Kitabı oku: «Das Rascheln des Präriegrases»
Nora Brägger
Das Rascheln des Präriegrases
Nora Brägger
Das Rascheln des Präriegrases
Roman
orte Verlag
© 2017 by orte Verlag, CH-9103 Schwellbrunn
Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Radio und Fernsehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.
Umschlaggestaltung: Janine Durot
Umschlagbild: iStock, GaryAlvis
Gesetzt in Arno Pro Regular
Satz: orte Verlag, Schwellbrunn
ISBN 978-3-85830-220-5
ISBN eBook 978-3-85830-227-4
www.orteverlag.ch
eBook-Herstellung und Auslieferung:
HEROLD Auslieferung Service GmbH
www.herold-va.de

Da stand ich, vor dem Eingang des Flughafens von Rapid City, einer der grössten Städte des US-Bundesstaates South Dakota.
Die Hitze erdrückte mich fast. Die Sonne blendete mich, und so hielt ich die Hand schützend vor die Augen. Ich sah mich nach einem Schattenplatz um und ging schliesslich zu einer Baumgruppe, stellte meine grosse Reisetasche, meinen Rucksack und meinen Koffer ab. Als ich endlich freie Hände hatte, zog ich mein Sweatshirt aus und krempelte die Hosenbeine meiner langen, engen Jeans hoch. Im Flugzeug und in der Flughafenhalle war es unterkühlt gewesen, dass ich richtig gefröstelt hatte. Hier draussen brannte die Sonne. Die Bäume waren vertrocknet, dass sie kaum Blätter trugen und keinen grossen Schatten spendeten. Aber etwas Besseres gab es nicht. So setzte ich mich erschöpft unter den Baum und lehnte mich an den Stamm. In meiner Tasche kramte ich nach meiner Wasserflasche, dem Deo, der Sonnenbrille und dem iPod.
Na toll, es hatte gerade noch drei Schlucke Wasser in der Flasche. Gierig liess ich das Wasser in meine trockene Kehle rinnen. Ich hielt die Flasche so lange senkrecht über meinen Mund, bis auch der allerletzte Tropfen hinein gefallen war.
Ich schaute mich um: ein paar vereinzelte, vertrocknete Sträucher, eine Strasse, ein paar Autos. Weiter hinten waren wohl Parkplätze, sonst konnte ich nichts erkennen.
Die wenigen Leute, die vorher noch hier waren, hatten sich aus dem Staub gemacht. Weit und breit keine Spur von meiner Tante. Das fing schon gut an. Ich seufzte tief, setzte meine Headphones auf und lehnte mich zurück.
Was machte ich hier? Wo war meine Tante? Hatte sie mich vergessen?
Ich scrollte durch die Playlisten, bis ich zu Ultimativ Favorites kam. Ich brauchte jetzt die Power meiner Lieblingskünstler, damit ich nicht ganz in einem stickigen, dunklen Loch versank. Als der erste Beat des Songs Pulses von Karmin ertönte, schloss ich die Augen und liess mich von der Musik forttragen. Ich war zu müde, um mir länger Gedanken zu machen. Ich vergass, wo ich war und was mich erwartete. Ich summte leise mit und träumte vor mich hin.
Eine Hand berührte mich plötzlich an der Schulter, und ich sprang erschrocken auf. Ein junger Mann stand mir gegenüber und sah mich amüsiert an. Ich musterte ihn skeptisch.
Ich setzte meine Headphones ab und schaute ihn böse an: «Was sollte das? Wolltest du mir meinen iPod klauen? Verschwinde und lass mich in Frieden.»
Der Mann schaute mich stirnrunzelnd an, und ich bemerkte, dass ich deutsch gesprochen hatte. Wir waren hier in Amerika. Ich musste englisch reden, und so wiederholte ich meinen Satz, ohne lange nachzudenken, auf Englisch. Doch der Mann machte keine Anstalten zu gehen. Er machte einen Schritt auf mich zu, weshalb ich ihn böse anfunkelte. Gerade wollte ich etwas erwidern, da sagte er mit einer ruhigen Stimme: «Bist du Samira? Ich bin Liam, und ich soll die Schweizer Nichte von Julia Blackfooth am Flughafen abholen. Da niemand ausser dir hier ist, nehme ich an, dass du diejenige bist, richtig?»
«Ja.» Ich musterte Liam von Kopf bis Fuss.
«Es tut mir leid, wenn ich dich vorher erschreckt habe, das wollte ich nicht.»
«Ist schon okay.»
«Na gut, lass uns dein Gepäck in den Wagen laden.»
Ich warf mir nach kurzem Zögern den Rucksack über die Schulter und folgte Liam, der mein restliches Gepäck trug. Der Wagen entpuppte sich als eine ziemliche Schrottkiste. Liam hatte wohl meine zweifelnden Blicke gesehen, denn er schmunzelte: «Keine Sorge, die Kiste hält. Sie gehört einem Freund von mir. Er ist Mechaniker.»
«Okay, wenn du meinst», erwiderte ich achselzuckend und setzte mich auf den Beifahrersitz. Ich war zu müde, um darüber nachzudenken, ob ich ihm vertrauen sollte oder nicht. Da sass ich neben diesem fremden Mann, von dem ich nur wusste, dass er Liam hiess und von meiner Tante geschickt worden war, um mich abzuholen. Wieso hatte mich meine Tante nicht selbst abgeholt? Ich wollte Liam danach fragen, doch ich liess es bleiben. Was spielte es für eine Rolle, wer mich abholte? Nichts spielte mehr eine Rolle. In der Verbannung war ich so oder so.
Liam startete den Motor und ein gurgelndes Geräusch ertönte, bis der alte Truck holpernd ansprang.
Ich schaute aus dem Fenster und betrachtete die karge Landschaft, die an uns vorbeizog. Am Anfang gab ich mir alle Mühe, nicht interessiert zu wirken, doch die Neugier packte mich, und ich betrachtete Liam verstohlen.
«Nun erzähl mal! Wieso verschlägt es dich hierher ins Pine-Ridge Indianerreservat?
Ich hatte mir Tausende von Varianten ausgedacht, die erklären würden, warum ich hier gelandet bin. Nun wusste ich nicht, wie ich es formulieren sollte. «Das ist eine gute Frage. Ich weiss es nicht», murmelte ich nachdenklich.
«Wirklich, es muss doch irgendeinen Grund geben. Du hast deine Koffer bestimmt nicht freiwillig gepackt und beschlossen: So, jetzt gehe ich in eines der ärmsten Indianerreservate von ganz Amerika.»
«Richtig. Ich bin nicht freiwillig hier, und ich wäre jetzt lieber im Flugzeug nach Spanien mit meinen Freundinnen.»
«Ah, Spanien. Und warum bist du trotzdem hier?»
Diese Frage war mir unangenehm. Der Typ ging mir mächtig auf den Keks. Merkte er nicht, dass ich nicht darüber reden wollte? Ich schwieg.
«Okay, ich habe verstanden, du willst nicht darüber sprechen. Macht nichts, früher oder später werde ich es erfahren.»
«Bist du sicher?»
«Ja.»
«Wenn du meinst.»
«Ich habe eine Idee: Wie wäre es, wenn wir uns gegenseitig fünf Fragen stellen? Ich verspreche dir, dass ich dich danach in Ruhe lasse.»
«Jetzt wirklich? Du willst daraus ein Spiel machen?»
«Du darfst beginnen.»
«Ach, wie grosszügig von dir», sagte ich und stellte die erste Frage: «Wie alt bist du, und was machst du den ganzen Tag?»
«Ich bin neunzehn Jahre alt und habe vor drei Wochen die Schule abgeschlossen. Im Herbst werde ich studieren. Ich will Lehrer werden. Im Moment bin ich ein freier Mann und geniesse das.»
«Okay, ich fasse zusammen: Du hast die Schule mit neunzehn Jahren abgeschlossen, ich mit siebzehn Jahren, das heisst, ich bin dir zwei Jahre voraus. Und ich glaube es kaum, aber du bist bereit, nochmals für die nächsten fünfzig Jahre deines Lebens in die Schule zu gehen?»
«Ja, genau.»
«Meine zweite Frage wäre: Wieso …»
«Halt, stopp», unterbrach Liam mich: «Du hast bereits zwei Fragen gestellt, du kommst jetzt zur dritten.»
«Na gut. Wieso willst du Lehrer werden?»
«Ich mag Kinder, und ich will etwas verändern. Und der Schlüssel für eine Veränderung des Lebens im Reservat ist eine bessere Zukunft für die Jugend. Ohne Schulbildung hat man keine Chance, einen guten Job zu bekommen, und ich will den Kindern helfen, für eine bessere Zukunft zu kämpfen.»
Ich war beeindruckt von ihm, und ich konnte spüren, dass er mit voller Überzeugung hinter seinen Plänen stand. «Könntest du dir nicht vorstellen, von hier wegzugehen, um anderswo ein besseres Leben zu beginnen?»
«Nein, niemals. Es ist unglaublich wichtig, dass sich im Reservat etwas verändert und dass man sich dafür einsetzt. Es bringt nichts, wenn man vor der Realität davonläuft. Es braucht Mut und Stärke zu akzeptieren, wie es ist. Aber noch viel wichtiger ist, etwas zu unternehmen, zum Beispiel sich für eine bessere Schulbildung einzusetzen. Ich kann meine Familie, meinen Stamm nicht im Stich lassen. Ich nehme an, du hast keine Ahnung, wie es im Reservat ist. Aber das wirst du noch früh genug erfahren», antwortete er mit einem bitteren Unterton.
Es war still, er sagte eine Weile nichts, und ich war mit meinen Gedanken weit weg. Es bringt nichts, wenn man vor der Realität davon läuft. Es braucht Mut und Stärke zu akzeptieren, wie es ist. Seine Worte hallten in meinem Kopf wider, und der Schmerz in meiner Brust begann erneut aufzuflammen.
«Wie lautet deine letzte Frage?», erkundigte sich Liam und riss mich aus meinen trüben Gedanken. Ich schaute ihm direkt in die Augen. Versuchte sie festzuhalten und daraus zu lesen. Er wandte seinen Blick schnell wieder auf den Highway.
«Meine letzte Frage ist etwas absurd, aber ich denke oft darüber nach: Welche drei Dinge würdest du auf eine einsame Insel mitnehmen?»
Er schmunzelte, schaute kurz zu mir herüber und antwortete, ohne lange zu überlegen: «Meine Familie, mein Pferd und ganz viele Bücher.»
«Du bist ein Bücherfreak! Jetzt wird mir klar, wieso du Lehrer werden willst! Haben wir hier einen kleinen Streber? Naja, ich weiss nicht so recht: Die Brille fehlt. Aber ansonsten würdest du perfekt in die Rolle passen.»
Liam lachte und schüttelte den Kopf.
«Na los! Frag schon, ich weiss genau, du hast nur darauf gewartet!»
Er grinste zu mir herüber und sagte: «Ich muss mir gut überlegen, was ich alles wissen will. Ich habe ja nur fünf Fragen!»
Ich verdrehte die Augen und zählte auf drei.
«Okay, ist ja gut! Wieso bist du hierhergekommen, wenn du nicht freiwillig hier bist?»
«Mist, und ich dachte schon, du hättest es vergessen.»
«Ha, das dachtest du nicht wirklich, oder?»
«Naja, ich hoffte es zumindest.»
«Na los! Ich höre. Ich habe dir deine Fragen auch beantwortet.»
«Das willst du nicht wissen. Ist nicht spannend.»
«Doch, ich bin neugierig. Aber du musst es mir nicht erzählen, wenn du nicht willst. Schliesslich kennen wir uns erst seit Kurzem, um genau zu sein seit vierunddreissig Minuten.»
«Was, schon so lang? Bist du dir sicher? Sind es nicht 36,5 Minuten?»
«Du bist ja wirklich lustig, Samira! Na los, beantworte meine Frage! Steckt da etwa eine peinliche Geschichte dahinter?»
Ohne weiter darüber nachzudenken, begann ich zu erzählen: «Ich habe mich noch nie gut mit meiner Familie verstanden. In letzter Zeit hatte ich besonders viel Stress mit meinen Eltern. Ihrer Meinung nach verbrachte ich zu wenig Zeit mit Lernen für die Schule und zu viel Zeit mit Feiern, Ausgehen und meinen Freunden. Ich bestand die Matura gerade so, aber ich bestand. Das ist doch das, was zählt. Meine Eltern waren mit mir überhaupt nicht zufrieden. Und als sie vorletztes Wochenende wegfuhren und ich sturmfreie Bude hatte, liess ich eine riesen Party steigen. Blöderweise kamen sie früher als erwartet nach Hause. Meine Eltern waren geschockt, in welchem Zustand sie das Haus vorfanden. Sie waren am Ende mit ihrem Erziehungslatein und schickten mich schnurstracks zu meiner Tante nach Amerika. Meine lieben Eltern denken, dass ich mit etwas Abstand von zu Hause, zu meinem wahren Ich zurückfinden werde. In letzter Zeit hätte ich mich sehr verändert. Meine Eltern würden mich nicht wiedererkennen und seien enttäuscht von mir. Der Punkt ist, dass sie mit mir nicht mehr klarkommen oder besser gesagt: Sie sind mit mir noch nie klargekommen. Ich kann es ihnen nie recht machen. Meine ältere Schwester Charlotte hatte die Messlatte hoch gelegt. Sie ist das goldige Sternchen der Familie. Sie erwarten von mir, ihr nachzueifern, was ich aber nicht tue. Denn ich habe null Bock, Schulsprecherin zu werden, dem Chor oder der Sonntagsschule beizutreten, weder das Ballett noch das Geigenspielen finde ich interessant, und wie sie ihr Pferd über die Hindernisse jagt, da kann ich nicht zusehen. Mein Ding, nein, meine Leidenschaft, habe ich längst gefunden: das Fussballspiel.»
«Du spielst Fussball?», fragte Liam mich ganz überrascht. «Wow, dass hätte ich nicht gedacht.»
«Ja! Wieso nicht? Ist das so abwegig? Um es korrekt zu sagen: Ich hatte gespielt.»
«Spielst du nicht mehr?»
«Naja. Das ist eine unschöne Geschichte.»
« Erzähl.»
Ich erzählte weiter, da ich wusste, Liam würde nicht locker lassen: «Fussball zu spielen, bedeutete mir alles, und meine Mannschaft war für mich wie eine Familie. Die Familie, die ich mir immer wünschte, aber nie hatte. Naja, und dann hatte ich diesen Unfall. Seither spielte ich nicht mehr, und alles lief schief, was schief laufen konnte. Ich war an einem absoluten Tiefpunkt angekommen. Das Einzige, was zählte, waren meine Freunde, Parties, Rauchen, Kiffen … du weisst schon. Ich versuchte meine Probleme auszublenden. Der Realität zu entkommen. Meine Eltern waren am Verzweifeln, sie konnten nichts tun.»
«Eine wilde Zeit liegt hinter dir», erwiderte ich nachdenklich. Ich habe mir oft versucht vorzustellen, wie die Schweizer Nichte von Jul wohl aussehen mochte und wie sie sein würde. Ich mochte Jul sehr, und ich war neugierig gewesen, ihre Nichte, sozusagen meine Schweizer Cousine kennenzulernen. Ich war wirklich erstaunt. Nicht nur weil sie sehr hübsch war mit ihren langen, braunen, gewellten Haaren und ihrer bleichen, aber zarten Haut. Und ihre Augen natürlich. Wow, die waren der Hammer. Sie waren ganz grün, so grün wie ein junges Blatt eines Baumes, wie die Tannzapfennadeln im Norden oder wie das Moos in den Wäldern. Sie waren voller Energie. Wenn sie mich ansah, konnte man meinen, sie blicke einem geradewegs in die Seele. Es war unheimlich und faszinierend zugleich.
Ich spürte, wie sie sich mir gegenüber verschloss und wie sie sich in ihre Vergangenheit verkroch. Ihre Erzählungen und die damit verbundenen Erlebnisse liessen ihre Gesichtszüge ernst und verschlossen werden. Sie hatte eine Mauer um sich gebaut. Schwer, dunkel und unüberwindbar. Meine Neugierde hatte ich wieder einmal nicht unter Kontrolle. Ich hätte meine Fragen ruhen lassen sollen. Sie nicht zu diesen Antworten drängen.
Für einen kurzen Moment spürte ich beinahe eine Erleichterung, über meine Familie und meine Erlebnisse gesprochen zu haben. War es einfacher, mit einer fremden Person über Vertrautes zu reden? Die Erleichterung verflog schnell, und ein dicker Kloss schnürte mir die Kehle zu. Wieso habe ich mich von Liam drängen lassen, darüber zu sprechen? Es war mein Leben, und niemand musste darüber Bescheid wissen. Jetzt waren alle Gefühle und meine wahnsinnige Wut, die ich in meinem Innern zu vergraben versucht hatte, wieder da und erfüllten mich.
Was dachten sich meine Eltern? Sie konnten doch nicht ihre Tochter nach Amerika in ein Indianerreservat am Ende der Welt abschieben? Das war unfair. Charlotte konnte tun, was sie mochte, unsere Eltern waren immer auf ihrer Seite. Ihr wurde alles verziehen, weil sie eine tolle Vorzeigetochter war und meine Eltern stolz auf sie waren. Ich passte nicht in ihre möchte-gern-perfekte Familie, und ich wollte das auch nicht. Ich wünschte mir immer eine Familie, die mich ernst nimmt und der ich nicht egal bin, mit der man lachen und Spass haben kann. Meine Eltern konnten mich nicht verstehen, und sie versuchten es nicht einmal. In meiner Familie hat man keinen Spass: Alles, was zählt, sind Arbeit und Erfolg. Ein klassisches Beispiel unserer oberflächlichen Gesellschaft. Ich soll mich anpassen und mein Leben nach ihren Vorstellungen richten. Aber ich widersetze mich hartnäckig, denn ich habe andere Ideen und Träume.
Mein Plan war mit meinen drei besten Freundinnen zuerst Urlaub auf Mallorca zu machen. Anschliessend wollte ich in einem Restaurant servieren, um Geld zu verdienen und nach meinem achtzehnten Geburtstag von zu Hause auszuziehen. Ich wäre meine Eltern und Charlotte los gewesen. Doch wie immer machten sie mir einen Strich durch die Rechnung.
