Kitabı oku: «Tote Biber schlafen nicht»
Olaf Müller
Tote Biber schlafen nicht
Eifel-Krimi

Zum Buch
Wem gehört die Eifel? Der bekannte Aachener Immobilienhai Brauers hängt nach einem Karnevalsball tot an der Victor-Neels-Brücke in Vogelsang. In Krakau wird Professor Haberstock, Biberexperte der RWTH Aachen, der auf dem Weg in die Vorkarpaten ist, tot aufgefunden und im Hambacher Forst eskaliert die Gewalt. Wie hängt all das miteinander zusammen? Kommissar Fett und sein Kollege Schmelzer übernehmen die Ermittlungen und stoßen auf ein ganzes Bündel an Motiven: Eifersucht, Rache, Konkurrenz. Sie recherchieren in der Aachener Gesellschaft, in Heimbach, Hambach, Düren, Kall, Vogelsang und in Moresnet. Seltene Erden könnten der Schlüssel sein. Oder Umweltschutz für die Eifel? Als im Kloster Steinfeld ein weiterer Toter gefunden wird, entdecken die Kommissare unheimliche Verbindungen zwischen den Fällen. Unterstützung bei der Lösung der rätselhaften Verstrickungen erhält Kommissar Fett von seiner Kollegin Kalumba aus Lüttich. Die Hektik um die Karlspreisverleihung an Präsident Macron bringt zusätzliche Herausforderungen …
Olaf Müller wurde 1959 in Düren geboren. Er ist gelernter Buchhändler und studierte Germanistik sowie Komparatistik an der RWTH in Aachen. Seit 2007 leitet er den Kulturbetrieb der Stadt Aachen. Sprachreisen führten ihn oft nach Frankreich, Italien, Spanien sowie Polen und Austauschprojekte in Aachens Partnerstädte Arlington (USA), Kostroma (Russland) und Reims (Frankreich). Olaf Müller hält Vorträge u.a. zum Thema Heimat und Identität. Als Segelflieger kennt er die Eifel aus der Luft, als Wanderer vom Boden. „Tote Biber sterben nicht“ ist nach „Rurschatten“, „Allerseelenschlacht“ und „Die Macht am Rhein“ (gemeinsam mit Maren Friedlaender) sein vierter Kriminalroman im Gmeiner-Verlag.
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Alle Rechte vorbehalten
2. Auflage 2020
Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt
Herstellung: Julia Franze
E-Book: Mirjam Hecht
Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart
unter Verwendung eines Fotos von: © Magnus / stock.adobe.com
ISBN 978-3-8392-6624-3
Haftungsausschluss
Personen und Handlung sind frei erfunden.
Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen
sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
Stumme Biber
Tote Biber schlafen nicht. Der tote Biber lag vor der Eingangstür der Leopoldina in Halle. Neben ihm eine rote Rose. Das Weiß des prachtvollen Gebäudes der Wissenschaftsakademie stand in scharfem Kontrast zum braunen Biberfell, der dünnen Blutspur auf dem Marmorboden, der Rose und den kalten Augen des Nagers. Dazu der Schnee. So weiß, so unschuldig. Er bedeckte die gesamte Zufahrt, knirschte und knarzte unter dem Schuhwerk und ließ die Moritzburg nebenan wie eine Zuckertorte aussehen. Der Himmel war stahlblau. Eine Postkartenidylle. Fast.
»Scheißä! Wiedär ein totär Bibär.« Hausmeister Mateo Modic, stets im eisengrauen Kittel, verdrehte die Augen, murmelte in Deutsch mit Streifen vor sich hin, wollte Schaufel und Besen holen, um den letzten Dienst zu erweisen, als Professor Dr. Hermann Haberstock, aus dem Flur kommend, im Eingang stand und sagte: »Scheiße. Ein toter Biber.«
Professor Haberstock, 75 Jahre alt und emeritierter Lehrstuhlinhaber für Biologie an der RWTH Aachen, gehörte zu den Topreferenten des 13. Bibersymposiums Ende Januar 2018 an der Leopoldina in der schönen Saale-Stadt Halle. Das Thema des Symposiums lautete: »Resilienz und Achtsamkeit in der mitteleuropäischen Biberpopulation.« Mit dem Exemplar im Eingang war nicht mehr viel los. Unachtsam lag er da, wenn man von der Rose absah. Der dritte tote Biber seit Beginn des Kongresses. Irgendetwas lief schief. Wurde Zeit, die Polizei einzuschalten. Was würde die sagen? Leopoldina und tote Biber. Großes Gelächter. Altehrwürdiges Haus, Kanzlerin Merkel regelmäßig zu Besuch. Und dann tote Biber vor der Tür. Haberstock schaute auf den Hausmeister. Der Hausmeister schaute auf Haberstock.
»Nun machen Sie doch was! Stehen Sie nicht rum wie ein Hornochse in Grau! Da liegt ein toter Biber. Der hat vielleicht eine Seuche und verpestet den Eingang der Leopoldina.«
»Wie die beidän anderän«, brummelte Modic, dem die Arroganz der Professoren schon lange auf den Senkel ging. Vor allem diese Wessiprofessoren. Sieht selber aus wie ein Bibär. Warte nur Freundchen, dir werde ich noch heute den Abfluss der Dusche im Zimmer verstopfen, dachte er und schlurfte davon, um das Kehrblech zu holen. Mateo Modic war ein gutmütiger Mann, dem der linke Unterarm im Jugoslawienkrieg abhandengekommen war. Zusammen mit seiner Frau Zofia lebte er am Stadtrand von Halle, war seit 15 Jahren Hausmeister und liebte es, in seinem Kleingarten an der Saale Tomaten, Bohnen, Möhren und Kartoffeln zu pflanzen. Dass er dort, in seinem kleinen Paradies, wie er es nannte, im übernächsten Jahr zur Sommerzeit von sturzbetrunkenen Neonazis grundlos oder vielleicht wegen seines Namens oder wegen Lust an Grausamkeit zusammengeschlagen und so verletzt werden würde, dass er den Rest seines Daseins in Halle im Rollstuhl verbringen sollte, konnte Mateo Modic natürlich nicht ahnen, als er sich mit seiner rechten Hand und dem rechten Arm um den toten Bibär kümmerte.
Haberstock gab sich einen Ruck. Aufrechten Ganges strebte er in seinem taubenblauen Stangenanzug Richtung Cafeteria. Drei tote Biber von der Saale-Population. Was hat das zu bedeuten? Wieder diese militanten Umweltfuzzis? Warnungen, Bedrohungen? Wem galten sie? Dem Symposium? Ihm? Der Leopoldina? Seit der bayerische Vorläufer des BUND, der Bund Naturschutz in Bayern, 1966 das Projekt Wiedereinbürgerung der Biber in Bayern gestartet hatte, wurden immer mehr Lehrstühle mit Biberkennern besetzt und die Flüsse und Stauseen zu einem Eldorado für die Nager.
Jetzt haben wir den Salat, dachte Haberstock. Zuerst ein Kaffee. Dann würde die Welt wieder besser aussehen. Vielleicht kommt Kollegin Wittstein-Olmütz hinzu. Ihre Forschungsergebnisse in den letzten Jahren waren rasant. So, wie ihr Aussehen. Haberstock verdrängte sein Alter, die toten Biber und wandte sich den schöneren Seiten des Lebens zu.
Im Café »Grammophon« schäkerte derweil Frau Professor Ines Wittstein-Olmütz mit dem jungen Inhaber, der ihr seine Geschichte aus Neuseeland erzählte. Endlich mal keine Biber, sondern das wahre Leben. Eine Auf- und Aussteigergeschichte. Ihre Latte wurde so kalt wie die Außentemperatur, die Marmelade tropfte vom Croissant, sie hatte jedes Zeitgefühl verloren. In ihrem engen und figurbetonten Kostüm – der Pelzmantel, natürlich Kunstpelz, hing an der Garderobe – hatte sie nur Augen für den jungen Mann, der immer wieder von Gästen unterbrochen wurde. Zumeist Studentinnen, die bei ihm, nur bei ihm, einen Cappu oder ein stilles Wasser oder einen Darjeeling-Tee bestellten. Sie wurde eifersüchtig auf die jungen Madeln. In Wien, wo sie den Lehrstuhl innehatte, da war sie die Nummer eins. Frau Geheimrat, das sagten die Hausmeister zu ihr. Hier, in Halle an der Saale, wo der Sozialismus noch mit Händen greifbar war, hier in Halle, da war Essig mit Geheimrätin. Ob er denn wisse, wo die Biber an der Saale besonders und vor allem im Winter zutraulich seien? Genervt von der Biberprofessorin verzog der weitgereiste Gastronom keine Augenbraue, sondern den Gürtel seiner löchrigen Stonewashedjeans etwas enger.
»Unten, da bei der Moritzburg, wo der Park beginnt. Da sollten sie mal runtergehen oder runterrutschen«, sagte er freundlich und bestimmt, und noch freundlicher schaute er die blonde Yasmin an, die wie ein Sonnenschein durch die Tür schwebte, ihn anlächelte und sanft hauchte: »Wie immer, mein Lieber.« Da dachte er an die letzte Nacht in seiner alten Studentenbude. Was sie ihm ins Ohr geflüstert hatte zum Thema Latte macchiato brachte ihn so in Fahrt, dass sie und auch die Nachbarn kaum ein Auge zugemacht hatten. Das Futonbett war schließlich durchgebrochen. »Alte Latten«, hatte der Caféhausbetreiber Yasmin ins Ohr gestöhnt. Sie säuselte sanft: »Nur nicht deine. Du brauchst nicht zu flüstern. Die haben alles gehört, mein Weltmeister.«
»Also wie immer, gerne«, hauchte er nun zurück.
Das reicht, dachte die Geheimrätin, rutsch mir doch den Buckel runter, du Vorstadtgigolo. Der Zehner segelte auf die Theke. Sie verließ ohne Verabschiedung das moderne Café. Dann doch lieber Fachgespräche mit Haberstock, dem alten Schwerenöter. Immerhin kann er mit ihr etwas anfangen. Mit ihren etwas über 50 Jahren sah sie immer noch aus wie Anfang 40, Ende 30, und, ja, so war es, ihren Reizen konnte so mancher Doktorand nicht widerstehen. Still lächelte sie vor sich hin, als sie, warm eingemummelt, die ruhenden Löwen vor der Aula der Universität passierte. Biberspezialistin; hatte sie sich nie träumen lassen. Ihr Vater war einst Förster im Waldviertel. Und sie die Erste aus der Familie, die eine Universität von innen sah. Haberstock, den würde sie ein wenig anfixen. Der war empfänglich. Halle, wo muss ich hin, gibt’s denn hier keine Droschken? Scheiß Winter. Alles so kalt und glatt hier. Selbst im Winter ist Wien doch besser als alle anderen Städte auf der Welt. Fast alle anderen Städte, fügte sie rasch an, denn sie dachte an Barcelona, an Juan, den Tangotänzer, der ihr den Kriminaltango beigebracht hatte.
Retter der Vorkarpaten
Haberstock bekam Herzflattern. Nicht wegen der Geheimrätin. Die Biber machten ihm Sorgen. Genauer gesagt, die toten Biber. Nun gut, dachte er, noch ein Nachmittag und eine Nacht. Morgen geht es weiter. Vorträge und Gutachten. Die Biberfrage ist brandaktuell. Haberstock hatte die toten Biber aufmerksam betrachtet. Auf den ersten Blick sah es so aus, als ob die Biber eines natürlichen Todes gestorben seien. Die Blutspur kam später hinzu. Jemand musste sie angeritzt haben. Was hatte das alles zu bedeuten? Galt es ihm oder dem Symposium? Wer erlaubte sich solche makabren Scherze? Zum Glück hatte die Lokalpresse noch keinen Wind davon bekommen. Haberstock, notorischer Frühaufsteher, hatte die drei toten Biber jeweils zeitgleich mit dem Hausmeister entdeckt. Ein wenig Autorität – und zack lagen die Biber in der Biotonne unter verblichenen Blumensträußen der letzten Rednerpultverzierung. Modic hatte bereits zweimal einen Zehner kassiert für diese fachgerechte Entsorgung. Der wird doch wohl nicht, nein, ausgeschlossen, dachte Haberstock beim Aufklopfen des Frühstückseis. Unmöglich. Wer bringt denn Biber für zehn Euro um? Nein, nein. Er verdrängte den Gedanken, drosch auf das Ei ein, die Schale zersprang, und das Eigelb mäanderte die Schale hinunter auf die Tischdecke. Scheißdreck, dachte Haberstock. Hab extra ein Zehn-Minuten-Ei verlangt. Nichts klappt hier. Sapperlot!
