Kitabı oku: «Herr über Leben und Tod bist du»
Olaf Müller
Herr über Leben und Tod bist du
Eifel-Krimi

Zum Buch
Es wird kommen der Tag Auf dem Krawutschketurm bei Bergstein wird ein Toter gefunden. Rentner Eugen Kaltenbach wurde offensichtlich ermordet – mit einem US-Karabiner aus dem Zweiten Weltkrieg. Wenige Tage später wird Gundula Borsche, die Schwester der ehemaligen Direktorin der Landesklinik Düren, tot aufgefunden. Ebenfalls kaltblütig ermordet. Hängen die Fälle miteinander zusammen? Kommissar Fett, Kollege Schmelzer und die neue Kommissarin Daniela Conti verfolgen mehrere Spuren in Jülich, Arnoldsweiler und Frankreich. In Düren stoßen sie schließlich auf ein Geheimnis in der Landesklinik. Das berüchtigte »Haus 5« war die forensische Abteilung, in der bis in die 1970er Jahre katastrophale Zustände herrschten. Während in Aachen auf dem Weihnachtsmarkt das Geschäft brummt, überschlagen sich die Ereignisse. In Simonskall bei Vossenack kommt es schließlich zum Showdown …
Olaf Müller wurde 1959 in Düren geboren. Er ist gelernter Buchhändler und studierte Germanistik sowie Komparatistik an der RWTH in Aachen. Seit 2007 leitet er den Kulturbetrieb der Stadt Aachen. Sprachreisen führten ihn oft nach Frankreich, Italien, Spanien, Polen und Austauschprojekte in Aachens Partnerstädte Arlington (USA), Kostroma (Russland) und Reims (Frankreich). Als Segelflieger kennt er die Eifel aus der Luft, als Wanderer vom Boden. „Herr über Leben und Tod bist du“ ist nach „Tote Biber schlafen nicht“, „Allerseelenschlacht“, „Rurschatten“ und „Die Macht am Rhein“ (gemeinsam mit Maren Friedlaender) sein fünfter Kriminalroman im Gmeiner-Verlag.
Impressum
Personen und Handlung sind frei erfunden.
Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen
sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
Immer informiert
Spannung pur – mit unserem Newsletter informieren wir Sie
regelmäßig über Wissenswertes aus unserer Bücherwelt.
Gefällt mir!

Facebook: @Gmeiner.Verlag
Instagram: @gmeinerverlag
Twitter: @GmeinerVerlag
Besuchen Sie uns im Internet:
www.gmeiner-verlag.de
© 2021 – Gmeiner-Verlag GmbH
Im Ehnried 5, 88605 Meßkirch
Telefon 0 75 75 / 20 95 - 0
info@gmeiner-verlag.de
Alle Rechte vorbehalten
Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt
Herstellung/E-Book: Mirjam Hecht
Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart
unter Verwendung eines Fotos von: © SiRo / stock.adobe.com
ISBN 978-3-8392-6918-3
Anfang
Von der obersten Plattform des Krawutschketurms auf dem Burgberg in Bergstein tropfte Blut. Krähen flatterten krächzend über den Turm, von dem sich bei klarem Wetter ein weiter Blick über die Nordeifel bot: im Westen das Hohe Venn, etwas nördlicher Aachen und die Kühltürme des Braunkohlekraftwerks Weisweiler; im Nordosten, fast so, als ob man hineinspringen könnte, der Stausee von Obermaubach. Burg Nideggen grüßte auf Augenhöhe im Osten, die Rur schlängelte sich von Blens über Abenden und Zerkall durch das grüne Tal. An diesem Morgen war ein Schuss gefallen. Gedämpft durch einen Schalldämpfer. Er war längst verklungen. Vor 75 Jahren war es anders. Damals folgte Einschlag auf Einschlag. Das Geknatter der Maschinengewehre, Karabiner und Pistolen nahm am Tag und in der Nacht kein Ende, Handgranaten explodierten, der Burgberg schien zu explodieren.
Scheu trippelte ein Fuchs durch das nasse Gras zum Aufschlagpunkt der Blutstropfen auf den Pflastersteinen, leckte kurz, schaute sich suchend um, blickte hoch zu dem Treppengewirr, schlich davon. Mäuse rasten durch das dornenreiche Gestrüpp. Spatzen hüpften von Busch zu Busch. Stumm, fast etwas arrogant, blickte ein Bussard abwartend von einem Fichtenast auf den Krawutschketurm und die Reste der Bunker. Die Zeit des Bussards war noch nicht gekommen. Am Boden bildete sich eine dünne Blutlache und suchte einen Weg zwischen den betongrauen Steinen. Verkrümmt lag die Leiche auf der obersten Aussichtsplattform. Keiner hatte sie bisher entdeckt. War es zu früh für Spaziergänger und Wanderer an diesem Montagmorgen, dem 9. Dezember 2019? Im Osten, am Rhein, kroch das Morgenrot hinter Wolken empor. Gegen 8.15 Uhr würde die Sonne aufgehen. Der Tag begann windig, kalt, grau, dunkel, nass. Nieselregen benetzte Blätter und Nadeln der Bäume. Das feuchte Laub war dreckig, braun, angefault. Pfützen hier und da. Die von den Herbststürmen abgebrochenen Äste hingen leblos an den Bäumen, schaukelten im Wind. Es roch nach Fäulnis, Moder, Tod.
Bergstein war still, nur einige Schulkinder auf dem Weg zum Unterricht. Brandenberg, Kleinhau, Großhau, Hürtgen, Vossenack und Nideggen schienen wie ausgestorben. Die Berufspendler waren längst aufgebrochen. Die Bauern mit ihren kleinen Parzellen und dem wenigen Vieh hatten die Tiere versorgt, die Nüstern der Kühe und Pferde dampften, längst war gemolken, Futter und Stroh verteilt, Mist aus den Ställen gekarrt. Nun fuhren die Nebenerwerbslandwirte zum Sägewerk nach Vossenack, zur Papierfabrik nach Düren, zum Ferienpark nach Heimbach. Von Landwirtschaft allein konnte niemand mehr leben. Die Bauern mussten früh raus, gingen spät ins Bett.
Ein grauer und düsterer Tag. Grau auch das Stahlgestänge des Turms, die Reste der Bunkeranlagen auf Hill 400, wie ihn die Amerikaner im Dezember 1944 genannt hatten, weil er mit seiner Höhe von 400 Metern die Region überragte. Von hier aus wurde das verheerende Artilleriefeuer der Wehrmacht auf die vorrückenden US-Einheiten bei Vossenack, Schmidt, Kommerscheidt und Simonskall geleitet. Wer Hill 400 beherrschte, der kontrollierte die Rur und die Talsperren. Am 7. Dezember 1944 hatte das 2nd Ranger Battalion unter großen Verlusten den Burgberg angegriffen. Ein Sturmangriff mit aufgepflanztem Bajonett aus den Ruinen von Bergstein heraus, über den Friedhof und hinauf auf den Berg. Mann gegen Mann. Es waren dieselben Ranger, die bei der Invasion in der Normandie am Pointe du Hoc mit Strickleitern an den Klippen hochgeklettert waren, um die deutschen Gefechtsstände auszuschalten. Hill 400 war genauso blutig wie Pointe du Hoc. Für viele US-Soldaten war die Einnahme des Burgbergs in Bergstein der längste Tag, länger als der Tag der Invasion. Davon wurde nichts erzählt auf der Informationstafel am Fuß des Krawutschketurms, benannt nach dem Eifelwanderer Franz Krawutschke, der 1940 gestorben war. Er hatte die ersten Wanderwege markiert. Darum wurde der Turm nach ihm benannt. Auf der Infotafel stand die Geschichte der Burg, des Burgbergs und des Turms. Kein Wort über das Grauen kurz nach Nikolaus im Dezember 1944.
Schlaff hingen die ockerfarbenen Blätter der wenigen Eichen an den graubraunen Ästen. Der Herbst war vorbei, nun würde in wenigen Tagen der Winter einziehen. Schnee, der auf Fichten fällt, auf den Friedhof von Bergstein, auf den Sportplatz, das Segelfluggelände, die Kirche und die wenigen Straßen. Von jetzt an sollte man Brennholz, Heizöl oder Gas zur Hand haben. Diese Sorgen hatte der Tote auf der Plattform nicht mehr.
Krähen flogen auf die Holzbrüstung des Turms, schauten suchend in alle Richtungen. Plötzlich sprang die erste auf den Rücken des Toten und stakste auf dem Lodenfrey-Mantel hin und her. Rasch hüpfte eine zweite Krähe hinzu, die dritte folgte. Der Mantel war dick. Der Kopf lag frei. Sie näherten sich dem Ohr des Toten.
Aus! Aus! Braver Hund!
»Rocky, kommst du hier!« Rocky hörte nicht. Rocky hatte Blut gerochen und wollte Blut lecken. Der Dobermann lief mit gesenkter Schnauze und feuchten Lefzen auf die kleine Blutpfütze zu. Dann bellte Rocky. Die Krähen am Ohr des Toten erschraken, flatterten hoch, flogen im Sturzflug auf die nächsten Äste der Tannen und ärgerten sich über Rocky, dessen Bellen sie jeden Morgen störte, wenn sie in den Resten der Bunker eine Maus zerfetzten.
»Rocky!« Keuchend erreichte Norbert Jörres seinen Hund. Die Morgenrunde endete stets am Krawutschketurm mit einem Schluck aus dem Flachmann. Papas Little Helper nannte er seine prozenthaltige Verpflegung, die Schwung in den Tag des Frührentners brachte. 40 Jahre Privatkundengeschäft in der Sparkassenfiliale von Kleinhau. Schützenverein, Modellbauverein, verantwortlich für die Weckmänner beim Martinszug, veranstaltet von der Besenbinderzunft 1970 Kleinhau e.V.
Norbert Jörres nahm einen kräftigen Zug. Sofort wurde ihm warm in der Kehle. Rocky schaute bellend hinauf zu Herrchen. Er kannte das Ritual. Die Stimme von Herrchen war nach mehreren Schlucken lauter, und manchmal wankte er den Abstieg hinunter. Diesmal bellte Rocky länger als sonst. Er hob die Schnauze Richtung Turm und bewegte den Körper, als ob er unbedingt hinaufwollte.
»Rocky! Jetzt ist aber gut!« Noch ein Schluck. Flachmänner sind Handschmeichler. Norbert Jörres mochte das Edelmetall, den Schraubverschluss und vor allem den Inhalt. Er dachte an all die alten Damen, die er beraten hatte. Abends, daheim bei einem Eierlikörchen und Schnittchen mit Cornichons. Die Witwen – auch in der Nordeifel sterben die Männer früher – saßen hilflos vor ihm mit ihren Wiesen, Feldern, Äckern. Er empfahl Verkauf. Man müsse loslassen, Ballast abwerfen wie die Ballonfahrer. Die Damen staunten. Norbert Jörres hatte die Nummer mit dem Ballon entwickelt. Er erzielte phänomenale Ergebnisse und wurde mehrfach Kollege des Jahres mit einer Urkunde vom Sparkassenvorstand der Kreissparkasse Düren. Damals gab es noch die Kreissparkasse. Norbert Jörres tröstete zudem manche Kundin auf seine ganz persönliche Art. Danach nannten sie ihn Nobbi. Von diesen Trostbesuchen kehrte er etwas später und müde heim. Kurze Zeit danach erfolgte von der getrösteten Kundin eine Überweisung auf sein Konto oder er wurde testamentarisch bedacht.
»Rocky, halt die Schnauze!« Es platzte aus ihm heraus. Norbert Jörres spazierte jeden Morgen mit Rocky zum Burgberg. Bei Waffen-Schumacher in Norddüren hatte er den Flachmann, Qualitätsjägerstiefel und einen Taschenwärmer gekauft. So zog es ihn täglich zum Turm, wo er im Sommer den Sonnenaufgang genoss und an den Bunkern benutzte Kondome mit einem Fußtritt Richtung Abhang beförderte.
»Aus! Rocky! Aus!« Er beugte sich zu dem kläffenden Vierbeiner und blickte auf die Blutspur. Norbert Jörres richtete sich auf, sein Blick folgte dem Blut. Langsam drang das unaufhörliche Krächzen der Krähen in seine Synapsen. Er nahm einen großen Schluck und die erste Stufe der Treppe hinauf auf den Turm. Dann kehrte er um, band Rocky am Treppengeländer fest. »Aus! Aus! Braver Hund.«
Norbert Jörres folgte den Blutstropfen. Ihm wurde mulmig. Auf halber Höhe, bei der mittleren Plattform, nahm er den letzten Schluck. Schweißperlen bildeten sich auf seiner Stirn, die Beinmuskeln drohten zu versagen. Rocky saß unten und starrte mit aufgerissenen Augen hinauf zu Herrchen. Herrchen starrte auf die nächste Stufe. Auf der übernächsten wieder Blutstropfen. Norbert schleppte sich auf die oberste Plattform. Trotz seiner trüben Augen entdeckte er den Körper sofort.
»Leggesamarsch!«, formte die schwere Zunge den mundartlich gefärbten Ausdruck des Erstaunens. Weitergehen, runtergehen, Polizei anrufen, Flachmann, Fahne, Wodka, Rocky, Puls, Puls fühlen, verdächtig, bin ich verdächtig? Alkohol, Rocky, Marlene, was wird Marlene sagen? Schmorbraten, Polizeipräsidium, Verhör, getrunken, ich habe getrunken. All das schoss schneller, als man es sagen konnte, durch Norberts Gehirn und führte fast zu einem Kurzschluss, einem Nervenzusammenbruch oder Schock. Mechanisch bewegte er seine Füße in den Premiumjägerstiefeln, stupste vorsichtig einen Arm des vor ihm liegenden Mannes. Keine Reaktion. Norbert kniete nieder. Der Mann lag in merkwürdig verkrümmter Haltung auf dem Bauch. Norbert fasste eine Hand, suchte nach dem Puls, fand keinen Puls, schaute auf den blutigen und zerfetzten Hinterkopf und beschloss, mit seinem neuen Handy die 110 zu wählen. Mit zittrigen Beinen wankte er die Treppenstufen hinunter. Rocky tänzelte unruhig am Fuß des Turms.