Wieso waren sie bloss früher nach Hause gekommen? Hatte mich Charlotte verraten? Zutrauen würde ich es ihr. Aber auch wenn wir uns nicht ausstehen können: Ich glaube sie hat es nicht getan. Es war einfach ein doofer Zufall. Das Glück hatte mich schon lange verlassen, und das Pech war mein bester Freund geworden.
Es war klar, dass das gewaltigen Ärger geben würde. Meine Eltern hatten noch nicht einmal meine Abschlussnoten verarbeitet. Ich hatte bestanden, und das war es, was für mich zählte. Meine Eltern sahen das anders. Sie kriegten fast eine Herzattacke, als ich ihnen das Zeugnis zeigte. Sie hatten genaue Vorstellungen, was ich später studieren würde: Anwältin oder Ärztin sollte ich werden, wie meine Eltern. Ob ich das wollte oder nicht, das war gar nicht die Frage. Blöd nur, dass ich komplett andere Interessen hatte. Ich wollte garantiert nicht wie Charlotte Jura studieren.
Man konnte fast meinen, sie hätten auf diesen Moment gewartet, damit sie einen Grund hatten, mich abzuschieben. Sie hatten wohl eingesehen, dass aus mir nie eine perfekte Tochter werden würde, und hielten es für einfacher, mich möglichst schnell loszuwerden. Ich war ihnen total egal. Damit hätte ich mich schon längst abfinden müssen. Ich war eine Schande für diese Familie, ich befleckte ihre makellose Oberflächlichkeit. Ihren Erfolg. Ihren Drang nach Anerkennung und Achtung in der Gesellschaft. Aber es machte mich traurig und wütend, immer wieder von Neuem. Sie waren meine Familie. Wieso konnten sie mich nicht akzeptieren, wie ich war? Wieso sahen sie immer nur das, was ich nicht war? Ich habe mich oft ernsthaft gefragt, ob sie mich adoptiert hatten, oder ob sie im Krankenhaus das Baby verwechselt hatten. Sie lachten immer, wenn ich ihnen diese Frage stellte. Doch so abwegig war das gar nicht. Abgesehen von meinem Charakter, passte ich auch vom Aussehen nicht in diese Familie. Meine Eltern und Charlotte hatten alle gerade, blonde Haare und blaue Augen. Ich hingegen hatte kastanienbraune, gewellte Haare und fiel mit meinen knallgrünen Augen überall und immer auf. Wenn ich in der Schule sagte, dass Charlotte meine ältere Schwester sei, glaubte mir niemand, und ich glaubte es oft selbst nicht.
In der Schule fehlten mir die Motivation und der Ehrgeiz, um super Noten zu schreiben. Abgesehen davon war ich nicht sonderlich talentiert, weder in Mathe, Physik, Chemie, geschweige denn in Französisch. In Englisch und Deutsch war ich ganz gut, und Kunst und Sport waren definitiv meine Favoriten. Doch diese zwei Fächer zählten bei meinen Eltern nicht besonders viel, denn Künstler waren irgendwelche Verrückten, und Sportler keine Anwälte oder Ärzte. Für mich waren Kunst und Sport das Wichtigste und das Liebste. Mit der Zeit versuchte ich nicht mehr, es ihnen recht zu machen. Ich gab es auf, ihre Anerkennung zu erlangen, denn es war unmöglich.
In letzter Zeit hatte ich es wirklich etwas übertrieben. Ich hatte es mir selbst zu verdanken, dass ich hier im Reservat gelandet war. Die Homeparty hatte das Fass zum Überlaufen gebracht. Die Party wäre eine der besten gewesen, wenn nicht meine Eltern plötzlich im Haus gestanden wären. Das kleine Wörtchen wenn. Ich hatte meine Eltern noch nie so wütend gesehen. Am Anfang fand ich es sehr amüsant, doch relativ schnell verging mir das Grinsen. Am nächsten Morgen hielten sie mir das Flugticket nach Amerika unter die Nase und zerstörten meine Freiheitspläne. Das Visum bekam ich ohne Probleme, und so stand meiner Reise nichts mehr im Weg.
Ich weiss, Amerika, das ist jedermanns Traum, oder nicht? Aber in ein abgelegenes Kaff, genauer gesagt, in eines der ärmsten Indianerreservate in den USA, verbannt zu werden, hat nicht viel mit dem American Dream zu tun. Ich meine, Amerika ist cool: New York, Los Angeles und San Francisco. Aber in ein Indianerreservat geschickt zu werden, die nächste Stadt weiss ich wie viele Kilometer entfernt? Vor meiner Abreise hatte ich Google über Pine Ridge Indian Reservation ausgefragt. Was ich da über das Reservat in Erfahrung gebracht hatte, war beängstigend, schockierend, traurig und entsprach so ziemlich meinem letzten Alptraum. Ich sah Bilder, die ich lieber nicht gesehen hätte, und nun soll ich das alles in der Realität erleben? Ich wusste nicht, welches Gefühl stärker war: Abstossung oder Angst. Und wenn ich ganz ehrlich war, dann gab es noch ein drittes Gefühl, das ich hartnäckig und stur zu verdrängen versuchte. Die Neugierde.
Momentan kreisten meine Gedanken um meine verkorkste Familie. Meinen Eltern waren oft nicht zu Hause, weil sie viel arbeiteten, und Charlotte war immer am Lernen. Es war nie jemand da, mit dem ich spielen konnte. Ich hatte keinen Vater, der mich stolz anfeuerte, wenn ich an einem Fussballmatch teilnahm. Ich hatte keine Mutter, die mittags kochte und ihre Kinder freudig erwartete. Stattdessen hatten wir eine mexikanische Hausangestellte, Rose, die für uns kochte und putzte. Rose war eine sehr fröhliche und lustige Frau und hatte es immer geschafft, mich aufzumuntern. Sie war ein Sonnenstrahl in unserem grauen Haus. Ihr Mann war vor ein paar Jahren an Krebs gestorben, und seither war sie alleinerziehende Mutter von zwei Söhnen. Ich war oft bei ihr zu Hause gewesen, wenn ich es bei mir zu Hause nicht mehr aushielt. Ihre beiden Söhne waren für mich wie kleine Brüder. Die zwei kleinen Brüder, die ich nie hatte, mir aber immer wünschte. Sie teilten mit mir die Leidenschaft für Fussball. Wir sammelten zusammen Paninibilder, trippelten im Garten, gamten FIFA auf Play Station oder feuerten wie Verrückte unsere Lieblings-Fussballclubs an.
Das Fussballspiel. Wie ich das geliebt hatte! Den Duft von frisch gemähtem Rasen, den Kick, den ich immer gespürt hatte, wenn ich dem Ball hinterher jagte. Ein richtig tolles Team hatte ich. Aber alles kam anders. Ich verletzte mich. Es sei nichts Schlimmes, hiess es. Doch es wurde immer schlimmer. Ich wurde operiert. Ich humpelte ein halbes Jahr mit Krücken herum, und damit war mein grosser Traum, eine Karriere als Profifussballerin, geplatzt. Ich musste es akzeptieren, ich konnte es nicht ändern. Es war unfair, ich konnte es nicht verstehen, ich wollte mich nicht damit abfinden, aber ich musste. Seither ging alles den Bach hinunter. Ich fühlte mich einsam und vom Glück verlassen.
Meine Eltern waren erleichtert, dass ich endlich mit diesem schwachsinnigen Sport aufgehört hatte. Sie dachten, ich würde nun mehr Zeit für die Schule einsetzen. Wahrscheinlich investierten sie nochmals grosse Hoffnung, dass aus mir die lang ersehnte perfekte Tochter Nummer zwei wurde. Da hatten sie sich gewaltig geirrt.
Ich war so in meinen Gedanken vertieft gewesen und hatte Liam nicht mehr zugehört.
«Alles in Ordnung bei dir? Willst du darüber sprechen? Dich beschäftigt etwas. Du siehst traurig aus. Wir hätten dieses Fragespiel nicht machen sollen. Meine Neugier war zu gross. Manchmal bin ich ein Trampel. Tut mir leid.»
«Das waren schon wieder zwei Fragen, Liam!», sagte ich in einem vorwurfsvollem Ton. Ich versuchte, mich geschickt aus der unangenehmen Situation zu ziehen.
«Jaja, ist schon gut, aber jetzt mal ernsthaft: Ist alles okay?»
Was war das für eine bescheuerte Frage, dachte ich. Nichts ist okay. Was denkt der sich bloss? Ich schaute ihn an, und um ein Haar wäre meine ganze Wut aus mir herausgebrochen, doch meine Vernunft bremste mich abrupt. Ich war auf dem allerbesten Weg, mir am ersten Tag alles zu vermasseln.
Ich riss mich zusammen: «Es ist okay. Es tut mir leid, wenn ich ein Drama mache. Du hast bestimmt andere Sorgen, und ich möchte nicht wissen, was du nun von mir denkst. Das kann mir ja egal sein, aber es wäre echt Scheisse, wenn ich es mir mit dem ersten Typen, den ich hier kennenlerne, vermassle.» Ich fuhr mir dabei verlegen durch die Haare.
«Mach dir keinen Kopf. Du bist ganz in Ordnung, glaube ich zumindest.»
Erleichtert erwiderte ich: «Danke, du auch. Ich könnte allerdings eine Ablenkung gebrauchen.»
Liam dachte kurz nach und meinte: «Ich werde dir noch eine letzte Frage stellen.»
«Nein! Bitte nicht! Hör auf mit diesem blöden Fragespiel.»
«Du weisst ja nicht, was ich dich fragen werde!»
«Ich höre.»
«Welche drei Dinge würdest du auf eine einsame Insel mitnehmen?» Er grinste zu mir herüber, und mein Mund verzog sich zu einem Lächeln. «Ich denke, ich würde meine drei besten Freundinnen, meine Kamera und meinen iPod mitnehmen.»
«Du fotografierst gerne?»
«Hey, das war die letzte Frage!» Ich lachte über mein gespieltes Entsetzen. Stoppte aber irritiert, als ich bemerkte, wie viel ich gelacht hatte. Seit ich mit Liam unterwegs war, hatte ich so viel gelacht, wie schon lange nicht mehr. Oder täuschte ich mich? Egal, ich liess meine Grübelei bleiben.
«Ja, ich fotografiere viel und gern. Meine Kamera ist immer griffbereit.» Ich zwinkerte verschwörerisch, griff in meine Tasche und machte schnell ein paar Schnappschüsse von Liam. Er schaute mich zuerst überrascht an, dann blickte er wieder gelassen auf die Strasse.
«Wie wäre es mit einem kurzen Halt bei der nächsten Tankstelle? Ich muss noch tanken, und wenn du willst, kannst du dir etwas zu essen kaufen.»
Schon bald leuchtete ein grelles Schild auf, das eine Tankstelle mitten in der Pampa anzeigte. Während Liam tankte, ging ich in den kleinen Shop und sah mich nach etwas Essbarem um. Die Auswahl war klein. Ich fand eine Packung Chips und eine Flasche Coke. Unglaublich, es gab wirklich kein Wasser! Nur Süssgetränke, Süssigkeiten und Fast Food. Ich hatte furchtbaren Durst und ich hätte jetzt liebend gern ein eisgekühltes Wasser gehabt, doch ich musste mich mit der zuckersüssen Coke zufrieden geben. Ich lief zu Liam zurück, der immer noch am Tanken war, nahm ein paar Schlucke von der Coke und streckte ihm die Flasche fragend entgegen. Er schüttelte angewidert den Kopf.
«Es gibt kein Wasser!»
«Ich weiss. Aber da habe ich lieber Durst, als diese schreckliche Zuckerbrühe zu trinken!»
Ich schwang mich auf die Haube und wollte mir eine Zigarette anzuzünden.
«Du rauchst? Aber doch nicht hier!», sagte Liam entrüstet.
«Ja, na und? Hast du etwas dagegen?»
«Ja!»
«Ach, komm mir jetzt bitte nicht mit: Das schadet deiner Gesundheit!»
«Genau mit dem komme ich. Es stimmt ja auch. Wieso rauchst du? Du hast es nicht nötig, und vor allem rauche nicht hier bei einer Tankstelle. Das ist sehr gefährlich!»
«Das ist eine gute Frage: Wieso rauche ich eigentlich?», ich tat, als würde ich nachdenken.
«Samira! Im Ernst jetzt, warum?»
«Weil es mir ein gutes Gefühl gibt.»
«Ein gutes Gefühl? Das verstehe ich nicht. Kannst du das näher beschreiben?»
«Hast du überhaupt einmal eine geraucht?»
«Ja.»
«Okay. Naja, dann kennst du ja das Feeling.»
«Ich mag es nicht.»
Ich zuckte mit den Schultern, schwang mich von der Haube und zündete mir provokativ eine Zigarette an. Liam stieg auf den Fahrersitz und startete den Motor. Die Hand mit der Zigarette hielt ich aus dem Fenster und blies den Rauch aus dem Auto, ich schaute Liam an und fragte: «Ist das okay so?»
«Naja.»
«Ich nehme an, das war ein Ja. Schön, wir konnten uns einigen.» Ich schmunzelte und sah aus den Augenwinkeln, dass Liam lächelte.

Wir setzten unseren Weg durch die endlose Weite der Prärie fort. Die Sonne war längst am Horizont verschwunden, und es wurde schnell dunkel.
Ich dachte an meine Tante. Ich kannte sie eigentlich nicht. Ich hatte sie ein paar Mal gesehen, doch das letzte Mal war schon lange her. Ich konnte mich kaum an sie erinnern. Ich hatte in den Fotoalben meiner Mutter ein Foto von ihr gesucht, bevor ich abgereist war. Ich nahm ein kleines Papierstück aus meiner Hosentasche, faltete es auseinander und betrachtete eine junge Frau, die mich abenteuerlustig und voller Energie anschaute. Sie stand auf einem Hügel, hatte die Arme ausgebreitet und strahlte über das ganze Gesicht. Auf dem Rücken trug sie einen grossen Tramperrucksack, der Wind wehte ihr die langen braunen Haare ins Gesicht und hinter ihr breitete sich eine weite karge Landschaft aus. Ich fuhr über das Foto, drehte es um und versuchte, die unleserliche Schrift zu entziffern. Pine Ridge Indian Reservation 1999.
Da war Tante Jul etwa fünfundzwanzig Jahre alt und ich gerade mal drei. Das war ein Drama gewesen. Als Jul alleine nach Amerika in ein Indianerreservat reiste und sich in einen Indianer verliebte und nicht mehr zurückkam. Ihre Eltern waren schockiert, doch sie konnten nichts machen. Jul hatte ihre grosse Liebe und ihre Heimat gefunden. Sie blieb dort und ist seither nur für ein, zwei Besuche nach Hause zurückgekehrt. Ihre Eltern unterstützten sie von da an nicht mehr, doch Jul hatte die Ausbildung zur Lehrerin in der Schweiz abgeschlossen und fand hier Arbeit. Sie heiratete Bill, bekam drei Kinder und lebte auf einem Hof inmitten der Prärie. Das war alles, was ich wusste.
Ich hatte sie immer heimlich bewundert, dass sie ihrer Heimat den Rücken gekehrt hatte, um sich in einer ganz anderen Welt niederzulassen. Ich bewunderte sie für ihren Mut und die Kraft, sich ihrer Familie zu widersetzen, um ihren Traum zu leben und nicht nach den Vorstellungen der Eltern. Meine Mutter, ihre ältere Schwester, hatte diese Entscheidung nie verstanden. Aber ich glaube, insgeheim bewunderte sie ihre kleine Schwester ebenfalls, aber würde es nie zugeben.
«Zeig mal! Wer ist das auf dem Foto?», fragte Liam.
«Ich muss dich leider enttäuschen, wenn du gedacht hast, es wäre mein Freund. Es ist Tante Jul.»
Liam betrachtete die Fotografie. «Eine eindrucksvolle Aufnahme!»
«Ja, das war 1999, als sie das erste Mal im Reservat war.»
«Deine Tante ist schon lange hier. Womöglich kennt sie das Leben hier besser als ich.»
«Hat sie sich sehr verändert?»
«Was?»
«Ich meine Tante Jul von diesem Foto zu heute?»
«Ach so. Nein, ich denke nicht. Ich meine, klar hat sie sich verändert, aber sie ist immer noch die Gleiche geblieben. Sie ist eine wirklich tolle Frau!»
«Hmmm …»
«Du musst dir keine Sorgen machen. Du wirst sie mögen, und sie wird dich mögen. Alle freuen sich auf dich!»
«Wenn du meinst.» So schnell konnte mich Liam nicht überzeugen. Meine Gedanken schwirrten zurück in die Schweiz.
Es ging mir einfach nicht in den Kopf, wieso meine Eltern mich zu Tante Jul schickten. Sie verstanden sich überhaupt nicht. Meine Mutter hatte praktisch keinen Kontakt mehr zu ihr, oder täuschte ich mich? Vielleicht dachten sie, ich passe gut hier her, weil ich auch so ein komischer Vogel sei. Vielleicht war Tante Jul die Einzige, die mich noch nicht aufgegeben hatte. Sollte ich mich darüber freuen?
Was machte ich bloss hier? Ich sass in diesem verfluchten Truck, weit weg von zu Hause, von meinen Freunden, auf dem Highway Richtung Nirgendwo. Was sollte ich hier draussen? Das war die absolute Verbannung. Was würde aus mir werden? Aus meinem Leben? Nein, nein, nein, ich würde jetzt nicht in Selbstmitleid zerfliessen, das kam nicht in Frage. Ich hatte das alles tausendmal durchgekaut. Jetzt war Schluss, ich würde das Beste daraus machen! Liam war locker drauf, und das würde bestimmt toll werden. Ich würde neue Leute kennenlernen, und verdammt noch mal: Jetzt sollte ich mich zusammenreissen! Meine Vernunft war scheinbar noch vorhanden und bewahrte mich vor dem ultimativen Tiefpunkt.
