Kitabı oku: «Lachen, Weinen, Hoffnung schenken»

Yazı tipi:

PAUL CHAIM EISENBERG

LACHEN, WEINEN, HOFFNUNG SCHENKEN

Wenn der Rebbe vom Leben erzählt


EINLEITUNG

WENN DER REBBE SCHABBES MACHT

WENN DER REBBE SINGT

WENN DER REBBE WEINT

WENN DER REBBE TRÄUMT

WO DER REBBE HERKOMMT

WENN DER REBBE LERNT

WENN DER REBBE EINE FAMILIE HAT

WENN DER REBBE FUSSBALL SPIELT

WENN DER REBBE HERUMFÄHRT

WENN DER REBBE HILFT

WENN DER REBBE AUSNAHMEN MACHT

WENN DER REBBE DAS BUCH FERTIGSCHREIBT


KÜRZLICH FRAGTE MICH JEMAND: „Wie geht das eigentlich, ein Buch schreiben? Das muss doch wahnsinnig schwer sein. Wie kommst du auf all die Ideen, die du dafür brauchst?“

Das gab mir zu denken.

Aber dann fiel mir folgende Antwort ein: „Ich habe einen Partner, einen Helfer beim Schreiben des Buches. Die erste Hälfte des Buches schreibe nämlich gar nicht ich: Die schreibt der liebe Gott. Er bringt mich in Situationen oder schafft die Koordinaten, und ich muss dann daraus die fertige Formel, das Buch, machen.“

Genau auf diese Weise hat mich der Ewige in eine Situation gebracht – sie ist in diesem Buch beschrieben –, in der ich das berühmte chassidische Lied „As der Rebbe lacht“ ein wenig abgewandelt habe, um die Anwesenden hoffentlich zu einer guten Tat zu inspirieren. Davon später.

Diese Situation hat aber nicht nur die anderen inspiriert, sondern in erster Linie mich selbst: Denn mir kam dabei neu zu Bewusstsein, wie wunderbar der Text dieses Liedes die innige Beziehung zwischen einem Rabbi und seiner Gemeinde beschreibt („Un as“ ist Jiddisch und bedeutet auf Deutsch „und als“):

Un as der Rebbe lacht, un as der Rebbe lacht,

lachen alle Chassidim, lachen alle Chassidim:

Ha-ha-ha-ha-ha, ha-ha-ha-ha-ha,

lachen alle Chassidim.

Un as der Rebbe singt, un as der Rebbe singt,

singen alle Chassidim, singen alle Chassidim:

Tra-la-la-la-la, tra-la-la-la-la,

singen alle Chassidim.

Un as der Rebbe tanzt, un as der Rebbe tanzt,

tanzen alle Chassidim, tanzen alle Chassidim:

Hoppa, hoppa hej, hoppa, hoppa hej,

tanzen alle Chassidim.

Un as der Rebbe weint, weinen alle Chassidim …

ojojojojojoj …

Un as der Rebbe schluft (schläft)

schweigen alle Chassidim …

(damit sie ihn nicht aufwecken).

Mir ist aufgefallen, dass ein Rabbiner noch vieles macht, was die Chassidim, seine Anhänger, mitmachen können. Und so habe ich in letzter Zeit einige zusätzliche Strophen erfunden. Zwei davon lauten:

Un as der Rebbe helft (hilft),

helfen alle Chassidim.

Un as der Rebbe lehrt,

lernen alle Chassidim.

Fast alle Kapitel dieses Buches habe ich deswegen mit einer Tätigkeit des Rabbiners bezeichnet, die zum Teil von der Gemeinde nachgemacht werden kann, zum Teil aber auch nicht. Denn ich finde, das ist eine gute Beschreibung des Verhältnisses zwischen Rabbi und Gemeinde sowie der Art und Weise, in der er sie leitet, ihr Vorbild ist. Dieses Lied ist ein Volkslied und wird von manchen Gegnern der Chassidim als Schmählied gegen den Rabbi und gegen die Chassidim interpretiert. Nach Meinung dieser Kritiker soll das Lied darstellen, dass die Chassidim den Rabbi nur nachäffen. Das wäre natürlich kein besonderes Lob.

Man kann es aber auch so sehen (und ich ziehe diese Interpretation entschieden vor): Der Rabbi ist ein Vorbild, und man kann vom Rabbi lernen, wie man inbrünstig betet, wie man klug spricht und wie man sein Leben richtig führt.

Wenn aber ein Chassid sagt: „Der Rabbi hat sich an dieser Stelle des Gebets die Nase geschnäuzt, das muss etwas bedeuten, also werde ich immer, wenn ich an dieser Stelle ankomme, mir die Nase schnäuzen“, dann wäre das natürlich dumm. Diese Art der Nachahmung sei keinem empfohlen!

Ich möchte die Vorbildwirkung des Rabbiners nicht wörtlich und buchstabengetreu, sondern dem Geiste nach verstanden wissen. Ein wenig so wie in der Geschichte von den Chassidim, die ihrem Rabbi vor zweihundert Jahren die allerneueste Erfindung, eine Dampflokomotive, präsentieren wollten und ihn baten, sich diese am Bahnhof anzuschauen. Der Rabbi ging mit seinen Chassidim zum Bahnhof und sah, wie der Heizer Kohlen in den Ofen der Lokomotive schaufelte, sodass die Lokomotive viele Waggons ziehen konnte. Da sagte er: „Das ist doch nichts Neues. Mir war schon immer bekannt, dass einer, der Feuer hat, viele andere mitziehen kann.“

Nun muss ich euch, liebe Leserinnen und Leser, noch etwas gestehen: Ich bin eigentlich mehr ein Erzähler von Geschichten als ein Schreiber von Geschichten. Vor meinem ersten Buch hatte ich so viel Respekt vor dem geschriebenen Wort, dass ich es lieber gar nicht versuchen wollte. Aber, weil ein Rabbiner diese Welt nicht verlassen sollte, ohne etwas Bleibendes zu hinterlassen, habe ich mich letztlich doch dazu durchgerungen, vom gesprochenen zum geschriebenen Wort zu wechseln. Auch hat Verlagschef Nikolaus Brandstätter mich dazu ermutigt. Bei der Präsentation meiner Bücher habe ich dann wieder mehr geredet und manchmal auch gesungen. Dass mein Geschriebenes deshalb oftmals nahe am Gesprochenen angesiedelt ist, besonders, wenn es sich um eine Anekdote handelt, rührt ebendaher – und ich halte das nicht für einen Makel.

NACHDEM ICH MICH in meinen bisherigen Werken mit jüdischer Weisheit und jüdischem Humor beschäftigt habe, handelt das vorliegende Buch aber von etwas gänzlich anderem: nämlich von meinem Leben. Mein Verlag wollte von mir eine Autobiografie – mir gefällt das Wort Memoiren besser. Aber da gab es auch noch meinen oben erwähnten Co-Autor, der von keinem Verlag zu bändigen ist. Er brachte und bringt mich immer wieder dazu, mein eigenes Leben wie jenes der anderen Menschen nicht nur als eine beliebige Serie von Ereignissen zu betrachten, sondern auch nach den Zusammenhängen und den Lehren zu forschen, die diese Erlebnisse enthalten. Die Erzählweise ist dabei nicht zwangsläufig chronologisch und vor allem nicht erschöpfend, sondern orientiert sich an der Methode, die die Bibel verwendet. In ihr wird viel über das Leben Abrahams erzählt. Die Tora schreibt, dass der Ewige von Abraham verlangt, er möge ihm am nächsten Morgen seinen Sohn Jizchak opfern. Würde dort alles chronologisch erzählt, müsste der nächste Tag folgendermaßen beschrieben werden: „Abraham putzte sich in der Früh die Zähne, dann aß er ein Butterbrot mit Eierspeis, dann las er die Zeitung und erledigte noch drei Anrufe mit seinem Handy, bevor er sich auf den Weg machte, um dem Wunsch Gottes zu entsprechen.“ So ist es aber nicht: Die Tora beschränkt sich auf das Wesentliche.

