Kitabı oku: «Die Musenfalle»

Yazı tipi:


Die Musenfalle ist unsere zweite Zusammenarbeit mit der talentierten Wienerin Nora Miedler. Ihr Erstling Warten auf Poirot verriet die Theater­perspektive nur durch das bühnenhafte Setting und das Fingerspitzen­gefühl im Dialog. In diesem Roman hingegen spielt das Theater schon eine größere und ganz eigene Rolle. Es gerät ins Visier als (schwierige) Existenzform, als Mythos, als Hort wahrer Kunst, aber auch als korrumpierbares Schauspiel, das Menschen vorgaukelt, was immer sie wollen. Die Musenfalle ist ein hintergründiger, vielschichtiger Kriminalroman mit eigenwilligen Metaphern und schneller, an Hardboiled-Schule erinnernder Gangart. Mit das Schönste an diesem Buch sind für mich die Figuren. Von der flegelig-tatkräftigen Lilly über den desillusionierten Säufer Dino bis zur zähen Romantikerin Frieda sind sie allesamt so schräg und brüchig wie das Leben selbst. Ein feiner Kriminalroman über Erwartung, Scheitern, Gier, Missbrauch und Betrug – nicht zuletzt an sich selbst.

Else Laudan

Presse zu Warten auf Poirot:

»Ein verlockendes, witziges und spannendes Stück Kriminalliteratur … Nora Miedler gelingt es, Stereotypen des 21. Jahrhunderts Leben einzuhauchen. Sie führt uns mit sicherer Hand durch ein Kriegsgebiet und heil wieder heraus.« Krimi-Couch.de

»Die Wiener Schauspielerin hat das alte Kammerspiel mit modernen ­Typen besetzt – zügig und gern gelesen!« Kurier

»Hüttenzauber mit Kuchenmesser: Die Boshaftigkeit der scheinbar schutz­bedürftigen Erzählerin trägt dazu bei, die dialogsichere Geschichte bis zuletzt am Kochen zu halten.« Ingeborg Sperl, krimiblog.at

»Was für eine tolle Idee! Gekonnt inszeniert, dabei mit den Regeln des Genres spielend, sehr lesenswert, spannend und feinsinnig. Beste Lek­türe.« Doppelpunkt

»Hervorragend … Hochspannung bis zur letzten Seite.« buchkritik.at

Nora Miedler studierte Schauspiel am Konservatorium Wien und war auf zahlreichen Bühnen in Österreich und der Schweiz zu sehen. Ihr Krimidebüt Warten auf Poirot erntete begeisterte Kritiken. Mittlerweile ist das Schreiben ihre Hauptbeschäftigung, 2011 erscheint ein Frauen­roman von ihr bei Ullstein. In ihrer Freizeit hält sie Workshops an Gymnasien zum Thema Krimischreiben.

Nora Miedler

Die Musenfalle

Ariadne Krimi 1190

Argument Verlag

Ariadne Kriminalromane

Herausgegeben von Else Laudan

www.ariadnekrimis.de

Lektorat: Else Laudan

Deutsche Originalausgabe

Alle Rechte vorbehalten

© Argument Verlag 2010

Glashüttenstraße 28, 20357 Hamburg

Telefon 040/4018000 – Fax 040/40180020

www.argument.de

Umschlag: Martin Grundmann, Hamburg

Umschlagfoto: © Eugeny Trembach – Fotolia.com Satz: Iris Konopik

1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH 2013

ISBN 9783867549561

Erste Auflage 2010

Inhalt

Cover

Titel

Impressum

1 Montag, 18. Oktober

Lilly, 18:15

2 Dienstag, 19. Oktober

Lilly, 8:00

Frieda, 10:00

Lilly, 10:05

Lilly, 10:45

Frieda, 16:30

Lilly, 17:00

Alexander, 20:20

3 Mittwoch, 20. Oktober

Lilly, 8:00

Alexander, 10:45

Lilly, 14:00

Lilly, 20:12

4 Donnerstag, 21. Oktober

Lilly, 2:15

Lilly, 4:45

Dino, 9:20

Lilly, 9:40

Dino, 11:20

Martin, 11:40

Lilly, 13:00

Frieda, 13:00

Dino, 13:00

Dino, 13:45

Lilly, 13:50

Dino, 14:45

Lilly, 15:00

Lilly, 16:30

5 Freitag, 22. Oktober

Dino, 8:25

Martin, 8:30

Lilly, 8:35

Dino, 10:00

Lilly, 11:00

Frieda, 14:00

Dino, 14:00

Lilly, 14:40

Frieda, 15:20

Lilly, 23:50

Dino, 23:50

6 Samstag, 23. Oktober

Lilly, 8:15

Lilly, 8:45

Dino, 10:30

Frieda, 10:45

Dino, 11:30

Lilly, 17:55

Dino, 18:10

Lilly, 18:15

Frieda, 18:45

Lilly, 23:15

7 Sonntag, 24. Oktober

Lilly, 10:00

Lilly, 14:35

Lilly, 14:52

Dino, 14:55

Lilly, 14:57

Dino, 15:10

Lilly, 15:12

Dino, 15:15

Lilly, 15:20

Martin, 16:40

Dino, 16:48

Lilly, 18:00

Dino, 18:30

Lilly, 18:40

Lilly, 22:45

Freitag, 29. Oktober

Dino, 6:20

Lilly, 7:30

Frieda, 10:30

Epilog

Sonntag, 7. November

Nora Miedler

Monika Geier

Dagmar Scharsich

Christine Lehmann

»Die Erde des Schauspielers ist die Bühne,

auf ihr wächst und gedeiht er.

Seine Sonne ist das Rampenlicht

und der Applaus des Publikums

sein Lebenselixier.

Sollte er abseits der Bühne seine glücklichsten Momente finden, dann hat er – man muss es derart drastisch sagen – den Beruf verfehlt.«

Frieda Bernhard, 1984

1
Montag, 18. Oktober
Lilly, 18:15

Ich stand in der Geisterbahn und rauchte, als der Anruf kam. Fluchend bugsierte ich das Gebiss zur Zigarette in die Rechte und fummelte mit den steifgefrorenen Fingern der Linken das vibrierende Handy aus der Hosentasche. Magda! Ich schloss die Augen. Sollte ich die Werbung bekommen haben, würde ich das Rauchen aufgeben. Sogar die Joints. Ich reckte den Kopf vor und lauschte in die Finsternis. Das Kreischen wurde deutlicher, sie mussten beim buckligen Sven mit dem Triefauge angekommen sein. Ich hatte zwanzig Sekunden.

»Hallo?«, hetzte ich ins Handy.

»Rate mal, wer Green Poison ist?«

Mein Herz trommelte gegen die Rippen. »Keine Ahnung. Du?« Weltklassescherz. Magda wieherte trotzdem.

»Rate besser!«

Der Waggon kam über die Anhöhe. Zehn Sekunden.

»Sag schon, Magda!«, flehte ich.

Die Meute entdeckte mich. Der mutigste von ihnen erhob sich von seinem Sitz und zeigte mit dem Finger auf mich. »Igiiiitt!«

Die anderen kreischten.

Magda zelebrierte ihr Sätzchen: »Du bist Green Poison!«

Sie waren da. Ich schob das Gebiss in den Mund und fauchte. Mitten in ihre kleinen Gesichter.

Eines begann zu brüllen, die anderen wimmerten. Der Waggon rollte weiter, dem blutigen Henker entgegen. Ich spuckte das Gebiss aus und drückte das Handy ans Ohr.

»Wo in aller Welt bist du?«, fragte Magda.

»Arbeiten –«

»Wie auch immer, wir treffen uns morgen um zehn mit dem Regisseur und dem Marketingmenschen von Mobitel. Linke Bahngasse achtzehn. Ich beschwöre dich, sei nett zu ihnen. Zeig dich von deiner guten Seite.«

Ich nahm einen hastigen Zug von meiner Zigarette und hustete den Qualm wieder raus. Hatte sie das gerade wirklich gesagt? Egal, vermutlich durfte sie das, wo sie mir eben den Job meines Lebens verschafft hatte.

»Klar doch.«

»Und ich flehe dich an, sei ein Mal pünktlich!«

»Immer.« Die nächste Wagenladung rückte an. »Magda, ich muss Schluss machen. Bis morgen – und danke …«

Ohne ihre Antwort abzuwarten, klappte ich das Handy zu. Ich hob die Zähne vom Boden auf, quetschte sie in meinen Mund, streckte die Hände vor und krümmte die Finger. Knurrend sprang ich auf den Waggon zu, die Eckzähne leuchteten im Dunkeln. Die Glut meiner Zigarette auch.

Die Kinder quietschten. Ich mochte diesen Job.

»Du bist gefeuert!«

Ich fuhr herum. Sepp stand hinter mir und tippte sich mit dem Finger an die Stirn.

»Du hältst dich wohl für besonders klug«, ätzte er.

Ich nickte.

»Und mich für besonders bescheuert.«

Ich zuckte die Schultern.

»Ich hab dir gesagt, du fliegst, wenn ich dich das nächste Mal telefonieren oder rauchen sehe.«

»Ha’ ich nich’ –«, widersprach ich undeutlich, das Handy in der linken, den Glimmstängel in der rechten Hand.

»Verschwinde. Die Zähne legst du mir in die Kabine. Gewaschen.«

Ich hätte sie ihm ins Gesicht gespuckt, wäre nicht der nächste Waggon auf uns zugerattert. Ich lieferte eine Glanzleistung ab, denken Sie an Nosferatu, ich meine Max Schreck als Nosferatu, so eine Glanzleistung. Die Kinder lachten.

»Großartig«, bemerkte Sepp.

Ich steckte das Handy ein, hustete das Gebiss raus und rief: »Das ist, weil du danebenstehst. Wenn ich alleine bin, bring ich die Kinder zum Schlottern.«

Sepp rückte näher. Sein Gesicht war kaum noch eine Nasenlänge von meinem entfernt, automatisch hielt ich die Luft an. »Das ist das Nächste«, knurrte er. »Vorhin haben ein paar von den Knirpsen geheult wegen dir.«

»Das ist mein Job, oder?«

Er ruderte mit den Armen. »Dein Job war, dafür zu sorgen, dass die Kinder wieder mit Schpuckidess fahren wollen, und nicht, sie für immer zu verschrecken!«

Ich presste rasch die Lippen aufeinander. Jedes Mal, wenn er den Namen der armen Geisterbahn verhunzte, musste ich grinsen.

Sepp zerrte mich durch die kleine grüne Tür nach draußen. »Was gibt’s da blöd zum Grimassenschneiden?«

»Vergiss es.«

»Verschwinde!«

Ich hielt die Hand auf.

Diesmal tippte er sich so fest an die Stirn, dass ich bleibende Schäden erwartete. »Dir hat wohl jemand ins Hirn g’schissen. Ich zahl doch keinen Lohn fürs Rauchen und Telefonieren.«

Da packte ich ihn am Jackenkragen. »Ich hab mir grade acht Stunden die Füße wund gestanden und die Seele aus dem Leib geschrien für dich. Du wirst mich bezahlen dafür.«

Er drehte sich so ruckartig zur Seite, dass zwei meiner Nägel an seiner Jacke hängen blieben und von nun an ihm gehörten. »Und was sonst?«, spottete er. »Willst du zur Polizei gehen und jammern, dass du heute kein Schwarzgeld von mir bekommen hast?«

Ich trat einen Schritt näher. »Lieber Sepp, ich bin doch nur eine unwichtige Nebenfigur. Sicher ist die Polizei viel mehr daran interessiert, dass du all deine Leute, und zwar jede Saison, schwarz bezahlst.«

Seine Augen wurden zu schmalen Schlitzen.

Ich schlug einen jovialen Ton an. »Ach komm schon, das war nur Spaß. Gib mir einfach meinen Lohn für heute.«

»Verzieh dich!«

Verdammt, der Idiot wusste genau, dass ich keine Petze war. Ich drückte ihm das Gebiss in die Hand.

»Gewaschen«, sagte ich. »Mein Speichel wird eines Tages viel wert sein, ich würd ihn mir aufheben.«

Angeekelt versenkte er das Plastikding in seiner Tasche.

Es ging mir nicht ums Prinzip. Ich hatte es nicht so mit Prinzipien. Und in Anbetracht der Tatsache, dass ich die Werbung bekommen hatte, brauchte ich wohl auch nicht mehr um jeden Cent zu kämpfen. Das Problem war nur, ich hatte Hunger. Und während der ganzen letzten Stunden im Spooky­death waren meine Gedanken schon um eine Pizza­schnitte della casa von der U-Bahn-Station gekreist. Ich kramte in meinen Manteltaschen. Zwanzig Cent, zwanzig Cent, zehn Cent, fünfzig Cent – Bingo! Zehn Cent, zwei Cent, zwei Cent, ein Cent … Scheiße, ein Euro fünfzehn reichten nicht mal für eine Pizza Margherita. Was nützte mir ein künftiges Leben in Luxus, wenn ich heute verhungerte?

Freudlos stapfte ich durch die Abenddämmerung, vorbei an geschlossenen Buden, stillen Karussells und schlafenden Attraktionen. Gegen Ende der Saison war es immer so. Die niedrigen Temperaturen und die frühe Dunkelheit lockten kaum noch Besucher in den Prater. Nur die Abgebrühtesten, vorwiegend Familien und Halbstarke, tummelten sich noch hier, die Klientel für Geisterbahnen und Autodrome. Und ein paar Touristen, die auf dem Riesenrad saßen. Für acht Euro fünfzig die Fahrt. Acht fünfzig für Schneckentempo mit ein bisschen Wienblick. Und ich hatte nicht mal zwei achtzig für eine della casa. In meiner Vermessenheit hatte ich sogar darauf spekuliert, mir heute ausnahmsweise zwei Stück zu gönnen. Doch wollte ich an diesem Abend, nach dieser guten Nachricht wirklich jammern? Nein! Ich steigerte das Tempo, fühlte die Endorphine durch meinen Körper tanzen und beschloss, dass ich jemandem von meinem Glück erzählen musste. Flo! Ich tippte und hielt das Handy ans Ohr.