»Mann, Rocky. So ein Scheiß.« Norbert Jörres setzte sich auf die unterste Stufe. Er lallte in sein Handy. Die Wache in Kreuzau hatte Mühe, ihn bei diesem instabilen Netz überhaupt zu verstehen. Toter Mann, Krawutschketurm, Bergstein, Blut und sein Name. Er sei Rocky Jörres, ähm, Norbert Jörres, Rocky sei der Hund, der da die ganze Zeit bellt. Oberkommissar Heinen, Wachleiter in Kreuzau, runzelte die Stirn. Schließlich schickte er Kommissarin Holz und Hauptwachtmeister Dillinger hinauf nach Bergstein. Mal nachsehen, wie er sagte.
Herzschuss
Was wird aus meinem Leben? Kriminalkommissar Fett stellte sich diese Frage gegen 5.30 Uhr an diesem Montagmorgen. Wie sieht meine Bilanz aus? Soll und Haben? Mörder gefasst, Sicherheit geleistet, Dienst an der Gesellschaft. Er blinzelte durch die Jalousien in Richtung Osten. Alles dunkel. Aachen schlief noch. Er sprang aus dem Bett. Ab in die Dusche. Weg mit den ewigen Fragen. Eine neue Woche. Noch 15 Tage bis Heiligabend. Zeit, um die Akten zu sortieren. So kurz vor Weihnachten passierten rein statistisch kaum noch Kapitalverbrechen. Eher an Weihnachten und kurz danach, wenn sich die Familien zu nahekommen. Es sollte anders kommen. Doch noch ahnte Kommissar Michael Fett nichts davon.
Draußen nieselte der Regen auf die Gebäude der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen gegenüber seiner Wohnung am Templergraben in Aachen. Ein grauer Dezembermorgen. Um 6 Uhr telefonierte er mit Iska Sonntag. Seine entfernte Freundin, Leiterin eines SEK-Teams, war nach Auflösung der Einheit in Bonn mit ihren Männern nach Köln versetzt worden. Drei Spezialeinsatzkommandos und zwei Mobile Einsatzkommandos waren in Köln konzentriert. Sie mussten sowohl nach Bonn als auch nach Aachen zu besonderen Einsätzen. Schießtraining stand heute auf ihrem Programm. Sie würde mit ihrem Team zunächst im Kino und danach auf dem Stand trainieren. Heute keine Clans, keine Aktivisten in Hambach, keine Reichsbürger mit Waffensammlung, schwerbewaffnete Rockerbanden oder messerstechende Folterknechte. Einfach nur Schießtraining.
»Müsste auch mal wieder«, sagte Michael Fett.
»Komm rüber. Ich zeig dir, wie du triffst. Mit der Waffe.«
»Herzschuss. Hast du ja erreicht bei mir. Zum Glück hab’ ich überlebt. Ganz neu in der Polizeigeschichte.«
»Die müssen gepflegt werden, die Herzschüsse.«
»I know.«
»Deine Mörder haben Vorrang.«
»Ich bin nun mal der weiße Ritter von Aachen.«
»Gab es den? Oder spielst du Karl den Großen?«
»An den kommt keiner ran. Fünf Frauen und 20 Gespielinnen, genannt Friedelfrauen.«
»Na bitte. Männer denken zuerst an die Erfolgsgeschichte beim schönen Geschlecht.«
»So war das nicht gemeint.«
»Komm, komm. Ihr seid in dem Oche alle neidisch auf Karl. Friedelfrauen. Woher hast du den Begriff?«
»Erwähnte der Historiker Professor Kerner in einem Vortrag über Karl. Das waren Geliebte, aber mit mehr Rechten als eine Küchenmagd, die sich der Karl am Grill geschnappt hat.«
»Scheint dich ja mächtig zu interessieren.«
»Der Karl. Ja klar. Ich schau aus der Küche auf die Spitze des Rathauses, dahinter der Dom. In Bonn kannst du ja über die Loreley nachdenken. Wo du auftauchst, entstehen Auffahrunfälle.«
»Na, na, Kommissar Fett. Kommt jetzt der Themenwechsel von MeToo-Karl zum Werbeblock?«
»Ist eben so. Bei jedem Treffen mit SEK-Kollegen schwärmen sie von der Kölner Amazone, und manche kennen dich aus Bonner Zeiten. Den Rest verrate ich nicht, sonst steigt es dir zu Kopf.«
»Mehr davon, mein Lieber. Das sind die reinsten Herztreffer.«
»Deine Klugheit und deinen Witz loben sie. Du seist jedoch eine harte Nummer.«
»Bin halt keine Friedelfrau oder Kebse.«
»Kebse, du kennst dich aus. – Mein Kaffee wird kalt.«
»Lenk nicht ab. Sag mir was Schönes für den Tag.«
»Du bist ein Augenstern. Ein Geschenk der germanischen Götter an den Vater Rhein. Der Schatz der Nibelungen.«
»You make my day, Monsieur Fett. Auf zum Kaffee, sonst hast du schlechte Laune. Und lass uns bald mal das Weihnachtsprogramm besprechen.«
»Du kennst mich, immer auf den letzten Moment. Ciao, Bella. Wir telefonieren.« Fett legte auf und dachte an Theresa Rosenthal, Mordkommission Köln, mit der er einen Fall gemeinsam gelöst hatte, an das gemeinsame Lachen. Er atmete tief ein, schaute in den Spiegel, prüfte die Rasur, die grauen Haarsträhnen und verdrängte die Grübeleien. In der Küche füllte er frisches Wasser in die Kaffeemaschine. Marmelade, Vollkornbrot, Mineralwasser. Die Kaffeemaschine mahlte drauf los. Heute kein Befehl zum Entkalken, Reinigen, Schale Leeren. Er hasste die Befehle der Kaffeemaschine und sehnte sich nach der alten Filterkaffeemaschine zurück. Fluch der Technik.
Die Lage des Landes
Um 7.30 Uhr war Fett im neuen Präsidium in Aachen-Brand, dicht bei der Automeile und der Autobahnauffahrt auf die A44. Lagebesprechung, neueste Infos vom Innenministerium. Rüschendonk, Leitender Kriminaldirektor, wollte alle Kommissariate gemeinsam betanken. Im Besprechungsraum traf Fett auf die Kollegen. Er setzte sich in die letzte Reihe. Schmelzer war wieder zu spät. Vom Steppenberg nach Aachen-Brand musste er über den Außenring fahren. Der war morgens zu. Oder er hatte einen Termin bei der Klassenlehrerin von Sohn Justus, der gerade auf dem Kaiser-Karls-Gymnasium eingeschult worden war. Wieder war Schmelzer bei der Lehrerin an eine überzeugte Veganerin geraten, humorlos und mit Lastenfahrrad. Die Chemie würde er nie hinbekommen.
»Morgen, Kolleginnen und Kollegen«, rief Rüschendonk in die Runde. Alle murmelten etwas, das nach »Morgen« oder »Moin« klang.
Rüschendonk klopfte auf das Mikro, die Gespräche verstummten. Mit hartem Blick fixierte er die Frauen und Männer vor sich. Er war bekannt für knackige Ansagen. »Vom Innenministerium Bund und Innenministerium Land über BKA und LKA kommt folgende Lageeinschätzung zu mehreren Gefährdungspunkten. Vertraulich. Brauche ich nicht zu erwähnen. Für uns gibt es Aspekte, die mit Blick auf Aachen bedeutsam sind. Erstens sind wir eine Grenzstadt. Offene Grenzen zu Belgien und den Niederlanden. Zweitens sind wir Universitätsstadt. Knotenpunkt für Strömungen des linken und partiell identitären Lagers. Drittens haben wir mit rechtsradikalen Gruppierungen Erfahrungen. Denken Sie an die Wiking-Jugend bei Stolberg. Viertens sind wir verantwortlich für Hambach. Fünftens haben wir im April 2019 die erste europaweite Fridays for Future-Demo abgewickelt. Sechstens. Wir widmen uns ungelösten Fällen mit neuen Methoden. Die ungeklärten Morde können durch neue Methoden bei der DNA-Analyse geklärt werden.« Er schaute auf seine Kollegen und fuhr fort. »Nun zu den einzelnen Punkten, die ich Ihnen vortrage, damit sie bei aktuellen Fällen diese Folie drüberlegen können. Wir beobachten neue Flüchtlingsrouten. Die Lage in den Camps in Griechenland und auf den Inseln ist katastrophal. Zum Winter erreicht uns eine erste Welle, im Frühjahr steigt die Zahl. Es werden nicht nur Flüchtlinge eintreffen. Auch Terroristen, Folterknechte, Personen, die keine Ahnung vom Grundgesetz, Deutschland, Bildung haben. Minderjährige und solche, die sich als Minderjährige ausgeben. Wir müssen außerdem die regionale Salafistenszene im Blick behalten, das sind die mit den kurzen Hosen und langen Bärten. Zum Teil im Umfeld der Hochschule.« Er wechselte das Blatt und kam zum nächsten Punkt.
»Zweitens. Im Unispektrum tummeln sich identitäre und linksextreme Gruppen. Die Identitären haben Kontakt zu alten Nazis. Kollege Fett und Kollegin Ventzke vom Staatsschutz können ein Lied davon singen. Wir beobachten zunehmend Aktivitäten. Aggressives Auftreten in der Hooliganszene, Militanz gegen linke Gruppen, gezielte Provokationen gegen grüne und linke Politiker bis hin zu Listen mit deren Namen und Adressen. Die linksautonomen Gruppen verbünden sich zunehmend mit den Aktivisten in Hambach und suchen den Kontakt zu Fridays for Future. Als Trittbrettfahrer springen sie auf den Umwelt- und Klimazug auf, infiltrieren die Organisationen und drehen sie um. Ziel: Abschaffung unseres Systems, unserer Demokratie, Anarchie und irgendeine Form von Sozialismus, die keiner bis jetzt gesehen hat.« Manche Kollegen nickten zustimmend. Sie hatten Erfahrung mit Hambach und waren geschockt über die Gewalt und Brutalität. Rüschendonk fuhr fort: »Die Linksextremen nennen sich verniedlichend Aktivisten, sind ultrabrutal und gewaltbereit, vermischen sich mit den Klimaclowns, Extinction Rebellion, und legen es systematisch auf Rechtsbrüche an. Ziel: Störung des Rechtsempfindens der Bürger. Die Bürger sollen das Zutrauen in den Staat verlieren. Die Gesellschaft soll sich radikalisieren, über Klimaschutz, Klimaflüchtlinge und Kapitalismuskritik wollen sie den Systemwechsel erreichen. Medial stehen sie besser da als die Rechtsradikalen. Die Linken verfügen über Sympathisanten auf allen Ebenen. Der Kampf gegen rechte Gruppen verdeckt den Extremismus der Linksextremen. Das alles finden Sie im studentischen Umfeld mit Ausfransungen zu den Antifaschisten, die beim 9. November an die Reichspogromnacht erinnern und zugleich BDS unterstützen, diesen antisemitischen Verein, der Israel von der Landkarte verschwinden lassen möchte. BDS hat Kontakte in die Friedensszene und in die Kulturszene. Wir müssen bei Veranstaltungen dieser Organisation mit dem Verbrennen von Israelflaggen rechnen. Da schreiten wir sofort ein. Wir dulden keinen Antisemitismus, der unter dem Deckmantel der Israel-Kritik und der Meinungsfreiheit in die Öffentlichkeit drängt. Verstanden?« Die Leitungskräfte nickten.
Rüschendonk fuhr fort: »In Hambach erwarten wir im Frühjahr neue Aktivitäten. Die Linksextremen brauchen Öffentlichkeit wie Fische das Wasser. In der Politik ist vor dem Kohlekompromiss keine klare Linie zu erkennen. Das werden unsere Freunde ausnutzen. Sie werden auch auf die Dörfer bei Erkelenz ausweichen, falls Hambach nicht abgebaggert wird. Die Militanz wird zunehmen. Das Megathema Klima spielt ihnen in die Hände. Die Radikalität in der Berliner Szene wird in andere Städte überschwappen: Anschläge auf SUVs, Blockade von Kreuzungen und Flughäfen, militante Tierschützer, militante Baumschützer, militante Radfahrer. Für den Ausbau des Flugplatzes Aachen-Merzbrück erwarte ich Störungen aus der militanten Umweltszene. Sollte der Staatsschutz auf der Agenda haben. Und bei vielen Protestformen: Instrumentalisierung von Kindern nicht zu vergessen. Der Zweck heiligt die Mittel. Lückenlose Aufklärung und Beweisführung ist wichtig, sonst sitzen wir auf der Anklagebank.«
»Sitzen wir eh!« Ein Zwischenruf von Reinhard Fuchs, Leiter der Einsatzhundertschaft.
Rüschendonk griff das auf: »Kollege Fuchs, Ihren Frust kann ich verstehen. Habe selbst jahrelang eine Einsatzhundertschaft geführt. Wir vertreten das Recht und werden uns nicht provozieren lassen. Dokumentationstrupps immer dabei. Klare Ansagen, keine Gewalt, wir tragen die Damen und Herren Umweltschützer aus dem Wald, wenn es sein muss. Damit komme ich nochmal zu Fridays. Zurzeit sind die Demos friedlich. Das kann sich schnell ändern. Wir haben Informationen über die Verbindung zwischen Fridays, Schwarzem Block, Resten von Occupy Now, Extinction Rebellion und militanten Tierschützern. Erwarten Sie nicht Blumen bei den nächsten Demos. Je unzufriedener die Masse der Demonstranten mit den politischen Ergebnissen in Sachen Klimaschutz ist, desto schneller wächst das Aggressionspotenzial. Wenn Windradgegner als Taliban bezeichnet werden, lädt sich die Stimmung weiter auf. Und zum Schluss: Die Kolleginnen und Kollegen, die bisher mit Missbrauchsfällen beschäftigt sind, mit ungeklärten Morden, die bekommen Unterstützung. Nach bisherigen Erkenntnissen schwappt eine Welle von Missbrauchsfällen aus den gesellschaftlichen Großbereichen Sport, Karneval, Jugendfreizeit, Jugendheimen auf uns zu. Die Kirchen waren nur der Anfang. Auch bei den Pflegeeltern, den Waisenhäusern, den Erziehungsanstalten wird in die Akten geschaut. Da ist vieles verjährt, anderes nicht. Die Kommissariate werden dazu eine besondere Schulung bekommen. Wir haben Aussagen, dass gerade im Karneval und bei der Jugendbetreuung weggeschaut wurde. Auch in den Sportvereinen soll es in den 50er-, 60er- und 70er-Jahren zu zahllosen Missbrauchsfällen gekommen sein. Niemand wollte den Kindern glauben. Trainer, Priester, Prinzen und Karnevalspräsidenten waren angesehene Autoritätspersonen. Die Kleingartenanlagen mit ihren gemauerten Wochenendhäusern sollen Unterschlupf geboten haben. Mit diesen dunklen Informationen entlasse ich Sie in den Montag. Fragen?«
Die Polizisten sprachen miteinander, wirkten nachdenklich.
