Kitabı oku: «Vineta»
Erstes Kapitel

Als Hermine Johannes gerade am Ostersonntage geboren wurde, vergaß ihr Vater all seinen Ernst und seine Schweigsamkeit, wollte die Sonne wirklich in drei Sprüngen aufgehen gesehen haben und deutete aus der Wichtigkeit des Tages für das Kind alles Glück heraus. Seine gebogene Nase soll nach der Großmutter Behauptung recht anzuschauen gewesen sein wie der Haken eines Ankers, der tief in der Zukunft steckt. Die Mutter zweifelte und sagte ganz leise, daß die bevorzugten Sonntagskinder nur in Märchen zu finden wären. Weil Herr Johannes nun andern Tages krank wurde und bald starb, meinten alte weise Frauen, die von seinem veränderten Wesen bei Hermines Geburt gehört hatten, ihm habe sich der Himmel geöffnet, und dann müsse man dahin.
Aber die Mutter blieb bei ihrem Sinn und stimmte gleich und willig zu, als man sie nach Jahren darauf aufmerksam machen wollte, daß die Augen ihres Kindes trauriger seien als die eines sterbenden Rehes: „So lange sie lebt, war oft Regenwetter; sie hat die Welt zu selten froh und glänzend gesehen.“ Hinter diesen scherzenden Worten prüfte sie sich streng, ob ihr stilles Herz wohl die Ursache der Traurigkeit sein möchte, achtete seitdem eine Zeitlang sorgfältig auf alle frohen Stunden Hermines und atmete jedesmal erleichtert auf, wenn eine kam. Watete Hermine mit ihrem älteren Spielgefährten und Getreuen Edwin Maßholder im Wasser nach Kaulquappen oder stürmte mit ihm die Dorfstraße nach Maikäfern hinab, ja dann waren ihre Augen klarer als die dort hinten in der Sonne gleißenden Scheiben. Und ein Tag kam, da strahlten sie vollends wie ein Wunder. Eine Komödiantentruppe mit allerhand fremden Tieren zog vorüber. Der Tanzzottelbär und besonders der Drehorgel spielende Elefant gefielen Hermine so sehr, daß sie mit Edwin den Ausländern bis Abend Gefolgschaft leistete und Frau Katharina, besorgt um die Tochter, ihre Milch über den Rand der Schüsseln goß. Schließlich hüpften die beiden kleinen Vagabunden Hand in Hand durch die Tür. Da betrachtete Frau Johannes Hermine und sagte: „Du hast doch Augen wie – wie ein —“ „wie ein Sonntagskind,“ ergänzte Edwin altklug. Frau Katharina lachte laut mit den Kindern, und ein abendlicher Lichtstrom verklärte die blanken Zahngatter der fröhlichen drei, denn eben lugte die Sonne, die schon tief im Storchneste des Scheunendaches saß, durch blaue Wolkenschleier. „Sie scheint dich wirklich als Patenkind anzuerkennen,“ nickte Frau Johannes freundlich nach dem roten Viertelkreis hinüber. – Gleichwohl war Hermine fast alle Tage ihr Sorgenkind, und wenn sie solcher kleinen Zufälle einmal gedachte, senkte sich ihr Bitternis in die Seele, weil sie in ihnen einen Hohn des Schicksals erblickte. Ihr Kind erschien unter der Dorfjugend durch manche Seltsamkeiten wie ein weißer Rabe unter lauter schwarzen. Bei einem Gewitter schweifte Hermine herum, während die Mutter sich ängstigte, stieg bei Nachbaren in die Krone eines hohen Birnbaumes und konnte nicht widerstehen, in Regen und Donner ein süßes Mahl zu halten. Noch ehe das Wetter vorüber war, holte sie bleich vor Schrecken ihre Geburtstagspfennige, in der Absicht, die gestohlenen Früchte zu bezahlen. Zwar hätte sie sich entsetzlich gefürchtet, aber die tags zuvor in der Schule gelernte Geschichte von der Sintflut erproben wollen. Ein andermal beunruhigte sie nachts die Mutter dadurch, daß sie schlaflos ihr Deckbett wieder und wieder wendete, seufzte, stöhnte und sich gebärdete wie eine Kranke. Sie hatte von dem Volksaberglauben gehört, man könne um Mitternacht in den Augen eines einsam heulenden Hofhundes, wenn man ihm die Ohren rückwärts zerre, vorüberschwirrende Geister gespiegelt erblicken, und sie schwankte, ob sie einen Versuch wagen sollte.
Durch solcherlei Eigenheiten ihrer Natur wurde sie die wahre Ursache der zweiten Heirat ihrer Mutter. Diese lernte einen entfernten Verwandten der befreundeten Familie Maßholder kennen, des Nachbarstädtchens reichsten Kaufmann Dagott. Breit und groß, ungeschlacht und übertrieben langsam in seinen Bewegungen, in seinen Worten von einer gewissen singenden Gutmütigkeit und Weitschweifigkeit, mißfiel er ihr, die in alledem eher das Gegenteil darstellte. Weil er ihr aber freundlich und in Kleinigkeiten mit rührender Gemütlichkeit den Hof machte, ließ sie die Erwägung, ihrer doch schon dreizehnjährigen Tochter die Möglichkeit einer besseren, sichereren Erziehung, den Eintritt in einen weiteren, lichteren Kreis zu öffnen, den Ausschlag geben und beschloß ihn zu ehelichen. Sie machte sich den Gedanken der Übersiedelung in die bequemere Stadt vertraut und lieb und wäre schließlich nur ungern in der Einsamkeit geblieben. Trotzdem zwang ihre ehrliche Natur sie, Dagott vorher zu gestehen, warum hauptsächlich sie die Ehe einzugehen bereit sein würde. Als nun Dagott mit täppischer Liebenswürdigkeit, mit Hand- und Stirnküssen sich unermüdlich um Hermine drehte und bei dieser zu der Mutter Ärger von Anfang an auf ein kalt verwundertes, abweisendes Benehmen stieß, gewann ihn Frau Katharina aus Mitleid darüber und befreit durch ihr Geständnis wirklich lieb und schloß bald den Bund.
An einem Wintertage wurde ihre ganze Habe aus dem Dörfchen gefahren, und nicht lange vor der Dämmerung erschien Dagott im stattlichen Schlitten, sie selbst samt Hermine in die neue Heimstatt zu holen. Während er im Pelz in ihrer leeren Stube stand, zweifelte sie doch wieder, ob er ihr zum Gemahl tauge und Hermine zum Stiefvater. Die Bequemlichkeit ihrer Wohnung war verschwunden, und lenkte bisher mancher Gegenstand mit Erinnerungen an vergangene schöne Tage oder angenehme Gewohnheiten ab, so versammelten sich jetzt alle Gedanken auf Dagott. Er lächelte immer wieder kopfnickend Hermine an.
Seine Augen, klein, rund und wässerig hell, schielten ein wenig und schienen nicht in die Weite dringen zu können. Sie sahen vielmehr aus, als hielte ein blanker Knopf an der Uniform eines Hampelmannes, welcher zwei Schritte vor ihnen schwebte, sie immerwährend drollig gebannt. In Abständen flackerte in ihnen etwas Geheimnisvolles auf, das dann die niedrige Stirn in sanfte Falten zog, vor der weitgespannten, seltsam platten Wölbung des kahlen Schädels und ihrer dumpfen Reglosigkeit Halt machend. Das graue, sauber beschnittene Bartgekräusel an den Wangen, schräg bis über das Kinn gestreckt, doch dieses selbst freilassend, gab dem Gesicht etwas Dreieckiges, und all sein freudiger Ausdruck schien naiv durch einen Moosrahmen zu gucken.
Hermine wollte gar nicht Vater zu diesem Manne sagen und begriff nicht, wie ihre Mutter, die solche zierliche Gestalt, solch schmales Köpfchen voll schönem Braunhaar, solch kleines Kinn besaß, an seinem Arm zum Schlitten schreiten konnte. Sie mußte erst dreimal angerufen werden, ehe sie auch auf dem Polster Platz nahm. Ein großer buntgestreifter Ball, den sie noch im Händchen hielt, fiel beim Anziehen der Pferde herunter und blieb einsam auf dem Hofe liegen. Dagott war schuld daran, daß er fiel; warum peitschte er! Ein Haßgefühl fuhr in ihr hoch wie zischender Wasserdampf.
Dann pfiff der Wind von der Seite und schlug mit lahmen unsichtbaren Flügeln ins Gesicht, und dazu schallten die Messingglocken auf den Pferderücken, gleichmäßig, ununterbrochen, einlullend.
Hermine gähnte und schloß ihre Augen. Sie fühlte sich zwar müde, weil in der vorigen Nacht der Hauskater nicht ruhig auf ihrem Kopfkissen liegen wollte, schlief aber nicht. Dazu war es zu kühl, und außerdem wollte sie hören, was die beiden großen Leute, zwischen denen sie saß, erzählen würden. Aber sie mußte lange warten, wurde verdrießlich und dichtete vor Langeweile Dagott so viele Narrheiten an, daß sie die Nase rümpfte und ihn mit der Zunge anzublecken Lust verspürte. Oberhalb der Handschuhe wurden ihre Gelenke von den weichen Haaren der Schlittendecke berührt, und bei jeder Schwankung des Gefährtes fuhr ihr Kopf entweder nach rechts gegen den Pelzkragen der Mutter oder nach links gegen den des neuen Vaters, den ihre Schläfe noch gerade erreichte. Auch wenn sie die Füße vorstreckte, fühlte es sich weich an. Weil der Wind manchmal schneidend dahergefahren kam, ärgerte sie jedesmal die seidige Berührung, die dazu nicht passen wollte: prallte sie gegen Dagott, grollte sie ihm, weil sie neben ihm sitzen und hinausjagen mußte, schwankte sie gegen die Mutter, zürnte sie dieser, daß sie mit Dagott fuhr. Dabei schied sie nicht ungern von ihrem Heimatdörfchen. Was sie dort besessen, vermißte sie vor Erwartung des zukünftigen Neuen noch nicht. Nur konnte diese Erwartung sich nicht freudig in ihr ausbreiten, und als Dagott zu erzählen begann, wie sich das Leben drinnen in der Stadt gestalten würde, horchte sie zwar auf, ließ jedoch die Augen mit einem Reste von Gleichgiltigkeit geschlossen und kniff sie bisweilen unter leiser Schmerzempfindung fester zu. Den warmen Ofen, der jetzt nach der Fahrt die Stube behaglich machen würde, konnte sie sich nicht anders als plump, aus stumpfbraunen Kacheln gesetzt, mehr breit als hoch und angefüllt mit einem Berge dicker, stinkender und qualmender Kohlenblöcke vorstellen, – weil dieser Mann davon erzählte. Als er schwieg, öffnete sie einen Augenblick die Wimpern. Doch Dagott redete weiter von dem jungen Lehrer Karp, der ihnen ein Abendbrot warmhalten würde, da die Aufwärterin schon früh zu ihrem kleinen Kinde gehen müßte. Karp wirtschafte einmal gern in der Küche, wie er schon als Knabe getan, und wisse idyllische Erinnerungen aus seiner Kindheit mit großer Herzlichkeit vorzutragen. Darum sei er trotz des Altersunterschiedes Dagotts Freund geworden. Im übrigen – Karp schweige am liebsten. Er solle Hermine wie gesagt Privatunterricht erteilen, zusammen mit Elisabeth, der Tochter des Bürgermeisters Pfeiffer, und werde gewiß ihr bester Lehrer sein. Sobald Hermine ihren Namen aussprechen hörte, fühlte sie Dagott sich ihr zuwenden, und richtig verlangte er wieder, wie so oft, einen Kuß von ihr. Es zuckte ihr einen Augenblick in den Lidern, dann öffneten sie sich gegen ihren Willen, gerade als sie überlegte, ob sie sich schlafend stellen sollte. Bei dem widrigen Kusse kam es wieder zu der weichen Berührung mit dem Pelze, und diesmal drückte er sich eisig an die Wange. Sofort schloß Hermine wieder ihre Augen, nun mit Absicht und trotzigem Gesichte. Sie wünschte, jemand möchte es wahrnehmen und fragen, ob sie böse sei. Sie biß die Zähne aufeinander und stemmte die Füße gegen die Vorderwand des Schlittens. Wenn die Schuhe so fest und andauernd nach vorn gedrückt wurden, war von der weichen Decke nichts zu spüren. Nach einer Weile flüsterte Dagott: „Pst! Sie schläft!“ In Hermines Seele wurde es ganz kalt, aber ihr Herz schlug heftiger. Einige Krähenschreie drangen an ihr Ohr. Sie suchte sich den Lehrer Karp vorzustellen, der ihnen das Essen warmhielt, sah aber nur zwei sehr blanke, große Stiefelspitzen unter weißer Küchenschürze hervorleuchten, während sich das Gesicht nicht enthüllen wollte. Gewiß würde er ihr ein sehr guter Lehrer sein, bloß, daß er mit Dagott verkehrte, war unrecht. Dann saß er vor ihr, hielt eine pechschwarze Schiefertafel auf seiner Schürze im Schoß und rechnete mit nachdenklichem Gesicht, den Stift in milchzarter Hand, eine Aufgabe nach. Ja, diese sinnenden Augen und diesen dunklen Vollbart würde er haben. Sie wollte auch lieber als auf der Dorfschule zum Unterricht gehen. So rückte eben ihre trotzig-kalte Stimmung in einem etwas wärmeren wehmütigen Sichbescheiden zusammen, als Dagott wiederum etwas flüsterte, das ihr klang: „ß—ß—ß— die Stadt!“ Sie öffnete erschrocken die Augen und war schon so schläfrig geworden, daß sie das Schließen derselben vergaß. Aber der Haß gegen Dagott, den sie nun nicht mehr beachtete, saß breit in ihr und verschlang den Keim jeder anderen Empfindung.
