Kitabı oku: «Talmi»
Oskar Jan Tauschinski
TALMI
Roman
Herausgegeben und mit einem Nachwort
von Evelyne Polt-Heinzl
GESCHRIEBEN IM GEDENKEN AN
ALMA JOHANNA KOENIG
Inhalt
EINLEITENDE INDISKRETIONEN
VON TÜREN UND KRIPPEN
TRAVIATA SINGT FÜR SPORTLICHE JUGEND
WER BIST DU?
BRIEFWECHSEL ÜBER DEN OZEAN
DER ERSTE AUFTRAG
UNTERRICHTSSTUNDEN
DER HEILIGE MARTIN UND FRAU MÜLLER
DIE GROSSE WELT IM TRIESTINGTAL
VON WEISER LIEBE
PROGRAMMÄNDERUNGEN
PIROSCHKA ODER DAS STÜMPFCHEN FÜR DEN TEUFEL
DIE FEHLENDEN SEITEN
SUSANNE GIBT AUSKUNFT
BUCKLIGE WELT
KITZBÜHELER EINDRÜCKE
SCHICKSAL PROKRUSTES
BRAUTSCHAU ZWEIGELEISIG
DER KONSTRUKTIONSFEHLER
DIE GROSSE RATLOSIGKEIT
GLANZLICHTER UND SCHLAGSCHATTEN
SEEPETER
DIE NEUE ZEIT
KONKURRENZ DER KATASTROPHEN
HIC RHODUS, HIC SALTA!
Oskar Jan Tauschinski oder Die Hoffnung auf Wirksamkeit am Epochenrand
EINLEITENDE INDISKRETIONEN
Gleich eingangs sei gesagt:
Die hier veröffentlichten Aufzeichnungen stammen nicht von mir, sondern von einer Dame, die unter keinen Umständen genannt werden will. Das wird jeder verstehen, der sich der Mühe unterzieht, das Folgende zu lesen. Nicht, daß die Dame Grund hätte, sich ihres Handelns zu schämen. Im Gegenteil! Sie schneidet recht gut bei ihren Bekenntnissen ab. Es liegt vielmehr an dem erzählten Stoff selbst, an dessen heiklem Charakter und an dem traurigen, nie so ganz aufgeklärten Ende des Helden.
Ich glaube, Frau Susanne befürchtet noch nachträglich, ins Gerede der Leute zu kommen und mit den in die Handlung verwobenen Personen – die sie nicht immer geschont hat – in Konflikt zu geraten. Der zweite, weit wichtigere Grund, der Frau Susanne veranlaßt, inkognito zu bleiben, ist die Tatsache, daß sie in verhältnismäßig späten Jahren ein neues Leben begonnen hat, gleichsam in einer neuen Welt wiedergeboren wurde und daher unbeschwert von jeder Erinnerung an ein früheres Erdendasein wie ein Kind ihr Glück genießen möchte. Ihr »voriges Leben«, wenn man sich dieser etwas metaphysischen Wendung bedienen darf, war schwer und traurig genug. Sie hat sich darin bewährt, hat den Mut nie sinken lassen, ist unverbittert und – trotz ihres verkrümmten Rückgrates – ziemlich aufrecht ihren Weg gegangen, und so muß man ihr das Glück gönnen, dessen sie in ihrer neuen Inkarnation teilhaftig geworden ist.
In Frau Susannens Fall lernt man wirklich an das Walten einer höheren Gerechtigkeit glauben, denn mit irdischen Dingen geht es nicht zu, wenn eine alleinstehende, verwachsene Frau nahe an Fünfzig, die obendrein kein Vermögen besitzt und von ihrer Hände Arbeit lebt, – heiratet. Nein, nicht einen verwitweten Pensionisten, auch keinen staubgrauen Buchhalter, der für drei unmündige Kinder sorgen muß und nun nach einer Verzweifelten sucht, die nichts mehr zu verlieren hat. – Susannens Mann, Mister Reginald C. Hopkins, war, als er um sie anhielt, ein recht hübscher, etwas blaß und kränklich aussehender Mensch Mitte der Dreißig. Er ist Botaniker, Leiter eines wissenschaftlichen Instituts in Montreal. Seine Schriften sollen in Fachkreisen bekannt und geschätzt sein. Ja, es ist möglich, daß der eine oder andere Leser seine Arbeiten kennt, ohne zu wissen, daß es die seinen sind, denn Mister Hopkins heißt natürlich in Wirklichkeit nicht Hopkins, sondern hat einen anderen englisch klingenden Namen, und sein Laboratorium ist auch nicht in Montreal, sondern in der Hauptstadt eines anderen Staates innerhalb des Commonwealth. Was aber stimmt, ist das Motiv seiner Heirat: Liebe. Ich kann seine Empfindung nicht teilen, aber ich kann sie doch gut verstehen. Susanne ist liebenswert, obgleich nicht immer liebenswürdig, und wenn man über die äußeren Mängel ihrer Erscheinung hinwegsehen lernt, so hat man wahrlich Chancen, sehr glücklich mit ihr zu werden. Jawohl! Die Chancen des Glücks sind durch diese Wahl für Mister Hopkins weit größer, als wenn er sich eine junge Person mit geradem Rücken ausgesucht hätte, deren Wesen noch nicht durch das Läuterungsverfahren des Lebens gegangen ist.
Ich habe Frau Susannens Manuskript für dieses Buch verwendet, indem ich die wirklichen Namen durch andere ersetzte, indem ich Begleitumstände, Ortschaften, Straßenbezeichnungen veränderte, indem ich ausließ, was mir allzu persönlich und intim erschien, und einflickte, was ich für wichtig und des Sagens wert erachtete.
Susanne Sedlak und Ernst Ronasek hießen in Wirklichkeit anders, wohnten in anderen Stadtvierteln und gingen anderen Beschäftigungen nach. Susanne ist nicht Keramikerin, wie ich es hier gleich behaupten werde, sondern in einer anderen Disziplin des Kunsthandwerks – als Meisterin ihres Faches! – tätig. Ja, sie ist nicht einmal bucklig, sondern hat ein anderes Körpergebrechen. Mehr sage ich nicht. Die platte Realität interessiert uns nicht weiter. Wir wollen ja eine literarische Gestaltung der Wirklichkeit, eine Deutung des alltäglichen Lebens in gekürzter, verdichteter und bewußt ins rechte Licht gerückter Form – wir wollen statt der Wahrheit die Wahrhaftigkeit, also einen Roman.
VON TÜREN UND KRIPPEN
Ich habe Susanne Sedlak im Jahre 1946 kennengelernt, im Herbst.
Wie alljährlich im November war ich auf der Suche nach passenden Weihnachtsgeschenken für meine Freunde. An Büchern und praktischen Dingen des täglichen Gebrauchs war noch nicht viel zu bekommen, so mußte man sich wohl oder übel zur Anschaffung von Sachen bequemen, die jeder mit den begeisterten Worten: »Wie hübsch! Ganz reizend! Nein, bezaubernd!« betrachtet, ohne daß in ihm auch nur der leiseste Wunsch keimt, sie zu besitzen. Ich meine die Erzeugnisse des Kunstgewerbes, das nach jedem Krieg eine kurze intensive Blüte erlebt und dann, ganz plötzlich wieder an den äußersten Rand der Produktion gedrängt, ein kümmerliches Eigenbrötlerdasein fristet.
Das Los der Kunstgewerbler ist nicht zu beneiden; da haben es die Wurst- und Textilfabrikanten doch erheblich besser. Wenn die Selchwaren und die Wollstoffe wieder in den Auslagen erscheinen, dann beginnen die kunstvoll glasierten Tongefäße, die geschnitzten Holzkassetten, die raffiniert gemusterten Strohmatten und edel geformten Lampenschirme langsam, aber unaufhaltsam auf ihren Regalen zu verstauben – bis zu dem Zeitpunkt, da alle wieder Fett ansetzen und die Kleiderkästen ihren Inhalt kaum noch bergen können.
Susannens Kunst allerdings war krisenfest. Ihr Name hatte sich durchgesetzt. Nicht nur in Fachkreisen wußte man von ihr und ihrer Arbeit; auch das Käuferpublikum kannte sie. Eine Sedlak-Keramik zu besitzen oder zu schenken, gehörte schon vor dem Krieg zum guten Ton, und man hatte nicht nur in den Schaufenstern der besseren Kunsthandlungen und in der geschmackvollen Auslagenvitrine, die ihr ein großes Porzellangeschäft am Graben zur Verfügung stellte, ihre originellen Fabeltiere und Figuren gesehen, sondern auch in Privathäusern.
Nun war ich darauf aus, eine Weihnachtsgabe für eine zartbesaitete und gefühlvolle Dame zu ergattern, welche sich diese unmodernen Eigenschaften bis in unsere Tage herübergerettet hatte. Vielleicht, so dachte ich, könnte man sie mit einer Krippe erfreuen.
Ich fand Susanne Sedlaks Adresse im Telephonbuch und begab mich in die Siebensterngasse. Das Haus hatte starke Bombenschäden davongetragen, war aber noch bewohnbar. Die Tür im zweiten Stock, an der ein getriebenes Messingschild mit der Inschrift »Atelier Sedlak« befestigt war, mußte der Luftdruck aus den Angeln gerissen haben. Sie war wohl wieder eingehängt worden, und ihre Wunden schienen mit Hilfe frischer Holzteile notdürftig ausgeheilt, aber noch hatte sich kein Lack über das Alte und das Neue vertuschend und ausgleichend gebreitet. Anstatt ihrer unpersönlichen Pflicht des schweigsamen Abschließens nachzukommen, sprach diese Tür in beredten Worten von ihren Erfahrungen. Davon, wie sie ursprünglich als Hüterin des intimen Friedens getischlert worden sei und wie sie im Lauf des letztvergangenen Jahrzehnts nur noch dem Schein nach das Privatleben der Bewohner vor der Außenwelt geschützt habe, denn in Wahrheit sei ein privates Dasein ja schon als solches staatsfeindlich und unstatthaft gewesen. Privatleben im Krieg – das wäre ja zum Lachen! Aber die Bewohnerin der Räumlichkeiten dahinter hatte sich lange in der Illusion gewiegt, die Tür sei imstande, sie vor zudringlichen Augen und Ohren zu bewahren, und war fern davon gewesen zu lachen, als sie anläßlich eines Gestapoverhörs erkennen mußte, auf einer offenen Schaubühne gelebt zu haben. Denn das Tosische Schloß der Eingangstür vermochte ja nur gegen bescheidene Diebe und Einbrecher Schutz zu gewähren, die Koryphäen des Verbrechens aber nicht im mindesten zu behindern.
Diesem jammervollen Scheindasein der Tür hatte ein Treffer, der ins Hinterhaus einschlug, ein Ende bereitet. Sie war trotz des Tosischen Schlosses mit Krachen an die Wand geflogen und mag diesen Schicksalsschlag vielleicht sogar als Erleichterung empfunden haben: als Befreiung von einer unwürdigen, verlogenen Rolle.
Und nun war man bemüht, sie wieder in ihre alten Rechte und Pflichten einzusetzen. Man hatte sie geleimt und genagelt und man verschloß sie. Würde sie wohl ihre ehemalige vornehm distanzierende Bedeutung wiedererlangen? Wer konnte das damals wissen! Im allgemeinen kommt ja Vergangenes nicht zurück, und wenn es kommt, so scheint es uns seltsam leblos, unzeitgemäß, oft sogar peinlich fremd, weil wir selbst uns verändert haben.
Dies alles sagte mir die Tür in dem kurzen Augenblick, ehe mir aufgetan wurde. Eine kleine Person von unbestimmbarem Alter, graublond, mit großer Nase und hoher, gebuckelter Stirn, stand vor mir. Ich nannte meinen Namen und mein Anliegen. Sie bat mich einzutreten. Es war die Künstlerin selbst. – Sie wandte sich, um mir den Weg ins Zimmer zu weisen, und nun, da ich sie von hinten sah, bemerkte ich die Ungleichheit ihrer Schulterblätter, von denen das linke deutlich hervortrat und so der ganzen gedrungenen Gestalt eine Krümmung nach rechts diktierte, während der Kopf auf dem zu kurzen Hals – als wolle er das verlorengegangene Gleichmaß wiederherstellen – nach links geneigt war.
Das Zimmer, das wir betraten, war recht groß, warm geheizt und sehr gemütlich. Eigentlich befand sich nichts darin, was besonders schön, kostbar oder originell gewesen wäre. Niedrige, bequeme Sitzgelegenheiten um einen ebenfalls niederen runden Tisch bildeten mit einer Stehlampe eine Ecke. Die den Fenstern gegenüberliegende Wand nahm ein einfaches schwarzes Bücherregal ein, das bis zur Decke hinauf vollgestopft war. Ein breiter Schlafdiwan und ein kleiner Schreibtisch bildeten den Rest der Einrichtung. In der Mitte des Raumes lag ein alter, etwas schadhafter Perserteppich.
»So. Also jetzt im November kommen Sie und wollen natürlich noch vor Weihnachten bedient sein«, sagte Frau Sedlak mit gespielter Entrüstung, aber ich fühlte, daß sie wirklich ein wenig ärgerlich über die Zumutung war.
Demütig gab ich zu, mein Ansinnen sei gewissermaßen eine Unbescheidenheit, wenn sie nun aber doch Gnade vor Recht ergehen lassen wolle … Und ich dachte im stillen: Die tut ja so, als ob sie Geschenke austeilen müßte!
»Nun, und wie stellen Sie sich Ihre Krippe vor? Haben Sie da konkrete Wünsche?« Sie bot mir einen der bequemen Kanadier an und nahm selber Platz.
»Nein«, sagte ich, »eigentlich nicht. Ich habe nur so vage an eine Gruppe von Hirten und Königen um das Jesuskind gedacht, ganz bescheidene, innige Gestalten …« Ich ließ den Satz unbeendet, denn ich wußte eigentlich nicht, was ich weiter sagen sollte. Auch schien mir, als habe sich um Frau Sedlaks Mund ein leiser Zug von Mißbilligung gezeigt. Eigentümlich ausdrucksreich war dieser Mund. Groß und schmallippig lag er als gerader Strich unter der langen Nase. Nur die äußersten Mundwinkel waren ein wenig aufwärts gezogen und verliehen zusammen mit der weichen Linie der Wangenpartien dem Gesicht etwas tröstlich Hoffnungsvolles und Tapferes, während die Augen unter der hohen Stirn eher resigniert dreinschauten.
»Innig?« sagte sie nach einer kurzen Pause. »Nun ja, das läßt sich hören. Eine gewisse Verinnerlichung müssen Krippenfiguren gewiß haben. Aber warum denn um Himmels willen bescheiden? Sind wir in unserem Alltag nicht ärmlich genug geworden? Sollen wir denn auch unsere Feste in Bescheidenheit feiern? Das liegt unserem Wesen doch gar nicht. Wir sind für die Sonnenseite des Lebens geboren hierzulande. In der Not versagen wir kläglich, das dürften Sie wohl auch in den letzten Jahren gemerkt haben. – Aber lassen Sie mich nur machen! Die Krippe können Sie am zwanzigsten Dezember abholen; und wenn sie Ihnen nicht gefällt, dann gnade Ihnen Gott!« Sie drohte mir energisch mit erhobenem Finger. Aber gleich danach schien sie sich eines Besseren besonnen zu haben und fuhr milder fort: »Übrigens können Sie schon früher anrufen; ich werde mich recht beeilen, denn – falls die Krippe Ihnen nicht zusagt, brauchen Sie sie auch nicht zu kaufen, dann müssen Sie aber noch etwas Zeit haben, um ein anderes Geschenk für die Dame zu besorgen.«
Ich verabschiedete mich mit gemischten und widerstrebenden Empfindungen, die zu analysieren ich jedoch vergaß. Wo käme man hin, wollte man jede flüchtige Bekanntschaft unter die Lupe nehmen?
Als ich das Haus verließ, hielt gerade ein Jeep am Rande des Gehsteigs. Ein schlanker, noch junger Mensch in Zivilkleidern, mit schmalen Schultern und einem liebenswürdigen Studierkopf sprang heraus, warf dem uniformierten Fahrer ein paar Worte in unverständlichem Englisch zu und verschwand fast laufend im Haustor.
Als ich mich etwa sechs Wochen später abermals zu Frau Sedlak begab, um die Krippe abzuholen, stand wieder der Jeep vor dem Haus, und auf der schlecht beleuchteten Stiege begegnete ich demselben Mann, der diesmal ebenso eilig seinem Auto zuzustreben schien.
Frau Sedlak war guter Dinge. Sie scherzte, als sie mich hereinführte, nannte mich einen gestrengen Auftraggeber und drückte übertriebene Befürchtungen aus, ob es ihr wohl gelungen sein mochte, sich ihrer Aufgabe zur Zufriedenheit des Brotherrn entledigt zu haben.
Über den runden Tisch im Wohnzimmer war eine grüne Samtdecke gebreitet, und darauf hatte die Keramikerin die Krippe gestellt. – Nur mit Mühe vermochte ich meine Überraschung zu meistern, die aus einfachem Erstaunen und sofortiger Bezauberung zusammengesetzt war.
Da standen die Figurinen. – Nein, sie standen gar nicht. Es war ein Kommen und Gehen, ein Niederknien und Herzudrängen, ein »Schaut her!« und »So kommt doch schneller!«, ein »Ach!« und »Oh!« und »Halleluja!« vor einer Gartenlaube mit breiter Steinterrasse, auf der die Heilige Familie ihren Sitz hatte. Das war beileibe kein Bethlehem im herkömmlichen Sinn, eher ein Volksfest, eine barocke Weihnachtspantomime im lampionerhellten Belvederegarten. Maria war ein süßes Mädel vom Grund, und der Josef mit dem Umhängebart konnte im Zivilberuf Fiaker sein. Das Morgenland der Heiligen Drei Könige mochte Währing oder Döbling heißen, und die Hirten und Bauernfrauen waren in Favoriten daheim und sprachen zu Hause böhmisch. Aber nun hatten sich alle mit großen Pelerinen und Umhängen drapiert, hatten seidene Schlafröcke angezogen und Papierkronen aufgesetzt und trugen ihre Gewandung mit einem selbstverständlichen, großsprecherischen Pomp, als seien sie es gar nicht anders gewöhnt. Freude und Ausgelassenheit herrschten in der bewegten Gruppe, die trotzdem etwas von wirklicher Frömmigkeit an sich hatte. Alle liebevollen Blicke und innigen Gebärden galten dem Jesuskind, das in der Mitte in einem Korb lag. – Nein, nicht dem Jesuskind, dem »Christkindl«! Es war denkbar, daß man nach der gebührenden Anbetung, nach den Weihnachtsliedern und Chorälen, den Weg zu lustigeren Noten ungeniert finden werde. »Mei Muatterl war a Weanerin« lag ja schon in der Luft und hätte zu Maria, die man daheim gewiß Mizzi nannte, ausgezeichnet gepaßt.
Mein Entzücken war so groß, daß es nicht einmal bei der Nennung des sehr hohen Preises nachließ. Ich zahlte. Wir packten die Figurinen vorsichtig in Seidenpapier und Holzwolle und betteten sie in den Koffer, den ich eigens dazu mitgebracht hatte.
Ja – nun hätte ich eigentlich gehen sollen. Aber wir waren unversehens ins Gespräch gekommen, und Frau Sedlak wurde mir mit jedem Satz sympathischer und vertrauter. Wahrscheinlich hatte ich erst auf dem Umweg über ihre Arbeit den Weg zur Künstlerin selbst gefunden.
Als ich aufbrach, war es elf Uhr abends.
In der Folgezeit habe ich unzählige gemütliche Stunden in Frau Sedlaks Wohnzimmer verbracht. Meist mit ihr und Mister Hopkins zu dritt. Aber dann wurde der junge Gelehrte aus dem Heeresdienst entlassen, der ihm ohnedies nur lästig war, und übernahm wieder die Leitung des biologischen Laboratoriums in Montreal.
An einem heißen Sommertag des Jahres 1949 habe ich die beiden zur Westbahn begleitet. Mister Hopkins’ Augen lachten und sein schmales Gesicht war gerötet, als er seiner körperbehinderten Frau beim Einsteigen behilflich war.
Der Zug setzte sich in Bewegung. Ich winkte noch eine Weile mit der Hand und dann, als die Entfernung größer wurde, mit der Aktentasche, die mir plötzlich sehr schwer schien. – Ach richtig: Frau Susanne hatte mir im letzten Augenblick, ehe wir die leergeräumte Wohnung verließen, ein großes, flaches Paket übergeben.
»Das habe ich einmal geschrieben«, hatte sie gesagt und war mir dabei etwas verlegen erschienen. »Aber nun hat es keinen Wert mehr für mich. Es stammt aus einem anderen Leben, das abgelaufen ist. Ich wollte es schon verbrennen, aber dann sind Sie mir eingefallen. Für einen Literaten ist so etwas vielleicht interessant. Versprechen Sie mir nur, das Manuskript zu vernichten, sobald Sie es gelesen haben. Ich verlasse mich diesbezüglich auf Sie! – Und noch eines: Bitte, lesen Sie es nicht gleich, gönnen Sie sich – und mir – ein wenig Zeit.«
TRAVIATA SINGT FÜR SPORTLICHE JUGEND
(Susannens Aufzeichnungen vom 12. März 1945)
Wie glücklich bin ich über die Petroleumlampe, die mir Margot verschafft hat!
