Kitabı oku: «Sisi, Sex und Semmelknödel»

Yazı tipi:


Omar Khir Alanam:

Sisi, Sex und Semmelknödel

Alle Rechte vorbehalten

© 2020 edition a, Wien

www.edition-a.at

Cover und Gestaltung: Isabella Starowicz

Redaktion und Lektorat: Thomas Schrems

ISBN 978-3-99001-383-0

E-Book-Herstellung und Auslieferung:

Brockhaus Commission, Kornwestheim

www.brocom.de

Für meinen Freund, den Journalisten. Nicht den

syrischen. Den österreichischen. Und für alle,

die gerne lachen.

Inhalt

Das Fest des Huhnes

Bei uns – oder: Wie ich den Staatsapparat (fast) zu Fall gebracht habe

Kreativität ist …?

Alt+0235 Der Buchstabe des Gesetzes

Naël und der Kanonendonner

Maurino & die schlaue Frau, die mit dem Fuß des Esels spinnt

Warum der Araber bei Bio zu lachen beginnt

Kultur & Sex: Der Blick ins Paradies

Tradition: Fluch und Segen der lieben Familie

Klischee oder Wahrheit: Wissen Sie es?

Das Fest des Huhnes

Als ich begonnen habe, an diesem Buch zu arbeiten und Erstaunliches aus dem Alltag hier in Österreich zusammenzutragen, habe ich einem Freund von meinem Plan erzählt. Diesen Freund kann man auf den ersten Blick als väterlich bezeichnen. Weil er fast doppelt so alt ist wie ich. Weil er vorne schon einen Fünfer trägt. Und weil er nicht wie andere seines Alters, die es unbedingt nochmal wissen und bei ihren viel jüngeren Zweit- und Drittfrauen gut ankommen wollen, ständig in schwarzen Converse mit weißen Schuhbändern herumläuft.

Trotzdem – und das soll jetzt bitte nicht respektlos klingen aus dem Mund des 28 Jahre jungen Mannes, der ich bin – ist er erstaunlich frisch im Kopf. Ich meine frisch im Sinne von jugendlich erfrischend. Er beklagt sich nicht ständig, ist kein bisschen resignativ und somit untypisch österreichisch. Ja, verglichen mit vielen meiner Altersgenossen oder einem gewissen, auch nicht viel älteren Spitzenpolitiker hier im Land, zu dem sie seiner konservativen Haltung wegen auch gerne »der alte Mann mit dem jungen Gesicht« sagen, ist mein Freund im Kopf ein richtiger Dénischer. Ohne dass deswegen seine Hormone ständig verrücktspielen. Ein Dénischer?

Ya-iIlahi. Oh, mein Gott. Diese verdammte deutsche Sprache mit ihren Hürden und Mauern und Zungenbrechern. Auch nach fünf Jahren legt sie immer noch ihre Schlingen nach mir aus. Dagegen ist perfekt Arabisch zu lernen das reinste Kinderspiel. Ob Sie es glauben oder nicht. Obwohl, Dénischer ist ja gar kein echtes Deutsch, sondern eines dieser vielen gestohlenen Worte. Trotzdem muss auch ich wie schon andere vor mir sagen:

Das Leben ist zu kurz, um Deutsch zu lernen.

Das sagt ein arabisches Sprichwort. Manche behaupten ja, es stammt von Mark Twain. Oder Oscar Wilde. Oder Voltaire. Vielleicht aber auch von einem Deutschen selbst. Vielleicht Goethe? Das posten jedenfalls Syrer, die gerade Deutsch lernen. Dann gibt es wieder welche, ebenfalls Syrer, die dieselbe Weisheit mit einem Foto von Adolf Hitler ins Netz stellen. Kein Österreicher oder Deutscher würde das wagen. Doch das Geschichtsbild der Syrer ist ohnehin ein anderes, als man es sich hier vorstellen kann: Denn in den Schulbüchern, die Diktator Assad freigibt, wird behauptet, Hitler habe im Ersten Weltkrieg die Gräueltaten der Juden miterlebt, und darum habe er sein Volk später vor ihnen schützen wollen. Dass er in Wahrheit sechs Millionen Juden grausam ermorden ließ, habe ich – ob Sie es glauben oder nicht – tatsächlich erst in Österreich erfahren.

So oder so. Das Leben ist definitiv zu kurz, um Deutsch zu lernen.

Dénischer liest sich in der hochdeutschen Schriftsprache übrigens so: Teenager. Mein Freund lächelt immer, wenn ich mit meiner nach wie vor etwas zu harten Aussprache darüber stolpere. Aber so sehr ich mich auch bemühe, wenn ich es eilig habe beim Reden (und das haben wir Araber praktisch immer), kommt am Ende des Tages, wie es so schön heißt, bei Teenager Dénischer heraus.

Derselbe kopfjunge Freund hat eines Tages übrigens zu mir gesagt, er wolle ab sofort keine neuen Menschen mehr kennenlernen. Er kenne ohnehin schon viel zu viele. Durch seinen Beruf und das Leben und überhaupt.

Inzwischen kenne ich ja auch den Begriff, mit dem man hierzulande gerne alles Mögliche zudeckt. Oder verschleiert. Vor allem die Unsicherheit. Man macht das hier mit dem Schmäh. In so einem Fall sagt der Araber dann: Zwei Drittel des Scherzes sind ernst gemeint.

Ob Schmäh sprachgeschichtlich etwas mit Schmähung zu tun hat, weiß ich nicht. Ebenso wenig, wie hoch der Prozentanteil Schmäh war bei der Aussage meines Freundes. Was ich weiß, ist, dass einem der Schmäh in diesem Land ausgehen kann wie anderen die Milch fürs Frühstück oder der Safran für ein arabisches Kabse, das beliebte Reisgericht mit jeder Menge Gewürzen, von Kardamom über Zimt und Muskat bis hin zu Safran, und natürlich mit Pinienkernen und Mandeln und Lammfleisch. Oder Huhn. Und, was ich ebenfalls erfahren habe: Derselbe Schmäh, der den Menschen plötzlich ausgeht, kann genauso gut plötzlich rennen. Wohin oder vor wem davon, weiß ich jedoch nicht.

Was soll‘s. Ich kann nicht alles wissen. Aber, keine neuen Menschen mehr kennenlernen wollen?

Niemals. Zur Sicherheit, Schmäh hin, Schmäh her, habe ich gegen die Behauptung meines Freundes sofort protestiert. Weil ich als gebürtiger Syrer am liebsten mit jedem und überall zu plaudern anfange. Wenn es sein muss, sogar auf der Herrentoilette.

Andererseits weiß ich inzwischen, dass systematisches Nicht-Reden auch eine Art von Kommunikation ist. Gerade hier in Europa. Da brauche ich nur an Menschen in U-Bahnen oder Aufzügen zu denken. Wenn sie in diese Leere starren, in die man eben sonst nur starrt, wenn man auf der Herrentoilette steht und in das geschmacklose Muster von Fliesen aus den Siebzigerjahren blickt und darüber staunt, welch seltsame Sprüche oder Ausrufe es als Graffiti ins Jahr 2020 geschafft haben. Man steht da so mit den anderen Namenlosen und macht sein Ding und blickt bloß nicht hin, wo man eben nicht hinblickt. Weil man da nicht hinblickt!

Aber bleiben wir bei dem Plan, von dem ich meinem Freund zu erzählen begonnen habe. »Ich schreibe ein neues Buch«, sage ich. »Über die ersten fünf Jahre in meiner neuen Heimat. Über den Zusammensturz der Kulturen.«

»Meinst du Clash of Cultures?«, fragt er.

Ich nicke.

»Dann heißt es Stoß. Zusammenstoß der Kulturen, Omar.«

Ya-iIlahi. Schon wieder. Was für eine ewige Herausforderung. Stoß. Sturz. Ist das denn nicht dasselbe? Oder führt nicht das eine zum anderen? Wer gestoßen wird, kann schließlich stürzen. Nur bei Diktator al-Assad bin ich mir da nicht so sicher.

Ich überlege, was und wie viel ich meinem Freund erzählen soll. Immerhin ist es bloß eine Idee. Sie leuchtet zwar schon grell auf in meinem Kopf wie eine Traube gelber Datteln hoch oben auf einer Oasenpalme inmitten der syrischen Wüste (wobei ich gestehen muss: Im Gegensatz zu meinem weitgereisten Freund, der schon die eine oder andere Wüste dieser Welt gesehen und auch viele Wochen dort verbracht hat, kenne ich die Wüste gar nicht. Sie soll jedoch, heißt es, wunderschön sein).

Aber wir waren bei der Idee und den Datteln. Ja, so verführerisch die Früchte auch herunterleuchten, in diesem Zustand sind sie einfach noch nicht reif. Und mein Freund (so jedenfalls stelle ich mir seinen Job vor) ist so etwas wie ein Verwerter von noch nicht ganz reifen Ideen. Eine Art freilaufende Reifemaschine. Ein kreativer Dattelpflücker mit Weitblick. Auch wenn er sich meiner Ideen bestimmt nicht bedienen würde. Aber prinzipiell.

Außerdem ist es doch so: Fliegen Ideen erstmal durch die Luft, greift rasch ein anderer nach ihnen. Ideen machen Geräusche wie auch der Wind Geräusche macht. Und wie der Wüstenwind ein loses Sandkorn hochhebt und verweht, so hebt auch der Wind der Sprache eine lose Idee hoch und verweht sie. Er trägt sie von da nach dort, von einem Ohr zum nächsten. Da gibt es dieses arabische Sprichwort, das auch für die guten, aber noch nicht verwerteten Ideen gilt. Dieses Sprichwort nämlich:

Der frühe Vogel fängt den Wurm.

Alena lacht mich bestimmt aus, wenn sie das liest. Ich kann es hören, wie sie dann mit diesem gewissen Blick als Begleitung sagt: »Omar, das mit dem Wurm kommt aus dem Englischen. Und zwar so was von fix.«

»Niemals«, werde ich rufen und standhaft bleiben. Weil Sprichwörter das sind: mehrheitlich arabisch. Nein, ausschließlich arabisch. Allein schon, weil es so viele gibt. Für alles. Araber baden in Sprichwörtern. Sie betreiben mit ihnen eine Art Hammam für die Seele. Das, was hier Wellness heißt, und meist nur für unverschämt viel Geld zu haben ist.

Wenn das mein Vater in der alten Heimat wüsste! Das mit Wellness und den Preisen. Er würde ins Telefon brüllen, ob ich jetzt endgültig den Verstand verloren habe durch zu viel Einatmen europäischer Luft. So eine Menge Geld zum Fenster hinauszuwerfen! Für etwas, das ein echter Araber (der ich ja anscheinend nicht mehr bin, wird er brüllen) erstens nicht freiwillig tun würde und zweitens (wenn es unbedingt sein muss) gratis bekommt, weil er es sich von der syrischen Sonne schenken lässt. Schwitzen.

Ja, Wellness, oder etwas internationaler Spa, ist auch so ein Thema, auf das ich bei meinen Recherchen und Überlegungen gestoßen bin. Ich habe bemerkt, wie wichtig es hier ist. Und welche Rituale damit verbunden sind. Also habe ich es auch ausprobiert. Ein Albtraum, kann ich Ihnen sagen. Und ich meine damit am allerwenigsten die staubtrockene Hitze in einer finnischen Sauna.

Doch fürs Erste zurück zu meinem Freund. Wie viel soll ich ihm verraten? Ich platze vor Lust, mich mitzuteilen. Andererseits ist er ein … hhmm … und wiederum andererseits weiß ich, dass er eine besondere Qualität besitzt, die ihn von vielen Menschen auf der ganzen Welt aus den unterschiedlichsten Kulturen unterscheidet. Zusammenbruch hin, Zusammenstoß her. Diese Qualität:

Er kann tatsächlich den Mund halten.

Alena, meine so wunderbare steirische Frau, die ich vor bald vier Jahren in Graz lieben gelernt habe und die mir, nein: die uns inzwischen einen Sohn geschenkt hat, der so wunderbar ist wie sie selbst, hat gesagt: Das Wort für die Qualität meines Freundes heiße vertrauenswürdig.

