Kitabı oku: «Nikotinabhängigkeit und Tabakprävention»

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Die Autorin und die Autoren


Susann Koalick, Leiterin Nikotinberatung, Klinik Barmelweid. Chair Global Network for Tobacco Free Healthcare Services (GNTH), Präsidentin Forum Tabakprävention in Gesundheitsinstitutionen Schweiz (FTGS).


Dr. med. Thomas Sigrist, Leiter Departement Innere Medizin und Chefarzt Pneumologie, Klinik Barmelweid. Vizepräsident der Schweizerischen Gesellschaft für Pneumologie und Vorstandsmitglied der Lungenliga Aargau.


Dr. med. Oliver Bilke-Hentsch, MBA LL.M., Chefarzt des Kinder- und Jugendpsychiatrischen Dienstes der Luzerner Psychiatrie. Vizepräsident Forum Tabakprävention in Gesundheitsinstitutionen Schweiz (FTGS).

Susann Koalick Thomas Sigrist Oliver Bilke-Hentsch

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1. Auflage 2022

Alle Rechte vorbehalten

© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Illustrationen: toro/freepic

Print:

ISBN 978-3-17-037174-3

E-Book-Formate:

pdf: ISBN 978-3-17-037175-0

epub: ISBN 978-3-17-037176-7

Geleitwort der Reihenherausgeber

Die Entwicklungen der letzten Jahrzehnte im Suchtbereich sind beachtlich und erfreulich. Dies gilt für Prävention, Diagnostik und Therapie, aber auch für die Suchtforschung in den Bereichen Biologie, Medizin, Psychologie und den Sozialwissenschaften. Dabei wird vielfältig und interdisziplinär an den Themen der Abhängigkeit, des schädlichen Gebrauchs und der gesellschaftlichen, persönlichen und biologischen Risikofaktoren gearbeitet. In den unterschiedlichen Alters- und Entwicklungsphasen sowie in den unterschiedlichen familiären, beruflichen und sozialen Kontexten zeigen sich teils überlappende, teils sehr unterschiedliche Herausforderungen.

Um diesen vielen neuen Entwicklungen im Suchtbereich gerecht zu werden, wurde die Reihe »Sucht: Risiken – Formen – Interventionen« konzipiert. In jedem einzelnen Band wird von ausgewiesenen Expertinnen und Experten ein Schwerpunktthema bearbeitet.

Die Reihe gliedert sich konzeptionell in drei Hauptbereiche, sogenannte »Tracks«:

Track 1: Grundlagen und Interventionsansätze

Track 2: Substanzabhängige Störungen und Verhaltenssüchte im Einzelnen

Track 3: Gefährdete Personengruppen und Komorbiditäten

In jedem Band wird auf die interdisziplinären und praxisrelevanten Aspekte fokussiert, es werden aber auch die neuesten wissenschaftlichen Grundlagen des Themas umfassend und verständlich dargestellt. Die Leserinnen und Leser haben so die Möglichkeit, sich entweder Stück für Stück ihre »persönliche Suchtbibliothek« zusammenzustellen oder aber mit einzelnen Bänden Wissen und Können in einem bestimmten Bereich zu erweitern.

Unsere Reihe »Sucht« ist geeignet und besonders gedacht für Fachleute, Praktikerinnen und Praktiker aus den unterschiedlichen Arbeitsfeldern der Suchtberatung, der ambulanten und stationären Therapie, der Rehabilitation und nicht zuletzt der Prävention. Sie ist aber auch gleichermaßen geeignet für Studierende der Psychologie, der Pädagogik, der Medizin, der Pflege und anderer Fachbereiche, die sich intensiver mit Suchtgefährdeten und Suchtkranken beschäftigen wollen.

Die Herausgeber möchten mit diesem interdisziplinären Konzept der »Sucht«-Reihe einen Beitrag in der Aus- und Weiterbildung in diesem anspruchsvollen Feld leisten. Wir bedanken uns beim Verlag für die Umsetzung dieses innovativen Konzepts und bei der Autorenschaft für die sehr anspruchsvollen, aber dennoch gut lesbaren und praxisrelevanten Werke.

Auch wenn vielfältige gesellschaftliche und normative Maßnahmen den Nikotin- und Tabakkonsum beeinflussen, stellt dieses Suchtverhalten dennoch das größte gesundheitliche und volkswirtschaftliche Risiko dar. Im Gegensatz zu manch anderen Substanzen ist beim Nikotinmissbrauch aufgrund der Schädigung dritter Personen stets der Nichtraucherschutz mit im Fokus. Die Autorin und Autoren dieses Bands stellen die Problematik aus dem Blickwinkel der konkreten Nikotinberatung, internationaler Gremien, somatisch-pulmologischer und suchtpsychiatrischer Sicht dar und geben einen breiten Gesamtüberblick über die Thematik. Aufgrund der besonderen Lage sowohl aus klinischer als auch aus wissenschaftlicher Sicht im Bereich der E-Zigaretten und anderer Apparaturen wird diese Thematik punktuell integriert. Der klassische Nikotinkonsum steht allerdings im Vordergrund.

Oliver Bilke-Hentsch, Luzern/Zürich

Euphrosyne Gouzoulis-Mayfrank, Köln

Michael Klein, Köln

Vorwort

Auch wenn die Nutzung von Nikotin und seinen verschiedenen Produkten die Menschheit seit Jahrhunderten begleitet, so ist doch die erhebliche gesundheitliche Gefährlichkeit dieses scheinbaren Genussmittels erst in den letzten Jahrzehnten wirklich in das öffentliche Bewusstsein gedrungen. Hierzu haben kulturelle, soziale, werbetechnische und kommerzielle Interessen erheblich beigetragen. Aufgrund des hohen Abhängigkeitspotenzials und der schwierigen Entwöhnung kommt der Prävention und Frühintervention eine vielleicht noch größere Bedeutung zu als bei anderen Drogen. Auf einer anderen Ebene sind die »Kollateralschäden« des Nikotins auf Nichtrauchende sehr direkt durch die Stoffwirkungen bedingt. Bei anderen Substanzen wie Alkohol oder Kokain treten zwar auch Kollateralschäden auf, aber die sind eher durch das beeinträchtigte Verhalten von Abhängigen oder Benutzerinnen und Benutzern bedingt. Beim Nikotin dagegen ist das »Mitrauchen« in jeder Lebensphase ungesund und zu vermeiden. Daher gehört zur Thematik Tabakprävention und Behandlung der Nikotinabhängigkeit immer auch der Nichtraucherschutz dazu, was die Thematik komplex macht.