Mein Buch ist zwar keine Bibel, aber auch ich bringe nur die wesentlichen Storys. Auch bleibe ich trotzdem bei meinem Metier, jüdische Weisheit und jüdischen Humor mit meiner Familiengeschichte zu verbinden. Wäre es anders, dann wäre es nicht mein Buch.

WENN DER REBBE SCHABBES MACHT

FÜR UNS JUDEN ist der wöchentliche Schabbat, im Volksmund Schabbes genannt, bekanntlich nicht nur ein Ruhetag, sondern ein heiliger Tag mit vielen Bräuchen. Im Schtetl haben Juden unter der Woche oft fast nur Brot und gekochte Kartoffeln gegessen, damit sie für den Schabbat, einmal die Woche, etwas Besseres einkaufen konnten.

In meinem Elternhaus gab es wochentags Butter aufs Brot und Eierspeis auf die Kartoffeln, aber das Schabbatmahl war auch bei uns etwas ganz Besonderes: Meist gab es Fisch, Suppe, Fleisch mit Beilagen und als Nachspeise einen guten Kuchen mit Kompott.

Besonders war auch, dass nur am Schabbat nicht in der Küche, sondern im Speisezimmer serviert und gegessen wurde, auf einem blütenweißen Tischtuch, von einem Schabbat-Geschirr und mit versilbertem Besteck neben den leuchtenden Kerzen, die meine Mutter vor Schabbat entzündet hat.

Im Schtetl war es trotz der bedrückenden Armut üblich gewesen, zum Schabbat-Tisch einen Gast einzuladen, mitunter einen, der sich auf der Durchreise befand. Meine Eltern haben diesen Brauch weitergeführt und am Freitagabend jemanden aus dem Stadttempel – unserer Synagoge – mit nach Hause genommen, auch wenn es ein Fremder war. Allerdings wussten wir meist schon vorher, wer eingeladen wurde: Oft waren es Gäste aus Israel, die sich freuten, beim Oberrabbiner zu Hause Schabbes feiern zu dürfen. Trotzdem bestand die Möglichkeit, dass mein Vater zusätzlich zu diesen schon eingeplanten Gästen noch einen weiteren Gast aus der Synagoge mitbrachte. Meine Mutter legte also zur Sicherheit ein Gedeck mehr auf, als wahrscheinlich benötigt werden würde, und goss ein bisschen mehr Wasser in die Suppe – auch das hat man schon in der alten Zeit im Schtetl genau so gemacht.

Schon in der Tora gibt es zu dieser Tradition eine schöne und lehrreiche Geschichte, die mich schon als Kind stark beeindruckte. Dort heißt es, dass unser Stammvater Abraham, der doch eine Zeit lang der einzige Jude auf der Welt war, mit seiner Gastfreundschaft auch „Mission“ betrieben habe. Denn wenn Wanderer an seinem Haus vorbeigingen, dessen Türen immer offen waren, hielt er sie an und bewirtete sie fürstlich. Danach fragte er die Gäste: „Nun, was ist jetzt mit der Bezahlung?“ In diesem peinlichen Moment zückten manche die Kreditkarte (ihr erlaubt mir die sanfte Modernisierung), wieder andere sagten, sie hätten leider kein Geld. Zu all ihnen aber sagte Abraham: „Ihr müsst nicht bei mir bezahlen, sondern euch beim lieben Gott bedanken, der die Welt erschaffen hat und auch das Essen, das ich euch serviert habe.“ Na, und schon war das „Missionsgespräch“ initiiert.

Diese Geschichte ist umso interessanter, wenn man weiß, dass wir Juden eigentlich gar keine Mission betreiben und grundsätzlich nicht versuchen, Anhänger anderer Religionen oder auch Atheisten von unserem Glauben zu überzeugen. Wir glauben vielmehr, dass jeder gute Mensch in den „Himmel“ kommen kann. Dennoch wollte sich Abraham die Gastfreundschaft offenbar nicht als Gelegenheit entgehen lassen, um Menschen ein wenig näher zu Gott zu bringen.

Anders verhält es sich natürlich, wenn ein religiöser Jude sieht, wie ein anderer Jude – zum Beispiel – den Schabbat nicht hält. Schon in der Tora, in der Bibel steht, dass man den anderen dann zurechtweisen sollte, aber freundlich. Die Details zu diesem Gebot füllen Bände, vielleicht schreibe ich mein nächstes Buch darüber.

Der wesentliche Grundsatz dabei ist, dass wir füreinander verantwortlich sind und daher nicht tatenlos zuschauen sollen, wenn ein anderer einen Fehler macht. Manche sagen auch, dass ich zum Beispiel meinen jüdischen Nachbarn, der jeden Schabbat mit dem Tennisschläger ins Auto steigt, statt mit mir zu Fuß zur Synagoge zu gehen, freundlich darauf hinweisen soll, mit mir in den Tempel zu kommen. Aber nach einigen fruchtlosen Versuchen darf und werde ich es aufgeben.

Es gibt eine altbewährte Technik, wie man einen Juden oder eine Jüdin auf andere Weise dazu bringen kann, den Schabbat einzuhalten. Statt die Person zurechtzuweisen, lädt man sie mit ihrer Familie zum festlichen Schabbatmahl ein. Dort spricht der Hausherr den Segen über den Wein, teilt die wunderbare Challe, das Schabbatbrot, aus, lässt den Besuch vom gefillten Fisch und der Suppe der Hausfrau essen und spricht mit ihm über die Schönheit des Schabbats, ohne den Gast auch nur mit einem Wort zu kritisieren. Dann werden auch Schabbatlieder gesungen.

So ähnlich erziehen wir auch unsere Kinder, und so haben unsere Eltern mich und meine Schwester die Liebe zum Schabbat gelehrt. Wenn wir wollen, dass unsere Kinder den Schabbat einhalten, dann wird es vollkommen schiefgehen, wenn wir ihnen das nur sagen. Wir müssen mit gutem Beispiel vorangehen. Es ist keine exklusive jüdische Weisheit, dass Kinder vom Vorbild der Eltern und nicht durch Verbote lernen. Und so ist es vielen religiösen Juden und besonders Rabbinern gelungen, Juden, die schon sehr entfernt von der Observanz des Judentums waren, wieder zur Jüdischkeit zurückzubringen. Oder, wie man ebenfalls sagt, ihr Judentum zu stärken.