Alena und ich leben in wilder Ehe zusammen. So nennt man das hier. Ein Araber kann mit diesem Begriff nichts anfangen. Natürlich, in einer Ehe kann es schon mal wild zugehen. Aber eine Ehe kann nicht per Definition wild sein. Entweder Ehe. Oder keine Ehe. Was bedeutet nun so eine wilde Ehe für mich? Ich habe das auf meine Art gelöst. Indem ich Alena – ziemlich zu Beginn unserer Liebesbeziehung – gefragt habe:

»Alena, möchtest du mich heiraten?«

Alena hat sich riesig gefreut und sofort Ja gesagt. Also haben wir es amtlich gemacht. Auf un-österreichische Weise. Wir haben unser Versprechen (mit zwei Freunden als Zeugen) auf ein Stück Papier geschrieben, das wir bei uns tragen. So sind wir Mann und Frau geworden. Auch ohne Trauschein. Für uns und vor uns besteht diese Ehe. Soll die Gesellschaft dazu doch sagen, was sie will. Ich jedenfalls sage:

»Alena ist meine Frau«. Und diese meine Frau sagt: »Dein Freund ist vertrauenswürdig.«

Sie hat recht. Vertrauenswürdig. Das trifft es. Dabei ist genau das umso erstaunlicher, wenn ich an seinen Beruf denke. Und an seine Vergangenheit. Weil ich mit genau solchen Menschen ganz andere Erfahrungen gemacht habe. In meiner alten Heimat.

Aber alles schön der Reihe nach.

»In meinem ersten Buch«, sage ich also zu meinem vertrauenswürdigen Freund, »habe ich mich bei den Menschen hier bedankt. Dass sie mich aufgenommen haben. Und akzeptiert. Dass sie mir nach meiner Flucht aus Syrien eine neue Heimat geschenkt haben. Darum hat das Buch auch so geheißen: Danke.«

Mein Freund weiß das natürlich längst. Er hält sich auch nicht gerne auf mit Dingen, die vorbei und nicht mehr zu ändern sind. Darum sagt er etwas ungeduldig: »Ja, ja, Omar. Ich weiß, ich weiß … blablabla … das ist eh super, aber: Das hatten wir alles schon. Aber dein zweites Buch. Worum dreht es sich? Hast du schon erste Szenen? Zeigst du sie mir? Was ist der rote Faden? Was ist der Plot? Die Kernaussage? Wie lautet der Titel? Raus mit der Sprache!«

Raus mit der Sprache.

Das habe ich hier schon öfters gehört. Anfangs habe ich gedacht, es heißt so viel wie: Halt den Mund. Oder: Besser, du sagst jetzt nichts mehr. Weil es Sprachen gibt, wo das Wort Sprache zugleich auch Zunge bedeutet. Zum Beispiel im Russischen.


Angeblich spricht man das so aus: Jiasík. Mit Betonung auf dem zweiten i. Hoffentlich ist das nicht wieder so eine Falle wie der Dénischer. Egal. Sprache = Zunge also. Und ich komme aus einem Land, wo sie dir die Sprache = Zunge auch schon mal flott und unbürokratisch rausschneiden in einem der vielen Geheimdienstkeller. Einfach, weil es gerade lustig ist. Weil sie besonders gut oder besonders schlecht drauf sind. Weil den Männern in ihren billigen Klamotten danach ist. Weil du nicht laut genug »Lang lebe Bashar al-Assad!« geschrien hast, während sie auf dich einprügeln. Oder weil sie der Meinung sind, dass es vorbeugend besser so ist. Noch dazu bei Menschen, die wie ich gerne mit einem Buch in der Hand durch die Straßen von Damaskus laufen und schon allein deshalb sehr verdächtig sind. Also hat »Raus mit der Sprache« für mich einen etwas schalen Beigeschmack. Vor allem, weil es gut sein kann, dass du plötzlich gar nichts mehr schmeckst.

Heute weiß ich es besser. Österreich ist da ein Land der Seligen. Europa ist da eine Insel der Seligen. Meistens jedenfalls. Niemand will dir hier an die Zunge, wenn er so etwas sagt. Auch wenn die Zunge oft die Hebamme allen Unheils ist. Dazu gibt es auch ein Hadith (das ist so eine Art mündliche Betriebsanleitung für den Koran, Aufzeichnungen, die das Wirken des Propheten Mohammed belegen): Da heißt es, die meisten Fehler des Menschen würden seiner Zunge wegen entstehen. Wer an Allah glaube, solle entweder Gutes sprechen oder für immer schweigen.

Aber diese deutsche Sprache! Allein der Konjunktiv. Da weißt du nie, was die Leute wirklich wollen. Allein schon dieser Satz, den die allzu sehr Gestressten von sich geben, wenn sie von einem Termin zum nächsten hetzen, dazwischen dreimal einkaufen laufen, völlig abgekämpft und viel zu spät zum Treffen mit dir erscheinen, bei der Vorspeise ihre Mails checken und auch sonst noch hundert Mal aufs Handy starren. Und dann, noch vor dem Dessert, aufspringen, nach der Jacke greifen, weil sie fast den Friseurtermin vergessen hätten, und sich mit einem tiefen Stöhnen und diesen Worten verabschieden.

Ich hätte gerne etwas mehr Zeit für mich.

Hätte. Ja, was denn jetzt? Willst du mehr Zeit für dich oder willst du nicht?

Viel schlimmer jedoch ist der Konjunktiv im Gasthaus, wenn der Kellner sagt: »Na, der Herr? Was hätten wir denn gerne?«

Was soll denn das heißen? Außerdem: Warum wir? Hat er nicht nur mich gefragt? Immerhin sitze ich alleine am Tisch. Oder sagt er wir, weil er hofft, dass ich auswähle, was er am liebsten mag, damit er mitessen kann?

Hätte, hätte, Fahrradkette, sagt man da angeblich. Auch so eine Redewendung, die mir nicht in den Kopf will. Eines von den guten alten arabischen Sprichwörtern kann es jedenfalls nicht sein. Oder bestenfalls in einer sehr, sehr schlechten Übersetzung.

»Du sagst das«, sagt Alena, »wenn du eine Fehlentscheidung nicht mehr rückgängig machen kannst. Oder etwas nur in deinem Wunschdenken möglich ist.«

Wunschdenken auf Arabisch sieht anders aus. Aber bleiben wir noch bei meinem Freund. Der lässt nämlich nicht locker.

»Na, was ist, Omar? Raus mit der Sprache!« Du meine Güte. Der redet auf einmal so viel und so schnell wie ein Araber, habe ich in diesem Moment gedacht. Dabei ist er doch Österreicher. So wie ich mittlerweile auch. Auf eine gewisse Art.

Aber, bin ich das denn wirklich? Wer bin ich, nach fünf Jahren hier und nicht mehr dort?

Meinem Freund ist das jetzt gerade ziemlich egal. Er überschüttet mich mit Fragen. Alles will er wissen zu meinem neuen Buch. Einfach alles. Man könnte sagen: Er gießt seine Neugierde über mir aus, dass sie zu schäumen beginnt. Wie wenn ein Araber die Teekanne beim Ausschenken gekonnt hoch in die Luft zieht, einen Meter oder so, sodass sich der Chai aus immer größerer Höhe ins Glas ergießt. Natürlich, ohne dass ein einziger Tropfen daneben geht.

Das Ergebnis?

Ein fantastisches Getränk, das für Freundschaft und Wärme und Herzlichkeit steht. Natürlich ohne Milch. Weil Milch und schwarzer Tee – das geht gar nicht. Dafür aber muss er aus hochwertigem schwarzem Tee gebraut sein. Je hochwertiger, desto besser. Also kein Teesack. Nein. Es heißt ja Teesackerl. Oder Beutel. Egal. Angereichert mit frischer Minze sollte er sein. Oder mit einer Kardamomkapsel ganz zum Schluss. Und mit ganz, ganz viel Zucker. Das alles ergibt am Ende, im Glas, den perfekten Schaum und den göttlichen Geschmack.

Mmhhmm.

Genau so, denke ich mir, schäumt die Neugierde meines Freundes. Kein Wunder, überlege ich weiter. Neugierde ist sein zweiter Vorname. Er atmet sie den ganzen Tag. Neugierde ist sein Sauerstoff und Treibstoff. Neugierde wärmt ihm das Blut wie anderen Menschen die Lust auf Abenteuer. Oder die Freude am Anblick einer wunderschönen Frau. Das muss ich jetzt sagen. Als gebürtiger Araber. Klischees verpflichten.

Kein Wunder, sage ich still zu mir, dass er fast platzt vor Neugierde. Er ist ja auch Journalist. Und trotzdem (wie hat Alena gesagt?) vertrauenswürdig.

»Das Buch heißt Sisi, Sex und Semmelknödel«, sage ich.

Glauben Sie mir: Es tut gut, Menschen, die behaupten, niemand Neuen mehr treffen zu wollen, weil sie alles dutzendfach gesehen und gehört haben, plötzlich riesengroße Augen machen zu sehen. Augen, so groß wie ein Fladenbrot, das du frisch aus dem Ofen holst. Oder das du, wie es die Beduinen machen, aus der Glut ausgräbst, ein paar Mal kräftig an deiner staubigen Djellaba abklopfst, so dass alle beide wieder sauber sind – der Kapuzenmantel und das Brot. Und fertig.

Weil: Die Augen meines Freundes haben, als ich ihm den Titel verraten habe, nicht nur ordentlich an Größe zugelegt, sondern auch geglüht. Und in ihnen, den Augen, ist da so ein Fragezeichen aufgetaucht. Riesengroß. Das hätte locker von Graz bis nach Damaskus geblinkt. Damaskus. Meine alte Heimatstadt in Syrien. Oder besser gesagt: die große Schwester meiner Heimatstadt Ost-Ghuta.

Kennen Sie Ost-Ghuta?

Vermutlich nicht persönlich. Eher aus den Nachrichten. Ost-Ghuta, das ist dort, wo Bashar al-Assad am liebsten seine Bomben auf das eigene Volk fallen lässt. Aber darum geht es jetzt gerade nicht.

Jetzt gerade geht es um das neue Buch. Sisi, Sex und Semmelknödel. Und um die wie feinster arabischer Tee schäumende Neugierde meines österreichischen Freundes, als ich ihm auch den Untertitel verrate:

Ein Araber ergründet die österreichische Seele.

»Alles Gute dabei«, ruft er spontan und tut, als wollte er gehen. Doch dann fängt sich mein neugieriger Journalisten-Freund wieder, und sagt:

»Omar, wenn du wissen willst, wie wir sind, nein: wie wir auch sind, und wie auch du bald sein wirst, ob du willst oder nicht, na ja, vielleicht, dann musst du dir einen Film ansehen. Klapp deinen verdammten Laptop auf!«

Einen Film? Zeigt er mir jetzt, dass Andreas Gabalier seine Lederhose nicht mehr auszieht, weil er darin festgewachsen ist? Oder einen alten Sisi-Film? Warum die Menschen zu so einem alten Film auch Schinken sagen, werde ich wohl niemals begreifen. Was haben Schweineschenkel mit alten Filmen zu tun? Oder sagen sie das nur, weil sie uns Moslems ein bisschen ärgern wollen? Wobei ich schon sagen muss: Als ich Sisi (den Film) zum ersten Mal sah, dachte ich instinktiv: Was da geschieht, ist schon sehr seltsam. Aber doch auf eine gewisse Weise durch und durch arabisch. Ich komme noch darauf zurück.

Was für einen Film also? Außerdem … was soll das überhaupt heißen?

Wie du auch bald sein wirst.

Als ich erstmals österreichischen Boden betrat und begonnen habe, ganz vorsichtig und ziemlich ängstlich Fuß zu fassen, war erstmal das hier angesagt: das große Staunen. Österreich war mir bis dahin kein Begriff gewesen. Nein, ich zählte vielmehr zu denen, über die man hier so gerne lacht: Menschen nämlich, die darunter Australien verstehen. Ein echter Klassiker also.

Österreich kam in meiner syrischen Welt überhaupt nur in einem einzigen Wort vor. Sie haben es erraten: in einem Sprichwort.

Kol o ensa – rou a nemsa.

Ein Reim aus meiner Kindheit, der übersetzt so viel bedeutet wie: Iss und vergiss. Und geh nach Österreich. Nemsa. So lautet bekanntlich das arabische Wort für Österreich.

Alenas Mama Ruth meint, die deutsche Entsprechung könnte diese sein: Friss oder stirb! Das wäre jedoch wenig schmeichelhaft für Österreich, weil es dann ein Ort wäre, den du besser meidest und stattdessen lieber alles runterschluckst, was so daherkommt. Nein, dieses Bild gefällt mir gar nicht. Weil das Gegenteil der Fall ist. Und man merkt hier, wie sanft die arabische Sprache im Vergleich zur deutschen ist. Dennoch schreibe ich auf Deutsch.

