Kitabı oku: «Lux»

Olivia Kuderewski, 1989 geboren, lebt in Berlin. Lux ist ihr erster Roman. Sie hat Vergleichende Literaturwissenschaft und Schreiben studiert, bisher in wenigen Anthologien veröffentlicht und noch keinen Preis gewonnen.
© Verlag Voland & Quist GmbH, Berlin und Dresden 2021
Korrektorat: Kristina Wengorz
Umschlaggestaltung: HawaiiF3
Satz: Fred Uhde
ISBN 978-3-86391-279-6
eISBN 978-3-86391-299-4
www.voland-quist.de

Inhalt
New York
Kapitel 1
Kapitel 2
Detroit
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Chicago
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Denver
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Las Vegas
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Anmerkungen
Ich danke
Wenn man in den Westen fährt, hat man die Sonne jeden Morgen im Rücken. Sie treibt einen in den eigenen Schatten und brennt auf den Hinterkopf, bis die Reste des Vorangegangenen verdampfen und träge in der Luft stehen bleiben, während man selbst nur noch ein Motorengeräusch in der Ferne ist.
Jeder, der sagt, ein Land kann man nicht vom Highway aus entdecken, hat recht. Hier muss ja auch gar nichts mehr entdeckt werden. Wenn man aber schnell fährt, über eine gewaltige Landmasse auf einer geraden Umlaufbahn, stundenlang und ununterbrochen, bis auf ein paar Kaffeepausen in den Diner, die immer gleich sind von Ost nach West, dann bekommt man eine Ahnung von der Masse und Oberfläche der Welt.
Auf der Umlaufbahn unterwegs zu sein, wird dann interessanter als alle Details im Inneren des Landes, denn man kann hier zusehen, wie sich die Erde in schnellen und groben Zügen umformt, unter einem Himmel, der sich ständig bewegt. Man sieht das Grundgerüst. Man sieht, wie sich die endlosen, flachen Maisfelder, durch deren Halme morsend die Abendsonne blitzt, irgendwann in Hügel verwandeln, und wenn man weiterfährt, sieht man durch die Windschutzscheibe, wie sich eine gezackte Wand aus dem Nichts materialisiert.
Eine Steinwand, die sich wie ein Scherenschnitt auf einen zuschiebt, bis man herunterschalten und hinauffahren muss ins Gebirge. Bis man die Fenster hochfahren muss, weil es immer kühler wird und der Wind schärfer und das Gestein immer grauer, splitternder und härter. Bis man auch die Baumgrenze passiert, dünne Luft, und am höchsten Punkt treibt der schnelle Wind Wolken auf Sichthöhe vorbei, denen man ungläubig hinterherglotzt.
Aber dann fährt man einfach wieder runter. Sieht die blauen Seen in die Täler gegossen, schlängelt sich halsbrecherisch an den Kanten der Abhänge entlang, und die Bäume vermehren sich wieder, stehen wieder dichter, werden zu Wald, Nationalwald, man fährt durch nationale Waldkathedralen, ein Baum nach dem anderen rast vorbei, und man kann die Fenster wieder öffnen, es riecht nach Harz, und man muss weniger und weniger bremsen, irgendwann muss man gar nicht mehr bremsen und rollt erleichtert wieder auf eine Ebene, auf der der Boden immer trockener wird.
Dann tauchen plötzlich diese bizarren Steinformationen auf. Erdrot vor dem jetzt wolkenfreien Himmel. Diese Bogen, die aussehen wie aus dem All gefallen, die der Wind aber eigentlich aus einem Urzeit-Meeresgrund herausgeweht hat, Staubkorn für Staubkorn, und die Canyons tauchen ebenso plötzlich auf, stürzen schockierend neben einem in die Tiefe, dieser viel zu steile Abgrund, an dem man sich ängstlich und mit offenem Mund vorbeistiehlt, weil er so erdzeitalt ist.
Aber selbst das verschwindet wieder, wenn man weiterfährt, und verliert seine Farben. Bleicht aus, bis man in den graugelben Staub kommt, der zu Hügeln zusammengepresst ist, abgerundete Hügel, die der seltene Regen schraffiert, durch die er Netze gezogen hat, die wieder erhärtet und stehen geblieben sind, als Sehnsucht nach dem Wasser, und man fährt die Fenster mit diesem elektrischen Surren wieder nach oben, dreht die Klimaanlage auf Anschlag, fährt einfach weiter, bis es anfängt, vor Hitze zu flimmern am fatamorganischen Horizont unter dem Meeresspiegel, dort, bei den Kakteen und den stacheligen Silberbüschen.
Da kommt man an den Punkt, an dem vor Hitze alles stillsteht. Auch der Wind. Aber wenn man sich nicht davon aufhalten lässt, sich nicht irritieren, einschläfern, umbringen lässt von der Hitze und dem kaum vorhandenen Herzschlag des Landes, wenn man doch weiterfährt, sich langsam hindurchquält, sozusagen über den Tod hinausfährt, ins Jenseitige, wenn man diese lang gezogene Durststrecke aushält, auf der man sich mit der mittlerweile keuchenden Klimaanlage und den fast leeren Wasserkanistern im Kofferraum bedroht, ausgetrocknet, zum Überleben gezwungen fühlt, dann kommen endlich die Palmen.
Man lässt die Fenster wieder herunter, und der Wind streicht einem die Haare aus dem Gesicht, riecht nach feuchtem Salz. Man schaltet das Radio an und singt wieder mit, denn man weiß ja, was kommt, wenn man jetzt weiterfährt, auf direktem Weg, wenn man jetzt noch den Rest schafft, brennend ungeduldig bis ans Ende des Landes, bis an seine Kante, sein Ufer, seine Auflösung im ewig wogenden Meerwasser, in das man sich nach all diesen Strapazen hineingleiten und in dem man sich sauber waschen lässt.
Und während man so fährt, stundenlang, tagelang, wochenlang, geht jeden Morgen die Sonne auf, erreicht ihren Zenit und geht abends wieder unter, und dazwischen – mal schwarz wie ein geschlossener Vorhang, mal so dicht gesprenkelt, dass die Sterne den dunklen Hintergrund des Universums überbieten – macht die Nacht immer wieder alles zunichte. Weil man es nicht schafft, die Sonne einzuholen, auch wenn man ihr ununterbrochen hinterherjagt.
New York
1
Lux greift nach dem Knöchel der Statue. Das Metall ist kühl und massiv, trotzdem sieht es fast flüssig aus in seinem Nachtlila, als könnte man den steifen Mantel doch noch aufschlagen und ihm die Stiefel ausziehen. Dieses Lila, denkt Lux beim Hochsehen, wieso wird es immer Lila, wenn sich die künstlichen Lichter kreuzen, das ist kein physikalischer, das ist ein magischer Effekt.
Sie fühlt die metallenen Schnürsenkel, die Stiefelnähte, die scharfe Kante zwischen Schuhkappe und Sohle, eine dicke Sohle, ein fester Schuh. Es ist ein Soldatenstiefel, unmenschlich groß, der Schnürschuh eines Militärpriesters, der auf einem matschigen Schlachtfeld steht, ein keltisches Kreuz im Rücken. Und sie streicht über diesen Stiefel, fasst an, betastet, was sie immer nur aus der Ferne gesehen hat, überlegt, ob sie einen Kuss auf das Metall drücken soll, stockt.
Du bist ja nicht seinetwegen hier.
Lux drückt noch einmal fest zu, als wollte sie ihm mit einem Ruck das Bein wegziehen, ihn aus dem Gleichgewicht bringen und von diesem Sockel herunterholen, auf dem er seit 1937 steht, die überdimensionierten Hände um die Bibel gekrampft, den Blick verärgert in die Zukunft gerichtet. Ein religiöser Glatzkopf mit schlechter Laune. Als wüsste er, dass die Millionen Touristen nicht seinetwegen kommen.
Dass auch du nicht seinetwegen kommst, dass er nur ein langweiliger Klotz zwischen richtigen Sensationen ist. Ein Priester aus Metall hat gegen halb nackte Models einfach keine Chance. Seine Stiefel glänzen nicht von Pilgerberührungen, sondern nur, weil die Stadt ihm jede Nacht die Stiefel schrubbt, du weißt das, du hast gesehen, wie er ihm jede Nacht die Stiefel schrubbt, der letzte echte shoe shine boy von New York.
Wenigstens flattern Father Duffys Mantelschöße ewig im Durchzug der Hochhauskorridore, auch dann noch, wenn die schönen Gesichter um ihn herum verrotten. Und auch, wenn sie in der leichten Brise dieser New Yorker Frühlingsnacht ein wenig zu stark flattern, auch, wenn sie gerade eigentlich in die völlig falsche Richtung wehen, egal. Sie tun es ewig und immer, auch jetzt, wo gerade niemand außer Lux zusieht, es ist zu tief in der Nacht.
Ihre Beine zittern, wenn sie die Knie nicht durchdrückt. Sie muss aufpassen, dass das Gewicht ihres Rucksacks sie nicht wie einen Käfer auf den Rücken wirft, neunzehn Kilo sind ein Drittel ihres Körpergewichts. Es zieht von den Fersen, die sich anfühlen, als liefe sie auf Knochen, bis zum steifen Jetlag-Nacken. Ihre klebrige Hand tastet nach den Verschlüssen des Rucksacks, klickt sie auf. Lux blinzelt die rote Treppe hoch.
Das letzte Stück Weg, nur noch ein paar Höhenmeter, die du überwinden musst.
Zum obersten Absatz sind es dreißig Stufen, die hat sie schon mehrmals gezählt. Lux lässt den Rucksack von den Schultern rutschen, er landet dumpf, und sie stolpert los, geradeaus, nach oben, beim rechten Fuß denkt sie mantrisch: Times, beim linken: Square, fünfzehnmal links, fünfzehnmal rechts, nicht, dass du je vergessen könntest, wie dieser Platz heißt, nicht, dass du je vergessen könntest, wo du bist, wo du dich fallen lässt, auf die Knie, die Knie schlagen auf dem obersten Absatz auf, die Arme zittern, es ist kein Saft mehr drin.
Sie kann den scharfen Schweiß in ihren Achseln riechen. Inhaliert Abgase und hört zu. Das ewige Nachtrauschen breitet sich um sie aus wie eine Samtdecke, auf der alle anderen Geräusche sanft aufprallen, sich entrollen, und sie muss nicht lange warten, da hört Lux sie schon, aus der Ferne, aber schneidend, triumphierend, ja heilig hallt sie durch die Hochhausschluchten: Die erste Krankenwagensirene. Schon in den Videos hat sie dieses Geräusch am meisten gemocht.
Lux schließt die Augen.
In ihrer Jogginghose ertastet sie die Camels und das Feuer. Sie streckt den Rücken, zieht den Nacken lang, schiebt die Ärmel ihres Pullis hoch, und so, ausgerüstet für ein Spektakel, bleibt sie sitzen und zählt gegen das ungeduldige Klopfen im Brustkorb bis zehn. Dann macht sie die Augen auf.
Das goldene M. Es strahlt von links in ihr Sichtfeld.
Du bist zu Hause, nein, du bist in Amerika, endlich, du bist da.