Ich wurde als Rabbiner, der regelmäßig Schiurim gibt – also Erwachsene unterrichtet –, oftmals von Juden und Jüdinnen angesprochen, die zu mir sagten: „Wir sind an jüdischem Wissen interessiert, wir waren in keiner jüdischen Schule. Wir würden gerne mehr über den Schabbat und die Koscher-Vorschriften, die Feiertage und die Bibel wissen. Aber wir sagen Ihnen gleich, wir werden diese Gebote nicht einhalten.“

Darf man solche Schüler überhaupt unterrichten? Wie so oft gibt es im Talmud zu dieser Frage zwei Lehrmeinungen. Ein Rabbi hat solche Schüler gar nicht unterrichtet. Ein anderer dagegen, und so halte ich es auch, nahm auch solche Schüler auf. Denn ich bin überzeugt, dass sie, wenn ich mit ihnen die Tora lerne, weisere Juden werden. Und das genügt mir.

Mein Vater verfuhr mit unseren Schabbat-Gästen aus Israel so ähnlich wie Abraham, auch wenn er dabei etwas ganz anderes im Sinn hatte: Nach dem gemeinsamen Essen am Freitagabend, zu dem er sie ja eingeladen hatte, sagte er oft ganz unvermittelt: „Jetzt müssen Sie aber etwas für Ihr Essen bezahlen.“

Ich glaube, unsere Gäste waren darüber noch mehr verdutzt als die Gäste des Abraham in der Tora, denn als Juden wussten sie nur zu gut, dass man am Schabbat kein Geld verdienen darf. Aber jedes Mal löste mein Vater ihre Verwirrung rasch auf: „Lehren Sie uns doch als Bezahlung ein neues hebräisches Lied aus Israel!“, bat er die Gäste. Alle in unserer Familie waren musikalisch, aber wir kannten damals nur die alten hebräischen und jiddischen Lieder. Youtube und Ähnliches gab es noch lange nicht, aber auch aktuelle jüdische Schallplatten erreichten Wien nicht immer oder zumindest nicht so schnell. Besonders meine Schwester und ich waren immer glücklich darüber, neue jüdische oder hebräische Lieder zu lernen, und durch diesen kleinen Trick meines Vaters hatten wir regelmäßig Gelegenheit dazu, denn die Gäste waren erleichtert, dass man von ihnen nicht wirklich Geld verlangte.

Das berühmte Schalom-Alechem-Lied haben wir sowieso an jedem Schabbat a cappella gesungen. In diesem Lied heißt es, dass wir Juden nicht nur Gäste an unserem Schabbat-Tisch empfangen, sondern auch Engel. Mit Schalom Alechem, auf Arabisch Salam aleikum, begrüßen wir diese Engel: „Friede sei mit euch.“

Wenn ich dieses Lied heute singe, erinnere ich mich wehmütig an die schönen Schabbat-Abende bei meinen Eltern. Später, mit meiner Frau Annette, der Rebbezen, und mit unseren Kindern, war es bei Tisch aber genauso schön, und mein jüngster Sohn singt sogar besser jüdische Lieder als ich – was nicht leicht ist, wie ich in meiner typischen Bescheidenheit hinzufügen möchte.

Den vielleicht ungewöhnlichsten Kindheits-Schabbes habe ich allerdings in Venedig erlebt: Wir waren dort mit der ganzen Familie auf Urlaub, und mir und meiner Schwester gefielen vor allem der Campanile, der hohe Turm am Markusplatz, wo der Doge früher wohnte und herrschte, ganz besonders gut. Unser Abreisetag fiel auf einen Samstag, aber natürlich verließen wir Venedig nicht während des Schabbats, sondern warteten auf den Einbruch der Dunkelheit, bevor wir uns im Zug auf den Heimweg machten.

Als wir am Stadtteil Mestre vorbeifuhren, sahen wir in der Finsternis plötzlich ein Feuer, das an der Spitze des Turmes einer Ölraffinerie brannte. „Papa, was ist das?“, fragte ich, und mein Vater antwortete in rabbinischer Genialität: „Der Doge macht Hawdole!“ So nennt man den Segen zu Ende des Schabbats, bei dem eine hohe Kerze angezündet wird.

ES WAREN NICHT NUR israelische Reisende, die damals, vor vielen Jahren, am Schabbat die Wiener Synagoge aufsuchten. Schon als mein Vater Oberrabbiner war, kamen oft auch amerikanische jüdische Touristen nach Wien, gingen nicht nur in die Staatsoper, zum Demel und zum Heurigen, sondern statteten auch dem Stadttempel am Schabbat ihren Besuch ab. Oft kam es vor, dass nach dem Gottesdienst, als wir schon bereit waren, nach Hause zu gehen, ein amerikanischer Jude zu meinem Vater ging und sagte: „Rabbi, I’m Mr. Grunwald (früher Grünwald) from Chicago, you know my Rabbi Friedlander?“

Mein Vater gab manchmal zu, dass er den Betreffenden nicht kannte, weil es in Amerika doch Tausende Rabbiner gibt. Manchmal aber sagte er auch höflich: „I think I met him once.“ Dann ging es oft so weiter: „Can I ask you a few questions?“ Mein Vater war zwar schon hungrig, weil er vor dem Gottesdienst nichts gegessen hatte, wollte aber nicht unhöflich sein und erklärte sich einverstanden. Dann fragte der Amerikaner in der Regel als Erstes: „How is the situation with antisemitism in Vienna?“

Und mein Vater antwortete diplomatisch ungefähr so: „Die SS marschiert nicht mehr in Wien, und die Regierungen sind uns meistens recht freundlich gesinnt. Aber es gibt natürlich auch ein paar Antisemiten – meistens die, die behaupten, keine zu sein.“

Das zumindest war es, was mein Vater eigentlich sagen wollte, aber weil er die Sache auch nicht unnötig in die Länge zu ziehen gedachte, sagte er stattdessen einfach: „Well, soso.“

Die nächsten Fragen waren einfacher zu beantworten:

„How many Jews live in Vienna?“

„About 7.000.“

„How many synagogues do you have?“

„About twelve.“

„Do you have a Jewish school?“

„Yes.“

„How many of the Jewish kids go there?“

„There are about 1.000 Jewish children in Vienna, and about half of them go to the Jewish school, the other half to public schools.“

Mein Vater sprach zwar nur wenig Englisch und machte das auch gerne zu einer Ausrede, um die Gespräche nicht zu lang werden zu lassen. Aber da die Fragen wirklich immer die gleichen waren, konnte er sie bald ebenso auswendig wie die korrekten englischen Antworten.

Irgendwann, nach dem zigsten Amerikaner, rief mich mein Vater, als ich schon ein junger Mann war, einmal zu einem dieser „Verhöre“ und sagte: „This is my son, Chaim. He is my interpreter and he will answer your questions.“ Damit hatte er die Amerikaner dauerhaft auf mich abgeladen, und ich habe fortan die gleichen Fragen mit dem gleichen Know-how beantwortet – und tue es im Prinzip noch heute.

Als ich meinen Vater fragte, warum sich die jüdischen amerikanischen Touristen eigentlich alle so sehr für unsere Gemeinde interessierten, erklärte er mir, wie es bei den Amerikanern daheim abläuft, wenn so ein Mr. Grunwald von seiner Reise in seine Gemeinde zurückkehrt. Dann geht er als Erstes zum Tempelvorstand und bietet dort an, einen tollen Vortrag in der Synagoge zu halten, in dem er über die jüdischen Gemeinden der Städte, die er besucht hat, berichtet. Der Gemeindesaal ist dabei voll – nicht, weil die Gemeindemitglieder den Vortrag von Herrn Grunwald hören wollen, sondern weil er den Zeitpunkt des Vortrages bewusst so gewählt hat, dass er nach dem wöchentlichen Bingospiel stattfindet.