So weit haben wir es im Zeitalter der Technik gebracht, daß man sich heute in einer Zweimillionenstadt nur helfen kann, wenn man im Hof einen Brunnen und daheim einen altmodischen Kohlenherd besitzt. Wer überdies noch genügend Petroleum zum Leuchten hat, muß mit dem Neid der Nachbarn rechnen. Die elektrischen Lüster, die Gas- und Badeöfen, die Wasserleitungshähne und Radioapparate sind verkümmerte Organe im Wohnungskörper geworden – müßige Zeugen der Vergangenheit, Staubfänger, ebenso nutzlos wie die Makartbuketts und Streusanddosen unserer Großmütter.
Zwar stinkt meine Lampe höllisch und blakt wie ein Fabrikschlot, aber sie leuchtet doch auch, und ich kann im verdunkelten Zimmer vor meinem Schreibblock sitzen und an dich denken, Ernstl, anstatt mich im Finstern schlaflos auf dem Diwan herumzuwälzen und nur Gedanken über ein ungewisses Morgen und ein unwahrscheinliches Demnächst wiederzukäuen.
Was nützt es, daß der Krieg zu Ende geht? Wird man denn seine letzten Phasen überstehen? In längstens vier Wochen beginnt bei uns das, was Warschau und Budapest schon hinter sich haben. Warum sollte für Wien eine Ausnahme gemacht werden? Aber, mein Gott, vier Wochen! Vielleicht sorge ich mich da um eine Zukunft, die ich gar nicht mehr erleben werde.
Nur die Vergangenheit ist fester Boden, auf dem der Fuß nicht strauchelt, und darüber hat die Erinnerung einen soliden Laufteppich gelegt, breit oder schmal, bunt durchwirkt oder grau, aber wohlbekannt und vertraut, denn wir haben ihn ja aus eigenen Erlebnissen geknüpft.
Der meine ist weder farbenfroh noch breit, obwohl ich mein Leben lang bemüht war, ihn möglichst »kunstgewerblich« zu gestalten. Einem einsamen Krüppel stehen nicht viele bunte Fäden zur Verfügung. Alles, was rot und leuchtend daran ist, stammt von dir, Ernstl! Vielerlei Farben hast du für meinen Teppich geliefert, wohltuende und grelle, aber zum Schluß hast du das Muster heillos verwirrt.
Drei Jahre liegt dein Tod nun zurück, und ich grüble seither ununterbrochen darüber nach, ob es so hat kommen müssen. Vergeblich mühe ich mich, Logik in dieser wüsten Ungereimtheit zu finden, die du dein Leben nanntest, und denke oft, daß ich dich wohl nicht gut genug gekannt habe. Aber wer hat sich so viel mit dir beschäftigt wie ich? Wer hat jedes deiner Worte auf die Waagschale gelegt, jede deiner Taten und Untaten so genau registriert und kommentiert? Beinahe hätte ich jetzt geschrieben: Wer hat dich so geliebt? Aber das wäre falsch und unwahr. Nein, nein, geliebt habe ich dich nie! So viel Selbstachtung und Vernunft habe ich doch immer aufgebracht. – Da zeigt es sich schon, wie vorsichtig man beim Schreiben sein muß. Das Papier verleitet zur Übertreibung. Und dabei setze ich mich doch gerade darum zum Schreibtisch, um schwarz auf weiß die objektive Wahrheit niederzulegen. Das hier sollen nicht meine Memoiren werden, sondern nur Tagebuchblätter, die dich und dein vertanes Leben betreffen. Wenn erst dein Dasein in Worte und Schriftzüge gebannt vor mir liegt, werde ich vielleicht erkennen, warum es so mit dir gekommen ist, warum alle Gunst des Schicksals und alle Gaben der Natur an dir verschwendet waren. Vielleicht aber – und dies ist der Hauptzweck meiner Arbeit – gelingt es mir, nachzuweisen, daß du ganz bestimmt unschuldig warst an Schwester Josefas folgenschwerem Unfall und daß dein eigener Tod eine Verkettung tragischer Zufälle und nicht die Verzweiflungstat eines Verantwortungslosen gewesen ist.
Heute ist mir dieser Gedanke gekommen, als ich am Abend vor der brennenden Oper stand. Und während ich nun hier sitze, verglosen vielleicht die Sessel, auf denen wir damals saßen – damals, vor zwanzig Jahren, als wir einander kennenlernten. Wahrscheinlich gibt es bald überhaupt keine stummen Zeugen unseres Lebens mehr. Dies Zimmer hier, in dem du so oft saßest, ist vielleicht morgen von einer Bombe zerschlagen. Schon jetzt scheint es mir fremd und kahl, weil Margot die Vorhänge, die wir zusammen ausgewählt haben, die Bilder, die du so liebtest, die Bücher, deren Menge dich so beeindruckte, in den Keller geräumt hat.
Der Mantel, in dem ich fröstelnd sitze, ist voll Ruß und riecht nach Rauch. Kein Wunder. Es schneite ja dicke, glühende Flocken wie bei einem feurigen Schneegestöber. Ich stand in der verlängerten Kärntnerstraße, dicht hinter einer Kette von Polizisten; neben mir wortlose Menschen mit rot überflackerten Gesichtern und Pupillen, in deren Dunkel sich die lodernde Feuersäule des Heinrichshofes beweglich spiegelte. Woran mochten sie alle denken, meine lieben Kompatrioten, die damals so begeistert »Heil!« gerufen hatten, als diese Krankheit begann, deren letzten Phasen sie nun beiwohnen? – Ach, Ernstl, auch du hast »Heil!« gerufen, du Narr!
Vom Karlsplatz her wehte uns eisiger Nebelwind in den Rücken, aber die Gesichter glühten von der Brandhitze. Es war wie ein gigantisches Kaminfeuer in einem kalten, finsteren Saal.
Alles erinnert an dich, Ernst!! Unsere Oper brennt; wo die Tische deines »Café Heinrichshof« standen, fallen jetzt glühende Balken auf das Pflaster. Überall bist du, und dabei bist du längst nirgendmehr – drei Jahre nach deinem tödlichen Unfall.
Oder irre ich? War es doch kein Unfall?
Ich weiß es nicht; aber vielleicht werde ich es wissen, wenn alles genau aufgeschrieben vor mir stehen wird. Wie war das doch damals, bei jener Traviata-Aufführung im März 1925? – Ach, wie kalt es ist! Ich muß mir die Füße in eine Decke wickeln …
Wieder einmal stand ich im Stehparterre ziemlich weit vorne, aber doch leider nicht an der Brüstung, und wartete auf den Beginn der Vorstellung. Wie freute ich mich auf die Ouvertüre, die gleich ertönen sollte, mit ihrem tränenfeuchten Geigengesang, der später von einer festlich getragenen Tanzweise abgelöst wird und der, vor dem vierten Akt nochmals angestimmt, in das hoffnungslose Schluchzen einer Todgezeichneten ausklingt. Damals liebte ich dies Werk um seiner selbst willen. Heute kann ich es nicht hören, ohne daß sehr persönliche, mein eigenes Leben und Erleben betreffende Erinnerungen in mir wach werden.
Neben mir stand eine schöne blonde Person von ebenmäßigem Wuchs und selbstgefällig törichtem Gesicht, das trotz der frühen Jahreszeit tief gebräunt war. Allem Anschein nach kam sie gerade von einem Skiurlaub im Gebirge. Sie schien mit ihrem Äußeren durchaus zufrieden. Das neue geblumte Kleid und die Frisur taten ihre Schuldigkeit. Auch hätte sie keinen günstigeren Standort für ihre Schönheit wählen können als neben mir, obwohl sie sicherlich nur von dem Wunsch, gut zu sehen und zu hören, beseelt, so rasch nach vorne geeilt war. Auf mich wurde sie ohne Zweifel erst aufmerksam, nachdem sie die noch fast leeren Logenreihen und das Parkett einer genauen Musterung unterzogen hatte.
Der Lokalaugenschein war zu ihrer vollsten Zufriedenheit ausgefallen. In einer der Parterrelogen, der zweiten oder dritten von uns aus, hatte ein junger Mann Platz genommen, der seinerseits das Opernglas über die Köpfe der dicht gedrängten Stehplätzler streifen ließ, wobei er sichtlich beim Anblick meiner hübschen Nachbarin verweilte. Er mußte noch sehr jung sein, vielleicht ein Student im ersten oder zweiten Hochschuljahr. Die Art, wie er sein Glas handhabte, wie er den Kopf langsam hin und her wandte, während die Linke lässig über den Logenrand hing, hatte etwas vollendet Graziöses – fast zu Graziöses für einen jungen Burschen, der noch dazu recht breitschultrig und muskulös aussah und einen kurzen, sehnigen Hals hatte. Besonders im Profil kam die Kräftigkeit dieses Halses zur Geltung, der vom Kleinhirn abwärts in gerader, harter Linie in den Kragen hinablief. – Dies wird einmal ein Stiernacken werden, mußte ich unwillkürlich denken. Vorläufig war es noch ein entzückender Stierkalbnacken.
Nun hob der junge Logeninsasse in scheinbarer Kurzsichtigkeit das Programm nahe vors Gesicht. Er hielt das Heft in den großen, sehr weißen und langfingrigen Händen mit einer Behutsamkeit, die eines kostbaren Pergamentes wohl würdig gewesen wäre, und tat, als sei er in die Lektüre vertieft. Aber seine Augen glitten immer wieder zerstreut vom Papier fort und zu uns herüber; und dies war verständlich.
Meine Nachbarin war zusehends schlanker und größer geworden. In ihre sonnengebräunten Wangen stieg bezaubernde Röte und ließ mich an eine reife, sommerwarme Marille denken. Auch sie schien ihr Textbuch auswendig lernen zu wollen; dazwischen fand sie Zeit, hie und da ihre Locken ordnend aus der Stirn zu streifen oder an ihrem Kleid herumzunesteln. Nur ganz selten und mit völlig beherrschter Teilnahmslosigkeit sah sie sich im Zuschauerraum um, und wenn ihr Blick dann gelegentlich die dritte Loge links streifte, so verweilte er dort kaum einen Augenaufschlag länger als bei den übrigen.
Es mußte knapp vor Beginn der Vorstellung sein. Der Saal, der lange leer geblieben war, hatte sich plötzlich sehr rasch gefüllt. Immer mehr Abendkleider und Smokings wurden in den vorderen Sitzreihen sichtbar, immer mehr Boutons, Broschen und Brillantanhänger leuchteten aus dem Dunkelrot der Logen. Das Stimmengewirr der präludierenden Instrumente war jetzt von dem der schwatzenden Zuschauer fast ganz überdeckt. Im Stehparterre stand man Kopf an Kopf. Da hörte ich plötzlich unweit hinter mir eine sehr höfliche, gleichsam höfisch gezierte Baritonstimme vielerlei Entschuldigungsfloskeln fast pausenlos hintereinander hersagen. Das unwillige Murmeln der Stehenden, die beiseite traten, wirkte nur wie eine Geräuschkulisse, von der sich die klar skandierten Silben des »Verzeihen Sie bitte«, »Nur einen Augenblick …«, »Entschuldigen Sie«, »Ich nehme Ihnen Ihren Platz durchaus nicht weg«, »Ich möchte nur …«, »O pardon …« deutlich abzeichneten.
Als wir uns umdrehten – die »Marille« und ich –, stand der Besitzer des höfischen Baritons schon vor uns. Er machte eine vollendete Verneigung – ganz so, wie man sie den jungen Leuten damals in der Tanzstunde beibrachte –, indem er zuerst nur den sehr hellen Kopf im Stierkalbnakken, dann aber ganz leicht auch die Schultern beugte, und sagte mit der gezierten Anmut eines schüchternen Liebhabers auf dem Theater:
»Wollen Sie mich, bitte, nicht für zudringlich halten, aber ich habe zwei Logensitze … Der Platz neben mir bleibt leer. Ich sehe Sie hier im Gedränge stehen … Darf ich Ihnen die zweite Karte geben?«
Zu wem sprach er? – Doch wohl zu der sonnengoldenen Sportlerin. Aber er sah mich dabei an, streckte die große Hand aus und reichte die Eintrittskarte – wem reichte er sie? – mir.
Ich war bis zu diesem Augenblick ausschließlich Zuschauerin bei dem uneingestandenen Flirt gewesen, und nun fand ich gar keine Zeit, um selbst in die Rolle zu schlüpfen, die ich der Marille zugeschrieben hatte. Ich nahm also die Einladung mit der gleichen Selbstverständlichkeit an, mit der ich mir in der Straßenbahn Platz machen ließ. Zu sitzen, wenn andere standen, war das Recht der Körperbehinderten – eines der wenigen Rechte, gemessen an den vielen Pflichten, die mir mein krummer Rücken auferlegte. Unbefangen machte ich von diesem Recht Gebrauch. Ehe ich Zeit fand nachzudenken, ob ich das Richtige tat, hatte ich schon mechanisch »Oh, besten Dank, sehr liebenswürdig!« gesagt und schickte mich an, ihm zu folgen. Da fing ich noch einen eigenartigen, etwas verlegenen und doch auch wieder triumphierenden Blick auf, den der muskulöse Jüngling mit den Allüren eines altmodischen Schwerenöters zu meiner schönen Nachbarin gleiten ließ. Was dieser Blick bedeuten sollte, konnte ich in der Eile nicht bestimmen. Es fiel mir nur auf, daß bei der raschen Bewegung seiner Augen das linke um den Bruchteil einer Sekunde hinter dem rechten zurückblieb. Bei ungenauem Hinschauen hätte man diese merkwürdige Trägheit des linken Auges für ein Schielen halten können, das jedoch sofort verschwand, als der Blick des jungen Mannes wieder auf mir ruhte. Übrigens war im Moment keine Zeit, darüber nachzudenken, denn wir hatten alle Mühe, uns durch die Menge zurück und zum Ausgang zu drängen. Dann ging es eilig treppab, treppauf und durch mehrere Korridore. Als wir die Loge betraten, war das Licht im Saal gerade erloschen, und ehe wir im Dunkeln unsere Plätze gefunden hatten, setzte das leise Schluchzen der Primgeigen ein.
Ich hatte im ersten Augenblick also weder Zeit noch Lust, mir Gedanken darüber zu machen, was geschehen war. Erst nach der Ouvertüre, als der Vorhang aufging und die Ensembleszenen in Violettas Heim begannen, gönnte ich mir einen Blick zur Seite. Mein jugendlicher Wohltäter, der während des Vorspiels auf seinem Platz herumgewetzt hatte, saß nun wie hypnotisiert da. Mit seinem Opernglas – einer altmodischen Damenlorgnette aus Elfenbein – fixierte er jeden Auftritt, jede Verbeugung, jeden Handkuß auf der Bühne. Ob er auch die Musik hörte, weiß ich nicht; jedenfalls genoß er die Vorstellung mit allen Sinnen. Sein weiches, stark gelocktes, sehr blondes Haar, das fast wie entfärbt wirkte, fiel ihm ins Gesicht, aber er war von den gesellschaftlichen Ereignissen im Hause der Kameliendame dermaßen in Anspruch genommen, daß er vergaß, es aus der Stirn zu streichen.
Seine linke Hand lag auf der Logenbrüstung dicht vor mir, und ich hatte Muße, sie zu betrachten. Sie war groß, weiß und langfingrig – eigentlich war sie etwas zu schön für eine Männerhand. Dabei hatte sie nichts Vornehmes, Intellektuelles oder seelisch Verfeinertes, wie sie da hell schimmernd auf dem dunklen Plüsch lag. Im Gegenteil, die Vorstellung lag nahe, daß sie flink und sicher zupacken könne. Das breite Gelenk verstärkte diesen Eindruck noch, um so mehr, als die Armbanduhr, die es trug, wiederum klein und für einen Mann fast zu zierlich war.
»Von der Freude Blumenkränzen sei mein Leben heiter durchzogen … Jeder Abend soll mich finden, wo die Lust mich taumelnd umfängt …«, sang Violetta, und ihr energisches, fleischiges Gesicht, das zugleich intelligent und hochmütig war, strafte sie Lügen. Aber wie sollte man aussehen, um solchen Unsinn singend zu rechtfertigen? Stimmlich war die Frau – eine rumänische Gastsängerin mit kompliziertem Doppelnamen – übrigens ganz hervorragend, und der Beifall, den sie nach der Arie erntete, dementsprechend stark.
Als der Applaus einsetzte, lief es wie ein Ruck durch die Gestalt meines jungen Nachbarn, der bis dahin die Sängerin ununterbrochen beobachtet hatte. Mit einem Ausdruck, als wolle er sagen: »Ach ja, natürlich …«, legte er den Operngucker zur Seite und begann selbst geräuschvoll zu klatschen.
In der Pause wandte er sich dann mit überaus liebenswürdigem Lächeln zu mir und sagte:
»Oh, verzeihen Sie, es war sehr, sehr unartig von mir! Ich habe mich noch gar nicht vorgestellt.« Dabei ergriff er meine Hand mit einer etwas zu familiären Selbstverständlichkeit und küßte sie, indem er einen Namen murmelte, der wie Ronalik oder Ronecek klang. Der Handkuß selbst war ihm jedoch wiederum vollkommen gelungen. Der blonde Kopf hatte sich dabei tief hinabgeneigt, und die Lippen streiften meinen rauhen Handrücken, als gelte der Kuß einem Heiligtum.
Ich sagte: »Sedlak. Sehr angenehm …« und fühlte, daß er meinen Namen ebenfalls nicht auffaßte. Er würde ihn wohl auch nicht verstanden haben, wenn ich ihn buchstabiert hätte, denn sein Blick war wieder zum Stehparterre hinabgeglitten, wobei das linke Auge sich um den Bruchteil einer Sekunde verspätete. Die schlanke Skiläuferin gönnte uns jedoch keinen Blick mehr. Sie schien überhaupt nur noch einen Rücken zu haben.
Der junge Herr neben mir sprach unausgesetzt. Er deutete auf die Logen und nannte die Namen mehrerer Insassen. Es waren wohlbekannte, adelige Namen, mitunter auch die von Großindustriellen, Bankiers und Regierungsmitgliedern. Er schien die Leute alle – wenigstens vom Sehen – zu kennen und sprach von ihnen mit ungezwungener Lässigkeit wie von Gleichgestellten. Was er sagte, war weiter nicht bemerkenswert, nur wie er es tat, beschäftigte mich ein wenig. Es war ausgesprochener Dialekt, dessen er sich bediente, aber in jener verweichlichten, verzärtelten, nasalen Betonung, wie ihn Schauspieler benützen, wenn sie altösterreichische Aristokraten darstellen. Einer ungeschriebenen Bühnenkonvention zufolge schien man in den »höheren Kreisen« so zu reden. Ich konnte damals nicht beurteilen, inwiefern dies den Tatsachen entsprach. Die wenigen Aristokraten, die ich vom Geschäft her flüchtig kannte, bemühten sich alle, möglichst ungezwungen, sportlich und amerikanisch zu wirken, um nicht in den Verdacht zu kommen, mit dem Grafen Bobby der Anekdote verwandt zu sein.
Mein junger Gastgeber war sich dieses Gefahrenmomentes sichtlich nicht bewußt. Seine breitschultrige, knabenhafte und doch schon gedrungene Sportlerfigur wirkte amerikanisch genug. Er konnte also in Gebärde und Sprache ruhig die Merkmale seiner Kaste zur Schau tragen. Denn daß es sich bei ihm um einen Angehörigen der oberen Zehntausend handelte, stand für mich nun schon fest. Auch die wesentlich gröbere rechte Hand, die ich jetzt im vollen Lampenlicht sah, konnte an dieser Meinung nichts mehr ändern. Die beiden abgebrochenen Nägel daran und die tiefen Rillen am Daumen und Zeigefinger, aus denen trotz sorgfältiger Maniküre nicht aller Schmutz zu entfernen gewesen war, deuteten darauf hin, daß der junge Mann wohl ein Motorrad, wenn nicht gar ein Kabriolett sein eigen nannte.
Inzwischen war Traviata wieder zu Wort gekommen. Die robuste Bukaresterin mit den fleischigen Zügen opferte zuerst ihren Schmuck für den Aufwand ihres Alfredo und dann ihre Liebe selbst, um seiner unbekannten Schwester zum Eheglück zu verhelfen. Schließlich war sie, um ihren Schmerz zu betäuben, zu einem »glanzvollen Freudenfest« geeilt und dort von dem übelberatenen Geliebten eine Dirne gescholten worden. Ja, Alfred hatte sich so weit vergessen, ihr das soeben im Kartenspiel gewonnene Geld vor die Füße zu werfen. Was blieb also einer Frau vom Format der Kameliendame übrig, als an Schwindsucht zu sterben?
Die massige Rumänin saß nun in ihrem Lehnsessel. Das große, intellektuelle Gesicht war weiß gepudert, und das rosaseidene Nachtgewand mit den Spitzen paßte schlecht zu ihren lebensvollen und zielbewußten Bewegungen. Es gehörte viel guter Wille dazu, um zu glauben, daß sie der Auszehrung zum Opfer gefallen war. Aber in ihrer Gesangskunst wurde sie dem Part gerecht. Wenn man die Augen schloß und über die verlogenen deutschen Worte hinweg den so ganz wahrhaftigen italienischen Tönen lauschte, dann wußte man um den Schmerz dieses einsamen Sterbens, um den Hoffnungsstrahl beim Anblick des reumütigen Geliebten, um die Euphorie, die dem plötzlichen Tod vorangeht.
Ein leises Zucken neben mir ließ mich die Lider auftun. Da saß mein Nachbar, hielt den Gucker vor die Augen, und während er aufmerksam die Gebärden der dahinsiechenden Traviata verfolgte, liefen ihm Tränen über das Gesicht.