Jedenfalls bekamen meine Freunde und ich diesen Reim immer dann zu hören, wenn es uns nicht gut ging. Oder wir aus irgendeinem Grund beleidigt waren. Oder unzufrieden. Die tiefere Bedeutung habe ich bis heute nicht begriffen. Vielleicht gibt es ja auch gar keine. Wie das bei Redensarten oder Sprichwörtern schon mal vorkommt. Oder weil wir die Hintergründe nicht kennen und die Worte einfach nur nachplappern.

Ganz anders bei Deutschland. Auch wenn ich bis zu meinem ersten Tag in Österreich nicht ein einziges Wort Deutsch gekonnt oder auch nur je zuvor gehört hatte – Deutschland, ja, das stand für etwas. Schon damals. Deutschland, Almanya, war und ist in Syrien der Inbegriff für Technik. Für Präzision. Für Maschinen. Dazu zählt in der Wahrnehmung der Syrer allerdings auch ein sehr übles Gerät: der deutsche Stuhl. Ein Folterinstrument aus beweglichen Teilen, mit dem der Körper von Gefangenen überdehnt wird, was häufig auch dazu führt, dass den Opfern irgendwann die Wirbelsäule gebrochen wird. Geflohene Nazischergen sollen dieses Teufelsgerät seinerzeit nach Syrien gebracht und dort populär gemacht haben.

Aber bleiben wir lieber bei jener deutschen Technik, die zurecht mit Ruhm bedacht wird. Autos zum Beispiel. Darum muss ich auch immer lachen, wenn ich einen aus der syrischen Community hier in Österreich am Steuer eines Wagens sehe. Des eigenen Wagens. Egal wie klapprig oder schrottreif die Kiste auch sein mag. Der ganze syrische Stolz einer gedemütigten, unterdrückten und von Krieg geschlagenen Nation sitzt da hinterm Lenkrad. Weil diese alte, klapprige Kiste dafür steht, was viele Araber (aber auch Menschen vom Balkan und aus der Türkei) mit Glück verbinden. Mit Wohlstand. Damit, es auch in der Fremde geschafft zu haben. Hauptsache, dass der Wagen einen dieser drei bis ins ferne Arabien klingenden Namen trägt:

Audi.

BMW.

Mercedes.

Glück ist eine Oase, die zu erreichen nur träumenden Kamelen gelingt, besagt eine alte Beduinenweisheit. Und die zweibeinigen syrischen Kamele träumen eben von einem deutschen Auto als Schlüssel zum Glück. Egal, ob es hinten beim Auspuff rausqualmt wie aus dem Rauchfang einer Dampflokomotive in der Jarmukschlucht, damals, als es in Syrien noch ein richtiges Eisenbahnnetz gab, bevor es zerbombt wurde. Egal, ob in der ersten eigenen Wohnung nichts außer einer Matratze zu finden ist (und vielleicht noch ein riesengroßer Flatscreen-Fernseher, der den ganzen Tag läuft, oft genug auch nur, damit er sich selbst zuhören kann, weil sonst niemand zu Hause ist). Egal, ob der Kühlschrank gähnend leer ist. Hauptsache Auto, Hauptsache deutsch. Hauptsache, mit einem der drei großen Namen.

Aber Nemsa?

Interessant ist, dass Österreich (das habe ich mal in einem Bericht über zwei Salzburger, die in Algerien von Fundamentalisten entführt worden waren, gelesen) das einzige Land der westlichen Hemisphäre ist, für das es ein eigenes arabisches Wort gibt. Also eines, das nicht hergeleitet ist. Hier würde man sagen: eingedeutscht. Oder eingearabischt. Nemsa ist jedoch ein echtes, gewachsenes, arabisches Wort. Das habe, hieß es in dem Artikel, vor allem historische Gründe. Ein Nemsawi zu sein, würde jedenfalls – im Fall des Falles – von Vorteil sein. Wobei ich aus heutiger Erfahrung ergänzen möchte: Es kann auch ein Vorteil sein, ein Nemsawi zu sein, ohne dass man sich deshalb gleich entführen lassen muss.

Für mich jedoch war Nemsa damals ein völlig unbeschriebenes Blatt. Ein weißes Blatt Papier. Das große Schreckgespenst vieler Schriftsteller. Einfach sehr weiß und sehr leer. Dafür aber mit sehr viel Platz für das große Staunen. Und gestaunt habe ich auch, als ich hierher kam. Als zum Beispiel ein Landsmann, der mit mir geflohen war, vor meinen Augen zu einem Polizisten im Burgenland hingegangen ist und ihn um eine Zigarette gebeten hat. Rotzfrech, sagt man da, oder? Das war keine zehn Minuten, nachdem wir per Schlepper-Sammeltaxi in Österreich gelandet und aufgegriffen worden waren. Und dann sah ich, wie der Polizist ihm auch noch die gewünschte Zigarette gegeben hat. Und Feuer obendrein. Einfach so!

Probieren Sie das mal in Syrien. Oh nein. Probieren Sie es lieber nicht. Und schon gar nicht an einem Tag, an dem der Polizist womöglich mit seiner Frau gestritten hat. Oder bloß die Oliven beim Frühstück nicht den perfekten Reifegrad hatten. Das allein kann dein Leben entscheidend verändern. Weil da nicht das Feuer für die Zigarette deinen Tag erhellt, sondern es im Gegenteil ganz schnell finster werden kann. So finster wie in einem der tausenden Kerker der syrischen Staatsgewalt. Finster wie eine tiefschwarze arabische Nacht draußen in der Wüste. Ohne Lichtverschmutzung. Aber auch ohne Sternenhimmel.

Ja, mein großes Staunen hat tatsächlich schon auf den allerersten Metern nach der Grenze angefangen. Im bitterkalten November 2014. Das war noch einige Monate vor der großen Wir-schaffen-das-Welle. Damals, nahe der ungarisch-burgenländischen Grenze, haben wir noch zu zweit gestaunt. Der Polizist mit der Zigarette hat gestaunt, als er gleich nach meinem rotzfrechen Landsmann mich gesehen hat mit meinen hauchdünnen Sommerschuhen, in denen ich ohne Socken steckte. Und ich habe gestaunt, weil ich das Gefühl hatte, bei Alice im Wunderland gelandet zu sein. Also doch ein Hauch von Australien. Irgendwie.

Das Staunen des Beamten hat sich vermutlich rasch wieder gelegt. Weil er bald danach ganz sicher jede Menge Menschen gesehen hat, die ähnlich luftig unterwegs waren wie ich. Mein Staunen hingegen sollte aus tausendundeinem Grund anhalten. Bis zum heutigen Tage.

Wenn es mich wieder mal so richtig packt mit dem Nicht-verstehen-Wollen oder Können, dann stelle ich mir Fragen nach meiner Identität, und genau dann – wenn ich zum Beispiel in unserer kuschelig warmen Küche in Graz wieder mal anstatt zu Olivenöl zu steirischem Kürbiskernöl greife oder ich den Araber in mir auf andere Weise verwirre – genau dann tritt Alena mit ihrem treffsicheren weiblichen Instinkt auf den Plan. Punktgenau. Sie ertappt mich auf frischer Tat auf dem Höhepunkt meiner Identitätsverwirrung. Und sie stellt sich vor mich hin und sagt:

»Omar, wenn du so weitermachst, bist du bald ein gelernter Österreicher.«

Bin ich das?

Wikipedia hat ja für so gut wie alles einen Eintrag. Gelernter Österreicher findet sich dort natürlich auch. Da heißt es: Menschen mit besonderem Insiderwissen über Land, Leute und Gepflogenheiten. Sie gelten, lese ich weiter, als Kenner der Verhältnisse, sozial, politisch und so weiter.

Was auch immer das bedeuten mag.

Was auch auf Wikipedia steht, ist: Das Ganze ist ironisch gemeint. Oder selbstironisch. Je nachdem, wie lustig die Leute anderen oder sich selbst gegenüber aufgelegt sind. Und der Begriff, erfahre ich darüber hinaus, geht auf die Zeit des Schriftstellers Franz Grillparzer zurück. Ein Zeitgenosse von Johann Nestroy also, auf den ich auch schon gestoßen bin und der mir eine wunderbare Semmel-Geschichte geschenkt hat. Ich werde davon berichten. Damals, zu Grillparzers Zeiten, sagte man jedenfalls noch: geübter Österreicher. Später dann machte ein gewisser Friedrich Torberg den gelernten daraus.

»Torberg«, sagt Alenas Mama Ruth, »war einer der besonders scharfzüngigen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. Es gibt da dieses berühmte Buch von ihm, die Tante Jolesch, und darin diesen einen ganz besonders berühmten Ausspruch, den jeder kennt. Zumindest jeder, der auch weiß, wer Friedrich Torberg war.«

»Welchen Spruch, Ruth?«

Ruth sieht mich mit ihren direkten Augen an. Das war das Erste, was mir damals an ihr aufgefallen war, als ich sie als Alenas Mama kennenlernen durfte und zugleich furchtbare Angst hatte, sie könnte ein Problem mit mir haben. Einfach, weil ich Araber und Asylwerber war. Ruths direkte Augen. Ihr Blick, der anderen Blicken niemals ausweicht. Ihre so unglaublich ruhige Stimme. Ihr schönes, schwarzes, glänzendes Haar, das sie gerne auch mal zu einer Palme hochgebunden trägt. Ich, Omar, war für sie von Anfang an der junge Mann (und nicht einfach nur der Flüchtling), der in ihre Tochter verliebt war und ist. Und sie, Ruth, war für mich von Anfang an die Frau, die in die Ruhe verliebt ist.

Jetzt bin ich es, der sie aus direkten Augen ansieht. »Also, welchen Spruch, Ruth?«

»Was ein Mann schöner ist wie ein Aff’, ist ein Luxus.«

Muss ich das verstehen? Noch dazu, wenn ich gerade in den Spiegel blicke und an meinem gelockten Haar zupfe und mir überlege, was ich an mir zum Positiven verändern könnte?

Was ich verstehe, ist: Dieser Torberg liegt zwar (sagt mein Freund, der Journalist) auf dem ziemlich verwahrlosten Teil des alten jüdischen Friedhofs auf dem Zentralfriedhof in Wien, war und ist in den Herzen der Menschen aber immer noch eine große Nummer. Obwohl sich keiner um sein Grab schert. Und, was ich noch verstehe, ist: Gelernter Österreicher zu sein, hat viel mit Tradition zu tun. Tradition ist wichtig. Wie gut, denke ich, dass ich instinktiv die Kaiserin Sisi für den Titel meines zweiten Buches gewählt habe.

Alena setzt aber noch eins drauf. Weil von ihr lerne ich: Bist du, so wie ich, ein Zugezogener (Alena sagt, es heißt: Zuagrasta), und nennt man dich eines Tages, nachdem du eine bestimmte Reife im Hier-Sein erlangt hast, einen gelernten Österreicher, dann ist es vorbei mit Ironie oder Selbstironie. Dann ist der gelernte Österreicher plötzlich eine Auszeichnung.

Da soll sich einer auskennen.

Wir. Ihr. Zuagrast. Gelernt. Gewachsen. Das alles verwirrt mich mehr, als es mir hilft: Wer ist denn schon irgendetwas ganz und das andere gar nicht? Alena, zum Beispiel, ist Grazerin. Behauptet sie. Aber sie ist es nicht ganz. Weil geboren ist sie im Burgenland, und nach Graz kam sie erst, als sie schon ein paar Tage auf der Welt war. Und dann wieder gibt es den kleinen Josef. Er ist der Sohn eines Syrers, den ich schon lange kenne, und in Graz geboren. Trotzdem darf Josef sich nicht Grazer nennen. Weil seine Eltern beide keine sind. Wer ist nun was? Lässt sich das überhaupt bestimmen?

Und so plagt mich die Frage, wie es nach fünf Jahren mit mir aussieht, nur noch mehr.

»Was bin ich?«

»Da hat es einmal so eine Quizsendung gegeben«, sagt Ruth auf meine Frage. »Die hat genauso geheißen: Was bin ich? Das heitere Beruferaten. Sehr beliebt. Wir, die etwas älteren Semester, kennen das alle. Da gab es ein Schwein, in das bei jeder falschen Antwort Geld geworfen wurde. Nein, kein echtes Schwein, Omar. Ein Sparschwein.«

Alena verdreht die Augen und lacht. Und ich sitze nur noch wackeliger zwischen den beiden Sesseln der Kulturen und rutsche mit meinen Pobacken hin und her. Mal mehr in die eine, mal mehr in die andere Richtung. Mal mehr auf dem Sessel mit den vier Kamelbeinen (genau genommen sind es ja Dromedare, weil die arabischen nur einen Höcker haben). Dann wieder sitze ich mehr auf dem österreichischen Sessel, auf dem mit den vier Haustierpfoten. Ob Hunde oder Katzen oder Hasen. Egal, Hauptsache Klischee und Clash of Cultures.