„Und weißt du, was er dann ganz stolz während dieses Vortrages im Festsaal der Synagoge von Chicago verkündet? ‚Ich hatte ein sehr langes Interview mit dem Chief Rabbi von Vienna!‘“

Obwohl ich meinem Vater gerne Arbeit abnahm, gingen mir diese immer gleichen Informationsgespräche am Schabbat irgendwann auch schon ein wenig auf die Nerven. Da hatte mein Vater die nächste geniale Idee. Auf die Rückseite seiner Visitenkarte ließ er den folgenden Text drucken: Antisemitism: soso. Jews in Vienna: 8.000. Synagogues: 12. Jewish school: yes. Kids: 50 percent. Und wenn sich ihm in der Synagoge fortan ein amerikanischer Jude auch nur näherte, zückte er die Visitenkarte, drückte sie ihm in die Hand, wünschte einen guten Schabbes und machte sich mit mir auf den Weg zum Schabbat-Essen …

Ich habe trotzdem immer wieder mit amerikanischen Juden gesprochen, insbesondere mit solchen, die vor 1938 in Wien gelebt hatten. Viele von ihnen hatten Wien eigentlich nicht mehr sehen wollen, sich dann aber nach Jahrzehnten doch zu einem Besuch entschlossen.

Mehr geflohene jüdische Wiener, zumindest für ein paar Tage, nach Wien zurückzuholen gelang insbesondere, als ab den Achtzigerjahren unter Bürgermeister Helmut Zilk ein sehr rühriger Chef des sogenannten Jewish Welcome Service, Leon Zelman, aktiv war. Ein Jude, der aus Wien geflohen war und durch das Welcome Service nun wieder in der Heimat seiner Kindheit stand, sagte später einmal im Stadttempel zu mir: „Wissen Sie, ich habe meine Bar Mizwa in dieser Synagoge gehabt – aber sie war damals noch viel größer.“

Als kluger Rabbiner, der ich inzwischen war, antwortete ich dem Mann: „Nein! Sie war nicht größer – aber Sie waren kleiner.“

Er hat unter Tränen gelächelt. Weinen und lachen zugleich gehört nämlich zu dem, was wir Juden gut können.

WENN DER REBBE SINGT

MUSIK HABE ICH MEIN LEBEN LANG geliebt und ich liebe sie noch immer.

In meinem Leben hatte ich die verschiedensten jüdischen Lieblingssänger, deren Platten ich gesammelt habe, von denen ich nur einen Teil live gesehen habe. Einmal aber war ich vor etwa zwanzig Jahren in Jerusalem und sah, dass ein Sänger, der längst in der Versenkung verschwunden war, dort ein Konzert gab. Da wollte ich unbedingt hin, weil ich diesen Sänger nie live gehört hatte und er nach seinen Plattenaufnahmen für mich einer der Größten war. Allerdings war er zur Zeit der Aufnahmen, die ich von ihm kannte, ungefähr fünfundzwanzig Jahre alt gewesen. Inzwischen musste er um die fünfzig sein. Ob seine Stimme gehalten hatte? Ich war gespannt.

Er trat in Jerusalem in einem kleinen Saal auf, was klug war, weil er den Zenit seiner Popularität längst überschritten hatte. Zu seinen Topzeiten hätte er einen Saal mit fünfhundert Leuten leicht gefüllt.

Als ich zum Konzertsaal kam, sah ich, dass mit mir nur vier Zuschauer vor Ort waren. In diesem Moment war ich mir sicher, dass der Sänger absagen würde, und enttäuscht, dass mir damit die wohl letzte Gelegenheit entgehen würde, ihn einmal live zu erleben. Ich dachte mir, er wird jedem seine hundert Schekel zurückgeben und sagen: Tut mir leid.

Er aber ging auf die Bühne und sang mehr als eine Stunde lang so, als ob der Saal voll wäre.

Das ist für mich ein Profi. Oder ein feiner Mensch. Ich erzähle diese Geschichte deshalb, weil sie zeigt, dass man auf den verschiedensten Gebieten des Lebens Beispiele finden kann, die sich auf das eigene Leben anwenden oder übertragen lassen.

So ernst, wie dieser Sänger seinen Beruf nahm, sollten wir alle es tun – oder wir sollten es zumindest versuchen. Zum Beispiel jetzt, in der Corona-Zeit, singe ich auch vor dreißig Leuten, obwohl der Saal Platz für hundert Zuschauer bieten würde.

Vor ungefähr dreißig Jahren gab es in Wien ein Duo, das hier bahnbrechend für Klezmer-Musik war. Sie nannten sich nach den Mädchennamen ihrer Mütter „Geduldig & Thiemann“. Ich habe bei einer Schallplatte, die sie gemacht haben, im Chor mitgesungen und sie immer sehr bewundert. In letzter Zeit trete ich oft mit dem Musiker Roman Grinberg auf, der wirklich ein Tausendsassa, weil sehr vielseitig in seiner Musik ist (Jazz, Klezmer, Russisch etc.). Da habe ich ihm als Namen für unser Duo vorgeschlagen: „Ungeduldig & Roman“.

Auf der Bühne mit Roman Grinberg (links)

Eigentlich bin ich ein ungeduldiger Mensch. Vor allem, wenn es darum geht, die Vorträge anderer anzuhören, finde ich immer eine Entschuldigung. So habe ich schon einige Male Leuten, die mich zu ihren Vorträgen eingeladen haben, mit folgenden Worten abgesagt: „Ich bin ungeduldig, ich gehe in letzter Zeit nur zu Vorträgen, die ich selber halte – und auch da nicht immer.“ In Wirklichkeit will ich selbst auf der Bühne nicht nur Oberrabbiner, sondern immer auch Erzähler und Sänger sein. Ich bin ein großer Fan von Otto Schenk, Helmut Qualtinger, Karl Farkas, Ernst Waldbrunn usw. und versuche, ihnen nachzueifern.

MEINE ERSTEN AUFTRITTE auf dem Feld der Musik fanden zu Hause am Schabbat-Tisch statt. Sowohl mein Vater als auch meine Mutter hatten eine schöne Stimme, meine Schwester und ich auch, so klang das sehr gut, und wenn dann Gäste kamen, waren sie meist sehr angetan von unserem kleinen Familienchor.

Mein Vater hatte alte Schellacks, die sehr zerbrechlich waren, von Kantoren aus Osteuropa, viele davon noch vor dem Zweiten Weltkrieg aufgenommen. Die kantorale Art zu singen ist dem Operngesang ähnlich. Und weil ich diese Platten oft hörte und sehr musikalisch war, konnte ich schon mit zehn Jahren einige davon nachsingen. Kinder, die das können, nennt man oft „kantorale Wunderkinder“. Es gab solche, die viel besser waren als ich und sogar als Kinder schon Schallplatten aufgenommen haben. Interessanterweise ist aber dann nur die Hälfte von ihnen als Erwachsene zu Kantoren geworden. Meist waren diejenigen, die später keine Kantoren wurden, jene, die man gezwungen hatte, während des Stimmbruchs Konzerte zu geben. Da kann man sich nämlich leicht „ausschreien“, was die Stimme kaputt macht.

Nachdem ich damals, in diesem zarten Alter, noch keine Konzerte jenseits unseres Esszimmers gegeben hatte, habe ich dann auch im Stimmwechsel auf Ratschlag meines Vaters wenig gesungen oder zumindest meine Stimme nicht angestrengt. Ich bin zwar nie ein berühmter Kantor geworden, kann aber bis heute schön und richtig singen – das sagen zumindest die anderen.

