Kitabı oku: «Der dritte Versuch Magische Wesen»
Der dritte Versuch
Magische Wesen
Fantasy-Roman
Norbert Wibben
Der dritte Versuch
Magische Wesen
Der dritte Versuch, Band 1
Für Fritz und Manuela
Ihr seid und ward uns verlässliche Freunde!
In Erinnerung an viele schöne Vorleseabende mit meinen Kindern verpacke ich auch diese Geschichte in den bekannten Dreizeiler:
Ein Huhn und ein Hahn – …
Blutmond
Im Westen
Ein Alptraum
Kings Crown
Cian und Kayleigh
Der Drache
Alarm in Munegard
Ein Urteil
Erneut in der Gefängniszelle
Ein ungeplanter Halt
Die Späher
Ein Rettungsauftrag
Unerwartete Hilfe
Auf dem Weg zur Elfensiedlung
Der Fall der Königsburg
Rückzug und Suche
Vorbereitungen
Dunkle Pläne
Im Hochmoor
Verwandlung
Auf nach Munegard
Beobachtungen
Rettung
In der Scheune
Munegard
Ein Überfall
Die drei Heere
Die Suche
Die Elfensiedlung
Ritt in den Norden
Überlegungen
Suche nach magischen Wesen
Das Ende der Südelfen
Drachengeist
Erkenntnisse
Verwüstungen
Seltsame Ereignisse
Das dritte Heer
Ungeahnter Erfolg
Berichte
Vor einhundert Jahren
Zaubersprüche
Danksagung
Blutmond
Ein Huhn und ein Hahn – die Geschichte fängt an

Finn rutscht von einem Ast ab, den er gerade mit viel Mühe erklommen hat, und stürzt seitlich zu Boden. Er hat sich von der etwas erhöhten Position einen Überblick erhofft, um seinen weiteren Weg besser erkennen zu können und schimpft nun laut über sein Missgeschick. Sein Herz pocht ihm bis zum Hals. Ein großer Schatten verdunkelt im Moment, als er fällt, kurz den ohnehin düsteren Himmel über ihm. Ein Schauer läuft über seinen Rücken. Ihm wird bewusst, dass er gerade unverschämtes Glück gehabt hat. Der Schatten ist absolut tödlich. Finn konnte ihn nicht kommen hören, da dieser Angreifer für seine Opfer stets lautlos und meistens mit tödlicher Präzision daherkommt. Der Schreck lässt ihn im ersten Moment auf dem Boden in eine Schockstarre fallen. Der Instinkt des Gejagten sorgt für dieses Verhalten, um sein Überleben zu ermöglichen. Eine Bewegung würde den scharfen Augen des Gegners sofort seine Position verraten. Ob er dann erneut so viel Glück hätte, bezweifelt er. Ihm ist bei dem Sturz auf den weichen Waldboden nichts geschehen.
Ganz langsam dreht er seinen Kopf. Wo mag der Feind stecken. Finn weiß, er wird nicht auf dem Boden hocken. Nein. Er lauert jetzt etwas erhöht auf einem der großen Felsbrocken oder auf einem Baum und sucht nach ihm. Eine schnelle Bewegung wird ihm dabei nicht entgehen, so gut wie er in der Dunkelheit zu sehen vermag. Da! Ist jetzt ein näherkommendes Rauschen zu hören? Finn weiß, dass er seinen Feind nicht hören wird, sein Angriff wird leise und für ihn überraschend erfolgen, so wie vorhin. Obwohl sich der Schatten soeben in eine andere Richtung bewegt, horcht er nun gespannt dorthin, wo er gerade etwas zu hören meint. Sollte dort eine weitere Gefahr auf ihn lauern, dann ist es sicher besser, zu flüchten. Alles in ihm rät zur Flucht. Nur schnell weg von hier. Doch halt, das Geräusch wurde von Blättern verursacht, erkennt er jetzt. Der Wind hat wohl trockenes Laub vor sich hergetrieben, auch wenn er im Wald nicht so ungehindert wehen kann. Plötzlich kommen zwei leuchtende Augen auf Finn zu, die innerhalb eines hellen, herzförmigen Gesichtes sitzen. Adrenalin schießt in seine Blutbahn, setzt ihn in höchste Alarmbereitschaft. Er macht einen verzweifelten Sprung seitwärts und rast los. Obwohl das Verhalten nicht zu seiner augenblicklichen Gestalt passt, schlägt er jetzt wieder unerwartet einen Haken. Diese Bewegung rettet ihm das Leben. Spitze, tödliche Krallen verfehlen ihn nur knapp. Warum hat er sich nur für diese Gestalt entschieden? Eine Haselmaus ist wirklich nicht besonders geeignet, um große Gefahren zu überstehen. Außerdem ist er so nicht nur den Tagjägern, sondern auch denen der Nacht, fast schutzlos ausgeliefert. Finn schüttelt den kleinen Kopf. Er darf sich jetzt nicht unnötigen Überlegungen hingeben. Seine schwarzen, kleinen Knopfaugen suchen nach einem Versteck, während er vorwärts hastet.
»Gibt es hier denn kein Loch oder eine kleine Höhle?« Er duckt sich, wühlt sich unter einen umgestürzten Baum und versucht, auf der anderen Seite hervorzukommen. Doch der Schlupfweg ist enger als erwartet. Mit mehreren heftigen und verzweifelten Rucken zwängt er sich durch und rast vorwärts. Plötzlich streckt die kleine Maus die Beine nach vorne und bremst ab. Erneut verfehlen die Krallen sie. Die Eule hätte sie gleich gehabt, wäre sie weitergelaufen. Der Nachtvogel stößt einen schrillen Schrei der Enttäuschung aus. Finns Herz rast. Es scheint aus der kleinen Brust springen zu wollen. »Bin ich denn total verblödet?« Er dreht schnell um und ist mit wenigen Sprüngen bei dem liegenden Baum, unter dessen Stamm er sich in den lockeren Humus wühlt. Er vernimmt einen erneuten Schrei der Eule, die jetzt vermutlich in der Nähe auf einem Ast hockt und darauf wartet, dass er sich erneut blicken lässt.
Nur langsam beruhigt sich Finns Herzschlag. Sein kleiner Körper zittert nach der überstandenen Jagd. Er spürt die Todesangst, die ihn umklammert hält. Soll er versuchen, weiterzukommen. Nein. Der Nachtjäger wird nicht so schnell aufgeben. Also muss er sich noch gedulden. Falls der Raubvogel keine andere Beute finden sollte, kann das möglicherweise sogar bis zum Morgen dauern. Aber dann will und muss er zu seinem Ausbilder zurückkehren.
Seine Gedanken kehren zum Beginn seiner Flucht zurück. Er erinnert sich daran, wie gestern ein rötlicher Mond in seine Kerkerzelle hereinleuchtete. Finn kennt die Bezeichnung für dieses seltene Schauspiel. Wegen der rötlichen Färbung wird der Himmelskörper von den Menschen »Blutmond« genannt. In dessen Schein gelang es dem jungen Elfen endlich, seine silbernen Handschellen aufzubrechen. Er spürt auch noch als Maus die Druckstellen, die sie an seinen Handgelenken hinterlassen haben. Wie ihm das Kunststück gelungen ist, weiß Finn nicht wirklich. Ein Hilfsmittel, das er als Werkzeug einsetzen konnte, hatte er in den Wochen seiner Gefangenschaft nicht entdecken können. Er wurde nur unregelmäßig von einer vermummten und schweigsamen Person mit Nahrung versorgt, die aber auf keine Frage von ihm reagierte. Das Essen schmeckte seltsam, hielt ihn aber bei Kräften. Es gab immer nur eine Art Suppe, die in zerbrechlichen Tonschalen gebracht wurde. Erst, wenn er die geleerte Schale nach etwa einer Stunde unversehrt zurückgab, bekam er am kommenden Tag eine neue. So war es ihm unmöglich, diese als Hilfsmittel zur Befreiung zu nutzen.
Also versuchte er irgendwann, die Kettenglieder, die von den Handschellen zur Kerkerwand führten, zwischen Handgelenk und Handschellen hindurchzuzwängen. Mit Hilfe der eisernen Kettenglieder gelang es wider Erwarten relativ einfach, das weichere Silber zu quetschen, bis es schließlich zerbrach. Als er das geschafft hatte, atmete der Elf auf, da er jetzt seine Zauberkräfte nutzen konnte. Zuerst massierte er seine Handgelenke und trat zur Kerkertür, um zu horchen. Da tagein, tagaus ein dumpfes Dröhnen zu hören war, glaubte er nicht, dass das leise Klirren seiner Ketten gehört worden war. Aufatmend stellte er die Richtigkeit seiner Vermutung fest. Zwischen den dunklen, wiederkehrenden Tönen waren keine Geräusche von näherkommenden Schritten zu hören.
Jetzt musste er sich entscheiden, welche seiner magischen Fähigkeiten er nutzen sollte. Obwohl Finn für einen Elf noch sehr jung ist, mit 28 Jahren zählt er bei den Mittelelfen zu den Jugendlichen, wollte er nicht übereilt vorgehen. Er überdachte also seine Situation.
Er befand sich auf der Heimreise von einem Besuch in der Heimat, bei den Elfen der Mitte, zu seinem Ausbilder im Osten. Bei dem Ritt auf einem Weg durch einen Laubwald bekam er völlig unerwartet einen Schlag gegen den Kopf. Den Hinterhalt und die daran Beteiligten hatte er weder gesehen noch gehört. Als der junge Elf mit einem fürchterlichen Brummen im Kopf erwachte, war er gefesselt und lag mit verbundenen Augen bäuchlings über einem Pferderücken. Finn wurde von mehreren Reitern begleitet, was er aus den Geräuschen folgerte, die er vernahm. Die Reiter unterhielten sich nur wenig. Wenn sie es taten, erfolgte es stets im Flüsterton, so dass er weder etwas verstehen noch erkennen konnte, wer sie waren oder woher sie kamen. Während des zwei Tage dauernden Ritts bekam er keine Nahrung. Am dritten Tag wurde er unsanft vom Rücken des Tieres gezogen und auf den Boden geworfen. Ihm war längere Zeit schwindelig, was eine Folge der ungewohnten Reitposition oder auch die Nachwirkung des Schlags auf den Kopf sein konnte. Jedenfalls bekam er nicht mit, was in der kurzen Unterhaltung geredet worden war. Schließlich wurden seine Fußfesseln gelöst. Die Augenbinde und seine Handfesseln aus Silber blieben jedoch wo sie waren. Er bekam endlich etwas zu trinken. Gierig nahm er einen großen Schluck, der ihm brennend die Kehle hinunterlief. Prustend und hustend übergab er sich, was ein mehrstimmiges Gelächter zur Folge hatte.
Finn wollte fragen, warum man ihn gefangen genommen hatte, noch dazu auf diese gemeine Art und Weise. Er wusste von keiner Auseinandersetzung mit einem anderen Volk. Außer einem heiseren Krächzen bekam er aber keinen Ton heraus. Er hustete erneut und wurde grob hochgerissen. Im nächsten Moment hörte er ein Murmeln und die Geräusche der Umgebung änderten sich schlagartig. Finn meinte, dass er sich nun in einem Gebäude befinden müsste. Also war er gerade mittels Zauberkraft, durch einen magischen Sprung, wohin auch immer gereist.
»Stufe!«, wurde ihm kurz von einer rauen Stimme zugerufen, dann bekam er auch schon einen Stoß in den Rücken. Er machte unwillkürlich einen Schritt vorwärts und stolperte, da er die Stufe wegen der Augenbinde nicht sehen konnte. Die Schmerzen in seinen Knien, mit denen er unsanft gegen eine Steinkante gestoßen war, trieben ihm unwillkürlich die Tränen in die Augen. Seine Bemühungen, trotz der gefesselten Hände aufzustehen, wurden von einem lauten Lachen begleitet. Als er es schließlich geschafft hatte, bekam er erneut einen Stoß in den Rücken. Gleichzeitig forderte die Stimme: »Nach oben, aber ohne weitere Zwischenfälle.«
Finn überlegte kurz, ob er die Stimme schon einmal gehört haben könnte, fand aber keine Zuordnung. Als er ein unwirsches Knurren vernahm, suchte er nach einem Handlauf, konnte aber keinen finden. Also tastete der Elf vorsichtig mit den Füßen und kam langsam, Stufe für Stufe, nach oben. Warum er nicht mittels magischem Sprung direkt nach oben gebracht worden war, blieb ihm unerklärlich. Vielleicht wollte sich sein Bewacher einfach nur einen Spaß erlauben.
Finn weiß, Menschen und Elfen sehen sich sehr ähnlich. Sie unterscheiden sich lediglich in ihrer möglichen Lebenserwartung und darin, dass sich Elfen sehr viel schneller bewegen können. Einem Reiter ist meist jedoch nicht anzusehen, ob er zu den Elfen gehört. Seit vielen Jahrzehnten gab es nicht mehr nur unter den Elfen, sondern auch unter den Menschen Zauberer. Obwohl seine Gegner nicht sicher wissen konnten, ob er magische Fähigkeiten besitzt, hatten sie ihn vorsorglich mit silbernen Handschellen gefesselt. Das stellte er fest, als ihm in seiner Kerkerzelle, die sich in einem Turm befand, die Augenbinde entfernt wurde. Im ersten Moment musste er heftig blinzeln, bevor er überhaupt etwas erkennen konnte. Ein kleines Fenster ließ grelles Sonnenlicht in seine Augen stechen. Sein Wächter war in einen dunklen Umhang mit Kapuze gehüllt und befestigte Finns Handschellen an starken Eisenketten, die in einer Mauer verankert waren. Ohne ein weiteres Wort verließ ihn der Mann, knallte die Kerkertür zu, steckte einen Schlüssel ins Schloss und drehte ihn um. Warum diese doppelte Vorsichtsmaßnahme angewendet wurde, konnte sich der junge Elf nicht erklären.