»Was bin ich?«, frage ich Alena und Ruth ein zweites Mal. »Nach fünf Jahren zwischen den Kulturen?«

Bin ich das überhaupt, überlege ich still, während ich auf Antwort warte. Bin ich wirklich zwischen den Kulturen? Bin ich auf dem Weg von der einen zur anderen? Was trennt sie? Was verbindet sie? Sind das Arabische und das Westliche, wie es so schön heißt, Morgenland und Abendland, tatsächlich auf Crashkurs, wie ich oft zu hören bekomme? Weil es gar nicht anders geht? Statt Clash ein Crash of Cultures sozusagen?

»Du bist ein austro-arabischer Hybrid«, sagt Ruth.

»Du bist nicht Fisch und nicht Fleisch«, sagt Alena.

Dann lachen Mutter und Tochter aus ganzem Herzen.

Nicht Fisch und nicht Fleisch.

Ja, etwas Ähnliches kenne ich auch. Wir Araber (oder doch schon: Wir Österreicher?) lieben ja die Sprichwörter. Habe ich das schon erwähnt? Ja, wir lieben sie. Mehr als ihr. Mehr als wir.

Wir lieben Sprichwörter mehr als wir.

Das ist Blödsinn. Ihr. Wir. Was weiß denn ich. Jedenfalls haben (wir oder die) Araber wirklich für alles ein Sprichwort. Immer und überall. Und natürlich haben wir (oder sie) bei so gut wie keinem eine Ahnung, wo es herkommt und was es früher einmal bedeutet hat. Ach, das habe ich auch schon erwähnt?

»Das ist bei uns auch nicht anders«, sagt Alena. Alena hat es gut: Sie kann das einfach so sagen: bei uns.

Aber ich?

Und schon bin ich mittendrin gelandet. Bei uns. Das ist auch so eine Geschichte, die mich beschäftigt hat und die sofort als Stichwort in mein Notizbuch hineingesprungen ist, als ich angefangen habe, an Sisi, Sex und Semmelknödel zu denken. Eine Geschichte, die mich auch jetzt, nach Erscheinen des Buches, weiter beschäftigt. Ja, (Achtung, österreichischer Konjunktiv!!!) ich würde sogar sagen: mehr als je zuvor.

Würde. Sage ich es nun oder sage ich es nicht?

»Das«, sagt Alena, »verbindet unsere Kulturen auch.«

»Was?«, frage ich.

»Die Vielfalt und zugleich Ahnungslosigkeit.«

Damit kann ich leben. Weil es wirklich verbindet.

Alle Menschen sind klug, die einen vorher, die anderen nachher. Nur wenn es darauf ankommt, ist jeder dumm.

Genau. Auch arabisch. Damit müssen Sie leben, liebe Leserinnen und Leser. Mit meinen Sprichwörtern. Alena muss es auch. Aber wir einigen uns darauf: Ja, die/wir Araber haben für wirklich alles das passende Sprichwort. Und: Nein, sie/wir haben zumeist keine Ahnung, woher die Sprichwörter stammen und was sie ursprünglich bedeutet haben. Ach, das habe ich auch schon erwähnt?

»Ja, hast du«, sagt Alena. Alena, das ist übrigens auch jene Frau in meinem Leben, über die ich in meinem ersten Buch Danke geschrieben habe:

»Was ich weiß, hier in Graz, was ich gelernt … habe, sind auch diese Worte eines Schriftstellers: Wenn du einen Flüchtling liebst, versuche das letzte Zelt für ihn zu sein. Das ist Heimat. Und ich weiß, dass ich eine Frau gefunden habe, die für mich das letzte Gedicht war. Ist. Die mir Heimat ist. Und ich weiß: Ich bin angekommen. Ich darf eine Stimme haben für die tausenden, die keine mehr haben.«

Alena ist nicht das einzige, aber sie ist mein stärkstes Bindeglied zwischen den Kulturen. Eine Art Kupplung. Das Schöne daran ist: Auch Alena macht oft Augen groß wie ein Fladenbrot und frisch aus der Glut. Das bringt die Begegnung der beiden Kulturen, denen wir entstammen, einfach mit sich.

Ist das nicht wunderbar?

Und noch etwas habe ich in Danke geschrieben. Zum Thema Kultur.

»Kultur … ist etwas, das fast überall drinsteckt. Oder sollte. Im Körper. Im Geist. Im Verhalten. In der Kreativität. Im Boden eines Ackers. Ganz egal. Kultur ist Kraft. Zwei verschiedene Kulturen sind zwei verschiedene Kräfte. Wir können sie verwenden, um einander damit zu beschimpfen. Auszugrenzen. Zu hassen. Zu beschießen. Und zu töten. Oder wir können sie zu einer gemeinsamen Kraft bündeln. Wie einen Lichtstrahl, der aus vielen dünnen zu einem dicken wird und auf einen kleinen Mann auf einer Bühne fällt, der seine Beine nicht spürt.«

Dieser kleine Mann, der in dem Text seine Beine (vor Aufregung) nicht spürt, war ich. Damals. Bei meinem ersten Poetry Slam. Hier, in Österreich. Vor drei Jahren.

Aber: Jetzt ist Schluss mit den alten Geschichten. Wenn ich anfange, von mir selbst abzuschreiben, bin ich nicht besser als ein Politiker, der seine Doktorarbeit abschreibt oder sie sogar schreiben lässt und später in Brüssel als EU-Kommissar groß Karriere macht, sage ich mir. Soll ja schon vorgekommen sein. Dabei denke ich an meinen neugierigen Freund, der mich bestimmt schimpfen würde. Weil ich mich selbst zitiere und dabei alte Hüte aufwärme.

Sagt man das so? Alte Hüte aufwärmen? Warum wärmen Menschen ihre Hüte auf? Noch dazu alte?

Ich denke darüber nach und komme bald auf einen braunen Zweig. Nein, der Zweig ist grün. Vielleicht, sage ich mir, hat es ja mit dem Wetter hier zu tun. Ich würde es verstehen, wenn Menschen ihre Hüte aufwärmen und danach, wenn sie ofenwarm wie ein Fladenbrot sind, über den Kopf stülpen. Bis hinunter über die Ohren. Einfach, damit ihnen die Gedanken nicht einfrieren. Wie sonst sollen sie diese Kälte aushalten? Brrrrrrrrr.

Und dafür nehmen sie eben lieber alte Hüte her. Das leuchtet mir ein. Weil es bei alten Hüten ziemlich egal ist, wenn etwas schiefläuft und sie beim Aufwärmen auseinanderfallen. Oder sich verkriechen. Oder sich zusammenziehen, bis sie sooo klein sind. Wie wenn ein Mann in eiskaltes Wasser springt und dann nackt an sich hinabsieht und entdeckt, dass ER… na, Sie wissen schon. Sooo klein, wie man IHN auf der Herrentoilette nicht zu Gesicht bekommt. Weil man lieber in eine Fliesenwand starrt und schweigt. Und dem Hut, sage ich mir, geht es auch nicht besser. Kein Wunder. Bei den Temperaturen.

Apropos Hut: Ist der Hut, den Andreas Gabalier auf der Bühne trägt, auch so ein alter? Trägt Gabalier überhaupt Hut, wenn er singt? Oder singt er alte Hüte? Singt Gabalier überhaupt?

Ich weiß es nicht. Über Geschmack lässt sich ja nicht streiten, sagen wir Araber. Die Araber. Daran muss ich wohl noch arbeiten auf meinem Weg zum gelernten Österreicher. Ich muss gewisse Wissenslücken auffüllen wie der Zahnarzt einen hohlen Zahn. Was ich weiß, ist: Gabalier macht es auch mit dem Terminator. Der mit dieser besonders lustigen Variante des ohnehin schon lustigen steirischen Dialekts. Arnie rufen sie ihn hier. Ja, Arnie und der Gabalier. Das ist noch gar nicht so lange her. Mai, 2019. »Pump it up«, heißt der Titel, hab ich gelesen. Der … Song? Ein Duett jedenfalls. Oder sollte man besser sagen: Duell?

Wie auch immer. Das Ganze fügt sich nahtlos ein in die Reihe jener vielen Dinge hier, in Österreich, die mich ratlos zurücklassen. Und wo ich dann zu Alena gehe, sie in den Arm nehme und sage:

»Erklärst du es mir, bitte?«

Alena sagt nicht immer zu allem etwas. Bei Gabalier und Arnie zum Beispiel lächelt sie nur still und sehr rätselhaft. Aber sie klärt mich, einmal mehr, über etwas anderes auf. Darüber, was es mit den alten Hüten auf sich hat. Und mit dem Aufwärmen von alten Geschichten. Wie es richtig heißt. Bei uns.

Ya-iIlahi. Diese deutsche Sprache. Alena ist es übrigens auch zu verdanken, dass ich gelernt habe, meine Winterjacke zuzumachen. Reißverschlüsse an Jacken haben in Syrien meist nur dekorativen Charakter. Sie sind eine Möglichkeit, die du wahrnimmst. Oder nicht.

Wie das Bezahlen von Steuern. Oder das Beantragen einer Steuernummer (mit der man hier, wie ich höre, fast schon geboren wird). In Syrien und anderen arabischen Ländern ist all das nichts weiter als eine Möglichkeit. Eine von vielen kreativen Chancen, dein Leben in die eine oder andere Richtung zu lenken. Nicht einmal eine dringende Empfehlung. Aber, wie gesagt: Alles schön der Reihe nach. Wir waren ja hier stehengeblieben:

Bei uns.

Und bei dem Film, den mir mein neugieriger Freund ans Herz legt. Nein, nicht ans Herz legt. Er besteht darauf, dass wir ihn uns ansehen.

»Das ist Kult, Omar« sagt er.

Die Kultur in Österreich liegt mir. Warum nicht auch etwas, das hier Kult ist? Also folge ich artig und klappe den Laptop auf.

Es beginnt mit fröhlicher Musik aus einer Panflöte, dazu sehr rhythmische Trommelklänge wie aus dem afrikanischen Busch. Dann sehe ich ein erstes Insert in fetten gelben Buchstaben: Fremde Länder, fremde Sitten. (Dabei fällt mir als integrierter Halb-Österreicher spontan ein, was die Männer hier gerne sagen, wenn sie auf Herrenurlaub unterwegs sind: Fremde Länder, fremde Titten – aber bleiben wir doch lieber bei dem Film):

Denn gleich danach folgt schon die Kernbotschaft: Kayonga Kagame zeigt uns die Welt. Zu sehen ist ein schwarzafrikanischer Filmemacher, der seine Kamera auf der Schulter trägt und sich mit einem angespannten Lächeln langsam von einer Seite zur anderen dreht. So, als würde er gerade filmen und dabei staunen.

Wo bin ich hier gelandet?

Eine Sekunde danach weiß ich es, denn der zweiteilige Titel des Filmes wird nach und nach eingeblendet:

Erster Teil: Das unberührte und rätselhafte Oberösterreich.

Zweiter Teil: Das Fest des Huhnes.

Mein Freund, der Journalist, lacht bereits das erste Mal, und ich habe keine Ahnung warum. Natürlich werde ich Ihnen jetzt nicht den ganzen Film nacherzählen. Den finden Sie jederzeit über Google. Er stammt aus dem Jahr 1992, ist also nur ein Jahr kürzer auf der Welt als ich es bin.

Aber für alle, die ihn nicht kennen, ein paar Worte, worum es da geht: Afrikanische Forschungsreisende haben sich ins Herz von Europa aufgemacht, um für diese bei den Afrikanern scheinbar sehr beliebte Sendereihe das ursprüngliche Leben der Alpenstämme zu ergründen.

Man habe bei der Abreise aus Kinshasa, heißt es, keine allzu großen Erwartungen gehabt. Erstens, weil die allermeisten Stämme (wie zum Beispiel Salzburger und Tiroler) weltbekannt und darum längst erforscht seien. Zweitens, weil man bei ähnlichen Reisen nach Asien oder Amerika erkannt habe, dass ein übergroßes Interesse der übrigen Welt die traditionellen Stammessitten zerstöre.

Die Mission der filmenden Ethnologen lautet: Sofort Kontakt mit Eingeborenen aufnehmen und herausfinden, welchem Aberglauben sie anhängen. Tatsächlich gelingt es dem Forscherteam nach anfänglichen Schwierigkeiten, vier eingeborene Brüder als Träger der Ausrüstung und kundige Führer durchs Land zu gewinnen.

