Kitabı oku: «Hannes und Julius», sayfa 2

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Piraten am Marktplatz

Wenn die Kirmes wieder abgebaut ist, präsentiert sich der Marktplatz als eine graue, leere und nicht asphaltierte Fläche. Sie ist nicht ganz eben. Es gibt einige großflächige leichte Vertiefungen, die sich nach anhaltendem Regen, den es ins Neuwerk häufig gibt, in riesengroße Pfützen verwandeln. Wenn die Pfützen riesig und richtig tief sind, geht Hannes das Wasser bis knapp unters Knie.

Nach der Schule stehen Hannes und Julius am Strand des riesigen Weltmeeres auf dem Marktplatz.

„Wir spielen Piraten“, schlägt Hannes vor.

Also verwandeln Hannes und Julius sich in gefährliche Piraten auf den sieben Weltmeeren. Die größte Pfütze hat in der Mitte eine Insel, die als Schatzinsel und Piratenschlupfwinkel dient. Piraten benötigen auch Piratenschiffe. Hier kann Hannes’ Opa helfen. Oma sagt immer, dass Opa ein Jäger und Sammler sei, der nichts liegen lassen könne. Wenn Sperrmüll ist, ist Opa mit seinem Fahrrad mit Anhänger unterwegs und schafft Sachen mit dem Kommentar: „Das kann man sicher noch einmal brauchen“, in den Keller oder in den Stall hinter dem Haus.

So sind Holzbretter bei Opa niemals knapp. Nägel gibt es in rauen Mengen, denn Opa hat die Angewohnheit, alte und rostige Nägel aus den gesammelten Brettern mit der Kneifzange heraus zu ziehen und zu sammeln. Die könnte man ja noch mal brauchen.

Material für ein oder zwei Piratenschiffe ist also grundsätzlich verfügbar. Es ist allerdings in Besitz von Hannes‘ Opa, was mit allen Wassern gewaschene Piraten nicht weiter kümmert. Hannes und Julius suchen sich einige große Bretter aus, nageln hier und dort etwas hin und schleppen ihre Piratenschiffe zum Stapellauf an die Küste des unendlichen Ozeans. Das ist ein mühsames Unterfangen, die schweren Schiffe über Land bis an die Küste zu bringen. Hannes und Julius kriegen das ohne weiteres hin. An der Küste angekommen, werden die Piratenschiffe getauft.

Hannes: „Ich taufe dich auf den Namen ‚Eagle‘, auf das immer eine Handbreit Wasser unter deinem Kiel sei.“

Julius holt mit seinem Arm weit aus und wirft die imaginäre Flasche an den nicht vorhandenen Rumpf des Piratenschiffes und ruft mit tiefer und ehrfurchtgebietender Stimme:

„Du wirst getauft auf den Namen ‚Hell and Fire‘, auf das du niemals untergehst.“

Nun kommt der Stapellauf. Die beiden schieben ihre Schiffe in das Wasser. Zum Glück ist kein starker Wellengang. Hannes und Julius atmen auf. Immerhin schwimmen die schweren Bretter und gehen nicht unter. Wenn sie sich allerdings daraufsetzen, sinken sie unter Wasser und stoßen gleich auf Grund.

Das macht nichts. Sie tragen beide Gummistiefel und können so durch die Weltmeere waten und ihre gefährlichen Schiffe vor sich hinschieben. Die selbstgemalten Piratenflaggen flattern in der frischen Seebrise.

„Käpt’n Silver“, ruft Hannes, „Viermaster in Sicht.“

„Scheint ein Spanier zu sein, Käpt’n Hook“, antwortet Julius.

„Alle Mann an Deck. Fertigmachen zum Angriff.“ Käpt’n Silver schwingt den erdachten Säbel über seinem Kopf.

Käpt’n Hook brüllt: „Kanonen feuerbereit… und Feuuuuuer.“

„Volltreffer“, jubelt Silver und befiehlt mit Nachdruck: „Fertigmachen zum Entern.“

So gibt es abenteuerliche Seeschlachten, gefährliche Entermanöver und reiche Beute, die auf der Schatzinsel, dem Unterschlupf der beiden Piraten vergraben wird. Die Plätze sind begreiflicherweise geheim und Hannes und Julius fertigen Schatzkarten an, um die Reichtümer später wiederfinden zu können.

