Kitabı oku: «Das Bildnis des Dorian Gray»

Yazı tipi:

Oscar Wilde

Das Bildnis des Dorian Gray

Aus dem Englischen übertragen von D. Mitzky

Saga

Das Bildnis des Dorian Gray ÜbersetztGustav Landauer, Hedwig Lachmann Original The picture of Dorian GrayCoverbild/Illustration: Shutterstock Copyright © 2005, 2020 Oscar Wilde und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788726619256

1. Ebook-Auflage, 2020

Format: EPUB 3.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für gewerbliche und öffentliche Zwecke ist nur mit Zustimmung von SAGA Egmont gestattet.

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Vorwort

Der Künstler ist der Schöpfer schöner Dinge.

Kunst zu offenbaren und den Künstler zu ververbergen ist Ziel der Kunst.

Kritiker ist, wer seine Eindrücke von schönen Dingen in einen anderen Stil oder ein neues Ausdrucksmittel zu übersetzen vermag.

Die höchste wie die niedrigste Form der Kritik ist eine Art Selbstbiographie.

Wer in schönen Dingen hässliche Bedeutungen findet, ist verdorben, ohne reizend zu sein. Das ist ein Fehler.

Wer in schönen Dingen schöne Bedeutungen findet, hat Kultur. Für ihn ist Hoffnung.

Auserwählt ist, wem schöne Dinge nur Schönheit bedeuten.

Es gibt kein moralisches oder unmoralisches Buch. Es gibt schlecht geschriebene oder gut geschriebene Bücher. Das ist alles.

Die Abneigung des neunzehnten Jahrhunderts gegen Realismus ist die Wut Calibans, der sein Gesicht im Spiegel sieht.

Die Abneigung des neunzehnten Jahrhunderts gegen Romantik ist die Wut Calibans, der sein Gesicht nicht im Spiegel sieht.

Das moralische Leben des Menschen kann Stoff für den Künstler sein, aber die Moral der Kunst besteht im vollkommenen Gebrauch eines unvollkommenen Mittels.

Kein Künstler will etwas beweisen. Selbst wahre Dinge können bewiesen werden.

Kein Künstler hat sittliche Neigungen. Sittliche Neigung in einem Künstler ist eine unverzeihliche Maniriertheit des Stils.

Kein Künstler ist je krankhaft. Der Künstler kann alles ausdrücken.

Gedanke und Sprache sind für den Künstler Werkzeuge einer Kunst.

Tugend und Laster sind für den Künstler Baustoffe zu einer Kunst.

Von der Form aus gesehen, ist der Typus aller Künste die Kunst des Musikers. Vom Gefühl aus gesehen, ist es die Kunst des Schauspielers.

Alle Kunst ist zugleich Oberfläche und Symbol.

Wer unter die Oberfläche taucht, tut es auf eigene Gefahr.

Wer das Symbol deutet, tut so auf eigene Gefahr.

Was die Kunst wirklich spiegelt, ist der Zuschauer und nicht das Leben.

Meinungsverschiedenheit über ein Kunstwerk zeigt, dass das Werk neu, vielfältig und lebensstark ist.

Wenn die Kritiker nicht übereinstimmen, ist der Künstler im Einklang mit sich selbst.

Dass einer etwas Nützliches gemacht hat, kann man ihm verzeihen, solange er es nicht bewundert. Die einzige Entschuldigung dafür, etwas Nutzloses gemacht zu haben, ist, dass man es grenzenlos bewundert.

Alls Kunst ist ganz nutzlos.

Oscar Wilde.

Erstes Kapitel

Das Atelier war erfüllt von dem üppigen Duft der

Rosen, und wenn der leichte Sommerwind durch die Bäume des Gartens fuhr, so kam durch die offne Tür der schwere Geruch des Flieders oder der zartere Duft des blühenden Rotdorns.

Von der Ecke des Diwans aus persischen Satteltaschen, auf dem er lag und seiner Gewohnheit nach unzählige Zigaretten rauchte, konnte Lord Henry Wotton eben noch den Schimmer der honigsüssen und honigfarbenen Blüten eines Goldregens sehen, dessen schwanke Zweige kaum imstande schienen, die Last einer so flammenden Schönheit zu tragen; hie und da flirrten die phantastischen Schatten von Vögeln im Flug über die langen Rohseidenvorhänge vor dem riesigen Fenster und riefen eine Art japanischen Momenteffektes hervor, die ihn an die blassen Maler Tokios mit den Jadegesichtern denken liessen, welche mit den Mitteln einer notwendig unbeweglichen Kunst den Eindruck von raschester Bewegung zu geben suchen. Das eintönige Summen der Bienen, die durch das lange ungemähte Gras schwirrten oder mit ermüdender Hartnäckigkeit um die goldstaubbeladenen Griffel eines losen Geissblattes kreisten, schien die Stille noch drückender zu machen. Das undeutliche Getöse Londons war wie der Basston einer fernen Orgel.

Mitten im Zimmer stand auf einer aufgerichteten Staffelei das Vollbild eines jungen Mannes von ausserordentlicher Schönheit, und davor sass in geringer Entfernung der Künstler selbst, Basil Hallward, dessen plötzliches Verschwinden vor einigen Jahren solches Aufsehen hervorrief und so sonderbare Vermutungen entstehen liess.

Während der Maler die anmutige und reizende Gestalt betrachtete, die er so glücklich in den Spiegel seiner Kunst eingefangen hatte, glitt ein freudiges Lächeln über sein Gesicht und schien dort verweilen zu wollen. Aber auf einmal fuhr er zusammen und schloss die Augen und drückte die Finger gegen die Lider, als suche er in seinem Hirn einen seltsamen Traum festzuhalten, aus dem er zu erwachen fürchtete.

„Es ist dein bestes Werk, Basil, das Beste, was du je gemacht hast“, sagte Lord Henry träge. „Du musst es unbedingt nächstes Jahr in die Grosvenorausstellung schicken. Die Akademie ist zu gross und zu gewöhnlich. So oft ich dort war, waren entweder so viel Menschen da, dass ich die Bilder nicht sehen konnte, was schrecklich war, oder so viele Bilder, dass ich die Menschen nicht sehen konnte, und das war noch ärger. Grosvenor ist wirklich das einzig mögliche.

„Ich glaube, ich werde es nirgends hinschicken“, antwortete der Maler mit jenem für ihn charakteristischen Zurückwerfen des Kopfes, über das seine Freunde schon in Oxford zu lachen pflegten. „Nein; ich werde es nirgends hinschicken.“

Lord Henry zog die Brauen hoch, und blickte ihn durch die dünnen blauen Rauchwolken, die in phantastischen Ringen von seiner schweren, opiumhaltigen Zigarette stiegen, verwundert an. „Es nirgends hinschicken? Mein lieber Junge, warum nicht? Hast du einen Grund dafür? Was für wunderliche Kerle seid ihr Maler doch! Erst tut ihr alles in der Welt, um euch einen Namen zu machen. Und kaum habt ihr ihn, so bemüht ihr euch nur, ihn loszuwerden. Es ist dumm von euch, denn schliesslich gibt es in der Welt nur eines, was ärger ist, als besprochen zu werden, nämlich, nicht besprochen zu werden. Ein Bildnis wie dieses würde dich hoch über alle jungen Künstler in England stellen und die alten ganz neidisch machen, wenn alte Leute überhaupt noch einer Gemütsbewegung fähig, sind.“

„Ich weiss, dass du mich auslachen wirst,“ antwortete Hallward, „aber ich kann es wirklich nicht ausstellen. Ich habe zu viel von mir selbst hineingelegt.“

Lord Henry streckte sich auf dem Diwan aus und lachte.

„Siehst du, ich habe gewusst, dass du Lachen würdest; aber wahr ist es trotzdem.“

„Zu viel von dir selbst hineingelegt! Auf mein Wort, Basil, ich habe nicht gewusst, dass du so eitel bist; und ich kann wirklich nicht die mindeste Ahnlichkeit zwischen dir mit deinem rauhen Athletengesicht und deinem kohlschwarzen Haar und diesem jungen Adonis finden, der aussieht, als ob er aus Elfenbein und Rosenblättern gemacht wäre. Schau, mein lieber Basil, er ist ein Narziss, und du — nun, natürlich hast du einen vergeistigten Ausdruck und was so dazu gehört. Aber Schönheit, wirkliche Schönheit hört auf, wo ein geistiger Ausdruck beginnt. Geist ist an sich schon eine Übertreibung und zerstört die Harmonie jedes Gesichts. Im Augenblick, wo man sich niedersetzt, um zu denken, wird man ganz Nase oder ganz Stirn oder sonst so was Greuliches. Sieh dir nur die erfolgreichen Leute in den gelehrten Berufen an. Wie abscheulich sie alle sind! Ausgenommen natürlich die Geistlichen. Aber in ihrem Beruf denkt man nicht. Ein Bischof wird noch mit achtzig Jahren sagen, was man ihm als achtzehnjährigem Burschen beigebracht hat, und die natürliche Folge ist, das er immer entzückend aussieht. Dein geheimnisvoller junger Freund, dessen Namen du mir nie verraten hast, dessen Bild mich aber wirklich bezaubert, denkt nie. Ich spüre das. Er ist irgendein hirnloses, schönes Geschöpf, und er sollte immer im Winter hier sein, wenn wir keine Blumen zum Anschauen haben, und immer im Sommer, wenn wir etwas brauchen, um unseren Geist abzukühlen. Bilde dir nichts ein, Basil: du siehst ihm ganz und gar nicht ähnlich.“

„Harry, du verstehst mich nicht“, antwortete der Künstler. „Natürlich sehe ich ihm nicht ähnlich. Ich weiss das sehr gut. Ich würde mir nicht einmal wünschen, so auszusehen wie er. Du zuckst die Achseln? Ich sage dir die Wahrheit. Es waltet ein Verhängnis über allem körperlich und geistig Auserlesenen, dasselbe Verhängnis, das in der Geschichte die schwanken Schritte der Könige zu verfolgen scheint. Besser nicht von seinen Mitmenschen verschieden sein. Die Hässlichen und Dummen haben es in dieser Welt am besten. Sie können ruhig dasitzen und das Spiel anstaunen. Wenn sie nie erfahren, was Sieg bedeutet, so lernen sie wenigstens das Gefühl der Niederlage nicht kennen. Sie leben, wie wir alle leben sollten, ungestört, gleichmütig und ohne Aufregungen. Sie stürzen niemals andere ins Verderben und sind niemals die Opfer fremder Schicksale. Dein Rang und Reichtum, Harry; mein Talent, wie es nun einmal ist — meine Kunst, was immer sie wert sein mag; Dorian Grays Schönheit — wir werden alle leiden müssen für das, was die Götter uns gegeben haben, schrecklich leiden.“

„Dorian Gray? Heisst er so?“ fragte Lord Henry und ging durch das Atelier auf Basil Hallward zu.

„Ja, so heisst er. Ich hatte nicht die Absicht, es dir zu sagen.“

„Warum denn nicht?“

„Oh, das kann ich nicht erklären. Wenn ich einen Menschen ungewöhnlich gern habe, so verrate ich niemandem seinen Namen. Das hiesse einen Teil von ihm ausliefern. Ich habe das Geheimnis lieben gelernt. Es scheint mir das Einzige, was unser heutiges Leben noch rätselhaft oder wunderbar machen kann. Das Allergewöhnlichste wird entzückend, wenn man es nur verbirgt. Wenn ich fortfahre, sage ich meinen Leuten nie mehr, wohin ich gehe. Das würde mir die ganze Freude verderben. Es mag eine dumme Gewohnheit sein, aber irgendwie bringt es einen Schuss Romantik in unser Leben. Du hältst mich wahrscheinlich für recht töricht, dass ich auf solche Dinge etwas gebe?“

„Ganz und gar nicht,“ antwortete Lord. Henry, „ganz und gar nicht, mein lieber Basil. Du scheinst zu vergessen, dass ich verheiratet bin. Der einzige Reiz der Ehe besteht darin, dass sie ein Leben der Verstellung zu einer unumgänglichen Notwendigkeit für beide Teile macht. Ich weiss nie, wo meine Frau ist, und meine Frau weiss nie, was ich tue. Wenn wir uns treffen — wir treffen uns gelegentlich, wenn wir zusammen auswärts speisen oder beim Herzog eingeladen sind — so erzählen wir einander die unsinnigsten Geschichten mit den ernstesten Gesichtern von der Welt. Meine Frau trifft das ausgezeichnet — tatsächlich viel besser als ich. Sie verwirrt sich nie bei ihren Zeitangaben, wie ich es immer tue. Aber wenn sie mich dabei ertappt, macht sie durchaus keine Szene. Ich wollte manchmal, sie täte es; aber sie lacht mich bloss aus.“

„Ich hasse die Art, wie du von deinem Eheleben sprichst, Harry“, sagte Basil Hallward, während er gegen die Gartentür schlenderte. „Ich glaube, du bist im Grunde ein vortrefflicher Ehemann, aber du schämst dich deiner eigenen Tugenden. Du bist ein sonderbarer Mensch. Du sagst nie etwas Moralisches und tust nie etwas Verwerfliches. Dein Zynismus ist ganz einfach Pose.“

„Natürlichsein ist einfach Pose, und die aufreizendste, die ich kenne“, rief Lord Henry lachend; und die beiden jungen Leute gingen zusammen in den Garten hinaus und liessen sich auf einer langen Bambusbank nieder, die im Schatten eines hohen Lorbeerstrauches stand. Das Sonnenlicht huschte über die glatten Blätter. Im Grase zitterten weisse Gänseblümchen.

Nach einer Pause zog Lord Henry seine Uhr. „Ich muss nun gehen, Basil,“ murmelte er, „und bevor ich gehe, bestehe ich darauf, dass du mir eine Frage beantwortest, die ich dir heute schon einmal gestellt habe.“

„Das wäre?“ sagte der Maler, ohne den Blick zu heben.

„Du weisst sehr gut.“

„Nein, Henry.“

„Nun, dann will ich es dir sagen. Ich möchte, dass du mir erklärst, warum du Dorian Grays Bild nicht ausstellen willst. Ich möchte den wirklichen Grund wissen.“

„Ich habe ihn dir gesagt.“

„Das hast du nicht. Du hast gesagt, es sei zu viel von dir selbst darin. Das ist kindisch.“

„Harry,“ sagte Basil Hallward und sah ihm gerade in die Augen, „jedes Bildnis, das mit Gefühl gemalt ist, ist das Bildnis des Künstlers, nicht des Modells. Das Modell ist nur der zufällige Anlass. Aber nicht dieses wird durch den Maler offenbart, sondern der Maler selbst ist es, der sich auf der farbigen Leinwand enthüllt. Der Grund, warum ich dieses Bild nicht ausstellen will, ist der, dass ich fürchte, darin, das Geheimnis meiner eigenen Seele gezeigt zu haben.

Lord Henry lachte. „Und was ist das?“ fragte er.

„Ich will es dir sagen“, antwortete Hallward, aber ein ratloser Ausdruck trat in sein Gesicht.

„Ich bin ganz Erwartung, Basil“, fuhr sein Freund mit einem Blick auf ihn fort.

„Oh, es ist eigentlich recht wenig zu sagen, Harry, und ich fürchte beinahe, du wirst es nicht verstehen. Vielleicht nicht einmal glauben.“

Lord Henry lächelte und bückte sich nach einem rosablättrigen Gänseblümchen im Gras. Er pflückte es und betrachtete es sorgsam. „Ich bin ganz sicher, dass ich es verstehen werde,“ antwortete er und blickte aufmerksam auf die kleine goldene, weissbefiederte Scheibe, „und was das Glauben anbelangt, so kann ich alles glauben, vorausgesetzt, dass es ganz unglaublich ist.“

Der Wind schüttelte ein paar Blüten von den Zweigen, und die schweren Fliederdolden mit ihren geballten Sternen schwankten hin und her in der weichen Luft. Eine Heuschrecke begann an der Mauer zu zirpen, und eine grosse schlanke Libelle schwebte wie ein blauer Faden auf ihren durchsichtigen braunen Flügeln vorüber. Lord Henry war, als könne er Basil Hallwards Herz schlagen hören, und er wartete gespannt, was kommen würde.

„Die Sache ist einfach die“, sagte der Maler nach einer Weile. „Vor zwei Monaten ging ich zu einer grossen Gesellschaft bei Lady Brandon. Du weisst, wir armen Künstler müssen uns von Zeit zu Zeit in Gesellschaft zeigen, um das Publikum daran zu erinnern, dass wir keine Wilden sind. Im schwarzen Anzug und weisser Krawatte, hast du einmal behauptet, kann sogar ein Börsenmakler in den Ruf eines zivilisierten Menschen gelangen. Nun, nachdem ich etwa zehn Minuten im Zimmer gewesen war, im Gespräch mit dicken, aufgeputzten Matronen und langweiligen Akademikern, spürte ich plötzlich, dass jemand mich anschaute. Ich drehte mich halb um und sah Dorian Gray zum erstenmal. Als unsere Blicke sich trafen, fühlte ich, dass ich blass wurde. Eine sonderbare Empfindung des Schreckens kam über mich. Ich wusste, dass ich Aug’ in Auge einem Menschen gegenüberstand, dessen blosse Persönlichkeit so faszinierend war, dass sie, wenn ich’s gestattete, meine ganze Natur, meine ganze Seele, ja meine Kunst selbst absorbieren würde. Ich wollte keinen Einfluss von aussen in meinem Leben. Du weisst, Harry, wie unabhängig ich von Natur bin. Ich bin immer mein eigener Herr gewesen; wenigstens bis zu dem Augenblick, wo ich Dorian Gray traf. Da — aber ich weiss nicht, wie ich es dir erklären soll. Etwas schien mir zu sagen, dass ich am Rande einer furchtbaren Krise in meinem Leben stehe. Ich hatte ein seltsames Gefühl, das Schicksal halte auserlesene Freuden und auserlesene Schmerzen für mich bereit. Mir schauderte, und ich wandte mich, um das Zimmer zu verlassen. Es war nicht das Gewissen, was mich so handeln liess: es war eine Art Feigheit. Ich rechne mir’s selbst nicht als Verdienst an, dass ich zu entfliehen suchte.“

„Gewissen und Feigheit sind in Wirklichkeit dasselbe, Basil. Gewissen ist der Handelsname der Firma. Das ist alles.“

„Ich glaube das nicht, Harry, und ich glaube nicht einmal, dass du es tust. Aber was auch mein Beweggrund gewesen sein mochte — vielleicht war es Stolz, denn ich pflegte sehr stolz zu sein — sicher ist, dass ich zur Türe strebte. Dort stiess ich natürlich mit Lady Brandon zusammen. ,Sie wollen doch nicht so früh schon fort, Herr Hallward? schrie sie. Du kennst doch ihre sonderbar schrille Stimme?“

„Ja; sie ist ein Pfau in allem, die Schönheit ausgenommen“, sagte Lord Henry, indes seine schlanken, nervösen Finger das Gänseblümchen zerpflückten.

