Kitabı oku: «Wirtschaft im Kontext»
Oliver Schlaudt
Wirtschaft im Kontext
Eine Einführung in die Philosophie der Wirtschaftswissenschaften in Zeiten des Umbruchs

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Originalausgabe
© Vittorio Klostermann GmbH · Frankfurt am Main · 2016
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E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH 2016
ISSN 1865 - 7095
ISBN 978-3-465-24264-2
Inhalt
Titel
Impressum
1 Einleitung
2 Die Orthodoxie der Neoklassik: Wirtschaft als autonomer Prozess
2.1 Überblick Ökonomie
2.2 Allgemeine Gleichgewichtstheorie
2.3 Autonomie – Reversibilität – Unendlichkeit
2.4 Eine Sozialwissenschaft wider Willen
3 Wirtschaft in einer sozialen Welt: Der homo œconomicus in der Gesellschaft
3.1 Der Neoklassik logische Not
3.2 An den Klippen der Empirie
3.3 Wille oder Zwang?
3.4 Machtverhältnisse
4 Wirtschaft in einer gemeinsamen Welt: an den Grenzen von Markt und Eigentum
4.1 Die ›Tragödie der Allmende‹
4.2 Wissen: Eigentum oder Gemeingut?
4.3 Unbezahlte Arbeit
5 Wirtschaft in einer endlichen Welt: Ökologische Ökonomie
5.1 Wachstum
5.2 Was kostet die Welt?
5.3 Teufelsstaub
6 Wirtschaft in einer historischen Welt: globale und historische Perspektiven
6.1 Metaphern oder Theorien?
6.2 Weltgeschichte
6.3 Krise
6.4 Die Zukunft
Danksagung und credits
Literatur
Personenverzeichnis
Fußnoten
1 Einleitung
Das vorliegende Buch soll den Leser in die Philosophie der Wirtschaftswissenschaften einführen, und zwar auf eine neue und zeitgemäße Weise, die der heutigen Realität Rechnung trägt: Unsere Gesellschaft erlebt eine umfassende Krise, aber die Wirtschaftswissenschaften, von denen wir in diesem Moment in besonderem Maße Aufschluss über unser Geschick erhoffen würden, hat just dasselbe Geschick ereilt. Auch sie erlebt eine Krise und ist in einer heftigen Methodendiskussion befangen. Allein, zumindest für die Philosophie mag der missliche Moment günstig sein, da sich eine seltene Gelegenheit bietet, einen Blick hinter die Kulissen in das offenliegende begriffliche Räderwerk der Ökonomie zu werfen.
Philosophie der Ökonomie und Wissenschaftstheorie
Diese philosophische Auseinandersetzung mit den Wirtschaftswissenschaften stellt – formal betrachtet – einen Spezialfall der Wissenschaftstheorie dar, die sich allgemein mit den Grundlagen, Methoden und Grenzen der empirischen Wissenschaften auseinandersetzt. Im Fall der Ökonomie erhält die philosophische Analyse mitunter eine neue, unvorhergesehene Relevanz, da sich auch Kritiker der herrschenden Lehre der Wirtschaftswissenschaften von der Philosophie Schützenhilfe und Orientierung erhoffen. Dabei ist fraglich, ob ihnen die bestehende Literatur der vergangenen Jahrzehnte wirklich weiterhelfen kann. Die philosophischen Theorien der Sozialwissenschaften im Allgemeinen und der Ökonomie im Besonderen krankten im 20. Jahrhundert nämlich an einer einseitigen Orientierung an der Physik, die als Königin der Wissenschaften galt. Dies war einerseits sicherlich auch ihrem frühen Erfolg geschuldet, der die Physik zum Vorbild für die anderen Wissenschaften prädestinierte. Andererseits hat dies aber auch einen systematischen Grund darin, dass die Physik die grundlegendste der Wissenschaften zu sein scheint: Jeder soziale, aber auch schon jeder chemische oder biologische Prozess ist auch ein physischer Prozess, aber nicht umgekehrt.
Die Wirtschaftswissenschaften haben diese Sichtweise nur befördern können, indem sie sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bewusst die Physik zum Vorbild nahmen und ökonomische Prozesse so fassen und erklären wollten, wie die Physik dies mit den ihrigen tut. Die Sozialwissenschaften mussten so fast zwangsläufig als ›schmutzige‹ Physik betrachtet werden – und sogar auch sich selbst so betrachten.
Die ›schmutzige‹ Seite besteht dabei in der merkwürdigen Stellung des Menschen zu den ökonomischen Gesetzen, die zwar einerseits als Zwangsgesetze auf die Menschen wirken, aber andererseits nur durch sie und ihre Handlungen wirken. Während die Naturgesetze ausnahmslos und unerbittlich über die Materie im Großen wie im Kleinen gebieten, brechen sich die sozialen Gesetze auf nicht leicht zu erfassende Weise an Individuum und Gesellschaft. Betrachten wir zwei Texte aus der klassischen Literatur, in welchen dieser Sachverhalt problematisiert wird.
Kant beobachtet eingangs seiner Schrift Idee zu einer allgemeinen Geschichte in weltbürgerlicher Absicht von 1784, dass beispielsweise Eheschließungen und Geburten, »da der freie Wille der Menschen auf sie so großen Einfluß hat, keiner Regel unterworfen zu sein [scheinen], nach welcher man die Zahl derselben zum voraus durch Rechnung bestimmen könne,« aber die statistische Erfassung in großen Ländern gleichwohl einen Verlauf dieser kollektiven Größen »nach beständigen Naturgesetzen« enthüllt.1 Hier realisieren sich die sozialen Gesetze im statistischen Schnitt mit derselben Unerbittlichkeit, während sie dem Einzelnen alle Narrenfreiheit lassen.
Ganz anders erscheint dies bei Karl Marx. An einem Beispiel, auf welches wir noch zurückkommen werden, diskutiert er, dass sich der einzelne Unternehmer in seiner Lohnpolitik nicht gegen den Markt stemmen kann, sondern dazu verurteilt ist, sich den Konkurrenten anzupassen. Hier erscheint es so, dass die sozialen Gesetze gerade dem einzelnen gegenüber unbarmherzig durchgesetzt werden, während eine Gesellschaft als Ganze sich durchaus über sie hinwegsetzen kann. Denn ob es überhaupt einen Markt für Arbeitskraft geben soll, steht der Gesellschaft frei, und Marx optierte bekanntlich für eine andere Lösung.
Kant fasste die sozialen Gesetze mithin grosso modo als deterministische Makrogesetze, die den Individuen auf der Mikroebene ihre Freiheit lassen, sich aber in der Summe ihrer Handlungen gleichwohl verwirklichen. Marx verstand sie hingegen als Gleichförmigkeiten, die gerade durch selbstregulierende Sanktionsmechanismen auf Mikroebene durchgesetzt werden, während sie auf der Makroebene doch eher als Regeln denn als Gesetze erscheinen, nämlich einen konventionellen, historischen und veränderbaren Charakter offenbaren. In jedem Fall zeigt sich der Unterschied zu den Naturgesetzen, dass die sozialen Gesetze zwar einerseits als Zwangsgesetze auf die Menschen wirken, aber andererseits nur durch sie wirken, wodurch sich ihr Korsett auf der einen oder anderen Ebene zu lockern scheint.
Da sie diesen Unterschied nur als einen Makel auffassten und am Leitbild der Physik festhielten, schien es den Wissenschaftsphilosophen nicht geboten, eine eigene Theorie der Sozialwissenschaften zu entwickeln. Es reichte, die an der Physik gewonnenen Erkenntnisse einfach auf die Sozialwissenschaften zu übertragen, und insbesondere auch die gewohnten Fragestellungen wieder ins Zentrum zu rücken: Was ist eine Erklärung, was ein Modell, was sind Gesetze und welches ist ihre induktive Basis, welche Rolle spielt die Kausalität dabei usw. usf. (zur Fortführung schlage man das Inhaltsverzeichnis einer beliebigen Einführung in die Wissenschaftstheorie auf). Jede Abweichung der Sozialwissenschaften konnte einfach der mangelnden Perfektion dieser schmutzigen Disziplinen zugeschrieben werden. Dies entspricht in der Tat ziemlich genau der Haltung und dem Selbstbewusstsein, welche die einflussreichen Wissenschaftsphilosophen der Nachkriegszeit gegenüber den Sozialwissenschaften an den Tag legten.
Ausgerechnet bei diesen Philosophen suchen Kritiker der herrschenden ökonomischen Lehre heute Rat. Dabei stellt die Übertragung von der Physik auf die Sozialwissenschaften eine schwere Hypothek dar. Man kann nämlich erstens schon Zweifel daran hegen, ob die Klassiker der Wissenschaftstheorie an der Physik überhaupt einen adäquaten Begriff von Wissenschaft gewonnen haben. Sie tendierten in der Tat dazu, Wissenschaft auf Theorie zu reduzieren, und in ihren Konzeptionen nahmen dementsprechend die Begriffe von Hypothese und Gesetz eine zentrale Stellung ein. Dieses Bild wurde in den letzten Jahrzehnten ziemlich durcheinander geschüttelt und wich einer Auffassung, welche den praktischen, lokalen und historischen Zügen der Forschung viel mehr Raum gibt, zugleich aber auch in der Abgrenzung von Wissenschaft gegen Nicht-Wissenschaft vorsichtiger ist. Dies ist ein ziemlich triftiger Aspekt, insofern die Kritiker der Wirtschaftswissenschaften diese oft an einem starken normativen Wissenschaftsideal messen, welches seinerseits einem unrealistischen und bisweilen etwas kitschigen Bild von der Physik entstammt. Demgegenüber ist es ein Anliegen dieses Buchs, mit realistischeren und behutsameren wissenschaftstheoretischen Annahmen zu arbeiten.
Im gleichen Zuge, wie sich das Bild der physikalischen Forschung wandelte, wurde aber auch zweitens deutlich, dass die Physik mitnichten die Fundamentalwissenschaft sein muss, für die sie gehalten wurde. Dass jeder soziale oder biologische Prozess auch immer ein physischer ist, verbürgt nicht logisch, dass er in letzter Instanz auch allein durch seine physischen Eigenschaften erklärt werden kann. Es war dies lediglich ein Versprechen. Im bis heute einflussreichen Wiener Kreis beispielsweise ist es in der Behauptung verkörpert, die physikalische Sprache sei die Universalsprache. Dieses Versprechen wurde allerdings niemals eingelöst.
Die großen Methodendebatten, einst und heute
Wissenschaftsphilosophen – und viel mehr noch -historiker – sind heute geneigter, eine Vielheit der Wissenschaften zu akzeptieren, deren jede einzelne beanspruchen darf, für sich und in ihren Eigenheiten erfasst zu werden. Für die Sozialwissenschaften gibt es dazu sogar in der deutschsprachigen Literatur im Prinzip eine historische Blaupause, denn diese Wissenschaften haben in ihrer Entwicklung einige große Methodendebatten erlebt, die einen Zugang zu ihrer Spezifik in Aussicht stellen:
– Die als Historismusstreit in der deutschen Nationalökonomie bekannte Auseinandersetzung zwischen Carl Menger und Gustav Schmoller in den 1880er Jahren über die Bedeutung einer genuin historischen Methode für die Erforschung des Wirtschaftsprozesses;
– der um 1900 zwischen Schmoller und diesmal Max Weber ausgetragene Werturteilsstreit über die Frage, ob sozialwissenschaftliche Forschung gesellschaftspolitische Maßnahmen zu rechtfertigen vermag;
– der zwischen Theodor W. Adorno und Karl Popper Mitte der 1960er Jahre vielmehr inszenierte als ausgetragene Positivismusstreit über die Interpretation empirischer Daten, in welchem die Grundfragen des Werturteilsstreit über das Verhältnis von Theorie und Praxis, Subjekt und Objekt wieder aufgenommen wurden;
– endlich müsste man auch den Individualismusstreit darüber nennen, ob sich die Eigenschaften der Gesellschaft durch die der Individuen erklären lassen oder vielmehr umgekehrt. Dieser Streit, obgleich schon im 18. Jahrhundert mit Jean-Jacques Rousseaus Kritik an Thomas Hobbes virulent, schwelte allerdings immer nur, ohne je zu einem Aufsehen erregenden Eklat zu kommen.
