbildern, an Siebdruck, Malerei und Objekt-Kunst wird für ihn immer intensiver und befriedigender.
Arbeitszeit ist Lebenszeit, und Lebenszeit ist Arbeitszeit im Sinne einer frei gewählten, selbstbestimmten, sinnstiftenden Tätigkeit – wäre das nicht eine wunderbare Vision für die kommenden Generationen?
Wohnen wie im Paradies
Kulturwandel ist angesagt, nicht nur in der Arbeit, sondern auch beim Wohnen. Wir Oldies, vor allem diejenigen unter uns, die alleinstehend sind, erproben gerade Alternativen des Wohnens, abseits des Daseins im Eigenappartement oder der Anmeldung im Pensionistenheim. Wir schließen uns zu Senioren-WGs zusammen, testen betreute Wohngemeinschaften sowie das Leben in Mehrgenerationenhäusern und beleben die Idee der Beginenhöfe wieder, wie in Bielefeld, wo Frauen zwischen 40 und 80 in ihren eigenen Wohnungen aber unter einem Dach leben. Die Beginen waren unabhängige, selbstständige Frauen im Mittelalter, die weder heiraten noch in ein Kloster eintreten wollten, sich aber karitativ engagierten.
Das französische Wohnprojekt „La Maison des Babayaga“ setzt ebenfalls auf die Selbstbestimmung älterer Frauen. Baba bedeutet in den meisten slawischen Sprachen alte Frau. Die Baba-Jaga ist angesiedelt zwischen Hexe, Muttergöttin, Heilerin mit Zauberkräften, Waldfrau. Das Altersheim „La Maison des Babayaga“ ist ein politisches Projekt, das auf vier Prinzipien beruht: Solidarität, Selbstverwaltung, Bügerinnenschaft, Ökologie. Die Idee dazu hatte Thérèse Clerc, eine der bekanntesten Feministinnen Frankreichs. 1995 entstand die „realistische Utopie“, ein Haus mit 25 Wohnungen für freie, engagierte, unabhängige alternde Frauen zu errichten, die Thérèse Clerc mit ein paar Freundinnen weiterentwickelte. Eine Art Gegenmodell zu herkömmlichen Pensionistenheimen, die von der Mehrheit der älteren Menschen in Frankreich abgelehnt werden. Im Alter von 65 leben 77 Prozent aller Frauen alleine, während 75 Prozent der gleichaltrigen Männer eine Partnerschaft haben. 2007 sollte in der Rue de la Convention in Montreuil, Seine-Saint Denis, der erste Spatenstich passieren, aber dann wurden versprochene Gelder zurückgezogen, weil dieses Haus „nur“ für Frauen konzipiert war, obwohl das Erdgeschoß Männern und Frauen für Kunst, Versammlungen, Diskussionen, Empfänge, Feste offen steht. Es ist sogar eine Universität für Ältere angedacht. „La Maison des Babayaga“ befindet sich nicht in abgeschiedener Naturlandschaft, sondern im Stadtzentrum, umgeben von U-Bahn, Geschäften, Kinos. Es wurde 2013 eröffnet.
„Es war ein langer, schwieriger Weg“, konstatiert Thérèse Clerc. Inzwischen sind andere französische Städte an dem Projekt interessiert, denn immerhin ist bereits heute ein Viertel der französischen Bevölkerung, ca. 17 Millionen, über 60, und bis 2050 werden die Über-60-Jährigen ein Drittel ausmachen.
„Paradies für Großeltern“ wird „Trabensol“ bei Madrid, Spanien, genannt, das im Sommer 2014 seinen ersten Geburtstag feierte. Es begann 2002. Eine Gruppe sozial aktiver Menschen erkannte, dass sie älter wurden und für diesen Lebensabschnitt einen Plan entwickeln sollten. Nach langen Diskussionen stand fest, sie bilden eine Kooperative und bauen ein Gemeindezentrum für ältere Menschen, das von diesen selbst verwaltet wird. Als erster Schritt wurde der passende Ort gesucht. Das war zur Zeit des Immobilienbooms in Spanien mit den hochgeputschten Grundstückspreisen nicht leicht. Dann stieß die Gruppe auf den Bürgermeister von Torremocha Jarama, einer kleinen Stadt nördlich von Madrid mit über 40 Handwerksunternehmen. Am Fuße des Berges entstanden Wohnungen für 54 Bewohnerinnen und Bewohner, Gemeinschaftsräume für Reiki, Akupunktur, Musik, Malerei, Videobearbeitung, ein „religiöser“ Raum für alle, um zu beten, zu meditieren oder Yoga zu praktizieren, ein 10.000 Quadratmeter großer Garten und ruhige Innenhöfe. Als Energiequelle wird in Trabensol Geothermie verwendet. Die Philosophie von Trabensol, eine Abkürzung von Arbeitersolidaritätsvereinigung, beruht auf der Ansicht, dass reiche, warme, positive Beziehungen das Leben ausmachen. Die Grundprinzipien heißen Solidarität, gegenseitige Hilfe, Koexistenz, Unabhängigkeit, Nachhaltigkeit, befriedigendes Leben, spätere Pflege.