Da lag die Stadt in geräumigem Kesseltal, düster gegen das Schneefeld und den grauwolkigen Himmel abgehoben. Die dunklen Massen flossen ineinander über. Das Ganze sah Hermine aus wie ein großer Mantel, der über einen eckigen Gegenstand hingebreitet ist und durch den sich viele Messer steif in die Höhe gebohrt haben. Diese Erhebungen waren die durch die Gärten zahlreich zerstreuten Pappeln und der Kirchturm. Und der dunkle doppelte See starrte unten im Osten wie ein großer, bis an den Rand versenkter Paartopf voll geronnenem Blut. Hermine hatte bisher erst zwei, nach der entgegengesetzten Richtung gelegene Nachbarstädte ihres Geburtsdorfes kennen gelernt, die ihr gar wohl gefielen. Der Anblick dieser beklemmte. Sie konnte sich hier nur ein gedrücktes Leben erwarten unter Leuten nach dem Bilde und der Weise Dagotts.
In Wirklichkeit aber waren hier zum größten Teil frohe, gesunde und fleißige Menschen ansässig, manchmal ländlichen Sitten noch angenähert. Viele Behörden und Beamte gab es nicht; in jedem Jahre wurden nur wenige Gerichtstage von auswärtigen Richtern abgehalten. Am Ostrande, ein wenig außerhalb, hatten noch viele Ackerbürger ihre Scheunen und Stallungen, und in jenem schwarzen See gab es Sommers wohl auch heitere Spiele, wenn etwa Kahnfahrer von den in die Schwemme gerittenen Pferden angeprustet und von übermütigen Knechten bespritzt wurden.
Als die drei in die Stadt einfuhren, begann es zu schneien. Aber der Wind zerstörte allen Frieden rieselnder, schwebender Flocken. Es war auch schon dämmerig geworden, und Hermine konnte nur mit Anstrengung verfolgen, wie diese schneeigen Motten herumwirbelten und auf roten Dächern und an Mauern in schwarze Sterne versprangen. Einige Zeit darauf hafteten ihre Augen überall kälter, doch länger auf nassen, angedunkelten Flächen. Zwei gebukelte Fenster schoben sich wie große müde Glotzaugen durch den grauweißen, wehenden Schleier. Ein leiser Flor schien um alle Gegenstände gewickelt, selbst um die Leiber der langsam ausgreifenden Pferde. Die acht Beine spielten in zuckender Verwirrung durcheinander wie in einem Netze. Die Schellen klangen ungleichmäßiger, mindestens wesentlich lauter als auf dem freien Felde, und manchmal schien es, als weckten sie ein Echo. Hermine glaubte auf einem Schornstein, der, von halbkreisförmig gebogenem Blech wie von einer Nonnenkapuze überwölbt, seltsame Rauchkringel ausströmte, eine geduckte Gestalt zu sehen, die ebenfalls ein Geläut in Händen hielt, mit dem zahnlosen Kopfe wackelte und schließlich im Rauche dem Schlitten nachgeschwebt kam. Sie seufzte.
Die ersten Straßen waren leer, nur lief ein langhaariger Hund vor den Ankömmlingen über das Pflaster, sah sich beinahe scheu nach ihnen um und bellte nicht einmal. Manche Quergäßchen waren hügelig angelegt, ihre kleinen Häuser unregelmäßig gebaut. Ziemlich viele schattige Winkel ließen ein phantastisches Aussehen des Städtchens ahnen, wider alle Wirklichkeit. Hermine erquälte sich ein häßliches Bild, da ihr in der Ermüdung die alte Heimat nun schon verklärt aufstieg, die diesen neuen Ort durchstöbernden Flocken hingegen wie kleine eisige Hände über die Backen fuhren und das ungewisse Licht wirklich allen Reiz verdrängte. Bei vielen Häusern standen Bäume; deren Äste falteten sich manchmal wie lange, hagere, schwarze Finger über niederen Dächern. Und die vielen Pappeln in den Gärten starrten wie schlanke Riesen, die ihre Hände eng an die Beine drücken und unheimlich in den leise zischenden Wind hinaushorchen.
War aber auch das dort nur erfabelt? Auf dem Dache eines Hauses am Kirchhofe huschte eine dunkle, anscheinend männliche Gestalt mit einer Laterne in der Hand krumm dahin. Hermine erschrak. Dagott erklärte heiser: „Das ist der Totengräber Grelert. Er hat sich da oben einen Taubenschlag angelegt und geht nachsehen, ob alles zur Nachtruhe in Ordnung ist. – Der sonderbare Kauz ist ja beinahe unser Nachbar.“
Hermine war froh, daß sie wirklich gleich absteigen durfte. Mit welchen Menschen sollte sie doch zusammen wohnen! In der vorigen Gasse hatte sie aus einem dunklen Hausflur hadernde Kinderstimmen und das schrill ritzende Auskratzen einer Bratpfanne gehört, hinter einem matt erleuchteten Fenster einen unförmigen, schreienden und zappelnden Säugling in den Armen eines Greises, der mit schiefem, zitterndem Munde zu singen schien, gesehen. Sie strich sich mit der Hand über das Antlitz und fröstelte.
Da erschien Lehrer Karp in der Haustür. Er lächelte zwar, schien aber ebenfalls unter den Kleidern zu zittern, obgleich er wohl aus warmem Zimmer kam. Dieser Widerspruch erfüllte Hermine mit ungewisser Furcht.
Karp stellte sich der Frau Dagott, noch immer lächelnd, vor, wobei ihm die Stimme ausglitt und in die Höhe fuhr, begrüßte dann alle drei mit einem vorsichtigen Händedruck und schritt ihnen unter mehrmaligem Willkommenwunsch durch den Korridor nach, im Dunkeln recht unverhohlen zitternd. Er hatte nämlich die neu angekommenen Möbel in der abgelegensten winterkalten Stube etwas beiseite gerückt; dabei waren ihm einige Begrüßungsreime durch den Kopf gegangen; da nahm er die Tische fester vor den Bauch und schleppte, bis sie fertig waren. Mit verklammten Händen hatte er sie vor einigen Minuten auf kleine Blättchen geschrieben, in die Teller des in der Staatsstube gedeckten Tisches gelegt, wiederholt betrachtet und sauber der Mitte zugezupft, schließlich aber, als der Schlitten draußen vorfuhr, doch schnell in der Tasche verborgen. Sogar die Betten im Schlafzimmer aufzudecken, hatte er nicht unterlassen.
Im warmen Zimmer begann man sich lebhaft zu unterhalten. Dagott hob strahlend die linke Hand seiner Frau hoch, machte einige Walzerschritte, daß sein pelzgepolstertes breites Kreuz hin und her kippte wie ein ungeheurer Entenleib, und sang: „Nun sind wir da – jahaha!“ Karp erwärmte sich wieder und wurde einmal gesprächig, auch Frau Dagotts Stimme fiel oft ein.
Nur Hermine war still. Sie träumte und wollte träumen. Düstere Pappeln, strenge Häuser umgaben sie und ein kalter Himmel. Warum war es hier drinnen nicht ebenso? Warum hatte sie sich dies alles anders vorgestellt? Zwar traut war es so nicht, viel zu groß gähnte das Zimmer, sehr dämmerig leuchtete die Lampe. Diese Uhr schlug nicht wie andere, sondern fragte mit hartem Ton immerzu: ja? ja? ja? ja?
Hinter ihr stand Zitterlehrer Karp im Gespräch – mit trocken-feisten Backen und hellen Haaren. Er hatte weder Bart noch sinnende Augen und sprach mit dünner, gedehnter Mäuschenstimme. Nur selten wurde diese Stimme kräftiger, und den dann entstehenden Laut hatte Hermine beim Tischler gehört, wenn er mit seinem Hobel einen recht langen Schnörkelspan abschnitt. Was sollte sie bei Karp? Laufen, ganz schnell, ganz, ganz schnell bis zum Dorfe, wo die Hobelbank stand und Edwin Maßholder vielleicht davor!
Bei solchen Gedanken, mit den Tränen kämpfend, sah sie Karp an. Sie erschien ihm schüchtern, und er wollte ihr wohlwollend die Befangenheit nehmen. Er sagte, in den Kniekehlen freundlich wiegend: „Also du bist meine künftige Schülerin?“ Sie schüttelte erst mit dem Kopfe, nickte dann aber schnell und betroffen. Er schwieg ein Weilchen, während die beiden anderen Hermine zu ihrer Pein musterten, und fragte dann mit scharfer Betonung des ersten Wortes: „Lesen kannst du doch schon?“ Hermine hatte wieder die Vorstellung eines geschneckt emporfahrenden Hobelspans und antwortete nicht. „Wir wollen gleich einmal sehen,“ sagte Karp und hob das ,sehen‘ nachdrücklich hervor. Dabei faßte er die scheue Hermine bei der Hand. „Ich habe einen Einfall, Herr Dagott,“ lachte er. Hermine errötete über und über, als sie angerührt wurde. Ein ätzendes Brennen quälte sie irgendwo. Jedes Wort war ihr wie das Hineinrufen in einen süßen, wenn auch schaurigen Traum. Sie wollte doch träumen, warum ließ man sie nicht! Karp ging mit ihr schnell vor die Tür. Warum wurde sie herausgerissen, abgeführt? Ja, ja, sie mußte beinahe laufen und jeder Schritt verwundete sie mehr. Sie kniff die Lippen rund. O, da kamen die beiden anderen auch nachgeschritten, wie um ihre Schmach zu sehen. Sie wollte sich losreißen, aber wie war es draußen dunkel! Es schneite noch; es kraute ihr gespenstisch im Haar, an Ohr und Hals. Sie schüttelte sich. Nun überfiel es sie erst recht wie ein ödes Erwachen. Sie sah sich taumelnd den Flur, wo man vor Dunkel fast blind wurde, herablaufen, an dieser Hand, die sie hier so festhielt. Sie bedauerte sich. Karp fragte gelinde: „Nun, mein Kind, was steht dort?“ Von grünlicher Laterne schwach beleuchtet, hing wie ein klotziger Spiegel ein Firmenschild am Hause, schwarz gelackt und mit großen, dicken Goldbuchstaben bemalt. Hermine las willenlos rauh: „Benjamin Salomon Dagott. Christliches Tuchwarengeschäft.“ „Ja,“ lächelte Karp süß, und Hermine sah ihn lange schwer an, mochte auch eine Flocke an die Wimper fliegen und sie zudrücken wollen. Karp legte seine freie linke Hand in langsamem Bogen sanft auf die ihre und fuhr fort, sie wieder zurückführend, wobei die Eltern schlürfend vorangingen: „Weißt du, was du da vorgelesen hast? – Hier ist meine süße Heimat.“ Minutenlang lächelte er breit und dumm. Hermine hatte nur den Schall, nicht den Sinn der letzten Worte vernommen und dachte tief beleidigt: nun werde ich sterben! Dieses Gefühl und ein Seifengeruch am Lehrer erquickten sie etwas. Ihr Ohr klang.
„Da wir im Ansehen sind,“ lachte Dagott, beugte sich steif, die Fersen schließend, und kniff sie dabei in die Nase, „wollen wir schnell mit dir das ganze Haus durchgehen.“ Sie strauchelte nun (halb absichtlich) über mehrere Schwellen wie zum Tode und mußte in unheimlich stille Zimmer sehen. Die ganze Zeit fühlte sie ihre Hand noch gefaßt, die doch längst frei herabhing, und spürte Schnee in die Haare fallen, die sich stellenweise etwas juckend aufzurichten schienen. Auch die Treppe mußte sie hinaufgehen und wurde in einen großen Raum geführt, wo viele alte Waffen an den Wänden auf ihren Schatten schliefen. Dort sollte sie später hausen. O, wie sehr wollte sie dann weinen!
„Aber nun schnell essen!“ mahnte Dagott. Man setzte sich um den Abendbrottisch.
Hermine verwunderte sich über das Würzige und Schmackhafte in den Speisen. Sie wurde aber die Bilder der Schlittenfahrt nicht los. Da keine wirkliche Grundlage sie unterstützte, veränderten sie sich weiter ins Düstere und führten Hermine tiefer in wehes Staunen. Sie sah dabei ihre Nachbarn lange mit verlorenem Blicke der großen dunklen Augen an. Man kam eifrig ins Gespräch und scherzte viel. Sie konnte es nicht begreifen: sie war allein. Aber wenn man sie ansah, verzog sie auch den Mund zum Lachen. Selbst die Mutter war heute so gesprächig; warum nur? In ihr scholl plötzlich im grell leiernden Schulstubenton der Choral: Wenn ich einmal soll scheiden. Die Gesichter und Bewegungen der Anwesenden wurden ihr unverständlich, sie entbehrten jeden Sinnes, wie die großer Gelenkpuppen; das Lachen war das aufgemalte, irrsinnige Puppenlachen. Beschäftigt, etwas auseinanderzusetzen, heftete Dagott den Blick auf sie: nun mußte er doch wahrnehmen, daß sie sich fürchtete? Nein, er sah wieder weg und pfiff gar eine lustige Figur. O! – O! – Sie erhob sich leise und sagte mit so schwärmerischer, weltferner Versunkenheit und vor Tränen blinden Augen: „Mutter, ich möchte schlafen gehen,“ daß alle erschraken. Frau Katharina legte die Hände vor das gesenkte Gesicht, Dagott stand auf und fragte, wie mit dem Besen gescheucht, trocken: „Was ist denn?“ Karp flüsterte in die Lampe: „Das ist nicht Heimweh.“
Die Mutter führte Hermine in die Schlafstube, wo das Kind noch allerhand Haß, Verachtung und Schwermut wie Wackensteine in sich herumwälzte und oft gewaltsam keuchte, ehe sein Atmen friedlich tönend gleich dem letzten Echo erlösender Träume auf- und abstieg.
Die Tür anlehnend, sagte Frau Katharina: „Sie ist ein Maulwurf, der sich schwarze Gänge gräbt, wohl ab und zu ein Stückchen in der Sonne läuft, doch dann wieder ins Dunkle taucht. Ich habe sie drüben nicht ändern können. Hoffentlich ziehen wir drei sie hier für immer ins Licht.“
Sie redeten noch lange über Hermine, und ihre Schatten schlüpften durch die langsam aufknarrende Tür über das Bett der Schlummernden.