Ich betrachtete Liam verstohlen von der Seite. Er sah nicht schlecht aus, er sah sogar sehr gut aus. Er hatte schulterlange, rabenschwarze Haare, nein nicht zu einem langen Zopf zusammengebunden. Er war sehr schlank, gross, braungebrannt und athletisch. Die Wangenknochen waren markant. Seine dunkelbraunen bis schwarzen Augen funkelten neugierig, und sein Mund schien immer zu schmunzeln. Ich fühlte mich nicht zu ihm hingezogen. Ich hatte eher das Gefühl, dass wir gute Freunde werden würden.
«Können wir Musik hören?», fragte ich ihn, um die Stille zu durchbrechen.
«Klar», antwortete er und schaltete das Radio ein.
Liam zappte durch die Sender auf der Suche nach einem, der ihm gefiel. Schliesslich fand er einen, bei dem nicht nur ein monotones Rauschen ertönte. Es war KILI Radio, der Sender des Pine Ridge Indianerreservats. Neben dem normalen Radioprogramm mit Wettervorhersagen, Verkehrsmeldungen, Neuigkeiten und Musikwünschen, würden auch alte Gesänge und Geschichten ausgestrahlt, erklärte Liam.
Ich hörte fremde Klänge und Stimmen, die mich in eine andere Welt zu ziehen schienen. Liam summte leise mit, und ich vergass meine Sorgen. Wir redeten nicht mehr besonders viel. Doch wenn wir redeten, war es vertraut, als würden wir uns seit Jahren kennen und nicht erst seit wenigen Stunden. Ich mochte seine ruhige, aber neugierige Art zuzuhören, seinen Humor und war beeindruckt von seinem Wissen.
Nach etwa dreieinhalb Stunden Autofahrt fuhren wir um einen Hügel herum und in der Ferne konnte man ein Licht in der Dunkelheit leuchten sehen.
«Ist es das?», fragte ich Liam aufgeregt und setzte mich aufrecht hin.
«Ja, wir sind gleich da.»
Seit etwa einer dreiviertel Stunde waren wir über die holprige, nicht asphaltierte Strasse des Pine Ridge Reservats gefahren. Durch das leichte Hin- und Herschaukeln wäre ich fast eingenickt, doch jetzt war an Schlaf nicht mehr zu denken. Es war halb elf Uhr abends, und ich war todmüde von der langen Reise. Dennoch war ich ganz kribbelig und konnte es kaum erwarten, meine Tante und ihre Familie kennenzulernen. Meine anfängliche Skepsis war der Neugier gewichen, und ich reckte den Kopf, um mehr zu sehen. Was lächerlich war. Es war stockdunkel, abgesehen von den Scheinwerfern des Autos, die die Umgebung für kurze Zeit in Licht tauchten.
Als wir vor dem Haus hielten, tauchte aus dem Nichts ein dunkler Schatten von der Veranda auf. Ein grosser Hund rannte wild bellend und schwanzwedelnd um den Truck herum. «Hier sind wir. Und das ist Sky, die uns willkommen heisst.»
Ich stieg freudig aus. Sky sprang sofort auf mich zu, um mich gründlich zu beschnuppern. Ich musste lachen, kraulte sie hinter den Ohren und dachte mir: Da freut sich immerhin jemand über meine Ankunft.
Liam und ich luden mein Gepäck ab, als meine Tante aus dem Haus kam und rief: «Samira! Da bist du ja. Mein Gott, lass dich ansehen!»
Etwas zurückhaltend sagte ich: «Hi, Tante Julia. Ja, hier bin ich.»
Meine Tante hatte lange, braune Haare – wie auf dem Foto – zusammengebunden zu einem Pferdeschwanz, trug zerschlissene Jeans, ein T-Shirt, darüber ein kariertes Hemd, war braun gebrannt und ihre Augen strahlten voller Wärme. Sie umarmte mich ganz unerwartet und drückte mich an sich. «Nenn mich einfach Jul.»
«Okay», murmelte ich und war überrumpelt und überwältigt von ihrer Energie und Herzlichkeit. Liam hatte Recht gehabt, sie schien die Gleiche geblieben zu sein. Ihre Augen strahlten, sie sah glücklich und zufrieden aus, genau wie auf dem Foto.
Schon sprudelten die nächsten Worte aus ihr heraus wie ein Wasserfall: «Und hattest du eine gute Fahrt mit Liam? Hat er dich gut unterhalten? Es tut mir leid, dass ich dich nicht abholen konnte. Es kam etwas dazwischen. Hast du Hunger? Komm rein, ich werde dir alle vorstellen. Hey, Liam komm auch, du bist sicher hungrig und hast noch nichts gegessen.»
«Oh ja, vielen Dank, das wäre toll.»
Wir gingen hinein, und meine Tante stellte mir ihren Mann Bill und ihre drei Kinder Leon, Naomi und Ron vor. Bill war ein grosser Mann um die vierzig, mit einem freundlichen Gesicht und einer tiefen Stimme. Er war mir sofort sympathisch, und sein Händedruck war kräftig und herzlich. Ich fühlte mich willkommen, und das war ein Gefühl, mit dem ich nicht gerechnet hatte.
Die Augen der Kinder glänzten aufgeregt und neugierig. Ich schätzte Leon auf etwa acht Jahre, Naomi und Ron um die zehn Jahre herum. Leon hatte die Energie seiner Mutter, seine Augen leuchteten, genauso wie ihre, voller Energie. Naomi strahlte eine Ruhe aus, welche auch von Bill aus ging, und Ron, Ron war etwas dazwischen. Sie waren alle aufgeblieben, weil sie mich unbedingt sehen wollten, bevor sie zu Bett gingen. Wir setzten uns um den grossen Eichentisch im Wohnzimmer, und nachdem meine Tante das Essen aufgewärmt hatte, schöpfte sie Liam und mir die Teller voll. Ich hatte riesigen Hunger und ass zwei grosse Portionen Lasagne. Ich hatte die naive Vorstellung gehabt, dass man sich hier nur von getrocknetem Fleisch, Bohnen und Wurzeln ernähre. Das war früher bestimmt so gewesen, doch die Zeiten verändern sich. Ich schämte mich für meine Gedanken, für mein Misstrauen, wie gut, dass niemand Gedanken lesen konnte.
Ich musste von der Reise und von der Schweiz berichten. Doch viel gab es nicht zu erzählen. Die Müdigkeit machte sich ausserdem bemerkbar. Schliesslich war ich seit morgens um sieben Uhr unterwegs. Zuerst von Zürich nach Amsterdam, dann nach Minneapolis und anschliessend nach Rapid City. Der Zeitunterschied betrug acht Stunden. In der Schweiz war es jetzt gegen halb acht Uhr morgens. Ich war seit über 24 Stunden wach, und das ganze Warten, Umsteigen, Fliegen, Autofahren mit all den neuen Eindrücken war mir jetzt zu viel. Ich wünschte allen Gute Nacht, bedankte mich nochmals bei Liam fürs Abholen, und dann folgte ich meiner Tante die Treppe nach oben. Jul führte mich in ein kleines Zimmer auf der Vorderseite des Hauses. Es sah nett aus, und auf dem Nachttischchen stand ein kleiner Blumenstrauss.
«Gute Nacht», sagte meine Tante und ging aus dem Zimmer. Bevor sie die Türe schloss, drehte sie sich um: «Samira?»
«Ja?»
«Ich freue mich, dass du hier bist.»
Ich murmelte so etwas wie: «Ich auch», und legte mich dann samt den Kleidern auf das Bett, wo ich sofort einschlief.

Ich erwachte von den Sonnenstrahlen, die auf meinen Wangen tanzten. Für einen kurzen Moment schien alles vergessen zu sein, alle meine Sorgen und Ängste wie in Luft aufgelöst. Ich betrachtete die kleinen Staubteilchen, die im Sonnenlicht auf und ab schwebten. Dann sah ich mich ratlos in einem fremden Zimmer um. Ich fragte mich, wo ich war. Ich stand verwirrt auf und setzte mich erschöpft auf das Bett zurück, als die Erinnerungen wie ein Gewitter über mich hereinbrachen. Die Ruhe und Zufriedenheit, die ich zuerst verspürt hatte, waren urplötzlich verschwunden. Ich war nicht zu Hause in der Schweiz, ich würde nicht aufstehen und mit meinen Freundinnen nach Spanien in den Urlaub fahren, nein, nichts war normal. Ich war in Pine Ridge, in der Verbannung. Ich ging zum Fenster, zog die schweren, dunklen Vorhänge zu und kroch ins Bett zurück.
Ich musste wohl eingeschlafen sein. Als ich wieder aufwachte und auf die Uhr schaute, war es Nachmittag um halb drei. Nun hatte ich mehr als genug geschlafen, und ich spürte meinen Bauch knurren, ich hatte tierischen Hunger. Ich konnte mich nicht mehr erinnern, wann und was ich zuletzt gegessen hatte. Hastig stand ich auf und zog die Vorhänge beiseite. Ich fühlte mich jetzt deutlich besser als am Morgen, und meine Lebensgeister waren wieder wach. Ich öffnete das Fenster, und eine drückende Hitze kam mir entgegen. Die Luft war stickig und schwer, trotzdem lehnte ich mich aus dem Fenster und schaute mich um. Die Landschaft war trocken, karg und eintönig. Kein Baum, kein grünes Gras. Weit und breit nur Hügel mit vertrocknetem, beige-gelblichem Gras. Das war also die Prärie?! Irgendwie gefiel mir diese Trostlosigkeit. Es passte ganz gut zu meiner momentanen Stimmung. Ich schloss das Fenster und zog meine Kleider aus. Ich fühlte mich schmutzig von der langen Reise, und ging unter die Dusche. Es war herrlich, das warme Wasser über die Schultern prasseln zu lassen, und die steifen Glieder zu dehnen und zu lockern.
Anschliessend schlüpfte ich in Shorts und T-Shirt. Meine nassen Haare band ich zu einem Pferdeschwanz zusammen, etwas Mascara auftragen, die All Stars binden und es konnte losgehen. Ich lief die Treppe hinunter, hielt aber inne, als ich die vielen Bilder an der Wand sah. Ich ging die Stufen neugierig zurück und betrachtete jedes Bild Schritt für Schritt, bis ich im Erdgeschoss angelangt war. Es waren Familienbilder: von den Kindern, von irgendwelchen Zeremonien, und auch von Jul und Bills Hochzeit gab es eine Fotografie.
Das Haus war ganz ruhig und so rief ich zögernd: «Hallo? Jul?»
Als niemand antwortete, ging ich in die Küche. Auf dem Küchentisch fand ich einen Zettel, auf dem mir meine Tante eine Notiz hinterlassen hatte.
Guten Morgen Samira (oder inzwischen Guten Nachmittag?)
Ich hoffe, du hast gut geschlafen und bist nun erholt und munter.
Im Kühlschrank hat es einen Teig für Pancakes, Marmelade, Erdnussbutter usw. Es hat auch noch Spaghetti Bolognese von heute
Mittag. Nimm dir, was du magst …
Ich bin einkaufen gefahren und habe die Kinder mitgenommen.
Bill ist bei den Rindern.
Schau dich etwas um, aber geh nicht zu weit weg vom Hof. Wir sind bald zurück.
Bis später
Deine Tante Jul
PS: Meine Nummer +1 605 459 78 65
Na gut, dann war ich also auf mich allein gestellt. Ich sah mich in der Küche um und entdeckte einen kleinen Radio im Regal. Ich stellte ihn an, und eine Stimme ertönte: «Hallo zusammen! Ich bin wieder zurück! Jetzt kann es weitergehen mit den Musikwünschen von KILI Radio! Ruft an und wünscht euch was! Hier bei eurem KILI Radio! Nun spielen wir The Monsters von Eminem und Rihanna, gewünscht von Loren aus Kyle! Ich wünsche euch viel Spass!»
Aus dem Kühlschrank holte ich den Pancaketeig, erhitzte etwas Butter in der Bratpfanne und fügte eine grosse Portion Teig hinzu. Mein Fuss schlug im Takt der Musik, und bald schnipsten auch meine Finger mit. Als sich Kyra aus Wanblee Happy von Pharell Williams wünschte, drehte ich den Radio auf und tanzte laut mitsingend durch die Küche. Diesen Song musste man einfach lieben!
Ich hatte meinen Pancake ganz vergessen, bis mir ein beissender Geruch in die Nase stieg. Mein Pancake! Scheisse! Schnell flitzte ich zur Pfanne. Es war zu spät. Ich kratzte ihn aus der Bratpfanne, tat nochmals Butter hinein und startete einen neuen Versuch. Nun bewachte ich den Pancake wie einen Goldschatz, und dieses Mal verkohlte er nicht. Nachdem ich es geschafft hatte, mir einigermassen passable Pancakes zu braten, die ich mit viel Marmelade ass, machte ich mich neugierig auf Erkundungstour. Sky hatte mich sofort entdeckt und kam schwanzwedelnd auf mich zu.
Ich wollte früher immer einen Hund haben. Sie sind liebenswerte und treue Gefährten. Meine Eltern waren total dagegen. Ich zitiere, was meine Mutter gesagt hatte: «Ein Hund braucht nur viel Zeit und Futter, und zudem gräbt er Löcher im Garten und zerkratzt den Boden im Haus.» Damit war das Thema erledigt. Ich fand mich irgendwann damit ab, dass wir weder einen Hund noch irgendein anderes Haustier haben würden. Ich kniete auf den Boden und streichelte Sky ausgiebig, dann ging ich Richtung Stall, von wo ich ein Wiehern gehört hatte.
Ich war keine Pferdenärrin, und ich war noch nie geritten. Aber ich mochte diese Tiere mit ihren grossen, klugen Augen und den Ohren, die sie nach vorne und hinten bewegten. Man wusste immer, ob sie zufrieden, aufgeregt, ängstlich oder wild waren. Ganz im Gegensatz zu vielen Menschen, bei denen ich nie den Durchblick hatte, wie es ihnen ging, da ihr Gesicht eine Maske war und sie nicht über ihre Gefühle sprachen oder keine hatten. Ich muss gestehen: Ich hatte auch eine Maske auf. Es war einfacher, die ganzen Gedanken und Gefühle zu verdecken, anstatt offen damit herumzulaufen. Egal, was soll’s, ich zerbrach mir jetzt nicht den Kopf darüber. Ich würde dafür noch mehr als genug Zeit haben.
Ich stand am Koppelzaun und hielt die Hand schützend vor die Augen. Etwas weiter unten bei einer kleinen Buschgruppe standen ein paar Pferde und grasten.
Automatisch dachte ich an meine Schwester Charlotte. Seit sie ein kleines Mädchen war, ritt sie klassisch englisch und hatte schon massenhaft Preise bei Turnieren abgeräumt. Ich konnte nie verstehen, wieso sie ritt, denn ich hatte immer das Gefühl, als würde es ihr keinen Spass machen. Ich ertrug es nicht, wie grob sie mit ihrem Pferd umging. Wie sie ihre Fersen in seinen Bauch schlug, an den Zügeln riss und das Pferd in der erzwungenen Haltung im Kreis trabte. Furchtbar! Sie war nicht die Einzige, die so ritt, praktisch alle, die ich bisher gesehen hatte, sahen das Pferd nicht als ein Individuum mit Herz und Seele, sondern als ersetzbare Turniermaschine. Ich stellte es mir wunderschön vor, auf einem Pferderücken durch die Landschaft getragen zu werden, über Felder zu galoppieren, als würde man fliegen. Bei Charlotte ging es bei allem nur um das Eine: zu gewinnen. Als ihr Springpferd Alexander verletzt war, wurde nicht lange gezögert. Innerhalb von wenigen Tagen war Alexander vergessen, verkauft und das, obwohl sie jahrelang auf ihm geritten war und mit ihm Turniere gewonnen hatte. Alexander war ihr tapferer Begleiter und Freund über Jahre gewesen. Hatte ihre Launen und ihre harten Worte geduldet und sie auf das Podest getragen. Doch dann war er plötzlich nicht mehr von Nutzen und wurde aus dem Weg geschafft. Ich werde nie seine traurigen Augen vergessen, als er von seinem neuen Besitzer in den Pferdeanhänger geführt wurde. Sein Wiehern hatte mir Gänsehaut auf die Arme gejagt.
Von daher hatte ich ein sehr negatives Bild vom klassischen Reitsport. Soviel ich wusste, gab es auch andere Reitweisen und Philosophien rund um das Pferd. Doch wirklich eine Ahnung von Pferden hatte ich nicht. Ich hatte viel indirekt durch meine Schwester in Erfahrung gebracht, weil der Reitsport oft Thema am Familientisch war. Selbstverständlich musste ich auch an die wichtigsten Turniere mitgehen, da sie Familienanlässe waren. Selber zu reiten, hatte ich nie in Betracht gezogen. Ich wollte nicht mit Charlotte konkurrieren. Sie nutzte jede Gelegenheit, mich zu übertrumpfen und wissen zu lassen, sie sei die Beste und ich würde nie besser als sie sein.
Ich vermisste weder meine Schwester noch meine Eltern. Bestimmt nicht! Immerhin etwas Positives an der ganzen Sache: Ich hatte nun ganze zwei, nein, waren es nicht drei Monate, die ich hier sein würde? Egal, auf jeden Fall musste ich sie eine ganze Weile nicht ertragen. Herrlich.
Wieso war ich eigentlich auf der Reise hierher nicht abgehauen? Dann hätte ich mein Schicksal selbst in die Hand nehmen können. Irgendwie war das für mich keine Option. Vielleicht weil ich trotz allem noch einen Hauch Vernunft besitze oder vielleicht auch weil ich Angst hatte. Egal. Nun war ich hier.
Total versunken in meinen trübsinnigen Gedanken, lehnte ich am Koppelzaun und hatte gar nicht bemerkt, wie die Pferde, neugierig geworden, zu mir herübergekommen waren. Ich zuckte überrascht zusammen, als mich eine weiche Nase vorsichtig anstupfte.
«Oh, hallo, meine Liebe. Na, wie heisst denn du? Ich bin Samira.» Ein grosses, braunes Pferd stand vor mir und musterte mich, während seine Ohren hin- und herwackelten. Ich schmunzelte. Es sah zu komisch aus. Das Pferd schnaubte empört, als hätte es meine Gedanken gelesen. Jetzt lachte ich erst recht.