Diese Brüder heißen Himmelfreundpointner. Was für ein Name. Rudolf, Sepp, Karl und Franz Himmelfreundpointner.

Die Bilder sind bunt, die Vielfalt der Themen des Filmes ist es auch: rituelle Tänze; ein als Blockhütte verkleidetes Boot; Menschen beim Kartenspielen (Schnapsen); Frauen, die goldene Hauben tragen; Männer, die in Tracht auf und ab springen und sich dabei mit der flachen Hand abwechselnd auf Oberschenkel und Schuhsohlen schlagen (Alena sagt, das heißt schuhplatteln); Menschen, die scheinbar ziellos auf Fahrrädern durch die Gegend fahren, ohne von einem Ort zum anderen gelangen zu wollen; Menschen (vor allem Männer), die um die Wette trinken, nein: saufen; Menschen, die auf Biertischen stehen und schreien; Menschen, die massenweise Hühner essen. Und ein Mensch, der so ein Huhn (lebend) auf dem Kopf trägt. Oder ist es ein Hahn? Und, ganz zum Schluss, auch noch ein sehr lustiger Tanz, wo mein Freund, der Journalist, begeistert ruft:

»Jö, der Vogerltanz!«

Er ist begeistert wie ein Kind, das zum ersten Mal ein Feuerwerk sieht. Obwohl er den Film bestimmt schon oft gesehen hat. Davon bin ich überzeugt. Am Ende, stellt sich heraus, ist die ganze bunte Vielfalt der Bilder diesem einen Gedanken untergeordnet: Dass man möglicherweise Zeuge geworden ist, wie in einem fernen Land eine neue Religion entsteht. Weil die Menschen sich von ihrem alten Gott abgewendet und einem neuen zugewendet haben.

Darum heißt es auch: Das Fest des Huhnes.

Die ganze Zeit über (55 Minuten lang) bin ich hin und her gerissen. Zwischen Lachen und Staunen. Zwischen Ungläubigkeit und Nachdenklichkeit. Ja, einiges davon habe ich auf gewisse Weise hier auch schon erlebt. Anderes wiederum erscheint mir so fremd und absurd, dass ich es nicht glauben kann. Nein, so ist das hier nicht. Deshalb kann ich selbst auch nie so werden. Auch nicht als der vorbildhafteste gelernte Österreicher, der frei herumläuft.

Wir klappen den Laptop wieder zu und mein Freund sieht mich forschend an.

»Nun?«

»Was ich zu dem Film sage?«

»Nein, das habe ich in deinem Gesicht gelesen. Außerdem hast du ständig den Mund offen gehabt beim Ansehen und deinen Senf dazugegeben. Worum es in dem Buch geht, will ich wissen. Im Detail.«

»Also gut«, sage ich nach einigem Zögern. »Da dreht es sich um Themen wie … zum Beispiel das Sozialsystem.«

»Mir schlafen gerade die Füße ein.«

»Warum?«, frage ich. »Sitzt du schlecht?«

»Vor Langeweile, Omar. Sozialsystem. Schnarch. Gähn.«

»Okay«, sage ich rasch. »Gemeint ist mehr … Sozialbetrug. Auch.«

»Schon besser. Aber ich gähne immer noch.«

»Okay, okay. Es geht – auch – um Prost … Prosti … Prostitu … Prost, Prost, Prost … verdammtes Zungenbrecher-Deutsch.«

»Prostitution?« Jetzt ist mein beinahe eingeschlafener Freund doch wieder hellwach.

»Ja«, sage ich und blicke vorsichtig in Alenas Richtung. Sie ist zu unserem inzwischen erwachten Sohn gegangen und ziemlich beschäftigt. Drüben im Wohnzimmer. Oder sie ist höflich genug, so zu tun, als wäre sie ziemlich beschäftigt. »Darum geht es auch«, sage ich etwas leiser. Jetzt flüstere ich fast schon. »Aber nicht um meine eigenen Erfahrungen damit. Die habe ich nämlich nicht.«

»Natürlich nicht!«, sagt mein Freund. »Was noch, Omar?«

(Dazu nur kurz: Sie hätten, liebe Leserinnen und Leser, den Gesichtsausdruck meines Freundes sehen sollen, als er »Natürlich nicht!« gesagt hat. Als würde ich die Unwahrheit sagen! Dabei fällt mir ein kleines Gedicht ein, das ich zum Thema Wahrheit einmal verfasst habe. Es trägt auch genau diesen Titel:

Wahrheit!!!

»Wenn die Armut ein Mann wäre,

hätte ich ihn getötet.« Ali bin Abi Talib

»Die Wahrheit ist ein Fluch.

Suchend nach ihr töten wir einander.«

»Wenn die Wahrheit ein Mann wäre,

hätte ich ihn getötet.«

Die Wahrheit ist weiblich!

»Was noch, Omar?«, fragt mein neugieriger Freund also.

»Essen.«

»Na, was denn sonst. Komm schon, Omar. Ich will einen echten Kracher hören. Einen Hammer.«

»Bürokratie und Bestechung.«

»Immerhin«, murrt mein Freund.

»Woher kommt das Wort?«, frage ich.

»Welches Wort? Immerhin?«

»Nein. Bürokratie. Kommt das von Büro?« Das würde passen, überlege ich. Wenn ich an die vielen Büros denke, die ich schon gesehen habe, ohne sie sehen zu wollen. Amtsstuben nennt man sie hier auch. Mit Stuben verbinde ich eher etwas Gemütliches. Bauernstube zum Beispiel. Oder so eine wie auf einer der Hütten beim Skifahren auf dem Nassfeld. Auch wenn Alena sagt, dass das bloß Folklore ist und nichts echtes Altes, nichts Traditionelles und Gewachsenes, und ich einmal mehr keine Ahnung habe, was sie damit meint.

»Bürokratie?« Mein Freund, der österreichische Journalist, weiß auch nicht so recht. Endlich einmal. Al-hamdu li-Llāh. Gott sei Dank. Nur die Vermutung spricht er aus, dass ich vielleicht gar nicht so weit daneben liege.

Einen Kracher will er also hören. Einen Hammer. Zum Thema Hammer fällt mir auch sofort etwas aus dem Arabischen ein. Aber ich hebe es mir auf. Für später.

Später werde ich übrigens auch auf Wikipedia nachlesen, was es mit der Bürokratie auf sich hat. Bürokratie, steht dort, ist die Herrschaft der Verwaltung. Irgendwann einmal, als Latein kurz davor war, sich von einer lebenden zur toten Sprache zu verabschieden, weil der Mensch ja immer schon dazu neigt, es zu übertreiben in seiner Gier nach immer weiter, immer schneller, immer höher, immer größer … irgendwann also, kurz vor dem Aussterben, hat der spätlateinische Wortstamm burra grober Wollstoff bedeutet.

Eines Tages (da waren die alten Römer nur noch eine kollektive Erinnerung) hat man es auf die Schreibtische bezogen, die mit diesem Stoff burra bezogen wurden. Und wieder später ist nur noch der Schreibtisch übriggeblieben. Das heißt, der Arbeitsplatz an sich. Der Ort, wo Dinge verwaltet werden. Hin und her geschoben und verwaltet und beschriftet und versteckt und wieder verwaltet, bis keiner sich mehr auskennt. Und dann hat irgendjemand in Frankreich die grandiose Idee gehabt, die griechische Nachsilbe -cratie dranzuhängen. Fertig war der künstliche französische Wortsalat.

Bureau-cratie.

Schreibstubenherrschaft. So hat man Bürokratie auch einmal in einem alten Lexikon beschrieben. Und irgendein Forscher wollte sogar durchsetzen, dass Bürokratie ganz neutral verstanden wird. Als Verwaltungskultur. Er ist kläglich gescheitert. Denn mit Kultur im positiven Sinn hat das ja kaum etwas zu tun. Oder sind wir Österreicher da anderer Meinung?

Wir Österreicher.

Ja, das passt wunderbar für mein Buch, sage ich mir. Genau dazu habe ich auch so viel zu berichten. Nach den ersten fünf Jahren hier in meiner neuen Heimat. Aber bleiben wir noch kurz beim Besprechen der Themen.

»Massage und Kabarett«, sage ich. »Dazu habe ich auch ein paar Geschichten.«

»Hhmmhh«, macht mein Freund.

»Genau. Und zum Beispiel auch von Sex. Und Haustieren.«

»Ah! Sex mit Haustieren!«, ruft mein Freund. Es ist, als hätte ich mit der Faust auf einen feuerroten Alarmknopf in seinem Gehirn geschlagen. Wie ein Reflex, der sich ja auch nicht so einfach abstellen lässt, ist seine Sensationslust plötzlich geweckt.

Alena hat dem Gespräch in der Küche unserer Wohnung in Graz bisher gar nicht oder nur am Rande zugehört. Bei Sex mit Haustieren ist jedoch Schluss mit Weghören. Sie kommt ziemlich eilig in den Raum, tritt an den Tisch. Dann sieht sie mich ein bisschen streng an. »Nein, Omar, darüber schreibst du nicht, oder?«

»Ja, schon«, sage ich. »Ich schreibe über Sex. Ich schreibe über Haustiere. Aber nicht in Kombination.«

Darüber weiß ich wirklich nichts. Auch nicht aus meiner alten Heimat. Oder wenigstens kaum etwas. Obwohl auch das eines der vielen Klischees ist, denen ich hier schon begegnet bin, wenn es um Araber geht. Stichwort: Witze mit Kamelen (Dromedaren) und so. Und anderes aus zweiter und dritter Hand. Aber worüber ich berichten kann, sind unglaubliche Dinge, die ich selbst hier erlebt habe. In Österreich. Oder in der näheren Umgebung, mit österreichischer Beteiligung. Auch in punkto Sex. Oder Haustiere. Wirklich unglaubliche Dinge. Für einen Araber jedenfalls.

Als mein neugieriger Freund einigermaßen zufrieden gegangen ist, besprechen Alena und ich das noch recht grobe Konzept des Buches zum wiederholten Male. Es gibt unterschiedliche Zugänge. Wir sind ja auch Mann und Frau. Österreicherin und Araber.

»Idha ma qata fiha qaddum yiqta fiha l munshar«, sage ich.

Alena kann schon ein wenig Arabisch. Aber jetzt sieht sie mich doch aus ziemlich großen Fladenbrotaugen an.

»Alle Wege führen nach Damaskus«, übersetze ich.

»Nach Rom«, sagt Alena.

»Nein, Alena«, sage ich. »Soweit ich informiert bin, liegt Rom nicht in Syrien. Noch nicht.« Dann lachen wir beide und wechseln besser das Thema. Ich verschweige ihr, wie die korrekte Übersetzung gelautet hätte. Nämlich:

Was der Hammer nicht zerbricht, die Säge schneidet es.

Da ist er wieder, der Hammer. Es gibt eben Dinge, die besser nicht restlos ausdiskutiert werden. Das ist wie mit dem gemeinsamen Kochen. Auch da gibt es Grenzen. Wenn eine Erkenntnis alle Kulturen dieser Welt über alle Grenzen hinweg verbindet wie kaum eine andere, dann ist es diese hier:

Wo Mann und Frau gemeinsam am Herd stehen, herrscht Krieg.

Da werden Küchenblock und Kochinsel zum Schlachtfeld und der Raum dazwischen zum Schützengraben. Und Schützengräben sind in der Regel nicht der bevorzugte Aufenthaltsort eines Syrers, oder überhaupt eines Menschen, der vor dem Krieg aus seiner Heimat hat fliehen müssen. Außerdem schneidet Alena die Zwiebel nicht so, wie ich sie gerne hätte. Nein, wie ich sie unbedingt brauche, um perfekt syrisch kochen zu können. Syrisch, manchmal mit einem Hauch steirischen Einschlags. Oder mit anderen Nachlässigkeiten, die ich mir erst hier angewöhnt habe. Damit fängt es nämlich schon an. Also lautet unser Clash-of-Cultures-Kompromiss in der Küche so:

»Omar kocht sehr gut«, sagt Alena, wenn man sie danach fragt.

»Alena kocht sehr gut«, sage ich, wenn man mich danach fragt.

»Alenas Oma kocht bestimmt sehr gut«, sage ich, wenn man mich danach fragt.

Weil Alena und Ruth so sehr und kompromisslos von Omas Essen schwärmen. Und weil ich weiß, dass Oma sich immer so große Mühe gibt, wenn ich zu Gast bin, und sie auf meine schweinelose kulinarische Welt Rücksicht nimmt, als wäre es das Selbstverständlichste auf der Welt. Und das in der Großmacht Österreich. Nicht politisch (da hat es bestimmt bessere Zeiten gegeben, Stichwort Sisi und so), aber eine echte Großmacht im Verzehr von Schweinen.