Finn wusste nicht, warum er hier gefangen gehalten wurde. Einen persönlichen Grund schloss er aus. Selbst nach Tagen hatte er noch keine Ahnung, wer ihm das antat oder warum und auch nicht, wo er sich befand. Er wurde nicht verhört und konnte sich darum auch keine mögliche Erklärung ableiten. Manchmal vermutete er, dass er deshalb nicht befragt wurde, weil er den Entführern bekannt sei, doch den Gedanken verwarf er stets. Der Mann, der ihn hergebracht hatte, tauchte nicht wieder auf. Aus welcher Region des Landes dieser kam, konnte er nicht sagen, dazu hatte er zu wenig Worte von ihm gehört.
Finn musste gut überlegen, wie er am besten aus dem Kerker entkommen könnte. Da sich seine Kerkermeister offenbar mit Zauberei auskannten oder zumindest wussten, dass sie durch den Einsatz von Silber unterbunden werden kann, wollte er keine Auseinandersetzung mit ihnen riskieren. Er fühlte sich zwar nicht besonders geschwächt, befand sich aber noch in der Magierausbildung. Finn kannte weder alle Zaubersprüche, noch wusste er, wie er sich gegen mögliche Flüche schützen müsste. Falls einer von seinen unbekannten Gegnern Magie beherrschen sollte, könnte er nach seinem Ausbruch schneller wieder gefangen sein, als ihm lieb wäre. Außerdem kannte der junge Elf die Anzahl seiner Gegner nicht. Am Ende seiner Überlegungen kam er zu dem Schluss, sich defensiv zu verhalten. Finn wollte also möglichst ungesehen zu entkommen versuchen, ohne eine Auseinandersetzung zu riskieren.
Beim spärlichen Tageslicht, das durch das kleine, eng vergitterte Fenster in seine Zelle schien, hatte er an manchen Tagen kleine Mäuse unter der alten Eichentür zu ihm hereinhuschen sehen. Sie waren auf der Suche nach Nahrung und verharrten kurz, als sie ihn wahrnahmen. Da Finn immer freundlich zu allen Tieren ist, verhielt er sich völlig ruhig und schaute ihnen zu, bis sie ihm schließlich vertrauten und das Stroh seines Lagers nach vergessenen Körnern durchsuchten. An diese kleinen Nager musste er unwillkürlich denken, während seine Gedanken nach einer Gestalt suchten, in die er sich verwandeln wollte. Ja, sie sind klein genug, um nicht beachtet zu werden, also genau richtig! Finn murmelte »Muto speciem« und änderte sofort sein Aussehen. Weil er dabei an die Mäuse gedacht hatte, stand sofort darauf eine kleine Maus mit bräunlichem Fell auf seinem Platz. Dass er sich nicht in eine graue Hausmaus, sondern in eine etwas kleinere, im Wald lebende Haselmaus verwandelt hatte, mag daran gelegen haben, dass seine Zauberfähigkeiten nicht voll ausgebildet und geübt sind. Vielleicht lag es aber auch an seiner Vorliebe für die Farbe Rot, weshalb er unbewusst das Grau ablehnte. Jedenfalls zögerte Finn in seiner neuen, rotbräunlichen Gestalt nicht länger, er schlüpfte unter der Tür hindurch und begann seinen gefahrvollen Weg in die Freiheit.
Es dauerte auch nicht lange, und er fragte sich nicht zum letzten Mal, warum er diese Gestalt gewählt hatte. Sein kleines Schnäuzchen schnupperte, in welche Richtung er laufen sollte. Da Haselmäuse nachtaktiv sind, konnte Finn in dem spärlichen Licht des Ganges gut sehen. Seine kleinen Beine trippelten schnell über den kalten Steinboden. Unbewusst verhielt er sich dabei wie eine richtige Maus. Er huschte von einem Versteck zum nächsten, wobei seine blanken Knopfaugen möglichst überallhin zu sehen versuchten, um einer auf ihn lauernden Gefahr ausweichen zu können. Im letzten Moment sah er sie dann auch. Eine riesige Katze blickte aus starren Augen in seine Richtung. Hatte sie ihn schon gesehen? Eigentlich wirkte sie völlig desinteressiert. Ihre Schwanzspitze zuckte spielerisch hin und her. Als sich dann zusätzlich ihre scheinbar schwer gewordenen Augenlider schlossen, spurtete Finn nach einem ersten Zögern los. Ein kleines Loch, eher schon eine Ritze, schien ihm sehr verlockend für einen nächsten Stopp zu sein. Dass er dabei über eine Strecke von etwa fünf Metern ohne Deckung sein würde, betrachtete er als Kleinigkeit. Er hatte dabei jedoch nicht die Verschlagenheit einer Katze bedacht. Sobald seine kleinen Füße über den Boden hasteten, schnellten die Augenlider der Katze hoch. Ein kurzer Blick in Finns Richtung genügte, dann flog das Raubtier aus der Lauerstellung hoch und raste auf sein Ziel zu. Der verwandelte Elf konnte schnell erkennen, dass er verloren sein würde, wenn ihm jetzt keiner der Zauber helfen würde, die er kannte. Der rote Mondschein schimmerte in den Gang herein. Sollte der Blutmond jetzt eine blutige Szene beleuchten? Finn wich geschickt zur Seite, als die Katze sich nach einem Sprung in der Luft befand. Sofort darauf musste er einem Tatzenhieb ausweichen. Welchen Spruch konnte er nutzen?
»Hoffentlich funktioniert dieser«, wünschte der Elf voller Verzweiflung. »Anghofio!«
Mit pochendem Herzen schaute er in das Gesicht eines völlig verwunderten Jägers. Es drückte genau das aus, was Finn zu erreichen gehofft hatte. Die Katze wusste nicht mehr, wer oder was sie ist und warum sie vor diesem kleinen Wesen hockte. Wollte sie damit spielen? Ihre Schwanzspitze zuckte bereits wieder hin und her. Der Elf vermutete, dass der Zauber nur kurze Zeit wirken würde, also drehte er sich um und hastete weiter. Und richtig. Er hatte sich gerade in die Mauerritze gezwängt, als er ein empörtes Maunzen hinter sich vernahm. Er war glücklich entkommen und staunte nun, dass die Ritze in ein richtiges Gangsystem führte. Drinnen war es zwar dämmerig, trotzdem konnte der Elf erkennen, dass er sich sofort entscheiden musste. Sollte er sich nach links oder nach rechts wenden. Auf sein Glück vertrauend, das ihm gerade bei der Flucht vor der Katze geholfen hatte, entschied er sich für rechts. Er folgte dem unregelmäßigen Gang und traf bald auf andere Mäuse. Neugierig beschnupperten sie sich. Finn musste ihnen jedoch nicht ganz geheuer sein, da sie sich umdrehten und piepsend wegrannten. Er versuchte, ihnen zu folgen, wollte sie fragen, wie er das Gebäude am schnellsten verlassen könnte. Da sie sich hier bestens auskannten, verlor er sie aber schon bald aus den Augen. Vorwärtslaufen schien ihm besser, als umzukehren, also behielt er die eingeschlagene Richtung bei. Auch wenn er es zuerst nicht bemerkte, führte der Gang stetig abwärts. Hin und wieder zweigten Seitengänge ab, doch er folgte ihnen nicht. Irgendwann musste dieser Fluchtweg doch enden! Während seiner Suche nach einem Ausgang fragte er sich, warum er sich nicht in einen Vogel verwandelt hatte. In der Gestalt hätte er es zwar schwer gehabt, durch das enge Gitter des Fensters nach draußen zu entkommen, dafür wäre er aber nicht dem Angriff einer Katze ausgesetzt gewesen.
Nun ja, das stimmt auch nur, solange er sich in der Luft befindet, weiß Finn, dessen Gedanken sich wieder auf die Gegenwart konzentrieren. Ob die Eule immer noch auf ihn lauert? Vorsichtig schiebt er sich unter dem Baumstamm hervor. Hm. Die Dämmerung kündigt sich bereits an. Trotzdem entschließt er sich, noch etwas zu warten. Sobald er sich aus seinem Versteck hervorgearbeitet hat, will er versuchen, sich zurück zu wandeln. Er grübelt. Bisher hatte er noch nie eine Gestaltwandlung durchgeführt, also weiß er auch nicht sicher, ob ihm die Rückwandlung gelingen wird. Er erinnert sich, dass ihm seine Ausbilder davon abgeraten haben, neue Zaubersprüche in Abwesenheit eines Lehrers zu probieren. Er sieht seinen Ausbilder Cian, wie er mit erhobenem Zeigefinger, aber einem jungenhaften Grinsen im Gesicht, belehrend zu ihm spricht:
»Sollte bei einer Übung etwas schiefgehen, bin ich in der Lage, notfalls einzugreifen. Unfälle, etwa das Herbeizaubern von großen Rabenflügeln oder andere Missgeschicke, können so vermieden oder rückgängig gemacht werden.« Unwillkürlich muss der junge Elf bei dieser Erinnerung grinsen. Er mag Cian, der sogar für einen Elf sehr alt, aber innerlich jung geblieben ist. Natürlich war in seinem Gefängnis kein Zaubermeister anwesend gewesen, trotzdem funktionierte die Verwandlung.
Finns Gedanken schweifen erneut ab. Auf seiner Suche im Gangsystem der Mäuse kam er schließlich zu einem Ausgang. Dieser befand sich in einer Außenmauer aus Sandstein. Mittlerweile war es Tag geworden und Finn konnte sehen, wo er sich befand. Er blickte zwar aus einer ungewohnten Perspektive, erkannte aber trotzdem den Innenhof eines offenbar größeren Anwesens. Hier herrschte reges Treiben. Rauchschwaden wehten über den Platz und das Dröhnen war hier erschreckend laut. Finn meinte sogar, bei jedem Ton ein Zittern des Erdbodens zu spüren. Was bedeutete das nur? Er hockte verwirrt am Ausgang der Mauerritze, unschlüssig, wohin er sich wenden sollte. Menschen begrüßten sich, während sie geschäftig hierhin oder dorthin eilten. Einige trugen Waren oder schoben Karren vor sich her, die mit Nahrungsmitteln gefüllt waren. Finns Schnäuzchen schnupperte begehrlich, wobei die feinen Barthaare vor Erregung zitterten. Seine schwarzen Knopfaugen erfassten schon bald ein Brötchen, das unbemerkt zu Boden gefallen war. Noch bevor er sich dessen bewusst wurde, huschte er dorthin und schnüffelte behaglich an dem frischen Gebäck.
»Endlich etwas zu essen!«, dachte er mit knurrendem Magen.
»Igitt, eine Maus«, quiekte in diesem Augenblick eine schrille Frauenstimme. Im nächsten Moment sauste ein Besen mit langen Borsten und sofort danach ein schwerer Stock auf das Steinpflaster, ihn jeweils um Haaresbreite verfehlend. Erschrocken machte die kleine Haselmaus einen Satz zur Seite. Sie zögerte nur kurz. Sollte sie dem Hungergefühl nachgeben, vielleicht einmal kräftig zubeißen oder sich in Sicherheit bringen? Die Entscheidung wurde ihr leicht gemacht, als sie jetzt das Fauchen einer offensichtlich getretenen Katze hörte.
»Du blödes Katzenvieh. Döst hier friedlich in der Sonne, während die Mäuse unsere Vorräte wegfressen. Tue etwas dagegen oder du landest vor der Tür.« Die scheltende Stimme gehörte zu einer Frau, die dem Tier einen energischen Tritt verpasst hatte. Finn wartete nicht, wie sich die Szene weiter entwickeln würde. Er suchte nach einem Fluchtweg und fand ihn. Er raste vorwärts und behielt ein schweres Eichentor fest im Blick. Es wurde schnell größer, während er darauf zuhielt. Gerade in dem Moment, als er darunter durchhuschte, miaute die aufgescheuchte Katze und versuchte, ihn noch mit einer Tatze unter dem Tor zu erwischen. Doch er hatte wiederum Glück.
»Warum habe ich mir nur eine Maus als neue Gestalt ausgesucht?«, waren erneut seine Gedanken, während er einem Weg folgte, der das große Anwesen hinter sich ließ. Als sich Finn einmal umdrehte, sah er eine gewaltige Burganlage hinter sich. Auch wenn er diese jetzt aus der Entfernung und aus der Perspektive einer Maus nicht wirklich erkennen konnte, gewahrte er ihre riesigen Ausmaße als dunklen Schatten. Wem sie gehörte und wo er sich befand, konnte er jedoch immer noch nicht sagen. Die Anlage war ihm völlig fremd und wurde schon bald von Büschen und Bäumen verborgen.
Da eine Haselmaus normalerweise tagsüber nicht aktiv ist, dauerte es auch nicht lange, bis Finn den unwiderstehlichen Drang verspürte, sich schlafen zu legen. Aber wo konnte er das gefahrlos tun. Sich vorher in seine natürliche Gestalt zu verwandeln, kam ihm vor lauter Müdigkeit nicht in den Sinn. Er schleppte sich vorwärts, bis er endlich ein kleines Gebüsch erreichte. Er huschte von der Straße, überquerte einen trockenen Graben und zwängte sich durch dichtes Gestrüpp. Er hangelte sich an dünnen Halmen nach oben und blickte direkt in einen größeren Wald, in dem sogar riesige Felsbrocken verstreut umherlagen. Plötzlich rutschte die kleine Maus ab. Der Elf hatte sich erstaunt eine Pfote vor die Schnauze gehalten und dadurch seinen sicheren Halt verloren. Er stürzte und landete in weichem Gras. Völlig entkräftet schloss er die Augen und fiel in tiefen Schlaf.