Zweites Kapitel

Bald konnte sich Frau Dagott freuen, daß Hermine wirklich ihr düsteres Wesen abzulegen schien. Der Maulwurf fand in Elisabeth Pfeiffer ein Hermelin, mit dem er die ganzen Tage in der Sonne lief. Es begann eine Zeit, in der das ernste, plumpe Kaufmannshaus am Marktplatz und der große Garten dahinter vom heitersten und herzlichsten Kinderlachen widerhallte. Am Morgen, ehe Lehrer Karp in die Schule mußte, und nachmittags, wenn er frei war, kamen die beiden Mädchen in die große Oberstube gestürmt zum Privatunterricht und blieben nach den Stunden zum Geschichtenerzählen zusammen und zum Spiel mit den alten, auf Dagott durch viele Geschlechter vererbten Waffen, die man im Hause nicht schicklicher hatte unterbringen können. Frau Katharina hielt Karp für einen trefflichen Lehrer, weil just die zwei von ihm unterrichteten Mädchen so traulich zusammenhielten und alle ihre Lust beieinander fanden, während wenigstens Hermine sich an eine andere Altersgenossin überhaupt nicht anschloß. Karp mußte darum nun täglich am Mittagsmahle der Dagottschen Familie teilnehmen. – Auch ihrem oft wenngleich gezwungen heiteren Manne wußte sie klüglich ein Stückchen Einfluß zuzuteilen, und sie lebte halbwegs zufrieden, obwohl die Ehe von manchem kleinen Zwiste durchbrochen wurde. Sie hatte eben eine andere Natur als ihr Mann und hoffte eine innigere Vereinigung, wenn das Kind, das sie unter dem Herzen spürte, eine Hand um ihren Hals und eine um den des Vaters legen könnte. Ganz glücklich hatte sie mit ihrem ersten Manne, in dem ihr viel von Hermines Wesen, nur gut verstaut, gelegen zu haben schien, auch nicht gelebt, und der Wunsch, die Tochter ins Mildere zu lenken, war ja erfüllt.
Oder? Manchmal am Abend, wenn der Mond recht groß und klar über zwei Scheiben lag, wagte sie zu zweifeln und zu sorgen, denn aus dem Verkehre mit der Tochter wehte sie leicht eine unerklärliche augenblickliche Kälte an. Hermine schien Scheu zu haben sich hinzugeben.
Wirklich fühlte sich Hermine in ihrem jetzigen Kreise oft abgestoßen. Trotz ihrer Freundschaft mit Elisabeth waren in ihr die leidenschaftlich verworrenen Empfindungen des Einzugsabends nicht untergegangen. Zwar erschien ihr schon am nächsten Tage alles anders, als sie es anfangs gefaßt, aber sie empfand jedesmal einen angenehmen Reiz, wenn sie daran zurück dachte. Sie wußte eine Sage von einer Prinzessin, die alle Mitternacht ihr Kästchen öffnete und kniend die blutroten Steine und die Schierlingssiegel an ihren vielen Ringen herzte. So ging es ihr. Nun wünschte sie zwar keineswegs, wieder etwas zu erleben, das ihr Gemüt ähnlich in Düsternis hüllte: unbewußt beschwor ihre Seele immerfort Schatten, und die Welt, in der sie damals gebangt, umgab sie darum auch jetzt, wenngleich blasser. Sie wehrte leise noch immer alles ab, was sie am ersten Abend abgelehnt hatte, nur daß es damals, je neuer und unerwarteter es sie umringte, um so viel heftiger geschah. Nichts liebte sie, nicht Mutter und Stiefvater, nicht ihren Lehrer, nicht ihre Stadt und deren Bewohnerschaft, nur die einzige Elisabeth.
Elisabeth war sanfter als Hermine und schien bestimmt, nichts als Einflüsse zu empfangen. Ihr Gemüt bewegte sich ätherisch weich, und weil alles, was auf dasselbe wirkte, immer aus einer Tiefe widerstrahlte, machte es den Eindruck der Unergründlichkeit. Ein Himmel, der eine weiße Mittagssonne aufnimmt oder eine rote Abendsonne oder den blauen Mond oder die gelben Flimmerpunkte des Schwans und des Bären und seine Farbe nach ihrer Leuchtkraft wechselt vom Blau der Alpenrose zum Blau des Indigos und zum Schwarzblau der Waldbeeren – ein Gleichnis ihrer Freundschaft.
Wie eine schenkende Stellung zu einem Menschen so kostbar in Hermine zu sein schien, verwahrte sie sich gegen andere durch Verschmähen und heftete ihre Abneigung am festesten an die, welche sie am wenigsten lieben konnte. Wenn ihre Mutter schon fühlte, daß sie sich hinzugeben fürchtete, so blieb Hermine ihr gegenüber doch ruhig, wogegen es sie in Gegenwart Dagotts oder Karps wie eine Ahnung durchzitterte, daß sie sich behüten müßte, und ihr Tasten ruhte nicht, bis sie an ihnen etwas zum Abweisen, Fürchten, Verachten fand. Doch geschah das jenseits aller Gedanken, und sie blieb freundlich, wenn sie sich etwa über eine Grimasse Dagotts erregte: sie hatte ja Elisabeth und empfand eine gewisse Schadenfreude, als wüßte sie, daß ein Licht um so heller strahlt, je tiefer ringsum die Nacht ist. Der manchmal arg hervortretende Ehezwist ihrer Eltern, ein heftiger Wortwechsel, ein Schweigen zwischen Mann und Frau brachte auch ihr Unbehagen, aber sie trug es gleichgiltig.
Karp lernte sie wenig kennen. Sein Unterricht war sachlich, aber langweilig. So berührte sie zunächst die Eintönigkeit seiner Lehrweise. Sonst war er schweigsam. Immer schien er wehmütig, und doch lächelte er fast immer. Dieser Zwiespalt pflegte eine gewissermaßen zärtliche Abneigung groß. Hermine glaubte ihn krank. „Sieh, Elisabeth,“ sagte sie, „sieh seine Handgelenke. Lauter blaue Adern schimmern dort durch. Ein Tagelöhner auf dem Lande hat mir erzählt, in blauen Adern fließt krankes Blut. Auch an den Schläfen sitzen ihm bläuliche Ästchen. Ich fühle, seine Krankheit tut ihm weh, aber doch ist er dick und lacht.“ Mit mitleidigem Unbehagen krochen ihre Blicke unter seine Manschetten. Sie ließ sich nicht gern von dem kranken Manne unterrichten und, weil Elisabeth dabei war, doch wieder gern.
Außerdem knüpften sich an ihn leicht Empfindungen, die ihr die Leute außerhalb des Hauses gleichgiltig machten. Mit den Erwachsenen hatte sie ohnehin vorderhand nichts zu schaffen, und die Schulkinder, mit denen sie beim Konfirmandenunterricht in demselben Saale saß, gehörten Karps Schule an. Das leise Widerstreben gegen diesen regte sich bei ihrem Anblick als willkommene Verstärkung des Nachlebens jener abendlichen Ankunft, so daß sie noch immer mit einer sonderlichen Art Menschen leben zu müssen wähnte: der singende Greis, die schreienden Buben zeigten sich manchmal in wollustvollen Seelentiefen, ebenso der Totengräber Grelert.
Dieser letztere mußte auch wohl dazu dienen, der Stadt selbst einige der Schauer wiederzugeben, die sie im Schneeflockenmantel unheimlich belebt hatten. Er war abends noch immer auf dem Dache zu sehen, wie er mit der Laterne nach seinem Taubenschlage lief. Hermine konnte ihn aus einem Fenster ihres großen Zimmers beobachten. Auch hörte sie beim Unterricht, schon abgespannt oder durch die Gegenwart Karps im Lebensgefühl beschränkt, seine Tauben die Flügel schlagen, ähnlich, als schlüge jemand dünne Bretter oder gar Totengebeine aufeinander.
Ihr eigenes Zimmer, mit solcherlei Empfindungen betrachtet, empfing so sein verborgen wirkendes Geheimnis.
Die Pappeln aber umwob in Bälde der größte Reiz. Grelert, in jüngeren Jahren Glöckner, hatte seiner Tochter, die ihm durch Unvorsichtigkeit hoch im Kirchturm von den geläuteten Glocken erschlagen worden war, eine Pappel als Denkmal ans Grab gepflanzt und ließ sich durch sie an den Unglücksturm erinnern. Daran mußte Hermine oft denken und wurde von Winden oder Vögeln oder den Lichtverwandlungen, von Winter und Sommer, von Nebel und Nacht in den hohen Stämmen auf die verschiedenste Weise gerührt, manchmal zu wehen Träumen, manchmal selbst zu wehen Tränen. In seltsam geformten Zweigen fand sie Tier- und Spukgestalten gebildet und erschrak eines Abends tief über den Erlkönig: sie und Elisabeth begehrten auch solche Denkmale ans Grab, wenn sie stürben.
So half der Totengräber den ersten geisterhaften Eindruck der Stadt in ihr wieder mehr und mehr heben. Darum und weil er ihr oftmals auffällig nachblickte, war ein unheimliches Sehnen in ihr, ihn kennen zu lernen. Er war unter den Leuten als Sonderling berufen. Niemand kannte ihn recht, da er zurückgezogen lebte und, soviele freie Zeit er erübrigte, mit Stuhlflechten und Topfbestricken außerhalb einen Spargroschen erwarb. Es sollte in seinem Leben etwas Dunkles geben. Dagott wußte darüber nichts, gab aber vor unterrichtet zu sein und es Hermine nur nicht verraten zu wollen. Er war plump, so daß Hermine ihn durchschaute, drob mehr verachtete und Grelert mehr lieb gewann. Mit Elisabeth spann sie düster bunte Sagen über ihn aus. Sie wollte hingehen.
Er hauste ganz allein in seiner Kate am Kirchhof. Dadurch hatte er wieder etwas Abschreckendes. Er sollte häufig noch tief in der Nacht durch seine Klause rumoren und den Fußboden scheuern, denn man sagte ihm peinliche Sauberkeit nach. Man hatte ihn auch so spät noch hämmern hören und behauptete, er ziehe beim Reinigen der Wohnung sämtliche Nägel aus der Wand, putze sie blitzblank und klopfe sie dann wieder in ihre Löcher.
Während Hermine überlegte, unter welchem Vorwande sie den Totengräber aufsuchen könnte, wurde ihr eine Schwester geboren, und das Vorhaben unterblieb. Dagott belegte das Kind mit einem biblischen Namen, weil diese Sitte in seiner Familie seit Urzeiten üblich sei. Er nannte das kleine Mädchen Ruth. Fünf Wochen verstrichen Hermine in staunender Betrachtung des jungen Lebens, dann dachte sie wieder an Grelert.
Sie beratschlagte nochmals mit Elisabeth, wie ein Besuch bei ihm einzuleiten wäre. Zu der Zeit, als die Freundschaft bald anderthalb Jahre gedauert hatte, erkrankte Elisabeth, kurz vor der Konfirmation. Hermine sprang zu ihr über den Markt, vertrieb ihr von Morgen bis Abend die Zeit und spielte so artig mit der Freundin, daß selbst deren mehrere Jahre älterer Bruder Bruno sich näher setzte und an der Kurzweil teilnahm.
Hermine kam um so lieber, als die Vorbereitungen zur Einsegnungsfeier es zu Hause besonders unwohnlich machten, während die Krankenstube verschont blieb.
Dagott wankte nur öfter vorüber, um Besorgungen auszuführen. Er benutzte das bevorstehende Fest, um noch eins zu feiern. Mit mehreren Herren hatte er sich draußen ein Jagdgelände gepachtet, teils seiner Waffensammlung zu Liebe und um von dem berühmten Bartholomäustreiben seines seligen Großvaters passend zu berichten, teils der Schmausereien wegen. Zwei Tage nach Michaelis – Michaelis war der Termin seines alljährigen Waidfestes – fand die Einsegnung statt. Die Pürsch wurde diesmal um einen Tag verschoben, damit die Doppelmenge des besonders fein zu backenden Kuchens nicht vertrockne. Dagott hatte sich schon lange gefreut und war vor Vergnügen zum Wetterpropheten geworden: „Michael wird diesmal auf weißem Rosse kommen,“ meinte er. Auf weißem Pferde hätte der würdige Mann von einem Erzengel nie gesagt. Also: Michael wird auf weißem Rosse kommen. Eigentlich weissagte er so nur, weil er gern seinen prachtvollen Pelz recht früh hervorgenommen hätte, des Ansehens und Nachsehens halber. Auch zur Jagd zog er ihn bis zum eigentlichen Streifen an und machte auf dem Wagen eine überaus stattliche Figur.
Als nun Michaelistag anbrach, schüttete er ein Meer warmen flüssigen Goldes über die Welt, aber keinen Schnee. Trotzdem geriet Dagott in eine selige Aufregung, weil es der Vortag seines Vergnügens wäre. Und als er nachmittags über den Markt her den Uhrmacher Winterlicht durchs offene Fenster singen hörte, sah er gerührt lange hinüber nach der großen blinden Uhr mit den aufgemalten Zeigern und dachte: „Ach, wie lebt man hier brav! Es scheint immerzu die golden gemütliche Stunde zwei Uhr nachmittags zu bleiben. Wie glücklich klingt aus Winterlichts Munde selbst das Lied von den vier Brettern zum Sarge und dem Rade, das nicht mehr geht; wie fröhlich klappert der Sänger zwischen den Stuhlbeinen, wahrscheinlich mit seinem Mittagslöffel!“ – Lüstern neugierig, wie es wohl mit der Bürgermeisterstochter stünde, zumal Hermine nicht zum Mittagessen gekommen wäre und gewiß auch bei den Nachbarn nicht gegessen hätte, ging er die Kranke besuchen. Aber der Ernst war ihm drüben zu streng, und er legte, um seine behaglich weiche Stimmung nicht etwa vor übermorgen zu verscherzen, bald und gründlich hinter sich den Drücker ins Schloß.