Mailbox, was sonst.

621 gespeicherte Kontakte befanden sich in meinem Handy. Sechshunderteinundzwanzig, doch kaum einer davon war eng genug, um einen Triumph mit ihm teilen zu wollen. Und die Hälfte konnte ich nicht mal mehr zuordnen. Na ja, andere Geschichte. Jung und dumm und zum Glück ewig lange her. Also rief ich meine Eltern an. Das Schwierige und zugleich Angenehme an meinen alten Leutchen ist, dass sie wirklich alt sind. Meine Schwester, das Wunschkind, ist zwanzig Jahre vor mir auf die Welt gekommen. Bei meiner Geburt war meine Mutter sechsundvierzig, mein Vater fast fünfzig. Heutzutage kein Alter für frischgebackene Eltern, ich weiß, aber vor dreißig Jahren war das noch was anderes, und ich hatte meine Kindheit damit verbracht, Mitschüler an den Haaren zu ziehen, die meinen Vater Opa und meine Mutter vertrockneter alter Pudel nannten. Schwierig ist es deshalb, weil sie vieles von dem, was ich sage, nicht mitbekommen. Da ich aber oft rede, ohne vorher zu denken, ist ebendiese kleine Schwäche auch das Angenehme.

Meine Mutter meldete sich: »Sommer?«

»Hier auch Sommer.«

»Was –?«

»Mama, hallo, ich bin’s.«

»Lilly?«

»Ja.«

»Lilly! Kind! Dass du dich einmal meldest …«

»Mama, ich hab – du hast mich doch erst vorige Woche angerufen.«

»Der Papa hat so einen schlimmen Schnupfen.«

»Oje, na dann gute Besserung.«

»Morgen geht er zum Arzt. Den Schnupfen hat er jetzt schon den vierten Tag.«

»Oje, Mama –«

»Den vierten Tag. Ich weiß gar nicht mehr, was ich tun soll mit ihm.«

Ich zählte innerlich bis drei, dann sagte ich: »Zum Arzt gehen.«

»Er geht morgen zum Arzt.«

Ich blieb stehen. »Mama, hör zu, ich komm euch bald besuchen. Ich wollte euch jetzt nur schnell erzählen, dass ich eine Fernsehwerbung bekommen habe.«

»Werbung?«

»Ja, ich werde in der Werbung sein. Im Fernsehen. Zwei Jahre lang.«

»Im Fernsehen? Zwei Jahre?«

»Ja, Mama. Erzähl das dem Papa, vielleicht geht’s ihm dann besser. Und geh morgen zum Arzt mit ihm.«

Ich verabschiedete mich. Irgendwie wurden diese Telefonate immer unbefriedigender. Ich musste sie wirklich mal besuchen fahren. Wenn ich genügend Geld hatte, würde ich als Allererstes ein Auto kaufen.

Der Wind blies kräftig, ich fror in meinem dünnen Mantel. Ein Auto und eine gescheite Winterjacke. Ich verschränkte die Arme vor dem Oberkörper und marschierte flotter. Eine Familie kam an mir vorbei, Mami und Papi starrten mich an, die Kinder lachten und zeigten mit dem Finger auf mich. Es dauerte, bis ich begriff, dass ich noch die Schminke im Gesicht hatte. Ich zog die Schultern hoch und versteckte meinen Mund im Mantelkragen. Wenn ich erst jeden Abend auf dem Fernsehschirm war, würden mich die Leute auf der Straße auch anstarren. Ich hob den Kopf. Das war es, was ich wollte. Man sollte mich erkennen. Ich hatte die ewigen Erklärungen zu meinem Beruf satt. Erst hoben die Leute anerkennend die Augenbrauen, wenn ich »Schauspielerin« sagte, und dann fragten sie, wo ich denn zu bewundern wäre. Meine Standardantwort: »Ich möchte kein fixes Engagement, will flexibel bleiben, solange man jung ist, muss man das ausnutzen.« Zum Heulen! Ich hatte seit fast einem Jahr gar kein Engagement, und so jung war ich auch nicht mehr. Dann natürlich die obligatorische Frage: »Warst du schon mal im Fernsehen?« – »Ich bin Theaterschauspielerin. Fernsehen hat nicht den gleichen Stellenwert für mich. Aber ja, ich hab im Tatort mitgespielt.« – »Die Leiche? Hahaha.« An dieser Stelle stimmte ich stets ins Lachen ein, verschwieg, dass ich tatsächlich nach einem halbminütigen Auftritt erdrosselt wurde – aber hey, werden Sie mal erwürgt, wissen Sie, wie schwierig das ist? – und dass ich natürlich eine Fernsehkarriere wollte!

Und wenn es nicht anders ging, dann eben über die Werbung. Ein Zweijahresvertrag! Das erste Mal in meinem Leben, dass ich eine gesicherte Arbeit für mehr als ein paar Monate hatte. Und keine Geldsorgen, keine Geldsorgen! Halleluja!

Jetzt musste nur noch das lästige Stimmchen aus meinem Ohr verschwinden, das säuselte: »Vielleicht haben sie dich ja genommen, weil sie sonst keine Blöde gefunden haben?«

Mein Magen knurrte hörbar. In diesem Moment war ich sicher, dass ich mich richtig entschieden hatte. Und dumme kleine Stimmen im Ohr gehörten einfach verboten.

Ich lief die Treppen hoch. Jedes einzelne Stockwerk erbebte unter den Klängen von U2. Flo war zu Hause.

Im dritten Stock lugte Frau Schnippich aus ihrer Tür und bremste meinen Aufstieg. »Fräulein! Fräulein, Ihr junger Mann lässt schon wieder das Haus wackeln –«

»Ich weiß, er ist fürchterlich. Eine regelrechte Plage ist er.«

Die Runzeln der Frau Schnippich zitterten. »Na ja, eigentlich ist er ja ein netter junger Mann. Wohlerzogen. Aber diese Musik – nämlich, was für eine Musik noch dazu, das reinste Tschingbum!«

Ich beugte mich zu ihr hinunter. Sie kniff die Augen zusammen, schreckte zurück. Ach ja, die Schminke. »Die Maskerade brauche ich für die Arbeit … na egal. Frau Schnippich, ganz unter uns, ich finde ja, Sie haben recht, er ist nett, er ist wohlerzogen. Aber Sie wissen ja, wie die Männer sind. Irgendeinen Spleen brauchen sie, und ehrlich gesagt, da ist mir der Krach noch am liebsten.« Ich machte eine kleine Pause und flüsterte: »Wenn ich mir vorstelle, was er sonst noch alles treiben könnte …«

Wir hoben beide die Augenbrauen und nickten uns wissend zu.

»Er sollte sich eine Frau suchen«, wusste Frau Schnippich Rat.

»Meine Rede«, stimmte ich enthusiastisch zu und verabschiedete mich. Eine Frau von bald neunzig, die U2 für neumodischen Krach hielt, musste man nicht unbedingt darüber aufklären, dass der nette junge Mann schwul war.

Ich schoss die letzten Stufen hinauf und hämmerte an die Tür. Natürlich hörte mich niemand. Ich trat ein paarmal mit dem Fuß dagegen. Nichts. Ich versuchte es noch mal auf Flos Handy.

Mailbox. Mein Rucksack glitt von der Schulter, blieb an meiner Armbeuge hängen. Plötzlich war mir heiß. Ich stöhnte laut und durchsuchte mein Handy nach Brittas Num­mer.

»Hallo?« Es klang, als hätte sie keine Ahnung, wer anrief, was mich wahnsinnig machte, weil ich genau wusste, dass sie meine Nummer samt Namen in ihren Kontakten hatte. Mit Nachnamen sogar!

»Hallo, Britta«, rief ich. »Ich steh vor der Tür. Machst du mir bitte auf!«

»Du hast schon wieder deinen Schlüssel vergessen«, stellte sie fest. Kluges Kind. Ich biss die Zähne zusammen und verkniff mir die Antwort.

Es dauerte zwei Minuten, bis sie an der Tür war, gerade als ich nochmals anrufen wollte.

Ich drängelte mich an ihr vorbei.

»Was hättest du gemacht, wenn keiner zu Hause gewesen wäre?«, fragte sie mich. Es schien sie tatsächlich zu interessieren.

Ich zuckte mit den Schultern. »Das Gleiche wie immer. Gewartet, bis einer kommt.«

Britta schüttelte den Kopf. »Ich könnte nicht so leben.«

»Ich weiß.«

Ihre Nasenflügel bebten. »Bist du in der Maskerade U-Bahn gefahren? Du siehst aus wie ein Zombie.«

»Ich sehe aus wie ein Vampir.« Ich ließ sie stehen und steuerte Flos Zimmer an.

»An deiner Stelle würde ich da nicht reingehen!«, rief sie mir hinterher.

»Ich hab ihm was Wichtiges –«

»Philipp ist da.«

»… zu sagen.« Scheiße. Ich drehte mich um und zwitscherte im beiläufigsten Ton, den ich im Repertoire hatte: »Na, dann wird mein Wichtiges eben warten müssen.«

Britta zuckte die Schultern und verschwand um die Ecke. Belämmert blieb ich vor Flos Zimmer stehen und kämpfte mit der Versuchung, unsere Freundschaft erneut auf die Probe zu stellen, indem ich hineinplatzte. Du bist Green Poison, du hast dich im Griff.

Wie viele außer mir hätten sich auf einen Zweijahres-Knebelvertrag in der Werbung eingelassen?

Mit irgendjemand musste ich jetzt darüber reden. Mein Opfer saß in der Küche. Mit einem Riesenkäsebrot!

»Britta, darf ich mitessen? Ich zahl dir auch alles mit Zins und Zinseszins zurück.«

»Wenn dir der Körnchenfraß nicht zu blöd ist.«

»Sieht gar nicht aus wie Körnchenfraß«, murmelte ich und schnitt mir die Hälfte vom Käse herunter.

»So betitelst du doch alle Lebensmittel aus dem Bioladen.«

Ich stopfte mir Käse rein, während ich drei Scheiben Brot runtersäbelte. Mampfend sagte ich: »Tu’ mi’ leid.«

»Du spuckst.«

Ich musste husten, jetzt spuckte ich wirklich. Britta verzog keine Miene. Ich schluckte lautstark runter und rechtfertigte mich: »He, was kann ich dafür, dass der Körnchenfraß so trocken ist?«

Kann sein, dass ihre Mundwinkel sich einen Millimeter senkten.

»Britta, bitte, das war ein Scherz. Ich bin doch nur neidisch, weil ich mir so teures Futter nicht leisten kann. Aber …«, triumphierend nahm ich einen weiteren Bissen und schluckte ihn brav runter, bevor ich weitersprach, »aber das wird sich bald ändern, weil ich nämlich morgen einen Vertrag unterzeichne. Einen Werbevertrag, und in der Werbung steckt bekanntlich das meiste Geld.«

»Und für was wirbst du?«

Zu meiner Schande gestehe ich, dass ich kurz nachdenken musste. »Äh … ach ja, für Mobitel.«

»Mobitel?« Britta wirkte verblüfft, was mich ziemlich amüsierte. Wir wohnten über ein Jahr zusammen, doch ihre bisherigen Regungen waren auf sanften Ärger und zurückhaltenden Missmut beschränkt gewesen. Sie war die perfekte Wohnungsgenossin, ordentlich, brav und unauffällig. Stinklangweilig könnte man sie auch nennen, ohne große Gefühle oder gar Gelüste. Eine Frau ohne Unterleib, wie mein alter Schauspiellehrer sagen würde. Ihr plötzliches Interesse schmeichelte mir umso mehr, und es erforderte beträchtliches schauspielerisches Talent, mich bescheiden zu geben.

»Jaja«, sagte ich. »Recht nett, die ganze Angelegenheit. Aber Arbeit bleibt Arbeit …«

Britta schob mit dem Zeigefinger drei einsame Krümelchen auf ihrem Teller zusammen und nickte. Da keine weitere Reaktion von ihr kam und ich nicht zu den Leuten gehöre, denen man alles aus der Nase ziehen muss, rief ich: »Und das Beste ist, dass es kein Kurzauftritt wird! Ich unterschreibe einen Zweijahresvertrag. Genial, oder?«

Sie stand auf. »Das kann man wahrscheinlich so oder so sehen.« Ich wollte jeden Widerspruch im Keim ersticken, doch sie war schneller. »Einerseits verdienst du bestimmt eine Menge Geld, das bedeutet ein gesichertes Einkommen für diese beiden Jahre. Und du könntest danach auf den Wiedererkennungseffekt hoffen –«

»Was heißt könnte? Die Leute werden mich wiedererkennen.«

»Andererseits könnte dir genau das schaden. Für deine Laufbahn als Schauspielerin. Dass man in dir immer das Werbemaskottchen sieht. Das ist meine ehrliche Meinung.«

Ach ja, apropos, ich mag keine ehrlichen Meinungen, das können Sie sich gleich merken.

Genervt beobachtete ich Britta, wie sie die Krümel in den Mülleimer putzte und den Teller in den Geschirrspüler schlichtete. Wozu eigentlich? Das Ding war jetzt schon sauber. Sie drehte die Wasserleitung auf und wusch sich die Hände. Britta wusch sich ständig die Hände.

»Wie soll denn deine Aufgabe aussehen?«, fragte sie.

Die Frage war gar nicht so leicht zu beantworten, wenn ich mir nicht noch mehr Kritik anhören wollte.