Nachmittags rauschte die Geheimrätin in der Kaffeepause auf ihn zu. Ihre blonde Mähne erinnerte Haberstock entfernt an eine Kabarettistin – oder war es ein Kabarettist? Seine Erinnerungen spielten ihm einen Streich. Trixie Dörfel, so hieß die Schauspielerin. Hatte er doch beim Rumschalten entdeckt. Ja, so wie Trixie Dörfel sah die Geheimrätin aus, die ihm am Kaffeetisch Gesellschaft leistete. Trixie Dörfel, dieser blonde Traum aus der Welt der Prominenten. Ihre Lebensbeichte hatte den Professor angerührt. Dass all dies nur eine Parodie war, hatte der gute Haberstock nicht mitbekommen. Schließlich sagte ihm auch der Name Olli Dittrich nichts.
»Lieber Herr Haberstock, schade, dass das Symposium sich dem Ende nähert. Die Zusammenkünfte sind zu kurz. Und das, wo doch Natur- und Tierschutz immer höhere Priorität erlangen.«
Haberstock hatte keine Lust zu antworten. Er knurrte etwas, weil ihm die toten Biber wieder in den Sinn gekommen waren.
»Mit den toten Bibern, das ist ja eine merkwürdige Chose.« Als Ines Wittstein-Olmütz diesen Satz getan hatte, fiel dem guten Haberstock fast die Tasse aus der Hand.
»Tote Biber?«, fragte er leutselig.
»Ah, geh. Sie wissen schon. Blöde Sache. Der Modic, seine Vorfahren stammen ja aus der Nähe von Wien, alles noch k.u.k. Reich, der hat es mir erzählt. Und dann der Ärger mit der Entsorgung. Er sprach schon von ersten Anrufen. Da hab ich ihm schnell einen Fünfziger in die Hand gedrückt. Braucht ja keiner die Nase dran zu bekommen, nicht wahr, Herr Haberstock. Das fehlte noch. Bibersymposium mit toten Bibern. Da freut sich die Journaille.«
»50 Euro!« Haberstock rechnete. Wenn der Modic dreimal 50 Euro von der Wittstein-Olmütz kassiert haben sollte, dazu noch seine spärlichen Zehner, dann hätten ihm die drei toten Biber 180 Euro eingebracht. Na servus. Haberstock traute ihm alles zu.
»Tote Biber. Ja, der hat davon gebrummt, der Hausmeister. Bestimmt irgendwelche Umweltheinis, die denken, dass wir unsere Forschungsobjekte quälen. Sie entschuldigen mich, liebe Kollegin, Sie sehen wieder bezaubernd aus. Aber ich muss noch meine Abreise checken. Morgen geht es in die Vorkarpaten.«
»Vorkarpaten! Wie spannend. Achten Sie auf Vampire, lieber Haberstock. Denen reichen die Biber nicht aus. Die stehen auf weiße Männer.« Geh, du alter Angeber, dachte sie, alte weiße Männer, die werden auch von den Vampiren nicht mehr angepackt. Wird Zeit, dass diese emeritierten Altprofessoren mal das Feld räumen. Früher war er galanter. Sie stand auf, bevor Haberstock zu einer Antwort ansetzen konnte und entschwand in den Workshop »Vermehrung von Biberpopulation trotz Waldsterben und Klimawandel«.
Am nächsten Tag nahm Prof. Haberstock den Fernbus des Busunternehmens »Sindbad« nach Krakau. An der Jagiellonen-Universität war ein Folgekongress geplant. Die Biber wurden in Polen zu einem riesigen Problem. In den Vorkarpaten, der Dreiländerregion Polen, Ukraine, Slowakei waren bereits mehrere Flüsse über die Ufer getreten, weil die Biber das Holz der Vorkarpatenbäume verputzten wie Eis am Stiel. Der San, einer der großen Karpatenflüsse, wurde an der Quelle immer wieder gestaut. Felder standen unter Wasser, Baumstämme, die von Lesko aus bis nach Sanok trieben, verkeilten sich und bereiteten den Wasserbehörden große Schwierigkeiten. Sandsäcke wurden in Sanok vor Skansen, dem berühmten Freilichtmuseum, meterhoch geschichtet. Am riesigen Stausee von Solina blieben die Ausflugsboote am Steg vertäut. Schatten an den Ufern des Badeortes Polanczyk war kaum zu ergattern. Nachts krachte es, schattenspendende Bäume rauschten ins Wasser, und die Biber feierten wieder ein Fest. Immer öfter hörte man von den Gemeindevorstehern, den Förstern, den Hoteliers, den Bootsvermietern das aus tiefer Brust ausgesprochene polnische Schimpfwort »Kurwa!«. Alle Hoffnungen ruhten auf Prof. Haberstock aus Akwizgran, so der polnische Name für Aachen. Man erwartete ihn wie einst »Henderson the Rain King« im tiefen Afrika. Alles war vorbereitet. Nach der Konferenz in Krakau würde Haberstock mit den Bürgermeistern von Sanok, Lesko, Polańczyk, Cisna sowie den Vertretern der unteren und oberen Wasserbehörden zusammentreffen. Der Konferenzsaal im Rathaus am Marktplatz von Sanok war bereits reserviert, Wodka kalt gestellt, eine Führung durch das Ikonenmuseum und das Freilichtmuseum gebucht. Gerade das Freilichtmuseum war von den Überschwemmungen bedroht. Diese historischen Gebäude aus der gesamten Karpatenregion bildeten einen Touristenmagnet, ganz zu schweigen von den vielen Filmen, die in der Kulisse gedreht wurden. Jedenfalls hatte die Feuerwehr von Sanok ein Boot reserviert, um, den Eisschollen im San zum Trotz, flussaufwärts zu fahren. Für den Stausee von Solina war die Betreibergesellschaft verantwortlich. 472 Millionen Kubikmeter Wasser, der größte Stausee Polens, und nur 202 Millionen Kubikmeter in der Rurtalsperre bei Heimbach; Haberstock war aus dem Staunen nicht mehr herausgekommen. Endlich mal eine richtige Aufgabe für ihn. Eine Herausforderung im Nationalpark Vorkarpaten, den Beskiden, wo Pan Jan, Herr Jan, der Bauer aus dem kleinen Ort Falejówka bei Sanok, täglich mit den Bibern kämpfte.
Jans kleiner Biber-Krieg
»Schlagtrafikundaqua!« Mit diesem Fluch hatte Jan Kulka im Herbst 2017 seinen Gemüsegarten in dem kleinen und lieblichen Ort Falejówka betreten, knapp zehn Kilometer nördlich von Sanok gelegen, eingebettet zwischen sanfte Hügel und Srogów Górny und Raczkowa. Zwei Dörfer von ähnlicher Größe in den Vorkarpaten. Ein kleiner Bach entsprang irgendwo hinter Raczkowa und hatte sich im Laufe der Zeit ein Bett gegraben, das dicht hinter dem Haus von Pan Jan vorbeiführte. Das Wasser diente im Sommer auch für den Garten, in dem Möhren, allerlei Gemüsesorten und Rote Beete blühten und gedeihlich in den Himmel oder, wie bei den Möhren, in die Erde schossen. Bis eines Tages alles verschwunden war, neu gepflanzt wurde und zur Erntezeit wieder auf Nimmerwiedersehen im wahrsten Sinne des Wortes abgetaucht war. »Kurwa!«, brummte damals Jan und hatte auf die Bescherung geschaut beziehungsweise auf die leeren und geplünderten Beete für Kapusta, also Gemüse, auf das Stück Garten, wo gestern noch die Möhren in voller Pracht standen. Die Rote Beete war komplett verschwunden. »Bóbre«, knarzte Jan und blickte auf das Meisterstück der Biber drüben im Bach. Zwischen den Baumstämmen, Ästen und Zweigen hatte er alles entdeckt: Möhren, Kapusta, Rote Beete. Dazwischen einige leere Flaschen Wodka und Bierpullen der Marken »Tatra«, »Tyskie« und »Lech«. Jan Kulka ging zum Traktorschuppen, startete an diesem Oktobertag den sorgsam gepflegten »Ursus«, ein zuverlässiges Modell aus kommunistischen Zeiten, und tuckerte an den Rand des Baches. Er klinkte das Stahlseil ein, rammte den kiloschweren Haken in den Biberdamm und schaltete den Ackergang ein. Nur mit Mühe gelang es ihm, dieses Wunderwerk animalischer Baukunst zu zerstören. Das Wasser schoss durch die Lücke. Jan hoffte inständig, dass die Biber sich nun eine andere Stelle zum Bau aussuchen würden, damit er endlich wieder sein eigenes Gemüse essen konnte. Dass er, ein Bauer, im Supermarkt »Biedronka« in Sanok Gemüse kaufen musste, war ihm in diesem Herbst hochnotpeinlich. Doch sein Bauchgefühl sagte ihm, dass er wie Sisyphos den Stein immer wieder hochwälzen würde, mit anderen Worten, dass auch am nächsten Tag die verbliebenen Apfelbäume im Garten des Nachbarn ruckzuck von den Bibern für die Reparatur genutzt werden würden. Langsam reifte eine für die Bóbre, die Biber, tödliche Idee. Schluss mit Sisyphos, könnte man sagen. »Arrest!«, rief er im November zu Bombel, der Promenadenmischung, die am Abend wie immer das Haus verlassen wollte, um einen Kontrollgang zu machen. Auch für die Katze, eine Mischung aus Straße und Siam, hieß es: »Arrest!« Sie schaute Jan verdutzt an, den Kopf schief gelegt, so ganz schien sie nicht verstanden zu haben. »Alle Tiere bleiben heute Abend und heute Nacht im Haus. Das ist ein Befehl«, hatte Jan zu seiner Ehefrau Danuta gebrummt, die spürte, dass Jan wieder eine besondere Idee ausgebrütet hatte. Besser nicht fragen, dachte sie und sperrte Bombel und die Katze ins Wohnzimmer, wo beide sich irritiert anschauten, beschnüffelten und dann einen gemütlichen Platz auf dem Sofa eroberten, wo sie sonst unter Strafe nicht mal die nasse Schnauze drauflegen durften.
Jan verließ kurz vor Einbruch der Dunkelheit mit einem meterlangen Elektrokabel das Haus in Richtung Bach. Mitten in der Nacht kam es zu einer Art Verpuffung, und die alte Porzellansicherung flog in hohem Bogen aus der Fassung. Jan lächelte. Hoffentlich hatte es nicht den Nachbarn erwischt, der ab und an tief in der Nacht mit versetztem Schritt aus der Dorfkneipe am Bach entlang torkelte und unter der Erdanziehungskraft litt. Es war nicht der Nachbar gewesen. Es war … Im Morgengrauen, nachdem er die Sicherung wieder eingebaut hatte, schnappte Jan den Spaten seines Vaters und ging bis zum Ende des Elektrokabels in der Nähe des Baches, wo er Flaschen und Äste abgelegt hatte. An den offenen Enden der Kabel lag wie schlafend ein Prachtexemplar mit versengter Schnauze. Mit kräftigen Spatenstichen hob Jan blitzschnell eine Grube aus. Bevor die Sonne aufging, erinnerte nichts mehr an diese Art eines elektrischen Stuhls. Fortan wurde im Bach, dicht bei Jans Haus, kein Damm mehr gebaut. Dafür 100 Meter weiter bachabwärts beim Nachbarn, dem mit dem versetzten Schritt. Mit anderen Worten, das Biberproblem bei Jan Kulka war damals gelöst worden, hatte sich aber nur verlagert. Letztlich warteten die Vorkarpaten immer noch auf Haberstock aus Deutschland. Den Biberpapst aus Aachen.
