Kitabı oku: «Unrast»

Yazı tipi:

Olga Tokarczuk

Unrast

Aus dem Polnischen von Esther Kinsky

Kampa

Ich bin

Ich bin ein paar Jahre alt. Ich sitze auf der Fensterbank, ringsum liegen Spielsachen verstreut, umgestürzte Türme aus Bauklötzen, Puppen mit weit aufgerissenen Augen. Im Haus ist es dunkel, die Luft in den Zimmern wird kühler, der Abend dämmert. Niemand ist zu Hause; sie sind fortgegangen, verschwunden, man hört noch ihre verhallenden Stimmen, Rascheln, das Echo von Schritten, ein fernes Lachen. Draußen vor dem Fenster liegt der verlassene Hof. Sanft senkt sich das Dunkel herab. Wie schwarzer Tau breitet es sich über die Dinge.

Am spürbarsten ist die Starre, sie ist dicht und sichtbar: der kalte Dämmer und das schwache Licht der Natriumlampen, das kaum einen Meter von seiner Quelle schon im Dunkel versinkt.

Nichts ereignet sich, der Anmarsch der Finsternis macht vor der Tür des Hauses Halt, der ganze Tumult des Dunkelns kommt zur Ruhe, bildet eine pelzige Haut wie auf erkaltender Milch. Vor dem Hintergrund des Himmels dehnen sich die Umrisse der Gebäude ins Unendliche, verlieren langsam alle scharfen Kanten, Ecken, Winkel. Das erlöschende Licht zieht die Luft mit sich, das Atmen wird schwer. Das Dunkel dringt jetzt durch die Haut. Die Töne rollen sich zusammen, ziehen die Schneckenaugen zurück; das Orchester der Welt ist abgezogen und im Park verschwunden.

Dieser Abend ist der Rand der Welt, ich habe ihn zufällig und absichtslos beim Spiel ertastet. Ich habe ihn entdeckt, als man mich einen Augenblick allein, ohne Obhut gelassen hatte. Natürlich saß ich in der Falle, war eingesperrt. Ich bin ein paar Jahre alt, sitze auf der Fensterbank, blicke in den erstarrten Hof. Die Lichter in der Schulküche sind schon ausgeschaltet, alle sind schon heimgegangen. Die Betonplatten auf dem Hof haben sich mit Dunkelheit vollgesogen und sind verschwunden. Die Türen sind geschlossen, die Luken dichtgemacht, die Rollladen heruntergelassen. Ich würde gern hinausgehen, weiß aber nicht, wohin. Einzig und allein meine Gegenwart nimmt schärfere Umrisse an, die zittern und wogen, das tut weh. In einem einzigen Augenblick entdecke ich die Wahrheit: Es lässt sich nicht mehr ändern – ich bin.

Die Welt im Kopf

Meine erste Reise unternahm ich zu Fuß, quer über die Felder. Meine Abwesenheit wurde lange nicht bemerkt, und so kam ich ziemlich weit. Ich ging durch den ganzen Park, dann über Feldwege, durch Maisfelder und über feuchte Wiesen mit Butterblumen und einem Netz von Entwässerungsgräben – bis hin zum Fluss. Der Fluss war in diesem Tiefland ohnehin allgegenwärtig, er durchtränkte die Grasschicht und leckte an den Feldern.

Ich kletterte auf den Deich und sah ein bewegliches Band, einen Weg, der über die Grenzen des Blickfelds, über die Grenzen der Welt hinausfloss. Und wenn man Glück hatte, konnte man Kähne darauf sehen, große, flache Boote, die stromauf und stromab fuhren, ohne auf die Ufer zu achten, auf die Bäume, die Menschen, die auf dem Deich standen und wahrscheinlich als unstete, nicht weiter beachtenswerte Orientierungspunkte erschienen, Zeugen der anmutigen Bewegung der Boote. Ich träumte davon, später, wenn ich groß sein würde, auf einem solchen Kahn zu arbeiten oder – besser noch, überhaupt ein Kahn zu werden.

Es war kein großer Fluss, es war nur die Oder, aber ich war ja damals auch klein. Sie hatte ihren Platz in der Hierarchie der Flüsse, wie ich später auf der Landkarte nachprüfte, und war eher unbedeutend, aber machte sich doch bemerkbar, eine Edelfrau aus der Provinz am Hof der Königin Amazonas. Mir jedoch reichte sie vollauf, sie kam mir riesig vor. Sie floss nach Belieben, nie reguliert, zu Überschwemmungen neigend, unberechenbar. An manchen Stellen stieß sie am Ufer auf Hindernisse unter der Wasseroberfläche, dort bildeten sich Strudel im Wasser. Sie strömte dahin, zog vorüber, mit ihren Zielen befasst, die irgendwo weit im Norden, jenseits des Horizonts lagen. Man konnte den Blick nicht auf ihr ruhen lassen, sie zog ihn mit sich fort, auf den Horizont zu, so dass man das Gleichgewicht verlor.

Sie schenkte mir keine Beachtung, war mit sich beschäftigt, ein unstetes wanderndes Gewässer, in das man nie zweimal steigt, wie ich später lernte.

Jedes Jahr forderte der Fluss seinen gesalzenen Lohn dafür, dass er die Kähne auf seinem Rücken trug, denn jedes Jahr ertrank jemand darin: sei es ein Kind beim Baden an einem heißen Sommertag, sei es ein Betrunkener, den es irgendwie auf die Brücke verschlagen hatte und der dort trotz des Geländers ins Wasser gefallen war. Die Ertrunkenen wurden lange und mit großem Aufwand gesucht, die ganze Gegend hielt den Atem an. Taucher kamen, das Militär stellte Motorboote. Den belauschten Gesprächen der Erwachsenen zufolge waren die schließlich gefundenen Leichen aufgedunsen und bleich, das Wasser hatte alles Leben aus ihnen gewaschen und ihre Gesichtszüge so verwischt, dass die Angehörigen die Toten nur mit Mühe erkennen konnten.

Als ich so in den Anblick der Strömung versunken auf dem Flutwall stand, wurde mir klar, dass aller Gefahren zum Trotz das, was in Bewegung ist, immer besser sein wird, als das, was ruht, dass der Wandel edler ist als die Stetigkeit, dass das Unbewegliche Zerfall und Auflösung anheimfallen muss und zu Schutt und Asche wird, während das Bewegliche sogar ewig währen kann. Von da an wurde der Fluss zur Nadel, die in meiner sicheren, steten Landschaft stak: im Park, in den Beeten, wo die Gemüse in verschämten Reihen standen, in dem Gehweg aus Betonplatten, wo Himmel und Hölle gespielt wurde. Die Nadel durchstach sie alle, bezeichnete vertikal eine dritte Dimension, sie hatte ein Loch gemacht, und die kindliche Welt erwies sich als ein Aufblasspielzeug, aus dem pfeifend die Luft entwich.

Meine Eltern waren nicht ganz vom sesshaften Schlag. Immer wieder zogen sie um, von einem Ort zum anderen, bis sie sich schließlich für längere Zeit in einer Provinzschule niederließen, weitab von jeder ordentlichen Straße und Eisenbahnstation. Jedes Überschreiten der Gartengrenze, jeder Ausflug in die kleine Stadt war schon eine Reise. Einkäufe, Papiere, die im Gemeindeamt eingereicht werden mussten, immer derselbe Friseur am Markt vor dem Rathaus, der immer denselben erfolglos gewaschenen und gebleichten Kittel trug, auf dem die Färbemittel für die Haare seiner Kundinnen kalligraphische Flecken hinterlassen hatten, chinesische Schriftzeichen. Mama ließ sich die Haare färben, der Vater wartete an einem der beiden Tische draußen vor dem Café »Nowa« auf sie und las Zeitung. Er las die Lokalzeitung, in der die Rubrik »Kriminalfälle« mit Berichten über Marmeladen- und Gewürzgurkenraub aus irgendwelchen Kellern immer das Interessanteste war.


Comparative overview of important rivers (undatiert)

Ihre Ferienausflüge unternahmen sie zaghaft, mit einem bis unters Dach voll gepackten Skoda. Lange vorbereitet, an Vorfrühlingsabenden geplant, wenn der Schnee gerade getaut, die Erde aber noch nicht wieder erwacht war und sie sich auch bis auf weiteres nicht den Pflügen und Hacken hingeben, sich noch nicht befruchten lassen und die Zeit der Menschen vom Morgen bis zum Abend in Anspruch nehmen würde.

Sie gehörten zu einer Generation, die mit Wohnwagen unterwegs war, einen Hausersatz hinter sich herzog. Einen kleinen Gasherd, Klappstühle, einen Klapptisch. Eine Plastikschnur zum Aufhängen der Wäsche, wo man Halt machte, hölzerne Wäscheklammern. Wasserfestes Wachstuch für den Tisch. Ein Picknick-Set für die Reise, bestehend aus bunten Tellern, Besteck, Salzfässchen und Gläsern – alles aus Plastik.

Irgendwo unterwegs, auf einem Flohmarkt, wie ihn er und meine Mutter besonders gerne besuchten (wenn sie sich zufällig einmal nicht gerade gegenseitig vor Kirchen und Denkmälern fotografierten), hatte mein Vater einen Wasserkocher aus der Armee erstanden, einen Kupferbehälter mit einem Rohr in der Mitte, in das man eine Handvoll kleingebrochenes Reisig legen und anzünden konnte. Obwohl es auf den Campingplätzen Stromanschlüsse gab, kochte er das Wasser immer in diesem Teekessel, der qualmte und ewig brauchte. Er kniete über dem heißen Gefäß und lauschte stolz auf das Bullern des kochenden Wassers, das er dann auf die Teebeutel goss – ein echter Nomade.

Sie hielten an den dafür bestimmten Orten, auf Campingplätzen, immer in Gesellschaft anderer Leute ihres Schlags, und hielten Schwätzchen mit den Nachbarn über die Socken hinweg, die an den Zeltschnüren trockneten. Mit Hilfe des Reiseführers legte man Reiserouten fest, wobei die Sehenswürdigkeiten sorgfältig aufgelistet wurden. Bis Mittag Baden im Meer oder in einem See, am Nachmittag ein Ausflug zu den Ruinen und Überresten von Städten, zum Abschluss das Fertigabendessen, meistens aus Eingewecktem bestehend: Gulasch, Frikadellen, Klopse in Tomatensauce. Dazu brauchte man nur noch Reis oder Nudeln zu kochen. Ewiges Sparen, der Zloty steht schlecht, das ist der rote Heller der Welt. Orte suchen, wo es Stromanschluss gibt, dann wieder unwillig packen, um weiterzureisen, jedoch immer in der metaphysischen Umlaufbahn des eigenen Heims. Sie waren keine echten Reisenden, denn sie reisten, um zurückzukehren. Und immer kehrten sie erleichtert heim, hatten das Gefühl, eine Pflicht gut erfüllt zu haben. Sie kamen zurück und nahmen den Stapel Briefe und Rechnungen von der Kommode. Machten große Wäsche. Langweilten die heimlich gähnenden Freunde mit ihren Fotos zu Tode. Das sind wir in Carcassone. Und hier ist meine Frau, vor der Akropolis.

Dann führten sie das ganze Jahr ein sesshaftes Leben, dieses merkwürdige Leben, in dem man morgens da weitermacht, wo man am Abend aufgehört hat, in dem die Kleidung ganz vom Geruch der eigenen Wohnung durchdrungen ist und die Füße unermüdlich ihren Pfad auf dem Teppich treten.

Das ist nichts für mich. Offenbar fehlt mir irgendein Gen, das beim Menschen dazu führt, nach kurzer Zeit an einem Ort Wurzeln zu schlagen. Ich habe es oft versucht, aber meine Wurzeln waren flach, jeder beliebige Windstoß konnte mich ausreißen. Ich konnte nicht sprießen, diese den Pflanzen eigene Fähigkeit fehlt mir. Ich ziehe keine Säfte aus der Erde, ich bin ein Anti-Anteus. Meine Energie schöpft sich aus der Bewegung – aus dem Ruckeln von Autobussen, dem Dröhnen von Flugzeugen, dem Schaukeln von Fähren und Zügen.

Ich bin handlich, klein und kompakt. Mein Magen ist anspruchslos, mein Bauch fest, meine Lungen sind kräftig, meine Armmuskeln stark. Ich nehme weder Medikamente noch Hormone und trage keine Brille. Vierteljährlich schere ich mir die Haare mit dem Rasierapparat, ich benutze so gut wie keine Schminke. Ich habe gesunde Zähne, vielleicht nicht ebenmäßig, doch ganz, nur eine alte Plombe ist da, ich glaube im Sechser links unten. Leberwerte normal. Bauchspeicheldrüsenwerte normal. Die Nierenfunktion rechts und links hervorragend. Meine Bauchschlagader in der Norm. Meine Harnblase genau richtig. Hämoglobin: 12.7; Leukozyten: 4.5; Hämatokrit: 41.6; Thrombozyten: 228; Cholesterin: 204; Kreatinin: 1.0; Bilirubin: 4.2; und so weiter. Mein IQ – wenn man an so etwas glaubt – ist 121, das reicht. Ich habe eine außergewöhnlich gut entwickelte räumliche Vorstellungskraft, die fast eidetisch ist, dafür ist mein laterales Denken schlecht ausgeprägt. Kein stabiles Persönlichkeitsprofil, wahrscheinlich wenig vertrauenswürdig. Alter: psychologisch. Geschlecht: grammatisch. Bücher kaufe ich lieber im Taschenbuch, um sie ohne Bedauern auf Bahnsteigen liegen zu lassen, für die Augen anderer. Ich sammle nichts.

Ich habe mein Studium abgeschlossen, aber im Grunde habe ich keinen Beruf erlernt, was ich sehr bedaure: Mein Großvater war Weber, er bleichte die gewebte Leinwand, indem er sie auf einem Hang ausbreitete und dem hellen Sonnenlicht aussetzte. Es würde mir Spaß machen, Kette und Schuss miteinander zu verweben, aber es gibt keine transportablen Webrahmen, die Weberei ist eine Kunst für sesshafte Menschen. Unterwegs stricke ich. Leider ist es neuerdings bei manchen Fluggesellschaften verboten, Strick- oder Häkelnadeln mit an Bord zu nehmen. Wie gesagt, ich habe kein Fach gelernt, dennoch habe ich, ungeachtet der Warnungen meiner Eltern, immer überleben können, indem ich auf Reisen alle möglichen Arbeiten ausgeübt habe und keineswegs unter die Räder gekommen bin.

Als meine Eltern nach zwanzig Jahren ihr romantisches Experiment aufgaben und in die Stadt zurückkehrten, als sie der Dürren und Fröste überdrüssig waren, der gesunden Nahrung, die den ganzen Winter über im Keller kränkelte, der von den eigenen Schafen geschorenen Wolle, mit denen die unersättlichen Kehlen der Kissen- und Deckenbezüge gestopft wurden, da bekam ich ein wenig Geld von ihnen und machte mich zum ersten Mal auf den Weg.

Ich arbeitete in Gelegenheitsjobs, wo ich gerade hinkam. In einer internationalen Manufaktur am Rand einer Weltstadt schraubte ich Antennen in Luxusyachten. Dort arbeiteten viele wie ich. Wir arbeiteten schwarz, keiner fragte nach unserer Herkunft und nach unseren Zukunftsplänen. Freitags bekamen wir den Wochenlohn, und wem es nicht gefiel, der kam am Montag nicht wieder. Zukünftige Studenten arbeiteten dort, die ihre Zeit zwischen Abitur und Uni-Aufnahmeprüfung überbrückten. Emigranten auf ewiger Reise zu einem idealen gerechten Land irgendwo im Westen, wo die Menschen Schwestern und Brüder sind und ein starker Staat die Rolle eines fürsorglichen Elternteils übernimmt. Flüchtlinge, die vor ihren Familien ausgerissen waren, vor Frauen, Männern, Eltern, unglücklich Verliebte, verstört, melancholisch, ewig verfroren. Manche, nach denen das Gesetz seinen langen Arm ausstrecken wollte, weil sie ihre überzogenen Kreditkarten nicht abbezahlt hatten. Herumtreiber, Vagabunden. Verrückte, die beim nächsten psychotischen Schub in die Klinik gebracht und von dort – kraft uneindeutiger Vorschriften – in ihr Herkunftsland abgeschoben wurden.

Nur ein Inder war da, der schon seit Jahren in diesem Werk arbeitete. Doch ehrlich gesagt unterschied sich seine Situation nicht sehr von unserer. Er war nicht versichert und bekam keinen Urlaub. Er arbeitete schweigend, geduldig, in gleichmäßigem Tempo. Nie kam er zu spät, nie fragte er um einen arbeitsfreien Tag. Ich überredete ein paar Leute, sich wenigstens seinetwillen gewerkschaftlich zu organisieren – das waren die Zeiten der Solidarność –, aber er wollte nicht. Von meiner Anteilnahme gerührt, bewirtete er mich jeden Tag mit scharfem Curry, das er im Henkelmann von zu Hause mitbrachte. Heute kann ich mich nicht mal mehr an seinen Namen erinnern.

Ich war Kellnerin, Zimmermädchen in einem exklusiven Hotel und Kindermädchen. Ich habe Bücher und Tickets verkauft. In einem kleinen Theater verdingte ich mich für eine Saison als Garderobiere im Fundus und konnte so den langen Winter zwischen Plüschkulissen, schweren Kostümen, atlasseidenen Umhängen und Perücken verbringen. Nach meinem Studienabschluss habe ich außerdem als Pädagogin, Beraterin in der Suchthilfe und zuletzt in einer Bibliothek gearbeitet. Sobald ich ein wenig Geld verdient hatte, machte ich mich wieder auf den Weg.

Der Kopf in der Welt

In einer großen düsteren kommunistischen Stadt habe ich Psychologie studiert, mein Fachbereich war in dem Gebäude untergebracht, in dem sich während des Krieges der Sitz der dortigen SS befand. Dieser Stadtteil war auf den Ruinen des Ghettos errichtet worden, das ließ sich ganz leicht erkennen, wenn man genau hinschaute: Der ganze Stadtteil stand nämlich rund einen Meter höher als die übrige Stadt. Ein Meter Trümmer. Ich fühlte mich dort nie wohl, zwischen den neuen Wohnblocks und den kläglichen Grünanlagen blies immer der Wind, die eisige Luft fühlte sich besonders scharf an und schnitt ins Gesicht. Trotz der Bebauung gehörte die Gegend im Grunde noch den Toten. Das Institutsgebäude kommt heute noch in meinen Träumen vor – seine breiten, wie aus Fels gehauenen Korridore, die von den Füßen der verschiedensten Menschen glattgelaufen waren, die ausgetretenen Treppenstufen, die von unzähligen Händen blankpolierten Geländer, lauter Spuren, die im Raum ihre Abdrücke hinterlassen hatten. Vielleicht besuchten uns deshalb ab und zu Geister.

Wenn wir Ratten ins Labyrinth setzten, war immer eine dabei, deren Verhalten den Theorien widersprach und unserer raschen Hypothesen spottete. Sie stellte sich auf zwei Beine und zeigte nicht das geringste Interesse an der Belohnung am Ausgang der Versuchsstrecke, den mit dem pawlowschen Reflex verbundenen Privilegien abgeneigt, musterte sie uns und kehrte dann um oder machte sich daran, in aller Ruhe das Labyrinth zu erkunden. Sie suchte etwas in den Seitengängen, wollte auf sich aufmerksam machen. Sie quiekte verwirrt, und die Mädchen hoben sie entgegen den Vorschriften aus dem Labyrinth und nahmen sie in die Hand.

Die Muskeln eines toten, in die Länge gezogenen Froschs beugten und streckten sich nach dem Diktat elektrischer Impulse, doch auf eine Art und Weise, wie sie in unseren Lehrbüchern noch nicht beschrieben worden war: Sie gaben uns Zeichen, die Extremitäten vollführten eindeutig Droh- und Spottgebärden und widerlegten damit den geheiligten Glauben an die mechanische Unschuld physiologischer Reflexe.

Hier wurde uns beigebracht, dass sich die Welt beschreiben, ja sogar mit einfachen Antworten auf intelligente Fragen erklären lässt. Dass sie dem Wesen nach ohnmächtig und unbelebt ist, dass in ihr recht simple Gesetze herrschen, die man erklären und nennen muss, am besten mit Hilfe eines Schaubilds. Von uns wurden Experimente verlangt. Wir sollten Hypothesen formulieren. Verifizieren. Wir wurden in geheime Statistiken eingeführt, denn man glaubte, mit ihrer Hilfe ließen sich alle möglichen Gesetzmäßigkeiten der Welt perfekt erfassen, schließlich hat 90 Prozent eine größere Bedeutung als fünf.

Doch heute weiß ich eines: Wer Ordnung sucht, soll die Psychologie meiden. Lieber soll man sich mit Physiologie oder Theologie beschäftigen, dann kann man sich wenigstens auf etwas Ordentliches stützen, nämlich entweder auf die Materie oder auf den Geist, anstatt auf der Psyche auszurutschen. Die Psyche ist ein sehr unsicherer Untersuchungsgegenstand.

Sie hatten recht, die behaupteten, diese Fachrichtung suche man sich nicht im Hinblick auf einen zukünftigen Beruf, aus Interesse, aus dem Wunsch heraus, anderen zu helfen, oder ähnlichen schlichten Gründen. Ich habe den Verdacht, dass wir alle einen tief im Innern verborgenen Defekt hatten, obwohl wir bestimmt wie intelligente, gesunde junge Leute wirkten. Es war ein maskierter Defekt, der bei der Aufnahmeprüfung geschickt getarnt wurde. Ein heillos verheddertes, verfilztes Emotionsknäuel, wie die seltsamen Geschwulste, die man manchmal im menschlichen Körper entdeckt und in jedem Anatomie- und Pathologiemuseum findet, das etwas auf sich hält. Aber vielleicht waren unsere Prüfer ja vom gleichen Schlag und wussten in Wirklichkeit genau, was sie taten. Dann wären wir sozusagen ihre Erben gewesen.

Als wir im zweiten Jahr die Funktion von Schutzmechanismen behandelten und verwundert die Macht dieses Teils unserer Psyche erkannten, verstanden wir allmählich eines: Wenn wir keine Rationalisierung, Sublimierung, Verdrängung, keines dieser Kunststückchen hätten, derer wir uns bedienen, wenn wir ganz schutzlos, ehrlich und mutig die Welt betrachten würden – dann würde es uns das Herz brechen.

Was wir in diesem Studium lernten, war, dass wir aus Schutzvorrichtungen bestehen, aus Schild und Rüstung, wir sind Städte, deren Architektur aus Mauern, Basteien und Befestigungen besteht, wir sind Bunkerstaaten.

Alle Tests, Interviews und Untersuchungen führten wir aneinander durch, und nach dem dritten Studienjahr konnte ich mein Problem schon benennen, das war wie die Entdeckung eines geheimen Eigennamens, mit dem man zu einer Initiation aufgerufen wird.

In meinem erlernten Beruf hielt es mich nicht lange. Während einer meiner Reisen, als ich ohne Geld in einer großen Stadt festsaß und als Zimmermädchen arbeitete, begann ich zu schreiben. Es war eine Geschichte für die Reise, zum Lesen im Zug, etwas, was ich für mich selbst schreiben würde. Ein Buch wie ein Häppchen, das man ganz herunterschluckt, ohne abzubeißen.

Ich konnte mich entsprechend konzentrieren, für eine gewisse Zeit wurde ich zu einem ungeheuerlichen Ohr, das auf Geräusche, Echos und Geflüster lauschte, auf ferne Stimmen, die hinter einer Wand erklangen.