„Ich konnte sie nicht los werden. Sie schleppte mich zu Fürstlichkeiten und Leuten mit hohen und höchsten Orden und ältlichen Damen mit riesigen Diademen und Papageiennasen. Sie stellte mich als ihren besten Freund vor. Ich hatte sie nur ein einziges. Mal vorher getroffen, aber sie setzte sich’s in den Kopf, mich zu lancieren. Ich glaube, eins meiner Bilder hatte damals gerade grossen Erfolg gehabt, wenigstens hatte die Tagespresse sich darüber verbreitet, und das ist ja des neunzehnten Jahrhunderts Massstab für Unsterblichkeit. Plötzlich fand ich mich dem jungen Mann gegenüber, dessen Persönlichkeit mich so seltsam aufgewühlt hatte. Wir waren ganz nahe, berührten uns fast. Unsere Blicke begegneten sich wieder. Es war verwegen von mir, aber ich bat Lady Brandon um seine Bekanntschaft. Vielleicht war es im Grunde doch nicht ganz so verwegen. Es war einfach unvermeidlich. Wir hätten auch ohne Vorstellung miteinander gesprochen. Dessen bin ich gewiss. Dorian hat mir später dasselbe gesagt. Er fühlte auch, dass es uns bestimmt war, einander zu kennen.“

„Und wie hat Lady Brandon diesen wundervollen jungen Mann beschrieben?“ fragte Lord Henry. „Ich weiss, sie hat die Gewohnheit, einen kurzen Abriss aller ihrer Gäste zu geben. Ich erinnere mich, dass sie mich einmal zu einem über und über mit Orden und Bändern bedeckten alten Herrn mit jähzornigem, rotem Gesicht brachte und mir dabei in einem tragischen Flüsterton, der jedem Menschen im Zimmer vollkommen vernehmlich gewesen sein muss, die verblüffendsten Einzelheiten ins Ohr zischte. Ich bin einfach geflohen. Es macht mir Spass, Menschen selbst zu entdecken. Aber Lady Brandon geht mit ihren Gästen geradeso um wie ein Auktionator mit seinen Waren. Entweder sie preist sie so an, dass man nichts mehr von ihnen wissen will, oder sie erzählt einem alles von ihnen mit Ausnahme dessen, was man gerade erfahren möchte.“

„Arme Lady Brandon! Du bist hart gegen sie, Harry“, sagte Hallward zerstreut.

„Mein lieber Freund, sie hat versucht, einen Salon zu gründen, und nur fertig gebracht, ein Restaurant zu eröffnen. Wie könnte ich sie bewundern? Aber sag’ mir, was hat sie über Dorian Gray zum besten gegeben?“

„Oh, etwas wie ,reizender Junge — seine liebe Mutter und ich ganz unzertrennlich. — Vergesse, was er treibt — ich fürchte — gar nichts — o ja, spielt Klavier — oder ist’s die Geige, lieber Herr Gray?‘ Keiner von uns konnte sich des Lachens enthalten, und so wurden wir gleich Freunde.“

„Lachen ist kein schlechter Anfang für eine Freundschaft und weitaus das beste Ende“, sagte der junge Lord und pflückte noch ein Gänseblümchen.

Hallward schüttelte den Kopf. „Du verstehst nicht, was Freundschaft ist, Harry,“ murmelte er — „übrigens ebensowenig, was Feindschaft ist. Du hast jeden gern, das heisst, es ist dir jeder gleichgültig.“

„Wie abscheulich ungerecht von dir!“ rief Lord Henry und warf seinen Hut zurück, indes seine Augen den kleinen Wolken folgten, die wie verwirrte Strähnen glänzender weisser Seide über das Türkisblau des Sommerhimmels glitten. „Ja; abscheulich ungerecht von dir. Ich mache einen grossen Unterschied zwischen Menschen. Ich wähle meine Freunde nach ihrer Schönheit, meine Bekannten nach ihrem Charakter und meine Feinde nach ihrem Verstand. Man kann nicht vorsichtig genug in der Wahl seiner Feinde sein. Ich habe nicht einen Dummkopf darunter. Es sind lauter Männer von einigem geistigen Vermögen, und daher schätzen sie mich alle. Ist das sehr eitel von mir? Ich glaube fast, es ist hübsch eitel.“

„Ich sollte meinen, Harry. Aber deiner Einteilung nach müsste ich ein blosser Bekannter sein.“

„Mein lieber alter Basil, du bist viel mehr als ein Bekannter.“

„Und viel weniger als ein Freund. Wohl eine Art Bruder?“

„Ach, Brüder! Ich mache mir nichts aus Brüdern. Mein älterer Bruder will durchaus nicht sterben, und meine jüngeren Brüder tun anscheinend nie etwas anderes.“

„Harry!“ rief Hallward stirnrunzelnd.

„Mein lieber Junge, ich scherze ja. Aber ich kann nichts dafür, dass ich meine Verwandten nicht ausstehen kann. Ich vermute, es kommt daher, dass keiner von uns es erträgt, wenn andere Leute dieselben Fehler haben wie wir. Ich hege vollste Sympathie für die Empörung der englischen Demokratie gegen das, was sie die Laster der Oberklassen nennt. Die Massen fühlen, dass Trunkenheit, Dummheit und Unmoral etwas sind, was ihnen allein vorbehalten sein sollte, und dass jeder von uns, der sich wie ein Esel aufführt, auf ihren Jagdgründen wildert. Als der arme Southwark seinen Scheidungsskandal hatte, war ihre Entrüstung geradezu grossartig. Und doch glaube ich nicht, dass auch nur zehn Prozent von den Proletariern einen sittlichen Lebenswandel führen.“

„Ich unterschreibe nicht ein Wort von dem, was du gesagt hast, Harry, und ich wette, du tust es auch nicht.“

Lord Henry streichelte seinen kleinen, braunen Spitzbart und klopfte mit seinem Ebenholzstock auf die Spitzen seiner Lackschuhe. „Wie englisch du bist, Basil! Das ist glücklich das zweitemal, dass du diese Bemerkung machst. Unterbreitet man einem echten Engländer einen Gedanken — immer eine gewagte Sache — so fällt es ihm gar nicht ein, zu prüfen, ob der Gedanke falsch oder richtig ist. Das einzige, worauf es ihm ankommt, ist, ob man selbst an ihn glaubt. Nun hat aber der Wert eines Gedankens nicht das mindeste zu tun mit der Aufrichtigkeit des Mannes, der ihm Ausdruck verleiht. Wahrscheinlich wird sogar der Gedanke um so geistig reiner sein, je unaufrichtiger der Mann ist, da er in diesem Fall weder von seinen Wünschen, noch von seinen Begierden, noch von seinen Vorurteilen gefärbt sein wird. Jedoch habe ich nicht vor, Politik, Soziologie oder Metaphysik mit dir zu erörtern. Ich habe Menschen lieber als Grundsätze, und am liebsten habe ich Menschen ohne Grundsätze. Erzähle mir mehr von Herrn Dorian Gray. Wie oft siehst du ihn?“

„Jeden Tag. Ich kann es nicht aushalten, wenn ich ihn nicht täglich sehe. Er ist mir einfach unentbehrlich.“

„Wie merkwürdig! Ich dachte, du würdest dich nie um etwas anderes als deine Kunst kümmern.“

„Er ist mir meine ganze Kunst,“ sagte der Maler ernst. „Ich denke manchmal, Harry, es gibt nur zwei wichtige Epochen in der Weltgeschichte. Die erste ist das Auftreten eines neuen Kunstmittels und die zweite das Auftreten einer neuen künstlerischen Persönlichkeit. Was die Erfindung der Ölmalerei für die Venezianer bedeutete, das bedeutete das Antlitz des Antinous der spätgriechischen Skulptur, und das wird mir das Antlitz Dorian Grays einmal bedeuten. Es ist nicht das allein, dass ich ihn male, zeichne, skizziere. Das habe ich natürlich alles getan. Aber er ist mir mehr als ein Modell. Nicht, dass ich unzufrieden wäre mit den Darstellungen, die ich von ihm gemacht habe, oder dass seine Schönheit solcher Art ist, dass die Kunst sie nicht auszudrücken vermag. Es gibt nichts, was die Kunst nicht auszudrücken vermöchte, und ich weiss, dass die Arbeiten, die ich seit meiner Begegnung mit Dorian Gray gemacht habe, gute Arbeiten sind, die besten Arbeiten meines Lebens. Aber auf irgendeine unerklärliche Weise — ich frage mich, ob du das verstehen wirst — hat mir seine Persönlichkeit eine ganz neue Kunstweise vermittelt, eine vollständig neue Art des Stils. Ich sehe die Dinge anders, ich denke anders über sie. Ich kann jetzt das Leben in einer Weise neu schaffen, die mir früher verschlossen war. ,A dream of form in days of thought‘, wer hat das gesagt? Ich habe es vergessen; aber es ist genau das, was Dorian Gray mir gewesen ist. Die blosse sichtbare Gegenwart dieses Knaben — denn er scheint mir kaum mehr als ein Knabe, obwohl er in Wirklichkeit über zwanzig ist — seine blosse sichtbare Gegenwart — ah! ist es möglich, dass du ganz begreifft, was das bedeutet? Unbewusst offenbart er mir die Linien einer neuen Schule, einer Schule, die in sich alle Leidenschaft des romantischen Geistes und alle Vollkommenheit des Griechischen fassen und vereinigen soll. Harmonie von Seele und Leib — wie viel ist das! Wir in unserem Wahnsinn haben die beiden getrennt, wir haben einen Realismus erfunden, der gemein, und eine Idealität, die leer ist. Harry! wenn du nur wüsstest, was Dorian Gray mir bedeutet! Erinnerst du dich an die Landschaft, für die Agnew mir einen so hohen Preis bot, und die ich trotzdem nicht hergeben wollte? Sie ist eine meiner besten Arbeiten. Und warum? Weil Dorian Gray neben mir gesessen hat, während ich sie malte. Irgendeine ungreifbare Kraft ist von ihm zu mir übergegangen, und zum erstenmal in meinem Leben sah ich in dem einfachen Waldstück das Wunder, das ich immer gesucht und nie gefunden habe.“

„Basil, das ist ausserordentlich! Ich muss Dorian Gray sehen!“

Hallward stand auf und ging im Garten auf und ab. Nach einiger Zeit kam er zurück. „Harry,“ sagte er, „Dorian Gray ist für mich einfach ein Kunstmotiv. Du würdest vielleicht nichts in ihm sehen. Ich sehe in ihm alles. Er ist in meinem Werk nie gegenwärtiger, als wenn kein Bild von ihm da ist. Er ist, wie ich schon sagte, der Vermittler einer neuen Kunstweise. Ich finde ihn in den Kurven gewisser Linien, in dem Zauber und den Feinheiten gewisser Farben. Das ist alles.“

„Warum willst du dann sein Bild nicht ausstellen?“ fragte Lord Henry.

„Weil ich, ohne es zu wollen, etwas von dieser künstlerischen Idolatrie hineingelegt habe, von der ich ihm natürlich nie habe sprechen mögen. Er weiss nichts davon, soll nie etwas davon erfahren. Aber die Welt könnte es erraten; und ich will meine Seele nicht vor ihren oberflächlichen, gierigen Blicken entblössen. Mein Herz soll nie unter ihr Mikroskop kommen. Es ist zu viel von mir selbst in dem Bild, Harry — zu viel von mir selbst!“

„Dichter sind nicht so bedenklich wie du. Sie wissen, dass Leidenschaft beim Publikum zieht. Heutzutage bringt ein gebrochenes Herz eine ganze Reihe von Auflagen ein.“

„Ich hasse sie dafür,“ rief Hallward. „Ein Künstler solte schöne Dinge schaffen, aber nichts von seinem eigenen Leben hineinlegen. Wir leben in einer Zeit, wo die Menschen Kunst behandeln, als wäre sie eine Art Selbstbiographie. Wir haben das Gefühl für Schönheit an sich verloren. Ich hoffe, noch einmal der Welt zu zeigen, was das ist; und darum soll die Welt niemals mein Bildnis Dorian Grays sehen.“

„Ich glaube, dass du unrecht hast, Basil, aber ich will nicht mit dir streiten. Nur die geistig Verlorenen streiten immer. Sag’ mir, hat dich Dorian Gray sehr gern?“

Der Maler dachte ein paar Augenblicke lang nach. „Er mag mich,“ antwortete er nach einer Pause; „ich weiss, dass er mich mag. Natürlich schmeichle ich ihm entsetzlich. Ich finde ein sonderbares Vergnügen darin, ihm Dinge zu sagen, von denen ich weiss, dass ich sie später bedauern werde. Gewöhnlich ist er reizend zu mir, und wir sitzen im Atelier und reden über tausend Dinge. Mandmal aber ist er schrecklich gedankenlos, und es scheint ihm eine Wonne zu sein, mir Schmerz zu bereiten. Dann fühle ich, dass ich meine ganze Seele an einen Knaben verschenkt habe, der sie behandelt, als wäre sie eine Blume für sein Knopfloch, ein buntes Bändchen für seine Eitelkeit, ein Schmuck für einen Sommertag.“

„Sommertage, Basil, vergehen nicht so schnell“, murmelte Lord Henry. „Vielleicht wirst du seiner eher überdrüssig werden. Es ist traurig, daran zu denken, aber es ist kein Zweifel, dass Genie länger dauert als Schönheit. Wahrscheinlich ist das der Grund, warum wir uns alle solche Mühe geben, uns zu überbilden. In dem wilden Kampf ums Dasein wollen wir etwas haben, das dauert, und so füllen wir unseren Geist mit Nichtigkeiten und Tatsachen in der törichten Hoffnung, unseren Platz zu behaupten. Der allseits unterrichtete Mann — das ist das moderne Ideal. Und der Geist des allseits unterrichteten Mannes ist etwas Furchtbares. Er ist wie ein Krämerladen, mit lauter verstaubten Ladenhütern, wo jede Ware über ihrem Wert im Preise steht. Aber ich glaube trotzdem, du wirst zuerst seiner überbrüssig werden. Eines Tages wirst du deinen Freund anschauen, und es wird dir vorkommen, als ob in die Harmonie seiner Züge ein Misston gekommen sei, oder seine Haarfarbe wird dir nicht gefallen oder sonst etwas. Du wirst ihm in deinem Herzen bittere Vorwürfe machen und ernstlich denken, dass er sich sehr schlecht gegen dich benommen hat. Wenn er dich das nächstemal besucht, wirst du völlig kalt und gleichgültig sein. Und das wird sehr schade sein, denn es wird dich verwandeln. Was du mir gesagt hast, ist richtige Romantik, Kunstromantik könnte man sagen, und das Schlimmste an Romantik jeder Art ist, dass sie einen so unromantisch zurücklässt.“

„Harry, sprich nicht so. Solang’ ich lebe, wird die Persönlichkeit Dorian Grays mich beherrschen. Du kannst nicht fühlen, was ich fühle. Du änderst dich zu oft.“

„Ach, mein lieber Basil, gerade darum kann ich es fühlen. Wer treu ist, kennt nur die triviale Seite der Liebe; nur der Untreue kennt ihre Tragödien.“ Und Lord Henry zündete an einer zierlichen Silberbüchse eine Zigarette an und begann sie mit so selbstbewusstem und zufriedenem Ausdruck zu rauchen, als ob er die Welt in einem Satz zusammengefasst hätte. Man hörte das Schwirren von zwitschernden Spatzen in den lackgrünen Efeublättern, indes die blauen Wolkenschatten einander wie Schwalben über das Gras jagten. Wie hübsch war es im Garten! Und wie angenehm waren anderer Leute Gefühle! — viel angenehmer als ihre Gedanken, schien es ihm. Die eigene Seele und die Leidenschaften von Freunden — das waren die wirklich anregenden Dinge im Leben. Er malte sich mit stillem Vergnügen das langweilige Mittagessen aus, das er versäumt hatte, weil er so lange bei Basil Hallward geblieben war. Wenn er zu seiner Tante gegangen wäre, so hätte er dort sicher Lord Goodbody getroffen, und das ganze Gespräch hätte sich um Armenpflege und um die Notwendigkeit mustergültiger Arbeiterhäuser gedreht. Jede anwesende Klasse hätte die Bedeutung jener Tugenden gepredigt, die auszuüben in ihrem eigenen Leben kein Anlass bestand. Die Reichen wurden von dem Wert der Sparsamkeit gesprochen haben, und die Müssigen waren beredt geworden über die Würde der Arbeit. Es war herrlich, all dem entgangen zu sein! Als er sich an seine Tante erinnerte, kam ihm plötzlich ein Gedanke. Er wandte sich Hallward zu und sagte:

„Mein lieber Junge, eben fällt mir ein“ —

„Was, Harry?“

„Wo ich den Namen Dorian Gray gehört habe.“

„Wo war es?“ fragte Hallward mit leichtem Stirnrunzeln.