Alenas Oma verzichtet auf alles Schweinische, wenn ich komme.

»Schweinisch sagt man nur bei Witzen«, sagt Alena. »Zum Beispiel bei Witzen, die von Sex mit Tieren handeln.«

Gut. Alenas Oma verzichtet auf Schwein. Dafür hat sie eine große, fast übermenschliche Mission zu erfüllen, was mich und die österreichische Küche betrifft. Vor allem in Sachen Semmelknödel. Ich möchte nicht allzu weit vorgreifen, aber dazu kann ich jetzt schon so viel sagen: Ziemlich beste Freunde werden wir nicht werden, der Semmelknödel und ich. Spinatknödel, ja. Aber Semmelknödel?

»Es heißt Semmelnknödeln«, sagt Ruth. »Und zwar dann, wenn mehr als eine Semmel verwendet wird und dabei mehr als ein Knödel herauskommt. Semmeln und Knödeln. Also Semmelnknödeln.

»Wer behauptet das?«, fragt Alena.

»Der Karl Valentin«, sagt Ruth.

Karl Valentin?

Dieses Rätsel kann ich nicht auch noch lösen. Niemals. Aber allein schon darum habe ich meine Not mit ihnen, den Semmel(n)knödel(n), ob man sie jetzt mit einem, zwei oder drei n schreibt: Weil ich niemals begreifen werde, warum Menschen sich die viele Arbeit antun, eine Masse aus steinhartem, gewürfeltem Weißbrot und Zwiebeln und Eiern und Petersilie und Mehl und Milch und sonst noch allerlei zu machen, um sie dann ziemlich achtlos einem toten Huhn hinten rein zu stopfen und das alles ins Rohr zu schieben. Und hinterher wird gejubelt, weil es gefülltes steirisches Brathendl gibt.

Was soll’s.

Jedenfalls sage ich, wenn man mich fragt, wie es Alena und mir beim Kochen geht: »Es gibt dieses arabische Sprichwort: Wenn zu viele kochen, wird das Gericht verderben.«

Und Alena sagt: »Es heißt: Zu viele Köche verderben den Brei. Und es ist ganz bestimmt nicht Arabisch.«

Und alle beide sagen wir auf die Frage, wie es uns beim Kochen geht: »Stell nicht so absurde Fragen, gemeinsam kochen wir nicht gut.«

Korrekt müsste der Satz lauten: »Stell nicht so absurde Fragen, gemeinsam kochen wir gar nicht.«

Willkommen, liebe Leserinnen und Leser, in meiner Nicht-Fisch-und-nicht-Fleisch-Welt. Willkommen in der Welt des waschechten Austro-Arab-Hybriden Omar Khir Alanam.

Bei uns – oder: Wie ich den Staatsapparat (fast) zu Fall gebracht habe

Von zweierlei möchte ich Ihnen jetzt erzählen: Einmal noch, was es mit dem Begriff »bei uns« wirklich auf sich hat, und dann von einer sehr seltsamen Begegnung rund um das Wort Konvention. Ich möchte davon sprechen, wie ich es (ohne es zu wollen, ich schwöre!) mit einer einfachen, einfärbigen Plastikhülle (so schwarz wie mein arabisches Haar) geschafft habe, den österreichischen Staatsapparat hinterlistig zu täuschen und beinahe zu Fall zu bringen. So jedenfalls hat man es mir erklärt. Ganz streng und amtlich.

»Bei uns« und Konvention gehören für mich untrennbar zusammen. Allein schon, weil sie die gemeinsame Klammer einer kleinen Reise bilden, die mich zu meinem um drei Jahre älteren Bruder in die Türkei geführt hat. Das war ungefähr vor einem Jahr. Und weil wir dort, Alena, mein Bruder und ich, genau darüber diskutiert haben. Was das nun bedeutet, wenn er oder ich oder Alena sagen:

Bei uns.

Aber zuvor noch rasch etwas zur Konvention. Konvention ist, wie ich finde, ein schönes Wort. Und ein einfaches Wort noch dazu, weil nicht ursprünglich deutsch, sondern nur aus dem toten Lateinischen ins lebendige Deutsche hereingeholt.

Convenire bedeutet ja so viel wie: zusammenkommen, sich treffen, versammeln, aber auch übereinkommen im Sinne einer Abmachung. Laut Wörterbuch hat Konvention im Deutschen zwei Grundbedeutungen. Die eine ist dem selbst ernannten syrischen Gott, Bashar al-Assad, ziemlich sicher nicht bekannt. Oder doch bekannt und so verhasst, dass er sie gleich aus dem gesamten Schriftverkehr im Land hat streichen lassen. Aus Büchern. Aus den Zeitungen sowieso. Weg und für immer gelöscht. Geheimdienstleute, die er mit dem großen Löschangriff beauftragen kann, hätte er ja genug. Nein. Es heißt: Hat er ja genug.

Diese Grundbedeutung von Konvention nämlich: Abkommen, völkerrechtlicher Vertrag.

Die zweite Grundbedeutung – Regel des Umgangs, des sozialen Verhaltens, die für die Gesellschaft als Verhaltensnorm gilt – legen al-Assad und seine Folterknechte auf ihre ganz spezielle Art und Weise aus. So kann man auch eine nationale Identität schaffen.

In Österreich oder Deutschland (wenn man den einen oder anderen Wichtigtuer auf der Politikbühne mal außer Acht lässt) herrschen da zum Glück andere Zustände. Wo Konvention draufsteht, ist auch Konvention drinnen. Im Großen und Ganzen jedenfalls. Wie zum Beispiel auf oder in meinem Reisepass. Wobei Reisepass nicht die korrekte Bezeichnung ist. Das Dokument, mit dem ich aus Österreich aus- und wieder einreisen darf, weil ich hier nur vorübergehend Schutz genieße, nennt sich auch nicht Reisepass, sondern so:

Reiseausweis für Flüchtlinge. Umgangssprachlich: Konventionspass.

Bei Schutz taucht oft dieses Wort auf: subsidiär. Ich musste auch erst nachschlagen, was das bedeutet. Subsidiären Schutz haben nur Menschen, die kein Asyl bekommen und trotzdem nicht zurück in ihre alte Heimat geschickt werden dürfen. Weil ihnen Folter oder Tod drohen. Und so weiter. Subsidiärer Schutz wird in der Regel jedoch für maximal ein Jahr gewährt.

Im Sinne der Genfer Konvention bin ich Asylberechtigter. Auf fünf Jahre per Bescheid. Und doch ist der Schutz, den ich nach meiner Flucht aus dem Kriegsgebiet in Syrien hier in Österreich glücklicherweise in Anspruch nehmen darf, auf gewisse Weise subsidiär. Nicht im Sinne des Gesetzes. Mehr im Sinne des Wortes. Weil subsidiär bedeutet:

Behelfsmäßig, als Behelf dienend.

Behelfsmäßig, sagt Alena, kann manchmal auch einfach nur ein Pfusch sein.

»Pfusch?«, frage ich.

»Ja«, antwortet sie. »Etwas Provisorisches, das nicht allzu lange hält. Das kann ein Stück Klebeband sein, wo es besser wäre, zu schweißen. Oder der Status eines Menschen.«

Und Ruth sagt: »Nicht nur Kaffeehäuser oder die Oper … nein, auch der Pfusch hat in Österreich große Tradition.«

Aha. Darum ist auch mein Reiseausweis ein Behelf. Weil er provisorisch ist. Weil er nur für wenige Jahre gedacht ist. Weil er darauf ausgelegt ist, nach einer bestimmten Zeit den Geist aufzugeben. So wie nagelneue Waschmaschinen nach exakt sieben Jahren. Obwohl sie locker zwanzig halten könnten.

»Diese Art von Pfusch nennt man geplante Obsoleszenz«, sagt Ruth. »Dinge absichtlich schlechter herstellen, als sie sein müssten. Damit die Menschen bald wieder was Neues kaufen müssen.«

Mein Konventionspass ist also ein Behelf, den man manchmal auch Pfusch nennt. Nicht, dass der Pass sich deshalb gleich von selbst auflösen würde, wie zum Beispiel die geheimen Aufträge, die Agent 007 erhält. Nein. Er scheint auf den ersten Blick sogar sehr gut gemacht zu sein, ist also, rein technisch, sicherlich kein Pfusch. Der Ausweis hat alles, was so ein Dokument heutzutage braucht. Und ist bestimmt auch ziemlich fälschungssicher.

Das ist wichtig für diese Geschichte. Nichtsdestotrotz ist er weder ein richtiger Reisepass noch gar keiner. Er ist nicht Fisch und nicht Fleisch. Er passt sozusagen perfekt zu mir. Oder perfekt zu meinem sogenannten Status im Staat.

Wir reisen nun zu meinem Bruder nach Istanbul. Vom Grazer Flughafen aus. Ein Direktflug. Wir gehen zum Schalter. Ich zeige meinen Pass. Wir gehen durch. Niemand stellt Fragen. Nichts geschieht. So weit, so wenig spannend. Mein Freund, der Journalist, würde jetzt seine Höflichkeit ablegen und sehr, sehr laut gähnen.

Ein paar Stunden später sind wir bei meinem Bruder in Istanbul. Sollten Sie kein Bild von einem totalen Araber haben, dann liefere ich Ihnen jetzt eines: Mein Bruder ist nämlich einer. Ein stolzer Großstadtmensch durch und durch. Ein Damaszener, wie er im Buche steht. Wenn er von zu Hause redet, gerät er ins Schwärmen. Er spricht dann von Damaskus, den herrlich duftenden Olivenbäumen, die alle Hänge säumen.

Mein Bruder macht es dann wie ich, als ich Alena kennenlernte und von Damaskus vorschwärmte. Damals noch mehr mit den Armen als mit der Zunge. Er spricht wie ich vom Dschabal Qãsiyūn, dem berühmten, mehr als tausend Meter hohen Berg, von dessen Gipfel die ganze Stadt zu überblicken ist. Er spricht von den Düften der Natur. Von den Lichtern der Nacht. Und so weiter. Er holt die verlorene Heimat in plastischen Bildern in seine Gegenwart. Und zwischendrin sagt er immer wieder:

Bei uns.

Weil Damaskus der Ort seines Herzens ist. Und es immer sein wird. Weil sein Herz, auch vier Jahre nach der Flucht, immer noch im Takt der alten Heimat schlägt. Sein Herz kennt keinen anderen Rhythmus als den damaszenischen. Darum herrscht, wenn mein Bruder »bei uns« sagt, nicht der geringste Zweifel, was er meint.

Das ist zugleich logisch und dann wieder unlogisch. Logisch, weil Menschen, die in der Türkei stranden, nicht einen einzigen Tag das Gefühl vermittelt wird, sie könnten dort eines Tages (und mag es noch so lange dauern) auch wirklich ankommen und sagen:

Bei uns.

Mein Bruder ist auch schon einige Jahre aus Syrien weg. Drei Jahre sind es nun. Während ich mich nach acht sehr harten Monaten in der Türkei mit erniedrigenden und krank machenden Jobs irgendwie über Wasser gehalten und jede Lira zusammengekratzt habe, um das Geld für das Schlepperboot aufzubringen und mich letzten Endes durch Europa bis nach Österreich durchzuschlagen, ist er geblieben. Heute unterrichtet er sogar in einer türkischen Schule Arabisch. Auf den ersten Blick könnte man meinen, er hat es geschafft. Er ist angekommen. Und ein halber Türke geworden. Wenigstens so viel.

Weit daneben.

In der Türkei (wie auch in Syrien) hat der Staat null Interesse daran, dass Menschen ankommen könnten. Darum gibt es auch keine Projekte, die das unterstützen würden. Länder wie Österreich und Deutschland gehen fast über vor Projekten, die versuchen, bedürftige Menschen vom Rande der Gesellschaft ein kleines Stück in Richtung Mitte zu holen.

Syrien, die Türkei und Co. sind in dieser Hinsicht leer wie die sprichwörtliche Wüste. Weil diese Staaten nichts übrig und schon gar kein Herz haben für die sozial Schwachen. Nicht für die sozial Schwachen, die dort zu Hause sind. Nicht für die sozial Schwachen, die dort gerne zu Hause wären.

Was bedeutet das?