An manchen Stellen ist der Ozean so tief, dass den beiden das schmutzige Wasser von oben in die Stiefel läuft. Das ficht mutige Seeräuber nicht an. Sie erobern die wertvollsten Schätze auch mit nassen Füßen. Hannes’ und Julius‘ Mamas sind allerdings nicht so erfreut über nasse, sandige Socken und Hosen. Sie müssen aber auch verstehen, dass böse Piraten während des seeräuberns nicht an ihre Mamas denken können.

So vollführen sie viele schwierige und gefährlich Manöver, geraten einige Male in Seenot und schlagen manche Seeschlacht mit den Schiffen des Königs um Sir Francis Drake. Manchmal fahren sie auch als Klaas Störtebeker und überfallen die Küstenstädte an der Nordsee und räubern sie aus.

Wenn es dunkel wird, geht es nach Hause zum Abendessen, wo sie ihre großen Abenteuer und Heldentaten zum Besten geben. Im Bett, wenn Hannes das Licht ausmachen muss, liegt er mit der Taschenlampe unter der Decke und vervollständigt seine Schatzkarten, bis er über der Eintragung der eroberten Juwelen der Lady De Winter einschläft.

Am nächsten Morgen müssen Hannes und Julius zur Schule. Es hat aufgehört zu regnen. Ihr Ozean ist aber noch ausreichend gefüllt und die Piratenschiffe liegen gut vertäut an der Pirateninsel. Nach der Schule beeilen sie sich, weil sie möglichst schnell wieder als Piraten ihr Unwesen treiben wollen. Allerdings müssen sie enttäuscht feststellen, dass im Lauf des Vormittags die Sonne herausgekommen und ihr Ozean trockengefallen ist. Auch ist wohl die Sperrmüllabfuhr dagewesen und hat ihre Piratenschiffe entsorgt. Die Insel mit den Schätzen ist nicht mehr auffindbar.

Hannes und Julius kommen zu der Erkenntnis, dass das Piratenleben nur dann Sinn macht, wenn man über stabile Ozeane und sichere Inseln verfügt und die Müllabfuhr weit weg ist.

Danach kommen übrigens die großen Baumaschinen. Jetzt wird die schwarze Asche vom Marktplatz abgetragen. Es kommen endlos viele Lastwagen und transportieren Asche weg, bringen Erde her und die Arbeiter beginnen, Wege anzulegen und einen Park anzupflanzen.

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Omas Unterhose

Am nächsten Tag geht es wieder zur Schule. Mama ist arbeiten und Papa nicht da. Also muss Oma für die pünktliche und ordentliche Ankunft von Hannes und Kalli in der Schule Sorge tragen. Oma sind in den Tagen zuvor schon die zu engen Gummis in den Kniestrümpfen von Hannes aufgefallen.

„Ich hatte Mama doch gesagt, dass sie die Gummis in deinen Strümpfen etwas weiter machen soll. Die Gummis schnüren dir ja das Blut ab.“

Oma schüttelt unwillig den Kopf und schimpft, „Nie wird das gemacht, was ich sage. Wenn ich mich nicht um alles kümmern würde.“

Sie geht ins Schlafzimmer und holt ihre Schere aus dem Nähkasten. Entschlossen geht sie in die Knie und greift nach Hannes’ rechtem Bein.

„Jetzt ist Schluss. Du kannst nicht noch einen Tag mit dem zu engen Gummi am Bein zur Schule gehen.“

„Aber Oma…“, stottert Hannes unsicher.

Doch es ist zu spät. Oma schneidet mit der Schere zuerst das Strumpfgummi am rechten und dann am linken Bein durch. Der Druck an Hannes’ Beinen lässt sofort nach, obwohl er ihn vorher nicht als störend empfunden hat.

„So lieber Hannes, jetzt kannst du in die Schule gehen. Vielleicht hat deine Mutter ja heute Nachmittag Zeit, die Gummis in der richtigen Länge in deine Strümpfe zu ziehen.“

Sie bringt ihre Schere in das Nähkästchen im Schlafzimmer zurück und scheucht Hannes und Kalli zur Türe hinaus:

„Sonst kommt ihr noch zu spät zur Schule.“

Hannes ist sauer. Jetzt sind seine Strümpfe dahin und sie rutschen auch noch. Das nervt total. Das muss er jetzt den ganzen Vormittag in der Schule aushalten.

„Das war echt gemein von Oma“, meint Kalli, der ja noch einmal glimpflich davongekommen ist.

„Das kannst du laut sagen.“

Hannes und Kalli gehen schweigend zur Schule und vergessen sogar vor lauter Ärger über Oma das eine Haus, an dem man sonst nicht ohne weiteres vorbeikommt. Julius ist mit von der Partie und ist auch der Meinung, dass Hannes’ Oma so etwas nicht hätte tun dürfen.