Das Neon der Schilder schießt in Lux wie Tinte in Wasser. Ihre Augen weiten sich von der Szenerie vor ihr. Scharf, grell und schön, sie hat die Fotos vom Platz seit Monaten vermieden, seit sie abgetaucht und immer blasser geworden ist. Sie steckt sich die Camel an, nimmt einen so tiefen Zug, dass sie husten muss, und fährt die Konturen der Blockbuchstaben auf den Bildschirmen gierig mit dem Blick ab. Sie starrt in reine, stechende Farben, darüber der Himmel, schwarz und unerkennbar, und ihr wird schwindlig vom Nachrichtenzipper, sie heftet sich an einen Buchstaben, folgt ihm, bis er digital verschwindet, dann der nächste, von vorne, so lange, bis die Muskeln hinter den Augen wehtun. Die Schärfe der Bildschirme. Lux frisst das Neon, verschlingt es, sie wird davon nicht satt. Körper und Gesichter, Klamotten und Masken und das Drama der Spielfilme, die sie alle kennt, auf hauswandgroßen LCDs, Schauspieler und Models, godzillagroß, aber zahm, mit verzogenen Gliedmaßen durch die Flucht der Straße. Und was ihr hier schon immer am besten gefallen hat: Das ganze Drama spielt sich ohne Ton ab. Die Videos laufen lautlos zum Rauschen der Stadt, das nur von gelben Taxis und vom Durchzug verursacht wird.
Du bist ein winziger Punkt zwischen rechtwinkligen Steintürmen, im tiefsten, archäologischen Tal Amerikas, im Canyon von New York liegst du, so tief unten im Neonparadies, dass kein einziger Stern zu sehen ist. Du bist im Herzen von Amerika.
Du bist im heiligen Herzen von Amerika, denkt sie, ihr eigenes beruhigt sich.
Und dann wird sie durchlässig. Sie verwandelt sich in einen Teil dieser Stadt, in ein paar wenigen Minuten verformt sie sich wie im Märchen von Lux zu Amerika.
Du bist im Herzen von Amerika, denkt sie wieder und nickt, ihr ganzer Körper nickt, ein wenig Wasser sammelt sich unter den Lidern, Lux muss für eine Sekunde die brennenden Augen schließen.
Plötzlich eine Hand an ihrer Schulter. Sie schreckt hoch. Sieht sich um, fast panisch, weiß aber genau, wo sie ist. Die erloschene Zigarette liegt auf dem Boden, ihr Mund ausgetrocknet und sauer, der Rucksack immer noch am Fuß der Treppe. Die Uhr im Turm sagt, es wäre schon nach halb fünf. Jetzt erst sieht sie hoch in das Gesicht desjenigen, der sie aufgeweckt hat, und erstarrt, obwohl sie ja wusste, dass er kommt. Er ist spät dran, denkt sie.
»Muss hier wischen«, sagt er in sperrigem Amerikanisch und zeigt auf den dampfenden Eimer mit Spülwasser neben sich, eine völlig unnötige Geste.
Sie hätte nicht gedacht, dass er so jung ist. Im Livestream der Times-Square-Webcam sah es so langsam aus, sein Wischen. Es sah aus, als ginge es ihm nicht darum, eine Arbeit zu erledigen, sondern als wäre er mit diesem Putzeimer zur richtigen Zeit am richtigen Ort, jede Nacht aufs Neue, etwas, das Lux beneidet.
»Na los.« Mit einem Nicken in Richtung Neon sagt er ihr, dass sie sich verpissen soll, aber Lux kann den Blick nicht von ihm nehmen. Sie hat das Gefühl, in einen Film gefallen zu sein, sich selbst auf der Treppe zu sehen, durch die Webcam.
Bist du in New York oder zu Hause?
Sie fasst sich um die bloßen Fußknöchel und drückt zu, um zu prüfen, wie real das gerade ist. Die Statue, der Typ, die Treppe. Alles echt.
»Wie heißt du?«, fragt sie ihn.
Ihre Stimme bricht, vom Schlaf oder vor Aufregung. Er runzelt die Stirn. Seine Augenbrauen ziehen sich über dem müden Blick zusammen. Sein Overall und die Cap sind genauso rot wie die Treppe, und er hat sich schlecht rasiert, ein paar übersehene schwarze Stoppeln auf den Wangen. Er schüttelt den Kopf. »Hau ab und lass mich meine Arbeit machen.«
Er greift nach dem Eimer. Geht damit in die Ecke des Absatzes – es ist eine große Fläche, die er da am Anfang wischen muss, da, wo sich tagsüber die meisten Touristen drängen, wo man den besten Blick über den Platz hat – und fängt an zu putzen, langsam und rhythmisch, wie Lux es von ihm kennt. Die Bewegung ist immer die gleiche: Aus der Körpermitte schiebt er die Stange so weit wie möglich zur Seite, bis er sich ein wenig strecken muss, das Gewicht auf einem Bein. Dann wendet er in einem ruhigen Halbkreis und zieht sie wieder zu sich in die Mitte, dort, wo das Ziehen unmerklich in ein spiegelverkehrtes Schieben übergeht.
Die Bewegung an dieser äußersten Stelle im Halbkreis ist immer langsamer als auf gerader Strecke, oder vielleicht sieht es nur so aus. Vielleicht liegt es daran, dass sie ihn immer nur von hinten sieht, aber sie hat sich oft gefragt, ob beim Wenden eigentlich ein minimales Stoppen zu beobachten ist, wie beim Wechsel von Ein- zu Ausatmen, dieser Umbruch der Atmung, vor dem Lux manchmal Angst bekommt. Jedenfalls konnte sie diesen Moment nie genau greifen, und auch jetzt, aus der Nähe, wird ihr das nicht klar, schieben, wenden, ziehen, schieben, wenden, alles in einem Fluss, wie eine einzige Bewegung, und wie immer synchronisiert sich ihr Atmen mit seiner Arbeit, und natürlich sieht es so aus, als würde er tanzen, sich wiegen, von einem Bein aufs andere, der Tempelreiniger.
Jeden Morgen, nach den wachen Nächten, hat er sie in den Schlaf gewischt, als kleine rote Figur auf ihrem Laptop-Bildschirm. EarthCam.com. Er war nie größer als ein Daumennagel, ein kleiner Teil, der zum Motor von New York gehört. Und jetzt ist er hier, Fleisch und Blut und angepisst von seiner Morgenschicht. Sie denkt darüber nach, ihm etwas zurückzugeben, sich irgendwie zu bedanken, für den guten Schlaf und die Träume, in denen sie schon längst überm Atlantik war. Am Ende war die Treppe immer so unglaublich sauber – als könnte er alles im Leben wieder so sauber wischen.
Du hast besser gewirkt als jede dieser Pillen, will Lux ihm sagen, du bist Valium, meine Versicherung, aber er lässt sich nicht von seiner Arbeit ablenken und sieht so unaufhaltsam aus, als würde er sie die Treppe runterschwemmen, sobald er bei ihr ankommt. Wie ein Stück Dreck, stinkender Langstreckenflugmatsch, der du jetzt bist.
»Hau ab«, hat er gesagt, »lass mich meine Arbeit machen.«
Lux steht auf. Sie geht eine Stufe runter, du solltest jetzt weiter, sie geht noch eine Stufe runter, war doch ein guter Start. Die schönen Gesichter sehen streng aus, strahlen ihr zu grell in die Augen, eines streckt die Zunge raus. Sie geht noch eine Stufe runter. Dreht sich dann fahrig um, bückt sich, hebt ihre erloschene Kippe auf, von der ein wenig Asche auf dem Rot zurückbleibt, das Rot, das die ganze Nacht hindurch leuchtet, und sie traut sich kaum hinzusehen.
Deine Asche wischt er auch gleich weg.
Er dreht sich nicht nach ihr um. Wischt und wischt mit dem Rücken zu ihr, so wie immer. Und Lux hat wieder das flackernde Gefühl, auf einen Bildschirm zu starren, 6000 Kilometer weit weg von hier, als wäre ihre Sicht beschränkt auf diesen Ausschnitt, und nein, denkt sie.
Du kannst nicht einfach gehen. Das ist der Anfang einer Geschichte, es war eine ganz gewöhnliche Nacht, als.
Lux steigt noch ein paar Stufen hinunter, in Zeitlupe, und platziert sich mitten auf der Treppe im Schneidersitz.
Es fällt ihr schwer, sich nicht umzudrehen. Ihr Gehör spannt sich automatisch, jedes Mal vor diesem immer wieder zuverlässig eintretenden Ereignis: Das leise Klatschen der nassen Fasern auf der nächsten Stufe. Das kleine Stocken, der Offbeat. Alle wichtigen Begegnungen beginnen so, alle Geschichten, zu Anfang ist immer ein Stocken da, ein Widerstand, es war eine ganz gewöhnliche Nacht, als.
Es wird ein paar Momente dauern, dann wird er zufällig einen Blick hinter sich werfen. Innehalten in seinem Ziehen, Schieben und Wenden, kurz einfrieren wird er, vielleicht für eine Sekunde noch mal wütend werden. Und dann wird er wissen, warum du hier sitzt, wird das Magische dieser Konstellation erkennen, wird merken, dass er von dir gesehen wird, er muss dieses Straucheln der Ordnung doch auch spüren.
Es dauert eine halbe Zigarette, bis Lux es hinter sich Klatschen hört. Er hat den Wischmopp in den Eimer gerammt, pumpt ihn hoch und runter. Jetzt käme eigentlich der Moment, in dem das vollgesogene Teil in die Höhe gezogen wird, Putzwasser verschwenderisch auf die Stufen tropft und das Ding wieder saftig auf der Treppe landet. Stattdessen hört sie, wie das Pumpen langsamer wird. Abbricht. Ihr läuft ein Schauer über den Rücken.
Ein Seufzen. Ein Wort, Lux wartet auf ein Wort, einen Spruch, einen Satz, nein, eine Frage, eigentlich auf eine Berührung.
Sie zieht an der Zigarette, die sie fast vergessen hat. Neue Asche fällt auf die Stufen, die alte wird er jetzt schon weggewischt haben – da fängt der Rhythmus von vorne an, ohne Frage, ohne ein Wort.
Lux’ Hand zittert. Sie nimmt den letzten Zug von der Zigarette und schnippt sie weg, so wie Leon es ihr beigebracht hat, die Glut Richtung Handinnenfläche, Daumen- und Zeigefinger gegeneinander geschnellt. Die Kippe fliegt in hohem Bogen und landet irgendwo neben der Treppe.
Er ist ist fast fertig mit dem linken Teil, ist auf ihrer Stufe angekommen. Lux sieht aus dem Augenwinkel, wie er sich der Kante nähert.
Er muss jetzt mit dir reden, er kann nicht einfach wortlos über dich drüberwischen wie über ein Stück Dreck.
Sie sieht, wie er den Wischmopp zu sich heranzieht, er ist vielleicht noch einen halben Meter entfernt.
Seine Hand greift nach dem Eimer. Dann steigt er die nächste Stufe runter, tritt die paar Schritte vor sie und – geht an ihr vorbei, um auf der anderen Seite weiterzumachen.
Lux fühlt, wie ihre Jogginghose sich an der Seite mit Putzwasser vollsaugt. Er hat so nah an ihrem Bein vorbeigewischt, dass da jetzt eine Lache ist. Und da, wo er gewischt hat, ist es nicht sauber, sondern einfach nass, die Fusseln und Krümel und Dreckstücke auf der Treppe sind nur anders verteilt.
Sie sieht zu ihm hoch. Die Langeweile sitzt ihm direkt auf den Augenlidern, sein Blick verirrt sich kein einziges Mal zu ihr.
