Kitabı oku: «Schirach»

Yazı tipi:


Baldur von Schirach mit Tochter Angelika Benedikta und Sohn Klaus in Urfeld am Walchensee, um 1937.

Foto: Heinrich Hoffmann.



Ein erfolgreiches Gespann: der »Führer« und sein Imagestratege Baldur von Schirach. Auftritt am Reichsparteitag 1933 in Nürnberg.

Inhalt

Cover

Titel

Einleitung

1. Von Bull Run zum großherzoglichen Hoftheater

Die Familie Schirach auf dem Weg nach Weimar

2. Prägungen und Brüche

Der Kampf gegen Kommunismus und Demokratie und die Suche nach dem »starken Mann«

3. High Tea mit Herrn Hitler

Von der »Knappenschaft« zur SA

4. Es geht vorwärts!

Der Aufstieg zum Studentenführer

5. Ein brauchbarer Junge, fähig und klug

Schirachs Kampf um die Vorherrschaft in der NS-Jugendbewegung und die Arbeit am Führermythos

6. Erziehung zur Revolution

Die Hitler-Jugend und der Griff nach der Schule

7. Mein Gau, mein Wien

Als Gauleiter und Reichsstatthalter in Wien 1940–1945

8. »Sonderaktion«

Deportation und Ermordung der jüdischen Bevölkerung Wiens

9. Sklavenarbeit

Besuch im KZ Mauthausen und wirtschaftspolitische Maßnahmen

10. Verwienert

Vom jungen »Kronprinzen« zum Ablösekandidaten

11. Kein Feldherr und kein Held

Kriegsende und Flucht aus Wien

12. Ein Cranach für den Reichsleiter

Kunstraub und »Arisierung«

13. Ich trage also auch allein die Schuld

Nürnberg 1946

14. Ich glaubte an Hitler

Der perfekte Mythos?

Anmerkungen

Auswahlbibliografie Baldur von Schirach

Ausgewählte Literatur

Namensregister

Bildnachweis

Impressum

Einleitung

Hitlers »Reichsjugendführer« Baldur von Schirach war wohl die größte Nachwuchshoffnung des NS-Terror-Regimes. Der »Führer« Adolf Hitler verdankte ihm viel, vor allem auch die medial geschickt inszenierte Massenmobilisierung der deutschen Jugend in der Hitler-Jugend und im Bund Deutscher Mädel. In kurzer Zeit brachte er das gesamte Jugendorganisationswesen im nationalsozialistischen Deutschland unter die ideologische Kontrolle des Regimes. Als Reichsleiter, Reichsstatthalter und Gauleiter in Wien forcierte er ab 1940 unter dem Schlagwort »Wiener Kultur« trotz des blutigen Aggressionskriegs und der Verfolgung von Juden und Jüdinnen und anderen Opfergruppen in ganz Europa einen überbordenden Hochkulturbetrieb, was ihm rasch die Sympathien der Eliten und vieler Künstler einbrachte. Die obrigkeitshörigen Wiener fanden schnell Gefallen an seinen antidemokratisch-völkischen Traditionen, die er aus Weimar mitgebracht hatte. Mit teilweise umstrittenen Veranstaltungen zur Gegenwartskunst kam er zwar in Konflikt mit den Berliner Zentralstellen und Adolf Hitler, aber die geplante Ablösung ließ sich doch nicht durchsetzen. Schirach war bereits einer der zentralen Satrapen des Nationalsozialismus geworden und verfügte über eine geschickte Propagandamaschinerie. Gleichzeitig steht aber Baldur von Schirach stellvertretend für eine adelig-bürgerliche Elite, die sich bereits um 1925 in Weimar, seiner Heimatstadt, mit dem Nationalsozialismus arrangierte und diesen sogar beförderte und letztlich – mit wenigen Ausnahmen im militärischen Widerstand – bis zum totalen Zusammenbruch unterstützte.

Schirachs Vater war als Intendant am Großherzoglichen Hoftheater in Weimar Teil einer bürgerlich-deutschnationalen Elite in der Stadt Goethes und Schillers, in der auch Nietzsche und Liszt verehrt wurden, die aber bereits vor dem Ersten Weltkrieg deutschnational, antidemokratisch und vielfach völkisch-antisemitisch eingestellt war. Für sie wurde die Weimarer Republik zum totalen Feindbild. Dass die Nationalversammlung seit Februar 1919 monatelang die neue demokratische Verfassung gerade in Weimar diskutierte und letztlich auch beschloss, steigerte noch die emotionale Ablehnung durch die traditionellen Eliten und prägte Baldur von Schirachs autoritäres und extrem nationalistisches Politikverständnis maßgebend. Die Sehnsucht nach der Rückkehr der Monarchie wurde rasch durch die Suche nach einer neuen starken völkischen Diktatur abgelöst – Hitler wurde ab 1925/26 zur Erlöser-Figur für die Schirachs.

Zwar lernte Baldur von Schirach Hitler 1925 zwei Mal nur flüchtig kennen, aber schon früh projizierte er eine besonders Ehrerbietung auf den ehemaligen »Gefreiten« Hitler, der zwar kein Offizier gewesen war, aber trotzdem das EKI erhalten hatte. In dieser Verehrung des Weltkriegsveteranen Hitler spiegeln sich deutlich seine Prägungen durch die Herkunft aus einer Offiziersfamilie. Schirach trat verschiedenen jugendlichen antidemokratischen und völkischen Wehrformationen bei, ehe er mit 18 Jahren Mitglied bei der NSDAP und SA wurde. Auch sein Vater, ehemals Rittmeister eines vornehmen Kaiserlichen Garde-Kürassier-Regiments in Berlin, folgte bald als NSDAP-Mitglied und Gründungsmitglied des antisemitischen »Kampfbundes für Deutsche Kultur«.

Nach einer Blitzkarriere ab 1927 im NS-Studentenbund wurde Baldur von Schirach Teil des engsten Umfelds des »Führers«. 1931 avancierte er zum Reichsjugendführer und wurde direkt der obersten SA-Führung unterstellt. Er heiratete Henriette, die Tochter des vermögenden Hitler-Leibfotografen Heinrich Hoffmann, und knüpfte dadurch das Band zum »Führer« noch enger. Geschickt brachte er seine propagandistischen Fähigkeiten ein und konnte mit dem Bildband Hitler wie ihn keiner kennt, den er zusammen mit seinem Schwiegervater herausgab, einen ersten großen Marketingerfolg landen: Schirach machte Hitler sowohl bei einem bürgerlichen als auch einfacheren Publikum bekannt. 1931 wurde er jüngster Reichstagsabgeordneter, wobei die NSDAP jene Fraktion mit dem höchsten Adeligen-Anteil darstellte, und verblüffte Hitler mit einem »Reichsjugendparteitag« in Potsdam mit 70.000 begeisterten Teilnehmern.

Schon 1936 hatte Schirach rund 6 Millionen Jugendliche in der Hitler-Jugend zusammengefasst – immer mit dem Trick der jugendlichen Selbstverwaltung, aber klaren ideologischen Zielen im nationalsozialistischen Sinn, die in teilweise spielerischer Form, aber immer in disziplinierten und kontrollierten Strukturen vermittelt wurden. Zunehmend wird die HJ durch entsprechende Rechte zu einem Überwachungsinstrument in den Schulen.

Doch Schirach wollte mehr und strebte nach der totalen Kontrolle des Jugenderziehungswesens und der Schule, verlor aber diesen Machtkampf mit der Unterrichtsbürokratie. Die Entsendung nach Wien war bereits der Beginn des politischen Abstiegs, aber Schirach baute zum steigenden Missfallen von Propagandaminister Goebbels, mit dem er sich ursprünglich gut verstanden hatte, ein Kulturimperium auf und hofierte Richard Strauss und dessen jüdische Schwiegertochter Alice ebenso wie Gerhart Hauptmann.

Inwieweit Schirach tatsächlich Hitler vor dem Angriff auf die Sowjetunion bzw. dem Krieg mit den USA gewarnt hat, wird ebenso diskutiert wie die Auseinandersetzung zwischen Hitler und Henriette von Schirach am Berghof wegen der brutalen Deportation der Juden aus den Niederlanden. Gleichzeitig brüstete sich Schirach zum Missfallen von Goebbels, der internationale negative Reaktionen fürchtete, mit der Deportation der Wiener Juden (»Ich habe Wien Judenfrei gemacht«) und kündigte an, Wien »tschechenfrei« zu machen –tatsächlich begann die Gestapo entsprechende Karteien anzulegen.

Schirach hatte durchaus politische Ambitionen, die weit über seinen Gau hinausgingen: So nützte er geschickt die Propaganda um den 150. Todestag von Wolfgang Amadeus Mozart 1941, um eine Art »Europäische Ideologie« unter deutscher Führung zu propagieren und damit die deutsche Besetzung weiter Teile Europas langfristig zu rechtfertigen und mit kultureller Hegemonie abzusichern. Hier intensivierte er seine alten Kontakte mit den faschistischen italienischen Jugendführern, organisierte europäische Jugendkongresse und Journalistentreffen. Letztlich wollte Hitler zwar Schirach ablösen lassen, da dieser Wien nicht als Festung verteidigen wollte, aber wagte diesen Schritt doch nicht, da Schirach die Stadt kulturpolitisch fest im Griff hatte und sehr rasch dann auch auf einen militärischen Verteidigungskurs umschwenkte.

In letzter Minute ist Schirach vor der Roten Armee aus Wien geflohen, nicht ohne ab 1944 seine Kunstschätze aus der »arisierten« Villa auf der Hohen Warte in Döbling – viele davon aus dem Vermögen von Juden und Jüdinnen geraubt – Richtung Westen verbringen zu lassen.

Mit einer geschickten Verteidigungsstrategie beim Kriegsverbrecherprozess in Nürnberg 1946 rettete er sich vor der drohenden Hinrichtung, wobei seine adelig-bürgerliche und teilweise amerikanische Herkunft ein Vorteil waren und auch seine Bereitschaft, für seine Rolle als Reichsjugendführer Verantwortung zu übernehmen, aber gleichzeitig deren Bedeutung als ideologische und militärische Vorfeldorganisation herunterzuspielen. Seine Erinnerungen und Reflexionen aus 1967 über Ursachen und Folgen des Nationalsozialismus, die Rolle von Hitler und anderen NS-Akteuren und die Shoa und Antisemitismus werden ebenso kritisch auf der Basis seiner Original-Interview-Transkripte mit neuem Quellenmaterial und umfassenden Forschungen – nicht zuletzt im einzig digitalisierten Gaupressearchiv in Wien – hinterfragt.

Die zentrale Frage bleibt: Inwieweit ist die meist verdrängte ideologische Vorgeschichte der deutschen Gesellschaft im Kaiserreich und seiner adelige-bürgerlichen Eliten vor 1914 ein wesentlicher Erklärungsansatz für die Wirkungsmacht und die lange Dauer des nationalsozialistischen Unrechtsregimes? Als Folge der ersten Turboglobalisierung, Industrialisierung und europäischen Binnenmigration boomten bei gleichzeitiger Innovation um die erste Moderne antisemitische Rassen- und Verschwörungstheorien, die seit Ende des Ersten Weltkrieges in aggressiver Weise explodierten. Ihre elitären Protagonisten, zu denen auch Carl von Schirach, sein intellektuelles und künstlerisches Umfeld und sein Sohn gehörten, bekämpften in weiterer Folge die parlamentarische Demokratie und die Weimarer Republik permanent mit allen Mitteln. Diese intensive Erosion aus bürgerlichen rechtskonservativen Netzwerken heraus war eine zentrale Voraussetzung für den Erfolg der NSDAP vor und nach 1933. Der Ungeist von Weimar, der Goethe und Schiller in politische Geiselhaft genommen und für seine menschenverachtenden Ideologien missbraucht hatte, ist eine wichtige Voraussetzung für die Ernennung Hitlers zum Reichskanzler. Längst wurde er von Angehörigen der »alten« kaiserlichen und bürgerlichen Eliten umschwärmt, wie der frühe Besuch im Hause Schirachs 1925 dokumentiert. Die rasche Systemstabilisierung nach der Machtergreifung trotz vielfacher eindeutiger Gesetzesbrüche und Terrorakte ist ohne diese andere Kulturgeschichte des deutschen Kaiserreiches, die die Schirachs symbolisieren, nicht zu verstehen.

Die Rezeption und das Wissen über Baldur von Schirach ist zum Unterschied von der Auseinandersetzung mit zentralen Entscheidungsträgern des NS-Regimes und Satrapen von Hitlers Gnaden wie Heinrich Himmler, Joseph Goebbels, Hermann Göring und Albert Speer brüchig und durchwachsen. Die erste umfassende Biografie Baldur von Schirach, Hitlers Jugendführer von Michael Wortmann erschien bereits 1982 auf Basis einer Doktorarbeit, die revisionistische Gegenschrift von Schirachs ehemaligem Pressereferenten Günter Kaufmann 1993 wurde zu Recht kaum berücksichtigt. Die auf den Literaten und Poeten Schirach fokussierende Dissertation Writing the Nazi Movement. The Poetry of Baldur von Schirach von Stefanie Hundehege aus 2017 ist noch gesperrt, aber teilweise über Aufsätze zugänglich.

Trotzdem gibt es keine Studie über die NS-Zeit in Wien 1940–1945 – sei es nun über die Hitler-Jugend oder die »Kinderlandverschickungen« oder wie zuletzt über nationalsozialistischen Kunstraub –, in der Baldur von Schirach nicht gestreift wird. Zur »Arisierung« von Kunstwerken und der Rolle von Baldur und Henriette von Schirach gibt es eine aktuelle Vorstudie von Theresa Sepp im Rahmen des Zentralinstituts für Kunstgeschichte in München.

Auf der Basis meiner eigenen langjährigen Arbeiten zur nationalsozialistischen Kultur- und Unkulturpolitik seit dem Buch Führertreu und gottbegnadet (1991) und jüngsten Forschungen im Zusammenhang mit der Volltext-Digitalisierung des gesamten NS-Gaupressearchivs Schirachs habe ich versucht, einen neuen kritischen Blick auf Baldur von Schirach, aber auch sein familiäres Umfeld seit der Weimarer Zeit zu werfen und die Zeit nach 1945 ebenso in den Blick zu nehmen.

Die letztlich für die Gegenwart und Zukunft zentrale Schuldfrage Baldur von Schirachs wird neu relativiert – mit bisher unbekannten Dokumenten und Erkenntnissen zum Umfang seines Wissens über die Shoa – und zwar bereits 1942 – und seine bisher nicht reflektierte Rolle bei der brutalen Verfolgung von sogenannten »Asozialen« in Wien ab 1940.

Einer der Enkel Schirachs, der ehemalige Strafverteidiger und weltbekannte Schriftsteller Ferdinand von Schirach, hat 2011 im Spiegel unmissverständlich seine Antwort gegeben:

»Das, was mein Großvater tat, ist etwas völlig anderes. Seine Verbrechen waren organisiert, sie waren systematisch, kalt und präzise. Sie wurden am Schreibtisch geplant, es gab Memoranden dazu, Besprechungen, und immer wieder traf er seine Entscheidung. Der Abtransport der Juden aus Wien sei sein Beitrag zur europäischen Kultur, sagte er damals. Nach solchen Sätzen ist jede weitere Frage, jede Psychologie überflüssig. Manchmal wird die Schuld eines Menschen so groß, dass alles andere keine Rolle mehr spielt. Natürlich, der Staat selbst war verbrecherisch, aber das entschuldigt Männer wie ihn nicht, weil sie diesen Staat erst erschufen. Mein Großvater brach nicht durch eine dünne Decke der Zivilisation, seine Entscheidungen waren kein Missgeschick, kein Zufall, keine Unachtsamkeit«.1

Zwei Menschen möchte ich besonders für ihre Unterstützung bei der Umsetzung dieses Buchprojekts danken. Herrn Dr. Johannes Sachslehner, der als erfolgreicher Zeitgeschichte-Sachbuchautor und erfahrener Lektor die Idee zu diesem Buch hatte und die Umsetzung und die Bildredaktion bis zum Finale begleitete, und Frau Mag.a Agnes Meisinger, die mit kritischem Blick Manuskript und Druckfahnen durchgesehen und korrigiert und viele wichtige Fragen gestellt hat.

Im Zuge der Recherchen haben mich viele Kolleginnen und Kollegen unterstützt, von denen ich Daniela Ebenbauer, Dr. Christoph Mentschl, Dr.in Linda Erker, Dr. Wolfgang Form, Mag.a Jutta Fuchshuber, Michael Hetz, Mag. Johann Kirchknopf, Dr. Andreas Kranebitter, Mag.a Petra Mayerhofer, Renate Moszkowicz, Univ.-Prof. Dr. Bertrand Perz, Dr. Hans Petschar, Oberstleutnant dG Dr. Markus Reisner, Univ.-Prof. Dr. Peter Roessler, Mag. Markus Stumpf, Univ.-Prof.in Sybille Steinbacher, Christine von Unruh und Univ.-Prof.in Kerstin von Lingen hervorheben möchte. Für ein wichtiges Hintergrundgespräch danke ich Rechtsanwalt i. R. Dr. Klaus von Schirach sowie Ferdinand von Schirach, der mir den Zugang zu der von ihm initiierten »Vorstudie zur Rekonstruktion des Kunst- und Kulturguts« von Baldur und Henriette von Schirach ermöglicht hat.

Ein schneidiger Gardeoffizier: Vater Carl Baily Norris von Schirach wechselte vom kaiserlichen Militär zum Hoftheater in Weimar.

1. VON BULL RUN ZUM GROSSHERZOGLICHEN HOFTHEATER
Die Familie Schirach auf dem Weg nach Weimar

Baldur von Schirach war im »Dritten Reich« allgegenwärtig. Die Jugendbewegung der »braunen Revolution« trug seine Handschrift. Er selbst sah sich tatsächlich als Revolutionär – als geschäftiger »Macher« im Braunhemd, zusammengeschweißt mit dem von ihm verehrten Adolf Hitler auf Gedeih und Verderb. Eine bemerkenswerte Blitzkarriere im Schatten des »Führers« hatte ihn an die politische Spitze gebracht: Baldur von Schirach, Jahrgang 1907, wurde 1925, im Alter von achtzehn Jahren, Mitglied der NSDAP. Seit 1927 trug er das Braunhemd der SA, der »Sturm Abteilung« der »Bewegung« im Zeichen des Hakenkreuzes. 1928 übernahm der junge Mann aus Weimar, der abseits des politischen Getriebes recht und schlecht Gedichte schrieb, das Amt des Reichsführers des NS-Studentenbundes, 1931 wurde er Reichsjugendführer, 1933 Jugendführer des Deutschen Reiches im Rang eines Staatssekretärs. Schirach gelang es, sich im inneren Kreis der Macht zu etablieren, obwohl er unter den gestandenen Parteigenossen, den »Eisenfressern« aus den Freikorps und Bierkellern, wie ein »entgleister Aristokrat«2 wirkte.

