Kitabı oku: «Goettle und die Blutreiter»

Yazı tipi:

Olaf Nägele

Goettle und die Blutreiter

Kriminalroman


Zum Buch

Blutritt in Gefahr! Der Countdown läuft: In neun Tagen soll der Blutritt, Europas größte Reiterprozession, in Weingarten stattfinden. Was niemand weiß: Die Heilig-Blut-Reliquie, um die sich beim Blutritt alles dreht, wurde gestohlen. Pfarrer Sebastian Seegmüller zieht in seiner Not den Biberacher Gemeindepfarrer Andreas Goettle zurate, der schon manchen kniffligen Fall gelöst hat. Goettle findet heraus, dass es etliche Menschen gibt, die den Blutritt gern verhindern würden. Zum Beispiel die »Grünen Minnen«, Biberachs radikale Feministinnen, die einfordern, dass Frauen mitreiten dürfen. Ferner macht eine Studentengruppe aus Tierschutzgründen gegen die Veranstaltung mobil. In den Fokus gerät auch Zacharias Stuber, Chef eines Sicherheitsunternehmens, der den Auftrag verloren hat, den Blutritt zu sichern. Als bei dessen Hauptwidersacher Christian Wollschläger, Vorsitzender des Festkomitees, eine Erpressermail eingeht, scheint die Sache klar zu sein. Doch dann wird Stuber ermordet aufgefunden. Die Zeit wird knapp, denn ohne Reliquie kann es keinen Blutritt geben …

Olaf Nägele, 1963 in Esslingen geboren, hat nach langen Aufenthalten in München, Stuttgart und Hamburg den Weg in seine Heimatstadt zurückgefunden. Dort feilt der Kommunikationswirt (KAH) an PR- und Werbetexten, verfasst als Journalist Artikel für diverse Zeitungen und arbeitet als Redakteur bei der Landeshauptstadt Stuttgart. Der Spaß, Geschichten zu erzählen, hat ihm Beiträge in Anthologien eingebracht, Hörspiele für den SWR, Kurzgeschichtenbände, Romane und Radio-Kolumnen für Neckaralb Live Reutlingen folgten. Für die Kurzgeschichte „Die Sache mit Gege“ erhielt er einen Ehrenpreis der Akademie Ländlicher Raum in Baden-Württemberg und seine Radiokolumne »Ingo lernt schwäbisch« wurde 2020 für den Medienpreis der Landesakademie für Kommunikation nominiert.

Impressum

Personen und Handlung sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen

sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

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Alle Rechte vorbehalten

Lektorat: Daniel Abt

Herstellung/E-Book: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

unter Verwendung eines Fotos von: © Mirjam Claus / stock.adobe.com

und https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Blutritt_2011_Gruppe_Hasenweiler_1.jpg

ISBN 978-3-8392-6746-2

Neun Tage bis zum Blutfreitag

Rituale.

Sebastian Seegmüller liebte diese gleichförmige Abfolge von wiederkehrenden Handlungen, sie erfüllte ihn mit Freude und innerer Ruhe. Er ließ kurz den Blick zur Decke der Basilika wandern. Im spärlichen goldenen Abendlicht, das durch das Gloriloch oberhalb des Hochaltars fiel, sah er Schemen der Bilder und Fresken des Malers Cosmas Damian Asam. Der Stadtpfarrer Weingartens lächelte, allein das Wissen um die Anwesenheit der Figuren machte ihn glücklich. Dieser Moment des Tages gehörte nur ihm und den Himmelswesen. Feierlichen Schrittes näherte er sich dem Heilig-Blut-Altar, strich mit den Fingerkuppen über die polierte Fläche, genoss die Kälte, die der Stein ausstrahlte. Er deaktivierte die Alarmanlage, atmete tief ein und aus, um den für ihn so wertvollen Augenblick weiter hinauszuzögern. Gleich würde er die Heilig-Blut-Reliquie aus dem Glaskasten im Altar nehmen, um sie wie jede Nacht im Tresor zu deponieren. Sein Herz schlug schneller, als wolle es dieser Zeremonie Tribut zollen.

Wenige Tage trennten Seegmüller und die Teilnehmer vom Blutfreitag, an dem der Blutritt zelebriert wurde. Wie in jedem Jahr hatten sich mehr als 2.000 Reiter und Zigtausende Gläubige angekündigt, um am Tag nach Christi Himmelfahrt an Europas größter Reiterprozession teilzunehmen. Ganz Weingarten bereitete sich darauf vor. Unzählige Helferinnen und Helfer waren eifrig dabei, das Städtchen liebevoll herzurichten, an allen Ecken wurde geschmückt, gebohrt und gehämmert, Tierpensionen eingerichtet, Hindernisse entfernt, Tribünen erstellt, Rabatten bepflanzt und Schaufenster umdekoriert. Schließlich wurden namhafte Gäste erwartet, darunter der Ministerpräsident des Landes, der Erzbischof Anton Timmermann und eine Abordnung aus Weingartens italienischer Partnerstadt Mantua. Dort war vor fast 1.000 Jahren die Reliquie wiedergefunden worden, von dort aus war ein Teil nach Weingarten gelangt und die beiden Städte verband seither die Verehrung des Heiligen Blutes.

Seegmüller hob das goldene Kreuz aus seiner Tagesbehausung, in das die Ampulle mit Erde eingearbeitet war, die Jesu Christi Blut getränkt hatte. Vorsichtig, ehrfürchtig und in dem Bewusstsein dieses ganz besonderen Aktes.

Rituale.

Mit ihnen geht eine zerbrechliche Sicherheit einher. Es kann ja nichts passieren, so wie die Tage, Wochen, Monate zuvor nichts passiert war. Doch die Gleichförmigkeit der Handlungen geht zulasten der Achtsamkeit, die Monotonie narkotisiert die Sinne. Wäre Sebastian Seegmüller weniger beseelt an seine allabendliche Aufgabe herangegangen, hätte er vielleicht den Schatten bemerkt, der sich durch das linke Seitenschiff lautlos auf ihn zuschob. Und womöglich wäre er vorsichtiger gewesen, als er durch einen langen Zischlaut und das Poltern, das klang, als sei eine Dose zu Boden gegangen, aus seinen Gedanken gerissen wurde.

Stimmen, er hörte Stimmen, leise, es schien, als kämen sie von draußen. Heisere, kurz gebellte Befehle, Lachen.

»Diese Schmierfinken, das werden sie nicht wagen«, fauchte der aufgebrachte Pfarrer und starrte in die Richtung, aus der die Töne an seine Ohren gedrungen waren.

In den letzten Tagen war es immer wieder vorgekommen, dass Gegner des Blutritts ihre Parolen an den Aufgang zur Basilika gesprüht hatten. Sogenannte Tierschützer, die nicht davor zurückschreckten, fremdes Eigentum zu beschädigen, nein, die sich in gottloser Weise an einer Kirche zu schaffen machten, um ihre törichten Sprüche zu verbreiten.

Seegmüller legte die Reliquie vorsichtig zurück in den Glaskasten und stürmte zum Ausgang. Es dauerte einen Moment, bis er den Schlüssel zum Tor der Basilika fand. Mit fahrigen Fingern nestelte er ihn hervor, steckte ihn ins Schloss. Draußen hörte er Schritte, die sich eilig entfernten, unterdrücktes Gekicher. Er riss die Tür auf, konnte jedoch nur die Umrisse zweier Gestalten erkennen, die im Schutze der Dämmerung verschwanden.

»Stehen bleiben!«, keifte er, rannte den Flüchtenden ein Stück weit hinterher, trat auf einen Gegenstand, der unter seiner Sohle wegrollte und ihn zu Fall brachte. Er gab ein quiekendes Geräusch von sich, schlug hart mit dem Hinterkopf auf einer Stufe der Kirchentreppe auf und verlor das Bewusstsein.

Der Gottesmann bekam also nicht mit, wie der Schatten die Basilika eilig verließ und von der hereinbrechenden Nacht verschluckt wurde.

Als Sebastian Seegmüller Minuten später wieder erwachte, sich aufrappelte, seinen Hinterkopf betastete und ungläubig die klebrige Flüssigkeit auf seinen Fingern betrachtete, durchfuhr ein Gedankenblitz das Gewölk des Schmerzes. Benommen, hinkend und ächzend eilte er in die Kirche, hin zum Altar. Er erstarrte: Der gläserne Schrein, der normalerweise das Kostbarste beherbergte, was Weingarten besaß, war leer. Die Reliquie des Heiligen Blutes war verschwunden.

»Also, wenn ihr mi nemme brauchet, gang i jetzt.«

Polizeiobermeister Ernst Fritz legte zwei Finger an eine imaginäre Mütze, nickte seinen Kolleginnen zu, nahm seine Aktentasche vom Schreibtisch und schritt zur Tür.

»Eine gute Zeit und viel Spaß beim Blutritt. Ein bisschen neidisch bin ich, das muss ich zugeben«, erwiderte Kommissarin Laura Behrmann. Sie lächelte ihren Kollegen an, der bedauernd die Schultern hob.

»I dät mi freia, wenn Sie dabei wäret, Laura. Aber Sie wisset jo, Fraua dürfet net mitreita.«

»Wieso eigentlich nicht? Ich muss gestehen, diese ganze Blutrittgeschichte ist mir völlig fremd«, mischte sich Hauptkommissarin Greta Gerber in das Gespräch ein. Sie tippte den letzten Satz ihres Protokolls, sah vom Bildschirm auf und musterte den Kollegen. Er strahlte eine gewisse Vorfreude aus, seine sonst eher knorrige Art war einer lebhafteren gewichen. Seit Tagen sprach er mit zunehmender Begeisterung von dem Ereignis, ließ sie an seiner Freude teilhaben. Die Hauptkommissarin konnte dies nicht nachvollziehen. Obwohl sie schon mehrere Jahre in Biberach lebte, hatte sie nie genug Zeit gefunden, um sich mit diesem oberschwäbischen Brauch auseinanderzusetzen.

»So will’s die Tradition«, nuschelte POM Fritz, dem anzusehen war, wie unangenehm er das Thema fand. »Wega mir könntet Fraua mitreita, aber die katholische Kirche isch da ja a bissle oiga und vielleicht au a bissle rückständig.«

»Das kann man wohl sagen. Deswegen bekommt die katholische Kirche mächtig Druck von Institutionen wie Maria 2.0«, fiel ihm Laura Behrmann ins Wort.

»Maria 2.0? Klingt nach einem Computerspiel mit christlicher Mission. Wer die meisten Kinder unbefleckt empfängt, hat gewonnen«, spöttelte Hauptkommissarin Gerber und wandte sich dem Papierstapel zu, den sie neben ihrem Laptop angehäuft hatte. »Protokolle, nichts als Protokolle. Und ausgerechnet jetzt nehmen Sie Urlaub, Herr Fritz«, seufzte sie und öffnete eine Akte.

»Von wegen Computerspiel«, ereiferte sich Laura Behrmann und strich sich energisch eine Haarsträhne hinter das Ohr. »Das sind gläubige Damen aller Altersklassen, die sich für die Rechte der Frauen in der katholischen Kirche einsetzen. Im Mai 2019 haben die sogar zum Streik aufgerufen. Die besuchten keinen Gottesdienst mehr, verweigerten Gemeindeaufgaben und haben mit Informationsständen vor den Kirchen auf ihre Anliegen aufmerksam gemacht.«

»Jaja, schon gut.« Greta Gerber winkte ab. Sie war nicht sonderlich gläubig und setzte sich wenig mit Religion auseinander. Ihr einziger Berührungspunkt mit klerikalen Belangen bestand darin, dass sich Biberachs Gemeindepfarrer Andreas Goettle ungefragt in polizeiliche Ermittlungen einmischte und immer wieder auf dem Polizeirevier auftauchte, um Missstände anzuprangern. Und auch wenn sie dem rührigen Gesellen einen gewissen Erfolg als detektivische Spürnase zusprechen musste, wäre es der Hauptkommissarin lieber, wenn er sich aus ihrer Arbeit heraushalten würde.