„Erwachsene dürfen sich schließlich nicht alles erlauben“, sagt Julius altklug.

Der heutige Schultag zieht sich wie Kaugummi, aber irgendwann ist auch er zu Ende. In den Pausen ist Hannes auf der einzigen Bank des Schulhofes sitzen geblieben und hat seine beiden Beine so gegeneinandergehalten, dass die Kniestrümpfe nicht rutschen können. Kein Laufen, kein Rennen, keine Murmelspiele auf dem Schulhof. Doch sobald er aufsteht, um wieder in die Klasse zu gehen, rutschen die Kniestrümpfe auf die Knöchel herunter und die Kinder schauen, zeigen auf ihn oder lachen. In kurzer Hose sehen heruntergerutschte Kniestrümpfe schon blöd aus. Das meint sogar Hannes, obwohl ihm bisher eigentlich ziemlich egal ist wie er aussieht.

Auf dem Rückweg von der Schule nach Hause gehen Hannes und Julius langsamer als sonst. Sie haben Wichtiges zu besprechen.

„Das kann nicht ohne Folgen bleiben, was Oma heute gemacht hat“, schimpft Hannes. Sein Ärger ist immer noch nicht verraucht.

„Was willst du tun?“, fragt Julius.

„Ich weiß es noch nicht“, meint Hannes nachdenklich, „Auf jeden Fall werde ich Oma bei Mama und Papa verpetzen. Das ist das mindeste.“

Obwohl er die Befürchtung hat, es würde nichts bringen, denn Oma hatte es schließlich darauf angelegt, dass Mama ihre zerstörerische Tat bemerken und darauf reagieren würde.

„Wenn ich nur irgendeine Idee hätte, wie ich mich an Oma rächen kann“, meinte Hannes zu Julius.

Dass man sich für erlittene Missetaten rächen muss, wissen Hannes und Julius aus den vielen Büchern, die sie schon gelesen haben. In der Geschichte um Winnetou geht es fast nur um Rache, obwohl sie da immer als etwas Böses dargestellt wird. Auch die vielen Rittergeschichten strotzen vor Rachegedanken. Im Grunde weiß Hannes aus den genannten Büchern genau, dass Rache kein guter Antrieb für eine Handlung ist. Aber er muss zugeben, dass Rachegedanken einen schon befriedigen können. Eigentlich mag er Oma sehr gerne und er möchte er ihr nichts Böses tun, aber trotzdem ruft er noch einmal laut zu Julius herüber:

„Rache muss sein.“

Aber sie muss ja nicht so schlimm sein, sagt er zu sich selbst. Es muss auch etwas sein, dass Oma sofort versteht. Die Rache muss etwas mit Omas Tat zu tun haben. Er denkt weiter nach und hat plötzlich eine Idee:

„Ich hab’s“, ruft er Julius zu, der ihn neugierig anschaut. Doch sie sind schon zu Hause angekommen und stehen jeder vor seiner Haustüre.

„Nach dem Mittagessen, treffen wir uns im Hof. Dann verrate ich dir meinen Plan“, flüstert Hannes Julius zu und sie gehen in ihre Häuser zum Mittag essen.

Das ist die längste Mittagspause, die Julius je erlebt hat, denn er ist neugierig, was Hannes vorhat. Als die beiden auf ihrem kleinen Mäuerchen am Fuße des Gartenzaunes im Hof sitzen, offenbart Hannes seinen Plan und Julius reibt sich vor Begeisterung die Hände, als er hört worum es geht. Hannes hat kürzlich, als er krank war und bei Oma in der Küche auf dem Sofa lag und döste Oma nähen gesehen. Unter anderem hatte sie eine ihrer riesigen Unterhosen in die Hand genommen und ein neues Gummi in den Hosenbund eingezogen. Dieses Bild ist die zündende Idee für Hannes’ Rachefeldzug. Er würde sich abends, wenn Oma schon im Bett liegt, sie geht immer früh schlafen, in Omas Küche schleichen. Dort liegen die Kleider von Oma immer ordentlich über der Stuhllehne. Die Unterhose liegt immer zu oberst. Es ist mitten in der Woche und Hannes weiß, dass am Samstag immer Badetag ist und erst dann die Unterhose gewechselt wird. Er würde sich mit einer Schere bewaffnet in Omas Küche schleichen und das Gummi im Hosenbund von Omas Unterhose zerschneiden.