Tödliche Abzweigungen
Haberstock hatte Flugangst, besaß kein Auto, und mit dem Zug würde die Reise zwei Tage dauern. Er stieg in den Fernbus Richtung Krakau und überquerte bei leichtem Schneefall in Görlitz die Grenze. Dann ging es auf der A 4 an Wrocław, also Breslau, entlang in Richtung Kattowitz. Von da aus war es ein Katzensprung zur ehemaligen Hauptstadt Polens, dem schönen Krakau. Wäre da nicht der Autobahnabzweig nach Oświęcim: Auschwitz. Nachdenklich hing er in seinem Fenstersitzplatz. Was war sein Vater im Zweiten Weltkrieg? Schweigen. Das große Schweigen. Nie hatte er mit ihm darüber gesprochen. Erst nach dem Tod seiner Mutter entdeckte er Unterlagen über seinen Vater Egon, an den er sich nicht erinnern konnte, weil er so früh aus seinem Leben verschwunden war. Unterlagen über dessen Zeit als Soldat. Ein Foto in schwarzer Uniform. Der Name Stroop schoss ihm durch den Kopf. SS-Panzergrenadier- und Ausbildungsbataillon 3 in Warschau. Dann muss sein Vater um Versetzung gebeten haben. Ein Foto von ihm. Auf dem Kragenspiegel links SS-Runen, rechts ein Totenkopf. Ihm grauste. Er wollte es nicht wissen. Als er klein war, da kamen Herren zu Besuch. Sie zogen sich mit Mutter zurück. Manchmal horchte er an der Tür: Warschau, Ghetto-Aufstand, Versetzung, Kamerad Haberstock, Führer, Vaterland, Argentinien, Mengele, Höß, Rudel, Eichmann. Seine Mutter hatte leise und still gelitten. Vater wurde vermisst. Wie so viele. Haberstock wuchs ohne ihn auf. Nun passierte er die Ausfahrt nach Auschwitz. Die Historiker und Politologen der Philosophischen Fakultät sprachen immer wieder über Auschwitz und das kollektive Gedächtnis, über den Holocaust, die Shoa. Haberstock wollte sich damit nicht auseinandersetzen. Sein Zuhause war die Biologie, genauer gesagt, die Familie der Biber. Bereits als kleiner Junge war er an den Bächen und Flüssen der Eifel auf der Suche nach Biberspuren gewesen. Er war damals die Rur entlang geradelt, warf seinen Blick auf die Bäume am Ufer und krachte oft mit anderen Radlern zusammen. Sein Blick galt den Bibern. Diese Nager, diese possierlichen Tierchen, wie Loriot einst sagte, sie wurden der Kern seiner Forschung. Er, Haberstock, war die Biberkoryphäe in Europa. Wäre doch gelacht, wenn er den Polen nicht helfen könnte. Vortrag und Ortsbesichtigung in Lesko und Cisna am Fluss Solinka; er würde rasch die geeigneten Maßnahmen und Methoden vorschlagen und darüber dann einen Aufsatz schreiben.
Kurze Zeit später tauchte die Abfahrt Krakau-Zentrum auf. Seine Nachbarin im Bus, die erzählfreudige Doktorandin Agnieszka Globus aus Krakau mit ihren langen schwarzen Haaren, empfahl ihm die Sehenswürdigkeiten. Sie stammte, wie sie mit einem leicht polnischen Akzent sagte, aus der Stadt an der Weichsel, promovierte in Göttingen an der Fakultät für Agrarwissenschaften und sollte eines Tages den Kleinbauernhof ihrer Großeltern in der Nähe von Krosno zu einem Musterbetrieb für biologische Landwirtschaft entwickeln. Das erzählte sie dem liebenswerten alten Herrn Professor, der seine väterlichen Augen nicht von ihr wenden konnte, auch nicht von ihrem knappsitzenden T-Shirt unter dem wärmenden Mantel und der hautengen Lederhose. Sie schwärmte mit Begeisterung und Freude von den Tuchhallen, dem Wawel, den Planty, der Universität und dem jüdischen Stadtviertel Kazimierz. Dort habe Steven Spielberg einst Szenen für »Schindlers Liste« gedreht. Dort finde jedes Jahr im Sommer ein jüdisches Kulturfestival statt. Haberstock müsse einfach im Sommer wiederkommen und nicht im Februar. Im Sommer, vor der Marienkirche, da sei es fast so wie in Italien, nur anders, aber auch wieder nicht sehr viel anders. Ach, dem Turmbläser, dem müsse er zuhören. Er spiele zu jeder vollen Stunde und verstumme plötzlich. Zur Erinnerung an den Bläser, der vor dem Angriff der Tataren mit einem Signal warnte und mitten im Ton von einem Pfeil im Hals getroffen wurde. Haberstock schauderte ein wenig. Doch das Lächeln der vollen Lippen von Agnieszka lenkte ab. Er dachte an Napoleon. Da war doch was mit einer polnischen Liebe. Die Aussichten bei der Fahrt durch Krakau vertrieben die Gedanken an den kleinen Korsen. Die Straßen waren belebt, die Straßenbahn brummte um die Innenstadt, der Turm der Marienkirche strahlte, der Wawel war leicht mit Schnee bedeckt. Haberstock reichte Agnieszka seine Visitenkarte und näherte sich ihr mit dem Restduft seines After Shaves bedrohlich, nahm erstaunt und dann erfreut die Apfelsaft-Minz-Flasche von ihr als Geschenk, die sie ihm so gerade vor die Nase hielt, damit er ihr nicht die Wange küssen konnte.
»Dzienkuje, danke, danke, liebe Pani Agnieszka. Sie haben einem alten Professor die Fahrt verkürzt und meine Vorfreude auf Krakau enorm gesteigert. Sie sind eine wundervolle Botschafterin Ihres Landes. Danke, danke. Viel Erfolg für Ihre Doktorarbeit. Wenn Sie nach Aachen kommen, bitte melden Sie sich. Ich habe auch ein Gästezimmer. Leben Sie wohl.« Das Gästezimmer war leicht geflunkert, eher ein Klappsofa im Arbeitszimmer. Er dankte nochmals für die Einladung, dann nahm er ein Taxi zur Ulica Garbarska, sein Zimmer war reserviert. Morgen würde er vortragen, übermorgen eine Exkursion nach Lesko machen. Die Luft im Bus war trocken, er trank stets zu wenig, wie so viele alte Menschen.
Haberstock und die Unbedenklichkeit
Haberstock hatte als ordentlicher Professor gezockt. Er hatte für sein Leben gern gezockt und war früher Stammgast im Aachener Casino, als dort die Kugel noch rollte. Er hatte seine Ehe verzockt und die Zuneigung seiner Kinder, sein Haus, seine Grundstücke und hätte fast Privatinsolvenz anmelden müssen, wenn er nicht einen Auftrag erhalten hätte, der ihn zurück ins wahre Leben holte. Das wahre Leben hielt ihn auch noch nach der Emeritierung über Wasser, denn die Biber, die vermehrten sich in demselben unaufhörlich.
Das Gutachten, das er damals fertigen sollte, war entscheidend für ein Urteil, von dem Millionen abhingen. Euro, nicht Biber. Und mit Blick auf die Millionen und die Biber, da entschied sich Hermann Haberstock für die Millionen. Ja, es sei vertretbar, an den Ufern der Urft einen Freizeitpark mit 150 Ferienhäusern anzulegen. Ein kleines Dorf, vor allem für die Nachbarn aus den Niederlanden, die rasch in die Eifel kommen wollten, Ferien machen, wandern, Berge, endlich mal Berge sehen. Denn vom flachen Land, da hatten sie genug: Niederlande eben. Haberstock trat damals in den Gemeinderäten als Herr Professor Haberstock von der RWTH Aachen auf. Redegewandt, ein wenig eitel, Powerpointpräsentation von seinem Assistenten erstellt. So hatte er vor den Damen und Herren des Gemeinderates in Gemünd gestanden und erläutert, dass es dem Biber an der Urft nur guttun würde, quasi eine Dauerkur, wenn er von der Urft an die Rur transloziert würde. Dem Bau einer Anlage von Eifelbungalows für die lieben Nachbarn aus Limburg und die entfernten Nachbarn aus Friesland stünde aus seiner, sozusagen biberfachlichen Sicht, nichts im Wege. Nur die Entschlusslosigkeit der Mitglieder in der Gemeindeversammlung des Kneipp-Kurortes Gemünd, gelegen am schönen Flussbett der Urft. Zudem fließe die Olef ja auch in die Urft, und somit sei klar, dass hier auf den wenigen Restmetern bis zur Urfttalsperre nun wahrlich nicht zwingend eine Familienzusammenkunft mehrerer Eifelbiberclans erfolgen müsse. Das saß. Und in einer der hinteren Reihen saß damals Dr. Wilfried Brauers, lebendig, rotwangig, aufmerksam und in feines Tuch des Aachener Herrenausstatters Wienand gekleidet. Er hatte innerlich frohlockt am Ende der Gemeinderatssitzung. Vor seinem geistigen Auge hatte er bereits damals die naturbelassenen Kleinsthäuser, die PKW mit den gelb-schwarzen Kennzeichen aus den Niederlanden, die Schlangen im kleinen Supermarkt der Gästesiedlung gesehen. Auch nicht viel anders als in Domburg, Middelburg und all den anderen Urlaubsorten an der niederländischen Küste, die wiederum die Aachener in- und auswendig kannten. Wollte man im Sommer mal einige Geschäftskontakte mit Aachener Unternehmern in Ruhe anbahnen, so brauchte man nur dort ein Haus zu mieten. Nun sollte die Retourkutsche erfolgen. Niederländer bevölkern die Eifel, wandern sich die Hacken wund, bewundern Rur, Urft, Olef und lassen Knete in den Kassen von Dr. Brauers und den Gemeinden, den Bauunternehmern, den Kneipen und Gasthöfen, in Vogelsang und Einruhr, in Woffelsbach und Gemünd, in Dreiborn und in Rurberg und Heimbach. An den exponentiell ansteigenden Abverkauf der Erbsensuppe in Mariawald hatte er da noch gar nicht gedacht. Noch am Abend nach besagter Gemeinderatssitzung hatten Dr. Wilfried Brauers und Professor Hermann Haberstock im Restaurant »La Becasse« in Aachen gegessen, mit einem edlen Tropfen auf diesen rhetorischen und inhaltlichen Erfolg angestoßen und irgendetwas vom Lamm mit ganz besonderen Kartoffeln und ganz besonderer Soße und danach ein Sorbet verzehrt. Oder so ähnlich. Die Erinnerung wurde durch den Aperitif, den schweren Rotwein, getreten von ehrlichen Füßen italienischer Winzer, einem Digestif aus den Tiefen des Schwarzwalds, beste Ware, so eingetrübt, dass am Folgetag die Aktien des Aspirinherstellers einen Satz nach oben machten.
Haberstock hatte Dr. Brauers kennen und schätzen gelernt. Brauers, der Macher, der Gestalter, der die Eifel aus dem Dornröschenschlaf holte, sie wachküsste und Arbeitsplätze schuf. Da mussten die Biber mal hintenanstehen. Und Haberstock wurde wieder flüssig, liquide, konnte endlich mal eine Kollegin zum Essen einladen, war wie befreit, nahm Einladungen zu Kongressen und Vorträgen an. So gelangte er als Emeritus zur Leopoldina im Winter 2018 und stolperte über tote Biber. Böses Omen.
Mit großer Spannung wurde Haberstock nun in Krakau im »Dom Profesorski« in der Ulica Garbarska erwartet, dem Gästehaus der zweitältesten Universität Europas. Prof. Zamek, Leiter des Zentrums für Flora und Fauna der Vorkarpaten, suchte händeringend neue Methoden zu Bekämpfung des Nagers. Der Marschall der Woiwodschaft Vorkarpaten saß ihm im Nacken. Forschungsgelder wurden mit Fragezeichen versehen. Dieses verdammte Biberproblem müsse in den Griff zu bekommen sein. Die Vertreter von Tourismus und Landwirtschaft standen dauernd beim Marschall im Büro. Langsam bekam er Albträume. Zum Glück gab es noch Wodka aus Łancut, der beruhigte seine Nerven und führte zu einem tiefen Schlaf wie in der kommunistischen Kindheit.
Haberstock trank auf seinem Zimmer die Flasche mit der Apfelsaft-Minz-Mischung in einem Zug leer. Erfrischt legte er sich auf das Bett und freute sich auf das Abendessen im Restaurant Hawelka auf dem großen Marktplatz mit Blick auf die Tuchhallen und einen Vorabbesuch in der Marienkirche. Der Altar von Veit Stoß, den wollte er unbedingt betrachten. Ach, das Leben war immer wieder für Überraschungen gut. Die Freude nahm kein Ende, denn er wurde nicht mehr wach.
Tiere, Träume, Terroristen
Freitagnachmittag Anfang Februar 2018 in Aachen. Karnevalszeit. Kurze Session. Schon am 12. Februar war Rosenmontag. Offiziere der Oecher Penn huschten am Dom vorbei auf dem Weg in Richtung Eurogress. Es regnete. Überall Berliner und Puffel und Fettgebäck in den Auslagen der Bäcker. Kam man abends an einer Kneipe vorbei, dröhnte es: »Hurra tsching bumm, Hurra tsching bumm – die Prinzengarde ist da!« Der Prinz mit Hofstaat war unterwegs. Der »Orden wider den tierischen Ernst« war am Samstag, dem 27. Januar 2018, an Winfried Kretschmann verliehen worden, den grünen Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg. Der knarzende Kretschmann hatte sich wacker geschlagen. Gregor Gysi, linker Liebling des Establishments, hielt eine knackige Laudatio. Alles war im Lot. Ein großer Teil des Publikums freute sich auf die nächste Ordensverleihung: Karlspreis an Emmanuel Macron im Mai. Die Herren warteten auf Brigitte und die Damen auf Emmanuel. Beim Oberbürgermeister stand das Telefon nicht still. So viele frankophile Freunde im Bürgertum waren ihm neu.