Aber selbst die jüngste dieser Debatten datiert Jahrzehnte zurück und fällt somit weit vor das Auftauchen der einzelnen Facetten jener allmählich Gestalt annehmenden multiplen Krise, die die Wirtschaftswissenschaften heute auch für ein allgemeineres Publikum interessant machen. Die Wirtschaftswissenschaften sehen allerdings auch heute eine lebhafte Methodendiskussion. Diese Diskussion, die nun nahezu ausschließlich in der englischen Sprache geführt wird, hat – soviel sei zugestanden – im Grunde den Problemkreis der vier alten großen Debatten nicht verlassen. Gleichwohl präsentiert sie die alten Probleme befreit vom Staub der vergangenen Jahrzehnte.
Außenstehende, die ein gewisses Grundvertrauen in die Wissenschaften haben, mögen gar erstaunt sein über den harschen Ton der heutigen Kritik, welche nicht einzelne Hypothesen, sondern im Grunde die Gesamtheit des Lehrbuchwissens infrage stellt. 1982 bemängelte der Nobelpreisträger und zeitweilige Präsident der American Economic Association Wassily Leontief eine »Aversion gegen Empirie« in seinem Fach, welches sich allein auf mathematische Modelle versteift: »Seite für Seite werden die ökonomischen Fachzeitschriften mit mathematischen Formeln gefüllt, die den Leser von einigen mehr oder minder plausiblen, aber vollkommen willkürlichen Annahmen zu präzise formulierten, aber irrelevanten theoretischen Schlussfolgerungen führen.«2 Thomas Piketty drückte denselben Gedanken, der 30 Jahre später seine Aktualität nicht eingebüßt hat, jüngst etwas charmanter aus: Er sei als junger Ökonom von seinen Fachkollegen sehr geschätzt worden, obgleich er sich bis dahin nur mit einigen ziemlich abstrakten mathematischen Theoremen befasst hatte und von den ökonomischen Problemen der Welt im Grunde nichts wusste noch verstand.3 Mit dieser Haltung haben sich die Ökonomen angesichts der Finanzkrise von 2008 endlich auch in einer größeren Öffentlichkeit gründlich blamiert. Sogar die englische Königin Elisabeth II. sah sich bemüßigt, gelegentlich eines Besuchs der London School of Economics einmal nachzufragen, warum denn niemand bemerkt habe, dass sich eine Kreditkrise anbahnte. Die Antwort führender Ökonomen der British
Academy spricht Bände. Am Ende von zwei oder drei Seiten nichtssagender Ausführungen ihres Antwortschreibens fassen sie zusammen, man habe es mit einem »Versagen der kollektiven Vorstellungskraft vieler kluger Leute« zu tun gehabt, wobei sie mit den »klugen Leuten« sich selbst meinen und ihr Versagen offenbar noch immer nicht fassen können.4
Das Bild des weltabgewandten und etwas naiven Liebhabers mathematischer Modelle mag freilich selbst irreführend sein, da die Ökonomen sehr wohl eine sehr konkrete Rolle in der wirklichen Welt spielen. Wenn sie die Kurbel ihrer komplizierten formalen Modelle drehen, weiß man schon vorher mit vollkommener Sicherheit, welches das Ergebnis sein wird: dass nämlich allein der freie, unregulierte Markt zu einem optimalen Ergebnis führen wird. Jeder Eingriff wird relfexartig abgewehrt, sei dies nun der Mindestlohn, Umweltschutzauflagen oder das Wirken von Gewerkschaften. Joseph Stiglitz hält seinem Fach kurzum vor, als »cheerleader des laissez-faire-Kapitalismus« zu wirken.5
Das Konzept ›Wirtschaft im Kontext‹
Ökonomen, die in der harten Auseinandersetzung mit Fakten, Modellen und Kollegen befasst sind, wie sie den Alltag des wissenschaftlichen Arbeitens ausmacht, mögen diese Darstellung für eine Karikatur halten. Vor allem werden sie sich wohl nicht von einem Philosophen, der nichts als Einsichten aus zweiter Hand zu bieten hat, die Grundlagen ihrer Arbeit für nichtig erklären lassen wollen.
Dies ist aber auch nicht die Absicht des vorliegenden Buches. Diesem Buch liegt vielmehr die Beobachtung zugrunde, dass die Wirtschaftswissenschaften heute in der Forschung und vielleicht auch in der Lehre allmählich in Bewegung geraten. Zahlreiche alternative Ansätze sind aufgetaucht und haben sich teilweise sogar schon institutionalisiert. Sie umfassen die ökologische Ökonomie, Neue Institutionenökonomie, eine historische Makroökonomie, feministische Ökonomie sowie Ansätze unter Einbeziehung aktueller Forschungsergebnisse anderer empirischer Humanwissenschaften (behavioral economics, neuroeconomics, evolutionary economics). Das vorliegende Buch setzt an dieser Vielheit von Alternativen an und versucht sich über sie ein Bild der Wirtschaftswissenschaften in ihrer Eigentümlichkeit zu machen. Es handelt sich also nicht um eine Kritik der Orthodoxie, sondern um eine philosophische Lektüre der Heterodoxie. (Dass sich eine solche Lektüre heute geradezu aufdrängt, werden wir gleich sehen.)
Die hier übernommene Rede von »Orthodoxie« und »Heterodoxie« hat sich in den vergangenen Jahren zwanglos herausgebildet. Wenngleich sie einen Aspekt des heutigen Feldes der Ökonomie treffend beschreibt, so muss dennoch eingeräumt werden, dass sie zumindest in der Anwendung auf einzelne Personen irreführend sein kann. Zu den wichtigsten Gewährspersonen für heutige heterodoxe Ökonomen gehören Autoren wie Kenneth Arrow, Wassily Leontief oder Amartya Sen – allesamt Träger der »Alfred-Nobel-Gedächtnismedaille für Wirtschaftswissenschaften« (um einmal korrekt zu benennen, was sodann auch in diesem Buch streng genommen unrichtig »Wirtschaftsnobelpreis« heißen wird). Nimmt man den Wirtschaftsnobelpreis zum Maßstab, so definieren diese »heterodoxen« Ökonomen geradezu, was als »orthodox« zu gelten hat, womit man den Widersinn dieser Klassifizierung erkennt. Bezieht man die Rede von »Orthodoxie« und »Heterodoxie« aber vielmehr auf Positionen, so lässt sich durchaus ein orthodoxer Kern der Neoklassik identifizieren, der von heterodoxen Positionen infrage gestellt wird.
Die Grundthese des Buches, welche auch seinen Aufbau bestimmt, lautet, dass die hier als Heterodoxie zusammengefassten vielen, zumeist unabhängig voneinander formulierten Kritiken und Alternativen ebenfalls einen gemeinsamen Kern haben: Aus je anderer Perspektive hinterfragen sie die Grundannahme, dass der Wirtschaftsprozess ein autonomer Prozess sei. Gegenüber dieser Vorstellung wird von den Kritikern geltend gemacht, dass der Wirtschaftsprozess vielmehr in verschiedener Hinsicht in die Welt eingebettet ist: der Marktakteur ist eingebunden in eine soziale Welt mit Mitmenschen, Institutionen und gemeinschaftlich genutzten Ressourcen; Produktion, Distribution und Konsumtion von Gütern sind in die physische Welt eingelassen (sogar an die Geltung der Naturgesetze mussten sich die Ökonomen bisweilen erinnern lassen!) und in eine endliche Natur, deren Ressourcen an Rohstoffen und Kapazitäten zur Aufnahme von Gift und Müll erschöpft werden können; der Lebens- und Reproduktionsprozess der Gesellschaft ist nur zum Teil marktförmig organisiert und hängt teilweise von nicht-marktförmigen organisierten Tätigkeiten ab (Familie, Erziehung, Pflege, Kultur …); das gesamte Wirtschaftsgeschehen fügt sich in eine globale Geschichte ein, findet also in einer bestimmten globalen Konstellation statt (in welchem sich zum Beispiel Zentrum und Peripherie unterscheiden lassen), hat Teil an großen globalen Veränderungen (wie beispielsweise der Urbanisierung), unterliegt kontingenten politischen Einflüssen und bringt selbst solche hervor.
Der Wirtschaftsprozess ist – so der sich abzeichnende Konsens der Heterodoxien – in andere Prozesse eingebettet, mit welchen er also Grenzflächen ausbildet. Diese Grenzen werden in beide Richtungen übertreten, der Außenraum bedingt und beinflusst den Wirtschaftsprozess ebenso, wie dieser auf jenen gestaltend zurückwirkt. Der zentrale Begriff dieses Buches wird daher der der Grenze sein. Aus wissenschaftsphilosophischer Perspektive interessiert uns, was an einer solchen Grenze passiert und welche begrifflichen Ressourcen man dementsprechend benötigt, um dieses Geschehen adäquat zu beschreiben.
Abb. 1: Wirtschaft im Kontext.
Drei Antwortmöglichkeiten auf diese Herausforderung können wir a priori unterscheiden: (1.) dass der ökonomische Prozess sehr wohl unabhängig von anderen (sozialen und im engeren Sinne natürlichen) Prozessen abläuft, (2.) dass zwar eine Abhängigkeit besteht, aber die jeweiligen Außenräume adäquat im ökonomischen Vokabular erfasst werden können, insbesondere durch den Begriff des ökonomischen Werts, (3.) dass eine Abhängigkeit besteht und diese an jeder Grenze ein entsprechendes Vokabular erheischt. Die letzte Antwort kann noch einmal dahingehend nuanciert werden, ob das klassische Vokabular der Ökonomie nur um neue Elemente (wie z. B. Endlichkeit, Machtverhältnisse etc.) angereichert oder sogar in seinem Kernbestand ersetzt werden muss. Die ›Grenzen‹, von denen wir sprechen werden, sind somit beides: erst einmal wirkliche, materielle und kausale Grenzen eines Realprozesses, dann aber auch Grenzen von Begriffen, deren Untersuchung die Aufgabe der Philosophie in der Form ist, wie sie Immanuel Kant gestellt und auf den Namen der Kritik getauft hat.
Die Grundfrage, die sich heute in den Wirtschaftswissenschaften akut stellt und welche der Philosoph eigentlich bloß mehr auflesen denn selbst herausarbeiten muss, lautet daher: Welches ist eigentlich das richtige Grundvokabular, um den Wirtschaftsprozess als integrierten Teil des gesellschaftlichen Lebensprozesses adäquat fassen zu können? Dieses Grundvokabular zu gewinnen, verlangt ›Arbeit am Begriff‹, und diese werden wir in diesem Buch studieren. Wir sehen damit insbesondere, dass die zumeist in der Philosophie der Wirtschaftswissenschaften gestellten, aus der Philosophie der Physik übernommenen Fragestellungen nach Modellen, Experimenten, Erklärungen usw. zwar nicht verfehlt, aber doch verfrüht sind. Es ist nämlich die grundsätzlichere Frage noch ungeklärt, welches im Prinzip das richtige Vokabular für die Wirtschaftswissenschaften ist.
Ökonomie – deskriptiv oder normativ?
Wir werden es zuförderst also mit der Untersuchung von Begriffen zu tun haben, wie es ja für eine wissenschaftsphilosophische Perspektive auch nicht überraschen kann. Es sollte aber gleich an dieser Stelle gesagt werden, dass es die Begriffe und Thesen der Ökonomen der philosophischen Analyse etwas schwer machen, da sie die Eigentümlichkeit haben, im Diskurs zu ›schillern‹. Man weiß nie ganz genau, ob man es mit einem deskriptiven, beschreibenden, oder normativen, politisch-fordernden Diskurs zu tun hat. Dies ist eine Folge des oben beschriebenen ›schmutzigen‹ Charakters der Ökonomie, d. h. der merkwürdigen Tatsache, dass ihre ›Atome‹, die Individuen, sich als frei verstehen und somit Gegenstand zugleich von Deskriptionen (Beschreibungen) und Präskriptionen (Vorschriften) sein können.