Ich liess mich von den anderen drei Pferden, die gespannt daneben standen, beschnuppern. Zwei von ihnen waren braun, eines hatte vier weisse Fesseln und eine helle Mähne und das andere eine dunkle. Das vierte Pferd war ein Schecke. Sie waren sehr neugierig und stupften mich immer wieder mit ihren weichen Nüstern. Sie hatten kluge, grosse Augen, welche mich wachsam, aber neugierig musterten. Ihr Fell war weich wie Seide und glänzte in der Sonne, als wäre es mit Tausenden Diamanten übersät. Ich strich mit den Fingern über ihr Fell und genoss die Nähe dieser wunderschönen Wesen. Ich hatte keine Angst vor ihnen und fühlte mich ruhig und entspannt.
Irgendwann hatten die vier genug Streicheleinheiten und gingen, um am vertrockneten Grass zu knabbern. Ich beobachtete sie eine Weile, dann suchte ich einen Schattenplatz, denn es war brütend heiss in der Sonne. Schliesslich setzte ich mich auf die Schaukel, die am Baum hing, der neben dem Haus stand. Ich schaukelte leicht hin und her und starrte in die Weite hinaus. Was konnte ich bloss tun? Es war mir eindeutig zu heiss, um meine Erkundungstour fortzusetzen. Ich hatte kein Netz, ich wusste nicht, ob sie hier Wireless hatten, und falls sie hatten, wie das Passwort lautete. Es war niemand da, mit dem ich etwas hätte unternehmen, sprechen oder, was weiss ich, machen können. Na toll, an meinem ersten Tag hier im Reservat wurde ich einfach alleine auf dem Hof gelassen.
Was würde ich die ganze Zeit über hier machen? Ich hatte keine Ahnung und schaute mich verzweifelt um. Nichts als Hügel mit vertrocknetem Gras und noch einer und noch einer … dann der Himmel. Mehr war hier nicht zu sehen. Was fand meine Tante an dieser Landschaft so bezaubernd, um sich hier niederzulassen! Die Trostlosigkeit machte mich traurig. Ich fühlte mich einsam. Was genau hatte mir daran gefallen, als ich aus dem Fenster geschaut hatte? Ich scharrte mürrisch mit den Schuhen auf der vertrockneten Erde. Dann beschloss ich, meine Headphones zu holen und Musik zu hören.

Gegen halb sechs kam meine Tante mit den Kindern zurück. Der Wagen war vollgepackt mit Einkaufstüten, die ich ihr in die Küche tragen half.
Naomi, Leon und Ron begannen auf der Veranda mit kleinen Figürchen zu spielen. Ich kniete mich zu ihnen auf den Boden und fragte: «Was spielt ihr da?»
«Wir spielen mit unseren Holzfiguren. Die hat uns Papa geschnitzt und bemalt.»
Ich betrachtete die Figuren eingehend. Sie waren unglaublich raffiniert und exakt geschnitzt, fein und liebevoll. Mit Farben ganz bunt angemalt und mit Perlen, Fäden und Stoffen verziert. «Die sind wunderschön. Euer Papa ist ja ein richtiger Künstler.»
«Hihi», kicherte Naomi verlegen und fragte: «Findest du? Unser Grossvater, also sein Vater, hat ihm das beigebracht. Das ist ein altes Kunsthandwerk der Oglala-Lakota, weisst du», sagte Naomi stolz. Ron und Leon nickten vielsagend.
«Spielst du mit uns?», fragte Leon und schaute mich hoffnungsvoll aus seinen kleinen Knopfaugen an.
«Vielleicht später. Jetzt muss ich eurer Mama in der Küche helfen.»
«Das ist aber schade.»
«Macht euch keine Sorgen, ich werde noch genügend lange hier sein, um mit euch zu spielen.» Zu lange werde ich noch hier sein, dachte ich im Stillen und wuschelte durch Leons Haare, der überrascht quiekte. Ich lachte, stand auf, griff nach den Einkaufstüten, die ich auf der Veranda abgestellt hatte und ging ins Haus. In der Küche standen weitere Einkaufstüten. Jul hatte begonnen, die Einkäufe auszuräumen und zu verstauen.
«Hier bin ich wieder. Was kann ich tun?»
«Du könntest diese Lebensmittel in den Schrank räumen, und wenn du damit fertig bist, die Kartoffeln schälen, in feine Scheiben schneiden und in die Pfanne legen. Das wäre super.»
«Okay.» Ich war froh, etwas tun zu können. Wir redeten über dies und das. Jul stellte mir keine Fragen weder über die Schule noch über meine Familie. Dafür war ich ihr dankbar. Ich hatte keine Lust, über Zuhause nachzudenken, geschweige darüber zu sprechen.
Beim Abendessen erzählte Bill von der Arbeit mit der Bisonherde. Er hatte vor zwei Jahren begonnen, Bisons zu züchten. Die Bisons wurden in ein kleines Tal getrieben, in dem es grüneres Gras gab. Es war wieder ein sehr trockener Sommer, und Bill musste ständig schauen, dass die Bisons genug zu trinken und zu fressen hatten. Bill erklärte mir, dass sie die Bisons zuerst nicht mit einem Zaun eingesperrt hätten, sondern frei herumwandern liessen wie früher. Nachdem die Herde mehrmals zu weit weg gegangen war, stellten sie einen Zaun auf. Das vereinfachte einerseits die Arbeit, andererseits brauchte es viel Zeit und Geld, um einen stabilen Zaun zu bauen. Das alles war schön und gut, doch interessierte es mich nicht wirklich. Ich hörte halbherzig zu und verzog mich nach dem Abendessen auf mein Zimmer.
Bill hatte das Wireless angeschaltet, und so legte ich mich auf mein Bett, um die Chat-Nachrichten zu lesen. Meine drei besten Freundinnen Lejla, Marie und Shona hatten mir mindestens eine Million Nachrichten geschickt, eine ungeduldiger als die andere. Ich freute mich und begann zurückzuschreiben in unserem Mädelschat.
Hey Mädels! ♡ Hier ist alles io. Meine Tante ist ganz oke und ihre Familie auch. Ich wurde von einem super Typen am Flughafen in Rapid City abgeholt. Er heisst Liam und ist echt cool drauf. So nun habt ihr von mir gehört! Ich lebe noch ☺
Und wie läuft’s so zu Hause? Schon gepackt für Spanien?
Innert wenigen Minuten kam eine Nachricht zurück, Shona war wie immer die Schnellste: Hey Darling ♡ Das tönt gar nicht übel! Schnapp dir diesen Typen ☺ und geniess es einfach! Lass dich auf ein Abenteuer ein! Halloo, du bist in Amerika!! Da können schliesslich Träume wahr werden! Okay?! Lass es krachen!! Und verkriech dich nicht unter deiner Bettdecke!! Vergiss, dass deine Eltern dich dorthin geschickt haben und mach das Beste daraus. Hey, und vergiss Spanien, das wird nicht mal halb so toll, wenn du nicht dabei bist! Vermiss dich ganz fest!
Marie, die immer die Vernünftigste unter uns vieren war, meldete sich: Hör nicht auf Shona!! Du musst schon aufpassen, mit welchen wilden Typen du da rumhängst! Und bau auf keinen Fall irgendeine Scheisse! Hast du verstanden? Reiss dich zusammen und mach nicht noch mehr Ärger.
Ich schüttelte nur den Kopf und lachte, dann antwortete ich: Mädels entspannt euch, okay. Ich werde schon nicht eine Bank ausrauben und mit wildfremden Typen ins Bett steigen! Ich habe ja nur gesagt, er ist total cool. Ich meine, er sieht schon echt gut aus, aber er ist erstens zu gross und zu schlank, und er ist einfach ein netter Kerl, versteht ihr?! Ihr seid ja so was von bescheuert. Er ist überhaupt nicht mein Typ, er wäre absolut dein Typ, Lejla! Er sieht aus wie ein Calvin-Klein-Model!!
Lejla meldete sich: Heyy honey bear ♡ Erstens, meine Liebe, habe ich bereits einen Freund. Aber schick mal ein Foto von diesem Liam ☺ Hahaha … Geniess deine Zeit dort, weit weg von allem!! Entspann dich, erhol dich und finde deine innere Mitte ☺ Das wird bestimmt toll! Lerne neue Leute kennen … mach das Beste draus! Shona hat ganz Recht!! Sieh es als ein Abenteuer und nicht als eine Bestrafung. Ich meine, deine Eltern sind ja nicht da, und deine Tante scheint ziemlich locker drauf zu sein. Von dem her stimme ich Shona absolut zu. Lass es krachen, Süsse!
Immer vernünftig bleiben! Und lass dich ja nicht einlochen!! Die haben da ganz andere Regeln!, meldete sich Marie.
Jajaja, ich bau schon keine Scheisse. Obwohl das mach ich eigentlich immer, aber vielleicht gelingt es mir ja ausnahmsweise einmal vernünftig zu sein, schrieb ich zurück.
Samira!, ich meine es ernst! Ich mache mir Sorgen um dich, schrieb Marie.
Was soll das? Bin ich 9 oder was? Ich kann ganz gut alleine klar kommen. Es bleibt mir hier nicht viel anderes übrig. Ich werde schon aufpassen … viel schlimmer kann mein Leben ja nicht mehr werden. Weisst du was, vielleicht haue ich einfach ab und gehe nach New York.
Samira, es tut mir leid, so habe ich das nicht gemeint. Ich mache mir einfach Sorgen um dich. Pass auf dich auf! Versprich es! Und halte uns auf dem laufendem! Ja?, antwortete Marie.
Jaaa, ist schon okay. Ich weiss zwar nicht, was in diesem Kaff hier passieren soll, aber ich werde euch auf dem Laufenden halten, so wie ihr mich!! Ich gehe jetzt schlafen. Ich schaltete das Handy aus, ohne die Nachricht von meinen Eltern zu lesen, geschweige denn ihnen zu antworten und legte es auf den Nachttisch.
Was denken meine Eltern sich bloss? Ich werde ihnen ganz sicher nicht zurückschreiben. So schnell werde ich ihnen nicht verzeihen. Obwohl, vielleicht haben die Mädels ja wirklich Recht und ich sollte diesen Aufenthalt nicht als Bestrafung, sondern als Abenteuer sehen. Im Moment war ich wütend und deprimiert.
Ich wusste, ich konnte mich nicht ewig in meinem Zimmer verkriechen, ich würde mir selber auf die Nerven gehen, und irgendwann würde mich die Neugier packen. Dafür war ich ein viel zu vorwitziger Mensch. Aber jetzt war ich wütend, wollte wütend sein, und ich wollte nicht positiv nach vorne sehen. Das war natürlich total idiotisch, und ich machte mir so selber die Laune zur Sau und das Leben schwer.
Ich begann meine Sachen auszupacken. Ich hatte zu viele Kleider dabei und fand kaum Platz im Schrank. Ich pinnte ein paar Fotos von meinen Freunden und meine Lieblingsschüsse an die Wand. Meine Spiegelreflexkamera war ein älteres Modell, aber genau deswegen mochte ich sie so sehr. Morgen werde ich auf Fototour gehen, beschloss ich. Ich stellte ein Foto von mir mit meinen Freundinnen, das ich in einem Rahmen mitgenommen hatte, auf den Nachttisch. Es war vom letzten Sommer in Nizza. Es war der beste Sommer überhaupt gewesen. Strand, Sommer, Sonne, Mädels, Partys, heisse Jungs, … es war genial! Ich war total versunken in meinen Erinnerungen, als es an meiner Türe klopfte. Ich drehte mich erschrocken um: «Ja?»
«Ich bin es: Jul.»
«Komm herein.»
Meine Tante trat in mein Zimmer und schaute sich um. Es herrschte ein gewaltiges Chaos. Sie schmunzelte und meinte: «Em, Samira, ich wollte mit dir noch deinen Tagesablauf besprechen. Ich meine, du bist ja nicht hier, um Ferien zu machen, sondern um uns zu unterstützen.»
«Ja?», fragte ich skeptisch, denn ich ahnte Schlimmes.
«Keine Sorge, Samira, es ist halb so schlimm. Ich werde von dir nicht verlangen, jeden Morgen um fünf Uhr aufzustehen, um die Pferde zu füttern, aber wir sind alle froh um zwei Hände mehr. Wir sind nicht in der Schweiz, hier ist alles anders, hier muss man hart arbeiten, wenn man über die Runden kommen will. Uns geht es sehr gut dank meiner Festanstellung an der High School und unseren Bisons. Bill leitet eine kleine Handwerkergruppe, die im Reservat, aber auch ausserhalb Aufträge erledigt.»
«Jaja, ich verstehe, was du meinst. Also, was muss ich tun?»
«Ich dachte mir, wir schauen Tag für Tag, was es zu tun gibt. Das ist am einfachsten. Grundsätzlich ist Bill mit dem Truck unterwegs, um Aufträge auszuführen. Ab und zu muss er nach den Bisons sehen. Da im Moment Ferien sind, arbeite ich nicht, und die Kinder gehen nicht zur Schule, somit ist es nicht so stressig.»
«Okay», erwiderte ich ungeduldig. Hier ist das Leben anders als zu Hause, das muss man mir nicht erklären. Kann sie nicht auf den Punkt kommen und geradeheraus sagen, was ich machen muss?
«Morgen früh muss man dringend den Garten pflegen. Beginnen wir um halb sieben, dann ist es noch nicht zu heiss. Okay?»
«Ja, das ist gut.»
«Super, vielen Dank!»
Ich wendete mich ab und nahm noch mehr Aufnahmen aus meiner Mappe, die ich an die Wand pinnen wollte. Jul wendete sich interessiert zu mir: «Kann ich mal sehen?»
«Ja, klar», antwortete ich und zeigte ihr die Bilder.
Sie war begeistert und meinte, ich hätte grosses Talent. Naja, das hatten mir schon viele gesagt, nur meine Eltern nicht, und genau von ihnen hätte ich gehofft, dass sie stolz auf mich wären.
Jul hob mit einer Hand mein Gesicht und meinte: «Samira, sei nicht traurig, ja? Du bist eine wunderbare, junge Frau, und du hast wirklich Talent, das sind richtig gute Fotos!»
Nach kurzem Zögern fuhr sie weiter: «Weisst du, ich bin nicht ohne Grund von zu Hause weggegangen. Ich hielt es zu Hause nicht mehr aus, und da ich eine Rebellin war, im Gegensatz zu deiner Mutter, packte ich meine sieben Sachen und machte einen Trip quer durch die USA und blieb hier hängen. Ich habe es noch keinen einzigen Tag bereut. Du kannst jetzt bestimmt nicht verstehen, was an diesem Land so besonders sein soll. Aber ich bin mir sicher, eines Tages wirst du das verstehen. Die Zeit wird wie im Flug vorbeigehen, glaub mir, und etwas Abstand von deiner Familie schadet bestimmt nicht.»
«Nein. Aber es ist unfair, dass sie mich hierhergeschickt haben. Wieso hast du bloss Ja gesagt?»
«Ach, Samira. Es tut mir leid, glaub mir. Ich kann mir sehr gut vorstellen, wie deine Mutter sein kann, aber sie liebt dich, vergiss das nicht. Deine Eltern wollen nur das Beste für dich.»
«Nur das Beste für mich? Soll das ein Scherz sein?»
«Lass dir etwas Zeit, sei bereit zu vergeben und offen für Neues. Sonst machst du dir das Leben selber schwer.»
«Du klingst schon fast wie meine Mutter», sagte ich mürrisch, doch meine Tante liess sich nicht provozieren.
«Lass dir Zeit. Das kommt schon wieder gut.»
«Hmm … natürlich», erwiderte ich sarkastisch und dachte: Wieso belehrst du mich, wenn du es selber nicht besser kannst? Ich soll bereit sein zu vergeben und mich versöhnen. Wer ist von zu Hause weggelaufen und hat seither kaum mehr mit seiner eigenen Familie geredet?
Jul erwiderte, als wüsste sie, was ich gerade gedacht hatte: «Ich weiss, ich muss nichts sagen, weil ich es selbst nicht auf die Reihe bekam. Aber ich will, dass du nicht denselben Fehler machst wie ich. Familie bleibt Familie. Glaub mir.»
Ich schaute betrübt zu Boden und wollte alleine sein. Jul stand unschlüssig neben mir. Schliesslich umarmte sie mich herzlich. Zuerst sträubte ich mich dagegen, dann liess ich mich von ihr drücken, und es war ganz in Ordnung.
«Morgen ist ein neuer Tag», sagte Jul optimistisch.
Ich schaute sie an und stellte überrascht fest: «Du hast ja grüne Augen! Nicht so krass wie ich, aber auch grün.» Ich hatte das bisher nicht bemerkt.
«Ja, das habe ich. Du hast die schönsten Augen, die ich je gesehen habe.»
«Wie man es sieht.»
«Gefallen dir deine Augen nicht?»
«Es geht. Sie fallen immer und überall auf, und die Reaktionen mancher Menschen sind komisch. Manche können mir fast nicht in die Augen schauen, sie finden es gruselig, andere erschrecken, wenn ich sie direkt anschaue.»
«Ich finde deine Augen schön. Sie haben eine besondere Kraft und Ausstrahlung.»
«Danke. Es wäre manchmal viel einfacher, nicht immer und überall aufzufallen und ganz normale braune Augen zu haben.»
«Du kannst wirklich zufrieden sein mit dir, genau so, wie du bist.»
«Aber …»
«Da gibt es kein Aber! Niemand ist perfekt. Wenn man akzeptieren kann, was ist, und nicht immer nur das sieht, was einem nicht gefällt, ist man viel glücklicher. Verstehst du? Denk mal darüber nach.» Jul drückte meine Hand: «Ich lasse dich jetzt alleine, schlaf gut und bis morgen früh! Und verschlaf mir nicht!»
«Jaja, gute Nacht.»
Jul war schon aus dem Zimmer und wollte gerade die Türe schliessen, da sagte ich: «Jul?»
Sie steckte den Kopf herein und schaute mich erwartungsvoll an.
«Danke!»
Sie fragte nicht wofür, sondern lächelte und schloss die Tür.
Ich hängte die restlichen Fotografien auf und verstaute meinen Kram. Irgendwie fühlte ich mich ganz gut. Ich hatte das Gefühl, Jul verstehe mich. Das zu wissen, beruhigte mich und gab mir Kraft.