Hitler und auch Goebbels schätzten ihn lange Zeit, präsentierte Schirach den »Führer« doch so, wie man es gerne sah: »als Vater seines treuen und geliebten Volkes«.3 Hitlers Image war vor allem auch die Arbeit seines jungen Paladins Schirach. Nach kurzem Kriegsdienst an der Westfront wurde Baldur von Schirach im August 1940 von Hitler als Reichsstatthalter und Gauleiter nach Wien geschickt, blieb aber Reichsleiter der NSDAP für die Jugenderziehung und Beauftragter des Führers für die Inspektion der Hitler-Jugend sowie oberster Verantwortlicher für die NS-Jugendpolitik, auch wenn sein Stellvertreter Artur Axmann Reichsjugendführer wurde. Schirach, so das Kalkül des »Führers«, sollte die Sympathien der Wienerinnen und Wiener für sich gewinnen, er interpretierte diesen Auftrag jedoch auf sehr eigene Art und Weise: Während in den Konzertsälen und auf den Bühnen der Stadt die von ihm geförderte »Wiener Kultur« glanzvolle Erfolge feierte und er sich mit viel Aufwand in europäischer Diplomatie versuchte, rollten vom Aspangbahnhof die Todeszüge in die Vernichtungslager des Ostens und starben im Landesgericht jene Frauen und Männer auf dem Schafott, die den Widerstand gegen das NS-Terrorregime gewagt hatten. Schirach wollte zwar die blutige Arbeit der Henker nicht sehen, meinte aber verkünden zu müssen, dass die Stadt unter seiner Ägide »judenfrei« geworden wäre. Als er im Frühjahr 1945 Wien gegen die anrückende Rote Armee verteidigen sollte, zeigte sich rasch, dass er dieser Aufgabe nicht gewachsen war – »seinen« Hitlerjungen blieb es überlassen, sich den russischen Panzern entgegenzustellen. Die wenig heldenhafte Flucht aus dem umkämpften Wien führte über die Anklagebank von Nürnberg in die 20-jährige Düsterkeit und Isolation einer Gefängniszelle in Berlin-Spandau …

Ein Dreiviertelamerikaner

Betrachtet man die vorliegenden autobiografischen Quellen zu Baldur von Schirach, so sind deren Schnittmengen ebenso wichtig wie die Auslassungen und Unterschiede, die erwiesenermaßen den historischen Fakten nicht entsprechen. Ein umfassendes, von Schirach approbiertes autobiografisches Dokument ist die offizielle neun Seiten lange Selbstdarstellung anlässlich seiner Ernennung zum Reichsstatthalter und Gauleiter in Wien am 8. August 1940.4 Teilweise stimmt diese auch mit dem Datengerüst der Autobiografie Schirachs, Ich glaubte an Hitler (1967), die von zwei Journalisten als Interviewer und Ghostwriter verfasst wurde,5 überein. In dem Dokument von 1940 wurde aber kein Wort über die US-amerikanische Herkunft seiner Mutter verloren.

Sein Vater Carl Baily Norris von Schirach (1873–1948) war, bevor er in das Garde-Kürassier-Regiment in Berlin eintrat, Staatsbürger der USA gewesen. 1908 quittierte er den Dienst und wurde zum Generalintendanten des Großherzoglichen Hoftheaters in Weimar bestellt. Baldurs Urgroßvater Karl Benedikt von Schirach (1790–1864) war 1855 in die USA ausgewandert, sein Großvater Friedrich Karl von Schirach (1842–1917) brachte es bis zum Major der US-Army und heiratete die Amerikanerin Elizabeth Baily Norris (1833–1873) aus Baltimore (Maryland). Baldur von Schirachs Mutter Emma Middleton Lynah Tillou (1872–1944) stammte ebenfalls aus den USA, und zwar aus Chestnut Hill, einem Vorort von Philadelphia. In seinem tabellarischen Lebenslauf von 1940 verschwieg er auch, dass er bis zu seinem sechsten Lebensjahr in einem ausschließlich englischsprachigen Umfeld aufgewachsen war und ein Jahr später als vorgesehen in die Schule ging, um vorbereitend noch fließend Deutsch zu lernen.

1939 veröffentlichte Max von Schirach, ein Cousin Baldurs, eine umfangreiche Familiengeschichte6, in der auch die US-Verbindungen detailliert aufgeführt wurden. Offensichtlich passte dies jedoch nicht in die nationalsozialistische Propagandalinie, denn im offiziellen langen Lebenslauf aus der NS-Zeit wird auf die engen Verbindungen seiner Familie zu den USA nicht eingegangen. Erst in seinen Memoiren wagt es Schirach dann, ausführlicher von seinen amerikanischen Familienangehörigen zu erzählen.

Die durchaus aristokratisch-herrschaftlichen Lebensumstände seiner Eltern fanden da keine Erwähnung. Selbst innerhalb der Familie sorgte der luxuriöse Lebensstil der Schirachs für Aufregung, wie ein Brief aus 1897 zeigt: »Madame Filou, wie Hermann7 sie nennt – ihr Familienname ist Middleton Tillou –, hat dann auch keinen günstigen Eindruck hinterlassen, obschon sie ganz in duftigem Sommerkostüm, mit feinen Spitzen gekleidet und grande dame, comme il faut, war. Na Karl ist auch nicht besser und unter Herzögen, Prinzen, Grafen und Baronen thut ers schon nicht mehr, was seinen Umgang betrifft. Sport, Rennen und kostspielige Pferde ist außerdem so ziemlich Alles, wofür er Sinn hat, und obschon er ein schönes Vermögen hat, an 200.000 Dollar, wird er damit bald genug fertig werden.«8

Die Großeltern väterlicherseits: US-Bürgerkriegsveteran Karl Friedrich von Schirach, der Held vom Bull Run, und Elizabeth Baily von Schirach, geborene Norris.


Mutter Emma Middleton Lynah Tillou, genannt »Nam-Nam«, stammte aus der bedeutendsten Familien South Carolinas. 1944 kommt sie bei einem Luftangriff auf Wiesbaden auf tragische Weise ums Leben.

Baldur von Schirachs Vater Carl Baily trat nach dem Abitur in Lübeck als Offizier in das Regiment der Gardes du Corps No.1 ein, dessen Chef Kaiser und König Wilhelm II. war. Bei einem Besuch bei Verwandten in den USA lernte er seine spätere Ehefrau Emma Middleton Lynah Tillou kennen, die er 1896 in Chestnut Hill heiratete.

Sie stammte mütterlicherseits aus einer der reichsten Südstaatenfamilien, die im Besitz zahlreicher Plantagen war. Emmas Urgroßvater Henry Middleton (1717–1784) beispielsweise besaß zwanzig Plantagen auf rund 200 Quadratkilometern und ungefähr 800 Sklavinnen und Sklaven. Er war ein erfolgreicher Baumwoll- und Reispflanzer, der etwa 1770 83 Millionen Pfund Reis exportierte9), aber auch ein engagierter Politiker. Middleton bekleidete zahlreiche Ämter und stieg schließlich zu einem der wichtigsten Männer der antibritischen Politik in den Kolonien auf. Er wurde als Vertreter South Carolinas in den First Continental Congress gewählt, den er 1774/75 als Präsident leitete.

Henrys erstgeborener Sohn Arthur Middleton (1742–1787), der wie sein Vater dem ersten Continental Congress angehörte, erbte von seiner Mutter Mary Williams das Anwesen »Middleton Place« und unterzeichnete 1776 mit anderen Delegierten aus South Carolina im Kongress die Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten. Während des Unabhängigkeitskrieges geriet er für einige Zeit in britische Gefangenschaft.

Henry Middleton, den man auch mit dem Beinamen Colonial Gentleman bedachte, ließ durch Sklavenarbeit ab 1741 in einer Biegung des Ashley Rivers, zwölf Meilen stromaufwärts von Charleston, eine beeindruckende Gartenanlage errichten, die heute zu den ältesten der USA zählt und Teil des National Heritage ist.10 Sein Enkel Henry Middleton (1770–1846) war von 1810 bis 1812 Gouverneur von South Carolina und amtierte von 1820 bis 1830 als US-Botschafter am Zarenhof in St. Petersburg.11

1865, gegen Ende des Bürgerkriegs, wurden die Herrschaftsgebäude der Familie Middleton, die Gartenanlage und die Baumwollplantagen von General Shermans Unionstruppen zerstört und alle Sklaven befreit. Weitere Zerstörungen der Besitzungen brachte ein Erdbeben 1886. Ein Flügel des dreistöckigen Haupthauses blieb erhalten und dient heute als Museum.

Ganz im Sinne dieser Familientraditionen führte Carl von Schirach in Weimar ein herrschaftliches Haus mit Wirtschafterin, Köchin, einem »Silberdiener« und weiteren Bediensteten.12 Im Gegensatz dazu war Baldurs Großvater Friedrich Karl, in der Familie nur »Fritz« gerufen, ein eher spartanisch lebender ehemaliger Offizier, der unter dem Namen Frederick C(harles) von Schirach im Amerikanischen Bürgerkrieg aufseiten der Nordstaaten gekämpft hatte. In der zweiten Schlacht am Bull Run in Virginia war er am 29. August 1862 als First Lieutenant schwer verwundet worden und hatte nur durch eine Teilamputation des rechten Beins überlebt.13 Er hielt 1865 an der Bahre des ermordeten US-Präsidenten Abraham Lincoln die Ehrenwache, wobei er alle Mühe hatte, Trauergäste abzuwehren, die versuchten, ein Stück des Leichentuches herauszuschneiden.14 Ein Jahr später trat er mit einem Bein aus Kork wieder in den aktiven Dienst, 1867 wurde er für seine Verdienste – for gallant and meritorious services during the war – zum Captain ernannt, 1870 ging er in Pension, 1904 erfolgte die Ernennung zum Major Retired U. S. Army. Der Kriegsheld der Nordstaaten, der zeitlebens amerikanischer Staatsbürger blieb, heiratete 1869 in der St. Paul Church von Chestnut Hill Elizabeth Baily Norris, die Tochter des erfolgreichen Eisenbahnpioniers Richard Norris, der mit seiner legendären Lokomotive »George Washington« berühmt geworden war. Im Februar 1871 kehrte Karl Friedrich von Schirach mit seiner Familie nach Deutschland zurück, seine Frau Elizabeth verstarb bereits 1873, kurz nach der Geburt von Sohn Carl, in Wiesbaden.

In seiner autobiografischen Skizze von 1940 beschreibt Baldur von Schirach seine Kindheit und Jugend in Weimar nur ganz knapp, in seiner Verteidigungsstrategie vor dem Internationalen Militärgerichtshof in Nürnberg 1946 sollte diese Zeit jedoch eine zentrale Rolle spielen. Die erfahrenen ideologischen Einflüsse deutete er allerdings völlig um.

Um zu verstehen, warum er so früh aktiv die Nähe zu Adolf Hitler und dem Nationalsozialismus suchte, ist es notwendig, vor allem die Widersprüche in seinen Darstellungen und Erinnerungen genauer in den Blick zu nehmen. Sie zeigen, dass die ideologischen Prägungen bereits vor dem persönlichen Treffen mit Adolf Hitler 1925 in der Persönlichkeit des heranwachsenden Gymnasiasten verankert waren. Daher wird im Folgenden sein persönliches Umfeld in Weimar genauer betrachtet.

Mächtiger Großgrundbesitzer und einflussreicher Politiker: Henry Middleton bestimmte die Geschicke South Carolinas mit. Ölgemälde von Benjamin West, um 1771.


Einer der Gründerväter der Vereinigten Staaten: Arthur Middleton war 1776 Mitunterzeichner der Unabhängigkeitserklärung. Ölgemälde von Benjamin West, um 1771.


Der Urgroßvater baute Lokomotiven: Die Fabrik von William Norris in Philadelphia lieferte ihre Maschinen auch nach Europa.

Baldur von Schirach wurde noch vor dem Umzug der Familie nach Weimar am 9. Mai 1907 im Haus Blücherstraße 17 in Berlin-Kreuzberg geboren. Die Wohnung lag in der Nähe des väterlichen Arbeitsplatzes: der Kaserne des Garde-Kürassier-Regiments beim Tempelhofer Feld, in der Vater Carl Baily Norris als Oberleutnant und später als Schwadrons-Chef diente und als Rittmeister seinen Abschied nahm. Begonnen hatte er seine Militärkarriere beim 1. Badischen Leib-Dragoner-Regiment in Karlsruhe.

Mutter Emma fühlte sich in Berlin, wie Schirach in seinen Memoiren erzählt,15 sehr wohl, Kaiser Wilhelm II. pflegte sich auf Empfängen auf Englisch mit ihr zu unterhalten. Weimar habe sie später im Vergleich zu Berlin als »eng und provinziell« empfunden, vor allem aber hätte sie das steife Zeremoniell am großherzoglichen Hof gehasst, dem die Familie nicht entgehen konnte – war der Vater doch auch großherzoglicher Kammerherr. Als solcher musste er zu offiziellen Anlässen die traditionelle Hoftracht anlegen, bestehend aus dunkelgrünem Frack, Kniehosen, Degen und Zweispitz, eine »Maskerade«, die für die drei Kinder Rosalind, Karl und Baldur zu einem besonderen Vergnügen wurde.

Der Tagesablauf im herrschaftlichen Haushalt der Familie Schirach war streng geregelt – u. a. auch mit einem traditionellen High Tea um 17 Uhr. Auffallend ist, dass Baldur von Schirach in seinen Erinnerungen kaum Näheres über das Familienleben erzählt. Auch seine Ehefrau Henriette von Schirach überliefert nur fragmentarische Eindrücke vom Wohlstand im Haus in der Gartenstraße 37, der heutigen Abraham-Lincoln-Straße in Weimar. So erinnert sie sich in der US-Internierung an das Frackhemd ihres Schwiegervaters.16 Seinem Sohn Richard gelang es später, die wenigen Informationen über diesen fast hocharistokratischen Lebensstil in seinem Buch Der Schatten meines Vaters zu einem Bild zusammenzufügen.

Behütete Kindheit und Jugend im großbürgerlichen Elternhaus: der zehnjährige Baldur von Schirach mit seinem Hund.

Schwester Rosalind von Schirach war um neun Jahre älter und startete nach dem Ersten Weltkrieg eine Karriere als Opernsängerin.

Frack, Degen, Kniehosen, Zweispitz: Vater Carl von Schirach im »Kostüm« eines großherzoglichen Kammerherren. Zeichnung, Hauptstaatsarchiv Weimar, Landesarchiv Thüringen.

Ein genauer Blick auf die Aufführungspraxis des Intendanten Carl von Schirach bis zum Ende der Monarchie bzw. bis zur Abdankung von Großherzog Wilhelm Ernst sowie der Entlassung Schirachs im Jänner 1919 zeigt, dass er ein konservatives Programm umsetzte und für diesen Posten als Theateramateur mit Hauptberuf Offizier nicht wirklich geeignet war. Ein enger Kontakt entstand damals bereits zum rechtskonservativ-völkischen Literaturkritiker Adolf Bartels, der wie die Vorfahren der Schirachs aus Schleswig-Holstein stammte. Obwohl Bartels keine abgeschlossene akademische Ausbildung hatte, sondern nur ein verbummeltes Studium vorweisen konnte, wurde er 1905 durch Großherzog Wilhelm Ernst zum Professor h. c. ernannt. Er galt mit seiner erstmals 1897 und dann mehrfach aufgelegten Literaturgeschichte Die Deutsche Dichtung der Gegenwart. Die Alten und die Jungen als bedeutendster Vertreter der deutsch-völkischen und antisemitischen Literaturkritik, obwohl er in seiner Studienzeit eher philosemitisch eingestellt war. Eben dieses antisemitische Machwerk eines Dilettanten bezeichnete Baldur von Schirach im Rahmen der Nürnberger Prozesse als prägende Schlüsselliteratur seiner Jugend.

Bereits 1906 hatte Bartels eine »Feier des jüdischen Dichters«17 Heinrich Heine in Weimar verhindert. Er trat als Protagonist der »Heimatkunst« auf und nahm in seiner »Literaturgeschichte« eine »reinliche Scheidung« zwischen »Deutschen und Juden« vor, wobei er Thomas Mann unter die Juden und schlechten Literaten reihte – eine Einschätzung, die Baldur von Schirach im Übrigen nicht teilen sollte.18 Bartels vertrat im Ersten Weltkrieg deutsch-völkische Einstellungen, war im Beirat des einflussreichen antisemitischen »Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbundes« tätig und engagierte sich im Kreis um den Flensburger Pastor Friedrich Andersen und dem Bayreuther Laientheologen Hans von Wolzogen für das »Deutschchristentum«, das eine »Reinigung« von »volksfremden« jüdischen Einflüssen anstrebte.

Bartels Schüler und Sekretär in den Jahren 1922/23 war Hans Severus Ziegler (1893–1978), der als früher Nationalsozialist mit der Mitgliedsnummer 1317 von 1925 bis 1931 stellvertretender Gauleiter von Thüringen war und 1933 Generalintendant des Weimarer Nationaltheaters wurde. Bereits 1924 befürwortete Ziegler öffentlich nationalsozialistische Ideen und gründete die Wochenzeitung Der Völkische, aus der dann die Tageszeitung Der Nationalsozialist wurde. Für Carl von Schirach und seinen Sohn Baldur wurde der Nazi-Pionier und promovierte Germanist – Ziegler hatte seine Dissertation über »Friedrich Hebbel und Weimar« geschrieben – eine wichtige Kontaktperson.

Vorgänger Carl von Schirachs als Intendant in Weimar war der ebenfalls konservativ-national eingestellte Hippolyt von Vignau (1843–1926). Auch der um dreißig Jahre ältere Vignau war preußischer Offizier – im Rang eines Majors – gewesen und hatte in Berlin einen großen Salon19 geführt sowie das Dessauer Hoftheater geleitet. In der Diskussion um den möglichen Nachfolger fiel schließlich auch der Name von Schirach, der dann tatsächlich zum Intendanten bestellt wurde. Gerüchteweise soll ein Rittmeister von Stechow seinem Garde-Kürassier-Regimentskameraden die Stelle vermittelt haben.20 Bei der Präsentation des neuen Theaterchefs in der Presse wurde zur Unterstreichung der Musikalität auf Schirachs jüngeren Bruder Friedrich Wilhelm verwiesen, der in München als Komponist lebte, sowie auf Carls Tätigkeiten als Assistent am Kölner Stadttheater bei Direktor Max Martersteig.21 Was die Musikalität betraf, so lag man auch nicht ganz falsch – Carl von Schirach war ein passionierter Geigenspieler.

Schon vor Carl von Schirachs Amtseinführung im Oktober 1909 war die kulturpolitische Auseinandersetzung in Weimar im Sinne der antimodernen Richtung entschieden worden. Harry Graf Kessler, der von 1903 bis 1906 Direktor des Großherzoglichen Museums für Kunst und Kunstgewerbe war, und der belgische Architekt und Designer Henry Van de Velde, der seit 1908 die von ihm gebaute Kunstgewerbeschule leitete, hatten beispielsweise vor 1914 als Alternative zum rückwärtsgewandten Hoftheater einen modernen »Mustertheaterbau«22 gefordert. Hoftheaterintendant Vignau, der bereits 1900 dem kritischen Berichterstatter Professor Dr. Otto Francke amtlich die »unliebsame«23 Berichterstattung über die Neubaupläne untersagen wollte, gelang es, das moderne Baukonzept zu verhindern. Das neue, vom Architekten Max Littmann, dem Erbauer des Münchner Hofbräuhauses, entworfene Theatergebäude entsprach schließlich den ästhetischen und kulturpolitischen Vorstellungen der konservativen Kulturelite, die in dieser Architekturkontroverse offen die jüdische Herkunft des Museumdirektors Graf Kessler kritisierte. Das Verdienst Kesslers, die moderne Kunst und Architektur in das damals 33.000 Einwohner zählende, verschlafene Weimar gebracht zu haben, wusste man nicht zu würdigen.24

Schirachs Vater unterstützte bereits 1909 aktiv Bartels völkisches Projekt der »Nationalfestspiele für die deutsche Jugend«, die mit Friedrich Schillers Wilhelm Tell eröffnet wurden. Bartels schmiedete dazu Verse, die an der ideologischen Zielsetzung der »Nationalfestspiele«, die noch ganz in der Bismarckschen Tradition standen, keinen Zweifel ließen:

Ihr Söhne aller deutschen Stämme, hört!