Wir werden sehen, dass die moderne Volkswirtschaftslehre von Anfang an mit dem Problem befasst war, den Freihandel nicht nur zu untersuchen, sondern auch zu rechtfertigen. Gleiches gilt freilich für die kritischen Stimmen. Die Schöpfer der Ökologischen Ökonomie wollten nicht nur besser verstehen, was der Mensch im Wirtschaften tut, sondern wollten die Umwelt auch wirklich schützen (Kapitel 4). Dasselbe in der Diskussion um das Gemeineigentum als Grenze des Privateigentums (Kapitel 3): für Garrett Hardin war die Grenze des Privateigentums auch die Grenze der Verantwortung, die jeder von uns übernimmt, und sollte mithin möglichst weit hinausgeschoben werden. Wenn ihm Elinor Ostrom funktionierende Modelle der selbstorganisierten Allmendebewirtschaftung als Alternative zur Dichotomie Markt-oder-Zentralgewalt entgegenhielt, so war ihr der praktische Erfolg selbstverständlich Bürge der politischen Forderung nach solchen Wirtschaftsweisen.
Diese deskriptiv-normative, theoretisch-praktische Doppelgesichtigkeit nimmt an der Grenze zwischen Wirtschaft und Kontext, für die wir uns hier interessieren, eine charakteristische Gestalt an. Zum einen beobachtet man historisch eine Ausdehnung des Markts in den Kontext hinein. Nicht nur geographisch greift der Markt immer weiter um sich, sondern auch in seinen Kernländern dringt er immer tiefer in das Leben der Menschen hinein, und immer mehr Beziehungen werden in solche zwischen Marktakteuren verwandelt. Dieses Phänomen wird oft vereinheitlichend als »Imperialismus« bezeichnet. Zum anderen beobachtet man auch, dass in den Sozialwissenschaften immer mehr Phänomene in ökonomischem Vokabular beschrieben und analysiert werden. Angesichts dieser Entwicklung wird oft – und übrigens nicht nur von Kritikern – von »ökonomischem Imperialismus« gesprochen (Economics imperialism oder Economism). Der Wirtschaftsnobelpreisträger Gary S. Becker betrachtet repräsentativ für diese Richtung die Partnerschaft als ein »effizientes Verhandeln« und fasst in seiner Preisrede zusammen:
[Wenn] ein Mann und eine Frau sich entscheiden, zu heiraten, Kinder zu haben, oder sich scheiden zu lassen, so versuchen sie damit ihren Nutzen zu maximieren, indem sie eben Kosten und Nutzen abwägen. Sie heiraten, wenn sie sich gegenüber dem Singledasein einen Gewinn versprechen, und lassen sich scheiden, wenn dies ihnen eine Steigerung ihres Wohlergehens in Aussicht stellt. […] Reiche Paare tendieren nach dieser Theorie dazu, enorm zu profitieren, indem sie ihre Ehe aufrechterhalten, was für viele arme Paare nicht der Fall ist. Eine arme Frau mag wohl Zweifel daran haben, ob es sich lohnt, mit einem Langzeitarbeitslosen verheiratet zu bleiben.6
Dieses Phänomen des ökonomischen Imperialismus verlangt freilich Fingerspitzengefühl in der Bewertung. Gewiss, Beckers Analyse ruft Befremden hervor oder empört sogar, und Becker spielt vermutlich bewusst mit dieser Reaktion. Aber ist dies wirklich einer unstatthaften Ausdehnung des ökonomischen Vokabulars geschuldet? Der französische Soziologe Pierre Bourdieu schlug 1975 im Grunde in verwandtem Sinne vor, die Wissenschaft nicht als eine uneigennützige Suche nach der Wahrheit zu beschreiben, sondern als einen Kampf um das Monopol an Autorität, welche er als eine Form »symbolischen Kapitals« begriff. Das Verhalten der Forscher wird entsprechend als »Investmentstrategie« mit »Profitabsicht« vorgestellt.7 Dies ist schon weit weniger dazu angetan, moralische Empörung hervorzurufen. Die Wissenschaftssoziologen Bruno Latour und Steve Woolgar betonten in einer späteren Studie, dass Wissenschaftler tatsächlich selbst diese ökonomische Begrifflichkeit verwenden, wenn sie über ihr Verhalten reflektieren.8
Ohne hier weiter in die Tiefe zu gehen, können wir zumindest den Vorbehalt aussprechen, dass das Problematische an Beckers Analyse nicht unbedingt in der Verwendung des ökonomischen Vokabulars liegt. Sein Ansatz krankt vielleicht nicht an einem inadäquaten Vokabular, sondern schlicht daran, dass er die Komplexität seines Gegenstandes rettungslos unterschätzt. Gleichwohl kommt gerade aufgrund des deutlich spürbaren Mangels seiner Analyse der normative Unterton deutlicher zum Vorschein: Becker legitimiert kapitalistisches Profitdenken, indem er es ›naturalisiert‹, d. h. als ein natürliches Phänomen und Naturzustand des Menschen hinstellt. Für ihn ist ohnehin das ganze Leben Markt, und die Ausdehnung des Marktvokabulars zeigt an, dass der praktischen Ausdehnung des Markts keine legitimen Grenzen gezogen werden können.
Es mag reichen, diese Doppelgesichtigkeit an dieser Stelle einmal auszusprechen. Der Leser ist damit gewappnet und muss nicht wiederholt auf diese allgegenwärtige Eigentümlichkeit aufmerksam gemacht werden.
Aufbau des Buchs
Das folgende Kapitel 2 stellt knapp die ›Orthodoxie‹ dar und erläutert, in welchem Sinne diese das Wirtschaftsgeschehen als autonomen Prozess begreift, und durch welche Gesetze dieser bestimmt werde. Auch die problematischen Punkte, wie sie in der allgemeinen Diskussion wohlbekannt sind, werden an dieser Stelle bereits benannt. In den darauf folgenden Kapiteln 3 bis 5 steht jeweils eine ›Grenze‹ im soeben spezifizierten Sinne im Zentrum: In Kapitel 3 die Grenzen des Individualismus in kollektiven Phänomenen, in Kapitel 4 die Grenzen von Privateigentum und Markt in einer gemeinsam geteilten Welt, und schließlich in Kapitel 5 die durch eine endliche Natur gesetzten Grenzen. Im sechsten Kapitel, dem Schlusskapitel, werden wir versuchen, die Quintessenz aus diesen drei Perspektiven zu gewinnen. Eine minimale gemeinsame Konsequenz besteht darin, die Wirtschaftswissenschaft um eine historische Dimension zu erweitern, die zugleich auch eine globale, nämliche weltgeschichtliche ist. Wir werden aber auch aktuelle Ansätze kennen lernen, die diesen formalen Rahmen durch eine vereinheitlichende Theorie zu füllen versuchen. Ob diese Ansätze von Erfolg gekrönt sein werden, muss noch als eine offene Frage betrachtet werden, aber sie erlauben uns in jedem Fall bereits einen neuen Blick auf die aktuelle, multisystemische Krise.
2 Die Orthodoxie der Neoklassik: Wirtschaft als autonomer Prozess
2.1 Überblick Ökonomie
Eine Einführung in die Philosophie der Wirtschaftswissenschaften ersetzt keine Einführung in die Wirtschaftswissenschaften, darf sie aber auch nicht voraussetzen. Denn dieses Buch richtet sich an ein allgemeines Publikum, welches an Ökonomie und Philosophie interessiert ist. Ohne also den verwegenen Anspruch zu erheben, in diesem Kapitel einen Einstieg in die Mikroökonomie zu ermöglichen, sollen die Grundlagen dieser Disziplin doch so dargelegt werden, dass sich der ökonomische Laie ein zur anschließenden philosophischen Reflexion hinreichend plastisches Bild von ihrem begrifflichen Räderwerk machen kann. Wer darüber hinaus einen Einstieg in die Wirtschaftswissenschaften sucht, dem stehen heute schon einige Werke bereit, die die heterodoxen Ansätze umfassend berücksichtigen.9
2.1.1 Terminologische Vorbemerkung: Ökonomie und Wirtschaft
Aus Gründen terminologischer Sorgfalt beginnen wir mit einigen Vorbemerkungen über die Begriffe der Ökonomie und der Wirtschaft. In diesem Buch geht es sowohl um Wirtschaftswissenschaft als auch um Wirtschaft. Wir werden uns dabei erlauben, zwanglos von »Ökonomie« zu sprechen, auch wenn dies eine Uneindeutigkeit mit sich bringt. Anders als in Physik oder Psychologie, in welcher begrifflich zwischen »physisch« und »physikalisch«, »psychisch« und »psychologisch« unterschieden werden kann, steht dann nämlich kein Begriffspaar zur systematischen Unterscheidung zwischen dem Gegenstand und der Lehre zur Verfügung. Das Wort »ökonomisch« steht für beides, weshalb ein Ausdruck wie »ökonomisches Problem« zweideutig ist und sowohl ein wirtschaftliches wie ein wirtschaftswissenschaftliches Problem bezeichnen kann.10 Wenn man sich dessen aber einmal bewusst ist, kann man sich diesen Wortgebrauch ohne Gefahr des Missverständnisses erlauben.
Die Wirtschaftswissenschaft oder Ökonomie als Disziplin erforscht ihrem Namen nach »die Wirtschaft«. Unter dieser Bezeichnung verstehen wir nun nicht das Gesamt der (privatrechtlich oder öffentlich-rechtlich organisierten) Unternehmen, so wie dies in Politik und Tagespresse oft der Fall ist, wenn z. B. von den »Interessen der Wirtschaft« gesprochen wird. Vielmehr ist das Gesamt der wirtschaftlichen Handlungen der Menschen gemeint. Man könnte vielleicht weniger missverständlich von »dem Wirtschaften« sprechen.
Es hat sich durchgesetzt, unter den wirtschaftlichen Handlungen diejenigen zu verstehen, die der planmäßigen Bedürfnisbefriedigung unter gegebenen Ressourcen und gegebenen technischen Möglichkeiten dienen. Wenngleich diese Definition oft auch von den Kritikern der herrschenden Lehre akzeptiert wird, sollte man ihr gleichwohl misstrauen, da diese Definition nicht neutral, sondern vielmehr schon auf das Programm der Neoklassik zugeschnitten ist.11 Sie legt sich in der Rede von der Bedürfnisbefriedigung nämlich erstens einseitig auf die Perspektive des Konsumenten fest, legt es zweitens insbesondere nahe, seine Bedürfnisse als gegeben zu betrachten (als »exogene Variable«, wozu später mehr), und neigt drittens dazu, den Wirtschaftsprozess auf den Markt als Mechanismus der effizienten Ressourcenallokation zu reduzieren. Es wird zu überlegen sein, ob nicht eher der Fokus auf den gesamtgesellschaftlichen Prozess zu legen ist, wobei insbesondere die Offenheit gegenüber der Umwelt nicht verdeckt werden sollte.
Einige Autoren schlagen in diesem Sinne wieder vor, vom Wirtschaftsprozess als dem gesellschaftlichen »Metabolismus« (Stoffwechsel) zu sprechen, wie dies etwa für Karl Marx selbstverständlich war.12 Diese Redeweise beutet eine biologische Analogie aus, die es erlaubt, bestimmte Merkmale des Wirtschaftsprozesses hervorzuheben, die er mit dem Organismus teilt: in beiden Fällen hat man es mit einem offenen, dynamischen und selbstregulierenden System zu tun. Der ›Lebensprozess‹ der Gesellschaft besteht darin, unter gegebenen Ressourcen und technischen Möglichkeiten seine wesentliche Struktur im Stoffwechsel mit der Umwelt selbstorganisiert zu reproduzieren. Ein anderer Autor erwägt, von der Wirtschaft allgemeiner als einem »autopoietischen System« zu sprechen, was es erlaubt, auch die Unterschiede zu benennen, welche die Wirtschaft vom biologischen Organismus trennen. Anders als bei diesem beruht der Organisationsmodus des Wirtschaftsprozesses beispielsweise auf kommunikativen Prozessen und zweckhaften Handlungen der Individuen.13
Dieser weitere Begriff des Wirtschaftens bietet die Möglichkeit, auch eine Einwirkung der kollektiven Prozesse auf die Bedürfnisse der Individuen zu erfassen (sprich die Bedürfnisse als »endogene« Variable zu behandeln), was sich als nützlich und vielleicht sogar erforderlich erweisen wird.
