Kitabı oku: «Gesang der Fledermäuse»

Yazı tipi:

Olga Tokarczuk

Gesang der Fledermäuse

Roman

Aus dem Polnischen von Doreen Daume

Kampa

Für Zbyszek und Agata

1 Und jetzt aufgepasst!

»Einst, fromm und auf gefährlichem Pfad,

Hielt der Gerechte fest an seinem Weg

Durch das Tal des Todes.«

Mein Alter und auch mein Zustand erfordern es mittlerweile, dass ich mir vor dem Zubettgehen ordentlich die Füße wasche, für den Fall, dass ich in der Nacht von einem Krankenwagen abgeholt werden muss.

Wenn ich an jenem Abend in den Ephemeriden nachgesehen hätte, was am Himmel passiert, dann hätte ich mich überhaupt nicht schlafen gelegt. Doch so hatte ich noch mit einem Tässchen Hopfentee und zwei Baldrian-Dragees nachgeholfen und war fest eingeschlafen. Deshalb konnte ich auch zunächst nicht richtig zu mir kommen, als mich mitten in der Nacht ein rücksichtsloses, heftiges und unheilverkündendes Hämmern an meiner Tür weckte. Ich rappelte mich auf und stand schwankend neben dem Bett – mein verschlafener, zitternder Körper schaffte den Sprung vom unschuldigen Schlaf ins plötzliche Wachsein nicht auf Anhieb. Schwäche überkam mich, und ich taumelte, wie kurz vor einer Ohnmacht. Das war in letzter Zeit häufiger vorgekommen, es hat mit meinem Leiden zu tun. Ich musste mich setzen und mir einige Male sagen: Ich bin zu Hause, und es ist Nacht, jemand hämmert an meine Tür. Erst dann bekam ich meine Nerven wieder in den Griff. Während ich im Dunkeln meine Pantoffeln suchte, hörte ich, wie derjenige, der gehämmert hatte, jetzt vor sich hinmurmelnd ums Haus ging. Unten, im Elektrozählerkasten habe ich eine Dose Pfefferspray, das ich einmal von Dionizy wegen der Wilderer bekommen habe, es fiel mir jetzt wieder ein. Ich tastete nach der vertrauten, kühlen Form der Spraydose, und so bewaffnet knipste ich das Außenlicht an. Durch das Seitenfenster sah ich auf die Veranda. Der Schnee knirschte, und vor mir tauchte mein Nachbar Matoga auf. Um seine Hüften hielt er einen alten Pelz zusammen, worin ich ihn schon einige Male gesehen hatte, wenn er beim Haus arbeitete. Unter diesem Pelz schauten seine Beine hervor, sie steckten in einem gestreiften Pyjama und Bergschuhen.

»Mach auf!«, sagte er.

Mit unverhohlener Verwunderung musterte er meinen leinenen Sommeranzug (ich schlafe meistens in den Sachen, die Herr und Frau Professor im Sommer wegwerfen wollen und die mich an die Mode und die Jahre meiner Jugend erinnern – so verbinde ich das Nützliche mit dem Sentimentalen), und ohne sich zu entschuldigen trat er ein.

»Zieh dich bitte an, Bigfoot ist tot.«

Vor Schreck konnte ich nichts sagen, wortlos zog ich die hohen Schneestiefel an, nahm die erstbeste Fleecejacke vom Bügel und warf sie mir über. Draußen, im Lichtflecken der Flurlampe verwandelte sich das Schneien in ein langsames verschlafenes Tröpfeln. Matoga stand schweigend neben mir, groß und schlank, knochig wie eine flüchtig skizzierte Bleistiftfigur. Bei jeder Bewegung rieselte Schnee von ihm herab wie Puderzucker von den Fastnachtskrapfen.

»Was heißt ist tot?«, fragte ich endlich, während ich mit zugeschnürter Kehle die Tür öffnete, doch Matoga gab keine Antwort.

Er spricht auch sonst nicht viel. Ich glaube, sein Merkur steht in einem Zeichen des Schweigens, vielleicht im Steinbock, oder in der Konjunktion, im Quadrat, oder vielleicht in Opposition zum Saturn. Vielleicht war der Merkur auch gerade rückläufig unterwegs gewesen, das hat immer Verschlossenheit zur Folge.

Wir verließen das Haus, und sofort umfing uns die wohlbekannte kalte und feuchte Luft, die uns jeden Winter wieder daran erinnert, dass die Welt nicht für den Menschen geschaffen ist und uns jetzt mindestens ein halbes Jahr lang zeigen wird, wie unfreundlich sie uns gesonnen ist. Der Frost schlug brutal an unsere Wangen, und aus dem Mund stiegen uns weiße Dampfwölkchen. Das Licht im Flur erlosch automatisch, und wir stapften in völliger Dunkelheit durch den knirschenden Schnee. Nur Matogas Stirnlampe durchlöcherte mit einem vorwärts hüpfenden Fleck die Dunkelheit vor ihm. Ich tappte hinter ihm her.

»Hast du keine Taschenlampe?«, fragte er.

Natürlich hatte ich eine, aber wo? Das würde ich erst am nächsten Morgen sagen können. So ist es mit Taschenlampen: Am besten man sucht sie, wenn es hell ist.

Das Haus von Bigfoot stand etwas abseits, höher als die anderen Häuser in der Umgebung. Er war einer der drei ganzjährigen Bewohner. Nur er, Matoga und ich wohnten immer hier, wir fürchteten den Winter nicht. Die übrigen Bewohner dichteten ihre Türen schon im Oktober ab, ließen das Wasser aus den Leitungen und zogen in die Stadt.

Wir gingen auf dem verschneiten Weg, der durch unsere Siedlung führte und von dem aus einzelne Pfade zu den Häusern hin abbogen. Zu Bigfoot führte nur ein Trampelpfad im tiefen Schnee, er war so schmal, dass man die Füße einen hinter den anderen setzen und immer auf das Gleichgewicht achten musste.

»Es wird kein schöner Anblick.« Matoga wandte sich zu mir um, und seine Lampe blendete mich.

Ich hatte nichts anderes erwartet. Nach kurzem Schweigen sagte er, wie um sich zu entschuldigen: »Das Licht in seiner Küche war irgendwie unheimlich. Und seine Hündin hat so verzweifelt gebellt. Hast du nichts gehört?«

Nein, ich hatte nichts gehört. Ich hatte geschlafen, betäubt vom Hopfen und vom Baldrian.

»Wo ist sie jetzt, die Hündin?«

»Ich habe sie zu mir mitgenommen und habe sie gefüttert. Sie hat sich, glaube ich, inzwischen beruhigt.«

Wieder schwiegen wir.

»Er ist immer früh schlafen gegangen und hat das Licht ausgemacht, um zu sparen, aber diesmal hat das Licht gebrannt und gebrannt. Ein heller Streifen im Schnee. Den konnte ich von meinem Schlafzimmerfenster aus sehen. Also bin ich hingegangen, ich dachte, er ist vielleicht betrunken, oder vielleicht hat er dem Hund was getan, dass der so winselt.«

Wir gingen an einer verfallenen Scheune vorbei, und das Licht von Matogas Stirnlampe fiel auf zwei grünliche, im Dunkeln fluoreszierende Augenpaare.

»Schau, Rehe«, flüsterte ich aufgeregt und packte Matoga am Ärmel. »So nah am Haus. Die müssten doch Angst kriegen.«

Die Rehe standen fast bis zum Bauch im Schnee. Sie sahen uns ruhig an, als hätten wir sie bei der Ausübung eines Rituals angetroffen, dessen Sinn sich uns nicht erschließen konnte. In der Dunkelheit konnte ich nicht erkennen, ob es die Weibchen waren, die im Herbst aus Tschechien herübergekommen waren. Vielleicht waren sie neu dazugekommen? Und warum nur zwei? Die aus Tschechien waren zu viert gewesen.

»Geht heim«, sagte ich und machte eine Handbewegung. Sie zuckten zusammen, bewegten sich aber nicht von der Stelle. Mit ihren Blicken begleiteten sie uns bis zur Tür. Ich schauderte.

Matoga stampfte mit den Füßen, um den Schnee von den Schuhen abzuklopfen. Wir standen vor der Tür des verwahrlosten Hauses, dessen kleine Fenster mit Folie und Papier abgedichtet waren. Die Holztüren waren mit schwarzer Teerpappe beschlagen.

Vor den Wänden des Flurs lag unordentlich geschichtetes Brennholz. Es war ungemütlich hier, man konnte es kaum anders bezeichnen. Schmutzig und heruntergekommen. Überall roch es nach Feuchtigkeit, nach nassem Holz und gefräßiger Erde. Der Rauchgestank vieler Jahre klebte wie eine fettige Schicht an den Wänden.

Die Küchentür war angelehnt, und ich sah sofort den auf der Erde liegenden Körper von Bigfoot. Mein Blick prallte zurück. Es dauerte einen Moment, bis ich wieder hinsehen konnte. Der Anblick war grauenhaft.

Er lag seltsam verdreht da, mit den Händen am Hals, als wolle er einen drückenden Kragen wegreißen. Langsam, wie hypnotisiert, ging ich näher. Ich sah seine offenen Augen, die irgendwohin unter den Tisch starrten. Das schmutzige Unterhemd war um den Hals herum ausgerissen. Es sah aus, als hätte der Körper mit sich selbst gerungen und sich schließlich geschlagen gegeben. Mir wurde kalt vor Entsetzen, mein Blut stockte in den Adern, oder es war gänzlich aus meinen Extremitäten gewichen. Noch gestern hatte ich diesen Körper lebendig gesehen.

»Mein Gott«, stammelte ich. »Was ist da passiert?«

Matoga zuckte die Achseln.

»Ich konnte telefonisch nicht zur Polizei durchkommen, wir sind wieder im tschechischen Netz.«

Ich zog mein Handy aus der Tasche und tippte die Nummer, die ich aus dem Fernsehen kannte – 997, und nach einer Weile meldete sich ein tschechischer Anrufbeantworter. So ist das hier. Die Reichweite verlagert sich ständig, sie hält sich nicht an Staatsgrenzen. Manchmal verläuft die Grenze zwischen den Anbietern durch meine Küche, sie kann aber auch plötzlich vor Matogas Haus stehen oder auf der Veranda, man kann ihre Launen kaum vorhersehen.

»Wir müssen höher hinauf, auf den Berg.« Doch wir wussten beide, wir durften keine Zeit verlieren.

»Bevor irgendwer kommt, wird er schon steif sein.« Matoga hatte einen Ton angeschlagen, den ich gerade bei ihm nicht ausstehen konnte. Als hätte er die Weisheit mit Löffeln gefressen. Er zog seinen Pelz aus und hängte ihn über eine Stuhllehne. »Wir können ihn hier nicht so liegen lassen. Es sieht furchtbar aus. Schließlich war er unser Nachbar.«

Ich betrachtete den armen, verkrümmten Körper von Bigfoot, und ich konnte kaum glauben, dass ich mich noch gestern vor diesem Menschen gefürchtet hatte. Ich hatte ihn nie gemocht. Nein, das war zu wenig gesagt. Vielmehr hatte ich ihn abstoßend gefunden, widerlich. Eigentlich hatte ich ihm alle menschlichen Eigenschaften abgesprochen. Jetzt lag er da auf dem fleckigen Fußboden, in schmutziger Wäsche, klein und mager, kraftlos und harmlos. Er war ein Stück Materie, die sich infolge schwer vorstellbarer Einwirkungen in ein von allem abgeschnittenes, vergängliches Wesen verwandelt hatte. Das berührte mich schmerzhaft, denn auch ein abscheulicher Mensch wie dieser verdiente den Tod nicht. Doch wer verdiente ihn schon? Auch mich wird dieses Schicksal einmal treffen, ebenso wie Matoga und die beiden Rehe da draußen. Irgendwann einmal werden wir alle nichts anderes sein als totes Fleisch.

Ich sah Matoga trostsuchend an, doch er war schon dabei, das zerwühlte Schlaflager auf der desolaten Couch herzurichten, und so versuchte ich mich gedanklich selbst zu trösten. Es könnte sein, dass der Tod von Bigfoot in gewissem Sinne sein Gutes hatte. Sein Tod hatte ihn von dem Chaos befreit, aus dem sein Leben bestanden hatte. Und er hatte andere Lebewesen von ihm befreit. Ja, plötzlich wurde mir die Güte und Gerechtigkeit des Todes klar. Er ist wie ein Desinfektionsmittel, wie ein Staubsauger. Ich gestehe, dass ich wirklich so etwas dachte und eigentlich noch immer denke.

Bigfoot war mein Nachbar gewesen. Zwischen unseren Häusern lag kaum ein halber Kilometer, aber ich hatte selten etwas mit ihm zu tun gehabt. Zum Glück. Ich sah ihn meistens von Weitem – seine winzige, sehnige Gestalt, die sich, immer etwas schwankend, vor dem Hintergrund der Landschaft vorwärtsbewegte. Beim Gehen brabbelte er vor sich hin, und manchmal hinterbrachte mir die winddurchwehte Akustik des Hochplateaus Fetzen dieses simplen, wenig abwechslungsreichen Monologs. Sein Wortschatz bestand vorwiegend aus Flüchen, an die er lediglich Eigennamen hängte.

Er kannte im Wald jedes Stückchen Erde, offenbar war er hier geboren worden und nie weiter als bis nach Glatz gekommen. Er wusste, womit man hier gut verdiente, was man wem verkaufen könnte. Pilze, Beeren, gestohlenes Holz, Unterzündholz, Drahtschlingen, die jährliche Rallye mit Geländewagen, die Jagd. Der Wald ernährte diesen Gnom. Er hätte also den Wald respektieren sollen, doch das tat er nicht. Einmal, in einem August, als die Landschaft von der Sonne ausgedorrt war, hatte er ein ganzes Blaubeergebiet angezündet. Ich hatte die Feuerwehr gerufen, aber es konnte nicht viel gerettet werden. Was ihn dazu bewogen hatte, habe ich nie erfahren. Im Sommer wanderte er immer mit einer Säge durch die Gegend und legte Bäume um, die in vollem Saft standen. Einmal hatte ich ihn höflich darauf aufmerksam gemacht, mit mühsam zurückgehaltenem Zorn, und er zischte mir darauf nur so etwas wie »hau ab, Alte« entgegen, allerdings etwas drastischer ausgedrückt. Bigfoot verdiente dazu, indem er hier und da etwas klaute, ein Ding drehte oder irgendetwas organisierte. Wenn die Sommergäste draußen eine Laterne oder eine Heckenschere liegen ließen – Bigfoot packte sofort die Gelegenheit beim Schopf und sackte sie ein, denn solche Dinge konnte er später in der Stadt zu Geld machen. Wenn es nach mir gegangen wäre, hätte er schon oft bestraft werden oder sogar ins Gefängnis wandern müssen. Ich weiß nicht, wie es kam, dass er immer irgendwie davonkam. Vielleicht beschützte ihn irgendein Engel. Es soll ja vorkommen, dass die auf der falschen Seite stehen.

Ich wusste auch, dass er auf alle möglichen Arten wilderte. Den Wald behandelte er wie sein Eigentum – alles darin gehörte ihm, und er plünderte ihn nach Bedarf.

Viele Nächte hatte ich seinetwegen nicht geschlafen. Doch ich war machtlos. Einige Male hatte ich die Polizei angerufen. Wenn dort überhaupt jemand abhob, nahm er meine Beschwerde zwar höflich entgegen, doch dann passierte nichts. Bigfoot drehte weiterhin seine Runden, mit einem Bündel Drahtschlingen über der Schulter, lautstark Verwünschungen ausstoßend. Eine kleine, boshafte Gottheit. Böswillig und unberechenbar. Ständig war er leicht betrunken, und wahrscheinlich war er deswegen immer so schlecht gelaunt. Er schimpfte vor sich hin und hieb mit einem Stock auf die Baumstümpfe ein, als wolle er sie von seinem Weg vertreiben. Vielleicht war er schon leicht benebelt auf die Welt gekommen. Oft folgte ich ihm auf seinen Pfaden und sammelte die primitiven Drahtfallen wieder ein, die er auslegte. Es waren Drahtschlingen, die an jungen hinuntergebogenen Bäumen fixiert waren, sodass das Tier, wenn es hineingeriet, mit dem Hochschnellen des Baumes in die Luft geschleudert wurde und dort baumelte. Manchmal fand ich derart getötete Tiere – Hasen, Dachse und Rehe.

»Wir müssen ihn auf die Liege betten«, sagte Matoga. Dieser Gedanke gefiel mir nicht. Es gefiel mir nicht, ihn anfassen zu müssen.

»Ich glaube, wir müssen auf die Polizei warten«, erwiderte ich. Aber Matoga hatte den Platz auf der Couch schon vorbereitet und krempelte die Ärmel hoch. Er blickte mich aus seinen hellen Augen durchdringend an.

»Du würdest auch nicht wollen, dass man dich so findet. In einem solchen Zustand. Das ist unmenschlich.«

Ja, tatsächlich, ein menschlicher Körper ist unmenschlich. Besonders ein toter.

Ist es denn kein finsteres Paradoxon, dass wir uns jetzt mit dem Körper von Bigfoot abgeben müssen, dass er uns seinen Körper als letzte Sorge überlassen hatte? Ausgerechnet uns, den Nachbarn, die er nicht respektiert, nicht gemocht hatte, die ihm ganz egal gewesen waren?

Wenn es nach mir ginge, dann käme es nach dem Tod zur Annihilation der Materie. Das wäre die passendste Art, mit ihr umzugehen. Die annihilierten Leichen würden auf diese Weise direkt in die schwarzen Löcher zurückkehren, aus denen sie gekommen wären. Und die Seelen würden mit Lichtgeschwindigkeit zum Licht sausen. Wenn es so etwas wie eine Seele überhaupt gibt.