Doch nie wurde ich eine richtige Schriftstellerin oder – besser gesagt – ein Schriftsteller, denn in diesem Genus hört sich das Wort ernsthafter an. Das Leben entwischte mir immer wieder. Ich stieß immer nur auf seine Spuren, auf erbärmliche abgestreifte Häute. Wenn ich seine Position anpeilte, war es schon wieder woanders. Ich fand nur Zeichen, wie diese eingeritzten Inschriften in der Rinde von Parkbäumen: Ich war hier. In meinem Schreiben wurde das Leben zu unvollständigen Erzählungen, traumgleichen kleinen Geschichten mit ausfransenden Erzählfäden, von weitem erschien es in ungewöhnlich verschobenen Perspektiven oder wie ein Querschnitt – und es ließen sich kaum Schlussfolgerungen auf das Ganze ziehen.

Jeder, der schon einmal versucht hat, einen Roman zu schreiben, weiß, was das für ein mühsames Unterfangen ist, es ist zweifellos eine besonders schlechte Form der Selbstbeschäftigung. Die ganze Zeit muss man in sich selbst sein, in einer Einpersonenzelle, in völliger Einsamkeit. Es ist eine kontrollierte Psychose, eine Paranoia und zugleich Obsession, die mit Arbeit verbunden ist und deshalb auch nicht mit den Federn, Rüschen und venezianischen Masken ausgestattet, die wir damit assoziieren, sondern eher mit Fleischerschürze und Gummistiefeln und einem Messer zum Ausweiden in der Hand. Aus diesem Schriftstellerkeller sieht man allenfalls die Beine der Passanten, hört das Klappern der Absätze. Manchmal bleibt einer stehen, bückt sich und wirft einen Blick hinein, dann bekommt man ein menschliches Gesicht zu sehen und kann sogar ein paar Worte wechseln. Doch in Wirklichkeit ist der Geist mit seinem Spiel beschäftigt, das in einem hastig skizzierten Panoptikum abläuft, er stellt die Figuren auf einer provisorischen Bühne zurecht: Autor und Held, Erzählerin und Leserin, den, der beschreibt, und diejenige, die beschrieben wird; Füße, Schuhe, Absätze und Gesichter werden früher oder später ein Teil dieses Spiels.

Es tut mir nicht leid, dass ich mir just diese Tätigkeit ausgesucht habe. Zum Psychologen hätte ich nicht getaugt. Ich konnte keine Erklärungen finden, konnte in den Dunkelkammern des Geistes keine Familienfotos entwickeln. Die Bekenntnisse anderer haben mich oft gelangweilt, wie ich betrübt eingestehen muss. Ehrlich gesagt kam es öfter vor, dass ich gern die Rollen getauscht und ihnen von mir erzählt hätte. Ich musste mich vorsehen, dass ich nicht unvermittelt eine Patientin am Ärmel fasste und sie mitten im Satz unterbrach. »Was Sie nicht sagen! Das empfinde ich ganz anders! Wenn Sie wüssten, was ich geträumt habe! Hören Sie zu …« Oder: »Was wissen Sie schon von Schlaflosigkeit, guter Mann! Das soll eine Panikattacke sein? Dass ich nicht lache! Der Patient vor ihnen, der hat vielleicht …«

Ich konnte nicht zuhören. Ich wahrte nicht die Grenzen, war anfällig für Übertragungen. Ich glaubte nicht an Statistiken, nicht an die Verifizierbarkeit von Theorien. Die Prämisse der Deckungsgleichheit von Persönlichkeit und Mensch kam mir immer zu minimalistisch vor. Ich neigte dazu, das Offensichtliche zu verschleiern, felsenfeste Argumente in Zweifel zu ziehen, es war eine Angewohnheit, perverses Yoga des Hirns, ein subtiler Genuss beim Verspüren innerer Bewegung. Urteile betrachtete ich mit Skepsis, schmeckte sie unter der Zunge und machte die keineswegs überraschende Entdeckung, dass keines echt war, dass alles künstlich war, gefälschte Marken. Ich wollte keine festen Überzeugungen, sie wären unnötiger Ballast für mich gewesen. In Diskussionen stand ich mal auf dieser, mal auf jener Seite, ich weiß, dass mich das bei meinen Gesprächspartnern nicht beliebt machte. Ich war Zeuge eines merkwürdigen Vorgangs in meinem Kopf: Je mehr Argumente ich »für« etwas fand, desto mehr fielen mir »dagegen« ein, und je stärker ich an den ersteren hing, desto mehr drängten sich die letzteren auf.

Wie sollte ich andere untersuchen können, wenn mir selbst schon jeder Test so schwerfiel. Persönlichkeitstest, Umfragen, Fragebögen mit Kolonnen von Fragen und Skalen zum Ankreuzen der Antwort kamen mir zu schwierig vor. Diese Unzulänglichkeit wurde mir bald bewusst, und wenn wir uns in den praktischen Übungen während des Studiums gegenseitig befragen mussten, gab ich meine Antworten auf gut Glück. Ein seltsames Profil kam dabei heraus, eine schiefe Kurve im Koordinatennetz. »Glaubst du, dass die beste Entscheidung immer die ist, die sich am leichtesten ändern lässt?« Ob ich glaube? Was für eine Entscheidung? Ändern? Wann? Und was heißt leicht? »Du betrittst einen Raum – nimmst du eher einen Platz in der Mitte oder am Rand ein?« Was für ein Raum? Und wann? Ist der Raum leer, oder stehen rote Plüschsofas an der Wand? Und die Fenster – wie ist der Ausblick? Und was Bücher angeht: Lese ich lieber das Buch, anstatt auf eine Party zu gehen, oder hängt es vom Buch und von der Party ab?

Was für eine Methodologie! Stillschweigend geht man davon aus, dass der Mensch sich selbst nicht kennt, doch, mit so schlauen Fragen konfrontiert, sich selbst ausspionieren wird. Er selbst stellt sich die Frage, er selbst gibt die Antwort. Und unversehens verrät er sich selbst gegenüber ein Geheimnis, von dem er nichts gewusst hat.

Und die zweite lebensgefährliche Annahme ist die, dass wir statisch und unsere Reaktionen berechenbar sind.

Das Syndrom

Die Geschichte meiner Reisen ist nur die Geschichte einer Unzulänglichkeit. Ich leide an einem Syndrom, das sich mühelos in jedem Atlas klinischer Syndrome finden lässt und das – wie die Fachliteratur behauptet – immer mehr um sich greift. Am besten greift man zu »The Clinical Syndrome« in einer älteren Ausgabe, aus den siebziger Jahren. Das ist eine Art eigener Syndrom-Enzyklopädie. Für mich übrigens eine unerschöpfliche Quelle der Inspiration. Würde es da noch jemand wagen, den Menschen als Ganzes zu beschreiben, allgemein und objektiv? Sich voller Überzeugung des Begriffs der »Persönlichkeit« zu bedienen? Begeisterung für eine überzeugende Typologie aufzubringen? Ich glaube kaum. Der Begriff des Syndroms passt wie angegossen auf die Reisepsychologie. Ein Syndrom ist nicht groß, übertragbar, an keine schlaffe Theorie gebunden, episodisch. Man kann damit etwas erklären und es dann in den Papierkorb werfen. Ein Erkenntniswerkzeug zum Einmalgebrauch. Meines heißt Perseveratives Detoxifikationssyndrom. Ganz nüchtern und schlicht erklärt, bedeutet es nur so viel, dass es dem Wesen nach auf der hartnäckigen Bewusstmachung bestimmter Vorstellungen, ja sogar auf der zwanghaften Suche nach diesen Vorstellungen beruht. Es ist eine Variante des »Mean World Syndrome« (»Böse-Welt-Syndrom«), das in der jüngsten Zeit in der neuropsychologischen Literatur ziemlich gut als eine spezifische Form der Infektion durch die Medien beschrieben wird. Im Grunde ein sehr bürgerliches Leiden. Der Patient verbringt Stunden vor dem Fernseher und sucht mit der Fernbedienung nur die Sender, auf denen besonders schreckliche Nachrichten gebracht werden: Kriege, Epidemien, Katastrophen. Gebannt von dem Anblick, kann der Zuschauer die Augen nicht mehr abwenden.

Die Symptome selbst sind nicht bedrohlich, man kann in Ruhe damit leben, solange man eine gewisse Distanz behält. Dieses unangenehme Leiden lässt sich nicht heilen, die Wissenschaft begnügt sich in diesem Fall mit der bedauernden Feststellung, dass es existiert. Gelangt der über sich selbst entsetzte Patient schließlich in die Sprechstunde eines Psychiaters, wird dieser ihm raten, seine Lebenshygiene zu verbessern: Verzicht auf Kaffee und Alkohol, Schlafen bei offenem Fenster, Gartenarbeit, Stricken oder Weben.

Mein Symptomkomplex besteht darin, dass mich alles anzieht, was kaputt, unvollkommen, defekt, zerbrochen ist. Mich interessiert das Unansehnliche, Irrtümer der Schöpfung, Sackgassen. Das, was sich entwickeln sollte, doch aus irgendwelchen Gründen unentwickelt geblieben oder, umgekehrt, übers Ziel hinausgeschossen ist. Alles, was von der Norm abweicht, was zu klein oder zu groß ist, wuchernd oder verkümmert, monströs und abstoßend. Formen, die keine Symmetrie wahren, die sich vervielfältigen, in die Breite gehen, sprießen oder, umgekehrt, die Vielzahl zur Einzahl reduzieren. Mich interessieren keine wiederholbaren Vorkommnisse, über die sich aufmerksam die Statistik beugt, die von allen mit zufriedenem freudigem Grinsen gefeiert werden. Meine Sensibilitäten sind teratologisch, monstrophil. Ich bin der unbeirrbaren und irritierenden Überzeugung, dass genau darin das wahre Sein zum Vorschein kommt und seine Natur offenbart. Eine plötzliche, zufällige Enthüllung. Ein verschämtes »Hoppla«, ein Zipfel Unterwäsche unter dem sorgsam plissierten Rock. Ein abscheuliches Metallskelett dringt plötzlich durch den Samtbezug, eine Eruption der Federn im Plüschsessel, die jedwede Illusion von Weichheit schamlos demaskiert.

Kuriositätenkabinett

Für den Besuch von Kunstmuseen habe ich nie viel übrig gehabt, und wenn es nach mir ginge, könnte man an ihrer Stelle gerne Kuriositätenkabinette einrichten, wo das Seltene und Einmalige, das Absonderliche und Monströse gesammelt und ausgestellt wird. Das, was im Schatten des Bewusstseins existiert und aus dem Blickfeld verschwindet, sobald man hinschaut. Ja, mit Gewissheit leide ich an jenem unglückseligen Syndrom. Mich zieht es nicht zu Ausstellungen in den Stadtzentren, sondern eher in kleine, zu Krankenhäusern gehörige Sammlungen, die oft in den Keller verbannt sind, als verdienten sie keinen wertvollen Ausstellungsraum, Indizien für den suspekten Geschmack früherer Sammler. Ein Salamander mit zwei Schwänzen in einem ovalen Glas, der mit hochgereckter Schnauze den Tag des Jüngsten Gerichts abwartet, wenn alle Präparate der Welt wiederauferstehen. Die Niere eines Delphins in Formalin. Die reine Anomalie: ein Schafsschädel mit je zwei Augenpaaren, Ohrenpaaren und Schnauzen, schön wie das Bildnis einer vielgesichtigen antiken Gottheit. Ein mit Glasperlen geschmückter menschlicher Embryo, dazu ein in sorgfältiger Schönschrift gefertigtes Etikett: »Fetus Aethiopis 5 mensium«. Jahrelang wurden hier die schrägen Launen der Natur gesammelt, Doppelköpfige und Kopflose, ungeboren treiben sie träge in Formaldehyd-Lösung. Oder der Fall des Cephalothoracophagus Monosymetro, bis heute in einem Museum in Pennsylvanien ausgestellt, der in Gestalt der pathologischen Morphologie einer Leibesfrucht mit einem Kopf und zwei Körpern die Grundlagen der Logik als Gleichung 1=2 in Frage stellt. Und zu guter Letzt ein rührendes hausgemachtes Präparat aus der Küche: Äpfel aus dem Jahre 1848 mit seltsamen, ganz abartigen Formen schlummern in Spiritus, weil offensichtlich jemand erkannte, dass diesen Launen der Na-tur Unsterblichkeit gebührt und nur das überdauert, was anders ist.

Und genau deshalb unternehme ich meine geduldigen Reisen, auf denen ich die Fehler und Reinfälle der Schöpfung aufspüre.

Ich habe gelernt, in Zügen, Hotels und Wartesälen zu schreiben. Auf den Klapptischchen im Flugzeug. Ich mache mir beim Mittagessen unter dem Tisch Notizen, oder sogar auf der Toilette. Ich schreibe auf Museumstreppen, in Cafés, auf geparkten Autos am Straßenrand. Ich schreibe auf Papierfetzchen, in Notizbücher, auf Postkarten, auf meinen Handrücken, auf Servietten, auf die Seitenränder in Büchern. Meistens kurze Sätze, Skizzen, manchmal schreibe ich auch Stücke aus Zeitungen ab. Es kommt vor, dass mich irgendeine Gestalt in der Menge von meinem Weg abbringt, ich folge ihr eine Zeitlang, fange an zu erzählen. Das ist eine gute Methode, in der ich mich vervollkommnen will. Von einem Jahr aufs andere ist die Zeit meine Verbündete geworden, wie für jede Frau: Ich bin unsichtbar, durchsichtig geworden. Ich kann mich wie ein Geist umherbewegen, Menschen über die Schulter schauen, ihren Streit belauschen, zusehen, wie sie mit dem Kopf auf dem Rucksack schlafen, wie sie mit sich selbst reden, ohne sich meiner Anwesenheit bewusst zu sein, die Lippen bewegen, Worte formulieren, die ich ihnen laut nachspreche.

Sehen ist wissen

Das Ziel meiner Pilgerreise ist immer ein anderer Pilger. Diesmal ist es ein gebrechlicher Pilger, in Stücken.

Hier werden zum Beispiel Knochen gesammelt, aber nur solche, mit denen etwas nicht stimmt: verkrümmte Wirbelsäulen und verdrehte Rippen, die bestimmt aus ebenso verdrehten Körpern gezogen worden sind, um präpariert, getrocknet und zum Schluss mit Lack überzogen zu werden. Eine kleine Nummer gibt einen Hinweis auf die Krankheitsbeschreibung in längst zerbröselten Listen. Wie kurzlebig ist Papier im Vergleich mit Knochen! Man hätte gleich auf Knochen schreiben sollen.

Da ist zum Beispiel ein Oberschenkelknochen, den jemand vorwitzig der Länge nach durchgesägt hat, um zu sehen, was darin steckt. Bestimmt war er enttäuscht, denn er hat beide Teile mit Schnur umwickelt und sie, mit den Gedanken schon bei etwas anderem, zurück in den Schaukasten gelegt.

In diesem Schaukasten befinden sich mehrere Dutzend Menschen, die sich nicht kannten, deren Leben zeitlich und räumlich weit voneinander entfernt stattfanden. Jetzt sind sie gemeinsam in diesem schönen, geräumigen, trockenen und gut beleuchteten Grab zur musealen Ewigkeit verurteilt; die Knochen, die auf ewig in der Erde stecken, beneiden sie bestimmt darum. Und manche von ihnen – die Knochen der Katholiken – machen sich vielleicht Sorgen darüber, wie sich alle am Tag des Jüngsten Gerichts wiederfinden werden, wie sie sich so versprengt wieder zu dem Körper zusammenfinden sollen, der Sünden begangen und gute Taten vollbracht hat.

Schädel mit allen nur vorstellbaren Strukturen, durchschossen, durchlöchert, geschrumpft. Vom Rheumatismus befallene Handknochen. Mehrfach gebrochene Arme, die ohne Hilfe wieder zusammengewachsen sind, so, wie es sich gerade fügte, ein versteinerter vieljähriger Schmerz.

Lange Knochen, die zu kurz sind, und kurze Knochen, die zu lang sind, tuberkulös, von Veränderungen gezeichnet, als hätte ein Borkenkäfer an ihnen genagt.

Arme Menschenschädel in beleuchteten viktorianischen Glaskästen, wo sie die eigenen Zähne demonstrativ blecken. Der eine hat zum Beispiel mitten in der Stirn ein großes Loch, aber schöne Zähne. Man fragt sich, ob dieses Loch tödlich war. Nicht unbedingt. Es gab einmal einen Eisenbahningenieur, dem eine Eisenstange das Gehirn durchbohrte und der trotz dieser Verletzung noch viele Jahre lebte. Diesen Fall machte sich selbstverständlich die Neuropsychologie zunutze und erklärte, der Sitz unseres Seins sei im Gehirn. Der Verletzte starb nicht, veränderte sich aber stark. Er wurde – wie man so sagt – ein anderer. Denn es hängt vom Gehirn ab, wie wir sind, deshalb wollen wir gleich nach links abbiegen, in den Gang mit den Gehirnen. Da sind sie! Cremefarben liegen sie in der Lösung, große und kleine, geniale und solche, die nicht bis zwei zählen konnten.

Weiter hinten liegt das Revier der Föten, der Menschen im Miniaturformat. Kleine Püppchen, Präparatchen, alles im Miniaturformat, so passt ein ganzer Mensch in ein kleines Glas. Die Allerjüngsten, die Embryonen, die man fast nicht sehen kann, sind kleine Fischchen, Fröschchen, die an einem Rosshaar im Formaldehyd hängen. Die Größeren veranschaulichen uns die Ordnung des menschlichen Körpers, in dem alles so wunderbar verpackt ist. Nicht menschgewordene Würmchen, semihominidale Winzlinge, deren Leben nie die magische Grenze des Potentiellen überschritt. Sie haben eine Gestalt, doch in den Geist sind sie noch nicht hineingewachsen – vielleicht ist die Gegenwart des Geistes irgendwie mit der Größe der Gestalt verbunden. In ihnen hat die Materie angefangen, sich in schläfriger Unbeirrbarkeit zu Leben zu fügen, Gewebe anzusammeln, Verbindungen zwischen den Organen herzustellen, ein festes Netz zu bilden, schon hat die Arbeit am Auge begonnen, sich die Lunge vorbereitet, obwohl Licht und Luft weit weg sind.

In der nächsten Reihe die gleichen Organe, doch ausgewachsen, glücklich, dass die Umstände ihnen gewogen waren und sie ihre volle Größe erreichen konnten. Ihre Formen? Woher wussten sie, wie groß sie sein sollten, wann sie aufzuhören hatten? Manche wussten es nicht, sie wuchsen und wuchsen, und die braven Professoren hatten Mühe, ein Glas zu finden, das groß genug war. Umso schwerer kann man sich vorstellen, wie sie im Bauch des Mannes Platz fanden, dessen Initialen auf dem Etikett vermerkt sind.

Ein Herz. Sein ganzes Geheimnis ist ein für alle Mal offengelegt: Es ist dieser unförmige Klumpen, faustgroß und schmutzigweiß. Das ist nämlich die Farbe unseres Körpers, grau-cremeweiß, graubraun, hässlich, das darf man nicht vergessen. Weder in unserem Haus noch in unserem Auto würden wir eine solche Farbe sehen wollen. Das ist die Farbe des Inneren, der Dunkelheit, der Orte, wo die Sonne nicht eindringt, wo sich die Materie im Feuchten vor fremden Blicken verbirgt, da muss sie sich nicht mehr zur Schau stellen. Nur mit dem Blut kann sie sich noch Eskapaden leisten. Das Blut soll warnen, sein Rot soll der Alarm sein, dass die Muschel des Körpers sich geöffnet hat, dass die Geschlossenheit des Gewebes unterbrochen ist.

In Wirklichkeit haben wir im Innern gar keine Farbe. Wenn alles Blut aus dem Herzen gespült ist, sieht es genau so aus: wie ein Schleimklumpen.

Sieben Jahre Reisen

Jedes Jahr eine Reise, seit sieben Jahren, seitdem wir geheiratet haben«, erzählte ein junger Mann im Zug. Er trug einen eleganten langen schwarzen Mantel und hatte ein schwarzes Köfferchen bei sich, das aussah wie ein feiner Besteckkasten.

»Wir haben viele Fotos«, erklärte er. »Alle der Reihe nach geordnet. Südfrankreich, Tunesien, Türkei, Italien, Kreta, Kroatien, sogar Skandinavien.« In der Regel schauen sie die Bilder mehrmals an: zuerst mit der Familie, dann bei der Arbeit, dann mit Freunden, und danach liegen die Fotos jahrelang wohlverwahrt in Plastikhüllen, wie Beweisstücke im Schrank eines Detektivs: »Wir sind dort gewesen.«

Er wurde nachdenklich und schaute aus dem Fenster. Draußen entflohen die Landschaften, werweißwohin hastend. Dachte er nicht manchmal darüber nach, was das heißt: »Wir sind gewesen«? Wohin sind die zwei Wochen in Frankreich, die sich heute mit Mühe in ein paar Erinnerungen quetschen lassen: plötzlicher Hunger an der Stadtmauer eines mittelalterlichen Orts und ein Augenblick, eines Abends in einem Lokal, unter einem weinberankten Dach. Was ist von Norwegen übrig geblieben? Nur die Kälte des Wassers in einem See und ein Tag, der nicht zu Ende gehen wollte, und dann noch die Freude über das Bier, das man kurz vor Geschäftsschluss hatte erstehen können, oder der umwerfende erste Blick auf einen Fjord.

»Was ich gesehen habe, das gehört mir«, erklärte der Mann zusammenfassend, dabei lebte er plötzlich auf und schlug sich begeistert auf die Schenkel.

Eine Prophezeiung von Cioran

Ein anderer Mensch, der sanftmütig und schüchtern war, nahm immer ein Buch mit ganz kurzen Texten von Cioran auf seine Dienstreisen mit. Im Hotel hatte er das Buch auf seinem Nachttisch liegen, und gleich nach dem Aufwachen schlug er es auf gut Glück auf, um sein Motto für den neuen Tag zu finden. Seiner Meinung nach sollten die Bibeln in europäischen Hotels schleunigst gegen Cioran ausgetauscht werden. Von Rumänien bis Frankreich. Denn was Prophezeiungen anging, hatte die Bibel ihre Aktualität verloren. Was sollte einem beispielsweise der folgende Vers sagen, wenn man ihn an irgendeinem Freitag im April oder einem Mittwoch im Dezember aufschlagen würde: »Bei allen Geräten der Wohnung zu all ihrem Bedarf, und alle Pflöcke dazu, und alle Pflöcke des Hofes seien von Kupfer«. Wie sollten wir das verstehen? Es müsse übrigens gar nicht unbedingt Cioran sein, erklärte er. Er sah mich herausfordernd an.

»Bitte, schlagen Sie etwas anderes vor«, sagte er.

Mir fiel nichts ein. Da zog er das dünne abgewetzte Büchlein aus seinem Rucksack, schlug es willkürlich irgendwo auf, und sein Gesicht strahlte:

»Statt auf die Gesichter der Vorübergehenden achtzugeben, beobachtete ich ihre Füße – all diese Erregten schrumpften gleichsam zusammen zu dahineilenden Schritten – wohin eilten sie? Und es wurde mir klar, dass unsere Sendung drin besteht, den Staub zu streifen auf der Suche nach einem Geheimnis, dem jeder Ernst abgeht«, las er befriedigt vor.

Kunicki. Wasser I

Es ist Vormittag, die Uhrzeit weiß er nicht genau, er hat nicht auf die Uhr geschaut, aber er wartet höchstens seit einer Viertelstunde – meint er. Er lehnt sich bequem in den Sitz zurück und schließt die Augen. Die Stille ist durchdringend wie ein hoher unablässiger Ton, es ist unmöglich, die Gedanken zu sammeln. Noch weiß er nicht, dass die Stille wie ein Alarm klingt. Er schiebt den Fahrersitz zurück und streckt die Beine aus. Sein Kopf wird schwer, den Körper zieht es hinterher in diese Schwere, er sinkt in die erhitzte weiße Luft. Er wird sich nicht rühren, er wartet.

