Kitabı oku: «Grosse Fahne West»

Yazı tipi:

Ocke Bandixen
Grosse Fahne West
Roman

Saga

Für S.

I. Vorher

1

Wieder finden wir uns ein am Ende eines Jahres, der Hafen ist schon in Sicht, langsam fährt das Schiff ein. Nutzen wir den kurzen Moment der Besinnung und gedenken wir derer und der Dinge, die wir lassen mussten. Die uns aus unserem Leben genommen wurden, deren Gedächtnis wir in Ehren halten wollen.

Doch wenden wir unseren Blick frohgemut auf das neue Jahr. Die drei Bojen liegen voraus, Glaube, Liebe und Hoffnung. Das Schiff liegt bereit für die Reise in das neue Jahr.

Die Dampferpredigt war die alljährliche Predigt des Schifferpastors. Der hielt diese schon so lange, wie die Menschen sich daran erinnern konnten. Jedes Jahr dieselbe. Nur die erwähnten Jahresdaten wurden ausgewechselt. Wilhelm Schiffers schämte sich nicht dafür. In einer Mischung aus Verachtung seinen Spöttern gegenüber, Trotz und Stolz auf die zunehmende Zahl der Gottesdienstbesucher, die inzwischen nur aus diesem Grund am letzten Abend des Jahres in die Kirche kamen, hielt er sie mit den gleichen Worten.

Ich, Peter Leversen, kannte meinen alten Pastor gut, aber ich konnte nicht sagen, ob der Schifferpastor die Predigt inzwischen auswendig konnte oder jedes Jahr aufs neue ablas.

Inzwischen war er pensioniert. Seine weiße, wilde Mähne war dünner geworden. Er harkte sie mit seinen dicken Fingern wie eh nach hinten. Seine Stimme hatte etwas an tönender Kraft verloren, die Brüchigkeit, die der Schifferpastor sonst nur an Satzenden zeigte, hatte zugenommen. Er war noch ein wunderbarer, tröstender Redner. Ich hatte mich neulich beim Geburtstag meines Vaters davon überzeugen können, wo der Schifferpastor eine donnernde Ansprache gehalten hatte.

2

Am Rand, man konnte es nicht anders beschreiben: am Rand. Danach kam nichts mehr. Nur noch Felder, Koppeln, irgendwann die Deiche, dann auch noch die Nordsee, das Wasser, wenn es denn da war. Da war unser Haus.

Apfelhaus. Apfelhäuschen nannte die Familie das kleine weiße Haus mit den schwarzen Schindeln. Und das galt, wie immer, was die Familie sagte.

Die Familie: Tat alles, war alles, wusste alles, regelte alles: was man zu denken und zu meinen hatte, zu reden sowieso. Es ließ ein bisschen nach, jetzt, da so viele ein bisschen alt wurden. Das ganze Bevormunden und Hereinreden, fast fehlte es mir.

Für ein Reetdach hatte es nicht gereicht, pflegte Peer Leversen, mein Vater, zu sagen. Er hatte in das Haus eingeheiratet. Hier weht immer noch eine große Fahne West. Das sagte er oft und meinte den Wind wie den Stolz der Familie. Im Garten, der an der zur See gewandten Seite lag, flatterte so lange ich denken konnte und sicher noch länger eine Friesenfahne zwischen den Bäumen, die dem Apfelhäuschen seinen Namen gegeben hatten. Gold oben, dann rot und unten dann ein leuchtendes Mittelblau. Sie wurde über die Jahre kürzer durch den Wind und alle paar Jahre durch eine neue aus dem scheinbar unerschöpflichen Vorrat meiner Großmutter ersetzt.

Zwölf Bäume standen im Garten. Wie die Apostel, donnerte der Schifferpastor bei jedem Geburtstag, auf den er eingeladen war. Er hätte aus unserem Vater gern einen frommen Menschen gemacht. Zumindest einen so fröhlich-frommen wie dessen Frau Ellen, unsere Mutter, es gewesen war, solange sie lebte. Das mit der Kirche bleibt alles an dir hängen, Peter, hatte er nicht nur einmal zu mir gesagt. Und ich hatte mich bemüht.

Auch Frerk, mein älterer Bruder, hatte kein näheres Interesse am Glauben und Kirchenleben der norddeutschen Kleinstadt Feddering gezeigt. Für ihn war Sport das wichtigere Fluidum für sein Leben. Ich, nicht ganz ohne Neid in meinem Spott, hatte gelästert über den sauren Turnschuhduft der Sporthallen, den schwitzigen Muff der Umkleidekabinen, den dunkelgrünen Sumpf der Fußballplätze, in denen sich mein Bruder so oft bewegte.

Ja, ich war anders. Nicht so schlimm, aber spürbar anders. Der zweite Sohn. Der Augapfel meiner Mutter. Nicht offen fröhlich, aber heiter und optimistisch vom Naturell, würde ich sagen.

Mein Vater Peer, der als Tischler in Anstellung arbeitete, gab sich Mühe, mich zu verstehen, mir nahe zu sein, aber es fiel ihm schwer.

Seine Frau war gestorben, schnell und traurig war das gewesen. Sie hatte ihr Leben gelassen. War fort und konnte nie ersetzt werden.

Das Apfelhaus war danach klarer und weißer. Mehr als vorher. Das war, so schien es mir, das, was bleiben würde. Das Leben war ein paar Grad kälter. Sie fehlte mir unsagbar.

Das Haus erzog mich, zog mich auf, lehrte mich, wann es Zeit war im Jahr, das Küchenfenster zu schließen, im Herbst, wenn die Stürme uns und das Haus auf die Probe stellten. Mein Großvater grüßte noch weißbärtig und grimmig ins Gegenlicht blinzelnd von der Wand. Es war manchmal, als sei er noch nicht richtig fort und tot, so oft sprachen seine Töchter, meine Tanten, von ihm, soviel spürten wir, mein Vater, mein Bruder und ich von seiner Aufteilung der Räume, seinem angelegten Garten. Jeder Nagel war von ihm, jedes Werkzeug in dem Blechkoffer, jeder Holzspan dazwischen. Das Haus sagte mir, wann ich die Hecke schneiden musste, um im Frühjahr morgens schon Licht zu empfangen. Es gab mir zu verstehen, wann es Zeit zum Öffnen und Hinaustreten war und wann man besser drinnen war und die dunklen Gerippe der Bäume gegen das Licht bestaunte. Es lehrte mich Ordnung, Maß und Verantwortung. Mein Vater war da, aber das Haus machte mich groß.

Das Apfelhäuschen hatte einen kleinen Hof. Einem weißen Torbogen, der den Durchgang zum Obstgarten markierte, schloss sich dem Wohnhaus gegenüber ein zweites Häuschen an. Die Sommerküche. Ein Arbeitshaus, Werkstatthaus, Gartenmöbel-unterstell-Haus. Nur schlecht beheizbar, hell, verstaubt. Seit meine Mutter tot war noch mehr. Ab und zu fegte unser Vater das Häuschen zwar und wirbelte den Staub in kleinen Schwüngen auf, danach setzte er sich, der Staub, in Tagen und Wochen, in denen die Sommerküche nicht benötigt wurde, wieder wie eine Schutzschicht auf alles, was sich darin befand. Im hinteren Raum war die Abstellkammer, sie hatte einen zweiten Ausgang zum Garten, allerlei Hacken, Kratzer, Harken drängelten sich an der Wand. Eine Schubkarre wartete auf ein neues Rad oder zumindest einen Flicken im Reifen. Der Rasenmäher tropfte.

Im vorderen Raum war eine funktionstüchtige Küche eingerichtet. Marmelade war hier früher eingekocht worden. Mein Großvater hatte hier mit einem im Wasser heißgemachten Messer seine Bienenwaben aufgeschnitten und geschleudert. Die hölzerne Arbeitsfläche war abgeschrubbt und hell geworden. Ich hatte gute und süße und saure Erinnerungen an den Geruch der Sonnabendnachmittage, wenn meine Mutter mit mir die Gläser gefüllt hatte. Glückliche Tage mit dem Geruch halbvergorener Obstschalen. Ein kleiner Tisch und drei ausrangierte Stühle bevölkerten die Küche, einzelne Kinderbilder von Frerk und mir, Männchen und gekritzelte Kreise hingen gerahmt neben einem Poster für eine längst vergangene Kunstausstellung.

Im Keller, zu dem eine Bodenluke und eine Stiege führten, lagerten die Kompottschätze der Familie, die Fruchtsäfte und die Batterien von Marmeladengläsern. Unsere Tanten sorgten stets dafür, dass jeden Sommer welche dazu kamen. Ich rückte die Jahrgänge nach vorne, um die Reihenfolge in Ordnung zu halten. Die Gläser zu leeren, die Vorräte über den Winter zu verbrauchen, das versuchten wir nicht einmal. Um das reine Verzehren schien es auch nicht zu gehen bei den Vorräten. Sie waren wie ein Sparguthaben, eine Rücklage für schlechte oder zumindest schlechtere Zeiten. Und darüber hinaus ein sichtbares Zeichen der Zuwendung unserer Tanten. Liebe im Glas.

Auch ein Obergeschoss hatte die Sommerküche. Das alte Sofa von drüben stand hier und wurde gelegentlich benutzt. Zum einen, darüber sprach niemand, wie überhaupt über solcherlei Dinge wenig gesprochen wurde, schlief hier unser Vater seinen Rausch aus. Das kam ab und zu vor, ich und Frerk ebenso nahmen es wie gelegentliches Regenwetter hin, dass unser Vater trank. Die Sonne folgte ja meist auf den Regen, warum daraus ein Thema machen?

Nun war es so, dass Vater nicht etwa leere Flaschen, schmutzige Gläser oder zerdrückte Dosen dort oben stehen ließ. Er achtete peinlich genau darauf, morgens, wenn er aufwachte, und das war, auch wenn es viel Bier gewesen war, stets früh, das Leergut wegzuräumen.

Mein Bruder hatte eine Coolness, die nichts mit zurückgegelten Haaren und verspiegelten Sonnenbrillen zu tun hatte. Sie war nicht an einen modischen Kniff, etwa einen hochgestellten Kragen oder einen bestimmten Jackenschnitt gebunden. Sie hatte etwas Altmodisches, Ungerührtes. Etwas, das ihn schon immer älter gemacht hatte, zeitloser. Seine äußere Unerschütterlichkeit hatte etwas von Jean Gabin oder Lino Ventura, deren Filme wir zusammen so gern guckten, nachts, wenn unser Vater schon lange schlief. Etwas von Charles Bronson, der müde und angeekelt dem albernen Treiben zusieht und nicht dazugehören möchte. Etwas Wissendes lag in dieser unbeweglichen Miene, als habe er viel erfahren und erlebt, viel Erstaunen schon abgelegt und aufgebraucht in seinem weltbefahrenen Leben.

Er konnte, wenn man an seiner Seite war, dieses Gesicht wie einen Schutzschild aufsetzen gegen jeden Fremden, jede unerfreuliche oder unerwünschte Ansprache. Der Schutz reichte dann über ihn hinaus, oft hatte ich ebenso mein Gesicht zu Stein machen können, als ich seines neben mir sah. Um dann, wenn wir wieder allein waren und die Situation ausgestanden, in ein breites, kräftiges Grinsen und Lachen auszubrechen. Ich erinnerte mich daran, wie ich als Kind lachend an seiner Hand gerannt war, wir mussten irgendwem schnell entkommen. Ich flog an seiner Hand und lachte wie er. Wir rannten so lange, weit, bis kurz vor unser Haus, bis unser Atem nur noch zum Lachen reichte.

Es ist ablandiger Mond, hatte mein Bienengroßvater gesagt. Oder: es ist auflandiges Licht am Morgen, ablaufender Wind, auflaufender Regen. Frerk und ich übernahmen das und sprachen vom auflaufenden Kaffee, vom ablandigen Brotbestand und so weiter. Mein Vater feixte, wenn er es hörte, manchmal mit uns und hob seinen Becher in Richtung des Bildes, von dem der Bienengroßvater so viele Jahre nach seinem Tod noch über uns und sein Haus wachte. Es war unsere Art, an ihn zu erinnern und uns an ihm abzuarbeiten.

Während ich mich um das Haus und die Küche kümmerte und unser Vater auf seine Art für uns sorgte, war die Unerschütterlichkeit im Blick Frerks Beitrag zu unserer merkwürdigen kleinen Familie.

Seit einiger Zeit war mir aufgefallen, dass auch Frerk so manchen Morgen über den Hof, also von drüben in die Küche kam. Grund dafür war seine erste feste Freundin, die Holly genannt wurde, worüber ich nachdenken musste: War das eine Abkürzung, und wenn ja, wofür?