Ich überwand meinen ungeheuren Widerstand und tat, was Matoga von mir verlangte. Wir packten den Leichnam an Händen und Füßen und zogen ihn auf die Couch. Überrascht stellte ich fest, wie schwer er war. Er war überhaupt nicht kraftlos, sondern eher bockig, steif und sperrig wie gestärkte, eben aus der Mangel gezogene Bettwäsche. Ich sah die Socken, oder eher das, was anstelle von Socken an seinen Füßen war – schmutziggraue, fleckige Fußlappen aus in Streifen gerissenen Bettlaken. Ich weiß nicht, warum der Anblick dieser Fußlappen mich wie ein Schlag traf, auf die Brust, auf mein Zwerchfell, auf meinen ganzen Körper, sodass ich unwillkürlich aufschluchzte. Matoga sah mich kühl und flüchtig an, in seinem Blick lag eine deutliche Rüge.

»Wir müssen ihn anziehen, bevor sie kommen«, sagte er, und ich sah, wie auch sein Kinn beim Anblick dieses menschlichen Elends zitterte, auch wenn er das aus welchen Gründen auch immer nie zugegeben hätte.

Also versuchten wir zunächst, ihm das schmutzige, stinkende Unterhemd auszuziehen, doch es war ein Ding der Unmöglichkeit, es ihm über den Kopf zu ziehen. Matoga holte aus seiner Tasche ein kompliziertes Taschenmesser und schnitt den Stoff über der Brust auf. Bigfoot lag jetzt halbnackt vor uns auf der Couch, haarig wie ein Troll, die Brust und die Hände vernarbt, mit unleserlichen Tätowierungen, in denen ich nichts Sinnvolles erkennen konnte. Seine Augen waren ironisch zusammengekniffen, während wir in seinem desolaten Schrank etwas Anständiges zum Anziehen für ihn suchten, bevor sein Körper für immer erstarren und wieder zu dem werden würde, was er seinem Wesen nach immer gewesen war: ein Klümpchen Materie. Seine zerrissene Unterhose guckte unter der fast neuen, silbrigen Trainingshose hervor.

Vorsichtig nahm ich ihm die ekelhaften Fußlappen ab und sah mit Staunen seine Füße. Ich war immer der Meinung, dass die Füße unsere intimsten und persönlichsten Körperteile sind, ganz und gar nicht die Genitalien, auch nicht das Herz oder gar das Gehirn. Das sind nur Organe, ohne Bedeutung. Auch wenn diese Bedeutung immer überschätzt wird. Doch es sind die Füße, in denen das ganze Wissen zum Thema Mensch liegt. Der wichtigste Sinn dessen, was uns wirklich ausmacht, fließt aus dem Körper in die Füße. Wie wir uns der Erde gegenüber verhalten. In der Berührung mit der Erde, dort wo die Erde auf den Körper trifft, steckt das ganze Geheimnis: dass wir aus den Grundelementen der Materie gebaut und gleichzeitig dieser Erde fremd sind, losgelöst von ihr. Die Füße – das sind unsere Kontaktstecker. Und jetzt waren diese nackten Füße für mich der Beweis, dass Bigfoot woandersher stammen musste. Er konnte kein Mensch sein. Es musste sich um eine namenlose Form handeln, eine von denen, die – wie unser Blake sagt – Metalle in der Unendlichkeit auflöst, ihre Ordnung in Chaos verwandelt. Vielleicht war er so etwas wie ein Dämon. Dämonische Wesen kann man immer an den Füßen erkennen, sie haben eine andere Art, wie sie der Erde ihren Stempel aufdrücken.

Diese Füße, lang und schmal, mit ihren schlanken Zehen, mit ihren schwarz umrandeten, eingewachsenen Nägeln, schienen Greiforgane zu sein. Die große Zehe stand etwas von den anderen ab, wie ein Daumen. Sie waren dicht und schwarz behaart. Hat irgendwer so etwas schon gesehen? Matoga und ich wechselten einen Blick.

Im fast leeren Schrank fanden wir einen kaffeebraunen Anzug, er hatte ein paar Flecken, schien aber sonst kaum getragen. Ich hatte Bigfoot nie darin gesehen. Er lief immer in Filzstiefeln und verschlissenen Hosen herum, dazu ein kariertes Hemd und eine Steppweste, egal zu welcher Jahreszeit.

Das Ankleiden des Verstorbenen erinnerte mich an Liebkosungen. Ich glaube nicht, dass Bigfoot zu Lebzeiten je irgendwelche Zärtlichkeiten erfahren hatte. Wir hoben ihn vorsichtig an den Schultern hoch, um ihn anzuziehen. Sein Gewicht drückte auf meine Brust, und eine Welle natürlichen Ekels überlief mich. Mir wurde übel. Doch dann kam es mir plötzlich in den Sinn, diesen Körper an meinen zu drücken, ihm auf den Rücken zu klopfen und etwas Beruhigendes zu sagen: Mach dir nichts draus, wird schon wieder. Ich tat es nicht, mit Rücksicht auf Matoga. Es wäre ihm wahrscheinlich irgendwie pervers vorgekommen.

Die nicht ausgeführte Geste verwandelte sich in einen Gedanken. Bigfoot tat mir leid. Vielleicht hatte ihn seine Mutter ausgesetzt, und er war sein ganzes trauriges Leben lang unglücklich gewesen. Langjähriges Unglücklichsein zerstört einen Menschen mehr als eine tödliche Krankheit. Ich hatte bei ihm nie Gäste gesehen, weder Familienmitglieder noch Freunde kamen zu ihm. Nicht einmal die Pilzsammler blieben bei seinem Haus stehen, um ein wenig zu plaudern. Die Leute hatten Angst vor ihm, keiner mochte ihn. Offenbar unterhielt er nur mit den Jägern ein wenig Kontakt, wenn auch selten. Ich glaube, er war um die fünfzig, ich hätte viel gegeben, um sein achtes Haus zu sehen, ob es da bei ihm nicht zufällig irgendwelche miteinander vermischten Aspekte von Neptun und Pluto und Mars im Aszendenten gab. Mit der Kettensäge in seinen Händen hatte er immer an ein Raubtier erinnert, das nur lebt, um den Tod zu säen und Leiden zuzufügen.

Um ihm die Jacke anzuziehen, hievte ihn Matoga in die Sitzposition, und da sahen wir seine große geschwollene Zunge und dass er noch etwas anderes im Mund hatte. Ich zögerte. Doch dann biss ich die Zähne zusammen und griff, vor Ekel schaudernd, vorsichtig nach der Spitze dieses Etwas, wobei meine Hand immer wieder zurückzuckte. Endlich hielt ich zwischen den Fingern einen kleinen Knochen, lang und dünn, spitz wie ein Stilett. Den leblosen Lippen entfuhr ein kehliges Glucksen und etwas Luft, ein leises Pfeifen, fast wie ein Seufzer. Wir schreckten beide vom Toten zurück, und sicher fühlte Matoga dasselbe wie ich: nacktes Entsetzen. Besonders, als kurz darauf aus seinem Mundwinkel ein wenig dunkelrotes, fast schwarzes Blut quoll. Es war etwas Unheilvolles, das aus ihm heraussickerte.

Wir erstarrten wie im Schock.

»Also das war es.« Matogas Stimme zitterte. »Er ist erstickt. An einem Knochen erstickt. Der Knochen ist ihm im Hals stecken geblieben. Er hat ihn nicht rausgekriegt, und er ist daran erstickt.« Nervös wiederholte er den gleichen Satz ein ums andere Mal. Und dann, als wolle er sich selbst beruhigen: »An die Arbeit. Es ist nicht angenehm, aber die Pflicht gegenüber dem Nächsten ist nun einmal selten angenehm.«

Er hatte sich zum Befehlshaber dieser Nachtschicht ernannt, und ich fügte mich.

Wir konzentrierten uns nun auf die undankbare Aufgabe, Bigfoot in den kaffeebraunen Anzug zu stecken und ihn in eine würdige Position zu lagern. Ich hatte lange keinen fremden Körper berührt, schon gar keinen Toten. Ich spürte, wie die Starre ihn mehr und mehr durchdrang, wie sein Körper von Minute zu Minute versteinerte. Wir beeilten uns. Und als Bigfoot bereits im Sonntagsanzug vor uns lag, verlor sein Gesicht endgültig seinen menschlichen Ausdruck: Nun war er ein Leichnam, daran bestand kein Zweifel mehr. Allein der rechte Zeigefinger wollte nicht gehorchen und in der traditionellen Position brav gefalteter Hände bleiben. Er ragte nach oben, als wolle er damit unsere Aufmerksamkeit erregen, als wolle er unsere nervösen, hastigen Anstrengungen unterbrechen. »Und jetzt aufgepasst!«, sagte der Finger. »Jetzt passt mal auf, denn hier ist etwas, was ihr nicht seht, es ist der wesentliche Ausgangspunkt eines Prozesses, der euch verborgen ist, und er ist höchst bemerkenswert. Ihm ist es zu verdanken, dass wir uns alle an diesem Ort eingefunden haben, zu dieser Zeit, in diesem kleinen Haus auf dem Hochplateau, tief im Schnee, tief in der Nacht. Ich als toter Körper, und ihr, zwei ältliche Menschenwesen, die keinerlei Bedeutung haben. Doch das ist erst der Anfang. Erst jetzt geht alles richtig los.«

Matoga und ich standen in der feuchtkalten Kammer, in dieser frostigen Einöde, in dieser grauen Stunde, und ich dachte, dass dieses Etwas, das aus einem toten Körper ausfährt, ein Stück Welt mit sich fortnimmt. Ganz egal, ob böse oder gut, schuldbeladen oder makellos, was zurückbleibt, ist ein großes Nichts.

Ich blickte durchs Fenster. Der Morgen graute, und langsam füllte sich dieses Nichts mit behäbigen Schneeflocken. Sie fielen gemächlich, sie drehten sich in der Luft um die eigene Achse wie Federn.

Bigfoot war von uns gegangen, also konnte man ihm gegenüber schwerlich Wut oder Groll hegen. Nur sein Körper war geblieben, tot, in einen Anzug gesteckt. Er schien jetzt ruhig und zufrieden zu sein, als freute sich sein Geist über die Befreiung von der Materie und als freute sich die Materie über die Befreiung von seinem Geist. In kurzer Zeit hatte sich eine metaphysische Scheidung vollzogen. Schluss.

Wir setzten uns in die Küche, und Matoga nahm eine halbvolle Wodkaflasche vom Tisch. Er fand zwei saubere Gläser und schenkte ein, erst mir, dann sich selbst. Durch das zugeschneite Fenster sickerte langsam das Morgengrauen, milchig wie Krankenhauslicht, und in diesem Licht sah ich, dass Matoga unrasiert war und seine Bartstoppeln genauso grau waren wie mein Haar, ich sah seinen verwaschenen, blauweiß gestreiften, schlabberigen Pyjama unter seinem Schaffellmantel, und ich sah alle möglichen Flecken auf dem Mantel.

Ich trank ein großes Glas Wodka, und mein Inneres erwärmte sich.

»Ich glaube, wir haben ihm gegenüber unsere Pflicht getan. Wer sonst hätte es tun sollen?« Matoga sprach mehr zu sich selbst als zu mir. »Er war ein armer kleiner Dreckskerl, aber was soll’s?«

Er schenkte sich noch ein Glas ein, kippte es hinunter und schüttelte sich angewidert. Er hatte sichtlich keine Übung darin.

»Ich gehe telefonieren.« Er ging hinaus, vielleicht war ihm schlecht geworden.

Ich stand auf und inspizierte das entsetzliche Durcheinander in der Hoffnung, irgendwo Bigfoots Personalausweis mit seinem Geburtsdatum zu finden. Das wollte ich wissen, ich wollte seine Rechnungen überprüfen.

Auf dem mit verschlissenem Wachstuch bedeckten Tisch stand eine Pfanne mit den gebratenen Stücken eines Tieres, und im Kochtopf daneben schlummerte unter einer weißen Fettschicht eine Rote-Bete-Suppe. Eine abgeschnittene Brotscheibe, Butter in goldener Folie. Auf dem mit abgetretenem Linoleum ausgelegten Boden lagen noch weitere Tierreste, die mit dem Teller auf den Boden gefallen waren, auch Gläser und Kekskrümel. Alles war auf dem schmutzigen Boden zertrampelt und verschmiert.

Plötzlich fiel mein Blick auf etwas, das mein Gehirn erst nach längerem Hinsehen erkannte, weil es sich dagegen wehrte: Auf einem Blechtablett auf der Fensterbank lag ein sorgfältig abgetrennter Rehschädel. Daneben vier Rehbeine. Die halb offenen Augen hatten unser Hantieren die ganze Zeit aufmerksam verfolgt.

Es war eines dieser ausgehungerten Rehe, die sich im Winter naiv in eine Falle mit angefrorenen Äpfeln locken lassen und die dann, von der Schlinge erfasst, qualvoll vom Draht erwürgt werden.

Als mir langsam bewusst wurde, was hier geschehen war, packte mich das Grauen. Er hatte das Reh mit einer Drahtschlinge gefangen, es umgebracht, sein Fleisch zerstückelt, gebraten und gegessen. Ein Lebewesen hatte ein anderes aufgegessen, schweigend, in aller Stille, in der Nacht. Niemand hatte protestiert, kein Blitz war hineingefahren. Doch der Dämon war seiner Strafe nicht entgangen, obwohl keine Menschenhand seinen Tod herbeigeführt hatte.

Rasch, mit zitternden Händen schob ich die Überreste, alle kleineren Knochen, zu einem Haufen zusammen, um sie später zu begraben. Ich stopfte alles in eine alte Plastiktüte, die herumlag, jeden einzelnen der kleinen Knochen packte ich in dieses Leichentuch aus Plastik. Auch den Schädel steckte ich in die Tüte.

Ich wollte den Geburtstag von Bigfoot erfahren, der Wunsch war so dringend, dass ich im Geschirrschrank, unter vielen anderen Papieren, Kalenderblättern und Zeitungen nervös seinen Ausweis suchte und die Schubladen durchwühlte, wo man in Landhäusern die Dokumente aufbewahrte. Dort fand ich ihn auch, in einer kaputten grünen Hülle, sicher war er schon abgelaufen. Auf dem Bild war Bigfoot etwas über zwanzig Jahre alt. Ein längliches, asymmetrisches Gesicht mit irgendwie verkniffenen Augen. Nicht schön, nicht einmal damals. Mit einem Bleistiftstummel notierte ich mir Datum und Ort seiner Geburt. Bigfoot war am 21. Dezember 1950 geboren. Hier.

Ich sollte sagen, dass in der Schublade noch etwas war: ein Stapel Fotos, ziemlich neu, in Farbe. Ich blätterte sie rasch durch, wie immer, und eines machte mich stutzig. Ich sah es genauer an und wollte es schon zurücklegen. Lange konnte ich nicht verstehen, was ich sah. Es war plötzlich ganz still um mich, und in der Stille war nur ich. Ich sah das Foto an. Mein Körper spannte sich, ich war kampfbereit. Mir wurde schwindlig, und in meinen Ohren rauschte es dumpf, ein Summen, ein Dröhnen, als stürmte vom Horizont eine vieltausendköpfige Armee herbei, ich hörte Stimmen, Eisengeklirr, kreischende Räder, alles aus weiter Ferne. Der Zorn macht den Geist klar und scharf, auch die Sicht wird geschärft. Der Zorn nimmt alle anderen Emotionen in sich auf und beherrscht den Körper. Es besteht kein Zweifel, dass alle Weisheit aus dem Zorn entsteht, denn er ist imstande, alle Grenzen zu sprengen.

Meine Hände zitterten, als ich die Fotos in meine Tasche steckte, und gleich darauf hörte ich, wie sich alles weiter vorwärtsbewegte, wie die Motoren der Welt ansprangen und ihre Maschinerie wieder in Gang kam – eine Tür knarrte, eine Gabel fiel zu Boden. Aus meinen Augen tropften Tränen.

Matoga stand in der Tür.

»Er war es nicht wert, dass du weinst.«

Mit zusammengepressten Lippen wählte er eine Nummer.

»Noch immer der tschechische Anbieter. Wir müssen auf den Hügel, kommst du mit?«

Leise schlossen wir die Tür hinter uns und kämpften uns durch den Schnee. Auf dem Hügel drehte sich Matoga mit zwei Mobiltelefonen in den ausgestreckten Händen um die eigene Achse, um Empfang zu bekommen. Vor uns lag der ganze Glatzer Kessel, in silbrigen, fahlgrauen Morgendämmer getaucht.

Matoga rief seinen Sohn an: »Hallo, habe ich dich auch nicht geweckt?« Eine unverständliche Stimme antwortete krächzend.

»Unser Nachbar ist tot. Ich glaube, an einem Knochen erstickt.

Heute Nacht.«

Wieder das Krächzen am anderen Ende der Leitung.

»Noch nicht. Ich rufe gleich an. Ich bin nicht durchgekommen. Wir haben ihn angezogen. Mit Frau Duszejko, du kennst sie, meine Nachbarin.« Er sah mich flüchtig an. »Damit er nicht starr wird, und …«

Die krächzende Stimme klang genervt.

»Immerhin trägt er jetzt einen Anzug …«

Die Stimme sprach jetzt schnell und viel, Matoga hielt das Telefon vom Ohr weg und schaute es missbilligend an.

Dann riefen wir die Polizei.