»Fellhofer, Stichwort Intensivtäter. Unsere jugendliche Klientel reist weiterhin über die Schiene oder mit Bussen ein. Wann wird die Bundespolizei zwecks Grenzcheck die Sollstärke erreichen?«
»Keine Ahnung, Kollege. Momentan werden Kräfte in Bayern zusammengezogen, da dort über den Balkan mehr illegale Grenzübertritte vorkommen. Wir bleiben dran. Nächste Frage?«
Zugführer Danino von der Einsatzhundertschaft meldete sich: »Wann werden wir das Camp in Hambach aufsuchen? Der Gerichtsbeschluss ist eindeutig. Camp ist nichts rechtskonform.«
»Lieber Kollege, rufen Sie mal in der Staatskanzlei an. Die wissen mehr. Nächste Frage.« Die Polizisten lächelten resigniert. Seit Jahren Rechtsbrüche, verletzte Beamte, zunehmende Gewalt, reisende Täter. Und sie durften im Camp nicht einmal Personenfeststellungen durchführen.
Rüschendonk bat um Ruhe. »Ich komme zum Schluss. Wir unterstützen heute Mittag und heute Nacht mit der Einsatzhundertschaft die Bundespolizei am Hauptbahnhof. Fußballfans von Red Bull Salzburg reisen bis Hauptbahnhof und von Aachen aus mit Bussen weiter nach Genk, Belgien. Spiel um 21 Uhr. Im Anschluss voraussichtlich Rückkehr und Sonderzug von Aachen nach Salzburg in der Nacht. Fragen?« Rüschendonk blickte in die Runde.
Schmelzer schlich durch die Tür, suchte Fett, sah ihn leicht dösend und schlich zwischen den Kollegen zu seinem Chef.
»Ein Toter in Bergstein auf dem Krawutschketurm. Soll übel aussehen«, flüsterte Schmelzer ihm ins Ohr.
»Keine besseren Botschaften? Rüschendonk reicht mir schon«, maulte Fett.
»Der Tote trägt keine Schuld. Wir müssen hin. Kriminaltechnik ist bereits vor Ort. Der Medizinmann hat den Tod bestätigt.«
Rüschendonk beendete seinen Lagevortrag und entließ die Führungskräfte in einen kalten und grauen Montag, so grau wie der Himmel über dem Krawutschketurm.
Ein Schuss und sieben Stiche
Kurz vor 10 Uhr trafen Fett und Schmelzer an der Kirche in Bergstein ein. Sie fuhren zum Parkplatz, von dem man auf den Stausee von Obermaubach schaute. Der dunkelrote VW-Bully der Kriminaltechnik parkte kurz hinter der Schranke am Aufgang zum Burgberg. Ein Streifenwagen stand am Seitenrand. Fett zog die schwarze Dockermütze über die Ohren, Schmelzer war eingemummelt in seine Funktionsjacke.
»Was wissen wir, Schmelzer?«
Schmelzer schaute auf sein Handy und las die Nachricht der KTU: »Alter Mann auf der obersten Plattform des Krawutschketurms. Kopfschuss und Messerstiche. Eugen Kaltenbach, 75, alleinstehend, aus Bergstein. Besaß einen Bauernhof. Hatte alles verpachtet. Frau vor zehn Jahren bei einem Unfall ums Leben gekommen. Vermutlich in der Früh umgebracht worden. Keine Kinder. Gefunden von einem Rentner aus Bergstein, der morgens hier seine Runde drehte.«
»Senile Bettflucht. Die können morgens nicht bis 8 Uhr abwarten.«
»Der Rentner hat einen Hund. Da muss man morgens raus. Der Hund hat den Toten gefunden.«
»Ja, oder vor der Alten flüchten.«
»Kommt drauf an.«
»Worauf?«
»Auf die Alte und den Hund. Übrigens hat er eine Fahne.«
»Wer, der Hund? Trinken die jetzt auch?«
»Nicht der Hund, der Hundebesitzer, dieser, na, dieser Norbert Jörres.«
»Frühtrinker. Hatte bestimmt Stress mit seiner Frau. Oder Witwer?«
»Nein, kein Witwer. Nur kalt.«
»Kalter Witwer?«
»Er hat wegen der Kälte getrunken, Chef.«
»Stimmt. Ich auch. Allerdings Kaffee.«
»Wo müssen wir lang, Herr Fett?«
»Hier, den kurzen und steilen Weg. Kenne ich.«
»Woher?«
»Damals. Segelflug in Bergstein. Manchmal sind wir hier gewesen. Wenn das Wetter nicht passte oder um die Aussicht zu genießen oder nahe am Himmel zu sein.«
Sie stapften den mittleren Weg hinauf, der steil in Richtung Krawutschketurm führte. Das gefallene Laub roch vermodert. Überall Einbuchtungen im Boden, abgebrochene Äste. Sie passierten das Kreuz für einen gefallenen US-Soldaten. Aus den Augenwinkeln sah Fett, dass eine Kerze brannte. Schmelzer rutschte auf seinen Sommerschuhen ständig aus. »Anne hat mir die falschen Schuhe rausgestellt. Irgendwelche handgenähten Ökoschuhe aus Afrika. So ein Käse.«
»Bestimmt sie auch Ihre Schuhe? Ich dachte, nur das Essen«, grinste Fett.
»Das auch. Wahrscheinlich muss ich bald barfuß latschen, zur Abhärtung oder weil irgendein Jogi das so macht.« Schmelzer keuchte. Leberkäs- und Streuselbrötchen machten sich konditionell bemerkbar. Endlich erreichten sie die Höhe und begrüßten die Kollegen aus Kreuzau.
»Kennen wir uns nicht von dem Fall in Obermaubach?«, fragte Fett.
Holz antwortete kurz und bündig: »Moin, ne, das waren andere Kollegen. Mein Name ist Holz, und drüben steht Kollegin Dillinger bei Herrn Jörres. Der hat die Leiche gefunden. Das heißt, sein Hund Rocky, der Dobermann. Außerdem hat der ordentlich geschluckt am frühen Morgen.«
»Der Hund?«
»Das fehlte noch, nein, der Jörres. Glaube nicht, dass er der Täter war.«
»Fürs Glauben ist der liebe Gott zuständig. Vielleicht weiß der Hund mehr. Fett und Schmelzer aus Aachen«, sagte Fett mit Blick auf den Kollegen aus Kreuzau.
»Sie, mit dem Drops auf dem Kopf, sind Kommissar Fett?«
»Drops auf dem Kopf? Das ist eine Dockermütze von New Yorker Hafenarbeitern.«
»Passt zum Rursee. Ahoi, die Herren. Wir stehen hier, um die Massen fernzuhalten, die gleich den Krawutschketurm stürmen werden.«
Hatte Rocky auf das Stichwort gewartet? Er bellte los, als ob 1000 Hasen über den Burgberg flitzen würden.
»Aus, Rocky! Aus!«
Jörres verschaffte den Ermittlern eine kurze Rocky-Pause. Fett schaute hoch zum Turm. Er erspähte die in weiße Overalls gekleideten Kollegen von der Kriminaltechnik.
»Schmelzer, versuchen Sie es mit dem betrunkenen Dobermannbesitzer. Ich klettere auf den Turm. Es wird eng da oben. Sie können nach mir hoch. Oder auch nicht.«
Fett passierte die Markierung der Blutlache am Fuß der Treppe und stieg die Metallstufen empor. Weitere Fahnen kennzeichneten vereinzelte Tropfen. Er blieb auf der letzten Stufe stehen und schaute auf den Toten.
»Moin, Herr Fett. Schöne Aussicht hier oben. Nur nicht für den da. Kopfschuss von vorne in die Stirn über der Nasenwurzel. Hinten ausgetreten. War sofort tot. Die sieben Messerstiche in die Brust brauchte es nicht mehr.« Kollegin Elke Unsleber leitete an diesem Tag die Kriminaltechnik. Ihre Aussagen waren belastbar. Ihr trockener Humor ansteckend. Sie engagierte sich im Umweltschutz, kam mit dem Rad zum Polizeipräsidium. Ohne Akku natürlich. Kurze braune Haare, trainierter Körper, grüne Augen, fester Gang, selbstbewusst. Fett musste sich konzentrieren.
»Todeszeitpunkt?«
»In der Früh. Heute Morgen.«
»Hell oder dunkel?«
»Der Schuss? Ich vermute vor Sonnenaufgang.«
»Nähe?«
»Nicht aufgesetzt. Keine Schmauchspuren und keine Kampfspuren. Nichts. Der muss von unten erwischt worden sein.«
»Tödlicher Schuss aus der Umgebung. Danach steigt der Täter, wenn es nur einer war, auf den Turm und versetzt ihm etliche Stiche?«
»Ja. Zuerst der Schuss, im Anschluss die Stiche. Sonst hätten wir nicht die Blutspritzer auf dem Geländer. Schuss, Täter klettert hoch, sieben Stiche, dreht ihn um, so sehen wir die Stiche nicht sofort. Und er ist nicht durch das Blut gelatscht wie der Frühtrinker da unten, denn der hat Blut an den Schuhen. Den können Sie vergessen. Der hat bestimmt 1,5 Promille.«
»Diese Early Bird Säufer sind mir die liebsten«, schwärmte Fett. »Sie reden so poetisch. Kann ich mir den Toten ansehen?«
»Noch eine Minute. Letzte Aufnahmen.«
Kommissarin Unsleber zeigte auf verschiedene Punkte, und eine Kollegin fotografierte. Kollege Sonanini sammelte das Besteck seines Tatortkoffers ein und nahm an Fett vorbei den Weg nach unten.
»Haben Sie seine Papiere gefunden?«, fragte Fett.
»Ja. Fast vergessen. Hatte der 75-Jährige dankenswerterweise dabei. Eugen Kaltenbach aus Bergstein. Geboren 1944.«
Unsleber reichte Fett den Personalausweis in einer Plastiktüte.
Fett betrachtete den Toten, das Einschussloch über der Nasenwurzel, die sieben Stiche durch den Mantel in die Brust. Eugen Kaltenbach starb mit 75 Jahren auf dem Krawutschketurm. Was soll das alles, dachte Fett.
»Können Sie grob sagen, aus welcher Richtung der Schuss gekommen ist?«
»Wir werden es am Computer simulieren«, versprach Unsleber. »Augenscheinlich stand Kaltenbach hier, neben der Infotafel in Richtung Vossenack, mit Blick über Bergstein in Richtung Westen. Die Blutspritzer auf dem Geländer und der Aufschlagpunkt auf der Plattform deuten darauf hin. Der Schuss muss von schräg unten gekommen sein. Quasi voll auf die Zwölf, klingt makaber, ist aber so. Wir untersuchen den Bereich dort unten gleich genauer.« Sie zeigte auf einen Graben, der sich in westlicher Richtung von Bunkerresten nach Norden zog.
»In der Dunkelheit eine Meisterleistung, den Alten zu erwischen.«
»Guter Schütze oder Schützin. Wir sehen uns das gleich unten an. Vielleicht finden wir eine Patronenhülse. Dafür brauchen wir den Metalldetektor. Übrigens kein großes Kaliber, Jagdwaffe oder so. Die Kugel ist allerdings hinten raus. Die werden wir kaum hier oben finden. Die Kölner Rechtsmediziner sollen den Schusskanal untersuchen. Jedenfalls sind Fund- und Sterbeort identisch.«
Eugen Kaltenbach. Kein typischer Name für die Region, befand Fett. Unten am Turm waren die ständigen Begleiter der Mordkommission eingetroffen, die dunklen Sargträger des lokalen Beerdigungsinstituts Himmelsleiter. Sie würden den Toten in die Rechtsmedizin der Uni Köln schaffen. Aachen besaß keine Rechtsmedizin mehr.
Fett stieg nachdenklich die Stufen hinunter zu Schmelzer, Kaltenbach und Rocky. Auf den Hund hatte er keine Lust. Seit er vor über 40 Jahren von einem Rottweiler angefallen worden war, hielt er sie auf Distanz. Die Hunde merkten, dass Fett sie scheute, rochen seine Angst. Da konnte Herrchen noch so oft rufen »Der will nur spielen!«. Bei Fett endete das Spiel, und die Aggressivität der Kampfhunde brach durch.
Der Stinkstiefel und die Sommersprossen
»Leinen Sie den Hund an die Sitzbank. Wir müssen mit Ihnen reden«, befahl Fett.
Jörres band einen Behelfsknoten und Rocky setzte sich aufmerksam und mit offener Schnauze auf sein Hinterteil. Er ahnte, dass Herrchen nicht in bester Verfassung war, und würde ihm zur Not mit Leine und Holzlehne der Bank zur Hilfe eilen.
»Wann waren Sie heute Morgen hier am Turm?«
»So gegen 7.30 Uhr ungefähr. Das ist die Zeit für Rocky.«
»Wo wohnen Sie und von wo sind Sie gekommen?«
Zwei Fragen. Das wurde etwas schwieriger für Norbert Jörres. Der Inhalt seines Flachmanns lag im hochprozentigen Bereich. Er fuhr sich nervös und fahrig über die Stirn.
»Bergstein, da drüben und von dort, den gemütlichen Weg bin ich gekommen, nicht den steilen.« Er zeigte auf eine Lücke zwischen den Resten zweier Bunker.
»Haben Sie etwas gehört, ist Ihnen jemand aufgefallen?«
»Nee, nichts. Und Rocky bellt ja hinter jedem Kaninchen her.«
»Wie sind Sie auf den Toten aufmerksam geworden?«
»Rocky, der bellte mehr als sonst. Hat das Blut entdeckt und wollte unbedingt auf den Turm. Ich geh manchmal hoch, weil die Aussicht so schön ist. Dann sah ich die Bluttropfen. Könnten ja auch von einem Tier stammen. Hier sind viele Tiere, nicht nur ich und Rocky, ab und an Wildschweine und Rehe und Füchse …«
»Halten Sie keinen Vortrag über Rotwild.« Fett wurde ungeduldig mit dem sichtlich angetrunkenen Mann. »Was ist Ihnen aufgefallen? Reißen Sie sich zusammen, Mann. Sonst nehmen wir eine Blutprobe.«
Jörres zuckte. So hatte lange niemand mehr mit ihm geredet. Zuletzt sein Frühstücksdirektor, der einmal pro Woche von Düren zur Filiale nach Kleinhau gefahren kam.