Haltet des Deutschen Reiches heil’gen Bund!

Begraben sei die alte deutsche Schande,

Seid einig im geeinten Vaterlande! 25

Schirach senior blieb auch nach seiner Entlassung als Generalintendant des ehemals Großherzoglichen Hoftheaters im Jänner 1919 ein wichtiger Akteur im Weimarer Kunstverein sowie im Ausschuss und im Vorstand der Deutschen Shakespeare-Gesellschaft.26 Wie andere Adelige und Großbürger gehörte er zu der von der Weimarer Republik und auch von der provisorischen Landesregierung des Freistaates Sachsen-Weimar-Eisenach enttäuschten Schicht selbsternannter Bildungsbürger, die bereits vor und im Ersten Weltkrieg konservativ-antidemokratische und nationalistische Ideen propagierten und die Moderne im Kunst- und Kulturbereich ablehnten und aggressiv bekämpften. So sind in weiterer Folge im April 1927 erste konkrete Beschlüsse auf Carl von Schirachs Initiative im Geschäftsführenden Ausschuss sowie im Vorstand der Deutschen Shakespeare-Gesellschaft zurückzuführen, die das Verbot von politisch unliebsamen Theateraufführungen forderten.27 Eine wichtige Bühne der kulturpolitischen Tätigkeit war sein Vorsitz im Weimarer Kunstverein, dem überdies auch der schon erwähnte Germanist Hans Severus Ziegler angehörte, der mit seiner Zeitung Der Nationalsozialist eifrig die eigene Karriere förderte.28 Doch letztlich krachte es ziemlich – wohl aus persönlichen Gründen – zwischen Schirach senior und Ziegler: »Leider kann ich nun wegen der leidigen Partei-Rücksichten dem Dr. Ziegler nicht so beikommen, wie ich möchte. Denn erstens müßte man ihn eigentlich vor einen Ehrenrat zitieren und aus dem Künstlerverein werfen.«29 Ziegler sah sich als »ältesten Parteigenossen unter allen führenden Theatermenschen«.30

Carl von Schirach vertrat aber durchaus dieselbe »völkische« Linie wie Ziegler. So lehnte er im Mai 1929 die Einladung, Mitglied des neuen Franz-Liszt-Bundes zu werden, brüsk ab: »Aus grundsätzlichen Erwägungen möchte ich außer der Deutschen Shakespeare-Gesellschaft nur dem ›Kampfbund für deutsche Kultur‹, zu dessen Vorstand ich gehöre, als Mitglied zugezählt werden. Die Erfahrung des Krieges- und namentlich der Nach-Kriegszeit lassen mir jede Entwicklung … auf irgend einer anderen als rein-völkischer Grundlage als aussichtslos erscheinen.«31 Schirach war dieser Verein zu international und noch dazu waren überdies, einige vorgeschlagene Vorstandsmitglieder jüdischer Herkunft. Der »Kampfbund für deutsche Kultur« verfolgte hingegen klar antisemitisch-rassistische Ziele.

»Lieb Vaterland erwache neu, auf dass Gott wieder mit uns sei!«: Die völkische Antimoderne mobilisierte die Jugend gegen die Weimarer Republik. Werbe-Ansichtskarte des Jungdeutschen Ordens, gestaltet von »Bruder Zickerow«.

2. PRÄGUNGEN UND BRÜCHE
Der Kampf gegen Kommunismus und Demokratie und die Suche nach dem »starken Mann«

Für ihren zweitgeborenen Sohn Baldur wählte das Ehepaar Schirach einen Ausbildungsweg, der als besonders modern und fortschrittlich galt: Sie schickten den Jungen, der von Ostern 1916 bis März 1917 das renommierte Wilhelm-Ernst-Gymnasium in seiner Heimatstadt32 besucht hatte, in das »Waldpädagogium« auf dem Hexenberg bei Bad Berka, etwa zehn Kilometer südlich von Weimar – für den Sohn aus adeliger Familie, der bisher liebevoll umsorgt worden war, tat sich eine neue Welt auf: ein spartanisch einfaches Leben, verbunden mit dem Erlebnis von Kameradschaft, Verantwortung, Pflichterfüllung und Unternehmungsgeist. Die Schultracht sah für die Buben »kurze Lederhosen, blaue Leinenjacken und scharlachrote Baskenmützen« vor, auf die die Dorfjugend von Bad Berka reagierte wie »der Stier auf das rote Tuch«: Bei Einkäufen im Dorf werden die Schüler regelmäßig mit einem Steinhagel empfangen – für Baldur ein »herrliches Abenteuer«.33

Eine Kurzbeschreibung des Waldpädagogiums am Hexenberg findet sich im Militär-Wochenblatt. Unabhängige Zeitschrift für die deutsche Wehrmacht, in dem 1917 eine Annonce geschaltet wurde, die insbesondere auf Kinder aus Offiziersfamilien abzielte: »Mit Einjährigenberechtigung, Realschule, Gymnasium, Realgymnasium, Erziehungsschule nach Godesberger Art: Lehrer und Hauseltern, Arzt und Erzieher arbeiten Hand in Hand zu allseitig tüchtiger Ausbildung der Jugend zur Förderung der Zurückgebliebenen, zur Pflege und Erstarkung der Starken. Eigene Landwirtschaft und Viehzucht sichern ausreichende Verpflegung.«34 Seinen Namen hatte der »Hexenberg« im Übrigen nach einer Frau erhalten, die hier 1673 als »Hexe« am Scheiterhaufen hingerichtet worden war.

Das Waldpädagogium Bad Berka, gegründet 1911 durch den Lehrer Dr. Emil Endemann, bestand aus mehreren Blockhäusern und existierte bis 1922. Es orientierte sich an den Ideen von Hermann Lietz zum Familienprinzip des Evangelischen Pädagogiums in Bad Godesberg.35 Das bedeutete, dass die Lehrer als »Hauseltern« mit den Schülern in eigenen Häusern untergebracht wurden. Durch das Einsetzen von »Präfekten«, d. h. älteren Schülern, die auch Strafen austeilen konnten, sollte ein letztlich streng autoritäres Unterrichtsregime umgesetzt werden. Lietz beschrieb 1910 das System folgendermaßen: »Wir führten streng die Einrichtung der Präfekten durch, welche uns Erzieher in unserer Arbeit zu unterstützen haben, so zur Selbständigkeit und Selbstbeherrschung heranwachsen und in der Pflichterfüllung und Sorge für Kleinere ernst und gewissenhaft werden; sie haben für Ordnung und Ruhe in den Schlaf-, den Arbeits-, Fahrrad-, Turngeräteräumen, der Werkstätte zu sorgen und sind für Befolgung der in Betracht kommenden Regeln verantwortlich. Durch letztere wird alles bis ins Kleinste bestimmt und Gewöhnung an feste, gut geordnete Lebensweise ermöglicht.«36

Hermann Lietz selbst scheute nicht vor Schlägen zurück, obwohl offiziell Körperstrafen als erzieherisches Mittel nicht vorgesehen waren. Lietz, ein deutscher Nationalist, der jeden Frieden im Ersten Weltkrieg ablehnte, vermeldete 1917 stolz, dass alle seine wehrfähigen Schüler der im September 1917 neu gegründeten Deutschen Vaterlandspartei (DVLP) beigetreten wären und einen militärisch kontrollierten Führerstaat anstreben würden. Im Konzept von Lietz zeigten sich durch die Einführung des »Arierprinzips« ab 1903 bereits früh klare Tendenzen zu einer rassistischen, deutsch-völkischen Eliteausbildung. Seine Schüler rekrutierten sich vor allem aus Kindern der Oberschicht, häufig waren Schüler dabei, die Probleme an anderen Schulen hatten und dort den Abschluss nicht schafften. Im Falle von Baldur von Schirach gibt es jedoch dazu keine Hinweise. In seiner Autobiografie verschweigt er konkrete Details zu seiner Schulbildung bzw. zu den Schulerfolgen.

Lehrer (»Hauseltern«) und Schüler leben zusammen in einer autoritär geordneten Gemeinschaft: Das Waldpädagogium Bad Berka, gegründet 1911, versuchte die Ideen des Reformpädagogen Hermann Lietz (oben) in die Tat umzusetzen.


Die Jugend soll für einen möglichen Krieg gerüstet sein: Generalfeldmarschall Wilhelm Leopold Colmar Freiherr von der Goltz gründete 1911 den Jungdeutschlandbund.


»Arbeitslager« des Kultur- und Rundfunkamtes der HJ in der Stadt Goethes und Schillers im Juni 1938: Der »alte Kämpfer« Hans Severus Ziegler spricht in der Weimarhalle zu den Teilnehmern.

Zwar fehlen Unterlagen oder Erinnerungen zur Situation im Waldpädagogium Bad Berka, die völkisch-nationalistische, antidemokratische und antisemitische Linie, die Lietz vorgab, ist jedoch bestens dokumentiert. Diese wurde aber von Schirach nie kritisch reflektiert, sondern höchst positiv dargestellt. Die Strategie von Hermann Lietz richtete sich gegen die drillartige Paukerschule in den Großstädten, seine Vorstellung blieb aber letztlich stark von einem evangelisch-christlichen, strengen und spartanischen Weltbild geprägt, das sowohl das wilhelminische Kaiserreich als auch den deutschen Nationalismus verherrlichte und von antisemitischen, antikapitalistischen und darwinistischen Vorstellungen beherrscht wurde.37

Ein kurzer Blick in seine Broschüre Des Vaterlandes Not und Hoffnung. Gedanken und Vorschläge zur Sozialpolitik und Volkserziehung, 1919 im Verlag des Waisenheims an der Ilse erschienen, reicht, um zu erkennen, dass Lietz bereits die »Rassenfrage« und den Antisemitismus vor dem Hintergrund einer Stärkung der deutschen Nation auch durch Maßnahmen im Bereich von »Rassenhygiene« thematisierte. Es ist daher kein Zufall, dass er auch in der NS-Zeit immer wieder zitiert wurde.

Alfred Andreesen, sein Nachfolger als Leiter der Lietz-Schulen, proklamierte 1934 etwas vollmundig, »daß alles, was Lietz in jahrelangem Kampfe anstrebte, im Nationalsozialismus zu einem großen politischen Wollen zusammengefasst« worden wäre.38 1935 schloss sich Baldur von Schirach im Zusammenhang mit der Veröffentlichung der Lebenserinnerungen von Lietz, die Alfred Andreesen neu herausgegeben39 und durch Briefe und Berichte ergänzt hatte, dieser Meinung an: »Ich sehe in Lietz die reinste und fruchtbarste Erziehungsgestalt unseres Volkes.«40

Schirach selbst erwähnt diese ideologischen Hintergründe und Untiefen von Lietz zwar nicht in seiner Autobiografie, dokumentiert aber ganz offen das antidemokratische kaisertreue Umfeld im Waldpädagogium Bad Berka. Als er als Elfjähriger eine rasch von Näherinnen des Heimes gebastelte schwarz-rot-goldene Fahne, die eigentlich an die 1848er-Revolution erinnerte und die Fahne der Weimarer Republik werden sollte, am Dach eines der Holzhäuser hisste, wurde er von Direktor Emil Endemann gerügt, da ja auch Schirachs Vater von den »Roten« davongejagt worden sei. Schnell holte der junge Schirach dieses »revolutionäre« Fahnenstück wieder vom Dach, denn vorerst galten in diesem Umfeld noch die kaiserlichen Farben Schwarz-Weiß-Rot.41

Baldur von Schirach passte sich rasch an und bewarf mit Internatskollegen berittene Soldaten der vorläufigen Reichswehr mit Schneebällen. 6.000 Mann sollten die Weimarer Nationalversammlung schützen, d. h. die 423 Deputierten (darunter erstmals 37 Frauen), welche die neue Verfassung ausarbeiteten.42

Die Zeit im Bubeninternat auf dem Hexenberg wurde für Schirach zur zentralen Erzählung seiner Jugend. Das gilt sowohl für seine Autobiografie aus dem Jahr 1967 als auch für sein langes Eingangsstatement bei der Hauptverhandlung der Nürnberger Prozesse 1946. Geschickt wusste er die Prinzipien des Reformpädagogen mit den Grundsätzen seiner Amtsführung als Chef der Hitler-Jugend in Einklang zu bringen: »Das ist eigentlich der Ort, wo zuerst in mir (sic!), als ich ein kleiner Junge war, dieser Gedanke der Selbstführung der Jugend in sich bildete. Denn, als ich auf dieses Landerziehungsheim kam, war ich ein Kind von 11 Jahren. Da war ein kleiner Raum in diesem Haus, der hieß der Kükenstall. In diesem Raum wohnte noch ein ganz kleiner Junge namens v. Wolzogen und ein kleiner v. Herff. Und mir wurde gesagt, Du bist nun der Stubenälteste und hast dafür zu sorgen, daß die sich morgens richtig waschen und die Ohren sauber sind usw.

Selbstführung der Jugend, Selbstverwaltung einer Jugend innerhalb einer Schulgemeinde, Verhältnis von Jugendlichen und Erziehern, ein Du, kein Sie, dasselbe, was ich nachher in der ganzen Jugend eingeführt habe. Da liegt der Ursprung. Nicht im Wandervogel so sehr, obwohl wahrscheinlich der Wandervogel wieder auf die Landeserziehungsheime einmal eingewirkt hat. Aber ich habe gar nichts mit der bündischen Jugend zu tun gehabt eigentlich.«43

Bereits in seiner ersten Aussage in der Hauptverhandlung beim Nürnberger Prozess am 23. Mai 1946 betonte Schirach diese in der Kindheit und Jugend erfahrenen Prägungen:

»Ich war zehn Jahre alt, als ich in die erste Jugendorganisation eintrat. Ich war also gerade so alt, wie die Jungen und Mädel, die später in das Jungvolk aufgenommen wurden. Es war dies der sogenannte Jungdeutschlandbund, eine Organisation, die Graf (sic! Freiherr) von der Goltz geschaffen hatte, eine Pfadfinderorganisation. Graf von der Goltz und Haeseler hatten unter dem Eindruck der britischen Boy-Scout-Bewegung Pfadfinderbünde in Deutschland geschaffen, und eine dieser Pfadfinderorganisationen war der eben erwähnte Jungdeutschlandbund. Er spielte eine bedeutende Rolle in der deutschen Jugenderziehung etwa bis 1918/1919 hinein.

Am 6. Februar 1919 trat im ehemaligen großherzoglichen Hoftheater die verfassunggebende Deutsche Nationalversammlung zusammen. Den 12-jährigen Baldur von Schirach zog es zu den Soldaten, die zum Schutz der Abgeordneten aufgeboten wurden.

Viel wesentlicher für meine Entwicklung war aber eine Zeit, die ich in einem Waldpädagogium verbrachte. Es war dies ein Landerziehungsheim, das ein Mitarbeiter des bekannten Erziehers Hermann Lietz leitete.

Die Idee von Lietz war, der Jugend eine Erziehung zu geben, durch die sie in der Schule ein Abbild des Staates erhielt. Die Schulgemeinde war ein Miniaturstaat, und es entwickelte sich in dieser Schulgemeinde eine Selbstverwaltung der Jugend. Ich will nur kurz andeuten, daß er auch Ideen weiterführte, die lange vor ihm Pestalozzi und der große Jean Jacques entwickelt haben. Irgendwie geht ja alle moderne Erziehung auf Rousseau zurück, ob es sich nun um Hermann Lietz oder die Boy Scouts, die Pfadfinderbewegung, oder den deutschen Wandervogelbund handelt. Jedenfalls, aus dieser Idee der Selbstverwaltung der Jugend in einer Schulgemeinde habe ich meine Idee von der Selbstführung der Jugend.

Mein Gedanke war, in der Schule die junge Generation mit Ideen zu erfassen, die 80 Jahre vorher Fröbel begründet hatte. Lietz wollte von der Schule aus die junge Generation erfassen.

Ich darf vielleicht ganz kurz erwähnen, daß, als 1898 Lietz mit seiner Erziehungsarbeit begann, im selben Jahre in einer südafrikanischen Stadt der britische Major Baden-Powell durch Aufständische eingeschlossen wurde und dort die Jugend zu Spähern in Wäldern ausbildete und daraus den Grund legte zu seiner eigenen Boy-Scout-Bewegung, und daß im selben Jahre 1898 Karl Fischer aus Berlin-Steglitz die Wandervogelbewegung gründete.«44

Ganz offensichtlich versuchte Schirach in der Darstellung in der Hauptverhandlung all jene Jugendorganisationen, denen er angehörte, in die Nähe der Pfadfinder zu rücken, um den nationalsozialistischen Sonderweg in Richtung der Militarisierung von Kindern und Jugendlichen infrage zu stellen. Tatsächlich war aber der »Jungdeutschlandbund«, dem er im Alter von zehn Jahren beitrat, durchaus bereits seit seiner Gründung 1911 darauf angelegt, die städtische Jugend körperlich auf den Wehrdienst vorzubereiten. Dessen Gründer, Freiherr Colmar von der Goltz, plante einen »Volkskrieg«, d. h. einen Krieg, der von der Zivilbevölkerung selbst nach dem Ende der militärisch regulären kriegerischen Auseinandersetzungen und Kämpfe fortgeführt werden sollte.45 Zu diesem Zweck wurden gemeinsam mit Kommunen und Sportvereinen eine Vielzahl von Sportplätzen ausgebaut und Sport- und Geländespiele veranstaltet. Es ist davon auszugehen, dass Schirachs Mitgliedschaft in diesem rechtskonservativen Jugendverband, dem 1914 750.000 Mitglieder46 angehörten, durch seinen autoritären Vater organisiert wurde.