Als Finn endlich erwachte, war es völlig dunkel um ihn. Er hörte Geräusche der Nacht, die ihm seltsam fremd erschienen. Er hatte zuerst vergessen, welche Gestalt er in der vorigen Nacht angenommen hatte. Seine Nase schnupperte. Es roch eindeutig nach frischer Nahrung. Er wusste schon nicht mehr, wann er zuletzt etwas gegessen hatte. War das gestern oder davor? Ehe er sich anders besinnen konnte, folgte er seinen Sinnesorganen. Schon bald knabberte er an einer Beere, deren Saft erfrischend und süß schmeckte. Als sich Finn gestärkt hatte, kehrte die Erinnerung zurück. Doch wo er in diesen Wald eingedrungen war, wusste er schon nicht mehr. Dass es kein Gebüsch war, hatte er bereits festgestellt, als er sich einen ersten Überblick verschaffen wollte und abgestürzt war. Bei seiner Futtersuche, als er nur seiner Nase folgte, hatte er nicht auf den Weg geachtet. Schon bald meinte er, bereits seit Stunden zwischen großen Bäumen hindurchgelaufen oder großen Steinbrocken ausgewichen zu sein. Der junge Elf musste sich dringend orientieren. Ideal wäre sicher einer dieser glatten Granitbrocken. Obwohl das für eine echte Haselmaus sicher ein Leichtes gewesen wäre, rutschte er immer wieder ab. Finn folgte seinem Elfenverstand und schaffte es gerade deshalb nicht, obschon er es ein paarmal versuchte. Als er einen abgebrochenen Ast entdeckte, der weit emporragte und dadurch ebenfalls einen guten Überblick versprach, zögerte er nicht. Diesmal war es für ihn auch als ungeübte Haselmaus nicht besonders schwierig, hinaufzugelangen. Als er sich oben angekommen etwas aufrichten wollte, stürzte er dann doch ab.
Finns Gedanken kehren in die Gegenwart zurück. Die Sonne hat sich etwa handbreit über den Horizont erhoben, was er hier im Wald jedoch nur erahnen kann. Er merkt es daran, dass sein Körper bereits wieder Ruhe verlangt. Aber er gibt diesmal nicht nach. Wenn er der Schleiereule entkommen möchte, ist dazu jetzt die beste Gelegenheit. Seine Beine scharren und schieben den kleinen Körper unter dem Baumstamm hervor. Vorsichtig schnuppert er. Seine schwarzen Knopfaugen blicken unsicher umher. Sollte der lautlose Jäger der Nacht ihn doch noch fassen? Er hofft inbrünstig, dass es ihm gelingt, den Gestaltwandel zurückzunehmen, und murmelt schnell »Muto speciem«, während er sich fest seine eigene Gestalt vorstellt.
Im Westen

Gerade als Finn den Spruch beendet, wird es um ihn dunkel. Hat ihn jetzt doch noch die Schleiereule erwischt? Komisch ist aber, dass er keinerlei Schmerzen verspürt. Doch das könnte daran liegen, dass Eulen, anders als Katzen, ihre Beute schnell töten, dann würde er natürlich keine Empfindungen mehr haben.
»Aber warum kann ich dann noch denken?« Der junge Elf ist völlig verwirrt. Plötzlich scheint der Boden unter ihm zu schwanken. Dann hat er das Gefühl, als ob er sich nach oben bewegen würde. Da das keinesfalls aus eigener Kraft geschieht, wird ihn der Nachtjäger wohl gerade mit in die Luft nehmen. Vielleicht wird er zu einem Nest in einer Baumhöhle oder Scheune gebracht, um an junge Eulen verfüttert zu werden. Aber halt, jetzt scheint es von oben hell zu werden.
»Ja, wen haben wir denn da?«, ertönt eine seltsame, knarzige Stimme. Finn richtet seine Ohren dorthin und sein immer noch vorhandenes, kleines Schnäuzchen prüft zitternd die Luft. Sofort verharrt die Haselmaus in ihrer Bewegung.
»Wie kann das sein?« Der Elf ist verwirrt. »Ich habe doch den Gestaltwandlungszauber vollständig ausgesprochen. Sollte ich dabei etwas falsch gemacht haben? Hm. Es könnte natürlich sein, dass ich den Spruch als Haselmaus nicht richtig artikulieren konnte. Aber warum spricht mich die Eule so an, als wäre sie über meinen Anblick erstaunt?« Finn schüttelt den Kopf und blickt dorthin, woher das Licht kommt. Sollte er für einen kurzen Moment vor Schreck seine Sehkraft eingebüßt haben, als er von den tödlichen Krallen der Schleiereule ergriffen wurde, und jetzt kehrt sie zurück? Doch nun wird es erneut dunkel.
»Da habe ich endlich Erfolg gehabt! Wie stand es doch in dem alten Buch? »Am ersten bis fünften Morgen nach einem Blutmond kannst du mit Glück jedes magische Wesen sehen. Es hinterlässt eine Leuchtspur, die in der Dämmerung sichtbar ist. Am Mittag des fünften Tages wird die Spur vergehen.« Jetzt hat es bereits am zweiten Morgen geklappt, da kann ich heute Nacht ausschlafen. – Hm. Seltsam ist aber, dass es magische Haselmäuse gibt. Ich muss in meinen Büchern nachschauen. Vielleicht kann mir Cloe einen Tipp geben? Aber jetzt sollte ich hier schleunigst verschwinden, bevor einer der Zauberer des Mondes mich hier entdecken kann. Portaro!«
Während Finn noch versucht, sich aus dem Gehörten einen Sinn zusammenzureimen, hört er schon wieder die fremde Stimme, die er mittlerweile einer Frau zuordnet.
»Mein Schatz, ich bin zurück. Kannst du mal schnell kommen? Ich bin im Wohnzimmer.« Der junge Elf wundert sich, wo er jetzt wohl sein mag. Zumindest nicht im Nest einer Eule, die ihn gleich verfüttern will.
»Das ist schon einmal gut. Aber warum hat mich diese Frau gefangen und was will sie mit mir? Ist sie auf der Suche nach magischen Wesen, die sie für alchemistische Zwecke nutzen will?«
»Hallo Mom«, vernimmt er jetzt eine junge, angenehme Mädchenstimme. »Was gibt es denn so Wichtiges?«
»Jetzt schau dir das mal an.« Finn spürt, wie er hin und her geschaukelt wird, bevor es über ihm wieder hell wird. Er überlegt, welchen Zauber er anwenden soll und richtet sein Schnäuzchen nach oben. Eine seiner Pfoten ist bereits dorthin gerichtet, als er erstaunt innehält.
»Oh, wie niedlich. Eine kleine Haselmaus. Warum hast du die denn …? Ähem, warum hast du sie im Wald gefangen und hergebracht? Wir sollten sie wieder zurückbringen. Vermutlich ist sie starr vor Angst. Schau nur, wie ihre Knopfaugen nach oben blicken!«
»Ach, Quatsch. Das ist doch keine einfache Maus. Ich habe sie mitgenommen, weil sie magische Kräfte besitzt. Hörst du, sie beherrscht Magie.«
Der junge Elf weiß nicht, woher die Frau das wissen kann, doch er zögert noch, sie anzuwenden, weil ihm das Gesicht gefällt, das er erkennen kann.
Helle, große, blaue Augen mit kleinen, grauen Einsprenkelungen blicken ihn an. Auf und um die gerade Nase des Mädchens sind vereinzelt schwache Sommersprossen sichtbar. Ihr Alter zu schätzen fällt Finn schwer. Wenn sie eine Elfe ist, könnte sie etwa so alt wie er selbst sein. Als Menschenkind wäre sie vermutlich so um die 16 Jahre. Als sie jetzt den Kopf etwas zurückzieht und zur Seite blickt, kann er ihr mittelblondes, nicht ganz schulterlanges, glattes Haar sehen, das in der Mitte gescheitelt ist. Ihre Stirn ist sichtbar, da sie die vorderen Haare eines längeren Ponys hinter die Ohren gestrichen hat, von denen sich einzelne Strähnen lösen und ihr ins Gesicht fallen.
»Hör mir bitte erst zu, bevor wir entscheiden, was zu tun ist. Du weißt, dass ich es mir zur Aufgabe gemacht habe unseren Brüdern und Schwestern, also allen Elfen und ihren verbündeten Menschen, im Kampf gegen die bösen Zauberer des Mondes zu helfen. Bisher habe ich noch keinen Weg gefunden, was ich in meinem Alter noch beitragen könnte. Ich weiß, dass es überall in unserem Land magische Wesen gibt. Das sind nicht nur Menschen und wir Elfen, auch Kolkraben können zaubern. Bei einer Versammlung der Zauberer, zu der ich ausnahmsweise einmal gegangen bin, waren einige dieser großen, schwarzen Vögel anwesend. Es gibt aber noch andere magische Wesen, Faune, Kobolde, einen Feuervogel und … Nein, unterbrich mich nicht. Ich fantasiere keineswegs. Ich suche schon viele Jahre nach Verbündeten, die uns im Kampf gegen die Dubharan wirkungsvoll helfen können. Ich besitze einige Bücher aus der ehemaligen Bibliothek der Elfen im Süden, die darauf hindeuten, dass es unzählige derartige Kreaturen gibt. Den Hinweis, wo und wie man sie finden kann, hatte ich jedoch nicht. Am liebsten hätte ich einen der auch erwähnten kleinen Drachen erwischt. Das wäre natürlich kein richtiger Drache, sondern ein Drachengeist, sozusagen die Spur von einem Wesen, das einmal wirklich hier lebte. Diese Gedankenwesen sollen sehr mächtig, aber auch schwierig zu fangen sein. Ob sie überhaupt eine Leuchtspur hinterlassen, noch dazu in der Luft?« Juna unterbricht sich kurz und blickt grübelnd ihre Tochter an, aber ohne eine Antwort zu erwarten. »Mit viel Geduld kann so ein Drachengeist an einen Zauberer gewöhnt werden, man muss nur zuerst sein Vertrauen gewinnen, vermute ich. Dann ist er ein mächtiger Verbündeter! Die von mir in unserem Haus angelegte Büchersammlung ist zwar längst nicht so umfangreich, wie es die ehemalige Bibliothek in Deasgard gewesen ist, aber es befindet sich ein sehr altes und unscheinbares Buch darunter. Ich bekam es von einem Ausbilder vor vielen Jahren geschenkt, als ich die Lehrjahre bei ihm beendete. Das war kurz, nachdem meine Eltern zu Tode gekommen waren, weshalb ich es wohl einfach zu den anderen Büchern stellte. Viele Jahre hat es unbeachtet dort gestanden, bis es mir durch Zufall in die Hände fiel. Es war hinter die anderen gerutscht und nahm mich sofort gefangen, als mein Blick darauf ruhte. Darin habe ich über verschiedene Kreaturen gelesen und auch, wie man sie entdecken kann. Ich glaube fast, mein Ausbilder hat es mir nur aus dem Grund geschenkt, damit ich die magischen Kreaturen finden kann. Ich weiß noch, wie er mich dabei bedeutungsvoll anblickte. – Du kennst es, sein Titel lautet »Magische Wesen und ihre Macht«. Ich bin den Anweisungen, wie man sie entdecken kann, gestern und heute gefolgt.«
»Du willst mir jetzt aber nicht erzählen …«, beginnt das Mädchen, als es von seiner Mutter unterbrochen wird.
»Cloe, einen Moment noch. Bei meiner Suche folgte ich der Anleitung aus dem Buch und konnte es zuerst selbst nicht glauben, als ich diese silberne Spur auf dem Weg nach Munegard sah. Diese Festungsanlage wurde vor über zweihundert Jahren von den Zauberern des Mondes, den Dubharan, erbaut. Ich hoffte, in ihrer Umgebung magische Wesen zu entdecken, die möglicherweise für ihre dunklen Zwecke missbraucht werden. Diese wollte ich dann für uns nutzen, musste aber erst einmal eines finden. Zuerst vermutete ich, die Spur könne von einem der Magier hinterlassen worden sein und wollte bereits an einer anderen Stelle weitersuchen. Dann fiel mir auf, dass sie kaum mehr als ein dünner Silberfaden war, so ähnlich wie ein einzelnes Feenhaar. Dies konnte nicht von einem der Dubharan stammen, falls die überhaupt eine Spur hinterlassen sollten. Jemand, der Magie beherrscht, ist nicht unbedingt ein magisches Wesen, oder? Das sagte ich mir jedenfalls und folgte der Spur, die von der Festungsanlage weglief. Sie führte mich bald in den Wald, der dort rechts und links des Weges, dunkel und drohend wächst. Mein Eindringen in den Wald scheuchte schon bald kleinere Tiere auf, die vor mir davonstürmten. Einige Vögel und sogar eine große Schleiereule waren darunter. Dort, wo die Eule fortflog, erblickte ich nur einen kurzen Teil der Spur. Sie führte von einem umgestürzten Baum ein Stück weg und dann wieder dorthin zurück. Sollte die Eule das magische Wesen, was immer es auch war, gefangen und gefressen haben? Gerade in dem Moment krabbelte diese Haselmaus unter dem Stamm hervor, blickte sich suchend um und richtete sich auf. Sie musste das magische Wesen sein, das die Spur hinterlassen hatte. Also öffnete ich diesen Spezialbeutel, der mit silbernen Fäden durchwirkt ist und stülpte ihn über das kleine Tier. Nun sag mir bitte, was du über die magischen Fähigkeiten einer Haselmaus weißt.«
Jetzt herrscht Stille. Die Frau wartet auf eine Antwort und das Mädchen sucht nach einer.
»Bist du sicher, dass diese Maus Magie beherrscht?«
»Ich habe die Spur deutlich gesehen. Sie kam eindeutig von ihr.«
»Ich kann dir leider nicht sagen, welche besonderen Kräfte Haselmäuse haben könnten. Ich schlage vor, du bringst sie sofort zurück und lässt sie dort frei, wo du sie gefangen hast.«
Finn versucht währenddessen aus dem Beutel, der immer noch geöffnet ist, herauszukommen. Jetzt erscheinen seine kleine Schnauze und dann der Kopf mit den blitzenden Knopfaugen. Seine Barthaare zittern vor Aufregung. Sollte er in wenigen Augenblicken frei sein? Doch er fällt in den Behälter zurück.