Kommissar Fett hatte Schuhe gekauft. Cappuccino im »Café zum Mohren«. Am Abend »Three Billboards outside Ebbing, Missouri« mit Iska. Im Grunde alles in Ordnung. Fast.
Vorbereitung auf Kurdendemo in Köln. Sondereinsatzkommando Bonn in Bereitschaft. Schwere Ausschreitungen möglich. Die Absage für den Kinobesuch von Iska, durchtrainierte Leiterin des SEK Bonn, kam wie so oft. Die Zahl der Überstunden wuchs ins Unendliche. Reichsbürger, Linksautonome, sogenannte Aktivisten im Hambacher Forst, Clans im Ruhrgebiet, Folterknechte unter den Flüchtlingen. Seit dem Angriff auf »Charlie Hebdo« war die Sicherheitslage angespannt. Iska, der Sonnenschein aus Bonn, fand kaum noch Zeit, um mit Michael Fett durch die Eifel zu wandern, ins Kino oder Theater zu gehen. Die Einsätze im Hambacher Forst gingen ihr nicht aus dem Kopf. Selten hatte sie so radikale Demonstranten erlebt. Im Grunde waren es keine Demonstranten. Sie verklärten ihre kriminellen Ausschreitungen mit einem höheren Ziel und instrumentalisierten die friedlichen Protestierer für ihren Hass auf das Gesellschaftssystem. Baumfallen, mit Fäkalien beschmierte Pfeile, Bitumenbomben, Steinschleudern, Zwillen mit Stahlkugeln – das ganze Arsenal. Der Zweck heiligte für sie die Mittel. Die Gleichsetzung von Braunkohletagebau mit Nationalsozialismus war die verquere Spitze dieser ideologischen Verblendung und beschädigte die friedvollen Massenproteste der bürgerlichen Umwelt- und Klimaschützer. Iska trennte Müll, fuhr Rad, nahm den Zug, kaufte in den Supermärkten unverpackte Ware. Natürlich musste sich was verändern. Das war ihr so klar wie vielen Kollegen. Der Hass des harten Kerns im Wald ängstigte sie. Hier ging es nicht um den Wald. Hier ging es um das System, um die Demokratie.
Iska und ihr Team mussten die Einsatzhundertschaft aus Aachen unterstützen, wenn die gewalttätigen Umweltterroristen mit ihren verklebten Fingerkuppen auf die Polizei losstürmten. Die Rädelsführer wurden identifiziert und von ihrem SEK-Team festgenommen. Meist nur für kurze Zeit. Sie zweifelte am Rechtsstaat, an seiner Wehrhaftigkeit. Immer mehr Frust baute sich auf und schwappte in ihre Beziehung zu Michael Fett, der in Aachen Mordfälle aufklärte. Fett beruhigte mit seinem Interesse an Literatur, Film und Theater, seinen manchmal irritierenden Ansichten zum Lauf der Zeit. Immer wieder kamen ihnen die Einsätze dazwischen. Nicht viele Polizistinnen leiteten in Nordrhein-Westfalen ein Spezialeinsatzkommando. Sie spürte den Druck. Er beflügelte sie. Sie war ein Vorbild für viele andere SEK-Leiter und hielt Vorträge an der Führungsakademie. Fett kam abhanden. Sie sahen sich kaum noch. Jetzt lief Iska den Rhein entlang. Acht Kilometer, wie jeden Tag.
Kriminalhauptkommissar Michael Fett, Ende 50, kleiner Bauchansatz, volles dunkelbraunes Haar, blaue Augen, zumeist in Jeans und Lederjacke, zog sich mehr und mehr zurück. Seine Liebe zu Iska dämmerte dahin. Wenn man nichts zusammen unternimmt, nur noch über SMS und App kommuniziert, dann wird das Zusammensein steril. Sein Beziehungschaos der letzten Jahre setzte er fort. Statt Stetigkeit wieder nur hin und her. Wollte er das so? War er zufrieden mit seinem Leben? Er, das Einzelkind, der seine Wünsche nur sehr spät äußerte, gerne charmierte, flirtete und doch Angst vor Nähe hatte. Er wischte seine Selbstreflexionen beiseite. Spaghetti Bolo, der Krimi »Matto regiert« von Glauser und danach »Aspekte« im ZDF. Sein Abendprogramm stand. Oder doch ein rascher Kontrollgang durch die Innenstadt? Besuch bei seinen griechischen Freunden. Es regnete ununterbrochen. Fett blieb zu Hause. Das Fernsehen ödete ihn an, Zwangsabgabe für niveaulose Berieselung. Früher, ja früher war alles besser. Er lachte über sich und seine Gedanken. Dachte an Werner Herzog und Fassbinder, an das aktuelle Fernsehspiel. Gebannt war er damals von »Aguirre, der Zorn Gottes« und »Berlin Alexanderplatz«. Jetzt: alberne Talkshows mit ewig gleichen Fernsehgesichtern, Dokumentationen mit schnellen Schnitten, blödsinniger Hintergrundmusik, die dem Zuschauer sofort signalisierte, was er fühlen und denken soll. Kein kantiger Scholl-Latour, kein trinkfester Werner Höfer, kein Helmut Lange mit intelligenten Fragen zu »Kennen Sie Kino?«. Stattdessen Kochsendungen rund um die Uhr und irgendwelche Schmonzetten mit Altstars, die nach Gruft oder Wiederbelebung aussahen. Die Selbstfeier der B-Promis auf der Mattscheibe nahm kein Ende. Zum Glück hatte ihm Kollege Schmelzer gezeigt, wie er mit seinem PC in die Mediathek von ARTE und der ARD reinkam. Heute keine Glotze. Keine bewegten Bilder. Und der Facebookscheiß konnte ihm auch gestohlen bleiben. Schmelzer zeigte ihm diese Tierbilder, Aufnahmen vom Frühstück, Mittag- und Abendessen, diese grottenschlechten Kommentare, dieses »Hallo, ich bin in Malle« oder »Hallo, Ihr Lieben, gehe gerade Gassi«. Mit dem Krimi von Glauser machte er es sich auf dem Sofa bequem und tauchte in die Welt dieser mörderischen Irrenanstalt ein. Kurz vor dem Kapitelende fielen ihm die Augen zu. Das Buch sank zu Boden. Auflösung folgt.
Fett träumte, er träumte im Alter immer intensiver. Von den Sommerferien auf dem Bauernhof in Langerwehe. Vom Kuhstall, dem Geruch von Stroh, Mais, Zuckerrüben, Gras, dem frisch gebackenen Kuchen am Freitag aus dem Kohleherd. Der kleine Fett mümmelte den Marmorkuchen, die Erwachsenen kamen mit kotigen Stiefeln in die Küche, wo der Fliegenfänger von der Decke hing. Er fuhr mit dem kleinen roten Massey Ferguson durch die Felder, den Wehebach, mähte Mais und roch das Maschinenfett, den Diesel. Kuhstallmist, frische Milch, Gülle – alles vermischte sich in den Träumen von der Kindheit, vom langen Sommer auf dem Bauernhof. Die Strohballen waren noch rechteckig und konnten von einem Mann geworfen werden. Nicht diese Riesenrollen, die sofort in Plastik eingeschweißt und am nächsten Tag von niederländischen Sattelschleppern abgeholt wurden.
Keine Angst vorm Fliegen
Schnitt. Er flog in seinem Traum. Mit 14 Jahren im Segelflugzeug in Bergstein. »Ka 8 startklar. Brandenbergseil anziehen.« Fett schoss damals in den Himmel, gezogen von der Winde, angetrieben von einem V8-Zylinder-Motor. Herbstflug. Rauschen. Blick auf Obermaubach, den Qualm der Kühltürme in Weisweiler, auf Vossenack, Nideggen, das Tal der Rur. Ruhiges Gleiten. Manchmal ein Lupfer. Thermik. Jetzt scharf links reinhängen. Mitnehmen. Höher, immer höher. Nicht in die Wolken. Verboten. Kein Blindflug in den Wolken. Fett, bis zum 17. Geburtstag immer der kleinste Pilot, glitt auf seinem mit Blei beschwerten Sitzkissen im Traum über die Eifel. »Ka 8, langsam mal runterkommen. Wir machen Schluss.« »Verstanden, komme. Ende.« Schräger Landeanflug, Klappen raus, das Rauschen über dem Kalltal, nachjustieren, Schnauze nach vorne, langsam abfangen. Punktlandung. Die Kameradschaft, das Lachen, Fett und sein Malzbier. Er schlief mit den anderen unter der Tragfläche. Im Sommer, wenn die Maschinen aufgebaut auf dem Platz stehen blieben. Im Kalltal morgens Katzenwäsche. Dann den ganzen Tag an der frischen Luft, am Himmel, im Schleppauto für die Windenseile, im Gras. Eine unbeschwerte Jugend, eine Sommerjugend. Von Ostern bis Anfang Oktober an jedem Wochenende in Bergstein auf dem Segelflugplatz. Der erste Alleinflug. Ohne Vorwarnung kam die Ansage seines geschätzten Fluglehrers. »Du bist so weit. Dreimal hintereinander. Okay für dich?« Selbstverständlich. Dann brach der Schweiß aus. Er war 14. Erster Flug. Uff. Zweiter Flug. Alles ging glatt. Dritter Flug. Sanft setzte er den Doppelsitzer, die gutmütige ASK 13 mit der Werbung für ein Küchenstudio auf die Landebahn. Alle Mitglieder kamen. Er legte sich über die Tragfläche. Dann schlug jeder zu. Auf den Hintern. Ein Ritual. Erleichterung, Glück, riesengroße Freude. Auch sein Freund Norbert war dran. Auch drei Alleinflüge. Was für ein Tag im August 1974. Malzbier, hart gekochte Eier, Stullen und manchmal ein Schweineschnitzel. So verbrachte er die Wochenenden seiner Jugend ab Ostern auf dem Flugplatz. Der Wecker beendete den Traum.
Tod über der Urft
Der Anruf von Schmelzer störte ihn bei Kaffee und Marmeladenschnitte gegen sieben Uhr am Samstagmorgen. Er las gerade einen Artikel über den Contergan-Prozess und war froh, dass einige Journalisten tiefer bohrten.
»Wir müssen nach Vogelsang. An der Victor-Neels-Brücke hängt ein Toter. Die Kollegen aus Euskirchen ertrinken in Arbeit. Wir sollen übernehmen.«
»Euskirchen. Victor Neels? Vogelsang? Warum wir schon wieder?«
»Der Tote kommt aus Aachen. Geschäftsführer der Eifel-All-Inklusive GmbH, kurz EAI, Dr. Wilfried Brauers. Die Euskirchener Kollegen bearbeiten Todesfälle in Zülpich und Mechernich. Zuständigkeit zwischen Polizeipräsidium und Kreispolizeibehörde Euskirchen ist abgestimmt.«
»Super. Holen Sie mich ab. Bin in zehn Minuten fertig mit meinem gigantischen Frühstück.«
Fett legte die Aachener Zeitung beiseite. Noch ein Kaffee. Vogelsang, das bedeutete 45 Minuten Autofahrt.
Aachen schlief noch, als sie vom Templergraben aus losfuhren in Richtung Himmelsleiter. Der Schnee war geräumt, nur noch Fetzen am Straßenrand. Kaum Verkehr.
»Was wissen wir?«
»Ein Jäger namens Vogt überquerte gegen 6.50 Uhr die Victor-Neels-Brücke. Kam von seinem Hochsitz. Zuerst sah er nur das verknotete Seil. Dann schaute er runter. Da pendelte Dr. Brauers über der Urft. Geschossen hat er nichts.«
»Wer?«
»Der Jäger. Kein Rotwild, nichts.«
»Kriminaltechnik schon da?«
»Klar. Der Tote hat seine Papiere in der Tasche. Brauers, 62, geschieden, wohnte am Lousberg in Aachen. Selbstständig. Macht in Immobilien, Tourismus, Projektentwicklung. Mitglied zahlreicher Vereine. Außerplanmäßiger Professor an der Fachhochschule Aachen für Betriebswirtschaft.«
»Zeugen?«
»Keine. Mann, das sind ja Serpentinen hier in der Eifel. Zuletzt waren wir vor Jahren in Einruhr. Und all die Badewannen auf den Feldern. Sollen die Kühe darin plantschen?«
»Wieder Vogelsang. Hab keine guten Erinnerungen. Badewannen. Die Felder sind voll mit alten Badewannen. Viehtränken oder für die Bauern, können die im Sommer während der Arbeit mal ein Entspannungsbad nehmen«, Fett sprach mehr zu sich.