Subjektiv noch wirksamer wurde die von Baldur von Schirachs privatem Umfeld getragene, totale emotionale Ablehnung der Weimarer Republik durch den Selbstmord seines geliebten älteren Bruders Karl Benedikt, genannt »Buddabu«, der sich im evangelischen Internat Roßleben, einer Klosterschule, das Leben nahm. Es gibt keinen Hinweis darauf, dass die Eltern Baldur von Schirachs versuchten, ihm in dieser schwierigen Situation persönlich beizustehen: Die furchtbare Nachricht vom Suizid Karls überbrachte die Wirtschafterin des Haushalts in der Gartenstraße, Frau Junghans, die »ganz in Schwarz gekleidet und mit verweinten Augen« Baldur aus Bad Berka nach Hause holte.47

So kann es nicht verwundern, dass Baldur von Schirach in der Retrospektive auf seine Jugend – er war damals erst zwölf Jahre alt – diesen Selbstmord des 19-jährigen Abiturienten am 28. Oktober 1919 als Reaktion auf das Ende der Monarchie und als Verzweiflungstat gegen die neuen demokratischen und für seine Familie sozial unsicheren Verhältnisse deutete. Angeblich hatte Karl, der vermutlich Offizier beim Badischen Leibdragoner-Regiment werden wollte und den Baldur in seinen Memoiren als »Universalgenie« mit »außergewöhnlicher naturwissenschaftlicher Begabung« beschreibt, einen Abschiedsbrief hinterlassen, in dem er davon sprach, das »Unglück Deutschlands« nicht überleben zu wollen. Er, der zwölfjährige Schüler, hätte sich daraufhin – ganz im Sinne des späteren Totenkults der Hitler-Jugend – veranlasst gesehen, in die Fußstapfen des Bruders zu treten: »Durch Karls Tod hatte ich mehr verloren als einen Bruder. Er war für mich ein Mensch, zu dem ich aufblickte und dem ich nacheifern wollte. Ich rückte mit meinen zwölf Jahren an seine Stelle. Ich hatte ein Erbe angetreten, das mich zu besonderer Liebe zum Vaterland verpflichtete.«48 Sohn Richard von Schirach hat diese Darstellung als Mythos entlarvt und diesen durch umfassende Recherchen fast zur Gänze dekonstruiert.49 So hätte es keine Hinweise darauf gegeben, dass Karl tatsächlich an der Niederlage des Kaiserreiches innerlich zerbrochen wäre, wie dies Baldur von Schirach so selbstverständlich annahm.

Für das subjektive Empfinden des Zwölfjährigen mag dies aber eine reale Deutung und Erfahrung gewesen sein. Aus einem »Dreiviertel-Amerikaner« wurde ein »nationalistischer Deutscher«.50 Es war wohl kein Zufall, dass ihn seine Eltern aus dem Waldpädagogium bald wieder nach Hause holten. Vielleicht fürchteten sie um den zweiten Sohn. Übrigens ist bemerkenswert, dass Baldur von Schirach zwar über seinen älteren Bruder Karl schreibt, aber seine um neun Jahre ältere Schwester Rosalind (1898–1981), die eine erfolgreiche Musikkarriere als Opernsängerin einschlagen sollte, nur beiläufig und nebenbei erwähnt.51

Die Dichterfürsten der Klassik werden als Schirmherren der nationalsozialistischen »Bewegung« missbraucht: Hitler mit Wilhelm Frick, Staatsminister für Inneres und Volksbildung, Fritz Sauckel, dem Gauleiter Thüringens, und seinem Adjutanten Wilhelm Brückner vor dem Goethe-Schiller-Denkmal in Weimar, 1931.

3. HIGH TEA MIT HERRN HITLER
Von der »Knappenschaft« zur SA

Der Zwölfjährige, der sich verpflichtet sah, das Erbe des Bruders hochzuhalten, musste aber zunächst noch in die Schule gehen. Tat er dies auch wirklich? Über den Schulalltag des jungen Baldur nach seiner Rückkehr von Bad Berka nach Weimar fehlen genauere Informationen, die Vermutung liegt nahe, dass er zu Hause unterrichtet worden ist. Nach eigener Dartstellung hat er als Externer am Realgymnasium in Weimar am Museumsplatz 3, dem heutigen Rathenauplatz, abgeschlossen. Zumindest nennt er diese Schule, an der er nach seinen eigenen Angaben zu Ostern 1927 das Abitur absolviert hätte.52

Sowohl in seinen Memoiren als auch im SA-Führerfragebogen aus 1932 ist er aber präziser, wenn es um seine politischen Aktivitäten geht. So erwähnt er sogar seine Mitgliedschaft bei der »Knappenschaft« (Preußenbund) in Weimar.53 Der Preußenbund, genauer gesagt der »Bund der Kaisertreuen«, war eine 1913 etablierte konservativ-völkisch-nationalistische Organisation, die der Deutschnationalen Volkspartei nahestand und nach 1918 die Wiedereinführung der Monarchie forderte.54 Dieser »Jugendwehrverband« wurde bereits vom Ministerium des Inneren am 30. September 1922 mit Hinweis auf § 1 der Verordnung zum Schutze der Republik verboten und war in Thüringen eine Nebenorganisation des Jungdeutschen Ordens.55 Enttäuscht berichtet Schirach in seiner Autobiografie von einer kurzen Begegnung mit General Ludendorff, der am 20. Juli 1924 in Weimar eine Formation der Knappenschaft am Weimarer Flugplatz abschritt und im Nachhinein die mangelnde militärische Disziplin der jungen Burschen kritisierte. Auch wenn die Pseudouniformen der »Knappen« nicht wirklich beeindruckend waren – »graue Windjacken und Breeches, als Kopfbedeckung Skimützen aus grauem Segeltuch, ›Hitler-Mützen‹ nannte man sie, seit am 9. November 1923 ein Mann namens Adolf Hitler an der Spitze ähnlich formierter Kolonnen zur Münchner Feldherrnhalle marschiert war«56 –, so hatten sich die »Knappen« vom legendären Feldherrn des Weltkriegs doch mehr Zuwendung erwartet. Ludendorff, mit »gewaltigem, viereckigen Doppelkinn, bärbeißig, unbewegt, abweisend, herabgezogene Mundwinkel«, hielt es nicht einmal für notwendig, einige Begrüßungsworte an die Jungen zu richten. Er hatte, so das knappe Urteil Schirachs, der Jugend nichts mehr zu sagen.57

In seinem Buch Hitler-Jugend aus 1936 distanzierte sich Schirach explizit von dieser Wehrformation und behauptet, dass er diese ihm »lieb gewordene Wehrorganisation« mit vielen anderen Mitgliedern hätte verlassen müssen, weil er eine Rede für Adolf Hitler gehalten hätte.58 Unbestritten ist, dass auch sein Chef Hans Severus Ziegler den Weg zu den Nationalsozialisten fand. Ziegler, dessen Mutter übrigens wie jene Schirachs ebenfalls Amerikanerin war – sie stammte aus der Familie des deutsch-amerikanischen Musikverlegers Gustav Schirmer –, wurde 1930 Referent im von Wilhelm Frick geleiteten Innen- und Volksbildungsministerium in Thüringen, obwohl die NSDAP nur zwei Abgeordnete stellte, aber die marginale bürgerliche Mehrheit unterstützte.

In Harald Sanders Itinerar Hitlers59 sind das Datum des Besuchs in Weimar und der ungefähre Ablauf genau rekonstruiert worden. Hitler war am Sonntag, dem 22. März 1925, aus München kommend über Jena mit dem Zug am Saalebahnhof eingetroffen und von einem Parteimitglied per Auto über Isserstedt nach Weimar gebracht worden. Zu seiner Begrüßung war auch die »Knappenschaft« angetreten, darunter der 17-jährige Baldur von Schirach, für den zunächst das Auto des »Führers« interessanter war als der Mann selbst: »Und dann kam Hitler. Das heißt, ich bemerkte ihn zuerst gar nicht. Denn plötzlich fuhr ein Auto vor, wie ich es bis dahin nur im Bild gesehen hatte, ein Mercedes-Kompressor, sechssitzig, mit Speichenrädern. Der letzte Schrei. Ich war so fasziniert, daß ich kaum auf die Männer achtete, die diesem Wunder entstiegen.«60

Um 16.30 Uhr hielt Hitler im Saal des Schießhauses (1.000 Zuhörer), der bis auf den letzten Platz besetzt war, seine erste Rede in Weimar. Hans Severus Ziegler stellte den Redner kurz vor, dann ergriff Hitler das Wort – für den jungen Gymnasiasten Baldur von Schirach, der zusammen mit seinen Kameraden von der »Knappenschaft« als Saalschützer fungierte, ein Schlüsselerlebnis, das sein Schicksal bestimmen sollte: »An Einzelheiten aus dieser Hitler-Rede erinnere ich mich nicht. Ich weiß nur noch, daß ich beim Klang seiner Stimme aufhorchte. Es war eine ganz andere Stimme, als ich sie bisher von Rednern gehört hatte – von Lehrern, Pfarrern, Offizieren oder Politikern. Die Stimme war tief und rauh, resonant wie ein Cello. Ihr Akzent, den wir für österreichisch hielten – in Wirklichkeit war er niederbayerisch –, wirkte hier in Mitteldeutschland fremdartig und zwang gerade dadurch zum Zuhören.«61 Auch Schirach konnte dieser markanten Stimme nicht entrinnen – die Rede Hitlers im Saal des Weimarer Schießhauses blieb für ihn zeitlebens die stärkste jemals vom »Führer« gehörte.

Die Hauptangeklagten im Hitler-Prozess 1924 (von links nach rechts): Heinz Pernet, Friedrich Weber, Wilhelm Frick, Hermann Kriebel, Erich Ludendorff, Adolf Hitler, Wilhelm Brückner, Ernst Röhm und Robert Wagner.

Für Hitler schrieb er Gedichte »so schön wie Goethe«: der Schriftsteller und aggressive Antisemit Dietrich Eckart.

Ein zweites Mal an das Rednerpult an diesem Abend trat Hitler im Vereinslokal »Erholung« am Goetheplatz 11. Dazwischen ruhte er sich im Wohnhaus von Hans Severus Ziegler in der Johann-Albrecht-Straße 15 (heute Kantstraße) aus, die Wache vor dem Haus übernahmen auf Bitte Zieglers die »Knappen« Baldur von Schirach und sein Freund Hans Donndorf, der als Lehrling bei der Deutschen Bank tätig war. Die beiden Jungen hatten Glück: Als Ziegler und Hitler nach etwa einer Stunde die Wohnung verließen, standen sie plötzlich dem »Führer« gegenüber: »Hitler drückte uns lange die Hand, wobei er uns fest ansah.«62 Ein unvergesslicher Moment – der intensive Augenkontakt mit seinem neuen Abgott versetzte den 17-Jährigen, glaubt man seinen Memoiren, in eine »patriotisch-lyrische Stimmung«, der sofort Ausdruck verliehen werden musste: Er eilte nach Hause und goss seine Empfindungen in glühende Verse:

Ihr seid viel Tausende hinter mir,

und ihr seid ich, und ich bin ihr.

Ich habe keinen Gedanken gelebt,

der nicht in euren Herzen gebebt.

Und forme ich Worte, so weiß ich keins,

das nicht mit eurem Wollen eins,

denn ich bin ihr, und ihr seid ich,

und wir alle glauben, Deutschland, an dich. 63

Am nächsten Tag besuchte Hitler den bereits erwähnten völkisch-antisemitischen Schriftsteller Adolf Bartels in der Lisztstraße 11 und besichtigte das Goethe- und Schillerhaus sowie das barocke Wittumspalais und die Landesbibliothek. Im Goethehaus fiel auch laut Baldur von Schirachs Überlieferung der bekannte Ausspruch Hitlers: »Wissen S’, der Dietrich Eckart hat Gedichte geschrieben, so schön wie Goethe.«64 Der Schriftsteller und aggressive Antisemit Eckart fungierte als Herausgeber der Hetzpostille Auf gut deutsch einer »Wochenschrift für Ordnung und Recht«, in der er seinen abstrusen antisemitisch-völkischen und nationalistischen Ideen freien Lauf lassen konnte und unter dem selbsterfundenen Slogan »Deutschland erwache!« die Weimarer Republik bekämpfte. 1920 übernahm er auch die Chefredaktion des Völkischen Beobachters, des offiziellen Parteiorgans der NSDAP. Kurze Zeit nach dem Hitler-Putsch, am 26. Dezember 1923, verstarb er, nachdem er vorübergehend in Haft gewesen war. Hitler, der Eckart auch finanziell viel verdankte, widmete ihm den ersten Band von Mein Kampf.65

Schirachs Verse vom 22. März 1925 sorgten indes für Aufsehen: Ziegler, dem er das Gedicht zeigte, druckte es prompt in seiner Postille Der Nationalsozialist ab, andere NS-Zeitungen übernahmen die Verse. Ein Brief aus München von einem »gewissen Rudolf Heß« war die Folge: »Herr Hitler hat Ihr Gedicht in der Gauzeitung gelesen und schickt Ihnen zum Dank beiliegend sein Bild mit einer persönlichen Widmung.«66 Der heroisch-patriotisch-leidenschaftliche Ton, der von Schirach angeschlagen wurde, kam offenbar bei Hitler gut an, das Pathetisch-Raunende des Gymnasialschülers mit der poetischen Begabung passte perfekt zu seiner Rhetorik. Das Gedicht, das Baldur von Schirach in der Retrospektive treffsicher als eines seiner »zahlreichen schlechten Gedichte«67 bezeichnete, wurde übrigens von Gerhard Pallmann68 vertont und fand Eingang in zahlreiche Liederbücher, auch in solche, die für Schulen gedacht waren. Schirach steckte das ihm von der NSDAP-Zentrale zugesandte Hitlerbild, aufgenommen vom Münchner Fotografen Heinrich Hoffmann, mit dem er in wenigen Jahren privat und geschäftlich eng verbunden sein sollte, in einen silbernen Rahmen und stellte es auf seinen Schreibtisch. Die Begeisterung für den Mann mit dem Bärtchen, zu dem ihm von Ziegler weitere Details zugespielt wurden, wuchs weiter, selbst die Eltern konnten ihn von seiner beinahe kultischen Verehrung für Hitler nicht abbringen.69

Ein halbes Jahr später, am Mittwoch, dem 28. Oktober 1925, kam Hitler wieder nach Weimar. Er hatte rasch erkannt, dass die Stadt Goethes und Schillers ein guter Boden für die auf Wählersuche befindliche NSDAP war. Diesmal kam er von Nürnberg mit dem Auto. Wieder redete er im Vereinslokal »Erholung«, diesmal vor 800 Teilnehmern, und besuchte dann die Lortzing-Oper Der Wildschütz im Nationaltheater – und nicht, wie sich Baldur von Schirach zu erinnern glaubte, die »Walküre« aus dem »Ring des Nibelungen«.70 Diesmal übernachtete Hitler schon in einem besseren Hotel, dem »Hohenzollern« am Weimarer Bahnhof, und besuchte nach einem von Ziegler arrangierten kurzen Treffen mit Carl von Schirach und seinem Sohn Baldur im Nationaltheater den ehemaligen Generalintendanten zu Hause in der gemieteten Villa in der damaligen Gartenstraße 37. Man trank Tee und sprach über Theater und Musik. Hitler, der in Begleitung von Rudolf Heß gekommen war, wusste, typisch für einen musikinteressierten Laien, mit Aufführungslisten aus Wien zu glänzen und beeindruckte damit den Theaterchef a. D., der auch Opernregie geführt hatte. Der »Führer«, der seinen blauen »Standardanzug« mit weißem Hemd und schwarzer Krawatte trug, hatte inzwischen gelernt, sich in »besseren Kreisen« formvollendet zu bewegen: Er überreichte Frau Schirach Blumen und küsste ihr die Hand, er »hörte aufmerksam zu, fiel niemandem ins Wort. Es war eine völlig ungezwungene Teestunde.«71 Der »exklusive Patrizier« und der dem Schützengraben des Weltkriegs entstiegene »Agitator der Münchener Biersäle«72 fanden zusammen.

Auch für den Sohn des Hauses hatte der durchaus sympathische Gast einige Worte parat: »Er fragte mich, was ich werden wolle. Ich hatte damals noch anderthalb Jahre bis zum Abitur und wollte dann studieren. Hitler sagte: ›Wenn Sie studieren, dann kommen Sie doch zu mir nach München‹« – der Satz, der das Leben Schirachs bestimmen sollte.73

Typisch für Baldur von Schirach war, dass er trotz des positiven Eindrucks, den Hitler durch seine Opernkenntnisse bei Carl von Schirach hinterlassen hatte, vor allem auf die Einschätzung seiner Mutter hörte: »How well he behaves« und »At least a German patriot«.74 Während des Besuchs hatte Hitler überdies ihre kostbaren Empiremöbel, die aus ihrer Aussteuer stammten, bewundert.

Im konservativ-nationalen Weltbild Carl von Schirachs hatte inzwischen auch die Ideologie des Nationalsozialismus ihren Platz gefunden, und so trat der ehemalige preußische Gardeoffizier der NSDAP bei. Am 6. Dezember 1926 wurde er mit der Mitgliedsnummer 48505 aufgenommen.75 Zwölf Jahre später – inzwischen auf dem Posten des Intendanten am Deutschen Theater in Wiesbaden – wurde anlässlich seines 65. Geburtstages seitens des Reichsministeriums für Volksaufklärung und Propaganda rühmend festgehalten: »Von Schirach ist als Pg. Nr. 48505 und Träger des Goldenen Ehrenzeichens der drittälteste Parteigenosse unter den deutschen Bühnenleitern (nach Staatsrat Dr. Ziegler in Weimar und Intendant Robert Rode in Trier).«76

Wann sich sein Sohn Baldur von Schirach endgültig von der Knappenschaft trennte, ist unklar, der Abschied von »meinem alten Jugendbund« erfolgte wohl vor dem Abitur, das Engagement für Hitler wurde ihm von den ehemaligen Kameraden als »Verrat an der rein völkischen Sache« ausgelegt.77 Seiner Erinnerung nach machte die Knappenschaft Saalschutzdienste für die NSDAP und andere rechte Parteien und Gruppierungen, um etwaige Übergriffe durch Kommunisten zu verhindern. Schirach berichtet in seiner Autobiografie zwar von keinen Vorfällen, zählt aber stolz seine Dienste bei rechtskonservativ-völkischen nationalistischen Rednern wie General Ludendorff, den Stahlhelmführern Franz Seldte und Theodor Duesterberg oder dem Medienmagnaten Alfred Hugenberg auf.78 Letzterer gehörte der Deutschnationalen Volkspartei an, unterstützte und kontrollierte die rechtsgerichtete Presse und kooperierte mit der NSDAP.

Mit Schirachs Beitritt zur NSDAP knapp nach seinem 18. Geburtstag am 29. August 1925 (Mitgliedsnummer 17251) wurde er, wie sein Vater Carl, der Ortsgruppe Weimar/Thüringen zugeteilt, wo er den Beitrittsantrag in der »Gaugeschäftsstelle«, einem laut Schirach »schmalbrüstigen Laden in einer der billigsten Wohngegenden«, gestellt hatte. Der monatliche Parteibeitrag betrug 80 Pfennig, am Programm stand für den neuen Parteigenossen, der »felsenfest« daran glaubte, dass Hitler die Macht in Deutschland übernehmen würde, vor allem das Verteilen von Flugblättern. Da er früher als sein Vater der NSDAP beigetreten war, erhielt er bereits am 10. März 1933 das Goldene Ehrenzeichen für verdiente alte Parteimitglieder, Carl von Schirach wurde am 2. März 1934 geehrt.