3

Allein waren wir dennoch nicht. Unsere Mutter hatte drei Schwestern, die alle im gleichen Ort lebten und sich um uns kümmerten. Zumindest taten sie eine Menge. Mein Bruder, Vater und ich ertrugen es mit freundlichem Gleichmut. Ich hatte an mir die gleichen Anlagen wie die meines Vaters bemerkt, den alle, seiner Geschicklichkeit mit den Händen, seines langmütigen, ausgleichenden Wesens wegen Peer Patent nannten. Peter Patent hatte der Schifferpastor mich eines Abends eher aus Versehen genannt. Aber es stimmte: Ich konnte die Sonne in meinem Gesicht aufgehen lassen und schweigen, zuhören, leicht ein, zwei gute Worte sagen, wo andere schwiegen, plötzlich und ohne Mühe aufmerksam sein. Das half viel, wenn sich wieder einmal Worte über Worte über uns ergossen.

Denn zumindest zwei der drei Tanten legten sich ordentlich ins Zeug, unseren Männerhaushalt in Schwung zu halten.

Die erste, Charlotte, genannt Lotti, hatte kurze, graue, praktische Haare und noch einen Mann, Karl, der je nach Stimmung »mein Karl«, »Kuddel« oder »Charlie« genannte wurde. Sie war älter als Mutter gewesen. Ihr Ressort waren Wäsche und Vitamine. Einmal in der Woche kam sie und steckte alle Handtücher und Wischlappen, die sie finden konnte, in die Waschmaschine, füllte sie mit Pulver, drehte sie auf sehr heiß und schloss mit einem vernehmlichen Geräusch, als wollte sie ein Ausrufezeichen am Ende ihrer Tat setzen, die Maschine, die sofort begann zu schäumen. Überhaupt lebte sie in einer Welt voller Feststellungen, Aussagen, Gewissheiten, manchmal beneidete ich sie darum. Sie brachte einmal in der Woche Essen, »mein Karl und ich schaffen das doch nicht«, natürlich ohnehin zum Vorbeibringen eingeplante Reste, außerdem Röllchen aus der Apotheke, um unsere Abwehrkräfte mobil zu halten. Wenn wir wirklich das ganze Zeug aufgelöst in Wasser getrunken hätten, unser Körper hätte vermutlich täglich stolz Heerschau halten können in der Gewissheit, dass nichts ihn besiegen könne. Frerk und ich tranken einige Jahre später einmal einige Rollen der Vitamin-C-Brausetabletten gemischt mit Wodka in Ermangelung richtigen Orangensaftes. Ging auch.

Die zweite Tante hieß Trudi, sie arbeitete im Gemeindebüro und hatte eine kunstvolle Dauerwelle, keinen Mann mehr, dafür aber noch ihren Schwiegervater Heinrich, der viel Zeit und Kraft in Anspruch nahm. »Du kannst es dir nicht vorstellen! Nein, kannst du nicht.« Sie kam oft zu uns, nur so von Haus zu Haus, wie sie stets sagte. Wobei ich nicht verstand, warum »von Haus zu Haus«, von wo nach wo denn sonst? Sie tat ebenso scharf wie ihre große Schwester, war aber von wärmerem und zugänglicherem Wesen als diese. Was sie sagte, sang sie in einer höher steigenden Melodie, manchmal bis zum Schrillen gesteigert, um dann wieder in tiefsten Tiefen im nächsten Satz zu starten.

Sie kümmerte sich um unser geistiges und geistliches Wohl. Mahnte meinen Vater und Frerk, mich nicht, ich ging ohnehin oft, am Sonntag in den Gottesdienst zu kommen. Brachte ausgelesene, aber für uns als noch brauchbar bewertete Zeitungen der letzten Woche mit, manchmal aber auch eine, wie sie stolz sagte, »frische«, die sie, als sei es eine besonders schön eingepackte Praline und nicht eine weitere graue Zeitung, oben auf den Stapel platzierte. Unten in dem Haufen tauchten in letzter Zeit häufiger als früher christliche Erbauungsschriften auf, Blätter, in denen die abgebildeten Jesusse mit zum Himmel verdrehten Augen offensichtlich um ihren Verstand rangen, ob des Treibens auf Erden, Magazine, die das sichere und, vor allem, baldige Ende nicht nur prophezeiten, sondern leibhaftig davon kündeten, quasi mit Fahrplan aller vier apokalyptischen Reiter.

Und dann war da noch schließlich die jüngste: Helene, genannt Tante Leni. Lehrerin. Sie lachte viel. Lebte allein, rauchte, hatte rot gefärbte lange Haare, wechselnde Freunde und Verehrer, was für ihre beiden älteren Schwestern, je älter sie wurden, schlechter zu ertragen war. Sie kümmerte sich um den Garten, das heißt, nicht um den Rasen, das sei Männerarbeit, war sie der Ansicht, sondern um die Blumen und Sträucher. Sie ging zuerst und sah nach den Magnolien, dann nach den Männern, wie sie sagte.

Sie kam selten und dann wollte sie Klavier spielen, solo und mit mir vierhändig, wobei ihr ein, zwei rote Strähnen ins Gesicht fielen, die sie anschließend hochpustete. »So sieht es hier also aus«, sagte sie amüsiert, kurvte nach dem Spiel herum auf dem drehbaren Klavierhocker, und freute sich, wenn ich ihr Kaffee kochte. Sie musterte mich in meiner ausladenden Nadelstreifenhose und in meinem weiten, weißen Fischerhemd, das ich mir in dem Andenkenladen gekauft hatte und ließ zum Spaß die altmodischen Hosenträger wieder auf meine dünne Brust zurückschnappen. Ich hatte sie meinem Vater aus der Schublade genommen, er hatte es entweder nicht bemerkt oder mit Absicht übersehen. Jedenfalls trug ich sie, mit dem Stolz und der modischen Gewissheit, zu der nur ein 16-, 17-Jähriger fähig ist.

Leni redete uns am wenigsten rein, sie führte sich nicht auf wie eine Ersatzmutter, dabei war ich ihr Patenkind. Wenn sie etwas an uns auszusetzen hatte, wiegte sie mit der Zunge schnalzend den Kopf und sorgte damit dafür, dass auch wir endlich die Löcher am Ellenbogen im Pullover unseres Vaters bemerkten und diesen zur Schneiderin gaben.

Noch etwas war wichtig. Trotz aller Streitereien und gegenseitigen Maßregelungen: Alle drei liebten sich und sie liebten uns. Eigene Kinder hatten sie keine. Dann hatten sie vor einigen Jahren auch noch ihre Schwester verloren. Sie weinten mit Vater, Frerk und mir am Grab und hielten uns seither fest zu jeder Begrüßung und zu jedem Abschied, als wollten sie das Leben, auch das, welches von ihrer Schwester noch da war, retten.

Vater mochte die drei gern. Er lächelte gleichmütig und brummte, zustimmend, ein wenig spöttisch, staunend.

4

Wenn man eine Uhr auf einem deutschen Bahnhof betrachtet, und in der Regel tut man das, wenn man dort ist, dann wird man vieles feststellen. Meistens, aber das sei ausgelassen, dass der Zug zu spät da ist. Manchmal vielleicht aber auch, dass die Uhr immer gleich aussieht. Ein blasses, nämlich weißes Gesicht, Striche als Markierungen, keine Ziffern, anstelle derer aber längere schwarze Striche. Dazu gerade Zeiger ohne Spitze oder Kopf. Einzige Ausnahme, es geht bei der Bahn eben besonders um kleine Zeiteinheiten: der Sekundenzeiger. Eine lautlos, grenzenlos in der Runde schwebende Kelle mit Loch. Eine rote Lupe auf Wanderschaft, auf der Suche vielleicht.

Hat der rote Reiter eine weitere Runde gedreht, ohne zu zucken oder zu stolpern wie bei anderen Uhren, kommt er unausweichlich, gleichförmig, schwebend an die Zwölf, die volle Stunde, aus seiner Sicht die volle Minute. Er bleibt, wider Erwarten nach der ungebremsten Runde, auf dieser stehen, bis der Minutenzeiger – dramatisch genug – zur folgenden Position, eben eine Minute weiter, fortspringt, als müsste er den Platz aufrücken. Er springt um, zittert im Stand wie ein Turner, der vom Reck federt.

Erst dann startet der Sekundenzeiger erneut, beginnt seine nächste Gleitrunde um den gleichen blassen Parcours.

Der Sekundenzeiger wartet höflich auf den Sprung des großen Bruders und setzt seine eigene hastige Runde aus. Die Zeit steht still in diesem Moment. Und das auf der Uhr, die als absolut zuverlässigste gilt, die nicht nur mit ihrer Anzeige die Nerven der Reisenden beruhigt oder zum Flattern bringt, die aus Gehenden Rennende macht, aus Reisenden Rasende. An ihr scheint der gesamte Betrieb zu hängen. Der Puls des Eisens. Der Vollzug des Plans, des Fahrplans, das Pfeifen, das satte, gummigebremste Einrasten der Türen, das Winken des Zugchefs, die langsame, schneller werdende Bewegung des Zuges.

Wissen die Dinge, dass ihr Antrieb, die Bahnhofsuhr, genau genommen falsch geht? Der Sekundenzeiger wartet, bis der Minutenzeiger umspringt, und zwar länger als eine Sekunde. Was wie ein höflich gewährter Vortritt des Älteren, Bedeutenderen aussieht, ist in Wahrheit länger, als es sich für eine Sekunde gehört. Es dauert exakt eineinhalb Sekunden, die – natürlich, denn die Minuten müssen ja zumindest stimmen, im nächsten Rund wieder eingeholt werden müssen, die Sekundenzeigerrunde dauert also bis zum anderthalb sekündigen Stillstand präzise 58 einhalb Sekunden.

Kann das große Ganze nur funktionieren, wenn es im Kleinen nicht stimmt? Ist die kleine Mogelei, die übersehene Ungenauigkeit, die in Kauf genommene Unschärfe am Ende sogar die Voraussetzung für das große Gelingen, die funktionierende Wirklichkeit, die allgemeine, von allen anzuerkennende Wahrheit?

Dreht sich die Welt nur ruhig und gleich, wenn man darüber hinwegsieht, zu welchem Preis?

5

Und noch etwas taten meine Tanten, wenn auch nicht bei uns zu Hause: sie spielten Karten, mit heiligem Ernst. Sie spielten Zwicker, ein altes Kartenspiel, also sie zwickerten, wie es hieß. Ein Spiel, das quasi wie die Fahne oder das Apfelhäuschen zur Familiendekoration gehörte. Zwickern war weder besonders aufregend noch besonders schwer, wir spielten es oft, als wir klein waren, auch mit unseren Tanten.

Sie trafen sich einmal in der Woche. Seit sie denken konnten. Und würden es wahrscheinlich tun, bis alle tot waren. Turnen, Arzttermine, Friseur, alles gut und schön, aber nicht montags nachmittags.

Lotti, Trudi, Leni und, seit meine Mutter nicht mehr lebte, Käthe Bernd Hans, eine gleichaltrige Freundin der Familie, ehemaliges Nachbarskind. Käthe war ein häufiger Name, das machte die zusätzliche Kennzeichnung »Bernd Hans« notwendig. Bernd Hans war Käthes Mann gewesen. War aber schon tot. Falls Käthe aus einem unerfindlichen Grund nicht konnte, wurde auch noch deren Schwester Lucie gestattet mitzuzwickern, dann folgerichtig familienintern Lucie Bernd Hans genannt.

Sie sprachen vom Club, wenn sie sich trafen. Kein Hauch Ironie war darin enthalten, nur der Ausdruck ihrer einst getroffenen und wöchentlich einzulösenden Verpflichtung: Komme die Hölle oder Hochwasser über uns – montags wird gezwickert. Club. Dieser fand umschichtig statt. Jeder war also einmal im Monat dran. Und zeigte, was so ging. Lotti holte ihre Sammeltassen aus dem Schrank. Mit Goldrand und Füßchen, eine schon einmal geklebt, einer ihrer beiden Neffen war schuld. Jede ein Kunstwerk, bemalt mit Jagd- oder Schäferszenen, umrankt, verschnörkelt und unermesslich wertvoll, mir kam es so vor, zumindest aber unersetzlich.

Trudi bot anderes auf: Silber: Kaffeekanne, Zucker und Rahm auf eigenem Tablett, Spitzendeckchen darunter. Einfüßige Silberschale mit gemischtem Kleingebäck, vom Bäcker, nicht vom Kaufmann, versteht sich.

Und Torten. Mehrere. Die anderen kauften vom besten Konditor der Stadt, Leni buk selbst, füllte, spritzte, verzierte. Über die Jahre nahm der Anteil von Diabetikerkuchen zu, aber nicht allzu sehr.