Ich schaute überrascht in den Spiegel über der Kommode. Ich betrachtete mein Spiegelbild und dachte an Juls Worte. Momentan war ich ganz zufrieden mit meinem Aussehen, aber mit mir im Ganzen? Das Aussehen ist nur ein Teil von mir, der viel grössere ist in mir drin, und dort herrscht ein Riesenchaos. Ich seufzte, nahm meine Zigarettenpackung und kletterte aus dem Fenster auf das Verandadach. Ich setzte mich, lehnte mit dem Rücken gegen die Hauswand und zündete mir eine Zigarette an. Ich schmunzelte, als ich mich an die Diskussion mit Liam erinnerte. Naja, was soll’s. Ich wusste genau, es wäre besser, wenn ich nicht rauchte, doch ich liebte dieses Ritual. Ich rauchte jeden Tag drei Zigaretten. Wenn ich Stress hatte waren es mehr. Das gab ich zu. Ich hatte mir diese Grenze gesetzt, die ich meistens einhielt. Und so konnte ich mich jeden Tag auf drei Zigaretten freuen und sie in vollen Zügen geniessen. Zu viele junge Leute rauchten heutzutage, und ich gehörte dazu. Es war nicht gesund, es konnte Krebs verursachen, doch daran dachte man nicht, wenn man es tat. Wieso auch? Man konnte auch krank werden oder sterben, wenn man gesund lebte. Das Leben war unberechenbar. Das wusste ich. Also wieso sollte ich auf diese kleine Freude verzichten?
Ich legte mich auf den Rücken und betrachtete den Himmel. Ich hatte noch nie so viele Sterne gesehen. In Zürich konnte man die Sterne meist nicht gut sehen, und hier glitzerte der ganze Himmel. Es sah wunderschön aus. Ich dachte lange nach, was hier noch anders war, und plötzlich wurde es mir bewusst: die Stille. Man hörte nichts, kein Rauschen des Verkehrs, keine Fernseher oder Radios, die laut aufgedreht waren, keine lärmenden Nachbarn. Es war ganz still. Als wäre die Zeit stehen geblieben.

Am nächsten Morgen um Viertel nach sechs klingelte mein Wecker. Ich drehte mich auf die andere Seite, drückte das Kopfkissen an meine Ohren und wünschte mir, dass es nicht schon Morgen wäre. Ich überwand mich, schlug die Bettdecke zurück, setzte mich auf, stellte den Wecker mürrisch ab und zog mich an. In den Socken, mit den Schuhen in der Hand, schlich ich leise nach unten, um die Kinder nicht zu wecken. Jul stand bereits in der Küche und kochte Kaffee, es duftete herrlich. Nichts ging über einen guten Kaffee und danach eine Zigarette. Ich trank meinen Kaffee, Schluck für Schluck, und ging dann nach draussen, um eine zu rauchen. Erstaunlicherweise hatte Jul nichts gegen das Rauchen gesagt, oder vielleicht noch nicht?! Ich setzte mich auf die Bank auf der Veranda und schaute zu, wie die Sonne am Horizont erschien und immer grösser wurde. Dann gingen wir in den Garten.
Eineinhalb Stunden lang befreiten wir die Beete von Unkraut, gossen die Pflanzen und flickten den Gartenzaun. Dann standen die Kinder auf, und Jul schickte mich ins Haus, um mit ihnen zu frühstücken. Naomi zeigte mir, wie man Pancakes zubereitete. Die Pancakes, die ich am Tag zuvor gemacht hatte, waren nicht halb so gut wie ihre. Naja, was soll’s! Ich ass mit den Kindern, räumte die Küche auf und ging anschliessend mit ihnen nach draussen, um zu spielen. Ich mochte die Kinder sehr. Sie waren überhaupt nicht scheu und fragten und erzählten, wie es nur Kinder machen. Diese offene und direkte Art, ihre unverblümte Neugierde und ihre Phantasien – genau das vermisste ich bei den Erwachsenen. Es ging irgendwann zwischen Kindheit, Jugend und Erwachsenwerden verloren.
Wir spielten mit den Holzfigürchen, hatten Spass am Verstecken und Fangen. Anschliessend kramten Ron und Leon ihre Spielzeugautos hervor, und ich frisierte mit Naomi ihre Puppen. Nach dem Mittagessen brauchte ich meine Ruhe und zog mich in mein Zimmer zurück.
Meine gute Laune war verflogen. Ich brauchte eine Pause von den Kindern, doch was sollte ich nun tun? Ich hatte keine Idee. Ich versuchte mir vorzustellen, was ich zu Hause machen würde. Das nützte mir nichts. Denn alles, was mir in den Sinn kam, konnte ich hier nicht machen. Ich ärgerte mich immer mehr. Ich hasste es, herumzuhängen und mich zu langweilen. Je länger ich darüber nachdachte, was ich machen könnte, desto wütender wurde ich. Da klopfte es an meiner Zimmertüre, und Bills raue Stimme ertönte: «Samira? Ich muss nach Kyle fahren, um ein paar Dinge zu erledigen … wenn du willst, kannst du mitkommen. Dann siehst du etwas vom Reservat.»
Schon war ich aus dem Bett gesprungen, schnappte meine Tasche und riss die Zimmertür auf: «Bin bereit, es kann losgehen!» Bill schaute mich verblüfft an: «Na, dann lass uns gehen.»
Jul und Bill hatten zwei Autos, einen Jeep und einen Pick-up mit einer grossen Ladefläche, auf den wir zusteuerten. Ich nahm an, Bill brauchte ihn für seine Arbeit, um Material zu transportieren.
Neugierig schaute ich aus dem Fenster und betrachtete die Landschaft. Jul wohnte mit ihrer Familie in einem kleinen Tal an den Ausläufern eines Hügels. Als wir um den Hügel herumbogen, konnte ich mehrere Häuser oder, besser gesagt, Fertighäuser aus Plastik sehen. Die sogenannten Trailers standen verstreut, wie kleine Bauklötzchen, die irgendwo hingeworfen worden waren, in der Landschaft. Wir fuhren an dem ersten Trailer vorbei: Er sah sehr heruntergekommen und schmuddelig aus. Nach weiteren zehn Minuten bogen wir auf eine Schotterstrasse ein. Die Landschaft um uns herum war karg und trocken. Vereinzelte Grasbüschel und sonst nichts. Trostlos. Wir fuhren eine halbe Stunde oder mehr. Es kam mir endlos vor.
Inzwischen fuhren wir auf einer Asphaltstrasse. Plötzlich tauchten links und rechts von der Strasse Häuser auf, und kurz darauf waren wir in Kyle. Bill erzählte mir, Kyle sei die nächste grössere Stadt. Es gab zwei Tankstellen, eine davon hatte einen Lebensmittelladen, ein Kulturzentrum mit dem Kyle Food Stop Café, eine Kirche, die Little Wound School, was so viel wie Büffelkopfschule bedeutet, und eine Menge ziemlich heruntergekommener Wohnhäuser. Überall an den Strassenrändern und neben den Häusern stapelten sich Müll, Autowracks und einfach alles, was die Leute nicht mehr brauchten. Wie konnte man zwischen all diesem Schrott leben? Einmal mehr schien es mir, als könnte Bill meine Gedanken lesen: «Für uns Indianer haben Dinge wie Autos, Möbel oder elektronische Geräte keinen Wert. Besitz hat keinen Wert und das hat zur Folge, dass viele den Sachen keine Sorge tragen.»
«Das kann ich ja einigermassen verstehen. Aber es kann doch nicht sein, dass man alles liegen lässt. Ich dachte immer, für euch Indianer sei die Natur euer Ein und Alles!»
«Das stimmt. Die Mutter Erde ist uns heilig.»
«Warum verschmutzt ihr sie denn, wenn sie euch heilig ist?»
«Ich weiss es nicht. Ich gebe mir alle Mühe, es nicht zu tun. Die Zeiten haben sich geändert. Viele haben die alten Werte vergessen und leben ganz nach dem Motto Nummer eins in den USA: verbrauchen. Und auf der anderen Seite hat sich hier im Reservat in den letzten Jahren nicht viel getan. Die Entsorgung ist zum Beispiel sehr schlecht organisiert oder existiert gar nicht.»
«Wovon leben die Menschen hier? Gibt es Jobs?»
«Das ist das grosse Problem! Die Arbeitslosenquote liegt bei fünfundachtzig Prozent!»
«Fünfundachtzig Prozent?»
«Ja! Das ist eine unglaubliche Zahl.»
Ich schluckte leer. Das war mir unvorstellbar.
«Es gibt hier keine Arbeit, es gibt keine Industrie, das Land ist unfruchtbar und zum Teil durch Chemikalienentsorgungen der Regierung verseucht. Wer Land besitzt, verpachtet es an Grossunternehmen der weissen Farmer.»
«Gibt es so etwas wie Sozialhilfe?»
«Ja. Dazu kommen Lebensmittelmarken für Kinder.»
«Dann gehört ihr, also du und Jul, sozusagen zu den Wohlhabenden?»
«Wenn du es so formulieren willst.»
«Wie würdest du es sagen?»
«Auch wenn es hier viele Steine im Weg hat, würde ich behaupten, man kann es auch hier zu etwas bringen. Mit viel Geduld und dem Glauben, dass man etwas erreichen kann. Viele haben die Hoffnung auf Verbesserung unserer Lebensumstände aufgegeben, aber von alleine wird sich nichts ändern.»
«Hmm … die Energie, die man ausstrahlt, kommt zurück, sei es negativ oder positiv!»
«So ist es.»
Wir hielten an der Tankstelle, und Bill tankte den Wagen. Etwas ausserhalb der Stadt bogen wir auf einen Feldweg ein, der zu einer kleinen Siedlung auf einer Anhöhe führte. Bill hielt den Pick-up vor einem kleinen Haus an, das mit einem Gerüst umstellt war. Zwei junge Männer waren dabei, das Gerüst zu demontieren und auf einen alten Truck zu laden. Bill stieg aus und winkte mir. Ich folgte ihm. Er grüsste die zwei Männern und ging die Holztreppe zur Veranda hinauf. Die beiden musterten mich. Sie sagten etwas in einer mir fremden Sprache und lachten. Es musste Lakota sein, die Sprache der Lakotaindianer. Ich hob die Augenbrauen und schaute sie fragend an.
Sie lachten noch mehr, und so sprang ich die Treppe hinauf zu Bill, der vor der Haustüre stand.
«Was haben die gesagt? Was war so unglaublich lustig?», wollte ich von Bill wissen, doch er schüttelte den Kopf: «Mach dir nichts draus.»
«Ich will es aber wissen.»
«Na gut. Es gibt da eine alte Geschichte über eine Frau, die überirdisch schön war und in den Tiefen des Waldes im Norden lebte. Höchstselten wurde sie gesehen, denn sie war sehr geschickt und schnell. Viele junge Männer versuchten, sie zu finden und um ihre Liebe zu kämpfen. Aber sie hatte ein kaltes Herz und brachte alle um. Ein Blick mit ihren tief grünen Augen genügte, und die Männer starben unter höllischen Schmerzen und zerfielen in Tausende von Blättern, die der Wind davon trug.»
«Okay, und an das glaubt ihr? Das ist nicht dein Ernst?»
«Es ist eine alte Geschichte, die man sich gerne erzählt.»
«Suuper, und jetzt haben alle das Gefühl, ich sei diese grausame, wilde Frau, nur weil ich grüne Augen habe?»
Er lachte: «Nein, natürlich nicht. Mach dir nichts aus diesen zwei Witzbolden.»
Ich verzog den Mund und drehte mich überrascht um, als plötzlich eine ältere Frau die Türe öffnete. Sie begrüsste Bill, und schaute mich freudig überrascht an und meinte: «Oh, hallo meine Liebe, du bist wohl die Nichte aus der Schweiz.»
Ich schaute sie ebenfalls überrascht an und sagte: «Ja, die bin ich. Woher wissen Sie das, Mam?»
Sie und Bill lachten. «Kindchen, hier wissen immer alle sofort den neusten Klatsch.»
Na toll, dachte ich, was wussten sie wohl alles über mich?
Sie führte uns in die Küche. Wir setzten uns an den Küchentisch. Sie schenkte uns Kaffee ein und setzte sich zu uns. Ich schaute sie fragend an, und sie meinte: «Wenn hier mal etwas Spannendes passiert, wissen es sofort alle, darauf kannst du zählen! Und übrigens, Samira, du kannst mich Aaliyah nennen! Ich bin die Mutter von Bill.»
Jetzt, wo sie es sagte, erkannte ich die Ähnlichkeit: Sie hatten dieselben Augen. Wieso war ich nicht vorher draufgekommen?
Bill und Aaliyah besprachen ein paar Dinge, dann verabschiedeten wir uns und fuhren zurück auf die Asphaltstrasse. Wir fuhren etwa zwei Meilen Richtung Norden, bevor wir wieder auf einen kleinen Feldweg einbogen. Nach kurzer Zeit erreichten wir einen alten Schuppen. Zwei Trucks standen davor, und Bill parkte daneben. Dieses Mal blieb ich im Wagen und kramte meine Headphones aus meiner Tasche. Nach einer halben Stunde kam Bill zurück. Er hatte die Ladefläche des Trucks mit Holzlatten und anderen Baumaterialien beladen.
Ich bereute es langsam, mitgegangen zu sein, denn ich fragte mich, was ich hier sollte. Zusehen, wie er mit seiner Mutter Kaffee trinkt und wie er Holzlatten auflädt? Und was nützte es mir, wenn ich wusste, Kyle ist die nächste grössere Stadt, wenn es dort nicht einmal ein Kino, ein Shoppingcenter oder sonstige Freizeitangebote gab? Bill hatte bemerkt, dass ich mich langweilte, und sagte: «Sorry, das hat etwas länger gedauert, als ich dachte. Aber jetzt fahren wir zu meinem Bruder Jim, Liam ist sein Sohn.»
«Oh, okay.» Mein Interesse war geweckt. Liam war also der Cousin von Naomi, Ron und Leon. Das hatte er mir nicht erzählt. Dann war er auch irgendwie mein Cousin, oder etwa nicht? Auf jeden Fall freute ich mich auf ein Wiedersehen mit Liam. Ich mochte ihn sehr und hoffte, er würde mir die Zeit hier etwas erträglicher machen.
Ich schaute aus dem Fenster. Überall entlang der Strasse lagen Dosen und zersplitterte Glasflaschen. Da fiel mir ein farbiger Fleck nahe der Fahrbahn auf, und ich kniff die Augen zusammen, um ihn besser zu sehen. Als wir schon fast vorbeigefahren waren, erkannte ich, was es war: ein geschmücktes kleines Kreuz. Während unserer kurzen Fahrt auf dem Highway sah ich noch zwei weitere Kreuze.
«Bill?»
«Ja?»
«Hier gibt es wohl viele Unfälle?»
«Meinst du wegen den Kreuzen am Wegrand?»
«Ja.»
«Hmm … Hast du auch die vielen Flaschen bemerkt?»
«Ja.»
«Der Alkoholkonsum ist ein grosses Problem, dazu kommt die hohe Selbstmordrate, gerade unter Jugendlichen.»
Mir lief ein Schauer über den Rücken, und ich versuchte, die Bilder in meinem Kopf zu vertreiben. Schweigend fuhren wir weiter. Irgendwann erreichten wir eine Schotterstrasse. Bill hielt den Pick-up an und stieg aus. Ich schaute zu, wie er um das Auto herumging und die Beifahrertür öffnete: «Rutsch rüber! Du kannst jetzt weiterfahren.»
Ich schaute ihn wohl ziemlich verdattert an, denn er lachte. «Du weisst schon, dass ich nicht Autofahren kann?», erwiderte ich stirnrunzelnd.
«Ja klar, darum sollst du es nun lernen, denn ohne Auto ist man hier aufgeschmissen.»
Aufgeregt rutschte ich auf den Fahrersitz. Bill erklärte mir, wie ich den Pick-up zu handhaben hatte, dann lehnte er sich zurück und wartete gespannt, dass ich losfuhr. Ich startete den Motor, hob den Fuss von der Bremse und der Wagen rollte los. Ich war unsicher am Anfang, doch mit der Zeit ging es immer besser, und es machte richtig Spass. Ich war noch nie am Steuer eines Autos gesessen. Ich fuhr einen Pick-up durch die Prärie. Ich schmunzelte. Das war cool.
Wir hielten vor einem neuen Holzhaus, in dem Liam mit seiner Familie wohnte. Ich erkannte dahinter eine Koppel mit Pferden und einen Schuppen. Wir stiegen aus, und ein Hund kam schwanzwedelnd unter der Veranda hervor. Er kläffte mich kurz an, hörte aber auf, als ich in die Hocke ging und ihn meine Hände beschnuppern liess.
Da ging auch schon die Tür auf und eine kräftige Frau um die Vierzig kam heraus. Sie hiess Amelie und war Bills Schwägerin. Sie begrüsste mich herzlich und führte uns ins Haus. Im Wohnzimmer waren zwei Mädchen dabei, zwei helle Hemden mit Perlen zu besticken. Als sie uns sahen, blickten sie neugierig auf und stellten sich als Eboney und Ayana vor. Sie waren Liams jüngere Schwestern. Bill ging mit Amelie in die Küche, und ich setzte mich zu den Mädchen.
Eboney fragte mich: «Weisst du, was ein Powwow ist? Wahrscheinlich nicht, oder?»
«Ich habe schon davon gehört. Ist das ein Tanzfest?»
«Ja. Ein Powwow ist ein Musik- und Tanzfest der Indianer. Für die Weissen sind die Powwows heute in erster Linie ein Abbild der traditionellen Lebensweise der Ureinwohner, der nordamerikanischen Indianer. Für uns bedeuten die Powwows viel mehr. Die Zeremonie des Einzugs in die Tanzarena ist heilig, und beim anschliessenden Tanzen ehrt man die verstorbenen Krieger und Führer unseres Volkes. Solche Feste sind wichtig für uns Indianer. Wir können so unsere Traditionen weiterleben und sie stärken.»