Die klassisch unterschiedenen wirtschaftlichen Aktivitäten umfassen die Produktion, die Distribution, insbesondere den geldvermittelten Tausch, sowie die Konsumtion der Güter. Fließen die Güter und andere Faktoren wieder in die Produktion ein, statt konsumiert zu werden, spricht man von Allokation statt von Distribution. Neben diesen klassischen Aktivitäten werden heute auch der Umgang mit den Ressourcen und den Abfällen betont. Die wirtschaftlichen Akteure umfassen neben Privatpersonen oder Privathaushalten auch Unternehmen, Regierungen und Zentralbanken, aber auch die teilweise äußerst mächtigen Kapitalgesellschaften.14
2.1.2 Wirtschaftswissenschaft
Halten wir uns an das Selbstverständnis des Fachs, können wir vorab folgendes über die Wirtschaftswissenschaften sagen. Die Wirtschaftswissenschaften zerfallen in die beiden Teildisziplinen der Betriebswirtschaftslehre (business administration), welche die Entscheidungsprozesse in Unternehmen zum Gegenstand hat, und die Volkswirtschaftslehre (economics), älter Nationalökonomie oder auch Politische Ökonomie, die in der Hauptsache die Produktion und Distribution bzw. Allokation von Gütern untersucht. Wie auch der englische Name anzeigt, entspricht sie am ehesten dem, was man gemeinhin unter einer Erforschung der Wirtschaftszusammenhänge versteht. Sie ist es, die uns in diesem Buch interessieren wird.
Die Volkswirtschaftslehre zerfällt grosso modo in die beiden Teilgebiete der Mikro- und Makroökonomie (bzw. -ökonomik). Erstere setzt bei den verschiedenen Wirtschaftssubjekten an, während sich die Makroökonomie den gesamtwirtschaftlichen Prozessen widmet und dabei auf gesamtwirtschaftliche Größen wie die der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung zurückgreift. Bruttonationalprodukt, Arbeitslosenrate, Inflationsrate sind typische makroökonomische Größen. Ein Teilgebiet der Mikroökonomie, welches für uns von besonderem Interesse sein wird, stellt die Wohlfahrtsökonomie (welfare economics) dar, welche die Auswirkungen der mikroökonomischen Variablen auf die ökonomische Wohlfahrt der Gesellschaft untersucht. Die Geldtheorie (monetary economics) hingegen, welche ebenfalls bisweilen die Aufmerksamkeit von Philosophen auf sich gezogen und im Zuge der Finanzkrise, beispielsweise mit David Graebers einflussreichem Buch Schulden15, auch ein allgemeineres Interesse geweckt hat, gehört in die Makroökonomie:

Mikro- und Makroökonomie untersuchen wohlgemerkt nicht im Sinne einer Arbeitsteilung unterschiedliche Gegenstände, sondern betrachten vielmehr denselben Gegenstandskreis aus unterschiedlichen Perspektiven, eben vom ›Kleinen‹ und vom ›Großen‹ her. Dies kann Spannungen erzeugen. Während die Mikroökonomie beispielsweise Arbeitslosigkeit als Folge einer Abweichung von der Norm des idealen Marktes versteht, besteht in der Makroökonomie eine viel größere Bereitschaft, dieselbe als empirisch konstatierte Normalität zu begreifen.16 Zum Konflikt kommt es dadurch, dass es dem reduktionistischen Programm der Mikroökonomie eingeschrieben ist, auch makroökonomische Phänomene auf Interaktionen auf mikroökonomischer Ebene zurückzuführen. Dieses Programm wird Mikrofundierung genannt. Auf die mit ihm einhergehenden Probleme werden wir zurückkommen.17
2.2 Allgemeine Gleichgewichtstheorie
2.2.1 Vorab: Was ist eine Erklärung?
Betrachten wir nun, wie die Mikroökonomie ökonomische Prozesse zu erklären sucht. Ohne uns vollends auf die schwierige und kontroverse philosophische Frage einlassen zu müssen, was eigentlich eine Erklärung ist, können wir zumindest festhalten, dass, sprachphilosophisch ausgedrückt, »Erklärung« ein (mindestens) zweistelliger Prädikator ist. Obgleich man oft von der »Erklärung des Phänomens y« spricht, lautet der vollständigere Ausdruck eigentlich: »x ist eine Erklärung für Phänomen y« bzw. »Phänomen y wird durch x erklärt«. In dieser Struktur stecken zwei Vorentscheidungen, die den Raum der Erklärung aufspannen: Erstens muss man sich darüber einig sein, was überhaupt einer Erklärung bedarf und was nicht (das ›y‹), und zweitens muss festgelegt sein, was als Erklärung gilt (das ›x‹). Aristoteles beispielsweise betrachtete es als natürlich und somit nicht erklärungsbedürftig, dass Dinge an ihren »natürlichen Ort« streben, also schwere Dinge zur Erde fallen, die Gestirne aber in der ihnen angestammten Sphäre verharren. In der klassischen Physik Newtons hingegen wird es als natürlich betrachtet, dass ein Körper weder die Richtung noch den Betrag seiner Geschwindigkeit »von selbst« ändert, und erst Abweichungen davon verlangen der Erklärung. Als Erklärungen, etwa wenn Planeten im Weltraum auf eine elliptische Umlaufbahn gezwungen werden, werden »Kräfte« akzeptiert, auch wenn deren Ursprung wie eben bei der Gravitation vorerst ungeklärt ist.
Wir können daraus zurückbehalten, dass immer ein Phänomen, z. B. eine Eigenschaft, durch etwas anderes erklärt wird, welches selbst zumindest zeitweilig ohne Erklärung hingenommen wird. Wie Immanuel Kant schon herausgearbeitet hat, ist es dem Projekt der wissenschaftlichen Erklärung inhärent, auf einen infiniten Regress zu führen, insofern das x, welches man zur Erklärung von y heranzog, selbst nach Erklärung verlangt. Mit diesem Problem hat jede Wissenschaft zu tun, und man darf die Wirtschaftswissenschaft selbstredend nicht an einem Maßstab messen, dem auch die Physik nicht genügt. Jede Wissenschaft muss zu jedem Zeitpunkt mit gewissen Voraussetzungen beginnen. Diese können sich freilich mit der Zeit ändern, und es bleibt in der Methodenkontroverse immer eine legitime Frage, was eigentlich wodurch erklärt werden soll, sofern nur alle Kontrahenten akzeptieren, dass es keine voraussetzungslose Erklärung gibt.
Das klassische Erklärungsmodell der Physik besteht in einem bestimmten Reduktionismus: Die Eigenschaften eines Systems werden durch die seiner Teile erklärt und in diesem Sinne auf diese zurückgeführt, niemals aber umgekehrt. Die Eigenschaften des Festkörpers und der Moleküle erklärt die Physik durch die Eigenschaften der Atome und diese durch die ihrer Bestandteile, der Elektronen und des Atomkerns. Die Elektronen gelten als Elementarteilchen, während der Atomkern wiederum eine Struktur aufweist und aus Protonen und Neutronen besteht usw.
Ein Problem war diesem ›mechanistischen‹ Denken schon früh, namentlich im 18. Jahrhundert, durch den Organismus gegeben, bei dem sich die Verhältnisse gerade umgekehrt darzustellen scheinen: Seine Organe sind für den Organismus zweckdienlich eingerichtet. Hier scheint es so, als ob durch das System, das Lebewesen, bestimmt ist, welche Eigenschaften seine Teile haben müssen und diese somit ›holistisch‹, durch das Ganze, welches die Teile bilden, erklärt werden.18 Es war die große Leistung von Darwins Evolutionstheorie, die Mechanismen zu benennen, die die Zweckmäßigkeit der Teile erklären können, ohne einen Zwecksetzter in Person des Schöpfergottes bemühen zu müssen.
In der Sozialphilosophie existieren widerstreitende Ansichten über das Verhältnis von System (Gesellschaft) und Teil (Individuum). Es steht außerfrage, dass eine Gesellschaft nur durch und mit den Individuen besteht. Man sollte sich aber klar machen, dass damit die Frage der Richtung der Erklärung noch nicht beantwortet ist. Historisch lässt sich grosso modo folgendes feststellen: In der präkapitalistischen Sozialphilosophie, z. B. bei Thomas von Aquin, herrscht eine holistische Erklärungsweise vor, wobei durchaus der Organismus als Analogie herangezogen wird: Die Menschen sind unterschiedlich, und jeder hat seinen besonderen Platz im Ganzen. Überlebensfähig ist nur der ganze Gesellschaftskörper, aber keiner seiner spezialisierten Teile außerhalb seiner. In der Epoche des Kapitalismus ändert sich dies. Die Sozialphilosophie übernimmt die reduktionistische Methode der Naturphilosophie,19 und ihr Gesellschaftsbild passt sich gut in die liberale Weltanschauung des aufstrebenden Bürgertums ein: Die Gesellschaft ist kein hierarchisch strukturiertes Geschöpf mehr mit göttlich sanktioniertem Haupt, sondern resultiert aus den Bewegungen und Wechselwirkungen der einzelnen, freien und gleichen Individuen. Spätestens mit dem 19. Jahrhundert lebt auch wieder die holistische Erklärungsweise auf, zu nennen sind vor allem Karl Marx und Émile Durkheim, die zwar weit davon entfernt sind, eine natürliche Hierarchie der Individuen zu proklamieren, aber durchaus in einem noch zu spezifizierenden Sinne von einem Eigenleben der Gesellschaft ausgehen, welches sich gegen die einzelnen Individuen durchsetzen kann. Die Sozialwissenschaften sind seitdem über diese Frage um den methodologischen Individualismus gespalten.
2.2.2 Der homo œconomicus
Die als Neoklassik bekannte allgemeine Gleichgewichtstheorie der Mikroökonomie steht unzweideutig in der individualistischen Tradition, d. h. sie sucht gesellschaftliche Phänome als Gesamtresultat der Entscheidungen individueller Akteure zu erklären. Die Entscheidungen der Akteure werden wiederum auf eine individuelle Präferenzordnung zurückgeführt. Diese selbst wird unterstellt, aber nicht mehr selbst erklärt. Die Ökonomie betrachtet sie als eine sogenannte exogene Variable:
1 die Präferenzen sind exogen.
Sodann werden eine Reihe weiterer Unterstellungen über den ökonomischen Akteur gemacht, welche in dem Bild des homo œconomicus zusammengefasst werden. Er ist charakterisiert durch zwei Merkmale, zusammengefasst im Rationalitäts-Axiom:
2. der homo œconomicus strebt nach Maximierung seines Nutzens oder Wohlergehens;
3. sein Verhalten ist rational.
Rationalität des Verhaltens bedeutet im Wesentlichen, dass der Akteur angesichts zweier Alternativen immer eine Präferenz hat (Postulat der Vollständigkeit) und dass seine Präferenzen konsistent sind, insbesondere seine Präferenzordnung transitiv ist: Zieht er A der Alternative B und diese C vor, so zieht er auch AC vor. »Rational« heißt insbesondere also nicht, dass der Akteur mit Bedacht und aufgrund von Überlegungen handelt, sondern nur, dass sein – durchaus spontanes, durch die Präferenzen diktiertes – Verhalten von außen als rational im Sinne der genannten formalen Kriterien beurteilt wird.
Wir sollten an dieser Stelle schon festhalten, dass der Zusammenhang zwischen Präferenz, Verhalten und Nutzen ein rein analytischer, denn begrifflicher ist, also keinen empirischen Teil der Theorie ausmacht: eine gegebene Präferenz führt unter gegebenen Umständen zu einem bestimmten Verhalten, welches ein bestimmtes Wohlergehen zur Folge hat – per definitionem, nicht erfahrungsgemäß.20 In der Tat stellt das Verhalten die einzige direkt beobachtbare Größe dar, während die Begriffe der Präferenz und des Nutzens allein dem Theoretisieren über das Verhalten angehören. Wir werden auf diesen Zusammenhang in Kapitel 3 zurückkommen.