»Mutter! Schau dir nur an, was du dem kleinen Kerl zumutest!« Dem Elf in Mausgestalt ist zwar nichts passiert, doch er muss sich erst ausruhen, bevor er einen neuen Versuch starten will. Erstaunt blickt er nach oben, als es um ihn herum dunkler wird. Er sieht, wie eine Hand auf ihn zukommt. Sie wird größer und größer, kommt bedrohlich nahe. Gleich hat sie ihn erreicht. Wie kann er sich wehren? Soll er mit seinen spitzen Zähnen zubeißen? Das wird für die Frau oder das Mädchen eine gute Lehre sein, sich nicht derart … Jetzt stutzt Finn und vergisst zuzubeißen. Die Finger streichen ihm zuerst sanft über den Rücken und die Stimme Cloes fordert:
»Scht, scht. Habe keine Angst. Ich werde dir nichts tun.« Der Elf erstarrt, als sich die Finger, zwar vorsichtig, aber unaufhaltsam unter seinen kleinen Körper schieben. Hätte er doch besser zugeschnappt? Jetzt wird er langsam und behutsam aus dem Beutel gehoben. Das Mädchen schaut ihn besorgt an und streichelt sein Fell.
»Ich tue dir nichts. Und vor Juna, meiner Mom, musst du auch keine Angst haben. Sie ist eigentlich eine ganz Liebe!«
»Bist du denn von allen guten … Nein. Natürlich muss die kleine Maus keine Sorgen haben. Ich wollte … nun, ja. Das war vermutlich keine so gute Idee. Ich bringe dich sofort wieder zurück in deinen Wald«, wendet sie sich nun direkt an das kleine Tier. »Vielleicht wartet dort bereits eine Familie auf dich.«
Finn will sich verständlich machen, doch sein Gefiepe wird nicht verstanden. Also versucht er, einen gedanklichen Kontakt herzustellen. Er muss mehrere Anläufe unternehmen, während das Mädchen ihn immer noch vorsichtig auf einer Hand hält und mit einem Finger der anderen streichelt. Da er etwas ungeübt in der Anwendung von Magie ist und das Streicheln ihn immer wieder ablenkt, braucht er mehrere Versuche. Er weiß nicht, ob eine Verbindung zu dem Mädchen funktionieren könnte, das vielleicht nicht einmal über magische Fähigkeiten verfügt, darum denkt er angestrengt:
»Juna, bitte erschrick nicht. Ich bin keine Haselmaus, sondern ein Elf!« Es erfolgt keine Reaktion.
»Juna. Ich bin keine Maus.« Wieder nichts.
»JUNA!«
»Was ist? Wer ruft mich?« Da die Elfe das laut fragt, schaut Cloe sie erstaunt an.
»Ich habe NICHT gerufen. Stimmt etwas nicht?«
Ein Alptraum

Etwas früher am gleichen Morgen. Cian wälzt sich unruhig im Bett. Seine Lippen bewegen sich, murmeln unhörbare Beschwörungen. Schwere Schweißtropfen perlen auf seiner Stirn. Lange, silbergraue Haare kleben ihm am Kopf. Mit einem nach Luft ringendem Atemzug richtet er sich ruckartig auf. Die Bettdecke verrutscht und lässt einen Blick auf die magere Gestalt in einem weißen, knielangen Nachthemd zu. Der alte Elf hockt zitternd auf dem Bett. Die Beine werden angewinkelt und die Bettdecke wieder hochgezogen, bis sie auch die Schultern bedeckt. Die hellblauen Augen irren noch einige Zeit im Raum umher. Der Traum war zu realistisch. Der Mann mit dem zerfurchten Gesicht fixiert den Eingang zum Zimmer. War dort soeben eine Bewegung? Kommt jetzt gleich sein Feind herein, um ihn nun, nach so langer Zeit, zu töten? Er ist für eine letzte Auseinandersetzung bereit. Wenn Cian das genau bedenkt, scheint ihm das eher unwahrscheinlich. Sein rasender Puls beruhigt sich. Er versucht, bewusst langsam zu atmen. Er ballt die Hände zu Fäusten, um die Panik, die ihn im Traum übermannte, zurück in die Erinnerung zu pressen. Jetzt sieht er sich erneut um, diesmal aber ruhig und forschend. Nein. Er ist allein. Der alte Elf bekommt in seinem Heim, im Osten des Landes, fast nie Besuch. Woher sollen Feinde daher wissen, wo sie ihn finden können? Sogar sein erbittertster Gegner Connor, der Oberste der Dubharan, ist nicht in der Lage, den Tarnzauber zu durchbrechen, wenn er denn hier nach ihm suchen würde.
Cian sitzt grübelnd auf dem Bett. Etwas an der Sequenz beunruhigt ihn. Es will ihm aber nicht einfallen was. Der Traum, der ihn in den vergangenen zwanzig Jahren immer mal wieder heimsuchte, seit … Nein, daran will er jetzt nicht denken. Diese Bilder tauchten in den letzten Wochen öfter auf. Er hat getestet, ob es mit dem Essen zusammenhängt. Er hat abends nichts mehr gegessen, so dass er Magendrücken ausschließt. Erfreut meinte er schon, die Ursache gefunden zu haben, bis er drei Nächte später die von ihm so gefürchtete Sequenz … Erneut driften seine Gedanken ab. Aber der Traum soeben war anders. Aber was war es nur?
Cian zuckt mit den Schultern. Es wird sicher nicht so wichtig sein oder ihm unvermittelt wieder einfallen. Er hat in der letzten Zeit immer öfter Alpträume, auf einen mehr wird es nicht ankommen. Er streckt seine Beine, dreht sich zur Seite und lässt sie über den Rand des Bettes hängen.
»Brr, ist das heute ungemütlich«, brummt er fröstelnd. »Incendere!« Die Holzscheite im Kamin, die er gestern vorsorglich aufgeschichtet hat, flammen auf. »Ich werde scheinbar langsam senil«, stellt er mit einem Grinsen fest. »Ich hätte abends besser ein dickeres Scheit auf die letzte Glut gelegt, dann wäre es jetzt nicht so ausgekühlt. Das ist eben der Nachteil, wenn man in einem alten Turm wohnt, selbst wenn es der berühmte »Giants Crown« ist, der einmal die letzte Zuflucht in der Königsburg des Ostens darstellte.«
Cian schüttelt den Kopf, als er kurz daran denkt, was hier vor zwei Jahrzehnten geschehen ist. Bei dem letzten Versuch der Dubharan, die Macht im Land an sich zu reißen, hatten sie es zuerst auf diesen Ort abgesehen. Sobald diese Festung in ihrer Hand sein würde, so hatten sie angenommen, würden nicht nur die verschiedenen Stämme der Menschen, sondern auch alle Elfenvölker sie als Herrscher anerkennen. Entsprechend heftig tobte der Kampf. Viele tapfere Menschen und Elfen aus allen Landesteilen ließen damals ihr Leben, genauso wie unzählige der verblendeten Anhänger der Dubharan.
Jetzt ist der Turm halb zerfallen und ragt als stilles Mahnmal aus den vielen Trümmerhaufen der einst stattlichen Burg. So sieht es zumindest aus, denn Giants Crown ist mehr als nur ein Mahnmal. Der Turm ist seit vielen Jahren der geheime Rückzugsort von Cian, der ihn in seinen ursprünglichen Zustand zurückversetzte. Danach sprach er einen mächtigen Tarnzauber, der den Turm für alle als Ruine erscheinen lässt, die derart zerfallen erscheint, dass sie keinesfalls bewohnbar sein kann.
Das war eine Kleinigkeit für ihn, der einer der drei Oberen aller Zauberer, der Elfen und Menschen, war. Doch er hat diesen Rang und die damit verbundene Verantwortung vor zwanzig Jahren abgegeben. Das war kurz nach dem zweiten Versuch der Dubharan, die Macht an sich zu reißen. Erneut gab es viele Verluste auf beiden Seiten in der letzten, blutigen Schlacht. Der alte Elf betrachtet die Innenseite seiner linken Hand, wo noch der Umriss einer Sonne zu erkennen ist, der aber kleiner als das ursprüngliche Symbol ist. Kaum jemand der jüngeren Elfen weiß, dass er einst einer der mächtigsten Magier gewesen ist, der an der Spitze der Elfenheere gegen die dunklen Zauberer in den Kampf zog.
Damals, vor vielen Jahren, war er als Ausbilder der magischen Fähigkeiten junger Elfen aktiv. Er wurde von diesen Jugendlichen geliebt und verehrt, da er ihnen gegenüber immer gerecht war und sie als gleichberechtigt ansah. Manch anderer Elf, Mann oder Frau, ließ sie ihre Jugend spüren. Die Erwachsenen verzogen keine Miene, wenn die jungen Elfen darüber sprachen, dass den Dubharan endlich klargemacht werden müsse, dass es für alle Seiten besser wäre, friedlich miteinander umzugehen. Dazu könne und müsse man manchmal einen Krieg beginnen, wenn dieses Ziel anders nicht zu erreichen ist. So sprachen die Jugendlichen. Die Erwachsenen wussten, dass dieser Ansatz nicht richtig ist, diskutierten aber nicht mit ihnen darüber. Cian verhielt sich anders. Sobald er von diesen Gedanken erfuhr, setzte er sich mit den Wortführern und allen, die dazu bereit waren, zusammen. Er führte ihnen vor Augen, welches Leid bereits in der Vergangenheit durch Auseinandersetzungen mit Waffengewalt entstanden war. Leider führten diese Gespräche auch dazu, dass ihm seine Schüler stets vertrauten. Er war ihr unumstrittenes Idol.
Bei dem zweiten Versuch der Dubharan, die Macht zu übernehmen, folgten diese Schüler Cian in die blutige Auseinandersetzung. Zu ihrem jugendlichen Ungestüm kam ihr blindes Vertrauen in ihren Herrn und Meister. In den vielen Unterrichtsstunden hatten sie sich immer auf sein Eingreifen verlassen können, sobald bei einem Zauberspruch etwas falsch lief. Das ist in einem Kampf natürlich von keinem Anführer, und sei er noch so ein mächtiger Zauberer, zu gewährleisten.
Cian sieht in manchen seiner Alpträume, wie viele seiner Schüler, für die er gerne sein Leben gegeben hätte, starben. Obwohl er damals bereits länger gelebt hatte, als viele andere Elfen, war es ihm nicht möglich, sein Leben gegen eines von ihnen zu tauschen. Seit diesen Ereignissen nahm er keinen Schüler mehr an. Er wollte sich nicht erneut emotional an ein junges Talent binden und es andererseits auch nicht in Situationen wissen, in der es möglicherweise auf sein Eingreifen vertrauend untergehen könnte.
Vor zwei Jahren kam es dann anders, als er es sich hatte vorstellen können. Er akzeptierte nach fast zwanzig Jahren einen jungen Elf als Schüler, seinen letzten, wie er sich fest vorgenommen hat: Finn!
Dieser Junge hatte ihn, wie er heute weiß, bei dem jährlichen Treffen aller Zauberer gezielt angesprochen. Bereits nach kurzer Zeit diskutierte er mit ihm über den Sinn des Lebens, fragte, ob es gerecht wäre, wenn junge Lebewesen, egal ob Mensch, Elf oder Tier, sterben müssten, wenn andererseits ältere ihrer Artgenossen leben dürften. Sofort sah Cian die Gesichter seiner Schüler vor sich, die ihn mit brechenden Augen scheinbar anklagten. Er wusste in diesem Moment nicht, wie er reagieren sollte. Wollte ihn der junge Elf anklagen, ihn mit etwas konfrontieren, wofür er ihn schuldig hielt? Er ballte seine Fäuste und Tränen traten in seine Augen. Er fühlte sich so unendlich schuldig, das musste ihm nicht extra gesagt werden. Doch Finn hatte anderes vor, er wollte diese Frage ohne Hintergedanken diskutieren.
»Ich weiß, dass sie auf ein langes Leben zurückblicken können«, führte er das Gespräch fort. »Gibt es einen bisher von mir nicht entdeckten Sinn darin, wenn Kinder vor ihren Eltern sterben, egal aus welchem Grund?« Überrascht schaute der alte den jungen Elf an, sah, dass seine Augen genau wie seine eigenen in Tränen schwammen. Cian erstarrte und grübelte. Alle Antworten, die ihm dazu einfielen, erschienen ihm platt und nichtssagend. Er straffte seine Schultern und schüttelte den Kopf.
»Ich kenne keinen!« Erneut schwiegen beide. Endlich setzte der junge Elf zu einer Antwort an und schluckte noch einmal. Seine Worte kamen leise, ohne vorwurfsvoll zu klingen.
»Ich habe vor Jahren meinen Onkel verloren. Er starb bei den letzten großen Kämpfen gegen die Dubharan. Ist ein möglicher Sinn darin zu sehen, weil er das Gute gegen das Böse verteidigte? – Meine Großeltern sind daran beinahe zerbrochen. Sie wollten es zuerst nicht akzeptieren, suchten nach Schuldigen, die sie dafür verantwortlich machen konnten. Sie waren einmal sogar so weit, allein gegen die letzten bösen Zauberer zu kämpfen, einfach nur, um etwas zu tun, was ihrer Wut über den frühen Tod ihres Sohnes ein Ventil bot. Ich sah sie oft weinen, doch langsam stellten sie sich dem geänderten Leben. Sie konzentrierten ihre Liebe, so schien mir jedenfalls, jetzt stärker auf mich. Ich habe lange Gespräche mit ihnen geführt und kenne mich mit fast allen Details aus dem kurzen Leben meines Onkels aus. – Ich weiß, dass er zuletzt bei ihnen, Cian, ausgebildet worden ist. Halt, bitte stehen sie nicht auf! Ich, ich brauche ihren Rat.« Der greise Elf hatte sich etwas erhoben, ließ sich dann aber doch wieder auf dem Sitz nieder. »Danke! – Mein Onkel hielt große Stücke auf sie, bewunderte ihre faire Art und Weise, mit möglichen Problemen umzugehen. Sie prüften stets alle Seiten, hörten jedes Argument und Gegenargument, bis sie einen möglichen Lösungsansatz boten, ohne jedoch auf dessen Richtigkeit zu bestehen. – Jetzt benötige ich diese klare Urteilsfähigkeit. Ich möchte einen besonderen Ausbilder bitten, meine magischen Fähigkeiten zu vervollkommnen.«
»Ich bilde niemanden mehr aus!«, flüsterte der Alte kaum hörbar.