Während der Woche hörte mein Vater gerne die alten Schellacks, und wenn Gäste kamen, spielte er sie ihnen vor. Ein armer chassidischer Rabbi in Wien besuchte einmal im Monat meinen Vater. Nachdem ihm mein Vater dann regelmäßig eine Zuwendung gab, hörte er auch gerne die Schallplatten an. Insbesondere die Platten von Jossele Rosenblatt. Diesen schätzte der Rabbi nämlich als „ehrlichen Jid“, weil er nicht nur schön sang, sondern auch tiefreligiös war. Was man von vielen anderen Kantoren nicht sagen konnte.

Ich erinnere mich, dass mein Vater einmal unter großen Schwierigkeiten eine nagelneue Platte des Kantors Zevulun Kwartin aufgetrieben hatte, von der er sehr begeistert war und die er diesem Rabbi gerne vorspielen wollte. Allerdings war Kwartin nicht für einen orthodoxen Lebenswandel bekannt. Als der Freund meines Vaters das nächste Mal zu Besuch kam, spielte er ihm die Aufnahme einfach vor, ohne ihn darüber zu informieren, wer der Sänger war. Der Rabbiner hörte mit geschlossenen Augen tief bewegt zu und sagte dann: „Seht ihr, lieber Kollege, so kann nur ein frommer Kantor singen!“

Manche Rabbiner sagen über mich, ich sei der beste Kantor unter den Rabbinern, weil sie mir nicht zubilligen, dass ich auch ein guter Rabbiner bin. Und manche Kantoren sagen über mich, dass ich der beste Rabbiner unter den Kantoren sei, weil als Kantor nicht gar so gut. Ich weiß natürlich, dass ich beides genial verbinde.

DA ICH ABER NICHT NUR SELBST auf der Bühne stehen kann und will, sondern mich, wie gesagt, auch als Zuhörer für gute Musik begeistere, war es mir ein Anliegen, hervorragende Kantoren nach Wien zu bringen. So stellte ich, gemeinsam mit vielen Helfern, in den Neunzigerjahren eine Reihe von Kantorenkonzerten auf die Beine, die als Teil des Musikfestivals „musica sacra“ über die Bühne gingen, das wiederum ein Teil des weltumspannenden Musiknetzwerkes „Jeunesses Musicales“ ist und von der Stadt Wien bis heute gesponsert wird.

Auftritt bei einem jüdischen Konzertabend

Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs entstand eine Organisation, die jüdische Topkantoren aus Europa, Israel und Amerika auf eine Reise durch Polen, Ungarn und die Sowjetunion schickte, weil viele Kantoren vor dem Zweiten Weltkrieg von dort aus in den Westen gekommen waren. Das sollte sozusagen ein Ansporn für die osteuropäischen Juden sein, sich wieder mit jüdischen Werten und jüdischer Musik zu beschäftigen. Obwohl Wien bekanntlich nicht hinter dem Eisernen Vorhang lag, als dieser noch zugezogen war, wollte diese Organisation auch hier ein solches Konzert veranstalten – aber die jüdische Gemeinde hatte kein Geld dafür.

Damals ging ich zum Verein „musica sacra“ und fragte sie, ob sie nicht auch ein jüdisches sakrales Konzert finanzieren könnten. Ich wurde ein wenig komisch angeschaut und gefragt: „Was ist ein jüdisches sakrales Konzert? Wir unterstützen nur Konzerte, die ein hohes musikalisches Level haben“, sagten die Herrschaften noch dazu, was der beste Beweis dafür war, dass sie wirklich keine Ahnung von kantoralem Gesang hatten.

Ich packte eine Schallplatte von einem Kantor aus, der Teil der beschriebenen Osteuropa-Tournee war, und spielte sie vor: Da ist den Herren von „musica sacra“, wie man so sagt, der Mund offen geblieben, und sie waren sofort bereit, jährlich ein Kantorenkonzert zu sponsern.

Es wird übrigens erzählt, dass sogar der große Enrico Caruso am Versöhnungstag in Synagogen gegangen sei, um dort die Kantoren zu hören. Caruso war natürlich ein besserer Sänger als sie, aber die Kantoren haben zu Jom Kippur vier Stunden und mehr durchgehend gesungen, und der berühmte Opernsänger wollte sich abschauen, wie sie diese ungeheure Ausdauer erreichten.

In Amerika gab es an der Metropolitan Opera in New York zwei Schwager, einer hieß Richard Tucker und der andere Jean Pierce, die sowohl Toptenöre als auch jüdische Kantoren waren. Die beiden traten nur ein- oder zweimal im Jahr als Kantoren auf, nahmen aber nie eine Rolle an der Met an, wenn sie für diesen Zeitpunkt schon als Kantoren engagiert waren.

Als Rabbiner muss man nicht unbedingt ein guter Kantor sein. Aber manche Rabbiner, darunter auch ich, behaupten von sich, dass sie Kantoren wenigstens gut beurteilen können. In den Neunzigerjahren wurden die sogenannten „Wunderkind-Kantoren“ bekannt, die ich schon kurz erwähnt habe. Wir haben zu unseren Konzerten im Stadttempel öfters zwei Kantoren eingeladen. Kantor Barzilai, der Oberkantor von Wien, hat natürlich auch gesungen. Ich habe die Moderation gemacht und hin und wieder vielleicht auch ein „Stickele“ gesungen.

Einmal hörte ich eine Aufnahme von einem Wunderkind-Kantor aus Israel, und ich dachte mir, dass es doch nett wäre, einen Erwachsenen und einen Buben zu engagieren, die auch öfters im Duett singen. Ich habe also diesen jungen Star für unsere Konzertreihe engagiert. Zu meiner Überraschung war er im Stimmbruch, wovon ich vorher natürlich nichts wissen konnte, und hat kaum einen Ton herausgebracht! Hätte ich die Geduld dazu gehabt, hätte ich sein Management klagen können, ja müssen. Wie es bei Wunderkindern leider manchmal passiert, hatte ihn sein Manager aus Geldgier weitersingen lassen und seine Stimme kaputt gemacht. Als Erwachsener konnte er dann nie wieder Kantor sein.

IN DEN LETZTEN JAHREN habe ich bei meinen Konzerten, zumeist mit Roman Grinberg, ein Liederprogramm zusammengestellt. In jüngster Zeit habe ich allerdings eine neue Liste von Liedern angelegt, und zwar von solchen, die ich nicht mehr singen kann. Es sind langsame jüdische Lieder, die sehr zu Herzen gehen und bei denen ich immer in der Mitte des Liedes zu weinen beginne, sosehr ich mir auch vornehme, dass es diesmal nicht passiert. Dazu gehört „A jiddische Mame“.

Der Text von „A jiddische Mame“ geht so:

A jiddische Mame

Nisch do kein bessres auf der Welt

A jiddische Mame

Oi, wie is bitter, wenn sie fehlt

Ich weine dabei nicht erst, seit meine Mutter gestorben ist, das habe ich früher auch schon getan – seither weine ich aber noch mehr.