2 Testosteron-Autismus

»Ein Hund, der hungert vor dem Haus,

Sagt den Ruin des Staats voraus.«

Ich war ihm sehr dankbar, dass er mich zu sich auf ein heißes Getränk einlud. Ich fühlte mich total zerschlagen, und der Gedanke, dass ich in mein kaltes, leeres Haus zurückkehren sollte, deprimierte mich.

Bigfoots Hündin, die seit einigen Stunden bei Matoga residierte, sprang mir zur Begrüßung entgegen. Sie erkannte mich und freute sich offenbar, mich zu sehen. Sie wedelte mit dem Schwanz und dachte ganz bestimmt nicht mehr daran, dass sie einmal vor mir davongelaufen war. Hunde sind manchmal ziemlich dumm, ähnlich wie Menschen, und diese Hündin war sicher eine von der dummen Sorte. Wir setzten uns in die Küche an den Holztisch, der so sauber war, dass man seine Wange darauf legen konnte. Das tat ich auch.

»Du bist wohl sehr müde«, meinte Matoga.

Alles hier war sauber und hell, warm und gemütlich. Was für ein Glück ist es im Leben, eine saubere und warme Küche sein Eigen zu nennen. Dies war mir versagt geblieben. Bei mir war es unmöglich, Ordnung zu halten. Aber ich habe mich schon damit abgefunden. Pech.

Bevor ich mich noch umsehen konnte, stand schon ein Glas Tee vor mir. Es war in einem hübschen Metallkörbchen mit Henkel, auf einem Untersetzer. In der Zuckerdose war Würfelzucker – das erinnerte mich an die süße Zeit meiner Kindheit, und es hob tatsächlich meine jammervolle Laune.

»Vielleicht hätten wir ihn wirklich nicht bewegen sollen?« Matoga öffnete die Tischschublade, um Löffelchen herauszuholen. Die Hündin strich um seine Beine, als wolle sie ihn nicht aus dem nächsten Umkreis ihres kleinen, mageren Körperchens herauslassen.

»Du wirfst mich noch um«, sagte Matoga mit schroffer Zärtlichkeit. Er hatte sichtlich noch nie einen Hund gehabt und wusste nicht genau, wie man sich verhält.

»Wie wirst du sie nennen?«, fragte ich, als mir vom Tee etwas warm geworden war und sich dieses Knäuel von Emotionen, das mir im Hals steckte, ein wenig löste.

Matoga zuckte die Achseln.

»Ich weiß nicht. Vielleicht Mücke oder Schneeball.«

Ich sagte nichts, aber das gefiel mir nicht. Das waren keine Namen, die zu diesem Tier gepasst hätten, besonders im Hinblick auf seine persönliche Geschichte. Wir würden uns etwas anderes für sie ausdenken müssen.

Offiziell verliehene Namen beschneiden massiv die Kreativität. Man kann sie sich nicht merken, denn sie sind losgelöst von der Persönlichkeit und meist sehr banal. Sie haben überhaupt nichts mit der Person zu tun. Dazu kommt, dass jede Generation ihre Moden hat, und plötzlich heißen alle Magdalena, Patrick oder – du lieber Himmel – Janina. Deshalb bin ich bemüht, keine bestehenden Vor- und Nachnamen zu verwenden, sondern eher Bezeichnungen, die einem spontan einfallen, wenn man jemanden zum ersten Mal sieht. Ich bin überzeugt, dass dies der einzig richtige Umgang mit Sprache ist und dass man niemandem abgegriffene Worte überstülpen soll. Matoga zum Beispiel heißt Świerszczyński, so steht es an seiner Tür, und vor dem Nachnamen steht ein »Ś.« Gibt es einen Vornamen mit Ś? Er stellt sich immer mit »Świerszczyński« vor, erwartet aber offenbar nicht, dass sich jemand die Zunge verknotet, um das auszusprechen. Ich glaube, jeder von uns sieht die anderen Menschen auf eine eigene Art, also darf er diesen auch Namen geben, die ihm passend erscheinen. Ich habe ebenso viele Vornamen, wie ich Menschen kenne, die mit mir in irgendeiner Beziehung stehen.

Świerszczyński habe ich Matoga genannt und ich finde, dass dieser Name ganz gut zu ihm passt.

Jetzt eben, als ich die Hündin ansah, kam mir prompt ein Menschenname in den Sinn – Marysia. Vielleicht weil sie so ein ausgemergeltes Waisenkind war.

»Heißt sie nicht zufällig Marysia?«, fragte ich.

»Kann sein«, antwortete Matoga. »Ja, ich glaube ja. Sie heißt Marysia.«

In ähnlicher Weise war Bigfoot zu seinem Namen gekommen. Es lag ja ziemlich nahe, wenn man seine Spuren im Schnee sah, da war es einfach sonnenklar. Matoga hatte von ihm immer als »Zottelkopf« gesprochen, dann übernahm er aber automatisch meinen »Bigfoot«. Und das konnte nur heißen, dass ich gut gewählt hatte.

Leider konnte ich für mich selbst keinen vernünftigen Vornamen aussuchen. Was in den Papieren steht, halte ich für skandalös unpassend und kompromittierend – Janina. Ich glaube, dass ich in Wirklichkeit Emilia heiße oder Joanna. Manchmal glaube ich auch, irgendwie so ähnlich wie Irmtrud. Oder Bożygniewa. Oder Nawoja.

Matoga hingegen vermeidet es, wo er nur kann, mich beim Vornamen zu nennen. Das bedeutet sicher etwas. Irgendwie schafft er es immer, mich unmittelbar mit »du« anzureden.

»Wartest du mit mir, bis sie kommen?«, fragte er.

»Na klar.« Gerne war ich dazu bereit, und mir fiel auf, dass ich mich gescheut hätte, ihn noch extra mit seinem Namen »Matoga« anzusprechen. Wenn man so dicht beieinander wohnt, braucht man keine Namen zu nennen, um sich direkt aneinander zu wenden. Wenn ich bei ihm vorbeigehe und sehe, dass er Unkraut jätet, brauche ich seinen Namen nicht, um ihn anzusprechen. Es ist ein besonderer Grad der Vertrautheit.

Unsere Siedlung besteht aus wenigen Häusern, die auf einem Hochplateau stehen, weit ab vom Rest der Welt. Ein Hochplateau ist geologisch gesehen ein entfernter Verwandter des Tafelbergs, so etwas wie dessen Vorbote. Vor dem Krieg nannte sich unsere Kolonie »Luftzug«, heute, im Polnischen, ist – nicht ganz offiziell – »Lufcug« daraus geworden, und offiziell gibt es gar keinen Namen. Auf der Karte sieht man bloß den Weg und einige Häuser, keine Buchstaben. Hier weht immer Wind, enorme Luftmassen strömen durch die Berge von Westen nach Osten, von Tschechien zu uns. Im Winter pfeift der Wind gewaltig, er heult in den Kaminen. Und im Sommer streicht er raschelnd durch die Blätter. Still ist es hier nie. Viele Leute können es sich leisten, ein Haus in der Stadt zu haben, als offizielles, als Ganzjahreshaus, und ein zweites – ein irgendwie verspieltes, ein Kinderhaus – auf dem Land. So sehen die Häuser denn auch aus, kindlich. Klein, geduckt, mit steilen Dächern und winzigen Fenstern. Alle sind vor dem Krieg auf die gleiche Art gebaut worden: mit langen ost- und westseitigen Mauern, eine kurze Mauer Richtung Süden und eine zweite, kurze nordseitige Mauer, an der eine Scheune lehnt. Nur das Haus der Schriftstellerin, mit seinen überall angebauten Terrassen und Balkonen, ist etwas exzentrischer.

Man darf sich nicht über die Leute wundern, die im Winter das Hochplateau verlassen. Von Oktober bis April ist es hart, hier zu wohnen, davon kann ich ein Lied singen. Jedes Jahr fällt hier der große Schnee, und der Wind meißelt mit Akkuratesse seine Verwehungen und Dünen in den Schnee hinein. Die letzten klimatischen Veränderungen haben alles erwärmt, bis auf unser Hochplateau. Hier ist es gerade umgekehrt, im Februar schneit es noch einmal besonders stark, und der Schnee bleibt besonders lange liegen. Die Temperaturen sinken im Winter mehrere Male bis auf minus zwanzig Grad, und bis Ende April ist hier Winter. Der Weg ist schlecht, Frost und Schnee zerstören das, was die Gemeinde mit ihren kümmerlichen Mitteln immer wieder zu reparieren versucht. Bis zum Asphaltweg muss man vier Kilometer auf einem tief zerfurchten Feldweg fahren, und eigentlich gibt es nichts, wofür man sich das antun würde – der Autobus hinunter nach Kudowa fährt morgens ab und kehrt nachmittags zurück. Im Sommer, wenn die wenigen, bleichen Kinder hier Ferien haben, fährt gar kein Bus. Durch die Gegend führt eine Straße, die sich an einem Punkt wie eine Wünschelrute verzweigt und dann unbemerkt in den Vorort des Städtchens verwandelt. Sollte jemand Lust dazu bekommen, so kann er auf dieser Straße weiter nach Wrocław oder Tschechien fahren.

Aber es gibt auch Menschen, denen das gefällt. Man könnte viele Hypothesen darüber aufstellen, so man Spaß an hypothetischen Ansätzen hat. Psychologie und Soziologie könnten hier auf manche Spur lenken, aber mich lässt so was vollkommen kalt.

Matoga und ich zum Beispiel, wir bieten dem Winter tapfer die Stirn. Übrigens ist die Wendung »die Stirn bieten« ziemlich blödsinnig, denn wir schieben kämpferisch den Unterkiefer vor, wie die Männer auf der kleinen Brücke im Dorf. Wenn man die provoziert oder anpöbelt, dann sagen sie angriffslustig: »Na, und? Na, und?« In gewissem Sinne provozieren wir auch den Winter, aber der ignoriert uns ebenso wie den Rest der Welt. Die alten Exzentriker. Hippies von Gottes Gnaden.

Alles hier ist so schön in weiße Winterwatte gekuschelt. Der Winter kürzt die Tage maximal, sodass man, wenn man unbesonnen etwas zu lang in die Nacht hinein zusammensitzt, erst im Dämmer des nächsten Nachmittags erwacht. Was mir, zugegebenermaßen, seit letztem Jahr immer wieder passiert. Der Himmel hängt hier über uns, tief und dunkel, wie ein schmutziger Bildschirm, auf dem sich übermütige Wolken-Kissenschlachten abspielen. Dafür sind unsere Häuser da – um uns vor diesem Himmel zu schützen, der ohne die Häuser unsere Körper bis ins Innerste durchdringen würde, bis in unsere Seele, die einer kleinen Murmel gleicht. Wenn es so etwas wie die Seele überhaupt gibt.

Ich weiß nicht, was Matoga in diesen dunklen Monaten macht. Wir haben wenig Kontakt zueinander, auch wenn ich – zugegeben – gerne mehr hätte. Wir sehen uns alle paar Tage und wechseln ein paar Worte. Aber wir sind nicht deshalb hierhergezogen, um miteinander Tee zu trinken. Matoga hat sein Haus ein Jahr nach mir gekauft, und es sieht so aus, als hätte er beschlossen, ein neues Leben zu beginnen, wie jeder, dem die Ideen und die Mittel für das alte Leben ausgegangen sind. Angeblich hat er früher im Zirkus gearbeitet, aber ich weiß nicht, ob er dort Buchhalter oder Akrobat war. Lieber wäre mir Akrobat, denn wenn ich ihn humpeln sehe, dann stelle ich mir immer vor, dass vor langer Zeit, in den schönen siebziger Jahren, während einer ganz besonderen Nummer etwas geschehen sein könnte, was bewirkte, dass seine Hand das Trapezholz nicht erreichte, und er von weit oben in die mit Sägespänen bestreute Manege fiel. Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr will mir scheinen, dass der Beruf des Buchhalters auch kein schlechter Beruf ist, und die den Buchhaltern eigene Ordnungsliebe weckt meine Bewunderung, Zustimmung und meinen ausnehmenden Respekt. Matogas Ordnungsliebe erkennt man auf seinem kleinen Anwesen auf einen Blick: Das Brennholz schichtet er in kunstvollen, spiralförmigen Klaftern übereinander. Daraus entsteht dann ein hübscher runder, ideal proportionierter Hügel. Matogas Holzklafter könnte man als ein lokales Kunstwerk auffassen. Dem Reiz dieser schönen, spiraligen Ordnung kann ich mich nicht entziehen. Immer wenn ich dort vorbeigehe, bleibe ich einen Moment stehen und bewundere diese beispielhafte Zusammenarbeit von Hand und Kopf, die mit etwas so Banalem wie Brennholz die vollkommenste Bewegung im Universum ausführt.

Der Pfad vor Matogas Haus ist so gleichmäßig mit Kies bestreut, dass man glauben könnte, es sei ein besonderer Kies, aus identischen Steinchen, von Hand ausgesucht, in unterirdischen Felsenhöhlen oder in von Kobolden geführten Kiesfabriken. Vor seinen Fenstern hängen saubere Gardinen, gleichmäßig gefältelt, sicher verwendet er für diesen Effekt eine spezielle Vorrichtung. Seine Blumen im Garten stehen fein säuberlich und ordentlich da, gerade aufgerichtet und schlank, als hätten sie ein Fitnesstraining absolviert.

Als Matoga in der Küche hantierte und uns Tee machte, fiel mir auf, wie akkurat die Tassen in seinem Geschirrschrank standen, was für ein makelloses Deckchen auf der Nähmaschine lag. Er hatte sogar eine Nähmaschine! Beschämt hielt ich meine Hände zwischen die Knie gepresst. Meinen Händen hatte ich lange Zeit kaum Aufmerksamkeit gewidmet. Also, es ließ sich nicht verbergen, dass meine Fingernägel ganz einfach schmutzig waren.

Als er die Teelöffelchen holte, sah ich kurz das Innere der Schublade, und ich konnte meinen Blick nicht davon abwenden. Sie war breit und flach wie ein Tablett. In den mittleren Fächern lagen sorgfältig nebeneinander das Besteck und daneben die anderen Küchenutensilien. Jeder der mir größtenteils unbekannten Gegenstände hatte seinen eigenen Platz. Matogas knochige Finger wählten bedächtig zwei Löffel aus und legten sie auf die zartgrünen Servietten neben unseren Teegläsern. Leider zu spät, denn ich hatte meinen Tee bereits ausgetrunken.

Es war nicht leicht, mit Matoga ein Gespräch in Gang zu halten. Er war sehr wortkarg. Wenn man nicht sprechen kann, muss man schweigen. Mit manchen Personen sind Gespräche fast unmöglich, besonders mit männlichen. Ich habe eine Theorie zu dem Thema. Viele Männer erkranken mit fortschreitendem Alter an Testosteron-Autismus, was mit einem langsamen Schwinden der sozialen Intelligenz und einem zunehmenden Unvermögen, was zwischenmenschliche Kommunikation betrifft, einhergeht und auch das Formulieren von Gedanken beeinträchtigt. Ein von diesem Leiden befallener Mensch wird schweigsam, er scheint immer in Gedanken versunken zu sein. Er ist mehr an Gegenständen und Mechanismen interessiert. Etwa am Zweiten Weltkrieg, den Biografien bekannter Persönlichkeiten, besonders von Politikern und Verbrechern. Er verlernt fast völlig, Romane zu lesen, denn der Testosteron-Autismus behindert das psychologische Verstehen der Figuren. Ich glaube, dass Matoga so ein Fall war.

Doch an diesem Morgen konnte man von niemandem besondere Redseligkeit verlangen. Wir waren einfach nur bedrückt.

Andererseits war ich erleichtert. Manchmal, wenn man sein Denken weiter fasst und die Gewohnheiten des Geistes ebenso mit einbezieht wie die Bilanz der Tätigkeiten, wird einem klar, dass das Leben des einen nicht in jedem Fall gut für die anderen ist. Ich glaube, jeder wird mir Recht geben.

Ich bat um ein weiteres Glas Tee, eigentlich nur, um ihn mit dem hübschen Löffel umzurühren.

»Einmal habe ich mich wegen Bigfoot bei der Polizei beschwert«, sagte ich.

Matoga hielt kurz beim Trockenreiben eines Kuchentellers inne.

»Wegen dem Hund?«, fragte er.

»Ja. Und wegen Wilderei. Ich habe eine Klage verfasst.«

»Und? Was dann?«

»Nichts.«

»Willst du sagen, es ist gut, dass er jetzt tot ist?«

Noch vor letzten Weihnachten war ich zur Gemeinde gegangen, um den Fall persönlich anzuzeigen. Bis dahin hatte ich Briefe geschrieben. Niemand hatte darauf geantwortet, obwohl es eine gesetzliche Verpflichtung dazu gibt. Die Polizeidienststelle war winzig und erinnerte mit ihren überhaupt nicht zusammenpassenden Materialien an ein tristes Einfamilienhaus aus kommunistischen Zeiten. Dementsprechend war auch die Stimmung. Die mit Ölfarbe gestrichenen Wände waren über und über mit Zetteln bedeckt, die allesamt mit »Bekanntmachung« überschrieben waren – übrigens ein fürchterliches Wort. Die Polizei verwendet ziemlich viele ausnehmend abstoßende Worte, etwa »Mordopfer« oder »Lebensgefährte«.

In dieser Stätte Plutos war es zuerst ein junger, hinter einer Holzschranke sitzender Mann, der versuchte, mich abzuwimmeln. Später übernahm sein älterer Vorgesetzter den Job. Ich wollte den Kommissar sprechen und ließ mich nicht abweisen. Ich vertraute darauf, dass letztlich beide die Geduld mit mir verlieren und mich ihm vorführen würden. Man ließ mich lange warten, und ich fürchtete schon, die Geschäfte könnten schließen, denn ich hatte noch Einkäufe zu erledigen. Es dämmerte bereits, also es war etwa sechzehn Uhr, ich hatte zwei Stunden gewartet.