„Schau nicht so böse drein, Basil. Es war bei meiner Tante Lady Agatha. Sie erzählte mir, dass sie einen prächtigen jungen Mann entdeckt habe, der ihr bei ihrer Arbeit im Gast End helfen wolle, und dass er Dorian Gray heisse: Ich bin verpflichtet festzustellen, dass sie nie erwähnte, er sei schön. Frauen haben kein Verständnis für Schönheit, wenigstens gute Frauen haben es nicht. Sie sagte, er sei sehr ernst und habe einen vortrefflichen Charakter. Ich stellte mir sogleich ein bebrilltes Wesen vor mit strähnigem Haar und Sommersprossen und riesigen Füssen. Ich wollte, ich hätte gewusst, dass es dein Freund war.“

„Ich bin sehr froh, dass du es nicht gewusst hast, Harry!“

„Warum?“

„Ich möchte nicht, dass du mit ihm zusammenkommst.“

„Du möchtest nicht, dass ich mit ihm zusammenkomme?“

„Nein.“

„Herr Dorian Gray ist im Atelier, gnädiger Herr“, sagte der Diener, der im Garten erschien.

„Jetzt musst du mich vorstellen“, rief Lord Henrr lachend.

Der Maler wandte sich an seinen Diener, der im Sonnenlicht blinzelnd dastand. „Bitten Sie Herrn Gray, einen Augenblick zu warten, Parker, ich komme sofort.“ Der Mann verbeugte sich und verschwand.

Dann blickte er Lord Henry an. „Dorian Gray ist mein teuerster Freund“, sagte er. „Er ist ein einfacher und wundervoller Mensch. Deine Tante hatte ganz recht mit dem, was sie über ihn sagte. Verdirb ihn nicht. Versuche nicht, ihn zu beeinflussen. Dein Einfluss würde schlecht sein. Die Welt ist gross, und es gibt viele wundervolle Leute darin. Nimm mir nicht den einzigen Menschen, der meiner Kunst den ganzen Zauber gibt, den sie überhaupt besitzt; mein Leben als Künstler hängt an ihm. Denk’ daran, Harry, dass ich dir vertraue.“ Er sprach sehr langsam und schien sich die Worte fast widerwillig abzuringen.

„Was für einen Unsinn du sprichst!“ sagte Lord Henry lächelnd, nahm Hallward beim Arm und führte ihn beinahe ins Haus.

Zweites Kapitel

Als sie eintraten, sahen sie Dorian Gray. Er sass am Klavier mit dem Rücken zu ihnen und blätterte in einem Band von Schumanns „Waldszenen“. „Die musst du mir leihen, Basil“, rief er. „Ich möchte sie lernen. Sie sind einfach entzückend.“

„Das hängt ganz davon ab, wie du heute Modell stehst, Dorian.“

„Oh, ich habe das Modellstehen satt, und ich brauche kein Bildnis in Lebensgrosse von mir“, antwortete der Jüngling und drehte sich auf dem Musikstuhl in einer eigenwilligen, übermütigen Weise um. Als er Lord Henrys ansichtig wurde, glitt ein leichtes Erröten einen Augenblick lang über seine Wangen, und er sprang auf. „Ich bitte um Verzeihung, Basil, aber ich wusste nicht, dass du Besuch hattest.“

„Das ist Lord Henry Wotton, Dorian, ein alter Oxforder Studienfreund. Ich habe ihm gerade erzählt, was für ein glänzendes Modell du bist, und jetzt hast du alles verdorben.“

„Aber nicht mein Vergnügen, Ihnen zu begegnen, Herr Gray“, sagte Lord Henry mit einem Schritt auf ihn zu und reichte ihm die Hand. „Meine Tante hat zu mir oft von Ihnen gesprochen, Sie gehören zu ihren Bevorzugten und, ich, fürchte, auch zu ihren Opfern.“

„Ich stehe jetzt in Lady Agathes schwarzem Buch“, antwortete Dorian mit komisch zerknirschtem Ausdruck. „Ich versprach, letzten Dienstag mit ihr in einen Klub in Whitechapel zu gehen, und ich habe es wirklich ganz vergessen. Wir hätten ein Duett miteinander spielen sollen — drei Duette, glaube ich. Ich weiss nicht, was sie mir sagen wird. Ich habe viel zu viel Angst, um hinzugehen.“

„Oh, ich werde sie mit meiner Tante versöhnen. Sie ist ganz entzückt von Ihnen. Und ich glaube, es war wirklich nicht schlimm, dass Sie nicht dort waren. Das Publikum hat wahrscheinlich gedacht, es sei ein Duett. Wenn Tante Agatha sich ans Klavier setzt, macht sie genug Lärm für zwei.“

„Das ist abscheulich gegen sie und nicht sehr nett gegen mich“, antwortete Dorian lachend.

Lord Henry sah ihn an. Ja, er war sicherlich wunderbar schön, mit seinen feingeschwungenen Scharlachlippen, seinen kühnen, blauen Augen und seinem goldblonden Kraushaar. In seinem Gesicht war etwas, was einem sofort Vertrauen einflösste. Die ganze Offenheit der Jugend lag darin und ihre ganze leidenschaftliche Reinheit. Man fühlte, dass er sich von der Welt unbefleckt bewahrt hatte. Kein Wunder, dass Basil Hallward ihn vergötterte.

„Sie sind zu reizend, um sich mit Philanthropie zu befassen, Herr Gray, viel zu reizend.“ Und Lord Henry warf sich auf den Diwan und öffnete seine Zigarettendose.

Der Maler hatte inzwischen eifrig seine Farben gemischt und seine Pinsel vorbereitet. Er sah gequält aus, und als er Lord Henrys letzte Bemerkung hörte, warf er ihm einen Blick zu, zögerte ein wenig und sagte dann: „Harry, ich möchte dieses Bild heute fertig malen. Würdest du es arg unhöflich von mir finden, wenn ich dich bäte, zu gehen?“

Lord Henry lächelte und blickte Dorian Gray an. „Soll ich gehen, Herr Gray?“ fragte er.

„Oh, bitte nicht, Lord Henry. Ich sehe, dass Basil wieder mal brummiger Laune ist; und ich kann ihn nicht ertragen, wenn er brummt. Ausserdem möchte ich, dass Sie mir sagen, warum ich mich nicht mit Philanthropie befassen soll.“

„Ich weiss nicht, ob ich Ihnen das sagen werde, Herr Gray. Es ist ein so langweiliger Gegenstand, dass man unbedingt ernsthaft darüber sprechen müsste. Aber ich werde sicher nicht fortlaufen, jetzt, wo Sie mich gebeten haben, zu bleiben. Du hast doch ernstlich nichts dagegen, Basil, nicht wahr? Du hast mir oft gesagt, es sei dir lieb, wenn deine Modelle jemanden zum Plaudern haben.“

Hallward biss sich auf die Lippen. „Wenn Dorian es wünscht, musst du natürlich bleiben. Dorians Launen find Befehle für jedermann, ausser für ihn selbst.“

Lord Henry griff nach Hut und Handschuhen. „Du drängst mich zwar sehr, Basil, aber ich fürchte, ich muss gehen. Ich habe einem Bekannten versprochen, ihn im Orleans zu treffen. Leben Sie wohl, Herr Gray. Besuchen Sie mich einmal nachmittags in der Eurzon Street. Um fünf Uhr finden Sie mich fast immer zu Hause. Schreiben Sie mir, wann Sie kommen. Es täte mir leid, Sie zu verfehlen.“

„Basil,“ rief Dorian Gray, „wenn Lord Henry Wotton geht, werde ich auch gehen. Du machst nie den Mund auf, während du malst, und es ist entsetzlich langweilig, auf einem Podium zu stehen und ein liebenswürdiges Gesicht zu schneiden. Bitte ihn zu bleiben. Ich bestehe darauf.“

„Bleib, Harry, Dorian zuliebe und mir zuliebe“, sagte Hallward, ohne den Blick von der Leinwand zu wenden. „Es ist ganz richtig, ich spreche nie während der Arbeit und höre nicht einmal zu, und es muss schrecklich eintönig für meine unglücklichen Modelle sein. Ich bitte dich zu bleiben.“

„Aber was wird aus meinem Bekannten im Orleans?“

Der Maler lachte. „Ich glaube nicht, dass dies Schwierigkeiten machen wird. Setz’ dich wieder, Harry. Und jetzt, Dorian, stell’ dich auf das Podium und mach’ nicht zu viel Bewegungen und achte nicht auf das, was Lord Henry sagt. Er hat einen sehr schlechten Einfluss auf alle seine Freunde, mich allein ausgenommen.“

Dorian Gray bestieg die Estrade mit der Miene eines jungen griechischen Märtyrers und machte ein Schmollgesicht gegen Lord Henry, für den er geradezu eine Vorliebe gefasst hatte. Er war so ganz anders als Basil. Sie bildeten einen wundervollen Gegensatz. Und er hatte eine so schöne Stimme. Nach einer kleinen Weile sagte er zu ihm: „Haben Sie wirklich einen schlechten Einfluss, Lord Henry? So schlecht, wie Basil sagt?“

„Es gibt keinen guten Einfluss, Herr Gray. Jeder Einfluss ist unmoralisch — unmoralisch vom wissenschaftlichen Gesichtspunkte aus.“

„Warum?“

„Weil einen Menschen beeinflussen so viel ist, wie ihm die eigene Seele geben. Er denkt nicht mehr seine natürlichen Gedanken, er glüht nicht mehr in seinen natürlichen Leidenschaften. Seine Tugenden haben für ihn keine Wirklichkeit. Seine Sünden, wenn es so etwas wie Sünden gibt, sind geliehen. Er wird Echo einer fremden Musik, Darsteller einer Rolle, die nicht für ihn geschrieben wurde. Ziel des Lebens ist Entwicklung des Selbst. Die eigene Natur vollkommen zu verwirklichen — das ist es, wofür jeder von uns geboren wurde. Aber heutzutage haben die Menschen Angst vor sich. Sie haben die höchsten aller Pflichten, die Pflicht gegen das eigene Selbst, vergessen. Natürlich sind sie wohltätig. Sie füttern den Hungrigen und kleiden den Bettler. Aber ihre eigenen Seelen hungern und frieren. Es ist kein Mut mehr in unserer Rasse. Vielleicht war er nie wirklich darin. Furcht vor der Gesellschaft, der Grundlage der Moral — Furcht vor Gott, dem Geheimnis der Religion —, das sind die zwei Dinge, die uns beherrschen. Und doch —“

„Dreh’ deinen Kopf ein wenig mehr nach rechts, Dorian, wie ein braver Bub“, sagte der Maler, ganz in die Arbeit vertieft und nichts bemerkend, als dass ein Ausdruck in des Jünglings Gesicht getreten war, den er dort noch nie gesehen hatte.

„Und doch,“ fuhr Lord Henry fort mit seiner leisen, melodischen Stimme und jener anmutigen Handbewegung, die so bezeichnend für ihn war und die ihm schon als Schulknaben eigen gewesen war, „ich glaube, wenn ein Mensch sein Leben voll und ganz auslebte, jedem Gefühl Gestalt, jedem Gedanken Ausdruck, jedem Traum Verwirklichung gebend — ich glaube, die Welt würde einen solchen frischen Antrieb von Freude gewinnen, dass wir alle Krankheiten des Mittelalters vergessen und zum hellenischen Ideal zurückkehren würden — ja vielleicht zu etwas Schönerem und Reinerem als selbst das hellenische Ideal gewesen ist. Aber auch der Tapferste unter uns hat Angst vor sich. Die Selbstverstümmelung der Wilden lebt tragisch fort in der Selbstverleugnung, die unser Leben entstellt. Wir werden gestraft für unsere Entsagungen. Jeder Trieb, den wir zu ersticken suchen, brütet in unserer Seele und vergiftet uns. Der Leib sündigt einmal und ist dann mit seiner Sünde fertig, denn Tun ist eine Art Reinigung. Nichts bleibt zurück als die Erinnerung an eine Lust oder der Luxus eines Bedauerns. Das einzige Mittel, eine Versuchung loszuwerden, ist, ihr nachzugeben. Widerstehe ihr, und deine Seele wird krank vor Sehnsucht nach den Dingen, die sie sich versagt hat, vor Verlangen nach allem, was ihre ungeheuerlichen Gesetze ungeheuer und ungesetzlich gemacht haben. Man hat gesagt, die grossen Ereignisse der Welt gingen im Gehirn vor sich. Aber es ist im Gehirn, und nur im Gehirn, wo die grossen Sünden der Welt Ereignis werden. Sie, Herr Gray, Sie selbst mit Ihrem rosenroten Mund und Ihrer rosenweissen Jugend, Sie haben Leidenschaften empfunden, die Sie mit Furcht erfüllt haben, Gedanken, die Sie erschrecken liessen, Träume in Schlaf und Wachen, deren blosse Erinnerung Ihre Wangen mit Erröten färben würde —“

„Hören Sie auf!“ stammelte Dorian Gray, „hören Sie auf! Sie verwirren mich. Ich weiss nicht, was ich sagen soll. Es gibt eine Antwort auf all das, aber ich kann sie nicht finden. Sprechen Sie nicht. Lassen Sie mich nachdenken. Oder besser, laffen Sie mich versuchen, nicht nachzudenken.“

Fast zehn Minuten lang stand er so, unbeweglich, mit geöffneten Lippen und einem seltsamen Glanz in den Augen. Er war sich dunkel bewusst, dass ganz neue Einflüsse in ihm arbeiteten. Und doch war ihm, als gingen sie im Grunde aus ihm selbst hervor. Die wenigen Worte, die Basils Freund zu ihm gesprochen hatte — zufällige Worte, kein Zweifel, und keck parador — hatten eine geheime Saite berührt, die nie vorher berührt worden war, die er aber jetzt in rätselhaften Schlägen schwingen und zittern fühlte.

Musik hatte ihn so erregt. Musik hatte ihn oft verwirrt. Aber Musik war Dumpfheit des Gefühls. Was sie in uns schuf war nicht etwa eine neue Welt, sondern ein zweites Chaos. Worte! Nichts als Worte! Wie furchtbar waren sie! Wie klar, wie lebendig, wie grausam! Man konnte ihnen nicht entrinnen. Und doch, welche feine Magie lag in ihnen! War es nicht, als vermochten sie dem Gestaltlosen Gestalt zu geben und ihre Melodie in sich selbst zu tragen, süss wie die der Viola oder der Laute. Nichts als Worte! Was war wirklicher als Worte?

Ja; es hatte Dinge in seiner Kindheit gegeben, die er nicht verstanden hatte. Jetzt verstand er sie. Das ganze Leben wurde plötzlich feuerfarben. Es schien ihm, er sei durch Feuer gegangen. Warum hatte er es nicht gewusst?

Mit seinem feinen Lächeln beobachtete Lord Henry ihn. Er kannte genau den psychologischen Moment, wann er schweigen musste. Er war ganz Aufmerksamkeit. Der plötzliche Eindruck, den seine Worte hervorgerufen hatten, überraschte ihn. Ein Buch fiel ihm ein, das er mit sechzehn Jahren gelesen, das ihm damals viel enthüllt hatte, was er nicht wusste, und er fragte sich, ob Dorian etwas Ahnliches erlebe. Er hatte lediglich einen Pfeil ins Blaue geschossen. Hatte er ins Schwarze getroffen? Wie faszinierend der Junge war!

Hallward malte und malte mit seinem wunderbar kühnen Strich, der jene echte Feinheit und vollendete Zartheit hatte, die, in der Kunst wenigstens, nur aus der Stärke kommt. Er hatte das Schweigen nicht einmal bemerkt.

„Basil, ich bin müde“, rief Dorian Gray auf einmal. „Ich muss hinaus und im Garten sitzen. Die Luft ist drükkend hier.“

„Mein lieber Junge, das tut mir leid. Wenn ich male, kann ich an nichts andres denken. Aber du bist nie besser Modell gestanden. Du warst vollkommen still. Und ich habe den Zug eingefangen, den ich brauchte — die halbgeöffneten Lippen und den Glanz in den Augen. Ich weiss nicht, was dir Harry vorerzählt hat, aber er hat jedenfalls den wunderbarsten Ausdruck in dein Gesicht gebracht. Wahrscheinlich hat er dir Komplimente gemacht. Du darfst ihm nicht ein Wort glauben.“

„Er hat mir alles andere als Komplimente gemacht. Vielleicht ist das der Grund, warum ich ihm kein Wort glaube.“

„Sie wissen, dass Sie jedes Wort glauben“, sagte Lord Henry und sah ihn mit seinen verträumten, schmachtenden Augen an. „Ich will mit Ihnen in den Garten hinausgehen. Es ist schrecklich heiss im Atelier. Basil, lass uns irgendein eisgekühltes Getränk bringen, etwas mit Erdbeeren darin.“

„Gewiss, Harry. Klingle nur, bitte, und wenn Parker kommt, werde ich ihm sagen, was du möchtest. Ich muss noch diesen Hintergrund fertig malen, ich komme euch dann nach. Halte Dorian nicht zu lange zurück. Ich war nie in besserer Verfassung zum Malen als heute. Dieses Bild wird mein Meisterwerk. Es ist es schon, so wie es jetzt dasteht.“

Lord Henry ging in den Garten hinaus und fand Dorian Gray mit dem Gesicht in die grossen, kühlen Fliederblüten vergraben und ihren Duft wie Wein fieberisch einsaugend. Er ging ganz nahe an ihn heran und legte ihm die Hand auf die Schulter. „Sie haben recht, das zu tun“, murmelte er. „Nichts vermag die Seele zu heilen als die Sinne, sowie nichts die Sinne heilen kann als die Seele.“

Der Jüngling schrak zusammen und trat einen Schritt zurück. Er war barhäuptig, und die Blätter hatten seine rebellischen Locken durcheinandergebracht und ihre goldenen Fäden verwirrt. Ein Ausdruck von Furcht war in seinen Augen, wie ihn Menschen haben, die unversehens geweckt werden. Seine fein geschwungenen Nasenflügel bebten, und ein verborgener Nerv erschütterte den Scharlach seiner Lippen und liess ein Zittern darauf zurück.