Ayana nickte und hob ihr Hemd hoch: «Schau, wir sind seit Monaten daran, unsere Kleider zu nähen, mit Perlen zu besticken und mit Federn zu verzieren!»
Ich war beeindruckt von diesen wunderschönen Kleidern, die sie selbst genäht hatten. «Eure Kleider sind wunderschön! Vielleicht kann ich ja auch kommen zu diesem Powwow … Jul und Bill gehen bestimmt.»
«Ja klar, sie kommen auch. Bill wird als Tänzer teilnehmen wie jedes Jahr.»
«Genauso wie ich!», sagte plötzlich eine Stimme hinter mir, und ich drehte mich um. Liam lehnte im Türrahmen und grinste mich an. Ich lachte freudig zurück. Sein Grinsen war der Hammer: Er sah aus wie ein zu gross geratener Kobold.
Liam fragte: «Willst du mein Kleid sehen?»
«Ja, gern.»
«Na, dann komm!»
Ich folgte Liam, der am Ende des Gangs eine Tür öffnete. Wir traten in ein kleines Zimmer. Es hatte ein Fenster, davor stand ein Schreibtisch mit einem Stuhl, an der Wand neben der Türe ein Bett, daneben ein Regal, das mit Büchern vollgestopft war. Auf der anderen Seite war ein Kleiderschrank.
«Ist das dein Zimmer?», fragte ich überflüssigerweise, und er nickte.
Er öffnete den Kleiderschrank und nahm vorsichtig ein wunderschön verziertes Hemd hervor. Es war anders als die Kleider seiner Schwestern. Es war sehr bunt mit vielen farbigen Zotteln und Fäden verziert.
«Gefällt es dir? Ich habe den ganzen Winter dran gearbeitet.»
«Es sieht verrückt aus», sagte ich fasziniert.
Er schaute mich etwas enttäuscht an, und ich fügte schnell hinzu: «Verrückt im Sinn von unglaublich, es ist der Hammer! Du wirst bestimmt toll darin aussehen und erst recht, wenn du tanzt.»
Er strahlte mich mit seinem typischen Grinsen an: «Tja, dann musst du wohl kommen und mir zusehen!»
«Ja, das muss ich wohl machen. Schliesslich bist du mein FastCousin.»
«Ja, könnte man so sagen. Fast-Cousine … das tönt ziemlich cool!»
«Nein, sind wir ehrlich, es tönt absolut beschissen! Lassen wir das lieber!»
«Okay.»
Ich setzte mich auf seinen Stuhl und sah mich etwas genauer im Zimmer um. «Du liest viel.»
«Meine Hauptbeschäftigung im Winter.»
«Ist es sehr kalt im Winter?»
«Ja. Wenn man ein Haus hat, das gut isoliert ist und genügend Brennholz für den Ofen hat, ist es kein Problem. Aber es gibt jedes Jahr Leute, die es nicht über den Winter schaffen.»
Ich konnte mir das nicht vorstellen. In der Schweiz starb man, wenn man eine unheilbare Krankheit wie Krebs oder einen Unfall hatte. Hier starben Menschen, weil sie nicht genügend Geld für Brennholz hatten und deshalb erfroren. Das war krass. Ich wollte nicht länger darüber nachdenken, und fragte Liam, was ich ihn schon lange fragen wollte: «Was machst du den ganzen Tag? Du hast jetzt Ferien, oder?»
«Ja, so könnte man es nennen.»
«Was kann man hier überhaupt machen? Gibt es hier irgendwelche Clubs oder Bars? Wie weit weg ist die nächste grössere Stadt? Also ich meine grösser als Kyle, ich meine eine richtige Stadt …»
Er sass auf seinem Bett und schaute mich stirnrunzelnd an. «Naja, man kann eine Menge machen: reiten, baden, campen, grillieren, lesen … im Reservat bestand bis vor einem Jahr Alkoholverbot, darum gibt es keine Clubs oder Bars.»
«Moment einmal! Ihr hattet hier ein Gesetz, das den Alkoholkonsum verbot?»
«Genau. Aber wirklich viel hat es nicht genützt. Denn es gab viele Möglichkeiten, trotzdem an Alkohol zu kommen. Leider.»
«Und wieso wurde es aufgehoben?»
«Frag mich nicht! Die Aufhebung hat das Alkoholproblem auch nicht gelöst. Jetzt ist es legal, und wieso sollte man nun aufhören, zu trinken? Es gibt viele, die ihre Sozialhilfebeiträge versaufen und total abhängig werden vom Alkohol. Obwohl ihre Familien zu Hause kaum etwas zu essen haben, geschweige denn Feuerholz für den Winter, warme Kleider, Spielsachen oder Geschenke für die Kinder. Der Alkohol zerstört die Chance für eine Zukunft, für ein einigermassen normales Leben. Viele Weisse sehen deswegen in uns Indianern nur ein faules, versoffenes Pack.»
Er war immer wütender geworden. Ich hatte offensichtlich einen wunden Punkt getroffen. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Ich kam mir total unwissend vor. Eigentlich dachte ich, dass ich mit Liam gut auskam. Nun war ich mir nicht mehr so sicher. Wir kamen aus zwei völlig verschiedenen Welten und hatten womöglich keinerlei Verständnis für diejenige des anderen. Ich hatte keine Ahnung vom Leben im Reservat. Ich wollte nicht hier sein. Ich wollte zurück in die Schweiz. Verdammt.
«Ich hatte keine Ahnung. Ich weiss nicht, wie das Leben hier ist. Ich wollte nur wissen … ich dachte … ach, vergiss es einfach!» Ich stand auf und ging aus dem Zimmer, ich hörte wie Liam aufsprang und meinen Namen rief. Doch ich wollte nur noch raus. Ich sprang die Treppe von der Veranda hinunter und schaute mich um. Wo sollte ich hin? Den Weg nach Hause kannte ich nicht. Auf gut Glück drauflos laufen war keine Option. Ich hatte Angst mich zu verlaufen, und wer wusste schon wie Indianer auf ein junges weisses Mädchen reagierten, das alleine durch die Gegend irrte?
Schliesslich ging ich zur Pferdekoppel. Dort standen vier Pferde und hoben neugierig ihre Köpfe, als ich mich an den Zaun lehnte. Sie kamen alle und beschnupperten mich. Ich strich über ihr weiches Fell und schlüpfte schliesslich zwischen den Holzlatten hindurch, um sie besser kraulen und streicheln zu können. Zwei Stuten hatten einen kugelrunden Bauch, und ich nahm an, sie seien trächtig. Ich setzte mich auf den harten Boden und sah den Pferden zu, wie sie an dem vertrockneten Gras herumknabberten oder einfach da standen und die letzten Sonnenstrahlen genossen. Der grössere Schecke hatte das Sagen über die kleine Herde. Denn er blickte immer wieder wachsam in die Gegend. Als die Pferde kurz den Kopf hoben, um dann ruhig weiterzugrasen, drehte ich mich um. Liam kam auf mich zu. Ich hatte ihn nicht bemerkt und staunte über das Gehör der Pferde. Liam schwang sich mit einem geschmeidigen Sprung über den Zaun und liess sich im Schneidersitz neben mir zu Boden.
«Samira, es tut mir leid. Ich weiss, du wolltest nur wissen, was im Res so läuft. Beim Thema Alkohol drehe ich immer ein wenig durch. Ich wollte dich nicht belehren. Du kommst aus der Schweiz, du kennst das Leben hier nicht. Ich habe meine Wurzeln hier im Res, und ich kenne dein Leben nicht.»
«Ist schon okay. Du musst dich nicht entschuldigen. Weisst du, ich fühle mich einfach allein und verloren. Ich kenne niemanden, und ich habe keinen blassen Schimmer, wie das Leben hier ist. Ich vermisse mein Leben, das ich kannte und liebte!»
Er dachte eine Weile nach, dann sagt er: «Weisst du was, ich werde ein paar Freunde zusammentrommeln, und dann werden wir morgen Abend zusammen ein Feuer machen. Ich werde sie dir vorstellen, dann wirst du bald ein paar Leute mehr kennen. Das Leben hier ist anders als deines in der Schweiz, aber es ist nicht alles schlecht. Ich werde es dir zeigen, wenn du willst.»
«Das wäre toll! Ich würde gerne deine Freunde kennenlernen, und ja, ich würde gerne dein Leben kennenlernen. Ich will einfach nicht herumhängen und mich zu Tode langweilen. Ich will das Beste aus meiner Zeit hier machen.»
«Los, komm, ich bringe dich nach Hause!», sagte Liam und sprang auf die Füsse. Ich streckte ihm meine Hände hin, und er zog mich hoch.
«Hol deine Tasche und sag Bill Bescheid, ich werde bis dann bereit sein.»
Ich lief zum Haus zurück, und als ich wieder auf die Veranda hinaustrat, blieb ich überrascht stehen. Ich weiss auch nicht, was ich gedacht hatte. Aber sicher nicht an das, was mich vor dem Haus erwartete: Liam sass auf dem grossen Schecken und grinste mich amüsiert an, als er mein verwundertes Gesicht sah.
«Das ist jetzt nicht dein Ernst? Ich kann nicht reiten! Ich bin noch nie geritten!»
«Na los, nur keine Angst! Ich kann reiten, ich werde dich halten, und du musst nur die Bewegungen von Heyoka mitmachen», sagte Liam seelenruhig und zwinkerte mir zu.
Ich lachte: «Denkst du etwa ich habe Angst?» Ich lief zu ihm, er schwang sich vom Pferd, verschränkte die Hände zu einer Räuberleiter und eins, zwei, drei, schon sass ich auf dem Pferderücken. Mit einem Satz schwang sich Liam vom Boden auf das Pferd und sass hinter mir. Er nahm die Zügel in die Hand und schloss gleichzeitig seine Arme um meine Taille. Ob mir das recht war, konnte ich mich nicht fragen, denn schon ging es los.
Wir ritten querfeldein. Liam gab mir immer wieder kleine Tipps, und so ging es ganz gut, zumindest, solange wir im Schritt blieben. Ich konnte es kaum glauben: Ich ritt auf einem Pferd ohne Sattel durch die Weiten der Prärie, hinter mir auf dem Pferd ein waschechter Indianer. Es war ein tolles Gefühl auf dem Pferd durch die Gegend zu reiten, Hügel hinauf und hinab, durch kleine Täler, vorbei an Trailern und quer über Strassen. Es sah alles ganz anders aus als aus dem Auto. Ich nahm die Umgebung anders war. Intensiver.
Als wir einen weiteren Hügel erklommen und ich im Tal Juls Farm sah, ging die Sonne am Horizont langsam unter. Der Himmel hatte die knalligsten Farben, und es sah richtig kitschig, aber wunderschön aus. Ich war glücklich.
Wir ritten ins Tal hinunter auf einem kleinen Trampelweg, der zum Haus führte. Vor der Veranda hielt Liam das Pferd mit einem tiefen Hohw an und schwang sich hinab. Dann nickte er mir zu, auch abzusteigen. Meine Pobacken und Oberschenkel schmerzten höllisch, und als ich mich bewegen wollte, leisteten sie gehörig Widerstand. Ich stöhnte, und Liam sagte lachend: «Muskelkater ist ganz normal, mit der Zeit wird er vergehen. Los, schwing dein Bein über den Rücken und lass dich dann langsam hinuntergleiten. Ich werde dich auffangen.»
Ich folgte seinen Anweisungen und schwang mein Bein über Heyokas Rücken. Aber ich hatte zu viel Schwung und landete auf allen Vieren auf dem Boden. Liam konnte sich kaum halten vor Lachen, und Heyoka schaute mich verwundert an. Es kam mir vor, als würde sogar das Pferd über mich schmunzeln. Ich stand auf und klopfte mir den Staub von den Shorts. Ich boxte Liam in die Rippen und erwiderte: «Hey, ich dachte du fängst mich auf!»
«Entschuldige! Darauf war ich nicht gefasst. Es sah zu komisch aus.»
Wir lachten erneut.
Schliesslich kam Bill mit dem Truck um den Hügel gefahren, und Liam verabschiedete sich von mir. Er ging zu seinem Pferd, das vor dem Haus graste, schwang sich darauf und galoppierte den Hügel hinauf. Ich schaute ihnen nach, bis sie verschwunden waren.
Bill kam auf mich zu, klopfte mir freundschaftlich auf die Schulter und fragte: «Und wie war es?»
«Es war toll! Ich will unbedingt reiten lernen! Kann ich eure Pferde reiten? Wirst du mir zeigen, wie es geht?», sprudelte es aus mir heraus. Ich klang und fühlte mich, wie ein zehnjähriges Mädchen, doch das war mir egal. Ich war voller Elan und spürte seit Langem endlich wieder Freude und Begeisterung.
Bill lachte. «Ganz langsam, Samira. Wir gehen jetzt ins Haus und essen zuerst. Ich bin am Verhungern.»
Meinen Hunger hatte ich nicht bemerkt. Jetzt spürte ich meinen Bauch deutlich reklamieren, und man hörte ein Knurren. Bill und ich lachten und traten in die Küche, wo Jul gerade mit dem Kochen des Abendessens fertig war.

Ich erwachte am nächsten Morgen sehr früh und fühlte mich topfit. Ich spürte zwar meinen Hintern deutlich, und es spannte in den Oberschenkeln, aber ich mochte es, wenn ich Muskelkater hatte. Dann spürte ich meinen Körper, und das gefiel mir. Es war kurz vor sechs Uhr, so früh war ich seit einer Ewigkeit nicht mehr freiwillig aufgestanden. Ich hatte noch keinen Hunger, trank nur einen Kaffee und rauchte danach meine obligatorische Zigarette. Es war ein friedlicher, ruhiger Morgen. Ich hörte Vögel zwitschern und die Grillen zirpen. Ich holte meine Kamera aus dem Zimmer und versuchte, diese herrliche Stimmung kurz vor Sonnenaufgang festzuhalten. Als die Sonne aufging, rannte ich, dicht gefolgt von Sky, den Hügel hinauf, um die Sonne von dort oben aufgehen zu sehen. Ich keuchte, als ich oben war und setzte mich auf einen Felsbrocken. Sky liess sich neben mir zu Boden fallen und hechelte. Ich kraulte sie hinter den Ohren und schaute, wie die Landschaft um mich herum von der Sonne in Beschlag genommen wurde. Ich stand auf und drehte mich auf dem Felsbrocken einmal rundherum. Von hier oben hatte man einen herrlichen Blick über das ganze Land. Es war ein magischer Moment, ich fühlte mich leicht und frei.
Sky bellte laut, sie wollte zurück zum Hof. Ich sprang vom Felsen hinunter und folgte ihr nach Hause. Als ich ins Haus kam, waren alle schon aufgestanden und wollten gerade frühstücken.
Jul schaute mich überrascht an und bemerkte: «Du bist aber früh aufgestanden!»
«Ja, ich war hellwach und dachte mir, wieso noch länger im Bett herumliegen. Ich sah den Sonnenaufgang auf dem Hügel, das war wunderschön.»
Ich setzte mich an den Tisch. Es war das erste Mal, dass die ganze Familie zusammen frühstückte. Niemand musste irgendwo hin, und so genoss die Familie Blackfooth das gemeinsame Frühstück. Nach dem Essen wollte Bill zu den Bisons reiten, um nach dem Rechten zu sehen. Er fragte mich, ob ich mitkäme. Ich war sofort dabei, denn das Reiten hatte mir grossen Spass bereitet, und ich war begierig, es nun richtig zu lernen. Wir waren auf dem Weg zur Pferdekoppel, als Ron gerannt kam und fragte, ob er auch mitkommen dürfe. Bill war einverstanden, und Ron hüpfte vor Freude auf und ab. Bill und Jul besassen insgesamt fünf Pferde, sie stammten alle von reinrassigen Mustangs ab. Aber sie waren bis auf den grossen, braunen Wallach nicht in der Wildnis geboren worden. Bill nahm den Wallach. Er hiess Eyota, was so viel wie der Grösste bedeutete. Ron holte den Schecken von der Weide, er hiess Ashki, was Junge oder Bub hiess, und ich bekam Kholàya. Sie war eine ruhige, freundliche und geduldige Stute, genau das Richtige für mich als totale Anfängerin. Nachdem ich sie gestriegelt und ihre Hufe ausgekratzt hatte – Ron zeigte mir alles – erklärte mir Bill, wie man richtig sattelt. Ich legte die Decke auf den Rücken des Pferdes, und als Bill mir den Sattel in die Hände drückte, wäre ich beinahe umgefallen. Ich war nicht gefasst, dass er so schwer war. Ich fluchte.
Lachend sagte Bill: «Wenn du ihn richtig hältst und Schwung holst, dann wirst du ihn auf den Pferderücken bringen. Du musst darauf achten, ihn nicht auf Kholàyas Rücken fallen zu lassen. Das wäre nicht sehr angenehm für sie.»
Ich dachte: Okay, das klingt alles super einfach, kein Problem. Schwingen wir dieses Monster von Sattel auf den Pferderücken und fangen ihn ab, damit er nicht mit voller Wucht auf den Rücken prallt. Bill stand auf der anderen Seite des Pferdes und nickte mir aufmunternd zu. Ich stellte mich mit dem Rücken zur Stute und während ich mich zum Pferd drehte, schwang ich den Sattel auf den Rücken und liess ihn langsam hinunter.
«Na siehst du, war nicht so schwer», meinte Bill und zeigte mir, was ich alles beachten musste. Der Sattel durfte nicht zu weit hinten liegen, aber auch nicht zu weit vorne, die Decke musste ich vorne leicht anheben und dann vorsichtig den Gurt anziehen, so fest, dass noch eine Hand zwischen Gurt und Bauch Platz hatte. Zum Schluss kam das Zaumzeug. In den Ställen in der Schweiz hatte ich Trensen gesehen mit Gebiss und Hunderten von Riemen. Es sah schrecklich aus. Bill ritt seine Pferde mit einem Bosal, einer gebisslosen Zäumung, oder mit einer einfachen Westerntrense.
Bevor wir aufbrachen, hatte ich auf Bills Empfehlung lange Hosen angezogen und mich mit Sonnencreme eingeschmiert, um mir die Beine nicht aufzuschürfen und mich in der Mittagssonne nicht zu verbrennen.