Endlich, kurz vor Ende der Amtszeit, erschien im Flur eine junge Frau. »Bitte, Sie können hineingehen.«

Ich war in Grübeleien versunken, doch was ich jetzt brauchte, war Geistesgegenwart. Als ich der Frau zur Audienz in den ersten Stock folgte, wo der Chef der lokalen Polizei sein Arbeitszimmer hatte, sammelte ich meine Gedanken.

Es war ein beleibter Mann, etwa in meinem Alter, doch er sprach mich so an, als sei ich seine Mutter oder sogar Großmutter. Er warf mir einen flüchtigen Blick zu und sagte:

»Setzen, bitte.« Als er merkte, dass er mit diesem Infinitiv seine Unbildung verraten hatte, räusperte er sich und korrigierte sich.

»Bitte, nehmen Sie Platz.«

Ich konnte seine Gedanken beinahe hören, bestimmt nannte er mich erst »Frauenzimmer« und, als meine Klagerede nachdrücklicher wurde, »Weib«, und zum Schluss »Besessene« bzw. »Wahnsinnige«. Es war nicht zu übersehen, mit welcher Aversion er meine Bewegungen verfolgte und wie sehr er meinen Geschmack verurteilte. Weder meine Frisur gefiel ihm noch meine Kleidung noch meine mangelnde Unterwürfigkeit. Er musterte mein Gesicht mit wachsendem Widerwillen. Doch auch ich nahm eine Menge wahr – dass er Apoplektiker war, dass er zu viel trank und eine Schwäche für fettes Essen hatte. Während meines Monologs überzog eine leichte Röte seinen großen, kahlen Kopf bis zur Nasenspitze, auf seinen Wangen erschien deutlich ein Geflecht aus erweiterten Adern, wie eine phantastische Kriegstätowierung. Sicher war er es gewohnt, Befehle zu erteilen und von Anderen Gehorsam zu ernten, und sicher kam er leicht in Rage. Eine typische Jupiterpersönlichkeit.

Ich sah auch, dass er nicht alles verstand, was ich sagte, einerseits aus dem offensichtlichen Grund, dass ich mich einer ihm fremden Argumentation bediente, andererseits aber auch, weil sein Wortschatz nicht ausreichte. Er war einer von den Menschen, die all das verachten, was sie nicht verstehen.

»Er ist eine Bedrohung für viele Lebewesen, für Mensch und Nichtmensch.« Das war der Schluss meiner Anklage gegen Bigfoot, die meine Beobachtungen und meinen Verdacht enthielt.

Er wusste nicht, ob ich mich über ihn lustig machte oder ob er wirklich an eine Wahnsinnige geraten war. Andere Möglichkeiten gab es für ihn keine. Ich sah, wie ihm das Blut ins Gesicht schoss, typisch für diese Art der Pykniker, die irgendwann einen Schlaganfall erleiden.

»Wir haben nicht gewusst, dass er wildert. Wir werden uns darum kümmern.« Er biss die Zähne zusammen. »Bitte gehen Sie jetzt nach Hause und denken Sie nicht mehr daran. Ich kenne ihn bereits.«

»Gut«, sagte ich versöhnlich.

Er stand auf, stützte sich auf die Hände, was ein sichtbares Zeichen dafür war, dass er die Audienz für beendet hielt.

Wenn man etwas in die Jahre gekommen ist, muss man damit rechnen, dass die Menschen ungeduldig mit einem umgehen. Ich wäre früher nicht auf die Idee gekommen, bestimmte Gesten so zu deuten. Ein etwas zu rasches Kopfnicken, dem Blick ausweichen, ständig wie ein Papagei »ja, ja« sagen, verstohlen nach der Uhr schielen, sich an der Nase reiben – heute verstehe ich gut, dass dieses ganze Getue nur eines heißen soll, nämlich »Lass mich doch endlich in Ruhe, du lästige Alte«. Manchmal frage ich mich, ob man einen smarten jungen Mann oder eine gut gebaute Brünette, die das gleiche Anliegen haben wie ich, genauso behandeln würde.

Der Kommissar erwartete offensichtlich, dass ich vom Sitz aufspränge und das Zimmer verlasse. Doch ich hatte ihm noch eine mindestens ebenso wichtige Sache zu kommunizieren.

»Dieser Mensch sperrt seine Hündin den ganzen Tag im Schuppen ein. Das Tier winselt und friert, denn der Schuppen ist nicht isoliert, und dort zieht es. Kann die Polizei da etwas tun, ihm das Aufsichtsrecht über den Hund entziehen, ihn exemplarisch irgendwie bestrafen?«

Er sah mich einen Moment schweigend an, und die Verachtung, die ich von Anfang an bei ihm gespürt hatte, stand ihm jetzt überdeutlich ins Gesicht geschrieben. Seine Mundwinkel waren herabgezogen und die Lippen leicht aufgeworfen. Er versuchte offensichtlich seinen Gesichtsausdruck zu beherrschen. Zu diesem Zweck hatte er ein starres Lächeln aufgesetzt, das seine großen, vom Rauchen gelben Zähne enthüllte. Er sagte: »Liebe Frau, das ist nicht die Sache der Polizei. Ein Hund ist ein Hund. Auf dem Land ist auf dem Land. Was haben Sie denn erwartet? Ein Hund gehört in die Hütte und an die Kette.«

»Wenn etwas Böses passiert, dann melde ich es eben der Polizei. Wohin soll ich mich denn wenden, wenn nicht an die Polizei?« Er lachte heiser. »Wenn es etwas Böses ist, das Sie bemerkt haben, dann wenden Sie sich bitte an den Pfarrer.« Er freute sich über seinen eigenen Humor, bemerkte aber offenbar doch, dass mich sein Scherz nicht sonderlich amüsierte, denn sein Gesicht wurde sofort wieder ernst. »Es gibt sicher irgendwelche Tierschutzvereine oder etwas in der Art. Das finden Sie im Telefonbuch. Die Liga zum Schutz der Tiere – dort können Sie hingehen. Wir sind die Polizei, und die ist zuständig für die Menschen. Bitte, rufen Sie in Wrocław an. Dort gibt es einen Bereitschaftsdienst.«

»In Wrocław!«, rief ich. »Das ist nicht Ihr Ernst. Das hier fällt doch in den Zuständigkeitsbereich der lokalen Polizei, ich kenne das Gesetz.«

»Oho.« Er lachte ironisch. »Dann können Sie mir vielleicht auch gleich verraten, was in meinen Zuständigkeitsbereich fällt und was nicht?«

In meiner Phantasie sah ich unsere Heere, die sich kampfbereit gegenüberstanden.

»Ja, sehr gerne.« Ich holte zu einem längeren Vortrag aus.

Er sah panisch auf seine Uhr, und ich bemerkte, wie er sich anstrengte, um seine Abneigung gegen mich im Zaum zu halten.

»Also gut, wir werden uns die Sache ansehen«, sagte er gleichgültig und begann die Papiere auf seinem Schreibtisch zusammenzupacken und in seine Aktentasche zu stecken. Er wich mir aus.

Ja, ich konnte ihn nicht ausstehen. Mehr noch: Ich spürte, wie mich eine heftige Welle der Abneigung gegen ihn überrollte, beißender als Meerrettich.

Er stand entschlossen hinter seinem Schreibtisch auf, und ich sah seinen mächtigen Bauch, den der Ledergürtel seiner Uniform gar nicht umfassen konnte. Aus Scham versteckte sich dieser Bauch irgendwo dort unten, in den unbequemen, vergessenen genitalen Regionen. Seine Schnürsenkel waren gelöst, sicher hatte er unter dem Tisch die Schuhe ausgezogen. Jetzt musste er sie so schnell wie möglich wieder anziehen.

»Würden Sie mir Ihr Geburtsdatum verraten?«, fragte ich ihn höflich, schon bei der Tür. Er blieb überrascht stehen.

»Wozu brauchen Sie das?«, fragt er argwöhnisch, während er mir die Tür zum Flur aufhielt.

»Um Ihr Horoskop zu berechnen«, antwortete ich. »Möchten Sie? Ich könnte Ihnen Ihr Horoskop erstellen.«

Ein amüsiertes Grinsen verzog sein Gesicht.

»Nein danke. Ich interessiere mich nicht für Astrologie.«

»Sie könnten erfahren, was im Leben noch auf Sie zukommt. Möchten Sie das nicht?«

Er warf dem Polizisten an der Rezeption einen vielsagenden Blick zu, feixte ironisch, als nähme er an einem lustigen Kinderspiel teil, und gab mir alle Daten. Ich notierte sie, dankte ihm, zog mir die Kapuze über den Kopf und wandte mich zum Ausgang. Beim Hinausgehen hörte ich noch, wie beide lachend losprusteten, und ich konnte die Worte verstehen: »Eine Wahnsinnige. Richtig besessen.«

Am selben Abend, als es schon dunkel war, begann die Hündin von Bigfoot wieder zu winseln. Die Luft war blau, scharf wie ein Rasiermesser, und die dumpfe, heisere Hundestimme hatte etwas Beunruhigendes. Der Tod steht vor der Tür, dachte ich. Doch der Tod steht immer vor unserer Tür, zu jeder Tages- und Nachtzeit, sagte ich mir darauf. Am besten ist es, mit sich selbst zu sprechen. Dann kommt es wenigstens nicht zu Missverständnissen. Ich legte mich auf das Küchensofa und war nicht imstande, etwas anderes zu tun, als diesem durchdringenden Gewinsel zuzuhören. Als ich einige Tage zuvor zu Bigfoot gegangen war, um zu intervenieren, hatte er mich nicht einmal in sein Haus gelassen. Er hatte gesagt, ich solle mich nicht in Dinge einmischen, die mich nichts angingen. Dieser Unmensch hatte seine Hündin nur für wenige Stunden nach draußen gelassen und sie dann später doch wieder in das Verließ gesperrt, wo sie die ganze Nacht durch heulte.

Ich lag also auf dem Küchensofa und versuchte vergeblich, an etwas anderes zu denken. Ich spürte, wie eine juckende, vibrierende Energie allmählich meine Muskeln durchdrang. Bald würde sie meine Beine zur Gänze ausfüllen.

Ich stand auf, zog Stiefel und Jacke an, nahm einen Hammer und eine Metallstange und alles Werkzeug, das mir unter die Finger kam. Kurz darauf stand ich atemlos vor dem Schuppen. Bigfoot war nicht zu Hause, es brannte kein Licht, der Kamin rauchte nicht. Er hatte den Hund eingesperrt und war für unbestimmte Zeit verschwunden. Doch auch wenn er zu Hause war, sperrte er den Hund ein. Nach einigen Minuten Arbeit, bei der ich ins Schwitzen kam, gelang es mir, die Holztür aufzubrechen. Die Bretter neben dem Schloss lockerten sich, und ich konnte den Riegel herausschieben. Drinnen war es dunkel und feucht, einige alte, verrostete Fahrräder, Plastikkanister und anderes Gerümpel lagen herum. Die Hündin stand auf einem Bretterstapel, sie trug einen Strick um den Hals, der an der Wand festgebunden war. Es stank nach dem Haufen mit Exkrementen hinter dem Stapel, sie hatte offenbar immer auf die gleiche Stelle gemacht. Unsicher wedelte sie mit dem Schwanz, doch dann blickte sie mir erfreut entgegen. Ich schnitt den Strick durch, packte das eine Ende und ging mit ihr zu mir nach Hause.

Mir war nicht ganz klar, was ich tun sollte. Manchmal, in Momenten des Zorns, scheint alles ganz simpel und selbstverständlich zu sein. Der Zorn bringt Ordnung mit sich, er zeigt die Welt in offensichtlicher Kurzfassung, der Zorn bewirkt auch die Gabe des Hellsehens, was in keinem anderen Gemütszustand möglich ist.

Die Hündin legte sich in meiner Küche auf den Boden, und ich wunderte mich einmal mehr darüber, wie winzig sie war. Ihr dumpfes Winseln klang so, als käme es von einem größeren Hund, wenigstens so groß wie ein Spaniel. Sie war einer dieser lokalen Hunde, die man »Sudetenmonstrum« nennt, weil an ihnen nichts Hübsches ist. Sie haben kurze, dürre, meistens krumme Beinchen, ihr Fell ist stumpf und schmutzigbraun, sie tendieren zum Dickwerden, und vor allem haben sie einen deutlichen Unterbiss. Nun gut, sie würde keinen Schönheitswettbewerb gewinnen, unsere Sängerin der Nacht.

Sie war nervös und zitterte am ganzen Leib. Nachdem sie einen halben Liter warmer Milch getrunken hatte, von der ihr Bauch rund wie ein Ball war, teilte ich auch ein Butterbrot mit ihr. Ich war nicht auf einen Gast vorbereitet, also verströmte mein Eisschrank von innen den Glanz der Leere. Ich sprach beruhigend auf die Hündin ein, erklärte ihr jede meiner Bewegungen, und sie sah mich fragend an, da sie sichtlich nicht verstand, was diese plötzliche Wende in ihren Lebensumständen bedeutete. Ich legte mich auf das Küchensofa und redete ihr zu, sie solle auch für sich ein Plätzchen zum Schlafen suchen. Schließlich kroch sie unter den Heizkörper und schlief ein. Da ich sie über Nacht nicht allein in der Küche lassen wollte, blieb ich einfach auf dem Sofa liegen.

Ich schlief unruhig, irgendwie wurde mein Körper ständig von den erlebten Aufregungen überrollt, die immer wieder die gleichen Träume nach sich zogen, von überheizten, berstenden Öfen, von riesigen, unendlichen Heizräumen mit rot glühenden Wänden. In Öfen eingesperrte Flammen verlangten tosend nach Befreiung, um dann schrecklich explodierend auf die Welt überzuspringen und alles einzuäschern. Diese Träume könnten aber auch die Folge eines nächtlichen Fiebers gewesen sein, das oft mit meinem Leiden einhergeht.

Ich erwachte früh morgens, als es noch dunkel war, mit steifem Hals von der unbequemen Schlafhaltung. Die Hündin stand an meinem Kopfende und sah mich durchdringend an, sie fiepte erbärmlich. Stöhnend stand ich auf, um sie hinauszulassen. Schließlich hatte sie am Vorabend eine große Menge Milch getrunken. Durch die offene Tür drang kalte, feuchte Luft ins Haus. Sie roch nach Erde und Fäulnis – wie ein Grab. Die Hündin sprang hinaus und pinkelte, indem sie ein Hinterbein in die Luft streckte. Das sah komisch aus, als könne sie sich nicht entscheiden, ob sie ein Männchen oder Weibchen sei. Dann sah sie mich traurig an, ich könnte fast sagen, sie blickte mir tief in die Augen – und rannte schnurstracks zum Haus von Bigfoot.

So kehrte sie in ihr Gefängnis zurück.

Sie war verschwunden. Ich rief nach ihr, ich ärgerte mich, dass ich mich so leicht hinters Licht hatte führen lassen, und ich war ratlos angesichts der Mechanismen der Gefangenschaft. Schon wollte ich mir die Schuhe anziehen, um hinauszugehen, doch der schreckliche, graue Morgen ängstigte mich. Manchmal scheint mir, als lebten wir in einer riesigen, geräumigen Gruft für viele Personen. Ich blickte auf die Welt, eingehüllt in den grauen, kühlen, unangenehmen Morgendämmer. Das Gefängnis ist nicht außen, es steckt in jedem von uns. Vielleicht können wir ohne es nicht leben.

Einige Tage später, noch bevor der große Schnee fiel, sah ich den großen Polonez der Polizei vor Bigfoots Haus. Ich muss zugeben, dass mich dieser Anblick freute. Ja, es erfüllte mich mit großer Zufriedenheit, dass die Polizei endlich zu ihm gekommen war. Ich legte mir zwei Patiencen, und sie gingen auf. Ich stellte mir vor, dass sie ihn festnahmen, ihn in Handschellen abführten, seine Drahtvorräte konfiszierten und ihm die Kettensäge abnahmen – für ein solches Utensil sollte man eine ähnliche Genehmigung verlangen wie für eine Waffe, denn sie richtet unter den Pflanzen große Verwüstungen an. Doch das Auto fuhr ohne Bigfoot wieder weg, und dann wurde es schnell dunkel und begann zu schneien. Die zurückgesperrte Hündin winselte den ganzen Abend. Das erste, was ich am darauffolgenden Morgen im makellosen Neuschnee sah, waren die verwackelten Spuren von Bigfoot und gelbe Urinspuren an meiner Silberfichte.

Das alles fiel mir ein, als ich mit Matoga am Tisch saß. Und meine Mädchen.

Matoga, der aufmerksam meinen Erzählungen zugehört hatte, kochte weiche Eier und servierte sie in Porzellanschälchen.

»Ich habe nicht so ein Vertrauen in die Obrigkeit wie du«, sagte er. »Man muss alles selber machen.«

Ich weiß nicht, was er damals meinte.

3 Das Ewige Licht

»Was sterblicher Geburt entspross,

Muss wieder in der Erde Schoß.«

Als ich nach Hause kam, war es schon hell, und ich war nicht ganz bei mir. Wieder schien mir, als hörte ich das Getrappel meiner Mädchen auf dem Boden im Flur, als sähe ich ihre fragenden Blicke, ihre in Falten gelegten Stirnen, ihr Lächeln. Und schon war mein Körper bereit für das zärtliche Begrüßungsritual.

Doch das Haus war ganz leer. Kaltes Weiß fiel durch die Fenster in weichen Wellen nach innen, und das ganze große Hochplateau drängte herein. Ich verwahrte den Rehkopf in der Garage, wo es kalt war, und ich legte Holz nach. So wie ich war, ging ich ins Bett und schlief wie eine Tote.