Trabensol, Babayaga oder das Wohnprojekt „OLGA“ – Oldies Leben Gemeinsam Aktiv – in Nürnberg, sind interessante, visionär angelegte Ideen für neue Wohnformen im Alter. Aber oft führen auch kleine Schritte zu großen Veränderungen.
Was tun, wenn die Wohnung, das Haus zu groß geworden ist? Zum Beispiel in eine kleinere Gemeindewohnung übersiedeln, wie es die „Aktion 65Plus“ der Gemeinde Wien ermöglicht. Oder wir versuchen intergenerationelles Zusammenleben wie Linxin und Colette. Colette ist 91 und verfügt über eine geräumige Wohnung im Quartier Latin in Paris, in der sie alleine lebt. Linxin ist 24, kommt aus China und studiert in Paris. Als Student eine preiswerte Wohnung zu finden, ist in Paris genauso schwer wie in anderen teuren europäischen Städten. Warum also nicht junge Menschen, die ein Zimmer suchen, und ältere Menschen, die mehr Zimmer haben als sie bewohnen können, zusammenbringen? „Le Logement intergénérationnel“ ist eine von mehreren französischen Organisationen, die sich auf die Vermittlung jung/ alt spezialisiert haben. In der Schweiz und in deutschen Städten gibt es bereits ähnliche Zweck-WGs. Die Studenten wohnen bei Senioren und helfen dafür im Haushalt. Pro Quadratmeter Wohnung ist eine Stunde Hilfe im Monat vorgesehen, dazu kommt noch eine Beteiligung an Heizung, Strom, Wasser.
Oder warum nicht das Modell Zeitvorsorge ausprobieren, damit Ältere, die der Unterstützung bedürfen, weiterhin zu Hause leben können. Diejenigen unter uns, die noch gut beisammen sind, also „die Zeitvorsorgenden“, unterstützen die Hilfsbedürftigen unter uns im Alltag und erhalten dafür Zeiteinheiten auf einem individuellen Konto gutgeschrieben. Diese abgearbeiteten Zeiteinheiten können sie später, bei eigenem Bedarf, gegen entsprechende Leistungen neuer Zeitvorsorgender eintauschen. Das Stadtparlament von St. Gallen, Schweiz, hat der Umsetzung des Zeitvorsorgemodells zugestimmt, die Stiftung Zeitvorsorge soll die jeweiligen Zeitguthaben koordinieren. Ähnliches probiert ein Verein in Oberösterreich auf der Basis des Tauschhandels in den Bereichen Nachbarschaftshilfe, Zeitvorsorge, Wirtschaftsnetz. Wer anderen eine Stunde hilft, also eine Stunde arbeitet, erhält eine Gutschrift von einer Stunde auf seinem Zeitkonto und kann damit wieder eine Stunde Hilfe beziehungsweise Arbeitsleistung beziehen. Vielleicht ist die Kritik nicht unberechtigt, dass in diesem Fall auch Zeit eine Art Währung ist und dass möglicherweise Freiwilligenarbeit und Nachbarschaftshilfe zurückgehen. Andererseits sollten wir Modellen wie diesen zunächst einmal Chancen zum Ausprobieren geben und überlegen, wie sich die Vorteile neuer Ideen mit dem erwiesenen Nutzen von alten Konzepten zu einem sinnvollen Ganzen kombinieren lassen.
Einmischen, Mitreden, Mitgestalten
Kulturwandel ist angesagt, beim Denken und beim Handeln. Gelassenheit liegt im Trend. Das ist gut so, aber ein bisschen Würze in Form von Radikalität kann nicht schaden. Jetzt im Alter können wir endlich denken, sagen und tun, was wir immer schon wollten, bisher aber aus verschiedensten Gründen und Zwängen zurückhalten mussten, heißt es. Ja das stimmt. Wir können sagen, was wir wollen, ohne dass wir im Zeugnis eine schlechte Note bekommen, in der Job-Hierarchie eine Stufe hinunterfallen, die Pension verlieren. Die Frage ist nur, wer hört uns zu? Hört uns überhaupt jemand zu, so wir nicht Margarete Mitscherlich, Andreas Kruse, Jean Améry, Simone de Beauvoir, Reimer Gronemeyer, Bernd Marin heißen?