Nun waren wir bereit. Bill half Ron in den Sattel, dann kam er zu mir und lehnte auf der anderen Seite in den Steigbügel, damit mir der Sattel nicht entgegenkam, wenn ich aufstieg. Mit dem linken Fuss stieg ich in den Steigbügel, mit der einen Hand konnte ich mich in der Mähne festhalten, mit der anderen am Sattelhorn. Dann zog ich mich mit Schwung hoch, schwang das Bein über den Rücken und sass sanft ab. Bill stellte mir die Steigbügel auf die richtige Länge ein und schwang sich selbst in den Sattel. Er zeigte mir, wie ich dem Pferd die Signale geben musste, wie ich die Zügel in einer Hand zu halten hatte und wie ich sie führen sollte. Dann ging es endlich los!
Um Kholàya in den Schritt zu bringen, musste ich kurz die Beine leicht zusammendrücken, und sie lief los. Um anzuhalten, musste ich Hohw sagen und die Zügel leicht anheben. Wenn ich nach links oder rechts reiten wollte, musste ich mit der Hand in diese Richtung lenken. Was ganz wichtig war: Ich musste immer dort hinschauen, wo ich hinreiten wollte, und mich dementsprechend nach links oder rechts drehen. Es waren kleine Bewegungen und Hilfen, doch Kholàya regierte schnell und sensibel auf meine Signale. Alles war neu und aufregend für mich, und ich musste mich erst einmal an Kholàyas Bewegungen gewöhnen. Sie waren geschmeidig, und jeder Tritt war sicher. Ich konnte mich auf sie verlassen, da war ich mir sicher, schliesslich hatte sie nicht um sonst den Namen Kholàya, was übersetzt «Mein Freund» hiess.
Keine Ahnung wie lange wir ritten, ich hatte das Zeitgefühl schon lange verloren. Wir bewegten uns langsam den Hügel hinunter. Es war sehr steil, und Bill erklärte mir, ich sollte die Füsse nach vorne strecken, den Oberkörper leicht nach hinten lehnen und Kholàya einfach machen lassen. Ich liess mich von Kholàya sicher ins Tal tragen. Ich spürte meinen Hintern deutlich und auch das Ziehen in den Oberschenkeln hatte nicht nachgelassen, es wurde noch stärker. Aber ich beklagte mich nicht. Ich genoss den Ritt. Das leichte Schaukeln und die Natur um mich herum … traumhaft. Es wurde immer heisser. Im Tal bei einem Bach, der nur ein kleines Rinnsal war, machten wir eine Pause. Wir liessen die Pferde trinken und holten unsere Wasserflaschen aus den Satteltaschen. Ich trank gierig ein paar Schlucke, genoss die Erfrischung.
Bill blickte zu mir rüber: «Du machst es gut.»
«Naja, das Reiten macht mir grossen Spass.»
Nach einer Weile stiegen wir wieder in unsere Sättel und folgten dem Flüsschen bergwärts. Das Gras war hier zwar grüner als an anderen Stellen, aber vergleichbar mit dem Grün des Grases zu Hause war es noch lange nicht. Ich war froh, einen Sattel zu haben, das gab mir Halt. Ich schmunzelte: Wer hätte gedacht, dass ich jemals reiten würde. Ich am allerwenigsten.
Wir ritten weiter nordwärts, immer noch im Tal. Wir redeten kaum, wir ritten einfach. Irgendwann folgten wir einem Trampelpfad den Berg hinauf. Oben führte der Weg eine Weile dem Grat entlang. Wir hielten auf einem kleinen Plateau, wo Bill ins Tal hinunter zeigte. Weit unten konnte man eine kleine Herde sehen. Ich dachte zuerst es seien normale Rinder, dann sah ich genauer hin: Es waren Bisons. Waschechte Bisons. Ich staunte nicht schlecht. «Sind das eure Bisons?», fragte ich Bill.
«Ja, sie gehören der ganzen Familie. Ich habe dir ja von unserer Herde erzählt.»
Wir ritten einen steilen Pfad hinab, bis wir auf einer kleinen Anhöhe die Bisons aus nächster Nähe bewundern konnten.
Diese Tiere waren beeindruckend. Sie strahlten eine unbeschreibliche Kraft aus. Sie waren so gross und anmutig und schienen einer anderen Zeit entsprungen zu sein. Wenn ich sie betrachtete, konnte ich mir gut vorstellen, wie die Indianer früher auf ihren Pferden Bisons jagten. Ein lebhaftes Bild von farbig bemalten Pferden und Männern, die mit Pfeil und Bogen im vollen Galopp einen Bison erlegten, erschien in meinem Kopf. Das Geheule und Gejohle der Krieger dröhnte in meinem Kopf. Ich war fasziniert und verstand, warum die Bisons den Indianern so viel bedeuteten. Einst waren die Bisons die Lebensgrundlage aller Prärieindianer. Nun waren sie eine Erinnerung an längst vergangene Zeiten und ein Zeichen der Hoffnung für eine bessere Zukunft.
Es war nach Mittag, als wir auf den Hof zurückkamen. Ich war hungrig und müde, meine Beine und mein Po schmerzten, ich schwitzte und brauchte dringend eine Dusche. Zuerst mussten wir die Pferde versorgen. Kholàya hatte mein Herz gewonnen, und ich nahm mir Zeit, ihr verschwitztes Fell mit einem nassen Schwamm abzuwaschen und sie abzukühlen. Sie genoss es sichtlich und schnaubte zufrieden, als ich sie auf die Koppel zu den anderen Pferden brachte. Ron war müde, es war für ihn ein langer Ritt gewesen, und obwohl er herummeckerte, musste er sein Pferd alleine versorgen, das war Bill wichtig.
Nach dem Essen wollte ich duschen, mich aufs Bett werfen, Musik hören und entspannen. Doch Jul rief mich zu sich ins Büro. Ich stöhnte auf: Was will sie denn jetzt noch von mir? Ich war müde und wollte meine Ruhe haben.
Ich war noch nie in ihrem Arbeitszimmer gewesen. Es war ein kleiner Raum auf der Vorderseite des Hauses mit einem wunderschönen Ausblick ins Tal. Vor dem Fenster stand ein grosser Arbeitstisch mit vielen Schubladen. Davor sass meine Tante und tippte geschäftig auf der Tastatur ihres Computers.
Ich lehnte im Türrahmen und fragte: «Was ist?»
«Einen Moment, ich bin gleich fertig.» Schliesslich drehte sie sich um und bat mich Platz zu nehmen.
Ich setzte mich auf den Stuhl an der Wand und schaute sie erwartungsvoll an. Irgendwie hatte ich kein gutes Gefühl, denn ich hatte keine Ahnung, was sie wollte.
Jul fragte: «Wie war der Ritt? Hast du die Bisons gesehen?»
«Es war toll. Kholàya ist ein super Pferd, auf sie ist Verlass. Ja, die Bisons haben wir gesehen. Das sind sehr eindrückliche und mächtige Tiere.»
«Schön. Ich dachte mir, Reiten könnte dir gefallen. Aber dass du so schnell begeistert bist, überrascht mich etwas, denn nach den Schilderungen deiner Mutter warst du in einem ziemlichen Tief und hattest auf nichts Lust. Sie erzählte, du hättest angefangen zu rauchen und zu kiffen und viele wilde Nächte durchgemacht.»
Ich verstand nicht, worauf meine Tante hinauswollte. Ich hatte keine Lust darüber zu reden, was war und was ich alles falsch gemacht hatte.
Jul redete weiter, als ich nichts erwiderte: «Ich habe dich beobachtet, seit du hier bist, und ich finde, du machst einen offenen, neugierigen und zufriedenen Eindruck. Es ist alles neu hier, ich weiss, es kann beängstigend sein, aber auch spannend. Schau, was ich dir sagen will: Mir ist egal, was du zu Hause gemacht hast, aber hier gelten meine Regeln: 1. Ich will immer wissen, wo du bist! Wir sind hier nicht in Zürich, du kannst nicht überall alleine herumlaufen. 2. Ich kann dir den Alkohol- und Drogenkonsum nicht verbieten, aber ich möchte dich auf keinen Fall aus der Ausnüchterungszelle herausholen müssen. 3. Wenn du unbedingt Rauchen musst, okay, tu es. Ich verstehe es zwar nicht, und ich bin mir sicher, du weisst, wie ungesund es ist. Pass bitte auf, wo du die glühende Kippe hinwirfst. Das Land ist sehr trocken, und es kann unglaublich schnell ein Feuer entstehen. Du magst nun denken, ich sei paranoid und wolle dir alles verbieten, doch das sind drei simple Sachen, die mir wichtig sind. Ich will, dass du wieder Spass hast und lernst, was wirklich wichtig ist im Leben. Dass nicht immer alles rund läuft, ist normal.»
«Okay.» Ich wollte aufstehen und gehen.
Meine Tante hielt mich zurück: «Samira! Hast du verstanden, was ich dir gesagt habe?»
«Jaa, ich habe verstanden. Ich muss immer sagen, wo ich bin. Kein Alk, keine Drogen, keine Kippen wegwerfen.»
«Samira, schau mich an. Ich habe dir nichts verboten, denn, soviel ich weiss, bringen Verbote nichts. Ich sagte nur, sei vorsichtig. Das richtige Mass zu finden, kann schwer sein, aber es ist wichtig, dass man es hat.»
Ich wurde langsam ungeduldig, ich wollte endlich meine Ruhe. «Ist schon gut, Tante Jul. Ich werde keinen Ärger bauen, und ich kann auf mich selbst aufpassen.»
«Okay», meinte Tante Jul, seufzte und lehnte sich zurück in ihren Stuhl. «Na los, geh, ich bin fertig.»
Ich stand auf und ging schnell aus dem Zimmer. Als ich die Treppe hochlaufen wollte, hörte ich Jul rufen: «Ach, Samira, ich hätte es fast vergessen, Liam hat angerufen. Er holt dich um 18 Uhr ab.»
«Oh, okay, danke!», sagte ich und rannte die Treppe hinauf. In meinem Zimmer zog ich meine Schuhe aus, schlüpfte aus den Jeans und den restlichen Kleidern. Ich wickelte mein Badetuch um, nahm mein Necessaire unter den Arm und huschte ins Bad. Ich liebte es, zu duschen. Ich liess mir das kalte Wasser auf Rücken, Schultern und Kopf prasseln und schloss die Augen. Herrlich. Ich wusch meine Haare, und während ich meine Beine rasierte, liess ich die Haarmaske einwirken. Dann stieg ich aus der Dusche, rieb mich trocken und zog mich an. Ich flocht mein Haar zu zwei langen Zöpfen und ging in mein Zimmer. Ich steckte meinen iPod an die kleine Box, die ich mitgebracht hatte und hörte Musik, während ich meine Nägel schnitt, feilte und mit einem dunkelroten Nagellack lackierte. Dann legte ich mich aufs Bett und surfte im Internet herum. Ich vergass die Zeit. Verdutzt bemerkte ich, dass es bald sechs war. Ich musste mich beeilen. Ich schminkte mich vor dem kleinen Spiegel an der Wand und öffnete meine Zöpfe. Noch ein zwei Spritzer Parfum und fertig. Ich leerte meine Tasche auf dem Bett aus und räumte ein, was ich brauchte: Lippenpomade, Zigaretten, Feuerzeug, Kaugummis, Kamera und einen dicken Pulli, falls es kalt würde. Ich legte mich wieder aufs Bett und schaute aus dem Fenster. Wie lange war ich schon hier? Es kam mir vor, als wäre ich seit einer Ewigkeit in Amerika und nicht erst seit wenigen Tagen. Ich spürte, wie mir die Zeit hier gut tat. Abstand von allem, das war gut, auch wenn ich das am Anfang total schrecklich gefunden hatte.

Ein Auto fuhr auf den Hof. Man hörte die Reifen über den steinigen Boden rutschen, als der Wagen hielt. Ich lief zum Fenster. Liam stieg aus dem Pick-up, schlug die Wagentüre zu und kam aufs Haus zu.
Ich lehnte mich aus dem Fenster, winkte und rief: «Hey, ich komme gleich!»
Liam winkte zurück. Ich schwang mir meine Tasche über die Schulter und ging aus dem Zimmer. Zwei Treppenstufen auf einmal nehmend, rannte ich nach unten, rief Tschüss in Juls Arbeitszimmer und trat auf die Veranda hinaus. Liam redete mit Ron, der unter dem Baum neben dem Haus spielte und wendete sich mir zu, als er mich kommen sah.
Mir stockte der Atem. Ihre Haare wehten im Wind, ihre Augen funkelten freudig und gespannt, sie war noch brauner geworden seit gestern, und in ihren kurzen Shorts sah sie echt heiss aus. Ich lief auf sie zu und wusste nicht recht, wie ich sie begrüssen sollte. Diese Entscheidung nahm sie mir ab, indem sie mich kurz umarmte. Ihr Duft haute mich um, und ich brachte nur ein kurzes «Hi» heraus. Sie duftete blumig und fruchtig, leicht, aber trotzdem intensiv. Ich konnte es nicht einordnen, so etwas hatte ich noch nie gerochen. Ich hatte sie wohl ein bisschen zu lange angeschaut, denn nun musterte sie mich und hatte einen fragenden Gesichtsausdruck. «Heey Liam! Geht’s dir gut?», fragte sie mich stirnrunzelnd. Ich musste zuerst meine Gedanken ordnen, dann erwiderte ich: «Du siehst toll aus und duftest unglaublich gut.» Damit hatte sie nicht gerechnet und schaute mich überrascht an.
«Danke. Soll ich dir mal mein Parfum ausleihen?», neckte ich.
Liam schmunzelte und ging zum Wagen.
Nach eineinhalb Stunden Autofahrt, Liam hatte immer mehr Leute aufgegabelt, parkierte er den Pick-up am Ende eines Feldweges zwischen ein paar Sträuchern. Wir waren zu sechst: Puck, Rian, Jenna, Thalia, Liam und ich. Es waren alles gute Freunde von Liam, und sie schienen nett und offen zu sein. Ich wusste nicht, dass hier jeder jeden kannte, und für Liam alles «Brüder und Schwestern» waren. Er hatte ein paar wirklich gute Freunde, wie er sagte, aber das Zusammengehörigkeitsgefühl des Tribes sei in den meisten Indianern noch stark verwurzelt und der Grund dafür, nicht aus dem Reservat wegzugehen.
Liam hatte an alles gedacht: Auf der Ladefläche des Pick-ups hatte es Feuerholz, Kühlboxen mit Getränken, Fleisch, Brot, Chips, … jeder nahm sich etwas. Wir gingen einige Minuten, bis wir eine Feuerstelle erreichten. Es lagen Holzstämme herum, auf denen man sitzen konnte, und man hatte einen tollen Ausblick in das weite Land. Die Sonne ging langsam unter, und Puck entfachte das Feuer. Rian und Liam diskutierten aufgeregt. Ich verstand kein Wort, denn sie redeten Lakota, ihre Muttersprache.
Wir Mädels sassen auf dem Baumstamm und unterhielten uns. Thalia war eine ruhige Person, ganz im Gegensatz zu Jenna, die ein richtiges Energiebündel war. Thalia studierte seit einem Jahr in Rapid City Kunst und Musik und sei wirklich talentiert, wie Jenna mehrmals betonte; Thalia winkte verlegen ab.
«Wie hättest du sonst ein Stipendium bekommen?», fragte Jenna Thalia herausfordernd.
«Ein Stipendium?», fragte ich. «Dann musst du wirklich gut sein!»
«Ja, ist sie auch. Sie ist wirklich gut! Du solltest mal ihre Zeichnungen und Bilder sehen. Die werden dich umhauen!»
«Oh ja, das würde ich gerne.»
Thalia fragte mich: «Zeichnest du auch gerne?»
«Es geht. Fotografieren ist eher mein Ding.»
«Oh! Hast du Fotos von dir dabei?»
«Nicht direkt. Aber die Kamera. Ich könnte euch darauf Fotos zeigen, die ich hier gemacht habe, aber natürlich nur wenn ihr wollt?»
«Das würden wir gerne!», sagte Jenna und Thalia nickte.
Ich nahm meine Kamera aus der Tasche und klickte die Fotos durch. Als wir zu den Fotos von Kyle gelangten, sagte Jenna: «Hier arbeite ich!»
«An der Tankstelle?»
«Ja. Es ist kein besonders guter Job, doch hier nimmt man, was man kriegt!»
Ich hätte sie beinahe gefragt, ob das ein Ferienjob sei, da wurde mir bewusst, das war ihre Festanstellung. Dies war für mich schwierig zu verstehen.
Nachdem ich die Fotos gezeigt hatte, wollte Jenna alles von mir wissen. Was meine Hobbies seien, wie es dort sei, wo ich lebte, ob ich einen Freund hätte und und und … Ich mochte sie, aber ich hatte keinen Bock über mein Leben in der Schweiz zu reden, und so gab ich nur spärlich Auskunft. Es fiel mir heute besonders schwer, an zu Hause zu denken. Die Runde hier am Feuer erinnerte mich an meine Freunde. Wir hatten uns oft getroffen, waren zusammen um ein Feuer gesessen, hatten geredet, getrunken, im Sommer grilliert, und oft hatte jemand eine Gitarre dabei. Ich vermisste diese Zeiten, als alles noch einfach und schön war.
Jennas Neugierde kannte keine Grenzen, sie merkte nicht, oder wollte es nicht merken, dass ich nicht darüber reden mochte, und ich war langsam am Verzweifeln. Schliesslich stand ich auf: «Jenna, ich möchte im Moment nicht darüber reden, okay! Ich kenn dich praktisch nicht, und ich möchte nicht gleich meine ganze Lebensgeschichte vor dir auf den Tisch legen.»
Sie schaute mich etwas perplex an, doch ich wartete ihre Antwort nicht ab, drehte mich um und lief zu Puck. Er sass in der Hocke neben dem Feuer und versuchte den Grillrost aufzustellen.
«Kann ich dir helfen?», fragte ich, und er nickte.
«Keine Sorge, sie ist so. Es tut ihr gut, wenn jemand ihr mal sagt, sie soll ihr Tempo drosseln», sagte Puck grinsend.
Ich lachte etwas zerknirscht: «Ich hoffe, sie hasst mich jetzt nicht.»