»Also schau, wegen dem Wiedererkennungseffekt«, ich holte Luft, »das Gute ist, ich werde immer eine Perücke tragen, einen grünen Pagenkopf, also wird es gar nicht so leicht sein, mich zu erkennen.«

Sie runzelte die Stirn. »Wieso einen grünen Pagenkopf?«

Es half ja doch nichts. »Die Figur heißt Green Poison. Frag mich nicht, warum, aber darum eben die grünen Haare. Jedenfalls werden verschiedene Leute gezeigt, die über einen anderen Handyanbieter telefonieren«, ich machte eine kunstvolle Pause, in der ich mir die Hand auf die Brust legte, »und dann erscheine ich und verschönere und erleichtere ihnen das Leben, weil ich ihnen ein Mobitel-Handy in die Hand drücke.«

Wissen Sie, ein bisschen Skepsis hätte ich Britta gar nicht verübelt, aber den Blick, den sie aufsetzte, konnte man beinahe schon als entgeistert bezeichnen.

Eigentlich hatte ich vorgehabt, eine Flasche Wein mit Flo zu leeren, endlich gab es in meinem Leben mal was zum Anstoßen, doch weder er noch sein Gespons ließen sich blicken. So verbrachte ich den Abend in meinem Zimmer, lauschte Bonos Stimme durch die Wand und rauchte zwei Joints. Ja, ich wusste sehr wohl, was ich mir in der Geisterbahn geschworen hatte, doch einen letzten Abend sollte es mir noch gegönnt sein, oder? Ein bisschen Gesellschaft aus der Tüte, wenn sonst schon keiner mit mir feierte.

2
Dienstag, 19. Oktober
Lilly, 8:00

Ich hatte mir den Wecker gestellt, lag aber, als er läutete, schon zwei Stunden wach. Wie viele außer mir wären den Deal noch eingegangen? Diese Frage würde mich noch umbringen.

Ich schwang mich aus dem Bett, komplett bekleidet vom Vortag – sehr praktisch, aber in letzter Zeit passierte es wieder zu oft. Gähnend schlurfte ich ins Badezimmer. Der weiße Putz von gestern klebte mir auch noch zur Hälfte im Gesicht, ich konnte mich aber nicht entschließen, ihn abzuwaschen. In der Früh verträgt mein Körper kein Wasser. Also klatschte ich mir einfach eine dicke Schicht Make-up drüber, in einer Farbe, die nur halb so kalkig war. Ich hatte die Rolle schon, also musste ich jetzt keinen auf Miss World machen.

Flo stand in der Küche und machte Kaffee. »Für mich auch«, rief ich und warf mir ein Stück Würfelzucker in den Mund.

Er drehte sich um. »Scht, nicht so laut, Phil schläft noch.«

Ich verdrehte die Augen. »Darf man hier gar nicht mehr leben, wenn Phil da ist?«

»Fängst du schon wieder an.«

Ich ächzte. »Weißt du, dass ich’s gar nicht mehr erwarten kann, bis du und dein Sunnyboy nach Graz abzieht.«

Er legte den Kopf schief. Er wusste genau, dass ich an dem Tag, an dem er endgültig auszog, tausend Tode sterben würde. »Was gibt’s Neues bei dir?«

»Vergiss es«, schnauzte ich und ließ mich auf meinen Sessel fallen.

Er gab keinen Mucks von sich.

»Also gut, wenn du es unbedingt wissen willst … ich bin Green Poison.«

»Nein!«

Grinsend hob ich den Kopf. »Und heute unterschreibe ich den Vertrag.«

»Baby, wir sind reich.«

»Ich bin reich.«

Er verschränkte die Arme. »Meine liebste Lilly, was, glaubst du, wird mit meinem Geld passieren, wenn ich dir endlich nichts mehr pumpen muss? Es wird mir gehören! Mir allein. Ich bin reich!«

»Scht, nicht so laut, dein Phil …«

»Ach, halt doch die Klappe.« Er beugte sich runter und umarmte mich. »Ich freu mich so für dich.«

»Ist es wirklich gescheit, sich darauf einzulassen?«, fragte ich in seine Schulter hinein.

Er ließ mich los. »Was meinst du?«

»Ich werde unterschreiben müssen, dass ich während der Green-Poison-Zeit nichts nebenbei machen darf, was eigentlich kein Problem ist, ich bekomme eh nichts anderes. Aber jetzt frage ich mich, ob sie mich nur genommen haben, weil ich die Einzige war, die sich darauf eingelassen hat.«

Flo stellte meinen Kaffee vor mich hin. »Ich will ja nicht wie ein Chauvi klingen, aber ihr Frauen seid schon sehr mühsam.«

Ich sah ihn an. »Also glaubst du, ich mach das Richtige?«

»Lilly, seit wann ist dir wichtig, was andere denken? Du machst doch sowieso, was du willst.«

Ich nahm einen hastigen Schluck und verbrannte mir die Zunge. »Weißt du, es ist schon komisch«, sagte ich dann. »Gestern um die Zeit hab ich mir noch überlegt, wie viele Finger ich für eine Filmrolle geben würde.«

»Geben?«

Ich stellte die Tasse hin. »Na abhacken. Ich würde einen Finger für die Hauptrolle in einer Fernsehserie geben. Zwei Finger für einen internationalen Film. Vielleicht eine ganze Hand für Hollywood … die linke Hand, aber dann müsste mindestens eine Oscarnominierung mit im Paket sein –«

Er setzte sich mir gegenüber und starrte mich an. »Was für eine Rolle in einem Hollywoodschinken solltest du ohne linke Hand bekommen?«

Ich beugte mich über den Tisch. »Flo! Sei doch nicht so phantasielos! Das sind Gedankenspielchen. Wenn jetzt ­Scorsese oder Spielberg oder von mir aus Almodóvar reinkäme und mir den Vorschlag machen würde, Hand gegen Hauptrolle, dann würde ich annehmen.«

Er zog die Mundwinkel nach unten. »Du bist echt grauslich, Schatzi.«

»Nicht wahr?«, rief ich begeistert. »Und genau das ist es! Ich würde mich jederzeit von Körperteilen verabschieden – die ich teilweise echt noch gut gebrauchen könnte – und dann mach ich mir Sorgen wegen so einem bisschen Werbevertrag. Das ist doch Schwachsinn, oder? Du hast vollkommen recht, Flo. Ich mach, was ich will, und ich werd jetzt einfach glücklich damit, basta. Ich danke dir.« Ich griff nach seiner Hand und drückte sie. »Ich danke dir von Herzen.«

Er hob die Schultern. »Ich danke dir. Ich war noch nie so froh, schwul zu sein, wie jetzt.«

Frieda, 10:00

Frieda saß in ihrem geparkten Civic vor dem Haus ihres Bruders und wartete auf einen plötzlichen Energieschub, der es ihr möglich machte, aus dem Auto zu steigen.

Die Wartezeit betrug mittlerweile zehn Minuten. Das Ab­artige dabei war, sie wusste genau, dass Ludwig die ganze Zeit in seinem Schlafzimmer am Fenster stand und sie beobachtete. Selbst wenn sie die kurzfristige Unruhe des Vorhangs nicht bemerkt hätte, als sie nach oben blickte, hätte sie gewusst, dass er dort stand. Man mochte ihr vorhalten, was man wollte, aber keinen Mangel an Intuition.

Ein Kreischen vor dem Haus lenkte ihre Aufmerksamkeit auf den Vorgarten, wo sie Reginas Kinder entdeckte. Natürlich waren es auch Ludwigs Kinder, doch wie immer fiel es ihr bedeutend leichter, sie mit ihrer Mutter in Verbindung zu bringen. Ohne einen weiteren Blick nach oben zu werfen, stieß sie energisch die Tür auf und trat auf den Gehsteig.

»Grüß euch Gott«, rief sie ihren Neffen entgegen und verzog das Gesicht, als sie Theo in der Nase bohren sah.

Leo zog sich am Eisengitter hoch und drückte den elektrischen Türöffner.

Er sollte das nicht tun, fand sie. Was, wenn er abrutschte und hinfiel? Oder einem Fremden das Tor öffnete? Doch es waren gottlob nicht ihre Kinder, also behielt sie ihre Meinung für sich. »Wie geht es euch?«

Leo verschränkte die Arme vor der Brust. »Die Mama ist krank.«

Theo streckte Frieda die Zunge raus, versteckte sich hinter seinem Bruder und kicherte. Sie rang sich ein Lächeln ab und steuerte auf das Haus zu.

»Der Papa hat gesagt, dass keiner die Mama stören darf«, gellte Leo hinter ihr her.

Heute war es auch nicht die Mama, die sie stören musste. Sie packte den vergoldeten Ring und ließ ihn auf den Löwenkopf sausen. Erinnerte sich daran, wie stolz sie als Kind gewesen war, als sie ihn nach einem Wachstumsschub endlich erreichen konnte. Wenige Wochen danach erlebte der um drei Jahre jüngere Ludwig denselben Triumph.

Berta öffnete mit großzügiger Geste, als erwarte sie einen hochrangigen Staatsgast. Sobald sie Frieda erblickte, schob sie die Tür automatisch zur Hälfte wieder zu. Frieda drängte sich an ihr vorbei.

»Fräulein Bernhard –«, legte der Hausdrachen los, wurde jedoch von einem dröhnenden Bass unterbrochen.

»Schon gut, Berta«, rief Ludwig in jovialstem Ton von oben. »Meine Schwester ist uns natürlich immer willkommen!«

Berta hob die Augenbrauen und ließ säuerlich die Mundwinkel hängen. Hatte in Sachen Schwester anscheinend auch schon anderes gehört.

Frieda straffte die Schultern und steuerte Ludwigs Arbeitszimmer an. Für einen Moment genoss sie es, dass sie als Erste eintreten konnte und er hinter ihr hertrappeln musste. Auch wenn dieser kleine Triumph den bevorstehenden Verhandlungen wohl kaum förderlich sein würde.

Ludwig bewies Haltung und präsentierte sich ganz als guter Gastgeber. »Etwas zu trinken, meine Liebe?«

»Nein.«

»Dann setz dich doch wenigstens hin.« Er schloss die Tür, goss sich einen Whiskey ein, nahm hinter seinem Schreibtisch Platz.

Frieda blieb stehen, während ihr Bruder seinen Whiskey zelebrierte. Er trank in kleinen Schlucken, die Augen geschlossen, setzte mit einem genießerischen »Ahhhh« einen weltmännischen Schlussakzent.

In Friedas Ohren rauschte das Meer, das kam in letzter Zeit öfter vor. Kein gutes Zeichen.

»Single Malt. Zwölfjährig. Du verpasst etwas, meine Liebe.«

»Ludwig, ich möchte aussteigen.«

Er ließ ein paar Sekunden verstreichen, in denen er das Glas hob und mit den Augen den Bodensatz untersuchte. Gekonnt beiläufig murmelte er schließlich: »Wenn du dir das leisten kannst.«

»Ich kann es mir leisten, wenn du mir Geld borgst.«

Er runzelte die Stirn, als hätte er soeben eine Fliege in seinem Glas entdeckt. »Wie viel denn?«

Frieda spürte, dass er mit ihr spielte, schluckte die Demütigung und sagte: »Fünfzigtausend.«

Er spitzte die Lippen, legte den Kopf schief, stellte das Glas ab. »Was wäre ich wohl für ein Bruder«, die Hände schwer auf die Tischplatte gestützt, stand er auf, »wenn ich dir und deinen … Schülern nicht eine Lektion mit auf den Weg geben würde? Moment mal, habe ich das nicht sogar von dir gelernt? Nichts auf der Welt bekommt man umsonst. Waren das nicht deine Worte?« Er kam um den Tisch herum und lächelte sie an.

In ihren Ohren rotierten Hubschrauber. »Ludwig, diese Sache zerstört uns alle.« Wenn nur ihr Kopf endlich aufhören würde zu zittern. »Ich habe dir von Anfang an gesagt, dass ich nicht weiß, wie lange wir mitspielen können. Ich habe die Verantwortung für diese jungen Menschen. Glaub mir, es macht sie kaputt.«

Das Lächeln verschwand. »Frieda, wir haben diese Idee gemeinsam geboren. Du kannst nicht einfach aufhören, nur weil du keine Lust mehr hast. Was, denkst du, passiert dann mit mir? Und mit Alex? Und letztendlich mit dir und deinen kleinen Talenten?«

»Dann gehe ich zu Alexander«, stieß sie hervor. »Er wird vernünftig sein, er ist tausendmal mehr Mensch als du!«

Er packte sie am Arm. »Untersteh dich, ihn damit zu belästigen. Das würde dir so passen, ihn auf deine Seite zu ziehen. Solltest du auch nur versuchen, ihn um denselben Blödsinn zu bitten wie mich gerade, dann wird deine feine Truppe in der Versenkung verschwinden.«

Sie schaffte es zu lachen, souverän zu kontern: »Diese Drohung soll mich schrecken? Du hast nichts gegen mich in der Hand, das dich nicht selbst in den größten Schlamassel ziehen würde.«

Seine Hand löste sich von ihrem Arm. »Du gehst jetzt besser heim, Frieda. Ich habe eine Engelsgeduld, wie du weißt. Aber noch mal: eine falsche Handlung von dir, und deine Leutchen sind es gewesen.«

Kindisch, doch sie konnte sich die Antwort nicht verkneifen: »Eine falsche Handlung von dir, und du bist es gewesen.«

Sie wartete seine Reaktion nicht ab, machte auf dem Absatz kehrt, stürmte aus dem Zimmer.

»Fräulein Bernhard!«, quietschte Berta, als Frieda sie beinahe umrempelte.

»Das kommt vom Lauschen«, fuhr Frieda sie an und stob durch die Halle. Hinaus aus der Tür, vorbei an den Neffen, rein in den Wagen, Bleifuß aufs Gaspedal. Fast wünschte sie, dass die Polizei, von den quietschenden Reifen alarmiert, auf sie aufmerksam wurde. Zu viel Wut in ihrem Bauch, sie wusste nicht, wohin damit.