Julius und er stellen sich feixend vor, wie Oma mit rutschender Unterhose durch die Küche stolpert. Hannes hält das für eine gerechte Strafe.

Julius und Hannes schnappen sich ihre Fahrräder und ihren Fußball und fahren wie jeden Tag zum Bolzplatz.

Nach dem Abendessen schickt Mama die Kinder ins Bett, nachdem sie im Übrigen die Kniestrümpfe von Hannes repariert hat. Hannes und Kalli schlafen in einem Zimmer. Kalli ist eingeweiht und hat versprochen, er würde schweigen wie ein Grab. Sobald etwas Ruhe eingekehrt ist, hört Hannes ganz unten die Toilettenspülung. Das ist das Zeichen. Oma geht jetzt ins Bett. Er muss etwas warten, damit Oma tief schläft und ihn nicht noch erwischt. In der Zwischenzeit ist Kalli eingeschlafen, obwohl er eigentlich das Abenteuer miterleben wollte. Auch Hannes hat mittlerweile Mühe, die Augen offen zu halten.

Jetzt ist es Zeit. Er klettert leise aus seinem Bett, er schläft im Etagenbett oben, nimmt die Schere, die er unter seinem Kissen versteckt hat und schleicht die Treppe hinunter. Hannes und Kalli schlafen ganz oben unter dem Dach, so dass Hannes zwei Treppen herunterschleichen muss, um ins Erdgeschoss des Hauses zu kommen. Die Treppen sind aus Holz und knarren an bestimmten Stellen und die kennt Hannes, so dass er sie umgehen kann. Doch plötzlich knarrt eine Stufe ganz laut:

„Mist“, flucht Hannes leise und bleibt regungslos stehen. Er hofft, dass Mama oder Papa, die im Wohnzimmer sitzen und fernsehen, ihn nicht gehört haben. Er kann durch die Glasscheibe in der Wohnzimmertür das flackernde Fernsehlicht sehen. Nachdem sich nichts rührt schleicht er weiter. Er kommt ohne ein weiteres Geräusch bis ganz nach unten und steht im Flur, direkt vor Omas Küchentür. Hannes ist barfuß und auf dem Steinfußboden werden seine Füße schnell kalt. Nun kommt es darauf an. Wenn Oma und Opa noch auf sind, ist er gleich erwischt. Der Spalt unter der Küchentür ist dunkel. Jetzt muss er es riskieren. Er drückt die Türklinke ganz langsam nach unten. Sie macht zum Glück kein Geräusch. Er schiebt die Küchentür langsam nach innen und denkt noch, wie gut es ist, dass Opa regelmäßig die Türscharniere ölt. Dabei hat Hannes ihm schon geholfen. Jetzt schlüpft er in die Küche und lehnt die Tür nur an. Er weiß aus seinen Büchern, dass es immer wichtig ist, einen Fluchtweg offen zu halten. Im Dämmerlicht der Küche sieht er den Kleiderhaufen auf der Stuhllehne und sieht auch, dass Omas Unterhose wie immer obenauf liegt.

Er nimmt die Schere fester in die eine Hand, nimmt die Unterhose in die andere Hand und mit einem Schnitt ist das Gummi durchgeschnitten. Jetzt nur noch weg hier. Er legt die Unterhose wieder an ihren Platz, schleicht durch die Küchentüre, schließt sie leise und atmet erleichtert auf. Wenn er jetzt erwischt würde, könnte er immer noch sagen, er müsse aufs Klo oder etwas ähnliches. Trotzdem ist er vorsichtig und legt sich kurz darauf zufrieden in sein Bett. Er schläft gut.

Am nächsten Tag ist schulfrei, so dass Hannes und Kalli länger schlafen können. Doch Hannes wacht vor lauter Ungeduld früh auf und rechnet jede Minute mit einem Aufschrei aus Omas Küche. Doch es geschieht nichts. Sie frühstücken und Hannes geht in den Hof, um die neuesten Entwicklungen mit Julius zu besprechen. Er berichtet ausführlich über das Abenteuer vom gestrigen Abend. Hannes sitzt neben Julius auf dem Mäuerchen, wundert sich auch über die absolute Stille. Oma hat tatsächlich die Rollläden im Schlafzimmer noch gar nicht hochgezogen. Hannes macht Julius auf diesen Umstand aufmerksam und beide können sich keinen Reim darauf machen.

„Vielleicht schläft deine Oma heute einmal länger?“, fragt Julius.