»Ich weiß das. Möchte sie aber auffordern, meine Bitte mit ihrem Verstand zu untersuchen, nicht mit ihrem Gefühl. Entschuldigung«, unterbrach sich Finn, »ich weiß natürlich, dass es schwer für sie ist, gegen ihr Gefühl zu handeln, aber bitte, nutzen sie ihren messerscharfen Verstand, den mein Onkel so sehr bewunderte!«
»Dieser Verstand schaffte es aber nicht, deinen Onkel und so viele andere, talentierte und geliebte Elfen vor dem Tod zu bewahren. Vor einem Tod, den weder sie, noch ihre Eltern verdient hatten. – Nein. Mein Gefühl spricht dagegen!«
Obwohl jetzt Stille herrschte, stand Cian nicht auf, um zu gehen. Auf was wartete er? Vielleicht auf ein Argument Finns, genau diesen Verstand zu bemühen? Aber der junge Elf schwieg, schaute ihn nicht einmal an. Wenn Cian jetzt aufgestanden wäre, hätte ihn Finn sicher nicht zurückgehalten. Völlig unerwartet sagte der Jüngere dann doch etwas, leise und kaum vernehmbar.
»Der Sinn meiner Ausbildung bei ihnen wäre klar. Es geht darum, dass das Erlebte vieler Jahre, an einen wissbegierigen aber noch dummen Elf weitergegeben wird. Genauso wie die Kenntnisse über Zauber und das Wissen ihrer Anwendung. Vielleicht kann dadurch zukünftig der Tod Unschuldiger verhindert werden.«
Überrascht hob Cian seinen Kopf und dachte sofort:
»Von wegen dummer Elf. Das hast du dir doch lange und gut überlegt. Meinst du, möglicherweise mit Schmeicheleien zu erreichen, was schon viele vor dir vergeblich versuchten?« Ein jungenhaftes Lächeln huschte dabei über das Gesicht des Alten, der nun erwiderte:
»Ich werde es mir überlegen, verspreche aber nichts. Vermutlich werde ich dir sogar absagen. – Meine Fähigkeiten als Ausbilder wurden schon lange nicht mehr gefordert. Sollte ich dich doch nehmen, und ich sage ausdrücklich SOLLTE, dann musst du mir versprechen, mir nie blind zu vertrauen. Wäge stets ab, ob das, was du beabsichtigst, Sinn macht. – Und lass das blöde »Sie«, nenne einfach meinen Namen.«
»Ich kann ihnen … hm, dir, Cian, ja etwas dabei helfen, wenn deine Ausbildertalente etwas eingerostet sind. Gemeinsam schaffen wir es sicher! – Danke!« Jetzt spiegelte sich das Lächeln Cians in dem des Jungen, der wusste, dass er gewonnen hatte.
Der Elf schüttelt sich, um sich in die Gegenwart zurückzurufen. Er will jetzt zuerst frühstücken.
Kings Crown

Cian weiß nicht so recht was er machen soll. Jedes Mal, wenn er meint, dass sein Versuch erfolgreich ist, die Traumsequenz aufzurufen, verschwinden die Bilder wieder. Den gesamten Vormittag wandert er mit großen Schritten durch den Raum, mal die Hände auf dem Rücken verschränkt, dann sie ballend oder mit einer Faust in die geöffnete andere Hand schlagend. Der alte Magier ist überzeugt, der Traum hat ihn nicht grundlos heimgesucht. Das muss etwas bedeuten. Und es hat mit … Nein, hier verwirren sich die Gedanken erneut. Er bekommt keinen Faden zu fassen, dem er folgen kann. Gegen Mittag meldet sich ein Hungergefühl. Soll er jetzt etwas zu sich nehmen? Unschlüssig wandert er weiter. Seine hellblauen Augen, die erstaunlich jung wirken, schweifen umher, fixieren kurz ein Buch in den übervollen Bücherregalen, um dann sofort ein anderes anzusehen. Er weiß, ein willkürlich gewähltes Buch wird ihn nicht unterstützen können, den flüchtigen Traum zu fassen. Das wäre mehr als nur Zufall, das käme einer Fügung gleich, die nicht … Cian stutzt. Ist es den Versuch wert, mit geschlossenen Augen auf die Regale zuzugehen, um einen der alten Wälzer auszuwählen?
»Du wirst wirklich senil, mein Lieber«, spricht er zu sich. »Und außerdem vernachlässigst du das Feuer!« Sein Blick ruht auf letzten, kaum noch glimmenden Resten. Soll er mit einem Spruch Holzscheite aus seinem Vorrat herzaubern? Nein. Er entscheidet anders. Die Bewegung, verbunden mit einer kleinen körperlichen Anstrengung, wird ihm vermutlich guttun. »Anschließend mache ich mir eine schöne, heiße Tasse Tee und esse etwas Käse. Ja, das mache ich!« Er nimmt den abgetragenen Umhang, in den er sich aus alter Gewohnheit wickelt und verlässt den Raum. Mit Absicht nutzt er dazu nicht den magischen Sprung. Es ist an der Zeit, sich mal wieder einen Überblick über den Zustand der alten Königsburg, besser gesagt den der Ruine, zu verschaffen. Die Eichentür führt auf ein Podest, von dem sich eine steile Steintreppe nach unten windet. Die Sonne steht hoch am Himmel, an dem vereinzelt weiße Wolken zu sehen sind. Mehrere schwarze Vögel spielen übermütig in der Luft, scheinen sich gegenseitig zu jagen und krächzen laut. »Dohlen«, murmelt Cian und folgt den ausgetretenen Stufen vorsichtig abwärts. Fünf Minuten später befindet er sich innerhalb eines Trümmerfeldes riesigen Ausmaßes. Er dreht sich um und überprüft die Maskierung des Turmes, den er jetzt hinter sich gelassen hat. Er staunt jedes Mal, wie perfekt sein Tarnzauber funktioniert. Die Ruine sieht derart baufällig aus, dass der nächste heftige Windstoß sie zusammenbrechen lassen wird. Niemand, der nichts von der Existenz seines Heims weiß, würde Giants Crown, den letzten erkennbaren Rest der Königsburg, zu betreten wagen. Er würde sich vielmehr möglichst weit entfernt davon aufhalten, da sogar ständig Schuttbrocken von den höheren Stellen nach unten rieseln. Aber lassen sich damit andere Zauberer täuschen? Was ist, wenn sie eine Tarnung vermuten und sie mit einem Entdeckungs- oder Offenbarungsspruch aufzuheben versuchen? Der alte Elf probiert alle Sprüche, die ihm dazu einfallen, doch der Anblick der Ruine ändert sich nicht.
In diesem Augenblick schreckt Cian kurz zusammen. Aus dem Augenwinkel meint er, einen Blitz gesehen zu haben! Schnell ruft er mit »Sgiath« und »Protego« einen Schutz für sich auf. »Ich werde wirklich senil! Portaro!« Im gleichen Moment flirrt die Luft und Cian steht etwa 100 Meter entfernt auf einem der Steinhaufen. Von hier hat er einen guten Überblick. Befindet sich irgendwo ein feindlicher Magier? Sein Blick schweift forschend umher. Er schaut zum Schwarm Dohlen hinauf, den er mit seinem Erscheinen aufgeschreckt hat. Erneut ändert er den Aufenthaltsort. Von dem anderen Steinhügel aus kann er genau die Stelle sehen, wo er sich aufhielt, als er einen Blitz entdeckt zu haben glaubte. Nein. Ein Feind ist nirgends zu sehen! Aber was wird es gewesen sein, wenn es nicht das Ergebnis eines Zauberspruchs war? Cian wechselt abermals den Standort, doch auch von hier ist kein Gegner zu entdecken.
Die Königsburg stand ursprünglich auf einem großen Hügelplateau. Jetzt sucht er die Grenzen der Hochebene ab. Trotz des hohen Alters ist die Sehstärke seiner Augen seit der Jugend unverändert. Das ist nicht erstaunlich, sondern bei Elfen immer so. Selbst wenn Elfenaugen verletzt werden, etwa in einem Kampf, sind sie durch eine entsprechende Wundbehandlung oder mittels Zauber schnell wieder geheilt. Jetzt erblickt der alte Ausbilder einen, nein zwei Wölfe, die langsam den Rand des Plateaus entlang trotten. Sollten das feindliche Magier sein, die ihre Gestalt gewechselt haben, um harmlos zu erscheinen? Aber was wollen sie hier? Eines der beiden Raubtiere wittert in seine Richtung, scheint ihn direkt anzublicken, dann folgt es dem anderen. Cian zweifelt. Diesen Aufenthaltsort kennt bisher niemand, oder doch? Hm. Finn ist er bekannt und auch Kayleigh, aber beiden vertraut er. Der Elf erstarrt. Etwas blitzt kurz in seinem Kopf auf. Finn? Ja, sein Traum hatte mit seinem Schüler zu tun. Doch die Sequenz lässt sich nicht aufrufen. Der Herzschlag des alten Elfen beschleunigt sich. Ist Finn in Gefahr? Ein Schauer überläuft seinen Rücken. Er fühlt sich unbehaglich, so, als ob er beobachtet werden würde. Feine Nackenhaare richten sich auf und er wendet sich schnell um. Aber dort ist niemand! Lediglich eine Elster hüpft zwischen den Trümmern umher. Sollte sie den Blitz …? Das könnte sein!
Dieser Vogel aus der Rabenfamilie ist möglicherweise der Verursacher der Lichterscheinung. Im nächsten Moment steht Cian wieder dort, wo er etwas aufblitzen zu sehen meinte. Doch die Elster wird er nicht versehentlich als strahlende Erscheinung bemerkt haben. Selbst wenn sie fliegt und die großen, weißen Stellen ihres Körpers oder die Enden ihrer Schwingen kurz in seinem Sichtfeld waren, wird er sie nicht mit einem Blitz verwechselt haben. Da ist er sich sicher. Aber etwas anderes ist möglich. Elstern lieben alles, was glänzt. Rundliche, silbrig glänzende Gegenstände wecken ihr Interesse besonders stark. Falls sie derartige Schmuckstücke entdecken, können sie nicht widerstehen. Sie sind schlau und schaffen es oft, sie in einem unbewachten Moment mitzunehmen und zu verstecken. Cian schaut sich um. Diese Vögel sind standorttreu, überwachen als Brutpaare ihr Revier ganzjährig und bleiben ein Leben lang zusammen. Ein Paar hat er in den letzten Jahren immer wieder hier gesehen, deshalb sucht er nach dem zweiten Tier. Cian sieht, wie es dorthin fliegt, wo er vorhin einen Blitz zu sehen meinte. Langsam bewegt sich der Elf auf den Vogel zu, um ihn nicht zu erschrecken. Hüpfend bringt sich dieser etwas außer Reichweite und schaut mit schräg gehaltenem Kopf zu, was der große Mann dort vorhat. Das Tier klappert mehrfach mit den Augendeckeln. Sollte sein Versteck entdeckt worden sein? Cian bückt sich und stochert vorsichtig in dem kleinen Laubhaufen herum. Verblüfft zieht der Elf die Luft ein. Was er sieht, will er fast nicht wahrhaben. Vor ihm liegt ein Ring, ein sehr alter Silberring. Er hebt ihn auf und betrachtet ihn, wobei sich das Sonnenlicht in zwei geschliffenen, blauen Steinen spiegelt. Sie leuchten und glitzern hell, als er den Ring bewegt. Könnte der Blitz dadurch verursacht worden sein? Möglich wäre das schon. Er wendet sich in Richtung der Elster und deutet eine Verbeugung an.
»Ich danke dir, mein kleiner Freund. Dieses Artefakt scheint mir etwas Besonderes zu sein. Ich werde es in Ehren halten.« Er steckt das Schmuckstück in eine Tasche und zaubert stattdessen ein Stück Fleischwurst herbei, das er mit Laub und einigen Grashalmen zudeckt. Langsam bewegt er sich zurück in Richtung der Steintreppe, die zu seinem Turm hinaufführt. Hier dreht er sich um und blickt zurück. Der schwarz-weiße Vogel hopst zu dem Versteck. Das Tier scheint es zu begutachten. Wurde hier etwas geändert? Vorsichtig senkt es den Kopf und zerrt mit dem Schnabel die Abdeckung beiseite. Im nächsten Moment hackt die Elster in die Wurst und schnappt sich einen Teil davon. Der Handel ist offenbar akzeptiert worden.
Cian läuft an der Treppe vorbei. Schon bald kommt er zu einem optimal in einem Steinhaufen versteckten und gegen Feuchtigkeit geschützten Verschlag, in dem er Holzscheite lagert. Er nimmt einen Arm voll auf und schließt das Gatter. Sofort flirrt die Luft und er steht in seinem Wohnraum. Zwei der Holzstücke legt er auf die restliche Glut im Kamin, die anderen stapelt der Elf neben der Feuerstelle. Das mittlerweile heftige Verlangen des Magens nach Nahrung missachtend, tritt er an die Bücherregale. Er ist voller Wissbegierde, was es mit dem Ring auf sich hat, der eine Schlange oder einen Drachen darstellt. Wem wird er gehören, und wo hat die Elster ihn entwendet?
Cian und Kayleigh

Cian versucht zu klären, was der silberne Ring mit den zwei blauen Steinchen auf sich hat, der wie eine Schlange oder ein Drache wirkt. Nach dem Durchblättern des dritten Buches stellt er fest, dass er nicht voll konzentriert bei der Suche ist. Sein Traum lenkt ihn immer wieder ab. Also entschließt er sich, nun doch etwas zu essen, nimmt sich ein großes Stück Käse und verzehrt es. Dazu trinkt er einen Fencheltee und isst anschließend einen Apfel.