»Frau Janina.«

Und kurz darauf, lauter: »Frau Janina.«

Eine Stimme im Flur weckte mich. Tief, männlich, schüchtern. Jemand stand im Flur und rief meinen mir verhassten Namen. Das erboste mich doppelt, erstens, weil ich schon wieder am Schlafen gehindert wurde, und zweitens, weil ich meinen Namen weder mochte noch akzeptierte. Er war mir zufällig und gedankenlos verliehen worden. So ist das, wenn der Mensch nicht an die Bedeutung der Worte und noch weniger der Namen denkt, und sie einfach drauflos verwendet. Mich mit »Frau Janina« anzusprechen, konnte ich niemandem gestatten.

Ich stand auf, strich meine Kleidung glatt, die nicht besonders schön aussah, nachdem ich zwei Nächte darin geschlafen hatte, und verließ das Zimmer. Im Flur standen in einer Pfütze aus geschmolzenem Schnee zwei Männer aus dem Dorf. Beide waren groß, breitschultrig und schnurrbärtig. Sie waren einfach eingetreten, weil die Tür nicht abgesperrt gewesen war, und sie sahen mich schuldbewusst an.

»Wir möchten Sie bitten, dorthinzukommen«, sagte der eine mit rauer Stimme. Sie grinsten entschuldigend, und ich sah, dass sie fast identische Zähne hatten. Irgendwoher kannte ich sie, sie arbeiteten als Holzfäller. Ich hatte sie schon einige Male im Dorfladen gesehen.

»Dort komme ich gerade her«, brummte ich.

Sie sagten, die Polizei sei noch nicht da gewesen, und sie warteten auf den Pfarrer. Der Weg sei über Nacht zugeschneit. Sogar der Weg nach Tschechien und nach Wrocław sei nicht befahrbar, und die Lkw steckten in langen Staus. Nur die Nachrichten verbreiteten sich schnell in der Gegend, und einige Bekannte von Bigfoot seien zu Fuß gekommen. Schön zu hören, dass er Bekannte hatte. Die Widrigkeiten des Wetters wirkten sich offenbar positiv auf ihre Laune aus. Sie nahmen es lieber mit dem Schneegestöber auf als mit dem Tod.

Sie pflügten sich durch den flaumigen, frischen weißen Schnee, dem die kalte Wintersonne rote Wangen verlieh, und ich folgte ihnen. Die Männer bahnten mir den Weg. Beide trugen hohe Stiefel aus starkem Gummi mit hohen Filzschäften, was hier die einzige Wintermode für Männer war. Mit ihren breiten Sohlen traten sie für mich eine kleine Rinne frei.

Vor dem Haus standen einige weitere Männer und rauchten. Sie verbeugten sich unsicher und wichen meinem Blick aus. Der Tod eines gemeinsamen Bekannten raubt jedem die Selbstsicherheit. Sie hatten alle den gleichen Gesichtsausdruck aus feierlichem Ernst und förmlicher Trauer. Sie sprachen mit gedämpften Stimmen. Wer fertig geraucht hatte, ging ins Haus.

Alle, ohne Ausnahme, hatten Schnurrbärte. Sie standen düster um die Couch mit der Leiche herum. In einem fort ging die Tür auf und neue Männer kamen herein, sie brachten Schnee und den metallischen Geruch des Frostes mit. Es waren hauptsächlich ehemalige Arbeiter der staatlichen Landwirtschaftsbetriebe, die jetzt arbeitslos waren und ab und zu beim Abholzen des Waldes halfen. Einige von ihnen fuhren nach England zum Arbeiten, doch irgendwie kamen sie alle schnell wieder zurück, weil das Fremdsein ihnen Angst machte. Oder sie führten hartnäckig ihre kleine unrentable Landwirtschaft weiter, die sie dank EU-Finanzierungen knapp am Leben erhalten konnten. Nur Männer.

Der Raum dampfte von ihrem Atem, es roch leicht nach Alkohol, Tabak und feuchter Kleidung. Sie warfen einen Blick auf die Leiche, verstohlen und schnell. Sie zogen vernehmlich die Nase hoch, doch es war schwer zu sagen, ob das vom Frost kam. Vielleicht waren diesen riesigen Männern doch die Tränen in die Augen gestiegen? Und nachdem diese dort nicht gesehen werden durften, hatten sie sich in der Nase einen unauffälligen Ausgang gesucht? Weder Matoga noch sonst ein bekanntes Gesicht war unter ihnen.

Einer zog aus der Tasche eine Handvoll Teelichter und reichte sie mir mit einer derart selbstverständlichen Geste, dass ich reflexartig danach griff, ohne zu wissen, was ich damit tun sollte. Erst nach einiger Zeit begriff ich. Aha, ich sollte um Bigfoot herum die Lichter aufstellen und sie anzünden, dann würde es ernst und feierlich werden. Vielleicht könnten die Flammen den Tränen helfen zu fließen und in die langen Schnurrbärte zu sickern. Das würde allen gut tun. Ich hantierte also mit den Kerzen herum, und dabei fürchtete ich, sie könnten mein Engagement falsch verstehen. Sie hielten mich offenbar für die Zeremonienmeisterin, für die Anführerin einer Bestattungsveranstaltung, denn als die Kerzen brannten, wurde es plötzlich still, und alle hefteten ihre traurigen Blicke auf mich.

»Fangen Sie an«, flüsterte der eine, den ich zu kennen glaubte. Ich wusste nicht, was er meinte.

»Fangen Sie an zu singen.«

»Was soll ich denn singen?« Ich wurde ernstlich nervös. »Ich kann nicht singen.«

»Egal was«, sagte er, »am besten die Ewige Ruhe.«

»Warum ich?«, flüsterte ich gereizt.

Und der neben mir stehende Mann sagte entschlossen: »Weil Sie eine Frau sind.«

Ach so. So sind heute also die Akzente verteilt. Ich wusste zwar nicht, was mein Geschlecht mit dem Singen zu tun haben könnte, aber ich wollte mich ausgerechnet in diesem Moment auch nicht gegen die Tradition auflehnen. »Der Herr gebe ihm die Ewige Ruhe.« Ich erinnerte mich an dieses Lied von anderen Begräbnissen in meiner Kindheit. Als Erwachsene war ich kaum noch auf Begräbnisse gegangen. Ich konnte mich nicht mehr an den Text erinnern. Es stellte sich jedoch heraus, dass es genügte, nur den Beginn zu summen, und der Chor der rauen Stimmen fiel unverzüglich ein und kam meinem kläglichen Stimmchen zu Hilfe. Daraus entstand eine wacklige, falsche Mehrstimmigkeit, die allerdings bei jeder Wiederholung an Kraft gewann. Auch mir selber wurde plötzlich leichter zumute, meine Stimme wurde fester, und schnell fielen mir die schlichten Worte vom Ewigen Licht wieder ein, in dem, wie wir alle glaubten, Bigfoot nun ruhte.

So sangen wir etwa eine Stunde lang, immer dasselbe, bis die Worte ihre Bedeutung verloren hatten, als seien sie Steinchen in einem Meer, die, endlos von den Wogen glattgeschliffen, einander glichen wie zwei Sandkörner. Tatsächlich verschaffte uns das Erleichterung, der vor uns liegende Leichnam wurde immer unwirklicher, bis er nichts anderes mehr war, als der Vorwand für diese Begegnung schwer arbeitender Menschen auf unserem windigen Hochplateau. Wir sangen vom Licht, das es irgendwo in der Ferne gibt und das vorerst nicht sichtbar ist. Um es zu erblicken, braucht man nichts anderes zu tun, als zu sterben. Jetzt sehen wir es durch eine Scheibe im Zerrspiegel, doch einmal werden wir ihm von Angesicht zu Angesicht gegenüberstehen. Und dieses Licht wird uns umarmen, denn es ist unsere Mutter, und aus ihm sind wir entstanden. Jeder von uns trägt ein Teilchen davon in sich, auch Bigfoot. Drum sollte der Tod für uns etwas Tröstliches sein.

Das alles kam mir beim Singen in den Sinn, doch eigentlich habe ich niemals an eine wie auch immer geartete persönliche Zuteilung des Lichts geglaubt. Kein Herrgott wird sich damit befassen, kein himmlischer Buchhalter. Keine Einzelperson könnte so viel Leid aushalten, am wenigsten eine Allwissende. Sie müsste unter dem Druck dieses Schmerzes zerbrechen, es sei denn, sie hätte sich beizeiten mit einem wirksamen Verteidigungsmechanismus ausgerüstet, wie der Mensch. Nur eine Maschine wäre imstande, den ganzen Schmerz der Welt auszuhalten. Nur eine Maschinerie, simpel, effektiv und zweckmäßig. Und da nun sowieso alles mechanisch ablaufen sollte, waren unsere Gebete unnötig.

Als ich hinausging, sah ich, dass die Schnurrbärtigen, die den Pfarrer gerufen hatten, ihn gerade vor dem Haus begrüßten. Er hatte nicht gleich herkommen können, war in den Schneeverwehungen stecken geblieben, und erst jetzt war es gelungen, ihn mit einem Traktor zu holen. Pfarrer Raschel (so nannte ich ihn in Gedanken) schüttelte seine Soutane und sprang mit einer Dankesgeste vom Traktor. Ohne jemanden anzusehen ging er rasch ins Haus. Er ging so nahe an mir vorbei, dass mich sein Geruch anwehte: Kölnisch Wasser und Rauch aus dem Kamin.

Matoga hatte alles ausgezeichnet organisiert. In seinem Arbeitspelz, als Zeremonienmeister, schenkte er aus einer großen chinesischen Thermoskanne Kaffee in Plastikbecher, die er an die Trauernden verteilte. Wir standen vor dem Haus und tranken heißen, süßen Kaffee.

Kurz darauf kam die Polizei, zu Fuß, denn sie hatten ihren Wagen, der keine Winterreifen hatte, auf dem Asphaltweg zurücklassen müssen.

Es waren zwei uniformierte Polizisten und einer in Zivil, in einem langen schwarzen Mantel. Bevor sie in ihren schneeverklebten Stiefeln schwer atmend das Haus betraten, waren wir alle hinausgegangen. Meiner Meinung nach war das eine Bezeugung der Höflichkeit und der Wertschätzung gegenüber der Obrigkeit. Die beiden Uniformierten waren kühl und förmlich, und man sah ihnen an, dass sie ihren Ärger über den Schnee, den langen Weg und die allgemeinen Umstände dieses Falls mühsam unterdrückten. Wortlos klopften sie ihre Stiefel ab und verschwanden im Haus. Der im schwarzen Mantel trat unvermittelt zu mir und Matoga.

»Guten Tag, hallo Papa.« Wirklich, er hatte »hallo Papa« gesagt, und zwar zu Matoga. Ich hätte nie gedacht, dass Matoga einen Sohn bei der Polizei haben könnte, einen Sohn, der einen so komischen schwarzen Mantel trug. Matoga stellte uns einander ziemlich ungeschickt vor, er war verlegen. Sie traten rasch beiseite, ich hatte den Namen des Schwarzmantels kaum verstanden.

Dann hörte ich, wie der Sohn den Vater mit Vorwürfen überhäufte.

»Warum, um Himmels willen, hast du ihn angefasst? Hast du nie Filme gesehen? Jeder weiß doch, dass man, ganz egal was passiert, eine Leiche nicht anfasst, bevor die Polizei da war.«

Matoga wehrte sich schwach, als hätte die Tatsache, dass er mit seinem Sohn sprach, ihm alle Kraft geraubt. Ich hätte eher gedacht, dass es umgekehrt sein müsste, dass man aus einem Gespräch mit dem eigenen Kind viel Kraft schöpft.

»Er hat schrecklich ausgesehen, du hättest dasselbe getan wie ich. Er ist an irgendwas erstickt, und er war ganz verkrümmt, dreckig … er war schließlich unser Nachbar, und wir konnten ihn doch nicht einfach so am Boden liegen lassen wie ein, wie …« Er rang nach Worten.

»Ein Tier.« Ich war zu ihnen getreten und vervollständigte den Satz. Es war unerträglich, wie der Schwarzmantel seinen Vater zurechtwies. »Er ist an einem Knochen von einem gewilderten Reh erstickt. Die Rache aus dem Jenseits.«

Der Schwarzmantel streifte mich mit einem Blick und fuhr fort: »Ich könnte dich anzeigen, weil du die Ermittlungen erschwert hast. Sie übrigens auch.« Er wandte sich an mich.

»Du machst wohl Witze. Das wäre lächerlich. Der Sohn als Staatsanwalt.«

Der Sohn beschloss, das unangenehme Gespräch zu beenden.

»Okay, Papa. Ihr werdet dann später beide eine Aussage machen müssen. Es wird wahrscheinlich eine Obduktion geben.«

Er klopfte Matoga auf die Schulter mit dieser zärtlichen Dominanzgeste, als hätte er gesagt: »Okay, Alterchen, jetzt lass mich mal die Sache in die Hand nehmen.«

Dann verschwand er im Haus des Toten, und ich, die ich keine Lösung abwarten wollte, ging heim, mit rauer Kehle. Ich hatte genug.

Aus meinen Fenstern sah ich den Schneepflug vom Dorf heraufkommen. Wir nannten ihn immer »die Weißrussin«. Die Weißrussin ermöglichte es dem Leichenwagen, einem langen, flachen schwarzen Fahrzeug mit dunklen Gardinen, gegen Abend fast bis zum Haus vorzufahren. Allerdings nicht ganz. Denn als ich gegen vier Uhr, kurz vor Einbruch der Dunkelheit, auf die Veranda trat, sah ich in der Ferne einen bewegten schwarzen Fleck auf dem Weg – es waren die schnurrbärtigen Männer, die den Wagen mit dem Leichnam des Kollegen tapfer den Weg hinaufschoben, zur ewigen Ruhe im Ewigen Licht.

*

Normalerweise läuft mein Fernsehapparat den ganzen Tag, schon zum Frühstück. Das beruhigt mich. Wenn draußen der Winternebel herrscht oder das Morgengrauen schon nach ein paar Stunden unmerklich in Abenddämmerung übergeht, dann scheint mir, als gäbe es dort draußen nichts. Wenn ich nach draußen sehen will, spiegeln die Scheiben nur das Kücheninnere, mein kleines, vollgeräumtes Zentrum des Universums.

Deshalb der Fernsehapparat.

Ich habe eine große Programmauswahl. Die Antenne, die wie eine Emailleschüssel aussieht, hat mir Dyzio einmal mitgebracht. Es gibt einige Dutzend Kanäle, doch das ist mir zu viel. Selbst zehn wären zu viel. Selbst zwei. Eigentlich schaue ich nur den Wetterbericht an. Ich hatte diesen Wetter-Kanal gefunden und gleich darauf, glücklich darüber, dass ich alles hatte, was ich brauchte, die Fernbedienung verschusselt. Vom frühen Morgen an begleitet mich also der Anblick von atmosphärischen Wetterfronten, von wunderschönen abstrakten Linien auf Landkarten, blauen und roten, die unaufhaltsam vom Westen näher rücken, über Tschechien und Deutschland. Die Fronten brachten die Luft, die vor Kurzem in Prag geatmet worden war, oder auch in Berlin. Die Luft strömte vom Atlantik herüber, strich über ganz Europa hinweg, man könnte sagen, dass die Meeresluft immer hier in den Bergen war. Besonders mag ich es, wenn die Luftdruckkarten gezeigt werden, die den unerwarteten Widerstand gegen das morgendliche Aufstehen, die Knieschmerzen oder sonst etwas erklären, etwa auch eine unerklärliche Traurigkeit, deren Natur ganz bestimmt in einer Wetterfront liegt, in einer launenhaften Linie, die sich durch die Erdatmosphäre schlängelt.

Mich bewegen die Satellitenbilder und die Krümmung der Erde. Stimmt es, dass wir auf der Oberfläche einer Kugel leben, dem Blick der Planeten ausgesetzt, in eine große Leere geworfen, in die das Licht nach dem Untergang in kleine Stückchen zersplittert und verspritzt wurde? Es stimmt. Wir sollten uns das täglich vor Augen halten, denn sonst vergessen wir es. Wir glauben, wir seien frei und dass Gott uns verzeiht. Ich persönlich denke anders darüber. Jede unserer Taten, in winzige Vibrationen der Photonen verwandelt, fliegt letztlich in den Kosmos, wie ein Film, und die Planeten werden sie bis ans Ende der Tage ansehen.

Wenn ich mir Kaffee mache, kommt meistens der Wetterbericht für Skifahrer. Die raue Welt der Berge, Abhänge und Täler werden gezeigt, und die inkonsequente Schneedecke bedeckt mit ihrem Weiß nur an wenigen Stellen die schorfige Erdkruste. Im Frühling sind die Skiorte von Allergikern bevölkert, und das Bild kriegt Farbe. Weiche Linien bezeichnen die Gebiete mit ihren Bedrohungen. Wo es rot ist, sind die Attacken der Natur am heftigsten. Diese hat den ganzen Winter über im Winterschlaf gelegen, um jetzt zum Schlag auf das filigrane Immunsystem des Menschen auszuholen. Irgendwann wird sie uns auf diese Art völlig von der Erde verjagen. Vor den Wochenenden kommen die Wetterberichte für Autofahrer, doch deren Realität beschränkt sich auf einige wenige Striche im Reich der Autobahnen. Die Aufteilung der Menschen in drei Gruppen – Skifahrer, Allergiker und Autofahrer – überzeugt mich ganz und gar. Eine simple und gute Typologie. Skifahrer sind Hedonisten. Sie verbreiten sich über die Abhänge. Die Autofahrer hingegen wollen das Schicksal in ihre Hände nehmen, auch wenn dabei oft die Wirbelsäule leidet. Das Leben ist eben einfach schwer. Dann die Allergiker – immer im großen Krieg. Ich gehöre ganz sicher zu den Allergikern.