Aus diesem Grunde gehen wir in diesem Buch die Thematik von Nikotinabhängigkeit und Tabakprävention aus drei unterschiedlichen Richtungen an. Nach Einführungskapiteln zum Überblick geht es um die präventiven Maßnahmen und den Nichtraucherschutz einerseits sowie um Diagnostik und Therapiemöglichkeiten andererseits. Bearbeitet hat diese Themen hauptsächlich Susann Koalick. Im Weiteren kommen körperliche Wirkungen und Nebenwirkungen zur Sprache, wofür Tom Sigrist als Pulmologe verantwortlich zeichnet. Behandelt werden dabei neurobiologische Themen der Entwicklung, der Suchtdynamik und der individuellen Verläufe, die Oliver Bilke-Hentsch aus (entwicklungs-)psychiatrischer Sicht darstellt. Wir hoffen, damit den Leserinnen und Lesern bzw. Nutzerinnen und Nutzern ein angemessenes Spektrum an Zugangsweisen zu ermöglichen. Aufgrund der langjährigen Tätigkeit aller drei Verfassenden im Kontext des Global Network for Tobacco free Healthcare Service (GNTH) bzw. des Forums Tabakprävention in Gesundheitsinstitutionen der Schweiz (FTGS) kommen auch strukturelle, institutionelle und damit gesundheitspolitische Themen zur Sprache.

Im Herbst 2021

Susann Koalick, Barmelweid/Zürich

Dr. med. Thomas Sigrist, Barmelweid

Dr. med. Oliver Bilke-Hentsch, Luzern/Zürich

Inhalt

1  Geleitwort der Reihenherausgeber

2  Vorwort

3  1 Einleitung

4  1.1 Historische Aspekte im Überblick

5  1.2 Legale und politische Aspekte

6  1.3 Gesellschaftliche Aspekte

7  1.3.1 Passivrauchen

8  1.4 Technologische Aspekte

9  1.5 Typische Fälle

10  2 Epidemiologie

11  3 Stoffspezifika

12  3.1 Zigarre und Tabakpfeife

13  3.2 Shisha

14  3.3 Pharmakokinetik

15  4 Substanz- und Verhaltenswirkungen

16  4.1 Verhaltenscharakteristika von Nikotingebrauch und Tabakabhängigkeit

17  4.2 Substanzwirkungen auf die Organe

18  4.2.1 Neurobiologie

19  4.2.2 Allgemeine Wirkungen

20  4.2.3 Lungensystem

21  4.2.4 Herz und Gefäße

22  4.2.5 Haut

23  4.2.6 Parodontalerkrankungen

24  4.2.7 Weitere Erkrankungen

25  4.2.8 COVID-19 und Rauchen

26  5 Psychosoziale Aspekte

27  5.1 Genderaspekte/Geschlechtsunterschiede

28  5.2 Diversityaspekte

29  5.2.1 Schwangere

30  5.3 Chronisch Erkrankte

31  6 Ätiologie und interdisziplinäres Fallverständnis

32  7 Klassifikation und Diagnostik

33  7.1 Klassifikation

34  7.1.1 Definition der Nikotinabhängigkeit nach ICD-10 und DSM-IV/DSM-5

35  7.2 Diagnostische Methoden

36  7.2.1 Verfahren zur Bestimmung der Tabakabhängigkeit

37  8 Interventionsplanung in Therapie und Prävention

38  8.1 Therapieansätze

39  8.1.1 Ressourcen- und lösungsorientierte Beratungskonzepte

40  8.1.2 Die Kurzintervention

41  8.1.3 Medikamente

42  8.1.4 Rauchlose Tabakprodukte

43  8.1.5 Wasserpfeife

44  8.1.6 Spezifische Genderansätze in der Therapie der Tabakentwöhnung

45  8.1.7 Intervention bei Rückfällen

46  8.1.8 Interventionen für eine Reduktion des Tabakkonsums

47  8.1.9 Entzugserscheinungen

48  8.1.10 Mobile Entwöhnungsdienste

49  8.1.11 Ergo- und kunsttherapeutische Ansätze

50  8.1.12 Besonderheiten der Nikotinberatung

51  8.1.13 Rauchen und Alkohol

52  8.1.14 Rauchen und Cannabis

53  8.1.15 Rauchen und psychiatrische Störungen

54  8.2 Präventionsansätze

55  8.2.1 Jugendliche

56  8.2.2 Gesundheitsinstitutionen

57  9 Ausblick

58  Literatur

59  Sachwortverzeichnis

1
Einleitung
1.1 Historische Aspekte im Überblick

Die Wirkung von Nikotin war schon vor 10.000 Jahren bei nord- und mittelamerikanischen Völkern bekannt, insbesondere für kultische Zwecke. Tabak galt als heilige Pflanze, und so rauchten beispielsweise die Native Americans im Norden von Amerika bei ihren Vertragsabschlüssen die sogenannte »Friedenspfeife«.

Die Native Americans nutzten die Tabakpflanze aber auch zur Auflage als Wundverbände, somit also medizinisch, und ebenso getrunken als Sud, gekaut sowie auch geschnupft. Schamanen verwendeten den Tabak, um in die Welt der Geister zu reisen und die Seelen Kranker auf die Erde zurückzubringen. Kolumbus bekam die Pflanze als Gastgeschenk nach seiner Landung in San Salvador im Jahre 1492 und brachte sie nach Europa.