Uhrmacher Winterlicht hatte aus dem Laden eine feine Damenuhr in seine Wohnung hinaufgenommen und gravierte emsig auf ihrer Rückseite. Die Melodie des traurigen Liedes lag ihm dabei immerfort in den Ohren. Bald mußte er sie pfeifen, bald brummen, zeilenweis oder ganz, bald ihr lauschen, als dränge sie aus weiter Ferne her. Er wußte nicht, wie er darauf gekommen war. Seine Frau hatte ihm vorhin irgend etwas aus der Stadt erzählt, das nicht unmittelbar auf sie hinwies, (sonst hätte er es behalten) das aber die Töne aufweckte. Sie führten ihm nun die Hand.
Zuerst wollte er der Uhr ein üppiges Vierkleeblatt einritzen, der aufdringlichen Weise zu Trotz, aber sein Entwurf veränderte sich in ein Kreuz.
Die Sonne spielte auf dem Metall blitzend und blendend und erleuchtete die Hände porzellanklar. Und immerzu sang er und mußte über sich, den grundlos kühlen Wehmutmann, lachen, weil er von Strahlen überwaschen wurde wie ein Schneemann von weichem Frühlingsregen.
Er wußte, daß ihm niemand eine so bezeichnete Uhr abkaufen werde. Trotzdem ließ er sich wie unter einem Zwange gehen und vollendete sein Werk, indem er die Felder mit schwarzer Farbe ausfüllte. – Dann erst fühlte er sich frei. Ihm begann das verunzierte Gold leid zu tun.
Er trug mit schlechtem Gewissen die Uhr wieder hinab und versteckte sie unter den übrigen in einem Winkel des Ladens.
Seit einer Stunde lag Elisabeth schweigend da. Sie hatte sich mit der Freundin Geschichten erzählt und dabei solche gewählt, wo prächtige oder wilde Abenteuer gehäuft und zu entwirren waren. Die letzte hatte gehandelt von großen Kämpfen, aus welchen sämtliche Fechtende mit zerbrochenen Schwertern, aber unversehrt hervorgingen. Darauf war sie müde geworden und mochte nur noch zuhorchen.
Hermine erzählte, freilich ohne bewußte Wahl, Begebenheiten ohne allzu straffe Handlung, wie den Rattenfänger von Hameln, um in Ausmalungen der Wälder, Schlösser und Trachten aus ihrer eigenen Empfindung und Vorstellung viel hinzufügen zu können. Aber bald schien ihr Elisabeths blasses Gesicht nicht in die Märchenwelten hineinzusehen.
Sie beendete ihre Geschichte und saß nur steilrecht am Lager der Freundin. Besorgt war sie nicht. Auf diesem Platze fühlte sie sich auch jetzt glücklicher als überall.
An dem einen Fenster saß ebenso still Frau Pfeiffer, die nur ab und zu leise hinter die Tür ging und mit dem Taschentuch in der Hand zurückkam, an dem andern Elisabeths älterer Bruder Bruno.
An diesen wandte sich Hermine um eine Weile: „Bring’ uns deine Schiffe.“
Er schleppte eine große weiße Wanne herein, stellte sie neben das Bett auf einige Schemel und füllte sie mit Wasser. Dann holte er eine Menge kleiner Borkekähne hervor. Aus jedem ragte ein Mast mit einem von den Mädchen besäumten weißen Segel, und an jedem Schnabel war ein weißer Zwirn befestigt.
Bruno setzte sich an sein Fenster, die Mädchen fingen schüchtern an, die Schifflein von Ufer zu Ufer zu ziehen, Elisabeth eine Hälfte nach dem Bett hinüber, Hermine die andere von dort zu sich, und auf der Mitte des Weges fand eine Begegnung statt. Weil aber keines von beiden plauderte und sie einander so nahe fühlten, daß sie nicht aus geschiedenen Weltteilen Schätze über das Meer senden mochten, wurden sie zaghaft. Die Zeit des Spielens wird vergangen sein für immer, ahnte Hermine. Sie starrte auf das Wasser und tändelte mit langsamen Fingern in seiner Fläche. Plötzlich begann sie leidenschaftlich die Sage von Vineta, der untergegangenen Stadt, rühmte die Tore von blankem Metall, die kostbaren Schaugepränge und Leichenzüge in den düsteren Straßen, die silbernen Glocken in hohen Türmen … Noch einmal ergriff Elisabeth die schlaffen Fäden, zog ganz matt die Schiffe über das Wasser und sah mit Augen hinein, als ob sie selbst an einem Borde stünde und Kuppeln und Spitzen in der Tiefe unterschiede. Hermine erfand immer mehr, um das Spiel lange anzuschauen, mußte aber schließlich aufhören. Es ward still und die Stille begann zu klingen …
Aber bald verlangte Elisabeth nach ihrer Schultafel, obwohl sie doch vierzehn Jahre alt war. Ihre Sinne verwirrten sich schon. Man brachte ihr die Tafel samt einem Schieferstift, und sie malte seltsame Linien darauf und schrieb kaum leserlich darunter ‚Vineta‘. In wachsender Aufregung warf sie das Bild in das aufspritzende Wasser und ließ mit heftigen Rucken wieder die Schiffe hinausfahren. Da fühlte sich Hermine mit einmal leer. Solange sie sich lebendig in das Unglück der Stadt versetzt und im Traume nach ihrer verborgenen Herrlichkeit gesehnt hatte, waren ihr die Kähne Boten aus unerreichbaren Landen gewesen. Nun ward ihr das Spiel zu sehr Spiel. Die Zeit wird für immer vorüber sein, ahnte sie wiederum und versank in sich.
Elisabeth war in die Kissen gefallen, verlor völlig ihr Bewußtsein und erwachte nicht mehr. Bis zum Abend lag sie mitunter stöhnend auf dem Rücken. Die Mutter hatte nicht geahnt, daß es so schlimm mit ihr stünde und das viele Sprechen, wenn auch bekümmert, zugelassen. – Der Vater wurde gerufen. Er steckte spät die Lampe an, verhängte sie jedoch mit einem doppelten Tuch. Ehe das geschehen war, verschied Elisabeth. Die Mutter merkte es, schrie auf, das Tuch sank vom Lichte herab, und im vollen Schein sah Hermine eine jähe Trauerszene.
Sie selbst stand hoch da, mit harten Zügen, aber ohne eine Träne im Auge. Sie schien bis auf die vollen braunen Haare ganz und gar eine andere.
Nach einer Weile ging sie auf Bruno zu und sagte, am ganzen Leibe zitternd: „Mit dir spiele ich nicht mehr. Gibst du mir alle deine Schiffe?“
Er sah sie verwundert an und nickte.
Sie packte das Spielwerk unter beide Arme. So ging sie, ohne rückzublicken und sich zu verabschieden, davon.
Schnell schritt sie über den kleinen Marktplatz nach Hause. Nach allen Richtungen hin weitauseinander blinkten grünliche Laternenflämmchen und steckten eine seltsame Figur ab. Die kühle Dunkelheit lag drückend, riesenhaft umher, und was von Giebeln und Mauern seinen Umriß durch ihre dichten Hüllen schob, sah aus wie schwaches Pappwerk.
Erst auf der Mitte des Weges linderte sich Hermines Schmerz bis zu einem gewissen Erfassen seiner Größe. Sie hielt ihre Schiffe fester und fühlte sich verlassen wie ein Entdecker, dem eine neue Welt untergegangen wäre im Augenblick, da er sie erobern konnte. Sie hörte ihre einsamen Füße auf den Steinen schallen und beeilte sich mehr.
Im Hausflur blieb sie, noch zweifelnd, was sie erzählen sollte, stehen. Ganz unbefangen, wie es der Augenblick heraus preßte, mochte sie aus einer unbestimmten Scheu nicht reden, zumal, wenn der Stiefvater zugegen wäre. Zögernd drehte sie sich ganz herum, und es war ihr, als erhübe sich die Freundin in ihrer Seele unter einem Haufen zerbrochener Schwerter, die nach allen Seiten in sie drangen. Durch den Staub des halbkreisförmigen Fensters über der gartenwärts führenden Tür lugte, kaum bemerkbar, verfrorener Mondschein, und ganz unten klebte ein dicker toter Schmetterling in kleinem Dunsthof. Zwar machten ihr diese Dinge keinen deutlichen Eindruck in die Seele, aber ihr Schweigen weckte ein verwandtes Schweigen, wie umgekehrt ein Beter in der Kirche einen anderen macht, wenn dieser sonst auch ein schamhafter Mensch wäre. Sobald Hermine ihren Schmerz gesänftigt fühlte, trat sie mit dem Willen, ihn nie einschlafen zu lassen, entschlossen vorwärts.
In die beiden Wohnstuben führten zwei Zugänge vom Flur, einer durch die Schlafstube und einer durch das jetzt schon für morgen hergerichtete gute Zimmer. Den ersten wählte Hermine. Etwas erstaunt fand sie ihre Angehörigen im Schlafraum beisammen. Auf dem Tische stand keine Lampe, nur ein Leuchter in der verrenkten Gestalt eines aufgebäumten Hirsches, der eine dünne Kerze im Maule trug und zu verschlucken schien. In der gelblichen Glanzdecke zeigte sich dasselbe Bild als verschwommene Umkehrung. Dagott hatte schon das Bett aufgesucht. Er lag im Hellen und blinzelte eingemummt wohlig nach der Wiege Ruths hinüber. Diese zu überwachen, verrichtete die Mutter ihre Arbeit ebenfalls hier. Sie stand im Dämmerdunkel, Mürbkuchen zurechtformend, und hatte bereits eine ganze Anzahl von Herzen, Monden und Sternen ausgestochen. Bei jedem Stück buchtete sie jedoch mit hurtigem und geschicktem Messer ein wenig Teig weg, den sie lächelnd auf einen besonderen Haufen warf. Ihr Bett war auch schon aufgedeckt.
So starr in die Höhe gerichtet wie jener Hirsch, blickte sie, einen Zuckerstern zwischen zwei Fingern, mit einmal Hermine an, und Dagott setzte sich im Lager empor. Hermine wußte, daß ihre Züge das Unglück verraten hatten. Darum schwieg sie.
O, das Dämmerlicht! Und o! die vielen weichen Kissen im schmalen Zimmer! Die hatte sie gern. Sie fühlte sich ohne Sträuben müder und heimatlicher. Einen Augenblick hätte sie in ein Kissen zurücksinken mögen mit der Geste des Absterbens. Wie im Halbschlaf erzählte sie nun ihr großes Erlebnis, und die Silben trugen eine herbe Süße. Sie schienen ein langer Gesang und waren doch nur ein Satz.
Die Eltern atmeten froh auf, sie so ruhig zu finden. Hermine bebte darüber.
Die Eltern trösteten sie, bedauerten die Tote und sagten etwas zu deren Lob in mehr kümmerlichen als bekümmerten Worten.
Da begannen Hermines müde Schmerzen ein wildes Toben und Branden. Ihr war, als müsse eine weiße Kapelle um sie werden, und sie müsse knien und beten: ich bin klein, mein Herz ist rein, niemand darf drin wohnen als mein liebes Jesulein. Sie schüttelte wiederholt zu dem Preise ihrer Freundin den Kopf. Wenn nicht alles getreu und wahr gewesen wäre, hätte sie nein! gerufen. So schüttelte sie nur den Kopf.
Das taten die beiden anderen zum Ausdruck ihrer Überraschung auch mehr als einmal. Sie wußten nicht, wie es in Hermine aussah.
Hermine befand sich in einem hilflosen Zustand, als träte sie in dieses Haus und zu diesen Leuten zum erstenmal, und doch stand sie mit mildem Stolz und Scham wie eine Königin, die als Sklavin mit Eisenketten und Kugeln um die Hand und den weißen Fuß belastet ist.
Dagott sagte nach einer Weile des Schweigens: „Dann wird es ja morgen aus unserem Jagdvergnügen nichts werden. Herr Pfeiffer wird doch nicht kommen. Die anderen werde ich als Freund des Ärmsten natürlich zurückschicken.“ Er schüttelte wieder mit dem Kopf.
Hermine drückte krampfhaft ihre kalten Zehen gegen die Schuhsohlen, blähte die Nasenflügel und konnte nicht anders als alle Verachtung gegen ihn in den Wunsch sammeln: Möchte er sich doch hinlegen! Das hat er verdient! Zu bitterem Lächeln hob und senkte sich ihre Brust ganz schnell, und durch den halb offenen Mund kam es: h! – h!
Dagott warf einen Blick durchs Fenster, zog sich etwas am Bart und sagte beruhigt: „Es bewölkt sich. Vielleicht regnet’s.“ Dann legte er sich wirklich hin.
Hermine stöhnte kurz.
Die Mutter forderte sie auf, sich zu setzen. Sie ging in die größere Stube hinüber, deren Tür der Bequemlichkeit und des besseren Lichtes wegen ausgehoben war, schüttete die Schiffe gehäuft an einen Sessel und setzte sich in den Sammt. Manchmal strich sie mit den Füßen langsam über das leisen Lauts sich verrückende Spielzeug hin. Sie saß lauschend im Dunkeln, als wartete sie auf etwas.
Nach einer Ewigkeit hatte ihre Mutter die Arbeit vollendet und sagte halblaut zu ihrem Manne, sie müsse die Kuchen noch zum Ofen besorgen; er möge Ruth, falls sie erwache, ein wenig wiegen. Es war Hermine unangenehm, daß die Mutter ging, aber sie atmete auf.
Dann brütete sie lange. Erst durch das Geschrei Ruths wurde sie aufgescheucht. Sie hörte minutenlang unbewegt zu, wie ein Ton sägte und noch einer und noch einer. Nun vernahm sie auch lautes Schnarchen. Dagott schlief! Sie erinnerte sich, daß es schon lange so gerauscht hätte. Darüber ergriff sie eine unsägliche Furcht. Sie wollte schreien: „Wach’ doch auf! Tot! – Tot! – Tot!“ Sie zitterte, die Stimme versagte, und verstärkt kam die Furcht. Erst jetzt beweinte sie die Freundin. Sie preßte die Hände auf das Gesicht. Die Zwischenräume der Finger näßten sich, so daß sie noch am nächsten Morgen vertrocknete Rinnsale bemerkte und die Erinnerung daran nie mehr vergaß, solange sie auf die Hände schauen konnte. – Sie beruhigte sich, Ruth schrie noch. Sie ging aber nicht zur Wiege. Durfte sie? Sie mußte hier doch in die Nacht hinaus sitzen. Es war etwas als notwendig Erwartetes ausgeblieben; sie fragte danach ohne Sinn und Wort und weinte leise weiter.