»Bemühen Sie sich nicht, Laura. Ich kapiere diese Diskussionen eh nicht und halte sie nicht für zeitgemäß. Und irgendwie habe ich den Eindruck, dass dem Blutritt etwas Mittelalterliches anhaftet. Klingt ein bisschen nach Kreuzzug.«

Polizeiobermeister Fritz lief rot an, die Spitzen seines Schnurrbarts zitterten vor Erregung. »Ha, so bled … So darf mr net davon schwätza. Der Blutritt isch a Prozession. Des genaue Gegateil von em Kreuzzug. Schließlich gilt die Reliquie für alle Katholika als vereinendes Symbol. Des isch an ganz großer Moment, wenn man den Sega vom Blutreiter kriagt. Des isch a Glaubensbekenntnis und macht oin au ehrfürchtig.«

»Schließlich enthält die Reliquie den mit Jesu Blut getränkten Boden von Golgatha«, ergänzte Laura Behrmann. Ihre Wangen waren gerötet, wie immer, wenn sie sich für ein Thema engagierte.

Greta Gerber sah ihre Kollegin fragend an.

»Sagen Sie bloß, Sie kennen die Geschichte nicht, die hinter dem Blutritt steckt. Also das ist eine ziemlich große Wissenslücke, wenn man hier in der Region wohnt.«

Der vorwurfsvolle Ton ihrer Kollegin ließ Greta aufhorchen.

»I erklär’s Ihne. Also ’s war ja so. Als der Jesus am Kreuz g’hanga isch …«, begann Polizeiobermeister Fritz mit seiner Erklärung, wurde jedoch von seiner Chefin schroff unterbrochen: »Bitte die Kurzfassung, Herr Fritz, ich habe zu tun.«

»Des kosch net kurz verzähla. Des isch a jahrhundertealte G’schicht«, maulte der Gemaßregelte beleidigt.

»Ich versuch es, so kurz es geht«, sprang Laura Behrmann ein. »Nachdem Jesus gekreuzigt worden war, stieß ihm ein römischer Legionär eine Lanze in die Seite, um sicherzugehen, dass er tot war …«

»Longinus hot der g’hoißa. So viel Zeit muas sei«, murrte Fritz, verstummte jedoch, als er von einer Büroklammer getroffen wurde, die Greta Gerber auf ihn abgefeuert hatte.

»Einige Blutstropfen liefen Longinus über das Gesicht und erleuchteten ihn. Er wurde gläubig. Daraufhin vermischte er einige Blutstropfen mit der Erde von Golgatha und füllte sie in ein Kästchen. Er wurde von den Aposteln getauft und reiste nach Mantua …«

»Des liegt in Italien.«

Greta Gerber sandte POM Fritz einen genervten Blick.

»Genau, er fuhr nach Mantua in Italien. Um dort die Lehre Christi zu verkünden. Das gefiel einigen Leuten nicht und so wurde er, wie viele Christen damals, verfolgt. Vor seinem Tod versteckte er das Kästchen und irgendwann entdeckte man einen Teil der Reliquie und Knochen von diesem Longinus …«

»1048 war des. Jetzt hot der Papst Leo g’sagt, des Heilige Blut g’hört nach Rom, aber die Leut in Mantua waret dagega …«

»Leute, echt«, ächzte die Hauptkommissarin. »Ich wollte die Kurzfassung. Also bitte, Laura. Wenn es möglich ist, fassen Sie die nächsten tausend Jahre in drei Sätzen zusammen.«

»Also gut: Ein Teil der Reliquie blieb in Mantua, der andere ging nach Rom. Dann kam Heinrich III. und erhielt einen weiteren Teil, vermachte ihn Balduin von Flandern, der schenkte ihn einer Verwandten, die übergab die Reliquie einem Abt des Klosters Weingarten.«

»Am Tag nach Christi Himmelfahrt war des, dem Blutfreitag. Deshalb wird an dem Tag die Prozession g’feiert.« Der sonst so zurückhaltende und förmliche Polizeiobermeister Fritz strahlte.

»Okay, verstehe. An diesem Tag kommen Tausende von Reitern und Zuschauern, um diesen Event mitzuerleben. Und unser Herr Fritz reitet mit. Na, da wünsche ich viel Spaß.« Greta Gerber lächelte ihren Mitarbeiter an, der jedoch keine Anstalten machte zu gehen.

»Letztendlich hot mr die Basilika zu Weingarten gebaut, um der Bedeutung des Heiligen Bluts gerecht zum werda. Die isch genau halb so groß wie der Petersdom in Rom. Und an der großa Orgel wurde ein Werkstück vom Teufel eingefügt, um se wie a menschliche Stimme klinga zum lassa. Der Orgelbauer Joseph Gabler hot dafür sei Seele verkauft und wäre fast zum Tode verurteilt worda.«

»Die Vox humana«, flüsterte Laura Behrmann ehrfürchtig.

»Eine Orgel, die wie eine menschliche Stimme klingt. Habe ich leider nie gehört, aber ich habe mir fest vorgenommen, das nachzuholen. Das muss gigantisch sein.«

»Des lohnt sich wirklich. 6.666 Pfeifa, do woisch, was Sache isch. Die blost dir des Hirn von älla bösa Gedanka frei.«

Greta Gerber lachte: »Ihr beide solltet euch in Weingarten anstellen lassen, um Touristenführungen anzubieten. Was ihr alles wisst. Seid mir nicht böse, auf mich warten andere Geschichten. Die von unseren Kunden, und die sind alle sehr gegenwärtig. Aber erst hole ich mir eine Tasse Kaffee.«

Sie verließ das Büro, zurückblieben der verdutzte Fritz und Laura Behrmann, die den Kopf schüttelte.

»Wie kann man an Landesgeschichte so uninteressiert sein. Das hätte ich von der Gerber nicht erwartet.«

»Da kannsch nix macha. Bloß weil du em Hennastall wohnsch, kasch no lang koine Oier lega.« POM Fritz zuckte die Schultern.

»Was soll denn das heißen?«, hakte seine Kollegin nach.

»Ha ja, sie wohnt zwar scho a paar Johr hier, kennt sich vielleicht au a bissle aus, aber am End merksch halt, dass se aus Freiburg kommt. Sie isch und bleibt a Badenerin.«

Störgeräusche.

Schrill, unverhofft und keinesfalls erwünscht überfallen sie unbescholtene Zeitgenossen und rauben ihnen die Konzentration auf das Wesentliche. Und wenn Pfarrer Andreas Goettle eines nicht leiden konnte, war es, von dem Telefon aus der inneren Einkehr gerissen zu werden. Er schreckte auf aus seiner transzendenten Meditation, die ein Unwissender Schlaf genannt hätte, und sah sich benommen um. Er saß in seinem Lieblingssessel im Wohnzimmer, das Buch von Don Camillo und Peppone, der Roman von dem knitzen Pfarrer, der stets Konflikte mit dem etwas einfältigen Bürgermeister austrug, war ihm entglitten und lag mit den Seiten nach unten neben ihm. In der spärlichen Beleuchtung seiner Stehlampe erkannte er, dass die Standuhr gegenüber 22 Uhr anzeigte. Das Telefon klingelte unermüdlich.

»Wer ruft denn so spät no a?«, murmelte er und ließ ein ruppiges »Herrschaftszeita, Frau Münzenmaier, ganget Se an Ihr Telefon. Des isch ja net zum Aushalta« folgen.

Die Küchentür flog geräuschvoll auf, gefolgt von den schlurfenden Schritten seiner Haushälterin, die brabbelnd an ihm vorüberzog. »Hockt in sei’m Sessel wie der Graf Rotz ond schickt mi en der Gegend rom. Sie könntet ja au ans Telefon ganga. Des isch ja net emmer für mi.«

»Awa, mir g’hört der Apparat bloß, wenn i die Rechnung zahla darf. I woiß gar net, wie des Deng fonktioniert«, grantelte Goettle.

»Stellet Se sich no recht bled a«, maulte Renate Münzenmaier und nahm mit einem unwirschen Gruß ab. Der Pfarrer beugte sich ein wenig nach vorn, um besser hören zu können, mit wem sie sprach. Neugierde war ihm ja eigentlich fremd, aber es war nie verkehrt, Augen und Ohren offen zu halten. Der gewohnte Wortschwall seiner Haushälterin blieb aus. Ganz gegen ihre Gewohnheit verharrte sie zunächst stumm und gab dann Schreckenslaute von sich.

»Isch ebbes passiert?«, rief Andreas Goettle. Er bekam keine Antwort. Mühsam erhob er sich aus seinem Sessel und ging hinaus in den Flur. Renate Münzenmaier stand mit offenem Mund und totenblass da, presste den Hörer ans Ohr und lauschte. Als sie den Pfarrer sah, winkte sie ihn zu sich her.

»Des isch jo unfassbar. Da fehlet mir die Worte. An kloina Moment. I geb Ihnen den Herrn Pfarrer.«

Sie reichte den Hörer an ihren Dienstherrn weiter, schlug sich die Hand vor den Mund und beobachtete, wie Andreas Goettle das Gespräch übernahm.

»Hallo, wer isch denn do? Ah, der Herr Blutreiter persönlich. Gibt’s a Problem? Sen Ihne die Gäul durchganga?«, witzelte er. Frau Münzenmaier sah, wie das Lächeln in seinem Gesicht erfror und immer mehr in sich zusammenfiel, um schließlich dem Entsetzen Platz zu machen.

»Des isch jetzt net Ihr Ernschd«, keuchte Biberachs Gemeindepfarrer. »Des isch ja a Katastrophe von ungeheuerlichem Ausmaß. Da muas mr sofort die Polizei informiera …«

»Nein, keine Polizei«, tönte es schrill aus dem Hörer. Den Rest konnte Renate Münzenmaier nicht verstehen.

Andreas Goettle lauschte seinem Gesprächspartner, nickte und beendete das Gespräch wortlos. Das Gehörte schien ihn zu bedrücken, ließ ihn schrumpfen, als wäre die Nachricht tonnenschwer auf seinen Schultern abgeladen worden. Mit sorgenvollem Blick wandte er sich an seine Haushälterin.

»Sie hen’s g’hört. Der Seegmüller isch in große Schwierigkeita. Packet Se mir a paar Sacha z’samme. I fahr für a paar Tag nach Weingarta. Ond schwätzet Se bloß mit koi’m über die Sach. Des darf niemand erfahra.«

»Wenn’s sei muss, schweig i wie a Grab. Aber Sie könnet net oifach nach Weingarta fahra. Sie hen nächschde Woch die Anhörung. Wega Ihrer Amtsenthebung«, insistierte Renate Münzenmaier. Sie wusste, dass dieser Einwand Andreas Goettle nicht von seinem Entschluss abbringen konnte, dennoch war es ein gefährliches Spiel, wenn er diesen Termin bei Erzbischof Timmermann ungenutzt verstreichen ließ. Biberachs Gemeindepfarrer war beim Vorstand der Diözese Rothenburg in Ungnade gefallen, weil er nach dessen Ansicht durch seine zunehmenden detektivischen Ermittlungen seine Gemeindearbeit vernachlässigte. Außerdem war Goettle einer, der keine Gelegenheit ausließ, seinen Dienstherrn zu kritisieren und Reformen für die katholische Kirche zu fordern. Das stieß dem konservativen Fundamentalisten Timmermann sauer auf, und wenn es nach ihm gegangen wäre, hätte er Andreas Goettle am liebsten exkommuniziert.

»Des isch mir wurscht. Der Herr Erzbischof macht eh, was er will. Es gibt jetzt Wichtigeres, als über ebbes zum diskutiera, was scho längschd entschieda isch.«

Renate Münzenmaier seufzte. Sie würde den alten Querkopf vermissen, wenn es wirklich zum Äußersten kommen sollte. Und davon musste man ausgehen, wenn er diesen wichtigen Termin verstreichen ließ. Es war Goettles letzte Chance, sich zu rehabilitieren. Aber dafür hätte er sich zu mehr Linientreue verpflichten müssen und das kam für den umtriebigen Geist keinesfalls infrage. Er ließ sich nicht verbiegen, selbst durch eine drohende Arbeitslosigkeit nicht. Ihm war bisher immer etwas eingefallen, wie er sich zum Wohl der Menschen in Biberach engagieren konnte. Derzeit kümmerte er sich um den Lebensmittelnachschub des Tafelladens. Die Einzelhändler der Stadt unterstützten ihn durch Spenden, und wenn es knapp wurde, tauchte der Geistliche in die Abfalltonnen der Supermärkte, um Lebensmittel herauszufischen, die optisch kleine Mängel aufwiesen, ansonsten jedoch »pfennigguad« waren.