Über die Himmelsleiter ging es Richtung Lammersdorf, Kesternich, runter nach Einruhr, hoch zum Kreisverkehr vor Camp Vogelsang. Die Schranke war geöffnet. Sie bretterten über die breite Panzerstraße zur Ordensburg. Alle Straßen waren gut geräumt. Die Straßenmeistereien waren bereits seit vier Uhr im Einsatz. Eifel, da ist es immer einen Schlag kälter als im reflexiven Talkessel von Aachen, dachte Fett.
Malakoff
Sie steuerten auf das Wachgebäude zu. Die belgischen Streitkräfte hatten hier ihr Militärgefängnis und einen kleinen Shop eingerichtet. In großen weißen Buchstaben stand links auf dem Gebäude neben der Durchfahrt »Malakoff«. Das belgische Wappen hing noch an alter Stelle. Schritttempo.
»Was heißt denn Malakoff?«, wollte Schmelzer wissen.
»Gute Frage. Wohl kaum ein Vorort von Brüssel. Hat was mit einer Befestigungsanlage zu tun. Ich glaube auf der Krim«, Fett dachte an die belgischen Panzereinheiten, die ihm als Kind auf dem Schulweg begegnet waren. In Düren wurden sie verladen, um ins Manöver zu fahren. Er stand damals mit seinem Schulranzen auf dem Bürgersteig der Schulstraße, die heute Eisenbahnstraße heißt, und bestaunte die Stahlkolosse, die quer durch Düren von der Kaserne zur Verladerampe am Bahnhof donnerten. Amerikanische M41Walker Bulldog der belgischen Garnison. In Vogelsang trainierten sie. Manchmal winkten die Panzerkommandanten. Er winkte zurück, während der Boden von den Ketten vibrierte, die Luft nach Diesel roch. Sonntags radelte er mit seinem Vater an der Kaserne vorbei. Sie hielten an, wenn sie die Panzer sahen. Oft M113 Mannschaftstransportpanzer, die sah der kleine Fett auch abends in der Tagesschau, wenn aus Vietnam berichtet wurde. Amerikanische Soldaten mit Zigaretten im Mundwinkel winkten in die Kamera. Der Sprecher verkündete allerdings Bad News. Tet-Offensive, völlig überraschend. Am nächsten Tag tauchten B 52 Bomber auf dem Bildschirm auf. Sollte die Überlegenheit der Amerikaner zeigen. Phosphorblitze zuckten durch Reisfelder, ein nacktes Mädchen rannte schreiend auf einer Straße den Soldaten und der Kamera entgegen. Hubschrauber landeten auf dem Dach der US-Botschaft in Saigon, wurden vom Deck eines Flugzeugträgers ins Meer gekippt. »Agent Orange«, auch so ein Name. Entlaubte Wälder, verkrüppelte Kinder. Er dachte an das feurige Rauschen der Starfighter F 104, die in Nörvenich mit Nachbrenner starteten. Silberne Raketen mit Stummelflügeln am Himmel über Düren. Vier F 104 F bohrten sich im Juni 1962 in eine Braunkohlengrube bei Frechen. Zusammenstoß beim Kunstflugtraining. Kein Pilot überlebte. Geschichten, die immer wieder erzählt wurden.
Alles schoss in Sekundenschnelle durch Fetts Synapsen, als sie über Malakoff sprachen. Dunkel erinnerte sich Fett an den Krimkrieg des 19. Jahrhunderts im Geschichte-Leistungskurs. Festungsanlagen bei Sewastopol, die hatten irgendetwas mit dem Namen Malakoff zu schaffen.
Links hinter dem Wachgebäude ragten Rampen empor, auf denen zuletzt Leopard 2 aufgebockt wurden. Schmelzer steuerte in Richtung Schwimmhalle, rechts stand der kastrierte Fackelträger der Nazis, dem die Männlichkeit durch Dauerfeuer abhandengekommen war. Sie fuhren Schritttempo Richtung Brücke. Hier oben war es fünf Grad kälter als in Aachen, der Boden fast gefroren, die Kiesel knirschten, das Gras auf dem Sportplatz mit Reif überzogen. Rot ging im Osten die Sonne auf. Die Kombis der Kriminaltechnik parkten vor der Brücke, hinter ihnen ein Leichenwagen aus Gemünd. Leichter Schneeregen fiel langsam auf die grau-braune Landschaft.
Brauers lag auf der Brücke. Die Spuren des Stricks waren deutlich am Hals zu sehen.
»Morgen. Was haben wir?«, Fett wandte sich an den Kollegen Dietzel, der das Team leitete.
»Tod muss irgendwann nach Mitternacht eingetreten sein. Handelsübliches Seil, drei Meter lang. Ich vermute Genickbruch, als er fiel. Wird die Obduktion zeigen. Keine Anzeichen von Kampf. Auf der Brücke die üblichen Spuren von Wanderern, aber der Schneeregen hat viel unbrauchbar gemacht. Der Tote kann aus drei Richtungen auf die Brücke gekommen sein. Erstens der Weg, den Sie genommen haben. Zweitens aus Richtung Urfttalsperre, für Mountainbiker geeignet. Schmaler PKW schafft das auch. Drittens der Urftseerandweg aus Richtung Gemünd. Gleiche Qualität. Ein Wanderweg aus Richtung Kloster Mariawald scheidet meines Erachtens aus. Schnellster Zugang ist euer Weg. Der Jäger Klaus Vogt hat ihn entdeckt. Ihm ist nichts aufgefallen. Könnte Selbstmord sein. Dann müsste Brauers in der Nacht hierhergefahren sein. Seinen Jaguar haben wir nirgends gefunden. Er ist nicht angezogen für einen Ausflug nach Preußisch Sibirien. Eher Tanzveranstaltung oder Abendessen.«
»Selbstmord? Erfolgreicher Unternehmer hängt sich so spektakulär auf? Schon möglich.« Fett schritt über die Brücke. Eine moderne Stahlkonstruktion mit einem riesigen Pylonen.
»Das Seil werden wir genau untersuchen. Knoten sieht einfach aus. Kein Seemannsknoten.«
»Könnte irgendwas ins Wasser gefallen sein?«
»Klar. Die Strömung ist nicht stark, die Urft nicht zugefroren. Wir können da unten alles absuchen.«
»Machen Sie das. Warum so spektakulär? Sowohl Mord als auch Selbstmord. Warum diese Brücke? Wer hat sie gebaut? Wer war Victor Neels? Gibt es Überwachungskameras für das Gelände? Gibt es Frühschwimmer im NS-Hallenbad? Wann fuhr der erste Bus? Wir müssen die Ausgangspunkte der beiden Wanderwege prüfen. Hat dort jemand etwas gesehen? Wo war er gestern? Karneval tobt noch zehn Tage. War er in Aachen auf dem Bäckerball oder im Theater? Wer hat ihn zuletzt gesehen? Lassen Sie die Kollegen die Befragung hier vor Ort machen. Die sollen zum Schwimmbad gehen und fragen, ob jemand etwas bemerkt hat.«
Das Auge des Führers
Die Frühschwimmer drehten ihre Runden im Hallenbad des Führernachwuchses. Alles bestens erhalten. An der Wand die starken Germanen, im Becken eine Mischung aus durchtrainierten Körpern und den Ergebnissen ungesunder Ernährung mit Lust auf Tattoo. Niemand hatte etwas bemerkt. Die Frühschwimmer, eine eingeschworene Gemeinschaft, halfen nicht weiter.
Es war neun Uhr, und Fett nahm von der Brücke aus den steilen Weg in Richtung Ordensburg. Der Turm überragte alles. Wie ein dunkles Auge blickte er über die kahlen Hügel und auf die Urfttalsperre, in der der Wasserpegel niedrig war. Das Auge des Führers, dachte Fett. Vor über 80 Jahren erschallten hier die Morgenbefehle. Eine monströse Anlage für den Nachwuchs der NSDAP. Hitler war hier oben, Reichsarbeitsführer Robert Ley baute diese Trutzburg. Arbeit für Preußisch Sibirien, für die arme Eifel. Führernachwuchs für den Lebensraum im Osten. Aus Lebensraum wurde Totenraum. Handlanger des Todes, ideologisch fest verankert, erfüllten sie den Willen des Führers: Tod und Vernichtung für Lebensraum im Osten. Langsam schritt Fett bergan, vorbei am Schwimmbad, über den Sportplatz und an den Hundertschaftshäusern entlang in Richtung Turm. Die Anlage war nun ein Erinnerungsort mit Ausstellung, Seminarräumen, Gastronomie, Buchshop, Führungen und Akademie. Sein Handy klingelte. Schmelzer.
»Wo stecken Sie?«
»Unter dem Auge des Führers.«
»Wo?«
»Kurz vor dem Turm.«
»Ich hol Sie ab. Die sind hier fertig.«
»Kontrollieren Sie den Ticketautomaten. Wer hier rein will, muss normalerweise ein Ticket ziehen und nachher eins für die Ausfahrt. Die Schranke war zwar oben, vielleicht funktionierte sie noch in der Nacht.« Fett stand auf dem Adlerhof. Bäcker Paschorke aus Gemünd brachte frische Brötchen zum Restaurant. Personal traf ein. Putzfrauen verabschiedeten sich. Schmelzer keuchte die Stufen hoch.
»Victor Neels war ein belgischer Kommandant von Camp Vogelsang. Er hat viel für die Zusammenarbeit mit den deutschen Nachbardörfern geleistet. War sehr beliebt bei den Menschen. Das war mit seinen Vorgängern nicht immer so. Denken Sie an Major van Bellen. Deshalb wurde die moderne Stahlbrücke nach Neels benannt.«
Fett nickte gedankenverloren.
»Warum diese Mühe? Vielleicht Selbstmord? Etwas spektakulär. Wann öffnet der Shop?«
»Um zehn Uhr, Chef. Die ersten Mitarbeiter aus den umliegenden Orten treffen gerade ein.«
»Sagen Sie ihnen, dass die Brücke noch gesperrt bleibt. Und hören Sie sich mal um. Victor Neels, Brücke, Brauers. Vielleicht hat jemand etwas mitbekommen.«
Schmelzer fand nichts heraus. Das Samstagsteam des Besucherzentrums konnte nicht weiterhelfen. Sie waren schockiert über den Toten an der Brücke. Alle wussten von Victor Neels, dem letzten Kommandanten des Camps, der oft noch mit Freunden Vogelsang besuchte. Brauers, nie gehört. Bis auf den Leiter des Besucherservices. Erwin Burda hatte den Namen mal in einer Leitungsbesprechung aufgeschnappt. Konnte sich aber nicht mehr genau erinnern.
Hoboken und Alkuin
Gegen Mittag trafen Fett und Schmelzer in Aachen ein. Das Appartement von Dr. Brauers wirkte aufgeräumt. Eine Musterwohnung der gehobenen Preisklasse: Möbel aus Italien, Chuck Close und Neo Rauch an den Wänden, Toplage am Lousberg, Blick auf die Stadt. Die KTU nahm das Notebook und einige Aktenordner mit. Fett schaute die CD- und Plattensammlung durch. Brauers besaß einen exklusiven Plattenspieler für die alten Vinylscheiben. Franz Zappas »Over-Nite Sensation« lag obenauf. Nicht schlecht, dachte Fett. Lange nicht mehr gehört.
»Lebte er allein?« Fett blickte zu Schmelzer.
»Sieht so aus.« Schmelzer öffnete die Schubladen des Designerschreibtisches und wühlte in den Unterlagen.
»War geschieden. Frau und Tochter leben in einem Penthouse in Hoboken mit Blick auf Manhattan. Feine Adresse in New York.«
»Hoboken? War ich noch nie. Nachbarrevier von Popeye Doyle. French Connection.« Schmelzer schüttelte den Kopf über Fetts Assoziationen. »Brauers habe ich doch oft in der Zeitung gelesen. Immobilien, Messen, Kunst und Kultur. War er mal Karnevalsprinz?« Fett sprach mehr zu sich als zu Schmelzer.