Sicher raucht er eine Zigarette, vielleicht sogar zwei. Nach ein paar Minuten steigt er aus dem Auto und pinkelt in den Graben. Kein einziges Auto schien in der Zwischenzeit vorbeigekommen zu sein, aber jetzt ist er sich nicht mehr so sicher. Er steigt wieder ins Auto und trinkt Wasser aus der Plastikflasche. Allmählich wird er ungeduldig. Er drückt heftig auf die Hupe, und der ohrenbetäubende Ton lässt eine Zorneswelle aufbrausen, die ihn rasch holt. Mit einem Mal sieht er alles deutlicher: Er macht sich auf, über den Pfad ihnen hinterher und denkt sich unwillkürlich schon die Worte aus, die er gleich sagen wird: »Mensch, was zum Teufel machst du so lange? Was treibst du da?«

Der Olivenhain ist knochentrocken. Das Gras knistert unter den Sohlen. Zwischen den knorrigen Olivenbäumen wachsen wilde Brombeeren: Junge Ranken schieben sich auf den Pfad und greifen nach seinen Füßen. Überall liegt Abfall: Papiertaschentücher, schmutzige Binden, fliegenübersäte menschliche Exkremente. Manche Leute entleeren sich gleich auf dem Weg, machen sich nicht mal die Mühe, ins Gebüsch zu gehen, sogar hier haben sie es eilig.

Kein Wind. Keine Sonne. Der reglose weiße Himmel wirkt wie ein Zelt. Es dampft. Kleine Wassertröpfchen zersprühen in der Luft, überall riecht man das Meer – elektrisch, ozonhaltig, fischig.

Er sieht, dass sich etwas bewegt, aber nicht dort zwischen den Bäumen, sondern auf dem Weg, zwischen seinen Füßen. Ein riesiger schwarzer Käfer krabbelt auf dem Pfad. Einen Augenblick streckt er die Fühler prüfend in die Luft, hält inne, offenbar spürt er die Anwesenheit eines Menschen. Der weiße Himmel spiegelt sich als milchiger Fleck in seinem makellosen Panzer, und Kunicki hat ganz kurz das Gefühl, als schaue ihn ein einzelnes Auge aus der Erde an, das zu keinem Körper gehört, ein frei schweifendes, unbeteiligtes Auge. Kunicki stößt die Spitze seiner Sandale leicht in die Erde. Der Käfer eilt über den Pfad, raschelt im ausgedörrten Gras. Verschwindet im Brombeergebüsch. Sonst nichts.

Fluchend kehrt Kunicki zum Auto zurück, unterwegs hat er noch die Hoffnung, dass sie mit dem Jungen auf irgendeinem Umweg zurückgekommen und schon dort ist, ja er ist ganz sicher, dass das so sein wird. »Stundenlang suche ich nach euch!«, wird er ihnen sagen. »Was zu Teufel habt ihr getrieben?«

Sie sagte: Halt an. Als er anhielt, stieg sie aus und öffnete die hintere Tür. Sie löste den Gurt des Kindersitzes, nahm den Kleinen an die Hand und ging mit ihm davon. Kunicki hatte keine Lust auszusteigen, er war müde und schläfrig, obwohl sie erst ein paar Kilometer gefahren waren. Er sah sie nur aus dem Augenwinkel, ohne darauf zu achten, er wusste nicht, dass er besser genau hätte hinschauen sollen. Jetzt versucht er, sich dieses verschwommene Bild in Erinnerung zu rufen, es scharf zu stellen und näher zu holen, zu halten. Da sieht er sie von hinten, wie sie über den knirschenden Pfad gehen. Sie trägt eine helle Leinenhose, glaubt er, und ein schwarzes T-Shirt, der Kleine ein Trikothemd mit einem Elefanten darauf, das weiß er genau, denn er hat es ihm am Morgen selbst angezogen. Im Gehen reden die beiden miteinander, er hat nicht zugehört, er wusste nicht, dass er besser zugehört hätte. Sie verschwinden zwischen den Olivenbäumen. Er weiß nicht, wie lange das dauert, bestimmt nicht lange. Eine Viertelstunde, vielleicht ein wenig mehr, er vertut sich leicht mit der Zeit, er hat nicht auf die Uhr geschaut. Er wusste nicht, dass er besser auf die Zeit geachtet hätte. Er hasste es, wenn sie ihn fragte: Woran denkst du? An nichts, sagte er dann immer, aber sie glaubte ihm nicht. Man kann nicht nicht denken, sagte sie dann und war beleidigt. Aber klar! Kunicki empfand so etwas wie Genugtuung, er schaffte das – an nichts zu denken. Er kann das.

Doch dann bleibt er plötzlich mitten im Brombeerdickicht stehen, erstarrt, als hätte sein Körper im Bücken nach einem Brombeerstrunk wider Willen einen neuen Mittelpunkt seines Gleichgewichts gefunden. Das Summen der Fliegen und ein Dröhnen im Kopf begleiten die Stille. Einen Augenblick lang sieht er sich selbst von oben: ein Mann in alltäglichen Khakihosen und weißem Hemd, mit einer kleinen Glatze oben auf dem Kopf, der in dem kleinen, niedrigen Dickicht steht, ein Eindringling, ein Gast in einem fremden Haus. Ein dem Beschuss ausgesetzter Mensch, ein Ausgelieferter genau in der Mitte eines vorübergehenden Waffenstillstands in der Schlacht, in die der glühende Himmel und die schrundige Erde verstrickt sind. Angst überfällt ihn, er möchte sich sofort verstecken, im Auto verkriechen, doch sein Körper ignoriert ihn, er kann die Beine nicht rühren, kann sie nicht zwingen, sich in Bewegung zu setzen. Nur einen Schritt tun – er hat das nie für so schwer gehalten, die Übertragungsleitungen sind gerissen. Sein Fuß in der Sandale ist ein Anker, der ihn auf der Erde hält, er steckt fest. Konzentriert, mit Mühe, über sich selbst erstaunt zwingt er ihn zur Bewegung. Anders kann er diesen glühenden grenzenlosen Raum nicht verlassen.

Sie waren am 14. August angekommen. Die Fähre von Split war voll besetzt, ziemlich viele Touristen, aber die meisten waren Einheimische, die auf dem Festland eingekauft hatten, denn dort war es billiger. Auf den Inseln gibt es nicht viel anzubauen. Die Touristen ließen sich leicht erkennen, denn als sich die Sonne anschickte, unweigerlich ins Meer zu versinken, gingen sie alle nach Backbord und richteten ihre Objektive auf sie. Die Fähre passierte langsam die verstreuten Inseln, dann sah es kurze Zeit so aus, als führe sie aufs offene Meer hinaus. Ein unangenehmes Gefühl, einen ganz kurzen, unbedeutenden Augenblick lang machte sich Panik bemerkbar.

Problemlos fanden sie ihre direkt am Meer gelegene Pension namens »Poseidon«. Der Besitzer, der bärtige Branko in einem Hemd mit Muschelmuster, ließ sich gleich beim Vornamen nennen und klopfte Kunicki vertraulich auf die Schulter, während er sie in den ersten Stock des Hauses führte und stolz die Wohnung präsentierte. Sie hatten zwei Schlafzimmer zur Verfügung, eine kleine, traditionell eingerichtete Küchenecke mit Schränken aus laminiertem Pressspan. Aus den Fenstern sah man direkt auf den Strand und das offene Meer. Unter einem Fenster war eine Agave erblüht, die Blüte saß auf dem starken Stängel und reckte sich triumphierend über das Wasser.

Er nimmt eine Karte der Insel hervor und erwägt die Möglichkeiten. Vielleicht hatte sie die Orientierung verloren und war einfach an einer anderen Stelle auf die Fahrstraße gestoßen. Bestimmt steht sie woanders, stoppt vielleicht sogar ein Auto und fährt damit weg – aber wohin? Er sieht auf der Karte, dass die Landstraße auf Vis in einer gewundenen Linie über die ganze Insel führt und dass man darauf die Insel durchqueren kann, ohne einmal ans Meer zu kommen. So hatten sie selbst vor ein paar Tagen eine Tour über Vis gemacht. Er legt die Karte zu ihrer Tasche auf den Beifahrersitz und fährt los. Er fährt langsam, hält zwischen den Olivenbäumen nach ihnen Ausschau. Doch etwa nach einem Kilometer ändert sich die Landschaft, die Olivenhaine weichen steinigem Ödland, das mit trockenem Gras und Brombeergestrüpp bedeckt ist. Die weißen Kalksteinbrocken sind schartig wie Riesenzähne, die irgendein wildes Geschöpf hier verloren hat. Nach einigen Kilometern kehrt er um. Zu seiner Rechten sieht er jetzt verblüffend grüne Weingärten, in denen hier und da kleine Gerätehütten aus Stein stehen – alles leer und düster. Im besten Fall hat sie sich verirrt, vielleicht ist ihr auch schlecht geworden, oder aber dem Kleinen, es ist ja so schwül und heiß. Vielleicht brauchen sie Hilfe, und anstatt etwas zu tun, gondelt er die Landstraße hinauf und hinunter. Ach, wie dumm er ist, das begreift er erst jetzt. Sein Herz schlägt heftiger. Vielleicht hat sie einen Sonnenstich. Oder ein Bein gebrochen.

Er geht zurück und hupt ein paarmal. Zwei deutsche Autos kommen vorbei. Er schaut auf die Uhr: Ungefähr anderthalb Stunden sind schon vergangen, das heißt, dass die Fähre schon weg ist. Sie hat die Autos verschluckt, die Tore geschlossen und ist in See gestochen, ein mächtiger weißer Dampfer. Mit jeder Minute liegt ein größerer Streifen gleichgültiges Meer zwischen ihnen und der Fähre. Kunicki hat eine düstere Ahnung, von der ihm der Mund ganz trocken wird, eine Ahnung von etwas, das mit dem Abfall auf dem Pfad zusammenhängt, mit den Fliegen und den menschlichen Exkrementen. Er begreift. Sie sind umgekommen. Beide sind sie verschwunden. Er weiß, dass sie nicht in dem Olivenhain sind, trotzdem läuft er über den ausgedörrten Pfad dorthin und ruft nach ihnen, obwohl er schon gar nicht mehr glaubt, dass sie antworten werden.

Jetzt ist Siesta, die kleine Stadt ist so gut wie ausgestorben. Am Strand gleich neben der Fahrstraße lassen drei Frauen einen hellblauen Drachen steigen. Beim Parken kann er sie genau sehen. Eine von ihnen trägt eine cremefarbene Hose, die ihre dicken Gesäßbacken eng umspannt.

Er findet Branko an einem Tisch in dem kleinen Café. Dort sitzt er mit zwei anderen Männern. Sie trinken Obstler mit Eis, wie Whisky. Branko lächelt überrascht, als er ihn sieht.

»Hast du was vergessen?«, fragt er.

Sie bieten ihm einen Stuhl an, aber er will sich nicht setzen. Er will alles der Reihe nach erzählen, geht zu Englisch über, während er gleichzeitig in einem anderen Teil seines Kopfes nachdenkt, wie man jetzt vorgehen würde, wenn das Ganze ein Film wäre. Er sagt, sie seien verschwunden, Jagoda und der Kleine. Er sagt, wo und wann. Er sagt, dass er sie gesucht hat und sie nicht gefunden hat.

»Habt ihr euch gestritten?«

Fragt Branko.

Er verneint, wahrheitsgemäß. Die beiden Männer trinken von ihrem Obstler. Er hätte auch Lust darauf. Im Mund spürt er den scharf-süßlichen Geschmack. Langsam räumt Branko seine Zigaretten und Streichhölzer vom Tisch. Die beiden anderen stehen auf, widerspenstig, als wollten sie sich vor einem Kampf konzentrieren, vielleicht wollen sie aber auch nur hier im Schatten der Markise sitzen bleiben. Alle wollen zu der Stelle fahren, aber Kunicki beharrt darauf, dass erst die Polizei benachrichtigt werden muss. Branko zögert. Hier und da scheint ein graues Haar durch seinen schwarzen Bart. Auf dem gelben T-Shirt prangt das Bild einer roten Muschel und die Aufschrift »Shell«.

»Vielleicht ist sie ans Meer gegangen?«

Vielleicht. Sie beschließen, dass Branko und Kunicki zurück an die Stelle fahren, die beiden anderen gehen auf die Wache, um in Vis anzurufen. Branko erklärt, dass in Komiża nur ein Polizist stationiert ist, die richtige Wache ist in Vis. Auf dem Tisch lassen sie die Gläser mit den schmelzenden Eiswürfeln zurück.

Kunicki erkennt die kleine Bucht, wo er zuvor gestanden hat, sofort wieder. Ihm scheint es Ewigkeiten her zu sein, die Zeit fließt jetzt anders, sie ist zäh und herb, setzt sich aus Einzelsequenzen zusammen. Hinter den weißen Wolken kommt die Sonne hervor, auf einmal wird es heiß.

»Hup mal!«, sagt Branko, und Kunicki drückt auf die Hupe.

Ein langgezogener klagender Laut ertönt, wie von einem Tier. Er verstummt, zerfällt zu den Miniaturechos der Zikadenklänge.

Sie dringen in den Olivenhain vor, rufen sich hin und wieder etwas zu. Erst am Weingarten treffen sie wieder zusammen, nach kurzer Beratung beschließen sie, auch diesen ganz zu durchkämmen. Sie schreiten die schattigen Reihen ab und rufen nach der verschwundenen Frau: Jagoda! Jagoda! Kunicki wird sich der Bedeutung des Namens bewusst – Beere –, die war ihm ganz entfallen. Plötzlich hat er das Gefühl, an einem uralten, obskuren und grotesken Ritual teilzunehmen. Von den Weinstöcken hängen pralle dunkelviolette Trauben, perverse Ballungen von Brustwarzen, und er irrt in dem belaubten Labyrinth umher und schreit »Jagoda, Jagoda!«. An wen ist das gerichtet? Wen sucht er?

Er muss kurz stehen bleiben, er hat Seitenstechen, krümmt sich zwischen den Weinranken. Er taucht den Kopf in die schattige Kühle, die vom Laub gedämpfte Stimme Brankos verstummt, und Kunicki hört jetzt das Summen der Fliegen – den vertrauten Grundton der Stille.

Hinter diesem Weingarten beginnt der nächste, vom ersten nur durch einen schmalen Pfad getrennt. Sie bleiben stehen, und Branko macht einen Anruf von seinem Mobiltelefon. Er sagt mehrmals die beiden Worte »Zena« und »dijete« – »Frau« und »Kind« –, mehr kann Kunicki nicht verstehen. Die Sonne wird orange, wird groß und aufgedunsen, man kann zusehen, wie sie kraftloser wird. Gleich kann man ihr direkt ins Gesicht sehen. Die Weingärten nehmen jetzt ein tiefes Dunkelgrün an. Zwei menschliche Gestalten stehen ratlos in diesem Meer aus grünen Streifen.

Als es dämmert, haben sich bereits mehrere Autos und ein Männergrüppchen an der Landstraße eingefunden. Kunicki sitzt in einem Auto mit der Aufschrift »Polizei« und beantwortet mit Brankos Hilfe die ihm chaotisch erscheinenden Fragen des dicken, verschwitzten Polizisten. Er spricht in einem einfachen Englisch: »We stopped. She went out with the child. They went right, here.« Er zeigt die Richtung mit der Hand. »I was waiting, let’s say fifteen minutes. Then I decided to go and look for them. I couldn’t find them. I didn’t know what had happened.« Sie geben ihm lauwarmes Mineralwasser, er trinkt gierig. »They are lost.« Kurz darauf sagt er noch einmal: »Lost.« Der Polizist wählt eine Nummer auf dem Handy. »It is impossible to get lost here, my friend«, sagt er zu ihm. Dieses »my friend« kommt Kunicki merkwürdig vor. Dann meldet sich das Walkie-Talkie. Noch eine Stunde vergeht, bis sie in offener Schwarmlinie ins Innere der Insel aufbrechen.

Unterdessen sinkt die Sonne langsam über dem Weingarten, und als sie den Kamm erreichen, sieht man, dass sie schon das Meer berührt. Sie werden unfreiwillige Zeugen ihres theatralischen langen Untergangs. Schließlich schalten sie ihre Taschenlampen an. Es ist schon dunkel, als sie auf den hohen, felsigen Küstenstreifen der Insel kommen, wo zahlreiche Buchten sind. Sie steigen in zwei Buchten hinab, um nachzufragen. In kleinen Steinhäusern wohnen dort etwas exzentrischere Touristen, die keine Hotels mögen und dafür lieber etwas mehr bezahlen, um weder fließendes Wasser noch Strom zu haben. Sie bereiten ihr Essen auf Steinöfen zu, manche haben auch Gasflaschen mitgebracht. Sie fangen Fische, die direkt vom Meer auf den Grill wandern. Nein, niemand hat eine Frau mit einem Kind gesehen. Gleich gibt es bei ihnen Abendessen, Brot, Käse, Oliven und die armen Fische, die sich am Nachmittag noch ihren sorglosen Spielen im Meer hingegeben haben. Immer wieder ruft Branko im Hotel in Komiøa an – Kunicki bittet ihn darum, weil er sich nur vorstellen kann, dass sie sich verirrt hat und schließlich doch auf einem anderen Weg dorthin zurückgelangt. Doch nach jedem Anruf klopft Branko ihm nur wortlos auf die Schulter.

Gegen Mitternacht löst sich die Gruppe der Männer langsam auf. Auch die beiden, die Kunicki am Cafétisch in Komiża gesehen hat, sind dabei. Jetzt erst, beim Abschiednehmen, stellen sie sich vor: Drago und Roman. Zusammen gehen sie zum Auto. Kunicki ist ihnen für ihre Hilfe dankbar, er weiß nicht, wie er es ausdrücken soll, er hat vergessen, was auf Kroatisch »danke« heißt. Wahrscheinlich ein dem Polnischen entfernt ähnelndes Wort. Mit einem bisschen guten Willen müsste man eigentlich eine slawische Verständigungsform entwickeln können, eine Zusammenstellung ähnlicher praktischer slawischer Wörter, die man ohne Grammatik benutzen könnte, anstatt sich einer hölzernen und simplifizierten Version des Englischen zu bedienen.

In der Nacht legt ein Boot an dem Haus an, wo er wohnt. Sie müssen evakuiert werden, es gibt eine Überschwemmung. Das Wasser reicht schon bis zum ersten Stockwerk der Häuser. In der Küche dringt es durch die Fugen zwischen den Kacheln und strömt in warmen Bächen aus den Steckdosen. Die Bücher sind von der Nässe schon aufgequollen. Er öffnet eines und sieht, dass die Buchstaben wie Schminke zerfließen und verschmierte leere Seiten hinterlassen. Es stellt sich heraus, dass alle schon mit dem letzten Transport fortgefahren sind, nur er ist zurückgeblieben.

Im Schlaf hört er Tropfen, die vereinzelt vom Himmel fallen und kurz darauf zu einem heftigen kurzen Wolkenbruch werden.

Benedictus, qui venit

April auf der Autobahn, rote Sonnenstreifen auf dem Asphalt, eine vom Regen wie mit sorgfältig aufgetragenem Zuckerguss überzogene Welt – ein Osterkuchen. Es ist Karfreitag, irgendwo zwischen Belgien und Holland bin ich mit dem Auto unterwegs, ich weiß nicht genau, in welchem Land ich bin, die Grenze ist verschwunden, hat sich verwischt, wird nicht mehr gebraucht. Im Radio wird ein Requiem übertragen. Beim Benedictus leuchten plötzlich entlang der Autobahn die Lampen auf, als wollten sie den mir unfreiwillig übers Radio erteilten Segen wirksam werden lassen.

Eigentlich kann es aber auch nur daran gelegen haben, dass ich nun in Belgien angelangt war, wo man alle Autobahnen reisefreundlich zu beleuchten pflegt.

Panoptikum

Das Panoptikum und die Wunderkammer sind, wie ich einem Museumsführer entnahm, ein etabliertes Paar, das einen Vorläufer der Museen darstellt. Dort zeigte man alle möglichen gesammelten Kuriositäten, die die Eigentümer von ihren Reisen nach nah und fern mitgebracht hatten.

Man sollte nicht vergessen, dass Bentham sein geniales System zur Überwachung von Gefangenen auch als Panoptikum bezeichnete: Er plante eine Anlage, die räumlich so gestaltet war, dass jeder Gefangene jederzeit beobachtet werden konnte.

Kunicki. Wasser II

So groß ist die Insel ja nun auch wieder nicht«, sagt Djudzica am nächsten Morgen zu Branko, als sie ihm einen starken schwarzen Kaffee einschenkt.

Alle wiederholen diese Worte wie ein Mantra. Kunicki versteht, was sie sagen wollen, er weiß ja selbst, dass die Insel so klein ist, dass man nicht darauf verloren gehen kann. Die Insel ist nur zehn Kilometer lang, und es gibt zwei größere Orte darauf: Vis und Komiża. Man kann sie Zentimeter für Zentimeter durchsuchen, wie eine Schublade. Und in bei-den Orten kennen sich alle. Die Nächte sind warm, auf den Feldern wächst der Wein, die Feigen sind fast schon reif. Selbst wenn sie sich verirrt hätten, würde ihnen nichts zustoßen, sie würden weder verhungern noch erfrieren und auch nicht Opfer wilder Tiere werden. Sie würden eine warme Nacht im trockenen, sonnenerhitzten Gras verbringen, unter den Zweigen eines Olivenbaums und beim schläfrigen Rauschen des Meeres. Von keiner Stelle aus sind es mehr als drei, vier Kilometer zur Landstraße. Auf den Feldern stehen Steinhütten, wo die Weinfässer aufbewahrt werden, manchmal sind auch Essen und Kerzen da. Zum Frühstück nehmen sie sich eine Handvoll reife Weintrauben oder bekommen bei den Sommergästen in einer der Buchten eine richtige Mahlzeit.

Sie gehen hinunter zum Hotel, wo schon ein Polizist auf sie wartet, diesmal ist es ein anderer, jüngerer. Einen Augenblick lang hat Kunicki die Hoffnung, dass er gute Nachrichten hat, aber der Polizist fragt nur nach seinem Pass. Alle Angaben schreibt er ganz genau auf, sagt, dass sie jetzt auch auf dem Festland nach den beiden suchen werden, in Split. Und auf den benachbarten Inseln.

»Vielleicht sind sie übergesetzt«, erklärt er.

»Sie hatte kein Geld. No money. Alles ist hier drin.« Kunicki zeigt die Tasche und zieht ihr Portemonnaie heraus, es ist rot und mit kleinen Perlen bestickt. Er öffnet es und hält es dem Polizisten unter die Nase.

Der zuckt mit den Schultern und notiert seine Adresse in Polen.

»Wie alt ist das Kind?«

»Drei«, sagt Kunicki.

Sie fahren über eine Serpentinenstraße an dieselbe Stelle, der Tag verspricht heiß und klar zu werden, erleuchtet wie ein Dia. Am Mittag wird das Bild ganz daraus verschwinden. Kunicki denkt über die Möglichkeit nach, die Insel von oben zu betrachten, aus einem Hubschrauber, sie ist ja fast kahl. Er denkt auch an Erkennungschips, wie sie Vögeln eingesetzt werden, Kranichen und Störchen, aber für Menschen gibt es keine. Alle sollten so einen Chip haben, zu ihrer eigenen Sicherheit. Später könnte man dann alle ihre Bewegungen im Internet verfolgen: Strecken, Begegnungen, Verirrungen. Wie viele könnten vorm Tod gerettet werden! Er sieht einen Computerbildschirm vor sich, darauf bunte Linien, die Menschen bezeichnen, lauter Spuren, Zeichen. Kreise und Ellipsen, Labyrinthe. Vielleicht auch Endlosschleifen, vielleicht missratene Spiralen, die plötzlich abbrechen.