Ich würde mir noch einen Kanal zum Thema Sterne und Planeten wünschen. »Kosmische Einflüsse TV« oder etwas Ähnliches. So ein Fernsehen bestünde eigentlich nur aus Karten, es würde Einflusslinien zeigen, die Felder der Planetenvernichtung. »Sehr geehrte Damen und Herren, über der Ekliptik wird nun allmählich der Aufgang des Mars sichtbar, dessen Bahn gegen Abend von der Einflussbahn des Pluto durchkreuzt wird. Wir möchten Sie bitten, Ihre Autos in der Garage oder auf überdachten Parkplätzen abzustellen, bitte räumen Sie auch die Messer weg, seien Sie vorsichtig, wenn Sie in den Keller hinuntergehen, und solange dieser Planet auf seinem Weg durch das Zeichen des Krebses ist, empfehlen wir Ihnen, auf heiße Bäder zu verzichten und bei Familienstreitigkeiten eher einen Rückzieher zu machen.« So oder so ähnlich würde uns eine schlanke, ätherische Moderatorin informieren. Und wir wüssten, warum die Züge heute Verspätung hatten, warum der Briefträger mit seinem Cinquecento im Schnee stecken blieb, warum die Mayonnaise nichts geworden ist und die Kopfschmerzen ohne Tabletten plötzlich von selbst verschwanden, wie sie gekommen waren. Wir wüssten, wann man mit dem Haarfärben beginnen soll und zu welchem Zeitpunkt man am besten Hochzeiten plant.

Am Abend betrachte ich die Venus, ich verfolge die Wandlungen dieses schönen Himmelskörpers besonders akribisch. Sie ist mir lieber als der Abendstern, wenn sie aus dem Nichts auftaucht, wie hervorgezaubert, und hinter der Sonne nach unten sinkt. Ein Funken des Ewigen Lichts. In der Dämmerung passieren die interessantesten Dinge, denn dann verschwimmen die einfachen Unterschiede. Ich könnte in ewiger Dämmerung leben.

4 999 Tode

»Wer bezweifelt, was er sieht,

Glaubt euch nie, trotz aller Müh’.

Wär’n Mond und Sonne frei von Zweifeln nicht,

Erlöschte augenblicks ihr Licht.«

Den Rehkopf begrub ich am nächsten Tag auf meinem Friedhof beim Haus. In dieses Erdloch hatte ich fast alles gelegt, was ich aus dem Haus von Bigfoot mitgenommen hatte. Die Plastiktüte, an der noch Blutspuren waren, hängte ich an einen Ast des Pflaumenbaums, als Andenken. Sofort fiel Schnee hinein, der in der Nacht zu Eis gefror. Ich plagte mich lange, um in der gefrorenen, steinigen Erde eine Grube zu graben. Die Tränen gefroren mir auf den Wangen.

Auf das Grab legte ich einen Stein, wie immer. Es gab schon viele solcher Steine auf meinem Friedhof. Hier lag der alte Kater, dessen Leiche ich beim Hauskauf im Keller vorgefunden hatte, die halbwilde Katze, die gleich starb, nachdem sie geworfen hatte, samt ihren Jungen, der Fuchs, den die Waldarbeiter getötet hatten und von dem sie behaupteten, er sei tollwütig gewesen, einige Maulwürfe und ein im letzten Winter von einem Hund totgebissenes Reh. Das waren nur einige der Tiere. Alle, die ich im Wald, in den Schlingen von Bigfoot, tot auffand, brachte ich an einen anderen Ort, damit sie wenigstens irgendwem als Futter dienten. Von diesem hübsch gelegenen Miniaturfriedhof, zwischen einem Teich und einem sanften Hügel, konnte man das ganze Hochplateau überblicken. Hier wollte auch ich einmal liegen und alles in meiner Obhut haben, für immer.

Ich bemühte mich, zweimal täglich einen Rundgang über meine Ländereien zu machen. Ich muss Lufcug immer im Auge haben, daher habe ich mich dazu verpflichten lassen. Der Reihe nach ging ich die von mir betreuten Häuser ab, und zum Schluss stieg ich auf den Hügel, um unser ganzes Hochplateau zu überblicken.

Aus dieser Perspektive konnte ich das sehen, was aus der Nähe unsichtbar war: Die Spuren im Schnee dokumentierten hier im Winter jede Bewegung, und dieser Evidenz konnte nichts entgehen. Der Schnee als sorgfältiger Chronist zeichnete alle Schritte von Tier und Mensch auf, er verewigte auch die wenigen Autospuren. Ich betrachtete aufmerksam unsere Dächer, ob sich nicht irgendwo ein Überhang aus Schnee gebildet hatte, der die Rinne abreißen konnte oder, was noch schlimmer war, beim Kamin hängen blieb. Dort würde er dann langsam schmelzen und Wasser durch die Schindeln nach innen sickern lassen. Ich sah nach den Fenstern, ob sie heil waren, ob ich bei der letzten Visite nichts übersehen und kein Licht brennen gelassen hatte. Und ich inspizierte auch das umliegende Anwesen, die Zäune, die Gartenpforten, die Schuppen und die Holzstapel.

Ich war die Hüterin des Eigentums meiner Nachbarn, während sie ihren Winterarbeiten und ihren Vergnügungen in der Stadt nachgingen. An ihrer statt verbrachte ich hier den Winter für sie, bewahrte ihre Häuser vor Kälte und Feuchtigkeit und kümmerte mich um ihren flüchtigen Besitz. So half ich ihnen an der Finsternis teilzunehmen.

Dummerweise machte mir wieder mein Leiden zu schaffen. Damit musste ich rechnen, Stress und andere ungewöhnliche Ereignisse verstärkten es. Manchmal genügte eine Nacht, in der ich schlecht geschlafen hatte, und alles plagte mich. Dann zitterten meine Hände, und ich hatte ein Gefühl, als flösse Strom durch alle Gliedmaßen, als sei mein Körper von einem unsichtbaren elektrischen Netz umhüllt, und als ob mir jemand wahllos kleine Züchtigungen zufügte. Meine Schultern oder Beine wurden oft von einem unangenehmen, plötzlichen Krampf erfasst. Jetzt zum Beispiel merkte ich, wie ein Bein irgendwie steif wurde, es war ganz taub, und ich fühlte ein Stechen. Beim Gehen zog ich es nach und humpelte. Dazu kam, dass meine Augen seit einem Monat immer wieder plötzlich und grundlos tränten.

Ich entschloss mich, heute trotz Schmerzen den Abhang hinaufzugehen und alles von oben zu betrachten. Sicher wäre die Welt noch an ihrem Ort. Vielleicht würde mich das beruhigen und bewirken, dass sich meine Kehle lockerte und es mir besser ginge. Bigfoot tat mir überhaupt nicht leid. Doch immer, wenn ich sein Haus von Weitem sah, fiel mir sein toter Körper ein, der Körper eines Kobolds in einem kaffeebraunen Anzug, und dann fielen mir die Körper aller lebenden Bekannten ein, die glücklich in ihren Häusern wohnten. Auch ich selbst, mein Bein und der magere, sehnige Körper Matogas, alles schien mir durchsetzt mit ungeheurer Traurigkeit, unerträglich. Ich blickte auf die schwarzweiße Landschaft des Hochplateaus, und mir war klar, dass Traurigkeit ein wichtiges Wort bei der Definition der Welt war. Sie liegt allem zugrunde, sie ist das fünfte Element, die Quintessenz.

Die Landschaft, die vor mir ausgebreitet lag, bestand aus schwarzweißen Schattierungen, aus miteinander verflochtenen Baumreihen entlang der Feldraine. Dort, wo das Gras nicht gemäht wurde, bildete der Schnee keine einheitliche weiße Ebene. Die einzelnen Halme stachen durch seine Oberfläche, was von Weitem so aussah, als hätte eine riesige Hand eben begonnen, ein abstraktes Muster zu skizzieren, als übte sie mit kurzen Strichen, zart und subtil. Ich erkannte feine Figuren, geometrische Felder, Streifen und Rechtecke, jedes anders strukturiert, auf eigene Weise schattiert, verschieden geneigt in der eiligen Winterdämmerung. Und unsere Häuser, alle sieben, standen hier hingeworfen wie ein Teil der Natur, als seien sie zusammen mit den Feldrainen gewachsen, ebenso wie der Bach und die Brücke über den Bach. All das schien sorgfältig projektiert und komponiert zu sein, vielleicht von derselben Hand, die hier Skizzen verfertigt hatte.

Auch ich hätte eine Karte dieser Gegend aus dem Gedächtnis zeichnen können. Unser Hochplateau hätte darauf die Form eines dicken Halbmondes bekommen, von einer Seite umgeben von den Silberbergen, einer eher kleinen, niedrigen Bergkette, die halb zu uns, halb zu Tschechien gehört. Auf der anderen, der polnischen Seite standen die Weißen Berge. Dort gibt es nur eine Siedlung – unsere. Das Dorf und die Stadt und alles andere liegen im Tal, im Nordosten. Der Niveauunterschied zwischen dem Hochplateau und dem restlichen Glatzer Kessel ist nicht groß, aber es genügt, um sich hier etwas erhöht zu fühlen und auf alles von oben herabzusehen. Der Weg klettert vom Tal gemächlich, von Norden her eher sanft nach oben, aber die östliche Seite des Hochplateaus ist weiter unten ziemlich steil, sodass die Abfahrt im Winter gefährlich ist. In strengen Wintern leitet die Straßenaufsicht den Verkehr hier um. Wir benutzen den Weg dann unerlaubt, auf eigenes Risiko. Natürlich nur mit einem guten Auto. Eigentlich spreche ich nur von mir. Matoga hat nur ein Moped, und Bigfoot ging zu Fuß. Das steile Stück nennen wir den Steilpass. Unweit davon befindet sich noch ein steiniger Abhang. Wer den für ein Werk der Natur hält, der irrt sich. Es ist nämlich das Überbleibsel eines ehemaligen Steinbruchs, der sich früher einmal in das Hochplateau hineingefressen hatte und es wahrscheinlich irgendwann ganz und gar mit seinen Baggerzähnen verschlungen hätte. Angeblich gibt es Pläne, den Steinbruch wiederzubeleben. Dann werden wir völlig von der Erdoberfläche verschwinden, in den Bäuchen der Maschinen.

Über den Steilpass führt ein Feldweg ins Dorf, der nur sommers befahren wird. Im Westen mündet der Weg in einen anderen, breiteren Weg, doch das ist noch nicht die Hauptstraße. Hier liegt ein Landstrich, den ich für mich Transsylvanien nenne, wegen der hier allgemein vorherrschenden Stimmung. Dort gibt es einen Laden, kaputte Skilifte und einen Hort für Kinder. Der Horizont verläuft hier sehr weit oben, sodass dort ewige Dämmerung herrscht. Am hintersten Ende dieses Landstrichs gibt es noch einen Seitenweg, der zu einer Fuchsfarm führt, aber ich vermeide es, in diese Richtung zu gehen.

Jenseits von Transsylvanien, gleich bei der Auffahrt auf die internationale Route, gibt es eine scharfe Kurve, an der es oft zu Unfällen kommt. Dyzio hat sie die Rinderherzkurve genannt, weil er einmal gesehen hatte, wie aus einem Lkw vom Schlachthof eines städtischen Bonzen eine Kiste mit Innereien fiel und die Herzen der Rinder über die Straße kollerten, jedenfalls behauptet er das. Es scheint mir ziemlich makaber, und ich bin keineswegs sicher, ob er sich das alles nur eingebildet hat. Dyzio ist manchmal hypersensibel, besonders bei gewissen Themen. Der Asphaltweg verbindet die Städte im Kessel. Bei gutem Wetter kann man auch von unserem Hochplateau diesen Weg sehen, und die darauf aufgefädelten Städte Kudowa und Lewin, und im Norden sogar, in weiter Ferne, die Orte Nowa Ruda, Kłodzko, zu deutsch Glatz, und Ząbkowice, das vor dem Krieg Frankenstein hieß.

Das ist schon die große weite Welt. Ich fuhr immer mit meinem Samurai über den Steilpass in die Stadt. Nach dem steilen Stück ging es links ab zur launisch gewundenen Grenze, die man bei jedem längeren Spaziergang ganz leicht und unbemerkt überschreiten konnte. Das passierte mir oft aus Unachtsamkeit, wenn ich bei meinem Rundgang so weit kam. Aber manchmal wollte ich sie auch absichtlich überschreiten, hin und her. Zwanzig-, dreißigmal. So amüsierte ich mich eine halbe Stunde mit Grenzüberschreitungen. Es macht mir Spaß, weil es mich an die Zeit erinnert, als es nicht möglich war. Grenzen zu überschreiten gefällt mir.

Meistens kontrollierte ich zuerst das Professorenhaus, mein Lieblingshaus. Es war klein und schlicht. Ein schweigsames, einsames Häuschen mit weißen Mauern. Das Professorenehepaar wohnte selten dort, öfter als sie tauchten ihre Kinder hier mit Freunden auf, und dann trug der Wind ihre lauten Stimmen zu mir herüber. Das Haus mit offenen Fensterläden, hell erleuchtet und voll lauter Musik, schien mir überrumpelt und wie betäubt zu sein. Man könnte sagen, dass es mit den sperrangelweit klaffenden Fensteröffnungen idiotisch aussah. Es kam aber sofort wieder zu sich, wenn sie abreisten. Sein Schwachpunkt war das steile Dach. Der Schnee rutschte von ihm herunter und lag bis in den Mai hinein an der nordseitigen Mauer, und durch diese drang Feuchtigkeit nach innen. Dann musste ich den Schnee wegräumen, eine schwere und undankbare Arbeit. Im Frühling bestand meine Aufgabe darin, den Garten in Ordnung zu halten. Ich pflanzte Blumen und pflegte alles, was auf dem Stückchen Erde vor dem Haus wuchs. Das tat ich gern. Es kam vor, dass kleinere Reparaturen notwendig waren, dann rief ich die Eigentümer in Wrocław an, und sie überwiesen mir Geld auf ein Konto. Damit konnte ich Arbeiter beauftragen und die Arbeiten lediglich beaufsichtigen.

Ich bemerkte in diesem Winter auch, dass in ihrem Keller Fledermäuse wohnten, eine ziemlich große Familie. In den Keller war ich nur deshalb hinabgestiegen, weil ich glaubte, von dort käme das Geräusch tropfenden Wassers. Ein Rohrbruch wäre ein ziemliches Malheur gewesen. Doch dann sah ich die im steinernen Deckengewölbe zusammengedrängte Schar der schlafenden Fledermäuse. Sie hingen bewegungslos dort, und es sah aus, als beobachteten sie mich im Schlaf, als spiegele sich das Licht der Glühbirnen in ihren offenen Augen. Flüsternd verabschiedete ich mich von ihnen, bis zum Frühling. Einen Wasserschaden hatte ich nicht entdecken können, und so stieg ich auf Zehenspitzen wieder nach oben.

Im Haus der Schriftstellerin gab es Marder. Ich gab ihnen keine einzelnen Namen, denn ich konnte sie weder zählen noch unterscheiden. Man sieht sie nur selten, und das ist ihre besondere Eigenschaft, sie sind wie Geister. Sie erscheinen und verschwinden so schnell, dass man nicht glaubt, was man gesehen hat. Schöne Tiere, die Marder. Ich würde sie im Wappen tragen, bei Bedarf. Sie scheinen leicht und unschuldig zu sein, aber der Schein trügt. In Wirklichkeit sind es gefährliche und durchtriebene Wesen. Zwischen ihnen und den Katzen, Mäusen und Vögeln herrscht ewiger Kleinkrieg, und auch untereinander wird ständig gekämpft. Im Haus der Schriftstellerin hatten sie sich zwischen den Dachziegeln und der Wärmedämmung des Speichers eingenistet, und ich habe sie in Verdacht, dass sie dort Verwüstungen anrichten, die Mineralwolle wegreißen und Löcher in die Holzplatten beißen.

Die Schriftstellerin kam meistens im Mai angereist, ihr Auto voll gestopft mit Büchern und exotischen Nahrungsmitteln. Ich half ihr immer beim Auspacken, denn sie hatte eine kranke Wirbelsäule. Nach einem Unfall trug sie eine orthopädische Halskrause. Aber vielleicht war ihre Wirbelsäule auch vom Schreiben kaputt. Sie sah aus wie jemand, der Pompeji überlebt hatte, als sei sie unter Asche begraben gewesen. Ihr Gesicht war fahl, sowohl die Farbe der Lippen als auch die der Augen war grau. Die langen grauen Haare trug sie nach oben gekämmt, auf dem Kopf straff mit einem Gummi gebunden und zu einem kleinen Dutt zusammengedreht. Wenn ich sie nicht so gut kennen würde, läse ich sicher ihre Bücher. Da ich sie aber besser kannte, fürchtete ich mich davor. Vielleicht hatte sie meine geliebten Orte auf eine Art und Weise beschrieben, die ich nicht begriff. Vielleicht waren meine geliebten Orte für sie etwas ganz anderes als für mich. In irgendeinem Sinn sind Personen wie sie, die schreiben können, gefährlich. Sofort drängt sich einem der Verdacht auf, dass sie nicht echt sind, dass so eine Person nicht sie selbst ist, sondern nur das Auge, das in einem fort schaut und das Gesehene in Sätze verwandelt. Auf diese Art raubt sie der Realität das Allerwichtigste, nämlich das Unaussprechliche.