1925 wurde der Gymnasiast Schirach auch Mitglied bei der SA in Weimar, galt 1926 aber aus unbekannten Gründen als beurlaubt und schien dann 1927 in den SA-Unterlagen wieder als SA-Mann (Sturm 1) in München auf. Zu Ostern 1927 legte er sein Abitur ab, die Entscheidung über seine Zukunft war im Prinzip bereits gefallen: Er war bereit, dem »Führer« weiter zu folgen: »Fest stand nur eins: Ich wollte nach München, denn dort war Hitler.«79 Zu Ende ging es damit wohl auch mit den musikalischen Ambitionen des Abiturienten – Schirach hatte seit dem 25. September 1923 an der Staatlichen Musikschule von Weimar, heute die Hochschule für Musik Franz Liszt, als Gastschüler in der Klavierklasse von Hermann Oschmann studiert, allerdings, wie er selbst in seinen Erinnerungen einräumte, ohne allzu großen Fleiß zu zeigen. Wie aus seiner Studentenakte hervorgeht, wurde er am 31. Juli 1926 vom Unterricht abgemeldet.80 Der Pianist Bruno Hinze-Reinhold, damals Rektor der Musikschule, erwähnt in seinen Lebenserinnerungen Vater Carl von Schirach als »hochmütigen Mann«, der später das Goldene Parteiabzeichen erhalten hätte. Sein »unseliger« Sohn Baldur, der in der Nazizeit eine »so schimpfliche Rolle« spielen sollte, machte als Gastschüler einen etwas »doven« Eindruck, hätte aber schon damals »aufreizende Gedichte« geschrieben.81

Zur ersten großen Herausforderung für den jungen SA-Mann wurde im Juli 1926 der 2. Reichsparteitag der NSDAP in Weimar. Auf seinem Fahrrad »raste« Schirach zwischen Bahnhof und Stadt, zwischen Massenquartieren in Wirtshaussälen und Privatunterkünften hin und her, um den Wünschen der teilnehmenden Parteigenossen nachzukommen. Erstmals erlebte er auf der Bühne des Nationaltheaters das Ritual der »Fahnenweihe«: »Die Fahnen und Standarten neuaufgestellter SA-Einheiten weihte Hitler, indem er das neue Tuch mit der Blutfahne berührte. Für uns junge Menschen war das ein sakraler Akt. Hitler schien uns in jenen Augenblicken mehr zu sein als ein Politiker.«82 Schirach erinnerte sich auch an den Auftritt des kahlköpfigen »Judenhassers« Julius Streicher, der seine Zuhörer mit einer Flut von antisemitischen Schimpfwörtern und Drohungen überschüttete – für Schirach in der Retrospektive ein »peinlicher Zwischenfall«. Die braven Weimarer Bürger hätten darüber nur »befremdet« die Köpfe geschüttelt, den »jugendlichen Glauben« Schirachs konnte der rabiate Auftritt des Gauleiters aus Nürnberg allerdings nicht erschüttern. Er hätte das nur für »Schönheitsfehler« gehalten, denn: »Nationalsozialismus – das hieß für mich Hitler, die Kameradschaft der Gleichgesinnten, die Gemeinschaft von hoch und niedrig, arm und reich.«83

»Hitler schien uns in jenen Augenblicken mehr zu sein als ein Politiker«: der »Führer« am Reichsparteitag in Weimar 1926. Noch marschieren viele im bürgerlichen dunklen Anzug in Hitlers Reihen, bald werden nur mehr braune Uniformen zu sehen sein.

Zwei zentrale Fragen stellen sich an dieser Stelle, die auch Baldur von Schirach in seinen Erinnerungen thematisiert. Wie gelang es Adolf Hitler, ehemalige politische und kulturelle Eliten aus dem Kaiserreich, die nach wie vor einen bürgerlich-konservativen elitären Lebensstil pflegten, für die NSDAP zu gewinnen? Manche wie etwa Carl von Schirach traten der NSDAP bald bei und bürgten mit ihrem Namen für eine offen antisemitische und antimoderne völkische Kulturorganisation, den »Kampfbund für deutsche Kultur«. Damit unterstützten sie sichtbar und nachhaltig den kulturellen Deutungsmachtanspruch der NSDAP in der für die deutsche Elitengesellschaft so wichtigen nationalen Kultur.

Carl von Schirach gehörte 1929 zu den 54 Erstunterzeichnern des Gründungsaufrufes für die Schaffung des »Kampfbundes für deutsche Kultur« – eine Initiative, die auf den rassistischen NS-Ideologen Alfred Rosenberg zurückging und ein wichtiges Netzwerk zur Vorbereitung der kulturellen Hegemonie der NSDAP nach 1933 werden sollte. Weitere Unterzeichner waren Adolf Bartels, das Verlegerehepaar Hugo und Elsa Bruckmann, das seinen politischen Salon in München Hitler und anderen NSDAP-Funktionären zur Verfügung gestellt hatte, aber auch Winifred Wagner und Eva Chamberlain, die Witwe des antisemitisch-völkischen Ideologen Houston Stewart Chamberlain.84

Baldur von Schirach weicht in seinen Memoiren der Frage nach den antidemokratischen Trends dieser genannten Eliten vor 1918 nicht aus und reproduziert ihre Rechtfertigungsargumente wie die Angst vor sozialer Deklassierung nach 1918 oder vor der Machtübernahme durch die Kommunisten und Sozialisten. Betrachtet man jedoch die Berufskarriere Carl von Schirachs genauer, so kann von einem sozialen Abstieg nicht die Rede sein, da er nach seiner Entlassung vom Weimarer Hoftheater 1919 einen Prozess gegen das Land Thüringen gewann und eine Pension erhielt. Auch im Privatleben sind keine Einschnitte zu erkennen: Carl von Schirach behielt eine Theaterloge, und auch der Haushalt der Familie konnte mit Wirtschafterin und Hauspersonal auf herrschaftlichem Niveau weitergeführt werden.

Die Angst vor der undeutschen Moderne brach über Weimar nicht erst mit dem Aufstieg der NSDAP, sondern bereits vor 1914 herein. Sie führte schon vor 1914 zu einem Erfolg der Antimoderne, wie die erwähnte Debatte um Harry Graf Kesslers modernes Mustertheater für Weimar zeigt.

Bereits vor 1914 wurde radikal antisemitisch polemisiert und die Demokratie verhöhnt. Gegen Ende des Ersten Weltkriegs 1917 steigerten sich diese autoritären und radikalen Tendenzen. Lange vor dem für Deutschland extrem ökonomisch und vor allem letztlich psychologisch belastenden Friedensvertrag von Versailles traten die zuvor skizzierten Netzwerke, zu denen auch Carl von Schirach gehörte, gegen einen Friedensschluss auf. Mit der Errichtung einer parlamentarischen Demokratie, die Carl von Schirach und viele in seinem Umfeld bereits vor 1919 vehement abgelehnt hatten und die noch dazu »Weimarer Republik« genannt wurde, schien auch der Alleinvertretungsanspruch für die deutsche Klassik in der Stadt von Goethe und Schiller infrage gestellt.

Daher war es kein Zufall, sondern Ausdruck dieser antidemokratischen, autoritären Entwicklung in den Kulturnetzwerken Weimars, dass die Nationalsozialisten bereits vor 1933 eine Regierungsbeteiligung in Thüringen hatten. Harry Graf Kessler85, der ehemalige ehrenamtliche Direktor des Museums für Kunst und Kunstgewerbe, bezog klar Stellung gegen einen Erlass des Thüringer Volksbildungsministeriums vom April 1930, in dem es unter dem Titel »Wider die Negerkultur« hieß: »Seit Jahren machen sich fast auf allen kulturellen Gebieten in steigendem Maße fremdrassige Einflüsse geltend, die die sittlichen Kräfte des deutschen Volkstums zu unterwühlen geeignet sind. Einen breiten Raum nehmen dabei die Erzeugnisse ein, die, wie Jazzband- und Schlagzeug-Musik, Negertänze, Negergesänge, Negerstücke, eine Verherrlichung des Negertums darstellen und dem deutschen Kulturempfinden ins Gesicht schlagen. Diese Zersetzungserscheinungen nach Möglichkeit zu unterbinden, liegt im Interesse der Erhaltung und Erstarkung des deutschen Volkstums. Eine gesetzliche Grundlage hierfür bieten die Bestimmungen der §§ 32, 33 a, 53 Abs. 2 der Gewerbeordnung.«86

Es war dann letztlich auch der Nationalsozialist der ersten Stunde und spätere Intendant des Nationaltheaters in Weimar, Hans Severus Ziegler, der die Ausstellung »Entartete Musik« 1938/39 initiierte.87 Diese antisemitische Hetzausstellung gegen Repräsentanten moderner Musik – die meisten von ihnen auch jüdischer Herkunft – wurde im Rahmen der Reichsmusiktage Düsseldorf gezeigt und war eine Art auf Musiker bezogene Kopie der Ausstellung »Entartete Kunst« aus 1937. Die Ausstellung »Entartete Musik« wurde anschließend in Weimar, München und Wien gezeigt.

»Ich las es und wurde Antisemit«

Schirach nannte beim Kriegsverbrecherprozess in Nürnberg – übrigens gegen den Willen des Vorsitzenden, der an derartigen Hintergrundinformationen nicht interessiert war – drei Bücher, die ihn geprägt hätten: Grundlagen des 19. Jahrhunderts des »Bayreuther Denkers«, wie ihn Schirach beschrieb, Houston Stewart Chamberlain, Adolf Bartels’88 Weltgeschichte der Literatur und Henry Fords Der internationale Jude. Bartels’ Werk relativierte er umgehend, indem er behauptete, dass es »keine ausgesprochen antisemitische Tendenz« hätte, sich jedoch »der Antisemitismus wie ein roter Faden hindurchzog«. Das ausschlaggebende antisemitische Buch, das ihn und seine Kameraden beeinflusste, wäre Fords Der internationale Jude gewesen: »Ich las es und wurde Antisemit. Dieses Buch hat damals auf mich und meine Freunde einen so großen Eindruck gemacht, weil wir in Henry Ford den Repräsentanten des Erfolges, den Repräsentanten aber auch einer fortschrittlichen Sozialpolitik sahen. In dem elenden, armen Deutschland von damals blickte die Jugend nach Amerika, und außer dem großen Wohltäter Herbert Hoover war es Henry Ford, der für uns Amerika repräsentierte.«89

Hier wandte Schirach ebenfalls eine Strategie der Umdeutung an wie im Falle der rechtskonservativ-völkischen und teilweise antisemitischen Jugendwehrverbände, denen er angehört hatte und die er mit den Pfadfindern des britischen Generals Robert Baden-Powell verglich. Dabei erwähnte er nicht, dass es sich bei Baden-Powells Boy Scouts nicht um eine britisch-nationalistische, sondern um eine internationale Jugendbewegung handelte – 1929 beispielsweise nahmen 50.000 Pfadfinder aus 72 Ländern an dem Weltpfadfindertreffen (»Jamboree«) in England teil.90 Zwar existierten aufgrund der militärischen Erfahrungen Baden-Powells bei den Pfadfindern in einigen Bereichen paramilitärische Strukturen, etwa in der Ausbildung zum Spurenleser oder Meldegänger, jedoch fehlte der aggressiv völkisch-rassistische Grundton, der in den zuvor genannten deutschen Verbänden durch aktive oder pensionierte Militärs an die Jugendlichen vermittelt wurde. Dennoch wird bis heute heftig über die Frage nach dem Ausmaß von Militarismus gegenüber dem Pazifismus in den ursprünglichen Ideen Baden-Powells gestritten, der auch als angeblicher Antisemit von Michael Rosenthal angegriffen wurde.91

Schirach erkannte selbst in Nürnberg 1946 und auch später in seinen Memoiren 1967 nicht, dass bereits vor 1914 der Antisemitismus sowie die Rassenlehre stark in den deutschen Eliten verankert gewesen war und insbesondere auch die Armee und das Offizierskorps durchdrungen hatte. So pflegte Kaiser Wilhelm II. einen intensiven Kontakt mit dem britischen Schriftsteller und Kulturphilosophen Houston Stewart Chamberlain92, der bekanntlich Richard Wagners Schwiegersohn gewesen war, und machte dessen 1899 in zwei Bänden erschienenes, antisemitisch-rassistisches Werk Die Grundlagen des neunzehnten Jahrhunderts zur Pflichtlektüre in der Oberlehrerausbildung bzw. an Lehrerseminaren.93 Das nach seiner Übersiedlung von Dresden nach Wien 1896/97 in der k. u. k. Metropole verfasste Buch wurde später zum zentralen Referenzwerk94 für rassentheoretische und deutsch-völkische Auseinandersetzungen in der nationalsozialistischen Bewegung. Bereits vor 1914 erfuhr das 1.200-seitige Erfolgsbuch eine breite Rezeption innerhalb des Bildungsbürgertums – jüdische Weltverschwörungstheorien, welche die angebliche Weltherrschaft der Juden erklärten, waren ebenso gern gelesene Thesen wie Chamberlains Suche nach dem »Urarischen« oder »Urgermanischen«.

Wegbereiter und Förderer Hitlers: der Ur-Germane und Antisemit Stewart Houston Chamberlain und seine Frau Eva (oben, mit dem Dirigenten Arturo Toscanini 1931 in Bayreuth) und der Verleger Hugo Bruckmann mit seiner Gattin Elsa, einer gebürtigen Prinzessin Cantacuzène. Im Münchner Salon der Bruckmanns knüpfte der junge Baldur von Schirach wichtige Kontakte.

Auch Adolf Bartels’ zweibändige Literaturgeschichte war bereits vor 1914 fertiggestellt worden. Unter dem Titel Geschichte der deutschen Literatur erschien sie erstmals 1901/02 und wurde bis 1940 mehrfach in hohen Stückzahlen aufgelegt. 1906 hatte Bartels bereits äußerst aggressiv gegen ein Heinrich-Heine-Denkmal in Hamburg polemisiert.95

1910 wurde Bartels, den Kurt Tucholsky später boshaft als »Clown der derzeitigen deutschen Literatur« und »im Irrgarten der deutschen Literatur herumtaumelnden Pogromdeppen«96 bezeichnete, Vorsitzender des »Deutschvölkischen Schriftstellerverbandes«, seit 1914 forcierte er die »reinliche Scheidung« der nach rassistischen Kriterien durchgeführten Trennung von Schriftstellern nach Juden und Nichtjuden.97 Bei der ersten öffentlichen Versammlung des von Bartels mitinitiierten Deutschen Studentenverbands Leipzig agitierte er gegen die »geheime Judenherrschaft« und attackierte sowohl Liberale als auch Sozialdemokraten, in denen er von Juden gestützte bzw. gegründete Parteien erblickte.98 Walter Goetz analysiert in der Deutschen Biographie Bartels’ Werke konzise: »Die ›Geschichte der deutschen Literatur‹ und die ›Einführung in die Weltliteratur‹ (3 Bände, 1913) zeigen ihn als einseitigen Parteigänger des Rassenprinzips und des Antisemitismus; von da an sind seine zahlreichen Arbeiten zumeist nicht Wissenschaft, sondern Propaganda zugunsten eines rein völkischen Schrifttums.99

Schon vor 1914 war er in seinen Publikationen als prononcierter Antisemit hervorgetreten, wie die Pamphlete Heine-Genossen. Zur Charakteristik der deutschen Presse und der deutschen Parteien (1907), Judentum und deutsche Literatur (1912) oder Deutsch-jüdischer Parnaß (1912) zeigen. In seiner Denkschrift Der Siegerpreis zu Beginn des Ersten Weltkrieges im August 1914 forderte er bereits die dauerhafte Besetzung Polens und des westlichen Russlands und »Vorposten an Düna und Dnjepr und am Schwarzen Meer.«100

Der Weimarer Nationalsozialist, HJ-Gebietsführer und Freund Baldur von Schirachs, Rainer Schlösser (1899–1945), der als »Reichsdramaturg« bei Goebbels Karriere machen sollte, beschrieb die Rolle von Adolf Bartels für die nationalsozialistische Literaturpolitik präzise: Bartels habe in der »Literaturbetrachtung das nationalsozialistische Prinzip vorweg genommen«.101

Volkhard Knigge, Direktor der Gedenkstätte Buchenwald in Weimar, legt in seinem ZEIT-Artikel Professor Bartels’ Bücher die Wechselwirkung zwischen dem ursprünglich völkisch-rassistischen Antisemitismus102 und dem Nationalsozialismus klar und unmissverständlich dar: »Antisemitismus mit Bartels, das war keine Sache für knüppelschwingende Fanatiker, sondern eine wissenschaftlich begründete kulturelle Notwendigkeit für belesene, vaterlandsliebende Patrioten. Die Weimarer Botschaft lautete: ›Wer in unserer Zeit nicht Antisemit ist, der ist auch kein guter Deutscher.‹«103

Die Aussage Schirachs, dass er zwar die antisemitischen Schriften von Chamberlain und Bartels gelesen habe, aber erst durch Henry Fords Buch Der internationale Jude. Ein Weltproblem (Leipzig 1922) zum NS-Antisemiten wurde, kann nicht stimmen. Der rassistische Antisemitismus war gerade im Weimarer Umfeld von Schirach längst angekommen und hatte sich mit konservativ-nationalistischen antidemokratischen Positionen aus der Zeit vor 1918 zu einem gefährlichen politischen Konglomerat verbunden. Es war kein Zufall, dass Hitler so früh in Weimar auch in den Kreisen bürgerlicher Eliten wie der Schirachs akzeptiert wurde und der junge Sprössling ein glühender Hitler-Verehrer wurde. Adolf Bartels, der mit der Familie Schirach gut bekannt war, soll Sohn Baldur auch Privatunterricht gegeben haben – vermutlich zur Geschichte der deutschen Literatur.104


In Nürnberg 1946 ein wichtiger Eckpunkt in Schirachs Verteidigungslinie: Die Lektüre von Henry Fords antisemitischer Hetzschrift »Der internationale Jude« und der Schriften des Weimarer Judenhassers Adolf Bartels (unten rechts) hätten ihn zum Antisemiten gemacht. Der Kommentar von Hans Frank dazu: »Er wollte, daß jeder glauben solle, er sei bloß ein irregeführter unschuldiger Junge gewesen. Er hat fast so getan, als sei Henry Ford für Auschwitz verantwortlich!« (Gustave M. Gilbert, Nürnberger Tagebuch, 346).

Ein Schnappschuss des Schwiegervaters Heinrich Hoffmann: Henriette und Baldur von Schirach kurz nach der Hochzeit im März 1932.