Erst der Kaffee, dann die Karten. Klatsch die ganze Zeit.

Karl, der Mann meiner Tante Lotti, Frührentner seines Rückens wegen, fuhr die Damen zusammen, je nach Austragungsort, verkrümelte sich dann aber mit einer seiner stinkenden Zigarren zum Spazierengehen oder in den Garten in die Hollywoodschaukel, irgendwohin, wo er nicht gesehen werden konnte. Lotti pflegte, ich habe es selbst mehrfach gehört, wenn sie fertig waren, und Karl sich für den Rücktransport bereit machen sollte, mit ihrem Ring gegen die große Wohnzimmerscheibe zu klopfen. Und schon erschien er.

6

Mein Vater zwickerte nicht. Natürlich konnte er es, genauso wie Frerk und ich. Unsere Tanten zwickerten mit uns, als wir klein waren, oft und viel, »da könnt ihr gleich noch ein bisschen Rechnen üben«.

Mein Vater spielte Skat, jeden Sonnabendnachmittag. Ich war, als ich kleiner war, oft dabei. Ich liebte diese vor Lachen dröhnende und Trümpfe knallende Welt, Bierdunst, dunkel gequalmtes Holz an der Wand, einige Männer hatten ihre Mützen auf. Man spielte zu viert, ein Geber. Ich durfte gucken und gelbe Brause oder Cola haben. Mein Vater spielte an einem der fünf Tische mit denen, die nicht allein der Ehrgeiz trieb, hier als Sieger das Lokal, die »Krone«, zu verlassen. Auch saß er nicht bei denen, die um Geld spielten. Er gab, reizte, drückte, spielte aus, warf ab allein für die nächste Runde Bier und Korn.

Ich staunte über die Männer und den Umgang, das schweigsame Nicken, das halb gegrunzte Reizen, hinter Zigarren und Zigaretten hervor. Sie klopften, wenn Contra gegeben wurde, nicht höflich mit dem Fingerknöchel auf den Tisch, wie ein Etagenkellner an der Zimmertür. Sondern sie knallten die flache Hand auf den Tisch der Gastwirtschaft, dass die Gläser einen Sprung machten.

Ich blieb, solange ich durfte, manchmal holte mich Frerk nach dem Fußball ab, manchmal ging mein Vater mit nach Hause, vergnügt, singend, mich an sich ziehend, mal wegen der guten, mal wegen der schlechten Blätter lachend, die er heute gehabt hatte. Auch wegen der Getränke.

Nachdem meine Mutter gestorben war, ging mein Vater ein paar Wochen nicht. Aus Pietät, aus ehrlicher Trauer, weil er nicht wusste, ob er überhaupt jetzt noch gehen dürfe, jetzt, als auf einmal allein verantwortlicher Vater. Seine drei Schwägerinnen mochte er nicht fragen, während dieser Zeit auf uns aufzupassen. Für einen wichtigen Zahnarzttermin, sicher, für die Jahreshauptversammlung der Freiwilligen Feuerwehr, keine Frage, aber fürs Kartenspielen?

So nahm er mich, den Jüngeren, mit, setzte mich auf die Bank neben sich, sagte beim ersten Mal: »Das ist mein Peter.« Damit war der Fall erledigt.

Der Wirt, ein zurückhaltender, fröhlich-durchtriebener Gastgeber, der gerne gut einschenkte, machte sich und mir einen Spaß daraus, wie ein Oberkellner mit kariertem Handtuch über dem Arm statt der weißen Serviette nach meinem werten Befinden zu fragen und ebenso nach meinem Getränkewunsch, er habe da noch einen vorzüglichen Gelbe-Brause-Jahrgang im Keller, den er mir kältestens ans Herz lege, ob das recht sei. Es war.

Die Zusammensetzung an den Tischen wechselte, auch unser Sitzplatz. Ich kannte bald Atze und Kalle und Asmussen und de schwatte Rolf sowie Jan vun de Eck, rotwangige, vom Grand ohne Vieren erhitzte Männergesichter, deren müde Augen blitzten und eng wurden im Qualm und Gelächter der Tische.

Die meisten in Stoffhosen und Oberhemd, einige aufgekrempelt, andere schon den halbguten Pullover mit den Lederflicken am Ellenbogen.

Hereinkommen, grüßen, umgucken, abwartenden, gemessenen Schrittes an einen noch nicht voll besetzten Tisch treten, als Gruß auf das Holz klopfen und setzen. Ein Ruf Richtung Wirt, die Hand zur hastigen Kontrolle an der Brusttasche, das Rauchwerk, der erste Schnack zum Wetter, Fußball oder zum aktuell liegenden Stich. Diese Männer wärmten sich gegenseitig in dieser verrauchten Holzkammer, das gelbe Bier, der eisige Schnaps wurden zu brüderlichen Getränken. Das Kartenspielen, das geschwätzige Mischen, das stumme Abheben, Geben, Grinsen und Brummen, das Schnalzen und »O heijo«-Sagen wurde zur Bestätigung des eigenen Tuns und Seins. Hier waren alle so, alle gleich, zumindest einen Nachmittag lang.

Ja, einige blieben länger, tranken mehr, konnten keine Ruhe im Spiel finden, der Ausnahme ihres sonstigen Lebens: Beruf, Familie, und der Rasen, der muss am Wochenende ja auch noch. Aber die meisten wollten hier genau das, eine Zeitlang so sein und bei den anderen, die genauso waren und fühlten.

Ich guckte, hörte, lachte und spielte zu Hause noch die Blätter und die Kommentare des Sonnabendnachmittags nach. Ich blieb in Gedanken noch den halben Sonntag in der »Krone«.

Es endete, als ich eines Nachmittags gefragt wurde. Es war der letzte und alles entscheidende Spieltag der Fußball-Bundesliga und erst wenige waren vor der Sportschau in die Wirtschaft gekommen. Ein Tisch war besetzt mit den »Piesen«, wie mein Vater sie nannte: nörgelnde Skatturnier-Spieler, die hier nicht zum Spaß saßen wie die Mehrheit, die freilich noch fehlte. Am zweiten Tisch saß erst der alte Jacobsen, die Karten vor sich. Mein Vater und ich setzten uns. Ob ich denn nicht, Jacobsen wand sich um die entscheidende Frage, ja, ob ich denn nicht, ich sei nun doch schon so oft mitgekommen und könne doch sicher schon, ob ich denn nicht Lust hätte, jetzt mitzuspielen? Ich spielte einen Nachmittag lang, ging dann allein nach Hause und kam nie mehr wieder. Auf einmal ekelte mich die Gesellschaft an, zu der ich so lange hatte gehören wollen. Abstoßend, selbstbetrügerisch, widerlich kam mir die Runde vor, die dort Karten klopfte. Ich hatte so wie sie werden wollen an vielen Nachmittagen, aber ich war nicht wie sie.

7

Es war in meiner Erinnerung Anna, die mich irgendwann rausholte. Es war im Juni, ich war 14, das weiß ich genau. Was davor war, liegt wie hinter grünem Glas, wie hinter einer Reihe leerer Flaschen, durch die man versucht hindurchzusehen.

»Du musst hier raus, aus deinem Heimatmuseum. Nachher im Schwimmbad, bei den Kiefern. Keine Widerrede.«

»Okay.«

»Es wird toll: Halbnackte Mädels, ich zum Beispiel. Dumme Sprüche, Sonnencreme, Eis. Mittendrin wir. Ich besetze ein Handtuch. Genau zwischen den Reihen. Du weißt schon.«

Ich wusste. Die Jungengruppe, Jürgen, Philp, der vor einiger Zeit ein »i« in seinem Namen eingebüßt hatte und alle die anderen lagen immer links am Zaun, die Mädchen rechts an der Kiefer.

»Ich mache mir nichts aus Schwimmen.«

»Wer spricht denn vom Schwimmen? Glotzen. Kannst ja vorher die Haare nass machen. Sieht sowieso cool aus, wenn die nassen Locken auf deine Schultern fallen.« Sie lächelte Strahlen. »Das tropft dann so, da könnte ich schon umfallen.«

Ich hatte ihr nichts entgegenzusetzen, und das gefiel mir. Sehr sogar.

»Also, abgemacht, und komm, so früh du kannst.«

Wir legten unsere Handtücher genau zwischen die beiden Gruppen, die Jungen am Zaun und die Mädchen an den Kiefern. Wir gehörten nicht zu ihnen, und das nicht nur, weil wir miteinander befreundet waren. »Der beste Platz. Gucken und beguckt werden!« Anna wedelte ihre Haare nach hinten, nachdem sie ihr T-Shirt ausgezogen hatte.

»Muss das wirklich sein?«

»Na klar. Hier kommt keiner vorbei, ohne dass wir es mitkriegen. Die müssen alle hier über unser Gebiet. Glienicker Brücke.«

»Was?«

»Glienicker Brücke ist das hier. Du weißt schon, die Brücke da in Berlin, über die die Agenten ausgetauscht werden. Alle müssen hier rüber.« Sie zog ihren Rock geschäftsmäßig aus, ließ das Badehosengummi auf die Haut schnappen und legte sich auf den Bauch. »Was meinst du, warum ich hier bin?«

»Dich interessiert das alles wirklich?« Ich legte mich nach hinten, auf die Ellenbogen gestützt.

»Aber sicher, das ist wie im Theater, du wirst sehen. Nur mit weniger Klamotten.«

»Und nasseren.«

»Jetzt hast du es.«

Anna setzte sich ihre schreckliche Sonnenbrille auf und blickte wieder nach links und rechts.

»Na, guck. Der dicke Manzini zieht sich auch nicht aus. So wie du!«

»Du hast gesagt, ich muss nicht.«

»Musste auch nicht. Hast ja mich dafür.«

Anna war besonders. Sie war nicht eine, die zu einer Gruppe gehörte oder einer Sippe wie ich. Sie war ungebunden, frei. Freier als alle, die ich kannte. Sie war nur da, mit ihrer Mutter und ihrem Vater. Das Haus war ein Neubau, gemietet, der Vater arbeitete beim Bundesgrenzschutz, sie waren oft umgezogen in den letzten Jahren. Anna war einzig. Einzige Tochter. Glanz ihrer kleinen Familie. Blondes Gelächter und Ziel vieler Augen. Auch meiner, sowieso. Musste ja jemand auf sie aufpassen, oder? Und sie ließ mich, warf ihre blonden Haare prüfend nach hinten, betrachtete mich wie einen Spiegel. Durch sie war ich in der Lage zu begreifen, dass Mädchen tatsächlich echt waren, handfest und nicht nur Traumbilder.

Als ich sie zum ersten Mal im Gemeinderaum sitzen sah, oben bei den Sofas, machte ich innerlich einen Sprung. Auf den sonnigen Straßen am Nachmittag war sie mir schon aufgefallen. Ihre Mähne, ihr lautes Lachen, ihre tief ausgeschnittenen Sommerkleider. Ich lernte bald mehr als nur Äußerliches über sie: Anna war ernster, lustiger, offener und wütender als die meisten. Lachte und schimpfte viel und gern, weinte, küsste, fasste einen am Arm, umarmte viele und auch mich. Auch beim ersten Treffen.

»Hey. Draußenmann.«

»Wieso Draußenmann?«

»Du wohnst doch da draußen, oder? Wie du heißt, weiß ich nicht.«

»Dann lassen wir es dabei. Anna? Du bist Anna, oder?«

Sie lachte, bejahte und zog Sommersprossen auf ihren Wangen zu Inseln zusammen. Fragte nicht, woher ich das wissen konnte, sondern nahm es als gegeben an, dass sie eine Attraktion war. Sie war wie eine Botin aus einer anderen Welt.

»Gut, Draußenmann.« Da war sie.

8

Ich begegnete Engellena Schmidt das erste Mal in einer osteuropäischen Stadt. Es war Zufall, wer hätte das alles ahnen können.

Eine Klassenreise kurz vor dem Abitur brachte viel Alkohol, ein wenig Auslandsbildung und viel Staunen über den Ostblock mit sich.

Sie gehörte zu einer Klasse aus der DDR, die im selben Hotel war, wir trafen uns zufällig mehrere Tage nacheinander auf dem Flur, sie blieb einmal an ihrer, dann ich einmal länger als nötig an meiner Zimmertür stehen, und hatte geguckt, sie einmal mehr als ich, bildete ich mir ein, bevor wir in unsere Zimmer gingen.

Und dann, eines Abends, als ich eigentlich meiner nach einem ausführlichen und dennoch spottbilligen Essen satten und angesäuselten Klasse über die nächste Straße hätte folgen müssen, da sprang die Fußgängerampel auf Rot um. Autos fuhren an, setzten ihren unterbrochenen mehrspurigen Strom fort. Engellena Schmidt trat zu mir an die Fahrbahnkante.