Ein Hund ist da, ein schwarzer Schäferhund, sie halten ihm ihren Pullover vom Rücksitz vor die Nase. Der Hund schnüffelt um das Auto herum, dann schlägt er den Pfad zwischen den Olivenbäumen ein. Kunicki fühlt plötzlich, wie neue Energie in ihm erwacht, gleich wird sich alles aufklären. Sie laufen hinter dem Hund her. Der Schäferhund bleibt an einer Stelle stehen, offenbar haben sie hier ihre Notdurft verrichtet, obwohl man keine Spur davon sieht. Er bleibt stehen, mit sich zufrieden – aber wir sind noch nicht fertig, Hund! Wo sind die Leute, wohin sind sie gegangen? Der Hund versteht nicht, was sie von ihm wollen, aber nach kurzem Zögern bewegt er sich weiter, biegt seitlich ab, Richtung Straße, weg von den Weingärten.

Dann ist sie an der Straße entlang gegangen, denkt Kunicki. Sie muss sich vertan haben. Sie mochte weiter unten an der Straße herausgekommen sein und auf ihn gewartet haben. Aber hatte sie die Hupe nicht gehört? Und dann? Vielleicht hatte jemand sie mitgenommen – doch wohin, da sie ja nicht aufzufinden waren? Jemand. Eine unscharfe, verschwommene breitschultrige Gestalt. Ein schwerer Nacken. Entführung. Hatte er sie geknebelt und in den Kofferraum verfrachtet? Dann hatte er sie mit der Fähre aufs Festland gebracht, und jetzt sind sie schon in Zagreb oder München oder werweißwo. Aber wie konnte er mit zwei bewusstlosen Menschen die Grenze überqueren?

Nun biegt der Hund in eine leere Schlucht ein, die schräg von der Straße abgeht, eine lange steinige Rinne, die läuft er hinab, über das Geröll. Dort fängt ein schmaler, verwilderter alter Weingarten an, darin steht ein kleines, mit rostigem Wellblech gedecktes Steinhäuschen, das an einen Kiosk erinnert. Vor der Tür liegt ein Haufen vertrockneter Traubenpergel, wahrscheinlich zum Verbrennen. Der Hund läuft im Kreis um das Haus, kehrt dann zur Tür zurück. Doch die Tür ist mit einem Vorhängeschloss versperrt, sie schauen alle verdutzt. Der Wind hat Reisig auf die Schwelle geweht, man sieht, dass hier niemand hineingegangen ist. Der Polizist schaut durch die schmutzige Scheibe ins Innere und rüttelt dann an der Scheibe. Er rüttelt immer fester und fester, bis sie nachgibt. Alle schauen hinein, Modergeruch schlägt ihnen entgegen und der Geruch nach Meer, der allgegenwärtige.

Die Walkie-Talkies rauschen, der Hund bekommt zu trinken, dann lässt man ihn wieder an dem Pullover schnüffeln. Jetzt macht er drei Runden um das Haus, kehrt zum Weg zurück, trabt nach kurzem Zögern auf dem Weg weiter, auf ein paar kahle Felsen zu, nur mit einzelnen Grasbüscheln bewachsen. Tief unten am Abhang sieht man das Meer. Dort bleiben alle Sucher stehen, das Gesicht dem Wasser zugewandt.

Der Hund hat die Spur verloren, kehrt zurück, legt sich schließlich mitten auf den Pfad.

»To je zato jer je po noci padala kisa«, sagt jemand auf Kroatisch, und Kunicki versteht genau, dass es um den Regen geht, der in der Nacht gefallen ist.

Branko lädt ihn zu einem späten Mittagessen ein. Die Polizisten bleiben zurück, sie fahren nach Komiża. Sie reden kaum ein Wort. Kunicki kann sich denken, dass Branko nicht weiß, was er sagen soll, dazu noch in einer fremden Sprache, auf Englisch. Nun gut, er braucht nichts zu sagen. In einem Restaurant direkt am Meer bestellen sie gebratenen Fisch. Eigentlich ist es kein Restaurant, es ist die Küche von Brankos Bekannten. Hier sind alle seine Bekannten, sie sehen sich sogar ähnlich, ihre Gesichtszüge sind irgendwie schärfer, die Gesichter wie vom Wind gegerbt, ein Stamm der Seewölfe. Branko schenkt ihm Wein ein, redet ihm zu, er soll trinken. Er selbst leert sein Glas in einem Zug. Er lässt nicht zu, dass Kunicki bezahlt. Branko bekommt einen Anruf.


Details of St. Petersburg (1850)

»They manage to get a helicopter, an airplane. Police«, sagt Branko.

Sie machen einen Plan: In Brankos Boot wollen sie die Küste der Insel abfahren. Kunicki ruft seine Eltern in Polen an, er hört die brüchige Stimme seines Vaters, sagt ihm, sie müssten noch drei Tage bleiben. Er sagt nicht die Wahrheit. Alles ist in Ordnung, sie müssen bloß noch etwas bleiben. Er ruft auch bei der Arbeit an, es gebe ein kleines Problem, er bittet um weitere drei Tage Urlaub. Er weiß nicht, warum er genau »drei Tage« sagt.

Er erwartet Branko am Hafen. Branko trägt jetzt ein neues Hemd mit einer roten Muschel darauf, es ist frisch und sauber, offenbar hat er mehrere von der Sorte. Sein kleiner Kutter liegt zwischen anderen vertäuten Booten. In unbeholfenen hellblauen Lettern steht der Name auf der Bootswand: »Neptun«. Kunicki fällt ein, dass die Fähre, mit der sie angekommen waren, »Poseidon« hieß. Dieser Name taucht hier an so vielen Stellen auf: Bars, Läden und Boote heißen Poseidon. Oder Neptun. Diese beiden Namen wirft das Meer wie Muscheln aus. Wie haben sie sich wohl das Copyright bei dieser Gottheit gesichert? Und womit bezahlt?

Sie setzen sich im Kutter zurecht. Eigentlich handelt es sich eher um ein Motorboot mit einer Kabine, die nachlässig aus Holzbrettern zusammengezimmert ist. Dort bewahrt Branko Wasserflaschen auf, leere und volle. In einigen Flaschen ist Wein aus seinem Weingarten, ein guter, starker Weißwein. Branko holt den Motor aus der Kabine und montiert ihn am Heck. Beim dritten Versuch springt er an, jetzt müssen sie sich schreiend verständigen. Der Lärm ist erst unerträglich, aber bald hat sich das Gehirn daran gewöhnt, so wie an dicke Winterkleidung, die den Körper von der Außenwelt abschottet. Nach und nach versinkt der Anblick der immer kleiner werdenden Bucht und des Hafens in dem Lärm. Kunicki erkennt das Haus, in dem sie gewohnt haben, sogar das Küchenfenster und die emporragende Agave, wie ein erstarrtes Feuerwerk, eine triumphale Ejakulation.

Vor seinen Augen schnurrt alles zusammen und verschwimmt: Die Häuser werden zu einer ungleichmäßigen dunklen Linie, der Hafen zu einem chaotischen weißen Fleck mit den kreuz und quer ragenden Masten. Dafür wachsen hinter der Stadt Berge empor, nackte, graue Berge mit den grünen Tupfen der Weinstöcke. Sie wachsen, werden riesig. Im Inland, von der Straße aus, wirkte die Insel klein, jetzt sieht man ihre Wucht, ein zu einem monumentalen Kegel geformter Felsbrocken, eine aus dem Wasser gereckte Faust.

Sie biegen nach links, kommen aus der Bucht aufs offene Meer hinaus, und von hier sieht die Küste der Insel steil und bedrohlich aus.

Die weißen Kämme der an die Felsen brandenden Wellen und die Vögel, die das Auftauchen des Bootes in Unruhe versetzt hat, bringen Bewegung in das Bild. Als sie zur Rückfahrt wieder den Motor anlassen, verschwinden die aufgescheuchten Vögel. Und noch etwas: ein senkrechter Kondensstreifen, der den Himmel in zwei Flächen zerschneidet. Ein Flugzeug fliegt nach Süden.

Es geht los. Branko zündet zwei Zigaretten an, eine gibt er Kunicki. Das Rauchen ist schwierig, unter dem Bug sprüht das Wasser auf und überzieht alles mit kleinen Tröpfchen.

»Guck aufs Wasser«, schreit Branko. »Auf alles, was schwimmt.«

Als sie sich einer Bucht mit einer Höhle nähern, sehen sie einen Hubschrauber, der in die entgegengesetzte Richtung fliegt. Branko stellt sich ins Boot und winkt. Kunicki blickt fast glücklich auf die Maschine. Die Insel ist doch nicht groß, denkt er zum hundertsten Mal, von oben betrachtet wird sich nichts vor den Augen des großen mechanischen Insekts verbergen können, alles liegt offen da wie auf dem Präsentierteller.

»Fahren wir zur Poseidon«, ruft er Branko zu, aber der will nicht so recht.

»Dort gibt es keine Durchfahrt«, schreit er zurück.

Aber der Kutter biegt ab und verlangsamt die Fahrt. Mit abgestelltem Motor treiben sie zwischen den Felsen.

Dieser Teil der Insel müsste auch Poseidon heißen, so wie alles andere, denkt Kunicki. Gott hatte sich hier seine eigenen Kathedralen gebaut mit Haupt- und Nebenschiff, Säulen und Chor. Die Perspektiven sind planlos, der Rhythmus falsch und ungleichmäßig. Die Felsen aus schwarzem Magma glänzen nass, wie mit einem seltenen dunklen Metall überzogen. Jetzt, im Dämmer, sind diese Bauwerke erschütternd traurig, das ist die Quintessenz der Verlassenheit, hier hat noch nie jemand gebetet. Kunicki meint plötzlich, hier die Urform der Kirchen der Menschen zu erblicken. Hierher müsste man reisen, bevor man nach Reims oder Chartres fährt.

Er möchte diese Entdeckung mit Branko teilen, aber der Lärm ist zu groß, man kann kein Wort wechseln. Sie sehen ein anderes größeres Boot mit der Aufschrift »Policie. Split«. Es fährt an der Steilküste entlang. Die Boote fahren aufeinander zu, Branko spricht kurz mit den Polizisten. Keine Spur ist zu entdecken, nichts. Das entnimmt Kunicki jedenfalls, das Knattern der Motoren übertönt das Gespräch. Offenbar verständigen sie sich mit Lippenbewegungen und einem sanften ratlosen Schulterzucken, was nicht zu ihren weißen Polizeihemden mit den Achselklappen passt. Sie geben mit Gebärden zu verstehen, man solle umkehren, gleich würde es dunkel. »Kehrt um!«, diese Worte versteht Kunicki. Branko gibt Gas, es hört sich an wie eine Explosion. Das Wasser bebt, kleine Wellen laufen auseinander, wie ein Schauder.

Als sie sich jetzt der Insel nähern, wirkt alles ganz anders als bei Tag. Zuerst sehen sie das Lichtergefunkel, das mit jedem Moment klarer in einzelne Punkte zerfällt, die Reihen bilden. Sie wachsen im sinkenden Dunkel, treten einzeln und verschiedenartig hervor: Die Lichter der Yachten vor dem Ufer sind anders als die in den Häusern, wieder anders sind die erleuchteten Schilder und die beweglichen Scheinwerfer der Autos. Eine gezähmte Welt, die Sicherheit ausstrahlt.

Schließlich schaltet Branko den Motor aus, und das Boot erreicht das Ufer. Unerwartet scheuert der Bootsboden auf Kies – sie sind auf dem kleinen Strand, des Ortes angekommen, gleich neben dem Hotel und weit vom Hafen. Kunicki ahnt, weshalb. An der Rampe, gleich am Strand, steht ein Polizeiauto, zwei Männer in weißen Hemden warten offensichtlich auf sie.

»Ich glaube, die wollen mit dir reden«, sagt Branko und vertäut das Boot. Kunicki wird plötzlich ganz schwach zumute, er hat Angst vor dem, was er vielleicht gleich hören wird. Dass sie die Leichen gefunden haben. Davor hat er Angst. Mit weichen Knien geht er auf sie zu.

Gott sei Dank – es ist nur ein normales Verhör. Nein, es gibt nichts Neues. Aber inzwischen ist so viel Zeit vergangen, die Angelegenheit ist sehr ernst geworden. Sie bringen ihn über die einzige Straße der Insel nach Vis auf die Wache. Es ist schon stockdunkel, aber offensichtlich kennen sie den Weg gut, sie gehen nicht mal in den Kurven vom Gas. An jener Stelle fahren sie schnell vorbei. Auf der Wache warten weitere Leute auf ihn. Ein Übersetzer – ein großer gutaussehender Mann, den sie extra aus Split hergeholt haben und der offen gestanden sehr wenig Polnisch spricht – und noch ein Polizist. Sie stellen Routinefragen, fast gleichgültig, und ihm wird langsam klar, dass er verdächtigt wird.

Sie bringen ihn bis direkt ans Hotel. Er steigt aus und tut so, als ginge er hinein. Aber er bleibt in dem dunklen Vestibül stehen, bis sie fort sind, bis das Brummen des Motors verklungen ist, dann tritt er wieder hinaus auf die Straße. Er geht auf die nächste Ansammlung von Lichtern zu, in Richtung des Boulevards am Hafen, wo sich die Cafés und Restaurants befinden. Aber es ist schon spät, und obwohl Freitag ist, sind nicht mehr viele unterwegs, es muss schon ein, zwei Uhr nachts sein. Unter den spärlichen Gästen an den Tischen sucht er nach Branko, aber er kann ihn nicht entdecken, das Hemd mit dem Muschelmotiv ist nirgends zu sehen. Italiener sind da, eine ganze Familie, sie sind gerade mit dem Essen fertig, er nimmt auch zwei ältere Leute wahr, die ein Getränk mit dem Strohhalm trinken und die lärmende italienische Familie mustern. Zwei blonde Frauen sitzen einander vertraulich zugeneigt ins Gespräch vertieft, ab und zu berühren sich ihre Schultern. Männer aus dem Ort, Fischer, ein Paar. Welch ein Glück, dass ihn niemand beachtet … Er geht im Schatten direkt am Ufer entlang, spürt den Geruch nach Fisch und den warmen salzigen Hauch des Meeres. Er hat Lust, eine der kleinen Gassen hinaufzugehen, die zu Brankos Haus führen, aber er traut sich nicht, bestimmt schlafen sie schon. Schließlich setzt er sich an einen kleinen Tisch am Rand einer Terrasse. Der Kellner ignoriert ihn.

Er betrachtet die Männer, die auf den Tisch neben ihm zusteuern. Sie setzen sich hin, stellen noch einen Stuhl dazu, sie sind zu fünft. Bevor der Kellner kommt und sie ihre Getränke bestellen, verbindet sie schon ein unsichtbares Einvernehmen.

Sie sind verschiedenen Alters, zwei von ihnen haben dichte Bärte, doch in dem Kreis, den sie unwillkürlich sogleich gebildet haben, verschwinden all diese Unterschiede. Sie reden, aber es ist nicht wichtig, was sie reden, es könnte so aussehen, als schickten sie sich zum gemeinsamen Singen an, als probierten sie ihre Stimmen aus. Lachen erfüllt den Raum im Innern ihres Kreises, Witze, sogar altbekannte, werden erfreut kommentiert, ja sogar gewünscht. Es ist ein tiefes, vibrierendes Lachen, es nimmt den Raum in Beschlag und bringt die Touristen am Nebentisch – plötzlich aufgeschreckte Frauen in mittlerem Alter – zum Schweigen. Es zieht neugierige Blicke auf sich.

Sie bereiten sich ihr Publikum vor. Der Eintritt des Kellners mit dem Tablett voller Getränke wird zur Ouvertüre, der Kellner selbst, ein junger Mann, wird, ohne sich im Geringsten dessen bewusst zu sein, zum Conférencier, der einen Tanz, eine Oper ankündigt. Bei seinem Anblick leben sie auf, eine Hand fährt in die Höhe und zeigt ihm den Platz: hier. Ein Augenblick Stille – und schon wandern die Glasränder zu den Lippen. Der eine oder andere von ihnen – und zwar die Ungeduldigsten – schließt unwillkürlich die Augen wie in der Kirche, wenn der Priester weihevoll die weiße Oblate auf die ausgestreckte Zunge legt. Die Welt ist bereit, umgekrempelt zu werden, nur konventionshalber ist der Boden noch unter den Füßen und die Decke über dem Kopf, der Köper gehört nicht mehr allein sich selbst, sondern ist Teil einer lebendigen Kette, eines lebendigen Kreises. So wie auch jetzt die Gläser wieder zum Mund geführt werden, der Augenblick selbst, in dem sie geleert werden, ist fast unmerklich, es geschieht in blitzartiger Konzentration mit einem kurzzeitigen Ernst. Ab jetzt werden sich die Männer an ihren Gläsern festhalten. Die Körper rings um den Tisch fangen an zu kreisen, die Scheitel werden in der Luft Kreise beschreiben, erst kleinere, dann größere. Sie werden sich überlagern, neue Lücken entstehen lassen. Schließlich werden sich die Hände erheben, zuerst werden sie ihre Kraft in der Luft erproben, in Gesten, die Worte illustrieren, dann werden sie zu den Schultern der Kameraden wandern, zu ihren Armen und Rücken, sie klopfen und stützen. Die Verbrüderung der Hände und Schultern ist keine Zudringlichkeit, es ist ein Tanz.

Kunicki schaut voller Neid zu. Er würde gerne aus dem Schatten kommen und sich ihnen anschließen. Eine solche Intensität kennt er nicht. Ihm steht der Norden näher, wo die Männer in Gemeinschaft zurückhaltender sind. Doch im Süden, wo Sonne und Wein den Körper schneller und ungenierter lösen, wird dieser Tanz ganz real. Nach einer Stunde sinkt der erste Körper rückwärts und fängt sich an der Lehne des Stuhls.

Der Nachtwind schlägt Kunicki wie eine warme Tatze auf den Rücken, schiebt ihn auf die Tische zu, als wollte sie ihn überreden, Geh, los, geh schon. Er würde sich ihnen gerne anschließen, egal wohin sie sich aufmachen. Er will, dass sie ihn mitnehmen.

Auf der unbeleuchteten Seite des Boulevards geht er zurück zum Hotel, dabei achtet er darauf, die Grenze des Dunkels nicht zu überschreiten. Bevor er das enge stickige Treppenhaus betritt, holt er tief Luft und bleibt einen Augenblick lang reglos stehen. Im Dunkeln tasten seine Füße nach den Stufen, so steigt er die Treppe hinauf und lässt sich im Zimmer gleich auf sein Bett fallen. Angezogen liegt er auf dem Bauch, die Arme von sich gestreckt, als hätte ihn jemand in den Rücken geschossen, und er hätte kurz über die Kugel nachgesonnen und wäre dann gestorben.

Nach ein paar Stunden steht er auf, er kann höchstens zwei Stunden gelegen haben, denn es ist noch dunkel, und er tastet sich die Treppe hinunter zu seinem Auto. Die Verriegelung klackt, das Auto blinzelt vertraulich und sehnsüchtig. Kunicki holt das Gepäck heraus, alles, wie es gerade kommt. Er trägt die Koffer die Treppe hinauf, sie in der Küche und im Zimmer auf den Boden fallen. Zwei Koffer und etliche Beutel, Taschen, Körbe, auch den mit dem Reiseproviant, eine Plastiktüte mit einem Satz Taucherflossen, Tauchermasken, einen Sonnenschirm, Strandmatten und die Kiste mit Wein, Ajvar, dieser Paprikapaste, die sie so gerne aßen, und Oliven von der Insel. Er knipst alle Lichter an und sitzt dann mitten in diesem Durcheinander. Er nimmt ihre Tasche und kippt den Inhalt vorsichtig auf den Küchentisch. Er setzt sich hin und betrachtet das Häuflein kläglicher Gegenstände, als wäre es ein kompliziertes Mikadospiel, für das man eine bestimmte Bewegung braucht, um einen Stab so herauszuziehen, dass die anderen sich nicht bewegen. Nach kurzem Zögern nimmt er ihr Rouge und dreht den Deckel ab. Dunkelrot, noch fast neu. Sie benutzte es nicht oft. Er riecht daran. Es duftet gut, schwer zu sagen, wonach. Er fasst Mut, nimmt jeden Gegenstand in die Hand und legt ihn einzeln auf den Tisch. Der Pass im blauen Umschlag, auf dem Bild ist sie wesentlich jünger, trägt die langen Haare offen, mit einem Pony. Die Unterschrift auf der letzten Seite ist verwischt, deshalb wird sie an Grenzen oft angehalten. Ein schwarzes mit einem Gummi zusammengehaltenes Notizbuch. Er schlägt es auf und blättert darin, ein paar Notizen, die Zeichnung von einer Jacke, eine Zahlenkolonne, die Karte von einem Bistro in Polanica mit einer Telefonnummer auf der Rückseite, ein Büschelchen dunkle Haare, eigentlich nicht mal ein Büschel, nur ein paar Dutzend einzelne Haare. Das legt er beiseite, er wird es später genauer anschauen. Ein Schminktäschchen aus indischem Stoff, darin ein dunkelgrüner Augenstift, eine Puderdose (fast ohne Puder), grüne Wimperntusche in einer Hülse, ein Brauenstift aus Plastik, Lipgloss, eine Pinzette, ein schwarz angelaufenes gerissenes Kettchen. Er findet noch ein Billett für das Museum in Trogir, auf der Rückseite steht etwas, ein Fremdwort; er hält das Stück Karton dicht vor die Augen und liest mit Mühe: καιρος, wohl K-A-I-R-O-S, aber er ist sich nicht sicher, das Wort sagt ihm nichts. Am Boden des Täschchens lauter Sand.

Das Mobiltelefon: Der Akku ist fast leer. Er prüft die letzten gewählten Nummern, vor allem seine eigene Nummer erscheint, aber auch zwei, drei andere, mit denen er nichts verbindet. Eingegangene Nachrichten: nur eine, die hat er geschickt, als sie sich in Trogir verloren hatten: »Ich bin am Brunnen auf dem Hauptplatz.« Verschickte Nachrichten: keine. Er kehrt zum Hauptmenü zurück, auf dem Bildschirm leuchtet kurz ein Muster auf und erlischt.

Ein angebrochenes Päckchen Papiertaschentücher. Ein Bleistift, zwei Kugelschreiber: der eine ein gelber Wegwerfstift, der andere mit der Aufschrift »Hotel Mercure«. Kleingeld, Groschen und Eurocent. Das Portemonnaie, darin ein paar kroatische Banknoten, zehn polnische Zloty. Eine Visakarte. Ein oranges Zettelblöckchen, etwas angeschmutzt. Eine Anstecknadel aus Kupfer mit antikem Muster, sie sieht kaputt aus. Zwei Bonbons. Eine Digitalkamera in schwarzem Etui. Ein Nagel. Eine weiße Klammer. Ein Kaugummistaniol. Krümel. Sand.

Alles breitet er vorsichtig auf der mattschwarzen Tischfläche aus, alle Gegenstände im gleichen Abstand voneinander. Er geht zum Wasserhahn, trinkt Wasser. Kehrt zurück zum Tisch und zündet sich eine Zigarette an. Dann macht er sich daran, mit ihrem Apparat zu fotografieren. Jeden Gegenstand einzeln. Er fotografiert langsam, mit Hingabe, aus geringstmöglicher Distanz, mit Blitz. Er bedauert nur, dass er sich mit dem kleinen Apparat nicht selbst fotografieren kann. Er ist auch ein Beweisstück in diesem Fall. Dann geht er in den Flur, wo die Taschen und Koffer stehen, knipst von jedem Gegenstand ein Bild. Doch dabei lässt er es nicht bewenden, er packt die Koffer aus und fotografiert jedes Kleidungsstück, jedes Paar Schuhe, jede Cremetube, jedes Buch. Die Spielsachen des Kleinen. Er schüttelt sogar die Schmutzwäsche aus der Plastiktüte und macht ein Foto von dem unförmigen Haufen.