»Sind Sie schwerhörig?«, ermahnte Fett.
»Nein, nein, nein. Nichts, ich habe nichts gesehen und gehört. Nur den Toten da oben, den habe ich gesehen. Dann habe ich angerufen, Herr Kommissar.«
»Wir müssen den Hund ins Tierheim geben. Alkoholiker dürfen keine Hunde halten.«
»Bitte, Herr Kommissar. Rocky ist alles, was ich habe. Mit wem soll ich denn sonst reden?«
»Mit mir und mit Frauchen.«
»Ich weiß nix. Ich geh hier rum, sehe den Toten und ruf die Polizei. Und kalt ist mir auch. Ist ja nicht verboten, was gegen die Kälte zu tun. Oder?« Norbert Jörres geriet trotz der Frische des Tages ins Schwitzen.
»Sagt Ihnen der Name Eugen Kaltenbach etwas?«
»Kaltenbach. Ja. Eugen Kaltenbach. Ein Stinkstiefel. Ist der das da oben?« Jörres hob das Kinn leicht in Richtung Turm.
»Warum ein Stinkstiefel?«
»Der hat Ärger gehabt und Ärger gemacht. Alle hassten ihn. Fragen Sie doch rum. Mehr sag ich nicht. Fragen Sie die anderen im Dorf.«
»Halten Sie sich zu unserer Verfügung. Rocky auch. Und schlafen Sie Ihren Rausch aus.« Fett hatte genug von dem Alkoholiker.
»Rocky, komm!« Herr und Hund machten sich nachdenklich auf den Weg zurück nach Bergstein. Was der Hund dachte, wusste niemand. Norbert Jörres überlegte, dass er bei der nächsten Leiche einfach die Klappe halten würde. Er sehnte sich nach seinem Hobbykeller und der Flasche Wodka im Werkzeugschränkchen neben der Laubsäge.
»Schmelzer, gehen Sie mit Holz und Dillinger zu den Häusern am Ortsrand«, befahl Fett. »Vielleicht hat jemand was gehört oder gesehen. Ich bleib bei Frau Unsleber. Die prüft die möglichen Positionen, aus denen geschossen worden sein könnte.«
»Positionen prüfen. Na dann. Viel Vergnügen. Dafür hab’ ich eh nicht die richtigen Schuhe an.«
Kollegin Unsleber stakste bereits wie ein Storch im weißen Overall durch das Unterholz in einem Graben nahe des Krawutschketurms. Immer wieder blickte sie hoch zum Turm, wo ein Kriminaltechniker an der Brüstung stand. Sie legte an, als ob sie ein Gewehr halte, und zielte auf den Kollegen. Der warf die Spule mit einer dünnen roten Schnur zu ihr hinunter. Sie schritt vorsichtig damit weiter bergab bis zu einer Vertiefung. Dort aus der Kuhle, vielleicht ein Bomben- oder Granattrichter, von dort musste der Schuss erfolgt sein. Die Schnur war gespannt. Der Polizist auf dem Turm hielt sie in Höhe des Kopfs vom Toten an der Stelle auf dem Turm, wo er gestanden haben musste.
»Was gefunden?« Fett stand am Turm, um nicht Spuren zu zertreten,
»Der Täter muss von hier geschossen haben.« Sie zeigte in Richtung des Kollegen. »Keine brauchbaren Spuren.«
Super, dachte Fett. Ein toter Senior, ein betrunkener Senior, ein nüchterner Dobermann. Alles super an diesem Montagmorgen am Krawutschketurm. Frohe Weihnachten. Er betrachtete die Infotafel am Turmaufstieg, las die Geschichte, wartete auf Elke Unsleber.
»Wir prüfen alles. Es sieht nicht gut aus.« Elke Unsleber schwitzte unter dem Overall.
Ihre Sommersprossen mochte Fett. Er hatte sie häufig an Tatorten beobachtet. Sie behielt den Überblick und gab entscheidende Tipps. Nur heute war Essig.
»Sieben Stiche, Schuss in die Stirn, mitten zwischen die Augen. Muss ein guter Schütze gewesen sein.« Fett schaute die Kollegin fragend an.
»Bestimmt. Die Kriminalmedizin soll auf den Schusskanal achten. Sagte ich bereits. Kaliber neun Millimeter war es nicht.«
»Werde ich ausrichten, danke. Freue mich auf Ihren Bericht, Kollegin.« Fett reichte ihr die Hand. Er nahm den steilen Weg hinunter in Richtung Bergstein. Nach wenigen Metern hielt er an dem Kreuz für den amerikanischen Soldaten. Er las die Inschrift: »PFC Paul Peternell. 121. US-Infanterieregiment. 8. US-Infanteriedivision. Vermisst seit dem 9. Dezember 1944 im Bereich des Burgbergs. Gefunden im Juli 1981 am Burgberg durch Stefan Hoven. Beigesetzt auf dem amerikanischen Soldatenfriedhof Neupre (Neuville-en-Condroze) in Belgien. Möge er in Frieden ruhen.«
Die amerikanische Spur
und das Monster
Fett beugte sich hinunter zu den drei Kerzen vor dem Gedenkkreuz, von denen eine brannte. Er stutzte, nahm einen kleinen Zweig und spießte etwas auf: eine Patronenhülse. Die Hülse war nicht verrostet, sie glänzte, er hielt sie an seine große Nase. Die Patronenhülse roch nach Pulver. Vorsichtig legte Fett sie wieder vor das Kreuz, zog sein Handy aus der Jackentasche und rief Elke Unsleber an.
»Ich hab hier was. Kommen Sie 50 Meter den steilen Weg runter.«
»Nichts berühren«, warnte die Kollegin, als sie Fett erreichte. »Die Hülse liegt noch nicht lange da. Guter Blick, Kollege Fett. Kaliber 7,62 Millimeter Springfield. Sieht mir nach amerikanischer Munition für das M1 aus.«
»Geht es etwas genauer?«
»Standardgewehr der US-Streitkräfte im Zweiten Weltkrieg. Halbautomatisch. Bestimmt liegt hinten im Museum Hürtgenwald ein Exemplar.«
»Das geht mir zu schnell. Sie meinen, die Kugel wurde aus einem amerikanischen Karabiner abgefeuert, der im Zweiten Weltkrieg hier zum Einsatz kam. Und drüben, im Museum in Vossenack, da liegt so ein Teil?«
»Ich vermute. Den Rest nach der ballistischen Auswertung. Einen Reim müssen Sie sich darauf machen. Ich liefere Daten und Fakten. Wie immer, lieber Herr Fett.«
»Der liebe Herr Fett hat da oben einen Toten mit Kopfschuss, sieben Messerstichen und hier, an dem Kreuz für den Private First Class Peternell, der im Dezember 1944 am Burgberg vermisst wurde, eine frische Patronenhülse. Nicht zufällig. Davon gehe ich aus.«
»Würde ich auch so sehen. Viel Erfolg bei den Ermittlungen.« Elke Unsleber steckte eine Markierung in den Boden, rief den Kollegen Sonanini auf dem Krawutschketurm an und gab die Untersuchung der Bodenstelle in Auftrag.
Schwer atmend stiegen Schmelzer, Holz und Dillinger, von den Anwohnern kommend, den steilen Weg hoch zum Kreuz von Peternell.
»Und?« Fett schaute die Kollegen erwartungsvoll an.
»Käse. Nichts. Die unmittelbaren Nachbarn haben das Gebell von Rocky gehört. Eugen Kaltenbach, der wanderte an jedem Tag morgens hoch zum Krawutschketurm. War wohl sein Sportprogramm. Beliebt war der nicht. Eigenbrötler und schnell mit dem Anwalt zur Hand wenn es Streit gab. Von Trauer keine Spur. Eher Erleichterung. Mit dem Rest können wir nichts anfangen.«
Fett zeigte den Kollegen die Patronenhülse: »Haben wir an dem Kreuz gefunden. Amerikanischer Karabiner aus dem Zweiten Weltkrieg. Heute Morgen abgefeuert.«
Schmelzer schaute überrascht. »Schon wieder eine alte Geschichte. Ich krieg die Motten. Wieder Zweiter Weltkrieg, Verbrechen, Krieg. Hört das denn nie auf? Vor 75 Jahren war die Hölle los im Hürtgenwald. Jetzt bekommen wir wieder Vergangenheit serviert. Das macht mich kirre. Herr Fett, da soll Kollegin Lövenich von den Kapitalverbrechen ermitteln. Ich bin zu. Mir reicht das. All dieser Nazikram, diese unendliche Geschichte, diese Netzwerke und Seilschaften.« Es platzte aus Schmelzer heraus. Er hatte genug Fälle erlebt, die tief mit der Geschichte des Dritten Reiches verbunden waren. »Zu allem Überfluss wird es auch mysteriös, Chef. Hier geht ein Monster um.« Schmelzer machte eine Kunstpause. »Sürches Mossel.«
»Schmelzer, lenken Sie nicht ab von dem Schlamassel. Lassen Sie alle Kameras auswerten, Hotels und Pensionen abklappern, Museum Hürtgenwald checken, den Toten lebendig machen mit seiner Vita.«
»Die Anwohner glauben, dass es der Überfall eines Offiziers der Truppen Karls V. war. Der spuke hier seit dem 16. Jahrhundert, und in jedem Jahr falle ihm ein Mensch zum Opfer.«
»Zu viel Stephen King gelesen?«
»Ich lese lieber Regionalkrimis, wissen Sie ja. Hier gab es in den letzten Jahren ungeklärte Unfälle von Wanderern, ab und an einen Überfall. Vor ungefähr 20 Jahren soll ein Wanderer aus Nonnenbach so erschreckt worden sein, dass er durchdrehte. Der wurde in die Landesklinik nach Düren gebracht. Er soll etwas von einem Wolf mit Messer gefaselt haben. So, halten Sie sich fest. Drüben, vor der Kirche, da ist ein kleiner Platz. Dort steht eine Skulptur von diesem Untoten.«
»Schmelzer, ich ermahne Sie. Wenn Sie nicht sofort die Aufträge rausgeben, gibt es ein Diszi und eine Woche Verbot von Fleischwurstbrötchen mit dicker Scheibe.«
»Die Skulptur zeigt einen Menschen mit Wolfskostüm und Krummmesser.«
»Schreiben Sie es auf. Nachher im Büro. Erinnert mich an einen französischen Film. Nicht die Purpurnen Flüsse, sondern, ich komm drauf, ich komm drauf. Pakt der Wölfe oder so ähnlich. Schöne Geschichte. Taugt für einen Lokalkrimi aus Bergstein. Nicht für uns.«
»Und wenn es ein Ritualmord war?«, grübelte Schmelzer. »Spuren ablenken mit amerikanischem Gewehr und so. Dann hat es nichts mit dem Krieg zu schaffen, sondern mit einem Psychopathen aus der Nordeifel.« Schmelzer wollte seine Theorie nicht über den Haufen oder vom Burgberg werfen. »Ich lese Ihnen vor, was auf der Infotafel steht, habe ich mit dem Handy abfotografiert: ›Während des Krieges zwischen Karl V. und Wilhelm V. von Jülich im Jahr 1542 lagen Truppen Karls in Bergstein und sollten auf Befehl Karls die Burg Nideggen einnehmen. Der Anführer der Truppen wollte die Nideggener überlisten und hüllte sich in ein Hundefell. So verkleidet schlich er sich an die Stadt Nideggen heran. Mit seinen Truppen hatte er vereinbart, dass sie ihm auf ein geheimes Zeichen hin folgen sollten, sobald der richtige Zeitpunkt gekommen war. Für den Fall, dass sie kein Zeichen von ihm erhalten würden, sollten sie davon ausgehen, dass er gefangen genommen oder getötet worden war. Sollte dies geschehen, so hatte er sich geschworen, wollte er jahrhundertelang sein Unwesen in der Gegend treiben. Der Anführer der Truppen wurde bei seiner List vom Grazias-Turm der Burg Nideggen erschossen. Seitdem soll er jede Nacht den Weg von Bergstein bis Nideggen und zurück stöhnend und ächzend in Gestalt eines Hundes zurücklegen. Auf seinem Weg soll er Menschen, die ihm begegnen, zwischen die Beine laufen, sie ein Stück weit forttragen und schließlich unsanft abwerfen.‹«
»Unsanft abwerfen, Schmelzer, nicht töten, erstechen oder erschießen.«
»Die Anwohner munkelten, dass sich das Wesen radikalisiert habe.«
»Jede Nacht.«
»Nein, einmal im Jahr. Zu einem besonderen Anlass wie Weihnachten, Ostern, Christi Himmelfahrt, Mariä Himmelfahrt, Michaeli oder zu historischen Daten erwischt es in der Regel Männer, aber niemand glaubt den Bewohnern.«
»Jetzt haben die ja einen Gutgläubigen gefunden: Kommissar Schmelzer, Geisterjäger, Assistent von John Sinclair. Mann, Schmelzer. Das ist Mist. Schreiben Sie es von mir aus im Büro in eine Datei und befolgen Sie endlich meine Anordnungen. Ich geh nochmal hoch auf den Turm. Wir treffen uns am Wagen.«
Der längste Tag
Fett kochte. Er ärgerte sich über Schmelzer, darüber, dass ihre Abteilung immer die Fälle mit Geschichte bekam, immer diese Vergangenheit, der Zweite Weltkrieg. Es hörte nicht auf, es hörte nie auf. Nun kam die Enkelgeneration, und auch die hatte offene Rechnungen. Eugen Kaltenbach, 75 Jahre, alleinstehend, klettert im Dunkeln auf den Krawutschketurm, geht jeden Morgen hinauf. Kann ein Täter rausfinden. Kaltenbach schaut in den Westen, steht am Rand der Brüstung, peng, Kopfschuss, sofort tot. Schütze steigt hinterher, sticht sieben Mal zu und verschwindet. Muss ein guter Schütze gewesen sein. Schmelzer sollte prüfen, wer aus Bergstein Scharfschütze bei der Bundeswehr war. Wer war der beste Schütze im Schießverein, hat Bergstein einen Schießverein oder eine Schützenbruderschaft? Fett ging die gesammelten Fakten durch. Die Patrone am Grab des amerikanischen Gefreiten Peternell. Ablenkung, Zeichen, Rätsel? Das war kein Krieg zwischen zwei verfeindeten Nachbarn. Der Fall reichte vermutlich zurück in die Geschichte. Wer war Eugen Kaltenbach? Wer war sein Vater, seine Mutter, Geschwister?