Rodrigo de Jerez, ein Mitglied von Kolumbus’ Schiffscrew, war der erste Tabakkonsument, der in Europa Tabak rauchte. Der Rauch ließ die Leute allerdings glauben, der Teufel sei in ihn gefahren, weswegen die Priester der Inquisition ihn ins Gefängnis warfen.

Die heilende Wirkung von Nikotin untersuchte ein französischer Gesandter namens Jean Nicot am portugiesischen Hof, indem er es erfolgreich gegen Kopfschmerz verabreichte. 1590 wurde die Pflanze als Nicotiana bekannt, und seit 1828 ist Nicot der Namensgeber für den Suchtstoff Nikotin. Handelsbeziehungen in alle Welt brachten die Pflanze bis nach Asien und Afrika. Dabei hatte Tabak einen hohen Handelswert, vergleichbar mit heutigen illegalen Drogen.

Als Gebrauchs- und Genussmittel war Tabak im 18. Jahrhundert in vielen Ländern anzutreffen. Zigarren waren die häufigste Form der Anwendung. Die erste Tabakmanufaktur entstand in Sevilla in Spanien. Napoleon brachte die Zigarre mit nach Frankreich, von wo sie nach Deutschland kam und für das Bürgertum zu einem Statussymbol wurde.

1867 wurde auf der Pariser Weltausstellung die erste maschinelle Zigarettenherstellung der Firma Susini aus Havanna vorgeführt.

Mit dieser Entwicklung der Herstellung wurde die Kulturdroge Tabak ab etwa der Hälfte des 20. Jahrhunderts zur Massendroge. Das Rauchen als Muße wechselte dem Rauchen als Stressbewältigung. Die Zigarette wurde dann ein Symbol für das moderne Leben des 20. Jahrhunderts.

Nichtsdestotrotz wurde das Rauchen auch schon im 19. Jahrhundert, vor 150 Jahren, unter negativen Konsequenzen betrachtet, vor allem der Konsum bei Jugendlichen. Rauchen wurde als soziales Problem angesehen: 10- bis 12-jährige Jungen rauchten, und Lehrer wiesen auf das Problem des »narkotischen Tabaks« hin. Ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurden in den USA und in Europa Anti-Tabak-Vereinigungen gegründet. Langzeitschäden wie z. B. Zungenkrebs wurden schon vor 150 Jahren festgestellt.

Bis 1950 bestritt die Tabakindustrie die Tatsache, dass Rauchen Folgeerkrankungen provoziert. Heute verursacht die Tabakepidemie acht Millionen Todesfälle pro Jahr weltweit (WHO 2019).

Seit einigen Jahren hat die sogenannte elektrische bzw. elektronische Zigarette mit und ohne Nikotin Einzug gehalten. Die E-Zigarette wird vielfach als harmlose Alternative zur Zigarette oder als Mittel zum Rauchstopp beworben. Es fehlen bisher Langzeitstudien zu den gesundheitlichen Folgen des E-Zigaretten-Konsums (S3-Leitlinie »Rauchen und Tabakabhängigkeit: Screening, Diagnostik und Behandlung« – AWMF 2021).

Merke: Die Tabakpflanze mit ihrem Wirkstoff Nikotin wurde zu Beginn ihrer Geschichte als Kultmittel und Heilpflanze genutzt. Ab dem 19. Jahrhundert mit fortschreitender Industrialisierung und Verbreitung wurden die negativen Konsequenzen des schädigenden Tabakrauchs und der Suchtwirkung des Nikotins als problematisches Verhalten erkannt und betrachtet. In heutiger Zeit halten umstrittene elektrisch erhitzte Tabakerzeugnisse ihren Einzug.

1.2 Legale und politische Aspekte

Die Tabakindustrie ist ein umsatzstarker Wirtschaftszweig. Während in Westeuropa der Tabakkonsum zurückgeht, wird vor allem in Entwicklungsländern mit einem Anstieg gerechnet.

Die Werbung ist vielfältig und richtet sich gezielt an verschiedene Konsumentengruppen, vor allem Neueinsteigende sind für die Tabakindustrie interessant, da eine neue zukünftige Kundschaft angeworben wird. Je früher mit dem Rauchen begonnen wird, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, später regelmäßig zu rauchen, desto schwerer fällt das Aufhören (Sussman et al. 1998) und desto stärker ist die karzinogene Wirkung des Zigarettenrauchs (Wiencke et al. 1999). Eine große Anzahl wissenschaftlicher Studien kommt zu dem Ergebnis, dass Zigarettenwerbung sowohl den Einstieg in den Zigarettenkonsum als auch den Übergang vom Probieren zum regelmäßigen und gewohnheitsmäßigen Rauchen und damit die Festigung des Rauchverhaltens fördert (Gilpin und Pierce 1997; Pierce et al. 1998). Dies gilt nicht nur für die direkten Formen der Werbung, sondern auch für die indirekte Werbung für Tabakprodukte (MacFadyen et al. 2001).

Frauen wurden und sind zunehmend eine Zielgruppe als Konsumentinnen, die direkt beworben wird. Berufstätige Frauen sind dabei besonders interessant auch im Zusammenhang mit einem selbstbestimmten Lebensstil. Durch Bilder von Schlanksein, Emanzipation, Kultiviertheit spricht die Tabakindustrie schon lange die Sehnsüchte der Frauen an. Die Zigarettenpackungen wurden vom Aussehen her den Wunschbildern der Frauen angepasst oder auch mit ansprechenden Aussagen untertitelt oder mit Attributen wie Stil und Geschmack versehen.