Er findet eine kleine Flasche Rakija und trinkt sie, den Fotoapparat in der Hand, auf einen Zug aus, dann macht er ein Bild von der leeren Flasche.

Es ist schon hell, als er sich mit dem Auto in Richtung Vis aufmacht. Er hat die vertrockneten Brote dabei, die sie für die Reise zurechtgemacht hatte. In der Hitze war die Butter geschmolzen, hatte die Brotscheiben mit glänzendem Fett getränkt, der Schnittkäse ist hart geworden und halb durchsichtig wie Plastik. Er isst zwei Brote bei der Ausfahrt aus Komiża, die Hände wischt er an der Hose ab. Er fährt langsam und vorsichtig, schaut rechts und links, achtet auf alles, an dem er vorbeifährt, er ist sich bewusst, dass er Alkohol im Blut hat. Aber er fühlt sich stark und zuverlässig wie eine Maschine. Er schaut sich nicht um, obwohl er weiß, dass dort, in seinem Rücken, das Meer immer größer wird. Die Luft ist so klar, dass man vom höchsten Punkt sicher bis zur italienischen Küste sehen kann. Vorläufig hält er sich an die Buchten und schaut sich jede Kleinigkeit genau an, jedes Papierchen, jedes Stück Abfall. Er hat auch Brankos Fernglas mit, damit mustert er die Küstenfelsen. Er sieht die steinigen Hänge, auf denen strohig verdorrtes, grau gewordenes Gras wächst, er sieht die unverwüstlichen Disteln, von der Sonne dunkel verfärbt, die sich mit ihren langen Trieben krampfhaft festklammern. Die mickrigen verwilderten Olivenbäume mit ihren gewundenen Stämmen, die Steinmauern, die von aufgegebenen Weingärten noch übrig geblieben sind.

Etwa eine Stunde fährt er nach Vis hinab. Er fährt langsam wie eine Polizeistreife, an dem kleinen Supermarkt vorbei, wo sie eingekauft haben, vor allem Wein, und bald ist er in der Stadt.

Die Fähre liegt schon am Hafen vertäut. Sie ist riesig, groß wie ein Mietshaus, ein schwimmender Wohnblock. Die »Poseidon«. Die großen Tore sind geöffnet, eine Reihe Autos mit verschlafenen Passagieren stehen schon Schlange, um in diese gähnende Höhle zu fahren, gleich werden sie eingelassen. Kunicki bleibt an der Barriere stehen und betrachtet die Gruppe von Leuten, die Fahrkarten kaufen. Einige haben Rucksäcke dabei, darunter auch ein schönes Mädchen mit einem bunten Turban auf dem Kopf. Er schaut sie an und kann den Blick nicht von ihr losreißen. Neben dem Mädchen steht ein großer, skandinavisch-gutaussehender Junge. Frauen mit Kindern stehen dort, wahrscheinlich Einheimische, sie haben kein Gepäck, ein Mann im Anzug und mit Aktentasche. Ein Paar – die Frau hat die Augen geschlossen und den Kopf an seine Brust gelehnt, als wollte sie versäumten Schlaf einer zu kurzen Nacht nachholen. Und ein paar Autos: eines mit deutscher Nummer, das bis unters Dach beladen ist, zwei italienische. Und Lieferwagen vom Ort, die Brot, Gemüse, Post holen. Die Insel muss leben. Kunicki wirft verstohlene Blicke in die Autos.

Schließlich setzt sich die Schlange in Bewegung, die Fähre verschluckt Menschen und Autos, niemand protestiert, sie gehen hinein wie die Lämmer. Eine Gruppe von fünf französischen Motorradfahrern kommt an, sie sind die Letzten, die gehorsam im Schlund der Poseidon verschwinden.

Kunicki wartet, bis sich die Tore mit mechanischem Knirschen schließen. Der Fahrscheinverkäufer knallt sein Fenster zu und kommt heraus, um eine Zigarette zu rauchen. Sie sind beide Zeugen, wie die Fähre mit plötzlichem Getöse vom Ufer ablegt.

Er sagt, er suche eine Frau und ein Kind, zieht ihren Pass aus der Tasche und hält ihn dem anderen unter die Nase.

Der Fahrscheinverkäufer blickt auf das Bild im Pass, er beugt sich darüber. Dann sagt er etwas auf Kroatisch, das sich ungefähr anhört wie:

»Die Polizei hat schon nach ihr gefragt. Hier hat sie keiner gesehen.« Er zieht an seiner Zigarette und setzt hinzu: »Das ist ja keine große Insel, man würde sich an sie erinnern.«

Unvermittelt legt er Kunicki die Hand auf die Schulter, als wären sie alte Bekannte.

»Kaffee? Trinkst du einen Kaffee?«, mit dem Kopf nickt er in Richtung des kleinen Cafés am Hafen, das gerade aufgemacht hat.

Ja, Kaffee. Warum nicht?

Kunicki setzt sich an den Tisch, der andere kommt kurz darauf mit zwei doppelten Espressi. Sie trinken schweigend.

»Mach dir keine Sorgen«, sagt der Fahrscheinverkäufer. »Hier kann man nicht verloren gehen. Hier sind wir alle sichtbar wie auf einem Präsentierteller.« Das sagt er und zeigt dabei seine von dicken Linien durchzogene Handfläche. Danach holt er ihm ein Brötchen mit Frikadelle und Salat. Schließlich geht er und lässt Kunicki mit dem halb ausgetrunkenen Kaffee allein. Als er fort ist, entringt sich Kunicki ein kleines Schluchzen, es ist wie ein Stück Brötchen, er schluckt es herunter, es schmeckt nach nichts.

Er kann die Vorstellung nicht abschütteln, dass sie sichtbar sind wie auf einem Präsentierteller. Für wen? Wer soll auf sie alle hinabblicken, auf diese Insel im Meer, die Asphaltstraßen, die sich wie Fäden von einem Hafen zum anderen ziehen, die paar Tausend in der Hitze zerfließenden Menschen, Einheimische und Touristen, die alles in Bewegung halten. Bilder von Satellitenaufnahmen fallen ihm ein, angeblich kann man auf ihnen die Aufschrift auf einer Streichholzschachtel erkennen. Ob das möglich ist? Bestimmt kann man von dort auch seinen Glatzenansatz sehen. Der große kühle Himmel voll mit den beweglichen Augen der ruhelosen Satelliten.

Auf dem Rückweg zum Auto nimmt er den Pfad über den kleinen Friedhof neben der Kirche. Alle Gräber sind wie in einem Amphitheater dem Meer zugewandt, also haben die Toten einen Blick auf das langsame, sich ständig wiederholende Leben im Hafen. Bestimmt freut sie die weiße Fähre, vielleicht halten sie sie sogar für einen Erzengel, der die Seelen auf ihrer himmelhohen Überfahrt eskortiert.

Kunicki fällt auf, dass sich wenige Namen immer wiederholen. Die Leute hier sind wahrscheinlich wie diese Katzen, sie bleiben unter sich, verkehren in einem kleinen Kreis von Familien, selten heiratet einer in die Fremde. Er bleibt nur einmal stehen, als er einen kleinen Grabstein sieht, auf dem zwei kurze Zeilen stehen:

Zorka 9 II 21–17 II 54

Srečan 29 I 54–17 VII 54

Einen Augenblick lang sucht er in diesen Daten eine algebraische Ordnung, sie sehen aus wie ein Code. Mutter und Sohn. Eine in den Daten enthaltene Tragödie, die in Etappen stattgefunden hatte. Eine Stafette.

Da hört die Stadt auch schon auf. Er ist müde, die Hitze hat ihren Höhepunkt erreicht, der Schweiß läuft ihm in die Augen. Als er mit dem Auto wieder ins Innere der Insel hinauffährt, sieht er, dass die scharfe Sonne sie in die abweisendste Gegend der Erde verwandelt. Die Hitze tickt wie eine Zeitbombe.

Auf der Polizei serviert man ihm ein kaltes Bier, als wollte man unter dem weißen Schaum die eigene Ratlosigkeit verbergen. »Keiner hat sie gesehen«, sagt der massige Beamte und dreht den Ventilator höflich in Kunickis Richtung.

»Was sollen wir machen?«, fragt er den Polizisten, der an der Tür steht.

»Ruhen Sie sich etwas aus«, sagt der.

Aber Kunicki bleibt auf dem Kommissariat und hört alle Telefongespräche und das geheimnisumwobene Knistern der Walkie-Talkies an, bis Branko kommt und ihn zum Mittagessen abholt. Sie reden kaum ein Wort. Danach lässt er sich ins Hotel fahren, er fühlt sich schwach und legt sich angezogen aufs Bett. Er riecht seinen Schweiß, den ekelerregenden Geruch der Angst.

Angezogen liegt er auf dem Rücken, umgeben von den Dingen aus den Taschen und Tüten. Angestrengt erforscht sein Blick ihre Konstellationen, ihr Verhältnis zueinander, die Richtungen, die sie weisen, die Figuren, die sie bilden. Das könnte eine Prophezeiung sein. Darin ist eine Nachricht für ihn enthalten, ein Brief über seine Frau und sein Kind, vor allem aber über ihn selbst. Er kennt nicht den Brief, er kennt nicht die Zeichen, mit Sicherheit hat sie keine Menschenhand geschrieben. Ihr Zusammenhang mit ihm ist offensichtlich, allein die Tatsache, dass er sie betrachtet, ist wesentlich; und dass er sie sieht, ist ein großes Geheimnis. Es ist ein Geheimnis, dass er überhaupt schauen und sehen kann, das Geheimnis ist, dass er ist.

Überall und nirgends

Wenn ich mich auf eine Reise begebe, verschwinde ich von der Landkarte. Niemand weiß, wo ich bin. An dem Punkt, von dem ich ausgegangen bin, oder an dem Punkt, zu dem ich strebe? Existiert ein »Dazwischen«? Bin ich wie dieser verlorene Tag, wenn man nach Osten fliegt, und die gewonnene Nacht nach Westen? Gilt für mich dasselbe Gesetz, auf das die Quantenphysik so stolz ist: dass ein Atom gleichzeitig an zwei Orten sein kann? Oder ein anderes Gesetz, von dem wir noch nichts wissen und das noch nicht belegt worden ist: dass man an ein und demselben Ort zweifach nicht existieren kann?

Ich glaube, es gibt viele, die so sind wie ich. Entschwundene, Abwesende. Sie tauchen plötzlich im Ankunfts-Terminal eines Flughafens auf und fangen an zu existieren, wenn der Beamte ihnen einen Stempel in den Pass drückt oder eine höfliche Dame ihnen an einer Hotelrezeption einen Schlüssel aushändigt. Wahrscheinlich haben sie schon entdeckt, wie wandelbar sie sind, wie abhängig von Orten und Tageszeiten, von der Sprache, der Stadt, dem Klima. Fließend, mobil, illusionshaft – das ist gleichbedeutend mit zivilisiert. Barbaren reisen nicht, sie streben nur nach einem Ziel oder fallen an einem Ort ein.

Die Frau, die mir Kräutertee aus ihrer Thermosflasche anbietet, als wir zusammen auf den Bus vom Bahnhof zum Flughafen warten, denkt ähnlich. Ihre Hände sind mit einem komplizierten Hennamuster bemalt, das mit jedem Tag blasser wird. Beim Einsteigen hält sie mir einen Vortrag zum Thema Zeit. Sie sagt, sesshafte, ackerbauende Menschen bevorzugten den Trost einer zyklischen Zeit, in der alles wieder an seinen Anfang zurückkehren muss, zu einem Keim schrumpft und den Weg zu Reife und Tod aufs Neue gehen muss. Doch Nomaden und reisende Händler mussten eine andere Zeitform ersinnen, die dem Unsteten besser entsprach. Das war eine lineare Zeit, sie war für sie geeigneter, weil sie das Maß für die Annäherung an ein Ziel und für den Zinszuwachs war. In dieser Zeitform ist jeder Augenblick neu und unwiederholbar, das macht die Menschen geneigter, Risiken auf sich zu nehmen, mit beiden Händen zu greifen, was sie bekommen können, den Augenblick auszukosten. Doch im Grunde war das eine bittere Entdeckung: Wenn eine Veränderung in der Zeit unwiderruflich ist, werden Verlust und Trauer zu einer alltäglichen Erfahrung. Deshalb haben sie auch ständig Worte wie »vergeblich« oder »verschwendet« auf der Zunge.

»Vergebliche Anstrengung, verschwendete Mittel«, lacht die Frau und verschränkt die bemalten Hände hinter dem Kopf. Die einzige Möglichkeit, in einer solchen in die Länge gezogenen, linearen Zeit zu überdauern, sei das Wahren von Abstand, sagt sie. Ein Tanz, dessen Schritte im Wechsel von Annäherung und Entfernung bestehen. Ein Schritt vor, ein Schritt zurück, ein Schritt nach links, ein Schritt nach rechts – eine Schrittfolge, die man sich leicht merken kann. Und je größer die Welt werde, desto größer die Entfernung, die man sich auf diese Weise ertanzen könne, man könne hinter sieben Meere, hinter zwei Sprachen, hinter eine ganze Religion wandern.

Ich habe jedoch eine andere Meinung zum Thema Zeit. Die Zeit aller Reisenden sind viele Zeiten in einer, eine ganze Vielheit. Das ist eine Inselzeit, Archipele der Ordnung im Ozean des Chaos, das ist die Zeit, die Bahnhofsuhren erzeugen – überall anders, eine Zeit nach Absprache, eine meridionale Zeit, die niemand besonders ernst nimmt. Die Stunden verschwinden im fliegenden Flugzeug, der Morgendämmer tritt blitzartig ein, der Mittag und gleich dahinter der Abend traben ihr schon auf den Fersen. Die hektische Zeit der Großstädte, wo man sich nur für kurze Zeit einfindet, um sich in die Gefangenschaft eines Abends zu begeben, und die träge Zeit der unbewohnten Ebenen, die man aus dem Flugzeug sieht.

Ich glaube auch, dass die Welt im Innern steckt, in den Gehirnwindungen, in der Zirbeldrüse, er steckt einem im Hals, dieser Globus. Eigentlich kann man ihn aushusten und ausspucken.

Flughäfen

Es gibt die großen Flughäfen, die uns mit dem Versprechen der Umsteigemöglichkeiten in Mengen versammeln, sie haben ihre geordneten Verbindungen und Flugpläne im Dienste der Bewegung. Doch auch wenn wir nicht vorhaben, uns in den nächsten paar Tagen fortzubewegen, lohnt es sich, sie näher kennenzulernen.

Früher wurden sie wie die Bahnhöfe an den Stadtrand gelegt, als eine Art Anhang. Aber heute haben sie sich so weit emanzipiert, dass sie ihre ganz eigenständige Identität haben. Bald wird man sagen können, dass es die Städte sind, die als Arbeits- und Schlafstätten Anhängsel der Flughäfen bilden. Denn inzwischen ist ganz klar, dass das wahre Leben in der Bewegung stattfindet.

Warum sollten heutzutage Flughäfen richtigen Städten in irgendetwas nachstehen? Es gibt dort Kunstausstellungen, Konferenzzentren, sie sind Schauplatz für Festivals und Shows. Es gibt Gärten und Promenaden, kulturelle Veranstaltungen werden angeboten. In Schiphol kann man schöne Rembrandtkopien bewundern, auf einem asiatischen Flughafen gibt es ein Religionsmuseum, eine sehr gute Idee. Außerdem haben wir dort Zugang zu guten Hotels und etlichen Bars und Restaurants. Es gibt kleine Läden, Supermärkte und Geschäftspassagen, in denen man sich nicht nur für die Reise versorgen kann, man kann bereits hier alle möglichen Souvenirs kaufen, um am Zielort keine Zeit damit zu verschwenden. Es gibt Fitness Clubs, Massagesalons – klassisch und asiatisch –, Friseure und Anlageberater, Niederlassungen von Banken und Mobiltelefongesellschaften. Wenn die körperlichen Bedürfnisse schließlich gedeckt sind, kann man sich zur geistigen Erbauung in die zahlreichen Kapellen und Meditationsräume begeben. Auf manchen Flughäfen werden für die Reisenden Autorenlesungen geboten. Irgendwo im Rucksack habe ich noch das Programm einer solchen Lesung: »Geschichte und Grundfragen der Reisepsychologie«, »Die Entwicklung der Anatomie im 17. Jahrhundert«.


Alles ist gut organisiert, Laufbänder erleichtern den Wechsel von einem Terminal zum anderen, dann geht es von einem Flughafen zum andern (manche sind mehrere Flugstunden voneinander entfernt!), und ein diskreter Ordnungsdienst sorgt indessen für das reibungslose Funktionieren dieses großen Mechanismus.

Heute sind Flughäfen mehr, als ihr Name sagt, sie bilden eine spezielle Kategorie von Stadtstaaten mit festem Standort, jedoch ständig wechselnder Bevölkerung. Die Flughafenrepubliken, Mitglieder des Internationalen Luftfahrtverbands, haben noch keine Vertretung bei den Vereinten Nationen, aber das wird sicher nicht mehr lange dauern. Sie sind ein Beispiel für ein System, in dem die Innenpolitik weniger wichtig ist als die Verbindungen mit anderen zum Verband gehörenden Flughäfen, denn nur damit können sie ihre Existenz rechtfertigen. Sie sind ein Beispiel für ein extravertiertes System, die Verfassung steht auf jedem Fahrschein gedruckt, und der einzige Personalausweis seiner Bürger ist die Bordkarte.

Die Einwohnerzahl ist stets fluktuierend. Interessanterweise sind bei Nebel und Gewitter immer Bevölkerungszunahmen zu verzeichnen. Damit sich jeder überall und stets wohlfühlen kann, dürfen die Einwohner nicht zu auffällig sein. Manchmal könnte man auf dem Laufband beim Anblick der anderen Reisebrüder und -schwestern den Eindruck haben, dass wir Präparate in Formalin sind, die einander aus ihren Gläsern angucken. Leute, die aus den Bildern in Reiseführern herausgeschnitten worden sind. Unsere Adresse ist der Platz im Flugzeug, beispielsweise 7D oder 16A. Die großen Laufbänder tragen uns in entgegengesetzte Richtungen: Die einen sind in Pelz und Mütze, andere in Hemden mit Palmenmuster und Bermudashorts, manche mit schneegetrübten Augen, andere sonnengebräunt, diese durchdrungen von nördlicher Feuchtigkeit, dem Geruch faulender Blätter und aufgeweichter Erde, jene mit Wüstensand in jeder Ritze ihrer Sandalen. Die einen dunkelhäutig, sonnenverbrannt, versengt, die anderen blendend weiß, fluoreszierend. Kurzgeschorene und solche, die sich nie die Haare schneiden. Große und Breitschultrige wie dieser Mann da, und Kleine, Zerbrechliche, wie jene Frau, die ihm gerade mal bis zur Taille reicht.

Sie haben auch ihre eigene Musik. Das ist die Symphonie der Flugzeugmotoren, ein paar einfache Klänge, die sich im rhythmusfreien Raum ausbreiten, ein orthodoxer zweimotoriger Chor, düster rußig, rot und schwarz unterlegt, ein Largo, bestehend aus einem einzelnen Akkord, der sich selbst ermüdet. Ein Requiem, das mit dem mächtigen Introitus des Starts beginnt und mit dem zur Landung abklingenden Amen endet.

Reise zu den eigenen Wurzeln

Hostels, die herbergsartigen Unterkünfte, müsste man wegen »Ageism« zur Rechenschaft ziehen, wegen Diskriminierung aufgrund des Alters. Aus irgendwelchen Gründen nehmen sie nur junge Leute als Übernachtungsgäste auf. Sie setzen sich selbst diese Altersgrenzen, doch jemand über vierzig würde die Schwelle mit Sicherheit ohnehin nicht überschreiten. Warum sollen junge Leute solch ein Vorrecht haben? Sind sie rein biologisch nicht schon mit allen Vorzügen ausgestattet?

Nehmen wir zum Beispiel diese Rucksacktouristen, aus denen sich die Mehrheit der Gäste in den Hostels rekrutiert. Männer wie Frauen sind kräftig und groß, haben gesunde helle Haut, selten rauchen sie oder konsumieren andere Schweinereien, höchstens ab und zu mal einen Joint. Sie reisen ökologisch bewusst zu Lande, mit Nachtzügen oder überfüllten Langstreckenbussen. In manchen Ländern können sie auch noch trampen. Abends kommen sie in diesen Hostels an, und beim Essen stellen sie einander Die Drei Reisefragen. Woher bist du? Woher kommst du gerade? Wohin fährst du? Die erste Frage stellt die senkrechte Achse dar, die nächsten beiden die waagrechte. Mit Hilfe dieser Konfiguration können sie eine Art Koordinatensystem erstellen, und wenn es ihnen gelungen ist, einander auf dieser Karte zu platzieren, können sie ruhig schlafen.

Einer, den ich im Zug traf, war wie die meisten auf der Suche nach seinen Wurzeln. Das war eine ziemlich komplizierte Reise. Mütterlicherseits war seine Großmutter russische Jüdin, sein Großvater Pole aus Wilna (sie hatten Russland mit der Armee von Anders verlassen und sich nach dem Krieg in Kanada niedergelassen). Väterlicherseits war sein Großvater Spanier, seine Großmutter Indianerin, den Namen ihres Stammes habe ich vergessen. Er war am Anfang seiner Reise, und das alles schien ihn etwas zu erdrücken.

Reisekosmetika

Heute bietet jede Drogerie, die etwas auf sich hält, ihren Kunden eine spezielle Serie von Kosmetika für die Reise. Manche Ketten stellen ganze Regale dafür bereit. Hier kann man sich mit allem ausstatten, was man für die Reise braucht: Shampoo, Waschmittel in der Tube, um in Hotelwaschbecken die Unterwäsche waschen zu können, zusammenklappbare Zahnbürsten, Sonnenschutzcreme, Insektenspray, Tüchlein mit Schuhcreme (erhältlich in einer breiten Farbpalette), Intimhygiene, Fußcreme, Handcreme. Das Charakteristische daran ist immer die Größe: Es sind Miniaturen, Tübchen und Gläschen, daumengroße Fläschchen, im kleinsten Näh-Set haben drei Nadeln, jeweils drei Meter Faden in fünf verschiedenen Farben, zwei weiße Notknöpfe und eine Sicherheitsnadel Platz. Vor allem der Haarlack in Sprayform wird nützlich sein, der Miniaturbehälter passt in die hohle Hand.

Offensichtlich hält die Kosmetikindustrie das Reisephänomen für eine verkleinerte Kopie des sesshaften Lebens, für seine spielerische, leicht infantile Miniatur.

La mano di Giovanni Battista

Es gibt zu viel Welt. Man müsste sie verkleinern, nicht weiter und größer machen. Man sollte sie wieder in eine kleine Dose stopfen, in ein mobiles Panoptikum, das man nur samstagnachmittags anschauen dürfte, wenn die Tagesarbeit getan, die saubere Wäsche vorbereitet ist, die gestärkten Hemden auf der Stuhllehne hängen, die Böden gescheuert sind und der Streuselkuchen zum Auskühlen auf der Fensterbank steht. Dann würde man durch ein kleines Loch hineinschauen wie in ein Fotoplastikon und jede Einzelheit bestaunen.

Leider aber ist es dafür wohl zu spät.

Wahrscheinlich bleibt einem nichts anderes übrig, als zu lernen, wie man unentwegt eine Wahl trifft. Wie man so wird wie der Reisende, den ich einmal in einem Nachtzug kennengelernt habe. Der sagte, er müsse in regelmäßigen Abständen in den Louvre fahren und vor dem einen Bild stehen, das es seiner Meinung nach wert ist, gesehen zu werden. Vor dem Bild von Johannes dem Täufer, um mit dem Blick seinem erhobenen Finger zu folgen.