Bei dieser Gelegenheit drängt sich eine weitere wichtige Präzisierung auf. Es wird oft behauptet, der homo œconomicus sei egoistisch. Es ist wichtig, in dieser Frage sehr genau zu sein, da hier oftmals die Kritik ansetzt, die den Menschen freundlicher glaubt (siehe dazu wiederum Kapitel 3). Demgegenüber sollten wir gleich an dieser Stelle zweierlei betonen: Erstens ist das Prinzip der Entscheidung nach individuellen Präferenzen und zwecks Nutzenmaximierung schon deswegen nicht – oder nur in einem trivialen Sinne – gleichbedeutend mit einem egoistischen Akteur, da es, wie wir gerade betonten, keine empirische Behauptung über den Akteur zum Ausdruck bringen kann, sondern einfach aus den Definitionen folgt. Aber selbst wenn die Präferenzordnung des Individuums, wie es bisweilen geschieht, durch die zusätzliche Forderung eingeschränkt wird, dass seine Präferenzen und der aus den Gütern resultierende Nutzen nicht vom Kontext abhängen dürfen, insbesondre also nicht von der die übrigen Individuen betreffenden Distribution von Gütern, –
4. Unabhängigkeit: die Präferenzen des homo œconomicus sind von anderen Individuen unbeeinflusst.
– selbst dann haben wir es zweitens nicht im eigentlichen Wortsinn mit einem egoistischen Akteur zu tun. Es wird zwar oft die uneigennützige Handlung, sei es aus Mitleid oder ethischer Pflicht, als Gegenbeispiel herangezogen. Aber dem so beschränkten homo œconomicus sind Handlungen aus Antipathie oder schlechter Gesinnung ebenso fremd. Der homo œconomicus teilt nicht nur nicht, er kennt auch keinen Neid noch Ranküne, welche einem Egoisten doch im Allgemeinen freistehen. Richtiger ist es mithin, von einem selbstbezogenen Akteur (self-regarding statt selfish) zu sprechen, der seiner Mitmenschen und seiner Umwelt ungeachtet der Maxime der Nutzenmaximierung folgt.21
2.2.3 Nutzen und subjektiver Wertbegriff
Die Nutzenmaximierung ist eine zugleich subtile und vollkommen platte Forderung an den homo œconomicus. Letzteres, weil sie sich in der ökonomisch relevanten Situation der Distribution von Gütern in ein einfaches »mehr ist mehr« übersetzt:
5. Nicht-Sättigungsannahme: Größerer Konsum bringt dem homo œconomicus höheren Nutzen.
Der Akteur wird immer nach einer größeren Menge eines Gutes streben und die größere Menge der kleineren vorziehen. Gleichwohl ist der Nutzen nicht einfach der konsumierten Menge des Gutes proportional. Mit wachsender bereits vorhandener Gütermenge in seinem Besitz wird er insbesondere aus jedem neu hinzutretenden Stück einen geringeren Nutzen ziehen (Gesetz vom abnehmenden Grenznutzen).
Dieser subjektive Begriff des Nutzens, insbesondere des Grenznutzens, macht auch den Kern der neoklassischen Werttheorie aus (wie wir in Kürze genauer sehen werden). Wert, so könnte man sagen, wird nicht als etwas Objektives, vom Willen des Akteurs Unabhängiges betrachtet, sondern mit seiner ›Wertschätzung‹ in Zusammenhang gebracht.
Damit kommen wir zu der subtileren Seite der Nutzenmaximierung und des Wertbegriffs. Der subjektive Wertbegriff weist in der Tat eine Besonderheit auf, die sehr merkwürdig ist, weil man nicht so recht weiß, ob sie eine Stärke oder nicht vielmehr doch eine Schwäche darstellt. Es ist dies die Besonderheit, etliche Faktoren integrieren zu können. Die Stärke liegt darin, dass er auch suspektere Regungen des Akteurs wie Neid oder Zuneigung integrieren kann. Ganz gleich, wie kompliziert und kapriziös die Präferenzstruktur eines gegebenen Individuums geartet sein mag, die gesamte Palette seiner Einstellungen kann in den subjektiv gefassten Begriff des Werts integriert werden. Bietet er auf einer Auktion nur, weil er weiß, dass dies einen Nebenbuhler ärgern wird, so ist damit gleichwohl eine ökonomische Tat vollzogen, die den Preis beeinflussen wird und somit in den Wert eingeht, nicht aber in einer psychologischen Extratheorie behandelt werden muss. Wie wir allerdings schon sahen, werden dem homo œconomicus diese suspekten Neigungen untersagt. Seine Entscheidungen sind unabhängig vom Kontext, insbesondere von den konkurrierenden Akteuren und ihren Gütern.
Aus zwei Gründen, die beide für die Kritik der Neoklassik relevant sind, mag sich diese Stärke freilich als Schwäche entpuppen. Zum einen liegt in dieser integrativen Theorie die Gefahr einer Trivialisierung im Sinne einer empirischen Entleerung. Wir werden dies später in der Diskussion des Präferenzbegriffs genauer sehen (↓ 3.1.2, S. 54). Zum anderen unterbindet dieser Ansatz jede Möglichkeit, zwischen ökonomischem und anderem, nicht-ökonomischem Wert zu unterscheiden. Jede Form von Wert wird in der Mechanik des individualistischen Reduktionismus in eine subjektive Wertschätzung übersetzt, die – nach dem soeben dargelegten – in die subjektive Gesamteinstellung integriert wird, welche schließlich den ökonomischen Wert ausmacht. John Bellamy Foster vergleicht die Ökonomie mit der mythischen Gestalt des törichten Königs Midas, der sich vom Gott Dionysos ausbedang, dass alles, was er berühre, zu Gold würde – woraufhin er zu verhungern drohte. Ebenso könnten auch die Ökonomen nur schätzen, was ›zu Gold wird‹, nämlich in ökonomischen Wert übersetzt wird und sich in Geld messen lässt.22 Kritiker der Neoklassik zitieren an dieser Stelle gerne die Definition des Zynikers, welche Oscar Wilde 1892 der Figur des Lord Darlington in seinem Drama Lady Windermeres Fächer in den Mund legte:23
Cecil Graham: Was ist ein Zyniker?
Lord Darlington: Ein Mensch, der von allem und jedem nur den Preis kennt und nicht den Wert.
Leider vergessen es dieselben Kritiker, Cecils schlagfertige Antwort zu zitieren:
Cecil Graham: Und ein Romantiker, mein lieber Darlington, ist ein Mensch, der allem einen übertriebenen Wert beimißt, ohne sich je nach dem gängigen Preis für irgend etwas zu erkundigen.
Tatsächlich ist erst mit diesem Begriffspaar von Zyniker und Romantiker (cynic und sentimentalist) das Spannungsverhältnis hergestellt, in welchem sich die Diskussion um die Neoklassik in Wirklichkeit bewegt. Besonders deutlich wird sich dies in der Diskussion um die Bewertung von unbezahlter Arbeit und von Ökosystemen niederschlagen, wo die Gefahr des Sentimentalen in der Kritik des Zynischen überall mit den Händen zu greifen ist (↓ 4.3, S. 113, und 5.2, S. 138). Diese Spannung ist um so wichtiger zu registrieren, als wir sie nicht werden auflösen können.
2.2.4 Interaktion: der Markt
Spannend wird es eigentlich erst, wenn mindestens zwei der so bestimmten homines œconomici aufeinandertreffen und ein System wechselwirkender Teile bilden. Was wird nun passieren? Gemäß der methodologischen Prämisse muss dies allein aus den dürftigen Spezifizierungen des Rationalitätsaxioms vorhersagbar sein, wie sich auch die Gestalt des Sonnensystems aus den Eigenschaften der rotierenden Massen ableiten lässt.
Verfügen beide Akteure über eine gegebene Güterausstattung, so werden sie sehen, ob sie nicht ihr jeweiliges Wohlergehen durch entsprechend arrangierten Tausch verbessern können. Sie werden dies so lange verfolgen, bis eine Situation erreicht ist, in welcher sich keiner der Akteure mehr verbessern kann, ohne dass sich ein anderer verschlechtert. Denn so lange diese Situation nicht erreicht ist, gibt es Anreize für alle, zu tauschen, und sobald diese Situation erreicht ist, wird derjenige, der sich verschlechtern würde, den Tausch, der auf gegenseitigem Einverständnis beruhen muss, verweigern. Es ist eine Gleichgewichtssituation erreicht, so wie auch die Planeten schließlich stabile Umlaufbahnen erlangen. Das Gleichgewichtskriterium, dass sich niemand verbessern kann, ohne dass sich ein anderer verschlechtern würde, wird als Pareto-Optimum bezeichnet.
Gleichgewicht bedeutet in diesem Zusammenhang wohlgemerkt nur, dass bestimmte Variablen einen konstanten Wert angenommen haben, nicht aber, dass das System stillsteht. Die Güter werden in der Regel ja verzehrt und stetig durch neue ersetzt. Im beschriebenen Optimum ist die Distribution der Güterarten über die Individuen lediglich eine konstante, aber die Güter fließen, wenngleich in fixierter Proportion. Auch bedeutet Optimum nicht, dass die Akteure nun zufrieden sind – der homo œconomicus ist prinzipiell nie zufrieden. Er befindet sich im Optimum lediglich in einer Situation, in welcher er sich nicht mehr kraft freien Tauschs verbessern kann. Gleiches gilt auch für jedes mechanische System: Stabilität – und im Grenzfall Stillstand – bedeutet nicht Abwesenheit von Kräften, sondern lediglich Kräftegleichgewicht. Stellt man eine Tasse auf den Tisch, zieht die Schwerkraft weiter an ihr, wird aber durch die elastischen Kräfte der belasteten (und unmerklich deformierten) Tischplatte konterbalanciert. Auch sollte betont werden, dass man nicht allgemein von ›dem‹ Pareto-Optimum sprechen kann. Abgesehen davon, dass es im Allgemeinen immer mehrere Optima gibt, gilt zudem, dass der optimale Endzustand jeweils relativ zum gegebenen Ausgangszustand bestimmt ist. Ein Pareto-Optimum ist der Idealzustand unter gegebener Ausgangsverteilung der Güter.
Der Markt als Ort des Güterverkehrs, wie er hier zugrundegelegt wurde, entspricht freilich nicht ohne Weiteres dem realen Markt, sondern ist vielmehr durch einige idealisierende Hauptannahmen charakterisiert:
1 vollständige Konkurrenz (perfect competition) mit atomisierter Marktstruktur (keine Monopole);
2 Markttransparenz, d. h. vollständige Information (perfect information) der Marktteilnehmer über Angebot, Nachfrage, Qualität usw.;
3 vollständige Verträge (complete contracts), in welchen alle Bedingungen spezifiziert sind.
Diese Idealisierungen werden explizit und in vollem Bewusstsein als solche gesetzt. Auch sind Idealisierungen in allen empirischen Wissenschaften gang und gäbe. Diese Stelle der Theorie ist also weder für eine innerdisziplinäre noch eine philosophische Kritik sehr aufregend. Für unser Anliegen sind diese Idealisierungen interessant, sofern sie eine Grenzfläche verdecken. Unvollständige Information beispielsweise kann ein Ausdruck und Mittel von Machtungleichheiten sein. Der Begriff der Machtverhältnisse ist aber ein soziologischer, und in diesem Sinne verdeckt die Fiktion des perfekten Marktes eine Grenze zur Gegenstandssphäre der soziologischen Untersuchung (dazu später mehr, ↓ 3.4, S. 86).