»Kann sein. Jeder war mal Prinz. Zumindest von den ganz, ganz wichtigen Herren in der Kaiserstadt. Quasi alle Nachfolger Karls des Großen.«
»Was Sie alles wissen, Schmelzer. Fast so gut wie Einhard.«
»Besser als Einhard. Alkuin.«
»Wow. Wie der Hund vom Dompropst. Dann mal los, Alkuin. Bin auf Ihre These gespannt.«
»Alkuin – Hund vom Dompropst? Eher der Spindoctor von Karl dem Großen. Also: viele Jobs, viele Feinde. Neid, Konkurrenz, Rache, Gier, Eifersucht. Bei Brauers kommt alles zusammen. Suchen Sie sich was aus. Ein Tausendsassa, sagte man doch früher so. Der machte Geld aus allem.«
»Sehr konkret. Besten Dank, Alkuin vom Steppenberg. Fangen wir mal ganz klein an. Freitagsprogramm von Brauers. Gibt es einen Terminkalender oder steht alles im Handy? Haben wir sein Handy? Gibt es eine Chefsekretärin?«
»Marion Schnell. Sie leitet sein Büro im Kapuziner Karree. Brauers Handy haben wir nicht gefunden. Treibt vielleicht gerade in Richtung Urfttalsperre.«
»Rufen Sie Frau Schnell an. Hurtig. Um nicht zu sagen schnell.«
Fett ging durch die Zimmer. Ihm kam es so vor, als ob er in eine Musterwohnung für »Schöner Wohnen« eingedrungen sei. Nicht nur aufgeräumt, sondern steril. Er dachte an sein eigenes Arbeitszimmer. Immer kippte ein Stapel mit Büchern um. Ständig waren die alten Schallplatten in falschen Hüllen. Irgendwo lagen seine Socken verstreut. Hier nicht. Alles an seinem Platz. Vielleicht ist das das Geheimnis des Erfolgs. Alles an seinem Platz. Ordnung als oberstes Prinzip. Auch am Bücherregal. Klassiker des ökonomischen Denkens. »Feuchtgebiete« neben dem Krimi »Allerseelenschlacht«. Managerbücher wie »Heute arm, morgen reich. Karriere ohne Kurven« und Alltagsweisheit wie »Glücklichsein mit ernster Heiterkeit«, mehrere Exemplare seiner Doktorarbeit im Fach Wirtschaftsgeografie zum Thema »Landschaftsraum, Ökologie und Tourismus. Eine Symbiose.« Kein großer Leser, der große Macher. Die DVD-Sammlung bestand aus Arthaus-Klassikern von der ZEIT. Manche noch verschweißt. Woran hatte Dr. Brauers Freude? Am Kontostand? An Zeitungsartikeln? An VIP-Einladungen? An einer Jacht, an Häusern? War er ein Wohltäter? Sammelte er Orden? Oder alles zusammen?
»Mit wem haben wir es zu tun, Schmelzer? Wer war der Mann, was trieb ihn an?«
Schmelzer staunte im Bad über die Pflegeserie für Männer, während er seit Jahren zum Schrecken seiner Ehefrau Anne immer noch Old Spice benutzte.
»Ich tippe auf Macht. Macht macht mächtig und sexy. Da gehen alle Türen schnell auf. Keine Wartezeiten. Sofort Termine. VIP-Lounge am Airport. Businessclass bei der Lufthansa. Premierenabo im Stadttheater. Eigene Lounge am Tivoli, na, darauf kann man ja jetzt verzichten. Vielleicht steht auf dem Flugfeld von Merzbrück eine Cessna. Wer weiß? Antrieb? Gestalten, machen, bewegen, schaffen, nicht vergessen werden. Etwas hinterlassen. Was treibt die Menschen an? Ruhm, Ehre, Geld, Ansehen.«
»Nicht schlecht, mein lieber Alkuin. Wie kam er so weit? Hochgearbeitet? Schauen Sie sich seinen Lebenslauf an. Hier finden wir nichts mehr. Eher noch die KTU auf seinen Computern und dem technischen Gedöns. Auf zu seiner Sekretärin. Die wissen alles, auch das, was nicht in der Zeitung steht.«
Die bitteren Tränen der
Marion Schnell
Der Brunch nach dem Bäckerball war ihre Rettung. Die Nacht zu kurz, der Morgen verschattet. Ihr Chef irgendwann verschwunden. Sie tanzte bis um fünf Uhr. Die »Vier Amigos« rockten den Eurogress – wie jedes Jahr, wie immer. Die Hälfte des Lebens kam auf Marion Schnell zu. Im Sportstudio hielt sie sich topfit. Marion war immer dabei. Sie lachte gerne und laut. Sie tanzte die Konkurrentinnen an die Wand, und als Schatten von Dr. Wilfried Brauers, Karnevalsprinz a. D., gelangte sie manchmal auf die Einladungsliste für Feste und Feiern. Sie war mehr als seine Sekretärin, mehr als seine Büroleiterin. Damals war sie noch mehr. Bis in die Nacht im Büro, zum Abschluss Champagner aus dem Bürokühlschrank, die Freude über den Erfolg, all die Stunden, all die Tage, all die Wochen. Sie lebte den Job, sie liebte ihren Chef. Die coole Eleganz, Überblick, Kreativität, sein Gespür für Chancen, Entwicklungen. Wilfried wusste, wie die Welt funktioniert. In ihren Augen. Sie spürte, dass es nicht lange halten würde. Brauers war Trophäenjäger. Aber bei ihr war es anders. Hatte er ihr gesagt, der blonden Marion Schnell, mit den blauen Augen, der engen Jeans, den endlosen Beinen, nach denen sich trotz Me-Too-Debatte die Männer auf der Straße umschauten. Außerdem lächelte sie gerne, und das Wort »Flirt« stand nicht auf ihrem Index der verbotenen Wörter und Taten.
Der letzte Apérol war einer zu viel. Samstagsbrunch im Hause Paffenhoven. Ihr Chef wollte auch kommen. Das Tattoo am Fußgelenk juckte. Kaum zu sehen. Rouge, Designerjeans, Lederjacke. Wird schon. Ihr knatschgelber VW Beetle parkte in der Tiefgarage vom Eurogress. Sie bestellte ein Taxi für die Fahrt zum Brunch. Das Handy klingelte.
Verweint saß sie wenig später auf ihrem Sofa und hielt einen Teddy im Arm. Das Rouge war mit den Tränen auf die Lederjacke gelaufen. Von dort auf die hellblaue Jeans. Fett und Schmelzer trafen kurz nach ihrem Anruf ein und kondolierten zum Tod von Dr. Wilfried Brauers.
Schmelzer schaute sich um. Seilgraben, Innenstadtlage, Mietwohnung. Marion Schnell war Stammkundin der großen Möbelhäuser in der Region. Hier und da ein Accessoire aus einem Designerladen. Krimis von Martin Suter. BRIGITTE woman, »Landlust«, eine CD von »AnnenMayKantereit«, Einladung zum Bäckerball. Eine alleinstehende Frau, attraktiv, bei einem der Macher der Stadt beschäftigt.
»Wann haben Sie Ihren Chef zuletzt gesehen?« Fett sprach sie mit ruhiger Stimme an.
»Gestern. Auf dem Bäckerball. Er saß vorne. An der Bühne. Bei den wichtigen Leuten.«
»Wo saßen Sie?«
»Hinten. Mit meinen Freunden.«
»Haben Sie eine Uhrzeit für uns, wann Sie ihn zuletzt gesehen haben?«
»Nach den ›Vier Amigos‹. Das war gegen 23 Uhr. Er ging raus, winkte mir zu. Ich blieb an meinem Tisch. Sie können ja meine Freunde fragen.«
»War er alleine?«
»Ja.« Sie wischte sich die Tränen ab. Fett reichte ihr ein neues Papiertaschentuch.
»Scheiße. Wie ist das passiert?« Marion Schnell pendelte zwischen Wut und Trauer.
»Darüber können wir noch nichts sagen.«
»Sie sind doch von der Mordkommission. Wie ist er ermordet worden? Wer tut so etwas?«
»Frau Schnell, auch Selbstmord kommt in Betracht. Sie kennen doch den Satz aus jedem ›Tatort‹: Wir stehen am Anfang der Ermittlungen.«
»Quatsch. Wilfried Brauers hätte nie Selbstmord begangen. Auch wenn er in letzter Zeit etwas nachdenklicher war, weil er so viele Bälle in der Luft hatte.« Marion Schnell blickte ernst und bestimmt. »Das Einkaufszentrum ›Karls-Quartier‹ ist doch gerade fertig. Die Kaufverträge für Objekte in Bonn, Neuwied, das neue Schwimmbad in Düren sind unterschriftsreif. Bei Heimbach an der Rur der Ferienpark für die Niederländer. Sogar irgendwo in Polen bei Salino oder Solina plante er ein riesiges Objekt. Nächstes Jahr sollte er den Vorsitz des Lions Club Salvator übernehmen. Wilfried hat sich nicht umgebracht.«
»Hatte er Feinde? Ist Ihnen etwas aufgefallen?« Schmelzer schaltete sich ein.
»Neid, Konkurrenz. Die großen Macher können Sie an einer Hand abzählen. Wilfried war einer von ihnen. Immer im Wettbewerb. Das war Alltag.«
»Geht es etwas konkreter?«
»Nein. Wilfried war korrekt. Konkurrenz ja, keine Drohungen.«
»Seine Frau?«
»Kein Kontakt. Seit der Trennung vor 15 Jahren. Sie bekommt sein Geld. Macht sich ein schönes Leben in New York.«
»Hatte er keine Freundin?«
»Dr. Wilfried Brauers war mit seinem Job liiert. Ansonsten Affären. Nichts Bedeutendes.«
»Und aktuell?«
»Keine Ahnung. Irgendwas lief immer. Wir haben das Thema ausgeklammert.«
»Warum?«
»Weil wir selbst mal kurz zusammen waren. Damit kamen wir klar. War alles erledigt. Trauerarbeit. Wenn Sie verstehen. Sie erfahren es ja sowieso.«
»Trauerarbeit? Dann können Sie ja jetzt weitermachen.«
»Find ich geschmacklos von Ihnen.«
»Frau Schnell, wir ermitteln. Ihr Chef hing heute Morgen an einer Brücke in der Eifel. Alles sehr unangenehm. Vor allem für ihn. Wir ziehen Ihnen alles aus der Nase.«
»Hören Sie! Vor wenigen Stunden habe ich Wilfried noch lebendig gesehen. Jetzt kommen Sie rein, quatschen von Mord oder Selbstmord und wollen von mir wissen, wer ihn umgebracht haben könnte. Meine Existenz ist am Arsch! Seine Alte in Hoboken erbt alles. Ich steh auf der Straße und kann bei irgendeinem Bürofuzzi Exceldateien für Mindestlohn tippen. Soll ich jetzt Hurra rufen und Ihnen eine Mörderliste geben?«
»Frau Schnell, so haben wir das nicht gemeint. Je mehr Sie uns sagen, umso schneller können wir den Fall aufklären.«
»Dann klären Sie mal auf. Und lassen Sie mich in Ruhe. Man verliert nicht einen Menschen wie ein altes Portemonnaie. Wir kannten uns über 20 Jahre.«
»Rufen Sie uns bitte an, wenn Ihnen etwas einfällt. Sie erreichen uns immer.«
»Den Terminkalender von Dr. Brauers. Wo finden wir den?«
»War in seinem Handy und die geschäftlichen Termine auf meinem PC im Büro. Passwort ›Wilfried2003‹.«
Fett betrachtete ihre lackierten Fingernägel, die verweinten Augen, die blonden Strähnen. Wenigstens kein Nagelstudio, dachte er. Ob sie viele Tattoos hat? Er sah nur am linken Fußgelenk einen Buchstaben. Sah nach einem W aus. Für Wilfried? Die einsamen Abende im Büro konnte er sich gut vorstellen. Von ihr ging eine durchdringende erotische Ausstrahlung aus. Es knisterte. Ob Schmelzer das auch spürte? Der Kollege schaute interessiert die Inneneinrichtung an. Wahrscheinlich holte er sich Ideen für sein Fertighaus am Steppenberg. Er reichte Marion Schnell die Hand. Selbst da noch spürte er das Kribbeln, die Ausstrahlung einer lebensfrohen und verdammt attraktiven Frau Ende 30, Anfang 40.
Bäckerball – Todesball
Fett und Schmelzer fuhren zum Eurogress. Die Aschenbecher vor dem Kongressgebäude waren noch voller Kippen. Das Casino nebenan schon lange geschlossen. Eine Sternstunde der Stadtentwicklung. Irgendwann sollte sogar ein Nachbau der Sixtinischen Kapelle da rein. Stand in der Zeitung und war kein Aprilscherz. Johannes Beaucamp, der Hausmeister, öffnete. Ferdi Scholl, Technikbeauftragter, kam aus Richtung Europasaal auf sie zu. Er trug einen grauen Kittel wie sein Kollege Hausmeister.