Original und Kopie

In der Cafeteria eines Museums sagte mir einmal jemand, nichts vermittle ihm eine solche Befriedigung wie der Umgang mit Originalen. Er stellte auch die Behauptung auf, je mehr Kopien es auf der Welt gebe, desto größer sei die Macht des Originals, eine Macht, die manchmal fast so groß ist wie die einer Reliquie. Denn wichtig ist das Einmalige, weil darüber die Gefahr der Zerstörbarkeit schwebe. Die Bestätigung seiner Worte fand sich in Gestalt einer Touristengruppe, die in der Nähe mit gottesdienstartiger Andacht ein Bild Leonardo da Vincis zelebrierte. Nur ab und zu hielt jemand die Spannung nicht aus, das deutlich vernehmbare Klicken eines Fotoapparates ertönte und klang wie eine Art »Amen« in einer neuen Zeichensprache.

Der Zug der Feiglinge

Es gibt Züge, die ganz auf den Schlaf der Passagiere eingerichtet sind. Der ganze Zug besteht nur aus Schlafwagen und einem Buffetwagen, nicht mal ein richtiger Speisewagen ist nötig. Ein solcher Zug verkehrt zum Beispiel zwischen Stettin und Breslau. Er fährt um 22.30 los und kommt um 7.00 an, obwohl die Strecke gar nicht so lang ist, es sind gut 340 Kilometer, die müssten sich in fünf Stunden zurücklegen lassen. Aber es geht ja nicht immer nur um Geschwindigkeit, das Unternehmen denkt auch an den Komfort der Passagiere. Der Zug hält auf offener Strecke und steht in Nacht und Nebel, ein leises Hotel auf Rädern. Es lohnt sich nicht, mit der Nacht um die Wette zu laufen.

Es gibt auch einen durchaus guten Zug auf der Strecke Berlin – Paris. Und Budapest – Belgrad. Und Bukarest – Zürich.

Ich glaube, diese Züge sind für die Leute ersonnen, die Angst vorm Fliegen haben. Sie sind öffentlichkeitsscheu, besser erwähnt man nicht, dass man mit ihnen fährt. Es wird auch keine besondere Werbung für sie gemacht. Diese Züge haben eine feste Kundschaft, nämlich den unglückseligen Teil der Menschheit, der bei jedem Start und jeder Landung tausend Tode stirbt. Das sind die mit den schwitzigen Händen, die hilflos ein Taschentuch nach dem anderen zerknüllen und die Stewardessen am Ärmel zupfen.

Ein solcher Zug steht bescheiden auf einem Nebengleis, er fällt nicht auf. (Zum Beispiel der von Hamburg nach Krakau wartet in Altona, hinter Reklametafeln verborgen.) Wer zum ersten Mal damit fährt, irrt erst auf dem Bahnhof herum, bevor er ihn findet. Das diskrete Einsteigen dauert seine Zeit. In den Seitentaschen des Gepäcks stecken Schlafanzug und Pantoffeln, Kosmetika, Ohrenstöpsel. Die Kleidung wird sorgfältig auf spezielle Bügel gehängt, Zahnbürste und Zahnpasta gibt man in die winzige aufklappbare Waschkonsole. Bald kommt der Schaffner und nimmt die Bestellung für das Frühstück entgegen. Kaffee oder Tee – das ist die Scheinfreiheit des Zuges. Wenn sie einen Billigflug gebucht hätten, wären sie in einer Stunde am Ziel, hätten Geld gespart. Und sie hätten die Nacht – in den Armen ersehnter Geliebter, ein Abendessen in einem Restaurant auf der Rue Ble-Ble, wo es Austern gibt. Ein abendliches Mozart-Konzert in einer Kirche. Einen Spaziergang am Flussufer. Doch so müssen sie sich restlos der Dauer einer Zugreise ergeben, nach althergebrachter Weise persönlich jeden Kilometer hinter sich bringen, jede Brücke, jeden Viadukt und jeden Tunnel auf dieser Reise zu Lande passieren. Nichts kann man auslassen oder überspringen. Die Räder berühren jeden Millimeter der Strecke, machen daraus ihre Augenblickstangente, eine nie wiederholbare Konfiguration von Rad und Schiene, Zeit und Ort, die es im ganzen Kosmos nur einmal gibt.

Kaum ist dieser Zug der Feiglinge ohne große Ankündigung in die Nacht aufgebrochen, füllt sich schon die Bar. Männer in Anzügen kommen für ein paar Schnäpse oder ein großes Bier, um besser einschlafen zu können; gut gekleidete Schwule blitzen mit den Augen umher wie mit Kastagnetten, Fußballfans schauen sich verloren um, getrennt von der Gruppe, die mit dem Flugzeug geflogen ist, sind sie unsicher wie Schafe außerhalb ihrer Herde; Freundinnen über vierzig, die ihre langweiligen Männer zu Hause gelassen haben und sich auf Abenteuerreise begeben.

Bald sind keine Plätze mehr frei, die Reisenden benehmen sich wie auf einer großen Party, nach und nach machen die freundlichen Bediensteten an der Bar die einzelnen Gäste miteinander bekannt: »Dieser Gast fährt jede Woche mit mir.« »Ted, der sagt immer, dass er nicht schlafen geht, aber kippt als Erster in die Falle.« »Dieser Herr fährt jede Woche zu seiner Frau, er muss sie sehr lieben.« Das ist Frau »Nie-wieder-fahr-ich-mit-diesem-Zug«. Mitten in der Nacht, wenn der Zug langsam über die belgische oder Lebusser Ebene kriecht, wenn der Nachtnebel dichter wird und alles verschwimmen lässt, dann taucht die zweite Schicht in der Bar auf: von Schlaflosigkeit erschöpfte Passagiere, die sich der Pantoffeln an den bloßen Füßen nicht schämen. Sie gesellen sich dazu, als übergäben sie ihr Wohl und Wehe in die Hände des Fatums: Was sein wird, wird sein.

Ich glaube, ihnen kann nur das Beste passieren. Sie befinden sich doch an einem beweglichen Ort, der sich durch den schwarzen Raum schiebt, sie werden durch die Nacht getragen. Niemanden kennen, von niemand gekannt werden. Aus dem eigenen Leben treten und dann wohlbehalten wieder zurückkehren.

Die verlassene Wohnung

Die Wohnung versteht nicht, was passiert ist. Die Wohnung meint, der Besitzer ist gestorben. Seitdem die Tür ins Schloss gefallen ist und der Schlüssel im Schlüsselloch geknirscht hat, dringen alle Geräusche nur noch gedämpft herein, ohne Schattierung und Umriss, wie verlaufene Flecken. Der Raum erstarrt, ungenutzt, von keinem Durchzug, keiner Bewegung der Vorhänge aufgestört, in dieser Reglosigkeit bilden sich zaghaft probeweise Formen, und zwar solche, wie sie einen Augenblick lang im Flur zwischen Decke und Fußboden hängen.

Natürlich erscheint hier nichts Neues, wie könnte es auch? Das sind nur die Imitationen bekannter Formen, die blasenartige Ballungen bilden und ganz kurz Gestalt annehmen. Es sind einzelne Episoden, wie zum Beispiel ein Fußabdruck auf dem weichen Teppich, der dauernd – und immer an der gleichen Stelle – entsteht und verschwindet. Oder bloße Gesten, wie die Hand, die am Tisch die Bewegung beim Schreiben imitiert, was vollkommen unbegreiflich ist, denn sie hat weder Stift noch Blatt noch Schrift noch einen Körper, der dazu gehört.

Das Buch der Schandtaten

Eine Freundin war sie nicht. Ich traf sie auf dem Flughafen in Stockholm, dem einzigen Flughafen der Welt mit Holzfußboden, ein schönes dunkles Eichenparkett, gebohnerte, sorgfältig aufeinander abgestimmte Holzplättchen, man kann sich leicht vorstellen, dass ein paar Hektar nördlicher Wald darin stecken.

Sie saß neben mir, hatte die Beine ausgestreckt und auf ihren schwarzen Rucksack gelegt. Sie las nicht, hörte keine Musik, hatte die Hände über dem Bauch verschränkt und schaute vor sich hin. Mir gefiel diese Ruhe, diese völlige Hingabe ans Warten. Als ich sie etwas neugieriger musterte, bemerkte ich, dass ihr Blick über den gebohnerten Boden glitt.

Ich wollte sie ansprechen und murmelte deshalb etwas wie: »Schade um so viel Wald für einen Fußboden im Flughafen.«

»Wahrscheinlich muss beim Bau eines Flughafens ein Lebewesen zum Opfer gebracht werden. Damit keine Katastrophen passieren.«

Die Stewardessen am Pult hatten ein Problem. Leider hatte sich herausgestellt – wie sie uns, den Wartenden, durchs Mikrofon mitteilten –, dass unsere Maschine überbelegt war. Unerklärlicherweise waren zu viele Leute auf der Passagierliste. Ein Computerfehler – das Fatum unserer Tage. Wenn zwei Passagiere bereit wären, ihren Flug auf morgen zu verschieben, würden sie je zweihundert Euro bekommen, eine kostenlose Übernachtung im Flughafenhotel und einen Gutschein für ein Abendessen.

Die Leute wechselten nervöse Blicke. »Losen wir aus!«, schlug einer vor. Ein anderer lachte, aber dann trat ein unangenehmes Schweigen ein. Niemand will zurückbleiben, das ist verständlich, wir leben ja nicht in einem Vakuum, wir haben Verabredungen, morgen müssen wir zum Zahnarzt, und zum Abendessen sind Freunde eingeladen.

Ich betrachtete meine Schuhspitzen. Ich habe es nicht eilig. Ich muss nirgends zu einem festen Zeitpunkt sein. Soll die Zeit sich nach mir richten und nicht umgekehrt. Außerdem – man kann auf alle möglichen Weisen Geld verdienen, hier tut sich jetzt eine ganz neue Dimension von Arbeit auf, vielleicht ist das die Einkunftsquelle der Zukunft, die Rettung vor Arbeitslosigkeit und Überproduktion von Abfall. Vom Flug zurücktreten, mit der Übernachtung im Hotel ein Tageseinkommen verdienen, morgens vom großen schwedischen Frühstücksbuffet essen und die reiche Auswahl an Joghurt genießen. Warum nicht? Ich stand auf und trat auf die aufgeregte Stewardess zu. Die Frau, die neben mir gesessen hatte, folgte mir.

»Warum nicht?«, fragte sie.

Unser Gepäck musste leider ohne uns abfliegen. Der leere Autobus brachte uns zum Hotel, wir bekamen zwei nette kleine Zimmer nebeneinander. Es gab nichts auszupacken, Zahnbürste und frische Unterwäsche waren im Handgepäck, ebenso wie die Gesichtscreme und ein dickes Buch. Ein Notizbuch. Ich werde Zeit haben, alles aufzuschreiben, auch diese Frau zu beschreiben:

Sie ist groß, hat eine gute Figur, ziemlich breite Hüften und kleine Hände. Ihr volles gewelltes Haar trägt sie in einem Knoten, aber weil es nicht so leicht zu bändigen ist, schwebt es wie eine silberne Aureole um ihren Kopf, ganz ergraut. Aber ihr Gesicht ist jung, hellhäutig, sommersprossig. Bestimmt ist sie Schwedin, die färben nicht die Haare.

Wir hatten verabredet, dass wir uns am Abend unten in der Bar treffen würden, nach einer ausgiebigen Dusche und einem Blick in die verschiedenen Fernsehsender.

Wir bestellten Weißwein, und nach anfänglichen Höflichkeiten und den Drei Fragen der Reisenden kamen wir zur Sache. Ich erzählte ihr zuerst von meinem Wanderleben, aber hatte bald den Eindruck, dass sie nur höflichkeitshalber zuhörte. Deshalb verlor ich den Schwung, ich wusste, dass sie eine viel interessantere Geschichte haben würde.

Sie sammelte Beweise, dafür hatte sie ein Stipendium der eu, aber das reichte nicht für ihre Reisen, sie hatte zusätzlich etwas von ihrem Vater leihen müssen, der in der Zwischenzeit gestorben war. Sie strich sich eine graue Korkenzieherlocke aus der Stirn (dabei konnte ich mich vergewissern, dass sie bestimmt nicht älter als fünfundvierzig war), und für die Gutscheine der Fluggesellschaft bestellten wir uns einen Salat. Griechischer Salat war das Einzige, was wir uns dafür leisten konnten.

Beim Sprechen hielt sie die Augen halb geschlossen, das verlieh ihren Worten eine leichte Ironie. Deshalb war ich in den ersten Minuten nicht ganz sicher, ob sie ernst meinte, was sie sagte. Sie behauptete, die Welt wirke nur auf den ersten Blick so vielfältig. Wohin man auch fahre, man stoße auf verschiedene Menschen, ihre exotischen Kulturen, nach verschiedensten Plänen erbaute Städte, aus allen möglichen Materialien. Dächer, Fenster, Höfe – überall anders. Mit der Gabel spießte sie ein Stück Feta auf und beschrieb damit einen Kreis in der Luft.

»Doch lass dich von dieser oberflächlichen Vielfalt, von diesem Pfauenschweif nicht täuschen«, sagte sie. »Überall ist es dasselbe: die Tiere. Das, was der Mensch den Tieren antut.«

Ruhig, als hielte sie einen auswendig gelernten Vortrag, begann sie aufzuzählen: »Hunde reißen in brütender Hitze an zu kurzen Ketten, warten auf Wasser wie auf den Heiland, Welpen liegen an Ketten von einem halben Meter Länge, im zweiten Lebensmonat können sie noch nicht laufen; Schafe werfen im Winter auf offenem Feld, die Bauern unternehmen nichts, organisieren höchstens Lieferwagen, die die erfrorenen Lämmer abtransportieren. In Restaurants kann der Gast mit dem Finger auf den lebenden Hummer im Aquarium zeigen, den er damit zum Tod im siedenden Wasser verurteilt; andere Restaurants halten heimlich im Hinterhof Hunde, denn Speisen aus Hundefleisch sollen Männern die Potenz wiedergeben; Käfighühner werden nach der Anzahl der gelegten Eier definiert und in ihrem kurzen Leben mit Chemie vollgepumpt; Hunde richtet man zum Kampf ab, Affen werden ansteckende Krankheiten gespritzt, auf der Haut von Kaninchen werden Kosmetika getestet; ungeborene Lämmer werden zu Pelzmänteln verarbeitet.« Das alles sagte sie ganz gleichgültig, während sie sich die Oliven in den Mund schob.

Ich protestierte. Nein, das werde ich mir nicht anhören.

Sie zog einen Stapel Unterlagen aus ihrer Patchworktasche, die sie über den Stuhl gehängt hatte. Die Blätter steckten in zusammengehefteten Plastikhüllen, dicht beschriebene Fotokopien, die sie mir über den Tisch reichte. Ich blätterte sie unwillig durch. Auf den dunklen Seiten waren jeweils zwei Spalten Text wie in einer Enzyklopädie oder in der Bibel. Kleingedrucktes, Anmerkungen. »Berichte über Schandtaten«, ihre Internetadresse. Beim ersten Blick darauf wusste ich schon, dass ich sie nicht lesen würde. Trotzdem steckte ich sie später sorgfältig in meinen Rucksack.

»Damit beschäftige ich mich«, sagte sie.

Als wir bei der zweiten Flasche Wein waren, erzählte sie mir, wie sie auf einer Reise in Tibet die Höhenkrankheit bekommen hatte und fast daran gestorben wäre. Eine Frau dort hatte sie geheilt, indem sie auf Trommeln schlug und ihr Heilkräutersud einflößte.

Wir gingen spät zu Bett, unsere Zungen hatten sich am Abend gelöst, vom Wein geölt und voll Verlangen nach langen Sätzen und Fabeln.

Als wir am nächsten Morgen beim Frühstück saßen, beugte sich Alexandra – so hieß nämlich die zornige Frau – über die Croissants zu mir.

»Der wahre Gott ist ein Tier«, erklärte sie. »Er ist in den Tieren, so nah, dass wir ihn nicht erkennen. Tagtäglich opfert er sich für uns, stirbt unzählige Male, ernährt uns mit seinem Körper, kleidet uns in seine Haut, lässt zu, dass man Medikamente an ihm testet, damit wir länger und besser leben können. So zeigt er uns seine Zuneigung, beschenkt uns mit Liebe und Freundschaft.«

Ich erstarrte, schaute fassungslos auf ihren Mund. Was mich entsetzte, war weniger die Äußerung selbst als der ganz ruhige Ton, in dem sie sprach. Und das Messer, mit dem sie gelassen eine Schicht Butter auf dem weichen Inneren des Hörnchens verteilte.

»Der Beweis befindet sich in Gent.«

Sie kramte eine Postkarte aus ihrer Patchworktasche und warf sie mir auf den Teller.

Ich nahm sie in die Hand und versuchte, in der Fülle von Einzelheiten einen sinnvollen Zusammenhang zu erkennen, dazu hätte man eine Lupe gebraucht.

»Jeder kann es sehen«, sagte Alexandra. »Mitten in der Stadt steht eine Kathedrale, und im Altar dort ist ein großes schönes Bild. Darauf sieht man Felder, eine grüne Ebene vor der Stadt, und auf dieser Wiese befindet sich eine einfache Erhebung. Genau hier« – sie zeigte mit der Messerspitze auf die Stelle –, »hier ist Das Tier in Gestalt eines weißen Lammes, auf der Erhebung.«

Ja, ich erkannte das Bild. »Die Anbetung des Lamms«, ich hatte es oft auf Reproduktionen gesehen.

»Seine wahre Identität hat sich hier offenbart. Seine leuchtende Gestalt zieht den Blick an, jeder Kopf beugt sich vor seiner göttlichen Majestät«, erzählte sie und deutete mit dem Messer auf das Lamm. »Und wir sehen, wie fast von überallher Prozessionen zu ihm strömen, alle Menschen wollen ihm huldigen, diesen Gott in seiner bescheidensten, niedrigsten Form sehen. Schau, hier kommen die Herrscher der Länder, Kaiser und Könige, Kirchen, Parlamente, politische Parteien, Handwerkszünfte, Mütter kommen mit ihren Kindern, Greise und junges Volk …«

»Warum tust du das?«, fragte ich.

»Das liegt doch auf der Hand! Ich will ein großes Buch schreiben, in dem keine Schandtat vom Anfang der Welt bis zum heutigen Tag unerwähnt bleiben soll. Das wird die Beichte der Menschheit.«

Auszüge aus der antiken Literatur hatte sie schon niedergeschrieben.

Reiseführer

Beschreiben ist wie benutzen – es verschleißt. Die Farben verblassen, die Kanten werden stumpf, das Beschriebene verblasst allmählich und verschwindet. Das betrifft insbesondere Orte. Die Reiseliteratur hat große Verheerungen angerichtet, wie eine Invasion, eine Epidemie. Die Baedekers haben den größten Teil der Welt ein für alle Mal zerstört, in Millionen von Auflagen und unzähligen Sprachen gedruckt, haben sie die Orte geschwächt, sie festgenagelt, benannt und die Umrisse verwischt.

In meiner jugendlichen Naivität habe ich mich früher selbst ans Beschreiben von Orten gemacht. Wenn ich später an diese Orte zurückkehrte, tief Luft holen und mich noch einmal an der Intensität ihrer Präsenz berauschen, mein Ohr ihrem Wispern öffnen wollte – erlebte ich einen Schock. Die Wahrheit ist schrecklich: Beschreiben heißt vernichten.

Deshalb passe man besser auf. Am besten nennt man keine Namen. Man sollte verschlüsseln und verschleiern, Ortsangaben vorsichtig behandeln, um niemanden zu einer Pilgerfahrt zu verführen. Was würde der Pilger dort finden? Einen toten Ort, Staub, einen abgenagten Butzen.

In dem bereits erwähnten »Buch der Syndrome« findet sich auch das »Pariser Syndrom«, das in erster Linie japanische Touristen befällt, die Paris besuchen. Kennzeichnend dafür ist ein Schock mit etlichen vegetativen Symptomen wie flacher Atem, Herzrhythmusstörungen, Schweißausbrüche und Erregungszustände. Manchmal treten sogar Halluzinationen auf. In solchen Fällen verabreicht man Beruhigungsmittel und rät zur Heimreise. Diese Störungen lassen sich durch die Abweichung der Wirklichkeit von den Erwartungen der Pilger erklären. Das Paris, das sie vorfinden, ähnelt in nichts der Stadt, die sie aus Reiseführern, Film und Fernsehen kennen.

Das neue Athen

Dabei gibt es ja keine Bücher, die so schnell veralten wie Reiseführer, was ja für die Reiseführerindustrie ein Segen ist. Auf meinen Reisen bin ich immer zweien treu geblieben, die ich höher schätze als alle anderen, obwohl sie vor langer Zeit geschrieben wurden. Denn sie sind aus wahrer Leidenschaft entstanden, aus dem Wunsch, die Welt zu beschreiben.

Der erste wurde am Anfang des 18. Jahrhunderts in Polen verfasst, zu einem Zeitpunkt, als in Europa die erweckte Vernunft ähnliche Versuche unternahm, die vielleicht von größerem Erfolg gekrönt waren, dafür aber mit Sicherheit weniger Charme haben. Sein Autor ist der katholische Priester Benedykt Chmielowski, der irgendwo in Wolhynien geboren wurde.1 Er ist ein vom Nebel der Provinz umwogter Josephus Flavius, ein Herodot vom Rand der Welt. Ich vermute, dass er an dem gleichen Syndrom gelitten haben mag wie ich, obwohl er sich, im Unterschied zu mir, nie von zu Hause fortbewegte.

In dem Kapitel mit dem langen Titel »Von anderen wundersamen und merkwürdigen Menschen auf der Welt, ergo den Anacephalen alias Kopflose, den Cynocephalen alias Hundsköpfige, und von anderen Menschen seltsamer Gestalt« schreibt er:

»… befindet sich das sogenannte Volk der Blemier, welches Isidorus auch Lemnios heißet, diese Halsmenschen haben Gestalt und Symmetrie, einen Kopf jedoch haben sie gar nicht, nur ein Gesicht in der Mitte der Brust. […] Plinius hingegen, der große Forscher natürlicher Dinge, bestätigt nicht nur dieses Sentiment der Acephalen alias kopflosen Menschen, sondern er siedelt sie auch nicht weit von den Troglodyten in Äthiopien an, also im Land der Mohren. Diese Autoren erhalten einige Bekräftigung von jenem oculatus testis ›was heißt Augenzeugen‹, nämlich dem S. Augustinus, da ebendieser in jenem Lande (von welchem er als Hipponensischer Bischof in Afrika nicht weit entfernt war) umherzog und des Heiligen Christlichen Glaubens semina (Samen) säte, wie er ausdrücklich in seiner Predigt in Eremo (in der Wüste) an die von ihm gegründete Bruderschaft der Augustiner verkündete. […] ›Ich war schon Bischof von Hippo und begab mich mit einigen Dienern Christi nach Äthiopien, um das Evangelium von Jesus Christus zu verkünden, und wir sahen dort viele Männer und Weiber ohne Kopf, die jedoch riesige Augen auf der Brust trugen, während ihre anderen Gliedmaßen jedoch den unseren ähnlich waren.‹ […] Solinus, der so oft erwähnte Autor, schreibt, dass sich in den indischen Gebirgen Menschen finden, welche die Köpfe von Hunden und ebenso Hundestimmen haben, alias Bellen. Marcus Polus, welcher Indien visitieret hat, berichtet, auf der Insel Agamen gebe es Menschen mit den Köpfen und Zähnen von Hunden; ebenso bezeugt dies auch Odoricus Aelianus lib 10, welcher ihnen die Wüsten und Sümpfe Ägyptens zuschreibt. Diese menschlichen Monstra nennt Plinius Cynanalogos, Aulus, Gellus, Isidonus hingegen nennen sie Cynocephalos, das sind Hundsköpfe. […] Der Fürst Mikołaj Radziwill gibt in Brief 3 von seinen Reisen Kunde, er habe zwei Cynocephalen, das sind hundsköpfige Menschen, mit sich genommen und sie nach Europa gebracht.