4. ES GEHT VORWÄRTS!
Der Aufstieg zum Studentenführer

Adolf Hitler hatte den Gymnasiasten Baldur von Schirach zwar nach München eingeladen, aber nicht auf ihn gewartet. So galt es, den Kontakt zum »Führer« neu herzustellen – wie sich zeigte, keine einfache Aufgabe. Rudolf Heß wimmelte den zudringlichen Studiosus, der um einen Termin bei Hitler bat, ziemlich ungnädig ab, und selbst Elsa Bruckmann scheiterte mit ihren Bemühungen. Schirach erkannte, dass er Hitler mit einer neuen Aufgabe konfrontieren und für sich gewinnen musste. Und dann war da auch das Studium, das er ganz nach den eigenen Vorlieben und Interessen gestaltete. Seine erste Bleibe in München bezog er in der Franz-Josef-Straße in Schwabing, eine »zünftige Studentenwohnung«.105

Schirachs eigenen Eintragungen im SA-Führerfragebogen vom 13. März 1931106 zufolge habe er in München vier Semester Germanistik, Anglistik und Kunstgeschichte studiert; laut den Unterlagen der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) sogar fünf Semester – vom Sommer-Halbjahr 1927 bis inklusive Sommer-Halbjahr 1929.107 Die Studentenkartei vermerkt nur das Studium der Germanistik, das auch sein Schwerpunkt gewesen sein dürfte. Über etwaige Prüfungserfolge lässt sich anhand der Unterlagen im Archiv der LMU München keine Aussage treffen. Baldur von Schirach sah, wie er in seinen Memoiren festhält, seine Universitätszeit eher als Nebenbeschäftigung an, im Zentrum stand bereits seine Parteiarbeit für die nationalsozialistische Bewegung.108

In Erinnerung geblieben sind ihm Vorlesungen über englische Literatur bei Max Förster, einem auch international bekannten Experten für altenglische Philologie, und in Kunstgeschichte bei Wilhelm Pinder. Der aus Kassel stammende Kunsthistoriker war ein betont völkischer Gelehrter109, der unverhohlen die Stärkung der deutschen Nation durch die Rückeroberung der von Slawen eingenommenen »östlichen Wohnsitze« propagierte und über das »germanische Blut- und Geschichtserbe« referierte. Schon 1930 attackierte Pinder öffentlich den Kustos in der Pinakothek August Liebmann Mayer als »Kunstjuden«. Mayer wurde nach 1933 entlassen und nach seiner Flucht nach Frankreich 1944 ins Vernichtungslager Auschwitz deportiert und dort ermordet. Nach der »Machtergreifung« der Nationalsozialisten engagierte sich Pinder offen für den Nationalsozialismus und Adolf Hitler, wurde aber trotz Aufnahmeantrag niemals Mitglied der NSDAP.

Schirach frequentierte eigenen Angaben zufolge auch das Goethe-Kolleg bei Hans Heinrich Borcherdt, der als außerordentlicher Professor für Neuere Deutsche Literatur seit 1926 auch das Institut für Theatergeschichte in München leitete. Wie Baldur von Schirachs Vater war er nicht nur Sohn eines Offiziers, sondern trat auch dem antisemitischen »Kampfbund für deutsche Kultur« bei, dies aber erst 1931. Borcherdt galt unter den NS-Hochschulfunktionären noch 1937 als Anhänger der Bayerischen Volkspartei, der zudem noch mit der »Tochter eines bayerischen Ministers der Systemzeit« verheiratet war.110

Letztlich gab es keine aktuellen Bedenken gegen ihn, und er erhielt auch eine Reisegenehmigung, um am 2. März 1937 im Deutschen Klub in Wien, einem elitären Netzwerk von Nationalsozialisten, Deutschnationalen und Antisemiten, über den »Staatsgedanken des deutschen Idealismus« vorzutragen.111 Borcherdt wurde 1942 auf eine ordentliche Professur in Königsberg berufen.

Schirach junior meinte im übrigen mit selbstbewusster Überheblichkeit auch als Mitglied der Shakespeare-Gesellschaft in Weimar alle bekannten Anglisten Deutschlands schon gekannt zu haben.112

In seinen Erinnerungen nennt Schirach weitere beeindruckende Wissenschaftler, die er in den Salons der Familie des Geheimrats Schick und vor allem durch den Salon der Bruckmanns kennengelernt hatte. Dazu gehörten beispielsweise der Romanist Karl Vossler, der Historiker Hermann Oncken und der Ägyptologe Wilhelm Spiegelberg, die kurz auch politisch zugeordnet werden sollen.

Vossler, ein bedeutender Romanist, ist die große politische Ausnahme in der hier referierten Liste. So sprach er sich als Rektor 1926/27 für die Gleichstellung der jüdischen Studentenverbindungen aus und ließ bei Feiern das bei Rechtskonservativen und Nationalsozialisten verpönte schwarz-rot-goldene Reichsbanner hissen.113 1930 ging er sogar so weit, öffentlich zu fragen: »Wie werden wir die Schande des Antisemitismus los?«114 Er wurde 1937 vom NS-Regime zwangspensioniert.

Professoren an der LMU München, an die er sich später noch erinnerte: der Anglist Josef Schick (oben), der deutsch-jüdische Ägyptologe Wilhelm Spiegelberg (Mitte) und der Kunsthistoriker und Antisemit Wilhelm Pinder.

Es ist wohl anzunehmen, dass Schirach Vossler im Salon von Geheimrat Josef Schick, der wie sein Vater aktives Mitglied der Deutschen Shakespeare-Gesellschaft war115, kennengelernt hat. Schick selbst hatte zwei Jahre in England studiert und war ein ausgezeichneter Mathematiker und habilitierter Anglist. Von 1896 bis zu seiner Emeritierung 1925 lehrte er an der LMU München. Er war ein weitgereister Gelehrter, der auch 1911/12 an der Columbia University in New York unterrichtet hatte und mit einer Engländerin verheiratet war. Trotz seines hohen Alters – Schick wurde 1859 in Rißtissen bei Ulm geboren –, meldete er sich freiwillig zum Kriegseinsatz im Ersten Weltkrieg und war durchaus deutschnational eingestellt.116 Schick wohnte in der Ainmillerstraße 4 in München und lud auch den jungen Baldur von Schirach zu diversen Treffen in seine Wohnung ein.

So berichtete Victor Klemperer in seinem Revolutionstagebuch 1919 über einen Besuch mit seiner Frau Eva Schlemmer, einer Konzertpianistin, bei Schick, dessen Vorlesungen er schon 1902 gehört hatte. Da aber nur dessen Frau, Mary Schick, geborene Butcher, zu Hause war, entwickelte sich ein Gespräch zwischen den beiden Frauen, bei dem Frau Schick meinte: »… ob wir denn wirklich dächten, daß die Engländer den Krieg gewollt hätten? So wenig wie die Deutschen, so wenig wie die Franzosen seien sie blutgierig gewesen, niemand, nein niemand habe dieses Morden auf dem Gewissen außer ganz allein die Juden, denen allein er Gewinn gebracht habe. Wir sahen die alten Damen in schweigender Verblüfftheit an, sie nahm es für Mitgefühl und predigte weiter über die schwesterliche Verbundenheit aller weiblichen Herzen.«117 Der habilitierte Romanist Klemperer, der konvertierter Jude war, registrierte den Antisemitismus im Hause Schick bereits um 1919.

Der Historiker Hermann Oncken, der zwar vaterländisch eingestellt war und 1915 bis 1918 im badischen Landtag als nationalliberaler Abgeordneter tätig war, passte eigentlich so wie Vossler nicht in das antisemitisch-völkische und antidemokratische Umfeld Schirachs. Oncken galt als »Vernunftrepublikaner«. Gleichzeitig votierte er wie viele andere bereits vor 1933 für den »Anschluss« Österreichs an das Deutsche Reich und wäre deswegen 1923 fast an die Universität Wien gegangen.118 1929 hielt er in Berlin eine Gedenkrede »aus Anlass des 10-jährigen Bestehens der Weimarer Verfassung«.119 Oncken versuchte, den Brückenschlag zwischen Sozialdemokratie und dem Bürgertum, aber auch zwischen Kaiserreich und Weimarer Republik zu propagieren. Damit wollte er die Studenten für den demokratischen Nationalstaat, die Weimarer Republik, gewinnen – durch eine Art »organische Verbindung« zwischen »deutscher Vergangenheit und deutscher Zukunft«.120 Nach 1935 überwarf er sich mit den Nationalsozialisten, deren antisemitisch-rassistisches Geschichtsbild er nicht teilte, und wurde daher zwangspensioniert.121

Die letzte interessante Persönlichkeit aus seiner Studienzeit war der deutsch-jüdische Ägyptologe Wilhelm Spiegelberg, der zum Protestantismus übergetreten war und seit 1923 den Lehrstuhl für Ägyptologie in München leitete.122 Er ist der einzige Wissenschaftler jüdischer Herkunft, den Schirach in seinen Memoiren nennt. Spiegelberg, der 1930 nach einer Operation verstarb, fühlte sich voll assimiliert und zeigte sich »bestürzt« über das »auffällige, oft herausfordernde Gehaben mancher Juden« auf der Straße und beklagte das Make-up und die »übertriebene« Kleidung jüdischer Frauen.123

Baldur von Schirachs intellektuelles Netzwerk in und außerhalb der Ludwig-Maximilians-Universität in München verstärkte den Weimarer Grunddiskurs in Richtung Antisemitismus, Deutschnationalismus und Demokratiefeindlichkeit, trotz der genannten zwei Ausnahmen Oncken sowie vor allem Vossler. Kaum vorstellbar, dass Schirach wirklich von Vossler beeindruckt war.

Aber noch wichtiger für Ausbau und Festigung der politischen Netzwerke aus Familie und Weimarer Umfeld waren die intensiven Kontakte, die der junge NS-Karrierist im Salon von Elsa und Hugo Bruckmann knüpfte.124 Elsa Bruckmann, geboren 1865 im oberösterreichischen Traundorf bei Gmunden, war die Tochter des ehemaligen königlich-bayerischen Ulanenoffiziers Fürst Theodor Cantacuzène und damit Nachkommin eines alten griechisch-byzantinischen Fürstengeschlechts. Ihre Mutter Caroline Gräfin Deym von Střitež stammte aus böhmisch-österreichischem Uradel. Die »Prinzessin« hielt sich 1893/94 als Gast der jüdischen Familie Todesco in Wien auf und lernte hier den jungen »Buben« Hugo von Hofmannsthal kennen.125 Mit ihm stand sie bis 1924 in teilweise engem Kontakt, die schwärmerische Beziehung zu ihm sollte der Dichter später als »Flirtation« abtun.

Nachdem sie 1898 im Alter von 33 Jahren den bürgerlichen Münchner Kunstbuchverleger Hugo Bruckmann geheiratet hatte, eröffnete sie im Jänner 1899 im Neubau des Bruckmann-Verlags in der Nymphenburgerstraße 86 ihren Münchner Salon mit einem Leseabend Chamberlains. Elsa Bruckmann war eine sehr kunstsinnige und belesene Frau, die Abende in ihrem Salon – ab 1909 im Prinz-Georg-Palais am Karolinenplatz 5 – wurden zu einer Art von Netzwerktreffen zwischen Künstlern, Literaten, Theaterleuten und Wissenschaftlern, aber auch Politikern und antisemitischen und deutschnationalen Ideologen wie eben Chamberlain. Unter der bunten Schar ihrer Gäste befanden sich so bekannte Persönlichkeiten wie Rainer Maria Rilke, Heinrich Wölfflin, Rudolf Kassner, Hermann Graf Keyserling, Karl Wolfskehl, Ludwig Klages, Harry Graf Kessler, Alfred Schuler, Georg Simmel, Hjalmar Schacht und ihr Neffe Norbert von Hellingrath. Sie alle wetteiferten miteinander auf der Suche nach den Leitlinien und maßgeblichen Inhalten der Moderne in der Phase der ersten Turboglobalisierung.

Während des Ersten Weltkriegs radikalisierte nun dieser bürgerliche Netzwerkknoten den bereits vor 1914 vorhandenen aggressiven Deutschnationalismus und völkischen Antisemitismus: Die Suche nach einem starken Mann, der Deutschland, aber auch Europa, aus der Krise und Bedeutungslosigkeit führen könnte, trat in den Vordergrund. Dadurch sollte auch die Frage nach der Moderne endgültig geklärt und entschieden werden. So war es kein Zufall, dass Hugo Bruckmann ein früher Verehrer des italienischen faschistischen Diktators Benito Mussolini war – wie übrigens kurze Zeit auch Hugo von Hofmansthal. Dieser entwickelte letztlich seine eigene autoritäre Ideenwelt mit dem Modell einer »konservativen Revolution«, die er bei einem Vortrag in München 1927 vorstellte.

In der großzügigen Wohnung der Bruckmanns am Karolinenplatz 5 stellte Elsa Bruckmann am 23. Dezember 1924 den erst zwei Tage vorher aus der Festungshaft entlassenen gescheiterten Putschisten Adolf Hitler erstmals ihren Gästen aus der bürgerlichen Gesellschaft Münchens vor. Begeistert erinnerte sich später die Verlegergattin: »Nun trat mir – in der bayerischen kurzen Wichs und gelbem Leinenjöpperl – Adolf Hitler entgegen: einfach, natürlich und ritterlich und hellen Auges!«126

In diesem kulturellen Umfeld – Elsa und Hugo Bruckmann hatten inzwischen die Vorzeige-NSDAP-Mitgliedsnummern 91 und 92 erhalten – schaffte es Baldur von Schirach, seine persönliche Nähe nicht nur zu Adolf Hitler zu vertiefen. Später zog er aus seiner Studentenwohnung in der Franz-Josef-Straße in Schwabing in eine komfortablere Wohnung bei den Bruckmanns in der Leopoldstraße 10 um, die ihren Salon Anfang 1931 vom Karolinenplatz hierher verlegt hatten. Im dritten Stock des großzügigen Gründerzeitbaus gelegen, bot sich von seinem neuen Zuhause der Blick auf das Münchner Siegestor.

Die Bruckmanns kannten Baldur von Schirachs Onkel, Friedrich Wilhelm von Schirach, Rittmeister a. D., der nach dem gescheiterten Putschversuch von Hitler und Ludendorff beim Prozess aussagen musste. Als Bezirksführer bei den Vaterländischen Verbänden Münchens hatte er Informationen über den geplanten Marsch auf Berlin des Reichsstaatskommissars Gustav von Kahr sowie zur Verhaftung von General Ludendorff.127 Friedrich Wilhelm von Schirach, der noch im selben Jahr des Prozesses 1924 starb, war in München ein Begriff – auch als Komponist.

Ein zufälliges Zusammentreffen mit Hitler Mitte November 1927 – an den Hochschulen stand die Wahl der »Allgemeinen Studentenausschüsse« bevor – wurde zum Auslöser für die Karriere Schirachs als Studentenvertreter: Nach einigem Hin und Her ließ sich der »Führer«, der seinen jungen Adepten zu einem Gespräch mit in die Wohnung in der Thierschstraße 41 genommen hatte, zu einem Auftritt vor Studenten im Festsaal des Hofbräuhauses überreden – er würde aber nur kommen, so die Bedingung, wenn der Saal »gut gefüllt« wäre. Schirach hielt Wort: Am 21. November 1927 war der Saal »so überfüllt, daß die Studenten auf den Kachelöfen hockten«.128 Hitler musste sein Versprechen einlösen und sprach zum Thema »Der Weg zu Freiheit und Brot«, der Auftritt wurde zu einem triumphalen Erfolg, und Schirach hatte von nun an bei Hitler einen Stein im Brett: Er war der Mann, der ihm die Studenten gebracht hatte. 1930 konnte Hitler, der anfangs bezüglich der Studenten so skeptisch gewesen war, in der NS-Wochenzeitung Die Bewegung schreiben: »Nichts gibt mir mehr Glauben an den Sieg unserer Idee als die Erfolge des Nationalsozialismus auf der Hochschule.«129

Im Februar 1928 wurde Baldur von Schirach Hochschulgruppenführer des Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbundes (NSDStB) in München und leitete daneben auch noch einen SA-Trupp. Ab Juli 1929 übernahm er die Führung des NSDStB. Er gründete überdies 1929 den Akademischen Beobachter, eine Zeitschrift, die im Dezember 1929 eingestellt und durch die Wochenschrift Die Bewegung ersetzt wurde, die ebenfalls nicht lange existierte (bis Mai 1931).130

Hinter diesen nüchternen Daten zur erfolgreichen Parteikarriere verbergen sich heftige Auseinandersetzungen zwischen Wilhelm Tempel (1905–1983), dem Mitbegründer des NSDStB 1926, der die Reichsleitung übernommen hatte, und Schirach, der, wie erwähnt, die Münchner NSDStB-Hochschulgemeinde (HGM) leitete, die in der kurzen Zeit seit der Gründung bereits drei »HGM-Führer« verbraucht hatte.131 Während der Jurastudent Tempel und seine Gruppe eher auf Aktivismus setzten und sich als »Jugend- und Wehrbewegung« verstanden, die aber abseits von einigen Großversammlungen nicht wirksam wurde, wollte Schirach die kaum sichtbare HGM zu einem »geistigen Mittelpunkt im akademischen Leben Münchens« machen. So ließ er neue Klubräume mit einem Empfangsraum, einer Bibliothek, einem Schlafzimmer für sich selbst, Wohnräume für drei weitere HGM-Funktionäre und einem »Damenzimmer« einrichten.132 Dahinter steckte aber ein massiver strategischer Konflikt, denn Schirach wollte – ähnlich wie die Parteispitze – die NSDAP öffnen und durchaus bürgerliche Kreise ansprechen. Die Gruppe um Tempel hingegen zielte eher auf proletarische bzw. kleinbürgerliche und ökonomisch nicht so erfolgreiche Schichten.

Dazu gehörte unter anderem auch die zeitgleich im Mai 1928 erfolgte Gründung des »Kampfbundes für deutsche Kultur«, dem auch Schirachs Vater und die Bruckmanns als Proponenten angehörten. Tempel versuchte Schirach loszuwerden und enthob ihn seines Amtes. Längst hatte dieser aber nicht nur die Unterstützung Hitlers, sondern auch jene von Alfred Rosenberg und Joseph Goebbels und ließ sich im Juli 1928 zum neuen Reichsführer des NSDStB wählen.133 Da die Fraktionen in sich total zersplittert waren, entschied Schirach die Wahl mit sechs von 17 Stimmen nur knapp für sich, vier Delegierte votierten für den Dresdner Hochschulgruppenführer Herbert Knabe. Hitler hatte angeblich bei dieser Wahl den Kieler Vertreter Dr. Joachim Haupt forciert und Schirach nur als Stellvertreter gesehen, doch Haupt bekam nur drei Stimmen.134 Tempel selbst hatte zu sehr die Positionen des linken Otto-Strasser-Flügels vertreten, die der Münchner Parteizentrale, aber auch Goebbels in Berlin ein Dorn im Auge waren. Das eigentliche Ziel Hitlers zu diesem Zeitpunkt war bereits die Machtergreifung auf möglichst breiter sozialer Basis und unter Einschluss bürgerlicher Kreise.

Neben der Hinwendung der Studentenbewegung zu konservativ-bürgerlichen Schichten versuchte Schirach, der selbst keiner schlagenden Studentenverbindung (Korporation) angehörte, den NSDStB in Richtung traditioneller Korporationen zu öffnen.

Trotz des sehr glücklichen und knappen Erfolges in der Wahl zum Studentenführer nahm Schirach 1928 eine kurze Auszeit von der Politik, um mit seiner Mutter in die USA zu reisen und sie bei Verwandtenbesuchen in Philadelphia und New York zu begleiten. Dort erhielt er sogar von seinem Onkel Alfred E. Norris ein Angebot, in dessen Bank in Manhattan einzusteigen.135 Schirach hatte jedoch längst Gefallen an der Politik gefunden und war trotz des schwachen Wahlergebnisses der NSDAP bei der Reichstagswahl vom 20. Mai 1928 – die NSDAP erreichte nur 2,6 Prozent und zwölf Mandate – nach wie vor ein Anhänger Adolf Hitlers.