»Tag, die Herren. Sie kommen wegen des Bäckerballs?«
»Fett, Schmelzer. Kripo Aachen. Haben Sie Kameras installiert?«
»Kameras? Ja, aber nur hintenrum. Für die Zufahrt. Ist ja stockdunkel. Wir hatten Einbruchsversuche.«
»Nicht hier vorne oder im Eingangsbereich zu den Sälen?«
»Datenschutz! Da macht uns die Politik im Betriebsausschuss die Hölle heiß. Soll keiner sehen, wer hier feiert.«
»Und alle Gäste kommen hier rein und gehen hier raus?«
»Gäste ja. Künstler hinten.«
»Das war es.«
»Na dann. Heute Abend ist wieder Bäckerball. Wenn Sie noch nichts vorhaben. Sind noch wenige Karten frei.«
»Wir melden uns. Mein Kollege steht mehr auf veganen und alternativen Karneval.«
Schmelzer schaute überrascht. Wusste er von sich gar nicht.
Schneeregen setzte ein. Der Himmel zeigte sich geschlossen grau. Ein kalter Wind fegte durch Aachen. Sie fuhren den kurzen Weg zum Polizeipräsidium, ohne ein Wort zu wechseln. Den Samstag hatten sie sich anders vorgestellt. Schmelzer wollte mit Sohn und Frau einkaufen. Fett hatte sich auf ausgedehnte Zeitungslektüre und ein zweites Frühstück im »Café zum Mohren« gefreut. Jetzt hockten sie vor einer Filterkaffeemaschine im Büro und trugen die Fakten zusammen.
»Keine Spuren in Vogelsang. Niemand hat etwas mitbekommen. Keine Kamerabilder. Wir prüfen alle Radaranlagen auf dem Weg von Aachen nach Vogelsang. In Roetgen blitzt es an allen Ecken. Frühschwimmer haben nichts gesehen. Irgendwann nach 23 Uhr ist Brauers vom Bäckerball verschwunden. Ob alleine oder in Begleitung, wissen wir nicht. Wir checken alle vom Promitisch. Kümmern Sie sich drum, Schmelzer. Rufen Sie den Bäckerballpräsidenten an oder wen auch immer. Wir müssen wissen, mit wem Brauers am Tisch saß. Wer hat ihn zuletzt gesehen? Da gibt es auch Kellner, die für die Tische zuständig sind. Auch die müssen wir überprüfen. Ich brauch jetzt ’nen Kaffee.«
»Ich auch.«
Schmelzer telefonierte und trug langsam die Sitzordnung am Prominententisch zusammen. So verging sein Samstagnachmittag. Sechs Personen saßen am Promitisch beim Bäckerball am Freitagabend. Vom Vorstand der Sparkasse Aachen das Ehepaar Rosenstern, aus dem Festkomitee des Bäckerballs der stellvertretende Vorsitzende und Erfinder der Rundprinte, Bäckermeister Ludwig Krützen, die Vorsitzende des Sozialwerks christliche Nächstenliebe, Frau Dr. Roswitha Sänger-Hagelschlag, der Geschäftsführer von Aachen Aix-Port-Import, Herbert Johnen, und eben Dr. Brauers selig.
Schmelzer zeichnete die Sitzordnung nach. Der überaus hilfsbereite Geschäftsführer des Vereins Bäckerball e.V. konnte die Platzierung rekonstruieren. Nun galt es, Verbindungen zu checken und die Tischnachbarn zu befragen.
Export/Import
Für Herbert Johnen, den alten Junggesellen, standen Export und Import im Mittelpunkt des Lebens, seit er von seinem Vater einen kleinen Kolonialwarenladen geerbt hatte. Er wohnte irgendwo im Südviertel. Nach 20 Minuten traf er mit seinem alten Daimler am Präsidium ein. Johnen schob seine Wampe ungefähr einen halben Meter vor seinem Kopf auf Fett zu. Ganz merkwürdige Gestalt, dachte Fett. Blaues Sakko, goldene Knöpfe, altes Einstecktuch, Schuppen auf den Schultern.
»Tag, die Herren, was ist denn los?«
»Herr Johnen, danke, dass Sie direkt kommen konnten. Am Tag nach dem Bäckerball.«
»Sie sagten etwas von Brauers und Unfall. Also bitte.«
»Letal. Ja, ein Todesfall. Sie haben ihn zuletzt gesehen.«
»Todesfall, zuletzt gesehen? Meine Herren, bin ich schon angeklagt? Habe ich ihn in die Pau gestoßen?« Er lachte trocken, leicht kränklich, alter, abgestandener Atem.
»Sie können uns vielleicht sehr helfen, Herr Johnen. Wann haben Sie Dr. Brauers zuletzt gesehen?«
»Tee hab ich gestern nicht getrunken. Um Mitternacht oder so. Kurz vor Programmschluss. Ja, genau. Ich erinnere mich. Er sagte, dass er mal an die frische Luft müsse. Konnte ich gut verstehen. Wissen Sie, die Luft, ja die Luft. Die ist immer so schlecht. Alle schwitzen. Dann die Musik. Also ich konnte das gut verstehen.«
»Und dann?«
»Was und dann? Dann ist er nicht mehr gekommen.«
»Haben Sie sich nicht gewundert?«
»Nein, nein, es ging dem Ende zu. Man konnte kaum ein Wort wechseln. Und Brauers, der war eh eigen. Also er ging und kam. Das war so seine Art. Was ist denn überhaupt passiert?«
»Brauers hing heute Morgen an einer Brücke in der Eifel.«
»An einer Brücke in der Eifel! Mit so etwas scherzt man nicht.« Die Neugier konnte er kaum zügeln. Er stand auf und kam so nah an Fett heran, dass die Intimzone Alarmsignale abgab. Viel zu nahe stand er vor Fett. Leicht feuchte Lippen. Dreckige Brillengläser. Eine Landschaft von Schuppen auf den Schultern.
»Selbstmord? Mord?«
»Wir untersuchen noch. Danke. Sie können gehen. Wenn wir noch Fragen haben, dann melden wir uns.«
Die Gespräche mit den anderen Tischnachbarn waren ähnlich ergiebig. Irgendwann war Dr. Brauers verschwunden. Herr Rosenstern glaubte, Brauers habe eine Nachricht auf dem Handy erhalten, danach sei er aufgebrochen. Keiner der anderen hatte etwas mitbekommen.
Von Bibern und Erbsensuppe
Der Samstag endete ergebnislos. Ein Unternehmerleben hatte in der Nacht oder am frühen Morgen sein Ende gefunden. Fett traf spät in seiner Wohnung am Templergraben ein. Der Kühlschrank starrte ihn an: leer. Keine Einkäufe, keine Vorräte. Doch. In der Abstellkammer: Hering in Tomatensoße, Pumpernickel, eine Flasche Cola light. Irgendwo musste noch eine stille Reserve von seinem Lieblingssport liegen: Ritter Sport. Vollmilch oder Marzipan. Er war sich nicht sicher. Mittlerweile besaß er sogar dank der Hilfe von Schmelzer Streamdienste, wie er sie nannte. Netflix und Amazon Prime. Hatte ihm Schmelzer zu geraten. Der verbrachte das Wochenende mit seiner Familie. Fett überlegte, wen er anrufen könnte. Junggeselle am Wochenende sucht Anschluss. Iska wieder im Dienst. Im Kino kein Film, der ihn interessierte. Er ging zum Buchregal. Die letzten Empfehlungen der Buchhändlerinnen. Zuerst Ritter Sport. Dann kam Martenstein, dann doch ein Film: »Blue Steel« von Kathryn Bigelow auf Netflix. Die Reihenfolge stand. Er schlief nach Ritter Sport ein.
Fett träumte. Er träumte von der Beerdigung seiner Mutter, von den Verwandten, die stets Blumen auf das Grab legten, die schauten, ob er eine Kerze auf das Grab gestellt hatte. Dann war er im Hallenbad. In Düren. Im alten Hallenbad an der Bismarckstraße. Die Uhr lief. Nur eine Stunde schwimmen. Die Bademeister achteten auf die Farbe der Bändchen. Keine Strafe riskieren. Schnell unter die Dusche. Das Fahrrad war platt. Immer wurden die Fahrräder demoliert. Immer am Hallenbad an der Bismarckstraße. Sein Vater zog die Runden. Drei Löcher im Rücken. Vom Krieg. Drei Trichter oben auf der Schulter. Er lachte trotzdem. Er hatte Fett das Schwimmen beigebracht. Mit den Löchern im Rücken. Im Hallenbad an der Bismarckstraße. Dann war wieder die Beerdigung der Mutter. Alle waren in Schwarz gekleidet. Der Wind rauschte über den Dürener Friedhof. Äste brachen ab. Das Kreuz schwankte in den Händen des Messdieners. Vorne die kleine Urne. Das Grab. Die Lichter. Das große Kreuz für die Opfer des Bombenangriffs. Die Gräber der Patriarchen. Der hinkende Fahrradwächter in der Josef-Schregel-Straße. Dort, wo einst ein jüdischer Friedhof war. Der Birnbaum. Fett saß auf dem alten Birnbaum und pflückte Birnen. Er saß auf der Planke, die vom Bau des Hauses übrig geblieben war, in drei Metern Höhe. Er sprang von Ast zu Ast. Einen Eimer in der Hand. Die besten Birnen im Viertel. Seine Mutter kochte sie ein. Fett verkaufte den Eimer Birnen für eine Mark an der Eisenbahnbrücke, da konnten die Autos halten. Der Wecker klingelte, bevor er vom Birnbaum herunterfallen konnte.
Nach dem Lauf über den Lousberg telefonierte Fett am Sonntagmorgen mit Iska. Sie war nicht in Bonn. Immer noch Einsatzbereitschaft nahe Hambach. Der Forst kam nicht zur Ruhe. Die neue Landesregierung verschärfte den Kurs und verhängte Urlaubssperren.
Frustriert fuhr Fett am Vormittag über Heimbach und Mariawald nach Vogelsang. Der Himmel war blau und wolkenlos, die Straßen nicht gefroren. Er wollte sich ein eigenes Bild von der ehemaligen Ordensburg machen. Heimbach, die kleine Stadt unterhalb der Rurtalsperre, hatte er als Kind oft besucht. Ein Tagesausflug mit den Eltern, ein Stück Kuchen, Kakao für den Sohn, Kännchen Kaffee für die Erwachsenen. Die Zeit schien stehen geblieben. Allein die Kunstakademie in der Burg war neu. Er brummte mit seinem alten Alfa Romeo nach Mariawald. Zum Glück hatte Luigi gute Winterreifen besorgt. Er schnurrte die Serpentinen hoch. Im Sommer bei Motorradfahrern aus ganz Nordrhein-Westfalen, den Niederlanden und Belgien beliebt. Der Parkplatz war fast leer. Fett ging die Stufen zur »Klosterstube« hinunter zur Essensausgabe.
»Mit oder ohne?«
»Suppe?«
»Nein, Bockwurst.«
»Mit, bitte.«
»Sechs Euro.«
»Ah, ja.«
»Guten Appetit.«
Die Stimmung war getrübt. Gerüchte machten bereits in den Zeitungen die Runde, dass Mariawald vom Papst, vom Vatikan, vom Bischof und allen himmlischen Heerscharen aufgegeben worden sei. Schließung und Verkauf stünden bevor. So hatte Fett es dem Regionalteil der Tageszeitung entnommen. Ein Investor stünde bereit: Dr. Brauers. Auch hier hatte er sofort mitgeboten oder ein Angebot abgegeben, dem die kirchlichen Behörden nicht widerstehen konnten. Pecunia non olet. Geld stinkt nicht. Die Suppe roch gut. Die Wurst stammte aus einer Metzgerei in Heimbach. Die Dreifaltigkeit in Form von Salz- und Pfefferstreuer mit einer Flasche Maggi stand in liebevoll geschnitzten Holzbehältnissen auf jedem Tisch. Fett verschlang die Suppe. Suppen mochte er. Seine Mutter war eine begnadete Suppenköchin gewesen: Bohnensuppe, Linsensuppe, Erbsensuppe, Graupensuppe. Alles selbst gemacht. Samstags gab es oft Erbsensuppe mit Bockwurst und danach noch Pfannkuchen. Manchmal mit Äpfeln, Kirschen oder Pflaumen. Das waren seine schönsten Samstagsgerichte. Sein Vater lobte die Kochkunst, auch wenn er Suppen als 17-jähriger Wehrmachtssoldat tagein, tagaus in sein Kochgeschirr bekam. Bis am 24. Dezember 1944 kurz vor Budapest die Garbe einer Kalaschnikow seinen Rücken durchlöcherte. Das Kochgeschirr war schrott. Er wurde von Sanitätern gerade noch gerettet und durfte zur Belohnung an den Kämpfen um Prag teilnehmen. Erbsensuppe. Ja, auch die Suppe bei der Bundeswehr war gut. »Blaue Donau«, so hieß das Manöver. Fett lag als Gefreiter irgendwo in den Wäldern von Unterfranken oder Oberfranken und wartete auf die Essensträger. Familien stolperten in die »Klosterstube«. Alle nahmen Suppe. Kurzes Gespräch mit der Kassiererin. Immer drehte es sich um den Verkauf von Mariawald. Leise hörte er das Murmeln der Stimmen über den Suppenterrinen. Mariawald war mehr als ein Kloster. Mariawald war für viele der erste Ausflug in der Zeit des Wirtschaftswunders, Besinnung, Einkehr, Blick in die Eifel und eben Erbsensuppe. Mariawald war die kongeniale Mischung aus Trost, Weihrauch, bürgerlicher Ernährung, Ablass, kurzem Ausflug in die Natur und frischer Luft. Mariawald war für viele Urlaub. Ein Moment der Einkehr und Abkehr vom Alltag in ihrer Heimat.