Man beachte, wie abschließend bemerkt werden sollte, dass sich auf dem (idealen) Markt das Pareto-Optimum immer von allein und zwangsläufig einstellen wird. Dies ist auch die Aussage des sog. Ersten Wohlfahrtstheorems. Hierin gründet der tief verwurzelte Glaube, dass jeder Eingriff in den Markt, insbesondere von staatlicher Seite, zwangsläufig schädlich sein wird, da der gestörte Markt das Pareto-Optimum unweigerlich verfehlen muss und sodann nur einen global schlechteren Zustand erreichen kann. Die Lehre vom Pareto-Optimum ist die moderne Fassung der »unsichtbaren Hand«, als welche Adam Smith den Mechanismus beschrieb, wonach das allgemeine Wohl befördert wird, indem jeder nach seinem eigenen Gewinn strebt.24 Die Rolle der Institutionen muss sich in diesem Bild umgekehrt darauf beschränken, ein Marktversagen (market failures) zu korrigieren, wie es sich aus den Beeinträchtigungen des unvollkommenen Markts ergeben kann. Diese Lehre beruht dabei wohlgemerkt nicht auf empirischen Studien, sondern resultiert allein aus der begrifflichen Anlage der neoklassischen Theorie. Sie hat damit einen auf fatale Weise zwieschlächtigen Charakter: sie ist einerseits nicht ohne Weiteres fundiert, andererseits aber von einem Anhänger der Neoklassik nicht abzustreifen, da sie kein ideologisches Versatzstück, sondern seinen Modellen eingeschrieben ist.25
2.2.5 Werte und Preise: Das Marginalprinzip
Die Vorstellung vom Gütertausch zur wechselseitigen Nutzenmaximierung enthält implizit eine ökonomische Werttheorie. Die ältere Politische Ökonomie von David Ricardo bis Marx ging von einem (in bestimmtem Sinne) objektiven und den Gütern intrinsischen, nämlich durch die in der Produktion verausgabte Arbeit bestimmten Wert aus, der die Tauschproportionen und somit insbesondere die Preise bestimmte. In dem Bild des Tausches, wie wir es eben nachzeichneten, fehlt allerdings eine solche äußere Zwangsbedingung. Die Individuen tauschen in Proportionen, die sich allein aus dem Streben nach Nutzenmaximierung unter gegebenen Gütermengen und Präferenzordnungen ergeben. Man könnte sagen, an die Stelle des objektiven Werts sei die subjektive Wertschätzung getreten.
Erinnern wir uns daran, dass der Nutzen eines Gutes von der bereits im Besitz befindlichen Menge solcher Güter abhängt, nämlich jedes weiter hinzutretende Gut von geringerem Nutzen ist. Dieses Prinzip des Grenznutzens ist grundlegend für die neoklassische Ökonomie, auf ihm basiert insbesondere auch die neoklassische Theorie der Produktion und des Lohns (↓ 2.2.6, S. 31). Seine Stärke wird meist anhand des sogenannten Wertparadoxes aufgezeigt, welches in der merkwürdigen Tatsache besteht, dass ziemlich nutzlose Diamanten viel teurer sind als überlebenswichtiges Wasser. Das Paradox lässt sich durch das Marginalprinzip leicht auflösen: entscheidend für den Preis ist nicht der Nutzen, sondern der Grenznutzen, das heißt der Nutzen einer zusätzlichen Wareneinheit über den Bestand hinaus. Wasser ist (vielerorts, angeblich) in Hülle und Fülle vorhanden, Diamanten hingegen sind rar. Eine jeweilige zusätzliche Einheit wird daher anders bewertet, als es die praktische Bedeutung der Güterart erwarten ließ. Es ist freilich nicht so, dass die älteren Ökonomen diesem Paradox hilflos ausgesetzt waren. Das Paradox tritt im Gegenteil nur auf, wenn der ökonomische Wert durch den Gebrauchswert determiniert werden soll. Bei Ricardo oder Marx waren dies aber strikt unterschiedene Dimensionen. Gebrauchswert wurde zwar als Bedingung dafür betrachtet, dass sich ein Gut überhaupt verkaufen lässt, der Preis wurde aber als durch andere Größen bestimmt vorgestellt, nämlich durch die zur Herstellung notwendige Arbeitszeit.
Bleibt darzulegen, wie sich aus dem Marginalprinzip über die Marktpreise das konkrete Konsumverhalten ableiten lässt. Verfügt ein Marktakteur über eine gegebene Menge Geld und kann dafür in frei zu wählendem Verhältnis zwei verschiedene Produkte erstehen, wird er das Verhältnis so wählen, dass die beiden Gütermengen x und y zu identischen Grenznutzen für jede weitere ausgegebene Geldeinheit führen. Denn solange die Grenznutzen nicht dieselben sind, könnte der Akteur seinen Nutzen maximieren, indem er seinen Warenkorb zugunsten des Produkts mit höherem Grenznutzen umschichtet. Es stellt sich mithin mechanisch ein Gleichgewicht ein, in welchem das Verhältnis der Gütermengen x/y schließlich so bestimmt ist, dass das Verhältnis ihrer relativen Preise P (x)/P (y) für diesen Akteur gleich dem Verhältnis ihrer beider Grenznutzen MU (für marginal utility) ist:
MU(x)/P(x) = MU(y)/P(y) bzw. P(x)/P(y) = MU(x)/MU(y). (2 - 1)
So ergibt sich für das jeweilige Individuum der relative Preis zweier Güter genauer als das Verhältnis ihrer beider Grenznutzen. Diese subjektive Wertlehre macht die sogenannte Grenznutzenlehre aus, die in den 1870ern entstand und mit den Namen William Stanley Jevons, Léon Walras und Carl Menger verbunden ist. Die Attraktivität, die dieser Ansatz für die Ökonomen hat, beruht nicht zuletzt darin, dass das Marginalprinzip eine direkte Entsprechung in der mathematischen Ableitung hat, was es erlaubt, allen Sätzen dieser Theorie einen eleganten mathematischen Ausdruck zu geben.
2.2.6 Produktion und Löhne
Was auf dem Markt gekauft oder getauscht wird, muss freilich zuerst produziert werden. Hinter der neoklassischen Theorie der Produktion steht die Überlegung, dass sich der Produzent oder das Unternehmen im Grunde genau so verhält wie der Konsument auf dem Markt: er muss die sogenannten Produktionsfaktoren, welche er zur Produktion benötigt, (in der Regel auf Kredit) einkaufen – vor allem Maschinen (= Kapital, K) und Arbeit (L) – und diese sodann so ins Werk setzen, dass er seinen Profit maximiert. An die Stelle des Grenznutzens tritt die Grenzproduktivität. Die Grenzproduktivität ist der durch eine zusätzliche Einheit des Produktionsfaktors erzielte zusätzliche Output. Wie der Grenznutzen wird auch die Grenzproduktivität als eine fallende Funktion betrachtet: Bei konstanter Menge von Maschinen und Werkzeug nimmt der zusätzliche Output pro weiterem Arbeiter ab. Halten wir sogleich fest, dass die neoklassische Produktionstheorie im Grunde nichts über die Produktion verrät, beispielsweise was in der Produktion geschieht und wie der Wert entsteht. Sie ist eine reine Theorie der Ressourcenallokation.
Zwei Szenarien können nun diskutiert werden: (1.) Es steht eine gegebene Menge a einer Ressource zur Verfügung, und es ist zu bestimmen, wie diese zwischen verschiedenen Produktionszweigen, also verschiedenen Warenarten verteilt wird. (2.) Es steht in einem Produktionszweig eine Geldmenge zur Verfügung – die Investitionssumme –, und es ist zu bestimmen, wie diese optimal auf die verschiedenen, notwendigen Produktionsfaktoren verteilt wird. Ziel ist jeweils die Profitmaximierung. Das Ergebnis ist in beiden Szenarien im Grunde dasselbe. Bringt ein zusätzlicher Input von Faktor a im Produktionszweig x mehr als in y, wird er dorthin umgeschichtet, bis Gleichheit der Grenzproduktivitäten pro verwendeter Geldeinheit erreicht ist. Bringt im Produktionszweig x ein zusätzlicher Input von Faktor a mehr als einer von Faktor b, wird sich das Verhältnis zugunsten von a verschieben. Der erste Fall führt auf Gleichheit der Grenzproduktivitäten pro verwendete Geldeinheit desselben Faktors für verschiedene Waren, der zweite Fall umgekehrt auf Gleichheit der Grenzproduktivitäten pro verwendete Geldeinheit verschiedener Faktoren in der Produktion derselben Ware. Wie schon in der Markttheorie wird jeweils ein Pareto-Optimum erreicht und somit ein Gleichgewichtszustand, in welchem Rahmengrößen des Geschehens einen statischen Wert annehmen.
Wir werden nicht weiter in die technischen Details eindringen. Notieren wir als wichtigstes Ergebnis, dass, wie der zweite Fall zeigt, im Gleichgewicht die Preise der Produktionsfaktoren schließlich ihrer jeweiligen Grenzproduktivität proportional sein werden. Dieses Ergebnis hat eine unmittelbare und konkrete Bedeutung, da sich die Ökonomen vor allem für die Produktionsfaktoren Kapital und Arbeit interessieren. Der Preis der Arbeit ist aber nichts anderes als der Lohn, und der Preis des Kapitals entsprechend der Lohn des Investors, also die Rendite. Die neoklassische Produktionstheorie erlaubt es also, die Aufteilung des erwirtschafteten Profits zwischen dem Kapitalisten und den Arbeitern abzuleiten. Die Abhängigkeit des Outputs von den Faktoren Kapital und Arbeit wird als Produktionsfunktion bezeichnet:
Y = F (K(L). (2 - 2)
Die Gestalt der Funktion hängt von der jeweiligen Produktionstechnik ab. Ist sie bekannt, erhält man Löhne und Rendite sofort durch eine einfache mathematische Operation (die partiellen Ableitungen). Dieses Ergebnis hatte in der Situation der Systemkonkurrenz mit dem sozialistischen Ostblock eine enorme Bedeutung, da es impliziert, dass es keine Ausbeutung gibt. Die Theorie zeigt vielmehr, dass jeder – Kapitalist, Manager, Facharbeiter, ungelernter Arbeiter – genau das verdient, was seiner Grenzproduktivität entspricht – mit anderen Worten: dass jeder verdient, was er verdient.26
Steht also alles zum Besten in der besten aller Welten? Tatsächlich hat die neoklassische Produktionstheorie ernstzunehmende Defekte, deren Konsequenzen über die Neoklassik beredt Auskunft geben. Als erstes wird man feststellen, dass als Produktionsfaktoren nur Maschinen und Arbeitskraft in Betracht gezogen werden, Land, Rohstoffe und Energie aber gänzlich fehlen. Über die Gründe lässt sich spekulieren. Der amerikanische Sozialwissenschaftler Jason W. Moore sieht in dem Umschwung von einer auf der Produktivität des Landes beruhenden Reichtumsmatrix zu einer solchen, die in der Produktivität der menschlichen Arbeit gründet, den historischen Epochenwandel hin zum kapitalistischen Zeitalter abgebildet. Arbeit ist nun die Quelle des Werts und die Natur zu einer Ressource herabgestuft (näheres zu Moores Ansatz ↓ S. 171).27 Andere Autoren verweisen auf die Tatsache, dass sich die Grenzproduktivität in den Preisen widerspiegelt und die niedrigen Preise für Rohstoffe und Energie im 20. Jahrhundert, als die neoklassische Produktionstheorie formuliert wurde, als ein Hinweis auf die geringe Bedeutung dieser Faktoren aufgefasst wurde. Der Anteil der Energiekosten an den Produktionskosten liegt in der Tat nur bei etwa 5 - 6 %, was aber schlicht daran liegt, dass sogar endliche Ressourcen billig zu haben sind.28 Ein dritter möglicher Grund für die Vernachlässigung kann darin liegen, dass der Zweck der Produktionstheorie wie eben berichtet letztlich die Rechtfertigung der Einkommensverhältnisse durch objektive Faktoren ist, und die Natur (Land, Rohstoffe, Energie) zwar als Produktionsfaktor auftreten mag, aber nicht bei der Verteilung des Profits zu berücksichtigen ist. Wie dem auch sei, in jedem Fall ist der neoklassischen Produktionstheorie damit ein ökologisches Defizit eingeschrieben.