Die Mutter kam wieder und beruhigte das schreiende Kind, nachdem sie, von der Trauerbotschaft noch mild bewegt, auf ihren Mann einen liebevoll Verzeihenden Blick geworfen hatte, der im Kerzenscheine leuchtete wie Gold. Hermine wurde durch diesen Blick ganz aus ihrem Weinen gebracht. Die Luft, die sie eben einsog, mußte auf ihrem Wege noch dreimal schluchzen; dann war sie still.
Sie ließ sich willig die Treppe hinan geleiten und aß, sobald sie allein war, was ihr die Mutter vorher in das Zimmer getragen. Das Kindermädchen schlief. Sie trat an das Bett der Schlummernden. Den Hirschleuchter, den die Mutter auf den Tisch gesetzt, sollte sie löschen. Aber sie wartete im Hemd, bis die Flamme an ihrem nackten Dochte zu zucken begann und ihn immer wieder wie in Furcht vor dem Hungertode beleckte. Noch einmal – noch einmal. Ha, die Schatten schwebten schon dicht und breit auf und ab. Nun wurde Hermine auf die Morgensterne, Schwerter, Hakenbüchsen und Keulen an den Wänden aufmerksam. – Zwei Mädchen hatten daraus prächtige Pyramiden errichtet und waren im Ringelreihen herum getanzt, jetzt drohten sie so grausig. Die Flamme ging aus, der Hirsch spie lautlos einen weißen Rauch steil in die Höhe. Auch die Waffen blieben im Nachglimmen des Dochtes noch sichtbar: durch sie wurde Hermines heiße Trauer noch einmal eisig angetastet.
Zwei verlassene, kalte, kleine Kinderhände krallten sich in das Bett und zogen es auf den frierenden Körper.
Es waren doch noch Kinderhände.
Drittes Kapitel

Als die ersten blauen Lichter in das Zimmer sinterten, war Hermine wach. Die Wände traten deutlich auseinander. Schon wurde die hellgrüne Farbe der Tapete sichtbar mit den schwarzen Ranken, und auch die hinein gezeichneten feuerroten Quadrate tanzten noch immer mit einer ihrer Ecken gleichsam auf der Nase, eine Reihe über der anderen. Zwei Fenster schauten blöde nach der Straße hinaus, zwei nach dem Garten. Unbehaglich waren die Dielen anzusehen, deren unendlich lange Ritzen unter den Bettstellen hervorgelaufen kamen und an der gegenüberliegenden Wand verschwanden. Der Hausrat genügte nicht, die breite Leere zu füllen.
Hermine wußte nicht, was sie beginnen sollte. Das Kindermädchen zu ihren Füßen schlief noch. Sollte sie aufstehen? Wohin dann? Sie sprang aus dem Bette und bekam eine Gänsehaut. Sie trat ans Fenster und legte sich wieder sogleich.
Der bläuliche Schimmer hier drinnen war eine Täuschung gewesen und nun verschwunden. Draußen zogen fahle Wolken vorüber, in deren zerrissenen Klunkern ihren verklebten Augen hin und wieder Sterne zu sitzen schienen gleich kleinen silbernen Kletten.
Wohl eine Stunde verging. Das Kindermädchen wurde wach und kleidete sich an. Hermine suchte immer den Atem anzuhalten, bis es hinaus war. Dann wartete sie noch lange auf die steigende Helle, doch blieb das Licht mottenfarb. Ein Regentropfen klopfte ans Glas, und binnen kurzem schlängelte es sich auf den Scheiben wie von dünnen weißen Aalen.
Hermine hob auf einem Beine das Deckbett hoch in die Schwebe, bekam wiederum eine Gänsehaut, drückte die Arme dicht an den warmen Körper und warf das Bett ganz hinaus. Das Regnen hörte auf, noch unfreundlichere Helle trat ein. Grelerts Tauben flogen wohl an den Fenstern vorüber, denn ein paar schwarze Blitze huschten über ihr Hemd. „Ja, ja, Totengräber, nun komme ich doch,“ sagte sie gedankenlos und zog mit dem Finger auf dem Laken Kreise und Halbmonde, wie sie die Mutter gestern abend ausgeschnitten hatte.
Die Kirchturmuhr schlug zehn. Das Blut schoß Hermine in den Kopf darüber, daß sie nicht aufhören wollte zu schlagen. Möchte doch nur die Mutter nicht herauf kommen, dachte sie, stellte sich die Jagdgesellschaft vor, die gewiß jetzt unten beisammen wäre und praßte, und wurde glühend aufgeregt trotz unbestimmter Leere in sich, blieb aber dennoch im Bette. Als es dann wieder regnete und zwar noch heftiger als vorhin, kleidete sie sich an.
Sollte sie in das Schlafzimmer oder in das große zu den vielen Leuten treten? Sie war schon ganz ruhig und wollte nur ihr Frühstück verzehren. Ein unbestimmtes Suchen, etwas wie die Witterung nach Modergeruch zog sie in die Gesellschaft hinein. Sie prallte mit einem Gelächter zusammen, dessen Töne wie grausame, klatschende Peitschenhiebe auf sie eindrangen. Doch es brach sofort ab, und sie begegnete mitleidig warmen Blicken, unter denen ihr Schmerz um die Freundin sich sogleich erneuerte. Alle Augen schienen sie weit von sich wegzuschieben, immer rückwärts, bis ihre Fersen anstießen und sie sich auf einen Sarg setzen mußte; aber ihr war, als müßte sie ihren Peinigern danken; sie ging zu jedem einzelnen, gab ihm die Hand und sagte laut: „Guten Tag!“ Sie sah jedem fest ins Auge, alle Blicke wurden natürlich verwundert und neugierig, machten ihr Qual und schienen daher herzlos zu glotzen. Ihr blinder Wunsch war erfüllt. Zum Überlegen und Prüfen war sie noch zu jung und jetzt zu kummervoll, aber die Gefühle fanden ihr Gleis: wer mit Dagott verkehrte, den konnte sie sich nicht anders als ihm verwandt vorstellen.
Nur des Uhrmachers Winterlicht Sohn Hugo, ein Rechtsstudent, der zu den Ferien die Eltern besuchte, schien ihr minder kalt zu blicken. Weil er noch jung und mit der Gesellschaft wenig bekannt war, sprach er auch weniger und wanderte mit den Augen öfter über des Mädchens Gestalt.
Eine erste Neigung keimte in Hermine auf und stand über ihrem Weh wie ein zartes Morgenrot über bitteren Wassern.
Um so mehr schloß sie ihre Seele den andern. Wie sie so redeten und sich abwechselnd zeitweilig ihr zukehrten, dachte sie an einen Schweinekauf, den sie auf dem Lande mit angesehen, wo man bald handelte und bald dem fetten Tier den Hinterleib beklopfte. In ihr entstand eine zornige Verwirrung, so daß sie ihre in einen Winkel geschobenen Schiffe auflas und hinaus ging.
Niemand beachtete sie, nur Hugo Winterlicht hörte die Haustür werfen und sah durchs Fenster des Schlafzimmers Hermine im Garten verschwinden. Noch immer strömte der Regen. So ging er ihr nach, sie zu holen. Die Mutter hatte ihm vorher bedeutet, daß es ihm nicht gelingen werde. Hermine müsse später eben die Kleider wechseln, um sich nicht zu erkälten.
Er sah ihr perlgraues Gewand am Gartenbrunnen. Sie kauerte auf dem breiten Rande des eirunden zementenen Beckens, hatte die Schiffe ins flache Wasser gesetzt und zog an den Fäden. Von fern schien sie durch die schrägen silbrigen Regenstreifen wie durch einen Nebel größer, verdüstert und starr wie Bronze. Hinter ihr erhoben sich im Halbkreis herbstrote Bäume, von der Nässe glänzend wie Glut.
„Magst du so im Regen sitzen?“ fragte Hugo Winterlicht.
„Ja.“
„Ist er denn angenehm?“
„Nein, er ist sehr kalt.“
„Komm doch herein.“
„Hier ist es schöner als drinnen.“ Sie sah ihn traurig an: es mußte aber doch lauter Süße in ihrer Seele sein.
„Du hast ja noch nicht gegessen.“
„Nein.“
„Willst du nicht essen?“
„Nein – —“
„Du hast schöne Schiffe. Der Regen wird sie häßlich machen.“
„Es schadet nicht. Ich habe sie von Bruno Pfeiffer bekommen, und Elisabeth Pfeiffer —“
„Nun, dann verwahre sie doch, bis du mit Bruno spielst.“
„Nein, der ist beinahe schon ein Mann. Mit Knaben mag ich überhaupt nicht spielen. Nur den Edwin Maßholder mag ich gern.“
„Wenn der dir sagen würde, du möchtest hereinkommen und essen, dann würdest du wohl auf ihn hören,“ sagte Hugo in einem Tone, als ob er beleidigt wäre.
„Ja, mit dem würde ich gehen und essen,“ erwiderte Hermine lebhaft und errötete. Ihr kam ein Spielerlebnis in den Sinn, und sie hätte es am liebsten mit Hugo Winterlicht auf der Stelle wiederholt, was doch nicht anging. Hugo merkte ihr die Verlegenheit an und hielt seine Entgegnung zurück. Hermine hätte ihm gern die Hand gestreichelt, weil er sie gesucht hatte und lockte, stand nur nicht auf, um länger mit ihm zu sprechen und war glücklich, ihm etwas erzählen zu können. Sie sah ihn traurig an, und es mußte doch lauter Sonne in ihrer Seele sein.
„Auf dem Lande haben Edwin Maßholder und ich uns aus dem Fliederbusch hinter dem Stall alle Scherben herausgesucht – die wurden immer dorthin geworfen – und haben sie mit einem Stein auf dem anderen rund geklopft; da hatten wir Teller. Und allerlei andere Dinge für den Tisch machten wir aus den Scherben und hatten ein ganz reiches Geschirr. Wir dachten, wir müßten ein Königspaar sein. Wir wollten ein ganzes Reich haben. Edwin zog auf der Erde Grenzstriche, dick und schwarz, und pflanzte Bäume in das Land. Das waren aber nur lauter rote Mohnblumen und gelbe Sonnenblumen, die wir gerupft hatten. Wir hatten nun unsere eigene Welt. Als wir aber das viele Geschirr liegen sahen, feierten wir eine große Hochzeit. Grüne Brennesseln und rote Taubnesseln und Käsekraut waren die Speise. Bloß Menschen fehlten uns. Da rissen wir die Bohnenstöcke aus der Erde und setzten sie mit einer papierenen Schürze um unseren Tisch. Ach, wir waren stolz und höhnisch gegen sie, weil wir allein wirkliche Menschen unter den vielen Stöcken waren.“
Sie hielt seufzend inne und sah Hugo voll an. Der ließ sich den Regen gefallen und hätte willig weiter gehorcht, wenn Hermine durchaus nicht folgte, gerade weil die kindlichen Dinge zu dem weinerlichen Wetter nicht paßten. Er suchte Hermine bei ihrer Erzählung zu erhalten:
„Da müßt ihr aber majestätisch ausgesehen haben.“
„Das haben wir auch. Ich hatte uns aus alten grünen Bettgardinen Mäntel genäht. – Wenn etwas Schönes aus dem Stoffe wird, nähe ich für mein Leben gern.“
Hugo benutzte die Gelegenheit, sie doch vielleicht fortzulocken und sagte:
„Vielleicht zeigst du mir etwas von deinen Näharbeiten. Wollen wir nicht hinein gehen?“
Hermine warf einen Blick auf die Segel ihrer Schiffe, errötete wiederum und schwieg, traurig vor sich hinträumend.
„Also, schon Hochzeit hast du gefeiert?“
„Ja. Schon zweimal. Mit Bruno Pfeiffer habe ich es auch getan, aber – nun ist Elisabeth tot und ich spiele nicht mehr mit ihm.“
„Dann könnten wir ja auch ein Hochzeitsmahl halten, nicht wahr? Wenn es mit mir auch so schnell aus sein sollte, wie mit Bruno Pfeiffer.“
„Wenn Sie mit mir spielen, werden die anderen Sie ja auslachen.“ – Hermine weinte, weil sie Hugo durchschaute und sich grämte, so als Kind behandelt zu werden.
Hugo aber sagte: „Wir setzen uns in der Stube schweigend an den Tisch, jetzt gleich, und damit ist es getan.“
Hermine taten die Worte siedend weh, sie folgte aber doch ihm, der sie zum Weinen gebracht hatte, wie der Verzweifelte hellen Irrlichtern durch dunkle Gassen nachsprang, und freute sich über den Ernst, den Hugo bei Tische gleich ihr wahrte, und daß er so zerstreut an der Unterhaltung der Großen teilnahm, dagegen sich öfter an sie wandte. Hugo erquickte sich im stillen an ihrem Gesicht, aus dem immer neues Leuchten quoll, und suchte sich vorzustellen, wie seine kleine Braut als Erwachsene bei diesem Hochzeitsmahle aussehen würde.
Er wollte ihr zu Gefallen die Waffensammlung besichtigen, die beiläufig erwähnt wurde, aber Dagott saß sehr bequem auf dem Sofa und wehrte gutmütig ab: „Ach, das sind ältere Spezialitäten. Für Sie ist es doch nichts. Sie hängen schon seit manchem Lustrum unbeachtet.“
Hermine schenkte nun niemand mehr Aufmerksamkeit außer Hugo und blieb in sich gestillt, bis er sowie die andern Besucher sich verabschiedeten. Nachher drangen wieder die Erinnerungen an die tote Elisabeth und alles, was sie um sie erlebt hatte, durch und kämpften gegen den Frieden an. Gegen Abend verklagte sie sich, daß sie den Gang zu Grelert so lange vernachlässigt hätte. Verdiente Elisabeth so wenig Treue?