Tandem oritur questio ›so stellt sich schließlich die Frage‹: Sind solche Monstrosi Menschen capaces ›geeignet‹ für die Erlösung? Auf diese Frage antwortet der Hipponens Catedra Oraculum, der Heilige Augustinus: Wo auch immer ein Mensch geboren sein mag, solange er ein wahrhaftiger Mensch ist, ein mit Vernunft begabtes Wesen, das eine vernünftige Seele hat, das sich in Gestalt, Farbe Stimme oder Gang von uns unterscheide mag, so darf nicht bezweifelt werden, dass er von der Menschen Erstem Stammvater Adam abstamme und deshalb teilhaftig an der Erlösung capax sei.«

Der andere Reiseführer ist »Moby Dick« von Melville.

Und wenn man gelegentlich Zugang zu Wikipedia hat, dann reicht das vollkommen aus.

Wikipedia

Meiner Meinung nach ist es das anständigste der menschlichen Erkenntnis gewidmete Projekt, das es gibt. Es bringt unmittelbar zu Bewusstsein, dass alles Wissen von der Welt dem menschlichen Kopf entspringt, so wie Athene dem göttlichen Kopf. Die Leute bringen bei Wikipedia alles ein, was sie selbst wissen. Wenn das Projekt gelingt, wird eine solche sich ständig weiterentwickelnde Enzyklopädie das größte Weltwunder sein. Darin findet sich alles, was wir wissen, jedes Ding, jede Definition, jedes Ereignis, jedes Problem, mit dem sich das menschliche Gehirn beschäftigt hat; wir werden Quellen zitieren und Links angeben. Auf diese Art und Weise werden wir unsere eigene Version von der Welt wirken, die Weltkugel mit unserer eigenen Erzählung überziehen. Alles werden wir darin unterbringen. Machen wir uns an die Arbeit! Soll jeder nur einen Satz über das schreiben, worauf er sich am besten versteht.

Manchmal habe ich allerdings Zweifel, ob es gelingen wird. Denn dort kann sich ja nur das finden, was wir aussprechen können, wofür es Worte gibt. In diesem Sinne wird eine solche Enzyklopädie keineswegs alles enthalten.

Es müsste des Gleichgewichts halber noch eine andere Wissenssammlung geben, von dem, was wir nicht wissen, wie ein Rock und seine linke Seite, sein Innenfutter, von keinem Inhaltsverzeichnis zu erfassen, keiner Suchmaschine zugänglich, ihres ungeheuren Umfangs wegen findet der Fuß keinen Halt an den Worten, sondern man setzt die Füße zwischen die Worte, in die abgrundtiefen Schlünde zwischen den Begriffen. Jedes Mal rutscht der Fuß ab, und wir fallen.

Die einzige mögliche Bewegung scheint mir die Bewegung in die Tiefe zu sein.

Materie und Antimaterie.

Information und Antiinformation.

Bürger der Welt, an die Feder!

Jasmin, eine liebenswerte Muslimin, mit der ich mich einmal einen ganzen Abend unterhalten habe, erzählte mir von ihrem Vorhaben: Sie will alle Menschen in ihrem Land dazu anregen, ein Buch zu schreiben. Sie sagte: Man braucht so wenig, um ein Buch zu schreiben, nur ein bisschen freie Zeit nach der Arbeit, nicht mal unbedingt einen Computer. Es kann immer vorkommen, dass dem einen oder andren mutigen Menschen dann ein Bestseller gelingt, dann wäre ein gesellschaftlicher Aufstieg der Lohn für seine Mühe. Das ist die beste Methode, um sich aus der Armut zu befreien, sagte sie. Wenn wir nur alle gegenseitig unsere Bücher lesen würden. Sie seufzte. Sie hat ein Forum im Internet gegründet. Angeblich gibt es schon mehrere hundert Mitglieder.

Das gefällt mir sehr: das Lesen von Büchern als eine moralische Geschwisterpflicht gegenüber unserem Nächsten.

Reisepsychologie.
Lectio brevis I

Im Laufe der letzten ein, zwei Jahre bin ich auf Flughäfen Wissenschaftlern begegnet, die dort inmitten des Reisetrubels zwischen Ansagen zu Abflug und Einsteigen ihre kleinen Vorlesungen veranstalten. Irgendjemand erklärte mir, dass das ein weltweites (vielleicht aber auch nur EU-weites) Informationsprojekt sei. Deshalb blieb ich stehen, als ich die aufgespannte Leinwand im Wartesaal und die Ansammlung Neugieriger bemerkte.

»Verehrte Damen und Herren«, begann eine junge Frau und rückte mit einer etwas nervösen Bewegung ihren bunten Schal zurecht, während ihr Partner, ein Mann in Tweedjacke mit Lederflecken auf den Ellbogen, die Leinwand vorbereitete. »Die Reisepsychologie befasst sich mit dem reisenden Menschen, dem Menschen in Bewegung, und platziert sich damit außerhalb der herkömmlichen Psychologie, die das Wesen des Menschen immer im statischen Kontext, in stabiler Lage und Unbewegtheit untersucht hat – beispielsweise durch das Prisma seiner biologischen Konstitution, seiner Familienbeziehungen und sozialen Situation und so weiter. Für die Reisepsychologie stehen solche Fragen nicht im Mittelpunkt, sie sind zweitrangig.

Wenn wir den Menschen überzeugend beschreiben wollen, können wir das nur tun, indem wir ihn in den Kontext einer Bewegung setzen – von irgendwoher, irgendwohin. Die Tatsache, dass es so viele wenig überzeugende Beschreibungen des Menschen gibt, die ihn als stabil und statisch darstellen, scheint die Existenz eines außerkontextuell verstandenen ›Ich‹ in Frage zu stellen. Aus diesem Grund setzen sich in der Reisephilosophie seit einiger Zeit verstärkt bestimmte Strömungen durch, die in der Reisepsychologie die einzig mögliche Form der Psychologie sehen.«

Das kleine Häuflein Zuhörer wurde unruhig, denn gerade kam eine lärmende Gruppe großer Männer vorbei – Fußballfans, die alle Schals in den Farben ihres Clubs trugen. Gleichzeitig gesellten sich immer neue Zuhörer dazu, die neugierig waren und wissen wollten, was es mit der Leinwand und den zwei Stuhlreihen auf sich hatte. Sie unterbrachen ihren Weg zum Abflugsteig oder ihr müßiges Bummeln durch die Flughafengeschäfte und setzten sich einen Augenblick hin. Von vielen Gesichtern ließen sich Müdigkeit und zeitliche Desorientierung ablesen. Man sah ihnen an, dass sie gerne wenigstens ein bisschen vor sich hin gedöst hätten, und wahrscheinlich wussten sie nicht, dass sich gleich um die Ecke ein bequem eingerichteter Warteraum mit Schlafsesseln befand. Mehrere Reisende blieben stehen, als die Frau anfing zu sprechen. Ein ganz junges Paar stand aneinandergeschmiegt und hörte konzentriert zu, dabei streichelten sie einander zärtlich über den Rücken.

Die Frau machte eine kleine Pause, dann nahm sie den Faden ihres Themas wieder auf:

»Ein wichtiger Begriff in der Reisepsychologie ist das Begehren, denn dieses verleiht dem menschlichen Wesen Bewegung und Richtung zugleich – es weckt die Hingabe an etwas. Das Begehren an sich ist leer, das heißt, es weist nur die Richtung, aber nicht das Ziel, das Ziel nämlich bleibt immer phantasmagorisch und unklar, je näher man ihm kommt, desto rätselhafter wird es. Das Ziel lässt sich unter keinen Umständen erreichen, man kann auch nie das Begehren damit stillen. Dieser Prozess des Strebens wird durch die Bewegung zu … hin veranschaulicht. Zu etwas hin.«

Hier hob die Frau den Blick und warf über den Rand ihrer Brillengläser hinweg einen aufmerksamen Blick in die Menge der Zuschauer, als erwarte sie irgendeine Form von Bestätigung, dass sie sich an das richtige Publikum wandte. Das gefiel einem Ehepaar mit zwei Kindern im Buggy nicht, sie wechselten einen kurzen Blick und schleiften ihr Gepäck weiter, um sich die falschen Rembrandts anzusehen.

»Die Reisepsychologie kappt das Band mit der Psychoanalyse jedoch nicht …«, fuhr sie fort, und ich bekam allmählich Mitleid mit diesen jungen Dozenten. Sie wandten sich an Leute, die sich nur zufällig hier befanden und nicht besonders interessiert aussahen. Ich zog mir einen Becher Kaffee am Automaten und gab ein paar Zuckerwürfel hinein, um richtig aufzuwachen. Als ich zurückkam, war der Mann an der Reihe.

»Das grundlegende Konzept ist das Prinzip der Konstellationalität«, sagte er, »und damit sind wir auch gleich beim ersten Grundsatz der Reisepsychologie: Im Unterschied zur Wissenschaft (und auch da wird vieles der gewünschten Ordnung wegen zurechtgebogen) gibt es im Leben kein philosophisches Primum. Das heißt, es lässt sich weder eine konsequente Reihe von Ursache-Folge-Argumenten aufbauen noch eine Narration aus kausal aufeinander folgenden und einander bedingenden Ereignissen konstruieren. Es wäre nur eine Approximation, so ähnlich wie uns das Netz aus Längen- und Breitengraden als Approximation der Oberfläche einer Kugel erscheint. Wollten wir hingegen unsere Erfahrung so genau wie möglich abbilden, müsste man ein Ganzes vielmehr aus konzentrisch auf einer Fläche angeordneten Teilchen ungefähr gleicher Wertigkeit bilden. Denn die Konstellation ist der Träger von Wahrheit, nicht die Sequenz. Deshalb beschreibt die Reisepsychologie den Menschen in äquivalenten Situationen, ohne zu versuchen, seinem Leben auch nur eine ungefähre Kontinuität zuzuschreiben. Das Leben des Menschen setzt sich aus Situationen zusammen. Es besteht allerdings eine gewisse Neigung zur Wiederholung von Verhaltensweisen. Diese Wiederholungen jedoch heißen nicht, dass man dem Leben den Anschein einer gleichwie gearteten konsequenten Ganzheit verleihen kann.«


Boufarik, Algeria (1882)

Der Mann blickte mit einer gewissen Nervosität über den Rand seiner Brillengläser auf die Zuhörer, wahrscheinlich wollte er sich vergewissern, ob sie wirklich lauschten. Wir lauschten aufmerksam.

In diesem Augenblick eilte eine Reisegruppe mit Kindern an uns vorbei, offensichtlich mussten sie in ein anderes Flugzeug umsteigen und waren schon verspätet. Das lenkte uns ein bisschen ab, eine Zeitlang hing unser Blick an ihren erhitzten geröteten Gesichtern, ihren Strohhüten, den Souvenirs in Gestalt von Trommeln und Masken, den Muschelketten. Der Mann räusperte sich einige Male, um uns zur Ordnung zu mahnen, er holte tief Luft, doch nach einem weiteren Blick auf uns atmete er hörbar aus und schwieg. Er blätterte kurz in seinem Notizbuch, schließlich sagte er:

»Historisches. Nun ein paar Sätze zum historischen Hintergrund. Dieses Gebiet der Psychologie entwickelte sich in den Nachkriegsjahren (den fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts) aus der Flugpsychologie, die wiederum infolge der zunehmenden Zahl von Flugreisen entstanden war. Anfangs widmete sie sich speziellen mit dem Passagiertransport verbundenen Problemen, wie beispielsweise dem Verhalten bestimmter Gruppen in Gefahrensituationen oder der psychologischen Dynamik des Fliegens. Im Laufe der Zeit vergrößerte sich ihr Interessensbereich, die Beschäftigung mit der Organisation von Flughäfen und Hotels kam hinzu, Fragen der Eingewöhnung an neuen Orten, interkulturelle Aspekte des Reisens. Einzelne Spezialgebiete bildeten sich heraus, so die Psychogeographie und die Psychotopologie. Es entstanden auch klinische Forschungsbereiche …«

Ich hörte nicht mehr zu, der Vortrag war mir zu lang. So viel Wissen müsste man in kleineren Dosen verabreichen.

Dafür weckte ein Reisender mein Interesse: Er war ungepflegt gekleidet und wirkte sehr erschöpft, bestimmt war er schon lange unterwegs. Er hatte einen liegen gebliebenen schwarzen Regenschirm gefunden und untersuchte ihn eingehend. Doch der Regenschirm erwies sich als ganz unbrauchbar. Die Stangen waren zerbrochen, und der schwarze Schirm ließ sich nicht mehr aufspannen. Zu meiner Verblüffung begann der Mann nun, die Bespannung des Regenschirms von den Stangen und Verschraubungen zu lösen, was ziemlich viel Zeit in Anspruch nahm. Er war ganz konzentriert bei der Sache, reglos saß er inmitten der um ihn brandenden Menge der Reisenden. Als er fertig war, faltete er den Stoff säuberlich zusammen, steckte ihn in die Tasche, und verschwand im Strom der Menschen.

Da drehte ich mich auch um und machte mich auf meinen Weg.

Die richtige Zeit, der richtige Ort

Viele Menschen glauben, dass es im Koordinatensystem der Welt einen Punkt der Vollkommenheit gibt, wo Zeit und Ort im Einklang sind. Vielleicht ist das überhaupt nur der Grund, weshalb sie zu Reisen aufbrechen, sie meinen, so planlos sie auch herumreisen, es erhöhe dennoch die Wahrscheinlichkeit, auf diesen bestimmten Punkt zu stoßen. Zur rechten Zeit am rechten Ort zu sein, die Gelegenheit nutzen, den Augenblick beim Schopf packen zu können – und dann wird das Zahlenschloss geknackt, die Kombination der Gewinnzahlen enthüllt, die Wahrheit offenbart werden. Nur nichts verpassen, auf der Welle des Zufalls, des glücklichen Zusammentreffens, der Schicksalsfügung surfen. Man braucht nichts dazu, es reicht, wenn man bereitsteht, sich in dieser einen Konfiguration von Wort und Zeit anmeldet. Dort kann man die große Liebe treffen, das Glück finden, einen Lottogewinn oder die Enthüllung eines Geheimnisses, mit dem sich alle anderen schon seit Jahren abmühen – oder den Tod. Manchmal hat man morgens früh sogar das Gefühl, dass dieser Augenblick schon ganz nah ist, vielleicht heute schon eintreten wird.

Anleitung

Ich hatte ein Traum, in dem ich ein amerikanisches Magazin mit Fotografien von Wasserbecken und Schwimmbassins anschaute. Ich sah alles, jedes Detail. Die Buchstaben a, b, c bezeichneten ganz genau jeden Bestandteil der Schemata und Pläne. Interessiert machte ich mich an die Lektüre eines Artikels mit dem Titel »Wie baue ich einen Ozean. Anleitung«.

Der Aschermittwochsschmaus

Nennt mich Eryk«, erklärte er jedes Mal anstatt eines Grußes, wenn er die kleine Bar betrat, die um diese Jahreszeit nur von einem Holzfeuer im Kamin beheizt wurde. Alle lachten ihm freundlich entgegen, manche winkten ihn sogar mit einer einladenden Geste herbei, die heißen sollte: Komm, setz dich zu uns. Denn im Großen und Ganzen war er ein guter Kumpel und trotz seiner Absonderlichkeiten beliebt. Doch anfangs, bis er eine entsprechende Menge getrunken hatte, machte er ein mürrisches Gesicht und setzte sich in eine Ecke, weit weg von der Wärme des Kaminfeuers. Er konnte sich das erlauben, er war kräftig gebaut und gegen Kälte gefeit, er heizte sich selbst.

»Diese Insel«, sagte er zuerst vor sich hin, aber so, dass die anderen ihn hören konnten, wie eine Herausforderung, während er sein erstes riesiges Bier bestellte. »Was für ein erbärmlicher Geisteszustand. Der Arsch der Welt.«

Die anderen schienen ihn nicht zu verstehen, aber grölten wie im Einvernehmen.

»He, Eryk, wann gehst du auf Walfang?«, riefen sie, und ihre Gesichter wurden rot vom Widerschein des Feuers und vom Alkohol.

Eryk antwortete mit barocken Flüchen, ein wahres Gedicht, niemand tat es ihm darin gleich – das war ein Teil des allabendlichen Rituals. So bewegte sich jeder Tag voran wie eine Seilfähre von einem Ufer zum anderen, unterwegs immer an denselben roten Bojen vorbei, deren Aufgabe es war, das Monopol des Wassers auf Unermesslichkeit zu brechen und es messbar zu machen und damit den täuschenden Eindruck von Kontrolle zu erwecken.

Nach dem nächsten Bier war Eryk schon so weit, dass er sich zu den anderen setzen konnte, und meistens tat er das auch, doch in der letzten Zeit wurde seine Laune schlechter, je mehr er trank. Er saß da mit spöttischer Miene. Er spann auch nicht mehr Seemannsgarn über seine Reisen auf fernen Meeren – wenn man ihn lang genug kannte, wusste man, dass er nie dieselbe Geschichte zweimal erzählte, zumindest in den Einzelheiten wichen sie stark voneinander ab. Jetzt jedoch erzählte er immer seltener, stichelte nur gegen die anderen. Der bösartige Eryk.

Es gab aber auch Abende, da ließ er sich hinreißen, wurde unausstehlich, und mehr als einmal musste Hendrik, der Wirt der kleinen Bar, eingreifen.

»Ihr seid alle angemustert!«, schrie Eryk und zeigte auf jeden mit dem Finger. »Jeder Einzelne. Oh Gott! zu se-geln mit solch heidnischer Mannschaft, welche wenig von menschlichen Müttern hat. Geworfen irgendwo von der haifischigen See. Oh Leben! in einer Stund wie dieser ist’s, die Seele niedergestreckt und dem Wissen hingegeben, – wie wilde ungebildete Dinge gezwungen werden, zu fressen.«

Hendrik zog ihn freundlich zur Seite und klopfte ihm kameradschaftlich auf die Schultern, während die Jüngeren über diese seltsame Ansprache vor Lachen grölten.

»Lass gut sein, Eryk. Du willst dich doch nicht in Schwierigkeiten bringen«, wollten ihn die Älteren beruhigen, die ihn schon länger kannten, aber Erik ließ sich nicht beschwichtigen.

»Hoppla, Bruder, weg mit dir! Ich würd die Sonne schlagen, wenn sie mich beleidigt.«

In einer solchen Situation konnte man nur beten, dass er keinen zufälligen Gast beleidigte – die Einheimischen nahmen es ihm nicht übel. Was konnte man schon von ihm erwarten, er schaute ja bereits wie durch einen trüben Vorhang auf die Theke. Dieser geistesabwesende Blick deutete darauf hin, dass Eryk jetzt die Meere in seinem Innern befuhr, sein Focksegel war schon gehisst, und man konnte ihn nur noch mitleidig nach Hause bringen.

»Hör zu, du Kleinmütiger«, stammelte Eryk noch und richtete den Finger auf die Brust seines Kollegen, »hör zu, denn ich rede mit dir.«

»Komm Eryk, ist gut jetzt.«

»Habt angemustert, nicht wahr? Namen in den Papieren? Nun ja, nun ja, unterschrieben ist unterschrieben; und wie’s kommen soll, wird’s kommen …«, stammelte er und kehrte von der Tür wieder zurück zur Theke und verlangte eine letzte Runde, »für den Steigbügel«, wie er sagte, aber keiner wusste, was er damit meinte.

So wurde er lästig, bis endlich jemand den Moment gekommen sah, ihn am Frack zu packen und festzuhalten, bis ein Taxi kam.

Es ging aber nicht immer so streitlustig zu. Meistens ging er ziemlich früh, er hatte einen Fußweg von vier Kilometern vor sich und hasste diesen Marsch nach Hause, wie er sagte. Die Strecke war eintönig, immer an der Landstraße entlang, zu beiden Seiten Brachland, ehemalige Viehweiden, wo jetzt Unkraut und Krummkiefern standen. In hellen Nächten konnte er manchmal in der Ferne die Umrisse einer Windmühle ausmachen, die schon lange nicht mehr in Betrieb war und nur noch den Touristen als Hintergrund für ihre Fotos diente.

Die Heizung schaltete sich erst etwa eine Stunde vor seiner Heimkehr ein, so hatte er sie eingestellt, um Strom zu sparen, und in den beiden dunklen Zimmern ballte sich noch die feuchte, von Meersalz durchsetzte Kälte.

Er aß immer das gleiche einfache Gericht, das war das Einzige, was ihm noch nicht langweilig geworden war. In Scheiben geschnittene Kartoffeln, mit Speck und Zwiebeln in einen Topf geschichtet. Mit Majoran und Pfeffer bestreut, gut gesalzen. Ein ideales Gericht mit ausgewogenem Nährstoffgehalt: Fett, Kohlehydrate, Ballaststoffe, Eiweiß und Vitamin C. Er aß vor dem Fernseher, obwohl der ihn noch mehr als alles andere anwiderte, deshalb öffnete er zu guter Letzt eine Flasche Wodka und leerte sie. Dann ging er schlafen.

Was für ein schrecklicher Ort, diese Insel! In den Norden gesteckt wie in eine dunkle Schublade, windig und nass. Aus irgendwelchen Gründen blieben die Leute hier wohnen und hatten keineswegs vor, in warme, helle Städte auszuwandern. Sie steckten in ihren kleinen Holzhäuschen längs der wieder neu asphaltierten Landstraße, die bergan führte und sie zu ewiger Kümmerlichkeit verurteilte.

Wandert einmal an der Landstraße entlang, über die Bankette auf den kleinen Hafen zu, der aus ein paar undefinierbaren Gebäuden besteht, eine Plastikbude, wo es die Fahrscheine für die Fähre gibt, ist auch noch da, und ein kläglicher Yachthafen, um diese Jahreszeit ganz leer. Im Sommer kommt vielleicht die eine oder andere Yacht mit exzentrischen Touristen, die des Trubels in den südlichen Gewässern, der Rivieren, des Azur und der heißen Strände überdrüssig sind. Oder Leute wie wir geraten durch Zufall an diesen trostlosen Ort, Ruhelose, stets nach neuen Abenteuern hungernd, mit ihren Rucksäcken voll chinesischer Instantsuppen. Und was seht ihr? Den Rand der Welt, wo die Zeit, die von der leeren Küste in See gestochen ist, enttäuscht ans Land zurückkehrt und diesen Ort gnadenlos dem hartnäckigen Stillstand aussetzt. Worin unterscheidet sich denn hier das Jahr 1946 von 1976 und dieses wiederum vom Jahr 2000?

Eryk war hier vor Jahren nach einer langen Reihe schöner und weniger schöner Abenteuer hängen geblieben. Ganz am Anfang jedoch, vor sehr langer Zeit, ist er aus seinem Land – seinerzeit eins von diesen unansehnlichen flachen kommunistischen Ländern – geflüchtet und heuerte als junger Emigrant auf einem Walfängerschiff an. Er hatte damals ein paar englische Worte zwischen »yes« und »no« zur Verfügung, gerade genug für das einsilbige Geknurre, das die harten Jungs auf dem Schiff miteinander wechseln. »Nimm«, »zieh«, »schneid«. »Schnell« und »fest«. »Fang auf« und »knote«. »Scheiße« und »verfickt«. Für den Anfang reichte es. Es reichte auch, den eigenen Namen gegen einen einfachen, allgemein bekannten einzutauschen – Eryk. Sich des zischenden Leichnams zu entledigen, den niemand richtig aussprechen konnte. Und es reichte auch, die Mappe mit allen Papieren ins Wasser zu werfen – Schulzeugnisse, Diplome, Studienscheine und Impfbescheinigungen –, das alles taugte hier zu nichts, konnte höchstens die anderen Matrosen beschämen, deren Biographie aus ein paar langen Reisen und Abenteuern in Hafenkneipen bestand.