Alles hatte ich eher erwartet als dies. Es würde mich nicht erstaunt haben, wenn er, um so recht up to date zu erscheinen, über die schwindsüchtige Karyatide spöttelnde Bemerkungen gemacht oder, ermüdet von der langen Aufführung, wohlerzogen gegähnt hätte. Aber so unverhohlene Tränen bei einem Sportsmann? – Meine Gefühle waren zwiegeteilt. Einerseits rührte es mich, daß seine junge Seele so beeindruckbar war, daß sie die Gabe hatte, sich hinreißen zu lassen, mitzugehen. Ich mußte ihm doch wohl unrecht getan haben, als ich ihn für oberflächlich und banal hielt. Wenn er das sentimentale Libretto und die vollendet interpretierte Musik nicht genau auseinanderzuhalten wußte, so lag das vielleicht nur an seiner Jugend. Aber anderseits war es auch wieder befremdlich, zu sehen, daß er gar keine Anstalten traf, seiner Rührung Herr zu werden. Auch als der Vorhang fiel und es hell wurde, zog er nicht sein Taschentuch hervor, sondern ließ die letzten Tränen unbekümmert auf seinen Wangen trocknen. Das Weinen hatte ihn auch nicht – wie zu erwarten gewesen – zum Kinde gemacht. Wie er so dastand, heftig applaudierend, wirkte sein Gesicht mit den stark geröteten Augen und den leicht geschwollenen Unterlidern, die zukünftige Tränensäcke ahnen ließen, wie das einer nicht mehr ganz jungen Frau. Übrigens schien er meinen Blick zu fühlen, denn er richtete wieder einmal mit gewandter Bühnenweltmannsgeste das Wort an mich:
»Ich habe vergessen, Ihre Garderobe in der Pause auszulösen und hierher zu bringen. Sind Sie mir böse deswegen?«
Ich stammelte etwas wie »Durchaus nicht!« und »Ich hol’ mir schon meinen Mantel«, aber er wollte nichts davon hören.
»Sie erlauben doch, Gnädigste, daß ich Sie auch heimgeleite, wenn Sie mir schon die Freude Ihrer Gesellschaft gemacht haben«, sagte er, und ehe ich Zeit fand, die romanhafte Unnatürlichkeit dieses Satzes zu erfassen, gingen wir schon über Treppen und Gänge der Stehparterre-Garderobe zu. Im Gehen summte, ja sang mein Begleiter halblaut die Duettmelodie des letzten Aktes, während er in seinen hellen Überzieher schlüpfte.
Bei der Kleiderausgabe herrschte arges Gedränge. Er nahm mir den Nummernzettel aus der Hand und stürzte sich ein wenig zu temperamentvoll in den Menschenknäuel. Ich stand wartend neben dem Spiegel. Jemand gebärdete sich so unbekümmert beim Ankleiden, daß ich einen heftigen Stoß in den Rücken abbekam. Unwillig sah ich mich um. Es war die Marille, die jedoch keine Anstalten traf, sich zu entschuldigen. Der Blick, der dem meinen begegnete, war zu zornig, um so verächtlich auszufallen, wie er gemeint war. Das nützt dir alles nichts, schienen die Augen der jungen Frau zu sagen, du hast ja doch einen Bukkel! – Dumme Gans, mußte ich meinerseits denken. Selten hat mir mein Buckel so gute Dienste geleistet. Wie müde wäre ich jetzt, hätte ich wie sonst drei Stunden lang auf den Zehenspitzen stehen müssen, um über so gerade Schultern wie die deinen hinwegzusehen!
Aber da kam man schon mit meinem Mantel. Die Marille wandte sich brüsk ab und ging, während die Augen meines jungen Schutzherrn ihr nun mit deutlichem Triumph folgten, wobei auch jetzt das linke sich um den Bruchteil einer Sekunde hinter dem rechten verspätete.
WER BIST DU?
(Susannens Aufzeichnungen vom 13. März 1945)
Ich bin gestern nicht weit mit meiner Schreiberei gekommen. Immer wieder versinkt man in Gedanken und ertappt sich dann nach einer Viertelstunde dabei, daß man tatenlos vor seinem Schreibblock sitzt. Schließlich war ich so müde, daß ich alles liegen ließ und schlafen ging. – Und doch habe ich kaum die Hälfte meiner ersten Begegnung mit Ernstl zu Papier gebracht! Also weiter, weiter, keine Zeit verlieren!
Auf der Gasse war es empfindlich kalt – nicht anders als jetzt, da ich dies alles niederschreibe. Aber der Ring war von Bogenlampen erleuchtet und nicht von Bränden. Die Fenster der Kaffeehäuser und Geschäfte strahlten. In vielen Wohnungen brannte Licht … Heute kann ich es kaum glauben, daß dies einst selbstverständlich war.
Übrigens muß ich morgen mit Margot in den Keller hinunter, um nachzusehen, ob wir dort nicht Notbetten aufschlagen können; vielleicht die Polsterbank aus dem Vorzimmer, die ist nicht so schwer zu tragen, und das alte Feldbett, aber das muß ich noch ausbessern. Es wird Zeit, an den Keller als Lebensraum zu denken. Da wird die Petroleumlampe erst ihre Triumphe feiern! – In solchen »irdischen« Belangen ist Margot nicht mit Gold aufzuwiegen. Es war doch gut, daß ich sie zu mir genommen habe, als sie sich mit der alten Blaschka überwarf, obwohl ich es weiß Gott nicht leichten Herzens tat. Dieses Geplapper mit norddeutschem Akzent den ganzen Tag zu ertragen – zuerst im Geschäft und dann abends wieder – ist ein bißchen viel. Aber schließlich ist sie ein armer Teufel, und außerdem … hat sie dich, Ernstl, gekannt. Grund genug, sich ihrer anzunehmen. Vielleicht ist es überhaupt gut, daß ich jetzt nicht allein bin. Es wäre trostlos, hätte man in der heutigen Zeit nur an sich selbst zu denken.
Am schlimmsten wird es mit Lebensmitteln sein. Wir haben gar keine Reserven. Ich wüßte auch keinen Menschen, der uns einen Schleichhändler empfehlen könnte. – Außer Berti. Berti kennt sicher solche Leute. Aber der findet ja, die Zukunft solle für sich selber sorgen, es gebe genug Menschen, die jetzt schon hungern, und es sei nicht der Augenblick, an Kommendes zu denken, wenn man gleich helfen muß.
Übrigens hat sich Berti lange nicht blicken lassen. Seit der Aktion für die ungarischen Juden habe ich ihn nicht mehr gesehen. Ob damals wohl alles glatt abgelaufen ist? Wenn er nur aus Klugheit nicht kommt, so soll es mir recht sein. Ich habe jetzt immer das Gefühl, beobachtet zu werden, und was ihn betrifft, so ist gar nicht daran zu zweifeln, daß man ihn bespitzelt. Hoffentlich liegt kein ernsterer Grund für sein Fernbleiben vor. Diese Pfadfindernaturen, die meinen, jeden Tag etwas Edles tun zu müssen, geben immer neuen Stoff zur Beunruhigung. Manchmal glaubt man schon zu wissen, was in ihnen vorgeht, und dann steht man wieder vor einem Rätsel. Was riskiert Berti nicht täglich für die anderen! Und dabei liebt er die Menschen durchaus nicht. Im Gegenteil, er verachtet sie. Eigentlich hat er ja auch dich verachtet, Ernstl. Und doch kann ich ihm deswegen nicht zürnen, denn erstens hatte er recht, und zweitens hat ihn die Kenntnis deiner Schwächen nicht gehindert, dein Freund zu sein. – Oder nennt man so etwas nicht Freundschaft?
Ich bin vom Thema abgekommen und doch wieder nicht, denn alle Umwege führen zu dir. Margot und Berti – sie gehören ja auch mittelbar zu deinem Vermächtnis wie meine eigenen Erinnerungen an dich.
Wo war ich stehengeblieben? Ach ja, also wir gingen den Ring entlang bis zur Bellaria. Dort gedachte ich in den 49er einzusteigen, um meinen Beschützer auf taktvolle Weise loszuwerden. Ich hüllte mich warm in meinen neuen Wollmantel, den ich mir nach langem Sparen und Rechnen erst gegen Ende des Winters beim Räumungsverkauf erstanden hatte. Ein Blick zur Seite genügte mir, um festzustellen, daß meines Begleiters Mantel – ein heller, nicht ganz sauberer Trenchcoat – für die Jahreszeit zu leicht und überdies etwas schadhaft war. Das bildete einen merkwürdigen Widerspruch zu der tadellosen Paßform seines schwarzen Sakkos und der graugestreiften Hose.
Wahrscheinlich wohnte der junge Mann allein in Wien und ging hier seinen Studien nach. Vielleicht war er der Sohn eines Gutsbesitzers oder eines in der Provinz lebenden Industriellen. Jedenfalls schien sich hier niemand um ihn zu kümmern. Man ließ ihm freie Hand in der Dosierung der bequemen Lebensgewohnheiten eines Studenten innerhalb der selbstverständlichen Ansprüche eines Jünglings aus reichem Haus.
Worüber sprachen wir? Natürlich über Traviata. Der junge Mann fand alles herrlich: die Aufführung, die Sänger, die Oper. Sein Enthusiasmus freute mich. Anscheinend hafteten dem Sprecher weder die Blasiertheit noch das Banausentum an, für die junge Leute aus begüterten Kreisen so anfällig sind.
Ich beeilte mich daher, ihn in seiner günstigen Meinung zu bestärken. Das fiel mir nicht schwer, da ja die Aufführung besonders geglückt gewesen war. Nur bezüglich des Librettos erlaubte ich mir einige Bedenken, indem ich sagte, man könne es heutzutage kaum noch begreifen, daß gesellschaftliche Vorurteile solcher Art zum Trennungsgrund für Liebende werden konnten.
Der junge Mann sah mich erstaunt an.
»Wieso?« fragte er. »Aber bedenken Sie doch, Alfred ist ein Baron, und sie, die Violetta … Er muß doch Rücksicht nehmen auf seine Familie, auf die Schwester, den Vater. Oh, ich kann mich am besten in den Vater hineindenken. Das ist ein wirklicher Gentleman. Aber ich wäre wohl noch strenger zu meinem Sohn.«
War es taktlos von mir gewesen, dies Thema zu berühren? Nun, wenn ja, dann war es doch auch ein wenig unfein und anmaßlich von ihm, seinen Klassendünkel mir gegenüber, die er doch unmöglich für eine Gleichgestellte halten konnte, so zu betonen. Jedenfalls war ich nun nicht gewillt, meinen Standpunkt aufzugeben.
»Da hätten Sie unrecht«, sagte ich, »und bis Sie einmal Ihrem Sohn gegenüber in eine solche Lage kommen, werden Sie Ihre Meinung sicherlich noch revidiert haben. In Ihren Jahren laufen Sie übrigens weit eher Gefahr, die Rolle Alfreds zu spielen.«
Ich konnte mir den strengen Ton erlauben, vor allem weil ich älter war, dann aber auch meines Buckels wegen, der mich von vornherein von jeder subjektiven Anteilnahme ausschaltete.
Er sah mich einen Augenblick an, ehe er antwortete: »Ich hab ja gar keinen Vater … Das heißt, ich hab längst keinen mehr!« setzte er überstürzt hinzu, als bedürfe der erste Teil seines Satzes einer Erläuterung.
Ich ließ nicht locker. »Was würden Sie dazu sagen, wenn man Ihnen einfach die Zukunft zerstörte, um Ihrer Schwester zu einem sehr zweifelhaften Eheglück zu verhelfen?«
»Meine Schwester?« verwunderte er sich. »Die kriegt bestimmt keinen Mann mehr … Wer redet von uns? Aber in diesen Kreisen hat man doch etwas Höheres, wofür man sich einsetzen muß, als Liebe …«
In diesen Kreisen? dachte ich. Das klingt nicht so, als ob er dazugehörte. Sollte ich mich getäuscht haben?
Aber warum verteidigt er dann den Standpunkt dieser Kreise?
»Ich wüßte nichts Höheres als die Liebe«, sagte ich streng und fühlte, daß meine Worte abgeschmackt und biedermännisch klangen. Dem jungen Mann schien das nicht aufgefallen zu sein. Er war durch meine Unerschütterlichkeit ins Wanken gekommen.
»Vielleicht haben Sie recht. Aber schauen Sie, es gibt doch auch andere Rücksichten … gesellschaftliche, meine ich. Ein guter Name, ein Stammbaum … solche Dinge verpflichten doch.«
»Zu Hartherzigkeit und Intoleranz darf eben nichts verpflichten. Wenn Ihre ›höheren Kreise‹ tatsächlich die höheren sind, so haben sie vor allem die Pflicht zu einer betont humanen Haltung. Nur so können sie heutzutage ihre Überlegenheit beweisen – wenn überhaupt von einer solchen die Rede sein kann!« Ich hörte meine Worte ledern und trocken durch die Bellariastraße gellen (denn ich war natürlich nicht in den 49er eingestiegen). Sie klangen unwahr und propagandistisch wie die eines Politikers, und ich wunderte mich selbst über meine Leitartikelberedsamkeit, die ich bisher nie an mir festgestellt hatte. Im Grunde lag mir kein Thema ferner als die Pflichten und Rechte der Aristokratie. Sichtlich hatte ich mich in diesen lehrhaften Ton nur geflüchtet, um den eigenartigen Konservatismus des jungen Mannes zu bekämpfen. Nun war ich schon sicher, daß er selbst kein Aristokrat sein konnte. Wo sollte man ihn also einreihen? Vielleicht war er der Sprößling einer ärarischen Familie, die in k. u. k. Erinnerungen und in Reminiszenzen aus der Backhendelzeit plätscherte und dem Sohn gar nichts anderes mitgegeben hatte als diesen ranzigen »Grafenkrampf«. Ja, nur so konnte es sein.
Gar nichts anderes – ist vielleicht zu streng gesagt. Gute Manieren und Anstand hatte man ihm zu Hause jedenfalls auch beigebracht, denn was sonst hätte ihn bewegen können, den freien Platz einem Krüppel anzubieten, anstatt die Gelegenheit wahrzunehmen, mit dieser jungen, hübschen Person bekannt zu werden?
»Übrigens scheint mir«, begann ich nun in viel freundlicherem Ton, »daß ich mich gar nicht genug für Ihre große Liebenswürdigkeit bedankt habe. Es war wirklich sehr nett von Ihnen, mich in die Loge zu laden.«
»Ach, nicht der Rede wert …«
»O doch, doch. Ich war ja schließlich nicht die einzige im Saal, die stehen mußte, und Sie hätten sich mühelos eine erfreulichere Abendgesellschaft verschaffen können.«
»Sie meinen die Blonde, neben Ihnen? Die kenn’ ich eh vom Sehen. Verkäuferin bei Meinl ist sie. Ich hab sie nur so angeschaut, weil ich sie zuerst gar net erkannt hab … so braungebrannt, wie die jetzt ist.«
Das Wort »Verkäuferin« hatte wieder recht verächtlich geklungen, so daß der Protest aufs neue in mir erwachte.
»Wenn Sie glauben, daß ich mehr bin, so irren Sie. Ich bin Manipulantin in einem Damenkonfektionshaus, und als ich so jung war wie das blonde Fräulein, habe ich auch Kunden bedienen müssen!«
So jung wie die! – Ich war selber damals erst fünfundzwanzig, aber in meiner Körperverfassung kommt man ja schon als alte Frau zur Welt.
Der junge Mann zeigte leises Erstaunen, das ich als Enttäuschung auslegte.
»Komisch«, sagte er, »Manipulantin sind Sie? Und ich hätte Sie für eine Künstlerin gehalten. Ich weiß nicht warum, aber ich war sicher, Sie sind eine Malerin oder so etwas …«
Mir wurde plötzlich warm ums Herz. Niemand hatte je eine Begabung in mir gesucht. Es war bekannt, daß ich Abendkurse für Aktzeichnen an der Akademie besuchte. Manche wußten sogar, daß ich bei Aglaia Privatstunden nahm. Aber man hielt dies bei einer hoffnungslos zum Altjungferndasein Verurteilten für den begreiflichen Wunsch nach Kompensation. Nicht einmal Aglaia, die Bewunderte, Große, machte mir viel Hoffnungen. »Ich weiß nicht recht, was mit dir los ist, Suse«, pflegte sie zu sagen. »Es steckt was in dir, das sieht ein Blinder. Aber die Bildhauerei ist eine zu harte Disziplin für dich, zu streng, zu groß. Dir liegt das Dekorative mehr als das Plastische. Irgendwie sitzt dir bei der Arbeit die Manipulantin im Genick.« – Das war nicht gerade aufmunternd, und es gehörte viel Zähigkeit und Willensaufwand dazu, um nach so zweifelhaftem Lob: »Es steckt was in dir …« weiterzuarbeiten. Und gar der Professor beim Aktzeichnen, der packte mich noch rauher an. »Sö san mir die Richtige! Da schaun S’ her: die Rückenlinie da, die siecht aus, als wann s’ von einer Maus aus’bissen wär’. So g’hört ’s und so und so … Segen S’, ein Akt, dös san fünf bis zehn Linien. Alles, was drüber geht, haaßt nix! Der Busen, den S’ da g’malen haben, der is ja barock …!«
Barock war ein Ausdruck tiefster Verachtung in der Sprache des Professors.
Was konnte ich dafür? Unter meinen Händen wurde eben alles barock.
Und nun hatte ein Unbefangener, Fremder mich für eine Künstlerin gehalten! Dabei wußte der eitle junge Bursche da neben mir bestimmt gar nicht, wie froh und zuversichtlich mich sein Irrtum machte.
»… ich sehe Sie direkt in einem weißen, etwas fleckigen Kittel in einem Atelier stehen«, beendete er seinen Satz.
»So leicht kann man irren. Jetzt sind Sie wohl sehr enttäuscht, was?«
»Oh, nein …«
Die zögernde Antwort brachte mich wieder in Harnisch.
»›Oh, nein‹ heißt ›ja‹! Sie hätten eben doch Ihren natürlichen, jugendlichen Wünschen folgen sollen und die hübsche Verkäuferin in die Loge laden; stattdessen …« Ich wollte fortsetzen: ›… haben Sie sich von Ihrem Snobismus verleiten lassen und sind erst recht fehlgegangen.‹ Aber ich hielt rechtzeitig inne und sagte mit komischer Übertreibung: »… haben Sie Philanthropie walten lassen und eine Bresthafte begönnert.«
Er sah mich verwundert an und blieb stehen.
»Philanthropie – was ist das?«
Nun war es an mir, zu staunen. Hatte man in dem ärarischen Elternhaus keine Fremdwörter benützt? Und warum nicht? Aus Unbildung – oder vielleicht aus Deutschtümelei?
»Menschenfreundlichkeit, Menschenliebe, Nächstenliebe«, erläuterte ich etwas beschämt über die Lehrerinnenrolle, die mir da zufiel.
»Wie merkwürdig Sie sich ausdrücken«, meinte er. »Philanthropie – eine Bresthafte begönnert … Nein, ich bin nicht enttäuscht, o nein, gar nicht! Ich hab ja so viel gelernt.«
»Gelernt?«
»Ja. Ich weiß jetzt, was eine Arie und ein Duett ist, daß die Musik, ehe der Vorhang aufgeht, Ouvertüre heißt und der Text, den die Künstler singen, Libretto – oder hab ich etwas falsch gesagt?« fragte er, als er die Verblüffung in meinen Augen las. »Ich habe auf jedes Wort aufgepaßt, das Sie in der Pause fallen ließen. Ach, man kennt ja viele Ausdrücke vom Hören und Lesen und ist nicht so ganz sicher, was sie bedeuten. Sie müssen wissen …«, er stockte verlegen, »… ich bin heute zum ersten Mal in der Oper gewesen.«
»Aber gehen Sie …«, sagte ich, denn ich wußte wirklich nicht, was ich erwidern sollte; auch waren wir inzwischen vor meinem Haustor angelangt.
»Ich bin nämlich …« Er setzte den begonnenen Satz nicht fort, aber es war mir, als bereitete es ihm Mühe, die unausgesprochenen Worte bei sich zu behalten. Seine Blikke vollführten einen raschen Kreislauf, als glaubte er sich beobachtet. Dabei hatte sich das linke Auge wieder ein wenig träger als das rechte verhalten. Dann sagte er: »Und auch was Philanthropie heißt, weiß ich jetzt. Nur das mit der Haltung, zu der die Adeligen verpflichtet sind, habe ich nicht ganz verstanden.«
»Nun, das kommt schon noch«, sagte ich belustigt. »Übrigens habe ich von humaner Haltung gesprochen.«
Man sah es ihm an, daß er gern gefragt hätte, was das bedeutet, aber es fehlte ihm an Mut.
»Ich wohne hier«, fuhr ich fort, »es war sehr lieb von Ihnen, mich nach Hause zu begleiten. Ich danke Ihnen.«
»Schade«, sagte er, »ich hätte Sie gern bis Hütteldorf gebracht, um mit Ihnen reden zu können. Sie sind so interessant.«
Auch das hat noch niemand gefunden, dachte ich, aber ich sagte nur: »Sie machen mir Komplimente. Leben Sie wohl!« Und ich streckte ihm meine Hand entgegen.
Wieder erfolgte der vollendete Tanzstundenhandkuß. Zuerst neigte sich der hübsche Kopf im Stierkalbnacken, und dann beugten sich die breiten Sportlerschultern tief über meine Hand. Wieder berührten die Lippen so sacht meine Haut, als gelte der Kuß einer Reliquie. Dabei fiel das etwas zu lange und zu blonde Haar nach vorn und streifte kitzelnd mein Handgelenk.
Als ich eine Minute später in meinem Zimmer stand, fühlte ich mich plötzlich so schläfrig, daß ich, ohne etwas zu essen, zu Bett ging. Ich löschte das Licht und meinte, ich könnte mir ja im Dunkeln den ganzen heutigen Abend und namentlich die merkwürdige Bekanntschaft durch den Kopf gehen lassen. Aber ich schlief sofort ein und erwachte erst beim Schrillen des Weckers.