Zigaretten sind für den Schmuggelmarkt interessant. Durch das Umgehen der Steuern entsteht eine hohe Gewinnspanne. Günstige Schwarzmarktzigaretten steigern den Zigarettenkonsum. Zigaretten gehören weltweit zu den meistgeschmuggelten Konsumgütern.

Die größten wirtschaftlichen Kosten beim Tabak verursachen die Behandlungen von tabakbedingten Krankheiten.

Beispiel Schweiz: Drei Milliarden Franken/2.742 Milliarden Euro zahlt die Gesellschaft pro Jahr in Form von Krankenkassenprämien und Steuern. Keine andere Sucht verursacht derart hohe Kosten im Gesundheitswesen. Zum Vergleich: Alkohol macht mit 477 Millionen Franken nur ein Sechstel aus, Drogen mit 274 Millionen Franken weniger als ein Zehntel. Tabak ist ebenfalls für den Großteil der suchtbedingten Todesfälle verantwortlich. Von 11.512 suchtbedingten Todesfällen im Jahr 2017 entfallen 9.430 auf Tabak, 1.940 auf Alkohol und 178 auf Drogen. Indirekt, also durch krankheitsbedingte Ausfälle am Arbeitsplatz oder durch frühzeitige Todesfälle, kostet der Tabakkonsum die Schweizer Volkswirtschaft jährlich zwischen 833 Millionen Franken und 3,1 Milliarden Franken – abhängig davon, wie breit die indirekten Kosten miteinbezogen werden. In die erste Rechnung werden lediglich die Kosten zur Beschaffung eines »Ersatzes« für die ausgefallene Person miteinbezogen. Die zweite Rechnung berücksichtigt zusätzlich den Verlust über das gesamte Erwerbsleben (AT Schweiz 2020).

Auf politischer Ebene existieren vielfältige Richtlinien durch Gesetzgebungen. Im Mai 2003 haben die WHO-Mitgliedstaaten gesundheitspolitisch »Geschichte geschrieben« durch die Annahme des WHO-Rahmenübereinkommens über Tabakkontrolle, der Framework Convention on Tobacco Control (FCTC)– der erste Vertrag speziell im Zusammenhang mit der öffentlichen Gesundheit. Heute sind 181 Parteien Unterzeichner, und das FCTC ist damit eines der am weitesten verbreiteten Instrumente der Vereinten Nationen (WHO 2003).

Ziele bis 2030 sind die Reduktion vorzeitiger Sterblichkeit durch nicht übertragbare Krankheiten um ein Drittel und die Stärkung der Umsetzung der FCTC.

Die australische Regierung hat beispielsweise 2012 veranlasst, dass Hersteller in Australien nur noch olivgrüne Einheitsverpackungen – bedruckt mit den bereits üblichen Schockfotos und Warnhinweisen – in den Handel bringen dürfen. Auf Logos oder Schriftzüge wird dabei verzichtet; Schriftart, Schriftgröße und Packungsgrundlage werden vereinheitlicht.

In Großbritannien haben die Einführung von Einheitsverpackungen und die Mindestabgabe die Zigarettenverkäufe deutlich gesenkt. Seit 2017 hat Großbritannien komplett auf Einheitsverpackungen umgestellt. Zu diesem Zeitraum trat auch eine Mindeststeuer in Kraft, die es den Verkaufsstellen erschwert, die Zigarettenpreise zu drücken. Diese kombinierten Maßnahmen reduzierten den Absatz von Tabakprodukten deutlich.

Den Nutzen von Plain Packing, also Einheitsverpackungen, erkennen immer mehr Länder und lassen es zu: Irland, Frankreich, Kanada, Neuseeland, Norwegen, Slowenien, Türkei, Niederlande.

Tabakwerbeverbote müssen umfassend sein, wenn sie wirken sollen.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat in ihrer Rahmenkonvention der Tabakkontrolle (FCTC) Grundsätze festgelegt für die Tabakprävention. Kinder und Jugendliche sollen nicht mehr zum Tabakkonsum angeworben werden. Promotion, Werbung und Sponsoring für Tabakwaren sowie zur Erhältlichkeit von Tabakwaren sind dort geregelt.

Merke: Die Tabakindustrie ist ein weltweiter Wirtschaftszweig mit einer vielfältigen Werbung, die sich gezielt an verschiedene Konsumentengruppen richtet, vor allem an Jugendliche und Neueinsteigende. Die größten wirtschaftlichen Kosten beim Tabak verursachen die Behandlungen von tabakbedingten Krankheiten. Auf politischer Ebene existieren vielfältige Richtlinien durch Gesetzgebungen, die die Denormalisierung des Rauchens und den Rauchstopp fördern.

1.3 Gesellschaftliche Aspekte
1.3.1 Passivrauchen

Das Wissen über schädliche Folgen des Passivrauchens ist in der Bevölkerung bekannt, dessen Schädlichkeit wird von Raucherinnen und Rauchern jedoch weniger hoch eingeschätzt als von nicht rauchenden Personen.

Der Anteil Personen, die dem Passivrauchen ausgesetzt waren, konnte in den letzten Jahren durch neue gesetzliche Regelungen in den einzelnen Ländern reduziert werden. Personen, die regelmäßig Tabakrauch ausgesetzt sind, haben ein erhöhtes Risiko für Krebserkrankungen, Schlaganfall und akute koronare Herzerkrankungen. Der passiv aufgenommene Rauch gleicht dem aktiv inhalierten Tabakrauch. Partikel des Tabakfeinstaubs lagern sich an Wänden, Textilfasern (z. B. Vorhängen) und Einrichtungsgegenständen ab und werden von dort wieder in die Raumluft abgegeben.