Das Leben auf dem Schiff ist nicht mit Salzwasser getränkt und auch nicht mit dem süßen Regen der Nordmeere, nicht einmal mit Sonne, sondern mit Adrenalin. Man hat keine Zeit zum Nachdenken oder zum Grübeln über Fehler der Vergangenheit. Das Land, aus dem Eryk stammte, war fern und nicht sehr maritim, ans Meer war er nur ganz gelegentlich gekommen. In Häfen genierte er sich. Lieber waren ihm Städte an einem ungefährlichen Fluss, über den sich verbindende Brücken spannten. Eryk hatte keineswegs Heimweh, hier im Norden gefiel es ihm viel besser. Er hatte vor, ein paar Jahre auf dem Schiff zu arbeiten und Geld zu verdienen. Dann würde er ein Holzhaus bauen, eine flachsblonde Emma oder Ingrid ehelichen und Söhne zeugen. Sein Beitrag zu ihrer Erziehung würde darin bestehen, dass er mit ihnen Schwimmer bastelte und Meeresforellen zubereitete. Irgendwann einmal, wenn seine Abenteuer ein entsprechend handliches Paket abgäben, würde er seine Memoiren schreiben.

Er wusste selbst nicht, wie es gekommen war, dass die Jahre einfach durch sein Leben hindurchrannen, schwerelos, flüchtig, ohne Spuren zu hinterlassen. Höchstens in seinen Körper schrieben sie sich ein, vor allem in seine Leber. Das war später. Aber gleich am Anfang, nach seiner ersten Seefahrt, verschlug es ihn für drei Jahre ins Gefängnis, weil ein böser Kapitän seine ganze Besatzung zu Handlangern beim Schmuggel eines ganzen Containers mit Zigaretten und einem großen Paket Kokain gemacht hatte. Doch sogar im Gefängnis dieses fremden Landes blieb Eryk dem Meer und den Walen verfallen. In der Gefängnisbibliothek befand sich nämlich nur ein englischsprachiges Buch, wahrscheinlich hatte ein anderer Sträfling es vor Jahren dort gelassen. Es war eine alte Ausgabe vom Anfang des Jahrhunderts, die Seiten waren brüchig und vergilbt, von zahlreichen Spuren des täglichen Lebens gezeichnet.

So sicherte sich Eryk drei Jahre lang (eigentlich keine zu strenge Strafe, bedenkt man, dass tausend Seemeilen weiter nach geltendem Recht auf dieses Vergehen der Tod durch den Strick gestanden hätte) eine kostenlose Perfektionierung seiner Sprache, Englisch für Fortgeschrittene, einen Kurs in Literatur- und Walkunde sowie Psychologie und Reisewissenschaft – alles aus einem Lehrbuch. Eine gute, konzentrierte Methode. Nach fünf Monaten konnte er Ishmaels Abenteuer schon stellenweise auswendig vortragen und wie Ahab reden, was ihm besonderen Spaß machte, weil das die Eryk genehmste Ausdrucksweise war, in der er sich wie in bequemer Kleidung fühlte, ganz egal wie altmodisch und wunderlich sie war. Und was für ein Glück, dass es dieses Buch gerade dorthin und in die Hände dieses Menschen verschlagen hatte. Das ist ein den Reisepsychologen unter dem Namen Synchronizität bekanntes Phänomen, ein Beweis für den Sinn der Welt. Ein Beweis dafür, dass sich in diesem schönen Chaos in alle Richtungen Fäden entspinnen, die eine Bedeutung haben, Netze seltsamer Logik, und wenn man an Gott glaubt, sind das die verschlungenen Spuren seines Fingerabdrucks. Das dachte Eryk.

In dem fernen exotischen Gefängnis nun, wo man abends vor tropischer Schwüle kaum Luft bekam und wo Sehnsucht und Furcht das Gehirn marterten, da versenkte sich Eryk nun in die Lektüre dieses Buches, verschwor sich ihm und empfand dabei ein eigenartiges Glück. Ohne dieses Buch hätte er das Gefängnis wahrscheinlich nicht durchgestanden. Seine Zellengenossen, lauter Schmuggler wie er, wurden oft Zeuge, wenn er laut las, und erlagen bald auch dem Zauber der Abenteuer, die die Walfänger erlebten. Es wäre nicht verwunderlich gewesen, wenn sie sich nach der Rückkehr in die Freiheit in der Geschichte des Walfangs weitergebildet hätten, wenn sie Dissertationen über Harpunen und die Ausrüstung von Segelschiffen geschrieben hätten. Und wenn die Begabtesten von ihnen die höchste Stufe der Einweihung erklommen hätten, indem sie sich auf Ausdauer als Fachgebiet spezialisiert hätten. So kam es jedenfalls, dass die drei Zellenkameraden, ein Matrose von den Azoren, ein Matrose aus Portugal und Eryk, in ihrem speziellen Rotwelsch kommunizierten. Sogar über ihre kleinen schlitzäugigen Wärter redeten sie in diesem Jargon:

»Zum Teufel! Dieser Alte, das ist vielleicht ein famoser Kerl!«, rief beispielsweise der Azorenmatrose aus, wenn einer ihnen ein Päckchen durchweichter Zigaretten in die Zelle geschmuggelt hatte.

»Bei meiner Seel, ich bin beinah derselbigen Meinung, also sprich den Segen!«

Ihnen war es nur recht, wenn jeder Neue, der zu ihnen in die Zelle kam, anfangs kaum etwas verstand, er wurde ihr Fremder, den sie für ihr soziales Ersatzleben brauchten.

Jeder von ihnen hatte seine Lieblingsabschnitte, die er abends bei ihrem Leseritual vortrug, bis die anderen gegen Schluss im Chor einfielen.

Doch die Hauptthemen der Gespräche in ihrem immer besseren Englisch waren das Meer, die Seereisen, das Ablegen vom Ufer, das Vertrauen auf das Wasser, das – wie sie nach einer mehrtägigen Diskussion, die den Vorsokratikern alle Ehre gemacht hätte, feststellten – das wichtigste Element auf dem Erdenrund war. Sie planten schon die Strecken für die Heimreise, bereiteten sich auf die Anblicke vor, die sich ihnen unterwegs bieten würden, formulierten in Gedanken das Telegramm an die Familie. Wovon würden sie leben? Sie überboten sich gegenseitig an Einfällen, doch ehrlich gesagt kreisten sie immer um ein und dasselbe Thema, ohne sich dessen bewusst zu sein, waren sie bereits angesteckt, hatten sich infiziert: Was ihr Denken beherrschte, war die bloße Möglichkeit, dass so etwas wie ein weißer Wal existierte. Jeder wusste, dass es noch Länder gab, in denen Walfang betrieben wurde, und auch wenn diese Arbeit heute nicht mehr so romantisch war, wie Ishmael es beschrieben hatte, würde man doch schwerlich eine bessere finden. Angeblich suchte man in Japan Leute für den Walfang. Was waren Dorsche und Heringe schon gegen Wale … Wie ein Handwerk gegen die Kunst …

In sechsunddreißig Monaten hat man viel Zeit, sich die Einzelheiten des zukünftigen Lebens zu überlegen, Punkt für Punkt, und sie mit den Kameraden zu besprechen. Meinungsverschiedenheiten spielten keine Rolle.

»Jetzt mal schnell Schluss damit! Denk dran, was ich dir sage von wegen Handelsmarine – mach mich nicht wild – das mag ich nicht. Aber wir wollen uns recht verstehen. Ich hab dir einen Wink gegeben, von wegen, was es mit dem Walfang auf sich hat; habest du trotzdem noch Lust drauf?«

»Was hast du schon von der Welt gesehen!«, fuhr der portugiesische Matrose erwidernd auf.

»Die Nordsee hab ich der Länge und Breite nach durchschifft, die Ostsee ist mir nicht fremd. Die Strömungen im Atlantik kenne ich so gut wie meine eigenen Adern …«

»Du bist dir etwas zu gewiss, mein Brüderchen.«

Dazu muss man etwas wissen.

Zehn Jahre – so lange dauerte Eryks Reise nach Hause, und wahrscheinlich schaffte er es noch schneller als seine Kameraden. Er kehrte auf Umwegen zurück, über abgelegene Meere, durch die engsten Meerengen und die breitesten Buchten. Kaum leckte das offene Meer an einer Flussmündung, kaum hatte er auf einem Schiff nach Hause angeheuert, da bot sich plötzlich eine neue Gelegenheit, die ihn meistens in die entgegengesetzte Richtung führte, und wenn er einen Augenblick überlegte, kam er immer wieder zu dem Schluss, dass die größte Wahrheit doch in dem alten Argument liege, das heißt: Die Erde ist rund, legen wir uns nicht auf eine Richtung fest! Das war auch irgendwie verständlich – für jemanden, der von nirgendwo kommt, wird jede Bewegung zur Rückkehr, denn nichts hat eine solche Anziehungskraft wie die Leere.

In jenen Jahren arbeitete er unter panamaischer, australischer und indonesischer Flagge. Auf einem chilenischen Frachter brachte er japanische Autos in die Vereinigten Staaten. Auf einem südafrikanischen Tanker erlebte er eine Katastrophe an der Küste von Liberia. Er brachte Arbeiter von Java nach Singapur. Er bekam Gelbsucht und lag in Kairo im Krankenhaus. Als ihm in Marseille bei einer betrunkenen Prügelei eine Hand gebrochen wurde, trank er monatelang keinen Tropfen Alkohol, um sich in dann in Malaga bis zur Besinnungslosigkeit zu besaufen und die andere zu brechen.

Wir wollen nicht ins Detail gehen. Eryks wechselvolles Schicksal auf den Meeren interessiert uns nicht. Lieber wenden wir uns ihm zu dem Zeitpunkt zu, als er endlich am Ufer jener ihm später so verhassten Insel ankommt und auf einer kleinen primitiven Fähre zwischen den Schären Arbeit bekommt. Bei der Ausübung dieser – seiner Meinung nach erniedrigenden – Arbeit magerte Eryk ab, ja auf gewisse Weise bleichte er aus. Die tiefe Bräune wich für immer aus seinem Gesicht und hinterließ dunkle Flecken. Die Schläfen ergrauten, kleine Falten ließen seinen Blick durchdringend und scharf erscheinen. Nach dieser Einführung, die schmerzlich in sein Seelenleben eingriff, wurde er auf eine verantwortungsvollere Strecke versetzt: Jetzt steuerte er eine Fähre, die die Insel mit dem Festland verband, sie fuhr nicht an einem Seil, und das breite Deck konnte sechzehn PKW aufnehmen. Die Arbeit garantierte ihm ein festes Einkommen, Krankenversicherung und ein ruhiges Leben auf dieser Insel im Norden.

Jeden Morgen nach dem Aufstehen wusch er sich mit kaltem Wasser und kämmte mit den Fingern seinen grauen Bart. Dann zog er die dunkelgrüne Uniform der Fährgesellschaft »Vereinigte Fähren des Nordens« an und marschierte zum Hafen, wo er seine Fähre am Vorabend vertäut hatte. Kurz darauf öffnete einer vom Landpersonal – Robert oder Adam – die Pforte, und die ersten Autos standen schon in einer Reihe, um über die Eisenrampe auf Eryks Fähre zu fahren. Es war immer genug Platz, manchmal kam es sogar vor, dass die Fähre leer war, sauber, leicht, schwebend. Dann setzte sich Eryk in seine Kabine in der Höhe, hockte in seinem verglasten Krähennest, und das Ufer auf der anderen Seite erschien ihm nah. Wäre es nicht besser, eine Brücke zu bauen, als von den Leuten zu erwarten, dass sie sich mit der Hin- und Herfahrerei abplagten?

Die Gemütsverfassung war wichtig. Jeden Tag konnte er zwischen zweien auswählen. In der einen – penetrant und aufdringlich – war er schlechter als andere, ihm fehlte das, was jeder hatte, auf eine gewisse Weise war er abnorm und wusste zum Teufel noch nicht mal, was ihm fehlte. Er fühlte sich isoliert, einsam, wie ein zur Strafe eingesperrtes Kind, das aus dem Fenster den Spielen seiner glücklichen Altersgenossen zuschaut. Das Schicksal hatte ihm eine nichtssagende Rolle in den chaotischen Wanderungen der Menschheit zu Lande und zur See zugeteilt, und jetzt, seit er sich auf der Insel niedergelassen hatte, erwies sich seine Rolle auch in dieser Episode als die eines Statisten.

Die andere Gemütsverfassung hingegen bekräftigte in ihm die Überzeugung, dass er der Bessere war, einzigartig und außerordentlich. Dass er allein die Wahrheit fühlte und verstand, dass nur ihm ein außergewöhnliches Dasein zuteilgeworden war. Dieses gute Selbstwertgefühl konnte manchmal ganze Stunden, ja Tage anhalten, und dann fühlte er sich sozusagen fast glücklich. Aber das verging wie ein Alkoholrausch. Als Katzenjammer stellte sich der erschreckende Gedanke ein, dass er, wollte er in seinen eigenen Augen ein achtenswerter Mensch sein, unentwegt auf diese zwei Arten Betrug begehen müsste, und – was am schrecklichsten war – eines Tages würde die Wahrheit ans Licht kommen, und es würde sich herausstellen, dass er niemand war.

Er saß in der verglasten Kabine und sah zu, wie sich die erste Morgenfähre füllte. Er sah die alten Bekannten aus dem Städtchen. Da war die Familie R. in ihrem grauen Opel, der Vater arbeitete im Hafen, die Mutter in der Bibliothek, die Kinder, ein Junge und ein Mädchen, gingen zur Schule. Und da waren die vier Teenager, Gymnasiasten, die auf der anderen Seite mit dem Autobus weiterfuhren. Und Eliza war da, die Kindergärtnerin, mit ihrer kleinen Tochter, die sie natürlich mit zur Arbeit nahm. Der Vater der Kleinen war vor zwei Jahren plötzlich verschwunden und hatte seitdem kein Lebenszeichen mehr von sich gegeben. Eryk hatte den Verdacht, dass er irgendwo auf Walfang war. Und der alte S. kam, er hatte es an den Nieren, dreimal in der Woche musste er zur Dialyse ins Krankenhaus. Er und seine Frau hatten versucht, ihr kümmerliches Holzhäuschen zu verkaufen und näher ans Krankenhaus zu ziehen, aber es hatte nicht geklappt. Der Lieferwagen des Bioladens fuhr aufs Festland, um Ware einzukaufen. Ein schwarzes fremdes Fahrzeug, bestimmt Gäste des Regisseurs. Der gelbe Lastwagen der Brüder Albert und Albrecht, die mit der Hartnäckigkeit von Junggesellen Schafe hielten. Zwei verfrorene Fahrradfahrer. Der Kombi von der Autowerkstatt – wahrscheinlich sollte er Ersatzteile holen. Edwin winkte Eryk mit der Hand. Man hätte ihn auf jeder Insel der Welt erkennen können – er trug gern karierte Hemden mit Kunstpelzbesatz. Eryk kannte sie alle, sogar diejenigen, die er zum ersten Mal sah – er wusste, warum sie hier hergekommen waren, und wenn man das Ziel der Reise kennt, weiß man schon ausreichend viel über Menschen.

Es gab drei Gründe, auf die Insel überzusetzen. Der erste war, dass man einfach hier wohnte, der zweite, dass man beim Regisseur zu Besuch war, der dritte, dass man wegen der Windmühle gekommen war, um sich gegenseitig davor zu fotografieren.

Die Fähre brauchte zwanzig Minuten. Während dieser Zeit stiegen einige Passagiere aus den Autos und rauchten eine Zigarette, obwohl das verboten war. Andere standen an die Reling gelehnt und starrten einfach ins Wasser, bis sich ihr schaukelnder Blick endlich am anderen Ufer wieder festmachen konnte. Gleich werden sie, vom Geruch des Festlands und ihren ungeheuer wichtigen Pflichten und Aufgaben erregt, in den Gassen am anderen Ufer verschwinden, sich verlaufen wie die neunte Welle, die am weitesten reicht, in die Erde versickert und nie mehr ins Meer zurückkehrt. Doch andere kommen an ihrer Stelle. Der Tierarzt im eleganten Geländewagen, den hat er sich mit dem Sterilisieren von Katzen verdient. Eine Schulklasse auf Ausflug, die im Rahmen einer Biologieexkursion Flora und Fauna der Insel untersuchen wird. Ein Lieferwagen mit einer Ladung Bananen und Kiwi. Ein Fernsehteam, das zu einem Interview zum Regisseur fährt. Familie G., die gerade vom Besuch bei der Großmutter heimkehrt. Zwei erhitzte Fahrradfahrer anstelle der beiden anderen.

Das Ent- und Beladen der Fähre dauerte fast eine Stunde. In dieser Zeit rauchte Eryk mehrere Zigaretten und versuchte, nicht zu verzweifeln. Dann kehrte die Fähre auf die Insel zurück. Und so ging es acht Mal am Tag, mit einer zweistündigen Pause zum Mittagessen, das Eryk jedes Mal in derselben Kneipe aß. Eine von drei Kneipen in der Gegend. Nach der Arbeit kaufte er Kartoffeln, Zwiebeln und Speck. Zigaretten und Alkohol. Er versuchte immer, bis zum Nachmittag nichts zu trinken, aber nach der sechsten Überfahrt war er schon voll.

Gerade Strecken – wie demütigend sie sind. Wie sie den Geist abtöten. Was für eine perfide Geometrie, die uns zu Idioten macht – hin und her, die Parodie einer Reise. Aufbrechen, um gleich darauf zurückzukehren. Beschleunigen, um sofort abzubremsen.

Eryks kurze stürmische Ehe war auch so gewesen. Maria war geschieden, sie arbeitete in einem Laden und hatte einen Sohn, der in der Stadt auf die Mittelschule ging und dort auch im Internat war. Eryk zog bei ihr ein, in ihr gemütliches hübsches Haus mit riesigem Fernseher. Sie hatte eine schlanke Taille, üppige Rundungen, helle Haut, und sie trug eng anliegende Leggings. Rasch lernte sie, Kartoffeln auf Speck zuzubereiten und gab noch Majoran und Muskatnuss dazu. Er hackte dafür an seinen freien Tagen mit Begeisterung Holz für den Kamin. Es hielt anderthalb Jahre, dann ging ihm alles auf die Nerven: das unablässige Murmeln des Fernsehers, das grelle Licht, der Lappen neben dem Aufwischtuch, auf den man die schmutzigen Schuhe stellen musste, und auch die Muskatnuss. Als er sich ein paarmal betrunken und den Matrosen mit erhobenem Finger Ansprachen gehalten hatte, warf sie ihn aus dem Haus und zog bald darauf zu ihrem Sohn aufs Festland.

*

Es war der 1. März, Aschermittwoch. Als Eryk die Augen aufschlug, sah er das graue Licht und Schneeregen, der auf den Scheiben schmierige Spuren hinterließ. Sein alter Name fiel ihm ein. Er hatte ihn fast vergessen. Er sprach ihn laut aus, und es hörte sich an, als hätte ein Fremder ihn gerufen. Im Kopf verspürte er den wohlbekannten Druck nach dem gestrigen Betrinken.

Wir müssen nun wissen, dass die Chinesen zwei Namen haben. Der eine wird von den Eltern gegeben, mit ihm wird das Kind gerufen, gerügt, zur Ordnung gemahnt und auch in zärtlichen Koseformen angesprochen. Doch wenn das Kind hinaus ins Leben geht, sucht es sich einen anderen Namen aus, einen äußeren, weltlichen Namen, eine Namen-Person. Diesen Namen legt es an wie eine Uniform, wie ein Chorhemd, einen Kampfgürtel, Kleidung für einen offiziellen Cocktailempfang. Dieser Name ist praktisch und leicht zu merken. Von nun an wird er von dem Menschen zeugen. Je weltweiter, universaler, leichter wiederzuerkennen er ist, umso besser. Fort mit der lokalen Begrenztheit unserer Namen. Fort mit Oldrzich, Sung Yin, Kazimierz und Jyrek, fort mit Blazen, Liu und Milica. Es lebe Michael, Judith, Anna, Jan, Samuel und Eryk!

Und heute antwortete Eryk auf den Ruf bei seinem alten Namen: Hier bin ich.

Niemand kennt ihn, deshalb werde ich ihn auch nicht nennen.

Der Mann namens Eryk zog seine grüne Uniform mit den Abzeichen der »Vereinigten Fähren des Nordens« an, kämmte sich mit den Fingern durch den Bart, schaltete in seinem verkümmerten Häuschen die Heizung aus und machte sich auf den Weg an der asphaltierten Straße entlang. Während er in seinem Glaskasten das Beladen der Fähre abwartete, trank er ein Bier aus der Dose und steckte sich die erste Zigarette an. Von oben winkte er Eliza und ihrer kleinen Tochter zu, ganz freundschaftlich, als wollte er sie dafür entschädigen, dass sie heute den Kindergarten nicht erreichen würden.

Als die Fähre vom Ufer abgelegt hatte und schon auf halbem Wege zwischen den beiden Anlegestellen war, zögerte er plötzlich und nahm dann Kurs aufs offene Meer.

Nicht jeder merkte, was los war. Manche waren so an die Routine der geraden Strecke gewöhnt, dass sie abgestumpft und gleichgültig auf den sich entfernenden Küstenstreifen blickten, was mit Sicherheit Eryks alkoholisierte Theorien bekräftigte, dass das Reisen auf Fähren die Gehirnwindungen geradebiegt. Andere merkten nach kurzer Zeit, was geschah.

»Eryk, was machst du da! Kehr sofort um!«, schrie Alfred ihm zu, und Eliza schaltete sich mit hoher kreischender Stimme ein: »Die Leute werden zu spät zur Arbeit kommen!«

Alfred wollte zu Eryk hinaufsteigen, doch der hatte die kleine Pforte vorsichtshalber geschlossen und den Schlüssel in seiner Kabine herumgedreht.

Er sah von oben, wie alle gleichzeitig ihre Mobiltelefone hervorholten und anriefen, empört etwas in den leeren Raum sprachen und dazu aufgeregt gestikulierten. Er konnte sich denken, was sie sagten. Dass sie sich zur Arbeit verspäten würden, dass sie gespannt sind, wer ihnen eine Entschädigung für den seelischen Schaden bezahlen wird, dass man nicht solche Trunkenbolde einstellen dürfte, dass alle wussten, dass es so enden würde, dass es nicht genug Arbeit für die Einheimischen gebe, während hier solche Immigranten eingestellt würden; egal wie gut so einer die Sprache gelernt hätte, es blieb doch immer ein …

Eryk kümmerte sich einfach nicht darum. Befriedigt stellte er fest, dass sie sich nach einiger Zeit beruhigten, sich auf ihre Plätze setzten und zuschauten, wie der Himmel aufklarte und zwischen den Wolken schöne Lichtgarben direkt ins Meer fallen ließ. Nur eines machte ihm Sorgen, und zwar das hellblaue Mäntelchen von Elizas Tochter, das war (wie jeder Seewolf wusste) auf einem Schiffsdeck ein schlechtes Omen. Er kniff die Augen zusammen und versuchte, nicht dran zu denken. Er nahm Kurs auf den Ozean und brachte den Fahrgästen eine Kiste Cola und Salzstangen hinunter, die er schon lange für diesen Anlass besorgt und bereitgestellt hatte. Offensichtlich tat ihnen dieser kleine Imbiss gut, denn die Kinder, den Blick auf die immer ferner entschwindende Küste der Insel geheftet, wurden still, und die Erwachsenen zeigten wachsendes Interesse an der Reise.

»Wohin hast du Kurs genommen?«, fragte der Jüngere der Brüder T. und musste von der Cola aufstoßen.

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17 şubat 2025
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457 s. 12 illüstrasyon
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9783311700449
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