Lilly, 10:05

Die Linke Bahngasse achtzehn war ein Kostümfundus. Natürlich sehr praktisch, wenn auch der Geruch von Moder und Mottenpulver der Romantik des besonderen Anlasses etwas abträglich war. Es war fünf nach zehn, als ich reinhetzte. Aus Magdas Augen schossen Blitze. Gott sei Dank war ich immun dagegen. »Hi, Magda«, begrüßte ich sie strahlend. Mein Gott, fünf Minuten, ich war doch sicher nicht die ­Letzte.

»Du bist die Letzte«, zischte sie mir zu. Oder war es »das Letzte«? Sie packte meine Hand und zog mich zwischen Reihen verstaubter Kostüme zu einem Tisch, an dem vier Männer saßen.

Blitzschnell teilte ich sie ein. Der Quirlige in der bunten Wollweste war fürs Kostüm zuständig, der junge Unsympathler im Anzug war der Werbefuzzi, der mit Brille und Schal war der Regisseur und der Alte mit der schönen Nase und dem dichten grauschwarzen Haar war der Produzent.

Magda stellte mich der Runde vor. »Meine Herren, es tut uns wirklich sehr leid, Matilda ist ansonsten eine ganz Pünktliche.«

»Lilly, ich heiße Lilly«, sagte ich laut.

Sie stellten sich nacheinander vor. Der in der Wollweste hieß Günther Nenning und war der Werbefuzzi. Der Bebrillte mit Schal stellte sich als Puck und fürs Kostüm zuständig vor. Der Unsympathische entpuppte sich leider als mein künftiger Regisseur mit dem klingenden Namen Ricky, aber du kannst auch Frederick zu mir sagen. Und der mit der schönen Nase hieß Alexander Strehl und war der Boss von Mobitel.

»Sie sind also unser neues Gesicht«, sprach er mich an, während Ricky mit den beiden anderen Herren die Kleiderfrage diskutierte.

»Dabei hat die Firma Mobitel schon ein sehr schönes, wie ich sehe«, antwortete ich.

Strehl stutzte kurz, überlegte augenscheinlich, ob ich ihn verarschte, dann lächelte er. »Ich verstehe, dass Sie beim Casting überzeugt haben.«

»Ich nicht«, versuchte ich zu scherzen, doch Strehl zeigte keine Regung. »Keine Angst«, sprudelte ich hervor, »ich hab manchmal einen eigenartigen Humor, doch ich verspreche, ich bin hervorragend darin, mich an den Drehbuchtext zu halten.«

Er musterte mich. »Warum glaube ich Ihnen das nicht?«

Ich hob das Kinn. »Ich habe nicht die geringste Ahnung.«

Er fixierte mein Gesicht, dann ließ er den Blick nach unten wandern. Nicht lange, vielleicht nur für eine Sekunde, gerade so, dass ich es schaffte, nicht rot anzulaufen.

»Matilda«, drang die Stimme von Wollweste zu uns.

»Ich heiße –«, setzte ich an.

»Lilly«, endete Strehl für mich.

Jetzt wurde ich rot. Abrupt drehte ich mich zu Wollweste. »Ja?«

»Ich würde Sie bitten, ins Kostüm zu schlüpfen. Und dann schauen wir uns den Vertrag an.«

Lilly, 10:45

Als ich den Kostümfundus verließ, war ich um zwei Weisheiten reicher. Erstens, ich würde keine Millionärin werden, zweitens, ich musste meinen Körper stählen. Wenn ich die ganzen Klauseln, Ergänzungen und Zahlen im Vertrag richtig verstanden hatte, dann würde ich zwar mehr Geld erhalten, als ich jemals besessen hatte, jedoch würden abzüglich Magdas Provision und vor allem der Steuer monatlich nicht mehr als drei- oder dreieinhalbtausend Euro rauskommen. Nur so grob überschlagen.

Viel ärgerlicher aber war die Sache mit dem Kostüm. Ich hatte schon gewusst, dass die mich in fünfzehn Zentimeter Nuttenstiefel stecken würden, denn den Gang darin musste ich bereits beim Casting überstehen. Doch wenn mir ­einer gesagt hätte, dass ich ansonsten nicht viel mehr als eine Strumpfhose und einen Turnanzug anhaben würde, dann hätte ich bereits vor Wochen mit einer Diät begonnen. Nicht mal das kleinste Röckchen wurde mir gegönnt. Wenigstens war Strehl nicht mehr da gewesen, als ich in dem Glitzerteil herumstolzierte. Mir reichten die Diskussionen der drei anderen Männer über meinen Umfang. Und dazwischen Magda, die versicherte, dass ich jederzeit abnehmen könne, im Abnehmen sei Matilda einsame Spitze. »Die Oberweite macht aber vieles wieder wett«, hatte Kostüm-Puck zu meinen Gunsten gesprochen, »und am Bauch raffen wir einfach den Stoff. Mit der Strumpfhose können wir sowieso noch viel tricksen.«

So verlief er also, mein erster Vormittag als Star.

Den Nachmittag verbrachte ich alleine zu Hause. Ich tanzte eine Stunde lang im Bikini vor dem Spiegel und beruhigte mich schließlich mit dem Gedanken, dass sie eine Schauspielerin wollten und kein Model. Oder war bloß kein Model so blöd gewesen, einen Knebelvertrag auf zwei Jahre zu unterschreiben?

Meine Mutter rief an und teilte mir mit, dass sie bei sämtlichen Nachbarn und im gesamten Bekanntenkreis herumerzählt hatte, dass ich in einer Fernsehserie spielen würde.

»Es ist eine Werbung, Mama. Keine Serie.«

»Aber es ist doch im Fernsehen!«

»Jaja, natürlich. Und äh … Mama?«

»Ja, mein Schatz? Hier sind alle so stolz auf dich.«

»Na, super. Aber eines noch, Mama, das Kostüm ist … na ja, sportlich.«

»Siehst, die Tante Agathe muss ich noch anrufen.«

»Ja. Und es ist eine Werbesendung, hörst du?«

»Die Tante Agathe, und auch noch diesen alten Schulfreund von deinem Vater. Der – lebt der noch?«

Frieda, 16:30

Frieda pfefferte die Autotür hinter sich zu und strebte ihrem Haus entgegen. In einem Tempo, das vor allem dazu diente, die Niedergeschlagenheit und die Angst abzuschütteln. Es war der neunzehnte Oktober, die Tage endeten viel zu rasch, die frühe Dunkelheit drückte zusätzlich aufs Gemüt. Aber doch nicht bei mir, schrie Frieda im Innern, ich lasse mich von weltlichen Dingen nicht beeinflussen, ich habe keine Zeit für Schwäche. Zähne zusammenbeißen, Kopf heben und jedem Widerstand mit offenen Augen begegnen, das war ihre Devise. Das lehrte sie ihre Schüler, und das erwartete sie von ihnen. Das Theater war ein hartes Brot, nicht geeignet für allzu sensible Seelen, auch wenn die oft das meiste Talent besaßen. Doch es gehörte eben viererlei dazu: Talent, Disziplin, Begeisterung und ein eiserner Wille. Frieda biss die Zähne zusammen und streckte den Nacken.

Sie schloss die Tür auf und trat ein. Die Halle war leer, doch sobald sie ihren Mantel aufhängte, kamen die Ersten angelaufen.

»Wir haben uns Sorgen gemacht, Frieda, du warst lange weg.«

»Papperlapapp, Sorgen, was sollte einem alten Mädchen wie mir schon zustoßen. Habt ihr den ersten Akt geprobt?«

»Zweimal.«

»Zweimal?«

»Ich sagte ja, du warst lange weg.«

Sie musste lächeln. Diese lieben, eifrigen Menschen. Wer behauptete, dass die heutige Jugend keine Ideale, keine Werte besaß, lag falsch. Frieda wusste ganz genau, dass ihre jungen Leute denselben Ehrgeiz und dieselbe Freude in sich trugen wie sie damals. Sie tätschelte die Wangen der vertrauten Gesichter und fragte dann nach Max.

»Er ist noch drüben auf der Bühne und probt seinen Monolog«, antwortete Marianne.

Frieda nickte. »Hol ihn bitte, und dann kommt beide zu mir.« Zu den anderen sagte sie: »Und wir, meine Lieben, sehen uns beim Abendessen.«

Sie stieg die Treppe hinauf, die rechte Hand fest am Geländer, um den plötzlichen Schwindel in den Griff zu bekommen. Sechzehn junge Menschen lebten unter ihrem Dach, vertrauten ihr bedingungslos. Noch nie war ihr diese Bürde so bewusst gewesen wie heute Abend.

Sie hatte es gerade in ihr Zimmer auf das Sofa geschafft, als es auch schon klopfte. »Kommt herein!«

Max. Wie stets zog sich ihr Herz bei seinem Anblick zusammen. Seit drei Jahrzehnten arbeitete sie mit Schülern, doch keinem war sie je so nahe gewesen wie ihm, und das seit dem Tag vor elf Jahren, als er auf das Anwesen kam.

»Willst du etwas trinken, Frieda?«, fragte Marianne.

Friedas Blick wanderte von Max zu seiner Begleiterin. Sie vermutete schon lange, dass die beiden eine Beziehung hatten. Das störte sie nicht, junge Leute brauchten so etwas, und besser, sie fanden sich hier, als dass sie draußen zu suchen anfingen.

»Frieda?«, hörte sie die Stimme des Mädchens.

»Ja bitte, Marianne, ein Wasser, nur ein Glas Wasser.«

»Du siehst müde aus.«

Frieda wischte die Sorge in Max’ Stimme mit einer Handbewegung weg. »Wie geht es mit dem Ferdinand?«

Er setzte sich neben sie. »Ich hab ihn noch nicht ganz. Komischerweise macht mir die erste Szene zwischen ihm und Luise zu schaffen. Der Monolog funktioniert, denke ich.« Er machte eine kurze Pause, dann lächelte er. »Ich liebe diesen Monolog.«

»Und er liebt dich«, erwiderte sie und nahm das Wasserglas entgegen, das Marianne ihr hinhielt.

Max wartete, bis sie fertig getrunken hatte, dann sagte er: »Du hast nichts erreichen können, nehme ich an …«

Frieda schüttelte den Kopf. Dann rückte sie näher an Max und zog Marianne an ihre freie Seite aufs Sofa. »Ich möchte, dass ihr beiden mir jetzt gut zuhört«, begann sie. »Wir müssen eine Entscheidung treffen, wir drei, hier und jetzt.«

Marianne atmete heftig, Max legte seine Hand auf Friedas und drückte sie leicht. Sie liebte ihn allein für diese Geste. »Meine lieben, lieben Kinder, wollt ihr, dass unser Haus, unser Zusammensein, unsere Bühne, unsere Truppe bestehen bleibt?«

»Natürlich …«

»Dann gibt es nur eine Möglichkeit.«

»Aber ich dachte, es wäre vorbei …«

Frieda packte Mariannes Hand. »Ist das Theater dein Leben? Ist es deine Sehnsucht, deine Leidenschaft, der Sinn deiner Existenz? Oder könntest du auch ohne?«

»Niemals ohne«, stieß das Mädchen hervor.

»Dann müssen wir dieses Opfer bringen! Als ihr euch mit achtzehn entschieden habt, Schauspieler zu werden, und zwar richtige Schauspieler, nicht irgendwelche Bundestheater­marionetten, da seid ihr gleichzeitig auch eine Verpflichtung eingegangen. Wir sind keine Durchschnittsmenschen! Wir leben nicht, um unsere Miete zu bezahlen, auf Urlaub zu fahren und abends vor dem Fernseher einzuschlafen. Jeder von euch, jeder von uns, kann sich umentscheiden, doch sobald er das tut, ist hier kein Platz mehr für ihn.«

Marianne nickte heftig. »Das weiß ich, Frieda, das weiß ich. Und du weißt, dass ich die Letzte bin, die sich umentscheiden würde.«

Lilly, 17:00

Um fünf war es stockfinster. Ich hatte mir auf dem Nachhauseweg ein halbes Grillhuhn gekauft, das ich nun in der Mikro­welle wärmte. Dazu aß ich Chips aus der Tüte und sah mir ­Sitcoms an. Das würzige Essen trocknete mich aus, mein Gaumen fühlte sich so an, wie ich mir eine Mondkraterlandschaft vorstellte – öde, rissig und angestaubt. Doch keine zehn Raumfahrer hätten mich dazu gebracht, aufzustehen und mir ein Glas Wasser zu holen. Ich war satt, rund und träge, ich würde nie wieder aufstehen.

Irgendwann kam Flo nach Hause, den neuerdings unvermeidbaren Phil im Schlepptau. Im Liegen berichtete ich ­ihnen von meinem Vormittag. Wenigstens erntete ich ein paar Lacher für die Kostümgeschichte.

Kaum hatten sich die beiden zu einem romantischen Abendessen in die Küche verzupft, mit Kerzen und Austern, bla, bla, bla, kam Britta mich stören. Sie blieb neben dem Sofa stehen, beäugte das Hendlgerippe, in dem die leere Chipstüte steckte, und sagte: »Ich hoffe, es hat gemundet.«

Ich rülpste, so laut ich konnte. »Nachdem ich ab morgen diätieren muss, hab ich’s mir heute noch mal gut gehen lassen.«

»Du solltest keine Diät halten, sondern Sport treiben, das wäre wesentlich gesünder und sinnvoller.«

Bla, bla, bla.