Sie trabte erst nach dem Bürgermeisterhause hinüber. Die Freundin lag mumienstarr zu ihren Füßen, weißgewandet, viel stolzer als je im Leben. Ihre ernsteste Empfindung war auf die Stirne gedrungen und gefroren. Über ihren Leib hinweg sagte Hermine, die langen Wimpern – kleine Dächer, die einen großen Schatz nicht überbreiten können – die kleinen Wimpern niedergesenkt, daß sie die Gedenkpappel, von der man hier öfter gesprochen, nun bestellen gehe, und sie hatte das Bewußtsein, eine ungeheure Sendung anzutreten. Sie mußte der Freundin an der Bahre davon Kunde geben. Ihre Worte stiegen sicher wie ein Schicksalsspruch aus der Tiefe, und die beladenen Eltern widersprachen ihnen nicht, so eigentümlich sie die beginnende Verwirklichung des Kinderwunsches berührte. Es war, als würde einem Schatten lebendiges Blut eingegossen.
Als Hermine dann über die mondhelle Straße ging und längs dem weißen Kirchhofszaun, dessen Ständer gewaltige Holzkugeln trugen, und als die bronzenen Wipfel auf dem Totenacker vor dem kalten Silberlicht zurückbebten, – in ihr tat sich etwas Frostig-Schönes auf: ihre Seele war ein Meer, das sinkend zurückweicht, und steile Vorgebirge mit fremden Blumen und spielenden Engeln tauchen auf, aber die Blumen sind größeren trauernden Narzissen ähnlich, die Engel tragen ein rätselhaftes Mal an der Stirn und sind sehr blaß …
Die Behausung Grelerts ward Hermine ein Stück ahnungsvoller Märchenwelt, obwohl sie nichts enthielt, was sie nicht schon öfter gesehen: sie war nach den vorangegangenen Flutungen bereit, alles mit Staunen aufzufassen. Schon daß Grelert fern drinnen Harmonika spielte in summenden Akkorden, wurde ihr bedeutungsvoll.
Sie klopfte leise, – zu leise, und sie mußte noch zweimal klopfen.
Dreimal!
Es raschelte, Grelert rief.
Er hatte mit seiner Harmonika auf der Bodentreppe, also im finstersten Winkel des dunklen Raumes gesessen, gegenüber dem einzigen Fenster nach dem Friedhofe hinaus. Über dem blauen Rock bewegte sich schnell ein Vogelgesicht von wächsernem Aussehen, mit spitzer Nase und spitzem Kinn. Die hohe, zurücktretende Stirn verlängerte sich in einer hohl aufgespritzten weißen Haarwelle. Die noch schwarzen Brauen liefen pfeilgerade über kleinen dunklen Augen, und der Mund bildete, als er sich bei Hermines Eintritt zu einem pfiffigen Lächeln breitreckte und Nase und Kinn noch spitziger hervorragen ließ, zu ihnen eine Parallellinie.
Der Mann sagte freundlich: „ach – ach!“ Seine Stimme hatte viel Flüsterndes, obwohl sie ihre ganze Stärke aufwandte. Hermine brachte schnell ihr Anliegen vor, während Grelert gebückt, aber wie der Wind in großen, leisen Schritten an eine Konsole sprang, um die Lampe herunter zu holen. Hermine folgte ihm mit den Augen und blieb, ohne zu bemerken, daß sie ausgeredet, gebannt stehen.
Wie dieser Alte aussah mit seinen zappeligen Bewegungen! Wahrhaftig gleich einer Figur aus gelben Volksbüchern, die von Alchemisten und Sterndeutern handelten. Wie seine Wohnung schon stimmte! Unendlich stiller als die Straße schien sie. Schmal war sie, weiß getüncht. Dicke Querbalken teilten die Decke in mehrere Felder; es sah aus, als wäre sie aus langen weißen Särgen zusammengesetzt. Die Fensterscheiben faßten Leichensteine ein, den bläulichen Vollmondkreis und ein Vogelbauer. Der Mond saß gleichsam gefangen hinter den Drahtstäben des Käfigs, und ein dunkelgrüner Vogel schlief mitten in ihm wie in einem Heiligenschein. Er schlief fest, verzaubert, ein ungeformtes Klümpchen Leben.
Grelert war inzwischen leise nach Streichhölzern herumgesprungen, immer mit seinen stoßweisen Bewegungen. Wie er nun das grünliche Bassin empor hielt gegen das blaudämmerige Licht, es darin schüttelte und nachdenkliche Mienen annahm! Weil sie leer gebrannt war, stellte er die Lampe wieder auf jene Konsole, Hermine wiederholt Gewährung ihrer Bitte verheißend, mit hurtigen, sehr freundlichen Worten, doch leise wie bei der Begrüßung. Er schien sehr erfreut, daß sie ihn ausgesucht. Er fragte, ob sie ein Weilchen bei ihm verziehen möchte. Hermine antwortete mit einem Kopfnicken, musterte aber furchtsam und starr die Konsole, wo ein zusammengewickeltes, starkes Hanfseil und ein nacktes Messer lag. Grelert bemerkte ihre Beklommenheit, zeigte auf das Messer und wisperte: „Daß ich es immer vor mir habe, du kleines Wiesel! Damit wollte ich, als ich ein junger Bursche war, im Zorne meinen eigenen Vater erstechen. Pst! nicht fragen und davon reden, kleines Wiesel, nicht reden.“ Das wollte Hermine nun freilich auch ohne seine so wundersam rührend klingende Bitte nicht. Sie schwieg tief staunend. Grelert fuhr, auf das Seil deutend, traumschwer und bekümmert fort: „Und das —“
Er hielt inne und sah Hermine an, die sich, auf eine lang erwartete Geschichte gefaßt, gerade auf eine Treppenstufe setzen wollte. Er schoß herbei, sein Schatten fuhr ihm nach, quer über die Stiege und an der rotbunten Gardine des Treppenwinkels herunter. Er schlug die Gardine zurück. Es befand sich dahinter ein Stuhl mit altem Gerümpel. Grelert riß ihn hervor, so daß die Dinge polternd zu Boden fielen, voran eine dicke Puppe, und stellte ihn mitten in die Stube, Hermine zum Sitzen einladend. Sie jedoch versuchte mechanisch sich erst zu bücken, denn einige Marmelkugeln von der Art, wie sie Kinder zum Spielen benutzen, kamen aus einem der umgestülpten Kästchen hervorgerollt. „Ich werde sie selbst sammeln, kleines Wiesel,“ sagte Grelert, umfaßte zimperlich ihre beiden Handgelenke und drückte sie sanft auf den Stuhl nieder: „Da sollst du sitzen, wo sie immer gesessen hat mit dem Kaffeetöpfchen in der Hand.“ Hermine saß nun so ruhig, als wäre jede Bewegung verboten, während Grelert ihr zu Füßen nach den Kugeln herumblitzte, köstlich von seiner Tochter erzählend. Hermine hatte richtig geraten: was hinter dem Vorhange aufbewahrt wurde, waren Erinnerungen an sie, und wirklich hatte jenes Hanfseil von der Glocke herunter gehangen, die sie erschlug, als sie nach dem Schallloch kroch, um einen Brautzug zu verfolgen. Und in der Tat hatte Grelert daran gezogen, aus Gram tags darauf mit seinem Vorgänger das Amt getauscht und war wie der Töter so auch schon der Totengräber seines Kindes gewesen.
Als er mit seinem Sammeln fertig war, trat er auf Hermine zu. Sie wartete mit schwerem Herzklopfen, aber ohne eigentliche Furcht. Er senkte seine Augen treuherzig in die ihren, lächelte düstersüß und streichelte ihr mehrmals die linke Hand. „Weiß,“ sagte er leise. Hermine schauerte ein wenig, weil sie das Gesicht des Mannes bis dahin noch nie so nahe gesehen hatte, aber sie fürchtete sich nicht. Grelert humpelte wieder fort von ihr, schritt schnell um den Tisch herum, krabbelte mit den Händen wie närrisch in der Luft und rief: „Hundertmal – hier – hier – dadada – mein weißes weißes (er atmete hoch) totes Wiesel. – So – so!“ Nun lief er trippelnd über die Dielen, blieb stehen, kam dann wieder an den Stuhl und streichelte Hermines Hand. Er schnalzte mit der Zunge und sagte, nach einem Ausdruck für seine Entzückung ringend: „Achachach! Sie hatte Glieder von weißem Sammt!“ Hermine begehrte, aus Seelengrunde erschauernd, immerzu auf diesem Ehrensitze zu sitzen, mitten in dieser Stube. O, war es still …
Grelert hielt ihr noch die Hand …
Eine zwingende Wallung, sie war wie die plötzliche Angst, in Schwefeldunst zu ersticken, hob ihr den Kopf empor und ließ sie Grelert die Stirn küssen. Der Totengräber schnellte empor und blieb rückwärts übergebeugt stehen. „Nicht,“ sagte er geringhin unter breitem Lächeln. Hermine durchrieselte ein frostig-warmes Zwittergefühl. Da er auch im größten Ernst schon so gelächelt hatte, ließ sich nicht unterscheiden, ob er jetzt scherzte oder nicht.
Jedenfalls glänzte das Lächeln abscheulich und Hermine wollte pfui! murmeln, aber sie achtete den Totengräber wie einen Vater, und so erhob sich in ihr eine zweifelnde Neugier nach jenem Lächeln, ein schlangenhaft bestrickendes Verlangen, es zu ergründen, wie man angezogen wird, einen häßlich schillernden Wurm wider alles Sträuben öfter zu sehen.
Indessen stand sie auf, um zu gehen. Er drückte sie wiederum auf den Stuhl, eilte katzenmäßig die Treppe hinan, ergriff seine Harmonika und spielte lange. Lenkte er ein? Hatte er etwas vor? Hermine harrte geduldig, bis er selbst ihr die Hand reichte, und sie begriff nicht, wie sie diese Stunde ausgehalten hatte.
Zu Hause wurde sie von Vater und Mutter mit trockenen Vorwürfen empfangen, weil sie herumstreife und sich zu Konfirmation und Abendmahl nicht vorbereite. Die Gesichter hingen welk, grau und glanzlos aus dem fahlen Lampenschein: draußen aber lag die blaue Mondwelt, wo man immer wie durch unfaßbare Schleier griff und in jeder Ecke ein Märchenwicht kichern konnte. Hermine erwiderte leer, daß sie keinen Segen ohne Elisabeth empfangen wolle. Die Äußerung wurde ihr verwiesen, aber sie setzte in demselben Tone hinzu: auch möge sie von Karp nicht weiter unterrichtet werden. Die Mutter seufzte: „Mädchen, Mädchen —“
Diese Worte wiederholten sich ihr vor dem Entschlafen in gemessenen Abständen mehrmals: Mädchen! Mädchen! – Mädchen! Mädchen!
Dann aber träumte sie, ihr würde die Hand gestreichelt, und sie sehnte sich, Hugo Winterlicht die Hand zu streicheln. Sie pilgerte andächtig aus der Haustür in den schweren, schweren Regen. An der Wassertonne unter der Dachtraufe lehnte Hugo. Sie lief, wie sie konnte, aber der Regen hinderte. Sie mußte die einzelnen Strahlen mühsam beiseite schieben wie Taue, und über ihrem Haupte läuteten davon Glocken. Endlich erhaschte sie Hugos Hand und streichelte sie, und es streiften sich Strahlen herab, die in das dumpfe Wasser des Regenfasses fielen und wie grüne Seidenfäden darin fortleuchteten.
Sie schlief so fest, daß sie geweckt werden mußte.
Was dann?
Öde ringsum! Die Wände mit den feuerroten Quadraten.
Die beiden letzten Tage hatten ihre Seele mit Eindrücken ausgefüllt, die in ihr bisher dunkel anreizende Leidenschaften gewirkt hatten, und noch dazu, als sie unter einem alles vernichtenden Schlage danach gieriger war denn je.
Sie würde Hugo Winterlicht nur noch flüchtig begrüßen, das wußte sie: unmittelbar nach Elisabeths Begräbnis entführte ihn der Wagen aus dem stillen Talkessel und der Eisenbahnzug dann in die weite Welt.
Aber Grelert behielt sie in der Nähe, und sie war darum von Morgen an sich zu Troste beflissen, zwischen allen Eindrücken die Seelenabenteuer des gestrigen Abends nicht untergehen zu lassen. Sie bemühte sich mit dem gestrigen Auge zu sehen und mit dem gestrigen Ohre zu hören an diesem Tage, da das Kirchenfest jede Gasse aufregte, da alles, was nicht unmündig oder siech und gebrechlich war, sich mit ihr im Gotteshause zu vereinigen anschickte.
Der Himmel schaute nicht günstig auf sein Fest. Durch dunstige Nebel schien eine Aschenkruste zu lasten von der letzten Kupferfarbe des Ausglimmens. Ob im nächsten Augenblick nicht etwas gleich einem schwarzen Hagelsturz eintreten konnte?
Hermine stellte sich in ihrem Zimmer an das eine nach der Straße weisende Fenster, keusch geputzt. Sie lehnte sich an die Mauerkante. Der zurückgezogene, gelbe Vorhang faltete sich um ihren Rücken bis an die Arme. Sie ergriff ihn, raffte ihn vorn in ihren Händen zusammen, warf sich zurück und baumelte matt hin und her wie in einer Schaukel.