Das andere Lied heißt „Es brennt“ und handelt von einem Pogrom in einem jüdischen Ghetto. Ich beginne zu weinen, wenn es im Liedtext heißt: „Löscht das brennende Feuer mit eurem eigenen Blut.“

Wie es bei jüdischen Liedern nicht anders sein kann, sind sie aber oft nicht nur sehr schön und manchmal rührselig, sondern mitunter auch sehr lehrreich. Sehr gerne singe ich zum Beispiel das Lied „Das Rädele“. Darin geht es um ein sich drehendes Rad, gemeint ist das Rad des Lebens, bei dem man manchmal oben und manchmal unten ist. Nun könnte man vermuten, wenn du oben bist, es dir also gut geht, kannst du zufrieden sein. Und wenn du unten bist, es dir schlecht geht, dann bist du traurig. Dieses Lied besagt aber das Gegenteil: Wenn du schon sehr hoch oben bist, solltest du dir Sorgen machen, dass du vielleicht bald ein bisschen abrutschen wirst. Wenn du dagegen ganz unten bist, kannst du dir Hoffnungen machen, dass es bald wieder aufwärts geht. Das Lied ist eine zweifache musikalische Medizin. Es hilft sowohl gegen Größenwahn als auch gegen Selbstmitleid. Ich finde, mehr kann man auch von einer rabbinischen Weisheit nicht verlangen. Vielleicht erklärt das auch, warum das Singen und das Predigen bei uns Juden zusammengehören.

Einer meiner ersten Musikpartner war ein Linzer Nichtjude namens Herwig Strobl, dessen Vater ein begeisterter Nazi gewesen war. Als Reaktion darauf hat sich Herwig, mit dem ich auch eine CD aufgenommen habe, viel mit dem Judentum und seinen musikalischen Traditionen auseinandergesetzt. Er gründete eine Klezmergruppe, die er „10 Saiten 1 Bogen“ nannte. Als wir einander in den Achtzigerjahren kennenlernten, lud er mich oft ein, ein, zwei Songs bei seinen Konzerten zu singen. Eines davon war „Wenn der Rebbe singt …“, das Lied, das diesem sowie den übrigen Kapiteln dieses Buches ihre Namen geschenkt hat.

Mit der Klezmergruppe „10 Saiten 1 Bogen“

Ich habe mich mit Herwig nicht nur musikalisch, sondern auch menschlich von Anfang an sehr gut verstanden. Nachdem wir einmal in Linz ein paar Stunden miteinander geredet hatten, waren wir unzertrennlich. So ist unsere musikalische Zusammenarbeit immer enger geworden, und ich habe bei diesen Konzerten Geschichten als Einleitung für die Lieder erzählt. Manchmal haben wir auch aus den Liedern eine Art vertonten Sketch gemacht.

Klassisch ist bei „Wenn der Rebbe singt“, dass immer das getan wird, worum es in der Strophe gerade geht: beim Tanzen wird getanzt, wenn er lacht, wird „hahaha“ gesungen – und dann gibt es noch zwei Verse, die nicht immer gesungen werden. Einer lautet: „Wenn der Rebbe schloft (schläft) …“ – das machen die Chassidim nicht nach, sondern sie schweigen. Ich habe mich bei dieser Strophe auf der Bühne auf ein Sofa gelegt und herzhaft geschnarcht. Und bei „Wenn der Rebbe weint“ habe ich immer ein Taschentuch aus der Tasche gezogen und bühnenreif geschluchzt.

Diese beiden Strophen habe ich langsamer gesungen. Wenn nach dem Schlafen, als das Publikum schon fast mit eingeschlafen war, das Lied mit der Strophe „Wenn der Rebbe lacht“ beendet wurde, dann klatschten die Leute begeistert in die Hände und sangen mit.

Aus solchen Publikumsreaktionen kann man viel über Dramaturgie lernen. Ich habe von diesen Bühnenerfahrungen beim Predigen ebenso profitiert, wie mir umgekehrt die Erfahrungen der Predigten erst das Selbstvertrauen gegeben haben, das ich beim Singen auf der Bühne benötigte.

SO WIE DAS LIED „Wenn der Rebbe singt“ immer mit einer lustigen Strophe enden sollte, möchte ich auch dieses Kapitel mit etwas Erbaulichem beenden, das eng mit dem Thema der Musikalität verbunden ist. Alle Rabbis sollten gut Tora lesen und beten und Predigten halten können. Nicht jeder Rabbi aber kann so wie ich singen, tanzen, lachen und weinen. Es gab aber immer Spezialisten, die auf dem einen oder anderen Gebiet besonders gut waren.

Die folgende Geschichte handelt von einem Rebbe, der besonders gut tanzen konnte: Vor mehr als hundert Jahren hatten die Gutsherren in Polen und Russland oft Juden als Knechte oder Leibeigene, die vom Gutsherrn etwas gepachtet hatten und meistens jährlich diese Pacht bezahlen mussten. Die Pacht war aber meistens so hoch, dass dem Pächter zu wenig übrig blieb, kaum genug, um seine Familie ernähren zu können. Solange der betreffende Jude seine Pacht pünktlich bezahlte, war alles in Ordnung. Wenn er aber in Verzug geriet, wurde er oft windelweich geprügelt, und wenn die Bezahlung noch länger ausblieb, konnte es noch schlimmer kommen und er wurde sogar eingesperrt. Und zwar nicht in Luxusgefängnisse, wie es sie heute bei uns gibt, sondern er wurde in ein tiefes Loch, ein Verlies geworfen, das manchmal oben gar kein Schloss hatte, weil es ohnehin zu tief war, als dass man hätte herausklettern können.

Am Abend vor einem großen Fest stellte sich ein Gutsherr, der „seinen“ Juden wegen Zahlungsverzugs ins Verlies geworfen hatte, als kompromissbereiter Mensch dar und sagte dem Juden: „Morgen, Moschke, kommst du herauf zur Party, und wir tanzen miteinander Kasatschok. Die anderen Gäste werden, wie die Jury bei ‚Dancing Stars‘, entscheiden, wer von uns besser tanzt. Wenn ich gewinne, dann bekommst du hundert Peitschenhiebe, wenn du aber gewinnst, lasse ich dich frei.“

Nun wusste der schon geschwächte Sträfling, dass weitere hundert Peitschenhiebe für ihn wahrscheinlich tödlich waren. Beide wussten ebenfalls, dass der Gutsherr ein ausgezeichneter Tänzer und sein Gefangener, selbst wenn er ein guter Tänzer gewesen wäre, viel zu schwach war, um ihm bei diesem Wettkampf das Wasser reichen zu können.

In der gleichen Nacht aber kam der Rebbe des Juden zur Grube, der ihn in seinem Verlies regelmäßig besuchte, und fragte ihn, was mit ihm geschehen würde. Der Jude weinte sehr und sagte: „Ich wurde zu einem Wettbewerb herausgefordert, den ich nur verlieren kann.“

„Was ist das für ein Wettbewerb?“, erkundigte sich der Rebbe.

Der Jude erklärte ihm die Regeln des Tanzwettbewerbs und dass die Jury aus den Gästen des Gutsfests bestehen würde. Da hatte der Rebbe eine geniale Idee: „Du weißt doch, dass ich gut tanzen kann. Ich werde also statt deiner tanzen. Ich werde ein Seil herunterlassen, du wirst herausklettern, und mich lässt du am selben Seil hinunter. Wir tauschen die Kleider, und morgen gehe ich als Sträfling auf das Fest. Da wir einander nicht so unähnlich sehen, wird niemand auf die Idee kommen, dass wir Platz getauscht haben.“

Dieser Rebbe war ein besonders guter Tänzer. Und tatsächlich tanzte er den Gutsbesitzer in Grund und Boden, womit er die Jury beeindruckte und die Freiheit des Gefangenen (beziehungsweise, nach dem Platztausch, seine eigene) erwirkte.