Dein Tempelreiniger.
Als er unten ankommt, lässt er den Wischmopp einfach zur Seite fallen, von dem Knall des Stiels auf der Treppe zuckt sie zusammen. Sie kann sich nicht erinnern, dass er das jemals gemacht hätte. Mit einem Knie am Boden bewegt er einen Lappen in dem dreckigen Putzwasser hin und her, und für eine kurze, falsche Sekunde sieht es so aus, als verneige er sich vor Father Duffy – oder vor dem Neon, vor Amerika vielleicht. Und jetzt kommt eigentlich der Teil, den sie immer am liebsten mochte, wenn sie es denn schaffte, so lange durchzuhalten:
Den Stiefel der Statue putzt er so, wie man auch einen echten Schuh putzt – den Lappen an beiden Enden haltend und ihn hin- und herziehend. Nur macht er es diesmal irgendwie mit zu viel Kraft, sie hört seinen Atem, der scharf durch die Nasenlöcher zieht. Alle Berührungen, jeden Fingerabdruck putzt er weg, länger und heftiger als sonst. Als wäre er wütend auf jeden, der hier war, für nur einen Tag, für einen Moment, für eine halbe Stunde, auf jeden, der nicht Nacht für Nacht hierherkommen muss, und er sieht plötzlich gar nicht mehr gelangweilt oder müde oder meditativ aus, denn seine Arme und Hände sind angespannt, nein, völlig verkrampft sind sie, er beißt sich auf die Unterlippe, beißt sich die Unterlippe fast ab, seine Augenbrauen sind steif zusammenpresst, und es sieht so aus, als wollte er den Schuh durchscheuern, so schnell, mit so viel Gewalt reißt er den Lappen hin und her, und als er ihn schließlich wegzieht und der Fetzen glühend an seiner Hand herunterhängt, geht sein Atem so heftig, als wäre da ein Kolben in seiner Brust, der sich von alleine hebt und senkt.
Er steigt von dem Sockel runter. Wankt von der gerade noch so heftig ausgeführten Bewegung zurück und stolpert über ihren Rucksack, der noch immer da liegt, wo er ihr von den Schultern gerutscht ist. Er rudert mit den Armen, die Überraschung glättet sein Gesicht, und er stürzt, fällt auf die Hüfte, auf den Ellbogen, ihm entfährt ein Laut. Lux ist aufgesprungen, ist die Treppe schon halb runter, schon halb bei ihm, als sie seinen Blick auffängt und nicht mehr weiterkann.
»Scheißtouristen.«
Er zischt es, als er sich nach dem Eimer bückt. Es ist kaum lauter als das Nachtrauschen, aber sie hört es überdeutlich, spitz, scharfkantig, sodass es die Samtdecke, die die ganze Zeit unter allem lag, zerreißt. Dann ist er weg, aus dem Bild gehumpelt.
Lux hievt sich den Rucksack wieder auf den Rücken und geht an der Statue vorbei, ohne sich nach ihr umzusehen. Auf dem Video der Treppe würde man jetzt einen trockenen Fleck sehen.
2
Lux zieht die Beine an und lässt ihre Knie gegen den Vordersitz sinken. Das Plastik knackt leise, als sie langsam das ganze Gewicht ihrer Beine hineindrückt, sich vorsichtig in diesen kantigen Leerraum zwischen zwei Sitzen keilt wie ein Krebs in eine Felsspalte, ein Schalentier in einem amerikanischen Langstreckenbus.
Das alte Polster der Sitze riecht. Hinter ihr atmet jemand sehr laut.
»… Gepäck in die Ablage, was im Flur steht, fliegt raus. Stellt eure Kinder ruhig, dann bleib ich auch ruhig.«
Die Befehle der Fahrerin dröhnen durch den Bus, sie muss die Lautstärke ihres Mikros voll aufgedreht haben. Lux meint, die Scheiben zittern zu sehen.
»Also: Stellt mir keine Fragen. Und lasst mich einfach meinen Job machen.«
Der Lautsprecher knackt, ein Husten aus der hintersten Ecke. Dann ist es still.
Draußen zieht New York vorbei. Lux nimmt die Beine wieder runter, weiß nicht, wie sie sich hinsetzen soll, damit der Plastiksitz ihr nicht die Knochenkonstellation verschiebt. Aber das muss so sein, denkt sie: Man steigt auf der einen Seite des Kontinents in einen klapprigen Bus, in dem es immer zu kalt oder zu warm ist, in dem man durchgeschüttelt, in den Kurven hin- und hergeschleudert wird, man rauscht auf einer Strecke dahin, die so gerade und lang ist, dass die Rundung der Erde am Horizont sichtbar wird, mit der Schläfe gegen die Scheibe, dämmert weg, wacht wieder auf, und die Landschaft hat sich in der Zwischenzeit neu erfunden, und dann steigt man nach Stunden, in denen das Innere Kalk ansetzt und die Muskeln verhölzern, in denen alle im Bus zu Leidensgenossen geworden sind, aus, in einem anderen Teil des Landes, gerädert, aber glücklich, woanders zu sein.
Vierzehn Stunden. Mit dem Auto wären es zehn, wenn sie es geschafft hätte, jemanden anzuhalten, zwei verschwendete Stunden am Straßenrand. Die Hitze hat sie kleingekriegt, sie wusste nicht, dass es im Juni in New York so heiß sein kann.
Die verschwimmende Großstadt vor dem Busfenster. Das ist es, weswegen sie hergekommen ist, wegen einer Großstadt hinter einer Scheibe, wegen einer sich bewegenden Landschaft hinter einer Scheibe. Ist das nicht lächerlich?
Leon wäre nie nach Amerika gefahren. Er hätte auch nicht Amerika gesagt, sondern »USA« oder »Vereinigte Staaten«, und er hätte das Gesicht bei dem Vorschlag verzogen, als wäre das etwas Ekelhaftes. Ist es nicht lächerlich, durch Amerika zu fahren, denkt Lux, oder war das Leons zischende Stimme in ihrem Ohr, die sie beim Versuch zu trampen kleingekriegt hat? Sei nicht so verdammt passiv. Sie lässt die Stirn wieder gegen die Scheibe sinken.
Eine Frau, die vor den Hochhaustürmen völlig zerweht wird. Ihre Haare treiben im Wind, den Rock drückt sie mit einer Hand runter, die andere hält ihren Kaffee. Das Hupen auf den gigantischen Kreuzungen, deren Zebrastreifen grotesk verzogen sind von der Blechlawine, die jeden Tag darüberrollt. Die blendenden Plätze und die schattigen Gehwege, auf die niemals Sonne fallen wird, und der irre Blick der New Yorker, der alles durchschießt, manisch und ignorant. Sie spürt die erdkernnahe U-Bahn-Luft und die klirrende Kälte der Klimaanlagen noch auf der Haut. Hat den Geruch der Stadt noch in der Nase, den schmelzenden Asphalt. Ihr Blick verfängt sich weiter an den Metro-Schildern und den schwarzen Feuertreppen, auf die man sich zum Rauchen setzt. Es ist einfach. Es gibt hier Orte, an denen man ganz genau weiß, was zu tun ist.
Sobald die Gebäude draußen niedriger werden und es nach Stadtrand aussieht, klickt sie sich durch die Fotos und Videos, die sie in den letzten Tagen gemacht hat. Den Großteil hat sie schon an Charles geschickt. Charles, die gesagt hat: »Schick mir alles, wenn ich schon nicht dabei sein kann.« Charles, die studieren muss und da nicht weg kann.
Charles fehlt. Etwas fehlt dauernd neben Lux.
Es sind Hunderte Bilder vom Himmel, vom blasser werdenden Himmel hinter Beton, Stein und Glas. Der hellblaue, der orange, der rote, der violette, der nachtblaue Himmel. Sie ist gelaufen, den ganzen Tag, bis in die Nacht hinein, ist gepilgert, dann wie tot ins Bett gefallen, um am nächsten Tag weiterzulaufen.
Aber irgendwas stimmt mit diesen Bildern nicht.
Sie hat nur ein einziges von sich selbst gemacht, und das nur, weil Charles sie darum gebeten hat, »als Beweis, sonst glaub ich dir nicht, dass du wirklich dort bist, mach schon«. Lux hat es am Ufer des East River geschossen, ein Bauzaun steht hinter ihr, es war kein besonders schöner Abschnitt am Fluss. Ihre fedrigen, halblangen Haare wehen vor den Zaunmaschen herum, sehen farblos aus, verschwinden fast im Hintergrund. Die Sonne blendet, und man erkennt kaum, welche Farbe ihre Augen haben. Es könnte beinahe ein Lächeln sein, dieser schmale, auf einer Seite verzogene Mund, aus dem die Zähne hervorblitzen. Lux entdeckt ein kleines Loch an dem ausgeleierten Saum des Shirts, direkt unter dem Schlüsselbein. Ihre Haut färbt sich schon, färbt sich schnell, jetzt, wo sie auch wieder an den Tagen wach ist.
»Wow«, schreibt Charles zurück, und Lux muss lächeln. Während sie versucht, eines der Bilder zuzuschneiden, geht der Alarm in ihrer Hand los, bricht plötzlich in die rauschende Stille. Erschrocken wischt Lux ihn weg und sieht hoch, in die Gepäckablage über sich.
Jetzt den ganzen Rucksack durchwühlen, die Stille aufwühlen, das Gepäck aus der Ablage holen, du hättest vorher daran denken sollen.
Sie steht auf. Zieht an dem Riemen, der aus der Ablage heraushängt, zerrt daran, bis das Gewicht des Rucksacks an die Kante rutscht, auf sie zukippt. Lux reißt den Kopf zur Seite, die neunzehn Kilo treffen sie am Schlüsselbein und werfen sich mit einem dumpfen Geräusch auf den Sitz. Das Blut pocht in ihren Wangen.
Sie muss sich mit beiden Händen bis an den Grund des Inneren wühlen. Muss die Arme bis über die Ellbogen darin versenken, graben, alles verschieben. Lux merkt nicht, wie sie die Luft anhält, erst als sie gefunden hat, was sie sucht, atmet sie wieder.
Zahnbürste, Zahnpasta, Shampoo, ein Deo. Der Rest des Plastikbeutels, der schon so weißlich zerknittert ist, als hätte er eine Weltreise hinter sich, ist voll mit den knisternden, silbernen Streifen. Sie drückt eine der Tabletten so leise wie möglich raus, aber das Geräusch pflanzt sich in der wortlosen Stille viel zu weit fort.
Jetzt weiß jeder in diesem Bus, dass du durchgeknallt bist.
Sie schlägt sich die Tablette in den Mund und schluckt sie ohne Wasser. Als sie weiter nach ihrem Pulli wühlt, streift ihre Hand etwas im Rucksack, das dort gar nicht mehr sein sollte. Sie zieht es überrascht heraus. Die Mappe ist zerbeult, man sieht ihr an, dass sie herumgeschleppt wurde, die Ecken ausgefranst und abgeknickt.
Du wolltest sie längst loswerden. Du wolltest sie an diesem Punkt schon losgeworden sein, du hattest dir Rituale dafür ausgedacht. Du wolltest sie von der Brooklyn Bridge in den East River segeln lassen, die Blätter hätten sich in alle Winde zerstreut. Oder ein kathartisches Lagerfeuer in der Nacht in einem der verwahrlosten Teile der Stadt, zwischen Bauzäunen, Lagerhallen und Müll.