Fett stellte das Geschirr in den Rollwagen und warf einen Blick in den Klostershop. Gut sortierte Buchhandlung. Bücher über Papst Franziskus, Papst Benedikt, den lieben Gott und katholische Eheführung. Daneben Weihwasserbecken und Kerzen, Rosenkränze und Wanderkarten, Klosterlikör und Erbsensuppe in Dosen. Der deutsche Soldatenfriedhof am Ende des Parkplatzes wurde kaum beachtet. Von Herbst 1944 bis Frühjahr 1945 befand sich in Mariawald ein Hauptverbandsplatz. Gefallene und ihren Verwundungen erlegene Soldaten wurden an dem Hang oberhalb des Klosters von der Ordensgemeinschaft beigesetzt. 414 Gräber. Sie wurden oft übersehen. Fett las die Tafeln mit den Erklärungen. Dann startete er seinen Alfa und fuhr über Gemünd nach Vogelsang. Mit den Klängen von »Adagio for Strings« im Ohr erreichte er den Parkplatz vor dem belgischen Truppenkino.
Das Besucherzentrum war gut gefüllt. Alle Kassen besetzt. Links die Ausstellung über die Ordensburg, rechts über den Nationalpark. Fett wusste nicht genau, was er hier eigentlich suchte. Warum die Victor-Neels-Brücke? Warum nicht irgendeine andere Brücke an der Urft, der Rur, dem Wehebach, der Inde? Mit einem Kaffee aus dem Selbstbedienungsrestaurant suchte er einen Platz mit Weitsicht. Am Ende des großzügigen Raumes fand er einen Fensterplatz und schaute auf die Urfttalsperre, die geheimnisvoll unter ihm lag. In der Ferne war die Talsperre zu sehen. Windräder zierten die Höhen. Wolken jagten einander aus Westen kommend in Richtung Köln-Aachener Bucht. Die Erbsensuppe arbeitete. Ein Ranger führte eine Besuchergruppe an die Fenster. Er erklärte die Geschichte der Urfttalsperre, die Sprengung des Kermeterstollens durch die Wehrmacht Anfang 1945, die zu einer Überschwemmung der Rur führte und den Vormarsch der Alliierten kurz verzögerte. Dann folgten die betagten Männer und Frauen dem guten Mann in die Natur. Fett blieb alleine zurück. Zögernd wanderte er schließlich hinunter zur Brücke. Die Treppen über den Sportplatz und vorbei am Schwimmbad waren gesperrt. Rutschgefahr. Das Gefälle war enorm. Heute schien die Sonne ein wenig.
Er stolperte die Stufen zu den Hundertschaftshäusern hinunter. Salz war nur spärlich gestreut. Links sah er die Kirchturmspitze von Wollseifen. Halb rechts die Urfttalsperre. Wollseifen. Er nahm sich vor, bis Wollseifen zu gehen. Im Gehen wandern die Gedanken. Er machte kurz halt am Hinweisschild für den Nationalpark. Über Schneereste wanderte er los. Der kleine Bach rauschte ins Tal. Anstieg nach Wollseifen. Der Weg war steiler als gedacht. Das jahrelange Radfahren hatte Fetts Kondition gestärkt. Ruhig machte er Schritt für Schritt. Rechts standen Schilder. Betreten verboten! Immer schön auf dem Weg bleiben. Der Weg machte eine leichte Biegung. Fett hielt auf das Trafohäuschen zu. Er las die Erklärung, den Hinweis, dass die Wollseifener Strom für Teufelszeug hielten. Weiter. Links die Schule, vom Landschaftsverband Rheinland restauriert. Rechts die Kirche. Kalt, grau. Dann die Rohbauten. Zugemauert. Trainingsgebiet für SEK und Militär. Häuserkampf. Geiselbefreiung. Zuletzt für den Kosovoeinsatz. Die Sonne schien aus dem Westen auf Wollseifen, die Wüstung. Auch eine Heimatgeschichte, eine Geschichte von Heimatverlust. Und Luftlinie von hier in rund vier Kilometern Abstand hing Brauers gestern Morgen. Wanderer grüßten ihn. Niederländer. Fett hatte sich an das »Hallo« oder »He« gewöhnt. Mehr Niederländer als Deutsche begegneten ihm in Wollseifen. Die Sonne hatte den Zenit längst überschritten, da entschied sich Fett für eine Wanderung in Richtung Urfttalsperre und von dort aus zurück zur Ordensburg. Das feste Schuhwerk und die Funktionskleidung verleiteten ihn dazu. Außerdem kamen ihm beim Wandern stets neue Gedanken. So schritt er aus. Es ging bergab, dann in den Wald hinein. Links und rechts immer wieder Schilder, die das Weitergehen untersagten. Munitionsreste vom Truppenübungsplatz. Überall. Er erreichte das Ausflugslokal »Urfttalsperre« kurz vor der Schließung. Ernst Heiliger, der Wirt, grüßte ihn freundlich und empfahl ein paar Wiener, die habe er für verspätete Wanderer immer noch zur Hand.
»Gerne«, sagte Fett, suchte einen Fensterplatz und staunte über die Dimensionen der Talsperre, vom Aachener Professor Otto Intze zu Beginn des 20. Jahrhunderts als größte Talsperre Europas gebaut.
»Wie läuft es?«, fragte er den Wirt, als die Wiener vor ihm lagen.
»Wird schon. Rureifeltourismus zieht die Nachbarn aus den Niederlanden an. Merke ich hier«, sagte Ernst Heiliger und nahm am Nachbartisch Platz. »Wenn alles da unten in Heimbach mit der Feriensiedlung klappt, dazu noch Vogelsang, dann können die bald ein Traumschiff in Einruhr vom Stapel lassen.« Er lachte und fragte, ob es denn schmecke.
»Prima Wurst. Hört sich gut an. Aufschwung für die Region.«
»Ja, können wir gebrauchen. Mein Opa fuhr noch mit Pferdefuhrwerk nach Simmerath. Die Böden sind karg und Waldwirtschaft ist teuer. Dazu noch die Biber.«
»Biber?«
»Schauen Sie mal genau hin. Direkt am Ufer. Die Biber putzen die Bäume weg, als ob es Grashalme wären. Schon blöd für die Rurseeschifffahrt. Dauernd dümpeln Baumstämme im Obersee und in der Rurtalsperre. Naturschutz. Tierschutz. Jedenfalls kracht es hier nachts ordentlich. Manchmal muss ich hier oben übernachten. Dann höre ich, wie die Bäume ins Wasser plumpsen. Ich hab nichts gegen die Biber. Aber das, na, wie heißt es noch, dieses ökomenische, ach, ökologische Gleichgewicht ist futschikato.«
»Tja«, sagte Fett, »dann lassen Sie sich mal zum Biberberater ausbilden. Nebenerwerb.«
Heiliger lachte herzhaft. »So weit kommt es noch. Sollen sich Ranger drum kümmern. Ich mach jetzt Schluss. Noch einen Kaffee?«
Fett verneinte dankend, zahlte und wünschte dem Pächter eine gute Woche. Dann schritt er zügig aus. Die Dunkelheit schlich zusammen mit einer nasskalten Feuchte heran. Auf den ersten Kilometern war es noch hell genug. Da sah er die angenagten Bäume. Manche 50 Zentimeter im Durchmesser. Sie lagen wie schlafend im Wasser, andere waren verschwunden, verbaut in einer Biberburg. An einer Stelle hatten sie ganze Arbeit geleistet. Als ob eine Motorsäge oder jemand mit einer riesigen Sense die jungen Bäume gefällt hätte.
Er erreichte die Victor-Neels-Brücke und war froh, dass es noch nicht vollständig dunkel war. Alle Spuren am Tatort waren beseitigt. Reste von Kreidemarkierungen am Edelstahlgeländer der Brücke zeigten ihm, wo Brauers gehangen hatte. Ein kalter Hauch wehte Fett auf der Brücke an. Die dunkle Urft, die Ruhe und der Adlerturm, das Auge des Führers, dies alles ließ ihn frösteln. Der Tod von Brauers an diesem Ort barg ein besonderes Geheimnis. Da war er sich sicher. Die Sonne stand bereits sehr tief. In einer Stunde würde es stockdunkel sein. Schneereste knirschten unter seinen festen Schuhen. Die Dockermütze zog er tief über die Ohren und erreichte nach 30 Minuten den Parkplatz hinter der Hauptwache mit der Aufschrift »Malakoff«. Der Alfa sprang an. Mit »Ashes to Ashes« von David Bowie fuhr Fett zurück nach Aachen.
Der tote Professor
In Krakau wartete Prof. Zamek Ende Januar sehr lange auf Prof. Haberstock. Die Speisekarte im Traditionsrestaurant kannte er bestens. Pilzsuppe in Brotteig, danach Schnitzel und dann Apfelstrudel, so hatte er sich das Menü vorgestellt. Allein Haberstock kam nicht und ging nicht an sein Handy.
Zamek bat den Rezeptionisten, an die Tür zu klopfen. Erfolglos. Haberstock öffnete nicht. Tiefschlaf, dachte Zamek. Nicht die Art von Haberstock. Zamek trank ein Mineralwasser, einen Wodka, zahlte und ging nach Hause. Morgen würde Haberstock alles erklären. Vielleicht ein Unwohlsein.
Am nächsten Tag entdeckte die Putzfrau Maria Janda Prof. Haberstock in seinem Bett. Es war nicht der erste Professor, der im Gästehaus der Universität sein Leben ausgehaucht hatte. Maria Janda sagte nur »O, boże«, man könnte es mit »Ach, du lieber Himmel« übersetzen, dann lief sie zum Rezeptionisten. Ein Krankenwagen wurde nicht mehr benötigt. Der Notarzt rief die Polizei hinzu. Ein ungeklärter Todesfall. Alles deutete auf einen Herzinfarkt. Der deutsche Professor habe vermutlich zu viel gearbeitet, zu wenig Sport getrieben, zu schlecht gegessen und zu viel getrunken. So wurde der gute Haberstock zunächst einer von Tausenden Fällen, denen ein natürlicher Tod bescheinigt wurde. Der Apfelsaft-Minz-Trank hatte keine direkten Spuren hinterlassen. Herzversagen. Kommissar Dawid Gutowski von der Kriminalabteilung der Stadtpolizei Krakau musste raus in die Ulica Garbarska. Der diensthabende Notarzt des Universitätsklinikums von Krakau bestätigte nach erster Prüfung eine normale Todesursache. Nun konnte Haberstock abtransportiert werden in das Kühlhaus der Krakauer Leichenhalle. Der Rest: Formalitäten, Überführung, Schicksal.
Nach 14 Tagen traf der Biberexperte in einem Metallsarg in Aachen ein. Seine Kinder kümmerten sich um die Formalitäten und die Entgegennahme des Erbes: viele Bücher über Biber, eine Mietwohnung auf der Hörn, die sie sofort kündigten, und ein Vermögen von rund 10.000 Euro. Das war es. Das Leben der Biberkoryphäe endete überschaubar. Die Spielleidenschaft hatte Spuren hinterlassen. Auch im materiellen Erbe. Die Beisetzung fand in aller Stille statt. Ein kurzer Nachruf der RWTH Aachen erschien in den Tageszeitungen. Das alles geschah vor Brauers Tod. Und beinahe wäre sehr viel Gras über die Sache gewachsen.
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