Und was lernen wir daraus? Man weiß als Rebbe nie, wann einem die zusätzlichen Fähigkeiten, über die man verfügt, einmal besonders nützlich sein werden. Mit meinem Gesang habe ich zwar sicher noch kein Leben gerettet, aber bestimmt vielen Menschen einen schönen Abend bereitet. Und das ist auch schon einiges wert.

WENN DER REBBE WEINT

ES GIBT IM JUDENTUM DEN BRAUCH, dass man Brot mit Ehrfurcht behandeln soll. Wenn es auf den Boden fällt, soll man es nicht wegwerfen, sondern aufheben. Manche pflegen es sogar zu küssen. Denn Brot ist ein Symbol für Essen. So wie es ein Jude namens Jesus gesagt hat: „Unser tägliches Brot gib uns heute.“

Ich erinnere mich, wie meine Mutter, als ich ein Kind war, immer darauf bestanden hat, dass wir kein Brot wegwerfen und die Brotrinden, wenn sie auch hart waren, aufessen. Sie sagte immer: „Die Rinden sind gesund.“

Nun könnte man sagen, sie war eben eine fromme Jüdin und wollte diesen Brauch ehren. Aber ich weiß, dass ihre Verbundenheit mit dem Brot, und besonders mit den Brotrinden, noch eine andere Ursache hatte.

Meine Eltern stammten beide aus Budapest. Sie erlebten dort den Zweiten Weltkrieg und die Judenverfolgung in der Schoa. Sie kannten einander damals noch nicht und hatten beide das Glück, nicht im Osten Ungarns zu wohnen, weil von dort über eine Million Juden nach Auschwitz deportiert und ermordet wurden.

Viele wissen nicht, dass es unter den Nationalsozialisten verschiedene Arten von Konzentrationslagern gab. In manchen wurden die Juden – aber auch Roma, Sinti und andere Verfolgte – „nur“ zu schwersten Arbeiten gezwungen. Andere Lager, die zum Teil erst später errichtet wurden, waren Vernichtungslager, die für die industrielle Ermordung der dorthin deportierten Juden gebaut und verwendet wurden. Auschwitz-Birkenau war eine Kombination aus beidem. Im Lager Auschwitz mussten die Häftlinge Zwangsarbeiten verrichten, in Birkenau wurden sie getötet, in den meisten Fällen vergast und danach verbrannt.

Damit die Vernichtung schneller ging, wurden Schienen bis mitten ins Lager verlegt. An der Eisenbahnrampe des KZs gab es die sogenannte Selektion. Dort standen der berüchtigte NS-Arzt namens Mengele oder einer seiner Assistenten, und die Menschen, die dort vorbeigingen, wurden entweder nach rechts oder nach links geschickt. Nach rechts wurden jene geschickt, die so aussahen, als würden sie noch arbeiten können. Sie kamen ins Lager Auschwitz. Nach links wurden jene geschickt, die gleich in Birkenau vergast werden sollten.

Bis dahin wussten viele Juden, die dort ankamen, noch nichts von der Vernichtung. Sie glaubten und hofften, dass sie dort alle in ein Lager gebracht würden, in dem sie harte Zwangsarbeit leisten müssten. Aber an dieser Rampe verstanden doch die meisten, was mit jenen geschah, die nach links geschickt wurden. Fürchterliche Tragödien spielten sich ab, wenn Familien auseinandergerissen wurden. Kleine Kinder kamen auf jeden Fall nach links, in die Todesreihe, weil sie zu keiner Arbeit tauglich waren. Junge Männer und Frauen hatten die Chance, zur Zwangsarbeit nach rechts geschickt zu werden. Das hieß natürlich keineswegs, dass sie sicher überleben würden, im Gegenteil: Auch an den Folgen der Zwangsarbeit und der Unterernährung starben viele beziehungsweise sogar die meisten von ihnen.

Ältere Menschen wurden je nach ihrem Zustand aussortiert. Manchmal gab es sogenannte Grenzfälle. Wie der spätere Oberrabbiner von Israel, Israel Meir Lau, einmal in meiner Anwesenheit bei einer Gedenkveranstaltung in Auschwitz erzählte, war er mit seinem älteren Bruder in einem Konzentrationslager. Sein Bruder war schon 18 und offensichtlich geeignet für die Zwangsarbeit. Er selbst war erst 13, allerdings sehr groß gewachsen, und er konnte den Selektoren tatsächlich weismachen, dass er älter sei. So wurde er nicht von seinem Bruder getrennt und überlebte schließlich.

Es kam auch vor, dass ein Vater und eine Mutter, deren Kind nach links geschickt wurde, ebenfalls nach links gehen wollten. Nicht immer wurde das erlaubt. Aus manchen Familien überlebten einzelne Menschen, die sich verstecken konnten oder nicht zu Hause waren, als ihre Familien abgeholt wurden, und die manchmal erst viel später von anderen Überlebenden im Lager erfuhren, ob und wann ihre Familien ermordet worden waren.

Warum erzähle ich das alles? Ist es nicht hinlänglich bekannt, oft genug erzählt und dokumentiert worden? Ich glaube nicht. Wir nähern uns einer historischen Zäsur, ab der keine Zeitzeugen mehr am Leben sein werden, die die Schoa selbst miterlebt haben – weder auf der Täter- noch auf der Opferseite. Diese Tatsache birgt die Gefahr, dass in Vergessenheit gerät oder von geistigen Brandstiftern bewusst umgeschrieben und entstellt wird, was damals, vor mittlerweile mehr als 75 Jahren, wirklich passiert ist.

Deshalb ist es gerade heute ein unverzichtbarer Teil meiner Memoiren, an die Schoa zu erinnern, die nicht nur so viele Juden das Leben gekostet, sondern auch das Leben der Überlebenden, ihrer Kinder und Kindeskinder geprägt hat.

Wer mich ein wenig kennt und auch wer dieses Buch aufmerksam liest, wird wissen, dass ich im Zusammenhang mit dem Judentum, wenn ich die Wahl habe, über viele andere Themen lieber spreche als über den Antisemitismus. Da ich hier aber auch die Geschichte meiner Familie erzählen will, bleibt mir gar nichts anderes übrig, als diese Geschichte in den historischen Kontext zu stellen, der sie geprägt hat – sonst wäre sie nämlich nicht verständlich.

Mein Vater wurde nach dem Krieg von Juden, meistens von ehemaligen österreichischen Juden, die noch vor der Schoa nach Amerika und Israel geflüchtet waren, gefragt: „Wie können Sie in diesem antisemitischen Österreich leben?“

Er antwortete: „Ich war während der Schoa in Ungarn und habe miterlebt, wie viele Ungarn jüdische Familien verraten und an die Nazis ausgeliefert haben. Freunde aus Polen haben Ähnliches über die Polen gesagt.“ Manche Historiker sagen, dass solche schrecklichen Vernichtungslager wie Auschwitz deshalb in Polen errichtet wurden, weil möglicherweise die deutsche Bevölkerung, obwohl sie ja auch nicht gerade philosemitisch war, so etwas nicht toleriert hätte. So spielten sich die schrecklichsten Erlebnisse meines Vaters während der Schoa in Ungarn und nicht in Österreich ab und deshalb „konnte“ er in Österreich leben und arbeiten.