Schweren Herzens stieg Renate Münzenmaier die Treppe hoch, um den Koffer des Pfarrers zu packen.

Acht Tage bis zum Blutritt

Geheimnisse.

Sie schweißen zusammen oder bewirken das genaue Gegenteil. Geheimnisse gilt es, zu wahren wie Schätze, gerade, wenn sie einem nicht selbst gehören. Die Weitergabe zeugt von tiefem Vertrauen, das Wissen darum und die Exklusivität machen sie so wertvoll. Geheimnisse können ebenso eine Bürde sein. Sie verleiten zum Verrat, wenn dies dem eigenen Vorteil dient.

»Da ist ja unser Schisshase. Ich hab gleich gesagt, dass er keine Eier hat.«

»Natürlich habe ich Eier. Ich kann das beweisen.«

»Ach so, wie denn? Du wolltest doch einen Film drehen, wie du die Nacht in der Kirche verbringst. Hab ich nicht gekriegt. Weil du nicht drin warst.«

»Ich war in der Kirche, wirklich.«

»Mann, laber nicht. Wir brauchen Beweise.«

»Hat er nicht. Der pisst sich ein, wenn seine Mutter das Licht im Zimmer ausmacht. Buuuhhhuu, dann kommen die Geister und die Monster aus ihren Verstecken.«

»Quatsch, ich habe keine Angst im Dunkeln. Meine Schwester hat mir ihr Handy nicht gegeben, deswegen konnte ich keinen Film drehen. Ich kann es trotzdem beweisen, dass ich heute Nacht in der Basilika war.«

»Hör auf zu lügen, du Großmaul. Glaubst du, du kannst uns verarschen, oder was?«

»Aua. Wenn ihr versprecht, mich in Ruhe zu lassen, zeige ich euch etwas, was ihr noch nie gesehen habt.«

»Hau ihm eine rein, der tickt nicht ganz richtig.«

»Lass ihn los! Okay, zeig uns, was du mitgebracht hast. Wenn das irgendein Scheiß ist, hast du ein Problem.«

»Ich verarsch euch nicht. Hier.«

»Was ist das?«

»Dein Ernst? Du weißt nicht, was das ist? Das ist das Heilige Blut.«

»Krass. Ist das echt Gold und so?«

»Klar, ist das echt … He, Finger weg. Nur gucken.«

»Wer macht hier die Regeln, du kleiner Wichser? Boah, das ist voll schwer das Teil. Was ist das wert? ’ne Million?«

»Das werden wir bald wissen, was das wert ist. Ich kenne ein paar Leute, die sich mit solchen Sachen auskennen.«

»Ey, das ist unbezahlbar. Gib es wieder her. Bitte! Es ist nur … geliehen.«

»Scheiß drauf, geliehen. Es gehört jetzt uns. Und ich verspreche dir, dass wir dich erst mal in Ruhe lassen, okay? Das nenne ich einen fairen Deal. Was meinst du, Bruder?«

»Mehr als fair, Mann.«

»Das geht nicht. Das ist das Heilige Blut. Wir müssen es zurückgeben, sonst wird Gott uns strafen. Ich habe es mitgenommen, weil ich wusste, dass ihr mir nicht glaubt, dass ich heute Nacht in der Basilika war.«

»Machst du Witze? Es gibt keinen Gott. Also gibt es keine Strafe. Wenn hier einer straft, bin ich das. Ist dir das klar?«

»Au … Ich muss es zurückbringen … Gib her … Bitte!«

»Jetzt pass auf, mein Freund. Ich sage es nur einmal. Das Teil gehört jetzt mir! Verpiss dich. Und noch etwas: Wenn du mit irgendjemand darüber redest, bist du ein toter Mann. Das meine ich ernst, ist das klar?«

»Mach keinen Scheiß. Die stecken uns ins Gefängnis.«

»Heul nicht rum und halt’s Maul. Niemand geht ins Gefängnis, solange du die Fresse hältst. Und das würde ich dir echt raten, wenn dir dein Leben lieb ist. Zieh Leine.«

»Ich geh nicht ohne das Heilige Blut. Gib es her!«

»Er scheint es nicht zu begreifen. Okay, Bruder, halt das Teil. Ich muss deutlicher werden …«

Tumult.

Immer wenn sich Stimmen erheben, um den Choral des Widerstands anzustimmen, gibt es Abweichler, die sich nicht der Aufbruchsmelodie beugen wollen. Zu hart, zu zart, zu ideell, zu kommerziell, zu chaotisch, zu geordnet, zu primitiv, zu intellektuell, zu gemäßigt, zu radikal. Es gibt viele Möglichkeiten, seine Ablehnung kundzutun, die primäre Frage ist, ob man gehört wird.

Luis kannte das zu gut. Die letzten Versammlungen der Blutritt-Gegner im »Alibi« hatten immer in einem heillosen Durcheinander geendet, da keine Einigung darüber zu erzielen war, ob und wie die Prozession nachhaltig gestört oder gar verhindert werden konnte. Es gab eine sehr radikale Fraktion, die bereit war, sich durch gewaltsame Aktionen Gehör zu verschaffen. Viktor Zwercher war einer der Wortführer dieses Flügels, und er war es, der mit seinen Sprayaktionen in der Stadt bewies, dass er es ernst meinte.

Für die sanfte Riege um Anong Praves, zu der Luis’ Freundin Charlotte gehörte, standen solche Aktionen nicht zur Debatte. Sie setzte auf Aufklärung, verteilte Flugblätter, errichtete Informationsstände in der Stadt, um mit den Menschen ins Gespräch zu kommen. »Überzeugen statt überfallen«, war ihr Motto. Jeden Samstag waren die jungen Frauen im Einsatz, doch nicht viele der Passanten ließen sich durch die Argumentation überzeugen, dass es sich bei dem Blutritt um ein touristisch aufgeblähtes Spektakel handele, bei dem die katholische Kirche versuche, Macht zu demonstrieren, die sie nicht mehr besaß. Der Blutritt-Tourismus gehörte zu Weingarten wie die Pädagogische Hochschule oder die Basilika, die Einwohner hatten sich an den Trubel gewöhnt und sahen in den Besuchern keine Gefährder der Ruhe, sondern eine wichtige Geldquelle der Stadt.

Luis stand ideologisch eher auf Zwerchers Seite, aber er wollte Anong und ihre Anhänger bei Laune halten. Allein Charlotte zuliebe konnte er nicht parteiisch sein, daher blieb er neutral und appellierte stets an den Zusammenhalt der Gruppe. Ungewollt war er in die Rolle des Vermittlers geraten und stand nicht selten zwischen den Fronten.

Anong hielt gerade ein flammendes Plädoyer für ihre Arbeit, sie hatte einen Journalisten überzeugen können, einen Bericht über die Bedenken der Blutritt-Gegner zu schreiben. Sie wurde immer wieder von Zwerchers Leuten unterbrochen.

»Der Schreiberling will dir an die Wäsche. Der sieht dich, dein glänzendes schwarzes Haar und deine dunklen Mandelaugen, stellt sich vor, wie es wäre, mit einer Asiatin ins Bett zu gehen, und wird geil!«, rief Carsten, ein etwas ungepflegt wirkender Hüne, der mit seinem ausgewaschenen Kapuzenpullover, seiner Camouflagehose und den schweren Doc Martens aussah wie ein aus der Zeit gefallener Hausbesetzer.

Anong zischte ihm ein »Fuck you« zu. Sie hatte Luis erklärt, dass sie oft genug mit Problemen wegen ihres asiatischen Aussehens zu kämpfen hatte, dabei war sie geborene Ravensburgerin. Ihre Eltern lebten seit mehr als 25 Jahren in Deutschland, sie selbst hatte deren Heimat Thailand nur auf Urlaubsreisen kennengelernt und konnte mit vielen Gebräuchen nicht viel anfangen. Sie fühlte sich durch und durch als Oberschwäbin und reagierte auf Vorurteile äußerst allergisch. Luis konnte das verstehen.

»Da spricht der blanke Neid aus dir«, sprang Charlotte ihrer Freundin bei. »Keine Haare, keine Mandelaugen, kein Verstand. Klar, dass der Journalist nicht mit dir sprechen will.« Sie strich sich eine Haarsträhne hinter das Ohr und funkelte Carsten zornig an.

»Oh, die Frau Gestütsbesitzerin wird böse«, ätzte ihr Gegenüber und verzog verächtlich den Mund. »Dabei sind es Typen wie dein Vater, die diesen Blutritt-Quatsch möglich machen. Er profitiert sogar davon. Je mehr Teilnehmer kommen, desto mehr Pferde kann er in Pension nehmen. Also halt besser dein vorlautes Maul.«

Charlotte sah ihn wütend an. Luis wusste, dass es viele nicht gern sahen, dass sie bei den Versammlungen der Gegner dabei war. Dabei versuchte sie regelmäßig, ihren Vater, den Pferdehofbesitzer Ortwin Riedle, zu überzeugen, dass es für die Tiere purer Stress war, am Blutritt teilzunehmen. Sie beschwor ihn, den Hof umzugestalten in eine Pension mit Gnadenhof. Allerdings interessierte sich ihr Erzeuger nicht für das »Öko-Gewäsch« seiner Tochter und wusste nicht, dass sie sich im »Alibi« mit seinen Gegnern traf. Er hätte es ihr mit Sicherheit verboten.

»He, jetzt beruhigt euch«, mischte sich Luis ein. »Es ist gut, wenn sich die Medien mit unseren Argumenten auseinandersetzen. Auf diese Weise erreichen wir mehr Leute. Ich finde es toll, dass Anong Kontakt mit dem Journalisten aufgenommen hat.«

Er lächelte sie an und sie erwiderte es, während um sie herum eine vielstimmige Diskussion einsetzte. Luis sah zu Viktor hinüber, der lässig auf seinem Stuhl fläzte und auf das Display seines Smartphones blickte, fast so, als ginge ihn diese Versammlung nichts an. Luis wunderte sich. Das war so gar nicht die Art des Sprachrohrs der Radikalinskis. Normalerweise war er der lauteste und ungehobelteste Gegner von Anongs »Weichspülern«. Doch an diesem Tag war nichts von seiner üblichen Aggression zu spüren, er wirkte fast unbeteiligt. Vielleicht war er wieder bekifft. Das kam in letzter Zeit hin und wieder vor, aber das machte Viktor eigentlich nur unsympathischer.

»Ruhe jetzt, verdammt noch mal!«, brüllte Luis.

Das Stimmengewirr verstummte. Luis atmete tief durch.

»Mit gegenseitigem Angezicke kommen wir hier nicht weiter. Wir haben nicht mehr viel Zeit. In acht Tagen startet die Prozession, und wenn wir unseren Protest in irgendeiner Art kundtun wollen, müssen jetzt konkrete Schritte eingeleitet werden. Wer also eine Idee hat, die umsetzbar ist, der kann sie jetzt vortragen. Verschont uns bitte mit theoretischen Konstrukten. Die helfen uns im Moment nicht.«

Er ließ seine Worte auf die rund 20 Versammelten wirken. Einige starrten auf die Tischflächen vor sich, andere veränderten ihre Sitzposition, jedoch meldete sich niemand, um einen Vorschlag zu machen.