Aufstehen, waschen, anziehen, aufräumen, Frühstück – der alltägliche Leerlauf, dem nur die Eile ein wenig Gehalt verlieh. Erst in der Straßenbahn, als ich ins Geschäft fuhr, fiel mir der junge Mann in aller Deutlichkeit ein. Das merkwürdige Mißverhältnis zwischen seinen gepflegten Umgangsformen und seiner offensichtlichen Ignoranz schien mir heute noch verwirrender als gestern. Aber soviel ich darüber in den nächsten Tagen auch nachgrübelte, ich fand keine Erklärung. Und die Episode, die sich vierzehn Tage später ereignete, war nicht gerade dazu angetan, das Rätsel zu lösen.
Es war an einem sehr sonnigen Frühlingsmorgen. Ich trat gerade aus dem Laden meiner Milchhändlerin, bei der ich Brot, Semmeln und Rahm gekauft hatte, und wollte die Tasche daheim abstellen, ehe ich ins Geschäft fuhr.
Vor dem Laden hielt das Lieferauto der Anker-Brotfabrik. Die Tür des Packraums stand offen, und ein Mann war damit beschäftigt, die leeren Semmelkörbe im Inneren zu verstauen. Da sprang der Chauffeur aus dem Wagen und kam mit einem sehr nasal betonten: »Ich küß die Hand, Gnädigste!« auf mich zu.
Es dauerte eine Sekunde, bis ich wußte, wer vor mir stand. Ich streckte wortlos die Hand aus und genoß mit einer Rührung, die mich selber befremdete, den Anblick der Handkußprozedur, die sich nun in allen Phasen wiederholte. Ich spürte die zärtliche Berührung der Lippen und die kitzelnde der allzu blonden, allzu langen Haare. Aber ehe ich etwas sagen konnte, war der Alte hinten mit seinen Semmelkörben fertig und rief etwas in unartikulierten Lauten, die sich kaum die Mühe nahmen, Worten zu ähneln. Der junge Mann warf den Kopf ärgerlich herum, wandte sich aber gleich mit entschuldigendem Lächeln an mich.
»Sie müssen mir verzeihen; das ist halt mein Dienst.«
Er sprang ins Auto. Der andere kletterte brummend hinterdrein und schlug die Tür zu. Ich sah noch, wie sich die schöne linke Hand des Chauffeurs mit der allzu kleinen Armbanduhr zu einem winkenden Gruß vom Lenkrad hob, dann fuhr das Auto davon.
Und wie du zu den Logensitzen gekommen bist, Ernstl, das habe ich erst viel später erfahren.
BRIEFWECHSEL ÜBER DEN OZEAN
Wien, November 1962
Verehrte, liebe Frau Susanne!
Unser Briefwechsel ist im Laufe der Zeit ein wenig träge geworden. Wir brauchen uns deswegen gegenseitig nicht zu entschuldigen. Es sind ja nun dreizehn Jahre, daß Sie Wien verlassen haben, Jahre, die an uns nicht spurlos vorübergegangen sind, obwohl wir beide vergleichsweise seßhaft und ruhig leben – Sie in Ihrer Werkstatt, ich an meinem Schreibtisch. Ich habe selten geschrieben, aber nie, nie gezweifelt, daß meine Briefe bei Ihnen gute Aufnahme finden würden. Doch diesmal habe ich Angst, und ich weiß eigentlich nicht recht, wie ich mein unbescheidenes Anliegen an Sie in eine möglichst bescheidene Form kleiden soll, um die Sympathie, die Sie für mich hegen, nicht auf eine allzu harte Probe zu stellen. Denn diese Sympathie ist es gerade, auf die ich bei meiner Bitte einzig baue.
Vielleicht werden Sie sich schon denken, worauf dies alles hinauswill. Nein – Sie denken ja heute, nach so vielen Jahren, gar nicht mehr an Ihr altes Tagebuch. Ich weiß, es hat seinen Wert für Sie verloren. Es ist eine Schlangenhaut, aus der Sie längst geglitten sind – Sie Beneidenswerte! Aber wir Literaten leben von solchen abgelegten Schlangenhäuten, die dann, von unserer Vorstellungsgabe neu geformt, mit unseren persönlichen Meinungen und Anschauungen lebenswahr ausgestopft, als unser Werk in die Welt hinausgehen.
Als ich vor Jahren Ihre Aufzeichnungen zum erstenmal zur Hand nahm, habe ich sie nicht als Rohstoff betrachtet, sondern – eingedenk der Freundschaft, die uns verbindet – so gelesen, wie man die Memoiren eines Freundes liest: mit Anteilnahme und herzlichem Mitempfinden. Mein warmes Interesse galt damals nur Ihnen und Ihrem Schicksal. Die Autorin dieser Blätter war mir allein wichtig. Freilich hatte sich meine Neugier während des Lesens allmählich auch auf die geschilderten Personen und namentlich auf den Helden ausgedehnt, denn der anfechtbare und doch menschlich begreifliche Charakter dieses Mannes und sein – trotz aller Bewegtheit – trauriges Schicksal haben etwas sehr Anschauliches, sehr Typisches an sich. So wurde schon bei der seinerzeitigen Lektüre der Wunsch in mir wach, den Stoff irgendwie zu verwerten. Das Ihnen gegebene Versprechen der vollkommenen Diskretion ließ diesen Wunsch jedoch damals nicht reif werden. Ich packte die Mappe fest ein und ließ sie in der untersten Schreibtischlade verschwinden, anstatt sie zu vernichten, wie ich es Ihnen versprochen hatte. Können Sie mir diesen Wortbruch verzeihen? Bedenken Sie: Das Vertrauen in die Lebenskraft des geschriebenen Wortes und, was damit Hand in Hand geht, die Ehrfurcht vor Manuskripten sind eine Berufskrankheit des Literaten.
Ab und zu, beim Aufräumen, fand ich das Päckchen in der Lade, schämte mich ein bißchen, nahm mir vor, es zu verbrennen – und schob es dann wieder zuunterst hinein mit der Entschuldigung: Ich muß es noch einmal lesen! Aber es gab immer etwas Wichtigeres – oder besser gesagt: etwas Vordringlicheres zu erledigen.
Doch jetzt habe ich es wieder gelesen, und diesmal war der Gedanke an die literarische Verwertung des Stoffes nicht mehr fortzuscheuchen!
Ich habe bei dem genauen Studium Ihrer Aufzeichnungen festgestellt, daß ich meinerseits gar nicht viel dazutun müßte. Ja, liebe, verehrte Susanne, Ihr Manuskript ist beinahe druckreif, obgleich es nur für Sie und nicht für die Öffentlichkeit geschrieben worden ist. – Oder vielleicht gerade darum! Es würde genügen, einige Kürzungen vorzunehmen, aber auch da nicht viele, weil ja gerade das, was Sie sich so nebenbei gedacht haben und was Ihnen (verzeihen Sie das Wort, das bei einer so klugen und so bewußt lebenden Frau, wie Sie es sind, fast wie Kritik klingen könnte!) unkontrolliert aus der Feder geflossen ist, am packendsten und am unmittelbarsten erscheint. Außerdem müßte man natürlich einzelne äußere Umstände ändern, nach denen vielleicht dieser oder jener Leser die Personen Ihres Lebensromans erkennen könnte. Alles andere ist überpersönlich, geht weit über das Private hinaus und ist mithin für die Literatur interessant.
Nun bin ich dabei, aus Ihrer Niederschrift die ersten beiden Romankapitel herauszuschälen, und sende sie Ihnen dieser Tage, sobald ich fertig bin.
Mit diesem Brief aber wollte ich nicht länger zögern, denn vielleicht ist es besser, wenn Sie vorbereitet sind.
Überlegen Sie, liebe Freundin, ob Sie nicht doch geneigt wären, Ihr strenges Verbot zurückzuziehen. Ich glaube fest, daß Sie mit Ihrem Buch Erfolg haben werden, und es würde mich ehrlich freuen, wenn ich Ihnen zu diesem Erfolg verhelfen könnte. Sie brauchen Ihr Inkognito nicht zu lüften. Wir geben das Buch unter einem Pseudonym heraus, so daß niemand auch nur ahnen kann, wer die Autorin ist. Damit ist dann auch jede Möglichkeit von Rückschlüssen vom Werk auf den Dichter ausgeschaltet.
Schütteln Sie, bitte, nicht jetzt schon den Kopf. Sagen Sie nicht nein, ehe Sie die Sache recht bedacht haben. Überlegen Sie in Ruhe; besprechen Sie sich mit Ihrem Herrn Gemahl. Und wenn der Manuskriptauszug ankommt, lesen Sie ihn so objektiv, wie Ihnen dies möglich ist – so als wären nicht Sie es gewesen, sondern ein Ihnen unbekanntes »Fräulein Sedlak«, das damals in der Loge neben »Ernstl« (jawohl, so heißen die beiden jetzt!) gesessen ist.
Ich erwarte Ihre Antwort erst nach der Lektüre. Ein früheres Nein kann ich gar nicht gelten lassen. Ich sehe ohnedies nicht ohne Besorgnis Ihrem Brief entgegen, denn mein Herz hängt nun schon an diesem Plan, und es wäre für mich ein empfindlicher Schmerz, wenn ich ihn aufgeben müßte.
Leben Sie recht wohl. Grüßen Sie den lieben Mister Reginald herzlich und lassen Sie sich, liebe Frau Susanne, die Hand küssen von Ihrem sehr ergebenen
Jan
Montreal, Dezember 1962
Lieber Jan!
Ihr Brief hat mir nur so lange Freude bereitet, als ich ihn geschlossen in der Hand hielt und Ihren Namen als Absender las. Dann, als ich das Kuvert aufgerissen hatte, war’s mit der Freude vorbei.
Nein, nein, lieber Freund, Ihr Plan ist gar nicht nach meinem Sinn. Ich wollte mich sofort hinsetzen und Ihnen geradewegs absagen; nur Ihre ausdrückliche Bitte, auf das Manuskript zu warten, hat mich davon abgehalten.
Nun, Sie hatten recht, mich darum zu bitten, und es war psychologisch richtig, zuerst die Lektüre von mir zu verlangen. Ich habe meine eigene Geschichte wie die einer fremden Frau gelesen. Ich weiß nicht, ob es an den geänderten Namen lag – ich glaube kaum. Eher daran, daß ich mich so vollkommen geändert habe. Das alles hat nichts mehr mit mir, wie ich heute bin, zu tun. Es ist ein für allemal Vergangenheit. (Gott sei Dank!) Ich kann nicht sagen, daß ich mich dieser Vergangenheit schäme, aber wie so vieles, was man überwunden und hinter sich gebracht hat, ist sie mir ein wenig peinlich.
Bitte, senden Sie mir keine weiteren Fortsetzungen des »Romanes«, denn ich kann damit nichts anfangen. Mich interessiert die Angelegenheit nicht. Allerdings bin ich nicht maßgebend. Mein Bedarf an Belletristik ist beschränkt. Und wenn ich schon ab und zu etwas Derartiges lese, so möchte ich lieber fremde Erlebnisse und Erkenntnisse vorgesetzt bekommen.
Ich habe auch nicht den mindesten Ehrgeiz, literarische Lorbeeren zu ernten, abgesehen davon, daß ich gar nicht glaube, mit diesen Aufzeichnungen sei ein Erfolg zu erzielen. Wenn ich etwas leisten kann, so als Keramikerin. Es ist ohnedies nicht übertrieben viel, aber gerade darum muß ich mich auf dies eine Fach konzentrieren. Aglaia sagte immer, es sei das größte Unglück, vielerlei kleine Talente zu haben. Es hindere die Entfaltung des Talentes. Die Keramikerin »Fräulein Sedlak« ist vor dreizehn Jahren aus Wien fortgegangen, und man hat sie dort gewiß längst vergessen. In Montreal beginnt sich die Keramikerin »Mrs. Hopkins« allmählich mit ihren Arbeiten – und merkwürdigerweise auch als Lehrperson – durchzusetzen. Das bedarf meiner vollen Konzentration. Es hat ohnehin Jahre gedauert, ehe ich hier heimisch geworden bin. Aber darüber habe ich Ihnen ja oft geschrieben.
Nur an eines habe ich mich sofort gewöhnt: an die stete Gegenwart eines geliebten Menschen. Und gerade davor hatte ich mich gefürchtet. Wieder einmal ein Beweis dafür, daß man sich keine Sorgen auf Vorrat machen soll. – Aber ich brauche Ihnen gegenüber kein Loblied auf Reginald zu singen. Sie kennen ihn ja.
Was ich hingegen wohl oder übel tun muß, das ist, auf Ihre Fragen bezüglich des Manuskriptes antworten. Ich kann Ihnen versichern, daß ich den Augenblick verfluche, da ich die Mappe, die ich schon in den Ofen werfen wollte, im Gedanken an Sie wieder beiseite legte. Man soll eben nicht eitel sein!
Also, in Gottes Namen, versuchen Sie’s mit dem Tagebuch, wenn Sie es dringend wollen. Aber keinesfalls unter meiner Firma! Ich zeichne für Ihr Fiasko nicht verantwortlich und will gar nichts damit zu tun haben. Die Konsequenzen Ihres Leichtsinns müssen Sie selber tragen.
Eines noch: Ich kann mich heute nicht so genau an alles erinnern, was ich geschrieben habe. Möglicherweise sind Stellen darin, die wirklich nur für mich bestimmt waren und die eigentlich sogar Sie nicht hätten lesen dürfen. Ich bitte Sie daher nochmals um Diskretion – wenn auch jetzt nicht mehr für mich, sondern für die weibliche Erzählerin Ihres Romans, die Sie dankenswerterweise Sedlak genannt haben.
Ich erteile Ihnen meine Einwilligung schweren Herzens, aber ich habe nicht das Recht, sie Ihnen zu verweigern, nachdem ich das Tagebuch nun einmal aus den Händen gegeben habe. Ich wünsche Ihnen Erfolg mit Ihrer Arbeit. Reginald kann jetzt von seinem Mikroskop nicht fort, um diesem Brief von sich aus einige Zeilen hinzuzufügen. Er läßt Sie herzlich grüßen, was ich in seinem und meinem Namen hiemit tue.
Ihre alte Freundin
Susanne H.
DER ERSTE AUFTRAG
(Susannens Aufzeichnungen vom 17. März 1945)
Heute sind wir wieder fünf Stunden von unserer Geschäftszeit im Keller gesessen. Eigentlich ist mir nur das Frieren daran lästig. Die Angst und Aufregung der anderen kann ich nicht teilen. Es war ja von vornherein damit zu rechnen, daß es so kommen wird. Außerdem sind es die einzigen Stunden, in denen ich sicher bin, nicht beobachtet zu werden. Jeder ist zu sehr mit sich selbst beschäftigt.
Wenn nur Margot nicht so viel und so unbedacht schnattern wollte! Das geht die ganze Zeit: hinauf auf die Gasse, hinunter in den Keller und wieder hinauf …
»Ach Frau Sedlakchen, nu haben se uns wieder überflochen! Und alle sind se zu uns, nach dem siebenten Bezirk. Sie werden sehen, heute passiert noch was. Ich hab so ’n komisches Jefühl in mir!«
»Aber Margot, so setzen Sie sich doch endlich hin und geben Sie Ruhe.«
»Nee, nee – jetzt ist’s wieder ganz still oben, hören Sie? Ich geh’ wieder mal kucken. In dem ollen Keller kriecht man sowieso bloß kalte Füße.«
Hinauf auf die Gasse, hinunter in den Keller …
»Frau Sedlakchen, nu is’ so weit. In unserer Richtung brennt’s. Ich bin eben mal auf dem Dachboden jewesen, mit der Angela und mit der Mizzi von der Parfümerie. Man sieht deutlich Rauch. Es kann nich weit von uns sein. So recht nahe vom Flakturm. Daß die Biester och ausjerechnet vor unser Haus dat alberne Zeuch haben hinbauen müssen!«
Margot hat recht; der Flakturm ist auch für mich eine ständige Beunruhigung, denn der wird früher oder später bestimmt zum Bombenziel. Aber »die Biester« und ähnliche Offenheiten aus ihrem Mund sind doch immer wieder unnötige Gefährdungen. Man weiß, daß sie jetzt bei mir wohnt und daß ihr Enthusiasmus vor zwei Jahren, als sie bei uns als Hilfsmanipulantin eintrat, noch unerschütterlich schien. Grund genug für die Franzi, deren Mann Gestapobeamter ist, die jähe Wandlung in Margots Weltanschauung meinem Einfluß zuzuschreiben, nicht bedenkend, daß eine junge Stalingradwitwe auch ohne meine Bekanntschaft alle Veranlassung hätte, verbittert zu sein. – (Arme Margot! Wenn sie wüßte, daß ich sie als Witwe bezeichne! Sie hofft ja immer noch auf ein Wiedersehen mit ihrem Ferdl.)
Übrigens sind ihre Prophezeiungen unseres Ruins für heute noch nicht zur Wirklichkeit geworden. Die Eingangstür ist allerdings aus den Angeln gehoben und geborsten obendrein. Alle Gang- und Küchenscheiben sind kaputt; aber vorne in den Zimmern ist so gut wie nichts passiert. Nur der Staub liegt dick wie ein grauer Samtbelag auf allen Gegenständen.
Das Gröbste haben wir fortgekehrt und mit Hilfe der Hirzberger auch die Tür mit zwei Kistendeckeln unternagelt und eingehängt. Sie läßt sich zwar nicht verschließen und man muß ein Küchenkastl über Nacht davorrücken, aber es ist doch immerhin wieder eine Tür. Vielleicht können wir sie morgen wenigstens mit einem Vorhängeschloß versehen, sonst muß Margot daheim bleiben, und ich gehe allein ins Geschäft, um im dortigen Luftschutzkeller »acte de présence« zu machen.
Kein Raum eignet sich jetzt so gut zur Meditation wie der Luftschutzkeller. Die Ecke, in der ich sitze, ist finster und still. Die alte Klavierlehrerin mir gegenüber betet stimmlos ihren Rosenkranz und schläft zwischendurch immer wieder ein. Wenn Margot oder die Lehrmädchen nicht dahergehummelt kommen, um ihre Sensationsnachrichten loszuwerden, dann habe ich Zeit, mich auf deine Geschichte, Ernstl, – mein eigentliches Werk jetzt – zu konzentrieren. So ist mir heute unsere dritte Begegnung greifbar deutlich wieder eingefallen:
Es mochte etwas mehr als ein Jahr verflossen sein, seit ich den jungen Mann mit seinem Brotauto hatte davonfahren sehen. Ich will nicht leugnen, daß ich in der ersten Zeit meine Einkäufe bei der Milchfrau absichtlich in der Früh tätigte. Mehrmals gelang es mir, das keineswegs pünktliche Eintreffen des Lieferwagens abzuwarten. Gelegentlich kam ich gerade noch zurecht, um es fortfahren zu sehen. Aber neben dem grämlichen Brotausträger saß stets ein magerer, dunkelhäutiger Mensch am Lenkrad. Anscheinend hatte mein junger Freund in diesem Bezirk nur aushilfsweise Dienst gemacht.
Mit der Zeit gab ich es auf. Ich sah auch ein, daß es sinnlos war, meine Tageseinteilung nach einem belanglosen Chauffeur mit Tanzstundenmanieren und der Mentalität eines Backfisches zu machen. Uninteressante Leute hatte ich genug im Geschäft. Meine einzige geistige Ansprache war damals Aglaia. Zu ihr ging ich lernen in jeder Hinsicht – nicht nur im eigentlichen, handwerklichen Sinn.
Der Unterricht bei ihr begann meist mit ernster Arbeit. Aglaia setzte eine strenge Miene auf, sprach und erklärte an Hand lebender Modelle. (Sie kannte eine Unzahl von jungen, freundlichen Menschen, Burschen und Mädchen, die mit Begeisterung stillsaßen und stolz waren, Modell spielen zu dürfen.) Ich arbeitete unter ihrer Anleitung in Ton und Wachs, und diese schmiegsamen Materialien, die sich von Hand und Spachtel gefügig formen ließen, kamen meiner schwächlichen Begabung so entgegen, daß ich mich oft wunderte, wie rasch sich unförmige Klumpen belebten und Gestalt annahmen.
Aglaia selbst war nicht entzückt darüber.
»Ich wollte«, sagte sie, »du müßtest härter um die Form ringen. Es fällt dir zu leicht. Du spielst, wo du arbeiten solltest. Die Kunst muß einen recht sauer ankommen, sonst bleibt man sein Leben lang ein vielversprechender Dilettant.«
Leider hatte sie recht! Wenn ich nämlich versuchte, meine flotten Figurinen aus den tönernen Skizzen in Stein zu übertragen, dann sah ich erst, wie wenig ich vermochte. Ich plagte mich und schwitzte. Meine Hände bekamen Schwielen, aber der Block vor mir blieb so steinern und unbeseelt, daß Aglaia, die vorhin mit Lob gegeizt hatte, nun nicht genug Worte des Zuspruchs und der Aufmunterung finden konnte, um meine Verzweiflung zu lindern.
Am späten Abend kam meist Aglaias Freund, Berti. Es war rührend und ein wenig peinlich, zu sehen, wie sich ihre derben Züge verschönten und ihre energische Männlichkeit schmolz, wenn dieser schmächtige Mensch das Zimmer betrat. Er war fast zwei Jahrzehnte jünger als sie und damals noch weit von den Dreißig entfernt. Dennoch wirkte er nicht jung. Aglaia mit ihrem graumelierten Löwenhaupt und ihrem ältlichen, von vielen Runzeln gezeichneten Antlitz mußte Jugendfrische, beschwingte Lebendigkeit und Elan für sie beide aufbringen.