Die Vernachlässigung des Produktionsfaktors Land hat zweitens aber auch unmittelbare und fatale technische Konsequenzen. Es stimmt selbstverständlich, dass zu verschiedenen historischen Zeitpunkten mit verschiedenem technischem Entwicklungsstand Kapital und Arbeit unterschiedlichen Anteil an der Produktion haben (mit dem technischen Fortschritt und dem Einsatz hochentwickelter Maschinen steigt der Kapitalfaktor). Zur Analyse eines solchen historischen Wandels ist die neoklassische Produktionstheorie in ihrer Eigenschaft als Theorie eines fixen Gleichgewichts nun prinzipiell nicht geeignet.29 Betrachten wir hingegen einen gegebenen Zeitpunkt, so kann umgekehrt das Verhältnis der Faktoren Arbeit und Kapital nicht frei gewählt werden, wie es der Formalismus der neoklassischen Produktionstheorie aber in der Produktionsfunktion F (K(L) unterstellt. Für die Landwirtschaft mit Boden als regenerativer Ressource mag noch stimmen, dass der Einsatz von Maschinen und Handarbeit recht frei variiert werden können. Aber gerade für die Industrieproduktion, auf welche sich die Neoklassik fixiert, indem sie den Faktor Land fallen lässt, stimmt dies ironischerweise nicht mehr. Denn hier ist das Verhältnis von Maschine und Arbeit, also die Zahl der Arbeiter an einer bestimmten Maschine, durch die Organisation der Fabrik fest vorgegeben. Es sind mithin die Voraussetzungen gar nicht erfüllt, um überhaupt ein Grenzprodukt zu definieren, womit die neoklassische Lohntheorie in sich zusammenfällt.30 Richtiger ist es vermutlich, die ganze Gleichgewichtsannahme aufzugeben und das Verhältnis der Produktionsfaktoren als empirische Charakteristik der eingesetzten Produktionstechnik zu betrachten.31
2.2.7 Pareto-Prinzip und soziales Wohl
Wir werden im folgenden Kapitel weitere Kritik am Konzept des Pareto-Optimums kennenlernen. Dazu ist es aber wichtig, zu verstehen, dass seine Formulierung zu seiner Zeit durchaus auf ein theoretisches Problem antwortete und insofern einen Fortschritt bedeutete.
Wir sahen schon, dass ein zentraler Begriff der Neoklassik der des Nutzens ist. Damit weist die Neoklassik auf den englischen Utilitarismus zurück, welcher im Nutzen auch den Schlüssel zu normativen Fragen der Ethik sah, die durch Kalkulation des Nutzens beantwortet werden sollten (utility calculus). Hat man es nun mit mehreren Individuen zu tun, können sich allerdings Probleme einstellen. Stiehlt der Verhungernde dem Satten ein Brot, wiegt dann nicht sein Gewinn den geringen Verlust des anderen auf? Man ist versucht, dies zu bejahen. Aber dazu müsste man den Gewinn des einen mit dem Verlust des anderen vergleichen können. Just dies ist durch den subjektiven Nutzenbegriff ausgeschlossen, da dieser keinen intersubjektiven Maßstab kennt. Intersubjektive Nutzenvergleiche sind prinzipiell ausgeschlossen, wie die Ökonomen bald feststellten.32 Es ist keine Überraschung, dass man im Rahmen eines streng individualistischen Ansatzes in Schwierigkeiten gerät, sobald man es mit kollektiven Größen wie dem Gesamtnutzen zu tun hat.
Hier kommt das Pareto-Prinzip ins Spiel. Es erlaubt nämlich durchaus, diese Klippe zu umschiffen und von einem Optimum für ein Kollektiv zu sprechen, ohne sich auf ein Maß des kollektiven Wohls beziehen zu müssen. Zwar kann man in einer Situation, in welcher ein Individuum sich verbessert, während ein anderes sich verschlechtert, prinzipiell nicht bestimmen, ob der Nutzengewinn des einen den Verlust des anderen überwiegt und so zu einem höheren Gesamtwohl führt. Verbessert sich jedoch einer, ohne dass sich ein anderer verschlechtert, so lässt sich diese Frage gleichwohl bejahen, und wenn eine Situation erreicht ist, in welcher sich niemand mehr weiter verbessern kann, ohne dass sich ein anderer verschlechtert, ist in diesem Sinne ein Optimum erreicht.
Für viele volkswirtschaftliche Anwendungen ist das Pareto-Prinzip freilich in einer weniger restriktiven Formulierung maßgeblich. Betrachten wir dazu das Beispiel, an welchem diese Fragen ursprünglich diskutiert wurden, was auch deshalb interessant ist, weil es uns zugleich an den ursprünglichen Kontext der Diskussion erinnert, nämlich die Frage nach dem Freihandel: Die Aufhebung der Korngesetze 1846, welche die britische Landwirtschaft schützen sollten, hatte einerseits zur Folge, dass der Kornpreis sank, die gesamte Bevölkerung also für den selben Betrag eine höhere Menge Korn erstehen konnte, sprich derselbe Lohn einem höheren Realeinkommen entsprach, führte andererseits aber auch zu einer Einkommensverschiebung, in diesem Fall zuungunsten des Landadels, der unter dem Druck der ausländischen Konkurrenz nun sein Korn zu geringerem Preis verkaufen musste. Wie sieht die utilitaristische Gesamtbilanz aus? Wir stehen wieder vor dem Problem, den eventuellen Nutzenverlust der einen gegen den Gewinn der anderen verrechnen zu müssen, was nicht möglich ist. Andererseits haben wir es lediglich mit Geldmengen zu tun, die vom Staat durch neue Steuern und Kompensationszahlungen wieder umverteilt werden können. Und so lässt sich – zumindest im Prinzip – dennoch feststellen, ob eine Reform von positivem Gesamtnutzen ist: genau dann nämlich, wenn nach Entschädigung des Benachteiligten die Bevorzugten noch einen Nettogewinn zu verbuchen haben.
Diese Überlegung, die erstmalig von Nicholas Kaldor und John R. Hicks angestellt wurde, wartet allerdings noch mit einer – wie manche meinen: zynischen – Pointe auf. Die beiden Ökonomen sind sich nämlich darin einig, dass die Frage, ob die Entschädigung auch gezahlt werden solle, eine Frage der Verteilungsgerechtigkeit sei, zu welcher die Ökonomen als Wissenschaftler nichts zu sagen haben.33 Sie klammerten diesen Aspekt daher aus und betrachteten nur den »potentiellen« Fall. Eine Reform ist nach diesem sogenannten Kaldor-Hicks-Kriterium also auch dann zu begrüßen, wenn sie nur eine potentielle Pareto-Verbesserung bewirkt, diese also theoretisch möglich ist, auch wenn de facto Gewinn und Verlust höchst ungleich verteilt werden und gegebenenfalls eine gesellschaftliche Ungleichheit noch verstärken.
Diese Verallgemeinerung des Pareto-Prinzips ist von enormer Bedeutung. Sie erlaubt es den Ökonomen, Fragen der Effizienz von denen der Verteilung zu trennen. Damit ist die Möglichkeit gewonnen, nüchtern eine Kosten-Nutzen-Analyse vorzunehmen, ohne auf Fragen der Gerechtigkeit eingehen zu müssen. Solche Analysen bilden die Grundlage für wirtschaftspolitische Empfehlungen durch die Ökonomen (economic policy). Die Abkopplung von Verteilungs- und Gerechtigkeitsfragen macht dabei die Objektivität – im Sinne von Wertfreiheit – dieser Empfehlungen aus.34 Diese Auffassung knüpft an die Position Max Webers im Werturteilsstreit an. Sich gegen die bekenntnishaften »Kathederwertungen« und »Professoren-Prophetie« wendend, d. h. gegen »weltanschauliche« und »parteipolitische« Stellungnahmen des Wissenschaftlers, suchte Weber den reinen, wertfreien »fachmäßigen« Standpunkt zu setzen.35 Der begriffliche Schlüssel dazu bestand für ihn in der Trennung zwischen Zwecken und Mitteln, auf welche sich dann die Trennung von Werturteilen und Tatsachenurteilen abbilden lässt: Der Wissenschaftler kann nur empirisch über die Eignung eines Mittels zu einem Zweck urteilen. Ob aber ein Zweck wünschenswert sei, stellt ein Werturteil dar, welches er sich versagen muss. In gesellschaftlichen Fragen muss darüber etwa im politischen Diskurs entschieden werden. Die Gesellschaft muss sich also darüber klar werden, was sie will, und der Wissenschaftler kann ihr dann sagen, ob und wie sich diese Zwecke am besten erreichen lassen. Diese Auffassung steht offenkundig auch hinter dem Unterfangen, den Verteilungs- vom Effizienzaspekt zu separieren. Befördert wurde diese Haltung noch von der neopositivistischen Wissenschaftsphilosophie des Wiener Kreises – mit starkem Einfluss etwa auf Robbins –, welche die empirischen Urteile für die einzig sinnvollen erklärte und somit die Werturteile nicht nur abtrennte, sondern überhaupt suspekt erscheinen ließ.
Erlauben wir uns schon an dieser Stelle einen kritischen Blick. Problematisch ist dieser Zug aus zwei Gründen. Erstens wird die Frage übergangen, ob die Verbesserung aller auch praktisch möglich ist. Man sieht sofort, warum es den Ökonomen legitim erscheinen muss, diese Frage auszuklammern: es handelt sich um eine soziologische Frage, denn Möglichkeit und Unmöglichkeit hängen von außerökonomischen Faktoren ab. Hier berühren wir eine Grenzfläche, welche die Ökonomen ausblenden. Darf man sie allerdings nicht ausblenden, wie die Kritiker der Neoklassik meinen, so wird die Frage nach der praktischen Realisierbarkeit wieder relevant.
Der zweite Grund hat mit der Trennung von Effizienz- und Distributionsaspekten zu tun. Wie können die Ökonomen einerseits die Distributionsfrage als eine Wertfrage kenntlich machen und als solche ausklammern, andererseits aber anhand des Effizienzkriteriums entscheiden wollen, ob eine politische Reform wünschenswert ist? Ist letzteres etwa keine Wertfrage? Eine Effizienzsteigerung im Sinne einer potentiellen Paretoverbesserung ist den Ökonomen ja nicht nur als Mittel zum Zweck, sondern an sich erstrebenswert. Die Ökonomen leugnen diese Wertdimension, indem sie ihr Kriterium der Effizienzsteigerung nicht auf einen externen Wertmaßstab gründen, sondern sich auf die ›Naturanlage‹ des Individuums berufen (d. h. eigentlich auf die Modellannahme), beständig nach mehr zu streben. Wünschenswert soll also heißen: wünschenswert für die Individuen. Die Ökonomen erlauben sich also, im Namen der Individuen zu sprechen und die Effizienzsteigerung als deren ureigentliches Interesse darzustellen. Nun beachte man aber: Die Ökonomen geben vor, über den faktischen Nutzen einer Reform im Namen der Individuen zu urteilen. Aber nun ist es ja gerade so, dass de facto nicht alle, vielleicht gar nur eine Minderheit eine Verbesserung erzielt, und die übrigen sich unter Umständen sogar verschlechtern. Die Ökonomen sprechen über eine faktische Reform, aber nicht im Namen der faktisch betroffenen Individuen, sondern der Individuen unter hypothetischen Umständen, an deren Herbeiführung sie in der Regel selbst nicht glauben. Hier klafft eine Lücke in der Argumentation, die nur durch die Annahme überbrückt werden kann, dass es einer Gesellschaft besser geht, wenn sie reicher ist, auch wenn der Reichtum ungleicher verteilt ist. Aber dies ist eine Annahme über das kollektive Wohl, welche zu begründen wäre, als unbegründete aber ein Werturteil der Ökonomen kaschiert.