„Ja,“ fuhr Lord Henry fort, „das ist eines der grossen Geheimnisse des Lebens — die Seele durch die Sinne zu heilen und die Sinne durch die Seele. Sie sind ein wunderbares Wesen. Sie wissen mehr, als Sie ahnen, gerade wie Sie weniger wissen, als Sie möchten.“

Dorian Gray runzelte die Stirne und wandte den Kopf ab. Er konnte nicht anders, als sich zu dem schlanken, anmutigen jungen Manne hingezogen fühlen, der neben ihm stand. Sein romantisches Gesicht mit der Olivenhaut und dem müden Ausdruck fesselte ihn. Es war etwas in seiner leisen, wohlklingenden Stimme, dem man einfach nicht widerstehen konnte. Selbst seine kühlen, weissen, blumenhaften Hände hatten einen eigenen Zauber. Sie bewegten sich, während er redete, wie Musik und schienen eine besondere Sprache zu haben. Aber er fürchtete sich vor ihm und schämte sich doch dieser Furcht. Warum war es einem Fremden überlassen geblieben, ihn sich selbst zu enthüllen? Er kannte Basil Hallward seit Monaten, aber diese Freundschaft hatte nichts in ihm verändert. Und nun war auf einmal jemand in sein Leben getreten, der ihm das Geheimnis des Lebens offenbart zu haben schien. Und doch, wovor sich fürchten? Er war kein Schulknabe und kein Mädchen. Es war sinnlos, Furcht zu haben.

„Setzen wir uns doch in den Schatten“, sagte Lord Henry. Parker hat die Getränke gebracht, und wenn Sie noch länger in dieser prallen Sonne bleiben, so werden Sie sich den Teint verderben, und Basil wird Sie nie mehr malen. Sie dürfen sich wirklich keinen Sonnenbrand holen. Es stünde Ihnen nicht.“

„Was läge daran?“ rief Dorian Gray lachend, indem er sich auf die Bank am Gartenende niederliess.

„Es sollte Ihnen alles daran liegen, Herr Gray.

„Warum?“

„Weil Sie die wundervollste Jugend haben, und Jugend das einzige ist, was zu haben sich lohnt.“

„Ich empfinde das nicht, Lord Henry.“

„Nein, heute empfinden Sie es noch nicht. Später einmal, wenn Sie alt und runzlig und hässlich sein werden, wenn das Denken Ihre Stirn gefurcht und die Leidenschaft mit ihrer höllischen Glut Ihre Lippen gebrandmarkt hat, werden Sie es furchtbar empfinden. Heute bezaubern Sie die Welt, wohin immer Sie gehen. Wird es stets so sein? . . . Sie haben ein wunderbar schönes Gesicht, Herr Gray. Runzeln Sie nicht die Stirne. Es ist wahr. Und Schönheit ist eine Form von Genie — ja etwas Höheres als Genie, da sie keiner Erklärung bedarf. Sie ist eine der grössten Tatsachen dieser Welt, wie das Sonnenlicht oder der Frühling oder im dunklen Wasser das Spiegelbild jener Silberschale, die wir Mund nennen. Sie kann nicht in Frage gestellt werden. Sie hat das göttliche Recht der Herrschaft. Sie macht Fürsten aus allen, die sie besitzen. Sie lächeln? Ah, wenn Sie sie erst verloren haben, werden Sie nicht mehr lächeln. . . . Es heisst manchmal, Schönheit sei nur oberflächlich wie das Denken. Für mich ist Schönheit das Wunder der Wunder. Nur seichte Leute urteilen nicht nach dem Schein. Das wahre Mysterium des Lebens ist das Sichtbare, nicht das Unsichtbare . . . Ja, Herr Gray, die Götter sind gnädig gegen Sie gewesen. Aber was die Götter geben, nehmen sie rasch zurück. Sie haben nur ein paar Jahre, in denen Sie wirklich, voll und vollkommen, leben können. Wenn Ihre Jugend dahingeht, wird Ihre Schönheit mit vergehen, und dann werden Sie plötzlich entdecken, dass keine Triumphe mehr für Sie da sind, oder Sie werden sich mit jenen niedrigen Triumphen begnügen müssen, welche die Erinnerung an Ihre Vergangenheit bitterer machen wird, als Niederlagen. Jeder Monat bringt, indem er hinschwindet, Sie etwas Furchtbarem näher. Die Zeit ist eifersüchtig auf Sie und führt Krieg gegen Ihre Lilien und Rosen. Sie werden gelb werden, hohlwangig und stumpfäugig. Sie werden grauenvoll leiden . . . Ah! Werden Sie sich Ihrer Jugend bewusst, solang’ sie Ihnen gehört. Verschwenden Sie nicht das Gold Ihrer Tage, indem Sie den Langweiligen zuhören, hoffnungslos Missgeborene zu bessern suchen oder Ihr Leben an Unwissende, Gewöhnliche und Gemeine wegschenken. Das sind die krankhaften Ziele, die verkehrten Ideen unserer Zeit. Leben Sie! Leben Sie das wundervolle Leben, das in Ihnen ist! Lassen Sie sich nichts entgehen! Seien Sie immer auf der Suche nach neuen Sensationen. Fürchten Sie sich vor nichts . . . Ein neuer Hedonismus, das ist es, was unser Jahrhundert braucht. Sie könnten sein sichtbares Symbol sein. Mit einer Persönlichkeit wie der Ihren darf man alles. Die Welt gehört Ihnen für einen Lenz . . . Den Augenblick, als ich Sie traf, sah ich, dass es Ihnen noch nicht zum Bewusstsein gekommen ist, was Sie wirklich sind, was Sie sein könnten. Aber es war so viel in Ihnen, was mich entzückte, dass ich fühlte, ich müsse Ihnen etwas über Ihr wirkliches Selbst sagen. Ich dachte, wie ewig schade es wäre, wenn Sie verschwendet würden. Denn Ihre Jugend wird ja nur so kurz dauern — so schrecklich kurz. Die gewöhnlichen Wiesenblumen verwelken, aber sie blühen wieder. Der Goldregen wird nächsten Juni gerade so gelb sein wie heute. In einem Monat wird die Clematis mit purpurnen Sternen besät sein, und Jahr um Jahr wird die grüne Nacht ihrer Blätter die Purpursterne umgeben. Aber wir erhalten nie unsere Jugend zurück. Der Pulsschlag der Freude, der mit zwanzig in uns klopft, wird träge. Unsere Glieder versagen, unsere Sinne sterben ab. Wir degenerieren zu abscheulichen Puppen, gespenstich heimgesucht von der Erinnerung an die Leidenschaften, die wir zu sehr gefürchtet hatten, und die erlesenen Versuchungen, denen wir nicht den Mut hatten zu unterliegen. Jugend! Jugend! Es gibt tatsächlich nichts in der Welt als Jugend!“

Dorian Gray hörte zu, mit offenen Augen und staunender Seele. Der Fliederzweig glitt aus seiner Hand auf den Kies. Eine bepelzte Biene kam und umsurrte ihn einen Augenblick. Dann begann sie rings über den besternten. ovalen Ball mit den winzigen Blüten zu klettern. Er beobachtete sie mit jenem sonderbaren Interesse an den alltäglichsten Dingen, das, wir zu entwickeln suchen, wenn Dinge von hoher Bedeutung uns erschrecken, oder wenn wir durch ein neues Gefühl erregt werden, für das wir keinen Ausdruck finden können, oder wenn ein Gedanke, der uns erstarren macht, plötzlich unser Hirn bestürmt und Eintritt verlangt. Nach einiger Zeit flog die Biene fort. Er sah sie in den gefleckten Becher einer erotischen Winde kriechen. Die Blume schien zu erzittern und schwankte dann leise hin und her.

Plötzlich erschien der Maler in der Ateliertür und winkte ihnen lebhaft, hineinzukommen. Sie sahen einander an und lächelten.

„Ich warte“, rief er. „Kommt doch schnell. Das Licht ist fabelhaft, und Ihr könnt Eure Getränke mitbringen.“

Sie standen auf und schlenderten zusammen den Gartenweg hinunter. Zwei grünweisse Schmetterlinge flatterten an ihnen vorüber, und im Birnbaum an der Ecke des Gartens begann eine Amsel zu singen.

„Sie freuen sich, mich getroffen zu haben, Herr Gray“, sagte Lord Henry und blickte ihm voll ins Gesicht.

„Ja, ich freue mich jetzt! Wer weiss, ob ich mich immer freuen werde?“

„Immer! Das ist ein schreckliches Wort. Es macht mich schaudern, wenn ich es nur höre. Die Frauen gebrauchen es so gern. Sie verderben jedes Erlebnis durch den Versuch, es ewig dauern zu machen. Ausserdem ist es ein Wort, das nichts bedeutet. Zwischen einer Laune und einer lebenslänglichen Leidenschaft besteht nur der Unterschied, dass die Laune ein bisschen länger dauert.“

Als sie ins Atelier traten, legte Dorian Gray seine Hand auf Lord Henrys Arm. „Dann lassen Sie unsere Freundschaft eine Laune sein“, sagte er leise und errötete über seine eigene Kühnheit. Darauf schritt er rasch zur Estrade und nahm seine Stellung wieder ein.

Lord Henry warf sich in einen bequemen Rohrsessel und beobachtete ihn. Das Aufsetzen und Hinwischen des Pinsels auf der Leinwand bildete das einzige Geräusch, das die Stille unterbrach, ausser wenn von Zeit zu Zeit Hallward zurücktrat, um sein Werk aus der Entfernung zu betrachten. In den schrägen Strahlen, die durch die offene Glastür hereinströmten, tanzten goldene Sonnenstäubchen. Der schwere Duft der Rosen schien über allem zu brüten.

Nach einer Viertelstunde etwa hörte Hallward zu malen auf und schaute erst Dorian Gray, dann das Bild lange an, während er stirnrunzelnd am Stiel seines riesigen Pinsels kaute. „Es ist ganz fertig“, rief er endlich, beugte sich nieder und schrieb mit grossen roten Buchstaben seinen Namen in die linke Ecke der Leinwand.

Lord Henry kam herüber und betrachtete das Bild. Es war zweifellos ein wunderbares Kunstwerk, und wunderbar ähnlich dazu.

„Mein lieber Junge, ich beglückwünsche dich von ganzem Herzen“, sagte er. „Es ist das schönste Bildnis unserer Zeit. Herr Gray, kommen Sie her und sehen Sie selbst.“

Der Jüngling fuhr auf wie aus einem Traum. „Ist es wirklich fertig?“ fragte er leise und stieg von dem Podium herunter.

„Ganz fertig“, sagte der Maler. „Und du hast heute prachtvoll gestanden. Ich bin dir wirklich ungemein dankbar.“

„Das hast du ausschliesslich mir zu verdanken“, fiel Lord Henry ein. „Nicht wahr, Herr Gray?“

Dorian gab keine Antwort, sondern schritt versunken vor das Bild und hob den Blick. Als er es sah, erschrak er, und seine Wangen färbten sich augenblickslang mit der Röte der Freude. Ein entzückter Ausdruck kam in seine Augen, als habe er sich zum erstenmal erkannt. Er stand regungslos und verwundert, dunkel fühlend, dass Basil zu ihm sprach, aber unfähig, den Sinn seiner Worte zu fassen. Das Bewusstsein seiner Schönheit kam wie eine Offenbarung über ihn. Er hatte es nie zuvor empfunden. Basil Hallwards schwärmerisches Lob war ihm nur als reizende freundschaftliche Übertreibung erschienen. Er hatte es angehört, hatte gelacht und es zuletzt vergessen. Es hatte sein Wesen nicht beeinflusst. Dann war Lord Henry Wotton gekommen mit seiner seltsamen Hymne auf die Jugend, der furchtbaren Warnung vor ihrer Vergänglichkeit. Das hate ihn damals erregt, und nun, wie er dastand und auf den Schatten seiner eigenen Holdseligkeit starrte, durchblitzte ihn die ganze Wahrheit jener Schilderung. Ja, der Tag würde kommen, wo sein Gesicht faltig und verschrumpft, seine Augen stumpf und glanzlos, seine Gestalt gebrochen und entstellt sein würde. Das warme Rot würde von seinen Lippen weichen, das Gold sich fortstehlen von seinem Haar. Jenes Leben, das seine Seele formen würde, es würde seinen Körper zeichnen. Er würde hässlich werden, erschreckend, und ein Greuel.

Als er daran dachte, durchzuckte ihn ein scharfer Schmerz wie ein Messerstich und liess alle zarten Fibern seiner Natur erbeben. Seine Augen wurden tief wie Amethyste, und über sie regte sich ein Schleier von Tränen. Es war ihm, als hätte eine eisige Hand sein Herz berührt.

„Gefällt es dir nicht?“ rief Hallward endlich, ein wenig gekränkt durch des Jünglings Schweigen, dessen Bedeutung er nicht begriff.

„Natürlich gefällt es ihm“, sagte Lord Henry. „Wem sollte es nicht gefallen? Es ist eines der grössten Werke der modernen Kunst. Ich gebe dir jeden Preis dafür, den du verlangen magst. Ich muss es haben.“

„Es ist nicht mein Eigentum, Harry.“

„Wessen Eigentum ist es denn?“

„Dorians natürlich“, antwortete der Maler.

„Der Glückspilz.“

„Wie traurig!“ flüsterte Dorian, indes seine Augen immer noch unverwandt an seinem Bilde hingen. „Wie traurig! Ich werde alt werden und scheusslich und entsetzlich. Aber dies Bild wird immer jung bleiben. Es wird niemals älter sein als eben dieser Junitag . . . Wär’ es doch umgekehrt! Wenn ich ewig jung bliebe und das Bild altern müsste! Dafür — dafür — gäbe ich alles! Ja, es gibt nichts auf der Welt, das ich nicht dafür gäbe! Meine Seele gäbe ich dafür!“

„Du wärst schwerlich einverstanden mit solchem Tausch, Basil“, rief Lord Henry lachend. „Es wäre etwas hart gegen deine Arbeit!“

„Ich wäre ganz entschieden dagegen, Harry“, sagte Hallward.

Dorian Gray wandte sich und sah ihn an. „Ich glaube dir das, Basil. Du liebst deine Kunst mehr als deine Freunde. Ich bin dir nicht mehr als eine grüne Bronzefigur. Vielleicht nicht einmal so viel.“

Der Maler starrte ihn verblüfft an. Es sah Dorian so gar nicht ähnlich, so zu sprechen. Was war geschehen? Er schien geradezu erregt zu sein. Sein Gesicht war gerötet, und seine Wangen glühten.

„Ja,“ fuhr er fort, „ich bin dir weniger als dein elfenbeinerner Hermes oder dein silberner Faun. Sie wirst du immer lieben. Aber wie lange mich? Bis ich die ersten Runzeln habe, vermute ich. Ich weiss jetzt, wenn man seine Schönheit verliert, sie mag gross oder klein sein, so verliert man alles. Dein Bild hat es mich gelehrt. Lord Henry Wotton hat ganz recht. Jugend ist das einzige, was zu haben sich lohnt. Wenn ich merke, dass ich alt werde, so werde ich mich töten.“

Hallward erbleichte und griff nach seiner Hand. „Dorian! Dorian!“ rief er, „sprich doch nicht so. Ich habe nie einen solchen Freund gehabt wie dich und werde nie einen haben. Du bist doch nicht eifersüchtig auf leblose Dinge? — du, der herrlicher ist als sie alle!“

„Ich bin eifersüchtig auf alles, dessen Schönheit nicht stirbt. Ich bin eifersüchtig auf das Bildnis, das du von mir gemacht hast. Warum darf es behalten, was ich verlieren muss? Jeder Augenblick, der dahin geht, nimmt mir etwas und gibt es ihm. Oh, dass es doch umgekehrt wäre! Dass das Bild sich wandelte und ich ewig bleiben könnte, was ich heute bin! Warum hast du es gemalt? Es wird mich eines Tages verhöhnen — grausam verhöhnen!“ Heisse Tränen stiegen in seine Augen; er riss seine Hand los, warf sich auf den Diwan und vergrub sein Gesicht in die Kissen, als wolle er beten.

„Das ist dein Werk, Harry“, sagte der Maler bitter.

Lord Henry zuckte die Achseln. „Es ist der wirkliche Dorian Gray — das ist alles.“

„Nein.“

„Ist er es nicht, was habe ich damit zu schaffen?“

„Du hättest fortgehen sollen, als ich dich bat“, murmelte er.

„Ich blieb, als du mich batest“, war die Antwort.

„Harry, ich kann nicht mit meinen beiden besten Freunden auf einmal streiten, aber er und du, ihr habt beide bewirkt, dass mir das schönste Werk verhasst geworden ist, das ich je gemacht habe, und ich will es vernichten. Was ist es mehr als Farbe und Leinwand? Es soll nicht zwischen uns drei kommen und unser Leben zerstören.“

Dorian Gray hob den goldlockigen Kopf vom Kissen und sah ihm mit blassem Antlitz und feuchten Augen zu, wie er zum Zeichentisch ging, der unter dem hohen verhängten Fenster stand. Was wollte er dort? Seine Finger tasteten unter dem Haufen von Blechtuben und trocknen Pinseln, als suchten sie etwas. Ja, sie suchten das lange Palettemesser mit seiner dünnen Klinge von biegsamem Stahl. Endlich hatte er es gefunden. Er schickte sich an, die Leinwand zu zerschneiden.