Lux hält sie mit beiden Händen auf dem Schoß. Sie starrt auf den Sticker in der Mitte des festen Papiers, auf dem so etwas wie Wald in Kleinformat gedruckt ist. Sie kennt das Bild, es ist die Aussicht von der Sonnenterrasse der Bekloppten auf Station 5. »Neue Lebensqualität« steht darüber mit einem hässlichen, grafischen Schwung in Orthopädiegrün, und in Lux flammt ein Ärger auf.
Ganz vorne liegt der Entlassungsbericht. Sie zögert, aber überfliegt ihn dann doch, Teile davon kann sie auswendig. Ihr Blick holpert über Begriffe wie »stationär«, »rezidivierende depressive Störung«, »interaktionelle Gruppenpsychotherapie«, »Eigenverantwortung«, »gegenwärtig mittelgradige Episode« und die ICD-Nummer ihrer Diagnose. Der Wisch endet mit dem Satz: »Ausreichend stabilisiert sowie ausdrücklich und glaubhaft von akuter Suizidalität distanziert und absprachefähig wurde die Patientin aus unserer vollstationären Behandlung entlassen.« Auf der Rückseite drei Unterschriften und die Empfehlung zur Medikation.
Lux knüllt den Zettel zusammen, das Papier faucht. Sie drückt ihre Faust so fest darum, dass sich ihre Fingernägel in den Handballen graben. Die Mappe ist dick, voll von Papieren in unterschiedlichen Farben und Formaten, Notizzetteln mit Klinikstempeln und handgeschriebenen Terminen, Tabellen, therapeutischen Gedichten, Überweisungsscheinen, ein dicker, bunter Packen. Das Informationsmaterial aus der Depressionsgruppe: Müll. Der abgegriffene Therapiestundenplan: Müll. Der Brief, den sie an ihr inneres Kind schreiben musste: Sondermüll. Der Befund von der Blutabnahme, die Spannungskurve für die Angstzustände, das Übungsblatt zur progressiven Muskelrelaxans, die Liste mit den Notfall-Skills, die Überweisung aus dem Krankenhaus, die kaum zu fassende Rechnung, die Flyer sämtlicher Krisendienste in der Umgebung: alles Müll. Zwölf Wochen Intensivtherapie, um dann Pillen zu schlucken, denkt sie, und ihr entfährt ein Schnauben, unwillkürlich, ein paar Blätter rutschen von ihrem Schoß auf den Boden, und sie schiebt sie mit dem Fuß von sich weg, zertritt sie unter ihrem Turnschuh.
Sie hat sich durch die ganze Mappe gewühlt, rückwärts durch drei Monate, als ihr Blick auf eine Frage in dem Papierchaos fällt und sie stutzt: »Meine Warnzeichen für eine nahende Depression sind?«
Und darunter steht in ihrer eigenen Schrift das Wort »Glocke«.
Sie hat es nicht mehr benutzt, seit sie rausgekommen ist, dieses Wort. Seit sie diesen dummen Fragebogen ausgefüllt hat, kein einziges Mal hat sie es ausgesprochen, vielleicht gedacht, aber nur flüchtig, eigentlich hat sie es nicht mal richtig gedacht, seit damals auf der Terrasse der Klinik.
Lux war allein gewesen in der Nacht. Die Zimmergenossin mit den verbundenen Armen, an deren Schnarchen sie sich schon gewöhnt hatte, war weg, »ausgezogen«. Vielleicht konnte Lux deswegen nicht schlafen, das Wegbrechen der Hintergrundgeräusche oder die alte Angst vorm Dunkeln. Vielleicht waren die Scheinwerfer der stillen Krankenwagen, die die ganze Nacht an der Zimmerdecke vorbeifuhren, schuld; oder das Bett, dieses schmale, fremd bleibende Bett, aus dem immer ein Körperteil heraushing. Sie stand auf, ihre Hand griff nach irgendetwas in dem fremden Schrank, in dem sich die Klamotten häuften, etwas weiches Warmes, um auf der Raucherterrasse nicht zu frieren. Eigentlich war das einer der guten Momente. Wenn die ganze Klinik eingeschlafen war bis auf ein paar geisterhafte Schwestern und die Maschinen. Das Schlurfen der Hausschuhe in den leeren Gängen. Das gedimmte Licht, nicht dieses grelle Weiß, mit dem sie einem tagsüber in den Kopf leuchteten. Die schwere Tür zur Terrasse und das Betonquadrat, darüber ein Stück Himmel und manchmal Sterne. »Gefängnishof« nannten das die anderen.
So stellt man sich das vor, dachte sie, in Hausschuhen, Schlafanzug und riesigen Strickjacken nachts durch die Flure der Klapse schleichen. Wer hat sich diese Strickjacken für verrückte Frauen ausgedacht?, überlegte sie, als sie in den Taschen nach einem Feuer wühlte.
Sie zog das Feuerzeug heraus, und die Kippe rutschte ihr aus dem Mund.
Da war es die ganze Zeit. Leons Feuerzeug, ihr Feuerzeug, das mit dem Luchs. Wie lange muss es dadrin gewesen sein?, stotterte es damals in ihren Gedanken. Ihre Hand fing an zu zittern, und damit auch das ernste Gesicht der Katze auf dem Feuer, ein geschecktes Katzengesicht, dem Leon zwei Büschel über den Ohren eingeritzt hatte. »Um die Katze zum Luchs zu machen«, hatte er gesagt, »sie hatten keine Luchs-Feuerzeuge im Sortiment.« Der Dreck der Raucherfinger sammelte sich in den schiefen, weißen Rillen. Und Lux hatte sich selbst gewundert, dass sie diesen dämlichen Witz immer wieder lustig fand, wenn er sie anfauchte, mit einem kratzigen »Ch«, die Finger zu Krallen verbogen. Lux, Luchs – wie das Tier. Es war so bescheuert, dass sie davon jedes Mal Herzklopfen bekam.
Eine Woche später war er tot.
Und du hast es doch nicht verloren, dachte sie dort auf der Terrasse, es war die ganze Zeit in dieser hässlichen Jacke, du hast es nicht verloren, nur musstest du erst irre werden, um es wiederzufinden.
Dann wurde alles unhörbar. Jemand kam nach draußen, um auch zu rauchen, eine Nachtschwester, aber Lux hörte nichts mehr außer einem lauten Rauschen. Sie merkte nur vage, wie diese Person an ihrem Arm rüttelte, alle Kanäle verstopft, Ohropax auch für die Haut, der Mund dieser Person bewegte sich lautlos. Da war Lux schon weg, schon isoliert unter der Glocke, dickwandig, aber durchsichtig, war am Durchdrehen auf engstem Raum, bloß im eigenen Schädel, aber sichtbar für alle anderen.
Sie zerreißt diesen Zettel. Das Geräusch holt sie in den Bus zurück, macht ihr bewusst, dass sie sich schon wieder schämen könnte für ihre Bemerkbarkeit. Sie stopft die Blätter, die herausgerutscht sind, zurück in die Mappe und versucht, das Ganze in der Mitte durchzureißen, aber es ist zu dick, sie knickt es stattdessen, presst es zusammen. Ihr Blick sucht die Fensterscheiben ab, die sich natürlich nicht öffnen lassen, schon wieder eingesperrt, und sie lässt die Mappe auf den Boden fallen, zwischen ihre Füße, tritt drauf und schiebt sie unter den Sitz, kickt sie mit der Ferse nach hinten, soll sich der Nächste mit ihrer Vergangenheit beschäftigen.
»Alles in Ordnung bei dir?«
Der Himmel sieht wirklich aus wie eine Kuppel, sobald keine Stadt mehr in Sicht ist, und die Sonnenuntergangsfarben laufen daran herunter wie über gewölbtes Glas, das ist in Ordnung. Es ist alles so, wie du es dir vorgestellt hast, also ist es in Ordnung, du bist in einer Stadt eingestiegen, um in der nächsten auszusteigen und dir dazwischen den Rausch am Straßenrand durch die Augen laufen zu lassen, um zu kapieren, dass es nichts gibt, woran du dich festhalten brauchst.
»Ja, alles okay«, tippt Lux und schickt es an Charles.
Bald verschwindet die Landschaft, und die Scheinwerfer fangen an zu blenden. Sie weiß, wie geisterhaft ihr Gesicht von draußen aussieht. Wie das Licht immer wieder darüberfährt und die Pupillen sich zusammenziehen und weiten, während sie nichts sieht außer der Grenze zwischen Gras und Asphalt, die im Licht des Gegenverkehrs ab und zu auftaucht. Ein farbloses Bild, als wäre alles schwarz-weiß über Nacht. Sterne sind keine da, auch keine mondgesichtigen Kühe. Wenn Lux die Stirn gegen die kühle Scheibe presst, meint sie zu wissen, wie es ist, da draußen zu sein, auf einem Feld in der Nacht, allein. Und wenn sie sich nicht gerade fortbewegen würde, wenn sie nicht wüsste, dass die Straße sie woanders hinträgt, an einen Ort, an dem sie nicht bleiben wird, wäre gar nichts in Ordnung.

Es rauscht und ruckelt unter ihr. Lux ist aufgewacht, aber sie lässt die Augen geschlossen. Das Rauschen erinnert sie daran, wo sie ist. Ihr ganzer Körper ist so steif, dass sie sich nicht traut, ihre Position zu verändern, vielleicht bricht dann etwas ab. Während sie geschlafen hat, sind ihre Gliedmaßen im Luftstrom der Klimaanlage vereist. Draußen wird es bald hell, und ihr hängen Fetzen eines Traums nach.
Leon war da, auf der Zugbrücke bei ihr zu Hause, obwohl er diesen Ort eigentlich nicht kannte. Er spuckte vom Geländer der Brücke auf die fahrenden Züge hinunter und lachte laut, wenn die Spucke kurz vorm Aufprall auf dem Zugdach durch den Luftstrom zur Seite gerissen wurde. Er versuchte, immer mehr Spucke aus sich heraus zu befördern, und ununterbrochen fuhren die Züge, sodass er immer weiter spucken konnte. Aber Lux wurde unruhig, sie war sich sicher, dass das verboten war, sie rüttelte ständig an Leons Arm, um ihm zu sagen, dass sie Ärger kriegen würden, wenn die Spucke auf dem Zug landete, es wären schon mehrere Leute an so was gestorben, sagte sie, aber Leon lachte sie aus, meinte, das wäre »physikalisch unmöglich«. Er könne es ihr beweisen, man käme wegen des Fahrtwindes nie auf dem Zugdach auf. Er beugte sich weit nach vorne, mit dem ganzen Oberkörper über das Geländer und spuckte einen Riesenbatzen, der strack nach unten fiel, und zack, die Spucke wehte zur Seite. »Siehst du, unmöglich!«, rief er durch das laute Zugrauschen hindurch und grinste, aber Lux sah sich panisch um, und plötzlich stand Leon auf dem Geländer, ragte gerade in den Himmel und breitete die Arme aus. Er lachte laut, »physikalisch unmöglich!«, und Lux griff nach seinen Beinen, aber griff nur Luft. Er fiel steif nach unten, gerade wie ein Stock, und drehte sich um die eigene Achse, viel zu lange drehte er sich für diese Strecke, physikalisch unmöglich lange, und der Luftstrom wehte ihm den Hut vom Kopf, aber trieb den Körper nicht zur Seite.