Ich sprach ein tonloses Hallo, sie ebenfalls. Wir guckten geradeaus. Ich seufzte, deutete erst mit dem Kopf, dann, größer, mit Hand und Arm meiner besoffen selig abrauschenden Klasse hinterher. Man wollte nach dem Gelage noch weiterziehen.

»Die sind weg.«

»Ja, das denke ich auch.«

»Ist eh nicht der Weg ins Hotel.«

»Nee, die gehen auch noch nicht ins Hotel, die gehen noch weiter.«

»Und du?«

»Ich weiß nicht.«

»Ist ganz leicht.«

»Was?«

»Na, der Weg ins Hotel.«

»Ja, hier am Ufer entlang, oder? Und dann über eine der Brücken.«

»Weißt du auch welche?«

Wir gingen zusammen, sie rechts, dahinter der Fluss, der golden blinkte, links von mir die Straße, also nichts. Wir liefen lange, wunderbar lange. Ich hielt ihre Hand fest, als sie auf der Mauer balancieren wollte. Ließ sie nicht mehr los. Dann balancierte ich, und sie hielt mich fest. Sie spielte mit meinen warmen Fingern. Wir bogen ein, auf eine der Inseln, die im Fluss lagen, als seien sie dort, mitten in der Stadt, eingefangen worden und mit einer Brücke ans Land vertäut. Ich zog sie an mich, wir küssten uns.

Engellena Schmidt war schmal und schön. Sie hatte dunkle, wehende, ein bisschen lockige Haare, die in die Augen fielen. Ein kleiner Sehfehler irritierte mich. Ein roter, spöttischer Mund. Im ersten Moment dachte ich, dass ihre kräftige dunkle Stimme gar nicht zu ihrem Äußeren passte.

Am nächsten Abend trafen wir uns wieder. Es war, als müsste es so sein. Verabredet hatten wir uns nicht. In dem Haus auf der Insel waren alle hohen Fenster erleuchtet. Musik schwebte mit dem goldenen und weißen Licht nach draußen. Engellena saß auf einer der Mauern am Fluss und schaute. Und ich kam dazu.

9

Heinrich Hebarth Neutonsen wünschte nicht, Opa genannt zu werden. Großvater, das hatte die Spannweite, die ihm gefiel. Großvater, das klang nach seiner eigenen Kindheit. Wir nannten ihn also Großvater, auch wenn er nur der übrig gebliebene Schwiegervater unserer Tante war. Aber sonst hatten Frerk und ich ja keinen mehr.

Er hatte zwei Weltkriege mitgemacht, die Hungerwinter, die Gefangenschaft, wenn auch nur kurz, er war ja nichts Dolles gewesen, wie er immer wieder einmal fallen ließ, die Währungsreform, zwei schwere Sturmfluten, und war durchgekommen. Das bleibt wie das Land, pflegte er mit seiner heiseren Stimme zu sagen und zog den Hosenbund noch höher, der ohnehin schon grotesk über dem Bauch saß wie ein Deckchen auf einem Tisch. Wir sahen ihn nicht oft, nur bei großen Festen oder bei unserer Tante Trudi, sie holte ihn regelmäßig zum Kaffeetrinken zu sich.

Aber dennoch war er stets bei uns durch die Geschichten über ihn: wie er mit Feldherrnattitüde durch unsere Kleinstadt schlich, was er Unpassendes in der Sparkasse gesagt, wen er treffsicher beleidigt hatte. Dabei war er kein böser Charakter, er war nur angewidert von Mittelmaß, Duckmäusertum und Langeweile. Mit Trudi verstand er sich gut. Meistens. Eine der viel erzählten Geschichten über ihn ging so:

Als Heinrich Hebarth Neutonsen vor ein paar Jahren im Rundfunk die Warnung gehört hatte vor einer zu erwartenden Sturmflut, hatte er einen Einkaufswagen voll Buttermilch und Zwieback gekauft, Dutzende Tüten, und schließlich samt Einkaufswagen zu seinem Haus gekarrt.

Sollte die Flut doch kommen, er würde gewappnet sein. Hunger und Durst, nicht mit ihm!

10

Derlei Ausfälle waren selten, kamen aber immer mal wieder vor. Meistens ärgerte sich meine Tante aber ebenso sehr über die kleinen Dinge, wir dagegen, Frerk und ich, amüsierten uns königlich über jede Anekdote des Großvaters. Einmal hatte er versucht, mit einer Kerze den Kühlschrank abzutauen. Glücklicherweise dann aber die Tür geschlossen, so dass die Kerze ausging. Ein anderes Mal hatte er nachts vor seinem Haus miauende Katzen mit brennenden Wunderkerzen beschossen, um sie zu vertreiben. Trudi musste anschließend stets die Nachbarschaft oder die Polizei, vor allem aber ihre eigenen Nerven beruhigen.

Also langsam, sagte sie daraufhin stets, mache sie das nicht mehr mit. So langsam.

Die Geschichten über den Großvater gehörten zu jedem ihrer Besuche dazu.

»So etwas macht der immer mit mir. Mit mir. Verstehst du? Dabei ist er noch nicht einmal mein eigener Vater!«

Tante Trudi faltete das Geschirrtuch auf Kante und legte es passgenau in das Muster der Wachsdecke. »Lange gucke ich mir das nicht mehr mit an. Lange nicht mehr!« Sie legte die Decke immer auf, wenn sie kam, um zu putzen. Wir machten auch sauber, aber in ihren Augen und unter ihren Fingern nicht gründlich genug. Sie dieselte einen gelben Wolllappen mit der gleichen Möbelpolitur ein, die in der Flasche nicht weniger wurde, und wischte über alles, was für die kleine Frau erreichbar war, Holz oder nicht.

»Aber er hat doch nur noch dich.« Es waren die immer gleichen Worte, wie in einem unsterblichen Sketch.

»Schwiegervater gut und schön, aber alles kann er auch nicht mit mir machen.«

»Wie alt ist er inzwischen?«

»76.«

»Na, also!«

»Ja, na also!«

Ich hatte die Gewohnheit auch in der Oberstufe noch nicht abgelegt, am Küchentisch meine Schularbeiten zu machen. Wörterbücher, Lexika, Mappen und ein Stiftebecher lagen und standen im offenen Fach des Küchenschrankes. Beschwert hatten sich Frerk und Vater nicht, wahrscheinlich war es ihnen noch nicht einmal aufgefallen.

Tante Trudi kochte Tee, Kaffee war schlecht für Heranwachsende. Sie guckte in die Porzellandose, auf der in Sütterlin »Mehl« stand und wo das Haushaltsgeld aufbewahrt wurde, und schnalzte.

»Müsst morgen noch einkaufen.«

»Ja, ich weiß.«

»Ist wichtig, Peter. Und kauft keinen Fisch bei Dorlemanns, der ist immer so alt. Und denk dran, dass ihr genug Brot habt, das kann man einen Tag liegen lassen.«

»Dann bekommt es einem auch besser.«

»Dann bekommt es einem auch besser.« Trudi goss das heiße Wasser aus dem Kessel in den Becher, schwenkte den Früchteteebeutel umher und stellte mir das Ganze zwischen Heft und Buch.

»Hier. Bis bald.«

»Ja, danke. Bis bald.« Ich stand auf, die kleine Tante Trudi drückte mich an ihre Brust, riss sich dann melodramatisch los, nahm ihre zusammengelegte Plastiktüte und ging zur Küchentür hinaus.

Ich wartete einen Moment und goss dann den Früchtetee weg.

11

Es war etwas Besonderes, ganz aus dem Norden, ganz aus dem Westen zu kommen. Die Stadt, oder eher das Städtchen, in dem wir lebten, das Ei aus dem wir kamen, lag selbst am Rand. Hinter dem Apfelhaus kamen die Wiesen und dann das Wasser. Die Grenze, der letzte Garten vor dem Meer war unserer. Uns erreichte der Westwind zuerst und die Zeitung zuletzt.

Die Spötter, die über unsere Herkunft und unser Haus herfielen, regelmäßig, ermüdend, taten dies nie ohne eine gewisse Achtung. Die, die dort draußen, die da hart am Wind leben. Große Fahne West, am Rand, kurz vor Schluss – sagten sie. Die Gleichförmigkeit und das Formelhafte der Bemerkungen hatten mich stets verblüfft. Ich hatte mich an das Gedicht erinnert gefühlt: Hohes, hartes Friesengewächs.

Ich könnte behaupten, Anna sei der Magnet gewesen, warum ich ständig in der Kirche oder im Gemeindehaus war, aber das stimmte nicht. Dass sie auch dort war, zumindest manchmal, erfreute mich.

Ein Grund, neben meiner empfundenen Verpflichtung dem Schifferpastor gegenüber, war: Ich machte Musik und dort konnte ich es, mehr noch als zu Hause und ungestörter. Der schwarze Flügel mit seinen gut eingespielten Tasten zog mich an. Es passte, ich konnte es, es machte mir Spaß. Weder mein Vater noch Frerk hatten Talent oder Zeit dafür, was mich darin bestärkte, weiter und mehr zu musizieren.

Unser Klavier, ein hellbraunes mit schwenkbaren Kerzenleuchtern, gehörte zum Haus, es stand im Wohnzimmer. Es fortzugeben, als meine Mutter starb, hatte nie zur Diskussion gestanden. Als ich klein war, hatte ich den Deckel des eigentümlich riechenden Klaviers angehoben und Töne angeschlagen. Meine Mutter hatte mich ermuntert. Die hohen fielen wie Eiszapfen auf mich. Die in der Mitte schwankten und schwammen, ich hatte das Gefühl, sie strebten zu den hohen Tönen oder zu den tiefen, wollten aber nie bei sich selbst bleiben, sie stritten und rangelten um Aufmerksamkeit. Die tiefen Töne dagegen, die fürchtete ich, sie waren ein Donnern, ein Gewitter, das sich selbst weiter ein Echo spielte. Die Versuche endeten stets ähnlich, angstvoll, verwirrt, es war, als landeten die sich gegenseitig widersprechenden, im Streit vibrierenden Töne in meinen Kopf und fänden nicht mehr heraus. Ich klappte den Deckel stets nach einigen Minuten zu.

Ich hatte ein kleines Zimmer für mich, aber besonders zog es mich in eine Ecke des Wohnzimmers. Dort besetzte das Klavier die eine Seite, ein Lederhocker stand quer vor dem einfachen Plattenspieler. Der Hebel, mit dem der Arm auf die Platten niedergelassen wurde, war mein Schalthebel. Jazzplatten meines Vaters mit umgebogenen Papierhüllen. Namen, die mir bald vertraut waren, Abfolgen von Liedern, Einsätzen, Soli. Ich saß und wippte, klopfte. Wenn ich mich besonders unbeobachtet fühlte, tanzte ich, nur in meiner Ecke, dann an einem der Sessel vorbei, sprang über die Perserbrücke, drehte mich, sank mit ausgebreiteten Armen in den großen Armlehnstuhl, stand wieder auf, als sei ich Gene Kelly, der in unserem Wohnzimmer springt, lacht und überschäumt vor Glück.

Und dann hatte ich ein, zwei Live-Alben, mein Bruder vermisste sie schon nicht mehr, die ich am liebsten im Dunkeln abspielte. Mir war, als könne ich dann die Bühne sehen, die Bewegungen des Trommlers, die Bewunderung erheischende Geste des Gitarristen in Richtung Publikum. Ich war alle zusammen, ich sang, schlug den Rhythmus auf dem Sofakissen, kannte die Soli, ihre kleinen Verzögerungen, ihre Unsicherheiten und übermütigen Gitarrenläufe. Manchmal, wenn ich nach Hause kam, Frerk beim Sport und mein Vater noch nicht da war, führte mein erster Gang in die Ecke mit der Musik. Ich ließ mich begrüßen von Duke Ellington oder Sammy Davis jr., Keely Smith und Louis Prima.

Als ich noch kleiner war, hatte ich den innigen Wunsch ein Mal, nur ein einziges Mal die Plattennadel auf die Gummiunterlage zu senken. Ich war sicher, es war etwas zu hören, vielleicht Musik, vielleicht sprach jemand, was es auch war, es war dunkel, ein Geheimnis, ich müsste es nur probieren.

Dass es verboten war, wusste ich. Knapp gewann diese Seite über den Wunsch. Und dann, nach ein paar Jahren, war der Wunsch verschwunden.