Kinder in Raucherhaushalten sind durch Passivrauchen besonders gefährdet, da sie eine höhere Atemfrequenz und ein weniger effizientes Entgiftungssystem haben als Erwachsene. Wenn ihre Eltern rauchen, leiden sie vermehrt unter Mittelohrentzündungen und Atemwegserkrankungen wie Bronchitis und Lungenentzündung. In Autos, in denen geraucht wird, sind Kinder den giftigen und krebserzeugenden Substanzen des Tabakrauchs schutzlos ausgesetzt. Daher bedeutet Passivrauchen im Auto für Kinder eine vermeidbare Gesundheitsgefahr.

Auch E-Zigaretten und Tabakerhitzer belasten den Fahrzeugraum mit lungengängigen Partikeln und Nikotin.

Die schädigenden Auswirkungen des Passivrauchs wurden lange von der Tabakindustrie verharmlost und wissenschaftliche Erkenntnisse wurden manipuliert. Ein typisches Beispiel dazu ist die »Rylander-Affäre« von 2003, die eine Unterwanderung der Wissenschaft durch die Tabakindustrie aufzeigte und eindrücklich im Buch »Vernebelung - Wie die Tabakindustrie die Wissenschaft kauft« dargestellt wird.

»Die Journalisten Sophie Malka und Marco Gregori beleuchten in diesem Buch die Hintergründe eines berühmt gewordenen Falles von Wissenschaftsbetrug. So kollaborierte Ragnar Rylander, Professor der Medizin an den Universitäten Göteborg und Genf, während über 30 Jahren mit Philip Morris. Er organisierte pseudowissenschaftliche Symposien und publizierte Studien, welche die Schädlichkeit insbesondere des Passivrauchens leugneten. Die Autoren zeigen, wie die Rylander-Affäre schließlich aufflog und die höchsten juristischen Instanzen beschäftigte: ein Skandal, aber nur die Spitze des Eisbergs« (Umschlagtext »Vernebelung – Wie die Tabakindustrie die Wissenschaft kauft« Malka und Gregori 2008).

Merke: Passivrauch ist ebenso wie Tabakrauch gesundheitsschädigend und trägt ebenso durch die Folgen des Tabakkonsums zur Krankheitslast der Bevölkerung bei.

1.4 Technologische Aspekte

Die in kurzer Zeit immer komplexer werdende Thematik der elektronischen Zigaretten, des »Dampfens« und anderer, moderne Technologie einsetzender Applikationsmethoden ist beachtlich. Daher wird dieses Zukunftsthema hier kursorisch und orientierend angesprochen.

In den nächsten Jahren werden weitere Fortschritte in der Angebotspalette, in den gesundheitspolitischen Regelungen, aber auch in den wissenschaftlichen Erkenntnissen über die Schädigungsmuster (und gegebenenfalls über den potenziellen Nutzen) deutlich werden.

Der technische Fortschritt bringt einige Änderungen mit sich. Zum einen erweitern sich die Arten, wie Tabak konsumiert werden kann, durch das Aufkommen von E-Zigaretten, E-Shishas, E-Pens und Vaporizern. Es entstehen durch den technologischen Fortschritt neue Möglichkeiten für die Vermarktung und den Vertrieb von Tabakgütern. Eine wichtige Rolle spielen dabei die sozialen Medien, auf denen die Tabakunternehmen selbst aktiv sind. Vor allem profitieren die Tabakunternehmen vom Einsatz von Influencerinnen und Influencern sowie vom Engagement normaler Social-Media-Nutzender. Sämtliche Tabakprodukte können zwischenzeitlich online bestellt werden.

E-Zigaretten und andere Produkte werden als »Einsteigerprodukte« vermarktet. In den letzten Jahren hat die Tabakindustrie (und andere nicht-Tabak-kommerzielle Akteure der Herstellung von E-Zigaretten) eine breite Palette von Produkten eingeführt. Die Mehrheit davon simuliert den Akt des Rauchens, während normalerweise Nikotin abgegeben wird.

Derzeit gibt es drei große Kategorien dieser Produkte:

1. Beheizte Tabakerzeugnisse (Heated Tobacco Products/HTPs) sind Tabakerzeugnisse, die Aerosole produzieren und Nikotin und giftige Chemikalien enthalten. Diese Aerosole werden von Benutzerinnen und Benutzern während des Saugprozesses aufgenommen (Beispiel: iQOS von Philip Morris International, Ploom TECH von Japan Tobacco International, Glo von British American Tobacco und PAX von PAX Labs). HTPs sind keine E-Zigaretten. HTPs erhitzen Tabak, um Nikotin zu erzeugen. E-Zigaretten erhitzen E-Flüssigkeit, die Nikotin enthalten kann oder nicht, und in den meisten Fällen enthalten diese keinen Tabak.

2. Elektronische Nikotinabgabesysteme (Electronic Nicotine Delivery Systems/ENDS), auch elektronische Zigaretten, E-Zigaretten, Vaping genannt, sind Geräte, in der eine Flüssigkeit erwärmt wird. Es entsteht ein Aerosol, das mit der Luft eingeatmet wird. Die Flüssigkeit enthält Nikotin (aber keinen Tabak) und andere Chemikalien, die für den Menschen giftig sein können.

3. Elektronische Abgabesysteme ohne Nikotin (Electronic Non-Nicotine Delivery Systems/ENNDS) sind ähnlich wie ENDS, aber die erhitzte Lösung enthält generell kein Nikotin. Diese Produkte werden proaktiv vermarktet oder gefördert als »sauberere« Alternativen zu herkömmlichen Zigaretten, als Rauchstopphilfen oder als Produkte mit »reduziertem Risiko«.

Einige dieser Produkte haben de facto niedrigere Emissionen als herkömmliche Zigaretten, sie sind aber nicht risikofrei, und die Auswirkungen auf Gesundheit und Mortalität sind noch weitgehend unbekannt. Es existieren keine unabhängig erforschten Belege zur Verwendung dieser Produkte bei Interventionen zur Tabakentwöhnung.