Cian läuft trotz des beruhigend wirkenden Tees erneut ruhelos in seiner Wohnung hin und her. Er weiß, er hat in der Nacht etwas gesehen, was ihn sehr aufgewühlt haben muss. Deshalb ist er auch schweißgebadet aufgewacht. Was es ist, will ihm aber partout nicht einfallen. Er legt sich erneut hin, schließt die Augen und versucht einzuschlafen. Doch er kann seine sich im Kreis drehenden Gedanken nicht stoppen. Schon nach kurzer Zeit springt er ungeduldig auf, stopft sich eine Pfeife, entzündet sie und pafft aufgeregt. Anders als sonst gelingt es ihm nicht, sich dadurch zu entspannen. Innerhalb kurzer Zeit ist die Pfeife aufgeraucht, wofür er in anderer Verfassung eine, manchmal sogar eineinhalb Stunden benötigt haben würde, wäre er eben nicht so aufgewühlt. Er springt zum Fenster, öffnet es und lässt frische Luft hinein. Der süßliche Duft des Tabakrauchs ist ihm mit einem Mal unangenehm. Nach draußen blickend lenkt das Krächzen einer Elster seinen Blick zuerst auf sie und dann seine Gedanken in eine andere Richtung.
»Da war doch etwas mit einer Elster«, grübelt er. »Irgendetwas, was ich entdeckte. – Das ist doch nicht zu fassen! Es ist zum Verrücktwerden. Warum fällt mir auch das nicht … Ha, der Ring. Genau. Den habe ich heute Mittag gefunden und in meine Tasche gesteckt.« Aufgeregt suchen seine Finger nach diesem Schmuckstück. »Wo habe ich den denn … Ich könnte ihn in meiner Leseecke liegengelassen haben, als ich in den Büchern nach Hinweisen suchte. Genau.« Er läuft dorthin und hält das silberne Artefakt innerlich jubelnd kurz darauf zwischen Zeigefinger und Daumen. Er weiß nicht so recht, warum ihn der Anblick derart mit Stolz erfüllt. Weil er den Ring nicht vergessen und schnell gefunden hat? Vermutlich deshalb, weil er sich genau erinnert hat, wo er ihn zuletzt betrachtete und er also nicht senil ist! »Das war jetzt einfacher, als das Geschehen aus meiner Traumsequenz aufzurufen! – Hm. Was habe ich nur im Traum gesehen, und wer kam darin vor?« Der alte Elf weiß, dass seine hellseherischen Fähigkeiten nicht besonders ausgeprägt sind. Trotzdem hat er hin und wieder Sequenzen gesehen, die sich letztendlich als wahr herausgestellt haben. Ist er darum so verzweifelt bemüht, Klarheit über seinen Traum zu bekommen? Erst wenn er dessen Ereignisse kennt, wird er sie bewerten können. Er atmet tief ein und aus, hebt die Schultern und versucht, sich erneut auf den Ring zu konzentrieren.
»Wem mag der gehören und wo hat die Elster ihn entwendet? Es ist ein alter, sehr alter Silberring. Das Metall ist schwarz angelaufen, da es offenbar lange Zeit nicht geputzt worden ist. Nur die blauen Steine haben draußen das Sonnenlicht reflektiert. Hm. Schlange oder Drache, was stellst du dar? Ich habe doch …« Er tritt erneut zu den Bücherregalen und sucht ein bestimmtes Buch. Zwischendurch murmelt er vor sich hin, was natürlich niemanden stört. Cian lächelt. »Ich bin allein hier. Finn besucht mich ja manchmal und sollte eigentlich in den nächsten Ta... Finn? Hatte mein Traum mit ihm zu tun?« Der alte Elf schüttelt den Kopf. Seine langen, silbergrauen Haare wehen umher. Die Furchen in seinem Antlitz werden tiefer, so sehr bemüht er sich. Aber auch jetzt kann er die Bilder der Nacht nicht heraufbeschwören. »Du musst dich auf eine Sache konzentrieren. Ring oder Traum? Reiß dich zusammen!«
Und plötzlich blitzt ein Name in seinem Kopf auf: »Kayleigh!« Sofort sieht er die stolze, hoch aufgerichtete Gestalt der obersten Elfe aus dem geheimen Wald im Norden vor sich. Will sie einen gedanklichen Kontakt mit ihm herstellen? Cian schließt die Augen und öffnet seinen Geist. Obwohl sie unterschiedlichen Elfenvölkern angehören, mussten beide nie einen Elfenstein zur Aufnahme einer Verbindung nutzen.
»Cian, mein Freund«, vernimmt er tatsächlich die Stimme der Elfe in seinem Kopf. »Ich muss dringend mit dir sprechen. Genauer gesagt, ich benötige deinen Rat. Kannst du kommen, oder darf ich dich in der alten Königsburg, also in ihren Resten, besuchen?«
»Kayleigh! Ich freue mich, von dir zu hören. Ich komme gerne, denn mein Zuhause ist für einen Besuch nicht so geeignet. Ich muss nur einige Vorkehrungen für meine Abwesenheit treffen, dann bin ich gleich bei dir.« Sie trennen die Verbindung und Cian überlegt. Was wollte er gerade suchen? Ach ja, den Wälzer über magische Artefakte. Aber in Serengard, der Burg der Nordelfen im geheimen Wald, wird das Buch sicher auch zu finden sein. Außerdem kann ihm Kayleigh vermutlich sogar ohne darin nachzuschauen sagen, was es mit dem Ring auf sich hat.
Der Elf tritt von dem Regal zurück und lässt seinen Blick durch das Zimmer schweifen. Das Feuer löscht er mit einer Handbewegung, genauso wie die wenigen Kerzen, die er entzündet hatte. Er schließt das geöffnete Fenster und murmelt zur Erneuerung den Tarnzauber, der den Turm als einsturzgefährdete Ruine erscheinen lässt. Der wirkt für einen längeren Zeitraum, also ist der Turm sogar in seiner Abwesenheit geschützt. Er atmet einmal tief durch, überlegt kurz, ob er auch nichts vergessen hat. Ach ja, sein Umhang hängt dort am Haken, der muss natürlich mit. Schnell schnappt er sich diesen und wickelt sich hinein. Er will bereits den magischen Sprung nutzen, als er sich mit der flachen Hand vor die Stirn schlägt.
»Du wirst doch wohl senil. Du willst etwas über den Ring erfahren und vergisst, ihn mitzunehmen?« Er tritt in seine Leseecke und tatsächlich, dort hat er das Artefakt liegen lassen, als er aufstand, um nach dem Buch zu suchen. Schnell greift er danach und überlegt kurz, den Ring in eine seiner Taschen zu stecken. Dann schüttelt er grinsend den Kopf. »Kommt nicht in Frage, dort könnte ich ihn noch verlieren. Ich stecke ihn lieber an, wenn er denn auf einen meiner Finger passt!« Mit der rechten Hand hält er ihn prüfend vor die verschiedenen Finger der linken Hand. Der mittlere ist zu dick. Der Ringfinger könnte passen, doch auch der ist nicht geeignet. Nach kurzem Zögern steckt er ihn auf den kleinen Finger. Ja, dort passt er gut. Ein warmes Gefühl der Zufriedenheit durchfährt ihn. Kurz blitzt das Bild eines kleinen, blauen Drachen in seinem Kopf auf. »Was ist das jetzt? Hat das etwas zu bedeuten, oder beginne ich Erscheinungen zu haben? – Ich muss Kayleigh fragen. Sie kann mir vielleicht raten, was ich mit dem Ring anfangen soll.« Cian blickt noch einmal prüfend um sich. Nein, jetzt hat er nichts vergessen. Ganz sicher! »Portaro!« Die Luft flirrt, dann ist der Raum verlassen.
Cian blickt in einen hellen Wald, den er schon geraume Zeit nicht mehr betreten hat. Die Bäume sind belaubt. Ihre hellgrünen Blätter sehen denen im Frühjahr ähnlich. Der Waldboden ist übersät mit Buschwindröschen und Leberblümchen. Er weiß, dass es in diesem Wald immer so aussieht, trotzdem fühlt er sich bei diesem Anblick wie verjüngt. Er will bereits mit federnden Schritten dem vor ihm liegenden Pfad folgen, als er rechtzeitig an die hier versteckten Wächter denkt. Sie würden jeden unbefugt eindringenden Fremden töten, doch er ist eigentlich kein Unbekannter, also bestünde für ihn die Gefahr vermutlich nicht. Das bestätigt sich auch sofort. Ein grün gekleideter, junger Elf tritt aus seinem Versteck hervor. Sein langes, hellblondes Haar wird mit einem grünen Stirnband um den Kopf fixiert. Den Bogen trägt er locker in der Hand, ein Pfeil ist nicht aufgelegt. Das ist ein Zeichen dafür, dass ihn die Wächter, es sind stets fünf von ihnen hier versteckt, als Freund erkannt haben.
»Ich grüße dich, Cian!« Die Stimme klingt freundlich, auch wenn das Gesicht streng wirkt. »Du darfst passieren!«
»Ähem. Ich grüße dich auch und Danke.« Der alte Elf wundert sich nicht, wie schnell der Wächter wieder verschwunden ist, ohne dabei ein Geräusch zu machen. Schließlich sind die Wachen der erste Schutz des geheimen Waldes der Nordelfen, die jeden Ankömmling empfangen und wenn nötig zurückweisen oder auch töten.
Cian überlegt, ob er durch diesen Frühlingswald wandern oder mittels magischem Sprung direkt in die Bibliothek in Serengard wechseln soll. Es riecht hier verlockend nach Frühling, doch dann entscheidet er sich für die schnellere Variante. Er wurde ja gebeten, herzukommen, da Kayleigh offenbar dringend seinen Rat benötigt. Den Spaziergang kann er auch noch im Anschluss machen. Die Luft flirrt und im gleichen Moment steht er in der Bibliothek der Elfenfestung. Er weiß, dass die Oberste der Nordelfen ihn in diesem Raum, wo ihr Lieblingsaufenthalt ist, erwartet.
»Sei gegrüßt, Kayleigh. Du hast mich gerufen, hier bin ich!« Der Elf macht dabei eine leichte Verbeugung und wird durch ein glockenhelles Lachen empfangen.
»Mein lieber Freund. Ich danke dir für dein schnelles Erscheinen!« Auch sie macht eine leichte Verbeugung und deutet anschließend auf die bequemen Sessel, die vor einem Kamin stehen, in dem ein lustiges Feuer prasselt.
»Darf ich dir etwas zu trinken anbieten? Einen Tee vielleicht?«
»Ja, danke, den nehme ich gern.« Er hat das kaum gesagt, da stehen auch schon zwei Tontassen auf dem kleinen Tischchen zwischen ihnen. Aus ihnen steigen Dampf und prickelndes Pfefferminzaroma auf. Cian weiß, sie werden zuerst einige Schlucke des noch heißen Tees trinken, bevor Kayleigh auf den eigentlichen Grund zu sprechen kommt, weshalb sie ihn gerufen hat. Beide mustern sich aufmerksam. Bei der Begrüßung hielt die Elfe ihre schlanke Gestalt kerzengerade, genauso wie jetzt im Sitzen ihren Oberkörper. Das ist ein Ausdruck jahrzehntelanger Disziplin, mit der sie ihre Aufgabe als oberste Elfe wahrgenommen hat. Ihr Gesicht, auf deren Stirn ein Sonnensymbol erkennbar ist, ist trotz ihres Alters unverändert schön. Das Symbol kennzeichnet sie als eine der oberen Drei aller Zauberer, zu denen Cian einst auch gehörte. Ihre Haare sind wie seine mittlerweile silbrig glänzend, obwohl ihre noch einen leicht goldenen Schimmer zeigen. Beide seufzen kurz, während ihre Gedanken nach kurzem Verweilen in der langen, gemeinsamen Vergangenheit ins Jetzt zurückkehren. Sie greifen zu den Trinkgefäßen, pusten darüber und nehmen die ersten, vorsichtigen Schlucke.