Ihr Atem beschlägt das Fenster. Lux erkennt den Horizont, der sich langsam aus dem Schwarz heraushebt, und sie sucht die Linie müde ab, aber kann keinen einzigen Baum entdecken.
Sie streckt die Beine unter den Sitz vor sich aus, am schlimmsten tut der Nacken weh, da stößt sie mit dem Ellbogen an etwas neben sich.
Zwei große schwarzrandige Tigeraugen starren sie in der Dämmerung an. Helles Haar fällt darüber, hell wie Schafswolle, so hell, dass Lux sich fragt, ob es nicht Fell ist, es fließt über eine Wange, über ein Kinn, einen Hals, eine Schulter, es gießt sich über einen schlanken Körper, bis zur Taille. Lux’ Oberschenkel und das Knie dieser Gestalt berühren sich. Ihre Tigerschlafmaske ist ein bisschen verrutscht und gibt eine Augenbraue frei, die genauso weiß ist wie ihr Haar.
Sie muss an einem der Zwischenhalte eingestiegen sein. Lux sieht an ihr herunter. Mit jeder Minute heben sich mehr Farben und Formen aus der Dunkelheit. Ihre Knie sind mit Rosen überzogen, eine transparenten Strumpfhose, auf die weiße und violette Pastellblumen gedruckt sind. Ein enges dunkelblaues Kleid, ärmellos und bis knapp über die Hüfte. Vom Hals bis zu den dünnen Handgelenken zieht sich weiße Spitze über ihre Arme, ihre Haut blitzt nur minimal dunkler durch die winzigen Löcher, und sie trägt grobe, braune Lederstiefel.
Lux hat noch nie so einen blassen Menschen gesehen.
Das weiße Haar reflektiert das Licht, wirft es zurück. Vom hellen Blaugrau der Dämmerung verwandelt es sich unmerklich langsam in ein Rosa, in ein Elfenbein, in ein fast weißes Strahlen, ein dichtes Fell, ein wilder, weißer Schleier. An den Schläfen hat sie fast Locken, kleine, weiß glänzende Wellen, die von der Stirn abfließen. Eine der Strähnen liegt über der Schulter, steht ab. Und Lux kann nicht anders, sie streckt die Hand aus, greift vorsichtig danach und zieht sie durch ihre Finger.
Ein Schnauben. Lux zieht die Hand schnell zurück, die Strähne fällt. Sie hat ein wildes Klopfen im Brustkorb, ist sich aber plötzlich gar nicht sicher, ob das Geräusch wirklich von dieser Frau kam.
Für ein paar Sekunden sieht es so aus, als würde sie einfach weiterschlafen. Versteinert, kühl und glatt. Sie sieht wirklich aus wie aus Stein gehauen, die scharfen Konturen der Lippen, die Wangenknochen, die feine lange Nase, der Absatz der Augenbraue. Plötzlich hebt sich eine ihrer weißen Hände aus dem Schoß. Träge, schwebend, wie von selbst. Schiebt die Maske über einem Auge hoch. Zwischen den schwarz verschmierten Wimpern blitzt es auf.
»Hast du Wasser?«
Ihre Stimme ist rau vom Schlaf. Lux braucht einen Moment, um zu verstehen, dass die Frage an sie gerichtet ist. »Äh, ja«, sagt sie, und zieht ihre halb volle Flasche Wasser aus dem Netz vor sich.
Ihr Knie klebt immer noch an deinem Oberschenkel.
»Kannst du mal?«
Wieder kapiert Lux nicht, was sie will, sie hat ihr die Flasche in die Hand gedrückt, aber die andere trinkt nicht, hält sie bloß, als wüsste sie nicht, was damit zu tun ist. Dann fällt es ihr auf, natürlich, der Deckel, und Lux schraubt ihn umständlich ab.
Es gluckert laut, als das Wasser in sie hineinläuft, in ein paar Zügen trinkt sie die Flasche leer, bis zum letzten Tropfen, und lässt sie dann einfach fallen, rollend verschwindet sie unter den Sitzen. Der Deckel bleibt in Lux’ Hand zurück.
Sie knetet das Plastikteil und blickt aus dem Fenster, ohne wirklich etwas zu sehen. Da rauscht Stadt vorbei im Morgenlicht, aber was für eine Stadt, irgendeine Stadt unter irgendeinem Himmel. Als sie einen unauffälligen Blick zur Seite wirft, merkt sie, dass das Auge nicht zugegangen ist. Es mustert sie unter der Schlafmaske.
»Lux, nicht?«
Sie sagt es richtig. Lux, mit einem richtigen »U«, kein unsauberes amerikanisches Halb-A, wie es sonst alle hier machen, und das »L« auch nicht kehlig, sondern so, wie es sein soll, mit der Zungenspitze gegen die Zähne. Die richtige Aussprache wundert Lux, aber noch nicht die Tatsache, dass sie ihren Namen kennt, da greift die andere schon an ihren Beinen vorbei in das Netz, in dem gerade noch die Wasserflasche gesteckt hat. Sie zieht das zerknitterte Busticket heraus, auf dem Lux’ voller Name steht. Ihre Finger sehen irgendwie zäh aus, wie sie das Ticket auseinanderfalten, die Nägel sind so kurz geschnitten, dass man kein Weiß sieht. Sie schiebt sich die Schlafmaske in die Haare, sodass jetzt ein paar Strähnen wie Antennen von ihrem Kopf abstehen, »ich hab mich die ganze Zeit gefragt, was das für ein merkwürdiger Name ist«, sagt sie, »aber du hast ewig geschlafen.« Es klingt wie ein Vorwurf.
Lux schaut sich im Bus um. Die vorderen Reihen sind komplett leer, und auch hinter ihnen sitzen nur noch ein paar vereinzelte Leute, Alleinreisende, die den Rest der Fahrt auf Doppelsitzen verschlafen.
»Warum sitzt du hier?«, fragt Lux und greift nach dem Ticket.
Die andere lässt es sich ohne Probleme aus der Hand nehmen. Sie schnaubt auf. »Warum bist du hier?«, fragt sie.
Und dann rückt sie weg, ihre Knie lösen sich von Lux’ Oberschenkel, sie zieht sie an und stemmt sie gegen den Sitz vor sich, knallt sie so dagegen, dass das Plastik laut knackt und die Scharniere quietschen.
Sie lächelt. Spitze Zähne kommen zum Vorschein. Die Schlafmaske sitzt immer noch auf ihrem Kopf, und es sieht so aus, als wolle sie sie bereithalten für einen schnellen Identitätswechsel zum Tier. Sie nimmt die Knie doch wieder runter und bückt sich nach etwas am Boden, jede ihrer Bewegungen ist rücksichtslos, jede einzelne. Sie schmeißt sich eine Tasche aus altem, schwarzem Kunstleder, an deren Ecken die Beschichtung abgewetzt ist, auf den Schoß. Lux schielt auf ihre wühlenden Hände, sie entdeckt eine Packung Marlboro, ein glitzerndes Portemonnaie und eine lose Zahnbürste, irgendwann findet die andere eine Dose Kaugummis und schüttelt sie, um zu prüfen, ob noch was drin ist. Es rappelt wahnsinnig laut. Ein Kaugummi landet auf ihrer weißen Handfläche, sie schlägt ihn sich routiniert in den Mund, und ihr Kiefer fängt sofort an zu mahlen.
Vier Augen, die Lux durchleuchten – dann reißt sie sich die Schlafmaske vom Kopf. Steht auf, kramt in der Gepäckablage über ihnen, findet eine kleine Bürste, kämmt sich ruppig die Strähnen durch, geht den Gang hinunter zur Toilette und knallt die dünne Kunststofftür hinter sich zu. Sie hat das Gespräch scheinbar beendet, und Lux’ Blick hängt ein paar Momente im Gang, blank, allein gelassen. Die Tasche hat sie auf dem Sitz liegen lassen, und es zuckt in Lux, darin nach ihrer Identität zu wühlen, so wie sie es mit ihrer getan hat.
Sei nicht so passiv.
Dann knackt der Lautsprecher und reißt sie aus ihren Gedanken, die Busfahrerin kündigt an, dass sie jetzt Detroit erreichen, nichts liegen lassen, vor allem keinen Müll, Greyhound ist keine Reinigungsfirma.
Lux packt fahrig ihre Sachen zusammen und ist noch nicht fertig, als der Bus anhält und die Türen mit einem Zischen aufgehen. Sie stopft ihren Pulli in den Rucksack, will nach der leeren Flasche am Boden langen, tastet den krümeligen Teppich ab, findet sie nicht, sie ist zu weit weg gerollt, sieht auch die Mappe aus der Klinik nirgendwo, wer soll so etwas mitgenommen haben?, und kauert immer noch am Boden, als zwei schwere Stiefel sich in ihr Sichtfeld stellen und sie zwingen hochzusehen.
Sie hat einen dünnen, kurzen Mantel aus Teddyfell übergezogen, ein wenig dunkler als ihr Haar, und der Mascara ist nicht mehr verwischt. Sie sieht auf Lux herunter, als sie ihre Tasche vom Sitz nimmt, und Lux hat das Gefühl, dass ihre Gedanken erraten wurden. Sie würde jetzt gerne sagen, dass sie das nicht gemacht hat, zwar drüber nachgedacht hat, aber niemals würde sie in einer fremden Tasche herumwühlen, so etwas macht man nicht, würde sie gerne sagen, das geht zu weit, da dreht sich die andere um und geht ohne ein Wort.
Als Lux auf der Straße steht und jeden einzelnen ihrer Knochen spürt, wie überfahren, sieht sie sich um, in alle Richtungen dieser überlaufenen Busstation. Aber keine Spur mehr von dem hellen Fell. Als hätte es sie gar nicht gegeben.
Detroit
3
Der protzige Marmorbrunnen sitzt zwischen Rasenflächen, die aussehen, als wären sie mit der Nagelschere gekürzt worden. Die Tatzen der weißen Steinlöwen sind so groß wie Menschenköpfe, und Schildkröten aus Bronze, auf denen noch Erwachsene reiten könnten, kotzen das klare Wasser symmetrisch in die Höhe. Es gibt hier nichts, was die Perfektion stört. Keinen Schmutz, keinen Müll. Woher auch?, denkt Lux. Außer dem schäumenden Wasser bewegt sich hier nichts, keine Spur von Leben, weder Menschen noch Tiere sind hier, um ihren Dreck dazulassen, dieser Park ist die Hölle.
Lux steht sicher zehn Meter vom Brunnen entfernt und versucht es ein paarmal im Hochformat, aber weder so noch quer passt er auf den Bildschirm. Sie schießt trotzdem ein Foto – Marmor, Wiese, Wolken – und vergleicht es mit der Wirklichkeit.
Die Symmetrie lässt alles ein wenig tot wirken. Als wäre das ein monströses Grabmal auf einem sehr gepflegten Friedhof, ein Grabstein für eine ganze Stadt, aber das ist es nicht, was sie stört. Sie sieht hin und her zwischen Realität und Bildschirm, immer wieder. Es liegt nicht am Brunnen. Es liegt nicht an dem, was sie fotografiert. Es ist dasselbe wie mit all den anderen Fotos, ihr Blick sucht das Bild springend ab, irgendwas macht diese Fotos so tot. Sie bleibt stehen, ärgert sich und starrt weiter, hin und her zwischen Brunnen und Bildschirm, zwischen dem großen und dem kleinen Bild. Und nach ein paar Minuten, in denen sie jeden Winkel abgescannt hat und ihr langsam die Augen wehtun, in denen sie schon fast den Verdacht zugelassen hat, dass es vielleicht einfach an ihr liegt und nicht am Foto, fällt ihr endlich auf, was hier nicht passt: Der Himmel ist an der entscheidenden Stelle abgeschnitten.