Um der übertriebenen Adrettheit willen, die Bertis Außeres kennzeichnete und die offenbar jene Bemühungen widerspiegelte, mit denen er die Zwiespältigkeit seines Wesens »adrett« zu halten versuchte, nannte Aglaia ihn scherzhaft Thomas Buddenbrook, pflegte dann aber bei dem Gedanken an den frühen und plötzlichen Tod dieser Romangestalt stets zu erschrecken und eine ihrer alttestamentarischen Beschwörungsformeln zu murmeln, die ähnlich lauteten wie: »Dir zum Leben!« oder: »Bis hundert Jahr’!«
Bertrand Lamarque – so hieß Berti – war kurz nach dem vorigen Krieg als französischer Student in Wien aufgetaucht, mit der Absicht, ein bis zwei Semester Germanistik und Kunstgeschichte zu hören. Ich weiß nicht, bei welcher Gelegenheit er Aglaia kennenlernte; jedenfalls scheint er sehr bald zur Überzeugung gelangt zu sein, daß sie ihm die Sicherheit gab, die er brauchte, und daß nur in ihrer Nähe das Leben lebenswert war. Nach Frankreich zog ihn nichts zurück. Er war Vollwaise, und die geringe Barschaft, die seine Großmutter ihm hinterlassen hatte, war ohnedies längst für sein Studium verausgabt.
Nun verdiente er sich seinen Unterhalt schlecht und recht als Journalist und Übersetzer. Einen »geistigen Gelegenheitsarbeiter« nannte er sich, was nicht ganz zutraf, da er des Sommers auch als Tennistrainer tätig war. Dieser geliebte Sport ging, als Beruf ausgeübt, stets über seine Kräfte, so daß er gegen Saisonende tiefliegende Augen bekam und an heftigen Migränen litt. Aber warum schreibe ich dies alles, da ich doch nur Ernstls Schicksal rekonstruieren will? – Ja natürlich, weil ich mich gerade auf dem Wege zu Aglaia befand und es sogar ziemlich eilig hatte, als ich auf der Gasse hinter mir rasche Schritte vernahm und eine bekannte, doch nicht gleich erkannte Stimme sagen hörte:
»Oh, Sie gehen aber rasch! Ich kann Sie kaum einholen.«
Es war mein Brotwagenchauffeur. Mit seinen vom Laufen geröteten Wangen und den windzerzausten, sehr hellblonden Locken sah er strahlend aus. Heute wirkte alles natürlich und echt an ihm. Er war der gesunde, sportliche Bursche, etwas gewöhnlich, aber sympathisch, freundlich und aufgeschlossen. Es schien unbegreiflich, daß solch lebensnahen Jüngling Traviatas Arientod zu Tränen gerührt haben sollte. Sein Trenchcoat war frisch gereinigt. Man sah darunter eine neue, hellbraune Hose aus dickem englischem Wollstoff und ebenfalls neue, modische Straßenschuhe.
»Wie gut, daß ich Sie noch treffe«, sagte er. »Ich bin oft an Ihrem Haus vorbeigegangen, hab’ aber nicht gewagt, Sie zu besuchen. Ich hatte Ihren Namen vergessen und wollte nicht nach Ihnen fragen.«
»Oh, das hätten Sie aber ruhig tun können«, sagte ich und empfand den Gedanken, daß er mich hatte wiedersehen wollen, wohltuend. Gleich wurde ich mir aber der Lächerlichkeit dieser Anwandlung bewußt, und ich fügte, um mich selbst zu bestrafen, hinzu: »Es gibt nur eine Bucklige im Haus.«
Er sah mich etwas bestürzt an, so als sei er auf diese allzu direkte Antwort nicht vorbereitet gewesen. Aber er faßte sich schnell und sagte mit einem Anflug von Verlegenheit, die ganz natürlich und darum rührend klang: »Ich … ich hab halt nicht gewußt, ob sich das schickt.«
»Alles schickt sich, was freundlich gemeint ist.«
Sein Blick verriet mir, daß ihm diese banale Eröffnung neu war und daß er ihr keinen Glauben schenkte.
Unweit der Piaristenkirche blieb er vor dem Schaufenster eines Antiquitätenhändlers stehen.
»Schauen Sie«, sagte er und wies auf einen wirklich sehr hübschen Barockputto, der anachronistisch auf dem Rand eines Empireschreibtisches saß. »Ich komme fast jeden Tag hierher und stehe vor der Auslage. Ich liebe dieses Engelchen!«
Dieser letzte Satz hatte ein wenig affektiert geklungen. Ich betrachtete meinen Begleiter von der Seite. War es möglich, daß ein junger Lastwagenfahrer für Antiquitäten schwärmte?
Er bemerkte meinen prüfenden Blick wohl nicht, wie er überhaupt kaum noch zu wissen schien, daß ich neben ihm stand. »Wenn der so auf meinem Bücherkasten sitzen tät’ … so auf einer Ecke, wissen Sie …«
»Haben Sie einen Bücherschrank?«
»Nein … noch nicht«, gab er zögernd zurück. »Aber bei unserem Generaldirektor sitzt ein Engel auf der Bücherwand. Das macht einen sehr vornehmen Eindruck.«
Ich mußte lachen.
»Übrigens ist meiner viel, viel schöner als der beim Herrn von Scholz«, fügte er rasch hinzu.
»Ihrer? Sie reden ja, als ob der Putto da Ihr Eigentum wäre.«
»Wieso Putto?« Er sah mich fragend an.
»Solche pausbäckigen Barockengelchen werden Putten genannt. Es kommt aus dem Italienischen.«
Der junge Mann strahlte.
»Sehr gut. Also das ist ein Barockengel und heißt Putto«, wiederholte er, als handle es sich um eine Lektion. Und dann wieder in die Unbefangenheit seiner zwanzig Jahre zurückfallend, sagte er: »Und ich hab ihn immer Wastl genannt. Finden Sie nicht, daß er Wastl heißen sollte?«
» Ja, das paßt sogar sehr gut. Sebastian war ein häufiger Name in der Zeit, als dieser Engel geschnitzt worden ist. Übrigens war der Märtyrertod des heiligen Sebastian ebenfalls ein beliebtes Thema der Barockbildhauer.«
Der Bursche machte große Augen. Ich hatte den Eindruck, als sei er bemüht, jedes meiner Worte, die den von ihm bewunderten Gegenstand betrafen, auswendig zu lernen. Im allgemeinen litt ich selbst unter meinen Bildungslücken und fühlte mich ganz und gar nicht dazu berufen, andere, noch weniger Gebildete zu schulmeistern. Dennoch tat es mir unleugbar wohl, daß meinen beiläufigen Äußerungen so viel Gewicht zugemessen wurde. Schließlich wandte sich mein Begleiter zum Gehen, mit einer Gebärde, als risse er sich nur schwer von dem geliebten Engel los.
»Ich war drin«, sagte er, »und hab gefragt, was er kostet, der Putto. Aber ich kann ihn mir nicht leisten. Ich verdiene im halben Jahr nicht das, was der alte Gauner für ihn verlangt.«
Schon vor einem Augenblick war mir die Idee gekommen, daß man ja ein solches Engelchen kopieren und diesem merkwürdigen Kunstliebhaber zum Geschenk machen könne. Ich hatte den Gedanken rasch unterdrückt, aber jetzt kleidete er sich wider mein besseres Wissen plötzlich von selbst in Sätze.
»Das glaub ich, daß der teuer ist«, sagte ich. »Aber man könnte ja einen nachmachen; aus Ton zum Beispiel, und dann entsprechend bemalen, gleich mit recht schmutzigen und ausgeblichenen Farben, damit es wie Patina aussieht …«
Ich erschrak über meine eigenen Worte. Das klang ja, als trüge ich mich an, diesem fremden jungen Menschen ein Geschenk zu machen. Und so schien er es auch tatsächlich aufzufassen.
»Wirklich? Könnten Sie das? Sie würden einen Wastl für mich machen? Ganz so wie der in der Auslage? Oh, ich habe ja gewußt, daß Sie eine Künstlerin sind! Gleich beim ersten Blick hab ich das gewußt!«
»Ganz so wie der in der Auslage würde er nicht sein. Der hier ist zweihundert Jahre alt und holzgeschnitzt, während meiner nur eine beiläufige Kopie aus Ton – also wertlos – wäre.«
»Aber er könnte doch ebenso aussehen?«
»Das wohl. Äußerlich und oberflächlich betrachtet – ja.«
»Dann ist es doch egal, ob er aus Holz ist und zweihundert Jahre alt oder nicht«, gab er zurück und setzte dann weltklug hinzu: »Und wenn man den Unterschied sowieso nicht merkt, kann man jedem sagen, daß er vom Antiquitätenhändler stammt. Auf den Bücherkasten darf halt niemand hinaufklettern. Und weiß ich denn, ob der bei Herrn von Scholz echt ist? Würden Sie das erkennen?«
Ich zuckte lachend die Schultern.
»Ich glaube schon; wenn er nicht gar zu hoch und gar zu sehr im Dunkeln sitzt. Außerdem würde es genügen, Ihren Herrn Scholz näher anzuschauen, um zu entscheiden, ob er sich mit einer Nachbildung begnügt.«
»Von Scholz, er ist sogar Baron!« warf er ein.
»Ich bin entzückt, daß Sie einen so vornehmen Chef haben«, sagte ich irritiert. »Um so mehr zweifle ich daran, daß es mir gelingen würde, einen Putto zu erzeugen, der Ihrem an aristokratischen Häusern geschulten Geschmack genügen könnte.«
Er nahm meine Hand in seine großen, etwas allzu weichen Hände. Sein Gesicht war von der Aufregung gezeichnet und wirkte jetzt wieder um Jahre älter. Auch das Jungenhafte seiner Worte hatte die Echtheit von vorhin eingebüßt und klang wie die Treuherzigkeit eines Naturburschen aus der Operette. Aber nun kannte ich meinen Begleiter schon gut genug, um zu wissen, daß er sich gerade jetzt in wirklicher Gemütsbewegung befand und daß die theatralischen Äußerungen seiner Erregung an ihm echter waren – nämlich Tieferes und Schwererwiegendes auszudrücken hatten – als die Unmittelbarkeit von vordem.
»Bitte, bitte«, sagte er im treuherzigen Naturburschenton, »bitte, liebe, verehrte Gnädigste! Sagen Sie, daß Sie mir einen solchen Putto machen werden! Ich wäre ja so glücklich …«
Ich war wieder einmal der Situation nicht gewachsen und ärgerte mich über mich selbst. Was war mir eingefallen, diesem fremden Jüngling etwas von meiner bildhauerischen Liebhaberei einzugestehen? Sollte ich nun gar einen Auftrag annehmen? Sollte ich für diesen Lausbuben Barockplastiken kopieren? Was denn nicht noch! Und schon wollte ich energisch den Rückzug antreten, als ich seinen Augen begegnete.
Sie hatten sich merkwürdig verschleiert, so als seien sie nahe daran, in Tränen zu stehen. Aber möglicherweise waren das nur Reflexe der immer stärker herabsinkenden Dämmerung. Sie sahen mich so bittend an, als hinge von meinem Ja oder Nein Entscheidendes ab. Dann – als erschrecke er selbst vor der Intensität seines Schauens – ließ er die Augen rasch zur Seite gleiten. Das heißt: nur das rechte glitt rasch fort, während das linke mit merklicher Verspätung folgte. Ich weiß nicht, was mich an diesem zeitweise auftretenden Schielen plötzlich so bewegte. Vielleicht nur die Erinnerung an die Situation in der Opernloge, die sofort in voller Lebendigkeit vor mir stand. Jedenfalls fand ich nicht mehr den Mut, abzulehnen.
»Na ja«, meinte ich unbestimmt, »darüber ließe sich reden.«
»O ja, o ja, ich weiß, wenn ich wiederkomme, dann erwartet mich mein Putto in Wien.«
»Sie sprechen vom Wiederkommen? Verreisen Sie denn?« fragte ich gleichgültigen Tones und dachte bei mir: Hoffentlich für lange! Und bis er zurückkommt, wird er seine Bitte vergessen haben.
» Ja, leider«, sagte er, als fiele es ihm erst jetzt so recht aufs Herz, daß seine Abreise mit dem Wunsch in Widerspruch stand, den soeben erteilten künstlerischen Auftrag ausgeführt zu sehen. »Das war ja der Grund, warum ich Ihnen nachgelaufen bin. Ich wollte mich verabschieden. Ich gehe nach Budapest.«
»So? Sie sind also nicht mehr in der Brotfabrik beschäftigt?«
»Nein. Das war nichts für mich.«
»Darf man fragen, warum?«
»Ach, schauen Sie, Gnädigste, wenn man etwas Besseres gewöhnt war … Ich habe in letzter Zeit beim Generaldirektor als Privatchauffeur Dienst gemacht, weil der Ebergassner operiert worden ist. – Ja, das ist etwas anderes. Da lernt man das Leben kennen. Man wohnt im Cottage! (Er sagte Kotésch.) Gleich in der Frühe fährt man die Baronesse ins Institut und später am Vormittag die Baronin zum Friseur oder in einen der Modesalons in der Stadt. Und abends, da wartet man vor dem Burgtheater auf die Herrschaften oder vor der Wohnung eines Ministers. Aber jetzt ist der Ebergassner wieder gesund, und ich hab zum Brotliefern zurückmüssen.«
»Ist denn das so schlimm? Brotausfahren ist doch ein vernünftiger Beruf! Brot brauchen die Menschen. Eine gnädige Frau zum Friseur zu fahren, hätte für mich gar nichts Mitreißendes.«
Er schüttelte lachend den Kopf, als nehme er meine Worte nicht ernst. »Was kann man beim Brotfahren schon lernen? Immer kommt man nur mit Krämern und Milchfrauen zusammen. Das hat doch gar keinen Zweck!«
Ich fragte mich, ob man als Chauffeur bei Generaldirektoren so viel lernen konnte, außer, daß sie Innenarchitekten beschäftigten, die ihnen Barockplastiken auf Bücherschränke setzten, weil dies ein modischer Ausdruck von Geschmackskultur war. Schon wollte ich etwas Derartiges äußern, aber wir waren vor Aglaias Haus angelangt, und ich beschloß, das Gespräch nun nicht mehr in die Länge zu ziehen.
»Budapest, das ist für mich eine Chance«, hörte ich meinen Begleiter sagen.
»Was gedenken Sie dort zu tun?« fragte ich.
»Vorläufig dasselbe, was ich hier tue: einen Wagen lenken. Einen fabelhaften Lancia übrigens. Ein ungarischer Industrieller, Herr Barany, ein sehr feiner Mensch, mit dem ich im Café Heinrichshof bekanntgeworden bin, hat mich engagiert.«
Es war nun schon recht dunkel. Die Straßenbeleuchtung brannte bereits. Ich dachte, daß Aglaia sich über meine Unpünktlichkeit wundern werde, und sann nur auf einen schicklichen Abbruch des Gespräches. Der junge Mann schien mir jetzt wieder völlig uninteressant und nicht wert, daß man um seinetwillen eine Sekunde von Aglaias Unterricht versäumte. Im selben Augenblick bemerkte ich Berti, der die Gasse überquerte und auf das Haustor, vor dem wir standen, zusteuerte. »Ich küß die Hand, Suse«, sagte er, ohne stehenzubleiben, indem er den Hut zog. »Ich dachte, Sie seien längst oben.«
»Ja, ich komme schon. Sagen Sie bitte Aglaia, daß ich gleich da sein werde. Ich bin ohnedies sehr verspätet.«
Berti warf einen leise belustigten Blick auf meinen Begleiter und trat ins Haus.
»Ich werde erwartet«, sagte ich.
»Schade!«
»Also … dann viel Glück für Budapest!«
»Aber nicht wahr, Sie vergessen nicht, was Sie mir versprochen haben – den Wastl! Ich bleibe sicher nicht länger als ein Jahr weg. Auf die Dauer könnt’ ich ohne mein Wien ja doch net sein!«
Mein Wien – es klang so lächerlich in seinem Mund wie ein Schlagertext. Noch dazu war er bei diesen letzten Worten wieder in den Graf Bobby-Ton gefallen, der mich schon damals nach der Traviata-Aufführung geärgert hatte. Und wieder fragte ich mich, warum ich mit diesem zugleich banalen und affektierten Bengel so viele unnötige Worte machte und so viel kostbare Zeit verlor. Rasch reichte ich ihm die Hand.
»Auf Wiedersehen!«
Die allzu blonden Locken fielen ihm in die Stirn, als er in der Tanzstundenverbeugung zusammenknickte, und kitzelten mich eine Sekunde später am Gelenk, als er meinen rauhen Handrücken mit priesterlicher Andacht küßte. Ich ergriff die Klinke des Haustors.
»Nur eine Frage noch, Gnädigste, verzeihen Sie mir bitte …« Bei dem unsicheren Klang seiner Stimme wandte ich mich um.
»Was heißt eigentlich …«, er schien mit aller Mühe das Wort aus dem Gedächtnis zu rekonstruieren, »Pa-ti-na?«
Ich hätte am liebsten laut aufgelacht, aber im selben Augenblick erschrak ich, weil ich fühlte, daß es nicht Spott war, was mich zum Lachen reizte, sondern Rührung. Ja, eine eigentümlich herzliche Rührung, von der es nur noch ein Schritt gewesen wäre, diesen bezaubernden, dummen Jungen da vor mir wie eine Mutter in die Arme zu nehmen und auf die Stirn zu küssen.
»Patina nennt man die Verunreinigungen, die sich mit der Zeit auf alten Kunstwerken abgelagert haben. – Auf Wiedersehen!« Ich schloß rasch das Haustor.
Vor mir lagen die wenigen Schritte bis zu Aglaias Atelier im Hinterhof. Ich dachte mit Schrecken daran, daß sie es mir anmerken würde, wie stark mein Herz hämmerte.
UNTERRICHTSSTUNDEN
(Susannens Aufzeichnungen vom 18. März 1945)
»Ich weiß alles, und Entschuldigungen werden nicht entgegengenommen!« rief Aglaia lachend, als ich eintrat. »Man läßt die greise Mentorin einsam und gramvoll warten und erlustiert sich derweilen auf der Gasse mit lockenhäuptigen Epheben! So – sehr schön! Das will ich mir merken!«
Ich sank, immer noch nach Atem ringend, in die Knie, küßte andeutungsweise den Saum von Aglaias Gewand, schlug dreimal gegen meine Brust und hob dann, wortlos um Vergebung flehend, meine Hände in die Höhe.
Aglaia half mir mit dem ganzen Aufwand ihrer wuchtigen Person auf die Füße und drückte mich so stürmisch auf den Diwan, daß Berti, der dort schon saß, Mühe hatte, seine zierliche Pose mit der Teetasse in der Hand beizubehalten. Auch ich bekam nun meinen Tee, den Aglaia herrlich wie niemand sonst zu bereiten wußte und den sie dann unter »O je!«-Rufen so verschwenderisch einschenkte, daß die Hälfte auf das Tischtuch oder die Kleider der Gäste rann.
Ach, Aglaia war einmalig! In ihrer tiefen, honigdunklen Stimme lag die ganze Wärme eines intensiven Herzens. Ihre groß angelegten Gebärden waren die bildhaften Äußerungen einer weiten, vorurteilslosen Seele. Fremdes Schicksal war ihr so gegenwärtig wie das eigene. Sie konnte über das Mißgeschick des gleichgültigsten Menschen bittere Tränen vergießen und an seinem Glück mit Lachen und Freudensprüngen teilnehmen, die bei ihrer massigen Gestalt und ihren Jahren unsäglich überraschend und komisch wirkten.
Es ist schwer, ihr Bild zu umreißen, aber eines steht fest: in ihrer Gegenwart glaubte man zu wissen, daß die Welt eine göttliche Schöpfung sei und das Leben eine Gnade. – Arme Freundin, dein eigenes Schicksal ist eher dazu angetan, den satanischen Ursprung der Welt und die Sinnlosigkeit aller Bewährung im Leben zu beweisen!
»Berti hat mir schon andeutungsweise von deinem Adonis erzählt«, kicherte Aglaia.
»Kennen Sie ihn denn?« fragte ich erstaunt.
»O ja, ein wenig«, murmelte Berti, »eigentlich bloß vom Sehen«, fügte er rasch hinzu.
»Ich kenne ihn selbst nur flüchtig und weiß nicht einmal seinen Namen.«
»Schade«, gab er zurück. »Wenn Sie besser mit ihm befreundet wären, hätten Sie vielleicht Gelegenheit gehabt, die berühmte … (er nannte den Namen der rumänischen Gastsängerin), die jetzt an die Metropolitan verpflichtet wurde, als Traviata zu hören.«
Ich machte ein dummes Gesicht und stellte die Tasse weg.
»Wieso … wieso wissen Sie denn das?«
»Was?«
»Na, daß ich mit diesem Jüngling in der Oper war und noch dazu wirklich bei Traviata.«
»Das wußte ich zwar nicht, aber ich höre es ohne Staunen, da ich das Vergnügen hatte, dabei zu sein, als Ihrem Freund die Eintrittskarten eingehändigt wurden.«
»Er ist nicht mein Freund, Berti, so hören Sie doch auf, mich zu necken! Aber jetzt möchte ich wissen, wie das mit den Opernkarten war.«
Wir saßen in der gemütlichen Sitzecke von Aglaias Atelier. Zu unseren Füßen war die elektrische Sonne eingeschaltet. Aglaia schnitt große Brotscheiben vom Laib herunter, bestrich sie mit Sardellenbutter und legte dann noch Wurst darauf, wobei sie immer, wenn sie sich unbeobachtet glaubte, die schönsten Wurststücke an die Siamkatze verfütterte, die nach alter Gepflogenheit ungeniert auf dem Teetisch hockte. Die hohe Stehlampe beleuchtete Aglaias Lehnstuhl, den Tisch und den Diwan, auf dem Berti und ich saßen. Der Rest des weiten Raumes lag im Dunkel. Aglaias Plastiken, große Gipsabgüsse in tragisch erstarrter Gebärde, halbbehauene Marmorblöcke monumentalen Gepräges und noch unfertige, in feuchte Tücher gewickelte Tonfiguren umragten uns und sahen so aus, als seien sie gerade in diesem Augenblick stehengeblieben, um aus respektvoller Entfernung und in konzentriertem Schweigen Bertis Erzählung mitanzuhören.