»Wir steuern auf eine neue Auseinandersetzung mit den Dubharan zu«, beginnt Kayleigh. »An vielen Orten im Land sind die Menschen unzufrieden. Das provozieren die dunklen Magier geschickt. In den letzten beiden Jahren gab es Ernteausfälle, die durch Notrationen aus den Vorratslagern nicht ausgeglichen werden konnten. Die Missernten sind nur zum Teil durch äußere Umstände erklärbar. Es gab im vorigen Frühjahr unüblich lange Frostperioden, die die Obsterträge beeinträchtigten und im letzten Sommer zu viel Regen, wodurch Getreide an den Halmen verfaulte. Viele der restlichen Felder gerieten in Brand, dessen Ursache nie gefunden wurde. Das Vieh litt im gleichen Maße unter der Nahrungsverknappung, selbst die reinen Viehweiden lieferten kaum Futter für sie. Die Tiere wurden an manchen Orten notgeschlachtet, wobei sie meist nicht einmal die Hälfte des sonst üblichen Gewichts erreichten.«
»Das habe ich in meinem Turm im Osten nicht mitbekommen. Ist es wirklich so schlimm?«
»Es ist so schlimm. Ich vermute, die Wetterkapriolen wurden und werden durch die Dubharan verursacht, genauso wie die unerklärlichen Brände. Gleichzeitig sammeln sie überall im Land Verbündete, vornehmlich aber im Süden und Westen. Der Norden, die Mitte und der Osten sind bisher unauffällig.«
»Was meinst du mit unauffällig?«
»Deshalb habe ich dich hergebeten. Im Westen und im Süden gibt es immer wieder Überfälle auf Städte, Dörfer und einsame Ansiedlungen. Die zuständigen Regionalherren, Bürgermeister und Fürsten, haben die Übeltäter bisher nicht ermitteln können. Die Angreifer entkamen jedes Mal, ohne dass die Verfolger aufklären konnten, wohin. Sie folgten den Spuren der Pferde, die sich stets im unwegsamen Gelände verloren. Ich habe die wenigen Elfen, die dort wohnen, um Hilfe gebeten. Sie sollen aufmerksam die Gebiete beobachten und notfalls Meldung machen, damit die Ostelfen oder wir aus dem Norden eingreifen können, um den Menschen zu helfen. Gleiches habe ich unseren Völkern in der Mitte und im Osten empfohlen. Hast du einen Vorschlag, was wir darüber hinaus unternehmen können?«
»Das sind gute Maßnahmen. Von mir möchtest du sicher, dass ich die Region um die alte Königsburg im Auge behalte. Da ich nicht mehr so wie früher als einer der oberen Drei zu unseren verschiedenen Völkern reise, auf der Suche nach talentierten Schülern, halte ich mich mittlerweile fast ständig in meinem Turm auf. Was wir sonst unternehmen könnten, wenn wir keinen offenen Kampf mit den Dubharan beginnen wollen, weiß ich nicht. Möglicherweise Späher in die bereits auffälligen Regionen schicken? Aber das hast du sicher schon veranlasst.«
»Es wäre fahrlässig von mir, das nicht anzuordnen. Trotzdem danke ich dir für deinen Rat. – Was gibt es bei dir für Neuigkeiten? Wir haben uns ja schon mehrere Jahre nicht mehr gesehen. Ich glaube, fast so lange, wie du dich zurückgezogen hast.«
»Das stimmt. Wir sahen uns bei den verschiedenen Zauberertreffen meist nur kurz, so dass das nicht zählt. Ich habe, was du daher nicht weißt, vor zwei Jahren wieder einen Schüler akzeptiert.« Auf eine Reaktion seiner Freundin wartend, schaut er sie an. Aber sie lächelt nur. »Was ist? Du äußerst dich nicht dazu? – Ja, ich weiß, ich bin nicht mehr der Jüngste, eigentlich bin ich zu alt dafür, aber wenn du diesen Jungen kennen würdest, könntest du mich vielleicht verstehen.«
»Ich stimme dir zu, dass du, genau wie ich, sehr alt bist. Ich finde aber nicht, dass das ein Grund ist, weshalb du keinen Schüler annehmen solltest. Du bist in meinen Augen der beste und geeignetste … Nein, unterbrich mich nicht. Ich will dir nicht schmeicheln, das ist die reine Wahrheit! Aber gut, dann lasse ich die Lobeshymnen. Jetzt sag mir schon, wer dich dazu überreden konnte. Ist es ein sehr talentierter Zauberer der Menschen oder einer der Elfen?«
»Es ist Finn, ein junger Elf aus der Mitte des Landes. Sein Onkel ist von mir ausgebildet worden, starb jedoch bei der letzten großen Auseinandersetzung mit den Dubharan.«
»Oh. Das freut mich. Du kennst also Finns Großeltern, konnten sie dich dazu überreden? Ach nein, die sind ja vor fast drei Jahren gestorben. Warum schaust du mich so erstaunt an, was ist los?«
»Der Junge hat mich eigentlich an mich selbst erinnert, als wir uns bei dem Zauberertreffen vor zwei Jahren begegneten. Außerdem schien er sehr traurig zu sein und stellte mir die Sinnfrage des Lebens. Ich glaube, diese Nachdenklichkeit hat mich verleitet, ihn anzunehmen. Obendrein hat er …, aber das ist nicht so wichtig. Den Namen seines Onkels oder der Großeltern nannte er nicht, auch nicht, dass diese ebenfalls gestorben sind. Es hörte sich so an, als ob sie ihn erzogen hätten. Wer waren sie? Du scheinst sie zu kennen.«
»Der Großvater war der letzte Obere der Elfen der Mitte. Er besaß große magische Kräfte, genau wie seine beiden Söhne. Der eine starb, wie du schon sagtest, vor etwa zwanzig Jahren, der andere heiratete eine sehr begabte Elfe aus dem Osten. Seit diesem Konflikt mit den Dubharan waren Finns Eltern ständig im Land unterwegs, stets auf der Suche nach Vergeltung an den dunklen Zauberern, während der junge Elf bei den Großeltern blieb. Seit etwa fünf Jahren sind seine Eltern verschwunden, niemand weiß, was ihnen möglicherweise zugestoßen ist. Sie wurden vermutlich bei einer Auseinandersetzung mit den bösen Magiern getötet. – Darum freut es mich sehr, dass du diesen jungen Elf ausbildest. Du kannst und wirst ihm ein guter Lehrmeister sein, davon bin ich überzeugt! Er wird später die Elfen in diesem Landesteil führen, ihr neuer Oberster sein.« Jetzt schweigen beide. Cian ist etwas verlegen, weil Kayleigh offenbar mehr von seinen Fähigkeiten hält, als er selbst. Er hüstelt verlegen.
»Es ist nur so, dass in Finn möglicherweise große Talente schlummern, diese aber noch nicht zu erkennen sind. Er ist von vielen Selbstzweifeln geplagt, weshalb er beim Ausüben eines Zauberspruchs von dessen Resultat nicht überzeugt ist. Es ist aber nicht so, dass er es nicht ernsthaft versucht. Er übt die Sprüche ununterbrochen, so, als ob er sich und mir sein Talent beweisen müsse.«
Der Drache

Die Unterhaltung zwischen Kayleigh und Cian ruht nach dem Informationsaustausch über Finn. Beide sind in Gedanken versunken.
»Es könnte sein«, unterbricht die Elfe die Stille, »dass der Tod des Onkels die Ursache für Finns Unsicherheit ist. Daraus resultierten die häufige Abwesenheit der Eltern und die Trauer der Großeltern. Alles zusammen wird die Entwicklung eines gesunden Selbstbewusstseins beeinträchtigt haben. Sobald er aber positive Erfahrungen seines Könnens erfährt, egal ob magisches oder nicht, wird sich das schnell geben. Die Anlagen eines Führers und große Zauberfähigkeiten schlummern nur in ihm, davon bist du doch auch überzeugt, stimmt’s?«
»Hast du mir das angemerkt? Du kennst mich wirklich gut. Ja, das denke ich. Aber lediglich mehrere Zaubersprüche perfekt zu beherrschen, wird das nicht bewirken. Obwohl ihm die Anwendung fast aller Zauber schwerfällt, übt er ununterbrochen und trotzdem misslingen sie sehr oft. Finn vergisst darüber sogar, dass er sich auch Zeit für die Nahrungsaufnahme nehmen muss. Ich habe ihn deshalb zu den Elfen der Mitte geschickt, damit er eine Unterbrechung in den permanenten Übungen hat. Ich dachte, es würde ihm guttun, einmal die Heimat wiederzusehen. Er ist seit Beginn seiner Ausbildung immer bei mir gewesen, darum ist eine Pause angebracht.«
Kayleigh nickt zustimmend, entgegnet aber nichts. Cian grübelt und murmelt nach einiger Zeit:
»Irgendetwas wollte ich noch. Was war das nur?«
»Kannst du bitte lauter reden? Mein Gehör ist nicht mehr so gut wie früher.«
»Ich wollte etwas klären, dich um Rat fragen«, erwidert der alte Elf mit kräftigerer Stimme. »Es ist zum Verrücktwerden. Warum fällt mir das nicht ein?« Er haut mit geballten Fäusten auf die Armlehnen des hohen Sessels. »Alt werden hat so seine Tücken. Mein Gedächtnis ist immer häufiger lückenhaft, besonders dann, wenn es um jüngere Ereignisse geht. Weit zurückliegende sind dagegen bis ins kleinste Detail präsent. Es war … Ja was?«
»Mein lieber Freund. Manchmal ist es besser, einen Gedanken, der sich widerspenstig verhält, nicht zu angestrengt aufrufen zu wollen. Dann wird er plötzlich von selbst nach oben drängen. Lass uns etwas anderes machen. Wie wäre es mit einem Spaziergang um die Festung herum. Es gibt dort eine sonnige Wiese, auf der eine große Linde steht. Ich habe in ihren Ästen schon öfters einen Kolkraben bemerkt. Vielleicht besitzt er dort ein Nest, obwohl die Brutzeit längst vorüber ist.«
»Warte mal. Ein Rabenvogel und ein Nest, die sagen mir etwas. Ha, genau. Da war doch eine Elster«, grübelt er. Aufgeregt suchen die Finger in den verschieden Taschen der Kleidung, dann blickt er auf seine linke Hand. Am Ringfinger blitzt es bläulich im flackernden Schein des Kaminfeuers.
»Ich werde wirklich senil!«, stellt er traurig fest. »Ich habe diesen Ring im Versteck einer Elster gefunden.« Mit der rechten Hand dreht er ein paarmal an dem Ring und zieht ihn schließlich von seinem kleinen Finger. Erneut blitzt das Bild eines kleinen, blauen Drachen in seinem Kopf auf. »Das ist doch vorhin, beim Aufstecken auch passiert. Es muss etwas bedeuten!« Er reicht den Ring zu Kayleigh hinüber, die ihn fragend anschaut.
»Was ist vorhin auch geschehen?« Während Cian ihr von der Erscheinung berichtet, betrachtet sie aufmerksam den Ring. Sie dreht ihn hin und her, lässt im Feuerschein die kleinen Augen aufleuchten und legt das Artefakt schließlich auf ein Tischchen, das zwischen ihnen steht.
»Ich denke, der Ring stellt einen Drachen dar, was auch zu dem Bild passt, dass du gesehen hast. Eine magische Kraft steckt in ihm, das steht für mich fest. Ich habe aber noch nie von diesem Ring gehört oder über ihn gelesen.«
»Ich konnte auch nichts in meinen Büchern finden. Ich wollte gerade in »Magische Artefakte« nachsehen, als du mich kontaktiertest. Das Buch war meine letzte Hoffnung.«
»Ich kenne das Buch in- und auswendig, darin steht nichts über diesen Ring geschrieben. Ich habe eine Idee, wie wir vielleicht etwas über seine Eigenschaften erfahren könnten. Wir sollten uns aber vorsorglich schützen, da ich die Reaktion auf den Versuch nicht vorhersagen kann. Sgiath. Protego.« Nachdem Cian seinerseits ebenso verfahren ist, erheben sie sich. Beide blicken sich kurz an, dann richtet Kayleigh beide Hände auf den Ring. »Aperio!«, fordert sie mit kraftvoller Stimme, dann erneut und schließlich ein drittes Mal.
Und wirklich, jetzt geschieht etwas Unvorstellbares. Die Ringform bewegt sich, der Kopf öffnet sein Maul und der Schwanz wird herausgezogen. Die Schwingen werden ausgebreitet und die Gestalt beginnt zu glänzen, wird heller und heller, bis sie schließlich in einem unerträglich strahlendem Blau leuchtet. Der Lindwurm erhebt sich in die Luft, dreht den Kopf mit böse blickenden Augen zu den Elfen und stößt urplötzlich seinen Feueratem in ihre Richtung. Hell leuchten die Schutzglocken auf und flackern bereits nach kurzer Zeit. Kayleigh und Cian stürzen zu Boden.
Es dauert lange, bis sich die Elfe regt. Benommen schüttelt sie den Kopf und blickt ungläubig zu Cian, der ausgestreckt neben ihr am Boden liegt. Sie muss zu ihm, will helfen, doch sobald sie sich aufzurichten versucht, wird ihr erneut schwarz vor Augen. Kayleigh atmet mehrmals langsam ein und aus und schiebt sich dann über den Boden auf ihren alten Gefährten zu.
»Cian, mein Freund. Wie kann ich …?« Sie richtet sich trotz der sofort wiedereinsetzenden Schwärze etwas auf und hält ihre Hände über den unbeweglich vor ihr liegenden Elf.
»Beatha! Beatha! BEATHA!«, ruft sie verzweifelt. Ihre Augen sind geschlossen, da sie von Dunkelheit umgeben zu sein scheint. Ihre Arme und Hände zittern, aber ein goldenes Gleißen fließt von ihnen zur ausgestreckten Gestalt. Schon nach wenigen Augenblicken erlischt es wieder, Kayleigh ist einfach zu schwach. Doch so gering die Übertragung von Lebensenergie auch war, sie reicht. Mit einem tiefen Atemzug, der an den eines fast Ertrunkenen erinnert, kommt Cian zu sich. Er schüttelt den Kopf, öffnet die Augen und blickt verwundert Richtung Decke. Der Blick klärt sich und fällt erstaunt auf die Elfe, deren Arme auf seinem Oberkörper ruhen.
»Kayleigh, meine Liebe. Was ist geschehen.« Er sieht ihre geschlossenen Lider, hinter denen die Augäpfel hin und her zucken. Jetzt richtet er vorsichtig den Oberkörper auf, breitet nun seinerseits die Hände über die Elfe und murmelt: »Beatha!« Sofort gleißt goldenes Licht hinüber. Er bemerkt, dass er das nicht lange schaffen wird und unterbricht es rechtzeitig, bevor er zusammenbricht.
»Ich … ich danke dir!«, murmelt Kayleigh so leise, dass er es kaum wahrnehmen kann. Ihre Augenlider sind noch immer geschlossen, aber die Bewegung der Augen hat aufgehört. Der Elf streckt sich neben ihr aus und entgegnet:
»Ich danke dir! Vermutlich hast du das Gleiche kurz vorher bei mir gemacht oder wieso solltest du sonst mit deinen Armen auf mir liegen?«
»Ich wollte dich nur bewegen, sehen, was mit dir ist, da wurde mir schwarz vor Augen.«
»Du hast auch schon besser geflunkert! Jetzt sollten wir uns etwas erholen. Was ist das für ein dämonisches Wesen? Es scheint mir nicht einfach nur ein magisches Artefakt zu sein. Es lebt irgendwie. Das ist zumindest mein Eindruck.«
Beide schweigen und lassen das soeben Erlebte auf sich wirken.
»Wir müssen feststellen, wo dieses Ungeheuer geblieben ist«, beginnt Kayleigh, dann zieht sie die Luft scharf ein und reißt die Augen auf. »Der Drache erinnert mich an das Wesen, das uns im Kampf um die Königsburg vor zwanzig Jahren so sehr in Bedrängnis brachte. Was meinst du?«
»Du könntest recht haben. Nur damals war das Wesen größer. Sollte dies eine kleine Ausgabe davon sein?« Cian schaut sie fragend an.