Sie verbrachte hier die Zeit bis Ende September und ging kaum aus dem Haus. Nur manchmal, wenn die Hitze trotz des Windes unerträglich und klebrig geworden war, bettete sie ihren fahlen Körper in einen Liegestuhl und verharrte reglos in der Sonnenglut, wovon sie noch grauer wurde. Wenn ich nur ihre Füße sehen könnte, vielleicht würde sich herausstellen, dass auch sie kein menschliches Wesen war, sondern eine andere Variante des Daseins. Eine Nixe des Logos oder eine Sylphide. Manchmal bekam sie Besuch von einer Freundin, einer dunkelhaarigen starken Person mit grell geschminkten Lippen. Die hatte ein braunes Muttermal im Gesicht, vermutlich ein Zeichen dafür, dass Venus zum Zeitpunkt ihrer Geburt im ersten Haus stand. Sie kochten gemeinsam, als seien ihnen wieder die althergebrachten Familienrituale eingefallen. Im letzten Jahr hatte ich oft mit ihnen gegessen: scharfe Kokosmilchsuppe, Kartoffelpuffer mit Pfifferlingen. Sie kochten gut und schmackhaft. Die Freundin verhielt sich sehr zärtlich zu der aschgrauen Frau, der ich den Namen Grisella gegeben hatte. Sie kümmerte sich um sie wie um ein Kind. Sicher wusste sie genau, was sie tat.

Das kleinste Haus am feuchten Waldrand hatte vor Kurzem eine lärmende Familie aus Wrocław gekauft. Sie hatten zwei halbwüchsige, dickliche, verzogene Kinder und ein Lebensmittelgeschäft in Krzyki. Das Haus sollte umgebaut und in einen polnischen Gutshof verwandelt werden – es sollten Säulen und eine Galerie angebaut werden, und auf der Hinterseite sollte es einen Swimmingpool geben. Das erzählte mir der Vater. Vorerst wurde alles mit einem aus Beton gegossenen Zaun eingefasst. Sie zahlten großzügig und baten mich, täglich zu überprüfen, ob niemand eingebrochen sei. Das Haus selbst war alt und kaputt, es sah aus, als wollte es in Ruhe gelassen werden, um friedlich in die Zukunft zu bröckeln. In diesem Jahr stand ihm jedoch eine Revolution bevor. Es wurden Berge von Sand geliefert und vor dem Tor abgeladen. Der Wind verwehte ständig die Abdeckfolie, und diese Folie wieder zu richten kostete mich viel Anstrengung. Auf ihrem Grundstück befand sich eine kleine Quelle, und dort wollten sie Fischteiche anlegen und einen Grill mauern. Sie hießen Studzienni. Ich überlegte lange, ob ich ihnen einen eigenen Namen geben sollte, doch ich kam zu der Erkenntnis, dass es einer der beiden Fälle war, wo der Name bereits perfekt zum Menschen passte. Es waren wirklich Brunnenmenschen – wie Menschen, die vor langer Zeit in einen Brunnen gefallen waren, sich nun am Brunnengrund ihr Leben einrichteten und dabei glaubten, der Brunnen sei die ganze Welt.

Das letzte Haus, das schon ganz nah am Weg lag, war zu vermieten. Meistens waren es junge Eheleute mit Kindern, die am Wochenende hier die Natur suchten. Manchmal Verliebte. Es kam auch vor, dass verdächtige Typen sich dort einmieteten, die sich abends volllaufen ließen, die Nacht mit ihrem betrunkenen Gegröle erfüllten und dann bis mittags schliefen. Sie alle huschten wie Schatten durch unser Lufcug. Für eine Stippvisite. Das kleine, unpersönlich renovierte Haus gehörte dem reichsten Menschen in der Gegend, dessen Besitztümer in jedem Tal und auf jedem Hochplateau verstreut waren. Der Typ nannte sich Wnętrzak – und das war eben der zweite Fall, in dem der Name ganz von selbst zu seinem Träger passte. Angeblich hatte er das Haus wegen des Grundstücks gekauft, auf dem es stand. Angeblich kaufte er Grundstücke, um später einmal einen Steinbruch daraus zu machen. Angeblich war das ganze Hochplateau für einen Steinbruch geeignet. Angeblich leben wir hier auf einer Goldgrube, und das Gold heißt Granit.

Ich musste mich wirklich anstrengen, um den Überblick über das Ganze hier zu behalten. Dazu kam noch die kleine Brücke, ich musste nachsehen, ob sie noch in Ordnung war und ob das Wasser nicht die Stützen unterspülte, die bei der letzten Überschwemmung dazugebaut worden waren. Ob keine Hohlräume entstanden waren. Wenn ich meinen Rundgang beendet hatte, blickte ich mich noch einmal nach allen Seiten um, und eigentlich sollte ich froh sein, dass es das alles hier gab. Es hätte ja auch einfach nicht da sein können. Es hätte nur das Gras da sein können, große Büschel windgepeitschtes Steppengras und die Rosetten der Silberdisteln. So hätte es auch aussehen können. Oder überhaupt nichts – eine große Leere im kosmischen Raum. Vielleicht wäre das für alle sogar besser gewesen.

Wenn ich auf meinen Rundgängen über die Felder und das Brachland gehe, dann stelle ich mir gerne vor, wie das alles in einer Million Jahren aussehen wird. Wird es dann noch die gleichen Pflanzen geben? Und die Farbe des Himmels, wäre sie noch genauso wie heute? Werden sich die tektonischen Platten verschoben haben, und wird sich hier eine hohe Bergkette auftürmen? Oder würde hier ein Meer entstehen, sodass man in den träge schwappenden Wellen gar nicht mehr von einem »Ort« sprechen könnte? Eines ist sicher – die Häuser hier wird es nicht mehr geben. Meine Bemühungen hier sind so gut wie nichts, sie haben auf der Spitze einer Stecknadel Platz, so wie auch mein Leben. Das muss ich mir vor Augen halten.

Ein Stück weiter, wenn man unsere Umzäunungen hinter sich gelassen hatte, erschien die Landschaft wie verändert. Hier und dort ragten Ausrufezeichen in die Luft, wie eingeschlagene spitze Nadeln. Wenn mein Blick an ihnen hängen blieb, zitterten meine Lider, das Auge verletzte sich an diesen Holzbauten, die auf Feldern, auf Lichtungen und an Waldrändern in die Höhe schossen. Auf dem ganzen Hochplateau gab es acht Stück davon, ich kannte sie alle genau, denn ich tat mit ihnen dasselbe, was Don Quichotte mit den Windmühlen getan hatte. Sie waren aus über Kreuz genagelten hölzernen Bohlen zusammengezimmert, sie bestanden quasi aus lauter Kreuzen. Diese klobigen Gebilde hatten vier Beine, und auf diesen stand eine Hütte mit Luken oder Fenstern, aus denen geschossen wurde. Kanzeln. Schon immer hatte mich dieser Name irritiert und geärgert. Was für Lehren werden denn von diesen Kanzeln verkündet? Welches Evangelium? Ist das nicht der Gipfel des Hochmuts? Ist es nicht ein teuflischer Einfall, den Ort, von dem aus gemordet wird, Kanzel zu nennen?

Wenn ich eine von ihnen vor mir sehe, schließe ich die Lider so fest, dass die Umrisse verschwimmen oder das ganze Gebilde fast verschwindet. Das tue ich, weil ich ihre Gegenwart nicht ertrage. Doch es stimmt, dass einer, der begehrt und nicht handelt, die Pest brütet. Das sagt unser Blake.

Wenn ich so mit zusammengekniffenen Lidern vor einer Kanzel stehe, kann ich mich jederzeit umwenden, um die zackige, scharfe, haarfeine Linie des Horizonts zu sehen. Um über sie hinauszusehen. Dort ist Tschechien. Dorthin flüchtet die Sonne, wenn sie die Schrecknisse hier gesehen hat. Dort zieht meine Göttliche ihre Nachtbahn. Ja, so ist es, die Venus geht in Tschechien schlafen.

Die Abende verbringe ich so: Ich setze mich in der Küche an meinen großen Tisch und widme mich meiner Lieblingsbeschäftigung. Auf dem großen Tisch steht der Computer, den ich von Dyzio bekommen habe und in dem ich vorwiegend ein Programm benutze. Ich brauche dazu die Ephemeriden, einen Notizblock und einige Bücher. Dazu etwas Trockenmüsli, das ich bei der Arbeit esse, und ein Kännchen Schwarztee, der einzige Tee, den ich trinke.

Eigentlich könnte ich alles von Hand berechnen, und es tut mir sogar ein bisschen leid, dass ich es nie getan habe. Doch wer benutzt heute noch einen Rechenschieber?

Wenn ich jedoch einmal in der Wüste irgendein Horoskop berechnen müsste, ohne Computer, ohne Elektrizität und ohne irgendwelche Geräte, dann könnte ich das. Ich bräuchte dazu nur meine Ephemeriden. Sollte mich also je einer fragen (leider wird es niemand tun), welches Buch ich auf eine unbewohnte Insel mitnähme, wäre meine Antwort: Die Ephemeriden der Planeten. 1920–2020.

Es interessiert mich, ob man aus dem Horoskop eines Menschen sein Sterbedatum ersehen kann. Der Tod im Horoskop. Wie er aussieht. Wie er in Erscheinung tritt. Welche Planeten spielen die Rolle der Moiren? Hier unten, in der Welt des Urizen, gilt ein Gesetz. Vom Sternenhimmel bis hin zum moralischen Gewissen. Es ist ein strenges, erbarmungsloses Gesetz, das ausnahmslos gilt. Wenn es eine Ordnung der Geburten gibt, warum soll es dann nicht auch eine Ordnung des Todes geben?

Über die Jahre hinweg hatte ich eintausendzweiundvierzig Geburtstage gesammelt und neunhundertneunundneunzig Todesdaten. Und ich führe weiterhin meine kleinen Untersuchungen durch. Ein Projekt ohne EU-Gelder. Ein Küchenprojekt.

Ich dachte immer, Astrologie soll man durch Praxis lernen. Sie ist eine exakte Disziplin, in hohem Maße empirisch und genauso wissenschaftlich wie etwa die Psychologie. Sie erfordert die genaue Beobachtung einiger Personen in ihrer Umgebung und die Verknüpfung gewisser Momente in ihrem Leben mit der Stellung der Planeten. Man muss auch die Ereignisse, an denen verschiedene Menschen teilgenommen haben, überprüfen und analysieren. Ganz schnell wird man merken, dass ähnliche astrologische Muster ähnliche Ereignisse beschreiben. Das sind die Momente, in denen es zur Initiation kommt. O ja, eine Ordnung besteht und sie ist zum Greifen nahe. Sie wird von den Sternen und Planeten gebildet, wobei der Himmel die Schablone ist, die das Muster unseres Lebens vorgibt. Nach längeren Studien kann man hier auf der Erde aus kleinen Details die Lage der Planeten am Himmel herauslesen. Das Gewitter am Nachmittag, der Brief, den der Postbote in den Türspalt geklemmt hat, die kaputte Glühbirne im Badezimmer. Nichts kann sich der Ordnung entziehen. Auf mich wirkt das wie Alkohol oder wie eines dieser neuen Rauschgifte, die, so stelle ich es mir vor, den Menschen in pure Verzückung versetzen.

Man muss Augen und Ohren aufsperren, die Fakten miteinander verknüpfen. Man muss Ähnlichkeiten dort erkennen, wo alle anderen diametrale Unterschiede sehen. Man darf nicht vergessen, dass manche Dinge auf einer ganz anderen Ebene geschehen, oder anders gesagt, dass viele Ereignisse nur Aspekte ein und derselben Sache sind. Die Welt ist ein großes Netz, eine Ganzheit, und es gibt nichts, was nicht dazugehört. Auch das allerkleinste Stückchen Welt ist mit anderen verbunden, durch den komplizierten Kosmos der Korrespondenz, der mit normalem Verstand nicht leicht zu ergründen ist. So funktioniert das. Wie ein japanisches Auto.

Dyzio, der sich gerne weitschweifig über die seltsame Symbolik bei Blake auslässt, hat meine Leidenschaft für die Astrologie nie teilen können. Das kommt daher, dass Dyzio zu spät geboren ist. Seine Generation hat Pluto in der Waage, was ihr Gespür dafür etwas schwächt. Diese Menschen versuchen ein Gegengewicht zur Hölle zu sein. Ich glaube nicht, dass ihnen das gelingen wird. Vielleicht können sie Projekte und Anträge verfassen, aber die meisten von ihnen haben kein Gespür mehr.

Ich bin in einer schönen Epoche groß geworden, die leider schon vergangen ist. In ihr herrschte sowohl enorme Veränderungsbereitschaft als auch das Vermögen, revolutionäre Visionen zu entwickeln. Heute wagt es niemand mehr, etwas Neues zu denken. Alle sagen nur pausenlos, wie es ist, und spinnen die alten Gedanken weiter. Die Realität ist alt und mürrisch geworden, schließlich unterliegt sie definitiv den gleichen Gesetzen wie jeder lebendige Organismus – sie altert. Ihre kleinsten Bestandteile – die Sinne – unterliegen der Apoptose ebenso wie die Körperzellen. Die Apoptose ist ein natürlicher Tod, der durch Materialermüdung und -abnutzung entsteht. Im Griechischen bedeutet das Wort das »Abfallen der Blätter«. Der Welt sind die Blätter abgefallen.

Doch danach muss etwas Neues kommen, so ist es immer gewesen – ist das nicht ein komisches Paradoxon? Uranus steht in Fische, und wenn er in den Widder wechselt, dann beginnt ein neuer Zyklus und die Realität wird wiedergeboren. Im übernächsten Frühling.

Ich habe immer sehr gerne die Horoskope studiert, selbst dann, als ich die Ordnungen des Todes entdeckte. Die Bewegung eines Planeten hat etwas Hypnotisches und Schönes, man kann sie weder anhalten noch vorantreiben. Es ist gut zu denken: Diese Ordnung geht über die Zeit und den Ort von Janina Duszejko hinaus. Es ist gut, sich vollkommen auf etwas verlassen zu können.

Also: Um den natürlichen Tod zu bezeichnen, überprüfen wir die Position des Hyleg, also desjenigen Himmelskörpers, der für uns aus dem Kosmos die Lebensenergie zieht. Bei tagsüber stattfindenden Geburten ist es die Sonne, bei Nachtgeburten der Mond, und in einigen Fällen regiert der Aszendent den Hyleg. Der Tod tritt üblicherweise dann ein, wenn der Hyleg einen radikal unharmonischen Aspekt vom Herrscher des Achten Hauses oder des darin liegenden Planeten erreicht.

Wenn ich an die Bedrohung durch einen gewaltsamen Tod denke, muss ich den in diesem Haus platzierten Hyleg, sein Haus und seine Planeten in Betracht ziehen. Ich achte dabei darauf, welcher der schädlichen Planeten – Mars, Saturn oder Uranus – stärker ist als der Hyleg und mit ihm zusammen einen ungünstigen Aspekt bildet.

An diesem Abend setzte ich mich an die Arbeit und zog das zerknüllte Blatt Papier aus der Tasche, auf das ich mir die Daten von Bigfoot notiert hatte, um zu überprüfen, ob sein Tod ihn zur rechten Zeit heimgesucht hatte. Als ich sein Geburtsdatum eingab, bemerkte ich, dass ich dieses auf ein Blatt aus einem Jagdkalender geschrieben hatte. Die Seite hieß »März«, und in einer Tabelle waren darauf die Figuren der Tiere gezeichnet, die man im März jagen durfte.

Auf dem Bildschirm vor mir sprang das Horoskop auf und fesselte meinen Blick eine ganze Stunde. Zuerst besah ich mir den Saturn. Der Saturn im fixen Zeichen weist nicht selten auf einen Tod durch Ersticken, Erwürgen oder Aufhängen hin. Zwei Abende lang plagte ich mich mit dem Horoskop von Bigfoot. Dann rief Dyzio an, und ich musste ihn davon abbringen, mich zu besuchen. Sein alter, wackerer Fiat polski wäre in dem Schneematsch stecken geblieben. Nein, Dyzio, diese Seele von Mensch, sollte bei sich daheim im Arbeiterwohnheim Blake übersetzen. Er sollte in der Dunkelkammer seines Geistes polnische Sentenzen aus englischen Negativen hervorholen. Es wäre besser, wenn er am Freitag käme, dann könnte ich ihm alles erzählen und ihm zum Beweis die präzise Ordnung der Sterne präsentieren.

Ich muss aufpassen. Inzwischen wage ich es, zuzugeben: Ich bin keine gute Astrologin, leider. Mein Charakter hat einen Schwachpunkt, der das Bild der Planeten verschleiert. Ich betrachte sie durch meine Angst hindurch, obwohl es den Anschein hat, als sei ich ein heiterer Mensch, was mir von den Leuten naiv und einfältig attestiert wird. Ich sehe alles wie in einem schwarzen Spiegel, wie durch eine beschlagene Scheibe. Ich betrachte die Welt so wie andere Menschen eine Sonnenfinsternis betrachten. Dabei sehe ich eine Erdfinsternis. Ich sehe, wie wir blind im ewigen Dunkel herumtappen, wie Maikäfer, die von einem grausamen Kind in einer Schachtel gefangen gehalten werden. Es ist leicht, uns Schaden und Leid zuzufügen, unser kunstvoll zusammengefügtes, wunderbares Dasein in Stücke zu schlagen. Das alles ist in meinen Augen anormal, schrecklich und bedrohlich. Ich sehe nur die Katastrophen. Doch wenn schon am Anfang der Untergang steht, kann man dann noch tiefer fallen?