»Was ist? Hat es euch die Sprache verschlagen? Ihr seid doch sonst so einfallsreich. Oder verlässt euch so kurz vor dem Blutritt der Mut?«

Luis blickte in die Runde. Anong schob ihr Blatt mit Notizen auf der Tischfläche hin und her, Charlotte schmollte, Carsten drehte sich eine Zigarette und Viktor tippte irgendetwas in sein Smartphone. Seine Ignoranz nervte Luis. Er ging auf ihn zu und riss ihm das Telefon aus der Hand. »Vielleicht kannst du auch etwas zu diesem Treffen beitragen, statt zu chatten.«

Viktor erhob sich und baute sich vor Luis auf. Er überragte ihn um einen halben Kopf, aber Luis war ein drahtiger Kerl und kannte keine Angst.

»Gib mir das Handy zurück«, knurrte Viktor. »Und spiel dich hier nicht so auf. Während ihr hier blöd herumlabert, arbeite ich an einer konkreten Lösung.«

Luis ließ die Hand mit dem Handy sinken. »Wie meinst du das?«

Mit einem gezielten Griff brachte Viktor sein Telefon wieder in seinen Besitz. Er wischte das Display mit einem Zipfel seines Hemdes sauber. »Mir geht dieses ganze Geschwurbel dermaßen auf den Sack. Wenn ihr denkt, ihr könntet durch euer sinnloses Geseier irgendetwas bewirken, täuscht ihr euch gewaltig. Wir brauchen einen Plan und ich habe einen Plan.«

Luis trat einen Schritt zurück und verschränkte die Arme vor der Brust. »Ach ja, du Dummschwätzer? Und wie sieht dieser ominöse Plan aus?«

Viktor grinste und tätschelte Luis die Wange. »Warte es ab. Du erfährst es früh genug.«

Gewissen.

Es pikst, sticht und beißt wie ein Insekt, das sich von Zweifeln nährt. Seltsam genug, dass sich das gute Gewissen sehr viel seltener spürbar ins Bewusstsein schiebt, fast so, als gehöre es zum Standardrepertoire des Gefühlslebens.

Andreas Goettle ging das Gespräch mit seiner Haushälterin eine Weile nach. Natürlich hatte sie recht. Wenn er nicht zur Anhörung wegen seiner Amtsenthebung erschien, konnte dies als Affront gegen den Erzbischof und Desinteresse an seiner Aufgabe ausgelegt werden. Timmermann war eh nicht gut auf ihn zu sprechen, weil Pfarrer Goettle seinen detektivischen Spürsinn entdeckt und bereits dreimal eingesetzt hatte. Immer wieder war er ermahnt worden, seine Gemeindearbeit nicht zu vernachlässigen, was er seiner Ansicht nach gar nicht getan hatte. Doch unter seinen Schäfchen gab es halt einige, die nicht aufhören wollten zu blöken. Die Beschwerden rissen nicht ab und schließlich fällte der Erzbischof die Entscheidung, Goettle vorerst von seiner Arbeit freizustellen. Selbst als der Kirchenvorstand sich auf Goettles Seite geschlagen und um seine Wiedereinstellung gebeten hatte, zeigte sich Timmermann nicht diskussionsbereit. Immerhin blieb ihm das Wohnrecht im Pfarrhaus erhalten, weil sein Vertreter aus Bad Waldsee nicht bereit war, seine Bleibe aufzugeben.

Andererseits sah Biberachs Ex-Gemeindepfarrer es als seine oberste Pflicht an, dem Kollegen Seegmüller in dieser schweren Stunde beizustehen. Vor allem interessierte ihn, wie es dem Täter gelungen war, die hoch gesicherte Kostbarkeit zu stehlen. Seegmüllers Schilderungen waren wenig aufschlussreich gewesen. In seiner Aufregung hatte er von Schmierfinken, Störenfrieden, Verfolgung und einigem mehr gesprochen und diese Aufzählung ohne kausalen Zusammenhang vorgetragen. Wie konnte es also sein, dass die sonst durch eine Alarmanlage gesicherte Reliquie gestohlen worden war? Hatte die Täterin oder der Täter die Sicherungseinrichtung manipuliert oder gar außer Kraft gesetzt? Wie konnte die Diebin oder der Dieb in die abgeschlossene Kirche gelangen und entkommen? Was wollte die Person mit der Reliquie? Sie verkaufen? Andreas Goettle konnte sich nicht vorstellen, dass dieses Schmuckstück einen Abnehmer finden konnte. Händler, selbst diejenigen, die Marktplätze im Geheimen beherrschten, wären sich der Brisanz des Gegenstands bewusst und würden von dieser heißen Ware die Finger lassen.

»So, da ist sie ja, die Basilika«, riss ihn der Taxifahrer aus den Gedanken. »Zwölf Euro fuffzich. Machen wir fünfzehn.«

Als er den verdutzten Blick seines Fahrgastes sah, konnte der Droschkenlenker ein Grinsen nicht unterdrücken.

»Spaß. Ich habe gedacht, ich hole mir einen Teil der Kirchensteuer wieder.«

»Wenn der Trick öfters fonktioniert, hen Se die bald wieder henna«, erwiderte Andreas Goettle, bezahlte und stieg aus.

Auf dem Münsterplatz herrschte gemächliches Treiben. Einige Passanten schlenderten vorbei, betrachteten die Auslagen der Geschäfte. Einige studierten die Plakate an der Touristeninformation. Über allen wachte die Basilika in ihrer ganzen barocken Pracht. Andreas Goettle ließ sich einen Moment von dem beeindruckenden Anblick gefangen nehmen. Die imposante Klosterkirche auf dem Martinsberg erinnerte ihn daran, dass er ein winziges Rädchen im Getriebe des Weltenlaufs war, gefangen in einer Zeit, in der die Kirche die Menschen mit ihren Botschaften immer seltener erreichte. Als die Basilika erbaut worden war, hatten die Äbte ihre Macht mit dem repräsentativen Gebäude untermauert und die Bevölkerung damit eingeschüchtert. Es war nicht so, dass er sich diese Zeit zurückwünschte. Goettle war sich bewusst, dass im Namen des Herrn nicht nur gerechte Entscheidungen gefällt worden waren. Aber ein wenig mehr Demut könnte der Gesellschaft nicht schaden, dachte er.

Der Geistliche konnte sich nicht gegen die Ergriffenheit beim Anblick des »Schwäbischen St. Peters« wehren. Langsam ging er auf das Gebäude zu, das mit jedem Schritt mehr gegen den Himmel wuchs.

Ein roter Schriftzug an der Mauer zum Aufgang erhaschte seine Aufmerksamkeit. »Bluttritt ist Tierquälerei«, war dort zu lesen.

»Aha, des isch ja interessant«, murmelte Biberachs Gemeindepfarrer und setzte seinen Weg fort.

Sebastian Seegmüller erwartete seinen Gast in seinem Büro. Er sah mitgenommen aus, die Sorgenfalte auf seiner Stirn hatte an Tiefe gewonnen und Goettle schätzte, dass sein Kollege seit dem Zwischenfall wenig Schlaf gefunden hatte. Dennoch hielt es ihn nicht auf seinem Stuhl. Unruhig umkreiste er seinen Schreibtisch und wiederholte die Worte »unfassbar«, »Katastrophe« und »Gotteslästerung« wie ein Mantra.

Andreas Goettle sah ihm eine Weile zu. »Herr Kollege, dän Sie mir oin G’falla ond setzet Se sich. Sonschd kennet Se sich heut Obend a Paar neue Schuah kaufa. So viel, wie Sie romlaufet.«

Seegmüller blieb einen Moment stehen, blickte ihn mit leeren Augen an, setzte seine Wanderung fort und warf die Arme theatralisch in die Höhe.

»Was sollen wir tun?«, presste er hervor. »Der Blutritt kann ohne die Reliquie nicht stattfinden. Außerdem ist sie Bestandteil des Altars. Die Vitrine kann nicht leer bleiben. Die Besucher werden Fragen stellen. Wir müssen sie finden! Doch wo sollen wir suchen? Was ist, wenn sie außer Landes ist? In den Händen dunkler Mächte? Es ist so furchtbar!« Er schlug die Hände vor das Gesicht und stöhnte.

»Jetzt no net hudla. Seit geschdern fehlt das Heilige Blut und die Prozession findet in acht Tag statt. Des isch net viel Zeit, aber mir könnet die Reliquie finda, wenn mir ganz genau nochdenket. Also, no mol von vorn. Sie waret grad dabei, des Heilige Blut aus dem Altar zum hola, um es in der Tresor zum bringa. Dann hen Se a Geräusch vor der Kirch g’hört …«

»Ja. Als ob jemand eine Spraydose betätigt. In letzter Zeit haben wir öfter Schmierereien im Umfeld der Kirche. Angebliche Tierschützer werfen uns vor, dass die Pferde bei dem Blutritt leiden müssten. An der Lautstärke der Blasmusik, zudem sei das Gehen über das Kopfsteinpflaster nicht gut für die Gelenke der Tiere und, und, und. Verquerer Unfug. Ich habe also das Geräusch gehört, habe die Reliquie zurück in den Altar gelegt und bin nach draußen gerannt …«

»Ond hen vergessa, die Alarmolag wieder eizumschalta«, unterbrach Goettle die Erzählung Seegmüllers.

Der nickte stumm.

»Des war natürlich segglbleed … also net so guad. Was isch danoch passiert?«

»Na ja, es ging alles ganz schnell. Ich bin raus aus der Kirche, sehe diese beiden dunklen Gestalten fliehen, will hinterherrennen, trete auf eine Spraydose, komme zu Fall und dann herrschte Dunkelheit. Als ich wieder aufwachte, sah ich das offene Kirchentor. Mein erster Gedanke war: Ich muss nach dem Heiligen Blut sehen. Aber da war es schon weg.«

Andreas Goettle rieb sich über das Kinn. Die Schilderung des Weingartener Pfarrers ergab nicht sehr viele Anhaltspunkte für eine Ermittlung.

»Hen Se die Gestalta erkannt, die vor Ihne g’floha sen? Könntet des die Tierschützer g’wesa sei? Oder gibt’s no meh Leut, die was an die Kirchamauer sprühet?«

Seegmüller schüttelte den Kopf. »Nein, es war zu dunkel, ich habe niemanden erkannt. Ich könnte nicht mal sagen, ob es Männer oder Frauen waren. Sie hatten ja diese Kapuzenpullis an. Und die Tierschützer kenne ich nicht wirklich. Es gibt ein paar Studentinnen und Studenten der Pädagogischen Hochschule, die hin und wieder Flugblätter in der Stadt verteilen. Aber die haben mit den Schmierereien nichts zu tun. Das hat die Polizei herausgefunden. Ich habe ja wegen der Graffitis Anzeige gegen unbekannt erstattet.«

»Irgendwie kann i mir des au net vorstella, dass die so gewieft vorganget. Die oine lenket Sie ab ond die andere verstecket sich in dr Kirch, um die Reliquie zum klaua. Die hen ja net wissa könna, dass Sie die Alarmolag net wieder anstellet, bevor Se nauslaufet. Des passt net z’samma.«

Pfarrer Seegmüller heulte auf. »Ja, streuen Sie ruhig Salz in meine Wunden. Ich weiß, dass ich allein die Schuld an dieser Misere trage. Glauben Sie mir, ich würde alles dafür tun, diesen Fehler wiedergutzumachen.«

»Tja, des schlechte G’wissa müsset Se jetzt aushalta«, erwiderte Pfarrer Goettle und lächelte sanft. »Aber mol im Ernschd: Wer könnte Interesse an der Reliquie han oder könnte es sei, dass oiner den Blutritt verhindera will?«

Seegmüller ging um seinen Schreibtisch herum, zog eine Schublade auf, kramte eine Mappe hervor und warf sie vor Goettle auf die Schreibtischplatte. »Da drin sind alle Artikel, Briefe und E-Mails gesammelt, in denen sich Menschen negativ über die Prozession äußern. Genervte Autofahrer, deren Fahrzeuge in den letzten Jahren abgeschleppt wurden, weil sie sich nicht an das Parkverbot in der Innenstadt gehalten haben. Frauen, die sich darüber beschweren, dass sie nicht teilnehmen dürfen. Anwohner, die sich durch die Prozession in ihrer Ruhe gestört fühlen. Menschen, die keiner Kirche angehören und kein Verständnis für den Blutritt aufbringen können. Menschen, die einem anderen Glauben angehören und sich ausgeschlossen fühlen. Radikale Kirchenhasser, Wutbürger, Verschwörungstheoretiker, die gegen alles sind, und so weiter. Wenn Sie diese Papiere durchlesen, werden Sie denken, dass niemand den Blutritt will.«

Goettle blätterte in dem Papierstapel und zog einen Brief hervor, der aus Zeitungsbuchstaben verschiedener Größe zusammengesetzt war. »Wir bluten für den Blutritt«, stand dort geschrieben. »Aufruf zur Massen-De-Menstruation! Frauen Oberschwabens versammelt euch!«

Biberachs Pfarrer ließ kopfschüttelnd das Blatt sinken. »Des Schreiba könnt von meine ›Grüne Minne‹ sei. Des isch a Frauengruppe in Biberach, mit denne isch net zum spaße. Wenn die sich was in dr Kopf g’setzt hen, kennet die koi Pardon. Außerdem spennet die a bissle. Aber Diebstahl? Des isch eigentlich net die Art von de ›Minne‹.«

»Was machen wir denn jetzt?«, fragte Seegmüller.