Es ist der Mühe wert, diesen Punkt in technischen Begriffen herauszuarbeiten. Bereits 1941 zeigte der ungarische Ökonom Tibor de Scitovsky, dass das Kaldor-Hicks-Kriterium zu widersprüchlichen Resultaten führen kann, da es Situationen zulässt, in welchen der Übergang von einem Zustand X zu einem anderen Zustand Y ebenso wünschenswert ist wie der umgekehrte Übergang.36 Dieses Paradox kann man auch am Beispiel der Korngesetze aufzeigen, also am Streit um den Freihandel. Abbildung 2 zeigt die sogenannte Nutzenmöglichkeitsgrenze, welche den je höchstmöglichen Nutzen eines Akteurs als Funktion desjenigen der anderen Akteure zeigt. Es handelt sich also um alle Pareto-optimalen Kombinationen von Nutzenwerten. Wir betrachten ein System, in welchem sich ein Konsument und ein Produzent gegenüberstehen, und welches den Punkt X einnimmt. Ein Übergang vom Freihandel zur Protektion des fraglichen Produktionszweiges würde das System an den Punkt Y verschieben, dem eine veränderte Nutzenmöglichkeitsgrenze zugeordnet ist. Der Produzent würde sich verbessern, der Konsument verschlechtern. Gleichwohl wäre diese politische Reform nach dem Kaldor-Hicks-Kriterium wünschenswert, da auch nach Entschädigung des Konsumenten, d. h. Übergang auf der Nutzenmöglichkeitsgrenze von Y zu Y ′, der Produzent noch einen Gewinn davonträgt. Allerdings gilt auch das Umgekehrte: Steht das System an Punkt Y, stellt der Übergang zum Freihandel eine potentielle Paretoverbesserung dar, da nach Entschädigung des Produzenten (X zu X ′) der Konsument nach wie vor besser dasteht.

Abb. 2: Das Paradox von de Scitovsky: Sowohl der Übergang von X zu Y als auch seine Umkehrung stellen eine potentielle Paretoverbesserung dar.
Die Wurzel dieses Problems liegt darin, dass die Entschädigung nicht tatsächlich vorgenommen werden muss. Muss sie dies doch, ändert sich die Situation nämlich grundlegend. Denn nun gilt: Wenn eine Gesellschaft am Punkt X angesiedelt ist, ist ein Übergang zum Protektionismus inklusive Entschädigung des Konsumenten, d. h. zu Punkt X ′, eine Pareto-Verbesserung; umgekehrt, wenn sie durch den Punkt Y beschrieben wird, stellt ein Übergang zum Freihandel mit Entschädigung des Produzenten eine Pareto-Verbesserung dar. Das Paradox verschwindet. Zugleich sieht man aber deutlich am hervorgehobenen Wenn-Teil der ausgesprochenen Empfehlungen, dass man es nunmehr mit einer bedingten Empfehlung zu tun hat. Gegenstand der Bedingung ist aber die bestehende Einkommensverteilung. Dies bedeutet jedoch, dass sich Fragen der Effizienz und der Verteilung mitnichten voneinander trennen lassen. Die Diskussion in technischeren Begriffen zeigt mithin sehr präzise die Fragwürdigkeit der Objektivität wirtschaftspolitischer Empfehlungen, die auf dem angeblich wertfreien Effizienzkriterium gegründet sind.37 Auf dieser Grundlage können auch renommierte Ökonomen wie der Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph Stiglitz ihrem Fach vorwerfen, sich von einer wissenschaftlichen Disziplin zu einem cheerleader des laissez-faire-Kapitalismus gewandelt zu haben.38
2.2.8 Spieltheorie
Der Rationalitätsbegriff der Neoklassik hat keine Tiefe. Er beschreibt lediglich die Präferenzstruktur des als Nutzenmaximierer aufgefassten Akteurs. Es ermangelt der Neoklassik einer Theorie, welche Wege zum Optimum es gibt und welchen davon das Individuum einschlägt. 1944 präsentierten die beiden amerikanischen Emigranten John von Neumann und Oskar Morgenstern in dem heute klassischen Buch Theory of Games and Economic Behavior einen Ansatz, diese Lücke zu füllen – und zwar in Form eines mathematischen Formalismus, wo die Neoklassik nur einige qualitative Hinweise bereithielt. Von Neumann und Morgenstern wollten insbesondere der Wechselwirkung der Akteure Rechnung tragen, wodurch ein schwieriges Problem gestellt ist:
[Der Teilnehmer einer sozialen Tauschökonomie] versucht ein optimales Ergebnis zu erzielen. Um dies zu erreichen, muss er jedoch in Austauschbeziehungen zu anderen treten. Wenn zwei oder mehr Personen untereinander Güter tauschen, wird für jeden das Ergebnis im Allgemeinen nicht bloß von den eigenen Handlungen, sondern ebenfalls von denen der anderen abhängen. Jeder Teilnehmer sucht also eine Funktion zu maximieren, deren Variablen er nicht sämtliche kontrolliert. Dies ist offenkundig kein Maximierungsproblem mehr, sondern ein irritierendes Gemenge konfligierender Maximierungsprobleme. Jeder Teilnehmer wird durch ein anderes Prinzip angeleitet und keines bestimmt alle ihn tangierenden Variablen. – Für ein solches Problem hält die klassische Mathematik keine Theorie bereit.39
Diese Analyse teilt den reduktionistischen Individualismus der Gleichgewichtstheorie, dem die beiden Autoren ausdrücklich beipflichten. Sie ergänzen diese Theorie hingegen um einen wichtigen Aspekt, der in ihr nicht vorgesehen war: Der homo œconomicus ist stumm und teilnahmslos. Insbesondere unterscheidet er nicht zwischen Variablen, die die unveränderliche Umwelt beschreiben, und solchen, die vom Willen der anderen Akteure abhängen, von »Motiven, die ihrer Natur nach den seinigen identisch sind«. Diese Unterscheidung ändert sein Verhalten tiefgreifend, da er eine Erwartung über das Verhalten anderer ausbilden wird und weiß, dass dieses umgekehrt ihre Erwartungen über sein Verhalten widerspiegelt.40 Mit einem Wort: sein Verhalten wird strategisch.
Die mathematische Theorie, die hier beispringt, ist die Spieltheorie oder Theorie der Strategiespiele, welche von Neumann schon in den 1920er Jahren ausgearbeitet hatte.41 Das Marktgeschehen stellt dabei das ›Spiel‹ dar, nämlich einfach ein regelgeleitetes Geschehen. Wo die Akteure Wahlmöglichkeiten haben, machen sie ›Spielzüge‹. Die festen Muster und Prinzipien ihrer Züge bilden ihre ›Strategie‹. Wie auch schon für den Begriff des rationalen Verhaltens gilt für den Begriff der Strategie, dass seine Anwendung nicht auf bewusst geplante Handlungen eingeschränkt ist. Auch das Verhalten eines seinem Instinkt oder seinen Affekten folgenden Akteurs wird als Strategie beschrieben. Dies ist insbesondere für die Anwendung spieltheoretischer Methoden in der evolutionären Forschung von Bedeutung.
Das bekannteste Fallbeispiel einer spieltheoretischen Analyse stellt sicherlich das sogenannte Gefangenendilemma dar. Es ist zugleich aber auch ein problematischer Fall, der die Grenzen des individualistischen Ansatzes spürbar werden lässt, weshalb er von besonderem Interesse für uns ist. Das Gefangenendilemma wird uns insbesondere in der Frage des Umgangs mit öffentlichen Gütern wieder begegnen. Betrachten wir es hier schon näher.
Das Gefangenendilemma handelt von zwei Verbrechern A und B, die sich von der Polizei haben schnappen lassen und nun – getrennt voneinander – verhört werden. Ihr Verhalten – Gestehen oder Leugnen – wird Konsequenzen für die zu erwartende Länge der Haftstrafe haben. Allerdings hängt der Urteilsspruch von beider Verhalten ab, womit die von von Neumann und Morgenstern beschriebene Situation prototypisch realisiert ist: jeder einzelne hat es mit einem Maximierungsproblem zu tun, über dessen Variablen er nur partiell Kontrolle ausübt, partiell aber auch andere Akteure (Maximierung des Nutzens heißt hier natürlich Minimierung der Haftzeit). Das konkrete Szenario ist folgendes: Es drohen jedem sechs Jahre Haft. ›Kooperieren‹ sie und schweigen beide, werden sie aufgrund der dünnen Beweislage jeweils zu drei Jahren Haft verurteilt. ›Defektiert‹ einer von beiden und gesteht, kommt er mit einem Jahr davon, während der andere die vollen sechs Jahre absitzen muss. Gestehen beide, müssen sie infolge immerhin nur vier Jahre einsitzen.
| Das Gefangenendilemma: | |||
| A | |||
| gesteht | schweigt | ||
| B | gesteht | je 4 Jahre | 6 Jahre für A 1 Jahr für B |
| schweigt | 1 Jahr für A 6 Jahre für B | je 3 Jahre | |
Die eigentliche Schwierigkeit entsteht dadurch, dass die beiden Verbrecher ihr Verhalten nicht abstimmen können. So empfiehlt sich jedem, zu gestehen, weil man nur so unabhängig vom Verhalten des anderen die Höchststrafe vermeidet. Gesteht der andere ebenfalls, hat man die 4 Jahre abzusitzen, schweigt der andere, sogar nur ein Jahr. Da sich für beide die Situation gleich darstellt, sollten sie auch beide diese Option wählen und defektieren. Man spricht von einem (starken) Nash-Gleichgewicht: in diesem Zustand kann sich jeder der Spieler durch einseitige Strategieänderungen nur verschlechtern.42 Freilich gelangen die Spieler mit dieser rationalen Strategie zu einem pareto-inferioren Resultat, denn im Falle der Kooperation hätten sie beide besser dagestanden! Dies ist der Kern des Dilemmas: die aus je individueller Perspektive rationale Strategie führt zu einem für alle dürftigen Ergebnis. Hier trifft man auf ein ernsthaftes Problem individualistischer Rationalität.
Entwickelt wurde die Spieltheorie übrigens als Analyseinstrument im Kalten Krieg. Erst vor diesem Hintergrund erhellt die Bedeutung der absoluten Nichtkommunikation zwischen den Gefangenen, die für die nuklearen Großmächte stehen. Das Nash-Gleichgewicht ist insbesondere also die theoretische Grundlage für das »Gleichgewicht des Schreckens«. Es ist interessant zu notieren, dass Nash in seiner Arbeit die Modellannahmen noch einmal gegenüber dem Ansatz von Neumanns und Morgensterns verschärfte. Während diese sich auch intensiv mit der Rolle von Koalitionsbildungen in Spielen mit mehr als zwei Spielern auseinandersetzen, schloss Nash diese ausdrücklich aus. Seine Spieler agieren vollkommen unabhängig, sie kennen weder Kommunikation noch Koalition. Dieses düstere Bild wurde tatsächlich erst in einem zweiten Schritt auf die Analyse der Wirtschafts- und schließlich auch anderer sozialer Prozesse übertragen, die mithin als eine Art verallgemeinerter Kalter Krieg verstanden wurden.
Vor diesem Hintergrund ist es besonders bemerkenswert, wie sich das Bild ändert, wenn das Spiel des Gefangenendilemmas über mehrere Runden gespielt wird, so dass die Spieler die Möglichkeit erhalten, auf das Verhalten des Mitspielers in der Vorrunde zu reagieren. Die optimale Strategie besteht darin, im ersten Zug Kooperationsbereitschaft zu signalisieren und sodann immer den Zug des anderen nachzuahmen, so dass seine Kooperation mit selbiger belohnt, die Defektion aber mit selbiger bestraft wird. Diese Strategie wird als TIT FOR TAT bezeichnet (etwa: »wie du mir, so ich dir«). Treffen zwei TIT FOR TAT Spieler aufeinander, erreichen sie tatsächlich das Paretooptimum. Aber selbst wenn der Mitspieler einer anderen Strategie folgt, bleibt der TIT FOR TAT Spieler nahe am optimalen Ergebnis. Er ist kein ›naiver‹ Kooperationspartner, dessen Strategie sich ausnutzen ließe.43 Es lässt sich zeigen, dass diese Strategie es zumindest im Ansatz erlaubt, die Entstehung kooperativen Verhaltens in einer rein egoistischen Umwelt zu verstehen. Dringt nur ein kleiner cluster von TIT FOR TAT Strategen in einer Population konsequenter Defektierer ein, kann er sich dort halten und entwickeln.44 Die Frage nach der evolutionären Entstehung von Kooperation und Institutionen ist heute ein zentrales Problem alternativer Ansätze in den Wirtschaftswissenschaften. Wir werden darauf zurückkommen.
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