Ich hatte, seit ich denken konnte, Angst um meinen kleinen Finger. Es war der meiner rechten Hand und so manches Mal hatte ich schon gerätselt, warum ich diese Furcht hatte. War ein Erlebnis als kleines Kind schuld? Hatte ich ihn einst in eine Tür, eine Spalte, ein enges Gitter gesteckt und nicht wieder herausbekommen? War er verknickt oder gequetscht worden? Ich wusste es nicht, hatte mir aber die entsprechenden Geschichten derart genau ausgemalt und wieder und wieder durchdacht, dass ich beinahe davon überzeugt war, dass es so oder eben auch anders bestimmt gewesen war. Ich hatte Angst, er würde weg sein, fort und doch präsent. Ich fürchtete den Verlust und den damit zusammenhängenden Schmerz, vor allem aber hatte ich Angst um ihn, wie man um sein Kind Angst hat, das zu einem gehört, aber doch ein Eigenleben führt. Merkwürdig war an dieser Ahnung eines zukünftigen schrecklichen Verlustes auch, dass ich mich nicht um beide kleine Finger ängstigte, sondern nur um den rechten.

Beim Musizieren kam die Angst stets zu Beginn voll in mein Bewusstsein. Später dann ließ sie nach, je länger ich spielte, sie war nicht nur nicht zu spüren oder beiseite gedrängt durch Äußeres. Die Angst war fort.

Später hatte ich ein wenig Klavierunterricht, meine Mutter hörte mir geduldig zu, auch als sie nur noch auf dem Sofa liegen konnte. Ich spielte ihr gern vor, es machte Spaß. Ich quälte mich nicht mit den Übungsstücken, ich spielte, was mir in den Sinn kam und in die Finger fuhr. Ich hatte, auch durch ihre angestrengte Aufmerksamkeit, das Gefühl, ich müsste ihr etwas mehr bieten als ein stumpfes Vom-Blatt-Spielen. Das brachte mir so manches Lied näher, vor allem aber, da bin ich mir heute sicher, das Wesen des Musizierens. Ich warf mich das erste Mal wirklich in die Musik. Ich folgte den Melodien, ich spürte ihrer Natur nach, ihrem Willen, ihrem Rhythmus. Im Vortrag, im Musizieren für jemand wurde mir klar, was ich damit vermochte. »Da kann man ja richtig zu tanzen«, sagte sie einmal. Ein schöneres Kompliment ließ sich nicht denken.

12

Unser Haus war außen weiß und innen dunkelblau. Mein Vater überzog es über die Jahre nach und nach mit blauschwarzer Tusche, wolkig verwässert an dicken Tropfenpinseln, die er über weißgelbes Papier lenkte. Er malte beinahe jeden Abend, und ich liebte es. Er setzte sich dafür an seinen eigens erhöhten Tisch, die Platte leicht angeschrägt wie in einem Zeichenbüro. Die Neigung hatte er so eingestellt, dass er, auf dem hohen Hocker dahinter sitzend, das Wohnzimmer ganz überblicken konnte und auch selbst nicht verdeckt war. Seine halbe Brille lag neben den Pinselbechern.

Nach und nach füllten sich über Jahre die Wände unseres Zuhauses mit wolkigen, manchmal graustichigen Schiffsbildern, hohen verwischten Himmeln, in denen manchmal wie ein Stück Hoffnung ein überraschendes Orange erschien, manchmal ein Strahl aus einer Wolkenlücke golden. Dazu wühlte und wellte das Meer sich, schäumte gegen die Planken der stolzen Fleuten, Briggs und Barken. Die wiederum maß mein Vater wie ein technischer Zeichner genau ab, las, das Kinn vorgebeugt, die runde Lupenlampe, die, wie Frerk und ich spotteten, sonst halbblinde Hieroglyphenforscher brauchten, über Abbildungen aus seinen zahlreichen großen Bänden mit historischen Schiffen. Sie wurden nicht abgemalt, sie wurden konstruiert, auf ihre Tauglichkeit überprüft und nachgebaut und schließlich in das aufgebauschte, blauschwarze Wasser gelassen. Unten am Rand stets ein Kasten mit dem Schiffstyp, wo er vor allem vorkam, Leistung, Ladekapazität, Vorkommen in der Nordsee.

»Guck mal, jetzt habe ich es.«

Ich war einen Abend so erschrocken, dass er in die Küche kam und mit mir sprach, sprechen wollte.

»Was hast du?«

»Ich habe genau das Rot, genau den Ton, den ich brauche.« Mein Vater zeigte seine Farbprobe vor, dann die Vorlage aus einem Buch.

»Erst hatte ich zu viel Rost drin, und dann zu viel dunkles Braun. Das habe ich dann weiter aufgehellt. Erst mit Gelb, dann mit Weiß, dann wieder Gelb, dann Weiß. Und einen Schuss Schwarz dazu gespuckt.«

»Wirklich?« Ich musste lachen. Es tat gut.

»Klar, du Banause. So ein bisschen Schwarz, das …«

»Das hat doch so ein großer Maler wie du im Mund.«

»In der Seele.«

»Der Seele? Du?«

Jetzt lachte auch mein Vater. Er klopfte mir zwei-, dreimal auf die Schulter. »Wenn du wüsstest, mein Sohn, wenn du wüsstest.«

Ich kann das Klingen der Pinsel in dem dicken, fleckigen Gurkenglas an seinem Malplatz noch hören. Die Farbe, das war mein Lieblingsmoment, wirbelte wie in den Wind ausgestoßener blauer Rauch im Wasserglas. Das Dunkel zerfiel, verwehte in seine rauchigen Spuren. Die Farbe wurde im Wasser freigelassen.

Jeden Dienstag kam der Schifferpastor zu uns. Das tat er, seit meine Mutter tot war, und nie wäre einer von uns dreien auf die Idee gekommen, sein Erscheinen mit dem ewig gleichen, dröhnend gesungenen »’n Abend« in Frage zu stellen. »Bei euch wird zu wenig geredet ohne mich«, hatte der Schifferpastor eines Abends einmal zu uns gesagt und dieses, als ich älter wurde, vorher hatte ich nicht danach gesucht, schien mir der eigentliche Grund seines Kommens zu sein. Inzwischen denke ich, auch ihm, der nach dem Tod seiner Frau Inge, die eine Cousine meiner Mutter war, lange schon allein lebte, die drei Kinder waren längst erwachsen, tat die Gesellschaft unseres wöchentlichen Treffens gut.

Denn, auch wenn wir nicht jeden Dienstag pünktlich da waren und uns im Wohnzimmer einfanden, wir versuchten es doch, und wenn nicht, hatten wir einen guten Grund.

Mein Vater malte, wie viele Abende, sprach aber an diesem so viel, wie sonst bei uns zu Hause die ganze Woche über nicht. Der Schifferpastor saß die meiste Zeit in dem großen Sessel, dessen Güte er beinahe jedes Mal lobte, öffnete einige Flaschen Bier für Vater und sich, erzählte und fragte, was uns widerfahren war in der vergangenen Woche. Zu mir kam er auch in die Küche, wenn ich dort noch saß und Hausaufgaben machte, half mir bei der einen oder anderen kniffligen Frage. Oder er stapfte zu Frerk nach oben und murmelte mit ihm, ich weiß nicht was.

»Ich habe es eurer Mutter versprochen, dass ich mich um euch kümmern werde. Und das tue ich.«

Er saß mit seinem breiten Bauch und den Falten, die sein Gesicht eckig erscheinen ließen, im Sessel und erzählte, fragte und hörte zu.

13

Anna und ich wurden von Openhagen, »wie K’, nur ohne«, kurz nachdem er in die Gemeinde gekommen war, gefragt, ob wir »liiert« seien. Ich musste das Wort erst einmal nachschlagen, Anna aber antwortete, nein, ich und sie, wir seien »eine Schicksalsgemeinschaft«.

So war es. Wir teilten und halfen, alles auszuhalten.

»Kannst du dich nicht wenigstens zu Hause mal nicht benehmen?«, fragte sie mich. Ich wolle mir Mühe geben, antwortete ich. Genau das tat ich. Aber auch zu Hause änderte sich manches durch Annas Einfluss. Mein Vater wunderte sich eines Morgens, als er, aus dem Küchenfenster in den Himmel schielend, am Fahnenmast nicht nur die übliche Friesenflagge, sondern auch eine lange weiße Unterhose flatternd vorfand. Anna und ich hatten am Abend vorher eine »Doofe-Hosen-Soirée« begangen, bei der jeder von uns beiden je drei besonders dämliche Exemplare in einer Modenschau im Garten vorstellen musste. Dazu hissten wir passend die lange Unterhose, und Anna sang eine selbsterfundene, schaurige Ballade.

Als meine Tante Leni eines Sommers einen Gartenball gab, zu dem man, sie hatte es extra geschrieben, in festlicher Kleidung erscheinen sollte, hatten Anna und ich uns Kostüme aus dem Hausbestand gefertigt. Sie trug die Übergardine aus dem Wohnzimmer, wie ich fand, elegant gerafft und gebunden. Tante Lotti schrie spitz auf und beruhigte sich den gesamten Abend kaum wieder. Ich trug meinen viel zu kurzen Konfirmationsanzug, den Anna und ich mit Hilfe vieler angetackerter Geschirrhandtücher in ein weißkariertes Ungetüm verwandelt hatten. Wir tanzten wie im Märchenfilm mit viel Verbeugen und Knicksen und hatten, wie die Gastgeberin Leni im Übrigen auch, mächtig viel Spaß miteinander.

Anna genoss überhaupt einen zweifelhaften Ruf, Lotti und auch Trudi warnten mich mehrfach vor dem Umgang mit ihr. Spätestens da wusste ich, wie wunderbar unsere Freundschaft war.

Anna las zum Beispiel mehrere Wochen an einem Buch über berühmte Mörderinnen. Sie bestand darauf, in sämtliche Rollen zu schlüpfen, um die Tiefe der Tat, wie sie es ausdrückte, zu begreifen. Schauplatz war wie meistens unser Garten, manchmal im Morgennebel, einmal nachts im Fackelschein, dass die Nachbarn beinahe die Feuerwehr gerufen hätten. Mehrere Wochen starb ich unter theatralischen Monologen verzweifelter, bösartiger und verrückter Frauen, die sie sich halb angelesen, halb ausgedacht hatte. Ich starb unter den Händen von Charlotte Corday, Lucrezia Borgia und Bonnie Parker. Einsamer und eiskalter Höhepunkt war die schaurige Meucheltat in einer Kuhtränke Richtung Sagebucher Forst bei Vollmond, in die ich als »Marat beim Bade« steigen musste, um mich erstechen zu lassen.

14

Die DDR kannte ich nur von Dalli-Dalli. Hans Rosenthal grüßte stets leicht verschämt »von hüben nach drüben«, was wie eine Geheimformel wirkte, als habe er Angst, bemerkt zu werden. Die DDR musste, ich hatte da so ein Gefühl, sehr weit weg sein und doch in der Nähe, irgendwie schwebend und grau, von halbrunder Form, ein unerreichbarer Fleck, zu dem man nur über das Fernsehen sprechen konnte.

Als ich in der Oberstufe war, stellte uns ein Lehrer die Aufgabe, zehn Städte der DDR – ohne Berlin – aufzuschreiben. Königsberg, Stettin, Leipzig, Brandenburg, Lemberg, Mecklenburg, Goslar, Schlesien, Pommern, Bozen. Das Ergebnis erstaunte auch unseren Lehrer, der diesen Test schon seit vielen Jahren in seinen Klassen machte.

Als Frerk und ich klein waren, spielten wir manchen Nachmittag bei Tante Trudi mit dem Großvater ein Spiel, »Deutschlandreise«, wenn wir nicht gerade aus grüner Seife, Brennspiritus und ihren Hefepillen, die sie für die Haare schluckte, ein unschlagbares Mittel gegen Ameisen unter Gehwegplatten zusammenmischten oder anwendeten. Bei »Deutschlandreise« musste man eine jedes Mal andere Route abfahren, das war das Ziel des Spiels. Erschwert wurde dieses durch den Großvater, der sich weigerte, Ziele im östlichen Ausland, also der DDR, der Tschechoslowakei oder Polen zu besuchen, was im Spiel ebenso möglich war wie ein Trip nach Straßburg oder Amsterdam.

Einiges hatte mir der Schifferpastor erzählt, von drüben, so nebenbei an einem der Dienstagabende. Er hatte früher, Jahre vor dem Mauerbau, eine Zeit lang drüben gelebt nach dem Krieg. Die Orte, von denen er sprach, klangen wie ausgedacht oder wie aus einem Märchenbuch. Wir hatten keine familiären Verbindungen. Keine alten Onkel, keine entfernten Cousinen, Nichten, durch Todesstreifen und Schicksal getrennte Lebensfreunde, die man mit Paketen einmal im Jahr beglückte.