»Wenn Se vielleicht doch die Polizei eischaltet?«

Weingartens Stadtpfarrer sprang von seinem Stuhl auf, als hätte ihn jemand unter Strom gesetzt.

»Auf gar keinen Fall!«, polterte er. »Wenn die Polizei ermittelt, erfährt über kurz oder lang die Presse von dem Diebstahl. Und das macht ganz schnell in ganz Weingarten, ach was sage ich, in ganz Oberschwaben die Runde. Keine Reliquie, kein Blutritt. Das wäre eine Katastrophe für die gesamte Region.«

Goettle massierte die Schläfen. Er konnte es sich gut vorstellen, was eine solche Nachricht nach sich ziehen würde: Hotels würden massenhaft Stornierungen erhalten, die Ladengeschäfte würden Umsatzeinbußen hinnehmen müssen und das Image der Kirche würde unter dem Diebstahl immens leiden. Medien würden sich auf die Geschichte stürzen und sie ausschlachten. Den armen Seegmüller würden sie als Bruder Leichtfuß markieren, der nicht imstande war, auf die Kostbarkeit aufzupassen. Und es war damit zu rechnen, dass es für ihn berufliche Konsequenzen haben konnte. Die Diözese würde sich einschalten und Ermittlungen anstellen, der öffentliche Druck auf Seegmüller würde zunehmen und letztlich würde er zurücktreten müssen.

»Ond wie wär’s, wenn a Duplikat zom Einsatz käm? Zumindeschd für den Altar. Damit die Besucher koine Froga stellet.«

Seegmüller stutzte und sah sein Gegenüber nachdenklich an. »Für den Altar wäre das eine Notlösung. Den Blutritt können wir jedoch nicht mit einer Fälschung durchführen. Es geht schließlich um Gottes Segen, der den Menschen Trost und Hoffnung schenkt. Mit einer Replika kann das nicht gelingen, das wäre Betrug an allen Gläubigen.«

Goettle nickte. Er hatte selbst einige Male am Blutfreitag teilgenommen und die Kraft gespürt, die von der Prozession ausgegangen war. Er hatte sich einer Gemeinschaft zugehörig gefühlt, und als das Heilige Blut an ihm vorübergetragen wurde, war es, als würden Herz und Geist gleichzeitig berührt. »Sie hen natürlich recht. Mir machet des so: Fürs Erschde sperret mir den Zugang zum Altar und hänget a Tuch drüber. Mir saget, dass er saniert werda muas, ond dann solltet mir jemand finda, der an Reliquiar macha kann.«

»Nun, da gäbe es eine Lösung. Ich kenne jemanden, der in der Lage wäre, eine Kopie des Reliquiars anzufertigen. Ich fürchte allerdings, der Herr ist nicht besonders gut auf mich zu sprechen. Und ehrlich gesagt möchte ich ihn nicht um einen Gefallen bitten, geschweige denn ihn in diese Geschichte einweihen. Diesen Triumph gönne ich ihm nicht.«

Goettle erhob sich. »I glaub, mir hen im Moment net so viele Möglichkeita, ond persönliche Animositäta solltet mir außa vor lassa. I schwätz mit dem Kerle. Vielleicht duat der mir an G’falla. Ond weil mir koi Zeit zom verliera hen, mach i mi glei uff der Weg.«

Eine halbe Stunde später stand Andreas Goettle im Juweliergeschäft Trautwein in der Ochsengasse und wartete darauf, dass Georg Trautwein Zeit für ihn fand. An den Wänden des altmodisch wirkenden Ladens hingen kunstvoll gefertigte Kreuze, Bilder mit christlichen Motiven, zwischen den Vitrinen mit den Schmuckstücken standen Ikonen und Figuren von Schutzheiligen, die über die kostbaren Exponate wachten.

Der Inhaber des alteingesessenen Betriebs, ein gedrungener, grauhaariger Herr, den Andreas Goettle auf 70 Jahre schätzte, bediente ein junges Paar. Seegmüller hatte den Juwelier gut beschrieben, auch wenn er ihn mit Eigenschaften ausstaffiert hatte, die ihm etwas Diabolisches verleihen sollten. In Wahrheit handelte es sich bei Trautwein um einen gutmütigen, höflichen Gesellen, der zudem mit der Geduld eines Bahnschrankenwärters auf der Schwäbischen Alb ausgestattet war, wie Andreas Goettle während des Verkaufsgesprächs erfahren durfte. Der weibliche Part seines Kundengespanns hatte das Objekt der Begierde offensichtlich bereits für sich entdeckt, während sich beim maskulinen Teil die Freude in Grenzen hielt. Offensichtlich war der Preis des Herzensstücks der jungen Dame jenseits der finanziellen Schmerzgrenze des jungen Mannes.

»Schau doch, wie der Ring funkelt. Wie meine Augen«, versuchte sie, ihn zu überzeugen.

»Deine Augen funkeln nur, wenn du wütend bist«, gab er zur Antwort.

Trautwein lächelte milde und sagte nichts.

»Ach, bitte. Den oder keinen«, schob sie nach.

»Also gut: keinen«, parierte er.

»Ich kann Ihnen das Stück gern reservieren«, bemühte sich Georg Trautwein zu schlichten. »Sie überlegen in Ruhe und sagen mir Bescheid, wenn Sie sich für oder gegen den Ring entschieden haben.«

Er nahm das Schmuckstück und legte es in die Vitrine zurück. Die junge Frau verließ enttäuscht den Laden, ihr Galan folgte ihr mit einem schelmischen Grinsen im Gesicht.

»Du bist so ein Geizhals«, keifte sie im Hinausgehen. »Dabei hast du gesagt, dass du mir die Welt zu Füßen legst.«

»Hab ich ja gemacht, als ich noch Zeitungen austrug. Jeden Morgen habe ich dir die ›Welt‹ zu Füßen gelegt«, erwiderte er.

Die Tür fiel hinter den beiden ins Schloss. Durch das Schaufenster konnte Andreas Goettle beobachten, dass dieser Streit noch lange nicht beendet war.

»Ja, die Liebe. Sie darf halt nichts kosten. Was kann ich denn für Sie tun?«, wandte sich Georg Trautwein an ihn. Seine roten Backen standen in einem starken Kontrast zu den grauen Haaren, die er nach hinten gekämmt hatte. Im rechten Ohr steckte ein schwarzer Knopf mit einem goldenen Kreuz darauf. Das Schmuckstück wollte nicht recht zur Trachtenjacke und der Leinenhose mit Bügelfalte passen, verriet jedoch, dass der Juwelier ein Individualist war.

Biberachs Gemeindepfarrer musterte sein Gegenüber kurz und kam zu dem Entschluss, dass Trautwein ein Mensch war, dem er ohne Weiteres sein Geheimnis anvertrauen konnte. »I glaub, i hab ein sehr spezielles Anliega«, begann er. »Ond vielleicht wär’s besser, Sie sperret kurz den Lada zua. Die Sach sodd nämlich unter uns bleiba.«

»Das hört sich ja sehr spannend an. Und ich dachte, das eben Erlebte würde mein Highlight des Tages werden.« Der Juwelier zwinkerte Goettle zu.

»Noi, gwies net«, erwiderte er und begann zu erzählen.

Vorfreude.

Sie ist zunächst bar jeglichen Makels. Und dennoch ist sie ein zartes Gebilde, das Neider hervorbringt. Diese Missgünstigen setzen alles daran, dieses kleine, nicht bestätigte Glück anderer zu zerstören. Und freuen sich, wenn ihre Bosheits-Sprengköpfe explodieren und die Euphorie in Stücke reißen.

Zacharias Stuber war in einer solchen vorfreudigen Hochstimmung. Dieses Gefühl gehörte nur ihm, denn niemand ahnte, dass sein kleines Glück bald die Freude anderer vernichten würde. Er grinste breit, hob sein Glas Bier an den Mund, um es mit einem mächtigen Schluck zu leeren. Er winkte Rosalie zu sich, die an diesem Abend im Biergarten des Gasthauses Linde bediente, und bestellte ein weiteres Bier. Die hübsche Brünette, die mit einer kurzen schwarzen Lederhose und einem Tanktop bekleidet war, zwinkerte ihm zu. Zacharias war Stammgast und offensichtlich freute sie sich, dass er nicht mehr so trüb vor sich hin glotzte wie in den letzten Wochen.

Ja, seit ein paar Stunden betrachtete er sein Leben wieder in einem helleren Licht. Weil ihm der Zufall einen Joker zugespielt hatte und er nicht mehr stillschweigend zusehen musste, wie alles den Bach runterging.

Nein, wenn er ins Chaos stürzen sollte, wollte er andere mitreißen. Diesen Widerling Wollschläger zum Beispiel. Dem Vorsitzenden des Festausschusses der Blutreiter-Prozession galt sein besonderer Zorn. Dieser Schlappschwanz war an seinem persönlichen Unglück schuld, er hatte ihm den finanziellen Boden unter den Füßen weggezogen.

Dabei hätte dieser Hanswurst froh sein können, dass sich Zacharias seiner Frau angenommen hatte, bevor sie vertrocknete wie eine Pflanze, die zu wenig gegossen wurde. Kim war eine Frau, die geliebt werden wollte, mit jeder Faser des Körpers. Sie war nicht irgendein Mitbringsel aus einem Thailand-Urlaub, das man in die Ecke stellen konnte und einstauben ließ. Das für die Küche und die Sauberkeit der Wohnung zuständig war und das man wie einen neuen Anzug vorführte, wenn einem danach war.

Genau das war es, was Wollschläger in ihr sah. Eine Köchin, eine Putzfrau und ein exotisches Schmuckstück, das er an- und ablegen konnte, wie es ihm passte.

Zacharias wiederum hatte ihr das Gefühl zurückgegeben, als Frau, als Liebhaberin begehrt zu sein.

Seit ihrer ersten Begegnung auf dem Stadtfest im August des letzten Jahres war Kim aufgeblüht: Aus der zarten verschlossenen Knospe war eine prachtvolle Lotusblüte geworden. Zacharias war sich sogar sicher, dass Wollschläger von der neu entfachten Leidenschaft seiner Frau profitierte. Kim hatte genug Liebe in sich, um zwei Männer glücklich zu machen, und Zacharias dachte nicht im Traum daran, die Ehe der beiden zu gefährden. In diesem Punkt hatte er mit ihr eine klare Abmachung getroffen. Sex ja, Beziehung nein. Anfangs hatte dieses Arrangement wunderbar funktioniert. Kim war zwar sehr anhänglich gewesen und hatte in ihm offenbar eine Art Retter gesehen, der sie aus den Fängen Wollschlägers befreien sollte. Zacharias musste des Öfteren sehr deutlich werden, damit sie begriff, dass sie nicht bei ihm bleiben konnte, wenn sie ihn in seiner Wohnung oder im Büro besuchte. Aber letztendlich hatte sie am Sex ebenso viel Spaß wie er, und Wollschläger machte es ihr wirklich leicht, ihm Hörner aufzusetzen. Er war selten zu Hause, hatte unzählige Termine, geschäftlich und privat. Kim konnte Zacharias besuchen, ohne dass ihr Mann davon etwas mitbekam. Und wenn er zu ihr kam, hatten sie Zeiten vereinbart, zu denen die Nachbarn bei der Arbeit waren oder mit der Familie vor dem Fernseher saßen.