Sie übersah einen guten Teil der Stadt. Die Straße, die mit der Front des Dagottschen Hauses verlief, verfolgte sie nach rechts und links, bis der graue Streifen außerhalb im Felde zu Punkten verschrumpfte. Rechts hinunter lag etliche Häuser weiter der bleiche Kirchhofszaun und spiegelte sich wohl wieder in den langen, durch den Gegensatz des getünchten Rahmenholzes völlig schwarzen Fenstern des gegenüber errichteten Schulhauses. Gerade vor Hermine dehnte sich das Viereck des Marktes leer, trübe. Sie begann die runden Steinköpfe in seiner Fläche zu zählen; sie verschwammen drüben, und ihre gedrängte Schar dehnte sich ohne Ende die drei jenseits strahlenförmig entspringenden Straßen hinab. In dem einen Eckhause wohnte der Uhrmacher Winterlicht, rechter Hand, in dem anderen zur Linken lag die tote Elisabeth … Am Ende der mittleren Straße erhob sich die Kirche. Der fahle Turm steckte heute reinlich im Dunste: infolge der qualmigen Luft schien seine Wand milchiges Email, doch verschwamm Kreuz, Hahn und das Dünnste der Spitze im Ungewissen. In den zwei für Hermine sichtbaren Kirchenfenstern entglomm nach einer Weile ein gelbrotes mattes Leuchten: man zündete drinnen schon die Kronleuchter an. Die fünf Straßen mit ihren feuchten Steinköpfen bildeten nun noch öder ihren großen Stern, und der Markt war seine kahle Mitte.
Allmählich begannen viele Füße auf den harten Steinköpfen herumzutreten, zwerghaft klein. Sie trotteten unregelmäßig dahin, nicht nach dem taktmäßigen Geheul, das in der Luft lag.
Ja, die Glocken läuteten schon: tiau- uuu! tiau- uuu!
Der Menschenschwarm drängte sich nach der Kirche, schwarz, nur ab und zu unterbrochen von einem weißen Mädchenkleid. Feierlich, das Haupt gesenkt, drängte man sich, wankte man durch die Gassen. Auch die weißen Mädchen bogen ihre jungen, unbedeckten Köpfe. Meistens besaßen die Haare einen lichtblonden Glanz und waren von einem Kränzchen geschmückt.
Nur der am hellsten blonde Kopf, der Elisabeths, mischte sich nicht in die sprenklige Schar, und ihr Kränzchen aus vierzehn Jahresrosen schwankte nicht. Sie würde einzig das Haupt aufrecht tragen unter all diesen Fremden. Wenn doch ein Wunder geschähe und die Tür drüben aufginge und Elisabeth lachte herauf! …
Hermine wurde unsanft gerufen, weil es höchste Zeit geworden sei. Willenlos, Ameisenkribbeln in den Gliedern, ging sie.
Nun schleiften die Schritte neben ihr kritzend dahin.
Wo blieb nur die Sonne? Es war wirklich so dunkel wie um die Zeit, da die Hähne zu krähen anheben.
Bald waren die Tritte der Nebenmenschen nicht mehr zu hören. Immer lauter dröhnten die Glocken, die gefährlichen Glocken, denen man nicht nahe kommen durfte, die auch Glieder von weißem Sammt totschlagen. Warum rückte man ihnen immer mehr zu und schob einander am Rücken vorwärts, stieß einander an und grüßte nur so selten und steinern!
Nun war die spitzbogige Tür mit einem weißen Lamm in grauem Felde erreicht; und nun der schwerflüssige Glockenklang durch den Verschlag der dunklen Decke abgenagelt.
Die drei Kerzenkegel der Kronleuchter strömten einen leichenen Geruch aus. Eigentlich schwebten sie aber doch recht drollig wie drei große Zipfelmützen über der Gemeinde, wenn man sich halb umdrehte und mit zugekniffenen Augen hinschielte. Irgendwo waren doch Elefanten- und Bärentreiber gewesen, die gerade so flach geformte Spitzmützen über den Schädeln sitzen hatten.
Die Gesichter starrten alle wie aus gelbem Holz geschnitzt schief vor sich hin, und zwischen ihnen erhob sich das braune Gestühl ebenso unbewegt.
Als die Orgel gleich einer riesigen Hummel zu brummen begann, fuhr Hermine wie gestochen herum und betrachtete durch die Löcher der leise zitternden Krause an ihrem Kleidärmel den Boden. Er war nicht zu ergründen, dazu war es zu dunkel. Es schien sich unten eine endlose Kellertiefe zu verlieren, doch wenn man auftrat, fühlte es sich im Schwarzen ziemlich weit oben hart an.
Man sang. Hermine sah auf, blätterte in ihrem Buch und richtete wieder den Blick empor. Blanke Stimmen und darüber rostige wälzten einen klagenden Chor durch das Schiff vorwärts in die hohe Altarnische, wo der schmerzhaft gekrümmte Leib des Gekreuzigten überhing. Er war schwarz, die mageren Umrisse glichen im Dämmer denen eines Menschen, welcher zierlich einhergetänzelt kommt, die übereinander gestemmten Zehen eben zu einer Kreisdrehung bereit. Hermine wünschte ihm eine Fiedel, so wäre es der Rattenfänger von Hameln. Unterdes die gesamte Einwohnerschaft hier versammelt saß, konnte der Rattenfänger Ruth und die anderen kleinen Kinder hinauslocken … in einen paradiesischen Garten … Im nächsten Augenblick erschrak sie jäh errötend und wurde immer unruhiger, bis ihr der Spruch einfiel: Lasset die Kindlein zu mir kommen. Aber gleich darauf schämte sie sich bitter über ihre Ausflucht.
Das Lied war zu Ende, es wurde gepredigt. Hermine suchte aufzumerken. Des Pfarrers Stimme klang so andächtig und weckte fast einen Widerhall im langen Raum. Sie schien gegen die Fenster anzustoßen, an das grün und gelb gewürfelte Glas und das schwarze Gerank darin. Die Knäufe dieses Gerankes glichen schlafenden Raben. Sechs saßen links hinan, sechs rechts, einer in der Mitte, dreizehn an jedem Fenster. Eins, zwei, drei, vier, fünf – Hermine fuhr auf. Sie hörte nun genau auf jeden Satz, obwohl sie ihn nicht den früheren anreihte, und setzte in Gedanken jedes Komma und jeden Punkt, manchmal unter leisem Kopfnicken.
Als sie sodann das Glaubensbekenntnis zu sprechen aufstand, mäkelten stolze Stimmen in ihr: Warum weilt nicht Elisabeth Pfeiffer an meiner Seite, sondern die bucklige, sommersprossige Elisabeth! Gleich betäubten aber andere: O pfui, pfui über dich!
Es wurde wie von unterirdischem Verließe her gemurmelt: „Ich glaube an Gott den Vater, den allmächtigen Schöpfer Himmels und der Erden.“
Während Hermines Lippen sich wortlos nach dem Tonfall bewegten und ein Schauder über ihren Rücken lief, tanzte die Freundin leichtfüßig vor ihr und nieste lachend.
„Und an Jesum Christum, seinen eingeborenen Sohn —“
Die Lippen bebten Hermine, aber vor ihr lief der Kobold Elisabeth auf eine Pappel zu und erkletterte sie.
„Und an den heiligen Geist —“
„Mein Gott, mein Gott,“ lispelte Hermine den ganzen Abschnitt hindurch, an ihren gefalteten Händen rauh Knochen gegen Knochen pressend, fast durch die schwitzende Haut hindurch.
Mit der Absicht, sich der Einsegnung zu verweigern, trat sie vor den Altar, aber sie fürchtete sich sehr. Wenn die schläfrigen Gesichter alle aufwachen! Der Priester und die Leute im Schiffe drunten hatten Macht über sie. Sie würde bös und verständnislos ausgelächelt werden mit einer Kirche voll Dagottgesichtern. Ausgestoßen wie eine Aussätzige oder Pestbeulige!
Oder sollte sie ihnen allen trotzen?
Weh, schon lag die segnende Hand auf ihrem Haupte und spendete ihr Fluch. Es war zu spät. Sie mußte knien und knien und knien. Ihr Herz schlug heiß und hastig.
Ihr wurde unwohl, sie fürchtete sich zu sterben und schüttelte alle Zerknirschung aus Liebe zum Leben ab. Gewiß, nur müde Gesichter schauten zum Altar hinauf, schon abgespannte; die konnten ihr nichts anhaben, nie. So. Die Leuchter waren noch immer die drei Zipfelmützen, und die Dunkelheit wich noch immer nicht aus den grüngelben Fenstern; es blieb die Zeit des scheidenden Mondes, kurz bevor der Hahnenschrei kommt. So, ruhig, ruhig!
Gott hatte sie am Ende gar nicht gern, diese Einsegnung. Unzweifelhaft hatte sie nach seinen Geboten ein Recht, sich der eben Verstorbenen zu erinnern, auch jetzt. Wenn nicht, warum hatte er ihr nicht eingegeben, sich zu befreunden mit – mit? Sie drehte den Kopf zur Seite, musterte die nahen Reihen zuerst, dann die ferneren, kam an ihrem Stiefvater vorüber, räusperte sich und wiegte sich in Erinnerungen an den gestrigen Abend.
Das Ausgangslied wurde gesungen. Sie hatte Lust, mit zu wimmern, wagte es aber nicht und vertrieb die Unruhe mit erzwungenen, albernen Gedanken, sie nach dem Rhythmus des Chorals sinnlos zerstückend: „Wenn wir alle hinaus sind – löscht der Küster die Lichter aus, eins nach dem andren – und blast seine Backen – wie Lehrer Karp, der Küster – tut es“ – —
Hermine war sitzen geblieben, bis die Nachbarinnen sie drängten. Bei der Tür bildete sich ein scheckiger Keil, der sich kaum vorwärts schob. Herein hing darüber ein viereckiges Stück Himmel, ähnlich einem grauen, schmutzig angeröteten Segel. So sah es da draußen aus, nicht freundlicher als in der dumpfen Bethalle. Warum hastete man doch so dem Ausgange zu und drückte Schulter an Schulter, Fuß an Fuß? Ob dort oder hier, war das von Belang? Hermine wurde nun auch in die Menge eingepfercht. Lauter fahle Gesichter schoben sich neben ihr vorwärts, unbewegt selbst beim Flüstern, eine Parade von feierlichen Gespenstern. Ihr Körper war kalt, obgleich eingepackt.
Nachdem sie sich gesagt: „Die Kleider stecken zwischen uns …“ schaute sie fröstelnd hinaus auf das Himmelsstückchen, in dessen Ferne einen Moment verblaßte Feuerlilien schwebten, indessen mochte sie sich das auch nur vortäuschen.
Sie sprach zu ihren Eltern so seltsam, daß sie sich zu Hause sofort für krank hinlegen mußte. Am anderen Tage stand sie zu Elisabeths Begräbnis eine Stunde auf, um dann noch eine ganze Woche im Bette gehalten zu werden.
Die Gestalt der Freundin veränderte sich in ihrem Gedächtnis mehr und mehr. Sie vergaß ihren Gang, ihren Wuchs, den diamantenen Glanz ihrer Stimme, sogar die lieblichen Spiele der Augen. Ohne Bewegung konnte sie sich bereits im nächsten Frühling ein Geripp unter der sanften Veilchendecke denken. Aber Elisabeth war doch um sie, mit geistigem Leib, mit unaussprechlich neuem Namen. Sie schweifte und lachte und weinte mit ihr und füllte mehr und mehr ihre Welt; auf dem Siebengestirn, mitten im summenden Bienenschwarm, zwischen den stillen Sparren auf dem Boden, im Blitz, im Läuten der Kirchglocken, im Gelächter der Mitbürger, überall weilte sie. Sie war in der ganzen Stadt zu finden, nur daß sie allein Hermines Sinnen und Hermines Seele freund war und sie anzog, manchmal rauh, wie wenn in Feuersnot ein Seil um ihren Körper gelegt wäre und zum Ersticken eng zugeschlungen würde.
Sie ward Hermines verklärtes Ich, stark und geheimnisvoll, ein immer erreichbares Sinnbild für Seelenwallfahrten, gleichviel aus welcher Regung her.
Viertes Kapitel

Während sich Hermine mit der Bürgerschaft des Städtchens, im Tiefsten bebend, sie möchte zerdrückt werden, auseinander gesetzt hatte, kannte diese Bürgerschaft das Mädchen kaum. Es war zwar auf der Straße getroffen worden, man hatte flüchtig nach seinem Namen gefragt, es war mit Anteil als die Tochter der jungen Frau Dagott betrachtet und ihr Bild in die lokalpatriotische Rumpelkammer des Gedächtnisses geschoben worden, zumal die Freundschaft mit der Tochter des Bürgermeisters nicht unerwähnt blieb. Damit war jede Neugier erschöpft und um die Zeit jener Konfirmation jedes Interesse an dem jungen Ankömmling längst tot.
Später wußten selbst die gleichaltrigen Mädchen wenig um Hermine, da sie nur oberflächlich mit ihr bekannt waren und das Gefühl hatten, als würden sie gemieden.
Frau Katharina suchte in den ersten Jahren ihres städtischen Aufenthaltes selten Gesellschaften auf und bemühte sich nur gering um neue Bekannte, erzählte daher nur Allgemeines und Zusammenhangloses von ihrer Tochter und unterließ am liebsten überhaupt, von ihr zu reden.
Der alte Pfarrer schmetterte seine Predigten nach wie vor in eine wohlgefüllte Kirche, und daß eine einzige seiner früheren Konfirmandinnen gar nie unter den Zuhörerinnen saß, konnte er unmöglich bemerken; auch am Tisch des Herrn drängten sich so viele nach dem Brot des Lebens Hungrige, daß er eine für ihr ganzes Leben Gespeiste nicht vermißte. – Wieviel weniger hatten die übrigen Männer Zeit, auf rätselhafte Blicke einer Unbekannten zu achten! Sie waren vom Morgen bis zum Abend fleißig im Laden, bei ihrem Handwerk oder Acker.