„Niemals“, sagt Hannes, „das hat sie noch nie gemacht.“

Sie spekulieren und am Ende haben sie die einzig mögliche Lösung gefunden. Jetzt rührt sich ihr schlechtes Gewissen ganz gewaltig. Hannes und Julius gehen jetzt davon aus, dass Oma nur eine einzige Unterhose besitzt und jetzt, wo die eine Unterhose nicht mehr funktionsfähig ist, in ihrem Schlafzimmer gefangen ist. Oma kann ja nicht ohne Unterhose in der Wohnung herumlaufen. Möglicherweise hat sie auch kein Gummi mehr, um Ersatz zu schaffen. Jedenfalls scheint Oma in ihrem dunklen Schlafzimmer gefangen zu sein. Sie befürchten, dass Oma sich ohne Unterhose nicht traut, ihre Schlafzimmerrollläden herauf zu ziehen.

Sie malen sich die unlösbar schwierige Situation von Hannes‘ Oma in immer düstereren Farben aus, bis sie sich einig sind. Oma muss, egal wie, gerettet werden. Doch wie sollen sie das anstellen, ohne Hannes‘ Täterschaft zu verraten? Nach weiteren zehn Minuten war der Gewissensdruck bei Hannes so groß, dass auch das egal war und er sich vornahm, frank und frei zu seiner Missetat zu stehen. So machen das die guten Helden in seinen Büchern ja auch immer.

Hannes entschließt sich, Mama zu informieren. Sie soll Oma aus ihrer misslichen Situation retten. Er rennt befreit, nachdem er die schwierige Entscheidung getroffen hat, die Treppe hoch und berichtet Mama unter Tränen alles was geschehen ist. Mama ist nicht schlecht erstaunt über die Geschichte ihres Sohnes, lächelt aber:

„Du weißt nicht, dass Oma krank ist? Opa war vor seiner Frühschicht schon hier oben und hat mich gebeten, später nach Oma zu sehen. Sie wollte im Bett bleiben und sich gesund schlafen.“

Hannes bleibt die Spucke weg. Gleichzeitig ist er erleichtert, dass nicht er das Dilemma von Oma verursacht hat. Doch sein schlechtes Gewissen regt sich trotzdem. Jetzt kommt ihm seine Rache ziemlich albern vor. Letztlich hatte Oma es ja nur gut gemeint. Mama sagt:

„Komm mit Hannes, wir schleichen uns jetzt herunter und ich repariere die Unterhose wieder.“

So schleichen Mama und Hannes die Treppe herunter, schlüpfen in die Küche, nehmen die Unterhose und gehen wieder nach oben. Mama hat die Unterhose schnell repariert und Hannes bringt sie heimlich wieder herunter. In geheimen Unterhosen-Affären kennt er sich jetzt gut aus.

„Das bleibt unser Geheimnis“, flüstert Mama und gibt ihm einen Kuss auf die Wange und einen Klaps auf den Po. Hannes kommt sich mittlerweile angesichts seiner Rachephantasien sehr dumm vor und beichtet das Ganze auch seinem Freund Julius. Die beiden wären nicht beste Freunde, wenn Julius das nicht verstanden hätte. So erfährt niemand außer Mama, Julius, Kalli und Hannes von der geheimen Unterhosen Affäre in Omas Küche, vor allem Oma nicht.

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Das Baumhaus

So rast die Zeit dahin. Hannes und Julius gehen jeden Tag zur Schule, jeden Tag an dem gefährlichen Haus vorbei, jeden Tag zu ihrer Klassenlehrerin Fräulein Hörkens, jeden Tag lernen sie etwas Neues und jeden Tag macht die Schule den beiden, zumindest ein klein wenig Spaß. Dann wird es Zeit für die Sommerferien. Hannes und Julius sind der Meinung, dass ihre geistige Aufnahmefähigkeit auch Grenzen hat:

„Mann, wann fangen endlich die Sommerferien an?“, jammert Julius eines Tages nach einem eher langweiligen Schultag.

„Ich glaube mein Gehirn kann bald nichts mehr aufnehmen für dieses Schuljahr. Ich spüre genau, dass die Hirnzellen für das dritte Schuljahr schon voll sind. Wir können ja schließlich nicht schon die Hirnzellen vom vierten Schuljahr benutzen“, schimpft Hannes.