Insgesamt gesehen agierte der NSDStB unter Schirachs Führung als Mitgliederorganisation vorerst nicht besonders erfolgreich: 1933 waren nur 4,8 Prozent der Studenten beim Bund organisiert.136 Bei einigen Wahlen konnte der NSDSTB aber durchaus größere Stimmenzuwächse verzeichnen – etwa an den Universitäten in Greifswald und Erlangen im Wintersemester 1929/30 mit mehr als 50 Prozent, in Kiel erlangte der NSDStB beachtliche 33 Prozent.137

Doch Schirach war, das sollte sich bald zeigen, an klassischer Hochschulpolitik nicht wirklich interessiert, sondern versuchte, die Studenten als Wählergruppe insgesamt für die NSDAP zu erobern. So organisierte er eine Großveranstaltung, um Adolf Hitler in das akademische Milieu einzuführen. Inzwischen hatte er auch selbst schon einige Erfahrung als Redner gesammelt und inszenierte sich durchaus bereits als »Diva«: So gab es bei manchen Veranstaltungen sogenannte »Bedingungen für Schirach-Versammlungen«: »Es ist dafür zu sorgen, daß Pg. von Schirach nach der Rede nicht von jedem Pg., der hierzu Lust verspürt, befragt werden kann […] Pg. von Schirach ist stets in einem Hotel unterzubringen. Unterkunft im Privatquartier bedarf ausdrücklicher vorheriger Zustimmung.«138

Trotz der ideologischen Nähe blieben viele »Alte Herren« in den Korporationen, die den politischen Parteien im Allgemeinen grundsätzlich ablehnend gegenüberstanden, auf Distanz zur NSDAP-Führung. Auch mit Schirach gab es immer wieder Konflikte, da er selbst keiner Verbindung angehörte. Schirach gelang es aber trotzdem, immer mehr junge Korporierte auf die Seite der NSDAP zu ziehen, 1929 hatte der NSDStB bereits in 170 Verbindungen Mitglieder. In den Jahren 1930/31 eroberte der NSDStB an elf Universitäten die absolute Mehrheit und wurde an zehn Hochschulen stärkste Fraktion.

Im Zeitraum Herbst 1930 bis Frühjahr 1931 gab es dann einen massiven Konflikt in München zwischen dem »Münchner Studenten-Convent« und Schirach, aber auch der NSDAP-Reichsleitung: Wilhelm von Holzschuher, der Sekretär des Untersuchungs- und Schlichtungsausschusses der NSDAP, war Mitglied der schlagenden Burschenschaft »Corps Franconia« und lehnte die Duellforderung eines anderen Mitglieds in diesem Corps ab. Schirach wurde – nach eigenen Angaben139 – ebenfalls zum Duell gefordert, da er das Corps kritisiert hatte. Angeblich nahm Schirach die Forderung an, bestand aber auf Pistolen.

Gleichzeitig versuchte seine spätere Frau Henny Hoffmann durch direkte Intervention bei Hitler, dieses Duell zu verhindern. Schirach wiederum stoppte die Publikation des Duellverbots durch Hitler im Völkischen Beobachter, dem Zentralorgan der NSDAP, um in den Kreisen der waffentragenden Corps sein Gesicht zu wahren. Letztlich wurde diese Auseinandersetzung aber auf höchster Ebene und durch das Einschreiten von Hitler und seinem Stellvertreter Rudolf Heß niedergeschlagen.140 Schirach wurde aber zu einer bedingten Strafe von sechs Monaten Festungshaft verurteilt, da er gegen § 201 des Strafgesetzbuches »Annahme einer Herausforderung zum Zweikampf mit tödlichen Waffen« verstoßen hatte. Diese heute absurd klingende Duell-Geschichte und die Reaktion des Staates darauf sind ein anschauliches Beispiel für die rückwärtsgewandten Diskussionen in der Weimarer Republik, die letztlich von den eigentlichen Problemen und den Zielsetzungen der NSDAP in Richtung totaler Machtergreifung ablenkten. Gleichzeitig symbolisieren sie den Versuch, die traditionellen Eliten wie die Corps für den Nationalsozialismus zu gewinnen.

Kultstätte: Der Ehrensaal der SA mit der »Blutfahne« in der Geschäftsstelle der NSDAP in der Münchner Schellingstraße 50. Foto: Heinrich Hoffmann.


Eva Braun im »Photohaus Hoffmann« 1930. Braun war seit 1929 bei Hoffmann angestellt und lernte über ihn Hitler kennen. Offiziell blieb sie bis 1945 Angestellte des Unternehmens Hoffmann. Foto: Heinrich Hoffmann.

Zwar gab es durchaus noch starke interne Widerstände, die sogar in einer von 31 Gruppen unterzeichneten Denkschrift endeten, in der Schirachs charakterliche und organisatorische Fähigkeiten massiv bezweifelt wurden. Diese Intrige organisierte sein Stellvertreter Reinhard Sunkel (1900–1945), der Reichsorganisationsleiter des NSDStB. Hitler schätzte aber Schirachs Fähigkeit, neue bürgerliche Wählerschichten anzuziehen und unter den Studenten Unterstützung zu finden. Daher stellte sich Adolf Hitler ostentativ und mit klaren Worten bei der Versammlung von Studentenführern hinter Baldur von Schirach: »Seit Pg. von Schirach die Führung des Studentenbundes hat, hat er in diesem Sinne unschätzbare Dienste dadurch geleistet, daß in Zeiten allgemeiner Depression und Stagnation immer dieser große Antrieb hineinkam: Es geht vorwärts!

Wenn der Theoretiker sagt, die NSDAP sei eine oberflächliche Partei, dann kann ich ihm nur antworten: Sie sind eben nur ein Theoretiker. Es handelt sich um eine Feldschlacht und nicht um das Betreiben kriegswirtschaftlicher Studien. Wir haben keine Zeit, Führer zu erziehen, die geistig hoch gebildet sind, denn wir befinden uns in einem Riesenschwung … Pg. von Schirach hat verstanden, auf was es ankommt: ausschließlich auf die grandiose Massenbewegung … Herr Sunkel141, ich bin jetzt das alte Frontschwein, das für seinen Kameraden eintritt und ihn auf Hieb und Stich deckt!«142

Nach dieser Rede bei der 5. Führerringsitzung am 2. Mai 1931143 brach die Berliner Kritik, die Reinhard Sunkel forciert hatte, endgültig zusammen, der »Rebell« Sunkel wurde aus dem NSDStB ausgeschlossen.

Schirach hatte nicht nur Sunkel kaltgestellt und durch die Ernennung zum Organisationsleiter neutralisiert, sondern reklamierte auch den Erfolg seines zweiten Gegners, des aus Hamburg stammenden Diplomlandwirts Walter Lienau (1906–1941), für sich. Lienau war – obwohl NSDStB-Funktionär – in Graz beim 14. Deutschen Studententag zum Vorsitzenden gewählt worden. Schirach meldete Hitler diesen Erfolg, der angeblich nur deswegen zustande kam, weil er verzichtet hatte, selbst anzutreten. Schirach hätte aber gar keine Chance gehabt, gewählt zu werden, da er kein Corps-Student war. Lienau hingegen war zeitweise aktives Mitglied beim Kösener Corps Isaria München gewesen.144 Zwar hatte der NSDStB damals nur viertausend Mitglieder, aber bereits 60.000 Wähler unter den rund 120.000 Anhängern der Deutschen Studentenschaft.145 Lienau seinerseits versuchte aber aus Konkurrenzgründen dennoch, Schirach loszuwerden, beschwerte sich bei Heß und stellte am 22. Oktober 1931 sogar einen Ausschlussantrag145, zog sich dann aber aus der Hochschularbeit zurück. So verwirrend waren damals die diversen internen Intrigen in der nationalsozialistischen Studentenorganisation, die Schirach aber geschickt für sich ausnützen konnte.146

Ein Duell, das nicht stattfindet

Schirach überlebte politisch auch eine weitere, selbst verschuldete Auseinandersetzung, die fast mit einem Duell geendet hätte – und das noch dazu mit einem alten Freund und Kameraden aus der Zeit der Knappenschaft in Weimar: Hans Donndorf. In der Silvesternacht 1929/30 hatte Schirach die Frau aufgesucht, die Donndorf, inzwischen SA-Mann und Angestellter der großherzoglichen Schatullenverwaltung, heiraten wollte, eine gewisse Elfriede M., und mit ihr geschlafen. Auf die heftigen Vorwürfe seines Weimarer Jugendfreundes reagierte Schirach mit einem Schreiben in zynisch-herablassendem Ton:

»Du bist scheinbar erzürnt, weil das kleine Mädchen, das Du als Madonna verehrt hast, eine höchst gewöhnliche kleine Katze ist. Daß Du diese Deine Enttäuschung so ungerecht in einen Groll gegen mich verwandelst, ist nun sehr töricht. Schließlich war es ihre Sache und Angelegenheit des Gewissens, ob sie Dir treu war oder nicht. Du warst mit ihr nicht verlobt, so war zwischen ihr und mir keine Schranke. Ich möchte nicht durch diesen Brief den Anschein erwecken, als legte ich der Episode irgendwelche tiefere Bedeutung bei. Für mich war das kleine Mädchen (ich habe sogar ihren Namen vergessen!) eine amüsante Nichtigkeit. Auch für Dich hoffe ich, daß Du so reif werden mögest, daß Du eines Tages über die ganze Angelegenheit so herzlich lachen kannst wie ich.«147

Donndorf beschimpfte Schirach daraufhin als »Judenjüngling«, dieser wiederum forderte im Gegenzug für diese Beleidigung Genugtuung durch ein Pistolenduell mit dreimaligem Kugelwechsel, das aber zwischen Parteiangehörigen verboten war. Donndorf revanchierte sich mit einem Parteigerichtsverfahren, bei dem ein weiterer alter Bekannter aus Weimar, Hans Severus Ziegler, Stellvertretender Gauleiter in Thüringen aus dem Weimarer Netzwerk, gegen Schirach aussagte. Die Beziehung zwischen den beiden war aufgrund »mancherlei Motive«, die nicht näher ausgeführt wurden, getrübt, sodass Ziegler Schirach schließlich vorwarf, seine Machtstellung in der Partei in »abwegiger Weise« zu missbrauchen.148 Letztlich musste Schirach, der gegen Donndorf noch eine »Verrufserklärung« angestrengt hatte, auf einen Vergleich eingehen, da er überdies in Parteikreisen der Feigheit beschuldigt wurde, nachdem er sich bei einer von angeblich kommunistischen Jugendlichen gestürmten Versammlung an der Universität Jena in ein Hinterzimmer geflüchtet hatte.

In der Retrospektive lassen sich alle diese Vorhaltungen und Gerüchte nicht mehr verifizieren, aber in der Dichte zeigen sie doch, dass Schirach in dieser Frühphase seiner Karriere ein selbstbewusstes und auch herrisches Auftreten hatte und einen aufwendigen Lebensstil führte – und das, obwohl er, wie er selbst 1931 in seinem SA-Führerfragebogen angab, auf »Aufwandsentschädigungen« der SA bzw. NSDAP angewiesen war. Bereits damals fuhr er immerhin einen Mercedes-Benz 8/38 – unklar ist aber, ob die viertürige Limousine oder das fünfsitzige Spezial-Cabriolet.

Das palastartige Wohnhaus des Malers Franz von Defregger in der Münchner Königinstraße 31: Die Schirachs wohnten hier ab 1932 im Parterre.

In seiner Münchner Studentenzeit wohnte Baldur von Schirach, wie erwähnt, in einer Dreizimmerwohnung bei Hugo Bruckmann, der auch Major der Reserve war, in der Leopoldstraße 10149, 1932 war er dann in der Königinstraße 31 gemeldet.150 Schirach logierte hier im Parterre des palaisartigen Wohnhauses des erfolgreichen Osttiroler Genre- und Historienmalers Franz Defregger, das der Architekt des Neuen Rathauses in München, Georg Hauberrisser, geplant hatte. Im ersten Stock hatte der Maler Carl Theodor von Piloty eine opulente Wohnung mit kleinformatigen Repliken seiner großen Museumsgemälde – wie etwa des berühmten »Seni vor der Leiche Wallensteins« –, die auch Adolf Hitler in Schirachs Wohnung bewunderte, in der sich ebenfalls Piloty-Kopien befanden. Schließlich erwarb auch der »Führer« selbst eine dieser Repliken.151

Der Kämpfer und das Opfer

Gerne inszenierte sich Baldur von Schirach auch in der Rolle des verfolgten Nationalsozialisten. So nützte er seine Verhaftung bei einer Auseinandersetzung nach einer Anti-Versailles-Kundgebung an der Universität Köln, um sich als Opfer der Weimarer Republik zu stilisieren. Er sei nur deshalb verurteilt worden, weil er gegen Frankreich (d. h. gegen den Friedensvertrag von Versailles, Anm. d. Verf.) gekämpft hätte. Geschickt nützte er den Auftritt vor Gericht – der Staatsanwalt hatte vier Monate Gefängnis gefordert – zu einer Anklage gegen die Republik: »Es steht in ihrer Macht, mich vier Monate festzuhalten und einzusperren, das wird aber an meinem Kampf, der gleichzeitig der Kampf des jungen Deutschlands ist, nichts ändern können. Nach Ablauf dieser vier Monate werde ich von Neuem den Kampf gegen Versailles auf die Fahnen der deutschen Hochschulbewegung schreiben, und Nichts wird mich daran hindern können.«152 Nach acht Tagen in Einzelhaft erhielt Schirach eine dreimonatige Gefängnisstrafe auf Bewährung. Auch ein Jahr später, am 13. April 1932, berichtete noch das Tagblatt in Linz von diesem Prozess im Juli 1931, um zu zeigen, wie die SA Richter unter Druck setzen konnten. 1931 waren nach einer Enthüllung der Rheinischen Zeitung in Köln per Standartenbefehl sämtliche verfügbaren SA-Männer in Zivil zum Gericht als Zuhörer und zur Demonstration von Macht bestellt worden.

Hier zeigte Schirach – wie viele andere junge Männer seiner Generation, die nicht im Ersten Weltkrieg gedient, aber die Propaganda darüber bereits wahrgenommen hatten – ein typisches Verhaltensmuster: Sie suchten ständig den Kampf – hier konkret den »Kampf gegen Frankreich«. Dies ging bei Baldur von Schirach so weit, dass er selbst gegenüber dem Hamburger Gauleiter und ehemaligen Frontsoldaten Albert Krebs, als ihm dieser einen Fehler in der Kriegsdarstellung aus dem Ersten Weltkrieg nachwies, auf die Schulter klopfte und selbstbewusst meinte: »Glauben Sie mir nur, lieber Doktor Krebs! Das ist doch so gewesen, wie ich es sagte!«153 Krebs nannte Schirach 1959 in seinem Buch über die Frühzeit der NSDAP einen zu jungen »überzüchteten Intellektuellen und Ästheten«154, der sich damals innerhalb der NSDAP noch nicht wirklich ideologisch festgelegt hatte.

Sinnbildlich für die permanente Sehnsucht, den Ersten Weltkrieg zu wiederholen und selbst erleben zu wollen, waren die in dieser Zeit entstandenen Gedichte Schirachs, die eine metaphysische Verbindung zwischen der Nachkriegsgeneration und den Gefallenen des Ersten Weltkrieges herstellen sollten:

Als wir noch Kinder, dröhnten die Kanonen,

und manches Kinderlachen brach entzwei,

kam eine Meldung von den Todeszonen:

»Dein Vater starb, damit die Jugend frei!«

Aus der Umgebung Hitlers war Schirach bald nicht mehr wegzudenken: Begeisterte Begrüßung durch NS-Anhänger bei einem Auftritt 1930.

Urlaub vom »Führer«: Henriette und Baldur von Schirach bei einem Spaziergang in den Tiroler Bergen.

Wehe dem Sohn, der das je kann verwinden

Und nach so großem Preis vom Kampfe schwieg!

Wir wollen unsres Daseins Sinn verkünden:

Uns hat der Krieg behütet für den Krieg! 155

Baldur von Schirach ging aus den vorhin skizzierten Konflikten gestärkt hervor, hatte er doch Hitlers eindeutige und in dieser Form ungewöhnlich starke Unterstützung erhalten. Meist ließ Hitler gerne seine Funktionäre in Konkurrenz gegeneinander um die Gunst des »Führers« wetteifern und traf häufig erst spät Personalentscheidungen.

Entscheidend für Hitlers Hilfe war sicherlich auch der Umstand, dass sich Schirach im Umfeld der Salonnière Elsa Bruckmann bewegte, die zur Irritation von Joseph Goebbels starken Einfluss auf den Parteivorsitzenden ausübte.156

Vorbildlich mit Scheitel und Braunhemd: Reichsjugendführer Baldur von Schirach. Kohlezeichnung von Karl J. Böhringer, Bayerische Staatsbibliothek.

5. EIN BRAUCHBARER JUNGE, FÄHIG UND KLUG
Schirachs Kampf um die Vorherrschaft in der NS-Jugendbewegung und die Arbeit am Führermythos

Baldur von Schirach sah sich nicht als Mann der zweiten Reihe und arbeitete unermüdlich an seinem weiteren Aufstieg. Bereits 1929 ging er gegen den ersten Reichsführer der Hitler-Jugend (HJ), Kurt Gruber (1904–1943), in die Offensive und versuchte – im Hintergrund gestärkt durch die Öffnung des NSDStB in Richtung rechter, bündischer Jugendorganisationen bzw. der Korporationen –, ihn durch einen Vertrauensmann zu ersetzen. Typisch dabei war das Verhalten Hitlers in derartigen Machtkämpfen: Er wollte letztlich sehen, wer sich von seinen Gefolgsleuten als der Stärkere behaupten würde. Durch die Gründung von Schülerbünden versuchte Schirach zumindest im Bereich der jüngeren Jugendlichen, der HJ Konkurrenz zu machen. Aufgrund intensiver Bemühungen und einer Vortragsreise, die ihn an neunzehn Universitäten führte, setzte sich Schirach vorerst durch.

Mit Joseph Goebbels gewann Schirach überdies einen wichtigen Verbündeten in der höchsten Ebene der Parteihierarchie. Am 7. August 1928, in der heißen Phase des Machtkampfes zwischen Gruber und Schirach, schrieb der Berliner Gauleiter begeistert in sein Tagebuch: »Die Hitler-Jugend kommt nun in Schuß. Ebenso der Studentenbund, mit dessen Reichsführer v. Schirach ich gestern eine lange Besprechung hatte. Ein feiner Kerl. Edelmann. Fähig und klug.«157

Goebbels trat auch ein Jahr später, am 4. Juli 1929, bei einer Versammlung in Hamburg mit Schirach als Vorredner auf und wurde spontan bei der Nachfeier zum Ehrenmitglied des Studentenbundes ernannt.158 Wenige Tage nach dieser Hamburger Veranstaltung sprach in Berlin auch Hitler auf einer Versammlung des NSDStB. Die einstündige Rede wurde, so das Urteil Goebbels’, zur »vernichtenden Abrechnung mit dem System«.159 Hitlers Propagandachef war so von Schirach angetan, dass er mit ihm, dem Zeichner der Kampfzeit Hans Schweitzer160 und dem NS-Dichter Heinrich Anacker einen gemeinsamen Lyrikband mit dem Titel Der unbekannte S.A. Mann. Ein guter Kamerad der Hitlersoldaten! plante. Letzten Endes erschien das Buch, aus dem der folgende Appell zur Zertrümmerung der Demokratie stammt, anonym: »Steht auf, Ihr jungen Aristokraten eines neuen Arbeitertums! Ihr seid der Adel des »Dritten Reichs«! Was Ihr mit eurem Blut sät, das wird als herrliche Ernte aufgehen! Ballt die Fäuste! Strafft die Stirnen! Leistet und arbeitet. Der Kampf wird Entscheidung sein für die neue Aristokratie! Zertrümmert die Gleichheit der Demokratie, die dem jungen Arbeitertum den Weg zur geschichtlichen Vollendung versperrt. Demokratie ist Selbstmord an Stirn und Faust. Protestiert gegen die Gleichheit! Wehrt Euch dagegen, mit jedem Trottel auf eine Stufe gestellt zu werden!«161

Anknüpfend an den Mythos des »Unbekannten Soldaten« aus dem Ersten Weltkrieg sollte ein neuer Mythos des unbekannten SA-Mannes geschaffen werden, der gegen die Demokratie und für den Nationalsozialismus ohne Gedanken an eine Belohnung oder seine Sicherheit bis zum Tod kämpft.