Es bleibt letztlich Unsicherheit im Zusammenhang mit der potenziellen Toxizität von ENDS, obwohl diese einigen Rauchenden geholfen haben, mit dem herkömmlichen Rauchen aufzuhören unter bestimmten Bedingungen. Der wissenschaftliche Beweis ist nicht schlüssig, und es gibt nur eine begrenzte Anzahl von randomisierten Kontrollversuchen und Längsschnittstudien. Die Untersuchung der Rolle von ENDS als angebotene Entzugshilfe und die entsprechenden Schlussfolgerungen sind nicht eindeutig. Mögliche Fehlinformationen durch die Tabakindustrie über E-Zigaretten sind eine gegenwärtige und reale Bedrohung. Angesichts der Knappheit und geringen Qualität der wissenschaftlichen Beweise ist es noch unklar laut der WHO (2020), den Einsatz der E-Zigarette als Methode zum Rauchstopp zu empfehlen.

1.5 Typische Fälle
Jugendlicher

Der 16-jährige Ma. raucht seit seinem 11. Lebensjahr. Die sehr natur- und ernährungsbewusst lebenden Eltern (vegan, Lehrerin und Richter) haben neben Ma. noch den drei Jahre älteren Tobias und die fünf Jahre jüngere Katharina als Kinder. Ma., der sich wegen seiner Impulsivität und Konzentrationsschwächen im Rahmen eines ADHS leicht langweilt, schließt sich dem wesentlich interessanteren Freundeskreis seines älteren Bruders an, probiert dort allerhand Risikoverhaltensweisen aus und gewinnt schnell ein starkes Selbstvertrauen, was ihn – ansonsten sozial etwas ungeschickt – von seinen Gleichaltrigen abhebt. Das Zigarettenrauchen vor allem beim Skaten oder beim »Rumhängen« gehört für einige in der Gruppe dazu, das Kiffen ist bei Älteren beliebt. Ma. stellt schnell fest, dass er im Gegensatz zu anderen Jugendlichen die Zigaretten sehr gut »verträgt«, auch sehr schnell eine stark anflutende Wirkung hat, die aber ebenso schnell wieder verschwindet. Während sich andere aus der Gruppe die Zigaretten einteilen, hat Ma. ständig Zigarettenmangel, versucht diese bei anderen zu erhalten oder sich diese anderweitig zu erschleichen. Die Beschaffung, Lagerung, das Verstecken und das heimliche oder offene Rauchen wird zu einem bestimmenden Lebensthema. Ma. entdeckt, dass er seine plötzlichen Stimmungsschwankungen, seine Kränkungen und Enttäuschungen (die er als solche so nicht benennen kann) mit der schnell verfügbaren Zigarette sehr kurzfristig steuern und ungeschehen machen kann.

Der Einfluss der Eltern ist und bleibt gering, ihr Vorbildcharakter interessiert Ma. eher wenig, dafür sind die Wirkung und die unangenehmen Entzugserscheinungen zu bedeutend geworden. Auch als der Bruder sich aus dem Freundeskreis verabschiedet und keine Substanzen mehr zu sich nimmt, verbleibt Ma. bei der älteren Gruppe und hat, nachdem er einmal sitzen geblieben ist und die Schule für ihn weiterhin sehr langweilig ist, umso mehr Zeit. Während des Gamens, bei dem er schnelle Reaktionsspiele mit hohem Aggressionsinhalt bevorzugt und weniger Strategiespiele, wird er faktisch zum Kettenraucher. Die Aussage einiger Klassenkameradinnen, die den an sich sehr sportlichen und attraktiven Ma. näher kennenlernen wollen, er »stinke immer nach Rauch und Nikotin«, bestärkt ihn in seiner Einschätzung der beschränkten Einsichtsfähigkeit von Mädchen seines Alters. Zur Volljährigkeit hin verbittet er sich von seiner Umgebung jegliche Einflussnahme auf sein Rauchverhalten.

Aufhörwilliger Raucher

Ein 76-jähriger Patient befindet sich nach einer Lungenentzündung in der Rehabilitation und nimmt an den Gesprächen der Nikotinberatung teil.

Er schwört sich: »Jetzt ist fertig mit Rauchen!« Seine Frau und er, sie brauchen sich, sie ergänzen einander, und im Alter sei das umso wichtiger. Seine Frau habe schon Unfälle mit dem Rücken gehabt, und sie müssten einander helfen. Ihm ist es wichtig, ihr bei den Haushaltsarbeiten wie Staubsaugen zu helfen. Vorher habe man das gar nicht so bemerkt – erst jetzt, als er die akute Lungenentzündung hatte, sei es das Erste gewesen, das ihm in den Sinn gekommen war.

Herr B. erlebte seinen Zustand als lebensbedrohlich. Er erfuhr einen schweren Atemnotanfall zu Hause und musste mit dem Krankenwagen ins Spital gebracht werden. Er erinnert sich an die Intensivstation und wie schwer er es dort hatte. Auf der einen Seite konnte Herr B. nicht auf der Intensivstation rauchen durch seinen schlechten Allgemeinzustand, gleichzeitig entstand der Entschluss, mit dem Rauchen aufzuhören.

Auf die Frage, was es gebraucht habe, dass er sagt: »Ich will rauchfrei bleiben!«, sagt er, die Lungenentzündung sei sein Aha-Erlebnis gewesen. Herr B. hatte vor dem Ereignis schon mehrere Aufhörversuche – mal eine Woche oder tageweise. Er habe es öfter probiert, aber dieses Mal habe es »Klick« gemacht.

Es sei nicht nur ein Husten gewesen, sondern eine schwere Erkrankung. Herr B. ist der Meinung, wenn man so lange rauche, brauche es einen Schock, etwas, das einem »auf den Deckel haut«; seine längsten Rauchstoppversuche in der Vergangenheit dauerten längstens 14 Tage, und dann begann es wieder mit »Ich probiere mal eine«, und dann kam wieder die nächste oder zweite. Er ist überzeugt, dass er diesen Schockmoment der heftigen Lungenentzündung gebraucht hat.