Radikal zu denken, Visionen zu entwickeln, Ideale verwirklichen zu wollen, das sind Eigenschaften, die die Gesellschaft nicht für uns, sondern für eine andere Altersgruppe vorgesehen hat – die Jungen. An uns wird geschätzt, dass wir ruhig, bescheiden, zufrieden sind. Der gute Oldie sieht mehr Positives als Negatives, strahlt Gelassenheit aus, zieht Ruhe und ein bequemes Leben vor, ist emotional stabil, das heißt, regt sich nicht auf, ist kein Wutbürger. Wirklich? Ist die Gelassenheit eines Goldfisches im Glas bewundernswert oder schlicht und einfach die Anpassung an einen nicht von ihm bestimmten Lebensraum. Vielleicht träumt das Zuchttier von einem verwilderten Leben im Brackwasser. Einige von uns geben sich nicht mit der Ruhe im Glas zufrieden. Stéphane Frédéric Hessel war 93, als sein Essay „Empört euch“ publiziert wurde, in dem er unter anderem zum politischen Widerstand gegen die Finanzkrise aufruft. Der ehemalige UN-Sonderberichterstatter Jean Ziegler, 70, empört sich seit Jahren über den weltweiten Hunger als Massaker und Massenmord und fordert einen Aufstand des Gewissens, denn das eigene Glück ist nur dann möglich, wenn rundum Gerechtigkeit und Solidarität herrschen. Die Welt nicht hinzunehmen wie sie ist, sich nicht dem destruktiven Gehorsam zu unterwerfen, der zu Untertanengeist, Unmenschlichkeit, Ungerechtigkeit führt, dafür plädiert der 92-jährige Psychologe Arno Gruen in „Wider den Gehorsam“. Alice Schwarzer vertritt als 70-Jährige immer noch vehement feministische Positionen und initiiert eine Kampagne gegen Prostitution. Todesdrohungen und Mordanschläge haben Bischof Erwin Kräutler, 75, bis heute nicht davon abhalten können, sich gegen Großstaudammprojekte und für die Menschen im Amazonasgebiet einzusetzen.
„Verfolgen wir mit Radikalität als alte Menschen nicht auch das Ziel, wenn nicht jetzt, wann sonst wollten wir die Welt verändern?“, fragte die Grande Dame der Psychoanalyse Margarete Mitscherlich, und die deutsche Politikerin Rita Süssmuth wird im Deutschlandfunk vom 30. 11. 2012 mit dem Satz zitiert: „Mein Denken ist heute sehr viel radikaler als mit 30 Jahren. Nicht nur die Jungen haben Ideale und Visionen – wir Älteren denken tiefer darüber nach, was wir verändern möchten, und bleiben an den Zielen dran. Visionen und Ideale verschwinden nicht mit dem Älterwerden, im Gegenteil.“
So ist es. Daher protestierten Rentner in Dublin gegen brutale Sparmaßnahmen der Regierung, standen Weißhaarige in Chile an der Seite jugendlicher Demonstranten für gebührenfreie Schulen und Universitäten, machten Ältere mit bei der Occupy-Bewegung, wandten sich sogenannte Straßenoldies in Spanien gegen Banken und Regierung, formierte sich beim Bahnprojekt Stuttgart 21 ein „Block der Grauhaarigen“.
In Japan demonstrierten ältere Menschen nach Fukushima für ein Ende der Atomkraft, in Argentinien haben die „Großmütter der Plaza de Mayo“, entstanden zur Zeit der Diktatur, die Suche nach den damals verschwundenen und geraubten Enkelkindern bis heute nicht aufgegeben, und in den USA wurde eine 84-jährige Nonne verurteilt, weil sie in Tennessee in die mangelhaft geschützte Atomanlage eindrang und eine Friedensfahne schwenkte. Also Schluss mit der Gelassenheit, der Konzentration ausschließlich auf die Interessen des eigenen Bauches. Schluss damit, die Zeit im Alter mit Trivialitäten und Spielereien zu verplempern. Betty Friedan, berühmte amerikanische Altersforscherin, plädiert für aktives Handeln im Sinne eines Vermächtnisses für die Enkel. Wir mögen die im Laufe des Lebens erworbene Weisheit und Generativität und das Wissen um die Entstehung des Sozialstaates einsetzen, um bei der Lösung der Probleme mitzuhelfen, vor der die Gesellschaft heute steht.