Die Sache hatte sich folgendermaßen zugetragen:
Berti, der wie jeder unglückliche Reporter dauernd auf der Suche nach Neuem, Aufregendem und Interessantem sein mußte – oder doch wenigstens nach Dingen, die bei den Zeitungslesern als solche galten –, hatte das Café Heinrichshof zu einem seiner Standplätze erwählt. Ausländische Gäste, vornehme und weniger vornehme Reiche, Filmleute, arrivierte Künstler, mondäne Frauen und Snobs aller Art konnte man in diesem repräsentativen Stadtkaffeehaus um jede Tageszeit beobachten. Die Nähe der Opernkreuzung, also eines Verkehrsbrennpunktes, bot ebenfalls Gelegenheit zu Erlebnissen und Erfahrungen, deren Schilderung dann den Wissensdurst der Pressekonsumenten befriedigen sollte.
Aus ähnlichen Gründen mochte wohl auch der junge blonde Mensch in das Café kommen, den Berti öfters hier antraf und der mit unverhohlenem Interesse an allem teilnahm, was sich im Saal begab. Zuerst glaubte Berti in ihm einen Kollegen sehen zu müssen; da er ihm aber niemals bei Presseempfängen oder in Redaktionen begegnete, gab er diese Annahme auf. Sollte es sich also um einen Detektiv handeln? Es war denkbar, ja wahrscheinlich, daß die Polizei oder ein privates Detektivbüro einen Vertreter nach dem mondänen Lokal entsandte. Aber wenn dies zutraf, so hatten die Vorgesetzten des jungen Burschen mit seiner Wahl einen Fehlgriff getan. Sein Betragen als Beobachter war viel zu auffällig. Niemand, der ihn auch nur einen Augenblick lang betrachtete, konnte annehmen, daß er die Illustrierte, die er in Händen hielt, tatsächlich las. Seine braunen Augen liefen unablässig von einem Gast zum andern, wobei es manchmal für den Bruchteil einer Sekunde so aussah, als schielte der junge Mensch. Leute, die still an ihren Tischen saßen oder in gedämpftem Ton und mit diskretem Gehaben Gespräche führten, schienen ihm uninteressant, obgleich Berti ihm hätte sagen können, daß gerade sie der Beobachtung würdig seien. Gäste hingegen in effektvollen Kleidern mit lautem Umgangston und dick aufgetragener Bedeutsamkeit machten auf den jungen Mann einen tiefen Eindruck. Je öfter er ins Kaffeehaus kam, desto sichtbarer wurde es, daß er sich an den letzteren ein Beispiel nahm. Sein ursprünglich eher schüchternes Auftreten wurde etwas zu sicher. Er rief mit hallender Stimme nach dem Kellner, bestellte immer den gleichen »kleinen Nußbraunen« mit einem Nachdruck, als wolle er durch seine Zeche den ganzen Betrieb aufrechterhalten, und er räkelte sich betont lässig in seinem Sessel. Offenbar war er bestrebt, es den modischen jungen Herren gleichzutun, die in tausend kleinen Abwandlungen – aber im Grunde zum Verwechseln ähnlich – zu den Habitués des Hauses gehörten. Diese Herren sprachen untereinander entweder aristokratisch genäselten Dialekt und tauschten übertriebene Höflichkeiten aus, oder sie warfen, dem Zug der Zeit Rechnung tragend, in salopper Sportlichkeit mit »Okay!«, »All right!« und »Hallo Baby!« um sich, womit vielleicht schon ihr ganzer englischer Wortschatz erschöpft war.
Der junge Mann hielt es mit zunehmender Akklimatisierung für angemessen, sich nach den näselnden Herren zu richten, obgleich sich seine gedrungene Sportlererscheinung mit dem muskulösen Nacken für den »Cave-man-Typ« zweifellos besser geeignet hätte. Er selbst gehörte jedenfalls nicht zu all dieser vielversprechenden Jugend, denn er saß immer allein und wurde von den anderen weder mit nasalem »Servus, grüß dich!« noch mit quakendem »Hallo!« angesprochen. Ob er es überhaupt darauf anlegte, Anschluß an die gesellschaftlichen Kreise zu finden, die hier verkehrten, war nicht recht klar, denn er machte gar keine Anstalten, um mit irgend jemandem im Saal ins Gespräch zu kommen. Vorläufig begnügte er sich mit der Rolle des Beobachters, und zwar so naiv unverfroren, daß Berti öfters eine leise Nervosität und manchmal sogar deutlichen Unwillen bei den aufs Korn genommenen Gästen zu bemerken glaubte. Überhaupt wirkte der Jüngling bei aller Mittelmäßigkeit recht auffallend, wozu seine fast platinblonde Mähne (die vielleicht Natur, möglicherweise aber gefärbt war) noch wesentlich beitrug.
Nun hatte anscheinend auch die rumänische Sopranistin, die ein paar Tage vor ihrem Gastspiel nach Wien gekommen war, den Heinrichshof zu ihrem Stammlokal erwählt. Berti kannte sie von dem Presseempfang, der ihr zu Ehren in der rumänischen Botschaft gegeben worden war. Er hatte sogar in seinem Blatt über sie geschrieben und rühmend hervorgehoben, daß die Künstlerin die Rolle der Violetta eigens für ihr Wiener Gastspiel deutsch einstudiert habe, obgleich sie die Sprache nicht beherrsche.
Täglich um die gleiche Zeit betrat die Sängerin energischen Schrittes den Saal und nahm an einem Ecktisch Platz. Zufällig war der junge Mann am ersten Abend in der Nähe gesessen. Von nun an bemühte er sich, immer wieder in ihrer Nachbarschaft Posten zu beziehen.
Obgleich Traviata weder schön noch jung war, wunderte es Berti nicht, daß der kindische Detektiv sie unverwandt betrachtete und Kalbsaugen machte, denn diese Kalbsaugen galten weniger der Weiblichkeit der Diva als ihrem exotischen Gehaben. Sie kam öfters in Begleitung von Herren, mit denen sie bei aufgeregtem Mienenspiel ihres groß angelegten, intelligenten Gesichtes eifrig plauderte. Es war klar, daß in den Gesprächen, die in der temperamentvoll und melodisch dahinrollenden Muttersprache der Frau geführt wurden, einzig von Engagementvorschlägen, Regieanweisungen, Partituren und Proben die Rede war. Die Künstlerin gefiel sich in so pompösen Opernbewegungen, ihre schöne Stimme, die auch im Sprechen die Primadonna ahnen ließ, klang so tragend, ihre Hüte und Pelze wirkten so extravagant, daß des jungen Gimpels Gaffen nur zu begreiflich war.
Zweifellos hatte die Dame den Bewunderer bemerkt, aber an Erfolg gewöhnt, nahm sie seine zudringlichen Blicke als selbstverständliche Huldigung entgegen und schenkte ihnen nicht die mindeste Aufmerksamkeit. Dem alten Oberkellner, der rumänisch sprach, erteilte sie in einem allzu herrscherlichen Ton immer die gleichen Befehle und widmete sich dann für die ganze Dauer ihres Aufenthaltes im Lokal einzig dem jeweiligen Begleiter.
Am Tag vor der Aufführung war sie jedoch allein erschienen. Unglücklicherweise hatte der alte Ober gerade dienstfrei. Ein anderer Kellner trat an ihren Tisch. Ohne hinzusehen, machte sie auf rumänisch ihre Bestellung, und erst als sie merkte, daß der so Angeredete sie nicht verstand, hob sie den Blick, der streng und ärgerlich war, und sagte: »Deitsch ich nix sprechen!«
In diesem Augenblick ereignete sich etwas, womit Berti am allerwenigsten gerechnet hatte: die vor Aufregung ein wenig belegte Stimme des Platinblonden ließ sich vernehmen:
»Die Dame bekommt einen Türkischen, zwei Brioches mit Butter und einen Wermut.«
Der Kellner verneigte sich und ging. Die Sängerin wandte sich belustigt um und musterte eine Sekunde lang ihren unerwarteten Vormund. Dann sagte sie höflich, aber etwas abwesend lächelnd: »Merci!« und steckte ihre große Nase in die Puderdose, die sie bis dahin offen in der Hand gehalten hatte.
Der junge Mann war sehr rot geworden. Man wußte nicht, ob er über seine Impulsivität beschämt oder über seinen Mut erfreut war. Aber er änderte seine Taktik, und als der Ober wieder an ihm vorbeikam, winkte er ihn heran und nannte die Namen einiger ausländischer Blätter, die die Sängerin in den letzten Tagen flüchtig angeschaut hatte. Auch dies war Traviata nicht entgangen; als ihr die Zeitungen gebracht wurden, wandte sie sich nicht an den Kellner, sondern an den Besteller und sagte abermals, diesmal mütterlich-gönnerhaft:
»Merci!«
Der Bursche erhob sich halb von seinem Stuhl und verneigte sich sehr artig und formvollendet. Bald darauf zahlte er seinen Nußbraunen, blieb aber sitzen und verließ das Café erst, als er die Künstlerin ihre Rechnung begleichen sah.
Unmittelbar nach der Gastsängerin brach auch Berti auf. Draußen wartete der junge Mensch bereits. Er hatte ein Taxi herbeigewinkt, öffnete nun den Schlag, half Traviata sehr geschickt und mit Grazie beim Einsteigen und sagte dann zum Chauffeur: »Fahren Sie die Dame zum Hotel Ambassador.«
Nun war es an der Diva, zu reden. Sie tat es dem höflichen jungen Mann zu Ehren sogar französisch. Es waren mehrere rasch abrollende Sätze. Bei den letzten Worten entnahm sie ihrem Täschchen zwei Theaterkarten, die sie ihm mit großer Bühnengeste einhändigte. – Es mochte dieselbe Geste sein, mit der sie in der Vorstellung dem verliebten Alfredo eine Kamelie überreichte. – Jedenfalls war dieser Aufwand an Worten und Gebärden vergeudet, denn der Jüngling, der gerade noch den Weltmann gespielt hatte, stand verdutzt da und betrachtete die Karten in seiner Hand.
Nun schien Berti der Zeitpunkt gekommen, um einzugreifen.
»Die Dame dankt Ihnen für Ihre Liebenswürdigkeit. Sie möchte Ihnen gern eine kleine Freude bereiten, weil sie nicht weiß, wie sie sich revanchieren kann. Sie bittet Sie, diese Opernsitze anzunehmen und sich die morgige Vorstellung anzuhören, in der sie die Hauptrolle singt.«
Traviata schien verstanden zu haben, was Berti sagte, denn sie nickte eifrig, rief dann nochmals abschließend: »Merci messieurs!« und gab dem Chauffeur einen Wink, abzufahren.
»Opernkarten – für mich?« hörte Berti im Fortgehen den verblüfften jungen Mann murmeln.
DER HEILIGE MARTIN UND FRAU MÜLLER
(Susannens Aufzeichnungen vom 20. März 1945)
»Vorhin ist eine hier jewesen«, sagte Margot, als ich vom Luftschutzkurs heimkam.
Sie war damit beschäftigt, Klinke und Schild der defekten Eingangstür mit Sidol zu putzen. Die offenkundige Sinnlosigkeit dieser Handlung verursachte mir ein inneres Kopfschütteln. Auch die strahlendsten Beschläge können die Kistenbretter, die rostigen Nägel und das Vorhängeschloß nicht vergessen machen. Aber ich sagte nur matt:
»Steht es dafür, Margot, daß Sie sich so plagen?«
»Das muß sein«, meinte sie. »Wie sieht denn das aus, ’ne unjeputzte Klinke? Was möchten da die Leute sagen?«
Margot fußt felsenfest auf ihren Grundsätzen. Ich wagte also nicht einzuwenden, daß es mir unter den gegebenen Umständen gleichgültig ist, was die Leute zu meiner Wohnungstür sagen.
»Wer ist denn dagewesen?« fragte ich.
»Och, so ’ne olle Pupp. Es liecht ohnedies ’n Zettelchen drin am Tisch.«
Das »Zettelchen« erwies sich als zierliche Visitenkarte und trug auf einer Seite die gedruckte Aufschrift: »Mausi Freiin von Sperl« und auf der anderen die eilig mit Bleistift hingekritzelten Worte: »Könnten Sie mich nicht besuchen, liebe Frau Sedlak? Ich habe Wichtiges mit Ihnen zu besprechen. Herzlichst Ihre …«
»Die Baronin Sperl wäre sehr gekränkt, wenn sie wüßte, daß Sie sie eine olle Pupp nennen, Margot. Sie ist höchstens vierzig.«
Margot zuckte unbestimmt die Achseln. »Ach nee!« sagte sie, und es blieb dahingestellt, ob sie die Besucherin für älter gehalten hatte oder ob ihr eine Vierzigjährige sowieso betagt genug erschien. »Jedenfalls ’ne rechte Nichtstuerin. Kommt daher, setzt sich breit hin und fängt an zu klönen, wo man doch gar nich weeß, was man zuerst tun soll. Hat se mir doch zujeschaut beim Bodenschrubben! Glauben Sie, daß se mir einen Eimer Wasser jebracht hätte? Nicht die Bohne! Und sowas nennt sich Freiin! Und Mausi och noch! Gott, wie niedlich!«
»Sie tun der Sperl unrecht, Margot. Vielleicht versteht sie vom Haushalt nicht viel, aber sie arbeitet seit Jahren bei einem Rechtsanwalt, und man soll sehr zufrieden mit ihr sein.«
Das stimmt. Mausis Vater, ein Industrieller, dem es 1898 anläßlich des Kaiserjubiläums unter Aufwendung von viel Geld gelungen war, in den Freiherrnstand erhoben zu werden, hatte sein Vermögen in Kriegsanleihen angelegt und war daher nach dem Weltkrieg nicht in der Lage gewesen, seiner Tochter, die nicht sehr hübsch zu werden versprach, einen ebenbürtigen Ehepartner zu verschaffen, da heiratsfreudige reiche Männer rarer sind als geldknappe Baronessen. So hatte Mausi sich bald mit dem Altjungferndasein abfinden müssen. Sie tat es sogar mit gewisser Grazie, indem sie einen Posten antrat und die Religion zu ihrer Privatliebhaberei erwählte.
Mausi ist eine flinke und gewissenhafte Bürokraft, legt aber Gewicht darauf, daß ihr Chef und ihre Mitarbeiter sie als Fräulein von Sperl anreden, und freut sich insgeheim darüber, daß man auch hinter ihrem Rücken von ihr als von der Baronin spricht. »Die Baronin ist zu Gericht gegangen.« »Die Baronin ist beim Diktat.« »Bringen Sie der Baronin den Akt Plunzengruber contra Gschiergl!« – Es ist, als läge ein wenig von dem Glanz, den dieser Titel in sich trägt, über den staubigen Aktenregalen der Kanzlei und als färbe der Adel auf die übrigen Angestellten des Rechtsanwaltes ab. Jeder von ihnen fühlt das deutlich – unbeschadet seiner sonstigen politischen Einstellung.
»Wenn man zur halbwegs besseren Wiener Gesellschaft gehört«, pflegt Mausi zu mir zu sagen, »dann kann man verschiedene Dinge nicht tun.« Sie meint: mit belegten Broten einen Ausflug in den Wienerwald machen, auf einen Stehplatz ins Theater gehen, ohne Hut und Handschuhe die Gasse betreten und dergleichen »proletarisches Gehaben« an den Tag legen. »Man ist zu bekannt. Man muß dem Rechnung tragen. – Da haben Sie es viel besser, meine Liebe«, meint sie gönnerhaft, aber man spürt deutlich, daß sie um keinen Preis der Welt mit mir tauschen würde.
Ich habe im Lauf der Jahre öfters kleine Aufträge von ihr erhalten, verbunden mit einer Unzahl von sterilen Weisungen, wie ich meine Arbeit anpacken solle. Denn Mausi ist natürlich eine Kunstmäzenin. Was aber konnte sie jetzt wollen? Es war nicht der Augenblick für die Anschaffung von zerbrechlichen Tonwaren. Ich nahm jedenfalls an, daß es sich wirklich um etwas Wichtiges handelte, und machte mich sofort auf den Weg.
Mausi Sperl hat durch die Fliegerangriffe doppelt zu leiden gehabt: zuerst sind ihre überzähligen Zimmer für Ausgebombte beschlagnahmt worden, und nun hat das Haus auch noch einen kleinen Treffer abbekommen. Die Scheiben sind sämtlich herausgefallen, die Gas- und Wasserleitungen defekt und auch die Kamine eingestürzt, so daß nicht geheizt werden kann. Nur das elektrische Licht ist intakt geblieben.
Diese Einzelheiten erfuhr ich, als ich das erste der drei Zimmer betrat, denn unpraktischerweise gelangt man in Mausis altmodischer Wohnung nur aus einem Raum in den anderen. Die bombengeschädigte Hofratswitwe, die in diesem Gelaß logiert, hat mir das alles erzählt und dazu auch noch, daß sie seit vorgestern nur trockenes Brot esse, was ihrem Magen äußerst unzuträglich sei, und daß sie angesichts der mit Papier verklebten Fensterhöhlen angezogen zu Bett gehe. – Arme Mausi, dachte ich, nicht bloß Bomben, sondern auch noch eine geschwätzige Mieterin!
Im nächsten, völlig kahlen Raum haust eine junge, farblose Kriegswitwe mit ihren zwei Kindern. – Die Kleinen saßen fröstelnd zusammengedrückt im einzigen Bett. Jedes hielt eine ungeschälte Kartoffel in der Hand. Die Frau war in Tränen.
»Seit elf Uhr bin ich unterwegs, und jetzt erst komme ich nach Hause«, schluchzte sie. »Ich war bei meiner Schwester in Hacking. Die hat einen Holzherd, auf dem man kochen kann. Was sich auf der Stadtbahn tut, ist unbeschreiblich. Man steht stundenlang im Gedränge; dann fährt man ein Stückchen, und dann muß man wieder zu Fuß gehen. Den Topf mit Erdäpfeln hab ich in eine Decke eingeschlagen, damit sie warm bleiben. Aber woher denn! Ganz kalt sind sie. Nicht einmal die Finger können sich die Kinder dran wärmen. Es ist nur ein Glück, daß der Frühling kommt … Vielleicht dauert’s doch nicht mehr lang.«
Es fiel mir schwer, Trostworte angesichts einer Welt zu finden, in der es außer dem Herannahen der warmen Jahreszeit nichts Tröstliches gibt. Aber kaum hatte ich ein paar konfektionierte Redensarten, wie etwa: daß man den Mut nicht sinken lassen dürfe und daß wir das Schlimmste vielleicht schon hinter uns hätten, hervorgestottert, als sich Mausi Sperl im Türspalt vernehmen ließ:
»Da sind Sie ja! Ich habe Sie an der Stimme erkannt. Kommen Sie schnell herein, damit mir die Wärme nicht davonzieht.«
Ich nickte der Witwe aufmunternd zu und trat bei Mausi ein. Welch ein anderes Bild zeigte sich! Die Fenster waren mit Sperrholzplatten ordentlich vernagelt. Darüber hatte die Sperl altmodische Plüschvorhänge drapiert. Auf dem Boden lagen Wolldecken. Im Zimmer war es warm, und es roch herrlich nach Gebackenem. Auf dem Tischchen neben dem Diwan lag ein offenes Büchlein: Die Nachfolge Christi.
»Nicht wahr, da staunen Sie, meine Liebe! Ich habe es relativ gemütlich. Natürlich muß man sich heute bescheiden und alle Prüfungen in Demut tragen.« Sie warf einen Blick in die Runde. »So muß ich mich jetzt mit diesem Plüsch-Greuel behelfen, der noch von meiner Großmama stammt. Meine guten Sachen habe ich zur Gräfin Hartenstein nach Kärnten geschickt.«
Ich nahm das Büchlein zur Hand.
»Ja, mein geliebter Thomas von Kempen«, plauderte Mausi weiter. »Die Welt wäre anders, wenn die Menschen in der Nachfolge Christi leben wollten.«
Das war nun auch meine Meinung. Ich freute mich, der Baronin in diesem Punkt beipflichten zu können, und tat es.
»Nicht wahr, nicht wahr, Frau Sedlak, Sie teilen meine Ansicht? Die Menschen haben leider ihre Ohren für die Gebote der Liebe verschlossen, und das ist nun der Erfolg …«
Ich fand, nun sei genug über diesen Gegenstand gesagt, und suchte nach einem anderen Stoff.
»Schön warm haben Sie es hier«, meinte ich schließlich, da mir dies Thema angesichts der allgemeinen Verfrorenheit aktuell schien.