Irgendwann hatte der Rausch der Hormone die Vorsicht gemeuchelt. Vielleicht war es der stetig wachsende Reiz gewesen, Wollschläger zu demütigen, indem Zacharias Kim im ehelichen Schlafgemach Orgasmen entgegentrieb, die ihr Gatte ihr nicht verschaffen konnte. Und so kam es, wie es kommen musste. Wollschläger kehrte an einem Abend früher als erwartet nach Hause zurück, weil eine Veranstaltung abgesagt worden war, und erwischte Zacharias und Kim, die gerade dabei waren, sich die Seele aus dem Leib zu vögeln.

Es war Sex, mehr nicht, und Zacharias wäre bereit gewesen, die Angelegenheit unter Männern zu regeln. Sicher, im Falle einer körperlichen Auseinandersetzung hätte der betrogene Ehemann sicher den Kürzeren gezogen, allerdings hätte man in Ruhe über alles reden können.

Aber Wollschläger wollte Rache. Und er spielte die einzigen Trümpfe aus, die er hatte. Er drohte Kim mit der Scheidung, was bedeutet hätte, dass ihre Aufenthaltsgenehmigung nicht verlängert worden wäre. In diesem Fall hätte sie nach Thailand zurückkehren müssen. Als sie die Drohung vernommen hatte, verließ sie der Geist der Kurtisane und sie verwandelte sich in das Mäuschen zurück, das sie zuvor gewesen war.

Und für Zacharias hatte Wollschläger die Bestrafung parat, die seinen Widersacher am meisten traf. Bei der Ausschreibung des Sicherheitsdienstes für die Tage rund um den Blutritt setzte sich ein anderes Unternehmen durch. Der wichtigste Auftrag des Jahres brach damit für den Unternehmer weg, und das, obwohl er seit zehn Jahren regelmäßig den Zuschlag erhalten und für einen störungsfreien Ablauf der Veranstaltung gesorgt hatte.

Zacharias war klar gewesen, dass Wollschläger seinen Einfluss geltend gemacht hatte, und er lauerte ihm auf, um ihn zur Rede zu stellen. Der betrogene Ehemann ließ kein Argument gelten. Zacharias hatte ihm sogar Geld angeboten, um den Zuschlag zu bekommen. Er hatte geschworen, Kim nie wieder zu sehen, an die Vernunft appelliert, es half nichts. Eine Firma aus Ravensburg hatte den Auftrag bekommen, Zacharias musste einigen Angestellten kündigen, entkam knapp dem Konkurs. Das war der Moment gewesen, in dem er sich geschworen hatte, diesem Wollschläger, diesem Festkomitee, nein, der ganzen Stadt Weingarten zu zeigen, dass es ein Fehler war, auf ein eingespieltes Sicherheitsteam zu verzichten. Wollschläger würde sich an ihn erinnern, ganz zweifellos.

»Hey, du bist ja so gut drauf. Das ist schön«, unterbrach Rosalie seinen Gedankengang und stellte sein Bier vor ihn. »Ich hab mir schon Sorgen gemacht, dass du mich nicht mehr magst.«

Sie zog einen Schmollmund, stützte sich mit beiden Händen am Tisch ab und beugte sich vor. Zacharias konnte einen kurzen Blick auf ihre Brüste werfen, wie üblich trug Rosalie keinen BH. Er rutschte unruhig auf seinem Stuhl hin und her.

Rosalie lächelte. »Was macht dich denn so fröhlich?«, fragte sie. »Ich will mich mitfreuen.«

»Hm, läuft bei mir«, antwortete er. Er konnte den Blick nicht von ihrem Busen lösen und merkte, wie ihm das Blut in die Lenden schoss. Er hatte lange keinen Sex mehr gehabt, viel zu lange. Mindestens zwei Tage nicht. Oder drei. Und Rosalie war ein heißer Feger, wusste ihre körperlichen Attribute perfekt einzusetzen.

»Mir geht es auch gut«, sagte sie. »Ich habe nächste Woche ein Vorsprechen am Theater in Ravensburg. Die suchen da jemand für die Rolle einer Tänzerin. Die Rolle wurde bestimmt allein für mich geschrieben. Was meinst du?«

Sie warf sich in Pose und lachte.

Zacharias zog die Mundwinkel nach oben. »Vergiss Ravensburg, Baby. Du musst groß denken. Berlin, London, Paris, Hollywood, das ist deine Kragenweite.«

Rosalie hauchte ihm eine Kusshand zu. »Du bist ja süß. Aber ich glaube, das wird ein Traum bleiben. Ich bin wahrscheinlich nicht schön genug für die großen Filme. Keine langen Beine, die Titten zu klein, keine aufgespritzten Lippen …«

Ihre Züge verdunkelten sich. Sie nahm einen Lappen und wischte mit ausladenden Bewegungen über den Tisch. Ihre Brüste drückten gegen den dünnen Stoff des Tops und Zacharias spürte seine Geilheit wachsen.

»Das stimmt nicht. Du bist naturschön. Alles echt, kein Plastik. Und du bist gut, das weiß ich. Du brauchst jemanden, der dich fördert. Einen Typen wie mich.«

»Einen Typen wie dich? Soviel ich weiß, bist du Inhaber einer Securityfirma und kein Filmproduzent. Wie willst du mir denn helfen?« Sie hielt in ihrem Putzvorgang inne und sah ihn an.

»Beziehungen«, sagte Zacharias. »Ich kenne Leute aus der Branche. Die brauchen immer neue Gesichter.«

Er zog sein Smartphone aus der Tasche, strich mit dem Zeigefinger über das Display. »Hier, der Joe zum Beispiel. Der arbeitet bei der Bavaria. Der hat mir letzte Woche erzählt, dass die eine neue Serie planen und das Casting nicht abgeschlossen ist. Meines Wissens ist die weibliche Hauptrolle frei. Wenn du willst, ruf ich den an und mach einen Termin für dich aus.«

»Dein Ernst?« Rosalie starrte ihn an, als wäre er ein Wesen von einem anderen Stern.

Zacharias nickte und fasste sich an die Stirn. »Ich Idiot, da hätte ich früher draufkommen können. Sorry.«

Die Kellnerin juchzte, lief um den Tisch herum, setzte sich auf seinen Schoß und überzog sein Gesicht mit Küssen. »Danke, danke, danke. Dafür hast du was bei mir gut.«

»Ich wüsste da was.«

Zacharias legte seine Hände an ihre Hüften, und als sie ihn gewähren ließ, arbeitete er sich langsam in Richtung Po vor.

Rosalie spürte seine Erregung.

»In zwei Stunden habe ich Feierabend«, flüsterte sie ihm ins Ohr. »Wenn du auf mich wartest, könnte ich mit zu dir kommen und das Vorsprechen üben.«

»Ich glaube, das würde die Sache enorm beschleunigen«, erwiderte Zacharias und küsste sie.

Polizeiobermeister Fritz lenkte seinen Wagen die steile, enge Straße zum Gut Oberstaig hinauf.

»Do darf dr au koiner entgegakomma«, murmelte er in Anbetracht des Weges, der gerade mal breit genug für ein Fahrzeug war. Dabei waren es genau diese Abgeschiedenheit und schwere Zugänglichkeit, die ihn und seine Frau dazu bewogen hatten, ihre Stute Winona in den Stallungen der Familie Riedle unterzubringen. Hier hatten die Pferde weite Auslaufflächen, wurden nicht von Straßenlärm in ihrer Ruhe gestört. Zudem war die Pferdepension ein moderner Betrieb, der bereits in dritter Generation geführt wurde. Entsprechend gepflegt waren der Hof und die Stallungen. Die Pferdeboxen boten ausreichend Platz und die Pflege der Tiere war ausgezeichnet.

Diese Vollpension hatte ihren Preis und Fritz hatte oft darüber nachgedacht, Winona zu verkaufen. Seine Töchter, denen die Stute eigentlich gehörte, studierten beide in Norddeutschland. Sie waren selten bei den Eltern zu Gast, und wenn, hatten sie nicht die Zeit, sich um das Pferd zu kümmern. Also besuchten seine Frau und er das Tier, wann immer sie in der Gegend waren. Ein Pferd wie Winona gab man nicht einfach auf. Sie war anmutig, eigensinnig, auch einfühlsam und vor allem wunderschön. Dem Biberacher Polizeiobermeister ging jedes Mal das Herz auf, wenn er sie sah.

Bis zum Blutfreitag wollte er in der Nähe von Winona bleiben und sich auf die Prozession vorbereiten. Erfahrungsgemäß kamen in der Woche vor dem Ereignis immer mehr Teilnehmer auf dem Gut an, die er größtenteils kannte. Diese gemeinsame Vorfreude hatte in der Vergangenheit zu einigen sehr lustigen Abenden geführt. Denn die Blutreitergemeinschaft war eine sehr trinkfreudige, und was konnte es Schöneres geben, als mit Gleichgesinnten zu feiern und sich gemeinsam auf die Prozession zu freuen.

Fritz bog in die Hofeinfahrt, parkte sein Fahrzeug vor dem Wohnhaus und stieg aus. Das Gebäude war mit Girlanden geschmückt, die Blumenkästen vor den Fenstern strotzten vor Farbenfreude. Über dem Eingang hieß ein Schild die Ankömmlinge willkommen. Auf den Weiden standen einige Pferde und grasten, Winona war nicht darunter.

Fritz wuchtete sein Gepäck aus dem Kofferraum, das schwerer war als üblich. Er hatte drei Flaschen Palmisch Birnenbrand aus einer Brennerei in Ummendorf dabei, der im letzten Jahr den Blutreitern köstliche Ausklänge der Tage beschert hatte.

»Do frei i mi jetzt scho druff«, murmelte Fritz und leckte sich über die Lippen. In ungefähr 30 Metern Entfernung entdeckte er Johannes, den Sohn des Pferdewirtes Ortwin Riedle, der auf einem Baumstumpf saß und an einem Stock herumschnitzte.

»Hallo, Johannes, schee, dich zum seha«, rief Ernst Fritz und winkte dem Jungen zu. Der sah kurz auf, hob eine Hand zum Gruß und konzentrierte sich wieder auf seine Schnitzerei. Fritz stutzte, ob der sehr zurückhaltenden Begrüßung, zuckte mit den Schultern und klingelte an der Haustür. Charlotte Riedle, die Tochter des Hauses, öffnete ihm.

»Hallo, Charlotte. Mensch, du wirsch ja emmer scheener«, sagte POM Fritz und streckte der jungen Frau die Hand hin. Charlotte ergriff sie und errötete.

»Hallo, Herr Fritz. Schön, dass Sie da sind. Winona war den ganzen Tag schon sehr nervös. Ich glaube, sie weiß, dass Sie heute kommen.«

»Ja, die Tierle hen a ganz oigene Antenne. Die spüret so ebbes. Da könntet mir Menscha ons a Stickle abschneida, gell?«

Charlotte nickte und trat zur Seite, um den Polizeiobermeister hereinzulassen. »Meine Eltern sind in Weingarten bei einer Besprechung, müssten in einer Stunde zurück sein. Sie kennen ja den Weg. Der Schlüssel zu Ihrem Zimmer steckt im Schloss.«

»Alles klar«, antwortete der Polizeiobermeister. »No räum i mol mei Zuigs uff und dann nix wie naus zu mei’m Gaul.«

Winona schien ihn zu erwarten. Als POM Fritz die Stallung betrat, steckte sie den Kopf aus ihrer Box und wieherte.

»Ja, i frei mi au, altes Mädle«, sagte der Polizeiobermeister und streichelte den Kopf der Stute. Ihr braunes Fell glänzte, offenbar war sie unlängst frisch gestriegelt worden. Er öffnete das Tor, ging in die Box hinein und sog tief den würzigen Duft der Stallung ein: Es roch nach Heu, dem Schweiß der Tiere und ein wenig nach Fäkalien. Gewöhnungsbedürftig, aber einzigartig.