Bedeutet das, als Syrer in der Türkei hast du, wenn überhaupt, nur eine Chance, wenn du dich zu hundert Prozent anpasst? Weil es sonst heißt: Dort ist der Ausgang (ein Modell, das manche Menschen hier in Europa auch gerne verwirklicht sehen würden).

Nein. Bedeutet es nicht. Weil davon, dass du als Syrer in der Türkei Herkunft und Identität in die Schublade legen und dort auf alle Tage verstauben lassen musst, keine Rede sein kann. Warum auch? Das ist ja gar nicht notwendig.

Araber und Türken haben ohnehin wahnsinnig viel gemeinsam. Allein schon, dass sie alle in dieselbe Moschee gehen und dort brave Moslems sind. Oder so tun, als wären sie brave Moslems. Wie hier die Taufscheinchristen auch. Da ist kein allzu großer Unterschied. Außer vielleicht, wenn ich an Das Fest des Huhnes denke, weil der Ersatzgott mit dem Namen Konsumrausch (oder Brathendl) einen Sieg nach dem anderen einfährt und die Gotteshäuser hier immer leerer werden und die Bierzelte immer voller.

Dann wäre da das Essen. Natürlich gibt es da Unterschiede. Allein wir Araber kennen so viele verschiedene Rezepte für Speisen, die es in der Türkei gibt, aber ganz anders zubereitet werden. In den Augen der Europäer sind sie jedoch ein und dasselbe. So ist das eben. Brathendl ist ja auch nicht gleich Brathendl. Ob mit Fülle im Popo oder ohne.

Dann wäre da die manchmal doch ziemlich problematische Stellung der Frau in der Gesellschaft. Viele Türken sind da um nichts besser als viele Araber. Oder sagen wir: manche. Weil auch hier vieles gerne falsch verstanden und überinterpretiert wird. Wir kommen noch dazu. Genauso verhält es sich bei tausend anderen Dingen auch. All das verbindet Türken und Araber.

Was sie trennt, ist die Politik.

Politisch erwünscht ist: Syrer und Co. sollen (wie ich damals in der Türkei) ohne den geringsten Schutz die gesundheitsschädlichen Jobs in den Fabriken machen. Bis sie Staublungen kriegen. Sie sollen im Gastgewerbe arbeiten und froh sein, wenn sie am Ende, mit zwei Monaten Verspätung, auch nur die Hälfte des vereinbarten Lohnes bekommen. Wenn sie den vielen Staub und das wenige Geld schlucken, sind sie brave Flüchtlinge.

Politisch nicht erwünscht ist, dass sie bleiben und anfangen, sich wohlzufühlen und Teil der Gesellschaft werden und diese Gesellschaft vielleicht auch noch kulturell und menschlich bereichern und (das ist ja das Allerletzte) auch noch mitreden wollen, nur weil sie Steuern zahlen. Nein. Politisch geduldet ist nur: ausquetschen lassen wie eine reife arabische Zitrusfrucht. Und dann, wenn du nicht mehr kannst und krank und lästig wirst, heißt es:

Auf Nimmerwiedersehen. Egal wohin. Hauptsache tschüss.

Österreich oder Deutschland sind da völlig anders. Al-hamdu li-Llāh. Hier ist es tatsächlich möglich, nicht nur zu kommen und zu bleiben, sondern beim Bleiben auch anzukommen. Hier wird auf die sozial Schwachen geachtet. Auf die hier Geborenen ebenso wie auf die, wie heißt es nochmal? … Auf die Zuagrastn.

Die Sache mit der Mindestsicherung.

Ja, das muss ich Ihnen noch rasch erzählen, ehe es weitergeht mit dem zweiten Teil der Reise nach Istanbul und mit der Konvention: die Sache mit der Mindestsicherung. In mehr als fünf Jahren habe ich zum Glück nur einmal, also für einen einzigen Monat, diese Unterstützung vom österreichischen Staat gebraucht.

Anderen Menschen ergeht es da nicht so gut. Es gibt neben vielen Einheimischen auch eine Menge Syrer und andere, die darauf angewiesen sind. Meine arabischen Landsleute haben jedoch einen eigenen Zugang. Den haben sie aber nicht extra gesucht oder sich fein ausgedacht, nein, ihr Zugang ist eine Art Naturempfinden für den Faktor Arbeit.

Das hat damit zu tun, dass es so etwas wie Mindestsicherung in arabischen Ländern nicht gibt. Folglich existiert auch das Wort Mindestsicherung in der arabischen Sprache nicht. Die Idee, die dahintersteckt, ebenso wenig. Dasselbe gilt für Begriffe wie Sozialhilfe oder Ähnliches. In Syrien ist es vielmehr so: Wer arbeitet, bekommt (hoffentlich) Geld dafür. Wer nicht arbeitet (warum auch immer), bekommt (ganz sicher) kein Geld. Auch wenn es ihm noch so schlecht geht. Auch wenn er auf der Straße lebt und hungert. Die Sozialhilfe aller Armen, aber auch die staatliche Altersversorgung heißt dort, und darauf werde ich später noch genauer eingehen, Familie.

Zwar gibt es schon so etwas wie eine Pension. Aber die bekommen nur Menschen, die für den Staat (also im Normalfall Geheimdienst oder Polizei) gearbeitet haben. Und auch dann reichen die paar Lira, die für einen Monat gedacht sind, gerade für die ersten drei, vier Tage. Der Vater meines Freundes Firas etwa, der mit mir hierher nach Österreich geflohen ist, zählt zu diesen syrischen Pensionsbeziehern. Er war jedoch (zu seiner Ehrenrettung) weder Geheimpolizist noch sonst irgendein Folterknecht. Selbst in Syrien gibt es Jobs beim Staat, die nichts mit Gewalt zu tun haben. Im Verhältnis allerdings nicht besonders viele.

Löhne im europäischen Sinn werden oft wochenweise ausbezahlt. Oder auch, wie hier, monatlich. Die Araber leben zwar in einer gänzlich anderen Kultur, aber deshalb nicht gleich hinter dem Mond. Also kennen sie natürlich auch das System, dass Geld an einem bestimmten Stichtag bei ihnen landet. Die Frage ist dabei allerdings, wie viel es das eine oder andere Mal ist. So etwas wie Kollektivverträge und Kollektivlöhne gibt es nicht. Schon gar nicht in der Privatwirtschaft. Du machst dir den Lohn mit dem Chef aus. Und hoffst, dass er den Betrag am Ende der Woche, am Ende des Monats auch noch kennt.

So läuft das. So habe ich es selbst jahrelang erlebt. Und dann spreche ich, hier in Österreich, eines Tages mit einem Freund aus der syrischen Community. Wir diskutieren über dies und das, über die Frauen und Beziehungen und so weiter. Und über das Geld. Und dann sagt er:

»Heute hat mich schon wieder mein Vater angerufen.«

»Ja und?«, frage ich. »Was wollte er?«

»Er hat mich gebeten, etwas Geld für meine kranke Mutter zu schicken. Und er wollte wissen, ob mein Gehalt schon gekommen ist.«

»Dein Gehalt?«, frage ich.

»Ja. Mein Gehalt.«

»Du bekommst kein Gehalt«, sage ich. »Du bekommst Mindestsicherung.«

»Sage ich doch. Mein Gehalt.«

Bis dahin habe ich gedacht, die syrische Seele in- und auswendig zu kennen. Was für ein Irrtum. Wobei der Gedanke dahinter nachvollziehbar und auch gar nicht in böser Absicht gefasst ist. Der syrische Mensch denkt einfach so, nämlich:

Was pünktlich daherkommt, regelmäßig und noch dazu in der immergleichen Höhe, kann in den Augen des gelernten Syrers gar nichts anderes sein als das:

Ein Gehalt.

Bloß, wofür?

Bei manchen meiner Freunde habe ich mir da schon den Mund eckig geredet.

»Fusselig«, sagt Alena. »Man redet ihn sich fusselig.«

Meinetwegen. Dann hängen mir eben Fusseln weg, und keine Ecken. Wieder und wieder habe ich seither versucht, manchen meiner Landsleute diesen einen Satz ins Gehirn zu hämmern. Auf Arabisch. Auf Deutsch. Diesen Satz:

»DIE … MIN … DEST … SI … CHE … RUNG … IST … KEIN … GE … HALT!!!!!«

»Aber natürlich ist es das. Was soll es denn sonst sein, Omar?«

Sie starren mich dann auf eine Weise an, dass ich verzweifeln könnte. Aus riesigen Augen. Wie das Kamel vorm großen Tor. Weil die Idee, für Nicht-Arbeit ständig Geld zu erhalten, für sie viel zu absurd ist.

Ja, und dann (das darf auch nicht verschwiegen werden) gibt es unter meinen Landsleuten auch jene, die sehr wohl begreifen, dass die Mindestsicherung kein Gehalt ist. Das haben sie wahrscheinlich sehr rasch begriffen oder schon immer gewusst. Das sind die, die es gerne auf die Spitze treiben.

Wie sie das machen?

Ganz einfach. Sie spielen die Karte mit der schrumpfenden österreichischen Bevölkerung aus. Sie sagen: »Die Österreicher brauchen uns sowieso. Sonst sterben sie aus.«

Ich muss dann immer laut lachen. Aber mehr vor Erstaunen. Weil sie damit meinen: Ich mache meine Frau schwanger, sie bekommt so viele Kinder wie möglich. Und Österreich ist vor dem Aussterben gerettet. Das muss dem Staat etwas wert sein. Darum bezahlt er den Syrern und anderen fürs Kindermachen ein Gehalt.

So ist es dann auch wieder nicht.

»Die gibt es bei uns auch«, sagt Alena. »Und die fallen nicht irgendwo vom Baum und kommen hierher. Die wachsen hier.«

Stimmt. Die Idee, Geld für keine Arbeit zu bekommen und ein gutes Gewissen dabei zu haben, ist nicht neu. Bloß nennen die Menschen hier es nicht Gehalt. Wenigstens nicht laut. Sie nennen es »hart verdienten Anspruch«. Da gibt es zum Beispiel solche, die sagen: »Ich habe meinen Krankenstand für dieses Jahr noch gar nicht aufgebraucht. Höchste Zeit, sonst verfällt er mir noch!«

Oder andere, die echten Sozialbetrug betreiben und auch noch ein gutes Gewissen dabei haben. Weil sie meinen, ein Recht darauf zu haben. Da fällt mir der Mann ein, für den ich früher mal hin und wieder gejobbt habe. Botentätigkeiten. Geringfügig angestellt.

Der Mann hat seinen Sohn als neuen Chef eingesetzt, ist offiziell in Pension gegangen – aber weiterhin der Chef. Das mit dem Sohn ist nur zum Schein. Damit er seine volle Pension erhält. Und zu mir hat er einmal gesagt: »Ich habe ein Recht darauf, das so zu machen.«

Hat er das wirklich?

Und Alena erzählt von einem Fall, den sie persönlich kennt. Aus einem Kindergarten. Mit einer so genannten echten Österreicherin. Sie habe angegeben, der Vater des Kindes wäre unbekannt. In so einem Fall springt für den fehlenden Vater Vater Staat ein und bezahlt die Alimente.

»In Wirklichkeit«, sagt Alena, »leben Vater, Mutter und Kind die längste Zeit zusammen. Von Anfang an.« Der Vater hat dann zwar keinerlei Rechte, die Väter sonst haben. Aber was soll‘s.

Auch dafür, denke ich bei mir, haben die Araber ein Sprichwort: Wenn die Moral kommt, ist das Essen schon lange verdaut.

»Nein«, sagt Ruth ungewohnt energisch: »Es heißt: Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral. Und es stammt aus einem Theaterstück von Bertolt Brecht. Brecht. Ein deutscher Dramatiker. Deutsch, Omar, nicht arabisch.«

Egal. Fest steht: Den Verlust der Anständigkeit gibt es überall. Dafür müssen nicht erst ein paar Araber (für die ich mich wirklich schäme) daherkommen und ein System ausnutzen.

Aber, jetzt hätte ich darüber beinahe vergessen, was ich Ihnen eigentlich erzählen wollte. Eigentlich. Das ist auch so ein Wort, das ich erst einmal in seiner ganzen Dimension kapieren muss. Weil eigentlich eigentlich bedeutet, dass du das genaue Gegenteil von dem sagen willst, was du eigentlich gesagt hast.

Mein Freund, der Journalist, hat dazu einmal gesagt: »Eigentlich impliziert eigentlich immer das Gegenteil dessen, was eigentlich gesagt werden soll.«

Danke.