Diese eine Stelle, an der er Anlauf nimmt und sich gewaltig über sie rollt mit seinen dichten, sich aufblähenden Wolken, die von unten grau anlaufen. Der Himmel macht das hier mit so einer großen, schleudernden Geste, dass es einen innerlich auf den Rücken wirft, als würde man von einem Kinnhaken niedergestreckt.
Klar, dass du das nicht hinkriegst. Man kriegt es nicht hin, den amerikanischen Himmel zu fotografieren, eben weil er eine Kuppel ist, eine gläserne Haube, die sich mit zu viel Schwung über den nördlichen Teil dieses Kontinents wirft, eine Glocke.
Der Guide ruft von der anderen Seite des Brunnens zu Lux herüber, seine Worte kämpfen gegen das Wasser der Fontäne.
Sie hat sich so weit wie möglich vom Wagen entfernt, steht am Rand der breiten Straße, die um das gewaltige Grab herumführt, ein glatter, kreisrunder Asphaltring, auf den mindestens vier Autos nebeneinander passen. »Dreimal herum, und Sie haben das Foto im Kasten!«, hatte er gesagt, aber Lux bestand darauf auszusteigen. Dabei macht sie die Fotos eher als Alibi, um noch ein wenig länger draußen zu bleiben, ihm und seinem Gerede fernzubleiben. »Nachts«, hatte er gesagt, »wenn die Parkbesucher weg sind, hat die Polizei hier keine Chance.«
Welche Parkbesucher denn, wem soll hier etwas verkauft, an wem soll hier etwas verbrochen werden?
Es ist niemand hier. Alle, die es konnten, haben die Stadt verlassen.
Sie hat es schon auf dem Weg zum Hostel gemerkt. Erst fiel ihr nicht auf, was in den Straßen so merkwürdig war, dann, als sie an eine riesige Kreuzung kam und der Fahrer des einzigen Autos, das dort an der roten Ampel wartete, sie sehr lange musterte, merkte Lux, dass es keine Fußgänger gab. Es war so still, dass man das Klacken seines Blinkers hörte. Ihr kam es nicht geheuer vor, als Einzige hier ohne Auto unterwegs zu sein, diese Tour zu buchen war nur eine Notlösung, um die Zeit totzuschlagen, bis sie am nächsten Morgen weiterfährt. Wenn sie ehrlich zu sich ist, hält sie diese Stadt schon jetzt nicht mehr aus. Es fühlt sich an, als wäre sie vom Rest des Landes abgeriegelt. New York ist zwar auch einsam, ist übervoll von Menschen, die aneinander vorbeistarren, aber es gibt immer jemanden in Reichweite, sogar nachts, in wortwörtlicher Reichweite.
Sie geht so langsam wie möglich zurück zum Guide, ein bisschen Wasser nieselt auf ihr Gesicht, als sie näher an die gewaltige Fontäne kommt, die rauscht wie ein Wasserfall, Lux will ihre Hand hineinhalten, in dieses künstliche, pompös aufbereitete Wasser. Das Licht kämpft sich durch die apokalyptischen Wolken. Es sieht aus, als hätte man versucht, hier etwas Bedeutendes zu imitieren, die Sehnsucht nach Geschichte, aber es ist nur Drama dabei herausgekommen. Der Stein ist so sauber, als käme er direkt aus der Fabrik.
Lux öffnet die Tür und lässt sich auf den Beifahrersitz fallen, er hat den Motor die ganze Zeit laufen lassen. Sie wischt ihre nassen Hände an ihrer Jeans ab, und er redet ohne Unterbrechung weiter.
»Wenn Sie nach rechts sehen, können Sie die Statue von … Ferdinand Schiller, einem großen deutschen Dichter, entdecken, er lebte von … 1760 bis 1806.« Es scheint ihn nicht zu interessieren, ob sie ihm zuhört, Lux hatte schon von Anfang an das Gefühl, dass er durch sie hindurchsieht und dass das ausnahmsweise nicht an ihrer Unscheinbarkeit liegt. Es sah einfach so aus, als hätte er es schon vor längerer Zeit aufgegeben, mit irgendwem Kontakt herzustellen.
»Dahinter ist das Whitcomb Conservatory, mittlerweile geschlossen, es tut mir leid, schauen Sie bitte weiter nach rechts, in der Mitte des Flusses beginnt Kanada, aber bitte nicht schwimmen, der Detroit River beherbergt viele tote Menschen und Körperteile. Neun von zehn Verbrechen bleiben in Detroit unaufgeklärt, wir haben die höchste Mordrate in den USA, bei uns ist die Polizei chronisch unterfinanziert. Wenn Sie jemanden ertränken möchten, ist hier der richtige Ort.«
Der Fluss sieht dunkel, aber eigentlich sauber aus, zieht sich an den Weiden vorbei, die der Wind schräg stellt. Auf der anderen Seite die Skyline, die hohen, stillgelegten Türme einer toten Industrie.
Sie fahren über die Brücke zurück nach Downtown. Verschwendete, aufgebrochene Straßen, die keiner benutzt. Riesige Parkplätze, auf denen Autos ohne Nummernschilder rosten, Cafés mit Terrassen, auf denen niemand sitzt. Alle sind weggezogen, alles ist zu breit, es gibt zu viel Platz, man könnte die Stadt auf ein Zehntel herunterschrumpfen, und sie wäre immer noch leer, selbst die Graffiti sehen uralt aus. Kohlschwarze Mauerskelette und große Tuben, die Heizluft durch die Stadt führen, an die wenigen gespenstischen Haushalte, die noch funktionieren. Und ein paar Meter über dem Asphalt zieht die einzige Straßenbahnlinie ihren Kreis, People Mover heißt sie, als wäre es nicht selbstverständlich, dass sie Menschen transportieren soll.
Wahrscheinlich ist sie längst weg, denkt Lux, und es flimmert vor ihren Augen wie eine kurze Signalstörung. Es ist unmöglich, jemanden zufällig in einer Stadt zu treffen, in der sich niemand auf die Straße traut.
In Lux’ Ohren bricht eine kurze Taubheit, die sich sirrend wieder auflöst, ein leiser Ton, der sich hochschraubt und dann verschwindet.
Du hast sie doch genommen, die Tablette, du kannst dich daran erinnern, im Bus, bevor du eingeschlafen bist, bevor sie sich neben dich gesetzt hat.
Und wieder gehen ihr Namen durch den Kopf: Claire, Blake, Alice, Gloria?
Sie ist doch keine Puppe, der du einen Namen geben kannst. Einen Wunsch ersticken. Es flackert im Blick.
Sie kurbelt das Fenster runter und lehnt sich hinaus. Manche Häuser haben Rundbogen, Absätze, Verzierungen, Türme, aber auf allen liegt ein Grau wie von Rauch. Sie fragt sich, wie viele der Wohnungen hinter den Fenstern leer sind, viele sind zugenagelt oder eingeschlagen, überall bröckeln Backsteine heraus wie faule Zähne.
Warum bist du hier?
Irgendwo hat Lux mal gelesen, dass Detroit jetzt aussieht wie New York in den Siebzigern, nur die Menschen fehlen, das Kaputte ist da, aber das Lebendige nicht, ist abgezogen, eine Folie, die sich abgelöst hat. Auch in dem Achterzimmer des Hostels war Lux allein und hat es nicht ausgehalten, dort im Bett liegen zu bleiben. Man könnte seine Identität verlieren in so einem Zimmer, sie sickert aus einem heraus, während man die Risse an der Decke anstarrt, in einem fremden Bett irgendwo zwischen Ost- und Westküste, und Charles geht nicht ans Telefon, es ist ja auch Nacht bei ihr, und Menschen müssen schlafen, aber sie wollte ihr Telefon anlassen, für die Notfälle, »Ruf mich an, immer, wenn du willst, ich bin da«, das hat sie gesagt, »trotz Atlantik«.
Warum bist du hier?
»Wie viele Menschen haben hier mal gelebt?«, fragt sie den Guide, um sich abzulenken, sie muss mit irgendwem sprechen.
»Seit der Bekanntgabe der Insolvenz ist die Bevölkerung von Detroit um sechzig Prozent geschrumpft, vier von fünf Häusern unbewohnt, der Großteil ist in die nächstgelegenen Ballungsräume abgezogen.«
Auf einem Grünstreifen neben der Straße sitzt jemand im Rollstuhl, um Geld von den Autofahrern zu sammeln, um ihn herum lagern Tauben. Als der Wagen an der roten Ampel hält, steht er einfach auf, ohne eine Krankheit in den Beinen, und drückt sein Gesicht fast an die Scheibe, große Poren auf der geröteten Nase, feinledrige Tränensäcke. Er klopft. Aber der Guide scheint ihn nicht zu bemerken, er schaut geradeaus und redet weiter, ohne auch nur einmal ins Stocken zu geraten, als trüge er Scheuklappen, Lux sieht nur, wie sein Unterkiefer sich mechanisch hoch- und runterbewegt, dahinter der feuchte Hundeblick des Säufers jenseits der Scheibe. Als er sich zur Seite beugt und sie anguckt, sieht sie schnell weg und ist froh, als das Auto sich wieder bewegt.
Der Guide redet und redet, aber es ergibt keinen Sinn, seine Worthülsenketten ziehen an Lux’ Ohren vorbei, nur ein Haufen Laute. Die kleine Taubheit bricht wieder in ihre Ohren, sie steckt einen Finger in eines und ruckelt darin herum.
Der Guide wechselt die Sprache, und sie versteht nichts mehr.
Warum bist du hier?, hat sie dich gefragt.
Draußen werden die Häuser flacher.
Warum hast du sie nicht nach ihrem Namen gefragt? Warum hast du sie nicht gefragt, wo sie schläft? Warum hast du sie nicht festgehalten an ihrer Hand oder ihrem Haar, warum hast du nicht in dieses helle Fell gegriffen und sie zurückgehalten?
Du könntest genauso gut nicht hier sein, es wäre egal. Sei nicht so passiv.
Lux entsperrt hastig ihr Telefon, aber bei Charles geht wieder nur die Mailbox ran. »Ruf mich an, wenn du wach bist«, schreibt sie und probiert es dann noch zweimal hintereinander. Leon hätte keine Angst gehabt, im Park zu übernachten, denkt sie plötzlich ohne Zusammenhang, und draußen kommen einstöckige Häuser in Sicht, amerikanische Leichtbauten mit Vorgärten, halb verfallen.
Leon hätte euer Zelt im Park aufgeschlagen. Unter einer Weide hättet ihr gecampt, das Rauschen der Blätter zum Einschlafen, daneben die Leichen im Fluss, und wenn du in der Nacht aufgewacht wärst und seinen Körper umarmt hättest, wärst du sofort wieder eingeschlafen, von der Wärme und dem süßen Geruch, Leons Körper zersetzt sich in der Erde.
Das Rauschen in Lux’ Ohren wird lauter. Sie knetet ihre Hände.