Mit einem erstickten Schluchzen schnellte der Jüngling vom Lager, war mit einem Satz bei Hallward, entriss ihm das Messer und schleuderte es in die äusserste Ecke des Ateliers. „Nicht, Basil, nicht!“ schrie er. „Es wäre Mord!“

„Es freut mich, dass du mein Werk endlich zu schätzen beginnst, Dorian“, sagte der Maler kalt, als er sich von seinem Erstaunen erholt hatte. „Ich hatte es nicht mehr erwartet.“

„Es schätzen? Ich bin verliebt in dein Bild, Basil. Es ist ein Stück von mir selbst. Ich fühle das.“

„Nun, sobald du trocken bist, sollst du gefirnisst und eins gerahmt und nach Hause geschickt werden. Dann kannst du mit dir machen, was du willst.“ Und er ging durch das Zimmer und klingelte nach Tee. „Du trinkst doch Tee mit mir, Dorian? Und du auch, Harry? Oder hast du etwas gegen so einfache Genüsse einzuwenden?“

„Oh, mir geht nichts über einfache Genüsse“, sagte Lord Henry. „Sie sind die letzte Zuflucht der Komplizierten. Aber ich bin nicht für Szenen, ausser auf dem Theater. Was seid ihr für Narren, alle beide! Ich frage mich, wer vom Menschen als einem vernünftigen Tier gesprochen hat. Es war die voreiligste Definition, die je gemacht wurde. Der Mensch ist vieles, nur nicht vernünftig. Eigentlich bin ich froh, dass er es nicht ist: aber ich wollte doch ihr Leute tätet über das Bild nicht zanken. Du solltest es lieber mir überlassen, Basil. Dieser dumme Junge wünscht es sich in Wirklichkeit gar nicht und ich sehr.“

„Wenn du es einem anderen als mir gibst, Basil, so verzeihe ich’s dir im Leben nicht!“ rief Dorian Gray; „und ich erlaube niemand, mich einen dummen Jungen zu nennen.“

„Du weisst, dass das Bild dir gehört, Dorian. Es war für dich bestimmt, ehe es noch da war.“

„Und Sie wissen, dass Sie ein klein wenig dumm gewesen sind, Herr Gray, und dass Sie im Grunde nichts dagegen haben, wenn man Sie daran erinnert, wie ausserordentlich jung Sie noch sind.“

„Heute morgen hätte ich sehr viel dagegen gehabt, Lord Henry.“

„Ah heute morgen! Seitdem haben Sie gelebt.“

Es klopfe, und der Diener trat mit einem vollen Teebrett ein, das er auf ein japanisches Tischchen setzte. Tassen klirrten, und ein georgischer Samowar zischte. Ein Boy drachte zwei runde Porzellanschüsseln. Dorian Gray ging zum Tischen und goss den Tee ein. Die beiden Männer näherten sich langsam und sahen nach, was unter den Deckeln war.

„Gehen wir heute abend ins Theater“, sagte Lord Henry. „Irgendwo wird schon etwas los sein. Ich habe versprochen, bei White zu Abend zu essen, aber nur mit einem alten Freund, also kann ich ihm telegraphieren, ich sei krank oder verhindert infolge einer nachträglichen Verabredung. Ich finde, das wäre eine hübsche Ausrede: sie hätte den überwältigenden Reiz der Naivität.“

„Es ist so lästig, seine schwarzen Sachen anziehen zu müssen“, brummte Hallward. „Und wenn man sie an hat, sind sie so greulich.“

„Ja,“ antwortete Lord Henry träumerisch, „die Tracht des neunzehnten Jahrhunderts ist abscheulich. Sie ist so düster, so niederdrückend. Das einzige Farbelement, das dem modernen Leben geblieben ist, ist die Sünde.“

„Du solltest wirklich nicht solche Dinge vor Dorian sagen, Harry.“

„Vor welchem Dorian? Dem, der uns Tee einschenkt, oder dem auf dem Bilde?“

„Vor keinem von beiden.“

„Ich möchte gern mit Ihnen ins Theater gehen, Lord Henry“, sagte der Jüngling.

„Dann kommen Sie nur; und du kommst doch auch, Basil, nicht wahr?“

„Ich kann wirklich nicht. Ich möchte lieber nicht. Ich habe eine Unmenge zu arbeiten.“

„Nun, dann werden wir beide allein gehen, Herr Gray.“

„Das möchte ich schrecklich gern.“

„Der Maler biss sich auf die Lippen und ging, die Teetasse in der Hand, zum Bild hinüber. „Ich werde bei dem wahren Dorian Gray bleiben“, sagte er traurig.

„Ist es der wahre Dorian?“ fragte das Original des Bildes, zu ihm tretend. „Bin ich wirklich so?“

„Ja; du bist ganz so.“

„Wie wunderbar, Basil!“

„Wenigstens in deiner äusseren Erscheinung. Aber es wird sich niemals ändern“, seufzte Hallward. „Das ist doch etwas.“

„Was für ein Wesen die Menschen mit der Treue machen!“ rief Lord Henry, aus. „Dabei ist sie sogar in der Liebe nur eine physiologische Frage. Sie hat nichts mit unserem Willen zu tun. Junge Männer möchten treu sein, und sind es nicht; alte Männer möchten treulos sein, und können es nicht: das ist alles, was sich darüber sagen lässt.“

„Geh nicht ins Theater heute abend, Dorian“, sagte Hallward. „Bleib und iss mit mir zu Nacht.“

„Ich kann nicht, Bafil.“

„Warum?“

„Weil ich Lord Henry. Wotton versprochen habe, mit ihm zu gehen.“

„Du wirst bei ihm nicht gewinnen, wenn du deine Versprechen hältst. Er bricht die seinen immer. Ich bitte dich, nicht zu gehen.“

Dorian Gray lachte und schüttelte den Kopf.

„Ich beschwöre dich.“

Der Jüngling zögerte und sah zu Lord Henry hinüber, der sie vom Teetisch aus mit einem amüsierten Lächeln beobachtete.

„Ich muss gehen, Basil“, antwortete er.

„Gut“, sagte Hallward; und er ging hinüber und stellte seine Tasse auf das Teebrett. „Es ist ziemlich spät, und da du dich umkleiden musst, ist es besser, du verlierst keine Zeit. Guten Abend, Harry. Guten Abend, Dorian. Komm mich bald besuchen. Komm morgen.“

„Gewiss.“

„Du wirst es nicht vergessen?“

„Natürlich nicht“, rief Dorian.

„Und . . . Harry?“

„Ja, Basil?“

„Erinnere dich, um was ich dich bat, als wir heut vormittag im Garten waren.“

„Ich habe es vergessen.“

„Ich verlasse mich auf dich.“

„Ich wollte, ich könnte mich auf mich selbst verlassen“, sagte Lord Henry lachend. „Kommen Sie, Herr Gray, mein Wagen wartet draussen, und ich kann Sie an Ihrer Wohnung absetzen. Guten Abend, Basil. Es war ein höchst interessanter Nachmittag.“

Als die Tür sich hinter ihnen schloss, warf sich der Maler auf ein Sofa, und ein schmerzlicher Ausdruck trat in sein Gesicht.

Drittes Kapitel

Am nächsten Tag um halb eins schlenderte Lord Henry Wotton von Curzon Street nach Albany, um seinen Onkel, Lord Fermor, zu besuchen. Lord Fermor war ein ebenso humorvoller wie rauhbeiniger, alter Junggeselle, den die Welt selbstsüchtig nannte, weil sie keinen sonderlichen Nutzen von ihm zog, während die Gesellschaft ihn für freigebig erklärte, weil er die Leute fütterte, die ihm Spass machten. Sein Vater war englischer Botschafter in Madrid gewesen, als Isabella noch jung und von Prim keine Rede war, hatte aber in einem Anfall von Verärgerung den diplomatischen Dienst verlassen, als man ihm den Botschafterposten in Paris nicht anbot, auf den er mit Rücksicht auf seine Geburt, seine Trägheit, das gute Englisch seiner Berichte und seine hemmungslose Vergnügungssucht den vollsten Anspruch zu haben glaubte. Der Sohn, der seines Vaters Sekretär gewesen war, hatte mit ihm demissioniert, etwas vorschnell, wie damals gemeint wurde; und als ein paar Monate darauf seines Vaters Titel auf ihn überging, widmete er sich voll und ganz dem ernsten Studium der hohen aristokratischen Kunst des absoluten Nichtstund. Er besass zwei grosse Stadtpaläste, zog es aber vor, möbliert zu wohnen, da es weniger Umstände machte, und ass meist in seinem Klub. Er gab sich ein wenig mit der Verwaltung seiner Kohlengruben in Mittelengland ab, wobei er als Entschuldigung für diese industrielle Neigung geltend machte, Kohle zu besitzen, habe wenigstens den Vorteil, dass es einen Gentleman instandsetze, sich den anständigen Luxus von Holz für den eigenen Herd zu leisten. Politisch war er konservativ, ausser wenn die Konservativen am Ruder waren, in welchem Fall er sie als eine Bande von Radikalen zu beschimpfen pflegte. Er war ein Held für seinen Kammerdiener, der ihn tyrannisierte, und ein Schrecken für die meisten seiner Angehörigen, die er seinerseits tyrannisierte. Nur England konnte ihn hervorgebracht haben, und er behauptete stets, das Land ginge vor die Hunde. Seine Grundsätze waren veraltet, aber seine Vorurteile hatten Hand und Fuss.

Als Lord Henry eintrat, fand er seinen Onkel in einem derben Jagdanzug sitzend, eine Manilazigarre rauchend und über der Times brummend. „Na, Harry,“ sagte der alte Herr, „welcher Wind hat dich so zeitig hergeweht? Ich dachte, ihr Dandies stündet nie vor zwei auf und wärt nicht vor fünf sichtbar.“

„Reine Familienliebe, ich versichere dir, Onkel George. Ich möchte etwas aus dir herausbekommen.“

„Geld wahrscheinlich“, sagte Lord Fermor mit einem sauren Gesicht. „Na, setz dich und erzähl mir die Sache. Heutzutage bilden sich die jungen Leute ein, Geld sei alles.“

„Ja,“ murmelte Lord Henry und brachte seine Knopflochblume in Ordnung, „und wenn sie älter werden, dann wissen sie’s. Aber ich brauche kein Geld. Nur Leute, die ihre Rechnungen zahlen, brauchen das, Onkel George, und ich zahle meine nie. Kredit ist das Kapital eines jüngeren Sohnes, und man lebt prächtig davon. Ausserdem suche ich mir immer Dartmoors Lieferanten aus, und die Folge ist, dass sie mich nie behelligen. Was ich brauche, ist eine Auskunft: keine nützliche natürlich; eine ganz unnütze.“

„Nun, ich kann dir alles erzählen, was in einem englischen Blaubuch steht, Harry, obgleich diese Kerls heute einen Haufen Unsinn schreiben. Als ich in der Diplomatie war, stand es viel besser. Aber ich höre, man lässt die Leute jetzt auf Grund von Prüfungen zu. Ich bitte dich, was kann man da erwarten? Prüfungen sind nichts als Humbug von A bis Z. Ist einer ein Gentleman, so weiss er genug, und ist er keiner, so ist ihm Wissen nur schädlich.“

„Herr Dorian Gray gehört nicht zu den Blaubüchern, Onkel George“, sagte Lord Henry nachlässig.

„Herr Dorian Gray? Wer ist das?“ fragte Lord Fermor und zog seine buschigen weissen Brauen zusammen.

„Das möchte ich gerade erfahren, Onkel George. Das heisst, wer er ist, weiss ich. Er ist der Enkel des verstorbenen Lord Kelso. Seine Muter war eine Devereur — Lady Margaret Devereux. Du sollst mir sagen, was du von ihr weisst. Wie sah sie aus? Wen hat sie geheiratet? Du hast zu deiner Zeit so ungefähr die ganze Welt gekannt, vielleicht war sie darunter. Herr Gray interessiert mich augenblicklich lebhaft. Ich habe ihn eben erst kennengelernt.“

„Der Enkel von Kelso!“ wiederholte der alte Herr, „der Enkel von Kelso! . . . Natürlich . . . Ich habe seine Mutter genau gekannt. Ich glaube, ich war bei ihrer Taufe. Sie war ein wunderschönes Mädchen, diese Margaret Devereux, und brachte alle Männer zur Raserei, indem sie mit einem bettelarmen jungen Laffen durchging, einem reinen Niemand, einem kleinen Leutnant in einem Infanterieregiment oder so was Ähnlichem. Ich erinnere mich an die ganze Geschichte, als sei’s gestern gewesen. Der arme Teufel fiel in einem Duell in Spa ein paar Monate nach der Hochzeit. Es gab ein hässliches Gerede darüber. Man sagte, Kelso habe irgendeinen schuftigen Glücsritter, einen belgischen Rohling, angestiftet, seinen Schwiegersohn öffentlich zu beleidigen — ihn dafür bezahlt, ja, mit Geld bezahlt — und Dass der Schurke seinen Mann abgestochen habe, wie man ein Huhn absticht. Die Sache wurde vertuscht, aber, potz Blitz! Kelso ass eine ganze Weile danach sein Hammelkotelett im Klub allein. Er brachte damals seine Tochter zurück, hat man mir erzählt, aber sie sprach nie mehr ein Wort mit ihm. Ja, ja, es war ein übler Handel. Das Mädel starb noch im selben Jahr. Also hat sie einen Sohn hinterlassen? Das hatte ich vergessen. Wie sieht der Junge aus? Wenn er seiner Mutter gleicht, so muss er ein hübscher Kerl sein.“

„Mehr als hübsch“, sagte Lord Henry.

„Ich hoffe, er kommt in die richtigen Hände“, fuhr der alte Mann fort. „Er müsste einen ganzen Haufen Geld zu erwarten haben, wenn Kelso sich anständig gegen ihn benommen hat. Seine Mutter hatte auch Geld. Sie hat das ganze Selbysche Vermogen geerbt, durch ihren Grossvater mütterlicherseits. Der hasste den alten Kelso und hielt ihn für einen gemeinen Hund. Und das war er auch. Einmal, als ich in Madrid war, kam er hin. Weiss Gott, ich habe mich für ihn geschämt. Die Königin hat mich gefragt, wer der englische Baron sei, der immer mit den Kutschern über den Fahrpreis stritte. Es hat ordentliches Aufsehen erregt. Ich konnte mich einen Monat lang nicht mehr bei Hofe blicken lassen. Ich hoffe, er hat seinen Enkel besser behandelt als die Droschenkutscher.“

„Ich weiss nicht“, antwortete Lord Henry. „Aber ich glaube, der Junge wird gut daran sein. Er ist noch nicht grossjährig. Schloss Selby gehört ihm, das weiss ich. Er hat es mir erzählt. Und . . . seine Mutter war sehr schön? . . .

„Margaret Devereux war eins der bezauberndsten Geschöpfe, die ich je gesehen habe, Harry. Was in aller Welt sie bewogen hat, so zu handeln, wie sie es tat, habe ich nie begriffen. Sie hätte jeden Mann heiraten können, den sie mochte. Carlington war ganz vernarrt in sie. Aber sie war romantisch wie alle Weiber aus dieser Familie. An den Männern war nicht viel dran, aber weiss Gott, die Weiber, die waren prachtvoll. Carlington hat auf den Knien vor ihr gelegen. Hat es mir selbst erzählt. Sie hat ihn bloss ausgelacht, und doch gab es damals kein Mädchen in London, das nicht hinter ihm her war. Übrigens, weil wir von dummen Heiraten reden, was hat mir dein Vater da für einen Unsinn erzählt, dass Dartmoor eine Amerikanerin heiraten will? Sind englische Mädels nicht gut genug für ihn?“

„Es ist eben modern, Amerikanerinnen zu heiraten, Onkel George.“

„Ich wette auf englische Frauen gegen die ganze Welt, Harry“, und Lord Fermor schlug mit der Faust auf den Tisch.

„Die Amerikanerin ist jetzt Favorit.“

„Sie hält nicht, was sie verspricht, höre ich“, brummte sein Onkel.

„Eine lange Verlobung erschöpft sie, aber in einem Hindernisrennen ist sie prima. Sie siegt im Sturm. Ich glaube nicht, dass Dartmoor noch zu retten ist.“

„Was sind ihre Leute?“ grollte der alte Herr. „Hat sie überhaupt welche?“

Lord Henry schüttelte den Kopf. „Amerikanerinnen haben ein solches Geschick, ihre Abstammung zu verheimlichen, wie Engländerinnen, ihre Vergangenheit zu verbergen“, sagte er, indem er sich zu gehen anschickte.

„Vermutlich Konservenfabrikanten von Schweinefleisch oder so was?“

„Ich hoffe, Onkel George, ich hoffe es für Dartmoor. Es heisst, Konservenmachen, und gar von Schweinefleisch, sei nach der Politik das einträglichste Geschäft in Amerika.“

„Ist sie hübsch?“

„Sie benimmt sich, als ob sie eine Schönheit wäre. Die meisten Amerikanerinnen tun das. Es ist das Geheimnis ihres Erfolgs.“

„Warum können diese amerikanischen Weiber nicht im eigenen Lande bleiben? Sie erzählen uns beständig, es sei das Paradies für Frauen.“

„Ist es auch. Das ist der Grund, warum sie, wie Eva, es so eilig haben, herauszukommen“, sagte Lord Henry. „Leb wohl, Onkel George. Ich komme zu spät zum Mittagessen, wenn ich jetzt nicht gehe. Danke schon für deine Auskunft. Ich erfahre immer gern alles über meine neuen Freunde und nichts über meine alten.“

„Wo isst du zu Mittag, Harry?“

„Bei Tante Agatha. Ich habe mich und Herrn Gray zu Tisch gebeten. Er ist ihr neuester Protégé.“

„Hm! Sag deiner Tante Agatha, Harry, sie solle mich künftig mit ihren Wohltätigkeitsaufrufen in Ruhe lassen. Ich habe sie satt. Weiss der Kuckuck, die gute Frau bildet sich ein, ich hätte nichts zu tun, als Schecks für ihre albernen Schrullen zu schreiben.“

„Schon recht, Onkel George. Ich werde es ihr sagen, aber es wird nicht die geringste Wirkung tun. Philanthropische Leute verlieren jeden Sinn für Menschlichkeit. Es gehört zu ihnen. Man kann sie daran erkennen.“

Der alte Mann knurrte zustimmend und schellte nach seinem Diener. Lord Henry ging durch den niederen Torbogen nach Burlington Street und wandte sich dann in die Richtung von Berkeley Square.