Winona stupste mit dem Maul gegen seine Jackentasche. Sie wusste, dass er dort immer eine kleine Leckerei für sie bereithielt.

»Ja, du bisch a ganz G’scheite, gell? Du hosch scho g’spannt, dass i was für di dabeihan.«

Er griff in die Tasche, um ihr zwei kleine Äpfel auf der flachen Hand anzubieten. Vorsichtig schloss Winona die Lippen um die Früchte und zermalmte sie krachend.

»Des schmeckt, gell? Die sen au b’sonders guad. Die han i vom Baum meiner Nochbore. Die Äpfel aus Nachbars Garten sen besonders süß, verstohsch?«

Fritz gluckste, während die Stute durch erneutes Stupsen Nachschub forderte. Ihr war es offensichtlich egal, dass die Köstlichkeiten durch eine Straftat beschafft worden waren.

Fritz zauberte nochmals zwei Äpfel hervor.

»Man darf nicht stehlen. Das ist eine Sünde«, sagte eine Stimme hinter ihm.

Fritz drehte sich um. Vor der Box seines Pferdes stand Johannes. Für seine 13 Jahre war er sehr groß und sehr dünn, die Hose schlackerte um seine Beine und den Kapuzenpulli hatte er offenbar von seiner älteren Schwester geerbt. Seine Haut war von besonderer Blässe, lediglich ein paar rote Aknepickel besiedelten seine Stirn. Er starrte den Polizisten aus Biberach durch seine große Brille an, seine Lippen zitterten.

»Noi, stehla darf mr net. Da hosch du recht, Johannes. Aber so a paar Äpfel machet nix aus. Mei Nochbore, die pflückt die eh net. No han i denkt, bevor die rahaglet, nemm i a paar mit. Winona freit sich und mei Nochbore kriagt des gar net mit.«

Fritz lächelte den Jungen an, doch der zeigte keine Reaktion.

Johannes blieb stocksteif vor ihm stehen, als wäre er die Personifizierung der Anklage. »Diebe kommen ins Gefängnis«, stammelte er.

»Ha, jetzt komm. Net wega vier Äpfel. Da gibt’s Schlimmeres. Wenn de zum Beispiel jemand den Geldbeutel klausch oder ebbes ganz Wertvolles. Dann kann es sei, dass de ens G’fängnis kommsch.«

Fritz lächelte den Jungen an, Johannes blieb ernst. »Gott hat es gesehen, dass Sie gestohlen haben«, sagte der Junge schließlich. »Und er wird Sie bestrafen.«

Johannes drehte sich um und lief nach draußen.

»Aha, wenn i mi net täusch, sen des die Auswirkunga vom Firmungsunterricht«, murmelte Fritz. »Des kann ja no was gäba.«

Rosalie drehte sich zur Seite und schmiegte sich an Zacharias’ muskulöse Brust. Er grunzte wohlig, zog sie näher an sich heran und massierte ihren Hintern. Sie spürte, dass er wieder eine Erektion hatte, und das, obwohl er bereits dreimal wie ein sexuell Ausgehungerter über sie hergefallen war. Zacharias war kein zärtlicher Liebhaber und ganz auf seine Befriedigung bedacht, grob zuweilen, aber er wusste, wie er einer Frau Lust bereiten konnte. Und offenbar war er einer, der nie genug bekam.

Rosalie lächelte und presste ihren Unterleib gegen seinen. »Es ist spät, ich muss gleich gehen. Wir könnten doch kurz deinen Freund bei der Bavaria anrufen und einen Termin ausmachen. Nicht, dass er die weibliche Hauptrolle mit einer anderen besetzt.«

»Das macht der nicht. Vertrau mir«, wisperte Zacharias und bedeckte ihren Hals mit Küssen. Seine Hand fuhr die Innenseiten ihrer Schenkel auf und ab und sie spürte die Hitze zwischen ihren Beinen. Sie stöhnte leise, gab sich kurz seinen Zärtlichkeiten hin. Als er ihre Scham berührte, hielt sie seine Hand fest.

»Bitte, ruf ihn an«, hauchte sie. »Es ist mir wirklich sehr wichtig.«

»Weiß ich. Aber erst zeig ich dir, was mir wichtig ist.«

Er führte ihre Hand zu seinem Glied, sie zog sie zurück.

»Das kenn ich schon«, sagte sie und lächelte.

Zacharias machte keine Anstalten, ihrem Wunsch nachzukommen. Stattdessen tauchte er unter die Bettdecke ab, liebkoste ihre Brüste, ihren Bauch, ihren Venushügel. Seine Bewegungen wurden schneller, fordernder, der Druck seiner Hände wurde stärker. Er tat ihr weh. Rosalie versuchte, ihn abzuwehren, griff mit beiden Händen in Zacharias’ Haar und zog seinen Kopf nach oben.

»Lass mich, ich will nicht. Nicht, bevor du mit deinem Freund gesprochen hast.«

Zacharias rollte mit ihr herum, schwang sich auf sie, hielt ihre Arme fest und presste mit seinem Becken ihre Beine auseinander. Rosalie erkannte, dass sie gegen den Muskelprotz keine Chance hatte. Er war durchtrainiert bis in die Zehenspitzen und zudem mindestens 50 Kilo schwerer als sie.

»Verdirb uns nicht die Stimmung. Es ist gerade sehr nett mit uns«, keuchte er. Erneut küsste er ihren Hals, knabberte an ihrem Ohrläppchen. Sein Penis drückte gegen ihren Bauch, eine Hand machte sich unsanft an ihrer Scham zu schaffen, unter seinem Gewicht fiel ihr das Atmen schwer. Rosalie bäumte sich auf und stemmte sich gegen ihn. Der vage Gedanke, dass Zacharias sie hereingelegt haben könnte, regte sich in ihr. Womöglich hatte er gar keine Beziehungen zur Filmbranche, das alles war ein Vorwand gewesen, um sie ins Bett zu bekommen. Sicher würde er sich bald mit seiner Eroberungsmasche rühmen und allen erzählen, wie leicht es war, Rosalie abzuschleppen. Eine Welle aus Wut und Scham überschwemmte sie, gegen ihren Willen stiegen ihr Tränen in die Augen. Diese Geschichte hatte das Zeug dazu, ihren stark angekratzten Ruf noch mehr zu schädigen. Durch ihre knappen Outfits und ihre zahlreichen Liebeleien hielten sie viele für eine kleine Nutte, die für jeden die Beine breit macht, der die richtigen Versprechungen anbrachte. Dabei sehnte sie sich nur nach ein bisschen Anerkennung, wenn es schon keine Liebe für sie geben konnte.

Sie presste die Schenkel zusammen, um ihm das Eindringen zu erschweren, aber ihre Widerborstigkeit schien ihn weiter anzuturnen. Er grunzte, verstärkte den Druck seines Beckens, Rosalie schrie vor Schmerz auf. Sie biss ihm in die Schulter. Zacharias warf den Oberkörper zurück und ließ sie los. Rosalie gab ihm einen kräftigen Stoß, sodass er zur Seite fiel.

»Du spinnst wohl komplett, du dumme Sau!«, schrie er und griff nach ihr. Mit einer behänden Bewegung wich Rosalie aus, rollte sich aus dem Bett und beeilte sich, ihre Sachen im Zimmer zusammenzusuchen.

»He, was soll denn das? Wir wollten Spaß haben und wir hatten unseren Spaß, oder nicht? Zick nicht so rum, du lässt doch sonst auch nichts anbrennen.«

Zacharias massierte die Schulter, an der sich der Biss rot abzeichnete. Rosalie würdigte ihn keines Blickes und zog sich an. »Diesen Freund bei der Bavaria gibt es gar nicht, oder?«, presste sie hervor. Tränen liefen ihr über die Wangen. »Du hast mich verarscht und ich blöde Kuh bin darauf reingefallen. Echt schade, ich habe gedacht, du bist nett.«

»Nett kann ich auch. Das bringt nichts«, erwiderte Zacharias und grinste, obwohl er es ein wenig bereute, dass der Spaß zu Ende sein sollte. Eigentlich fand er es ganz reizvoll, wenn sich eine Frau wehrte und er sich letztlich als Eroberer fühlen konnte. Außerdem war Rosalie schöner, wenn sie wütend war. Er schwang seine Beine aus dem Bett und versuchte, sie daran zu hindern, ihre Shorts anzuziehen. Sie schlug und trat nach ihm. Auch wenn sie ihm damit keine großen Schmerzen zufügen konnte, wich er tänzelnd aus. Der kleine Übungskampf gefiel ihm, zumal er wusste, dass der Sieger bereits feststand.

Das Klingeln seines Smartphones brachte ihn aus dem Konzept. Rosalie nutzte seine Unaufmerksamkeit und floh ins Nebenzimmer. Zacharias zögerte, entschied sich gegen eine Verfolgung und nahm das Gespräch an. Wortlos hörte er zu, und je länger er lauschte, desto mehr verflogen seine Wut und seine Lust auf Rosalie. Er merkte nicht einmal, dass sie zum Ausgang schlich, so euphorisch stimmte ihn das Gehörte. »Gut gemacht, Kleiner«, sagte er und schüttelte die rechte Faust vor seinem Gesicht. »Jetzt packen wir sie alle an den Arsch. Du machst jetzt Folgendes …«

Er senkte seine Stimme und sprach leise weiter, bis er das Telefonat so abrupt beendete, wie er es angenommen hatte. Mit wirrem Blick wendete er sich zu Rosalie, die wie hypnotisiert stehen blieb. »Was ist denn passiert?«

»Gerechtigkeit, Süße. Es gibt Gerechtigkeit. Das Schicksal meint es gut mit mir. Sehr bald werden ein paar Herren bereuen, dass sie sich mit mir angelegt haben«, murmelte er.

»Wie meinst du das? Welche Herren werden sich wundern?« Ihre Stimme hörte sich piepsig an.

»Die Blutreiter, diese Verbrecherbande. Kümmer dich nicht um Dinge, die du gar nicht verstehst …«

Zacharias streckte eine Hand nach ihr aus und bewegte sich auf die junge Frau zu. Sie löste sich aus ihrer Erstarrung, lief zur Wohnungstür, nestelte fahrig an dem Schlüssel, der im Schloss steckte. Er ließ sich nicht drehen.

»Komm, meine Schöne, du sollst an meinem Glück teilhaben. An die nächste Runde wirst du dich lange erinnern. Glaub mir, das wird herrlich«, röchelte Zacharias, wenige Meter hinter ihr. Rosalie wimmerte und zog immer kräftiger an dem Schlüssel, der sich nicht bewegte.

»Sei nett zu mir und ich bring dich persönlich nach Hollywood, versprochen. Ab jetzt ist alles möglich.«

Mit einem Knacken sprang die Tür auf. Rosalie raste die Treppen hinunter und betete, dass ihr Zacharias nicht nachstellte. Als sie unten auf der Straße war, sah sie zum Fenster hoch. Zacharias stand nackt da, sah mit leerem Blick in die Ferne, ballte erneut eine Faust und reckte sie gen Himmel.

»Der Typ ist verrückt, völlig übergeschnappt«, sagte sie leise und eilte davon.

Sieben Tage bis zum Blutritt

Vorboten.

Meist lassen sie sich zunächst im Kleinen erkennen und doch haben sie die Macht, sich zu etwas Großem zu entwickeln. Wohl dem, der sie rechtzeitig entdeckt und sich vorbereiten kann. Denn: Vorboten sind wendig, tauchen unter, um dann für unliebsame Überraschungen zu sorgen.