Fett erreichte die oberste Plattform. Das Blut auf den Holzbrettern war dunkler geworden, ein paar Spritzer auf der Infotafel, die Richtung Vossenack aufgestellt war. Der nächste Regen würde die Spuren der Tat abwaschen. Alles würde versickern in den Burgberg, den Hügel der blutigen Stiefel, getränkt vom Blut der Soldaten. Fett griff zu seinem Handy. Der Empfang war hundsmiserabel. Er gab Burgberg ein und stieß auf Hill 400. Fett versank in die Zeit vor 75 Jahren. Genau vor 75 Jahren war hier auf und am Berg die Hölle los gewesen. Er lehnte sich an die Brüstung und sah vor seinen Augen die amerikanischen Ranger, die von Brandenberg aus über die freie Fläche angriffen. Sie waren dem Artilleriefeuer der Wehrmacht schutzlos ausgesetzt. Er blickte auf die kargen Felder, die keine Deckung boten. Am 7. Dezember 1944 stürmten die Ranger den Burgberg. Der deutsche Kommandant befahl deutsches Artilleriefeuer auf den eigenen Bunker. Die Ranger verloren beim ersten Angriff ein Viertel aller Männer. Fett dachte an den Film Platoon, der damit endete, dass die US-Einheit von Nordvietnamesen überrannt wurde und der Kommandant einen Luftschlag auf die eigenen Stellungen befahl. Alles versank in Napalm. Vor Fetts Augen tobten die Kämpfe. Kann man sich das vorstellen? Kann man versuchen, die Situation zu erfassen, die Angst, das Schreien, den Kampf Mann gegen Mann, die abgerissenen Glieder, den Stoß des stumpfen Bajonetts in den Brustkorb, der letzte Blick auf die Handgranate, die in das Schützenloch fliegt? Private First Class Peternell, der amerikanische Gefreite, wurde vermisst bis zu dem Tag im Jahre 1981, an dem seine Überreste in einem Schützenloch gefunden wurden.
Fett dachte an den 7. Dezember 1944. Sieben Messerstiche. Was sagte Elke Unsleber? »Voll in die Zwölf.« Kopfschuss. Sieben und zwölf. 7.12., der Tag des Horrors hier am Burgberg. Im Schnee, im Matsch, im Eis, im Regen, im Dreck, im Granatenhagel. Die Amerikaner waren seit dem 12. September 1944 in Deutschland. Da erreichte die erste Einheit Roetgen, und zur Warnung standen überall die Schilder: »Entering Germany«. Jetzt lag hier oben Eugen Kaltenbach, erschossen mit einem M1 Karabiner der US-Army. Die Patronenhülse auf dem Grab von Peternell. Eine Ablenkung? Fett schaute auf Bergstein, Brandenberg, Vossenack, Schmidt, das Kalltal. Wolkenfetzen jagten von Westen nach Osten, es lag Schnee in der Luft. Ein Pfiff. Die Rurtalbahn. Wo war er hineingeraten, wer lenkte hier das Geschehen, warum diese Messerstiche, diese Legende, diese Stephen-King-Geschichte aus dem 16. Jahrhundert? Oder narrte sie jemand? Fett blickte auf Bergstein. Aus einigen Kaminen stieg Rauch, der sofort vom Wind nach Osten vertrieben wurde. Er steckte die kalten Hände in die Jackentasche seines gefütterten Parkas, den er auf seinem Klapprad brauchte. Die Dockermütze zog er fest über die Ohren. Er war nicht überzeugt von den Verbindungen zur US-Army. Zu offensichtlich, zu einfach.
Die wilde Jagd
Schmelzer saß im Wagen. Er hatte etliche Telefonate geführt. »Damit Sie nicht denken, ich beiße mich an der Wolfslegende fest. Habe bereits Aufträge erteilt.«
»Wolf oder Hund?«
»Wolfshund, Chef.«
»Zum Glück wurde Kaltenbach nicht nach dem 26. Dezember ermordet, sonst würden Sie über die Wilde Jagd spekulieren.«
»Wer oder was, um Himmels willen, ist die Wilde Jagd?«
»Ein wenig Kenntnis über deutsche Mythen kann nicht schaden, Herr Kollege. Schlag nach bei den Brüdern Grimm. Von Weihnachten bis zum Dreikönigstag treibt Die wilde Jagd ihr Unwesen. Mit Wolfsgeheul und Hundegebell. Diese Gestalten schießen durch den Nachthimmel hinunter in die Wälder, erschrecken Wanderer, Jäger, Förster, Waldarbeiter. Wer nicht spurt, kommt mit. Auf ewig Wilde Jagd. Vielleicht haben die sich im Kalender vertan, und Eugen Kaltenbach musste sterben.«
»Schöne Bescherung. Wilde Jagd und Sürches Mossel. Zwei grausige Legenden.«
»Genug mit den Legenden und Mythen. Wer war Eugen Kaltenbach?«
Schmelzer öffnete die Datei auf seinem Handy: »Jahrgang 1944, einziges Kind von Wilhelm Kaltenbach, der vor 1933 von Schlesien in die Eifel auswanderte, einen Hof kaufte und ziemlich schnell in der kargen Eifel mit Erfolg wirtschaftete. Vater Wilhelm trat früh der NSDAP bei, quasi alter Kämpfer, und war prompt 1933 die Nummer eins. Ortsvorsteher, Goldfasan, also mit Uniform der SA in Braun und goldenen Streifen. Freigestellt vom Krieg, zuständig für die Landwirtschaft in einem Teil der Nordeifel. Er wurde entnazifiziert. Moment, da gab es einen Prozess, der im Sande verlaufen ist. Wilhelm Kaltenbach soll den deutschen Verteidigern des Burgbergs Stellungen der Amerikaner verraten haben. Darunter auch ein Haus mit verletzten US-Soldaten. Das Haus wurde unter Artilleriebeschuss genommen, alle Soldaten starben. Ein Nachbar habe den alten Kaltenbach bei den Amerikanern denunziert. Angeblich aus Rache am Goldfasan, der seine Macht missbraucht habe, um sich Felder, Wälder und Wiesen unter den Nagel zu reißen. Trotzdem muss der alte Kaltenbach glimpflich davongekommen sein mit Entnazifizierungsverfahren und so weiter. Das Verhältnis zum Dorf und den Nachbarn blieb zerrüttet. Die Mutter des Toten stammte auch aus Schlesien, starb Ende der 50er-Jahre.«
Fett schaute ihn fragend an: »Motiv Rache? 2019 und 1944. 75 Jahre später kommt jemand und übt Rache an Eugen Kaltenbach, dem Sohn, und das auf diese spektakuläre Art?«, sinnierte Fett. »Warum nicht in Ruhe bei ihm in der Wohnung? Weil es der Burgberg ist? Weil es um den Burgberg ging vor 75 Jahren? Sieben Stiche, Schuss auf die Zwölf. 7. Dezember 1944, Angriff auf den Burgberg, Verrat von Kaltenbach, er besiegelt das Schicksal vieler Amerikaner und wird mit einem Karabiner der US-Army erschossen. Fall gelöst. Bravo, Schmelzer. Jetzt müssen wir die Nachfahren der US-Soldaten checken, schauen, wer vor Kurzem von den USA nach Europa gekommen ist. Vielleicht lebt jemand sogar in Deutschland oder Europa. Klasse. Kann Monate dauern. Sehr gut.« Fett machte eine Pause. »Holen Sie bei Unsleber den Wohnungsschlüssel von Kaltenbach. Wir schauen uns sein Haus an, und dann geht es zur Kantine.«
Häuser und Menschen
Eugen Kaltenbach hatte am Ortsrand von Bergstein ein Haus gebaut und dann den Hof seines Vaters Wilhelm verpachtet. Steingarten statt Vorgarten, eine Kutsche mit Bauern aus chinesischem Beton, mit Plastik überzogene Sträucher zum Schutz vor Schnee und Eis. Die dunklen Butzenscheiben der Fenster wirkten unheimlich. Aus dem Kamin stieg Rauch auf. Fett betrachtete das Haus, den Vorgarten, die Steinwüste. Schmelzer schätzte den Abstand zu den nächstgelegenen Häusern auf einen Kilometer. Kaltenbach hatte abseits gewohnt.
Fett öffnete die Tür. Ein unangenehmer Geruch schlug ihm entgegen. Er kannte den Geruch der Häuser von Toten. Jedes Haus roch anders. Das Leben eines alten Mannes, der sich allein versorgte. Von einer Haushälterin war nichts bekannt. Fett öffnete die Tür zum Wohnzimmer. Der Blick ging hinüber nach Schmidt und Kommerscheidt. Ein alter Schreibtisch, Papiere, Rechnungen. Auf dem Kaminsims Fotos von Eugen Kaltenbach mit seiner Ehefrau, die vor Jahren ums Leben gekommen war. Keine Kinder. Keine Fotos der Eltern. Die Abrechnungen des Pächters Tyssen akkurat abgeheftet. Gab es Verwandtschaft? Fett blätterte im Familienstammbuch von Eugen Kaltenbach, fand Angaben über seine Ehefrau.
»Die KTU soll das Haus durchsuchen. Hier könnten Geheimnisse schlummern, die uns Motive liefern«, rief er Schmelzer zu, der aus dem Schlafzimmer kam und vor lauter Hunger ziemlich unaufmerksam die Schubladen durchsucht hatte.
»Ein paar Sparbücher der Sparkasse Düren. Arm war er nicht. Mehrere 100.000 Euro«, brummte Schmelzer.
»Wer erbt? Das muss uns interessieren. Prüfen Sie das Telefon und den Anrufbeantworter.« Fett war müde. Wieder dieser Blick in ein seltsames Leben. Eugen Kaltenbach, heute Morgen für ihn noch unbekannt; nun stocherte er in dessen Leben herum.
»Alles sauber, Chef. Als ob niemand angerufen hätte. Keine Aufzeichnungen auf dem Anrufbeantworter. So möchte ich nicht enden. Abgeschieden, alleine, steinreich und einsam am Ortsrand von Bergstein.«
»Steht Ihnen auch nicht bevor, Schmelzer. Wo ist der Bauernhof mit dem Pächter Tyssen?«
»Hinten am Sportplatz von Bergstein.«
»Haus versiegeln, KTU informieren. Wir fahren rüber.« Dann hörten beide ein Geräusch aus dem Keller, als ob eine Flasche umgekippt sei.
Fett legte den linken Zeigefinger an seine Lippen und zog mit der rechten Hand die Dienstwaffe aus dem Holster. Schmelzer nickte ihm zu, zog ebenfalls seine Pistole. Fett zeigte in Richtung Kellertür. Schmelzer ging vor. Die Tür war offen, leicht angelehnt. Wieder ein Geräusch. Schweißperlen auf der Stirn. Fett wischte kurz mit dem linken Handrücken. Schmelzer schaute ihn an.
»Polizei! Kommen Sie heraus! Das Haus ist umstellt.« Fett übertrieb. Aber für Telefonate mit Aachen blieb ihm keine Zeit. Schmelzer öffnete vorsichtig die Tür und knipste blitzschnell den Lichtschalter an. Mit einem lauten und fauchenden »Miau!« schoss ein schwarzer Kater an beiden vorbei in Richtung Wohnzimmer. Die Kommissare schauten sich überrascht und erleichtert an. Dann stiegen sie mit gezogenen Waffen die Treppen hinunter. Der Kater hatte eine Weinflasche umgeworfen und mit der Flasche gespielt.
»Im Keller nichts Neues«, sagte Fett und steckte die Waffe ein. »Sagen Sie der KTU, dass hier ein Kater rumläuft. Fall fürs Tierheim. Oder er haut ab in die freie Wildbahn. Auf zu Bauer Tyssen.«
Schmelzer atmete tief durch. Auch ihm hatte die Überraschung zugesetzt. Und das alles auf leeren Magen.
Kurz danach bogen sie in den Hof von Tyssen ein, und Fetts Erinnerungen an die Kindheit auf dem Bauernhof in Langerwehe waren sofort präsent, als er den Geruch von Stall, Futter, Jauchegrube wahrnahm.
»Wen suchen Sie?« Ein vierschrötiger Mann um die 50 kam auf sie zu. Gummistiefel, grüne Arbeitshose, verschmutzte Joppe und auf dem Kopf etwas, das mal ein Hut gewesen sein konnte.
»Fett, Schmelzer. Kripo Aachen. Sind Sie Lorenz Tyssen?«
»Wer sonst?«
»Sie könnten ein Knecht sein?«
»Knechte gibt es nicht mehr. Nur Landwirtschaftshelfer.«
»Wo waren Sie heute Morgen von 6 bis 10 Uhr, Herr Tyssen?«
»Was ist los? Wurde eine Bäckerei ausgeraubt oder wieder ein Geldautomat gesprengt?«
»Für Fragen sind wir zuständig.« Fett hatte ein ungutes Gefühl.
»Lassen Sie mich meine Arbeit machen. Ich hatte Nachtschicht in Düren bei den ehemaligen Fordwerken. Bin um 6 Uhr zurückgekommen, hab die paar Kühe gefüttert und dann die Abrechnung für die Molkerei gemacht.«
»Gibt es Zeugen dafür?«
»Ja, neben Elli noch 30 andere Kühe.«
»Dann werden wir die verhören.«
»Was soll das?«
»Eugen Kaltenbach ist tot.« Fett hielt Todesort und –art zurück.
»Kaltenbach tot? Wenn Sie kommen, dann ist er kaum sanft entschlafen?«
»Gut kombiniert. Also, haben Sie Zeugen?«
»Meine Frau und die Kinder. Meine Frau hat mir um 6 Uhr das Frühstück gemacht, um 7 Uhr sind die Kinder zum Schulbus, um 7.30 Uhr kam der Milchwagen. Reicht das?« Tyssen wurde leicht aggressiv, auch wenn er eine gewisse Freude über den Tod von Kaltenbach nur schwer unterdrücken konnte.