Aber es stimmt schon. Ich habe es selbst oft genug erlebt. Gerne auch in Verbindung mit dem berühmten österreichischen ABER, das auch erst nach dem Beistrich einleitet, was jemand eigentlich hat sagen wollen. Egal, wie schön und nett und blumig der Teil vor dem Beistrich ist. Wie zum Beispiel diese Aussage, die ich während einer Ausländerdiskussion in einem Beisl zu hören bekam:

»Eigentlich habe ich das gar nicht so gemeint, Omar. Das mit den Ausländern und der ganzen Kriminalität und so. Du bist eigentlich gar nicht so gefährlich, wie man von euch Arabern immer sagt. Aber eigentlich, irgendwie, seid ihr es dann doch wieder.«

Häää?

Oder, etwas weniger komplex: Ich klopfe an die Scheibe eines Geschäftes in Graz, dessen Mitarbeiterin mir vor der Nase die Türe versperrt hat. Schlag 18 Uhr. In Syrien ist das allein deshalb kaum vorstellbar, weil die allermeisten Geschäfte sehr klein sind und fast ausnahmslos die Besitzer selbst drinnen stehen. Oder ein naher Verwandter. Oft genug bis spät in die Nacht.

Ich selbst habe das auch so gemacht, als ich noch Solaranlagen und so Zeugs verkauft habe. Oft saß ich bis drei Uhr in der Früh im Laden meines Chefs (er hatte wohl keine Verwandten, die das für ihn machen wollten). Ich saß dort, empfing bis spät in die Nacht Kundschaft. Oder auch nicht, weil eben nichts los war. Dann nutzte ich die Zeit, um Shisha zu rauchen und Gedichte zu schreiben.

Der Besitzer eines kleinen Ladens hält in Syrien in der Regel offen, solange er die Augen offenhalten kann. Und weil er sich auch zu später Stunde über ein Geschäft freut. Wie blöd müsste auch ein Ladenbesitzer sein, wenn er einem Kunden die Türe vor der Nase zusperrt und sich ein Geschäft entgehen lässt, nur weil der große Zeiger der Uhr fünf Sekunden vorher auf 12 gesprungen ist? Und wie wortreich wären die Flüche und Verwünschungen eines Onkels, der zum Beispiel den faulen Neffen überführt, wenn er zahlungswillige Menschen einfach so wieder nachhause schickt? Oder, schlimmer noch, zur Konkurrenz?

Wo allerdings angestellte Verkäuferinnen und Verkäufer den Schlüssel in die eine und andere Richtung drehen, und wo diese Menschen womöglich auch noch schlecht bezahlt werden, ticken die Uhren anders. Vor allem hier in Mitteleuropa.

Also: Die noch ziemlich junge Mitarbeiterin des Geschäfts (Babymoden) öffnet auf mein wildes Klopfen und weil ich die schönsten flehenden Augen mache, die ich zur Verfügung habe, noch mal (das allein ist schon erstaunlich), bloß um mit der einen Hand aufs Gelenk der anderen (das mit der Uhr und dem großen Zeiger) zu klopfen und zu sagen:

»Ich bin eigentlich schon weg.«

»Aber Sie sind doch noch da. Eigentlich. Können Sie nicht eine Ausna -?«

»Nein. Kann ich nicht. Wo kämen wir da hin? Eigentlich sehen Sie mich gar nicht mehr.«

Eigentlich. Dazu mit »kämen« ein kleiner, feiner Konjunktiv. Dann Türe wieder zu. Weil Ladenschluss heißt: Laden zu. Und Schluss.

Die Verkäuferin, lerne ich, hat damit in punkto korrekt und seltsam zugleich gleich mehrere Fliegen mit einer Klappe geschlagen. Wobei es in Wirklichkeit ja so heißt: Sie hat zwei Vögel mit einem Stein erschlagen. Alena würde jetzt sagen, dass die österreichische Variante im Vergleich zur arabischen viel humaner ist. Menschlicher, weil tierfreundlicher.

Mag sein. Darüber lässt sich (ließe sich) streiten. Aber Original ist eben Original.

Jetzt aber wirklich zurück zur eigentlichen Geschichte:

Wir verlassen Istanbul wieder, fliegen nach Österreich. Ich bin wehmütig, wie Sie sich denken können. Die Familie ist den Arabern heilig (auch wenn diese enge Bindung nicht immer nur ein großer Segen, sondern oft genug ein noch größerer Fluch sein kann). Meinen Bruder so lange nicht zu sehen, hat ihn für mich fast zu einem fremden Menschen gemacht. Und mein Nachdenken, was »bei uns« betrifft, hat die Sache nicht besser und den Abschied nicht leichter gemacht. Egal, worüber wir diskutiert haben – von Erdogan über Versicherungen bis hin zum Job – habe ich, wenn ich bei uns gesagt habe, Österreich gemeint.

Er jedoch immer nur Damaskus.

Während ich schon halber Österreicher bin, ist er nicht einen Hauch Türke geworden. Obwohl er inzwischen die türkische Staatsbürgerschaft besitzt. Darin hat er mir ziemlich viel voraus. Österreicher (auf dem Papier) bin ich noch nicht, und Syrer (auf dem Papier) nicht mehr. Ich besitze keinen syrischen Reisepass, und die Botschaft darf ich auch nicht betreten.

Andererseits – wer weiß, wofür es gut ist? Wer weiß, was sie mit einem wie mir machen würden? Ich sage nur: Jamal Kashoggi und die saudi-arabische Botschaft. Meine Lust, ein ähnliches Ende wie der Journalist zu nehmen und in meine Einzelteile zerlegt irgendwo zu verschwinden, ist nicht besonders groß.

So oder so muss ich dennoch hoffen, dass ich bleiben darf. Schon bedrückend. Was mich aber noch viel mehr bedrückt, ist, dass mein Bruder jetzt gar kein Zuhause mehr hat. Wenn jemand so ganz und gar nicht Fisch und nicht Fleisch ist, dann wohl er.

Hinzu kommt, dass ich ihn beleidigt habe. Weil er als der Ältere von uns beiden selbstverständlich die Rechnung für das Abendessen übernehmen wollte. Und ich, der Jüngere, mich heimlich (ich habe behauptet, die Herrentoilette aufsuchen zu wollen) zum Kellner geschlichen und bezahlt habe. Es waren ohnehin nur 200 türkische Lira für uns drei. Umgerechnet 24 Euro. Für uns kein wirklich großer Betrag. Für meinen Bruder jedoch ist das eine Menge Geld, die er sich vom Mund absparen muss.

All das hat mir das Herz eingeschnürt. Aber es hilft nichts. Alena und ich müssen zurück und ihn zurücklassen in seiner Welt, die ihm keine ist.

Was sein muss, muss sein, sagen die Araber.

Genau das hat ein Polizist Stunden später auf dem Grazer Flughafen anscheinend auch gedacht. Was sein muss, muss sein. Alena und ich betreten österreichisches Hoheitsgebiet, gehen zur Passkontrolle. Vor uns und hinter uns jede Menge Menschen.

»Kommen Sie mal auf die Seite«, sagt der Mann hinter der Glaswand und blickt mich finster an. Das Gefühl, aus einer Menge herausgefischt und zur Seite gestellt zu werden, löst instinktiv Schweißattacken in mir aus. In Syrien bedeutet das ausnahmslos nichts Gutes. Egal, ob du mit dem Auto zur Seite »gebeten« wirst oder auf der Straße.

Ich zucke zusammen, folge jedoch sofort. Ich spüre die Blicke der Menschen um mich. Was habe ich falsch gemacht? Habe ich überhaupt etwas falsch gemacht?

Der Polizist, der mich herausgefischt hat, war übrigens nicht der Mann direkt am Schalter. Sondern der Mann, der in der Kabine dicht hinter ihm gestanden ist und seinem Vordermann auf die Finger gesehen hat. Sein Chef, wie ich bald erfahre. Er hat seinem Untergebenen meinen Ausweis inzwischen aus der Hand genommen und begonnen, ihn ganz genau zu mustern. Er blättert vor, blättert zurück, dreht ihn nach allen Seiten, hält ihn auch gegen das Licht. Dann die Worte, die mein Herz wild pochen lassen:

»Kommen Sie mal auf die Seite.«

Was ich mir in diesem Augenblick in Gedanken so zusammengesponnen habe, ist Kopfkino der nicht unbedingt wünschenswerten Art. Damals waren wir ja noch in der Hochblüte der schwarz-blauen Regierung mit einem Innenminister Kickl. Ein Herr Kickl, der auf die Kraft der Abschreckung baut, der sich für Pressefotografen auf Pferde setzt, die Polizeipferde werden sollen (es aber letzten Endes nicht werden, weil sein Nachfolger das als Schnapsidee erkennt und die berittene Polizei abschafft, bevor sie angeschafft wird). Ein Herr Kickl auch, der auf die Meinung setzt, als Einziger im Land für alles die einzige Lösung zu haben.

Und: Ibiza war zu dieser Zeit noch ein echter Sehnsuchtsort sonnenhungriger Spanienliebhaber und keine Pilgerstätte für Regierungsnostalgiker. Oder jubelnde Linke. Je nachdem, von welcher Seite man es betrachtet.

Tausend Dinge schießen mir also in dem Moment durch den Kopf. Wer weiß, vielleicht hat sich in den paar Tagen, wo Alena und ich in der Türkei waren, alles noch weiter verschärft? Vielleicht ist Syrien zum sicheren Land erklärt worden? Vielleicht hat Kickl persönlich den Befehl ausgegeben, jeden Syrer im Land in Abschiebehaft zu nehmen?

Vielleicht. Vielleicht. Vielleicht.

Ich spüre den Schweiß auf meine Stirn treten. Ich spüre, wie ich nach Alenas Hand fasse und sie krampfhaft drücke. Ich stehe auf der Seite, während die Mitreisenden an mir vorüberziehen und einige mir so gewisse Blicke zuwerfen. So jedenfalls fühle ich es.

Dann kommt der Chef auf mich zu. In der Hand hält er ein Schreibbrett. Er beginnt, mir alle möglichen Fragen zu stellen. Was der Zweck der Reise war. Wie lange sie gedauert hat. Wen ich in der Türkei getroffen habe. Warum ich diese Person (meinen Bruder) dort getroffen habe. Warum nicht anderswo. Mit wem ich sonst Kontakt gehabt habe. Wie ich ausgereist bin aus Österreich vor ein paar Tagen. Natürlich auch, ob ich Geld bei mir gehabt habe bei der Ausreise. Wie viel ich jetzt mit habe. Und so weiter. Fragen über Fragen. Und dabei macht er sich ständig Notizen.

Was schreibt er da?

Das Prozedere hat ungefähr zehn Minuten gedauert. Für mich hat es sich angefühlt wie zehn Stunden. Dann blickt der Polizist plötzlich von seiner Schreibtafel auf, starrt mich emotionslos an und sagt: »Sie können gehen.«

Eine Sekunde später drückt er mir meinen Konventionspass in die Hand. Was war das?

Alena zieht mich schon am Ärmel, um möglichst schnell von hier zu verschwinden. Aber jetzt möchte ich es doch wissen. Natürlich mit aller gebotenen Höflichkeit, die man mir schon als kleines Kind für solche Situationen eingeimpft hat.

»Entschuldigen Sie vielmals«, sage ich. »Es tut mir leid, aber ich muss Sie was fragen.«

Der Oberpolizist mit den vielen kleinen Streifen auf den Schultern zieht die Augenbrauen hoch. »Ja?«

»Was … haben Sie dauernd aufgeschrieben, als Sie mir diese Fragen gestellt haben?«

Im selben Moment habe ich schon gedacht: Stell nicht so blöde Fragen, Omar. Du bist zwar nicht in Syrien, wo du allein dafür schon die erste Ohrfeige bekommen hättest. Im besten Fall. Aber du kennst doch das Zauberwort der österreichischen Beamten, das sie immer dann aus dem Sack holen, wenn sie nichts sagen wollen. Amtsgeheimnis.

Aber, ich habe mich so richtig getäuscht, denn auf einmal sagt der Polizist mit sehr tiefer, sehr strenger Stimme: »Sie haben das System getäuscht.«

»Was habe ich?«, rufe ich.

»Ja. Das haben Sie. Die Frage ist nur, ob Sie es in arglistiger Absicht getan haben oder unbewusst. Das lässt sich jetzt nicht mehr klären. Also können Sie gehen …

Schwamm drüber.«

»Ich verstehe nicht.«

Der Mann (um eineinhalb Köpfe größer als ich) sieht mich von oben herab an. Immer noch verzieht er keine Miene. »Also gut. Sie wollten es ja wissen. Sie sind im Besitz eines Konventionspasses, richtig?« Ich nicke stumm.

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