Das heißt: ich hatte doch vor langer, langer Zeit dieses Mädchen geküsst. Engellena.

Erst Openhagen, »wie K’, nur ohne«, brachte uns, ich denke heute wie ein Vorbote, die DDR näher. Christian Openhagen, »wie K’, nur ohne«, stellte sich so vor. Und wir nannten den neuen, groß gewachsenen, unerschütterlich fröhlichen Vikar mit den dunkelblauen Socken bald auch so. Dem Schifferpastor war sein Wesen ein bisschen unheimlich, sein lautes unbekümmertes Singen, sein kindliches Lachen, sein Sich-Vor-Neigen, wenn er jemandem die Hand gab. Openhagen, »wie K’, nur ohne«, hatte stets hinter seiner runden Silberrandbrille die Augen so aufgerissen, als freue er sich jede Sekunde an den Wundern des Herrn. Er staunte aber nicht nur, er strahlte, was gut zu seinem blonden Flaum auf dem Kopf passte, es gab ihm etwas Babyhaftes. Er warf sich dröhnend vor Elan in die Arbeit der Gemeinde, also auch in die Jugendarbeit. Meine Freunde und ich, wir mochten ihn, auch wenn er an den falschen Stellen lachte.

Openhagen, »wie K’, nur ohne«, war es nun also, der uns die DDR und das Leben in ihr näher brachte. Ohne ein »Das-wisst-ihr-nicht?«-Stirnrunzeln, ohne politische oder historische Besserwisserei. Er erzählte uns von seinen Besuchen. Im Spätsommer 1989 war er wieder, wie früher im Studium schon, einige Wochen zu Besuch in der DDR gewesen. Und obwohl wir, auch ich, gefährlich nahe an dem Alter waren, in dem man alles weiß, staunten wir, was er vom Alltag dort erzählte. Wir staunten und staunten.

15

Seit neuestem hatte meine Tante Leni einen Mann aus Dänemark. Er war einem Mathematiklehrer aus Kiel gefolgt, einem kurz vor dem Durchbruch stehenden Bluesgitarristen und einem einsamen Apotheker von einer Nordseeinsel. Der Däne schrieb für die Grenzlandseite unserer Zeitung, hatte einen eckigen Kopf und einen müden Blick. Er lachte viel, sie lachten viel zusammen, ein schönes Paar: meine rotflammige Tante und ihr sonnenverbrannter Däne. Grieg, wie der Komponist hieß er, nur mit Vornamen, er brachte mich dazu, zu bekennen, was ich arbeiten wollte.

»Leni hat gesagt, ich soll dich fragen. Aber das mache ich nicht. Nicht ohne ein kaltes, deutsches Bier.« Grieg lachte keuchend und zeigte auf unseren Kühlschrank.

Ich lief rot an, holte zwei eisige Flaschen heraus und winkte ihn hinaus zur Bank im Garten. Die zwölf Apostel wiegten sich im Westwind.

»Willst du für die Zeitung schreiben?«

Ich nickte.

»Was willst du schreiben?«

Ich wusste, dass ich jetzt, wo mich 18-Jährigen endlich, erhofft und gefürchtet, ein Erwachsener ernsthaft fragte, was ich mit meinem Leben zu tun gedenke, nicht schweigen durfte. Nicht mit den Achseln zucken und in die Landschaft gucken sollte.

»Ich wusste das nie, was ich wollte. Ich weiß es bis heute nicht. Ich mache nur das, was übrig ist, alles andere will ich noch weniger, verstehst du?« Grieg trank schlürfend. »Ich gucke, was passiert. Und dann erzähle ich das. So mache ich das. Den Rest kann man lernen. Wichtig ist nur, dass man etwas sieht.« Er beendete sein Bier erstaunlich schnell, ließ die Flasche an meine klingeln.

»Ja, Prost.« Ich versuchte meine Stimme.

»Nein, nicht Prost. Lass uns die Flaschen tauschen. Du willst das doch gar nicht trinken.« Er gab mir die Flasche und nahm meine.

»Aber für die Zeitung schreiben, das will ich.«

»Na, also!«

Grieg vermittelte mir den monatlichen Job bei der Zeitung, über neue Schallplatten zu schreiben. Die Pakete mit neuen Alben stapelten sich an manchen Tagen im Apfelhäuschen, zur Freude von Frerk, der so auf mancher Party glänzen konnte.

Es gelang mir, machte sogar Spaß, außerdem freute ich mich über meinen Namen in der Zeitung. Der Schifferpastor war, neben meinem abnehmenden Redakteur, mein schärfster Kritiker. Eines Dienstagabends holte er einen Zeitungsauschnitt aus seiner genarbten, schmalen Ledertasche und verlangte, ich möge ihm die beschriebene und bewertete Schallplatte vorspielen, er könne sonst nicht sagen, ob das, was ich geschrieben habe, gute Arbeit oder aufgeblasenes Gewäsch sei.

Ich ließ die Nadel ein bisschen zu heftig auf die Rille stoßen.

Heinrich Hebarth Neutonsen reagierte heftiger, als wir alle erwartet hatten, auf die Nachricht, dass zwischen Ungarn und Österreich der Eiserne Vorhang geöffnet wurde. Er kaufte diesmal Sahne, wieder einen gesamten Einkaufswagen voll. Nach Tschernobyl hatte er einen großen Vorrat an Nüssen angelegt. Das greise Eichhörnchen von Feddering-Feld, hatten Frerk und ich damals gespottet. Vorher bei der Schneekatastrophe war es Backschokolade gewesen, die er gehortet hatte, der Energie wegen. Nun also die Sahne. Das Ereignis schien uns allen, auch meiner Tante, die die Becher schließlich unter Schimpfen und Drohen in der ganzen Straße verschenkte, zu gering zu sein für einen derartigen großen Ausfall seinerseits. Wir sollten uns getäuscht haben.

16

Die Mauer fiel pfennigweise. Frerk, Vater und ich frühstückten stets einsilbig. Als Viertes sprach das Radio am Tisch, es sprach für alle mit und wusste auch überhaupt die besseren Neuigkeiten. Am Morgen des zehnten Novembers erst recht. Peer Leversen, mein Vater, setzte seine Kaffeetasse ab und sagte: »Donnerschlag!« Wir guckten und hörten. Wie alle.

Ich hatte in den folgenden Tagen und Wochen damit zu tun, alles mitzubekommen, saß bis nachts vor dem Fernseher, kaufte Zeitungen, auch auswärtige, Wochenblätter, Magazine, um ja alles mitzubekommen. Ich kannte in wenigen Tagen die Mitglieder des Politbüros und die Dissidenten mit Namen und Lebenslauf. Sie wurden für mich zu Hauptdarstellern in einem täglich fortgeschriebenen Stück, ich verliebte mich in Bärbel Bohley, wofür nun wirklich niemand etwas konnte, auch die kleine Isa Vonderbül nicht mit ihrer abweisenden Art, die mich sonst so mitnahm.

Was mich faszinierte, ja berauschte? Wann ändert sich schon die ganze Welt, wann ändern sich Vorzeichen, Landkarten, Wahrnehmungen – und dann auch noch zugleich? Im Nachhinein denke ich, dass es das war, was sich jeder Neunzehnjährige insgeheim oder offen eingestanden wünscht: Endlich. Es war, als könne ich der Welt beim Drehen zusehen.

17

Paulo konnte man nicht entgehen. Ich nicht, Anna nicht, Philp und der ganze coole Rest nicht. Davon einmal abgesehen, dass man ihn auch brauchte, seine Kontakte, sein gutes Gesichter- und Namensgedächtnis, seinen überaus großen Bekanntenkreis. Er spielte Skat, Doppelkopf, Mau-Mau, selbst Zwicker, Poker, als es noch nicht schick war. In seinem Führerschein stand nicht Paulo, im dicken Buch unserer kleinen Gesellschaft schon. Ralf Paulsen. Paulson. Rallepaul. Rallyepaulchen. Paulo. So. Dieser Beiname war mir immer am liebsten gewesen: Mund. Weil er so viel versprach, ohne es zu halten.

Paulo war mir das erste Mal nach der Schule aufgefallen, als wir ein Spiel hatten, eine Zeitlang gab es das, die vierte Klasse gegen die fünfte, die dritte gegen die vierte und so weiter. Ich hatte um den Mittelkreis mit einigen Klassenkameraden herumgestanden. Paulo, eine drüber, sollte den Anstoß für die anderen machen, einer seiner Kumpels kam nicht, ließ alle warten. Paulo nutzte die Zeit und pinkelte auf den weißen Punkt. Er flog sofort vom Platz, was unser Klasse dennoch nicht viel nützte. Also.

Paulo hatte aktuell mindestens zwei große Fehler, so sah ich es. Erstens, er fuhr oft betrunken. Zweitens, er rief immer wieder bei Nicki an, obwohl das lange schon nichts mehr brachte. Als Ausgleich zu seinen Fehlern war er motorisiert. Fuhr Mofa, Moped, Motorrad, Auto, sobald es ging, also er es konnte. Er war ständig in irgendwelche Unfälle, Führerscheinentzüge, angedrohte Anzeigen und Pannen verwickelt. Er konnte so unglaublich quatschen. Viele andere, Philp und Morphus, Jürgen auch wahrscheinlich, aber der sagte so etwas ja nie, störte Paulos Gerede. Aber ich mochte es. Paulo hatte keine Hemmungen. Man lernte schnell Leute kennen, wenn Paulo dabei war. Ja, auch Mädchen. Also.

18

Das erste Mal polizeilich auffällig wurde Ralf Paulsen nicht erst, als er 16 Jahre alt war. Nur damals war es zum ersten Mal im Zusammenhang mit einem Fahrzeug. Es war nicht so, dass er gern an Autos und Motorrädern herumschraubte, sich in irgendeiner Garage unter die Dinger legte und ölige, schwarze Finger hatte, die man nicht mehr sauber bekam. Er fuhr nur gern. Ralf Paulsen wollte anscheinend nur weg. Nicht hier bleiben, nicht stillstehen. Nichts verpassen außerdem. Als er 16 Jahre alt war, Frerk erzählte mir Tränen lachend die Geschichte, war Paulo besoffen auf seinem Mofa gefahren. Nun, das kam oft vor. Nur diesmal hatte er, in einer Mischung aus echter Hilfsbereitschaft, Übermut und insgeheimer Sehnsucht nach Absolution, da war ich sicher, schließlich war er katholisch, eine Seltenheit bei uns, nachts einer liegen gebliebenen Polizeistreife seine Hilfe angeboten.

Er wollte fahren, in Bewegung sein, am besten an zwei Orten gleichzeitig. So scheint es mir im Nachhinein nur logisch, dass er an die Grenze fahren wollte. Die Zonengrenze. Heute Nacht noch. Historisch. Klar. Ich sollte mit. Muss man doch erlebt haben. Wir mittendrin.

Mein Vater war aus, Karten spielen, Frerk hatte Holly oben. Ich musste allein entscheiden. Wollte ich nachts mit Rallyepaul quer durch das Land zum Grenzübergang fahren? Getrunken hatte er offenbar noch nicht.

Die Bilder der vergangenen beiden Tage waren berauschend, unwirklich gewesen. An den Grenzübergängen hatten sich Karawanen und Knäuel gebildet. Jetzt, am Wochenende, würden noch mehr Menschen aus der DDR in den Westen strömen.

»Ich weiß gar nicht, was du da lange überlegst.«

»Hast du Bier?«

»Getrunken noch nicht.«

»Aber dabei?«

»Ist doch verboten: besoffen fahren.«

Ich steckte ein bisschen Geld ins Portemonnaie, dieses in die obere Jeansjackentasche, schloss den Knopf, schrieb einen knappen Zettel und stieg ein.

19

Ich sah ein Dorf durch die Nacht fahren. Es sah so aus. Hinter dem Feld, die Lichter fielen vorbei. Sie aber flogen schneller als die Fenster, die Türlampen, die Laternen.

Ich nickte nicht ein, die schwarze Welt draußen gefiel mir. Erst waren wir durch die so vertrauten Straßen geschwommen, wie ein Fisch, der sich seinen Weg sucht. Die Straßen waren frei. Dann hatten wir den Ort verlassen und waren durch die ersten Dörfer gefahren. Der Abstand wurde größer, zwischen Einfahrten und Bürgersteigen, Höfen, Bushaltestellen, Wegen mit Feldern dahinter.

Dann die Schilder. Pfeile in bekannte Richtungen, Namen wie alte Bekannte. Dazu kamen entfernte, schließlich Unbekannte.

Ich öffnete die zweite Dose Bier.