Mitreden und Mitgestalten anstelle von Zuhören und Konsumieren. Würden viele von uns gerne, aber wo bitte wären die Foren, abgesehen von Demonstrationen und der Mitgliedschaft in politischen Parteien? Im Supermarkt, in der Straßenbahn, im Park beim Spielen mit den Enkelkindern? Na ihr könnt doch bürgerschaftliches Engagement zeigen, wird uns gerne empfohlen. Ja, könnten wir, und viele von uns übernehmen Ehrenämter, Freiwilligendienste, zivilgesellschaftliches Engagement oder wie auch immer sich unbezahlte Tätigkeiten nennen, wobei Untersu chungen festgestellt haben, dass das ehrenamtliche Engagement bei den über 60- bis 65-Jährigen eher rückläufig ist. Hat vielleicht schon mal jemand nach den Gründen unserer Zurückhaltung gefragt, abgesehen davon, dass wir keine Zeit haben, weil wir uns bei der Betreuung unserer Enkelkinder oder unserer kranken Lebenspartner engagieren, weil speziell wir Frauen uns ein Leben lang um andere gekümmert haben und wir endlich mal eine Auszeit brauchen oder weil die Angebote, um es höflich auszudrücken, interessanter sein könnten. So wenig wie ich als älterer Demenzkranker von Menschen wie Silvio Berlusconi betreut werden möchte, ebenso wenig Lust habe ich, mit noch Älteren als ich Karten zu spielen, weil mich Kartenspiele grundsätzlich langweilen. Es scheint mir nicht extrem erfüllend, den Kirchenraum zu kehren, Altstoffe zu sammeln, ich will keine Folder an Kooperationsstellen verteilen, Besucherinnen begrüßen und Infoblätter ausgeben. Mein Glücksgefühl beim Adventkranzbasteln für den Weihnachtsmarkt oder Brötchenstreichen für das Sportfest hält sich in Grenzen. Büroarbeit war schon in jüngeren Jahren ein No-Go, und eine Datenbank pflegen, selbst wenn es zum Wohle der Kinder auf der ganzen Welt geschieht, wird von mir auch nicht als Highlight empfunden, für das ich Stunden meiner Lebenszeit hingeben würde. Ich möchte nicht als „kostengünstiges Dienstleistungs- und Wertschöpfungspotenzial“ wahrgenommen werden. Zum einen weil ich mehr kann, als angeboten wird, und zum anderen, weil einige dieser Angebote bezahlt werden sollten, damit junge Leute zu einem Nebenverdienst kommen. Ich will keine Löcher stopfen und Risse kitten, die durch falsche politische Entscheidungen entstanden sind, weil sich der Staat aus der sozialen Verantwortung zurückgezogen hat.
Bei einem Besuch der Wiener Freiwilligenmesse 2014 im Museum für Angewandte Kunst stellte ich fest, der Andrang war enorm und viele Ehrenamtliche sind voll zufrieden mit dem, was sie tun. Allerdings gab es von keiner Organisation eine befriedigende Antwort auf meine Frage, ob es denn speziell konzipierte Projekte für Menschen 60plus gebe, bei denen wir Älteren einerseits unsere Erfahrungen einsetzen und andererseits etwas dazulernen könnten. Aufgefallen ist mir, dass nahezu jede Organisation Menschen sucht, die Kindern, mit oder ohne Migrationshintergrund, Nachhilfe geben. Da frage ich mich doch, gibt es keine allgemeine Schulpflicht mehr und wenn doch, was machen die in den Klassenzimmern? Andererseits weiß ich natürlich, dass zum Beispiel Lernpatenschaften, die Betreuung von Flüchtlingen, das Dasein eines Sport- oder Kulturbuddys befriedigend und sinnvoll sein können.
Trotzdem bleibt ein ABER: eine freiwillige, unbezahlte Tätigkeit, die zwar die Sozial- und Kulturbudgets des Staates entlastet, aber das Können und Wissen von uns Älteren nicht wirklich einfordert, muss nicht automatisch als Bereicherung empfunden werden. Im Gegenteil. Es wäre also hoch an der Zeit, die Rahmenbedingungen für Ehrenamt und Engagement neu zu definieren, denn eine Gesellschaft des langen Lebens braucht utopische Bilder eines solidarischen, nachhaltigen Zusammenlebens. Für mich wird sich das Reformprogramm wohl nicht mehr ausgehen, hält man sich die Trägheit der Institutionen vor Augen, aber dann hoffentlich für die nächste Generation der Alten.
Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.