Schirachs weitere Treffen mit Goebbels 1930 fanden in Gegenwart einer jungen, 17-jährigen Frau an seiner Seite statt: »Henny Hoffmann, die Tochter des Leibfotografen und privaten Freundes von Adolf Hitler, Heinrich Hoffmann.« Die beiden jungen Leute lernen sich im Frühling 1930 in der Redaktion der Studentenbund-Zeitschrift kennen. Henriette, die ehrenamtlich beim Versand der Zeitschrift und beim Verteilen von Flugblättern mithalf, erinnerte sich später: »Eines Tages rannte ein junger Mann in hellem Anzug die Treppe herauf, den Yankee Doodle pfeifend; er war eben aus Amerika zurückgekommen, er war der Chef, Herausgeber und Redakteur, der Führer des Studentenbundes, Redner bei den Astawahlen (sic! AStA-Wahlen) und eigentlich stud. phil., dreiundzwanzig Jahre alt, Baldur von Schirach.«162 Der junge »Chef« erzählte bei Kaffee und Apfelkuchen von Amerika und so kam man sich rasch näher – aus der Sicht von Goebbels, der ständig Frauen bedrängte, war »die kleine Hoffmann … ein reizendes Ding«.163 Gemeinsam besuchten sie eines Abends ein »romantisches Konzert« mit Werken von Schumann und Schubert.164 Im Jänner 1933, wenige Tage vor der Machtübernahme Hitlers, wurde das erste Kind der Schirachs, Tochter Angelika Benedikta, geboren.

Durch Henriette Hoffmann baute Schirach eine ganz persönliche Nähe zu Hitler auf, noch enger als über seine Weimarer Verbindungen oder den Salon der Bruckmanns. Auch politisch stellte sich Schirach damals früh auf die richtige Seite: für Hitler und gegen Gregor Strasser, den mächtigen Reichsorganisationsleiter der NSDAP, dessen sozialrevolutionären und antikapitalistischen Ideen von Hitler abgelehnt wurden. Goebbels hielt ihn bereits für einen »brauchbaren Jungen«.165 Am 31. März 1932 heirateten Baldur von Schirach und Henriette Hoffmann. Adolf Hitler und SA-Chef Ernst Röhm fungierten als Trauzeugen, die Feier fand in Hitlers Münchner Privatwohnung statt.

Bei seinen Versuchen, sich in Hitlers Umgebung unentbehrlich zu machen, kam der ambitionierte und umtriebige Studentenführer Ernst »Putzi« Hanfstaengl, dem Auslandspressechef des »Führers«, in die Quere. Wie Hanfstaengl später in seinen Memoiren berichtete, nahm Schirach, der sich 1930 bei ihm um die Stelle eines »Adjutanten« beworben hatte, wegen seiner »schnoddrigen Art« aber abgelehnt worden war,166 dabei wenig Rücksicht auf die vorgesehene Kompetenzverteilung: »Eine ziemlich strapaziöse Prüfung des Himmels war für mich auch Baldur von Schirach, der von sich aus Unterhaltungen Hitlers mit Engländern und Amerikanern in die Wege leitete und sie dann dolmetschte oder sich in meine Gespräche mit Ausländern einmischte, um meine bewußt auf Moderato gestimmten Darlegungen mit dem Furioso seines jugendlichen Radikalismus zu übertönen.« So erwähnt Hanfstaengl ein Gespräch mit dem britischen Konservativen Robert Boothby, einem Vertrauensmann Winston Churchills, bei dem sich Schirach zu der Bemerkung hinreißen ließ: »Und wir Studenten wollen überhaupt keine Juden als Lehrer!«167 Glaubt man Hanfstaengl, so spielte Schirach später bei der Entfernung des Auslandspressechefs aus seinem Amt eine gewisse Rolle: »Eine noch direktere Warnung kam von einer angesehenen Parteigenossin. Sie und ihre Familie waren über das Auftreten Baldur von Schirachs zunehmend empört. So nahm sie sich eines Tages ein Herz und suchte mich auf, um zu erzählen, Schirach habe einmal etwas zuviel getrunken und ihr nahegelegt, sich von mir fernzuhalten; ich sei auf der schwarzen Liste und würde bald beseitigt werden.«168

1932 publizierte Schirach im Vorfeld der letztlich erfolgreichen Reichstagswahlen vom 31. Juli 1932169 gemeinsam mit seinem Schwiegervater Heinrich Hoffmann, dem »Photoberichterstatter der Reichsleitung der NSDAP«, ein sehr erfolgreiches Propagandabuch, das anhand von hundert Fotos von Hoffmann sowie Texten und Bildunterschriften von Schirach den Mythos Hitler nachhaltig in breite Gesellschaftsschichten kommunizierte. Hitler wie ihn keiner kennt. 100 Bilddokumente aus dem Leben des Führers wurde eine der erfolgreichsten Imagebroschüren Hitlers, die vielfache Auflagen erfuhr. 1935 waren bereits 420.000 Stück – den Angaben im Impressum zufolge – gedruckt worden:

Es folgten weitere aufwendig illustrierte Propagandabroschüren mit Geleitworten von Baldur von Schirach wie Der Triumph des Willens. Kampf und Aufstieg Adolf Hitlers (1933), Jugend um Hitler (1935) oder Hitler in seinen Bergen (1935). Der Berliner Zeitgeschichte-Verlag Wilhelm Andermann, in dem diese bebilderten Broschüren erschienen, gründete im Herbst 1932 überdies mit »Der braune Buchring« eine eigene Buchgemeinschaft, die 1938 immerhin 70.000 Mitglieder zählte. Er schuf sich damit eine zusätzliche Vertriebsmöglichkeit.170

Baldur von Schirach, der sich seit dem Frühjahr 1930 im Umfeld von Henny Hoffmann aufhielt und ihre private Nähe zu Hitler zu nutzen wusste, schaffte es bereits 1931, sich aus dem umkämpften Intrigenfeld der Studentenbewegung und Hitler-Jugend abzusetzen. Entscheidend für seine weitere Karriere wurde, so Schirach, ein privates Abendessen mit Hitler im Oktober 1931. Er hatte den »Führer« zu sich in die Wohnung eingeladen, in seinen Erinnerungen171 präsentiert er zwei Varianten dieses Treffens, das ein Meilenstein für seine weitere politische Karriere werden sollte – letztlich führte, so Schirachs Darstellung, dieses Abendessen mit dem »Führer« zu seiner Ernennung zum Reichsjugendführer am 30. Oktober 1931. Schirachs stetige Arbeit war also erfolgreich gewesen und er konnte Hitler überzeugen, dass sein Konkurrent Kurt Gruber trotz diverser Aufmarscherfolge der Hitler-Jugend nicht der richtige Mann für die Mobilisierung der deutschen Jugend war. Hitler selbst hatte Zweifel, ob der proletarische Kurt Gruber aus Sachsen reichsweit eine anerkannte Figur der HJ werden könnte. Insgesamt war die NSDAP in Sachsen »nationalrevolutionär« ausgerichtet.172 Gruber sah die Wurzeln der HJ im Arbeitermilieu, in direkter Konkurrenz mit Sozialdemokraten und Kommunisten: »Diejenigen, die heute noch […] als Marxisten demonstrieren, machen es entweder aus Dummheit oder aus Gewohnheit […] heute marschiert eine andere Armee auf den Straßen. Die braunen Bataillone der nationalsozialistischen Freiheitsbewegung. Schaffende deutsche Arbeiterjugend, die unter den blutroten Hakenkreuzfahnen […] sich auf ihre völkische und rassische Kraft besonnen hat, und bereit ist, die Herrschaft des Untermenschentums auf der Straße zu brechen.«173

Stolz kann Schirach 1936 eine erste Bilanz seiner Arbeit ziehen: Noch nie hätte sich ein Bild »so tief und beherrschend« in »Millionen und aber Millionen Herzen« eingebrannt wie das Antlitz Hitlers. Seite aus dem 1939 von Heinrich Hoffmann herausgegebenen Sonderheft »Adolf Hitler. Ein Mann und sein Volk« mit einem Text von Baldur von Schirach.


Beim Hochzeitsessen in der Wohnung Hitlers am Prinzregentenplatz war die Stimmung nicht gerade ausgelassen (oben). Angeblich mokierte sich der »Führer« über den großen Rinderbraten, den die Köchin servierte. Unten: Henriette »Henny« Hoffmann, hier in Badekleidung, ist neunzehn, als sie Baldur von Schirach heiratet. Fotos: Heinrich Hoffmann.

Trotz des Erfolges der NSDAP bei den Reichstagswahlen am 14. September 1930, als sie mit 107 Reichstagssitzen und 6,4 Millionen Stimmen zweigrößte Fraktion wurde, blieb die »Bündische Jugend«174 bei 50.000 Mitgliedern, die HJ lediglich bei 18.000 Mitgliedern.175 Nach seiner Ernennung zum Reichsjugendführer erhielt Baldur von Schirach den Rang eines Gruppenführers der SA. Am 29. Oktober 1931 war bereits der Rücktritt des sozialrevolutionär bewegten Gruber, der in die Reichsleitung der NSDAP weggelobt wurde, bekannt gemacht worden. Doch vorerst sollte Schirach nicht direkt die HJ leiten, sondern erhielt innerhalb der obersten SA-Führung eine neue Dienststelle als »Reichsjugendführer« (R.J.F.) und unterstand der Obersten SA-Führung. Die HJ sowie der NS-Schülerbund blieben vorläufig unter der Führung von Theodor Adrian von Renteln, einem Deutsch-Balten, der seit 1917 in Deutschland lebte und Gruber nachfolgte.

Die Begeisterung des Berliner Gauleiters Joseph Goebbels für Schirach riss indes nicht ab, am 22. November 1931 notierte er in sein Tagebuch: »Schirach ist da. Nobler, tapferer Junge. Und voll Geist, mit bravem Charakter.«176

Zwar war die HJ auch 1932 – trotz des Zuwachses auf 40.000 Mitglieder – noch ein kleiner Jugendverband in Deutschland, verglichen mit zwei Millionen Mitgliedern in Sportjugendverbänden, einer Million Kinder und Jugendliche in Katholischen Jugendverbänden oder 600.000 Mitglieder, die in Evangelischen Jugendverbänden organisiert waren – selbst der Kommunistische Jugendverband (55.000), die Bündische Jugend (70.000), die Sozialistische Arbeiterjugend (90.000) und die Gewerkschaftsjugend (400.000) wiesen zumindest auf dem Papier mehr Mitglieder auf.177

Im Verlauf des Jahres 1932 baute Schirach seine privaten und politischen Beziehungen zu Adolf Hitler und anderen Spitzenfunktionären der NSDAP weiter aus. Schirach hatte nicht zufällig sein erstes Quartier in München in der Schellingstraße 29 bezogen, wo er in seiner Wohnung die Geschäftsstelle des Nationalsozialistischen Studentenbundes eingerichtet hatte. Weitere Mieter in dem Haus waren 1932 der erwähnte Theodor Adrian von Renteln und Kurt Gruber.178 Ganz in der Nähe, in den Hinterhofräumen der Schellingstraße Nr. 50, hatte sich die Reichsgeschäftsstelle der NSDAP etabliert, gegenüber befanden sich die Redaktion und Druckerei des Völkischen Beobachters, auf Nr. 62 die »Osteria Bavaria«, das von Hitler bevorzugte Restaurant.179 Schirach wusste – auch aufgrund seiner adelig-großbürgerlichen Herkunft –, wie wichtig die logistische Nähe zu den Schaltstellen der politischen Macht war.

In der Geschäftsstelle des Studentenbundes traf er wie erwähnt auch erstmals seine spätere Ehefrau Henny Hoffmann, die für ihn ganz den »mondänen« Mädchentyp verkörperte: »Kastanienbrauner« Bubikopf, ein für damalige Verhältnisse ungewöhnliches Make-up, modische Pullover und kurze, enge Röcke, Seidenstrümpfe und hochhackige Schuhe – der junge Gefolgsmann des »Führers« war fasziniert.180

Über Heinrich Hoffmann, Hitlers Freund und Fotograf, der ein Quasi-Monopol auf Porträtbilder und meist inszenierte Privataufnahmen von Adolf Hitler hatte, lernte er schließlich Henny persönlich näher kennen. Bei Hoffmann, der ein international bestens ausgebildeter und vernetzter Fotograf war und zahlreiche Persönlichkeiten geschickt vor der Kamera in Szene setzte, traf Schirach eine weitere »Schöne« – es war Eva Braun, die Hoffmanns Postkartenabteilung betreute und später zur Geliebten Adolf Hitlers werden sollte.

Nach der Hochzeit mit Henriette Hoffmann am 31. März 1932 und einem Skiurlaub in Tirol bezog das junge Paar eine luxuriöse Wohnung in der Königinstraße 31 am Englischen Garten, die es mit finanzieller Unterstützung des wohlhabenden Schwiegervaters Heinrich Hoffmann finanzieren konnte.

Bereits zwölf Tage nach der Hochzeit besuchte Hitler am Abend Schirach in seiner Wohnung – um über die Affäre Röhm zu sprechen, dessen intimer Briefwechsel mit dem ebenfalls homosexuell veranlagten Mediziner Dr. Karl-Günther Heimsoth in Kopie dem sozialdemokratischen Publizisten Helmuth Klotz zugespielt und veröffentlicht worden war. Noch versuchte Hitler, Röhm zu halten, der über ausgezeichnete Kontakte zu rechtskonservativen und bürgerlichen Parteikreise verfügte. Zur Lösung des »Problems« Ernst Röhm, der eben für ihn als Trauzeuge fungiert hatte, konnte Schirach wohl kaum etwas beitragen. Heimsoth, der publizistisch für die Rechte der Homosexuellen eingetreten war, verschwand im März 1934 auf mysteriöse Weise, nachdem ihn die Gestapo in »Schutzhaft« genommen hatte.

Im Mai 1932, im Alter von 25 Jahren, wurde Schirach von Hitler zum Reichsleiter der NSDAP für Jugenderziehung ernannt. Dieser übernahm im Juni die Führung der HJ und zog sich gleichzeitig vom Studentenbund, der ihn eigentlich nie wirklich interessiert hatte, zurück.

Schirach versuchte einerseits – zur Stärkung der emotionalen Bindung der Mitglieder –, bündische Elemente in die Jugendarbeit der HJ einzubringen, andererseits wurde die Brutalität des Straßenkampfes weiter in die HJ hineingetragen, die immer wieder den Saalschutz übernahm und auch bei Demonstrationen aktiv war.181 1932 kamen bei derartigen Aktivitäten 21 Jugendliche der HJ ums Leben – für Schirach der Anlass, dazu in Schriften und Reden einen neuen Blutopfermythos zu entwickeln. Als typisches Beispiel dafür mag folgendes Gedicht Schirachs gelten, verfasst auf den 15-jährigen Hitlerjungen Herbert Norkus, der am 24. Jänner 1932 beim Verteilen von NS-Flugblättern in Berlin-Moabit von jungen Kommunisten zusammengeschlagen und erstochen worden war:

Gemeinsam mit Schwiegervater Heinrich Hoffmann arbeitete Schirach erfolgreich am Image des »Führers«: Der von ihm eingeleitete Band »Hitler wie ihn keiner kennt. 100 Bild-Dokumente aus dem Leben des Führers« (unten links) und ähnliche Nachfolgewerke fanden zu Hunderttausenden Verbreitung.

Mein Herz brennt heiß und Deine fahle Hand

und Deine Stille stört mir jede Stunde,

und Deine Augen, die ich nie gekannt,

sind stets vor mir. Ich bin von Dir gebannt,

Du Ewiger. Du sprichst mit stummem Munde.

O bleib mit mir, Geläuterter, im Bunde

und quäle mich, dass ich nichts andres weiss,

als Deine Größe bis zum tiefsten Grunde

in Not und Kampf und mit der Todeswunde.

Und was ich tue, sei auf Dein Geheiss [ …]182

Zum dritten Jahrestag des Mordes an dem Berliner Hitlerjungen, am 24. Jänner 1935, hielt Schirach bei einer Fahnenweihe für das »Deutsche Jungvolk« auf der ostpreußischen Marienburg eine Gedenkansprache, in der er Selbstlosigkeit und Treue als Grundtugenden der nationalsozialistischen Jugend einforderte.183

Nach dem deutlichen Wahlerfolg bei den Reichstagswahlen am 31. Juli 1932 wurde Schirach trotz seiner Jugend eines der 230 Mandate der NSDAP anvertraut, die zur stärksten Partei in der Geschichte der Weimarer Republik geworden war. Nur 75 Mandate fehlten auf die absolute Mehrheit. Die NSDAP hatte 37,3 Prozent der Stimmen erzielt, die Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD) 21,6 Prozent und die Kommunistische Partei Deutschlands (KPD) 14,3 Prozent. Die NSDAP hatte übrigens den höchsten Adelsanteil unter ihren Abgeordneten – mit Schirach weitere elf Abgeordnete aristokratischer Herkunft, die Deutschnationale Volkspartei (DNVP) stellte nur neun.184 Auch im Preußischen Landtag waren zehn Adelige in der NSDAP-Fraktion vertreten.

Aus seiner Ablehnung der parlamentarischen Demokratie machte Schirach keinen Hehl. In einer Rede am 31. Mai 1932 in der Grazer Industriehalle vor Tausenden Anhängern der NSDAP umriss er bereits vor den Wahlen – ausgehend von einer sehr dramatischen Schilderung des Mordes an dem Hitlerjungen Herbert Norkus – unmissverständlich das eigentliche politische Ziel: Selbst der Eintritt in eine Koalitionsregierung »sei aber nur der Anfang. Das wirkliche Ende heißt: Die nationalsozialistische Diktatur«.185 Bemerkenswert die eher untypische Schlussbemerkung Schirachs, die offensichtlich auf das katholische Publikum in der Steiermark ausgerichtet war: »Mit uns kämpfen nicht die Lebendigen und die Toten, sondern Gott im Himmel. Dieser Gott wird es fügen, daß wir sagen können, wir sind nicht Österreicher, nicht Reichsdeutsche, nicht Sudetendeutsche usw., wir sind das deutsche Volk.«186

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Yaş sınırı:
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Litres'teki yayın tarihi:
23 aralık 2023
Hacim:
496 s. 144 illüstrasyon
ISBN:
9783990405987
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