«Nein, nein, du wirst schon sehen, spätestens in einer halben Stunde hat sie es vergessen.»
Ich beobachtete, wie Puck das Feuer hütete, während ich mir eine Zigarette anzündete. Er trug seine rabenschwarzen Haare schulterlang wie Liam, doch auf der einen Seite hatte er sie millimeterkurz abgeschoren zu einem Sidecut. Es sah cool aus. Er war kräftig und seine Arme schienen fast schwarz von all seinen Tattoos. Ein Gewirr von Tierköpfen, Symbolen und Schriftzeichen, die ineinander verliefen und sich verschlangen, schmückten seine Arme. Es sah unglaublich aus, und ich bestaunte seine Tattoos fasziniert. Auf den Wangen hatte er viele Narben, die vermutlich von starker Akne verursacht wurden. Das war mir hier bereits aufgefallen: Viele junge Menschen hatten starke Akne. Jul sagte mir, dass es oft am ungesunden und fettigen Essen liege und die meisten Indianer Alkohol nicht gut vertrügen. Die Ernährung war im Reservat ein grosses Problem. Das Angebot bestand praktisch nur aus Fast Food, und das wenige Gemüse, das es gab, war so teuer, dass es die meisten nicht kaufen konnten. Als Jul mir davon erzählte, wurde sie richtig wütend und zeterte über die amerikanische Regierung. Ich habe ihre Worte noch genau im Kopf: «Wir leben im 21. Jahrhundert, und es gibt kaum Verbesserungen im Umgang mit den Natives gegenüber vor hundert Jahren. Die Eingeborenen dieses Landes werden wie der letzte Dreck behandelt, während die weissen Eroberer nichts mit ihnen zu tun haben wollen. Dass der weisse Mann Tausende von Menschenleben auf dem Gewissen hat, wird ausgeblendet und heruntergespielt.»
Puck strahlte ein Bad-Boy-Image aus, und ich wusste nicht warum, aber ich fühlte mich zu ihm hingezogen. Er blickte auf und schaute mir in die Augen. Ich hielt seinem Blick stand und wartete ab. Schliesslich wandte er die Augen ab und setzte sich zu mir auf den Stamm.
«Du hast krasse Augen, Liam hat nicht übertrieben!», sagte er und grinste mich schief an.
«Woran denkst du jetzt?», fragte ich. «Nicht etwa an diese Frau, die im tiefen Wald lebt und die Männer mit ihrem Blick zu Tode gestarrt hatte!»
«Was?», fragte er verdutzt, und ich erzählte ihm die Geschichte. Er fand sie ungeheuer lustig. Alle kamen neugierig zum Feuer, und ich musste sie allen nochmals erzählen. Super: Wieder einmal mehr war meine Augenfarbe das Gesprächsthema! Wieso konnte ich nicht ganz normale braune Augen haben, wie neunzig Prozent der Menschen weltweit. Nein, ich gehörte zu den drei Prozent, die die seltenste aller Augenfarben, nämlich grün, hatte. Ich könnte das als eine besondere Ehre ansehen. Doch wenn ich etwas wirklich nicht leiden konnte, waren es Menschen, die sich für etwas Besonderes, etwas Besseres als andere hielten. Ich wollte einfach normal sein.
Die ersten begannen, ihre Steaks zu braten, und alle plauderten durcheinander. Es herrschte eine gute Stimmung, und ich hatte mich entspannt. Ich fragte Puck nach den Tätowierungen auf seinen Armen. Er nickte eifrig und begann mir seine Tattoos zu erklären. Mir entging nicht, wie er seine Muskeln spielen liess, und ich musste mir ein Grinsen verkneifen. Er wusste ganz genau, welche Wirkung er auf Frauen hatte, und verstand, seinen Charme und seinen Körper bewusst einzusetzen. Ich dachte mir, dass die Tattoos eine gewisse Wichtigkeit hatten, aber nicht, dass sie von so grosser Bedeutung waren. Er hatte zu jedem Tier und Symbol eine Geschichte, die Wurzeln in der indianischen Kultur hatte. Auch die Schriften und Zahlen hatten einen Sinn. Er begann geduldig zu erklären, denn ich wusste so gut wie nichts über die Geschichte der Lakota-Indianer. Klar, ich wusste ungefähr Bescheid über die Eroberung Amerikas und die damit verbundene Unterdrückung und Ausrottung der Indianer. Es gab Hunderte von Indianerstämmen, aber wie es den Lakota-Indianern ergangen war, wusste ich nicht. Puck erklärte mir, die Lakota würden in Untergruppen eingeteilt und er gehöre zu den Oglala-Lakota. Neben den Lakota gebe es die Dakota und Nakota, die wiederum in Untergruppen unterteilt würden.
«Meine Wurzeln sind mir heilig. Ich will unsere indianischen Traditionen weiterleben, aber nicht engstirnig. Ich bin bereit, Altes und Neues zu vereinen. Daher habe ich einen Sidecut im Gegensatz zu den traditionellen Lakotas, die ihre Haare lang trugen. Unsere Vergangenheit ist ein Teil von uns. Das wird sie immer sein.»
Die Vorstellung, mein Leben wäre so stark von der Vergangenheit geprägt und ich wäre darin gefangen, war mir unheimlich. Ich fragte Puck, ob er weggehen wolle. Genau wie Liam verneinte er vehement: «Ich kann nicht weggehen, hier sind meine Wurzeln, meine Familie. Weggehen würde nichts ändern.»
«Es würde für diejenigen, welche hier im Reservat blieben, nichts ändern. Für dich würde sich alles ändern.»
«Das stimmt. Doch ich will nicht vergessen. Ich will die Lage im Res nicht akzeptieren, ich will für ein besseres Leben kämpfen, und Weggehen – meine Leute im Stich lassen – das kommt nicht in Frage!»
«Dann willst du also wie Liam ein Freiheitsheld werden?», fragte ich schmunzelnd.
«Ich will kein Held werden. Ich will etwas nachhaltig verändern, damit unser Leben leichter wird. Und die Ehre! Die Ehre will ich meinem Volk zurückgeben.»
«Dann hast du noch einiges vor.»
«Ja. Das ist auch gut so.»
Für mich war das alles schwer zu verstehen. Es machte mich traurig, und ich fühlte mich hilflos. Die Frage war, wie man damit umging. Die eine Art war, wie Puck und Liam für eine bessere Zukunft zu kämpfen und dabei den Mut nicht zu verlieren. Doch manche zerbrachen an der Hoffnungslosigkeit und fanden keinen anderen Weg, als sich mit Alkohol oder Drogen wegzudröhnen. Zu viele setzten auf die zweite Variante, schien mir. Es brauchte Leute wie Liam und Puck, die kämpfen wollten, die sich wehrten und nicht ihrem eigenen Untergang zusahen.
Als ich mit Bill durch das Reservat gefahren war, hatte ich ein paar trostlose Gestalten gesehen. Ich fühlte mit ihnen. Ich wusste, wie es war, wenn man dachte, man hätte alles verloren und es lohne sich nicht, für etwas zu kämpfen, weil sich nichts änderte. Doch ihre Situation mit meiner zu vergleichen, wäre überheblich.
Puck holte mich aus meiner Grübelei, indem er auf meinen Arm zeigte. Ich drehte ihn etwas zur Seite, damit er im Schein des Feuers mein Tattoo besser sehen konnte. Ich hatte insgesamt neun Tattoos. Ich hatte sie mir alle letztes und dieses Jahr stechen lassen, natürlich ohne die Erlaubnis meiner Eltern. Mit den richtigen Kontakten war das ganz leicht. Ich weiss, neun sind ganz schön viel für zwei Jahre, aber ich liebte diesen Kick. Als meine Eltern die Tattoos sahen, waren sie schockiert. Aber was wollten sie machen? Von mir erfuhren sie keine Namen und konnten den Künstler nicht anzeigen.
»Zeig mal her!», sagte Puck, und ich streckte ihm den Arm entgegen.
Puck stellte sich ungeschickt an, er tat, als müsse er Hieroglyphen entziffern.
«Was heisst das?»
«It always seems impossible until it’s done. – Nelson Mandela.»
Puck nickte anerkennend, und ich fragte ihn: «Du kennst doch Nelson Mandela?»
Er schüttelte den Kopf, und ich schaute ihn ungläubig an: «Hast du noch nie von der Apartheid in Südafrika gehört? Von der Rassentrennung?»
Puck lachte: «Natürlich kenne ich Nelson Mandela. Ich wollte nur wissen, ob du es mir glaubst.»
«Das wäre der endgültige Beweis gewesen, dass ich hier hinter dem Mond gelandet bin!»
«Hier gibt es genau wie bei dir zu Hause Internet, und abgesehen davon hatte ich einen hervorragenden Geschichtslehrer. Nelson Mandela kämpfte für die Freiheit, gegen die Rassentrennung, Unterdrückung und für die Gleichberechtigung der Schwarzen in Südafrika. Er war 27 Jahre im Gefängnis als politischer Häftling und wurde dann der erste schwarze Präsident seines Landes. Er bekam den Friedensnobelpreis und gilt als einer der weisesten und bedeutendsten Männer der Geschichte. Er ist vor Kurzem gestorben. Ein beeindruckender Mann.»
«Ja! Sehr! Ich finde dieses Zitat entspricht der Realität. Es ist für mich eine Art Lebenseinstellung. So trage ich ein Stück seiner Gedanken weiter und ehre ihn damit.»
Puck schaute mich an: «Man sollte nie aufgeben, auch wenn es schwierig wird. Wenn man wirklich etwas erreichen will, geht es darum, die härtesten Dinge zu bewältigen.»
Da sagte Liam, der zugehört hatte: «Ich habe auch von diesem Mann gehört. Er war sehr klug und hatte viel für sein Volk geopfert und geleistet. Dieses Zitat gefällt mir sehr. Man soll nie aufgeben! Nie! Auch wenn es unmöglich scheint, man muss daran glauben, dass es möglich ist. Egal, wie schwierig und unerreichbar es scheint. Es zählt der Glaube daran, dass man es erreichen kann.»
Puck stand auf, und hob seine Bierflasche: «Auf Nelson Mandela, er war ein grosser Krieger!»
Ich erhob mich ebenfalls, und alle folgten unserem Beispiel. Wir stiessen auf ihn an. «Cheers!»
Die Tattoos waren vergessen, wir begannen zu essen und redeten über dies und das. Es war schön, am Feuer zu sitzen und ihren Geschichten und Witzen zu lauschen und mehr von ihrem Leben zu erfahren. Auch ich erzählte aus meinem Leben. Nicht bis ins kleinste Detail, aber von der Schweiz, von der Landschaft, von den Städten …
Schliesslich stellte Thalia die Frage, vor der ich mich gefürchtet hatte: «Und du, Samira? Was machst du so? Du hast uns viel erzählt, von deinem Land, aber von dir wissen wir fast nichts.»
Alle nickten und schauten mich gespannt an.
Liam wollte schon intervenieren, dass sie mich in Ruhe lassen sollten, doch ich legte meine Hand auf seinen Arm und sagte: «Ist okay.» Dann wandte ich mich den anderen zu und fragte: «Was wollt ihr wissen?»
«Alles!», schoss es aus Jennas Mund, und alle lachten.
«Nein, ernsthaft, wie wäre es mit: Familie, Freunde, Hobbies?», fragte Jenna und nickte mir aufmunternd zu. Sie hatte schon vergessen, dass ich sie vorher angefahren hatte, und ich war ihr dankbar, nicht nachtragend zu sein.
«Was wisst ihr schon über mich? Wie ich hörte, verbreiten sich Neuigkeiten im Res wie ein Lauffeuer», fragte ich herausfordernd.
«Nicht viel. Du hattest Schwierigkeiten zu Hause und darum wurdest du zu deiner Tante geschickt», sagte Jenna vorsichtig.
Ich wollte nicht über mein Leben in der Schweiz reden, es schmerzte zu sehr, darüber nachzudenken. Ich zündete mir eine Zigarette an. Die fünfte heute. Der Stress mit der Familie, der Schule und Marc. Ich wollte nicht zurückdenken, ich wollte alles vergessen. Lejla, Marie und Shona sind meine engsten Freundinnen, doch über Marc hatte ich bisher mit niemandem gesprochen.
«Was hast du angestellt, dass deine Eltern dich hierhergeschickt haben?», fragte Puck grinsend.
Ich zuckte mit den Schultern: «Was weiss ich. Alles, was ich machte, war falsch. Ich konnte nie etwas richtig machen. Ich hatte in ihren Augen total versagt.» Leise fügte ich hinzu: «Und so ganz Unrecht haben sie damit nicht.» Ich nahm einen kräftigen Schluck aus der Bierflasche und warf die Zigarette ins Feuer. «Ihr habt bestimmt nicht eine solch bekloppte Familie!»
Jenna schnaubte empört auf: «Da liegst du komplett daneben. Du kannst froh sein, überhaupt eine Familie zu haben. Hier im Reservat gibt es alles, ausser ganze Familien.» Jenna zögerte kaum merkbar, dann fuhr sie traurig fort: «Mein Vater hat sich erhängt, als ich zehn Jahre alt war. Meine Mutter arbeitet den ganzen Tag, und meine neunzehnjährige Schwester hat einen kleinen Sohn. Der Vater des Jungen ist abgehauen. Die Sozialhilfe und die Witwenrente reichen uns knapp zum Überleben. Ich jobbe, wann immer ich kann, und meine Schwester arbeitet als Kellnerin, während unsere Grandma auf den Kleinen aufpasst. Frag mal die anderen! Bei denen sieht’s nicht besser aus!»
Thalia sagte: «Mach mal halblang, Jenna.»
«Hör auf, Thalia. Samira soll ruhig die Wahrheit wissen.»
Thalia erwiderte nichts, und Jenna fuhr fort: «Thalias Mutter ist vor einem Jahr bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Ihr Vater arbeitet hart, um sie und die beiden jüngeren Brüder über die Runden zu bringen.»
Puck unterbrach Jenna abrupt, als sie weitererzählen wollte, und eine unangenehme Stille breitete sich aus. Ich war geschockt und zutiefst betroffen. Beschämt schaute ich zu Boden. Ich war so naiv mit meinen ein, zwei Problemen. Aber wie gut ging es mir im Vergleich zu ihnen! «Es tut mir leid. Ich bin ein Idiot.» Ich wusste nicht, was ich sagen sollte und hatte das Gefühl, jedes Wort mache alles nur noch schlimmer.
Puck boxte mich freundschaftlich in den Oberarm: «Schon okay. Genug vom Res! Jenna hat dir etwas unsanft auf die Sprünge geholfen.»
Ich schaute ihn zerknirscht an und fragte: «Aber warum könnt ihr noch lachen? Warum seid ihr so glücklich, wenn ihr nichts zu lachen habt?»
Jenna antwortete: «Es ist unsere einzige Waffe. Wenn wir nicht mehr lachen, haben wir alles verloren. Solange wir lachen, gibt es Hoffnung.»
Ich war beeindruckt, und gleichzeitig fragte ich mich, woher sie diese Kraft hatten. Woher bloss? Ich hatte meine irgendwo verloren.
Thalia entgegnete: «Jenna hat Recht. Wir müssen nach vorne schauen, das Leben geht weiter. Wir dürfen uns nicht an der schmerzhaften Vergangenheit festklammern. Unsere Geschichte hat mit der Eroberung durch die Weissen eine dramatische Wende genommen. Wir können es nicht ändern. Aber wir sind nicht alleine, wir halten alle zusammen. Und zusammen können wir für eine bessere Zukunft kämpfen.»
Ich hatte einen dicken Kloss im Hals. Ich spürte den Schmerz und die Trauer, die sich in ihren Herzen verbargen. Ich fühlte mich schwach und unbedeutend. Die Einsamkeit umschloss mich, und ich wünschte mir nichts sehnlicher, als zu Hause bei meinen Freundinnen zu sein.
Da stand Thalia auf: «Ich gehe Holz holen, kommst du mit, Samira?»
Ich nickte gedankenverloren und folgte ihr in die dunkle Nacht. Wir gingen schweigend. Die Sterne leuchteten hell, und wir folgten einem kleinen Weg. Beim Pick-up angekommen, wollte ich die Kiste voller Holzscheiter von der Ladefläche heben, doch Thalia legte ihre Hand auf meine und sagte: «Lass uns eine Weile hier sitzen und die Sterne betrachten.» Sie setzte sich auf die Ladefläche des Pick-ups. Ich setzte mich neben sie und schaute in den Himmel. Die Sterne leuchteten, und der Wind wehte durch mein Haar. Ich versuchte, meine trüben Gedanken zu verdrängen, indem ich nach Sternbildern suchte.
«Ich weiss, wir kennen uns kaum, aber ich mag dich. Wenn du reden willst: Ich bin eine gute Zuhörerin. Ich spüre, dich bedrückt etwas.»
Wie erstarrt sass ich neben ihr und sagte kein Wort.
«Ich will dich nicht bedrängen, ich möchte nur, dass du weisst, du bist nicht allein.»
Woher wusste sie, dass mich etwas bedrückte? Ich war gerührt, aber es machte mir auch Angst. Ich spürte die tiefe innere Ruhe, die Thalia ausstrahlte. Mein Körper entspannte sich langsam. Ich war dankbar, mit ihr hier zu sitzen, und vergass für einen Moment allen Kummer. «Danke, Thalia. Ich weiss das zu schätzen. Irgendwann werde ich vielleicht darauf zurückkommen.»
Ich wollte sie nicht kränken, und darum sagte ich nicht: Ich werde nie mit dir darüber reden können, wenn ich nicht einmal mit meinen besten Freundinnen darüber sprechen kann.
«Weisst du, Samira, meine Mutter hatte immer gesagt: Die Sterne sind unsere Wegweiser. Aber manchmal braucht es die Dunkelheit, um die Sterne wieder sehen zu können.»
Ich dachte über Thalias Worte nach. «Ich hoffe, deine Mutter behält Recht.»
Thalia drückte meine Hand: «Glaub mir, meine Mutter hat immer Recht gehabt.»
Wir schauten noch eine Weile in den Himmel, dann hievten wir die Kiste mit den Holzscheitern vom Pick-up und schleppten sie zum Feuer.
Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.