»Hast du denn deinen Vertrag unterschrieben?«

Ich leckte mir das Salz von den Fingern. »Mit Tinte und Schweiß.«

»Und wann fängst du an?«

»Liebäugelst du jetzt mit meiner Branche? Gibst du die Pharmazie auf oder willst du dir nur was zum Studium dazuverdienen?«

Sie runzelte die Stirn. »Was, denkst du, mache ich jeden Vormittag im Büro? Ich verdiene mir seit sechs Jahren etwas dazu.« Sie schüttelte den Kopf. »Möchtest du den Teller nicht hinaustragen? Das Ding da drauf riecht.«

»Na, ich hoffe doch, dass es riecht. Es ist Essen.«

»Essen sollte nicht riechen.« Damit stolzierte sie mit ihrem viel zu mickrigen Hintern und den Strohhalmbeinen aus dem Zimmer – während ich mich mit prall gefülltem Wanst auf dem Sofa aalte und innerlich immer unrunder wurde. Es frustrierte mich, dass Flo schon wieder anderweitig besetzt war, ich wollte endlich meinen Triumph begießen. So aber blieb mir nichts übrig, als mich irgendwann doch aufzurappeln und mich nach zwei Gläsern Wasser in mein Zimmer zu schleichen, um mir wieder einen einsamen Joint zu drehen. Und dann einen zweiten, noch einsameren. Beim dritten fühlte ich mich nicht mehr einsam. Okay, ich geb’s zu, als mein Handy klingelte, war ich ordentlich bedient.

»Ja?«

Schweigen am anderen Ende. Oh ja, Schweigen tat gut, wieso war ich überhaupt rangegangen, ich war so müde.

»Lilly, hier ist Alexander Strehl.«

»Oh.«

»Ich hoffe, ich störe Sie nicht zu so später Stunde?«

»Nein … nein.« Ich lachte, das Lachen klappte hervorragend, nur das Reden fiel mir schwer.

»Das freut mich. Ich würde Sie gerne wiedersehen …«

»Oh ja, ja gern.« Was redete der da? Was redete ich da?

»Sagen wir morgen Abend? Ich gebe Ihnen die Adresse.«

Immerhin war ich geistesgegenwärtig genug, einen Stift zur Hand zu nehmen. Böhmgasse 1, schrieb ich auf die Rechnung von meinem Zeitungsabonnement. Und: 20 Uhr.

Keine Ahnung, wie das Gespräch endete, ich hoffe, nicht mit einer Peinlichkeit meinerseits, wobei das rückblickend eigentlich auch egal wäre.

Irgendwann klopfte es an meiner Tür. Ich reagierte nicht, wollte meine Ruhe haben. Ich schaffte es gerade noch, zu denken, dass ich hoffentlich keinen Brand gelegt hatte, dann war ich weg. Die einzige Droge, die ich brauchte, war Schlaf.

Alexander, 20:20

Alexander legte den Hörer auf. Dann starrte er auf seine Schreibtischplatte, ohne irgendeinen der Gegenstände wahrzunehmen, die darauf lagen. Er war neunundfünfzig Jahre alt und benahm sich wie ein Teenager. Auf den ersten Blick hatte sie ihm gar nicht gefallen, zu sehr Amazone. Doch für Green Poison mochte das passen. Mochte das passen, der Teufel sollte ihn holen und in der Hölle braten, mochte das passen, was für eine schwammige Formulierung für den Geschäftsführer eines Großunternehmens. Als hätte er keine eigene Meinung dazu, als wäre es gar nicht wichtig, was er von der Sache hielt. Du bist die Nummer eins, versuchte er sich einzutrichtern, um dich und dein Urteil geht es. Was du sagst, ist Gesetz.

Seit wann war ihm die Firma egal? Wann hatte er begonnen, gänzlich das Interesse zu verlieren? Verzweifelt hob er den Kopf. Seine Augen huschten im Raum umher. Das hier gehört dir. Alles. Das ganze Stockwerk und jedes der dreizehn Stockwerke darunter. Dein Imperium. Du bist der Imperator. Er legte die Stirn auf die Tischplatte. Plötzlich wünschte er, er wäre wieder zehn. Damals war er wirklich der Imperator gewesen. Und der achtjährige Ludwig sein Diener, der ihn mit Weintrauben und sauren Drops füttern musste. Es schien fast, als wären diese paar präpubertären Jahre die einzigen in seinem Leben gewesen, die stimmig waren. Was sonst geschehen war, das Studium, die Frauen, jeder Schritt seiner Karriere, all das war irgendwie zum falschen Zeitpunkt gekommen. Als wäre er immer sein eigener Zuschauer gewesen, der still danebensaß und beobachtete, während der Mann, dem all die Dinge passierten, lediglich eine Hülle blieb.

Nur dass es in letzter Zeit wesentlich schlimmer geworden war. Früher hatte Musik geholfen, wenn er nichts fühlen konnte. Ganz bestimmte Lieder, Klassiker aus seiner Jugend, die seine Haut, sein Blut, alle Zellen zum Mitschwingen brachten. Heute fiel ihm nur noch Schwachsinn ein, um zumindest ein bisschen innere Bewegung zu spüren, Schwachsinn wie der, diese Lilly um ein Treffen zu bitten.

Ludwigs Anruf heute Mittag hatte ihm gar nicht behagt. Oh, müsste er sich nicht eigentlich darüber freuen, dass er wenigstens noch Unbehagen empfinden konnte? Der Machtwechsel zwischen Ludwig und ihm hatte sich schleichend vollzogen. Alexander konnte nicht genau sagen, wann es begonnen hatte, vielleicht als Ludwig stolzer Vater geworden war, so glücklich über seine kleinen Schablonen, dass ­Alexander sich urplötzlich mit seiner eigenen Vaterrolle konfrontiert sah, in der er kläglichst versagt hatte. Doch sein Kind war eben, genau wie alles andere, zum völlig falschen Zeitpunkt gekommen.

Er stand auf und stellte sich ans Fenster. Vierzehn Stockwerke unter ihm krabbelten die Mitarbeiter von Mobitel aus dem Gebäude wie Ameisen, die ihren Bau verließen. Er dachte an seinen Geburtstag in vier Tagen. An sein vorgezogenes Geburtstagsgeschenk. Plötzlich war ihm speiübel.

»Ich will das nicht«, sagte er laut und wunderte sich über die Vehemenz in seiner Stimme. Den kleinen Energieschub musste er nutzen. Er marschierte zu seinem Schreibtisch, nahm den Telefonhörer und tippte die Nummer ein.

»Alex«, dröhnte ihm Ludwigs Stimme entgegen.

»Hallo«, grüßte er und versuchte vergeblich, locker zu klingen.

»Was ist los, alter Junge?«

Alexander schloss die Augen. »Ludwig, ich …« Wann hatte er die Kontrolle verloren? »Ludwig –«

»Sag bloß, Frieda hat dich doch noch angerufen.«

»Nein, nein.«

»Was dann? Spuck’s aus, Alex, willst du absagen?«

»Und du?«, fragte er und merkte, wie jämmerlich hoffnungsvoll die beiden Worte klangen.

»Um nichts in der Welt! Hältst du mich für verrückt?«

»Nein.« Er räusperte sich. »Also dann, wir sehen uns morgen um zwei.«

»Wunderbar. Freu dich!«

»Ja«, antwortete Alexander und legte den Hörer auf. Er wollte sich nicht freuen, er wollte nur wieder zehn Jahre alt sein.

3
Mittwoch, 20. Oktober
Lilly, 8:00

Als der Wecker mich aus dem Schlaf riss, war mein erster Gedanke, dass gestern irgendetwas Unangenehmes passiert war. Ich fing zu überlegen an. Ich hatte die Werbung bekommen, das war gut. Meine Eltern dachten, es wäre eine Fernseh­serie, und im Kostüm sah ich aus wie eine XL-Barbarella, das war schlecht. Aber da war noch was. Ich hatte mich wieder eingeraucht, auch schlecht … Und dieser Strehl hatte mich angerufen, das war es! Oh Gott, was hatte ich palavert? Irgendeinen Blödsinn?

Ich setzte mich auf. Unter Schmerzen konnte ich meine Zunge vom Gaumen befreien. In meinem Schädel klang das wie das Öffnen eines Klettverschlusses. Meine Klamotten vom Vortag lagen auf dem Boden bereit. Ich schlüpfte hinein und tapste barfuss in die Küche. Vor Brittas wachsamem Auge trank ich einen Liter Mineralwasser aus der Flasche. Britta spitzte die Lippen.

»Sorry«, sagte ich.

»Du riechst wie ein Aschenbecher«, begann sie.

»Sorry –«

»Wie ein Aschenbecher auf einer Hanfplantage.«

»Das war sowieso das letzte Mal«, murmelte ich und inspizierte den Kühlschrank nach was möglichst Fettigem.

Britta machte sich mit einem Schwamm über den Tisch her. Als ich mich mit Streichkäse und Baguette an den Tisch setzte, fing sie gerade an, ihn mit einem Geschirrtuch zu polieren. Ich spürte ihren musternden Blick und musste mich zusammenreißen, um nicht Grimassen zu schneiden.

»Was ist?«, knurrte ich.

Plötzlich lachte Britta. Es klang leicht und perlend und verblüffte mich zutiefst. Britta lachte normalerweise weniger als ein Mönch mit Schweigegelübde.

»Was ist?«, wiederholte ich misstrauisch.

Sie schüttelte den Kopf. »Ich dachte nur gerade, dass du dich nie ändern wirst. Macht aber nichts, du bist ganz in Ordnung so.« Damit hängte sie das Tuch fein säuberlich an den dafür vorgesehenen Haken an der Wand und verließ die Küche.

Ich merkte, dass mir der Mund offen stand, und schloss ihn, indem ich in mein Baguette biss.

Sport war nie wirklich meins gewesen, obwohl man mich von der Statur her für eine Schwimmerin halten könnte. Und genau da lag das Problem. Ich durfte gar nicht viel trainieren, sonst würde ich noch breiter und muskulöser werden. Das Einzige, was ich angehen konnte, war mein Bauch. Und dazu hatte ich null Lust. Das Stimmchen in meinem Ohr konnte sich ein paar ätzende Kommentare zu meiner Figur nicht verkneifen. Ich schluckte den letzten Bissen von meinem Frühstück hinunter und sagte laut: »Halt endlich die Klappe.«

Trotzdem drehte ich nach dem Frühstück den Fernseher auf und legte mich auf den Boden. Während der Neun-Uhr-Nachrichten brachte ich sechs Sit-ups von zweifelhafter Qualität zustande. Nebenbei bekam ich Neues von der Wirtschaftskrise, irgendeinem Börsenindex und dem Mord an ­einem bekannten Richter zu hören. Mit einem Brieföffner, wie altmodisch war denn das? Ich rappelte mich auf und warf einen Blick auf den Bildschirm, auf dem ein älteres Foto des Toten gezeigt wurde. Er sah behaart und gemütlich aus, wie ein alter Balu der Bär. Er tat mir leid und ich ertappte mich bei dem Gedanken, dass er hoffentlich ein Arschloch gewesen war.

Alexander, 10:45

Kurz bevor Alexander in die Haydngasse einbog, bremste er seinen Wagen herunter. Sollte Polizei vor Ort sein, würde es keinen guten Eindruck machen, wenn er mit quietschenden Reifen vor dem Haus eines Mordopfers hielt. Selbst wenn das Opfer sein bester Freund gewesen war. War … was für ein unglaubliches Wort im Zusammenhang mit Ludwig.

Lediglich eine Streife parkte auf dem Gehsteig vor dem Grundstück – für einen ordentlichen Parkplatz war die Straße zu schmal –, doch das genügte, um ihm einen Schlag in den Magen zu verpassen.

Er fuhr die Gasse weiter hinauf und stellte seinen BMW auf einem Rasenstück ab. Dann stieg er aus. Das Wissen, dass er diese Chance unbedingt nutzen musste, dass er es einzig hier und jetzt in der Hand hatte, sein Leben zu retten, verlieh ihm immerhin Willenskraft genug, um die zittrigen Beine unter Kontrolle zu bekommen.

Die wirren Gedankenfetzen, die seit dem Anruf heute Morgen sein Hirn malträtiert und ihm höllische Kopfschmerzen beschert hatten, waren wie weggeblasen. Sein Schädel pochte zwar, doch ansonsten fühlte er nur eine große Menge Nichts. Sein Kopf war so leer wie eine Western-Einöde, durch die Tumbleweeds wehen. Am liebsten wäre er nach Hause gefahren und hätte sich im Bett verkrochen. Bis zum Frühjahr.

Das Tor zum Grundstück stand offen. Er hielt nach dem obligatorischen gestreiften Polizeiband Ausschau, das er aus dem Fernsehen kannte, fand aber nichts dergleichen. Natürlich nicht, der Tatort lag neun Kilometer entfernt in der Innenstadt. In Ludwigs Büro.

Er duckte sich hinter einen Busch und hoffte inständig, dass ihn niemand entdeckte. Ein sechzigjähriger Anzugträger im Kaschmirmantel, der sich wie ein kleiner Junge im Gebüsch verschanzte, musste unweigerlich auffallen. In diesem Moment sah er etwas, das seinen Atem stocken ließ.

Frieda stürmte aus dem Tor.

Seine Hände fühlten sich augenblicklich glitschig an, als er sich bewusst machte, was es bedeuten würde, wenn sie ­einen Blick die Gasse hoch werfen würde, wo sein Auto stand. Halb schloss er die Augen, als könnte er sie auf diese Weise dazu bewegen, ebenfalls weniger zu sehen. Sie marschierte, ohne sich umzudrehen, die Haydngasse abwärts. Vor Erleichterung schloss er die Augen ganz. Er würde das Glück nur noch ein einziges Mal strapazieren müssen, nur für die nächsten zehn Minuten. Bitte. Danach würde er ein anständiger Mensch sein. Für immer.

Aus seinem Versteck beobachtete er den Eingang und versuchte zwischen zwei Möglichkeiten abzuwägen. Wobei er schnell merkte, dass er gar keine Wahl hatte. Es würde nichts bringen, förmlich an die geöffnete Tür zu klopfen und höflich zu fragen, ob man vielleicht eintreten und ein paar Dinge mitnehmen dürfe. Genauso zwecklos wäre es, der Polizei seine Hilfe anzubieten oder sich – offiziell – um die verwitwete, verwaiste Familie kümmern zu wollen. Nein, er musste es unbedingt vermeiden, sich der Polizei überhaupt zu zeigen. Seine einzige Chance bestand darin, ungesehen ins Haus zu kommen. Wilde Inkognito-Ideen stritten in seinem Hirn. Natürlich alles Unsinn.