20

»Ich weiß eine Stelle. Da müssen sie vorbei. Ist ’ne Allee. Pappeln oder so.«

Mir war es egal, bis ich eine Stunde später mit einem Blick Eichen identifizierte, die rechts und links an den Straßenrändern standen. Ich hatte ein bisschen geschlafen, Hunger hatte ich ebenfalls.

»Gib mir auch mal eine.«

»Nee, mach ich nicht.«

»Los. Gib mir eine.«

»Ich mach das nicht. Nachher bin ich es gewesen, der dich zum Rauchen gebracht hat. Bin ja immer an allem schuld. Nee, nee.«

Paulo wandte sich ab und spuckte den Rauch zudem noch seitlich weg.

»Nun komm schon. Gib mir eine.«

»Weißt du, wir erleben hier die Weltgeschichte live mit. Und du willst mit dem Rauchen anfangen. Da wirst du noch dein ganzes Leben dran denken. Das mit dem Rauchen würde dann immer dazu gehören. Da übernehm ich nicht die Verantwortung dafür.«

»Hör auf zu quatschen und gib mir ’ne Zippe!«

21

Die Wagen kamen nicht. Auch nach Stunden, in denen Paulchen wieder erklärte und mutmaßte, was an der Grenze los sei, dass die Grenzer da sicher überfordert seien, man müsse das verstehen und so weiter.

Nur ein Bauer kam näher am Vormittag, auf einem alten Traktor ohne Nummernschild. Hier sei aber gar keine Straße. Die Allee, nein, die führe nicht nach drüben. Die Richtung, ja, die sei die richtige. Aber die Straße mache einen Knick hinten. Warum wir denn nicht bis ans Ende gefahren seien, da hätten wir es doch gesehen.

Ich vermied es, Paulo anzusehen. Ich fluchte leise, denn ich kannte den Grund natürlich. Er war so dämlich, dass er nur Paulo hatte einfallen können: Wir waren nicht weiter gefahren, weil hier der bessere Platz war. Das hatte Paulo gesagt, vor Stunden, als wir angekommen waren. Hier hat man den besten Platz, wie eine Bühne, genau richtig für zwei Hauptdarsteller, wie wir es seien, hatte er gelacht, es aber ernst gemeint. Die Allee wurde breiter hier, freier, der Himmel war besser zwischen den kahlen Ästen zu sehen. Unser Auto stand am Rand, die erwartete Kolonne würde bestens an uns vorbeikommen, der beste Platz zum Winken und Jubeln.

Ich wandte mich ab, als der Bauer Paulo den Weg zum neu geöffneten Grenzübergang schilderte.

Wir fuhren auch hin, sahen die Kolonne, stiegen aber nicht aus. An einer Kreuzung wurden wir hineingelassen in die Schlange und waren bis zum Ortsausgang ein Teil der bejubelten Ostkarawane. Wurden ebenso beklatscht, uns wurde zugewunken, flache Hände klopften auf die Motorhaube, auf das Dach, von aufmunternd nickenden Trägern grauer Übergangsjacken. Niemand wunderte sich anscheinend über unser Westauto und Westkennzeichen.

Die Scheiben ließen wir aber oben, versuchten zu lächeln. Kurz vor Ende der Schlange begann Paulo heiser zu kichern. Dann verflüchtigte sich der Spuk.

Die erste Stunde auf dem Heimweg schwiegen wir, die anderen schlief ich.

Auf dem Weg, irgendwo, ich hatte gedöst, schlug mir Paulo gegen den Oberschenkel.

»Peter, aufwachen! Wach auf, Mann.«

»Was?«

»Schnell, guck mal!«

Er hatte den Wagen gestoppt, mitten auf der Landstraße.

»Bist du bescheuert? Warum hältst du an?« Dann sah ich es auch. Das heißt, meine Augen flogen hin- und her, schnappten, was sie zu sehen bekamen.

»Licht aus, Mann, schnell!«

Kühe rannten auf uns zu, viele, trabten, wuchteten ihre schweren Körper uns entgegen, an uns vorbei. 30, 40 rennende, dampfende Kühe. Eine ausgebrochene Herde, kein Zweifel.

Paulo hatte das Licht runtergeschaltet, den Warnblinker an. Er hupte ein, zwei Mal.

Der Donner ließ das Blech vibrieren, der Atem der Viecher die Scheiben beschlagen. Oder waren wir das? Ein graubunter Strom fuhr, floss an uns vorbei, es wurde dunkel und, wie wenn es donnert und regnet. Der Wagen schien nach innen gedrückt zu werden. Ein Gewitter aus Kuhleibern.

»Die rennen uns um, eine rennt uns um! Die können nicht so schnell ausweichen. Guck dir das an!«

Paulos Augen, sein Mund, sein ganzes Gesicht stand offen. Ich nickte, meinte es aber nicht aus vollem Herzen.

Ich empfand keine Furcht, spürte das Getrommel der Hufe im Bauch, wagte es, mein Seitenfenster einen Spaltbreit zu öffnen, wandte nicht die Augen von dem Schauspiel ab. Eine Kühle stieg in mir hoch, das Grollen berauschte mich. Und dann wurde es weniger und war bald vorbei. Ein oder zwei Kühe holperten noch an uns vorbei, schlugen gegen den Außenspiegel, aber keine landete direkt auf dem Kühler. Ich fühlte mein pulsierendes Blut.

Paulo startete den Wagen, schaltete das Licht wieder an, fuhr zügig los. »Hast du das schon einmal erlebt?«

»Nein, aber es fühlt sich gut an.«

»Also, mir hat das gereicht.«

»Mir nicht.«

22

Dann kamen sie auch zu uns. Openhagen, »wie K’, nur ohne«, der Vikar, hatte den Besuch organisiert. Drei Jugendliche und ein Diakon aus der Partnergemeinde Zembin. Sollten im Gemeindehaus schlafen. Ist kein Problem, hatte der Schifferpastor gedonnert und Bo Pevsen, den Küster streng angeguckt. Ging ja auch damals, bei der Schneekatastrophe, antwortete der widerwillig und ließ seinen Blick durch den Raum wandern. Deshalb habe man ja auch ein richtiges Badezimmer oben und eine kleine Küche, damit sich die Gäste selbst versorgen könnten.

Das wollten wir aber tun, schleppten Essen heran, Getränke, deckten den Tisch mit den weißen Mehrzwecktellern und den von Gemeindemitgliedern gestifteten, vielfach unterschiedlichen Gläsern. Wir warteten, aber sie kamen nicht. Waren sie doch nicht rübergelassen worden? Hatte jemand so etwas schon gehört? Es änderte sich jeden Tag so viel, wer konnte das wissen. Openhagen, »wie K’, nur ohne«, behielt seine gute Laune, sang, bis ihn Anna ans Klavier schickte, damit er aus dem Weg war. Gesang drang bald aus dem Saal. Wer genau kommen würde, dass wusste nicht einmal er.

23

Ein vollbärtiger Raucher von Filterlosen, zwei Jungen und ein scheu blickendes Mädchen falteten sich später am Abend schließlich aus einem kleinen grünen Wagen. Tino, Lanz und Susan, der Diakon wurde Romer gerufen, was offenbar sein Nachname war.

Openhagen, »wie K’, nur ohne«, schüttelte Hände, warf Namen um sich, wirbelte, so gut er das mit seinen zwei Metern konnte, zwischen den beiden Gruppen, uns und unserem Besuch hin und her und versuchte Fäden zum Anknüpfen weiterzureichen. Der Schifferpastor stand an der Tür. Er wollte die Spätnachrichten sehen, ich wusste es, er hatte es uns oft genug erzählt, wie ungern er die verpasste, wenn er sonst schon den ganzen Tag, wie er es ausdrückte, nicht mitbekam, was in der Welt außerhalb der seinen so passierte. Er überließ bald uns das Feld und donnerte abermals ein »Willkommen, willkommen« in die Runde, bei der er »liebe Brüder und Schwestern« sicher nur mühsam zurückhalten konnte.

Essen, gucken, langsam, stockend erzählen. Wetter, Fahrt, Grenze.

Ich konnte mich gar nicht genug darüber wundern, dass sie, bei allem durchaus merkbar anderem Zungenschlag, unsere Sprache sprachen. Besonders Lanz gefiel mir. Er schoss wenig in die Runde, es traf, und wenn alle lachten, kontrollierten seine Augen, wer und wie.

Am nächsten Vormittag, als wir, Anna und ich, die beiden Jungen durch unser Städtchen führten, begannen wir, begann ich zu erzählen. Schule, Freunde, Arbeit. Tino erschreckte und ärgerte mich mit der dummen Frage, wo mein Vater doch Tischler sei, ob ich ihm da nicht einen Stuhl schenken könne. Lanz drehte angewidert den Kopf zur Seite, schämte sich. Ich spürte ein Band zwischen uns.

Die hundert Mark mussten her, Begrüßungsgeld.

»Ist doch hier der Westen, oder?« Lanz schaute sich um, als sei er ein Tourist auf Weltreise.

Das Rathaus hatte geschlossen, die Post fiel mir ein. Sonnabendsschlange, Pakete, auf die mit dickem, tropfenden Leimpinsel Schilder geklebt wurden. Briefe, die vom alten, gequält unter seiner dicken Hornbrille guckenden Beamten wie mit der Handkante abgestempelt wurden. Wir standen lange, Menschen guckten. Ich genoss es, versuchte höfliche Fragen an unsere Gäste. Lanz verstand mich ohne einen weiteren Hinweis. Parlierte über den Mauerfall, die Veränderungen, die Grenzer, die Polizei. Er machte das so laut, dass die ganze Schlange etwas davon hatte. Ich hielt mühsam ein triumphierendes Grinsen zurück, stolz und bewusst der Lächerlichkeit der Situation. Lanz und ich, wir waren gleich alt, schien mir. Auf jeden Fall gleich in vielen Dingen.

Am Schalter dann holten Tino und Lanz ihre DDR-Pässe heraus und ich sprach mit dem alten Beamten. Die schlechte Laune saß ihm im graugemusterten Pullover. Seine Augen schafften es vor lauter Weltekel nicht mehr, sich ganz zu öffnen. Und nun das: zwei DDR-Jungen, die 100 Mark wollten. Was für ein Vorgang, welche Verordnung, was für ein Stempel? Ich schob die Pässe unter der Scheibe durch. Lächelte. Er würde dieses Erlebnis heute Abend seiner Frau erzählen, da war ich mir sicher, sofern es noch eine bei ihm aushielt. Er hatte tatsächlich zweimal 100 D-Mark Begrüßungsgeld auszahlen müssen. Welcher Stempel nun? Überstieg dies womöglich seine Kompetenz? Er krachte zweimal den Postdatumsstempel in die Pässe. Der Nächste!

24

Lanz gefiel mir sofort. Der wollte wissen, ohne doof zu fragen. Der kriegte etwas mit. Lanz hatte dunkle Haare, war ein bisschen größer als ich. Hatte einen respektlosen Blick, der kaum nachließ, egal, was passierte.

Lanz hieß eigentlich Thomas Basil Schmidt, den Mittelnamen hatte er von seinem männlichen Vorfahren Basil Marius Hefferkemper, der rund um Zembin ein lokaler Reformator gewesen war.

Freunde waren wir schon nach einer Stunde.

Mir kam es vor, als hätte ich auf so jemanden gewartet, als sei Lanz schon immer da gewesen, nur eben nicht bei mir.

Lanz brauchte Schuhe. Möglicherweise brauchte er auch keine, wollte aber die hundert Mark umsetzen, zumindest einen Teil davon, erleben, wie es war, etwas im Westen zu kaufen.

Schuhe? Ich führte unsere kleine Gruppe zu Schuh-Balzer, wo man in Feddering hinging. Hildegard Balzer kniete im hinteren Teil vor einem Kunden, grüßte winkend zum Zeichen, dass sie unser Eintreten bemerkt hatte.

Ihr Rufen hatte das Erscheinen ihrer Tochter Astrid zur Folge. Sie war so alt wie ich, wir waren gemeinsam in einer Grundschulklasse gewesen. Astrid schlug sich gewinnend die langen Haare nach hinten über die Schulter. Ich begrüßte sie, sie mich, ich stellte die anderen vor, Lanz insbesondere als den mutmaßlichen Kunden.

»Welche Größe? 42 oder 43?«

»Groß auf jeden Fall.« Lanz war nicht unbeeindruckt von der hübschen Astrid. Er überhörte ihren eingeübten Verkäuferinnensingsang, der mich auf Distanz zu ihr hielt.

Astrid schlug vor, pries an, holte Kartons aus dem Lager, das nur aus einem hohen Flur mit Regalen bis zur Decke bestand.