Nach fünf Wochen »rauchfrei« geht es ihm nach eigenen Äußerungen gut. Am Abend kommen noch die Momente: »Jetzt könnte ich auf den Balkon raus und eine rauchen«, aber dieser Moment sei sehr schnell vorbei. Die Ablenkung sei für ihn in der Reha nicht schwer, er habe seine Therapien, gehe wandern, und es sei immer irgendetwas. Er wolle versuchen, sich auch zu Hause mehr zu bewegen. Sie wohnten in Waldnähe, auch mit einer Anhöhe, das sei auch eine gute Therapie. Er könne verschiedene Distanzen machen.

Er will nun das, was er in den Therapien in der Reha gelernt hat, auch zu Hause anwenden.

Für Herrn B. sind die Gründe, rauchfrei zu bleiben, sehr wichtig: seine Lebensqualität, das gemeinsame Leben mit seiner Frau.

Aufhörwillige Raucherin

Eine 55-jährige depressive Patientin, die während ihres stationären Aufenthalts in der Psychosomatik mit Unterstützung der Nikotinberatung ihren Zigarettenkonsum reduziert, bezeichnet sich als leidenschaftliche Raucherin. Sie würde gern rauchen und bewundere die Leute, die von einem Tag auf den anderen mit dem Rauchen aufhören. Sie weiß, dass das für sie nicht stimmen würde. Sie brauche das Bewusstsein, das sei für sie die Grundlage, ihr Verhalten zu ändern.

Die erste Zigarette rauchte sie zu Hause nach dem Aufstehen, jetzt in der Klinik würde erst der Kaffee kommen ohne die Zigarette.

Sie habe den Zigarettenkonsum reduziert, indem sie verschiedene Zigaretten ausgelassen habe, und das sei gegangen. Das Rauchverhalten zu verändern, sei aufgrund ihrer Gesundheit wichtig für sie; sie habe Glück gehabt mit ihrer Diagnose, nachdem die Lunge untersucht worden war. Der Befund sei nicht so schlimm gewesen wie vermutet. Das habe ihr wieder Motivation gegeben, um erneut einen Rauchstoppversuch zu starten. Sie möchte rauchfrei sein, nicht mehr stinken, nicht krank sein, sie möchte mehr Geld haben und nicht abhängig sein. Das »Dranbleiben« im Prozess wäre für sie also sehr wichtig.

Sie hat begonnen, das Freizeitprogramm umzustellen – mit mehr Sport und Kontakten zu Leuten, die nicht rauchen. Sie ist überzeugt, dass sich ihr Vorhaben – je mehr sie sich mit dem Thema beschäftigt, auch vor dem Einschlafen, indem sie sich ihre Gründe für den Rauchstopp bewusst macht – immer mehr im »Hirn festsetzt« und dieser Weg über das weniger Rauchen auch ein Teil ist, um ganz aufzuhören.

Diese Patientin betreut zu Hause ihren pflegebedürftigen Ehemann und erlebt den Klinikaufenthalt als Entlastung. Sie erfährt erstmalig seit langem von allen Seiten Unterstützung und dass sie für sich selbst etwas tun kann. Die Gespräche in der Nikotinberatung erlebt sie als Unterstützung, ihren individuellen persönlichen Weg im Aufhörprozess zu gehen, und als Wertschätzung, in einem ersten Schritt ihren Zigarettenkonsum zu reduzieren.

Chronifizierter Fall

Der unterdessen 72-jährige Patient hatte erstmals mit 58 Jahren Kontakt mit dem Lungenspezialisten. Zuvor hatte er 56-jährig ein Polytrauma, wovon er sich nie richtig erholt hat. Dies führte zu einer Gewichtszunahme bis zu einem BMI von knapp 40 kg/m2. Das Übergewicht zusammen mit dem Zigarettenkonsum von 80 pack years, (Anzahl Packungen pro Tag × Jahre des Konsums) führte zu einer derartigen Atemnot, dass er sich beim Pneumologen meldete. Nebst einer chronisch-obstruktiven Pneumopathie wurde ein obstruktives Schlafapnoesyndrom diagnostiziert. Sein Leidensdruck bestand vor allem in der Atemnot und der Müdigkeit, wobei beides zu einer stark eingeschränkten körperlichen Leistungsfähigkeit führte. Während die Therapie des Schlafapnoesyndroms mittels einer Maskenüberdrucktherapie gut gelingen konnte, erwies sich die Behandlung der COPD als schwer. Vor allem konnte er sich nicht dazu durchringen, den Zigarettenkonsum zu stoppen. Seit seiner Krankschreibung im Rahmen des Polytraumas ist sein Alltag von Langeweile, Herumsitzen und Zigarettenrauchen geprägt. Sein Gesundheitszustand verschlechterte sich zusehends. Dies führte auch zu einem sozialen Rückzug und zunehmend depressiven Gedanken. Die Zigaretten waren sein Strohhalm.

Im Rahmen einer stationären pulmonalen Rehabilitation konnte eine intensive Patientenschulung, ein Coaching, durchgeführt werden, sodass unter Zuhilfenahme der entsprechenden Inhalationsmedikamente die Lungenfunktion des Patienten von etwa 33 % auf gut 50 % anstieg. Trotz wiederholtem und klarem Insistieren, das Rauchen stoppen zu müssen, konnte er sich mit diesem Gedanken nicht anfreunden. Sowohl die Nikotinberatung als auch Nikotinersatzprodukte oder eine andere medikamentöse Therapie wurden strikt und konsequent abgelehnt. Aufgrund der schweren Lungenerkrankung musste er bereits 58-jährig eine Heimsauerstofftherapie akzeptieren und umsetzen.