Er musste unsichtbar werden. Und das ging nur auf eine einzige Weise. Er musste es irgendwie in den hinteren Garten schaffen, dort unbemerkt die schwere Falltür öffnen, die unter der Wiese begraben lag, und dann die etwa sechzig Meter durch den unterirdischen Gang bis direkt in Ludwigs Arbeitszimmer schleichen. Wo natürlich das nächste Problem auf ihn wartete: Ebendort würden sie am genauesten suchen.

Egal, es war der einzige Plan, den er hatte.

Der Drahtzaun, der den Garten begrenzte, war auf der linken Seite an einer Stelle undicht. Alexander wusste das, denn Ludwig hatte sich des Öfteren darüber beschwert, dass der Nachbarshund in seinen Garten gekrochen kam. Er konnte nur hoffen, dass eine Lücke, die groß genug für einen Ungarischen Hirtenhund war, auch ihn durchließ. In den Nachbarsgarten zu kommen stellte kein Problem dar, er war lediglich von Hecken umsäumt.

Er hatte so viel Glück, dass ihm für einen Moment ganz schwach wurde. Kein Hundegekläff war zu hören, als er sich durch die Zweige zwängte.

Geduckt schlich er an Ludwigs Zaun entlang. Es dauerte nicht lange, bis er die Stelle gefunden hatte. Sie war so groß, dass er zweimal durchgepasst hätte.

Er war drüben. Gebannt blieb er an den Zaun gedrückt hocken. Doch keiner der Kripobeamten hatte sich in den Garten verirrt.

In Hockstellung bewegte er sich ein paar Meter vorwärts. Mit klammen Fingern tastete er den feuchten Rasen ab. Hier irgendwo musste der schwere Eisenring sein. Er zwang sich ruhig zu bleiben, sein Blick unverwandt auf die Fenster gerichtet, während seine Hände ihre Arbeit taten.

Da, jetzt hatte er ihn. Mit beiden Händen befreite er die schwere Tür, auf der der Eisenring saß, von Erde. Im selben Moment wurde ihm bewusst, dass der Geheimgang nun sofort entdeckt werden musste, sobald man in die Nähe kam. Aber er hatte keine Zeit für Überlegungen. Sollte die Polizei das, wonach er suchte, vor ihm gefunden haben, dann brauchte er sich die nächsten Jahrzehnte um gar nichts mehr zu sorgen. Das würde dann der Staat für ihn erledigen.

Er zog an dem Ring, zerrte die Falltür in die Höhe, musste sie mit beiden Händen nach oben drücken, um hineinschlüpfen zu können. Seine Füße fanden keinen Halt auf der glatten Stiege. Ächzend prallte er mit dem Rücken auf die Steinstufen. Die Falltür schlug mit einem lauten Knall über ihm zu. Er starrte in die Dunkelheit. Wartete darauf, dass sie kamen.

Niemand kam.

Die Wände waren kalt und feucht, der Gang stockfinster, und er verfluchte sich dafür, dass er kein Feuerzeug dabeihatte. Dann fiel ihm ein, dass er sein Handy benutzen konnte. Mit Hilfe des Displays leuchtete er sich seinen Weg. Schritt für Schritt. Meter für Meter. Als er das Gefühl hatte, dass es sich höchstens noch um zehn, fünfzehn Fußlängen handeln konnte, die ihn von Ludwigs Arbeitszimmer trennten, lauschte er bei jedem Schritt, den er tat.

Die Bodenklappe, die aus dem Gang ins Arbeitszimmer führte, war aus dünnem Holz, wie er wusste. Ludwig hatte seit einem Jahr vorgehabt, beide Eingänge zum Geheimgang, sowohl den im Arbeitszimmer als auch den im Garten, mit einem Schloss zu verriegeln. Seine beiden Jungs waren in ein Alter gekommen, in dem sie sich auf eine aufregende Entdeckungsreise nur allzu gern eingelassen hätten. Und abgesehen davon, dass in der höhlenartigen Finsternis die Verletzungsgefahr viel zu groß war, vertrugen die Gespräche im Arbeitszimmer sicher keine Lauscher.

Alexander hangelte sich am Ende des Gangs mit den Händen die Treppe hinauf und drückte das Ohr gegen die Holztür.

Er vernahm entfernte Stimmen. Hauptsächlich tiefe Männerstimmen. Er konnte es nicht mit Sicherheit sagen, doch es klang, als hielte sich augenblicklich niemand im Zimmer auf. Jedenfalls waren weder Schritte zu hören noch das Aufziehen von Laden oder das Durchwühlen von Schränken. Und die Stimmen kamen aus anderen Räumen. Er wog das Risiko ab. Die Bodentür lag, unter einem Perserteppich verborgen, hinter einer kleinen, geschlossenen Bar. Sofern also niemand zufällig hinter die Theke schaute, konnte er unbemerkt aus dem Loch steigen, selbst wenn sich jemand in der Nähe aufhielt. Vorausgesetzt natürlich, er verursachte keinen Lärm.

Ein letztes Mal lauschte er angespannt, dann schloss er die Augen und drückte mit dem Kopf gegen die Bodentür. Sie gab ein knarrendes Geräusch von sich, das sein Trommelfell zum Schwingen und sein Herz zum Hämmern brachte. Panisch hielt er inne. Zwei Sekunden, drei Sekunden … dann gab er sich einen Ruck und stemmte mit aller Kraft seinen Hinterkopf dagegen.

Er musste die Schultern dazunehmen. Der Teppich, der auf der Falltür lag, war dick und schwer. Hektisch arbeiteten seine Hände daran, ihn wegzuschieben, so dass er sich aus dem Loch hieven konnte.

Ohne zu atmen lauschte er.

Die Stimmen waren nicht allzu weit entfernt. Er schätzte, dass sie aus der Halle kamen. Er zog sich an der Theke hoch, sein Blick schoss durchs Zimmer.

Leer.

Die schweren Flügeltüren jedoch waren geöffnet. Er zwängte sich unter den Schwingtürchen der Bar durch und kroch hinter den Schreibtisch. Er musste den Vorrat finden, die Liste finden, alle Hinweise auf seine Person finden und vernichten. An das Geburtstagsgeschenk mochte er gar nicht denken. Nein, das hatte nichts mit ihm zu tun. Er wollte es nicht. Er war nicht schuld. Der Reihe nach öffnete er die drei obersten Laden, tastete sich vorsichtig durch Schreibutensi­lien, Briefbögen und Büroklammern. Nichts. Die nächste Ladenreihe. Wieder nichts. Panisch riss er die beiden Kästchen auf, die sich links und rechts darunter befanden, steckte den Kopf hinein, stocherte verzweifelt nach hinten, fühlte, fasste, packte, doch nichts, das er in die Hände bekam, war von irgendeinem Nutzen für ihn.

Stimmen. Er stockte. Stimmen – und Schritte! Panisch kroch er unten den Schreibtisch, rollte sich zusammen wie ein Stein. Schritte von schweren Schuhen, ganz nah … er kniff die Augen zu – die Schuhe änderten ihren Kurs, nahmen die Treppe nach oben.

Er keuchte. Raus hier, raus! Gebückt floh er zur Bar, unter den Schwingtürchen durch, ins Loch hinein. Er packte den Griff der Falltür, wollte sie schließen, da fiel ihm der Teppich ein. Gott im Himmel! Verzweifelt versuchte er den Teppich über die Bodenklappe zu ziehen, so dass er, wenn sie geschlossen war, glatt darüber liegen würde.

Und wenn nicht, auch egal! Er musste weg.

Er kroch, krabbelte und robbte durch die Finsternis. Sein Atem schien ihm viel zu laut, als wäre das Geräusch auf Tonband aufgenommen und würde extra eingespielt.

Mit jedem Meter, den Alexander vorwärtskam, schlüpfte er weiter aus seinem Körper. Schließlich war er nur noch ein Beobachter, der diesem ungelenken Anzugträger dabei zusah, wie er sich über Stein und Schmutz quälte. Die Distanz zu dem hechelnden Mann wurde immer größer.

Bis seine rechte Hand sich in einem Haarbüschel verfing. Da kehrten die Gefühle in Alexander Strehls Körper zurück.

Lilly, 14:00

Ich hatte keine Lust mehr auf das Treffen mit Strehl. Den ganzen Vormittag über war ich wie auf Koks gewesen, hatte herumtelefoniert, literweise Kaffee getrunken und vor dem Spiegel getanzt.

Um zwei Uhr nachmittags sank ich zittrig und erschöpft aufs Bett. Ich registrierte die trübe Suppe vor dem Fenster und musste das Licht in meinem Zimmer aufdrehen, um die drückenden Schatten zu verjagen. Trotzdem fühlte ich mich elend.

Du hast gewonnen, sagte ich mir. Du hast geschafft, was du wolltest. Dein Leben wird gut sein. Noch besser als jetzt.

Oder doch nicht? Was, wenn der Kampf der letzten Jahre erfüllender war als die kommende Sicherheit? Ich bewege mich gern am Limit. Wähle zwischen dem längeren, bequemen Weg und dem kurzen über die brennende Holzbrücke instinktiv die Abkürzung. Nicht nur, um schneller ans Ziel zu kommen – so sportlich bin ich nicht –, sondern vor allem, um es nicht den anderen gleichzutun. Niemals.

Ich stand auf, zündete mir eine Zigarette an und öffnete den Kleiderkasten. Ich hatte ein Dutzend Fetzen, die mindestens so nuttig waren wie das Poison-Kostüm. Aber so würde er mich noch oft genug sehen.

Letztendlich fand ich mich in ausgewaschenen Jeans, einem knallroten Top und Cowboystiefeln wieder. Meine Haare band ich ganz oben am Hinterkopf zu einem Pferdeschwanz und war stolz, dass sie trotzdem noch über den halben Rücken reichten. Der Rest war nicht so toll, aber das machte mir meistens nichts aus. Ich hätte das nie laut ausgesprochen, doch ich fand mein Charaktergesicht wesentlich interessanter als Brittas Engels­antlitz. Vermutlich hätte ich trotzdem mit ihr getauscht. Engel hatten es leichter auf der Welt.

Lilly, 20:12

Ich war selbstverständlich davon ausgegangen, dass es sich bei der Böhmgasse 1 um ein Lokal handelte. Aber nichts da, lediglich ein schlichtes Häuschen hinter einem Gartenzaun, umgeben von Fichten und Tannen. Oder so was Ähnlichem, irgendwelchen Nadelbäumen eben.

Ich fluchte. Die ganze scheiß Böhmgasse bestand aus Nummer 1. Hier war sonst nichts!

Ich kramte meinen Schlüsselbund aus der Manteltasche und umschloss ihn so, dass die Schlüsselspitzen aus der Faust ragten. Nicht die tollste Waffe der Welt, doch zum Augenauskratzen konnte es reichen.

Das Gartentürchen war verschlossen. Ich klingelte.

Innerlich begann ich zu zählen. Sollte er bis zehn nicht geöffnet haben, würde ich gehen. Zwei, drei, vi– der Summer ertönte. Scheiße. Ich öffnete das Türchen, bewegte mich aber keinen Millimeter.

Die Haustür ging auf. Er hatte die Haare zurückgekämmt und sah womöglich noch besser aus als gestern. Vielleicht lag es aber auch an der Finsternis.

»Wollen Sie ewig da unten warten?«, fragte er jetzt.

»Ich weiß nicht«, bemühte ich mich um einen frechen Tonfall, »ich habe mein Pfefferspray nicht dabei.«

Er machte einen kleinen Schritt in meine Richtung, blieb aber auf dem Treppenabsatz stehen. »Wenn Sie sich hier unwohl fühlen, können wir uns ein Taxi in die Innenstadt nehmen.«

Ich zog mein Handy hervor und wählte Flos Nummer. Die Tonbandstimme teilte mir mit, dass der Teilnehmer momentan nicht erreichbar war. Ohne Strehl aus den Augen zu lassen, sprach ich ins Handy: »Hi, Flo, ich bin’s. Falls du mich brauchst, ich bin derzeit im elften, in der Böhmgasse eins, zusammen mit Alexander Strehl.« Ich klappte mein Handy zusammen und stieg die drei Stufen hoch.

»Sie sehen hübsch aus heute Abend«, sagte Strehl.

»Sie auch«, antwortete ich automatisch und wurde mir im gleichen Moment bewusst, dass er krank aussah. Seine Augen wirkten riesig, die Wangen hohl, und die Haut, die mir gestern als positiv robust aufgefallen war, sah aus wie Schafskäse.

Ich trat ins Haus. Es gab keinerlei Garderobe, ich stand im Wohnzimmer. Trotz Strehls Protesten zog ich mir die Stiefel aus. Ich konnte wenn nötig auch in Socken flüchten, das helle Parkett hingegen sah so aus, als könnte es keine Widrigkeiten ertragen.

»Schön haben Sie es hier«, murmelte ich und betrachtete die Bilder an den Wänden. Moderne Kunst, sicher saumäßig teuer. Ich drehte mich nach Strehl um. Seine Farbe wechselte von Weiß zu Grau.

»Sie haben bestimmt einen sehr guten Geschmack«, versuchte ich ihn aufzuheitern. »Diese Bilder – wow …«

Er starrte mich an. Ich ließ die Schultern fallen und schlug ergeben die Hände auf die Oberschenkel. »Okay, was ist los? Bereuen Sie die Verabredung mit mir? Bereuen Sie, dass ich die Rolle bekommen habe? Wollen Sie den Vertrag stornieren –«

Er trat zu mir und legte den Zeigefinger auf meine Lippen. »Schschscht«, machte er. »Ich finde Sie wunderbar.«

Ich lachte laut, was zeigte, wie unsicher ich war. War der Mann ein Psychopath? Jedenfalls hatte sich die Sache mit dem Sex von selbst erledigt, nie würde ich mit dem Typen – er küsste mich. Und ich küsste ihn.