»Mhm, ja«, gab Mausi unbestimmt zurück. »Wir sind als drei Haushalte gemeldet, da treffen mich die Stromsparmaßnahmen nicht so empfindlich. Übrigens kommen wir zur Sache: Ich möchte bei Ihnen etwas bestellen. Das war der Grund meines Besuches. Sie arbeiten doch noch nebenberuflich in Ihrem Fach, nicht wahr?«
»Jetzt? – Aber liebe Baronin, wie soll ich denn jetzt arbeiten? Es gibt in ganz Wien keine Glasuren, und den Ton muß man sich auf einem Handwagen vom Wienerberg holen. Bei meiner körperlichen Verfassung ist das nicht möglich. Abgesehen davon, daß kein Kachelbrenner eine Zuteilung von Holz für den Brand von Luxusgegenständen bekommt.«
»Wie dumm! Das habe ich nicht gewußt. Können Sie sich nicht hintenherum das nötige Material beschaffen? Man soll doch alles kriegen, sagen die Leute. Ich bin so unerfahren in diesen Dingen. Wissen Sie, ich brauche nämlich ein Geschenk für mein Patenkind, die kleine Monika Agathe Scholastika Müller. – Ja, denken Sie nur, Müller heißt der arme Wurm! Seine Mutter war meine beste Freundin im Sacré-Coeur, eine geborene Komtesse zur Linde. Das ist nun schon das dritte ›Müllerkind‹ meiner armen Vilma. Übrigens sind die Kleinen reizend – reizend, sage ich Ihnen …«
Ich weiß es. Ich kenne Frau Obersturmbannführer Müller, die geborene zur Linde. Vielleicht kenne ich sie besser als Mausi, obgleich ich durchaus nicht im Sacré-Coeur erzogen worden bin. Und ihre zwei älteren Kinder, die Zwillinge … Nein, nein, ich durfte mir um keinen Preis etwas anmerken lassen! So sagte ich nur beiläufig:
»Ich glaube mich an Frau Müller zu erinnern. Sie hat – wenn ich nicht irre, auf Ihre Empfehlung hin, liebe Baronin – vor mehreren Jahren bei mir etwas bestellt. Und womit kann ich Ihnen nun gefällig sein? Was gedachten Sie, der kleinen Monika – verzeihen Sie, ich habe die anderen Namen nicht behalten – zu schenken?«
»Agathe Scholastika Müller!« ergänzte Mausi lachend und schüttelte sich komisch vor innerem Schauder bei dem Familiennamen, dessen »ü« sie verächtlich wie »ö« aussprach und über Gebühr betonte.
Auch gut, überlegte ich. Die vorigen Kinder hatten Horst-Dieter und Siegrun geheißen. Vielleicht bereut Vilma heute schon … Ich dachte meinen Gedanken nicht zu Ende, denn Mausi hatte begonnen, das in Aussicht genommene Patengeschenk zu beschreiben.
»Wissen Sie, meine Liebe, ich denke an einen Weihwasserkessel. Natürlich etwas ganz Apartes. Sie kennen ja meinen Geschmack. Und recht groß muß er sein. Nicht eines von diesen kleinen Vogelnäpfchen, in die man kaum andeutungsweise einen Finger hineinstecken kann. Kinder muß man von klein auf zur Frömmigkeit erziehen.«
»Ich werde tun, was in meinen Kräften steht«, sagte ich. »Aber an einen Termin kann ich mich jetzt nicht binden.«
»Gar keine Rede davon. Sie machen alles, wie Sie es für richtig halten, und ich werde es Vilma schon erklären, warum das Patengeschenk ein wenig auf sich warten läßt. Wissen Sie, Beste, man muß Gott danken, daß einem nur die Rolle der Patenmutter zugefallen ist. Sie sind doch sicher meiner Meinung: Wir sind jetzt im Vorteil gegenüber den verheirateten Frauen. Wir brauchen für niemanden zu sorgen, um niemanden zu zittern.«
Ich hätte gern erwidert, daß ich gerade diese Sorge um nahestehende Menschen am meisten entbehrte. War sie nicht gleichbedeutend mit dem Begriff: Liebe? Aber ich sagte nichts dergleichen, sondern entgegnete, indem ich auf meinen schiefen Rücken wies:
»Mein Gott, für mich ist das ja überhaupt nie in Frage gekommen. Von mir müssen Sie ganz absehen. Aber eigentich ist es doch nur selbstverständlich, wenn eine Frau einen Mann für sich haben will, einen Hausstand, eine Familie. Es möchte doch jeder gern seinem Herzen nachgeben – ohne Vorbehalt …«
Ich ahnte nicht, was für Aufschlüsse mir diese nur gesprächsweise hingeworfene Bemerkung bringen sollte. – Mausi lachte.
»Seinem Herzen nachgeben! Haha. Nein, das Herz ist etwas viel zu Unzuverlässiges. Sentimentalität war nie meine Sache. Ich habe mich immer vom Verstand und von meinem Ethos leiten lassen.« Sie wurde plötzlich nachdenklich. »Nur einmal, noch als ganz junges Ding, wäre ich fast so albern gewesen, meinem Herzen ohne Vorbehalt nachzugeben. – Zu gelungen, diese Wendung! – Da sähe ich heute gut aus! Eine Bäuerin wäre ich jetzt wohl – nein, nicht einmal das, eine Chauffeursgattin, vor lauter Vorbehaltlosigkeit. Das war noch in der Zeit, als wir unseren Besitz bei Berndorf hatten. Das Objekt meiner großen Leidenschaft gehörte dem dienenden Stande an. Haha! Seine Mutter war eine Untergebene in unserem Haus. Na, meine Eltern wuschen mir gehörig den Kopf – noch heute danke ich ihnen dafür! –, und damit war diese Herzensangelegenheit aus der Welt geschafft. Übrigens hat sich Papa als der vollkommene Gentleman gezeigt, der er war. Den jungen Burschen, der begreiflicherweise aus dem Hause mußte, ließ er auf seine Kosten einen Autofahrkurs machen und brachte ihn dann irgendwo in der Lebensmittelindustrie unter. Ich habe nie mehr von ihm gehört.«
Ich hatte Mausi mit wachsender Spannung gelauscht. Also sie war das gewesen? Mausi war das nie mit Namen genannte junge Mädchen aus Berndorf? Eine plötzliche Wut kochte in mir auf. Pah! »Seine Mutter war eine Untergebene …« – statt einfach und geradeheraus zu sagen, daß sie Aushilfsköchin war, die im Sommer, wenn Sperls in ihrer Villa bei Berndorf residierten, für die freiherrliche Familie arbeitete. »Er gehörte dem dienenden Stande an.« Jawohl, Hilfslakai hätte er werden sollen und überdies dem gnädigen Fräulein Schwimmunterricht erteilen. Er war ein entzückender, sonnengebräunter Bursche von sechzehn, mit weißblondem Haar und einem fast noch kindlichen Stierkalbnacken, und sie eine häßliche, frühreife Siebzehnjährige, die, anstatt schwimmen zu lernen, auf dem besten Weg war, von diesem Kind in andere Umstände gebracht zu werden. Vielleicht ist sie schuld an Ernstls unseligem Streben nach gesellschaftlicher Vollwertigkeit. Vielleicht ist sie überhaupt die Ursache von allem, allem, was dann gekommen ist …
Ich rang nach Beherrschung, um nicht aufzuspringen und die Tür hinter mir ins Schloß zu werfen. Aber Mausi schien meine Erregung nicht bemerkt zu haben. Sie lächelte immer noch voll innerer Genugtuung darüber, daß sie schon als Backfisch so viel Vernunft bewiesen hatte und daß ihr Vater ein vollkommener Gentleman gewesen war.
Mit Ernstls Augen gesehen und von ihm erzählt, hatte sich die Geschichte ganz anders dargestellt.
»Ja, ja«, sagte ich schließlich, wieder gefaßt, »so macht halt jeder im Leben andere Erfahrungen«, und ich bemerkte mit Staunen, wieviel Wahrheit plötzlich in dieser fertiggekauften Phrase lag. »Es riecht übrigens herrlich bei ihnen, wie in einer italienischen Rosteria.«
Mausi machte ein verschmitztes Gesicht.
»Ihnen kann ich es ja sagen«, meinte sie, »aber natürlich ganz im geheimen. Ich besitze einen Elektroofen. Das heißt, er gehört – genau genommen – meiner Kusine, die in Zürich lebt. Und jetzt habe ich endlich herausgefunden, daß man auf diesem Ofen auch zur Not kochen kann, wenn man ihn auf die Seite legt. Vorhin habe ich mir Frittaten gebacken. Köstlich, sage ich Ihnen! Tja, ich habe lange mit mir gekämpft, ob es nicht meine Pflicht sei, den Ofen auch meinen Untermietern zur Verfügung zu stellen. Die Ärmsten frieren ja so und haben nichts Warmes zu essen. Aber ich bin zur Überzeugung gekommen, daß ich dies nicht tun darf. Ja, verstehen Sie mich recht: Der Ofen gehört doch nicht mir. Wenn er verdorben wird – und das wird er bestimmt, wenn drei Haushalte damit heizen und darauf kochen –, so kann ich ihn jetzt gar nicht ersetzen. Man darf nur das Eigene mit dem Nächsten teilen. Das lehrt schon die Legende vom heiligen Martin und dem Bettler. Fremdes Eigentum, das uns anvertraut ist, darf nicht angetastet werden. Finden Sie das nicht auch?«
»Oh, ja, natürlich, gewiß. Aber jetzt muß ich gehen, Baronin«, sagte ich, denn ich wußte mich am Ende meiner Kräfte.
»Ich gehe mit Ihnen. Für mich ist es nämlich Zeit zur Abendandacht. Ich fühle mich nirgends so sicher wie in der Kirche. Und dann … Sie werden mich verstehen: Man hat heutzutage so sehr das Bedürfnis, für die vielen Unglücklichen zu beten, die es jetzt überall gibt … Also, ich werde meiner Freundin sagen, daß sie sich noch ein wenig gedulden muß«, schloß sie. »Ist es Ihnen recht, Frau Sedlak?«
Freundin! dachte ich. So sehen die Freundinnen aus! Deine Vilma läßt ihr Kind von dir aus der Taufe heben, aber darüber hinaus vertraut sie dir nichts an, sonst wüßtest du … Oder weißt du vielleicht? – Nein! Das hat dir deine Freundin gewiß nicht erzählt. Du ahnst nicht, welche Hilfslakaienrolle dein Hilfslakai in ihrem Leben gespielt hat. Anscheinend wart ihr nicht immer so intim wie jetzt.
»Ja, bitte«, sagte ich müde. »Bereiten Sie Frau Müller darauf vor, daß es noch einige Zeit dauern wird.«
Wir gingen durch die Zimmer der Untermieterinnen. Die Kinder schliefen bereits. Die junge Witwe saß da, mit gesenktem Kopf und aufgestützten Ellbogen, die Hände ins Haar gewühlt. Die Hofrätin wandte uns den Rücken, als bemerke sie uns gar nicht. Auch unseren Gruß überhörte sie.
Ich tappte durch die völlig verdunkelten Straßen nach Hause.
Du frittatenfressendes Kerzlweib! dachte ich grimmig, du Betfunsen, du bigottes Rabenvieh! – Heiliger Martin, laß die Kirche einstürzen über diesem Weibsbild!
DIE GROSSE WELT IM TRIESTINGTAL
»Aber, aber, Frau Susanne! Wieso denn plötzlich solch eine Zornaufwallung? Das paßt doch gar nicht zu Ihrem sonst so maßvollen Wesen! Noch dazu richtet sich Ihr Groll gegen eine Frau, die Ihnen jedenfalls nichts getan hat!«
So oder ähnlich müßte man Frau Sedlak auf diesen unbeherrschten Ausbruch erwidern, wenn sie geneigt wäre, uns ihr Ohr zu leihen. Aber sie will ja ihr eigenes Buch nicht lesen. – Wir sind bis zu diesem Punkt mit Anteilnahme ihren Aufzeichnungen gefolgt, was nicht besagen will, daß wir uns mit der Erzählerin immer und unbedingt solidarisch fühlten, denn wir vertreten hier die Interessen der Objektivität, während es Susanne anscheinend unmöglich ist, sachlich zu bleiben. Die Regierung in diesem Buch wollen wir ihr neidlos überlassen, aber wir bestehen auf unseren demokratischen Rechten und sind jederzeit geneigt, Kritik an ihr zu üben oder gar in Opposition zu treten. Gerade jetzt scheint es uns, als hätten wir sie lange genug walten lassen und als sei der Augenblick gekommen, einige Berichtigungen einzustreuen.
Vor allem ist sich die gute Susanne wohl nicht im klaren darüber, daß sie mit der zu Beginn geäußerten Behauptung, Ernstl nie geliebt zu haben, weit von der Wahrheit abgerückt ist. Merkwürdig. Eine so kluge und scharfsichtige Person tappt in bezug auf sich selbst dermaßen im Dunkeln! Meint sie denn, eine Beziehung müsse so aussehen wie in »Romeo und Julia«, um den Namen Liebe zu verdienen? Weiß sie denn nicht, daß auch solche menschlichen Bande, die sich durchaus nicht den Anschein geben, leidenschaftsbetont zu sein, oft verkleidete Liebesbeziehungen sind? Aber in Susannens Fall kann von einer Maskerade kaum noch die Rede sein. Allzu durchsichtig wirkt schon jetzt das Inkognito. Es gehört wahrlich ein gerütteltes Maß von Verblendung dazu, um einen so eindeutigen Krankheitsfall nicht an seinen Symptomen zu erkennen. – Heute, nach den jahrelangen Erfahrungen ihrer glücklichen Ehe, wäre sie gewiß hellsichtiger für die Tatsache, daß der liebenswürdige Mister Hopkins nicht ihre erste, sondern ihre zweite Liebe ist.
Hätten wir die Erzählerin nicht schon früher durchschaut, so wären uns bei ihren harten und ungerechten Worten gegen Mausi die Augen aufgegangen.
Susanne erwähnt die Sperl in ihrem Tagebuch nicht mehr. Sie ist »fertig« mit ihr. Wir aber können Mausis Jugendsünde mit dem hübschen kleinen Bauernburschen aus Berndorf nicht in so gehässigem Licht sehen, wie es die Erzählerin tut. Wäre Mausi nicht gewesen, so hätte Ernstl mit irgendeiner anderen Berndorferin den Schritt aus der Kindheit in die Jugend gesetzt. Daß es sich dabei um eine Angehörige der »gehobenen Stände« handelte, war allerdings ungünstig für ihn. Denn darin hat Susanne recht: in den ersten Erlebnissen eines jungen Burschen liegt sehr viel schicksalbestimmende Substanz. Und Ernstls gesellschaftlicher Snobismus hat hier in früher Jugend einen verhängnisvollen Nährboden gefunden.
Wie sollte der einfache Bursche sich seinen Mißerfolg erklären? Für ihn sah die Sache so aus, daß er sich eben nicht als fein und zivilisiert genug erwiesen hatte und daher nach bürgerlicher Auffassung nicht würdig war, der kleinen Baronesse gegenüber als gleichberechtigt aufzutreten. Ein Fehlschluß, der im selben Augenblick folgenschwer zu werden begann, als Ernstl sich vornahm, den Ansprüchen der »vollkommenen Gentlemen« gerecht zu werden und nicht nur denen ihrer frühreifen Töchter.
Es ist aber schwer zu glauben, daß dies Erlebnis in dem Sechzehnjährigen eine ganz neue, bisher nicht vorhandene Eigenschaft geweckt hat. Mit sechzehn ist man kein unbeschriebenes Blatt mehr, und die Eindrücke, die unserem Dasein Richtung geben, stammen größtenteils aus viel früheren Entwicklungsjahren.
Hier liegt eigentlich der Hauptvorwurf, den wir der liebevollen Berichterstatterin machen müssen, nämlich: die Kindheit und Jugend ihres Helden so ganz außer acht gelassen zu haben. Die Tatsache, daß sie persönlich daran nicht teilgenommen hat, kann sie nicht entschuldigen. Sicherlich hat Ernst ihr von seiner Jugend erzählt, denn wir werden noch erfahren, daß er ihr später recht viel – möglicherweise zu viel – anvertraute. Und selbst wenn er gerade in diesem Punkt zurückhaltend gewesen sein sollte, so hätte die Kluge und herzlich Interessierte nach der Frühzeit seines Daseins fragen müssen.
In Susannens Manuskript steht kein Wort über Ernstls Berndorfer Tage. Sicherlich hat die Erzählerin vergessen, darüber zu schreiben. Aber daß sie es vergessen konnte, ist bezeichnend. Wir wissen auch warum: aus Liebe! Genauer gesagt: aus einer Verkleidung der Liebe, nämlich aus Eifersucht, und zwar nicht bloß auf Mausi, sondern überhaupt auf alles, was Ernstl erlebt hat, ehe er Frau Sedlaks Bekanntschaft machte. Aber wenn wir Ernstl wirklich verstehen wollen, so müssen wir ihren Fehler wiedergutmachen und das von ihr »Vergessene« nachholen. In dieser Hinsicht habe ich nichts unversucht gelassen.
Ich bin nach Berndorf gereist und habe mich nach einem ehemaligen Bewohner des Ortes, Herrn Ernst Ronasek, erkundigt. Auf dem polizeilichen Meldeamt war nicht mehr zu erfahren, als daß ein solcher tatsächlich im Juni 1905 »hierorts« geboren, bis zum September des Jahres 1921 im Hause seiner Mutter Katharina Ronasek gemeldet gewesen und dann nach Wien verzogen sei. Von den fünf älteren Geschwistern lebte keines mehr in Berndorf, und die Mutter war 1946 im Altersheim der Gemeinde gestorben.
Ich dankte für die Auskunft und ging mir das Haus ansehen, in dem Ernstl seine Kindheit verbracht hat. Es ist ein unscheinbares Parterrehäuschen am äußersten Ende des Ortes und unterscheidet sich von einer Hütte nur durch die heute schon halbverfallene Holzveranda, deren reichliche Verzierung wie vergröberte Laubsägearbeit aussieht. Vielleicht hat das Haus zu Lebzeiten der Katharina Ronasek ein wenig freundlicher gewirkt. Ich kann mir denken, daß dort einige Dahlien und Rudbeckien im Garten standen und daß die Veranda von einem alten Weinstock umrankt war, der inzwischen eingegangen ist.
In Berndorf selbst, einer lieblich ins Tal gebetteten, aber nicht gerade originellen Ortschaft, springen sogar dem unaufmerksamen Beobachter zwei Dinge in die Augen. Das eine ist das gewaltige Metallwerk, weitab vom Marktflekken gelegen, mit seinen Hallen und Schuppen und Schloten, eine großzügige Fabrikanlage, in der die weltberühmten Berndorfer Metallwaren aus imitiertem Silber, dem sogenannten Berndorfer Silber, hergestellt werden. Die zweite Sehenswürdigkeit des Ortes ist das Theater. Ein aufdringlicher Bau aus den Gründerjahren – halb Ritterschloß, halb Steinbaukasten –, der unter den ländlich freundlichen Gebäuden des Städtchens dasteht wie ein Dromedar unter Rehen.
Die Industrieanlage ist ein Wahrzeichen unserer Zivilisation, und jeder, der nicht als Reaktionär verschrien sein möchte, wird einsehen, daß die verträumten Täler des Alpenostrandes nicht für alle Zeit verträumt bleiben konnten und der Technik den ihr gebührenden Platz einräumen mußten. Aber ein solches Theater im Triestingtal? Nein, das geht zu weit und erweckt die völlig verfehlte Vorstellung, als lebten wir in einer kunstsinnigen, für Kultur aufgeschlossenen Epoche! Der Bauherr dieses durchaus ortsfremden Musentempels war niemand anderer als der Besitzer des Metallwerks. Das Haus wurde zu Ehren Franz Josefs I. – anläßlich eines Jagdbesuches des Monarchen – errichtet und sollte dem Landesvater durch die Blume sagen: »Siehst du, was du in deinem Burgtheater kannst, das können wir Industriemagnaten in unseren Residenzen auch. Nicht nur ihr alten Despotengeschlechter habt ein Herz für die Kunst!« – So ungefähr war die Sprache dieses Bauwerkes zu verstehen, das sich niemals in seiner Umgebung akklimatisiert hat und auch heute noch, wo es längst zum Kino herabgesunken ist, seine Giebel und Söller dem peinlich berührten Beschauer störrisch und aggressiv entgegenstreckt.
Hier in Berndorf ist Ernstl Ronasek als ein Postumus – fast ein halbes Jahr nach seines Vaters Hinscheiden – zur Welt gekommen. Von ihm erhielt der Knabe nichts außer dem Namen, und auch den zu Unrecht, denn Herr Ronasek senior war das Opfer eines Betriebsunfalls im Metallwerk gewesen. Eine stürzende Lore hatte ihm den Unterleib und die Schenkel zerquetscht. Der Unglückliche hatte das letzte Jahr seines Erdendaseins unter dauernden Schmerzen im Ortsspital, zwischen Tod und Leben schwankend, verbracht.
Frau Ronasek war nach dem Unfall ihres Mannes genötigt gewesen, die Stellung einer Aushilfsköchin im Haus des Industriegewaltigen anzunehmen. Wir kennen das verballhornte Sprichwort »Gelegenheit macht Liebe«. Aber Gelegenheit macht zuweilen auch Babies, wenn von Liebe weit und breit nicht die Rede sein kann. Ernstls vier Brüder waren damals alle schon über die Pubertät hinaus, und die älteste Schwester mochte sogar schon in den Zwanzig stehen. Alle fünf Kinder hatten mit merklichem Unwillen die Veränderungen an dem Körper der Mutter beobachtet und dem neuen Ankömmling in der Familie von vornherein keinen herzlichen Empfang bereitet. Denn Ernstl war der Sohn eines jungen Lakaien. Von ihm erbte er das weißblonde Haar und den energischen Nacken – vielleicht auch das schmerzliche Verständnis für Klassenunterschiede und die Anlage zu guten Umgangsformen.