Also das war die Geschichte von Dorian Grays Abstammung. So grob sie ihm erzählt worden war, sie hatte ihn doch gepackt durch die sonderbare, beinahe moderne Romantik, die darin lag. Eine wunderschöne Frau, die alles für eine tolle Leidenschaft wagt. Ein paar wilde Wochen Glück, die ein scheussliches, meuchlerisches Verbrechen kurz abschneidet. Monate stummer Qual und dann ein Kind, in Schmerzen geboren. Die Mutter durch den Tod entrissen, der Knabe der Einsamkeit und der Tyrannei eines alten lieblosen Mannes überlassen. Ja; es war ein interessanter Hintergrund. Es gab dem Jungen Relief, rundete ihn ab sozusagen. Hinter allem Vollkommenen auf der Welt steht etwas Tragisches. Welten müssen in Wehen liegen, soll die ärmste Blume blühen. . . . Und wie reizend war er gestern beim Abendessen gewesen, als er mit erstaunten Augen und freudig erschrockenen Lippen ihm im Klub gegenübergesessen hatte, indes die roten Kerzenschatten das erwachende Wunder seines Gesichts mit Rosenschimmer übergossen hatten. Zu ihm sprechen war wie das Spielen auf einer kostbaren Geige. Er antwortete auf jede Berührung, jedes Zittern des Bogens . . . Es lag etwas grauenvoll Berückendes in dem Ausüben eines Einflusses, etwas, womit sich keine andere Tätigkeit vergleichen konnte. Seine Seele in eine anmutige Form zu giessen und dort augenblickslang verweilen zu lassen; die eigenen geistigen Anschauungen im Widerhall zu vernehmen, verstärkt durch das Feuer der Leidenschaft und der Jugend; seine Natur auf eine andere zu übertragen, als sei sie eine feine Flüssigkeit oder ein seltsamer Duft: darin lag wirklich Genuss — vielleicht der feinste, der uns in einer so beschränkten und vulgären Zeit wie der unseren geblieben war, dieser Zeit grobsinnlicher Vergnügungen und grobsinnlicher Zwecke . . . Und er war ein wundervoller Typus, dieser Jüngling, den er durch einen so sonderbaren Zufal in Basils Atelier getroffen hatte, oder konnte jedenfalls zu einem wundervollen Typus geschaffen werden. Sein waren Anmut und die weisse Reinheit des Knabenalters und solche Schönheit, wie sie alte griechische Marmorbilder für uns bewahrt haben. Es gab nichts, was man nicht aus ihm machen konnte. Man konnte einen Titanen aus ihm machen oder ein Spielzeug. Wie schade, dass auch solche Schönheit zu welken bestimmt war! . . . Und Basil? Wie merkwürdig war auch er vom psychologischen Standpunkt aus! Eine neue Kunstweise, eine neue Einstellung zum Leben, auf unbegreifliche Art hervorgerufen durch die blosse sichtbare Gegenwart eines Menschen, dem all dies ganz unbewusst war; die schweigende Gottheit, die im dämmernden Hain wohnte und ungesehen durch die Landschaft schritt und nun plötzlich hervortrat wie eine Dryade, furchtlos und herrlich, weil in seiner suchenden Seele die wunderbare Vision erwacht war, der allein sich die Wunder enthüllen; so dass gleichsam die Umrisse und Muster der Dinge sich verfeinern und symbolische Bedeutung erhalten, als wären sie selbst Muster von anderen und vollkommeneren Formen, deren Schatten sie Leben verleihen: wie seltsam war das alles! Er erinnerte sich an etwas Ähnliches aus der Geschichte. War es nicht Plato, jener Künstler im Denken, der es zuerst analysiert hatte? Hatte es nicht Buonarotti in den farbigen Marmor einer Sonettenreihe gemeisselt? Aber in unserem Jahrhundert war es seltsam . . . Ja; er wollte versuchen, Dorian Gray das zu sein, was der Jüngling unbewusst dem Maler war, der das wundervolle Bildnis geschaffen hatte. Er wollte versuchen, ihn zu beherrschen — hatte es zur Hälfte schon getan. Er wollte sich diesen wunderbaren Geist unterwerfen. Es war etwas Faszinierendes in diesem Sohn der Liebe und des Todes.

Plötzlich hielt er inne und sah zu den Häusern hinauf. Er merkte, dass er das Haus seiner Tante schon ein gutes Stück hinter sich gelassen hatte, lächelte über sich selbst und kehrte um. Als er die etwas düstere Halle betrat, sagte ihm Der Diener, dass die Herrschaften schon bei Tisch seien. Er gab einem Lakaien Hut und Stock und ging ins Esszimmer.

„Spät wie gewöhnlich, Harry“, rief seine Tante kopfschüttelnd.

Er erfand eine billige Ausrede, setzte sich auf den leeren Stuhl neben sie und blickte um den Tisch, wer sonst da sei. Dorian grüsste vom anderen Tischende schüchtern zu ihm hinüber, während ein freudiges Erröten sich in seine Wangen stahl. Ihm gegenüber sass die Herzogin von Harley, eine ebenso gutherzige wie frohlaunige Dame, geliebt von allen, die sie kannten, von jenen stattlichen architektonischen Formen, die bei Frauen, welche nicht Herzoginnen sind, von den zeitgenössischen Geschichtsschreibern als Beleibtheit bezeichnet wird. Zu ihrer Rechten sass Sir Thomas Burdon, ein radikaler Abgordneter, der im öffentlichen Leben seinem Führer, im Privatleben den besten Köchen zu folgen pflegte, mit den Konservativen speiste und mit den Liberalen dachte, wie eine weise und wohlbekannte Regel empfiehlt. Der Platz zu ihrer Linken wurde von Herrn Erskine von Treadley eingenommen, einem alten Herrn von grosser Feinheit und Bildung, der jedoch die schlechte Gewohnheit des Schweigens angenommen hatte, weil er, wie er Lady Agatha einmal erklärte, alles, was er zu sagen gehabt, vor seinem dreissigsten Jahr gesagt habe. Seine eigene Tischnachbarin war Frau Vandeleur, eine der ältesten Freundinnen seiner Tante und eine vollendete Heilige unter den Frauen, aber so entsetzlich geschmacklos, dass sie einen an ein schlecht gebundenes Gebetbuch ermahnte. Zum Glück für ihn sass an ihrer anderen Seite Lord Faudel, eine sehr gescheite bejahrte Mittelmässigkeit, kahl wie eine ministerielle Erklärung im Unterhaus, und mit diesem sprach sie in jenem tiefernsten Ton, welcher, wie er selbst einmal gesagt hatte, der einzige unverzeihliche Fehler ist, in den alle wirklich guten Menschen verfallen und dem keiner von ihnen je völlig entgeht.

„Wir reden eben über den armen Dartmoor, Lord Henry“, rief die Herzogin und nickte ihm über den Tisch herzlich zu. „Glauben Sie wirklich, dass er jenes berückende Frauenzimmer heiraten wird?“

„Ich glaube, sie ist entschlossen, ihm ihre Hand anzutragen, Herzogin.“

Wie schrecklich!“ rief Lady Agatha aus. „Es müsste wirklich jemand eingreifen.“

„Ich weiss aus guter Quelle, dass ihr Vater ein amerikanisches Gemischtwarenlager führt“, sagte Sir Thomas Burdon mit hochnäsigem Ausdruck.

,,Mein Onkel hat schon Konservenfabrikation vermutet, Sir Thomas.“

„Gemischtwaren! Was sind amerikanische Gemischtwaren?“ fragte betont die Herzogin und hob verwundert die grossen Hände.

„Amerikanische Romane“, antwortete Lord Henry und nahm sich eine Wachtel.

Die Herzogin sah verblüfft aus.

„Achten Sie nicht auf ihn, meine Liebe“, flüsterte Lady Agatha. „Er meint nichts von dem, was er sagt.“

,,Als Amerika entdeckt wurde“, sagte der radikale Abgeordnete und begann ein paar langweilige Tatsachen aufzuzählen. Wie alle Leute, die einen Gegenstand zu erschöpfen suchen, erschöpfte er seine Zuhörer. Die Herzogin seufzte und machte von ihrem Vorrecht, Gespräche zu unterbrechen, Gebrauch. Ich wollte wahrhaftig, es wäre nie entdeckt worden!“ rief sie aus. „Weiss der Himmel, unsere Mädchen haben heutzutage keine Aussichten mehr. Es ist wirklich ungerecht.“

„Vielleicht ist im Grunde Amerika noch unentdeckt,“ sagte Herr Erskine, „ich möchte sagen, es sei eben erst erahnt.“

„Oh! Aber ich habe Proben von den Bewohnerinnen gesehen“, antwortete die Herzogin unbestimmt. „Ich muss gestehen, dass die meisten ausnehmend hübsch sind. Und obendrein ziehen sie sich gut an. Sie beziehen alles aus Paris. Ich wollte, ich könnte es mir leisten.“

„Es heisst, wenn gute Amerikaner sterben, kommen sie nach Paris“, grinste Sir Thomas, der über einen reichen Vorrat von abgelegten Wissen verfügte.

„Wirklich! Und wo kommen die schlechten Amerikaner hin, wenn sie sterben?“ erkundigte sich die Herzogin.

„Nach Amerika“, murmelte Lord Henry.

Sir Thomas runzelte die Stirn. „Ich fürchte, Ihr Neffe hat Vorurteile gegen jenes grosse Land“, sagte er zu Lady Agatha. „Ich habe es von einem Ende zum anderen bereist, in Sonderwagen, die mir die Eisenbahndirektionen zur Verfügung stellten. Sie sind in solchen Dingen von bewunderungswürdiger Höflichkeit. Ich versichere Ihnen, diese Fahrt wirkt geradezu erzieherisch.“

„Aber müssen wir wirklich Chikago sehen, um erzogen zu sein?“ fragte Herr Erskine in klagendem Ton. „Ich fühle mich der Reise nicht gewachsen.“

Sir Thomas winkte ab. „Herr Erskine von Treadley hat die Welt auf seinen Bücherbrettern. Wir praktischen Leute ziehen vor, die Dinge zu sehen, statt davon zu lesen. Die Amerikaner sind ein ungemein interessantes Volk. Sie sind absolut vernünftig. Ich glaube, das ist ihr unterscheidendes Merkmal. Ja, Herr Erskine, ein absolut vernünftiges Volk. Ich versichere Ihnen, es gibt nichts Unsinniges an einem Amerikaner.“

„Wie entsetzlich!“ rief Lord Henry. „Ich vertrage rohe Kraft, aber rohe Vernunft ist ganz unerträglich. Es liegt etwas Unfaires in ihrer Anwendung. Sie ist ein Faustschlag unterhalb des Geistes.“

„Ich verstehe Sie nicht!“ versetzte Sir Thomas mit rotem Kopf.

„Aber ich, Lord Henry“, sagte Herr Erskine lächelnd.

„Paradoxe mögen in ihrer Art schön und gut sein . . .“ wollte der Baron wieder anfangen.

„War das ein Paradox?“ fragte Herr Erskine. „Ich hatte es nicht gemerkt. Nun vielleicht war es eins. Aber die Art der Paradoxe ist die Art der Wahrheit. Um die Wirklichkeit auf die Probe zu stellen, müssen wir sie seiltanzen sehen. Erst wenn die Wahrheiten Akrobaten werden, können wir sie beurteilen.“

„Lieber Gott!“ sagte Lady Agatha, „wie ihr Männer redet! Ich schwöre, ich kann nicht einmal herausfinden, wovon eigentlich die Rede ist. Übrigens, Harry, ich bin ganz böse auf dich. Warum versuchst du, unseren netten Herrn Gray zu überreden, das East End im Stich zu lassen? Ich versichere dir, er wäre dort ganz unschätzbar. Die armen Leute wären entzückt von seinem Spiel.“

,,Er soll mir vorspielen“, rief Lord Henry lächeind und blickte nach dem unteren Tischende, wo ein strahlender Blick ihm antwortete.

„Aber dort unten in Whitechapel ist das Volk so unglücklich“, fuhr Lady Agatha fort.

„Ich kann mit allem mitfühlen, nur nicht mit dem Unglück“, sagte Lord Henry achselzuckend. „Es ist zu hässlich, zu grausig, zu niederdrückend. Es liegt etwas Krankhaftes in diesem modernen Mitgefühl mit dem Leiden. Mitführen sollte man mit dem Glanz, der Schönheit, dem Jubel des Lebens. Je weniger man seine Wunden berührt, desto besser.“

„Jedoch das East End ist ein sehr wichtiges Problem“, bemerkte Sir Thomas mit ernstem Kopfschütteln.

„Durchaus“, antwortete der junge Lord. „Es ist das Problem der Sklaverei, und wir versuchen es zu lösen, indem wir die Sklaven amüsieren.“

Der Politiker sah ihn scharf an. „Welche Veränderung schlagen Sie also vor“ fragte er.

Lord Henry lachte. „Ich wünsche in England gar nichts zu verändern als das Wetter“, antwortete er. „Ich begnüge mich mit philosophischer Betrachtung. Aber da das neunzehnte Jahrhundert durch einen übertriebenen Verbrauch von Mitgefühl bankrott geworden ist, möchte ich vorschlagen, dass wir uns an die Wissenschaft wenden, damit sie uns den Kopf zurechtsetzt. Der Vorzug der Gefühle ist, dass sie uns in die Irre führen, und der Vorzug der Wissenschaft, dass sie nicht gefühlvoll ist.“

„Aber wir haben so schwere Verantwortungen“, wagte Frau Vandeleur schüchtern zu bemerken.

„Furchtbar schwere“, stimmte Lady Agatha ein.

Lord Henry sah zu Herrn Erskine hinüber. „Die Menschheit nimmt sich zu ernst. Das ist die wahre Erbsünde. Hätte der Höhlenmensch zu lachen verstanden, die Weltgeschichte wäre anders ausgefallen.“

„Sie beruhigen mich wirklich“, zwitscherte die Herzogin. „Wenn ich Ihre liebe Tante besuchte, bin ich mir immer so schuldbewusst vorgekommen, weil ich mich nicht für das East End interessiere. In Zukunft werde ich imstande sein, ihr ohne Erröten ins Gesicht zu sehen.“

„Erröten ist sehr kleidsam, Herzogin“, bemerkte Lord Henry.

„Nur wenn man jung ist“, antwortete sie. „Wenn eine alte Frau wie ich errötet, so ist es ein sehr schlechtes Zeichen. Ach, Lord Henry, ich wollte, Sie würden mir sagen, wie man wieder jung werden kann.“

Er dachte einen Augenblick nach. Können Sie sich an eine grosse Torheit erinnern, die Sie in Ihrer Jugend begingen, Herzogin?“ fragte er und sah sie über den Tisch an.

„Ich fürchte, an sehr viele“, rief sie.

„Dann begehen Sie sie noch einmal“, sagte er ernst. „Um seine Jugend wiederzuerlangen, braucht man nur seine Torheiten zu wiederholen.“

„Eine reizende Theorie!“ rief sie aus. „Ich muss sie in die Praxis umsetzen.“

„Eine gefährliche Theorie!“ kam es von Sir Thomas‘ gepressten Lippen. Lady Agatha schüttelte den Kopf, musste aber doch lachen. Herr Erskine hörte aufmerksam zu.

„Ja,“ fuhr er fort, „das ist eines der grossen Geheimnisse des Lebens. Heutzutage sterben die meisten Menschen an einer Art schleichender Vernunft und entdecken erst, wenn es zu spät ist, dass die einzigen Dinge, die man nie bereut, unsere Torheiten sind.“

Gelächter lief um den Tisch.

Er spielte mit dem Gedanken und verbiss sich; in ihn; warf ihn in die Luft und wandte und drehte ihn; liess ihn entschlüpfen und fing ihn wieder; gab ihm die Farben der Phantasie und die Flügel des Paradoxons. Das Lob der Torheit verwandelte sich, je länger er sprach, in eine Philosophie, und die Philosophie selbst wurde jung und horchte auf die tolle Melodie der Lust, nahm von ihr das weinbefleckte Gewand und den Efeukranz und tanzte bacchantengleich über die Höhen des Lebens, während sie den langsamen Silen seiner Nüchternheit wegen verspottete. Die Wirklichkeit floh vor ihr wie ein erschrecktes Wild. Ihre weissen Füsse traten die riesige Weinpresse, an der der weise Omar sitzt, bis der quellende Traubensaft in purpurnen Wellen um ihre nackten Glieder stieg oder in rotem Schaum über die schwarzen, tropfenden Seiten des Fasses zu Boden rann. Es war eine glänzende Improvisation. Er fühlte, dass die Augen Dorian Grays an ihm hingen, und das Bewusstsein, unter seinen Zuhörern einen zu haben, dessen Seele er in seinen Bann zwingen wollte, schien seinem Geist Kühnheit und seiner Bildkraft Feuer zu verleihen. Er war sprühend, phantastisch, unverantwortlich. Er riss seine Hörer hin und sie folgten lachend seiner Pfeife. Dorian Gray wandte die Augen nicht von ihm, sondern sass wie verzaubert, während ein Lächeln um das andere über seine Lippen glitt und das Erstaunen schwer in seinen dunkelnden Augen wuchs.