Aus Angst vor der Konfrontation entzog er sich in den kommenden Jahren den ärztlichen Kontrollen, befolgte die medikamentöse Therapie nicht konsequent und führte den Rauchkonsum unverändert weiter.

13 Jahre später war die Atemnot derart immobilisierend, dass er nicht um eine Hospitalisation herumkam. Zu diesem Zeitpunkt betrug seine Lungenfunktion noch knapp 15 % des Sollwerts, und er war nahezu nur noch vom Bett in den Stuhl mobilisierbar. Die weiteren Untersuchungen ergaben nebst der schweren COPD auch eine Herzkrankheit, eine Nierenkrankheit sowie eine Angststörung. Glaubhaft und mit Laborresultaten objektiv dokumentiert, war er zu diesem Zeitpunkt rauchfrei. Erst eine Verbrennung im Gesicht demaskierte den persistierenden Zigarettenkonsum. Die Ursache für die normalen Laborbefunde fand sich darin, dass er durch die fehlende Mobilität nicht mehr in die Raucherzonen gehen konnte. Mit zunehmender Erholung gelang ihm dies wieder, und er begann von Neuem zu rauchen. Auch zu diesem Zeitpunkt stellte er für sich ganz klar fest, dass er nicht an einem Rauchstopp interessiert sei. Er wünsche, dies nicht weiter zu thematisieren.

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Epidemiologie

Laut WHO (1997) werden weltweit bis zum Jahre 2025 etwa 10 Millionen Menschen an den Folgen des Tabakkonsums sterben. Insbesondere in den Entwicklungsländern wird in den nächsten Jahren ein Anstieg zu erwarten sein.

In Europa werden steigende Raucherprävalenzen bei Frauen mehr im Norden als im Süden festgestellt, in Asien ist dagegen ein starker Anstieg bei den Männern zu verzeichnen.

Ab dem 55. Lebensjahr sinkt die Raucherquote deutlich. Es ist unter anderem auf die erhöhte Mortalität und Morbidität nach langjährigem Tabakkonsum zurückzuführen. Die mittlere Lebenserwartung einer rauchenden Person ist im Durchschnitt um rund zehn Jahre reduziert (Doll et al. 2004). An einer Studie mit rund 35.000 Ärztinnen und Ärzten, die prospektiv über viele Jahre untersucht wurden, zeigte sich, dass etwa 81 % der Nichtrauchenden das 70. Lebensjahr erreichen, jedoch nur 58 % der regelmäßigen Zigarettenrauchenden.

Schätzungen zufolge sind z. B. in Deutschland 4,4 Millionen der 18- bis 64-Jährigen abhängig von Tabak (Atzendorf et al. 2019).

In Deutschland wurde untersucht, wie stark sich das Rauchverhalten von Erwachsenen in verschiedenen Lebensphasen nach dem sozialen Status unterscheidet. Männer und Frauen mit niedrigem gegenüber jenen mit hohem Sozialstatus fangen häufiger mit dem Rauchen an und hören seltener wieder auf. Kinder aus sozial benachteiligten Familien haben häufiger Eltern, Geschwister und Freunde, die rauchen, und sind häufiger Passivrauchbelastungen ausgesetzt als Gleichaltrige aus sozial besser gestellten Familien. Dies könnte erklären, warum bereits im Jugendalter der Anteil derer, die regelmäßig oder täglich rauchen, bei Jungen und Mädchen mit niedrigem Sozialstatus am größten ist. Da Raucher aus den höheren Statusgruppen im Durchschnitt sowohl seltener als auch weniger rauchen, könnte es ihnen aufgrund des geringeren Suchtpotenzials ihres Konsums leichter fallen, dauerhaft mit dem Rauchen aufzuhören (Kuntz et al. 2016).

Laut der Studie »Special Eurobarometer 458« der europäischen Kommission im Jahr 2014 wurde ein Raucheranteil von 20 % ermittelt in allen außer 6 von 28 Mitgliedsstaaten. Dieser Anteil bezieht sich auf in der Europäischen Union lebende Personen ab 15 Jahren. Die höchste Rate ist in Griechenland (37 %), Bulgarien (36 %), Frankreich (36 %), Kroatien (35 %). Die niedrigste Rate ist in Schweden (7 %), im Vereinigten Königreich (17 %). Es muss jedoch erwähnt werden, dass in Schweden 23 % der Befragten in den letzten sechs Monaten orale Tabakprodukte zu sich nahmen (Special Eurobarometer 458, 2017, S. 8).

»In der Europäischen Union möchte mehr als die Hälfte der Rauchenden mit dem Rauchen aufhören | Über die Hälfte der aktuell Rauchenden in der Europäischen Union hat mindestens einmal versucht, mit dem Rauchen aufzuhören, wobei große Unterschiede zwischen den Ländern bestehen. Der Anteil der Rauchenden, die innerhalb des letzten Jahres versucht haben, mit dem Rauchen aufzuhören, ist allerdings zwischen 2014 und 2017 von 19 auf 15 % gesunken. Die meisten Rauchenden versuchen oder schaffen den Rauchstopp in jungem oder mittlerem Alter« (Tabakatlas Deutschland 2020, S. 130).

In der Schweiz rauchten im Jahr 2017 27,1 % der Bevölkerung. Es rauchten mehr Männer als Frauen. 19,1 % der Schweizer Bevölkerung rauchen täglich, 8,0 % sind Gelegenheitsrauchende. (BFS 2020).

Merke: Der Tabakkonsum ist die größte vermeidbare Todesursache in der Weltbevölkerung. Die Lebenserwartung von Raucherinnen und Raucher ist um durchschnittlich zehn Jahre reduziert. Langjähriges schädliches Tabakkonsumverhalten erhöht die Mortalität und Morbidität.

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Yaş sınırı:
0+
Litres'teki yayın tarihi:
19 aralık 2025
Hacim:
148 s. 15 illüstrasyon
ISBN:
9783170371767
Telif hakkı:
Bookwire
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