Persönlich kannte er keinen seiner Väter, weder den nominellen noch den natürlichen. Dafür hatte die gütig ausgleichende Natur ihm zwei Mütter beschert: die eigentliche und die bereits genannte ältere Schwester Theresia. Schlecht unterrichtete Berndorfer Klatschweiber wollten wahrhaben, daß Theresia die wirkliche Mutter sei und daß Frau Ronasek, die bereits nicht mehr so recht in Frage zu kommen schien, nur eingesprungen war, um der unverheirateten Tochter die Schande zu ersparen. Wir wissen es besser, doch verstehen wir, daß ein solches Gerücht aufkommen konnte und Nährboden fand, denn die Schwester war zu dem kleinen, dicklichen Knäblein zärtlicher und liebevoller als die alte, vergrämte und überbürdete Frau. Dieser Resi hat es Ernstl zu danken, daß seine Kindheit auch daheim ein wenig Wärme und Gemütlichkeit kennenlernte, gerade so viel, wie nötig ist, um ein gesundes und freundlich veranlagtes Kind bei guter Laune zu erhalten. Im allgemeinen war der Kleine allerdings sich selbst überlassen, denn seine Geschwister – sofern sie noch daheim lebten – waren tagsüber in der Fabrik, und auch die Mutter arbeitete außer Haus.
Was tat der Junge den ganzen lieben Tag?
Dasselbe, was wohl die meisten kleinen Berndorfer auch heute noch tun. Er lief brüllend über die Felder und Wiesen, schlug mit einem derben Stecken auf Ameisenhaufen ein, warf mit Steinen – teils nur so in die Luft, teils auch auf Spatzen und Frösche zielend. Daneben sammelte er Pilze und Beeren für andere und bunte Glasscherben sowie Kieselsteine für sich selbst, weidete die dürre Kuh eines Nachbarn und erntete das Obst im Garten eines anderen (wobei gesagt werden muß, daß letzteres nicht immer auf des Anrainers ausdrückliches Geheiß geschah). Überdies ging er natürlich in die Schule, jenes zweite Kulturdenkmal, das sich der Industriemagnat gesetzt hatte. Ein sehr bemerkenswertes Gebäude, in welchem jedes Klassenzimmer im Stil einer anderen Kunstepoche ausgestattet ist! Die Kinder werden hier nicht aus der ersten in die zweite Schulstufe versetzt, sondern aus Ägypten nach Hellas und gelangen von dort weiter in die Gotik und in die Renaissance. Das ist äußerst sinnvoll erdacht! – Aber sei es nun, daß Ernstl damals noch kein Gespür für Historizismus hatte oder daß er alle Kraft in den natürlichen Widerstand gegen seine Lehrer setzte – er nahm aus diesem hochpädagogischen Institut ebensowenig mit wie der Durchschnitt seiner Kameraden und vergaß das Gelernte ebenso schnell wie diese.
Die meisten Eindrücke seiner unbesonderen, dörflichen Kindheit fielen ins Unterbewußte, dorthin, wo sie den Humus aller menschlichen Erfahrung bilden, wo sie in Vernunft und Intelligenz, in Vorliebe und Abneigung, in Impuls und Hemmung umgesetzt werden, und zwar so völlig umgesetzt, daß sie ihren ursprünglichen Charakter von persönlichen Kindheitseindrücken gänzlich verlieren.
Freilich nicht alle Erlebnisse des kleinen Ronasek sanken so tief. Manche verblieben knapp unter der Oberfläche seines Denkens und Wollens und beeinflußten sie mehr, als er selbst ahnen konnte. Und einige dieser Abenteuer greife ich heraus.
Einmal – er mochte damals vielleicht fünf Jahre alt sein – beschloß Ernstl unaufgefordert und auf eigene Verantwortung, seine Schwester von ihrer Arbeitsstätte abzuholen. Er wanderte die endlose Straße bis zum Werk hinunter, schlüpfte mit großer List so dicht am Wächterhäuschen vorbei, daß er vom Pförtner nicht bemerkt wurde, und rannte dann schnurstracks auf die Halle zu, in der er Theresia vermutete. Die schwere Eisentür war nur angelehnt. Er brachte sie mit seiner ganzen Körperkraft noch ein wenig weiter auf und zwängte sich hinein. Das Schicksal hatte es gut mit ihm gemeint. Er hätte ebenso in eine der dröhnenden Maschinenhallen oder ins Gußwerk geraten mögen; weißglühende Spritzer der Metallegierung hätten ihn versengen, eine Lore hätte ihn niederstoßen können. Aber dies hier war nur eine schlichte Tischlerei, in welcher die Kassetten für das Berndorfer Eßbesteck gezimmert wurden. Mehrere Männer standen an großen Hobelbänken in ihre Arbeit vertieft, und es dauerte geraume Zeit, bis ein junger Bursche seiner ansichtig wurde.
»Was suchst denn du hier, du kleiner Stöpsl?« rief er lachend. »Kommst uns gar vielleicht helfen, was?«
»I kumm die Resi abhol’n«, gab Ernstl sachlich zurück.
»Die Resi? Wer ist denn das?« fragte ein älterer Mann.
Nun war Ernstl am Ende seiner Weisheit. Die Resi war die Resi; wer denn sonst? Es war unfaßbar, daß jemand so dumm fragen konnte.
Die Männer hatten ihre Hobel und Stemmeisen weggelegt und umstanden den unerwarteten kleinen Besucher ein wenig ratlos, wie eben Männer, denen die Pflicht zufällt, ein Kind zu bemuttern. Endlich erkannte ihn einer.
»Das ist ja der Jüngste von die Ronasek, das Kuckucksei, Mamas Fehltritt!«
Alle lachten. Nur ein kleiner, grauschädliger Mensch sagte: »Psst! Macht’s kaane so blöden G’schpaß! Der siecht net so aus, als verständ er net, was g’redt wird!« Und dann zu dem Kind gewandt: »Na kumm, klaaner Schmarrn, i bring di zu deiner Resi.«
Nun ging es an der Hand des alten Arbeiters über Höfe und Gänge und Stiegen, auf denen überall Lärm und Vekehr herrschten, sodaß Ernstl sich ein wenig fürchten mußte. Endlich kamen sie in einen Raum, in dem es hell war und Frauen an großen Tischen saßen. Beim Anblick der weiblichen Wesen schöpfte Ernstl ein bißchen Mut; aber schon kam eine, die hier anscheinend das Regiment führte, mit zorniger Miene auf die Eintretenden zu und schrie:
»Was ist denn nacha dös? San mir im Kindergarten?«
Der Arbeiter erklärte in kurzen Worten den Fall. Ernstl hatte indessen seine Resi an einem der ersten Tische erspäht, riß sich von der Hand des Alten los und rannte auf sie zu.
Theresia hatte sich erhoben und stand mit krebsrotem Gesicht da.
»Aber Ernstl«, stotterte sie, »was fallt denn dir ein?«
»Ronasek«, rief die Aufseherin, die inzwischen den alten Tischler hinausexpediert hatte, »gehen Sie sofort an Ihren Platz zurück! Dös war ja no schöner, wann jeder hier tat, was er glaubt. Und ihr alle«, wandte sie sich an die übrigen Arbeiterinnen, »sitzt’s herum und glurt’s, anstatt zu arbeiten …«
Sie hätte gern noch ein wenig länger ihre Machtbefugnis geltend gemacht, aber ihr Blick war auf den kleinen Jungen gefallen, und sie verstummte.
Ernstl hatte sofort begriffen, daß es galt, diese strenge Dame für sich zu gewinnen, wenn überhaupt an dem mißglückten Unternehmen noch etwas zu retten war. Er machte einen sehr schönen Diener (den gleichen Diener, den er machen sollte, wenn die Taufpatin zu Besuch kam, und den man ihm dann um keinen Preis der Welt abzwingen konnte).
Die Aufseherin schien zu fühlen, daß ihre Autorität vor dem Lächeln dieses weißblonden Blasengerls zu scheitern drohte, denn sie sagte:
»Na ja, es is halb vier. Setzen S’ den Buben halt neben sich auf die Bank – und daß er a Ruah gibt. Hoffentlich kriagen mir ka Kontrolle, sonst schaun mir guat aus.«
So durfte Ernstl eine geschlagene halbe Stunde neben Resi am Packtisch sitzen und zusehen, wie die große Schwester mit raschen, mechanischen Griffen Löffel in Geschenkkassetten ordnete, sie an die Nachbarin weitergab, die ihrerseits Gabeln in die freigebliebenen Spalten schob, wonach eine dritte Frau die Behältnisse mit Messern vervollständigte. Es waren herrliche Gegenstände, diese Kassetten, aus schwarzem, rotem und braunem Leder, mit eingepreßten goldenen Initialen. Innen waren sie mit bauschiger Seide, mit Samt oder Sämisch ausgeschlagen und geradezu wohnlich eingerichtet, so daß die eingebetteten Bestecke sich darin gewiß sehr glücklich fühlen mußten. Ja, sie glichen tatsächlich Wohnungen, kostbaren Wohnungen für noch Kostbareres. Denn die Bestecke, die Resi so mir nichts dir nichts in ihre gewöhnlichen Hände nahm, schienen Ernstl in überirdischem Glanz zu strahlen. Es waren Schätze, wie sie die Zwerge aus dem Märchenbuch in ihren Höhlen verborgen hielten. Als sein Blick auf einen der Nebentische fiel, war er nahe daran, einen Schrei auszustoßen. Da standen silberne Gefäße, Schalen und Aufsätze, Serviettenbehälter, Keksdosen, Pokale und Teekannen. Ernstl ahnte nicht, welchen Zwecken all diese Pracht dienen mochte, aber daß es sich um Symbole von Reichtum und Luxus handelte, verstand er sehr gut. Es tat ihm weh, daß die Packerinnen die Wertgegenstände in Watte und Seidenpapier hüllten und in Versandkartons unterbrachten und daß die Tische, je länger er zusehen durfte, um so leerer wurden. Seiner Auffassung nach hätten diese Wunderdinge wie Weihgeschirr auf Altären gut sichtbar aufgestellt werden müssen, und die Arbeiterinnen hätten anbetend davor knien sollen. Statt dessen sputeten sich die Frauen, um mit dem Tagespensum bis zum Erklingen der Fabriksirene fertig zu werden.
Dies Bild des Glanzes und Prunks, des Wohlstands und der irdischen Herrlichkeit blieb Ernstl für immer in halbbewußter Erinnerung und verlor auch dann nicht an emotionellem Gehalt, als er längst groß genug geworden war, um zu wissen, daß es sich bloß um die Imitation wirklicher Wertgegenstände gehandelt hatte.
Seit einigen Jahren war Frau Katharina Ronasek Doppelverdienerin, was nicht besagen will, daß sie in Geld schwamm, sondern bloß, daß sie je nach der Saison zwei völlig verschiedenen Beschäftigungen nachging. Winters arbeitete sie im Theater als Scheuerfrau, und sommers, wenn die Spielzeit beendet war, hatte sie ihren Platz hinter dem gewaltigen Küchenherd in der Villa Sperl, denn die freiherrliche Familie pflegte in der heißen Jahreszeit ihr Wiener Heim zu verlassen und in Berndorf, oder besser gesagt unweit von Berndorf, auf ihrem schön gepflegten Besitz zu residieren. So wenig der kleine Ernst mit seiner grämlichen Frau Mutter anzufangen wußte, ihre beiden Berufe bildeten für ihn doch eine stete Quelle der Anregungen.
Stundenlang konnte das Kind, in die Plüschvorhänge einer Loge geschmiegt, dasitzen und den leeren Zuschauerraum des Theaters betrachten, während die Alte auf den Knien zwischen den Sitzreihen herumkroch und den Boden scheuerte. Die Kristallüster, die Vergoldungen an den Logen und Rangbrüstungen, die Stukkaturen des hufeisenförmigen Plafonds, die im Tanz dahinfliegende Musen und Genien darstellten, schienen ihm der Inbegriff des Schönen. Nirgends sonst auf der Welt gab es einen Raum wie diesen, nirgends so bequeme, weiche Sitze, nirgends solche Farb- und Beleuchtungseffekte, nirgends so viel »Atmosphäre« – wenn es mir erlaubt ist, dieses Wort hier anzuwenden, das Ernstl nicht kannte und vielleicht erst zwanzig Jahre später bei Frau Sedlak zum erstenmal hörte. – Aber auch wo Worte fehlen, gibt es ja Begriffe, in denen gerade um ihrer Unnennbarkeit willen ein übersinnlicher Zauber waltet. Das Berndorfer Theater schien Ernstl voll von solch namenlosen, unsichtbaren Kräften. Man konnte hier die Augen schließen, das Denken ausschalten und fühlte dennoch rings um sich den Geist des Ortes weben. Ja, so konkret machte sich dieser Genius loci für Ernstl bemerkbar, daß das Kind der festen Meinung war, man könne sich ruhig von der Brüstung fallen lassen, um sofort von seinen starken Armen erfaßt und getragen zu werden, wie er ja auch die beschwingten Jünglinge und musizierenden Mädchen dort oben an der Decke trug. Nur der Gedanke an die erdgebundene Mutter und ihr verständnisloses Schelten hinderte Ernstl daran, tatsächlich aus der Loge zu springen und zum vielarmigen Glaslüster hinüberzufliegen.
Zu Hause hatte man einfache hölzerne Tische und Bänke und Bettstellen, eine Petroleumlampe und ein Marienbild mit einem brennenden Fleischklumpen vorne an der Brust; und diese häusliche Ausstattung war der Inbegriff dessen, was man haben konnte und nicht haben wollte, der Inbegriff von Enge und Kleinstadt und Gewöhnlichkeit. Zu Hause war man in Berndorf. Hier aber, im Theater, war man in der großen Welt, umgeben von allem, was schön und begehrenswert erschien.
Gab es denn sonst nichts Schönes in Berndorf?
Für Ernstl jedenfalls nicht. Und es gab vor allem niemanden, der ihm die Augen dafür hätte öffnen können, der ihm gezeigt hätte, daß des Anrainers rotbehangener Apfelbaum schön ist und der Himbeerschlag in der Mittagsglut mit den violett blühenden Weidenröschen und die alten, niederen Giebelhäuser am Marktplatz, ja selbst der gehörnte Kopf der dürren Nachbarskuh. Beim Theater war es etwas anderes. Da brauchten einem die Augen nicht erst geöffnet zu werden. Da sah man gleich auf den ersten Blick, daß es schön war, wunderschön, am allerschönsten! Und nur die Mutter in ihrem verschossenen Kleid, mit ihren schmutzigen Eimern und Besen und dem derben, bei der Arbeit in die Luft gereckten Hinterteil war ein Schandfleck in dieser Pracht. Man mußte sich ihrer Armut und Gewöhnlichkeit schämen, und mittelbar schämte man sich auch der eigenen Armseligkeit.
Manchmal nahm Ernstl von seinem verborgenen Logensitz aus an Proben teil. Die läppischen Lustspiele und Operetten, die hier einstudiert wurden, interessierten ihn nicht als solche. Die Handlung war ihm gleichgültig, auch wurde sie durch Zwischenrufe des Regisseurs, durch Wiederholungen von Szenen außer der Reihe und andere derartige Störungen so in Stücke gerissen, daß das Kind beim besten Willen nicht in der Lage war, in den Dialogen, Tänzen und Ensembleszenen eine fortlaufende Erzählung zu erkennen. Wichtig war ihm nur, wie sich die Schauspieler benahmen, wie sie grüßten und dankten, die Hände der Damen küßten, Champagner schlürften, tanzten und miteinander konversierten. Da die Stücke fast ausschließlich in erlauchten Kreisen und unter hochgestellten Personen spielten, gab es für den Bauernburschen etwas zu lernen. Was auf der Bühne geschah, mußte als vornehm angesehen und unter allen Umständen berücksichtigt werden. Insbesondere galt es, die jüngeren Herren dieser gehobenen Sphäre zu beobachten und keine ihrer Gebärden und Floskeln außer acht zu lassen. Wenn es überhaupt etwas gab, was des Erlernens würdig schien, so waren es die Umgangsformen eines jugendlichen Bonvivants.
Auch der zweite Beruf der Katharina Ronasek gewährte Ernstl Einblick in die große Welt. Sie nahm den Knaben in ihr Sommerengagement mit. Natürlich mußte er mit ihr in der Dachkammer schlafen, aber schon das war eine Wohltat, denn daheim schliefen ja noch zwei seiner älteren Brüder mit ihren geräuschvollen und unappetitlichen Gewohnheiten im selben Zimmer. Solange er klein war, durfte er sogar mit dem um ein Jahr älteren Töchterchen der Herrschaft unter der Aufsicht einer schlesischen Bonne im Garten spielen. Regnete es aber und Mausi wurde im Haus gehalten, so war es ihm nicht gestattet, das Kinderzimmer zu betreten, denn das wäre zu weit gegangen. Die Baronin vertrat die Meinung, daß alles seine Grenzen habe und daß man die Dienstleute nicht einfach ins Kraut schießen lassen dürfe. Schließlich wollte man doch einen Unterschied zwischen der kleinen Baronesse und dem Sohn der Köchin gewahrt sehen.
Der Unterschied wurde übrigens mit den Jahren merklich größer. Ich meine nicht nur den, der sich daraus ergab, daß aus dem Kind Mausi immer mehr ein Mädchen und aus dem Kind Ernstl immer mehr ein Bursche wurde – dies sowieso; aber auch der Klassenunterschied zeichnete sich deutlicher ab, seit Mausi ins Sacré-Coeur ging und in den Ferien von einer Französin statt vom schlesischen Kinderfräulein beaufsichtigt wurde und seit Ernstl von seiner Mutter und von deren Brotgebern immer nachdrücklicher dazu angehalten wurde, sich nützlich zu machen, Schuhe zu putzen, Holz zu hacken, die Hunde zu striegeln und was es sonst an kleinen Arbeiten in der Villa Sperl zu verrichten gab. Der »vollkommene Gentleman« wollte – mehr aus moralischen denn aus pekuniären Gründen – keine »chronischen Nichtstuer« im Haus dulden, und so begann Ernstls Laufbahn als Hilfslakai mit seinem fünfzehnten Lebensjahr. Einstweilen sollte er die Herrschaften nur im Sommer bedienen, später aber – so plante man – würde er sich vielleicht auch für das Wiener Haus eignen.
In der Villa Sperl also war es, wo der junge Ronasek mit einem neuen Begriff in Berührung kam: mit dem Begriff der Kultur. Man las dort Bücher, man spielte Klavier, man streute französische Brocken ins Gespräch ein, man kleidete sich nach der Mode, man badete und trieb Körperpflege aller Art. Es ließe sich freilich dagegen einwenden, daß die Bücher, die auf den Nachttischen der Herrschaft lagen, reine Unterhaltungsliteratur enthielten, daß die von der Hausfrau auf dem Klavier exekutierte Musik vorwiegend in Phantasien aus der »Weißen Dame« oder dem »Zigeunerbaron« bestand und daß die ausgiebig mit Fremdwörtern garnierten Gespräche nicht so inhaltsreich waren, wie sie sich den Anschein gaben. Aber Ernstl erhob diese Einwände durchaus nicht. Wenn er auch an den Brotgebern Sperl so manches auszusetzen hatte, als Familie betrachtet, schienen sie ihm über jede Kritik erhaben. Solche Lebensgewohnheiten und solchen Umgangston, solche Bedürfnisse und Liebhabereien mußte man sich angewöhnen, wenn man in der Welt etwas vorstellen wollte.
Es war dem Knaben auch nicht weiter aufgefallen, daß inzwischen ein Krieg über Europa dahingegangen war. Kein Wunder. In Berndorf hatte man dies nicht allzusehr bemerkt. übrigens wollten auch Sperls vorderhand von der Tatsache einer veränderten Welt noch keine Notiz nehmen und taten untereinander – erst recht aber Außenstehenden gegenüber – so, als fühlten sie sich verpflichtet und berufen, in ihrem Heim ein Asyl für die »gute alte, leider jetzt zu Unrecht in Verruf gekommene Zeit« zu errichten.
Auch diese Ansicht seiner Brotgeber übernahm Ernstl kritiklos. Das will recht verstanden sein: Er erfühlte und ertastete sie, denn natürlich nahm sich niemand die Mühe, ihm irgendwelche herrschaftliche Meinungen mitzuteilen. Für ihn war nun einmal die Familie Sperl das Maß aller Dinge, und Ernstl war nicht der Mann, sich nach einem anderen Maßstab umzusehen. – Nein, dazu war er nicht der Mann, aber ein Mann war er nun doch schon, ein entzükkender, blondlockiger, jugendbärtiger Knabenmann. Und dies wurde ihm im Sommer 1921, also gegen Ende seiner zweiten Lakaiensaison, zum Verhängnis.
Es erübrigt sich, darauf einzugehen, was sich zwischen der kleinen Sacré-Coeur-Schülerin Mausi und ihm begeben hat. Vorgänge dieser Art halten wir für allzu schwer schilderbar. Wir wissen mit Bestimmtheit, daß die jungen Leute zu gleichen Teilen an dem Vorfall Schuld hatten, wenn bei so natürlichen Ereignissen von Schuld überhaupt die Rede sein kann. Wir wissen auch, daß sie beide von dem Gefühl getragen wurden, es handele sich hier um noch nie Dagewesenes, ganz Einmaliges und ganz Persönliches. – Wir haben Ähnliches erlebt und ähnlich empfunden. Auch wir waren erschrocken und zutiefst verstimmt, als wir nach einiger Zeit feststellen mußten, daß es sich bei unseren Erlebnissen durchaus nicht um persönlich einmaliges Geschehen gehandelt hatte; und erst reifere Jahre haben uns dahingehend belehrt, daß gerade in der individuellen Verkleidung des Unpersönlichen und Gesetzmäßigen ein Sinn zu suchen und ein Trost zu finden ist.
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