Er zog mich runter auf das schöne helle Parkett. Ich konnte gerade noch erfreut feststellen, dass er eine Fußbodenheizung hatte, dann drückte er mich so heftig an sich, dass mir die Luft wegblieb. Mechanisch begann ich ihm beim Ausziehen zu helfen. Warum endete es bei mir eigentlich immer so?

»Kondom nicht vergessen«, murmelte ich und überlegte, ob er mir für die Heimfahrt wohl ein Taxi spendieren würde.

»Natürlich«, sagte er und robbte zu einer Kommode. Ich wusste, je länger ich auf den halbnackten Mann starrte, der in seinen Laden wühlte, desto mehr würde mir die Lust vergehen. Ich griff nach meiner Handtasche und holte meine Geldbörse hervor. Darin befanden sich ein paar Ausweise, meine gesperrte Kreditkarte – und ein uraltes Kondom, wusst ich’s doch.

Während er auf mir lag und viel zu wilde Bewegungen machte, wurde ich wütend. Was zum Teufel trieb ich da? Keine zwei Minuten hatte es gebraucht, bis ich schwach geworden war. Hätte er mich gleich bei der Tür geküsst, dann hätte sogar weniger als eine Minute gereicht. Ich war der Welt größte Schlampe.

Er drückte seine Wange an meine, schwitzte und stöhnte – ich verdrehte die Augen. Wie konnte ich die Sache möglichst nett beenden? Ich musste warten, bis er fertig war, oder? Egal, so wie der sich aufführte, konnte es nicht mehr lange dauern.

Es dauerte lange. Ich hatte genügend Zeit für den Entschluss, Kostüm-Puck, Frederick-Ricky und Wollweste zu sagen, dass ich die Maskerade nicht so nuttig wollte. Ich sehnte mich nach Biederkeit und Anstand, Worte, über die ich sonst nur lachte. Oh, und meinen Eltern würde ich sagen, dass ich Weihnachten zu ihnen kam, ja, dieses Jahr bestimmt. Aua, was machte dieser Idiot da auf mir? Weihnachten, genau, diesmal konnte ich ihnen was richtig Cooles kaufen, vielleicht einen Flatscreen oder so eine Whirlpoolfunktion für die Badewanne. Bis dahin musste ich doch schon die erste Zahlung erhalten haben. Und 2010 konnte ich ausziehen. Raus aus der WG, weg von Britta. Flo würde dann sowieso in Graz sein. Ihm würde ich auch was Cooles kaufen zu Weihnachten, irgendwas für den PC. Und Britta, ja, die würde aus den Latschen kippen, wenn ich ihr eine tolle Handtasche oder so was schenkte, dann könnte ich auch mit ruhigem Gewissen ausziehen, dann würde sie nicht denken, dass es ihretwegen war – Strehl brach erschöpft über mir zusammen. Ich frohlockte. Er begann in meinen Haaren zu wühlen. Bitte kein Nachspiel, bitte, ich brauch so was nicht.

»Na, sehr gut …«, sagte ich, um die Stimmung ein wenig aufzulockern. Er vergrub sein Gesicht in meinen Haaren. Ich räusperte mich, so laut es ging. Er schreckte hoch und setzte sich auf. Ich erstarrte. »Das Kondom? Wo ist das Kondom?«

Er stutzte. »Oh, das muss wohl –«

Ich rappelte mich hoch. Verdammt, das verfluchte Ding musste noch in mir sein. Ich biss mir auf die Lippen und begann herumzustochern.

»Soll ich dir helfen?«, fragte Strehl. Ich musste mich zurückhalten, um ihm nicht an die Kehle zu springen.

Als ich das Ding endlich erwischt hatte, stolperte ich Richtung Bad. Ich schmiss die Tür hinter mir zu, stieg in die Dusche und reinigte mich so gründlich wie noch nie in meinem Leben. Als ich schließlich auf dem Frotteeteppich stand und mich abtrocknete, konnte ich mir den Blick in den Spiegel nicht verkneifen. Mein Gesicht sah so aus, wie ich mich fühlte. Ich streckte ihm meine erhobenen Daumen entgegen und gratulierte mir zu dem gelungenen Abend. Dummes Stück, wenn du so was schon ohne Spaß und Freude machst, dann nimm wenigstens Geld dafür.

Ich öffnete die Tür, hörte Strehl mit irgendjemandem reden und blieb abrupt stehen. Seine Stimme klang emotionslos und doch völlig entrückt. »Frieda, tu mir das nicht an … bitte … Frieda …«

Scheiße, war das alles peinlich. Ich stand in seinem Handtuch in seiner Badezimmertür und hörte mit an, wie er eine andere anflehte. Ich kniff die Augen zusammen. Scotty, beam me up!

»Oh, du bist wieder da …«

Ich musste fast die Finger benutzen, um meine Augen zum Öffnen zu überreden. »Ja, ähm, die Dusche ist super, alles Marmor, nicht wahr? Wow …« Ich stakste im Handtuch in die Mitte des Raumes, wo meine Sachen auf dem Boden lagen. Strehl stand daneben mit dem Handy in der Hand und einer Hautfarbe, die mehr als gespenstisch war. Dabei war er es, der mich anglotzte, als hätte er einen Geist gesehen. Und das während der gesamten Zeit, in der ich mich anzog, wo es doch nach dem ersten Mal sowieso kaum was Erniedrigenderes gab, als sich wieder in Klamotten zu werfen.

»Und? Geht es dir gut?«, fragte er.

Der Reißverschluss meiner Jeans klemmte. »Bestens. Ich nehme doch an, dass du kein Aids hast, oder?« Meine Finger zitterten plötzlich, und ich setzte ein kleines Lachen hinterher.

Er hingegen blieb ganz ernst. »Nein, habe ich nicht. Und du?«

»Nein. Und schwanger bin ich hoffentlich auch nicht.« Ich ließ den Reißverschluss einfach offen und sah Strehl an.

Er starrte zurück, als würde er nicht verstehen.

Ich versuchte es noch mal mit dem blöden Lachen. »Ich meine, es wäre eine sehr interessante Info für mich, wenn du mir jetzt sagen würdest, dass du eine Vasektomie hattest. Hm? Vielleicht?«

Sein Gesicht und sein Tonfall blieben völlig ausdruckslos, als er sagte: »Nein, ich hatte keine Vasektomie.«

»Na prima«, presste ich hervor und wünschte, ich könnte die Zeit eine halbe Stunde zurückdrehen.

»Es tut mir leid, dass der Abend so plötzlich endet.«

Ich winkte ab. »Aber nein, das macht doch nichts, ich bin keine von diesen Frauen. Ich bin nicht beleidigt, ehrlich. Und wir – wir können ja mal zusammen essen gehen oder so …«

Während ich sprach, zwängte ich mich in die Stiefel und meinen Mantel. Ich hob die Hand zum Abschied, winkte und stolperte aus der Tür, ehe er mich aufhalten konnte. Ich rannte durch den Garten, durch die Böhmgasse und stoppte erst, als ich den Brechreiz nicht mehr unterdrücken konnte. Ich erbrach mich auf den Hinterreifen eines Porsches, und zwar gerade in der Sekunde, als der Besitzer kam.

Ich wollte so schnell wie möglich nach Hause, hatte allerdings kein Geld für ein Taxi. Geschlagene dreizehn Minuten dauerte es, bis die Straßenbahn kam.

Ich setzte mich ganz nach hinten und vergrub das Kinn im Mantelkragen. In meiner Nase lag der Dunst von Erbrochenem.

So was war mir eine ganze Weile nicht mehr passiert. Weder das Kotzen noch der Sex, und schon gar kein verrutschtes Kondom. Früher, ja … aber mein Gott, früher war ich jung und dumm.

Und ausgerechnet jetzt, wo ich das erste Mal etwas Lukratives in Aussicht hatte, was heißt in Aussicht? – ich hatte es! Ausgerechnet jetzt musste ich in der Straßenbahn sitzen und mir den Kopf darüber zerbrechen, ob ich mir irgendwas eingefangen hatte. Scheiße!

Der Heimweg dauerte über eine Stunde. Ich war durchgefroren, und auf dem letzten Stück hatte es auch noch zu regnen angefangen. Meine Füße schwammen in den Stiefeln. Das wäre auch mal was. Wasserdichte Schuhe, nicht immer das billige Zeugs.

Wenigstens hatte ich meinen Schlüssel mit, und wenigstens waren beide Vögel ausgeflogen.

Ich warf die Wohnungstür hinter mir zu und schlüpfte mit einem lauten Schmatzgeräusch aus den nassen Tretern. Meine Socken hatte ich bei Strehl gelassen.

Dann ging ich schnurstracks in mein Zimmer und verkroch mich ins Bett. Ich presste die Augenlider aufeinander und war so wütend, dass ich Sterne sah. Blitzende Sterne auf rotem Hintergrund. Mit einem Ruck setzte ich mich auf. Ich drehte das Lämpchen über meinem Bett an, holte Gras, Tabak und Papier aus dem Nachtkästchen und drehte mir eine Tüte. Und gleich noch zwei weitere.

Nur heute noch, nur wegen dieser Aidssache, sobald die ausgestanden war, nie wieder. Nie wieder in meinem ganzen Leben.

Ich rauchte zweieinhalb Joints und fühlte mich ordentlich beschwummert. Besser ging es mir nicht, aber zumindest konnte ich einschlafen.

4
Donnerstag, 21. Oktober
Lilly, 2:15

Dieser Strehl soll mich endlich loslassen. Verdammt, nimm die Finger aus meinem Gesicht! Du Arschloch, ich werd dir –

»Lilly!«

»Flo?«

»Verdammt, was ist das für ein Zeug, das du dir reingezogen hast? Ich hab gedacht, du bist tot.«

Das Licht war so grell, dass es mit Sicherheit Löcher in meine Netzhaut brannte. »Bitte, lass mich –«

»Lilly, steck dir einen Kaugummi in den Mund und komm mit. Da warten zwei Polizisten auf dich im Vorzimmer.«

Ich kniff die Augen zusammen. »Bist du verrückt?«

Flo sah so ernst aus wie nie zuvor. »Scheiße, Lilly, ich hab keine Ahnung, was die von dir wollen, aber du musst kommen.«

Ich fand auf die Schnelle keinen Kaugummi, also schob ich mir eine Halswehtablette in den Mund. Mein Herz klopfte viel zu schnell unter dem roten T-Shirt. Mein Wecker auf dem Nachtkästchen zeigte zwei Uhr sechzehn.

Der Weg durch den Flur erschien mir endlos, ich hatte mehr Angst als damals bei der Aufnahmeprüfung, mehr Angst als bei jedem Casting. Meine Eltern, es waren bestimmt meine Eltern. Einer von ihnen musste tot sein, womöglich beide.

Ich stürzte auf die Polizisten zu, ein Pärchen, das war das Einzige, was ich anfangs wahrnehmen konnte. Ein Mann und eine Frau. Britta stand neben ihnen und sah verstört aus.

»Was ist?«, stieß ich hervor. »Was ist mit meinen Eltern? Sind sie – tot?«

Mann und Frau sahen sich an.

»Jetzt sagen Sie schon!«

Mann ergriff das Wort. »Frau Sommer, es ist nichts mit Ihren Eltern.«

Ich schlug die Hände auf die Brust. »Oh Gott, danke, danke …« Ich war so erleichtert, dass ich beinahe losheulte, bis mir einfiel, dass die beiden dann sicher wegen meiner Joints hier waren. Scheiße!

»Was kann ich dann für Sie tun?«, fragte ich im schönsten Theaterdeutsch, um mir etwas Respekt zu verschaffen nach dem Ausbruch.

Erneut sahen sie sich an. Plötzlich wirkten sie, als wären sie sich nicht mehr sicher, ob ich überhaupt etwas für sie tun konnte.

Wieder ergriff Mann das Wort. Während er sprach, zog er seine Polizeimarke hervor. »Frau Sommer, ich bin Chefinspektor Hans Elfrath und möchte Ihnen einige Fragen zum vergangenen Abend stellen.«

Ich stieß unwillkürlich einen verächtlichen Laut aus. »Ach du meine Güte, jetzt verstehe ich. Hören Sie, ich hab den Porsche nicht angerührt. Egal, was der Typ behauptet. Und dass man sich mal den Magen verrenkt, wird ja wohl noch erlaubt sein.«

Frau machte zum ersten Mal den Mund auf. »Welcher Porsche? Und welcher Typ?«

Ich runzelte die Stirn. »Sind Sie nicht wegen dem Porsche hier?«

»Ich wiederhole: Welcher Porsche? Und welcher Typ?«

Frau war wohl etwas pedantisch. Ich wandte mich an diesen Elfrath und versuchte es auf eine neue Tour. »Möchten Sie einen Kaffee? Tee? So wie es ausschaut, kann diese Sache sich hinziehen. Es sei denn, Sie drücken sich etwas klarer aus.«

»Wir möchten keinen Tee und keinen Kaffee«, spulte Frau herunter.

Flo legte mir warnend die Hand auf den Arm. Ich verstand und wartete.

»Wir möchten uns mit Ihnen über Dr. Alexander Strehl unterhalten«, sagte Elfrath und beobachtete mich dabei scharf. Was natürlich ganz toll war, denn ich zuckte bei dem Namen regelrecht zusammen.

»Was hat er verbrochen?«, fragte ich. Ich durfte doch hoffen, dass er etwas verbrochen hatte, oder? Es würde doch nicht so sein, dass er mich wegen Vergewaltigung angezeigt hatte? Mir entfuhr ein Lachen. So ein Blödsinn.