Sie vermied es, Lanz mit »Du« oder »Sie« anzusprechen, ließ die Hände ein ums andere Mal ihre Mähne nach hinten befördern und sprach eine halbe Oktave höher, als sie es sonst tat.

Lanz konnte nicht an ihr vorbeisehen, an ihren körperlichen Vorzügen, er scherzte mit ihr, brachte sie tatsächlich auch zum Lachen, ein Aussetzer ihrer »Schuh-Balzer«-Fassade.

»Willst du jetzt wirklich Schuhe kaufen?«

»Aber ja doch, wo ich doch hundert Mark geschenkt bekommen habe. So läuft das doch mit der Marktwirtschaft, oder?«

»Ja, so läuft das.« Astrid lachte wieder.

»Ist nämlich das erste Mal.«

»Wie bitte?«

»Dass ich was kaufe. Im Westen.«

»Ja, klar!«

»Schuhe. Ist doch gut, brauchst mir jetzt auch keinen Rabatt zu geben. Ostrabatt.«

»Hatte ich nicht vor.« Astrid ließ die Haare vor ihrem Gesicht, während sie Lanz den Schuh zuband. Ich sah, dass es gerötet war.

»Drücken ein bisschen, vor allem der rechte.«

»Müssen erst noch eingelaufen werden, vor allem der rechte.«

»Das ist ja wie bei uns.«

»Willst du jetzt die Schuhe oder willst du sie nicht?«

25

Openhagen, »wie K’, nur ohne«, bekam einen Hustenanfall, als er wieder in das Gemeindehaus ging.

»Die wollen, dass wir zu ihnen kommen.«

Ich zuckte mit den Achseln. Alles war möglich.

»Willst du?«

»Ja, oh ja, ich möchte unbedingt. Ich war ja schon.«

»Aber das war noch vor dem 9. November.«

»Ja, eben. Deshalb möchte ich auch, ich möchte aber sowieso. Du solltest auch mitkommen. Im Januar, was denkst du?«

»Von mir aus nächste Woche.«

Ich träumte einige Nächte lang einen Wassertraum. Ich lief über einen See, es war nicht das Meer, was uns näher lag und mir ohnehin, sondern ein grün umsäumter See mit dunklen Ringen darauf. Ich lief auf ihm, von einem Ufer ausgehend, nicht einmal vorsichtig und langsam, sondern zügig hinüber. Es war ein großer, wie mir schien, tiefer See, die Tiefen waren dunkel und blauschwarz. Ich lief ohne Angst hin und wunderte mich, dass ich mich nicht wunderte, warum ich nicht versank. Die Luft war kalt, ich atmete rhythmisch, der Weg war weit.

Der Traum kehrte wieder bis zum Neujahr. Ich kam nicht recht vorwärts, so sehr ich mir, sogar im Traum, aber vor allem danach, dies auch vornahm.

Die Dampferpredigt fiel in diesem Jahr länger aus als in den Jahren zuvor. Der Schifferpastor variierte seinen Text um einige Einschübe, die er wie in Klammern brummend nachlegte, um dann wieder in seinem bekannten, schmetternden Tonfall, will sagen, in seinem altbewährten und vertrauten Fahrwasser zu landen.

»Wieder finden wir uns am Ende eines Jahres, der Hafen ist schon in Sicht, langsam fährt das Schiff ein. Nutzen wir den kurzen Moment der Besinnung und gedenken wir derer und der Dinge, die wir lassen mussten. Die uns aus unserem Leben genommen wurden, deren Gedächtnis wir in Ehren halten wollen. Gedenken wir der glücklichen Momente, die wir als Volk der Deutschen im vergangenen Jahr erleben durften, Tage des Aufbruchs, des Friedens und der Hoffnung.

Doch: wenden wir unseren Blick frohgemut auf das neue Jahr. Die drei Bojen liegen voraus, Glaube, Liebe und Hoffnung. Das Schiff des neuen Jahres liegt bereit.«

Es tat gut, ihn zu hören, wie die Glocken, denen ich bis zuletzt in der Kirche sitzend lauschte.

26

Wir fuhren ein Wochenende lang, Ende Januar, später hätte ich auch kaum noch gekonnt, ich steckte schließlich im letzten Schulhalbjahr, die Prüfungen standen mir bevor.

Openhagen, »wie K’, nur ohne«, Anna und ich fuhren in dem einen Auto. Der Schifferpastor, Jürgen und der kleine Morphus im anderen.

Im nun offenen Berlin waren an Silvester zwei Menschen in der ausgelassenen Feier am Brandenburger Tor um Mitternacht gestorben. Die Wellen, die an den Strand schlugen, wurden kleiner.

Openhagen, »wie K’, nur ohne«, hatte einen Satz Winterreifen dabei, die er in seinen Wagen gequetscht hatte. Auch, weil nur Anna und ich mitfuhren. Er war in keinster Weise betrübt, überstrahlte jede Wolke und hätte sicher die halbe Fahrt über laut gesungen, wenn ich ihn nicht am Ortsausgangsschild gestoppt hatte.

Mein Vater hatte genickt und ein langsames »das mach man« hinterher geschickt, als ich ihm von dem Besuchswochenende in Zembin erzählte.

Mein Bruder nahm die Kopfhörer ab, die mein Vater und ich ihm zu Weihnachten zu unserem eigenen Schutz geschenkt hatten, und nahm mich halb in den Arm. Er nickte, ich erwiderte.

Openhagen, »wie K’, nur ohne«, fuhr, zumindest im Vergleich mit Paulo wie ein alter Mann mit Hut. Er erzählte fröhlich in beinahe jeder neuen Ortschaft, wen er hier kannte oder gekannt hatte. Es war, als würden wir durch sein Telefonbuch fahren.

27

»Zwei Würschte, sechs Mal Kaffee, richtig – und Bratkartoffeln? Sind ganz frisch, eben geschnippelt, die Zwiebel.«

Dass dies der Platz sein würde, an dem sich manche Fahne drehen sollte, ich ahnte es nicht, als wir an diesem Sonnabendvormittag das erste Mal an Jankos Zelt standen.

Es war wenige hundert Meter vor Zembin, Landstraße rechts raus, ein Parkplatz »mit Wasseranschluss«, wie Janko betonte. »Also, Zu- und Abfluss, wohlgemerkt, wa?«

Janko Schobast hatte den Geist eingefangen und in sein ausgemustertes NVA-Zelt gebracht. Den Geist des Aufbruchs vom Herbst.

Wir hielten mit unseren zwei Westautos beim ersten und einzigen Imbiss im Landkreis, »ach, was, gibt’s im ganzen Land nicht. Bin der Erste. Weißte, aber essen müssen ja die Leute. Wirste sehen, wirste.« Ein paar Spuren hatte das Leben Janko um seinen Bart ins Gesicht gekniffen. Seine Wangen stiegen wie Ballons, wenn er lachte, was er oft tat.

»Also, was ist jetzt, Herrschaften, Gas ist teuer, jemand für die Bratkartoffeln?«

Ich hob die Hand.

Der Schifferpastor hatte uns per Lichthupe und Blinker auf den Parkplatz dirigiert. Hier wollte er uns einnorden auf unsere Besucherrolle.

Am Parkplatz hatte Janko neben dem schweren, dunkelgrünen Mannschaftszelt einen kleinen weißen Wohnwagen gestellt, worin er briet und brühte. An einer langen Stange wehte ein blauer Wimpel Richtung Himmel.

»Zurückhaltung, Herrschaften, Zurückhaltung. Die werden alles tun, damit wir es gut haben. Keine dummen Sprüche, die Jugendfraktion. Oder sollte ich das gar nicht erst sagen?« Der Schifferpastor hatte sein wichtiges Gesicht aufgesetzt und sah von einem zum anderen.

»Doch, wir können von Ihrer Stimme gar nicht genug hören«, Anna schnurrte und zeigte ein Katzenlächeln.

»Na, dann ist ja gut. Und jetzt lade ich euch ein. Kaffee. Und zwei Cola, richtig?«

Auftritt Janko. Weiße Schürze, beinahe noch, jedenfalls. Silbertablett, geerbt. Darauf: Vier weiße Plastiktassen, ein Süßstoffspender, einmal Dosenmilch, groß und ein – ebenfalls geerbter, ich habe später gefragt – Esslöffel. »Müsst ihr weiterreichen, den Löffel. Hab noch keine anderen. Geht alles.« Janko ging, sein Lächeln blieb am Tisch.

28

So müsste man spielen können. Ich wagte nicht, mich zu rühren. Ich stand im Flur, so dicht vor der Wohnzimmertür, dass keine Ausrede in der Nähe war. Ich lauschte, verzückt. Die Töne wurden überlegt angeschlagen, als seien sie dran in dem Moment. Sie folgten ungezwungen einer vorhersehbaren, erahnbaren Melodie. Sie flogen und schwirrten, einige leiser. Es schien mir, als würden sie freigelassen durch das Spiel, ein erhabener Moment. Eine Melodie, die sich selbst dennoch erst fand, Basstöne legten den Weg, über den die höheren tanzten, tänzelten, wobei ihre Abfolge nichts Albernes, gewollt Gefälliges hatte.

»Darf ich vorstellen. Meine Schwester. Das ist Peter. Von drüben.«

»Tag, Peter von drüben.«

Ich erschrak, als ich Engellena ins Gesicht sah. Sie wohl ebenso, denn noch bevor sie mich richtig angesehen hatte, hatte sie auf seine Vorstellung geantwortet und mir ihre Hand entgegengestreckt.

Ich ergriff sie. »Ja, Tag.«

Der Ruf zum Mittagessen unterbrach uns. Ich sollte neben Engellena an dem altmodischen ovalen Tisch sitzen, was mir ganz recht war, so musste ich sie nicht ansehen oder ständig an ihr vorbei. Lanz saß auf der Stirnseite. Gemüsesuppe mit Einlage, Nachtisch: Grießauflauf mit Kirschen. Was machten die anderen mit den Kernen? Ich aß fleißig, nicht zu wenig, ich fand, auch nicht zu viel. Es schmeckte. Die Kirschen waren nicht entsteint. Einige fummelte ich mir aus dem Mund und legte sie auf den Rand des tiefen Tellers, wo sie sofort wieder herunterrutschten. Niemand machte es wie ich. Also aß ich sie auch mit, schon in meinen Bauch hinabforschend, ob und wann sich dort zunehmender Druck einstellte.

29

Ich redete, antwortete, erklärte, dass mir der Mund trocken wurde. Der Bauch wurde mir schwer, war mir schwer, die ganze Zeit, und das lag nicht an den Kirschkernen. Dass ich das Mädchen links von mir erst im vergangenen Sommer geküsst hatte, abends auf der golden beleuchteten Insel inmitten eines, so schien es, weit entfernten Landes, dass ich hier neben ihr saß, an einem Tisch, mitten in ihrem Leben, konnte ich nicht fassen. Ich schaffte es zweimal, meinen Kopf nach links zu neigen. Einmal hielt sie ihr Gesicht streng auf ihren Teller. Das zweite Mal, ich merkte, dass sie auch schon das erste bemerkt hatte, fing sie meinen Blick auf. Ich verwandelte mich in Marmor, meine Arme wurden fest und schwer, ich konnte nicht mehr hören, was die anderen sprachen. Ich wollte mir spät am Abend gern einreden, ich hätte die Musik wieder gehört, die sie noch wenige Minuten vorher gespielt hatte, der ich gelauscht hatte. Aber das stimmte nicht. Es war still in dem Moment, ich hörte nur mein eigenes Atmen und Schlucken. Ich wandte mich ab, sobald ich dazu in der Lage war.

30

Lanz spielte Schach. Er machte morgens seinen ersten Zug und abends den letzten. Es war in seinem Zimmer nicht zu übersehen. Zwei Bretter waren aufgebaut. Sie waren heilig. Niemand durfte sie berühren, erklärte mir seine Mutter. Auf dem ersten Brett spielte Lanz eine Partie Fernschach mit einem Freund aus Halle. Auf dem anderen gegen sich selbst. Ein drittes, kleineres stand zur Verfügung für mögliche, aber seltene Gegner oder für Meisterpartien, die man, wie Lanz mir persönlich erläuterte, auf ihre Güte und Gültigkeit überprüfen müsse.

Ich konnte auch spielen, immerhin so gut, dass ich nicht automatisch spöttische Blicke von ihm erntete, als wir begannen. Möglicherweise war es auch aus Freundschaft, denn er war, soviel konnte ich merken, um Klassen besser. Die Regale in seinem Zimmer waren mit Schachbüchern vollgestellt, ich hätte nie geahnt, dass es so viele gibt. Viele von ihnen waren alt, andere auf Russisch, dazu kamen Stapel von alten Zeitschriften, die anscheinend auch nur das eine Thema kannten.

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