Endlich trat, in die Tracht der Gegenwart eingeschnürt, die Wirklichkeit in Gestalt eines Dieners ins Zimmer, um der Herzogin zu melden, dass ihr Wagen bereitstünde. Sie rang in scherzhafter Verzweiflung die Hände. „Wie ärgerlich!“ rief sie. „Ich muss gehen. Ich muss meinen Mann vom Klub abholen, um ihn in eine dumme Versammlung in den Willis-Sälen zu bringen, wo er den Vorsitz führen soll. Wenn ich zu spät komme, wird er sicher wütend sein, und mit diesem Hut darf ich mich keiner Szene aussetzen. Er ist viel zu zart. Ein hartes Wort würde ihn verderben. Nein, ich muss gehen, liebe Agatha. Leben Sie wohl, Lord Henry, Sie sind ganz entzückend und entsetzlich demoralisierend. Ich weiss wirklich nicht, was ich zu Ihren Ansichten sagen soll. Sie müssen nächstens einmal kommen und mit uns zu Abend essen. Dienstag? Sind Sie Dienstag frei?“

„Für Sie würde ich allen anderen Leuten absagen, Herzogin“, antwortete Lord Henry mit einer Verbeugung.

„Oh! Das ist sehr nett und sehr unrecht von Ihnen“, rief sie, „also kommen Sie sicher“; und sie rauschte aus dem Zimmer, von Lady Agatha und den anderen Damen gefolgt.

AIs Lord Henry sich wieder gesetzt hatte, ging Herr Erskine zu ihm hinüber und, sich auf einen Stuhl neben ihm niederlassend, legte er ihm die Hand auf den Arm.

„Sie sprechen besser als zehn Bücher,“ sagte er, „warum schreiben Sie keins?“

„Ich lese zu gern Bücher, als dass ich Lust hätte, welche zu schreiben, Herr Erskine. Gewiss, ich würde gern einen Roman schreiben, etwas, das ebenso bunt wäre wie ein Perserteppich und ebenso unwirklich. Aber es gibt in England kein Publikum für alles, was nicht Zeitung, Fibel und Konversationslexikon ist. Von allen Völkern der Welt haben die Engländer am wenigstens Gefühl für die Schönheit der Literatur.“

„Ich fürchte, Sie haben recht“, antwortete Herr Erskine. Ich selbst pflegte literarischen Ehrgeiz zu haben, aber ich habe ihn schon seit langem aufgegeben. Und jetzt, mein lieber junger Freund — wenn Sie mir erlauben wollen, Sie so zu nennen — darf ich fragen, ob Sie wirklich alles im Ernst meinten, was Sie uns heute mittag gesagt haben?“

„Ich habe ganz vergessen, was ich gesagt habe“, lächelte Lord Henry. „War es sehr schlimm?“

„Sehr. In der Tat halte ich Sie für sehr gefährlich, und wenn unserer guten Herzogin etwas Menschliches zustösst, so werden wir Sie alle für den Hauptverantwortlichen ansehen. Aber ich möchte gerne mit Ihnen über das Leben sprechen. Die Generation, in die ich hineingeboren wurde, war langweilig. Wenn Sie einmal Londons müde sind, so kommen Sie zu mir nach Treadley und erläutern mir Ihre Philosophie der Freude bei einem herrlichen Burgunder, den ich glücklicherweise besitze.“

„Mit dem grössten Vergnügen. In Treadley vorsprechen zu dürfen ist eine Auszeichnung. Es hat den vollkommensten Gastgeber und die vollkommenste Bibliothek.“

„Sie werden sie vervollständigen“, antwortete der alte Herr mit höflicher Verbeugung. „Und jetzt muss ich mich von Ihrer trefflichen Tante verabschieden. Ich werde im Athenäum erwartet. Es ist die Stunde, wo wir dort schlafen.“

„Alle, Herr Erskine?“

„Alle vierzig, in vierzig Lehnstühlen. Wir proben für eine englische Akademie nach berühmtem Muster.“

Lord Henry lachte und erhob sich. „Ich gehe nach dem Part“, rief er.

An der Türe berührte Dorian Gray seinen Arm. ,,Wollen Sie mich mitnehmen?“ sagte er leise.

„Aber ich dachte, Sie hätten Basil Hallward versprochen, zu ihm zu kommen“, antwortete Lord Henry.

„Ich möchte lieber mit Ihnen kommen; ja, ich fühle, ich muss mit Ihnen kommen. Bitte, sagen Sie nicht nein. Und Sie versprechen mir, die ganze Zeit zu mir zu reden? Niemand spricht so wundervoll wie Sie.“

„Oh, ich habe heute gerade genug gesprochen“, sagte Lord Henry lächelnd. „Jetzt will ich nichts, als dem Leben zuschauen. Sie können kommen und mit mir zuschauen, wenn Sie Lust haben.“

Viertes Kapitel

Einen Monat darauf sass Dorian Gray eines Nachmittags in einem bequemen Klubsessel in der kleinen Bibliothek von Lord Henrys Haus in Mayfair. Es war in seiner Art ein sehr hübscher Raum, mit seiner hohen Täfelung von olivengetöntem Eichenholz, seinem gelblichen Fries, der stuckierten Decke und seinem ziegelroten Filzbelag, über den langfransige, seidene Perserteppiche verstreut waren. Auf einem kleinen Tischchen aus Atlasholz stand eine Statuette von Clodion, und daneben lag ein kostbares Exemplar der „Cent Nouvelles“, das einst Clovis Eve für Margarete von Valois gebunden hatte, und das mit den goldenen Margueriten übersät war, die sich diese Königin zur Devise erwählt hatte. Ein paar grosse, blaue chinesische Vasen und bunte Tulpen standen auf dem Sims, und durch die kleinen, bleigefassten Fensterscheiben strömte das aprikosenfarbene Licht eines Londoner Sommertages.

Lord Henry war noch nicht nach Hause gekommen. Er kam grundsätzlich zu spät, denn sein Grundsatz lautete, Pünktlichkeit sei der Dieb der Zeit. Daher sah der Jüngling etwas verdriesslich aus, während er mit gleichgültigen Fingern in einer wundervoll illustrierten Ausgabe von „Manon Lescaut“ blätterte, die er in einem der Bücherschränke gefunden hatte. Das abgemessene, eintönige Ticken der Louis-Quatorze-Uhr irritierte ihn. Einmal oder zweimal war er im Begriff, zu gehen.

Endlich hörte er einen Schritt draussen, und die Türe öffnete sich. „Wie spät du kommst, Harry!“ murmelte er.

„Leider ist es nicht Harry, Herr Gray“, antwortete eine schrille Stimme.

Er blickte sich rasch um und stand auf. „Ich bitte um Verzeihung. Ich dachte —“

„Sie dachten, es sei mein Mann. Es ist nur seine Frau. Erlauben Sie, dass ich mich selbst vorstelle. Ich kenne Sie sehr gut nach Ihren Photographien. Ich glaube, mein Mann hat siebzehn davon.“

„Nicht siebzehn, Lady Henry.“

„Nun, dann achtzehn. Und ich sah Sie unlängst mit ihm in der Oper.“ Sie lachte nervös, während sie sprach und beobachtete ihn mit ihren schwimmenden Vergissmeinnichtaugen. Sie war eine sonderbare Frau, deren Kleider immer aussahen, als wären sie in Hast entworfen und im Sturm angezogen worden. Sie war gewöhnlich in jemanden verliebt, und da ihre Liebe nie erwidert wurde, hatte sie sich alle ihre Illusionen bewahrt. Sie versuchte, malerisch zu wirken, erreichte aber nur, unordentlich auszusehen. Sie hiess Victoria, und ihre Leidenschaft war, in die Kirche zu gehen.

„War es nicht im Lohengrin, Lady Henry?“

,,Ja, in diesem entzückenden Lohengrin. Ich habe Wagners Musik lieber als jede andere. Sie ist so laut, dass man die ganze Zeit reden kann, ohne dass die anderen Leute hören, was man sagt. Das ist ein grosser Vorteil: finden Sie nicht auch, Herr Gray?“

Das gleiche nervöse Stakkatolachen kam von ihren dünnen Lippen, und ihre Finger begannen mit einem langen Schildpattpapiermesser zu spielen.

Dorian lächelte und schüttelte den Kopf: „Ich fürchte, ich finde es nicht, Lady Henry. Ich spreche nie während der Musik — wenigstens während guter Musik. Wenn man schlechte Musik hört, dann hat man die Pflicht, sie im Gespräch zu ertränken.“

Ah! das ist eine von Harrys Ansichten, nicht wahr, Herr Gray? Ich höre immer Harrys Ansichten von seinen Freunden. Das ist die einzige Art, wie ich sie erfahre. Aber Sie dürfen nicht denken, ich liebte gute Musik nicht. Ich vergöttere sie, aber ich habe Angst vor ihr. Sie macht mich zu romantisch. Ich habe für Pianisten einfach geschwärmt — manchmal für zwei auf einmal, behauptet Harry. Ich weiss nicht, worin ihr Zauber liegt. Vielleicht darin, dass sie alle Ausländer sind? Das sind sie doch alle, nicht? Sogar die, die in England geboren sind, werden nach einiger Zeit Ausländer, nicht? Es ist so klug von ihnen und ein solches Kompliment für die Kunst. Macht sie ganz kosmopolitisch, nicht? Sie sind nie bei einer meiner Gesellschaften gewesen, nicht wahr, Herr Gray? Sie müssen kommen. Ich kann mir keine Orchideen leisten, aber ich spare keine Kosten für Ausländer. Sie geben einem Salon ein so malerisches Aussehen. Aber hier ist Harry! Harry, ich kam herein, dich um etwas zu fragen — ich weiss nicht mehr, was — und ich fand Herrn Gray hier. Wir haben uns so gut über Musik unterhalten. Wir haben ganz die gleichen Ansichten. Nein — ich glaube, unsere Ansichten sind ganz verschieden. Aber es war jedenfalls reizend. Ich bin entzückt, ihn kennengelernt zu haben.“

„Freut mich, meine Liebe, freut mich ungemein“, sagte Lord Henry und hob die dunklen, mondsichelförmigen Brauen, beide mit verständnisinnigem Lächeln betrachtend. ,,Es tut mir schrecklich leid, mich so verspätet zu haben, Dorian. Ich wollte ein Stück alten Brokat in Wardour Street kaufen und musste stundenlang darum handeln. Heutzutage wissen die Leute den Preis von allem und den Wert von nichts.“

„Ich fürchte, ich muss gehen“, rief Lady Henry aus, indem sie ein peinliches Schweigen mit ihrem sinnlosen, nervösen Lachen unterbrach. „Ich habe versprochen, mit der Herzogin auszufahren. Guten Tag, Herr Gray. Tag, Harry. Du isst abends ausser Hause, nicht? Ich auch. Vieleicht sehe ich dich bei Lady Thornbury.“

„Möglich, meine Liebe“, sagte Lord Henry und schloss die Tür hinter ihr, als sie wie ein verregneter Paradiesvogel zum Zimmer hinausgeflattert war, in dem ein leiser Duft von Frangipani zurückblieb. Dann zündete er sich eine Zigarette an und warf sich aufs Sofa.

„Heirate nie eine Frau mit strohblondem Haar, Dorian“, sagte er nach ein paar Zügen.

„Warum, Harry?“

„Weil sie so gefühlvoll sind.“

„Aber ich mag gefühlvolle Menschen.“

„Heirate überhaupt nicht, Dorian. Die Männer heiraten aus Müdigkeit, Frauen aus Neugierde: beide werden enttäuscht.“

„Ich glaube nicht, dass ich so bald heiraten werde, Harry. Ich bin zu verliebt dazu. Das ist einer deiner Aphorismen. Ich bin dabei, ihn in die Praris umzusetzen, wie alles, was du sagst.“

„In wen bist du verliebt?“ fragte Lord Henry nach einer Pause.

„In eine Schauspielerin“, sagte Dorian Gray errötend.

Lord Henry zuckte die Achseln. „Das ist ein ziemlich gewöhnliches Debüt.“

„Du würdest es nicht sagen, wenn du sie sähest, Harry.“

„Wer ist sie?“

„Ihr Name ist Sibyl Vane.“

„Habe nie von ihr gehört.“

„Keiner hat es noch. Aber man wird eines Tages von ihr hören. Sie ist ein Genie.“

,,Mein lieber Junge, keine Frau ist ein Genie. Frauen sind ein dekoratives Geschlecht. Sie haben nie etwas zu sagen, aber sie sagen es entzückend. Frauen stellen den Triumph der Materie über den Geist dar, gerade wie die Männer den des Geistes über die Moral.“

„Harry, wie kannst du?“

„Mein lieber Dorian, es ist ganz richtig. Ich analysiere die Frauen gegenwärtig, also muss ich es wissen. Der Gegenstand ist nicht so schwierig, wie ich dachte. Ich finde, dass es letzten Endes nur zwei Arten Frauen gibt, die gewöhnlichen und die gemalten. Die gewöhnlichen Frauen sind sehr nützlich. Willst du dir einen Ruf von bürgerlicher Solidität erwerben, so brauchst du sie nur zu Tisch zu führen. Die anderen Frauen sind sehr reizend. Sie begehen nur einen Fehler. Sie bemalen sich, um jung auszusehen. Unsere Grossmütter bemalten sich, um Konversation machen zu können. Rouge und esprit gingen damals immer Hand in Hand. Das ist heut alles vorbei. Solange eine Frau es fertig bringt, zehn Jahre jünger als ihre Tochter auszusehen, ist sie vollkommen zufrieden. Und was die Konversation anlangt, so gibt es in ganz London nur fünf Frauen, mit denen es sich zu sprechen lohnt, und von denen können zwei nicht in anständige Gesellschaft zugelassen werden. Aber lassen wir das gut sein. Erzähle mir lieber von deinem weiblichen Genie. Wie lange kennst du sie?“

„O Harry, deine Ansichten erschrecken mich.“

„Mach dir nichts draus. Wie lange kennst du sie?“

„Rund drei Wochen.“

„Und wo hast du sie entdeckt?“

„Ich werde es dir sagen, Harry; aber du darfst dich nicht lustig machen. Schliesslich wäre alles nicht geschehen, wenn ich dich nicht getroffen hätte. Du hast mich mit einem wilden Verlangen erfüllt, alles über das Leben zu erfahren. Noch tagelang, nachdem ich dich getroffen hatte, schien etwas in meinen Adern zu vibrieren. Wenn ich durch den Park schlenderte oder durch Piccadilly spazierte, sah ich jeden Vorübergehenden an und fragte mich mit krankhafter Neugierde, was für ein Leben er wohl führen möge. Manche faszinierten mich. Andere flössten mir Schrecken ein. Es lag ein erlesenes Gift in der Luft. Ich sehnte mich leidenschaftlich nach Erlebnissen . . . Nun, eines Abends gegen sieben beschloss ich, auf die Suche nach einem Abenteuer zu gehen. Ich fühlte, dass dies graue, ungeheure London mit seinen Myriaden Menschen, seinen schmutzigen Sündern und strahlenden Sünden, wie du dich einmal ausgedrückt hast, irgend etwas für mich bereithalten müsse. Ich stellte mir tausend Dinge vor. Die blosse Gefahr gab mir ein Gefühl des Entzückens. Ich erinnere mich, was du mir an jenem wundervollen Abend, als wir zum erstenmal miteinander assen, über das Suchen nach Schönheit als dem eigentlichen Geheimnis des Lebens gesagt hast. Ich weiss nicht, was ich erwartete, aber ich verliess das Haus und wanderte ostwärts und verlor mich bald in schmierigen Gassen und schwarzen Plätzen ohne Rasen. Um halb neun etwa kam ich an einem unmöglichen kleinen Theater vorüber, vor dem grelle Bogenlampen schreiend bunte Theaterzettel beleuchteten. Ein greulicher Jude in dem phantastischsten Rock, den ich je in meinem Leben gesehen habe, stand am Eingang und rauchte eine ordinäre Zigarre. Er hatte fettige Löckchen, und ein riesiger Brillant blitzte aus seinem fleckigen Hemd. ,Eine Loge, Mylord?‘ sagte er, als er meiner ansichtig wurde, und nahm mit einer Art pompöser Dienstfertigkeit den Hut ab. Es war etwas an ihm, Harry, was mir Spass machte. Er war ein solches Ungeheuer. Du wirst mich auslachen, ich weiss, aber ich ging wirklich hinein und bezahlte eine ganze Guinee für die Proszeniumsloge. Bis zum heutigen Tage kann ich nicht herausfinden, warum ich es tat; und doch, hätte ich‘s nicht getan, mein lieber Harry, hätte ich’s nicht getan, ich hätte das grösste Erlebnis meines Lebens versäumt. Ich sehe, du lachst. Es ist abscheulich von dir.“

„Ich lache nicht, Dorian, wenigstens nicht über dich. Aber du solltest nicht sagen: das grösste Erlebnis deines Lebens. Du solltest sagen: das erste Erlebnis deines Lebens. Du wirst immer geliebt werden und wirst immer in die Liebe verliebt sein. Eine grande passion ist das Vorrecht der Menschen, die nichts zu tun haben. Das ist das einzige, wozu die müssigen Klassen eines Landes gut sind. Habe keine Furcht. Es warten die köstlichsten Dinge auf dich. Das ist lediglich der Anfang.“

,,Hältst du meine Natur für so leicht?“ rief Dorian zornig.