»In welchem Verhältnis standen Sie zu Dr. Strehl?«

Flo neben mir machte eine ruckartige Bewegung, Brittas Augen verengten sich. Jeder Idiot hätte kapiert, was das »standen« in Elfraths Satz bedeutete. Aber ich musste natürlich wieder eine Show abziehen und frech erwidern: »Jedenfalls in keinem engen, ich wusste nicht mal, dass er Doktor – war?«

»Dann wissen Sie also, dass er tot ist.«

Wären sie doch wegen meiner Joints gekommen … Ich schluckte. »Ich weiß es, weil Sie ›standen‹ gesagt haben.« Hilfesuchend wandte ich mich an Britta und Flo. »Ihr doch auch? Ihr habt das auch mitgekriegt, oder?«

Beide nickten stumm.

»Wir haben Ihre Geldbörse mit Ihrem Führerschein bei seiner Leiche gefunden. Und wenn ich nicht irre, Ihre Socken.«

Frau sah mich abschätzig an. »Und wenn ich nicht irre, ­einiges an Sekreten.«

Mir blieb der Mund offen stehen. »Ist das ›versteckte Kamera‹?«, flüsterte ich.

Flo legte den Arm um mich. Seine Stimme war unnatürlich laut. »Was wollen Sie von unserer Freundin? Sie können doch nicht herkommen und sie wie den letzten Dreck behandeln. Sagen Sie, was Sie wollen, und dann hat sich die Sache.«

»Wir sind hier, um Frau Sommer in einem Mordfall zu befragen.« Keiner von uns dreien zeigte eine besondere Reaktion. War schließlich kaum anzunehmen, dass die beiden wegen eines natürlichen Todes so einen Aufstand machten. Trotzdem fixierte Elfrath mich: »Sie wirken nicht im Mindesten überrascht.«

Am liebsten wäre ich ihm an die Kehle gesprungen. »Stellen Sie schon Ihre Fragen«, presste ich hervor.

Frau sagte: »Wir werden uns setzen müssen. Dieses Gespräch kann länger dauern.«

Lilly, 4:45

Das »Gespräch« dauerte zweieinhalb Stunden und war in Wahrheit ein Verhör.

Ich wiederholte eintausend Mal, dass ich Strehl am Dienstag, dem neunzehnten Oktober, im Kostümfundus kennengelernt hatte und mir bis dahin seiner Existenz nicht bewusst gewesen war. Ich spürte eintausend Mal Fraus Blick auf mir – ich glaube, sie hieß Bauer, für mich aber blieb sie einfach nur Frau –, fühlte das Stigma der Schlampe und wusste, dass ich in den Augen der beiden null Anspruch auf eine faire Behandlung hatte. Geschweige denn auf ihr Vertrauen, egal, wie sehr ich mir den Mund fusselig redete.

Nein, ich war nie zuvor in seinem Haus gewesen. Nein, wirklich nicht, ich log nicht. Nein, auch nicht am Tag davor. Nein, sicher nicht. Nein, er hatte mir gegenüber nichts davon erwähnt, dass am Dienstagabend seine Alarmanlage losgegangen war. Nein. Nein. Nein.

Irgendwann fragten sie mich nach einem Ludwig Seiwald oder so ähnlich. Der Name sagte mir irgendwas, trotzdem schüttelte ich den Kopf.

Als Frau aufstand und zur Toilette ging – sie hatte tatsächlich ein menschliches Bedürfnis –, beugte ich mich zu Elfrath hinüber und sagte leise: »Hören Sie, es hat einen kleinen Unfall mit dem Kondom gegeben. Wird Alexander Strehl noch untersucht? Ich meine, wenn er HIV-positiv ist oder so, würde das doch bemerkt werden?«

Elfrath holte ausgiebig Luft und blies sie noch leidenschaftlicher aus. Ich starrte zur Küchentür, hatte Angst, dass Frau zurückkommen könnte. »Bitte«, flüsterte ich.

»Wir dürfen Ihnen keinerlei Auskünfte über den Verstorbenen geben.«

Ich schlug die Hände über dem Kopf zusammen. »Sind Sie denn kein Mensch? Haben Sie noch nie einen Fehler gemacht?«

»Jedenfalls musste ich noch nie befürchten, dass ich mich mit einer Sexualkrankheit angesteckt habe.«

Ich knallte die Fäuste auf den Tisch und verlegte mich aufs Zischen. »Eins sag ich Ihnen, wenn ich Männer damit anstecke, dann wäre es in Ihrer Hand gewesen, das zu verhindern.«

Frau kam herein. Elfrath gab klein bei. »Schon gut, wenn herauskommt, dass er HIV-positiv war, wird man Sie verständigen.«

Den Blick von Frau können Sie sich vorstellen.

Es war fast fünf, als die beiden gingen. Mit dem Hinweis, dass meine Geldbörse und meine Socken vorübergehend in Polizeigewahrsam blieben und ich mich für weitere Befragungen verfügbar halten müsse. Elfrath hatte mir eine Handynummer gegeben, unter der er erreichbar wäre, falls mir noch etwas einfiele. Ich glaube, er bereute das in dem Moment, als ich beim Verabschieden wiederholte, er solle dem Gerichts­mediziner unbedingt wegen der Aidssache einheizen.

Die nächsten Stunden verbrachte ich vor Flos PC. Anfangs saß er neben mir, gähnte alle zwei Sekunden, bis ich mich seiner erbarmte und sagte: »Leg dich in mein Bett.«

»Du weißt, dass ich eigentlich geplant hatte, heute Vormittag mit Phil nach Graz zu fahren?«

»Das Probewohnen zu zweit«, leierte ich herunter. »Als ob ihr das hier nicht sowieso die ganze Zeit tätet.«

»Das ist was anderes. Sein Lebensmittelpunkt ist dort unten, und ich hab ihm versprochen, dass wir es gemeinsam –«

»Bla, bla, bla.« Ich rang mir ein richtig schönes Lächeln ab. »Ich weiß. Und ich finde es gut. Und natürlich fährst du heute wie geplant hin. Ich bin vollkommen okay, keine Sorge.«

Er antwortete nicht.

Ich seufzte ungeduldig. »Ich meine es ernst. Leg dich in mein Bett, schlaf dich aus, und dann gondle gemütlich nach Graz. Wir sehen uns in einer Woche.«

»Wenn du was brauchst –«

»Meld ich mich, klar.« Er beugte sich zu mir runter, und ich küsste ihn auf die Wange.

Nachdem er die Tür geschlossen hatte, starrte ich gebannt auf den Bildschirm. Ich hatte »Alexander Strehl« eingegeben und 7900 Treffer erzielt.

Der erste Link führte mich zu Wikipedia und dem Lebenslauf des Mannes, mit dem ich vor acht Stunden geschlafen hatte. Ich überflog die Daten. * 23. Oktober 1950 in Mödling; † 20. Oktober 2010 in Wien, war ein österreichischer Manager.

Alle Achtung, da war aber jemand sehr fix, die Sache war doch noch nicht mal offiziell, oder? In zwei Tagen hätte er Geburtstag gehabt … Der Mann war dreißig Jahre älter als ich gewesen – und natürlich Skorpion. Wieso waren es immer Skorpione bei mir?

Der Rest seiner Biografie war ein einziges Blabla. Interessant fand ich lediglich den letzten Satz: Er starb in der Nacht auf den 21. Oktober unter noch ungeklärten Umständen.

Na, wenigstens nicht an Aids. Ich klickte zurück zu Google und gab neben Strehls Namen »HIV« ein. Ich drückte die Enter-Taste und wartete.

0 Übereinstimmungen. Beruhigt war ich trotzdem nicht.

Ich löschte HIV und drückte noch mal Enter. Ich übersprang den Wikipedia-Eintrag und widmete mich dem nächsten.

Das Adrenalin schoss mir bis in die Haarwurzeln. Das konnte nicht wahr sein! Der zweite Eintrag war von einem Onlinemagazin namens Austria twenty-four hours, datiert auf gestern, 16 Uhr 40: Spitzenmanager Alexander Strehl vollkommen gebrochen nach Mord an bestem Freund.

Der Name Ludwig Seibold verschwamm vor meinen Augen. Man musste kein Detektiv sein, um sich zusammenzureimen, dass die beiden Morde miteinander zu tun hatten. Und dass die Polizei mich in beiden Fällen auf dem Kieker hatte.

Ich saß bis um sieben vor Flos PC und klickte mich durch das Society-Leben des Richters. Er war zwei Jahre jünger gewesen als Strehl und seit dem Sandkasten mit ihm befreundet. Man sagte ihm eine harte, aber gerechte Linie im Gericht nach. Ich schnaubte, so ein Scheißklischee, hart, aber gerecht. Klang sehr nach Arsch. Jedenfalls hatte der Typ sich andauernd auf irgendwelchen Protzpartys herumgetrieben, oftmals mit Strehl im Schlepptau.

Am Schluss klickte ich seinen Lebenslauf auf Wikipedia an und stolperte über den zweiten Satz der Biografie: Er war der jüngere Bruder der Regisseurin und Theaterleiterin Frieda Bernhard.

Ich ließ mich gegen die Lehne fallen.

An Flos Tür klopfte es. Ich war unfähig, ein Wort zu sagen, aber Britta kam auch ohne Aufforderung rein. Die Sache musste sie tatsächlich gehörig mitnehmen.

Ich starrte in ihre kugelrunden blauen Augen, saugte mich an ihnen fest und versuchte alles, um die Erinnerung an eine ältere, leidenschaftliche Frau abzuschütteln, die ich jahrelang verehrt hatte, so lange, bis meine Träume von der kalten Wirklichkeit erdrückt wurden, die aus Rechnungen, Hunger und Nebenjobs bestand.

»Wie geht’s dir, Lilly?«

Ich wollte die Starke, Unbeeindruckte spielen, vor allem vor Britta. Sie war die Letzte, der ich mein Herz auszuschütten gedachte. Ich überraschte mich selbst, als ich »beschissen« sagte.

»Kann ich dir helfen?«

»Kennst du Frieda Bernhard?«

Sie schüttelte den Kopf.

»Dann kannst du mir nicht helfen.«

»Wer ist das?«

Meine Schultern sackten nach vorne, auf meinem Buckel hätte ein Nilpferd Platz gehabt. »Sie ist eine Art Schauspielguru, eine wahre Meisterin. Jedenfalls war sie das, als ich meine Ausbildung gemacht habe. Wir wollten alle in ihre Kommune –«

»Kommune?«

»Sie lebt mit ihren Schauspielern zusammen. Sie ziehen herum, international, haben aber auch eine eigene Bühne, irgendwo im Süden von Wien. Zumindest früher. Keine Ahnung, ob – na jedenfalls …«, ich lachte traurig, »wir haben uns damals alle für eine von zwei Richtungen entschieden, entweder Film und Fernsehen oder Kunst. Ich habe zu den Künstlern gehört und wollte unbedingt in die Kommune.«

Britta verschränkte die Hände vor dem Körper und sah unheimlich sittsam aus. Augenblicklich hatte ich das Bedürfnis, die Füße auf Flos Tisch zu legen und zu rülpsen. »Und?«, fragte sie.

Ich ließ die Füße auf dem Boden und sank noch mehr in mich zusammen. »Nichts und. Niemand, den ich kenne, hat es jemals in die Kommune geschafft.«

Britta runzelte die Stirn. »Ich verstehe nicht, was das mit letzter Nacht zu tun hat.«

Ungeduldig wedelte ich mit der Hand. »Vergiss es, gar nichts, ist mir nur gerade eingefallen.« Ich sah auf die Uhr. »Willst du wirklich was für mich tun, Britta?«

Stummes Nicken.

»Ich brauch dringend einen Kaffee. Mit ganz viel Zucker drin.«

Irgendwie sah sie enttäuscht aus, aber darauf konnte ich jetzt keine Rücksicht nehmen. Kaum war sie draußen, gab ich Frieda Bernhard und Konservatorium in die Google-Suchfunktion ein.

Wusste ich denn sicher, dass es nie jemand aus meiner Schauspielschule in die Kommune geschafft hatte? Vielleicht fand ich ja doch eine Verbindung, irgendein – ich stutzte. Die ersten beiden Ergebnisse hatten wenig vielversprechend ausgesehen, irgendetwas von einem gemeinsamen Auftritt Frieda Bernhards mit dem Prager Konservatorium. Den dritten allerdings klickte ich an:

Dino Winter, Kurzbiografie:

geboren am 18. November 1976 in Wien

Schauspieldiplom am Konservatorium d. Stadt Wien 1998

1998 – 2000 Episodenrollen in mehreren Serien (u. a. Tatort, Kommissar Rex, Traumschiff)

2000 Mitglied in der renommierten Theatergruppe Frieda Bernhards

2001 Hauptrolle in Une petite histoire d’amour (Goldene Palme in Cannes für den besten Hauptdarsteller, Oscarnominierung für die beste Hauptrolle)

In den letzten Jahren wurde es ruhiger um den Star.

Es wurde ruhiger um den Star. Eine freundliche Umschreibung für ein Karrieretief. Oder hatte er sich freiwillig für den Ausstieg entschieden?

Dino Winter bei Frieda Bernhard. Das passte zusammen wie Hiphop und Mozart. Wobei – warum eigentlich nicht? Meine Augen brannten, die Buchstaben am Bildschirm begannen zu schunkeln. Schunkelmusik … Musikantenstadl und Hiphop, Mozart und Dino … ich war so müde, ich wollte nur noch ins Koma fallen.

Ich klickte einen Link zur Homepage des Schauspielers an und bekam eine Fehlermeldung. Ich suchte nach »Dino Winter« und bekam 142 000 Einträge, die meisten sicher in Verbindung mit Une petite histoire d’amour, dem Film, Sie erinnern sich? Ein Riesenspektakel damals, weil ein österreichischer Schauspieler in einem französischen Film für den Oscar nominiert war.

Den Preis für den besten Sprung ins Fettnäpfchen bei der Premierenfeier hätte jedenfalls ich eingeheimst. Ganz großes Kino. Dino Winter war so ziemlich der letzte Mensch, an den ich mich wenden konnte. Es sei denn, er hatte unsere Begegnung vergessen.

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23 aralık 2023
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9783867549561
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