Jedenfalls kenne ich das Datum meines eigenen Todes, und daher fühle ich mich frei.

5 Das Licht im Regen

»Gefängnisse werden mit den Quadern des Gesetzes gebaut,

Bordelle mit den Ziegeln der Religion.«

Es krachte und knallte, als ob im Nebenzimmer jemand eine aufgeblasene Papiertüte zerschlug.

Ich setzte mich im Bett auf, in der schrecklichen Ahnung, dass etwas Schlimmes passiert war und dass dieses Geräusch jemandes Todesurteil sein konnte. Es folgten weitere Schläge, also begann ich mich, noch immer schlaftrunken, hastig anzuziehen. Mitten im Zimmer blieb ich stehen, ich hatte mich im Pullover verheddert, und plötzlich wurde mir schwindelig – was tun? Wie immer an diesen Tagen war schönstes Wetter, der Wettergott war offenbar den Jägern wohlgesonnen. Die Sonne strahlte, sie war eben aufgegangen und noch rot vor Anstrengung, und sie warf lange, schläfrige Schatten. Ich trat vors Haus, und wieder schien mir, als liefen meine Mädchen an mir vorüber ins Freie, als sprängen sie direkt in den Schnee, als freuten sie sich über den aufziehenden Tag. So offen und schamlos zeigten sie ihre Freude, dass es mich fast kränkte. Ich werfe einen Schneeball nach ihnen, und sie behandeln das als Erlaubnis zu allen möglichen Tollheiten und beginnen sofort eine chaotische Verfolgungsjagd, worin die Jagende jeden Moment die Verfolgte sein kann und von einer Sekunde auf die andere die Vorzeichen für dieses Rennen umkehrt. Ihre Freude wird schließlich so grenzenlos, dass sie nur dadurch zum Ausdruck gebracht werden kann, dass sie wie verrückt um das Haus herumrennen.

Wieder spürte ich Tränen auf meinen Wangen – ich sollte vielleicht doch einmal damit zum Arzt Ali gehen, der Dermatologe ist, aber sich überall auskennt und alles versteht. Meine Augen müssen ziemlich krank sein.

Auf dem Weg zu meinem Samurai nahm ich die eisgefüllte Plastiktüte vom Pflaumenbaum und wog ihr Gewicht in meiner Hand. »Die kalte Teufelshand« fiel mir ein, das war sehr lange her. War es aus Faust? Der Samurai sprang auf Anhieb an, er fuhr voll Demut durch den Schnee, als wisse er um meinen Zustand. Hinten klapperten der Spaten und das Ersatzrad. Schwer zu lokalisieren, von wo die Schüsse kamen, sie wurden von der Waldfront zurückgeworfen, mit vielfachem Echo. Ich fuhr in Richtung Grenzübergang, und etwa zwei Kilometer hinter dem Steilhang sah ich ihre Autos – Luxusjeeps und einen kleinen Lastwagen. Ein Mann stand daneben und rauchte. Ich gab Gas und fuhr näher hin. Der Samurai wusste offenbar, was ich wollte, da er mit großer Begeisterung den nassen Schnee verspritzte. Der Mann lief einige Meter hinter mir her und fuchtelte mit den Armen, er wollte wahrscheinlich versuchen, mich aufzuhalten. Aber ich beachtete ihn nicht.

Da gingen sie, leichte Infanterie, zwanzig, dreißig Männer in grünen Uniformen und Tarnanzügen, dazu diese idiotischen Hüte mit Feder. Ich stoppte, stieg aus und lief in ihre Richtung. Bald erkannte ich einige von ihnen. Und sie hatten auch mich gesehen. Sie sahen mich verwundert an und warfen sich amüsierte Blicke zu.

»Was, zum Teufel, geht hier vor?«, schrie ich.

Einer von ihnen, ein Helfer, kam zu mir. Es war der Schnurrbartträger, der mich am Tag nach Bigfoots Tod mit einem Kollegen abgeholt hatte.

»Frau Duszejko, kommen Sie nicht näher, das ist gefährlich. Bitte gehen Sie fort. Wir schießen.«

Ich fuchtelte vor seinem Gesicht herum.

»Wenn hier wer abhauen muss, dann ihr! Sonst rufe ich die Polizei.«

Ein weiterer Mann löste sich aus der Infanterie und kam zu uns. Ich kannte ihn nicht. Er trug die klassische Jägermontur, mit Hut. Die Infanterie rückte aus, unter vorgehaltenen Flinten.

»Das wird nicht nötig sein«, sagte er höflich. »Die Polizei ist bereits hier.« Er lächelte gönnerhaft. Und tatsächlich, von Weitem sah ich die dickbäuchige Gestalt des Kommissars.

»Was ist los?«, rief einer.

»Nichts, nichts, die Alte aus Lufcug. Sie will die Polizei rufen.« Seine Stimme klang ironisch.

Ich hasste ihn.

»Frau Duszejko, lassen Sie den Unsinn.« Der Schnurrbärtige versuchte mich zu beschwichtigen. »Wir schießen hier wirklich.«

»Ihr dürft nicht auf Lebewesen schießen!«, schrie ich so laut ich konnte. Der Wind riss mir die Worte direkt von den Lippen und trug sie über das ganze Hochplateau.

»Es ist alles in Ordnung, fahren Sie nach Hause. Wir schießen Fasane«, beruhigte mich der Schnurrbärtige, als hätte er meinen Protest nicht verstanden. Der andere raunte ihm zu: »Nicht diskutieren. Das ist eine Wahnsinnige.«

Da packte mich der Zorn, echter Zorn, man könnte sagen: göttlicher Zorn. Er befiel mich irgendwo innen drin, schlagartig und heiß, und drängte nach draußen. Ich genoss diese Energie, sie schien mich in die Luft zu heben, eine gewaltige Explosion im Universum meines Körpers. Ein Feuer war in mir entbrannt, ein Neutronenstern. Ich machte einen Satz nach vorn und versetzte dem Mann in seinem dämlichen Hut einen derartigen Stoß, dass er in den Schnee fiel, völlig verdattert. Und als der Schnurrbärtige ihm zu Hilfe kommen wollte, ging ich auf den los und schlug ihm mit meinen Fäusten so fest ich konnte auf die Schulter. Er brüllte vor Schmerz auf. Ich habe ganz schön Kraft für eine Frau.

»He, he, was fällt Ihnen ein?« Sein Mund war schmerzverzerrt, und er versuchte meine Hände festzuhalten. Dann kam der Andere herbeigelaufen, der vorher bei den Autos gestanden hatte. Offenbar war er mir nachgefahren. Er packte mich von hinten und hielt mich fest wie im Schraubstock.

»Ich bringe Sie zu Ihrem Auto«, sagte er dicht bei meinem Ohr, doch er wollte mich keineswegs dorthin führen, sondern zog mich so nach hinten, dass ich hinfiel.

Der Schnurrbärtige wollte mir aufhelfen, aber ich stieß ihn angewidert fort. Ich hatte keine Chance.

»Regen Sie sich nicht auf. Wir sind im Recht.«

Ja, genau das sagte er. »Im Recht.« Ich klopfte mir den Schnee ab und stolperte zum Auto, zitternd vor Wut. Die Infanterie war unterdessen zwischen den jungen Weiden auf dem sumpfigen Gebiet im niederen Gestrüpp verschwunden. Kurz darauf hörte ich wieder Schüsse – sie schossen auf die Vögel. Ich setzte mich ins Auto und saß reglos da, mit den Händen am Lenkrad, doch es dauerte eine Weile, bis ich losfahren konnte.

Auf dem Nachhauseweg weinte ich über meine Ohnmacht. Meine Hände zitterten, und ich wusste, dass es ein böses Ende nehmen würde. Der Samurai blieb mit einem erleichterten Seufzer vor meinem Haus stehen, es klang tröstlich, als wolle er bei allem zu mir halten. Ich schmiegte mein Gesicht in das Lenkrad. Die Hupe gab einen kläglichen Laut von sich. Wie ein Ruf der Trauer.

Mein Leiden taucht hinterrücks auf, man kann nie wissen, wann. Irgendetwas passiert dann in meinem Körper, meine Knochen beginnen zu schmerzen. Es ist ein unangenehmer Schmerz, ich empfinde ihn als dumpf. Er hält stundenlang an, ohne Pause, manchmal tagelang. Man kann diesem Schmerz nicht entgehen, es gibt keine Tabletten oder Spritzen dagegen. Er muss schmerzen, genauso wie der Fluss fließen und das Feuer brennen muss. Fast gehässig erinnert er daran, dass ich aus den Teilchen einer Materie zusammengesetzt bin, von denen in jeder Sekunde etliche zugrunde gehen. Vielleicht könnte man sich an ihn gewöhnen? Mit ihm leben, so wie die Menschen in Auschwitz oder Hiroshima leben, und nicht daran denken, was früher hier geschehen ist. Ganz einfach leben.

Doch nach den Knochenschmerzen kommt das Bauchweh, die Innereien, die Leber, alles, was da drinnen ist, tut weh und es hört nicht auf. Für kurze Zeit kann der Schmerz durch Traubenzucker gelindert werden, den ich immer in einer kleinen Phiole bei mir trage. Aber ich weiß nie, wann so ein Anfall kommen könnte, wann mich so ein Unwohlsein überfallen wird. Manchmal glaube ich, ich sei in Wirklichkeit aus lauter Krankheitssymptomen zusammengesetzt, ein Phantom, das aus Schmerzen besteht. Wenn ich nicht mehr weiter weiß, stelle ich mir vor, über meinen Bauch, vom Hals bis zum Schritt, liefe ein Reißverschluss, den ich langsam öffne, von oben nach unten. Ich stelle mir vor, ich zöge die Hände aus meinen Händen, die Beine aus meinen Beinen und den Kopf aus meinem Kopf. Ich schlüpfe aus meinem eigenen Körper, und dieser fällt von mir ab wie ein altes Kleid. Jetzt bin ich ganz klein und sehr zart, fast durchsichtig. Mein Körper ist wie der Körper einer Meduse, weiß, milchig und phosphoreszierend.

Allein diese Phantasie bringt mir Erleichterung. Ja, dann bin ich frei.

*

Es ging mir wirklich so schlecht, dass ich Dyzios Besuch verschob, weil ich vorher zum Arzt gehen wollte.

Dort saß ich im Wartezimmer in der Schlange und dachte daran zurück, wie ich Doktor Ali kennengelernt hatte.

Es war letztes Jahr gewesen, die Sonne hatte mich wieder verbrannt. Bestimmt sah ich bedauernswert aus, die erschrockenen Schwestern von der Rezeption brachten mich sofort auf die Station. Dort sollte ich warten, und da ich hungrig war, zog ich aus meiner Tasche mit Kokos bestreute Kekse und fing an zu essen. Kurz darauf erschien der Arzt, hellbraun wie eine Walnuss. Er sah mich an und sagte:

»Ich mag auch gerne Kokosfrohlocken.«

Das überzeugte mich. Wie viele Menschen, die erst im Erwachsenenalter Polnisch lernen, verwechselte er manchmal ein bestimmtes Wort mit einem ganz anderen. »Wir werden gleich sehen, was Ihnen fällt«, hatte er damals noch gesagt.

Auch diesmal nahm er sich sehr akribisch meines Leidens an, nicht nur meiner Haut. Sein dunkles Gesicht blieb immer ruhig. Ohne Eile erzählte er mir irgendwelche verwickelten Anekdoten, während er meinen Puls und meinen Blutdruck maß. Ja, ganz sicher ging er weit über seine Pflichten als Dermatologe hinaus. Ali, dessen Heimat im Nahen Osten lag, hatte sehr traditionelle und solide Methoden, um Hautkrankheiten zu behandeln. Er ließ die Apothekerinnen besonders raffinierte Salben und Tinkturen aus vielen verschiedenen Zutaten mischen, was sehr viel Arbeit bedeutete. Wahrscheinlich war er deshalb bei den Apothekern in der Gegend nicht besonders beliebt. Seine Mixturen hatten wunderliche Farben und schockierende Gerüche. Vielleicht glaubte Ali, dass die Behandlung eines allergischen Ausschlags ebenso spektakulär sein musste wie der Ausschlag selbst.

Heute besah er sich auch die blauen Flecken auf meinen Armen.

»Woher sind die?«, fragte er.

Ich bagatellisierte die Sache, indem ich behauptete, ein kleiner Stoß genüge mir, um einen Monat lang einen roten Flecken zu haben. Ali blickte mir auch in den Rachen, befühlte die Lymphknoten und horchte die Lunge ab.

Ich bat ihn um ein allgemeines Betäubungsmittel. »Es gibt sicher so etwas. Das hätte ich gerne. Damit ich nichts spüre, mir keine Sorgen mache und gut schlafe. Wäre das möglich?«

Er machte sich daran, Rezepte zu schreiben. Bei jedem überlegte er lange und kaute am Kugelschreiber. Schließlich bekam ich einen ganzen Packen Rezepte, und jede Arznei musste bestellt und extra angefertigt werden.

*

Ich kam spät nach Hause. Es war schon lange dunkel, und seit gestern hatten wir Föhn, der Schnee schmolz zusehends und es fiel schrecklicher Schneeregen. Zum Glück war der Ofen nicht ausgegangen. Dyzio verspätete sich auch, denn wieder einmal konnte man unseren Weg durch den aufgeweichten, glitschigen Schnee nicht hinauffahren. Er ließ seinen kleinen Fiat an der Straße stehen und kam zu Fuß, durchfroren und durchnässt.

Dyzio, Dionizy, kam jeden Freitag direkt von der Arbeit zu mir, daher bereitete ich an diesem Tag immer etwas zu essen vor. Einmal pro Woche, denn für mich selber koche ich sonntags einen großen Topf Suppe, die ich dann jeden Tag wieder aufwärme. Das reicht mir, so in etwa, bis Mittwoch. Am Donnerstag esse ich meistens Trockenproviant aus dem Küchenschrank oder in der Stadt eine Pizza Margherita.

Dyzio hat ein paar gemeine Allergien, und deshalb kann ich meiner kulinarischen Phantasie keinen freien Lauf lassen. Er darf weder Milchprodukte noch Nüsse, Paprika, Eier oder Weizenmehl zu sich nehmen, was unseren Speiseplan erheblich einschränkt. Besonders da wir auch kein Fleisch essen. Manchmal, wenn er unvorsichtig war und etwas für ihn Ungeeignetes erwischt hatte, bedeckte sich seine Haut mit juckenden, wassergefüllten Bläschen. Dann musste er sich hemmungslos kratzen, und die offenen Stellen begannen zu eitern. Also lieber keine Experimente. Nicht einmal Ali mit seinen Mixturen konnte gegen die Allergien von Dyzio etwas ausrichten. Ihre Natur blieb geheimnisvoll und tückisch, und die Symptome waren immer anders. Kein Test konnte sie auf frischer Tat ertappen.

Dyzio zog aus seinem verschlissenen Rucksack ein Schmierheft und eine Batterie farbiger Kugelschreiber, die er beim Essen nicht aus den Augen ließ, und dann, als wir alles bis auf den letzten Krümel aufgegessen und den Schwarztee ausgetrunken hatten, berichtete er, was er in dieser Woche alles geschafft hatte. Dyzio übersetzte Blake. Das hatte er sich vorgenommen, und bis dato hatte er sich streng an diesen Vorsatz gehalten.

Vor langer Zeit einmal war Dyzio mein Schüler gewesen. Jetzt war er schon über dreißig. Doch er war noch immer der Dyzio von damals. Ein junger Mann, der sich versehentlich bei der Abschlussprüfung in Englisch in die Toilette einsperrte und nicht mehr hinaus konnte. Er hatte sich geschämt, um Hilfe zu rufen, und aus diesem Grund war er bei der Prüfung durchgefallen. Heute war er noch immer eher klein, knabenhaft oder sogar mädchenhaft, mit zarten Händen und weichem Haar.

Seltsam, dass das Schicksal uns viele Jahre nach diesem unglücklichen Schulabschluss wieder zusammenführte, hier in der Stadt auf dem Marktplatz. Ich sah ihn eines Tages, als ich aus der Post kam. Er holte Bücher ab, die er übers Internet bestellt hatte. Offenbar hatte ich mich mehr verändert als er, denn er erkannte mich nicht sofort, sondern starrte mich blinzelnd mit offenem Mund an.

»Sie sind das?«, flüsterte er nach einer Weile überrascht.

»Dionizy?«

»Was tun Sie hier?«

»Ich wohne in der Nähe. Und du?«

»Ich auch.«

Dann fielen wir uns spontan in die Arme. Es stellte sich heraus, dass er in Wrocław als Informatiker für die Polizei gearbeitet hatte und gewisse Reorganisierungen und Restrukturierungen nicht an ihm vorbeigegangen waren. So wurde er in die Provinz versetzt, und man bot ihm sogar an, ihn in einem Hotel unterzubringen, bis er eine geeignete Wohnung gefunden hatte. Aber Dyzio hatte keine Wohnung gefunden und lebte noch immer in dem Arbeiterhotel, einem riesigen, hässlichen Betonklotz, wo alle lärmenden Ausflügler auf dem Weg nach Tschechien abstiegen. Die Firmen organisierten dort ihre Betriebsfeiern, bei denen bis zum frühen Morgen gesoffen wurde. Dyzio hatte ein geräumiges Zimmer mit Vorraum und einer Gemeinschaftsküche auf dem Gang.

Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.

₺727,81

Türler ve etiketler

Yaş sınırı:
18+
Litres'teki yayın tarihi:
17 şubat 2025
Hacim:
290 s. 1 illüstrasyon
ISBN:
9783311701231
Yayıncı:
Tercüman:
Telif hakkı:
Bookwire
İndirme biçimi:

Benzer kitaplar