„Nein; ich halte sie für so tief.“

„Wie meinst du das?“

„Mein lieber Junge, nur die Menschen, die bloss einmal im Leben lieben, sind die eigentlich leichten Menschen. Was sie ihre Treue und Beständigkeit nennen, nenne ich entweder die Lethargie der Gewohnheit oder ihren Mangel an Phantasie. Treue ist im Gefühlsleben das, was Konsequenz im geistigen ist — einfach ein Geständnis der Armut! Treue! Ich muss sie eines Tages analysieren. Die Leidenschaft für Besitz ist darin. Es gibt viele Dinge, die wir wegwerfen würden, wenn wir nicht fürchteten, dass andere sie aufhöben. Aber ich wollte dich nicht unterbrechen. Fahre fort mit deiner Erzählung.“

„Nun, ich fand mich allein in einer greulichen kleinen Loge angesichts des gemeinsten Vorhangs. Ich spähre hinterm Vorhang hervor und überblickte das Haus. Es war so geschmacklos wie nur möglich, lauter Putten und Füllhörner, wie ein kleinbürgerlicher Hochzeitskuchen. Galerie und Parterre waren ziemlich voll, aber die zwei Reihen schmieriger Sessel waren ganz leer, und im Raum, den sie wahrscheinlich den ersten Rang nennen, war kaum ein Mensch. Verkäuferinnen gingen mit Orangen und Ingwerwein herum, und es wurden schrecklich viele Nüsse geknackt.“

„Es muss gerade so gewesen sein wie in der Blütezeit des britischen Theaters.“

„Gerade so, glaube ich, und recht niederdrückend. Ich begann mich zu fragen, was in aller Welt ich anfangen solle, als ich des Theaterzettels ansichtig wurde. Was glaubst du, was für ein Stück gegeben wurde, Harry?“

„Ich sollte meinen, ,Der idiotische Knabe‘ oder ,Stumm, aber unschuldig‘. Unsere Väter liebten solche Stücke, glaube ich, Je länger ich lebe, Dorian, desto lebhafter fühle ich, dass alles, was für unsere Väter gut genug war, es für uns nicht mehr ist. In der Kunst wie in der Politik les grand-pères ont toujours tort.“

„Dieses Stück war gut genug für uns, Harry. Es war „Romeo und Julia‘. Ich muss gestehen, ich war etwas entsetzt über die Aussicht, Shakespeare in einem so elenden Loch von einem Theater zu sehen. Aber andererseits interessierte es mich wieder auf seine Art. Jedenfalls beschloss ich, den ersten Akt abzuwarten. Es spielte ein grässliches Orchester, das ein junger Hebräer an einem quietschenden Klavier dirigierte, und das mich beinah in die Flucht trieb; aber endlich wurde der Vorhang aufgezogen, und die Vorstellung begann. Romeo war ein dicker, älterer Herr mit geschwärzten Augenbrauen, einer heiseren Heldenstimme und einer Gestalt wie ein Bierfass. Mercutio war beinah ebenso furchtbar. Er wurde von dem Komiker gegeben, der die Rolle mit selbstverfertigten Witzen bereichert hatte und mit dem Parterre die freundschaftlichsten Beziehungen unterhielt. Sie waren alle beide ebenso grotesk wie die Dekoration, und die sah aus, als wäre sie frisch aus einer ländlichen Bude bezogen. Aber Julia! Harry, stell dir ein Mädchen vor, kaum siebzehnjährig, mit einem kleinen, blumengleichen Gesicht, einem zierlichen Griechenkopf mit Flechten dunkelbraunen Haars, Augen wie veilchenblaue Brunnen der Leidenschaft, Lippen wie Rosenblätter. Sie war das Holdseligste, was ich je im Leben gesehen. Du hast mir einmal gesagt, dass Pathos dich ungerührt lasse, aber dass Schönheit, reine Schönheit dir Tränen in die Augen treiben könne. Ich sage dir, Harry, ich konnte dieses Mädchen kaum ansehen vor Tränen, die sich mir wie ein Schleier vor die Augen legten. Und ihre Stimme — ich habe nie eine solche Stimme gehört. Erst war sie sehr leise, mit tiefen Glockentönen, die das Ohr gleichsam einzeln zu treffen scheinen. Dann wurde sie ein wenig lauter und klang wie eine Flöte oder ferne Oboe. In der Gartenszene hatte sie die ganze zitternde Verzücktheit, die man kurz vor Tagesanbruch hört, wenn die Nachtigallen singen. Und es gab Augenblicke später, wo sie die wilde Leidenschaft der Geigen hatte. Du weisst, wie eine Stimme erregen kann. Deine Stimme und die Stimme Sibyl Vanes sind zwei Dinge, die ich nie vergessen werde. Wenn ich die Augen schliesse, höre ich sie, und jede von ihnen sagt etwas anderes, Ich weiss nicht, welcher von ihnen ich folgen soll. Warum sollte ich sie nicht lieben? Harry, ich liebe sie. Sie ist mir alles. Abend für Abend gehe ich, sie spielen zu sehen. Heute ist sie Rosalinde und morgen Imogen. Ich habe sie im Düster einer italienischen Gruft sterben sehen, wie sie das Gift von des Geliebten Lippen sog. Ich bin ihr durch die Wälder der Ardennen gefolgt, die sie als zierlicher Knabe verkleidet durchzog. Sie ist wahnsinnig gewesen und vor das Angesicht eines schuldigen Königs getreten und hat ihm Raute und bittere Kräuter gereicht. Sie ist unschuldig gewesen, und die schwarzen Hände der Eifersucht haben ihren wie ein Schilfrohr biegsamen Hals gedrosselt. Ich habe sie in jedem Zeitalter und in jeder Tracht gesehen. Gewöhnliche Frauen sprechen nie zu unserer Einbildungskraft. Sie sind auf ihr Jahrhundert beschränkt. Kein Zauber verwandelt sie je. Man kennt ihre Seelen so gut wie ihre Hüte. Man kann sie immer finden. Es ist kein Geheimnis um sie. Sie reiten vormittags im Park und schwatzen nachmittags in Teegesellschaften. Sie haben ihr stereotypes Lächeln und ihre mondänen Gesten. Sie sind ganz durchsichtig. Aber eine Schauspielerin! Wie verschieden ist eine Schauspielerin! Harry, warum hast du mir nicht gesagt, dass eine Schauspielerin die einzige Frau ist, die sich‘s zu lieben verlohnt?“

„Weil ich so viel geliebt habe, Dorian.“

„O ja, greuliche Weiber mit gefärbtem Haar und geschminkten Gesichtern!“

„Urteile nicht so absprechend über gefärbtes Haar und geschminkte Gesichter. Sie können manchmal einen besonderen Reiz haben“, sagte Lord Henry.

„Ich wollte jetzt, ich hätte dir nicht von Sibyl Vane erzählt.“

„Du konntest nicht anders, als mir erzählen, Dorian. Dein ganzes Leben lang wirst du mir alles erzählen, was du tust.“

„Ja, Harry, ich glaube, das ist wahr. Ich kann nicht anders, als dir alles erzählen. Du hast einen merkwürdigen Einfluss auf mich. Wenn ich je ein Verbrechen beginge, würde ich kommen und es dir beichten. Du würdes mich verstehen.“

„Menschen wie du — die freien Sonnenstrahlen des Lebens — begehen keine Verbrechen, Dorian. Aber ich bin dir trotzdem verbunden für das Kompliment. Und jetzt sage mir — reich mir die Streichhölzer, sei so gut, danke — welches sind deine gegenwärtigen Beziehungen zu Sibyl Vane?“

Dorian Gray sprang auf, seine Wangen brannten und seine Augen blitzten. „Harry! Sibyl Vane ist heilig!“

„Nur die heiligen Dinge sind wert, berührt zu werden, Dorian“, sagte Lord Henry mit seltsamem Ernst in der Stimme. „Aber warum solltest du dich ereifern? Ich nehme an, dass sie dir eines Tages angehören wird. Ist man verliebt, so beginnt man immer damit, sich selbst zu betrügen, und endet immer damit, dass man andere betrügt. Das nennt die Welt dann einen Roman. Du kennst sie wenigstens, vermute ich?“

„Natürlich kenne ich sie. Den ersten Abend, den ich im Theater war, kam der hässliche, alte Jude am Ende der Vorstellung in meine Loge und bot mir an, mich hinter die Bühne zu führen und mich mit ihr bekanntzumachen. Ich war wütend und sagte, Julia läge seit vielen hundert Jahren tot in einem Marmorgrabe von Verona. Aus seiner verständnislosen Bestürzung schliesse ich, dass er dachte, ich hätte wohl zu viel Champagner getrunken oder etwas dergleichen.“

„Wohl möglich!“

„Dann fragte er mich, ob ich für Zeitungen schriebe. Ich sagte ihm, dass ich sie nicht einmal läse. Er schien darüber furchtbar enttäuscht und vertraute mir, dass alle Theaters kritiker gegen ihn verschworen seien, und dass sie Mann für Mann käuflich wären.“

„Sollte mich nicht wundern, wenn er da ganz recht hätte. Aber andrerseits können, wenn man bedenkt, wie sie aussehen, die meisten dieser Herren nicht teuer sein.“

„Nun, er schien immerhin anzunehmen, dass sie über seine Mittel gingen“, lachte Dorian. „Inzwischen aber war es im Zuschauerraum schon ganz dunkel geworden, und ich musste gehen. Er wollte, ich solle einige Zigarren versuchen, die er dringend empfahl. Ich lehnte ab. Am nächsten Abend war ich natürlich wieder da. Als er mich sah, machte er mir eine tiefe Verbeugung und versicherte mir, ich sei ein freigebiger Kunstmäzen. Er war ein unmögliches Ungeheuer, trotzdem er eine wahre Leidenschaft für Shakespeare hatte. Er erzählte mir einmal in stolzem Ton, seine fünf Bankerotte seien ausschliesslich ,Dem Barden‘ zuzuschreiben, wie er ihn beständig nannte. Er schien es für eine Auszeichnung zu halten.“

„Das war es auch, mein lieber Dorian — eine grosse Auszeichnung. Die meisten Leute werden bankrott, weil sie zu heftig in der Prosa des Lebens spekuliert haben. Sich in Poesie zu ruinieren ist eine Ehre. Aber wann hast du zuerst mit Fräulein Sibyl Vane gesprochen?“

„Am dritten Abend. Sie hatte die Rosalinde gespielt. Ich konnte nicht anders, ich musste zu ihr gehen. Ich hatte ihr Blumen auf die Bühne geworfen, und sie hatte mich angeschaut, oder ich hatte mir’s wenigstens eingebildet. Der alte Jude liess nicht locker. Er schien entschlossen, mich zu ihr zu bringen, so gab ich nach. Es war sonderbar, dass ich sie nicht kennenzulernen wünschte, nicht?“

„Nein, ich finde nicht.“

„Mein lieber Harry, warum?“

„Ich sage es dir ein andermal. Jetzt möchte ich von dem Mädchen hören.“

„Von Sibyl? Oh, sie war so schüchtern und so reizend. Es liegt so viel Kindliches in ihr. Ihre Augen wurden ganz gross vor Verwunderung, als ich ihr sagte, was ich über ihr Spiel dachte, und sie schien gar kein Bewusstsein ihrer Macht zu haben. Ich glaube, wir waren beide ziemlich schüchtern. Der alte Jude stand grinsend an der Tür des verstaubten Schauspielersalons und hielt geschwollene Reden über uns beide, während wir dastanden und uns wie die Kinder anschauten. Er bestand darauf, mich ,Mylords‘ zu nennen, also musste ich Sibyl erklären, ich wäre nichts dergleichen. Sie sagte ganz einfach: ,Sie sehen eher wie ein Prinz aus. Ich muss Sie Prinz Tausendschön nennen.“

„Auf mein Wort, Dorian, Fräulein Sibyl versteht, Komplimente zu machen.“

„Du verstehst sie nicht, Harry. Sie nahm mich nur wie eine Gestalt in einem Schauspiel. Sie weiss nichts vom Leben. Sie lebt mit ihrer Mutter, einer verblühten, müden Frau, die am ersten Abend die Gräfin Capulet in einer Art rotem Schlafrock spielte, und die aussieht, als ob sie bessere Tage gesehen hätte.“

„Ich kenne solche Erscheinungen. Sie sind niederschmetternd“, murmelte Lord Henry und betrachtete seine Ringe.

„Der Jude wollte mir ihre Geschichte erzählen, aber ich sagte, sie interessiere mich nicht.“

„Du hattest ganz recht. Andrer Leute Tragödien haben immer so was Kleines und Gemeines.“

„Sibyl ist das einzige, worum ich mich kümmere. Was geht es mich an, von wo sie kommt? Von ihrem kleinen Kopf bis zu ihren kleinen Füssen ist sie göttlich, ganz und gar. Jeden Abend meines Lebens sehe ich sie spielen, und jeden Abend ist sie wunderbarer.“

,,Das ist also der Grund, warum du nicht mehr mit mir zu Abend essen willst. Ich dachte schon, dass da irgendein merkwürdiger Roman dahinter stecke. Es ist auch einer; aber freilich nicht ganz von der Art, wie ich erwartete.“

,,Mein lieber Harry, wir essen fast täglich zusammen zu Mittag oder zu Nacht, und ich, bin ein paarmal mit dir in der Oper gewesen“, sagte Dorian mit einem erstaunten Blick seiner blauen Augen.

„Du kommst immer schrecklich spät.“

„Ja, ich muss doch erst Sibyl spielen sehen,“ rief er, „wenn auch nur für einen Akt. Ich hungere nach ihrem Anblick; und wenn ich an die wunderbare Seele denke, die in diesem zarten Elfenbeinleibe verborgen ist, so empfinde ich ehrfurchtsvolle Scheu.“

„Du kannst doch heute abend mit mir essen, Dorian?“

Er schüttelte den Kopf. „Heute abend ist sie Imogen“, antwortete er, „und morgen abend wird sie Julia sein.“

„Wann ist sie Sibyl Vane?“

„Nie.“

„Ich beglückwünsche dich.“

„Wie abscheulich du bist! Sie ist alle grossen Heldinnen der Welt auf einmal. Sie ist mehr als eine einzelne Frau. Du lachst, aber ich sage dir, sie hat Genie. Ich liebe sie, und ich muss bewirken, dass sie mich liebt. Du, der alle Geheimnisse des Lebens kennt, lehre du mich, wie ich Sibyl Vane bezaubere, dass sie mich liebt! Ich möchte Romeo eifersüchtig machen. Ich möchte, dass die toten Liebenden der Welt unser Lachen hörten und traurig würden. Ich möchte, dass ein Bauch unserer Leidenschaft ihren Staub belebe und in ihrer Asche ein Gefühl des Neides erwecke. Mein Gott, Harry, wie bete ich sie an!“ Er lief im Zimmer auf und ab, während er sprach. Rote Flecken brannten hektisch auf seinen Wangen. Er war furchtbar erregt.

Lord Henry beobachtete ihn mit einem feinen Gefühl der Befriedigung. Wie verschieden war er doch jetzt von dem schüchternen, erschrockenen Knaben, den er in Basil Hallwards Atelier getroffen hatte! Sein Wesen hatte sich entfaltet wie eine Blume und Blüten von scharlachenem Feuer hervorgebracht. Aus ihrem geheimen Versteckt war die Seele ans Licht getreten, und die Leidenschaft war gekommen, ihr auf halbem Weg zu begegnen.

„Und was gedenkst du zu tun?“ sagte Lord Henry schliesslich.

„Ich möchte, dass ihr beide, du und Basil, eines Tages mit mir kämet, um sie spielen zu sehen. Ich habe nicht die mindeste Sorge um den Ausgang. Ich bin sicher, ihr werdet ihr Genie anerkennen. Dann müssen wir sie aus den Händen des Juden befreien. Sie ist auf drei Jahre an ihn gebunden — mindestens noch zwei Jahre und acht Monate — von heute an. Ich werde ihm natürlich Geld geben müssen. Wenn das geregelt ist, werde ich ein Theater im Westen nehmen und ihr den richtigen Rahmen schaffen. Sie wird die Welt so toll machen, wie sie mich toll gemacht hat.“

„Das ist doch nicht möglich, mein lieber Jung.“

„Ja, sie wird. Sie hat nicht nur Künstlerschaft, vollendeten künstlerischen Instinkt in sich, sondern auch Persönlichkeit; und du hast mir oft gesagt, es seien Persönlichkeiten, nicht Grundsätze, was unsere Zeit bewege.“

„Nun, wann sollen wir gehen?“

„Lass mich sehen. Heute ist Dienstag. Sagen wir morgen. Sie spielt die Julia morgen.“

„Gut. Um acht Uhr im Bristol; ich werde Basil mitbringen.“

„Nicht um acht, Harry. Um halb sieben. Wir müssen dort sein, ehe der Vorhang aufgeht. Du musst sie im ersten Akt sehen, wenn sie Romeo begegnet.“

„Um halb sieben! Welche Zeit! Das wäre wie Fleisch zum Tee essen oder wie einen englischen Roman lesen. Sag wenigstens sieben. Kein Gentleman speist vor sieben. Siehst du Basil vorher? Oder soll ich ihm schreiben?“

„Der gute Basil! Ich habe ihn seit einer Woche mit keinem Auge gesehen. Es ist wirklich hässlich von mir. Dabei hat er mir doch mein Bildnis in einem geradezu wundervollen Rahmen geschickt, den er eigens dafür entworfen hat. Und obgleich ich etwas eifersüchtig auf das Bild bin, weil es einen ganzen Monat jünger ist als ich, muss ich zugeben, dass es mich entzückt. Vielleicht solltest du ihm lieber schreiben. Ich möchte ihn nicht allein sehen. Er sagt Dinge, die mich ungeduldig machen. Er gibt mir gute Ratschläge.“

Lord Henry lächelte. „Es ist eine alte Erfahrung, dass die Menschen am liebsten wegschenken, was sie selbst am nötigsten brauchen. Ich nenne das die Tiefe der Grossmut.“

„Oh, Basil ist der beste Kerl von der Welt, aber er scheint mir manchmal ein ganz klein wenig Philister. Seit ich dich kenne, Harry, habe ich das entdeckt.“

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