Hannes hatte Fräulein Hörkens schon darauf angesprochen, dass nicht mehr viel Unterrichtsstoff in seine Dritte-Schuljahrs-Gehirnzellen hineinpassen würde. Fräulein Hörkens hatte gelacht und vorgeschlagen, er solle einmal kräftig seinen Kopf schütteln. Dann würde sein in den Gehirnzellen gespeichertes Wissen noch etwas zusammenrücken und der restliche Stoff des Schuljahres noch leicht hineinpassen. Jetzt hatte auch Hannes gelacht. Er meint, dass er ein besonders gutes Verhältnis zu seiner Klassenlehrerin hat, seitdem er ihr in der ersten Klasse einen Heiratsantrag gemacht hat. Sie hat es seitdem nie mehr angesprochen und ihm ist es mittlerweile peinlich. Aber trotzdem glaubt er daran.

Hannes und Julius haben sich vorgenommen, in den Sommerferien ein Baumhaus zu bauen. Sie haben auch schon den Standort ausgewählt. Sie spielen häufiger in einem kleinen Wäldchen. Das liegt nicht weit von ihrem Bolzplatz weg und ihr Weg zum Bolzplatz führt immer durch dieses Wäldchen. Deshalb kennen die beiden es sehr gut und wissen, dass es dort einige gut geeignete Bäume für ein Baumhaus gibt. Sie sitzen unter dem ausgewählten Baum im Wäldchen und freuen sich auf ihre künftige Bleibe in luftiger Höhe.

Hannes und Julius haben schon einige Male nachmittags im Hof zusammengesessen auf ihren Mäuerchen am Zaun und Pläne geschmiedet. Sie planen alles akribisch.

„Was meinst du wie viel Holz wir brauchen?“, fragt Hannes.

Julius zuckt mit den Schultern: „Dazu müssten wir wissen, wie groß unser Baumhaus werden soll.“

„Naja, es sollte schon Platz für uns zwei und für Besuch sein“, meint Hannes.

„Ich glaube wir müssen sowieso jedes Mal, wenn wir zum Wäldchen gehen, Holz mitnehmen. Wir können ja dort keine Vorräte lagern. Die würden uns die anderen Jungs ja stehlen“, Julius schaut skeptisch.

„Da hast du recht. Auch unser Werkzeug müssen wir jedes Mal hin und her tragen. Abgesehen davon würde Opa das ein oder andere irgendwann vermissen“, bemerkt Hannes.

So planen die beiden wochenlang und stellen sich in den buntesten Bildern ihr Baumhaus vor. Es wird das tollste jemals von Kindern gebaute Baumhaus werden. Es wird viel Platz haben zum Spielen. Es wird wasserdicht sein, so dass man sich auch bei Regen gut aufhalten kann. Sie wollen auch darin schlafen und picknicken. Sie planen unbedingt eine einziehbare Strickleiter, damit gefährliche Feinde abgehalten werden können. Auch wollen sie Vorräte dort lagern, damit sie für Notzeiten, falls sie einmal belagert würden, einige Zeit durchhalten könnten.

Und dann ist es soweit. Der letzte Schultag beginnt mit Vorlesen. Fräulein Hörkens hat eine spannende Geschichte über mutige Abenteurer im Urwald herausgesucht. Zum ersten Mal im Schuljahr sind die Kinder enttäuscht als die Schulglocke klingelt und die Schulstunde zu Ende ist. In der zweiten und letzten Stunde gibt es die Zeugnisse. Fräulein Hörkens ruft jeden Schüler der Klasse alphabetisch nach dem Nachnamen auf. Der aufgerufene Schüler oder die aufgerufene Schülerin gehen nach vorne und nehmen ihr Zeugnis in Empfang. Alle werfen einen flüchtigen und vorsichtigen ersten Blick darauf. Manche sind erschrocken, einigen ist keine Regung anzusehen, die meisten aber jubeln. Friedel, der asoziale Junge aus dem besagten gefährlichen Haus ist erst gar nicht gekommen. Als Hannes an der Reihe ist, geht er nach vorne. Er ist sicher, dass er ein gutes Zeugnis bekommt. Fräulein Hörkens lächelt ihn freundlich an und meint:

„Siehst du, das Kopfschütteln hat geholfen. Es war ja doch noch Platz genug in deinen Gehirnzellen für den Rest des Schuljahres.“ Fräulein Hörkens lacht jetzt ihr liebreizendstes Lachen und Hannes bekommt einen hochroten Kopf. Dann lacht er auch und stottert:

„J j j j a“

Nach der Schule ist kein Halten mehr. Julius und Hannes rennen nach Hause. Zuerst gehen sie hinein, geben ihr Zeugnis ab, werden gelobt und bekommen ihre 5 Mark Zeugnisgeld. Hannes legt das Geld in die Schublade seines Nachtkästchens. Er hat jetzt keine Zeit. Julius wartet schon unten im Hof. Er klettert schnell über den Zaun, nicht ohne sich vorher umzuschauen. Wenn Opa das sähe, gäbe es Ärger. Die Kinder dürfen nicht über den Zaun klettern, Opa hat erklärt, der Zaun ginge davon kaputt. Hannes und Julius sind der Meinung, der Maschendrahtzaun sei wie gemacht zum darüber klettern. Ihre Füße passen ganz genau in die Maschen. Jedenfalls sind sie immer so schnell über den Zaun, dass Opa sie niemals erwischt. Trotzdem schimpft er immer wieder, wohl weil er es dem Zaun so langsam ansieht, wo die Kinder immer klettern.

Hannes und Julius haben die ersten Holzbretter, die aus Opas Riesensammlung im Stall stammen, Hammer, Zange und Fuchsschwanz sowie rostige Nägel aus Opas Nagelkisten, die sie an den Nachmittagen vorher schon gerade geklopft haben, im Keller zurechtgelegt. So gut es geht wird alles auf die beiden Fahrräder gepackt und los geht es. Fahren können sie allerdings nicht. Sie müssen die beiden schwer beladenen Fahrräder zum Wäldchen schieben. Sie sind froh, dass Opa nicht zu Hause ist und sie so schwer beladen nicht sehen kann, denn so richtig gefragt haben sie ihn nicht wegen der Nägel und des Holzes.

Im Wäldchen angekommen, laden sie zuerst ihr Material ab und legen alles unter den ausgewählten Baum. Der Baum steht ziemlich genau in der Mitte des Wäldchens, etwas abseits vom Trampelpfad, den alle Kinder auf dem Weg zum Bolzplatz nehmen. Die Eiche mit dicken Ästen, die nicht zu tief unten am Stamm ansetzen, denn dann wäre das Baumhaus ja leicht zu erobern, aber auch nicht zu hoch sind, dass die Kinder nicht hochklettern können, ist riesig. Hannes und Julius haben schon ausprobiert, dass man von ganz oben im Baum über die Wipfel der anderen Bäume des Wäldchens hinwegsehen kann.

„Ein toller Ausguck“, hatte Julius gemeint und Hannes ruft:

„Da oben muss unserer Piratenflagge hin.“

Jetzt beginnen sie mit ihrer Arbeit. Sie messen aus, sie sägen zurecht, schaffen Bretter nach oben und nageln dort die ersten Baumhausteile zusammen. Es macht einen Riesenspaß und ehe sie sich versehen, wird es langsam dunkel. Jetzt müssen sie sich beeilen nach Hause zu kommen, denn sonst gibt es Ärger. Das können die Eltern gar nicht leiden, wenn sie zu spät zum Essen kommen. Sie schaffen alles Holz nach oben auf die ersten vernagelten Bretter, sammeln ihr Werkzeug ein und fahren heim.

Zuhause angekommen schleichen sie zuerst einmal in den Keller, nachdem sie sich versichert hatten, dass Opa mit seiner Gartenarbeit beschäftigt ist. Sie bringen Opas Werkzeug wieder in den Keller und legen es so zurück in den Werkzeugschrank, als ob es nie weggewesen wäre. Denn eigentlich dürfen sie das Werkzeug nicht wegnehmen.

„Aber was sollen wir denn machen“, hatte Hannes zu Julius gesagt, „wir brauchen das Werkzeug doch.“

Jetzt müssen sie sich zuerst einmal waschen. Mama fragt:

„Wo warst du denn schon wieder. Du siehst ja aus, als hättest du im Wald gearbeitet.“

Wenn Mama wüsste wie nah sie dran ist an Hannes Geheimnis. Selbstverständlich haben er und Julius kein Sterbenswörtchen über ihre Baumhauspläne verraten. Denn dann hätten die Erwachsenen auch gewusst, dass sie Holz und Werkzeug brauchen würden und bestimmt verboten, die Sachen von Opa zu nehmen. Dann lieber heimlich, sagen sich die beiden.