Leon ist immer vor dir wach geworden, vor allem auf den Reisen. Leon hat dich am Arm zu den Dingen gezogen, die er schon entdeckt hat, während du noch im Zelt lagst, hat dir den Arm ausgekugelt, ihn dir fast ausgerissen, du noch mit Schlafsand in den Augen, und er hat dich mit Späßen wach gemacht, du bist eigentlich schon lachend aufgewacht, prustend, nach Luft schnappend, am Ersticken.
Sie reibt sich über die Schläfen, presst die Fingerkuppen hinein, versucht, wieder ein Gefühl in ihre Hände zu kratzen. Plötzlich fährt die Scheibe in ihrem Fenster hoch und drückt ihren Ellenbogen weg. Der Guide schaltet das Radio an, und kurz hört Lux wieder alles, aber überscharf, zu laut, als hätte man ihr Watte aus den Ohren gerissen.
»Jetzt fahren wir durch den schlimmen Teil der 8 Mile, hier ist der King of Hip-Hop aufgewachsen, bitte umsehen, Fotos machen, aber nicht aussteigen, wir können hier nicht anhalten, diesmal keine Ausnahme, bitte.«
Ein trockenes Klacken fährt durch die Türen und bricht Lux das Rückgrat, er hat sie verriegelt.
Der Wagen biegt ab. Ein gemaltes Holzschild am Eingang des Viertels, eine weiße und eine schwarze Hand, zum Beten zusammengelegt, darunter, in schiefen Buchstaben:
»Area infested by crackheads
secure belongings and
pray for your life«
Lux schaut dem Schild nach. Der Song im Radio ist im Rauschen untergegangen, und es rauscht jetzt auch im Blick, sie versucht, sich mit dem Blick in die vorbeiziehenden Häuser zu krallen, da ist eine eingekrachte Veranda, gesplitterte Scheiben, zugenagelte Löcher, verbrannte Bäume wie Skelette, abgebrochene Zaunlatten wie Knochen, ein Haus mit halbem Dach wie ein halbes Gesicht, die Hälfte des Gesichts weg, davor ein Typ, er starrt den Wagen an, durch die Scheibe, starrt Lux an, und er hebt die Hand zu einem »Fuck you«, hebt sie zu einem »Fuck off«, und er hat ja recht, Lux, verpiss dich doch, schaff dich weg.
Ihr Blick schießt über die Oberfläche des Wagens. Das Lenkrad, die Schaltung, die Wasserflecken auf der Scheibe, der Guide, die Knie, die Hände, die sich selbst kneten. Die Hände sind taub, tot, und klatschen zusammen, ein Kopf dreht sich um, und ihre Stirn presst sich gegen das Fenster, ihr Kopf drückt so sehr gegen das Glas, dass es knirscht, aber Lux hört es nicht, nur Rauschen, auch im Blick, etwas Weißes.
Da flimmert etwas Weißes auf der Straße.
Lux reißt am Griff der Tür.
Jemand versucht, sie an der Schulter zu greifen, und sie schlägt die Hand weg, rammt ihre Schulter gegen die Tür, sie öffnet sich, und Lux fällt heraus, stolpert auf den knochenlosen Beinen. Sie läuft die Straße zurück, so schnell sie kann, auf der Fahrbahn, zurück zum Weiß.
Du bist nicht verrückt, da sitzt sie doch. Erkennst du mich noch?, denkt Lux erst und sagt es dann: »Erkennst du mich noch aus dem Bus, du hast neben mir geschlafen mit deinen weißen Haaren, deinen Tigeraugen, deinen Kaugummis, du hast mein Wasser getrunken und meinen Namen erraten, du hast neben mir gesessen, erkennst du mich noch, wie ist deine Name, wie denn?«
»Kat«, sagt sie, und ihre Asche fällt auf die Dielen der Veranda. »Beruhig dich mal.«
4
Das Zimmer ist leer. Nur ein paar hellere Flecken heben sich dort ab, wo früher Möbel standen, und diese Umrisse eines alten Lebens lassen den Raum noch verlassener wirken. Lux sitzt auf dem Boden, im Schneidersitz, mit dem Rücken gegen die Wand gelehnt. Sie kann sehen, wo der Fernseher hing, von dort, wo sie sitzt, hätte sie ihn perfekt im Blick, hier muss das Wohnzimmer gewesen sein. Ein Kabel ohne Glühbirne hängt von der Decke, nur die verletzten Drähte ragen ins Leere.
Die fleckige Matratze ist ohne Rost oder Laken, ein großer, zerwühlter Schal liegt darauf, den Kat wohl als Decke benutzt. Statt eines Kissens der zusammengestauchte, helle Mantel aus Teddyfell, den sie schon im Bus anhatte.
Kat, eigentlich Kathryn, aber nenn mich Kat, wie die Katze, nur mit K.
Lux hatte das Gefühl, dass das der einzige Name war, den sie sich nicht in den Stunden davor für sie ausgedacht hatte, aber natürlich, Kat wie die Katze.
Ihr Koffer liegt offen da, wie ein aufgesperrtes Maul oder eine Falle. Lux hat hineingesehen, als Kat aus dem Raum ging, um Wasser zu holen. Eine Collegejacke liegt darin, blau und knallgelb, aber man kann nicht erkennen von welcher Universität, Shirts mit aufgedruckten Sprüchen, dazwischen Glitzer und Spitze.
»Hier.« Kat drückt ihr eine Tasse in die Hand, und Lux wundert sich einen Moment lang, wo sie sie her hat. Sie trägt immer noch dasselbe wie im Bus, das war ja auch erst heute Morgen, sie kann sich Kat auch gar nicht in anderen Klamotten vorstellen, so zugehörig sieht dieses Outfit an ihr aus.
Kat geht zum Koffer, schlägt ihn zu und lässt sich auf die Matratze fallen. Sie setzt sich Lux direkt gegenüber. Ein Bein angewinkelt und mit dem Schuh auf der Matratze, das andere ausgestreckt, den Rücken lässt sie auch gegen die Wand sinken. Sie sitzt ein paar Meter weit weg, aber es macht Lux nervös, diese direkte Konfrontation, dabei sagt sie nicht einmal was. Ihr eigener Blick rutscht an der Leere der Wände ab, es gibt nichts, woran er sich festhalten könnte, nur ein bisschen Dreck am Boden und der nicht mehr vorhandene Fernseher über Kats Kopf, sie kann nicht ständig Kats Haare ansehen.
Du sitzt mit ihr in diesem leeren weißen Würfel.
Kats Telefon gibt einen Ton von sich. Sie murmelt »sorry«, was Lux überrascht, und greift danach, ihr Daumen fliegt über die Tastatur.
Lux trinkt von dem kalten Wasser, der Henkel der Tasse ist abgebrochen, und sie sucht ein Stück am Rand, an dem die Keramik nicht abgesplittert ist. Sie sieht wieder alles, hört alles, sogar Kats Schlucken beim Trinken, sieht die Staubflocken in dem bisschen Licht, das durch das Fenster schießt, mit Spanplatten ist es zugenagelt und »6.000 $ for sale« steht von außen drauf, anscheinend braucht sie Geld. Die Bedrohung von den Straßen hat sich hier aufgelöst, Lux ist ihr entkommen, hierher, fühlt sich wieder in Sicherheit, aber das liegt sicher nicht an diesem trostlosen Zimmer.
Kat hatte nicht weiter nachgefragt, was mit ihr los war. Als Lux sich draußen vor sie gekauert hat, hat sie ihr einfach eine Zigarette in die Hand gedrückt, sie war schon angezündet, und Lux zog daran, als hinge ihr Leben davon ab. So schnell hat sich die Glocke noch nie verzogen, als läge es an dieser magischen, amerikanischen Zigarette. Lux wagt gar nicht erst, darüber nachzudenken, wie unwahrscheinlich es eigentlich war, dass sie Kat wiedergetroffen hat, weil sie sich dann auch fragen müsste, wie dieser Anfall sonst ausgegangen wäre.
»Du … willst das Haus verkaufen?«, fragt sie, um die Stille zu brechen.
Kat schüttelt den Kopf. »Is doch nicht meins. Hab nur nen Schlafplatz gebraucht«, sagt sie, tippt zu Ende und schmeißt das Telefon neben sich auf die Matratze. Dann kramt sie zwei Zigaretten aus ihrer Schachtel, eine wirft sie quer durch den Raum. Sie landet vor Lux’ Füßen.
»Dann kennst du die Leute, die das Haus verkaufen?«
»Nee. Auch nicht.«
Lux dreht die Zigarette langsam zwischen den Fingern. Ihr Blick verirrt sich zur Tür, zum Rahmen, zum Schloss, sucht nach Aufgesplittertem. Ob sie mit ihrem Stiefel die billige Tür wie im Saloon, denkt sie, aber sieht schnell wieder weg, als sie merkt, dass Kat sie beobachtet. Und dass sie dabei lächelt, als könnte sie dieses bescheuerte Bild in Lux’ Kopf auch sehen.
»War offen«, sagt Kat, und Lux glaubt es.
Sie schweigen ein paar Minuten, und der Zigarettenrauch kräuselt sich gegen die Decke. Ihre Blicke treffen sich.
»Wohin bist du unterwegs?«, fragt Lux.
»Westküste, du?«
»Ja, auch.«
»Dann lass uns zusammen weiter.«
Lux fährt ein Schwall Rauch in die Lunge, sie hustet.
»Du fährst doch auch bald weiter?«, schiebt Kat hinterher und: »Hast du einen Führerschein?«
»Ja«, sagt Lux, »ja«, und nickt und hustet. Sie hustet das Brennen aus der Lunge.
»Hast du auch Geld?«, fragt Kat weiter, und Lux will automatisch wieder nicken, doch dann kommt die Frage in ihrem Kopf an, und sie stockt, sofort fängt Kat an zu lachen und winkt ab: »War nur ein Witz, nur ein kleiner Witz.« Und Lux nickt, trinkt in großen Schlucken, um das Kratzen im Hals wegzuschlucken, um ihr aufgeheiztes Gesicht hinter der Tasse zu verstecken.
5
»Meine Letzte hat auch alles auf Sex bezogen. Sie hat immer so große Augen hinter ihrer Brille gemacht«, sagt Kat, reißt die Augen auf und bleibt neben dem Berg aus polierten Orangen, die zu einer Pyramide gestapelt sind, stehen.
»Und dann hat sie mir jede Woche fünfzig Minuten lang in den Schritt gestarrt, also im übertragenen Sinn.«
»Analytikerin?«, fragt Lux, und ihr Blick klettert über die perfekten Orangen. Auf jeder einzelnen blitzen dieselben Reflexe von den Leuchtstoffröhren an der Decke. Überhaupt sieht das Obst hier zu gut und zu bunt aus, denkt sie, als sie sich umsieht, die Äpfel sind rot, die Zitronen gelb und die Blaubeeren blau, reine Farben, als wären die Früchte in ihrer eigenen Haut verpackt und alles zusammengestapelt wie Bauklötzchen. Kat scheint irgendwas zu suchen.
Sie schnalzt mit der Zunge. »Nee. Verhaltenstherapie.«
»Und du? Hast ihr viel über deinen Schritt erzählt?«, fragt Lux, aber so, dass man es für ein Spruch halten könnte, keine ernst gemeinte Frage. Kat sieht so aus, als könnte sie haben, wen sie will. Wenn sie denn überhaupt will.