Der Wecker des Polizeiobermeisters Fritz klingelte pünktlich um acht. Während seines Urlaubs wollte er zeitig aufstehen, um sich auf die Zeremonie des Blutritts vorzubereiten. Er hatte am Vorabend festgestellt, dass an seinem Gehrock zwei Knöpfe lose an ihren Fäden hingen. Sie galt es zu befestigen. Ebenso musste er den Schmuck für Winona aussuchen, für den Nachmittag war ein Ausritt mit anderen Teilnehmern angesagt. Außerdem wollte er darüber nachdenken, welche Erwartungen er in den Blutritt mit hineinnahm. Im letzten Jahr war seine Frau an einer Gürtelrose erkrankt, die ihr lange Zeit starke Schmerzen bereitet und von der sie sich sehr langsam erholt hatte. Sein Vater bereitete ihm Sorge, denn es war dem alten Herrn anzumerken, dass er immer mehr das Gedächtnis verlor und nicht mehr allzu lange für sich selbst würde sorgen können. Und auch wenn Fritz selbst bislang von altersbedingten Krankheiten verschont worden war, so beschäftigte es ihn zunehmend, dass er nur noch ein Drittel seines Lebens vor sich hatte. Die Zeit lief gegen ihn und es gab vieles, was er sich vorgenommen, jedoch nicht erledigt hatte. Er hatte sogar eine Liste mit Tätigkeiten geschrieben, die er nach seinem Berufsleben in Angriff nehmen wollte. Voraussetzung war, dass seine Frau und er einigermaßen gesund blieben. Dafür wollte er fürbitten.

Er schälte sich ächzend aus dem Bett, ging zum Fenster hinüber, öffnete es und lehnte sich hinaus. Das saftige Grün der Koppel wurde von einem sanften Sonnenlicht angestrahlt und von den dunkleren Tönen des angrenzenden Waldes eingerahmt. Drei Pferde grasten in friedlicher Eintracht und es schien nichts zu geben, was dieses harmonische Bild hätte zerstören können.

Fritz atmete tief ein und aus, wollte diese Ruhe aufsaugen. Und tatsächlich spürte er mit jedem Atemzug die Lebensgeister in ihm erwachen. »Was frei i mi uff mein Honger beim Frühstück«, sagte er zu sich selbst und schritt fröhlich pfeifend ins Badezimmer, um die Morgentoilette zu verrichten.

Wenige Minuten später stieg er die Treppe zum Frühstücksraum hinunter, aus dem Stimmengewirr und Gelächter zu ihm drangen. Fritz nahm an, dass weitere Bluttritt-Teilnehmer angekommen waren, und freute sich darauf, alte Bekannte zu begrüßen. Auf dem Weg nach unten kam er an einem Zimmer vorbei, aus dem Geräusche zu hören waren, die nicht zu der allgemeinen Fröhlichkeit passen wollten. Es hörte sich an, als würde jemand weinen. Die Tür stand einen Spaltbreit auf, Fritz sah Johannes, der auf seinem Bett lag und in sein Kissen schluchzte. Zaghaft klopfte der Polizeiobermeister. Johannes schreckte hoch und starrte ihn mit weit aufgerissenen Augen an.

»Johannes, was isch denn los? Warum heulsch denn?«

»Ich heule doch gar nicht.« Der Junge wischte sich mit dem Ärmel seines Sweatshirts über die Augen und die Nase. Fritz nahm auf dem Bett neben ihm Platz und legte ihm eine Hand auf die Schulter.

»Duat dir ebbes weh? Bisch krank?«

Johannes schniefte und zuckte mit den Schultern.

»Hosch Sorga oder macht dir ebbes Angschd?«

Der Junge schien blasser zu werden, als er ohnehin schon war. Seine Mundwinkel zuckten, doch er gab keinen Laut von sich.

»Isch es wega einem Mädle?«

»Quatsch«, sagte Johannes trotzig und drückte das Kissen vor seine Brust.

Polizeiobermeister Fritz lächelte. Er kannte das von seinem Sohn. Mit 13 war es verpönt, Mädchen gut zu finden, bereits drei, vier Jahre später würden sich die Gedanken überwiegend um das andere Geschlecht drehen.

»Wenn du Sorga hosch oder dir ebbes Angschd macht, kannsch emmer zu mir komma«, versuchte er zu trösten. »I kenn mi mit so Sacha aus. I ben ja bei der Polizei.«

Johannes schluchzte laut. Fritz drückte ihn an sich und streichelte ihm über den Kopf. »Ha komm, so schlemm wird’s scho net sei. Es goht älles vorbei. Bald kannsch drüber lacha.«

Er hielt den Jungen fest, bis sein Schluchzen in ein Schniefen übergegangen war, und löste sich schließlich von ihm.

»Goht’s wieder?«, fragte er und blickte dem Jungen in die rot geweinten Augen.

Johannes nickte.

Fritz klopfte ihm auf die Schulter. »No isch es guad. Wie g’sagt, du kannsch emmer zu mir komma. Mir sen doch Kumpels, oder net?«

Sein Magenknurren beendete das Gespräch. »Siehsch, mei Maga schwätzt au mit mir. Der braucht dringend a Frühstück, sonschd isch er beleidigt.«

Johannes lächelte. Und Polizeiobermeister Fritz beeilte sich, nach unten zu gelangen, um seinen Magen versöhnlich zu stimmen.

»Spannen Sie mich nicht so auf die Folter. Was hat er gesagt?« Pfarrer Seegmüller saß mit Andreas Goettle im Klostercafé und ließ seinen Löffel nervös in seiner Teetasse kreisen.

»Er isch g’schockt, dass des passiera konnt. Ond gleichzeitig au wieder net, weil er einem Triabel wie Ihne älles zuatraut …«

»Ich muss doch sehr bitten!«

»Des waret seine Worte. Ond anfangs hot er sich g’weigert, a Duplikat von dem Reliquiar herzumstella. Des isch net so leicht, moint er. Er wäre jedoch bereit, Ihne zum helfa, wenn Sie ihm an G’falla tun, zu dem Sie bisher net bereit waret.«

»Ich weiß genau, was dieser Sturkopf will!«, bellte Seegmüller. »Mit dieser Forderung geht mir dieser Querulant schon lange auf die Nerven und ich werde mich diesem Ansinnen nicht beugen. Nur über meine Leiche!«

Mit empörter Geste warf er den Löffel auf die Tischplatte.

Die Gespräche an den anderen Tischen verstummten, alle Augenpaare waren auf die beiden Geistlichen gerichtet. Goettle nippte an seinem Cappuccino und leckte sich über die Lippen. »Hm, sehr guad, der Kapotschino. Der Trautwein hot scho so ebbes angedeutet, dass Ihne sein Vorschlag net g’falla wird. Es isch halt sei Bedingung.«

»Das kann er getrost vergessen. Es gibt in meiner Kirche keine Trauung für ein homosexuelles Paar. So wie es in keiner anderen katholischen Kirche eine Trauung geben wird. Nie und nimmer.«

Goettle erkannte sein Gegenüber fast nicht wieder. Der ansonsten so souverän wirkende Seegmüller war völlig außer sich, was mit Sicherheit mit dem Diebstahl der Reliquie zusammenhing. Auf seinen Wangen hatten sich rote Flecken gebildet, seine Hände zitterten. An seinen Mundwinkeln hingen weiße Schlieren, was Andreas Goettle an eine geifernde Dogge erinnerte. Natürlich hatte Weingartens Stadtpfarrer so gar nichts von einer Dogge, weder die kräftige Statur noch das laute Gemüt. Im Moment spielten ihm eher die Nerven einen Streich.

»Gucket Se, der Herr Trautwein isch ja scho verheiratet mit seinem Werner. Klar, bloß standesamtlich, aber als gläubiger Mensch hätt er doch ein Recht darauf, au kirchlich traut zum werda. Es muas ja net jeder wissa.«

Seegmüller sprang auf und wischte dabei seine Tasse vom Tisch, die klirrend am Boden zersprang. Er bebte vor Empörung. »Das ist eine Ungeheuerlichkeit, die Sie da von mir verlangen. Wie können Sie es mit Ihrer Verantwortung der katholischen Kirche gegenüber vereinbaren, einen solchen Vorschlag gutzuheißen?«

»Ach, wisset Se, die katholische Kirch nimmt’s mit ihrer Verantwortung mir gegenüber au net so genau. I würd saga, da schenket mir ons nix. Ond i ben au der Moinung, mr sodd a paar Kompromisse eingeha, sonschd laufet uns bald alle Schäfla davo. I woiß, des sehet die ganz oba andersch, aber was die net wisset, goht se au nix an.«

Seegmüller ließ sich auf seinen Stuhl fallen, ließ den Kopf auf die Tischplatte sinken und stöhnte. »Herr, was habe ich getan, dass du mich so hart prüfst?«

»Ja, manchmol kann er scho an rechter Plog’goischd sei, onser Herrgott. Genau wie i. Ond weil des so isch, hätt ich einen Vorschlag. Wellet Se den höra?«

Seegmüller hob schwach die Hand, die Stirn berührte nach wie vor den Tisch. Goettle beugte sich vor, um seinem Gegenüber seine Idee ins Ohr zu flüstern. Mit jedem Satz wurde das Gejammer des Blutreiters lauter, es schien, als würden ihm die Worte Schmerzen bereiten.

»Also?«, fragte Goettle laut, nachdem er geendet hatte.

»In Gottes Namen«, röchelte Seegmüller.

»Noi, in Goettles Namen passt besser. Also, i sag dem Trautwein, dass er anfanga kann. Mir dürfet jetzt koi Zeit mehr verliera.«

»… es ist so: Gerade die junge Generation muss sich viel mehr für ihre Belange einsetzen. Nehmen Sie zum Beispiel die Fridays-for-Future-Bewegung. Wenn es sie nicht gäbe, würde die Regierung in Sachen Klimapolitik keinen Finger rühren. Protest muss auf die Straße, Missstände müssen aufgedeckt werden, die Menschen brauchen Informationen, sonst ändert sich nichts.«

Anong war dabei, sich in Rage zu reden. Ihr Gegenüber, ein Journalist der »Oberschwäbischen Nachrichten«, der sich mit Hilmar Glanzer vorgestellt hatte, schien das wenig zu interessieren. Er blickte immer wieder zu dem Tisch hinüber, an dem Pfarrer Seegmüller mit einem anderen schwarz gekleideten Herrn saß, der ihm offenbar Dinge erzählte, die den Weingartener Stadtpfarrer völlig aus der Fassung brachten.

Die mangelnde Aufmerksamkeit ihres Gegenübers ärgerte die junge Frau, schließlich war er wegen ihrer Geschichte hier. Allerdings hatte er von Anfang an Interesse missen lassen. Er hatte bislang kein Wort mitgeschrieben, starrte sie die gesamte Zeit unverwandt an und machte ihr zweifelhafte Komplimente. Carsten hatte offensichtlich richtiggelegen mit seiner Behauptung, der Journalist habe sich nur auf das Gespräch eingelassen, um sie persönlich kennenzulernen. Anstatt sich nach den Zielen der Gruppe zu erkundigen, hatte er sie mit persönlichen Fragen gelöchert und ihr entlockt, dass sie neben ihrem Studium in der Erwachsenenbildung arbeitete und Deutschkurse für Menschen mit Migrationshintergrund gab. Zu intimeren Bekenntnissen wie Lieblingsfilm, bevorzugte Musikrichtung und so weiter ließ sie sich nicht hinreißen. Sie hatte an Glanzer nicht das geringste Interesse. Er war mindestens 20 Jahre älter als sie, zudem eine ungepflegt wirkende Erscheinung. Seine dünnen Haare standen wirr vom Kopf ab und sein Anzug hatte länger keine Reinigung mehr genossen. Wenn sie sich in seine Richtung vorbeugte, nahm sie ein olfaktorisches Gemisch aus Schweiß und Imbissbude wahr. An Selbstbewusstsein mangelte es ihm wiederum nicht. Sein anmaßendes Gebaren, dieses Augengezwinkere, ließ die Vermutung zu, dass er sich für unwiderstehlich hielt.

Anong räusperte sich übertrieben laut und tatsächlich konnte sich Glanzer kurz vom Nebentisch losreißen.

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Yaş sınırı:
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Litres'teki yayın tarihi:
26 mayıs 2021
Hacim:
244 s. 7 illüstrasyon
ISBN:
9783839267462
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Telif hakkı:
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