»Wir prüfen alle Angaben. Wie war denn Kaltenbach als Eigentümer?«
»Ein Arschloch. Blutsauger. Wehe, wenn die Ernte mal schlecht ausfiel. Von Stundung der Pacht keine Rede. Der hetzte sofort Anwälte los. Wurde noch schlimmer, als seine Frau bei dem Autounfall gestorben ist. Wenn Kaltenbach stirbt, dann wird es in Bergstein besser. Das sagten alle. Wie ist es passiert?«
»Erfahren Sie noch früh genug, Herr Tyssen.«
»Was wird aus dem Hof?«
»Es gibt bestimmt noch Verwandte der Ehefrau. Dauert. Vielleicht wird alles besser für Sie.«
Tyssen nahm die undefinierbare Kopfbedeckung in die Hand, drehte sie hin und her. Er dachte nach. All die Auseinandersetzungen mit Kaltenbach, die Inkassotypen noch vor Heiligabend. Wenn Agatha Kaltenbach damals den Alten nicht aufgehalten hätte, dann wäre Familie Tyssen rausgeflogen. Warum musste sie diesen absurden Tod sterben?
»War es das, Herr Kommissar? Ich muss mich hinlegen. Heute wieder Nachtschicht.«
»Wem trauen Sie einen Mord an Kaltenbach zu?«
»Gehasst wurde er von vielen. Mord? Hören Sie sich im Dorf um. Ich bin zu müde, um über Kaltenbachs Mörder nachzudenken. Wiedersehen.« Er stampfte in Richtung Küche und ließ Fett und Schmelzer auf dem Hof stehen.
»Prüfen Sie das Alibi, Schmelzer. Jetzt ab ins Präsidium.«
Schmelzer wird überwacht
Sie waren spät dran. Keine warmen Speisen mehr am Buffet. Drei einsame Schüsselchen mit Vanillepudding und Himbeersirup. Fett zahlte für die drei, nahm zwei kalte Frikadellen und suchte mit Schmelzer einen Tisch mit Aussicht. Nur einige Kollegen von der Bereitschaft saßen in der Kantine.
»Brauchen wir eine besondere Aufbauorganisation?« Schmelzer vertilgte Pudding Nummer eins. Die Frikadelle erledigte er mit zwei Bissen. Er hatte Fleischeslust. Wie immer.
»Dafür fehlt das Personal. Da müssen wir beide ran und wieder in die Vergangenheit schauen.«
Pudding zwei war an der Reihe, und Schmelzer blickte so intensiv auf die Verlaufsformen des Himbeersaftes, dass er den Mord vergaß. »In meiner Kindheit gab es oft Pudding mit Himbeersaft.«
»Ja und Schokopudding mit selbstgemachter Sahne am Sonntag.« Fett hatte keine Lust auf diese Nahrungserinnerungsgespräche.
»Ich mochte mehr Vanillepudding.« Schmelzer biss sich fest. Sein Lieblingsthema.
»Was macht die vegetarische Küche von Anne?« Fett wusste, dass Schmelzer seit Freitag nur Gemüse, Tofu, salzlose Kost bekommen hatte.
»Wird immer ideologischer. Wenn nur die Belehrungen nicht wären. Alles weiß sie besser. Alles. Aus dem Essen wird eine Wissenschaft. Die freudlose Küche. Justus und ich fahren heimlich zu Metzgereien. Sie macht sogar Kontrollanrufe. Ob ich Kunde bei Lemmen oder Brach sei. Fleischkonsumüberwachung.«
»Nehmen Sie meine Frikadelle. Ich hab Bockwürstchen im Kühlschrank.«
Schmelzers Laune besserte sich für wenige Minuten. Fett ging auf die Probleme nicht weiter ein. Er hatte genug für den Tag. Sie verabschiedeten sich freudlos.
Fett verließ das Polizeipräsidium und stieg auf sein Klapprad. Trierer Straße und Adalbertsteinweg waren um die Uhrzeit dicht. Er zog die Gelbweste an, steckte Vorder- und Rücklicht an den Rahmen und legte das schwere Kettenschloss ins Körbchen. Seit dem Sommer fuhr er Rad. Den Alfa hatte er verkauft wegen Altersschwäche. Ein neuer Wagen war nicht in Sicht. Sein Vater hatte immer gesagt: »Auto fängt mit AU an und hört mit O auf.« Über VW-Käfer und einen Golf Diesel war Fetts Vater nie hinausgekommen. Reichte ihm für seine Fahrten zur Wache nach Düren und zur Bereitschaftspolizeiabteilung IV nach Linnich. Der Wind war frisch, kein Schnee, nasses Laub, spiegelnde Pfützen. Fett fuhr an der Lützow-Kaserne vorbei in Richtung Aachen-Arkaden. Ein Denkmal vergangener Konsumlust. Er passierte die Josefskirche und steuerte auf den Kaiserplatz zu, wo seit Jahren mit Drogen gehandelt wurde. Nichts hatte sich verbessert. Wahrscheinlich wurde in der Tiefgarage vom Aquis Plaza Einkaufszentrum gedealt. Über den Willy-Brandt-Platz, wo bei der Einweihung Willy mit zwei »i« falsch geschrieben worden war, radelte er, nach links abbiegend, am Parkhaus vorbei auf die Peterstraße zu. Hubert Moonen, Herren-Oberbekleidung, seit Jahren schon geschlossen. Er schob über die Fußgängerampel in Richtung Parkhaus Büchel. Der Weihnachtsmarkt. Er hatte den Weihnachtsmarkt vergessen. »Stille Nacht, heilige Nacht.« Die Musik umfing ihn bereits. Um die Uhrzeit könnte er sich noch mit dem Fahrrad durch die Besucher schlängeln. Reibekuchen tauchten vor seinem inneren Auge auf. Montagabend mit Reibekuchen. Der Kantinenpudding als Mittagessen reichte nicht. Sie waren spät aus Bergstein zurückgekehrt. Am Nachmittag die Besprechungen und Spurensuche. Eine große Mordkommission lehnte sein Chef Kosslowski ab. Er habe zu wenig Personal wegen Urlaub, Krankheit und den Einsätzen in Hambach. Fett war nicht unzufrieden mit der Entscheidung des Chefs. Das Gewimmel, die Unruhe, die Rennerei im Lagezentrum einer Besonderen Aufbauorganisation waren nichts für ihn. Klar, wenn das Kapitalverbrechen es erforderte, machte er mit. Ansonsten: allein zu zweit. Sein alter Spruch.
Reibekuchen und Reflexionen
Fett schob sein Klapprad an Hütte 16 und von Glühwein geröteten Gesichtern vorbei. Die Hütte stand wieder an der Ecke am Elisengarten. Um sie wurde heftig gestritten. Ausweitung der Kampfzone. Der Weihnachtsmarkt dehnte sich in den Park hinein aus. Auf dem Münsterplatz stand der Kommissar vor dem labyrinthischen Imbissgewirr Hexenhof. Einen Eingang konnte er kaum erkennen. Menschen strebten mit Einkaufstaschen, Glühweintassen, Currywurst, Reibekuchen und gebrannten Mandeln hinein und heraus. Hinter dem Budenwirrwarr erhob sich majestätisch der Dom gen Himmel. Ruhig und gelassen. Als ob ihn das konsumfreudige Treiben nicht stören würde. Was hatte er alles gesehen, der Dom? Seit der Erbauung des Oktogons bescherten Märkte, Messen, Krönungsfeiern Umsatz und Trubel. Händler waren von nah und fern nach Aachen gekommen, um ihre Produkte anzupreisen und zu verkaufen. Mit den Krönungen war stets ein Auftrieb von Gauklern, Narren, Prostituierten und Händlern einhergegangen. Blieb nicht alles gleich? Ging es nicht im Mittelalter auch um Alkohol, Grillgut, schnelle Freude, Wein, Weib und Gesang? Und heute? Fett kettete sein Klapprad an einen der wenigen freien Ständer. Auch hier Not. Zu wenig Fahrradbügel in der Stadt. Zu wenige Sitzbänke im Sommer. Zu wenige öffentliche Toiletten für die älter werdende Bevölkerung, für die Tages-Senioren-Touristen. Er stellte sich vor das Schaufenster der Buchhandlung Schmetz am Dom, betrachtete die Neuerscheinungen, die Auswahl von Kinderbüchern, einen Bildband über die Eifel, den neuen Kalender des Fotografen Andreas Herrmann. Er schritt zur Bratwursthütte an der Ecke des Münsterplatzes. Als er bestellen wollte, kaufte gerade ein gut genährter Tourist die letzte Portion Reibekuchen.
»Sie bekommen gleich welche.« Die eingemummelte junge Frau, wahrscheinlich Studentin, schaute auf den Reibekuchenkoch, der stoisch den Teig in das spritzende Öl kippte.
»Vier Euro. Mit Apfelmus?«
»Ja, mit Apfelmus.« Zurück zu den Schaufenstern der Buchhandlung. Nebenan, bei Hanswurst, wurden die Bratwürste verzehrt. Die Reibekuchen waren heiß und ölig. Er genoss sie mit Blick auf die Klassiker, schaute auf Fontane, dessen 200. Geburtstag bevorstand, auf Rilke, Brecht und Thomas Mann. Wunderschöne Ausgaben. Fontane, dachte Fett, als er ein Stück Reibekuchen zur Abkühlung in das kalte Apfelmus tunkte, Fontane müsste ich nochmal lesen. Der Stechlin, die Geschichte vom alten Dubslav. Dann drängte sich Eugen Kaltenbach zwischen seine Betrachtungen. Heute Morgen lag er tot auf dem Krawutschketurm, jetzt in der Rechtsmedizin der Uniklinik Köln. Ein Leben geht davon. Von dem oder den Tätern keine Spur. Fett tippte auf einen Täter. Ein Mann. Muss ein Mann gewesen sein, der kaltblütig im Graben auf Kaltenbach gewartet hatte. Ein Schuss. Die Stiche mit dem Messer. Der letzte Reibekuchen war soweit abgekühlt, dass Fett ihn mit wenigen Bissen vertilgen konnte. Er holte ein paar Servietten, um die fettigen Finger zu säubern, dann machte er sich auf den Weg, vorbei am Juwelier Grobusch in Richtung Eingang des Doms. Er schaute auf die hellgraue Ungarnkapelle, stieg ab und schob weiter in den Domhof. Er dachte über Deutschland im Winter 2019 nach. Was war los in diesem Land? Die Energiewende vergeigt, die Sicherheit vernachlässigt, die Verkehrswende nicht geschafft, Experimente im Bildungsbereich mit G8 und G9, die Bundeswehr unterfinanziert, die Bahn kaputtgespart, die Hochschulen überfüllt, neuer Rechtsextremismus. Der schwarze Hund schlich aus Richtung Taufkapelle des Doms an Fett heran. Die vom Glühwein erhitzten Gesichter hier, dort die Baustellen des Landes. Kann schnell gehen. Zack, ist die Rezession da. Die Autoindustrie schwächelt. Als ob Elektroautos und Lastenräder alles richten würden. Jeden Tag ein Überbietungswettbewerb für das Klima, den Umweltschutz. Ein Tempolimit bekam die Regierung nicht hin. Diese Widersprüche machten die Bürger kirre. Zumindest die, die noch Tageszeitung lasen, sich engagierten, Steuern zahlten, Kinder zur Kita und Schule brachten. Dazu eine immer bedrohlicher werdende Zahl der Abgehängten, die weit weg von den so genannten Diskursen und Narrativen der Eliten lebten. Narrativ, auch so ein Schaumschlägerwort. Die Rausgefallenen schauten den Bachelor und nicht Frank Plassberg. Traumschiff als Synonym für den Zustand der Gesellschaft. Er lachte, denn das Traumschiff war nicht mehr politisch korrekt. Nun mussten sich die Kreuzschifffahrtsreisenden rechtfertigen. Umwelt- und Meeresverschmutzung. Eher eine Reise im Orient Express, die würde durchgehen. Weihnachtsmarktbesucher strömten ihm entgegen und stoppten seinen Gedankenfluss.
»Geben Sie mir den Beutel.« Eine sehr bewegte Frau, vermutlich Gemeindemitglied der evangelischen Kirche, war neben dem Berufsbettler ausländischer Herkunft in die Hocke gegangen. Sie hatte ihm einen Becher Tee gereicht und zog dem überraschten Obdachlosen soeben zur umweltgerechten Entsorgung den Teebeutel aus dem Becher. Der arme Kerl verstand weder Deutsch noch die Sache mit dem Beutel. Die wohlgesinnte Frau, mit Kleidung wie aus einem Missio-Shop, sprach so laut, dass Hilfsbereitschaft und Selbstlosigkeit noch im Quadrum der Domschatzkammer und im Schlafzimmer des Bischofs gehört wurden. Sie packte den Teebeutel in eine Plastiktüte wie andere die Hinterlassenschaft ihrer Vierbeiner. »Ich mach das schon, ich mach das schon!« Fett erinnerte sich an die Klassenkameraden, die Streetworker werden wollten. Allein der Begriff war damals Kult. Streetworker, er dachte immer an die Aachener Kehrmännchen, das waren für ihn die wahren »Streetworker«. Die Kultstreetworker vom Sozialamt knieten zumeist im Studentenlook der 70er-Jahre mit langen Haaren und Bart neben Drogenabhängigen und hatten »eh Mann, volles Verständnis« für den Typ. Er hatte nichts gegen Sozialarbeiter, die wurden gebraucht, aber die Gesten gingen ihm auf den Senkel, das klischeehafte Benehmen oder das offensichtlich zur Schau getragene »Ich bin ein besserer Mensch.« Das Büchlein 111 Tugenden, 111 Laster hatte fein die Gratwanderungen herausgearbeitet, ab wann eine vermeintliche Tugend in ein Laster umschlägt. Wie hieß es im Kapitel über Mitgefühl: »Übersteigerte Empathie mündet in Missachtung sowohl der anderen wie unserer selbst.« Hatte Fett sich gemerkt. In der gerade beobachteten Szene wurde der Bettler entmündigt. Allein in der Menge schob Fett sein Fahrrad weiter Richtung Kockerellstraße. Es wurde ruhiger. Ab wann dominieren Minderheiten die Mehrheiten, fragte er sich. Wie kann eine Gesellschaft den lauten Dauerton aushalten, den Minderheiten, die es wirklich vor Jahrzehnten schwer hatten, nun anschlugen? Bei seinen Wanderungen in der Eifel erlebte er andere Herausforderungen. Kaum Nahverkehr, kein Internetanschluss, kein Gymnasium um die Ecke, Bäcker und Metzger geschlossen, höchstens ein furchterregendes Gewerbegebiet am Ortseingang zur Kreisstadt. Von Shuttle-Party, Ausstellungseröffnung, Streetfood-Events und Karneval im Sommer war dort nicht die Rede; höchstens Schützenfest und Maibrautversteigerung. Nachdenklich und melancholisch blickte er in Richtung Eilfschornsteinstraße.