Hannes stellt sich dumm und meint das käme von dem Weg zum Bolzplatz, da wäre er im Wäldchen gestolpert. Ein bisschen rührte sich das schlechte Gewissen bei Hannes, denn die Mama sollte er eigentlich nicht einfach so belügen. Aber er sagt sich:

„Es ist für einen guten Zweck.“

Als er später im Bett liegt, geht ihm das Baumhaus nicht aus dem Kopf. Er hätte viel dafür gegeben, wenn jetzt nicht Kalli sein Bruder unten im Bett läge und schon selig träumte, sondern Julius sein Freund. Dann hätten sie die halbe Nacht Pläne schmieden können.

So stellt er sich vor, wie das Baumhaus aussehen würde und wie hoch es mitten in den Baumwipfeln des Waldes schweben würde. Wie würden sie das Baumhaus einrichten? Wie wäre es, das erste Mal darin zu schlafen? Welche Abenteuer würden sie dort erleben? Langsam fallen Hannes die Augen zu und er träumt seine Gedanken einfach weiter.

Am nächsten Morgen ist er früh wach und er weiß sofort, dass Schulferien sind. Er könnte sich noch einmal umdrehen und weiterschlafen, doch er bemerkt das Signal von Julius. Hannes Zimmer ist unter dem Dach. Das Fenster der Dachgaube geht zum Garten hinaus. Julius‘ Zimmer geht auch zum Garten hinaus und ist auch im Dachgeschoss. Wenn sich beide weit hinauslehnen aus ihren Zimmerfenstern, können sie sich sehen. Doch das ist gefährlich. Deshalb haben sie ein Nachrichtensystem installiert, mit dem sie sich verständigen können, ohne sich zu sehen. Das funktioniert mit einer Taschenlampe. Beide haben eine Taschenlampe. Die brauchen sie schon, um abends noch ihre Abenteuergeschichten weiterlesen zu können, wenn die Eltern schon das Licht ausgemacht haben.

Vor einiger Zeit, als die beiden übereinkamen, ein Signalsystem zu installieren, haben sie einen kleinen Spiegel an der Wand des Stalles im Garten von Hannes befestigt. Sie haben Tage gebraucht, um den Spiegel so auszurichten, dass der Lichtstrahl von der Taschenlampe direkt in Hannes oder Julius Zimmer reflektiert wird. Seitdem können sie sich immer gegenseitig benachrichtigen, wenn sie sich etwas mitzuteilen haben. Am Anfang war es nur ein blitzen und sie wussten, dass der andere ein Treffen im Hof wünschte. Als er noch in der zweiten Klasse war, hat Julius, der sich immer schon für Forschung und Technik interessierte, das Morsealphabet in einer Zeitschrift entdeckt. Verstanden hat er das System schnell, aber er und Hannes brauchten einige Zeit, bis sie das Morsealphabet auswendig konnten. Jetzt können sie sich beliebige Nachrichten zusenden. Sie müssen nur aufpassen, dass niemand abends im Dunkeln ihre rege Sendetätigkeit mitbekommt.

Das unregelmäßige Blinken des Lichtstrahls lässt Hannes aufspringen und sich sofort anziehen:

„Treffen - 10 Minuten – Keller.“

Als Hannes herunterkam, war Mama einigermaßen erstaunt.

„Was ist los, Hannes?“, fragt Mama neugierig, „Du kannst heute ausschlafen. Hast du vergessen, dass Schulferien sind?“

„Nein“, sagt Hannes, „Ich habe mich mit Julius verabredet. Heute wollen wir ganz früh auf dem Bolzplatz sein. Bevor die anderen uns den Platz wegnehmen.“

Schon wieder rührt sich das schlechte Gewissen, aber Hannes beruhigt sich damit, dass es sich schließlich um eine Notlüge handelt, und die ist erlaubt hat ihr Religionslehrer Kaplan Eißen gesagt.

„Ja dann“, sagt Mama, „iss noch etwas bevor ihr loslauft.“

Mama drückt ihm ein Butterbrot in die Hand, dass sie schnell geschmiert hat, während Hannes seine Katzenwäsche im Bad macht.

„Zähne putzen kannst du später“; sagt er sich und rennt die beiden Treppen hinunter in den Keller. Dort gibt es ein Törchen mit einer kurzen Treppe vom Gehsteig in den Keller, durch das man die Mülltonnen nach draußen tragen kann. Hannes benutzt es auch, um sein Fahrrad aus dem Keller nach draußen zu schaffen. Julius wartet schon. Man braucht keinen Schlüssel, um das Törchen zu öffnen. Es ist nur mit einem Riegel verschlossen. Das hat für die beiden Jungs große Vorteile, wie man sich denken kann.

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