»Auch wenn das so ist, die magische Kraft scheint gleichwertig zu sein. Unsere Schutzglocken konnten ihm nur mit Mühe standhalten.«
Die beiden Elfen erheben sich langsam und vorsichtig, um dann außer Atem in die bequemen Sessel vor dem Kamin zu sinken. Ihre suchenden Blicke fallen auf den Ring, der scheinbar unverändert auf dem Tischchen liegt. Cians rechte Hand verharrt einen Moment darüber, bevor er ihn vorsichtig mit einem Finger berührt.
»Kalt wie zuvor!«, stellt er überrascht fest. »Ich hatte erwartet, dass er glüht oder zumindest noch etwas Wärme aufweist. Der Feueratem, den der Drache ausgestoßen hat, war garantiert sehr heiß.«
»Er könnte aber auch eiskalt gewesen sein. Das wäre passend zu dessen blauem Strahlen! Hm. – Was schlägst du vor, was wir mit dem Ding machen sollen. Es muss von einem begabten Zauberer geschaffen worden sein, in welcher Teufelswerkstatt auch immer.«
»Ich bin mir nicht sicher. Einerseits wäre es gut, ihn in einem geeigneten Versteck zu wissen, andererseits könnte er möglicherweise eine effektive Waffe gegen die Dubharan sein, wenn wir herausfinden, wie das Wesen gesteuert werden kann.«
»Die zweite Möglichkeit ist aber nur gegeben, wenn du den Drachen beherrschen könntest.«
»Ich habe dabei nicht an mich gedacht. Ich werde offenbar von Tag zu Tag zerstreuter. Selbst wenn wir herausbekommen, wie der Drache zu lenken ist, könnte ich das gerade dann vergessen haben, wenn es notwendig sein sollte. Nein, ich dachte an dich.«
»Das ist nicht dein Ernst. Ich werde dieses Wesen nicht beherrschen, sonst hätte es sich nicht so aggressiv gegen meinen Offenbarungsspruch verhalten. Nein, der Ring wird mir nie gehorchen, da bin ich sicher!«
Beide schweigen, in Gedanken versunken.
»Dann verberge ihn in deiner Bibliothek. Falls wir herausbekommen, wie der Drache zu beherrschen sein könnte, werden wir es erneut versuchen. Möglicherweise kann das auch ein jüngerer Magier?« Cian denkt dabei an Finn, doch das sagt er nicht.
»Einverstanden. Ich werde eine Buchattrappe anfertigen lassen, die innen mit Silber ausgekleidet ist. Dort hinein lege ich den Ring. Das ihn umgebende Silber verhindert, dass der Drache sich selbstständig aktivieren kann, wenn das möglich sein sollte. Die Buchnachbildung bekommt den Titel »Magische Wesen«. Dann weist du, wo du den Ring findest, falls ich nicht anwesend sein sollte, wenn er benötigt wird.«
Alarm in Munegard

Es ist um die Mittagszeit, am Tag nach Finns Entkommen. Durch die Küche der Festung Munegard zieht der Geruch von Essen. Ein riesiger Herd steht unter einem gewaltigen Abzug. Die Küchenmädchen laufen eilig hin und her, holen Zutaten und bereiten diese vor. Der Küchengehilfe legt Holz nach. Er schließt die Feuerklappe, nachdem er die letzten Scheite hineingesteckt hat.
»Beeilung, wir sind schon etwas in Verzug. Gleich wird der Beginn der Mahlzeit ausgerufen. Habt ihr eure Kleidung gerichtet? Wenn ihr das Essen auftragt, habt ihr ordentlich auszusehen. – Wie sieht die Suppe aus? Habt ihr schon Petersilie hineingegeben? Gut. Dann jetzt aber los!«
Das in einem schweren Topf blubbernde Gericht wird mit einer eisernen Kelle in mehrere Schüsseln verteilt, die schnell hinausgetragen werden. Ermahnend ruft die dicke Köchin, der die Schweißtropfen von der Stirn tropfen:
»Vergiss nicht, die Spießbraten weiterzudrehen. Soll das Fleisch etwa verbrennen? Lasst mich mal durch.« Sie nimmt eine lange Gabel, schiebt ihren massigen Körper durch die aufgescheuchte Schar der Küchenmädchen und sticht in zwei große Fleischstücke, dessen knusprige Schwarten einen leckeren Geruch in der Küche verbreiten. Der Küchengehilfe, der nach dem Holznachlegen abwechselnd beide Spieße auf einem speziellen Gestell über einer offenen Flamme dreht, wischt sich mit dem Ärmel das glühende Gesicht. »Da hast du aber Glück gehabt. Es ist perfekt. Jetzt hol sie herunter, damit ich sie portionieren kann.« Der Junge folgt ihrer Anweisung und hofft entgegen der Erfahrung, einen kleinen Anteil von dem appetitlich duftenden Fleisch zu erhalten. Die Köchin bemerkt seinen hungrigen Blick und lacht. »Hast du es immer noch nicht begriffen? Du bekommst, wie wir alle, nur das, was vom Essen übrigbleibt. Das wird sicher nicht dieser Braten, sondern höchstens etwas von den Gemüsebeilagen, viel wahrscheinlicher aber nur die Suppe sein. Bis dahin dauert es aber, vorher kannst du noch etwas Holz holen und unseren Vorrat wieder auffüllen.«
Sofort schlüpft der spindeldürre Junge wie ein geprügelter Hund aus ihrem Blickfeld, schnappt sich einen großen Weidenkorb und verlässt ihr Reich. Auf dem Weg nach oben, die Küche befindet sich im Kellergeschoss, begegnet ihm der Gefängniswärter. Er grüßt mit seltsamer Beklemmung in der Brust, wagt es nicht, in das Gesicht des ihm unheimlichen Mannes zu schauen. Ein unverständliches, kurzes Gebrumm ist die darauffolgende einzige Reaktion. Obwohl es ihm bisher an allen Tagen so ergangen ist, hofft er doch, einmal eine verständliche Antwort auf sein freundliches »Hallo und guten Appetit« zu erhalten. Er hat ja keine Ahnung, dass dem Wärter die Zunge fehlt. Die hatte ihm Connor vor vielen Jahren genommen, damit er sich nicht mit den Gefangenen zu unterhalten vermag.
»Sicher ist sicher«, hatte sich der Oberste der Dubharan gedacht. »So kann er nicht mit den Eingesperrten reden und etwas verraten, was ihnen möglicherweise nützlich sein könnte.« Bei diesen Gedanken hatte Connor gelacht, da es für ihn unvorstellbar ist, dass irgendeiner der Bediensteten es wagen würde, gegen seinen Willen zu handeln. Sie wussten alle, dass seine Rache schrecklich sein würde.
Der Wärter setzt sich still in der Küche auf einen Stuhl und wartet auf die Tonschüssel, in der ihm die Suppe gereicht wird. Ausnahmsweise bekommt er heute zusätzlich ein Stück frisches Graubrot, weshalb er dankbar zur lächelnden Köchin aufschaut. Sie nickt wohlwollend und dreht sich kurz darauf wieder zurück, um ihre Anweisungen zu brüllen.
»Jetzt aber das Fleisch nach oben und vergesst die Beilagen nicht!« Nachdem der Gefängniswärter die Schüssel geleert und mit dem Brot ihre letzten Reste ausgewischt und dieses gegessen hat, schlägt er seinen Umhang wieder um sich. Den hatte er in der warmen Küche abgelegt. Er bedankt sich mit einem leisen Brummen und Nicken des Kopfes für sein Essen. Dann wird Suppe in eine Henkelkanne gefüllt, die er, ebenso wie drei Tonschalen, für die Gefangenen mitnimmt. Auf der Treppe begegnet er dem Küchenjungen erneut, der den schweren Korb abgesetzt hat, um zu verschnaufen. Dieser lässt den Erwachsenen zuerst heraufkommen, bevor er den Holzbehälter hochwuchtet und Stufe für Stufe nach unten schleppt. Der Gefängniswärter schaut über den Innenhof zu einem trutzigen Turm. Der steht zentral auf dem inneren Platz der Anlage und ist mit einer eigenen Ringmauer umgeben, die mit Wehrgängen versehen ist. Ein starkes Tor in der Mauer, das nur durch einen verwinkelten, engen Zugang von außen erreicht werden kann, sichert diese Burg in der Burg. Sie ist der letzte Zufluchtsort für die Verteidiger der Festung, wenn alle anderen Wehranlagen erobert sind. Der Wärter überquert den Hof und schlurft an der Mauer vorbei. Danach kommt er zu einem weiteren Turm, der in der Außenmauer der Festungsanlage auf einer steilen Felsenklippe ruht. Er ist über eine schmale Treppe erreichbar, die der Gefangenenwärter jetzt erklimmt. Er schließt mit einem großen Schlüssel auf, tritt durch die Eichentür und verschließt den Eingang vorsichtshalber, sobald er drinnen eine Laterne entzündet hat. In ihrem unsteten Schein folgt er der Wendeltreppe nach oben. Der Turm steht nicht separat. Eine Seite ist Teil eines schmalen Bauwerks, das bis zur halben Höhe hinaufreicht. Im Bodenbereich wird das Gebäude als Schmiede und Waffenkammer genutzt, in der obersten Etage befinden sich Gefängniszellen. Der Aufseher biegt von der Treppe in einen Seitengang ab und öffnet den ersten Raum. Er reicht dem Gefangenen eine Tonschale, in die er einen Teil der Suppe gießt. Er verschließt den Raum, um Gleiches in der zweiten Zelle zu wiederholen. Bevor er nach dem Öffnen der dritten Tür den Raum betritt, erstarrt er und reibt sich erstaunt die Augen. Sonst wird er hier schon erwartet und sofort in ein Gespräch zu ziehen versucht. Doch heute ist es seltsam still. Auf dem Strohlager unter dem vergitterten Fenster erkennt er vage die Kleidung des Gefangenen. Sollte dieser in der Nacht gestorben sein, da sich dort nichts rührt? Der Wärter tritt näher und leuchtet die Stelle direkt an. Er steht erschrocken starr.
»Wie ist das möglich?« Schnell dreht er sich um, da er erkennt, dass die Handschellen zerstört sind. Sollte der Gefangene jetzt hinter ihm stehen oder gerade zu entkommen versuchen? Doch der ist nicht zu sehen, und es ist auch nicht das geringste Geräusch zu hören! Aufgeregt lässt er die Kanne fallen. Die Tonschale zerspringt daneben in viele kleine Stücke, während der Mann hastig den Raum verlässt. Er rennt den Gang entlang, bis er in den Turm kommt. Was soll er jetzt machen? Obwohl er das nicht glaubt, könnte der Gefangene aus der Zelle entkommen sein und unten auf ihn lauern. Die Tür hat er doch abgeschlossen, oder sollte er das …? Nein, er ist sich sicher. Er macht das jeden Tag auf die gleiche Weise und hat garantiert abgeschlossen. Dann wird der Flüchtige dort nicht entkommen. Als er soweit in seinen Überlegungen ist, folgt er der Wendeltreppe vorsichtig nach oben. Der Entflohene könnte ja ganz clever sein und sich dort verstecken. Möglicherweise hofft er, dass in der Aufregung das Tor unten offengelassen wird, wenn Hilfe herbeigeholt wird. Dann könnte er die Gelegenheit nutzen, um zu entkommen. Der Aufseher erreicht das Ende der Treppe unter einer Falltür, er öffnet sie und steckt vorsichtig den Kopf durch die Öffnung. Schnell verschafft er sich die Gewissheit, dass der Ausbrecher nicht hier ist. Also klettert er jetzt durch die Luke und steht auf einer Plattform, die nur von einer niedrigen, umlaufenden Mauer umgeben ist und von einem Dach auf steinernen Säulen gegen Regen geschützt wird. Das Gekreische und Schreien der Meeresvögel ist überwältigend. Der Wärter nimmt das Signalhorn, das an der Mittelsäule hängt, setzt es an seine Lippen und bläst das Alarmsignal. Er pustet dreimal hinein, wobei er die Öffnung des Horns nacheinander in Richtung Innenhof, mittleren Turm und Wachstube richtet. Es dauert keinen Atemzug, bis er erschrocken herumfährt. Connor erscheint aus einem Gleißen der Luft auf der Plattform.
»Warum bläst du das Alarmhorn. Werden wir angegriffen?« Unter seinem forschenden Blick beginnt der Wächter zu zittern, schüttelt den Kopf und versucht Worte zu formen. Da das natürlich misslingt, senkt er seinen Blick.
»Willst du darauf hinweisen, dass einer der Gefangenen entflohen ist?« Der Dubharan atmet die Luft hörbar ein. »Wie sollte das möglich sein. Wenn du unaufmerksam oder nachlässig gewesen sein solltest, werde ich dich bestrafen. Dann wirst du dir wünschen, nie geboren worden zu sein.« Connor blickt den Mann drohend und mit zusammengezogenen Augenbrauen an. Seine dunklen Augen schleudern Blitze, als er ihn am Arm fasst. Im nächsten Augenblick stehen sie in dem Gang mit den Gefängniszellen. »Wo?«, fragt der Zauberer und gibt den anderen frei. Dieser macht einen Schritt in die Richtung der Zelle, wird jedoch sofort an die Seite gestoßen. Mit »Solus« lässt der Magier eine helle Lichtkugel erscheinen und untersucht den Raum. »Warum liegen hier Tonscherben? Wurden sie etwa benutzt, um die Handschellen zu zerstören? Hm. Nein. Sie zeigen keinerlei Silberabrieb. Aber wie hat der Gefangene dann entkommen können?« Er erhebt sich grübelnd. »Wurde er mittlerweile vernommen? Was ist? Du schüttelst den Kopf? Ach, das hatte ich vergessen. Du kannst ja nicht reden!« Er grinst den Mann an. Die nächsten Gedanken äußert er nicht laut. »Ich werde den Offizier der Wache fragen, oder sollte ich besser Dean darauf ansetzen? Ja. Er soll dafür sorgen, dass der junge Elf wieder in unsere Gewalt kommt. Er ist ein wichtiges Faustpfand, damit sich die Mittelelfen nicht gegen uns stellen!«
Im nächsten Moment flirrt die Luft. Der Wächter steht allein in der Zelle.
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