Herr Jens und die Identitätsfrage
»Sind Sie nicht Herr Jens?«
Ein älterer Herr kam im Halbdunkel der Straßenbeleuchtung auf Fett zu. »Sie sind doch Herr Jens!«
»Was nicht ist, das kann noch werden. Fett, Vorname Michael. Jens steht nicht in meinem Ausweis.«
»Oh, entschuldigen Sie bitte. Sie sehen aus wie Herr Jens. Auf Wiedersehen.«
Fett blieb irritiert stehen. Zum wiederholten Mal war er verwechselt worden. In Kloster Steinfeld war ein Bierkutscher auf ihn zugekommen und hatte ihn mit »Guten Tag, Herr Scheidtweiler« begrüßt. Als er Toni Erdmann im Capitol-Kino schaute, drehte sich die Dame vom Nachbarsitz zu ihm und sagte: »Sie sehen aus wie mein Bruder.« Und bei einer Podiumsdiskussion freute sich der Historiker Michael Wolffsohn: »Schön, dass Sie gekommen sind. Wir kennen uns ja.« Diese plötzlich auftauchenden und zunehmenden Verwechslungen nagten an ihm. War er ein Avatar, ein geklonter Kommissar? Oder war sein Vater in Wirklichkeit ein umherziehender Kurzwarenverkäufer gewesen, der an vielen Orten seine fruchtbaren Spuren hinterlassen hatte? Fett versuchte, es von der komischen Seite zu betrachten, so richtig gelang es nicht. Er war nicht einmalig, sondern es gab viele Fetts. Wenigstens äußerlich. Ihm fiel eine Erzählung von Clemens Brentano ein, die er kürzlich im Antiquariat gefunden hatte: Die mehreren Wehmüller. Sie handelte von der Auflösung der Identität, von Verwechslungen, von Spuk, Zauberei und der Wilden Jagd. Er dachte daran, als er in Höhe des Hauses stand, in dem einst Sport Gruber beheimatet war. Für immer geschlossen. Danke, Internet, dachte Fett. Was wird aus unseren Städten? In Höhe des Bistros Anvers stieß er fast mit Vera Braun zusammen, Redakteurin des Zeitungsverlags. Sie bewegte sich beschwingt in Richtung Jakobstraße.
»Dein Freund und Helfer, ja da schau an. Der liebe Kommissar Fett.«
»Vera, die Chefaufklärerin des Zeitungsverlags. Welche Freude, welche Ehre.« Wenigstens sie hat mich nicht verwechselt, dachte Fett.
»Hör auf zu säuseln, du alter Colombo. Oder Columbo? Wie hieß der denn?«
»Columbo.« Schon wieder eine Verwechslung, aber nicht mit Columbus, schoss es Fett durch den Kopf.
»Lass uns einen Kaffee trinken, gleich hier im Anvers.« Sie lächelte ihn an.
»Wenn du mich nicht ausquetschst. Einverstanden.«
Fett schloss sein Rad an eine Laterne. Er öffnete der Redakteurin die Tür des Lokals. Sie standen im studentisch anmutenden Bistro Anvers, eher eine griechische Taverne als ein Bistro aus Antwerpen.
»Was hast du für mich? Mord, Totschlag, Eifersucht, Gift?« Vera Braun konnte ihre Neugier nicht verbergen.
»Kaffee. Oder auch einen Schoppen. Trinkst du noch gerne Chianti?«
»Eins, nur ein klitzekleines Gläslein. Muss zum Dom. Da spricht heute Aleida Assmann.«
»Friedenspreis des Buchhandels.« Fett nickte wie ein allwissender Professor.
»He, Kommissar Fett kennt sich aus. Das gibt’s nicht.« Ihre dunkelbraunen Augen blickten erstaunt.
»Ein bisschen Bildung kann nicht schaden. Stammt von Heine, nicht von mir.«
»Bildungsmonster Fett. Wow. Darauf einen Chianti.«
Sie rief den Kellner und bestellte zwei Gläser.
»Vorsorgliche Bevormundung. Merci. Wenn du es nicht wärst.«
»Wer dann, Columbo? Du hast sonst nur den Schmelzer.«
Das saß. Fett hatte nur Schmelzer. Fett, der Chef, und Schmelzer, der Schüler. Oder war er eher sein alter Lehrmeister. Nur Schmelzer. Ja, wenn er darüber nachdachte, er hatte wirklich nur Schmelzer. Er verbrachte mehr Zeit mit Schmelzer als mit irgendeinem anderen Menschen.
»Zwei Chianti?« Der Kellner jonglierte ein Tablett durch die Tischreihen.
»Hier. Die junge Dame und der alte Mann.« Fett verwies freundlich auf Vera Braun.
»Ein Toter in der Eifel, und der Kommissar schiebt in Seelenruhe sein Klapprad durch die Kockerellstraße.«
»Feststellung oder Frage?«
»Beobachtung.«
»Zum Wohle. Auf die vierte Gewalt.«
Sie lächelte ihr Journalistenlächeln. Halb wissend, halb fragend, neugierig, auf der Suche nach einer Story. Dunkelblauer Blazer, die Daunenjacke von Moncler hing lässig über dem Stuhl, braune Lederstiefel und strohblonde Haare.
»Lass mich nicht verhungern, Herr Fett.«
»Herr Fett bestellt einen gemischten Vorspeisenteller und sagt dir höchstens unter drei etwas.« »Unter drei« nannte man die vertrauliche Information, die sie in ihrem Blatt nicht drucken durfte.
»Unter drei. Immer so verschwiegen.«
»Warte bis zur Pressekonferenz vom Kollegen Kemmen.«
»Jörg, der gute Jörg. Du weißt viel mehr als Jörg Kemmen. In jeder Beziehung. Und der Jörg ist vor 14 Tagen in den Ruhestand verabschiedet worden.« Sie schaute ihm so tief in die Augen, dass er die Doppeldeutigkeit ihrer Bemerkung überhörte. Stimmt, er hatte vergessen, dass Kemmen pensioniert worden war.
»Ein alter Mann aus Bergstein, morgens auf dem Krawutschketurm, wird mit einem amerikanischen Karabiner, wie ihn die GIs hatten, erschossen. Danach noch sieben Stiche in die Brust«, berichtete Fett. »Heute kurz vor Tagesanbruch.«
»Wer war der Ermordete?«
»Ermittlungstaktik. Nicht öffentlich.«
»Komm. Unter uns.«
»Wir wollten einen Kaffee trinken, nun ist es ein Wein, und du quetschst mich aus. Schade.« Fett wirkte enttäuscht und ein wenig genervt. Lieber wäre er nach Hause geradelt. Er, der »Herr Jens«.
»Schon gut, schon gut. Themenwechsel. Muss eh gleich zum Dom. Die Kulturleute sind alle krank. Da darf ich mal einen Beitrag für die Kulturseite schreiben.«
»Kann nicht schaden.«
»Was, der Dom oder Kultur oder beides.«
»Ein wenig Kontemplation.« Fett trank sein Glas aus.
»Schlechte Laune, Herr Kommissar?« Sie schaute ihn neckisch und frech an.
»Zu viel Trubel, schöne Vera. Wo geht die Reise hin? Die Gesellschaft rutscht, Schieflage. Organisierte Kriminalität, Clans, Gewalt, Drogen, Prostitution, Prepper-Typen, die sich auf den Weltuntergang vorbereiten, und diese Diskussion über die Antoniusstraße in der Innenstadt. Der Polizeipräsident hat recht. Dort wird es immer Kriminalität geben. Wollen wir daneben einen Kindergarten einrichten? Nein. Trotzdem proben die bewegten Damen von der Prostituiertenhilfe den Aufstand.«
»Einer muss den Zwangsprostituierten aus Osteuropa und Afrika helfen.«
»Ja, helfen. Und Gesetze respektieren und durchsetzen. Wir lassen unsere Spielregeln aufweichen. Klappt auch nicht beim Fußball. Wenn jeder seine eigenen Regeln macht, funktioniert das Spiel nicht. Schau nach Hambach. Schau nach Hamburg zum G20-Gipfel oder Berlin Rigaer Straße. Manche sprechen von befreiten Zonen. Wovon befreit? Von der Ordnung, den Gesetzen, die unser Zusammenleben regeln.«
»Spannender als Aleida Assmann. Könnte dir noch lange zuhören.«
»Mach dich nur lustig.« Fett war gereizt.
»Im Ernst, Michael.« Erstmals sprach sie seinen Vornamen aus. »Der Zynismus in der Redaktion geht mir auf den Senkel. Ein Ausdruck unserer Unsicherheit. Wer liest noch Zeitung? Wir glauben, dass wir für das System wichtig sind. Jeder blöde Youtuber hat mehr Follower als wir Leser. Manchen Redakteuren bleiben nur Zynismus und Alkohol. Und hin und wieder eine richtig gute Geschichte von den jungen Kollegen, die abtauchen in wahre Sorgen, Nöte und Probleme.«
»Wie heißt der Song? Hurra, unsere Welt geht unter?«
»Ja. Glaube schon.«
»Ich zahle vorne, Vera. Lass dir das Lächeln nicht stehlen. War vielleicht der falsche Moment für einen Plausch. Du musst los. Sonst platzt du mitten in die Veranstaltung.« Vera Braun schaute dem Kommissar nachdenklich hinterher, als er zum Tresen ging. Sie fand ihn seit Jahren interessant. Eine harte Nuss. Sie wurde nicht schlau aus diesem heiteren Melancholiker, von dem die Polizeireporter mit großem Respekt sprachen. Seine Aufklärungsquote sei beeindruckend. Aber er selbst unnahbar.
»Alles erledigt, schöne Frau Braun. Grüß mir den Dom, den Dompropst und Paul, den Chefredakteur, wenn du ihn siehst.«
»Paul Schnigge. Den sehe ich morgen bei der Redaktionskonferenz. Werde es ausrichten, Columbo. Mach’s gut. Beim nächsten Mal reden wir nicht über die Toten. Nur über uns, die Lebenden.«
»Gerne.« Fett hielt ihr die Tür auf, grüßte den Wirt, der ein Glas polierte und lächelnd nickte.
Fett und die Verfolgung
Schmelzers Recherchen halfen nicht weiter: keine Kameraaufnahmen, keine Spuren, keine Scharfschützen aus Bergstein, und der Karabiner M1 lag ohne Schlagbolzen und dadurch unbrauchbar im Museum Hürtgenwald. Herr Falter, der Vorsitzende, bestätigte, dass nichts abhandengekommen sei. Alle ausgestellten Waffen seien unbrauchbar. Das Alibi von Bauer Tyssen war wasserdicht. Verwandte der Ehefrau waren in Rostock informiert worden. Kaltenbach hatte seiner Ehefrau den Kontakt zu ihnen untersagt. Nun würden sie das Erbe antreten. Von ihnen kam niemand als Täter in Betracht; ihre Alibis hatten die Kollegen an der Ostsee überprüft. Zudem hatte wegen der Abneigung von Kaltenbach niemand mit einer Erbschaft von ihm gerechnet.
Am Dienstagnachmittag fuhren Fett und Schmelzer erneut zum Burgberg. Schmelzer ließ den Wagen wieder auf dem Parkplatz hinter der Kirche stehen. Das Monster erwähnte er nicht.
»Wir nehmen zunächst den Rundweg, und dann geht’s hinauf.« Fett brauchte Bewegung und den Überblick über den Burgberg.
»Wenn’s denn sein muss. Habe heute festes Schuhwerk an«, maulte Schmelzer.
Schmelzers Laune nervte Fett. Es wurde immer offensichtlicher: Der Kollege war nicht motiviert. Wer nicht motiviert ist, der ist unaufmerksam. Wer unaufmerksam ist, schaut nicht genau hin und hört nicht genau zu. Ob er zu wenig Fleisch bekommen hat, überlegte der Kommissar.
Fett schritt zügig voran, links an der Krawutschke-Infotafel vorbei im Uhrzeigersinn um den Burgberg. Nach 100 Metern stießen sie auf Überreste eines massiven Bunkers am Abhang Richtung Obermaubach.
»Da kann man lange sprengen. Das Ding wird wahrscheinlich die nächste Eiszeit überleben.« Schmelzer interessierte sich kaum für den Marsch durch die feuchte Luft. Das Laub unter den Schuhen hatte jeden Glanz verloren. Schmutz, Dreck, Matsch. Sie gelangten an eine Aussichtsstelle mit Blick auf Obermaubach. Rechter Hand von der vermoosten Plattform stand ein Kreuz mit einer Tafel, die an die toten deutschen und amerikanischen Soldaten erinnerte. Fett registrierte alles und folgte dem Weg zu einem Familienplatz mit zahlreichen Bänken. Von dort aus reichte der Blick hinüber zu Burg Nideggen und ins Rurtal nach Nideggen-Brück. Auch Gut Kallerbend und das anliegende Gestüt waren gut sichtbar. Immer wieder warf Fett einen Blick hoch zum Krawutschketurm, der zwischen den Bäumen auftauchte, dann wieder von Kiefern verstellt wurde.
»Dauert es noch lange?«, imitierte Schmelzer seinen Sohn Justus.
»Alles braucht seine Zeit, Schmelzer. Sie können morgen vom PC aus recherchieren. Ihre Motivation ist unterirdisch. Das nervt. Wir haben einen eiskalten Mord, und Sie laufen hinter mir her wie Stan Laurel hinter Oliver Hardy. Machen Sie ihre Gucker auf und kombinieren Sie. Ist Ihre Stärke.«
»Hoho, danke für die Motivation, Chef. Was soll das hier alles? Oben wurde der Sohn vom Goldfasan abgeknallt. Vermutlich wieder so eine uralte Geschichte, wir laufen durch den Wald, schauen auf die Rurtalbahn, während sich in Aachen der Schreibtisch biegt.«
»Es reicht, Schmelzer. Gehen Sie zurück zum Wagen, googeln Sie in den Dateien, finden Sie mehr über Kaltenbach raus. Auch über diese Anzeige von damals. Ich komme in ungefähr 40 Minuten nach.« Fett setzte mit schnellem Schritt die Runde fort. Schmelzer stand verdutzt im Wald und nahm schließlich denselben Weg zurück, den er gekommen war. So hatte ihn Fett lange nicht mehr stehen gelassen. Es reichte ihm. Er brauchte Veränderung.