ANDERS ALS IM OSTEN UNGARNS und der Slowakei, von wo aus die meisten Juden wie erwähnt nach Auschwitz oder in andere KZs deportiert wurden, hatten es die Juden in Budapest vergleichsweise besser. Meine Mutter Eva, geboren 1920, und ihre Eltern Markus und Johanna suchten während der Nazizeit in einem „geschützten Haus“ in Budapest Zuflucht.

Ein schwedischer Diplomat namens Wallenberg, der bemerkt hatte, dass man Juden in KZs deportierte, war nämlich ein anständiger Mensch, dem es gegen den Strich ging, dass man Unschuldige ermordete. Nach internationalem Recht gilt der Boden einer Botschaft als Boden des Staates dieser Botschaft. Im weiteren Sinn können auch andere Gebäude von Botschaften als exterritorial gelten, wo die Ungarn beziehungsweise die Nazi-Deutschen keinen Zutritt hatten. Allerdings, gegen Ende des Krieges half auch das nicht mehr.

Was besonders tragisch ist: Nach der Befreiung durch die Russen wurde derselbe Wallenberg nach Sibirien entführt und tauchte nie wieder auf. Überhaupt haben die Russen jeden, der einen deutsch klingenden Namen hatte, verdächtigt, ein Nazi zu sein. Mein Vater hieß Eisenberg und wäre auch fast in Sibirien gelandet. Er sah aber einen russischen Soldaten, der jüdisch ausschaute (was immer das konkret heißen mag), und flüsterte ihm zu: „Ich bin kein Deutscher, ich bin sogar Rabbiner.“ Der Soldat schickte ihn mit einem Handzeichen weg und rettete ihm so das Leben.

Aber zurück zu Wallenbergs geschütztem Haus, das meiner Mutter, ihrer Mutter Johanna und deren Mann Markus Kalisch das Leben rettete. Sie waren dort in relativer Sicherheit, weil die Nazis und ihre ungarischen Verbündeten nicht eindrangen und aus diesen Häusern keine Menschen deportierten. Wenn man aber ein solches Haus als Jude auch nur kurz verließ, konnte man jederzeit gefangen genommen werden und war damit schon auf dem Weg ins KZ.

Nun war der unmittelbare Schutz des Lebens die eine Sache, aber „Vollpension“ gab es in diesen Häusern natürlich keine. Die dort versteckten Menschen mussten auf verschiedene Arten versuchen, sich zu ernähren. Manche wurden von außen versorgt, aber je länger der Krieg andauerte und je chaotischer die Situation wurde, umso unsicherer wurde diese Versorgung mit den nötigsten Lebensmitteln.

Inzwischen fielen schon die ersten Bomben der Alliierten auf die Stadt, und auch das Haus direkt neben jenem, in dem meine Mutter mit ihren Eltern Zuflucht gefunden hatte, wurde von einer Bombe getroffen – so hat sie es mir und meiner Schwester später oft sehr eindringlich erzählt. Allerdings war es kein Volltreffer: Das Haus wurde nicht ganz zerstört, sondern es wurde hauptsächlich die Fassade weggesprengt.

So kam es, dass meine Mutter von ihrem Versteck aus durch das Fenster sehen konnte, dass sich in dem zerbombten Haus gegenüber eine Küche befand. Das muss schon in den letzten Kriegswochen in Ungarn gewesen sein, als die Versorgung der „geschützten Häuser“ völlig zusammengebrochen war und die darin verschanzten Menschen schlimmen Hunger litten.

Also beschloss meine Mutter, trotz der unmittelbaren Lebensgefahr, ihr Versteck zu verlassen. Sie rannte über die Straße und direkt in die nun zur Straße offene Küche des getroffenen Hauses, um nachzuschauen, ob in der Küche etwas Essbares zu finden wäre. Es befand sich dort aber nur ein Sack mit Brot. Diesen Sack schnappte sie sich und rannte so schnell sie konnte zurück zu ihren Eltern.

Als sie den Sack öffneten, muss ihre Enttäuschung zunächst riesig gewesen sein. Anstatt richtigem Brot fanden sie darin nur steinharte Brotrinden, die entweder zum Füttern eines Tieres oder einfach zur Entsorgung vorbereitet worden waren. Meine Großmutter aber nahm einen Topf, füllte ihn mit Wasser und kochte diese harten Brotrinden so lange, bis sie zu einer Art Brotsuppe wurden. Diese aus den Brotrinden zubereitete Suppe hat meiner Mutter und meinen Großeltern das Leben gerettet.

Nicht nur mir und meiner Schwester, sondern auch meinen Kindern, ihren Enkelkindern, hat meine Mutter diese Geschichte immer wieder erzählt. Mir kommen heute noch die Tränen, wenn ich sie weitererzähle, und das, obwohl es ja am Ende eine schöne Geschichte ist. Denn wenn ich heute bei einem Familienfest auf meine inzwischen dreißig Enkelkinder blicke, dann denke ich daran, dass letztlich auch das Leben dieser dreißig Kinder – und der Kinder, die sie einmal haben werden – durch diesen Sack alter Brotrinden gerettet worden ist.

Auch mein Vater, Akiba Eisenberg, stammte aus der Gegend um Budapest und war mit seinem Bruder Oskar gegen Ende des Krieges bei einer Bauernfamilie versteckt. Der Sohn des Bauern, er hieß Ivan, wurde jeden Tag, während der Rest der Familie arbeitete, zum Greißler geschickt, um Brot zu kaufen. Da aber auch mein Vater und sein Bruder am Bauernhof lebten, musste mehr Brot eingekauft werden, um alle ernähren zu können.

Der Sohn des Bauern hatte eine geistige Einschränkung, und jeden Tag fürchtete sich die Familie davor, dass der Bäcker ihn fragen würde, warum sie plötzlich mehr Brot brauchten; und der kleine Ivan, der die Gefahr der Situation nicht erkannte, verraten würde, dass mein Vater und sein Bruder bei ihnen im Keller versteckt waren.

Mein Vater erzählte mir später, dass sie den ganzen Tag mit Tarock-Spielen beschäftigt waren und möglichst leise blöde Witze rissen, um die permanente Spannung, unter der sie in ihrem Versteck lebten, irgendwie erträglich zu machen. Es ist für uns Nachgeborene schwer vorstellbar, wie es sein muss, jeden Tag beim Schlafengehen damit rechnen zu müssen, dass man von einem Soldaten geweckt und in ein Konzentrationslager deportiert oder gleich erschossen wird.

Mein Vater war dieser Familie natürlich sein Leben lang ungeheuer dankbar und hat ihr nach dem Krieg sehr geholfen.

GEBOREN WURDE MEIN VATER im Jahr 1908 in Ungarn und er erwarb schon kurz vor Beginn des Zweiten Weltkriegs sein Rabbinerdiplom in Budapest. Nach Kriegsende arbeitete er als Rabbiner jeden Schabbat in Győr, von Freitagabend bis Samstagabend. Unter der Woche war er Lehrer im jüdischen Mädchengymnasium in Budapest. Er erzählte mir einmal, dass alle Mädchen in ihn verliebt waren.

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Litres'teki yayın tarihi:
02 nisan 2025
Hacim:
156 s. 27 illüstrasyon
ISBN:
9783710605598
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