»Hab die Beine breitgemacht«, sagt Kat. »Sind diese Teile aus Plastik?«
Sie greift nach einer der untersten Orangen. Lux sieht ihrer weißen, zähen Hand zu, die sich um die Kugel legt und anspannt, sie hört schon in ihrem Innern: das Rutschen, das dumpfe Aufschlagen, die Lawine aus saftschweren Kugeln, die über den Plastikboden des Supermarkts in entlegene Ecken rollen, und Kat mittendrin, mit einer einzigen Orange in der Hand.
Kat zieht sie raus. Die Pyramide sackt ein bisschen ein, und ein schwarzes Loch bleibt im Orange zurück. Lux atmet weiter.
»Mir hat einer mal seine Doktorarbeit vorgelesen, drei Sitzungen lang«, sagt sie, und Kat nickt, tauscht die Orange gegen einen Pfirsich, dann den Pfirsich gegen einen Apfel.
»Um was ging’s?«, fragt Kat.
»Ob man suizidalen Mädchen Trizyklika geben darf oder ob sie sich dann nicht trotzdem umbringen, weil sie davon fett werden.«
Eine alte Frau, die in ein paar Metern Abstand die Zitronen mit einem Plastikhandschuh befühlt, verfolgt Kats Bewegungen.
»Und was kam raus?«
»Dass man sie besser schlank lässt.«
»Sicher«, sagt Kat und sucht sich einen kleineren Apfel aus, »haben doch kein größeres Problem, die schönen, jungen Dinger.«
Die Frau starrt böse zu ihr. Als die Alte anfängt, ihren eingepackten Finger zu schütteln, sieht Kat es nicht oder ignoriert es. Lux fühlt sich angesprochen, die Frau glotzt jetzt sie an, dabei fasst sie doch gar kein Obst an, sie zuckt mit den Schultern, hält die Hände abwehrend hoch, als wäre sie gestellt worden.
»Was ist?«, fragt Kat und folgt Lux’ Blick.
Das Obst liegt still, und ein leiser Popsong läuft vor sich hin, nur der Zeigefinger der Frau bewegt sich, und Kat starrt sie an, ausdruckslos, den Apfel in der Hand. Irgendetwas wird jetzt passieren, denkt Lux. Und sie würde jetzt gerne verschwinden, nichts damit zu tun haben, würde sich gern unbemerkt um eines der Regale schieben, die zu irgendwelchen anderen Lebensmitteln führen, da löst sich Kat aus ihrer Starre. »Arschloch«, sagt sie, aber leise, wie zu sich selbst, und legt den Apfel zurück zu den anderen.
Als sie weitergehen, dreht Lux sich noch ein paarmal zu der Frau um, die kopfschüttelnd zwischen den Früchten zurückgeblieben ist.
»Nimmst du gerade irgendwas?«, fragt sie Kat, die Stille ist ihr unangenehm, ihr jagt ein Schauer über die Arme, sie stehen mittlerweile zwischen den Kühlregalen.
Kat schüttelt den Kopf.
»Nur Ritalin fürs ADHS. Und Vitamin D.«
Kat nimmt ein kleines Fläschchen mit Ingwerkonzentrat aus dem Regal, liest, was draufsteht. Wenn Ritalin also kein Medikament ist, denkt Lux, dann ist ADHS hier auch gar keine Krankheit, sondern vielleicht eher so etwas wie Kurzsichtigkeit. Kat greift nach einem zweiten Fläschchen, steckt beide in ihre Manteltasche.
Und vielleicht ist deine »mittelgradige Episode« für Kat auch bloß eine lahme Verstimmung, nach allem, was sie dir schon erzählt hat, die Tonne an Medikamenten, die wechselnden Therapien, sie macht am laufenden Band Witze darüber. Etwas, über das man längst hinweg ist. Wie die Pubertät.
Lux’ Telefon klingelt, sie zuckt zusammen.
»Ich muss da kurz ran«, sagt sie, und Kat nickt, schlendert weiter, mit den Händen in den Manteltaschen, als würde sie hier einen Spaziergang machen. Dieser Supermarkt ist besser besucht als jede andere Attraktion der Stadt, Lux hat an keinem Ort in Detroit so viele Leute zu Fuß gesehen wie hier.
»Hey, Charles.«
»Shit, Lux, tut mir leid, ich hab geschlafen wie ein Stein.«
»Kein Problem.«
»Was war denn los? Alles okay?«
»Ich …«, Lux sieht, wie Kat nach einer Packung Chips greift und sich interessiert die Inhaltsstoffe auf der Rückseite durchliest, »… bin in Detroit.«
»Du hast so oft angerufen.«
Die Sorge tropft aus ihrer Stimme. Lux kann auch Mitleid durchs Telefon hören, über einen Ozean hinweg, Charles, die sie öfter als ihre Eltern gefragt hat, ob das eine gute Idee ist, alleine, so weit weg, mit alldem.
»Ist schon wieder okay«, sagt Lux und weiß nicht, wie sie diesen Satz sagen soll, damit sich andere keine Sorgen mehr um sie machen.
Charles seufzt. »Vielleicht war das keine gute Idee zu reduzieren. Kannst du da zum Arzt?«
Lux wirft die Augen an die Decke. Die Leuchtstoffröhren blenden sie, und für ein paar Sekunden sieht sie danach tanzende schwarze Flecken.
»Charles, es geht schon, wirklich.«
»Okay. Aber pass auf dich auf. Und ich stell mein Telefon jetzt lauter.«
»Schon okay.«
Als sich die Flecken im Blick verziehen, ist auch Kat weg. Lux sieht sich um. Sie verfällt ins Gehen, schneller, ans Ende des Ganges, sucht sie, wendet den Kopf, sieht in den nächsten Gang, beruhigt sich wieder.
Kat greift nach einer kleinen Packung Erdnüsse. Es ist eine dieser verbeulten Vakuumverpackungen, eine Handvoll Nüsse, die unter einer Plastikhaut zusammengequetscht sind wie ein Geschwür. Sie liest sich wieder die Rückseite durch, dann verschwindet das Päckchen in ihrer Manteltasche.
»Hast du genug Medikamente dabei?«, fragt Charles am Telefon.
»Äh. Ja«, sagt Lux.
»Und, ich meine, wenn’s dir wirklich schlecht geht, kannst du ja auch zurückkommen. Ich meine, ist mutig, was du machst, ich will nur nicht, dass du dich … unter Druck setzt, weißt du? Es wär auch okay, wenn du einfach zurückfliegst. Aber das weißt du ja. Scheiße, ich will mich nicht anhören wie deine Mutter«, sagt Charles und lacht auf.
Kat lächelt Lux an. Ihre spitzen Zähne kommen zum Vorschein. Eine Echse, denkt Lux und erwartet für einen Moment, dass sich eine schmale, gespaltene Zunge zwischen ihren Lippen zeigt.
»Lux?«
»Äh, ja. Keine Sorge. Ich hab jemanden getroffen.«
»Jemanden getroffen?«
»Ja, wir fahren gemeinsam weiter. Erst mal.«
»Ein Typ?« Charles’ plötzliche Spannung in der Stimme, ihr plötzlicher Überschuss an Neugier holt Lux ins Gespräch zurück.
Wie sehr sie darauf hofft, dass du dich wieder in irgendwen verliebst. Als bräuchtest du eine neue Krücke.
»Kein Typ.«
»Okay, okay. Amerikanerin?«
»Ich denke schon«, sagt Lux und geht durch das Labyrinth der Regale, sie hat Kat wieder aus den Augen verloren.
»Das ist sicher gut. Wenn du nicht allein bist«, sagt Charles.
Da ist sie wieder. Spricht mit jemandem, einem jungen, blassen Typen mit strähnigem Haar. Er hat einen Pappkarton unterm Arm. Sie macht eine Geste, als würde sie etwas durchschneiden, eins der Symbole von diesem Kinderspiel, Schere, Stein, Papier. Der Angestellte zeigt irgendwohin, erklärt. Als Kat wieder weg ist, starrt er eine Weile auf den Karton in seinen Händen. Als wüsste er nicht mehr, was damit zu tun ist.
»Okay, Charles, ich muss weiter, meld mich«, sagt Lux, und Charles sagt: »Ja, ruf an, wenn was ist, immer, und mach Fotos, ja?«, dann ist sie weg.
Lux findet Kat bei dem Zubehör für Telefone. Sie liest sich gerade die Rückseite einer Speicherkarte durch.
»Mit wem hast du gesprochen?«, fragt sie.
»Mit ner Freundin.«
»Freundin-Freundin? Oder deine Freundin?«
»Äh. Freundin-Freundin.« Lux nimmt ein Ersatzladekabel in die Hand. Sie weiß nicht, wohin mit ihren Händen.
»Macht sie sich Sorgen um dich?«
»Sorgen?«, fragt Lux, als wäre das abwegig.
»Na, weil du hier allein bist. Mit deinen Problemen.«
Kats Blick kriecht Lux unangenehm unter die Haut. Sie zuckt mit den Schultern. Hängt das Gerät wieder zurück an seinen Haken.
»Machen sich deine Eltern Sorgen?«, fragt Kat weiter.
»Na ja«, sagt Lux und muss wegsehen, warum bohrt sie so, denkt sie, warum will sie das wissen?, »wie Eltern halt so sind. Deine nerven dich doch sicher auch damit.«
Für ein paar Sekunden drängen Kats Augen weiter in Lux. Dann, plötzlich, bricht ein Lächeln in ihr Gesicht, und die Kälte ist mit einem Schlag weg.
»Nicht mehr vorhanden. Deck mich«, sagt sie, aber bevor Lux verstanden hat, schneidet Kat mit einer großen Küchenschere, an der ein Preisetikett befestigt ist, die Verpackung der Speicherkarte auf, mit dem nächsten Griff hat sie den kleinen Chip in der Hand. Lux sieht sich um, der Junge mit dem Karton läuft an ihnen vorbei und starrt Kat auf den Rücken, aber er guckt schnell weg, als Lux’ nervöser Blick und seiner sich treffen. Kat klemmt das kleine Ding in den Kartenhalter und schiebt ihn zurück in ihr Smartphone.
»Du solltest dir auch was besorgen«, sagt sie, als sie die Schere an die Regalwand und die kaputte Packung hinter die intakten hängt, mit absolut ruhigen Händen.
»Ich … bin dafür nicht gemacht«, sagt Lux und fragt sich, ob Kat es eigentlich hören kann, ihr wahnsinnig lautes, panisch klopfendes Herz. Das ganze Zeug, das sie sich in die Taschen gepackt hat.
»Ach. Adrenalin wirkt aber besser als deine Serotonin-Wiederaufnahmehemmer. Was ist damit?«, fragt Kat und dreht einen Ständer mit Sonnenbrillen, der in der Nähe der Kasse steht.
»Kat, nein.«
»Komm. Ich mach den elektronischen Krempel ab, und du setzt sie auf.«
»Und dann?«
»Einfach rausspazieren.«
Kat zieht eine Brille heraus und reicht sie Lux. Sie zögert. Sieht zu den Kassenbändern. Nur drei davon sind besetzt. Die Angestellten ziehen stoisch Produkte über die Scanner, es piept unregelmäßig, die Kunden stehen Schlange, warten brav. Und wenn es hier Kameras gibt, denkt sie, die amerikanischen Gefängnisse sind alle privatisiert. Lux sieht Kat an. Setzt die Brille auf.
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