Fett erkannte bei seinem Rundgang, dass der Täter über genaue Ortskenntnisse verfügt haben musste. Zudem schien ihm Kaltenbachs Ritual bekannt gewesen zu sein. Fett erreichte wieder die Krawutschketafel und nahm den Weg hinauf zum Turm. Es dauerte zehn Minuten, dann erreichte er sein Ziel. Kaltenbach wird sich oben auf das Geländer gestützt haben, überlegte Fett, um Luft zu holen. Dann fällt der Schuss. Der Täter sammelt die Hülse ein, läuft hoch zu Kaltenbach, sieben Messerstiche, runter vom Turm, und zum Abschluss legt er die Patronenhülse vor das Kreuz von Peternell. Fett blickte in die Richtung, aus der der Schuss gekommen sein musste. Die grauen Wolken rasten aus Westen in die Köln-Aachener Bucht. Langsam dunkelte es. Etwas bewegte sich unten im Gebüsch. Fett starrte durch die blattlosen Bäume auf den Graben, der sich westlich entlang zog. Er sah, wie eine Person mit Tarnjacke vorsichtig und langsam, fast katzenhaft, durch den Graben schlich. Hätte ich nur ein Fernglas mitgenommen, ärgerte sich der Kommissar. Schmelzer anrufen? Eine SMS. Er griff zum Handy.
»Verdächtige Person westlich unter Turm. Sofort kommen!«
Die Rückkehr des Täters zum Tatort? Kommt immer wieder vor. Wie ein Kätzchen näherte sich Fett der Treppe. Nur kein Geräusch verursachen. Die Person im Wald hatte ihn noch nicht bemerkt. Mit leisen Schritten nahm Fett Stufe um Stufe. Er erreichte die nächste Plattform. Die Tarnjacke huschte weiter im Graben umher, als ob sie dort etwas suchen würde. House of Cards – mit dieser Melodie klingelte Fetts Handy. Schmelzer hatte den Klingelton letztes Jahr programmiert. Die Person im Graben schaute hoch zum Turm. Dunkle Mütze, Sonnenbrille trotz einbrechender Dunkelheit. Mit einem Satz sprang sie aus dem Graben und raste den Burgberg hinunter gen Westen. Fett nahm die nächsten Stufen mit einem Satz. Letzte Plattform. Nochmals drei Stufen, er rutschte ab, landete neben dem überfüllten Mülleimer. »Scheiße!« Stechender Schmerz im linken Knöchel. Er rappelte sich auf. Mit einem Sprung landete er in einem alten Granattrichter und brach durch das Unterholz in Richtung Graben. Äste peitschten ihm ins Gesicht, rissen die rechte Backe auf. Er stolperte, schlug auf den Boden, kullerte durch Gestrüpp und Gebüsch, knallte gegen einen Kieferstamm, der Knöchel schmerzte höllisch. Schmelzer näherte sich von rechts. Fett rappelte sich auf und kämpfte sich im Wald vorwärts, die Hände und Unterarme vor das Gesicht, den Höllenschmerz ausblendend. Er torkelte auf den Panoramaweg nach Bergstein zu. Nach links oder rechts? Schmelzer keuchte aus Richtung Bergstein heran.
»Sie rechts, ich links«, stöhnte Fett.
Die wilde Jagd ging weiter. Fett hinkte, Schmelzer lief in Richtung Krawutschketafel. Fett stolperte durch das Unterholz, hörte nur sein eigenes Schnaufen, das Krachen der Äste, spürte die Dornen an der Hose.
»Halt! Stehenbleiben, Polizei!« Fett brüllte in den dunklen Wald. Die Person verschwand immer tiefer im Unterholz. Katzengleich oder wie Rotwild flog sie durch den Wald, entfernte sich mit jeder Sekunde weiter und drohte, in der Dunkelheit zu verschwinden. Fett donnerte wie ein herabtaumelnder Bruchstein mitten durch das Gestrüpp, die Büsche, rutschte auf totem Holz aus, trat in Matschlöcher, taumelte, knallte mit dem Brustkorb gegen eine Betonmauer und sah nur Sterne. Als er die Augen öffnete, blickte er in den fast dunklen Abendhimmel, die Baumwipfel und das Gesicht von Schmelzer.
»Sie sind gegen eine Bunkerwand gelaufen, Chef. Volle Pulle. Zum Glück nicht mit dem Kopf, sondern dem Brustkorb. Da geht die Puste aus. Der Typ ist weg. Keine Spur. Nichts.«
»Männliche Person, Tarnjacke. War oben im Graben.« Fett keuchte. Er stützte sich langsam auf, Schmelzer hakte ihn unter und zog ihn hoch. Wie zwei Kriegsversehrte wankten sie zurück zum Panoramaweg. Die Hände zerkratzt, Schrammen im Gesicht, Hose zerrissen und voller Dreck, linker Knöchel verstaucht – zum Glück konnte Fett sich selbst nicht sehen.
»Warum haben Sie mich angerufen?«
»Falsche Taste, Chef.«
»Das hat er gehört. Mist!« Fett atmete tief. »Hoch zum Graben. Der hat da was gesucht. Vielleicht hat die KTU was übersehen. Scheiße. Das war kein Monster und auch kein Zombie-Wiedergänger. Das war ein flinker Mann in Tarnjacke.«
»Ich bring Sie zum Wagen, Chef.« Schmelzer drehte ihm den Sitz runter, und Fett ließ sich hineinfallen. Er war keine 30 mehr. Sport hatte er in letzter Zeit ausfallen lassen. Jetzt kam die Quittung. Keuchend lag er im Ford Focus, machte die Innenbeleuchtung an, klappte den Spiegel runter. Er sah sein verzerrtes Gesicht, Schrammen auf beiden Backen, Blutspuren und verschwitzte Haare. So ein Käse, dachte Fett, ich bin zu alt für den Job. Und Schmelzer zu unaufmerksam.
Schmelzer kraxelte derweil lustlos zum Graben. Die Dunkelheit nahm zu. Er fand nichts und hatte keine Lust, etwas zu finden. Er kehrte zu Fett zurück, klopfte an die Scheibe des Wagens:
»Wir müssen die KTU anrufen. Ich sehe nichts mehr.«
»Okay«, sagte Fett. »Kommen Sie rein. Rufen Sie an.«
Sie verbrachten die nächste Stunde im Dienstwagen, wartend auf die Kollegen. Die unbekannte Person sollte keine Gelegenheit mehr bekommen zurückzukehren.
Elke Unsleber erreichte mit zwei Kollegen gegen 17.45 Uhr den Burgberg. Mit starken Handlampen leuchteten sie die Umgebung aus. Fehlanzeige. Keine Faserspuren, Fußabdrücke durch all die modrigen Blätter unbrauchbar.
»Ich glaube, die Person trug sogar eine Motorradsturmhaube«, murmelte Fett auf der Rückfahrt nach Aachen, bevor er hinter Vossenack einschlief und sich in einem Traum mit Iska Sonntag wiederfand. Er lief durch den Wald, suchte sie. Plötzlich tauchte der Maskenmann mit einem Messer auf. In Höhe von Kornelimünster schreckte Fett aus dem Albtraum auf.
Die Stimmung in Aachen war so bedrückend wie die Suche nach dem Mörder von Kaltenbach. Das sollte sich in den nächsten Tagen nicht ändern. Schmelzer ließ sich krankschreiben. Das erste Mal in all den Jahren, dass er ohne Vorwarnung von Mittwoch bis Freitag nicht auftauchte. Fett hinkte durch das Präsidium, den Spott der Kollegen bekam er gratis. Er erledigte Papierkram, las den Bericht der KTU und recherchierte über Kaltenbach und den Burgberg. Die Stiche im Körper des Toten stammten von dem Bajonett eines US-Karabiners. Alles passte zusammen, und doch kam er nicht weiter. Elke Unsleber war auf Fortbildung, Kosslowski, sein Chef, in Köln im Ständigen Einsatzstab, und Frau Hof vom Sekretariat hatte Urlaub für Weihnachtseinkäufe. Alles wundervoll. Bis zum Samstagabend, den er eigentlich für Iska Sonntag reserviert hatte. Aber sie musste kurzfristig Bereitschaft übernehmen. Absicherung für ein Hochrisikospiel des FC Köln. Super.
Zur Lage der Nation
In der Robert-Koch-Straße, am Rande des Grüngürtelviertels in Düren, nahe beim Städtischen Krankenhaus, standen herrschaftliche Villen, von denen einige den Bombenangriff am 16. November 1944 fast unbeschädigt überstanden hatten. Hier wohnte ein Unternehmer, dort ein Anwalt, nebenan ein Architekt, und etwas zurückgesetzt, von Bäumen und Büschen verdeckt, stand das Haus von Doktor Adele Borsche. Adele Borsche lebte mit ihrer Schwester Gundula zusammen, die ihr sehr ähnelte, obwohl sie keine Zwillinge waren. Beide waren im reifen Alter, devisengeschützt, und hatten sich vor Jahren, nach dem Tod der Ehemänner, auf diese Lebensform verständigt: gemeinsamer Lebensabend im elterlichen Haus. Adele bewohnte die eine Hälfte, Gundula die andere. Adele hatte es für sie herrichten lassen. Adele war Jahrgang 1935, Gundula 1936. Ihr Vater war der längst verstorbene Kreismedizinalrat Professor Doktor Rutger Borsche, eine anerkannte Autorität, Mitglied der Partei und die oberste medizinische Instanz in Stadt und Kreis Düren sowie Direktor der Landesklinik von 1933 bis 1945. Danach war es ruhig um Rutger Borsche geworden. Er hatte sich aus der Öffentlichkeit zurückgezogen und beantwortete keine Fragen von Eltern, deren Kinder zur angeblich besseren Versorgung nach Hadamar geschickt worden waren. Wo waren die Insassen der Dürener Landesklinik geblieben, die 1942 aufgelöst wurde? Professor Rutger Borsche schottete sich ab und finanzierte seinen Töchtern das Studium aus Mitteln, von denen seine Ehefrau nichts wusste. Adele Borsche wurde klinische Psychiaterin und promovierte über neue Methoden zur Behandlung psychisch gestörter Gewaltverbrecher. Gundula widmete sich der Agrarkunde, promovierte über den Zuckerrübenanbau und beriet im Vorstand der Jülicher Zuckerfabrik die regionale Zuckerindustrie bei der Diversifizierung der Produkte.
Am Samstag nach dem Mord an Kaltenbach trafen sich die bourgeoisen Damen mit Freundinnen zu einem Plauderkaffee in der Bar Celona am Markt in Düren. Ihr Kriegsrat, wie Adele lächelnd sagte. Adele, Gundula, Irmgard, Margarete und Maria diskutieren die Lage der Stadt und des Landes. Im Grunde behandelten sie die Lage der Nation. Sie alle hatten den Zweiten Weltkrieg erlebt, das zerstörte Düren und den Wiederaufbau. Sie waren eher konservativ, treue Wählerinnen der Partei mit dem großen C. Manchmal büxte eine zu den Liberalen aus. Mit ihren Kindern stritten sie sich über Umweltschutz. Aber dem Herrn Habeck, dem konnten sie etwas abgewinnen. Der wirkte so wie Raimund Harmstorf 1971 in der Verfilmung vom Seewolf. Hatten sie sich nicht alle nach Raimund Harmstorf gesehnt? Seine Männlichkeit und seine Kraft, als er die rohe Kartoffel zerquetschte. Da konnten ihre Freischwimmerzeugnis-Männer nicht mithalten. Noch bevor die ersten Kännchen Kaffee eintrafen, wurde die Lage der Stadt Düren und der Bundesparteien unter die Lupe genommen. Bürgermeister Paul Larue wollte nicht mehr kandidieren, die SPD war auf dem Weg der Selbstverzwergung wieder einen Schritt weitergekommen, und Frau Kramp-Karrenbauer hatte immer noch nicht den richtigen Modeberater gefunden.
Die Ehegatten des Damenkränzchens waren bereits im Jenseits. Die Damen hatten die Herren überlebt und trotzdem oder deshalb den Humor nicht verloren. Irmgard hatte die Papierfabrik längst dem ältesten Sohn überschrieben. Die Hüfte bereitete ihr Kummer. Sie trug bei besagtem Treffen viel Schmuck aus dem Familienbesitz, wann sollte sie ihn auch sonst vorzeigen? Margarete fummelte im Spielzeuggeschäft herum, das ihre Tochter mit Bravour führte. Sie raste schneller durch den Laden als manch tätowierte Verkäuferin. Immer ein Bonbon in der Tasche für die Kinder und ein liebes Wort für die Eltern. Ihre grauen Haare leuchteten zwischen Lego-Star-Wars-Kartons und den Modellbaukästen vom Schweren Panzerkreuzer Prinz Eugen. Maria verzehrte die Pension von Kurt, ihrem verstorbenen Ministerialratsgatten. Sie besaß ein Premierenabo für das Aachener Theater, eine Dauerkarte für die Kölner Philharmonie und verfügte, darin waren sich alle einig, über die beste Perle, also Putzfrau, von allen. Maria lud im Herbst zum Krebsessen und im Frühjahr zum Magnoliensekt. Sie alle waren für ihr Alter gut in Form. Viele Spaziergänge, Wanderungen und kleinere Radtouren halfen dabei. Kartenspiele mochten die fünf nicht. Eher gemeinsame Besuche von Ausstellungseröffnungen im Leopold-Hoesch-Museum und Konzerte der Villa Duria vom begnadeten Herrn Esser, dem sie stets einen Blumenstrauß überreichen ließen. Den musikalischen Höhepunkt der Region bildete ihre Fahrt zu Spannungen, dem Kammermusikfestival des Pianisten Lars Vogt im Jugendstilkraftwerk bei Heimbach. Sie waren Dauergäste und buchten einen Minibus mit Fahrer, der sie während der Zeit des Festivals nach Heimbach kutschierte. Nach knappen Bemerkungen zur Stadt Düren widmeten sich die Damen den Parteivorsitzenden von SPD und CDU.
Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.