Zu aller Arbeit begann sich in Unterhaltungen hier und da, selbst schon in zünftigen Versammlungen eine Aufregung langsam auszubreiten; nur drei Jahre noch fehlten, bis das fünfhundertjährige Jubiläum der Stadtgründung begangen werden mußte. Den Handwerkern war verbrieft, bei dem dann stattfindenden großen Umzuge mit besonderen Ehren teilzunehmen, und unter ihnen regte sich allmählich ein Wettbewerb um die hervorragendsten Stellen. „Ich trage eine Fahne!“ sagte der Böttcher Bürrmeister und bezeichnete sich als einen Menschen, der immer – nun mindestens seine Pflicht getan. Baute er alle von ihm verfertigten Tonnen aufeinander zu einer Pyramide, so würden sie die Spitze des Kirchturms erreichen. Sogar noch der achtzigjährige Glaser Hopp beteiligte sich an dem Rangstreit mit der Bemerkung, in der ganzen Stadt wäre wohl kaum eine Fensterscheibe (Keller- und Bodenluken nicht ausgenommen), die er nicht irgendwann eingesetzt, worauf der Metzger Müllerstein es ihm zuvortat, indem er die Vermutung verfocht, daß die ganze Stadt zum Wanken, was sag ich, zum Einsturz kommen würde, wenn sämtliche von ihm geschlachteten Schweine zu gleicher Zeit schrien. Darob erhob sich unter den Anwesenden ein großes Gelächter, nur ein Fischer stimmte nicht ein, sondern verdrehte die Augen, denn er sah in Gedanken es um sich von unzähligen fetten Regenwürmern wimmeln, die er im Laufe der Zeit an seine Angeln gespießt hätte.
Zwar steigerte man seine Phantasie selten zu solchen wunderlichen Berechnungen, – aber wer hatte Zeit, an die arme Hermine zu denken?
Nicht einmal ihr eigener Stiefvater Dagott. Ihr Gebahren wurde ihm etwas Altes. Auch er hatte genug zu tun, wo nicht in seinem Laden, so doch zum Wohle der Stadt. Mit unbegrenzter Opferfreudigkeit und nie versagender Hingebung in den Ratsversammlungen tätig, genoß er großes Ansehen in der ganzen Gemeinde, wenn man sich hinter seinem Rücken auch wohl ein klein wenig anlächelte. Das sah er ja nicht. Er mißdeutete sogar etwas eitel, wie manchmal kleine Kinder mit Fingern auf ihn wiesen: er strebte um so eifriger, seine ganze Kraft gemeinnützigen Arbeiten zu schenken.
Tapfer, alles vergessend, schritt er in der langen schmalen Stube hinter seinem Laden, wenn’s dämmerig wurde, auf und ab und arbeitete unermüdlich an seinen Reden. Im Winter mußte der breite eiserne Ofen ihm recht warm geheizt werden, damit er zur Erhöhung seiner behaglichen Tätigkeit bei Sturm ein Spältchen am Fenster aufsperren könnte, um es tüchtig rütteln zu hören. Die Reliefbilder am Ofen, welche eine Heuernte darstellten, putzte er sich selbst glänzend blank; stumpfes Eisen war nicht nach seinem Geschmack. So stand nichts im Wege, daß sein Geist die schönsten Funde machte. Flossen ihm die Gedanken am besten, so schritt er schneller, indessen blieb er auch zu Zeiten ein Weilchen stehen, die Hände in den Hosentaschen, etwas vornüber gebeugt, und ließ die Lippen sich kurz bewegen, während ein angenehmes Schütteln durch den Körper sickerte. Hermine erzählte Grelert einst boshaft, sie habe im Laden gesessen und zu jener Stellung die Worte vernommen: mit Majestät!
Dagott aber wurde mit seinen Erfolgen eitler. Er ging mit dem Gedanken um, eine Zeitung zu begründen, damit jedermann seine Reden lesen könne. Darauf war er verfallen, weil in einer Ecke seiner Stube alte, hübsch eingebundene Jahrgänge auswärtiger Blätter aufgestapelt lagen und unter wunderschönen Frakturtiteln die interessantesten Begebenheiten „aus so lang verwichenen Lustren“ aufbewahrten. Er setzte sich gern auf diesen Zeitungsstoß, stieß mit den Fersen behäbig trommelnd gegen die schwarzbedruckten stattlichen Rücken, schielte sie freundlich vorgebückt zwischen den Knien hindurch an und nannte sie im stillen die Großväter seines Gründergedankens. Als er aber seinen Plan mit einigen Bekannten besprach, wiesen ihn diese belustigt ab mit der Frage, was er denn in seine Zeitung hineinzusetzen gedenke. Er rettete sich, indem er scherzhaft versetzte: „Nun, jede Verlobung.“ Das ließ man nicht gelten, weil wirkliche, nicht erdichtete Verlobungen zustande kämen eine wie die andere, also eine Beschreibung nicht anziehen werde, die er, da die bloßen Namen ihm wöchentlich kaum eine Zeile füllen würden und da er ein beredter Mann sei, doch beabsichtigen müsse.
Seitdem sprach man wieder vierzehn Tage lang von Hermine. Dagott habe vor, sie schon zu verheiraten, obwohl sie kaum ausgewachsen sei. Hermine kam das Gerücht zu Ohren, doch trotz ihrer bitter spöttischen Blicke beachtete Dagott sie nicht mehr besonders. Er ließ seine Gedanken dadurch nur auf Augenblicke voneinander trennen, nicht anders als durch die gewohnten Schläge der Kirchenuhr, die er zwar jedesmal sorgfältig auszählte, selbst wenn er schrieb und mitten in einem Satze steckte, und die doch eben nur eine Unterbrechung, keine Störung bildeten.
Seine Tätigkeit befriedigte ihn mehr und mehr, und die Lust seines Herzens zeigte sich in einer immer innigeren Liebe zu seinem jungen Kinde – wenn Hermine ihn nie suchte, konnte er sie allenfalls entbehren – und zu seiner Frau.
Frau Katharina wurde nun ganz glücklich und beschäftigte sich gleichfalls weniger mit Hermine. Sie lernte über Dagotts Schwächen hinwegsehen wie die Bürgerschaft, sie gewöhnte sich, den Mann zu schätzen, den alle schätzten, den Gatten wieder zu lieben, der sie liebte. Sie hatte lange genug einsam in den vier häßlichen Stuben rechts vom Flur die Zähne klappern lassen, jetzt rückte sie näher an Dagott, hielt sich oft im Laden und dem langen Brütehinterstübchen auf. Aus der Küche, neben diesem ebenfalls hinter dem Laden gelegen, mußte sogar eine kleine Tür durch die Mauer gebrochen werden. Auch Ruth, die sich zu einem hastigen, sehr ungezogenen Wicht entwickelte, zog über den Flur nach, und es lagen seither viel mehr zerbrochene Teller und Tassen am Boden, ohne daß böse Worte hinterdrein polterten. Die Ehezwiste hörten fast ganz auf, und Frau Katharina hatte Hermine nur selten die dafür nach ihrer trockenen Weise gemünzte Formel mitzuteilen: „Heute war wieder Hochzeit.“
Da ihr der Haushalt mehr ihr berechtigter Wirkungsbezirk schien als bis dahin, entwickelte sie wieder ihre vernachlässigte Haupttugend der Sparsamkeit und kam dabei sich selbst possierlich vor, denn alles war im Überfluß vorhanden. Nur mit einem Lächeln konnte sie sich an frühen Wintermorgen vor das offene Ofenfeuer kauern und dort am Strickzeuge Maschen auflesen, die Lampe zu ersparen. Dann freute sie sich, Dagott schnarchen zu hören. Im nächsten Augenblick würde er erwachen, sie fragen, warum sie sich die Augen verderbe, sich über ihren Geiz prächtig erregen und schließlich das Frage- und Antwortspiel mit einem Kusse abbrechen.
So fand sie die belustigende Seite ihrer Sparsamkeit, die ihr doch tief im Blute lag, in der Beziehung auf den Gatten: wo die verstohlen vernachlässigte Hermine dabei ins Spiel kam, wich sie peinlich ab. Nur schwer erweicht durch inständige Bitten, verstand sie sich dazu, das Dienstmädchen abzuschaffen. „Ich muß – muß – schwer – schwer arbeiten,“ hatte Hermine gebeten. Nun sah sie es beklommen an, wie die Tochter ein Jahr um das andre in den Stuben rechts vom Flur, im Keller, auf dem Boden, im Garten schaffte, selten ganz froh. Eigentlich einmal nur schien sie sich vor Freude nicht lassen zu können. Klein Ruth stürzte damals herein und erzählte, Hermine habe sie unter Tränen glühend umarmt. Aber wer weiß, was dieser Überschwang bekunden konnte! Indessen tröstete sich Frau Katharina: Sie ist glücklich, sie kann es vor anderen nur nicht so zeigen. Ich war ebenso in ihrem Alter. Laß sie erst näher an meine Jahre kommen! – Die viele Arbeit schadet ja schließlich nichts.
In allerlei Handarbeiten wohl bewandert und geschickt und deshalb stolz auf sich, unterrichtete sie Hermine, Nabel und Zwirn zu handhaben. Doch zeigte sie nur die notwendigsten Handgriffe und erklärte kaum die Muster, um aus den unbehaglichen Stuben schnell ins Geschäft oder die Küche zu entkommen. Sie hatte eben jahraus jahrein für Speis und Trank zu sorgen und die Kunden bedienen zu helfen, und Hermine nähte Jahr um Jahr.
Nur sonderbar, manchmal erhob das Mädchen ein fertiges Hemdchen, schüttelte die Falten auseinander und sagte trübe: das ist nichts Schönes geworden, obwohl es sauber und passend gearbeitet war. Die Mutter wußte gar nicht, was das zu bedeuten habe, denn sie kannte nicht das Gespräch mit Hugo Winterlicht. Aber sie freute sich schließlich über die Äußerung als Beweis jugendlich ungenügsamen Strebens.
Ja, und doch hatte sie sich zu wundern über die ganze Lebenshaltung Hermines, über Kleinigkeiten, Worte, Bewegungen, Schweigen, beinahe tagaus tagein, so wenig sie beobachtete. Sie verstand nicht, warum Hermine sich nicht nach einer neuen Freundin umsehe, was doch nicht schwer und fruchtlos sein konnte, da sie Elisabeth Pfeiffer gleichsam zufällig gefunden. Sie begriff auch nicht, warum Hermine immer wieder in Abständen von ein bis zwei Monaten abends zu Grelert ging, warum gerade zu einem Totengräber, und auf ihre vielfachen Fragen, was sie denn mit ihm auszureden habe, erhielt sie die Antwort: „Meistens sind wir ganz still; er sitzt nur auf der Bodentreppe und spielt Harmonika!“ Diesem komischen Manne strickte Hermine gar einen blauen, zu seinem Rocke passenden Schal. Allein Dagott erhielt einen noch längeren und breiteren aus weißer Wolle, so war nichts dagegen einzuwenden. Sonderbarerweise hieß es nur wieder von dem weißen: „Da hab’ ich nichts Schönes gestrickt.“
Am besten war wohl, Hermine ohne viel Einspruch nach eigener Wahl leben zu lassen und auf allmählich sich entwickelnde Klärung zu vertrauen.
Die Schattenhöhlchen der Mundwinkel Frau Katharinas glänzten von einem dauernden Schmunzeln.
Am meisten bekümmerte sich noch Lehrer Karp um Hermine. Ihn hatte damals, als sie ihm den Unterricht aufkündigte, eine Art Scheu vor ihr ergriffen, die sich bald verlor und dann, mit ihrem Älterwerden, wieder wuchs.
Zu den Mittagsmahlzeiten blieb er weiter Kostgänger im Hause Dagott und suchte, an den Gesprächen ziemlich unbeteiligt und durch Aufmerken nicht völlig in Anspruch genommen, in Hermines Gesicht zu lesen. Er glaubte herauszufinden, daß sie ihn wärmer betrachtete, ohne freilich sich ganz zu erwärmen. Die lieblicheren Funken aus den Augen wären nur gleich plötzlich aufspießenden Rosen in zwei Schneefeldern, und er glaubte sogar Blütezeiten unterscheiden zu können. Jedesmal, wenn eine neue eintrat, lag ihm ein linder Rhythmus in den Ohren, der langhastend die Worte gliederte: Jetzt sind – die Zeiten – der Rosen – im Schnee! Den Vergleich aber fand er, als Hermine in der Mitte ihres achtzehnten Lebensjahres stand. Es schien ihm nun anziehend, wer weiß aus welcher mutwilligen Laune her, einmal einige solcher Rosen zu zerpflücken, und dazu bediente er sich folgenden Umstandes:
Bei seinen einsam bis in die Nacht währenden, aber trotzdem sehr bescheidenen und mäßigen Abendimbissen beschäftigte er sich mit der Durchsicht populär-astronomischer Werke und zwar so zelotenhaft, daß er gern, falls er einmal zum Reden neigte, die Unterhaltung auf die Sternkunde lenkte. Er bemühte sich, alles möglichst eindringlich zu schildern, und zum Zeichen des hob er unermüdlich die beiden Eidfinger am schlaff hängenden Arm nach vorn. Seine Stimme dehnte alle Silben auseinander, bloß die Empfindung wollte nicht an Gewalt zunehmen und saß wie ein hartnäckig kleines Knötchen in ellenweit ausgezogenen Gummifäden. Als er jene Grausamkeit mit Hermine vor hatte, erfaßte ihn selbst unversehens das Grausen bei seinen bedeutend an sie gerichteten Worten vom möglichen Zusammenstoß eines Kometen mit der Erde, während Hermine keine Furcht, nicht einmal ein Staunen zeigte. Mehr schien sie gar ihn selbst ergründen zu wollen. Der Weltuntergang mußte sie nicht berühren.
Seine Scheu vor ihr steigerte sich darauf erheblich, und er begnügte sich, fortan nur auffällige Verwandtschaften einiger ihrer Neigungen mit seinen im stillen festzustellen: sie liebte die dumpfen, in der Nähe von schattigen Kolonialwarenhandlungen hausenden Kellergerüche wie er und manche auch von ihm geschätzte Blumen. Seine Mühe, eine bestimmte Seele aus den Blüten zu deuten, blieb fruchtlos. Das war nun einmal eine grundlose Vorliebe, und sie stimmte überdies nur bei einigen Gewächsen überein. – Diese hatten meist ein altertümliches Aussehen oder einen gleichsam verschollenen Geruch. Besondere Aufmerksamkeit genossen hahnenfußartige, blau blühende Stauden, die bei trübem Wetter von innen zart durchglüht schienen, und mit deren Töpfen Hermine ein ganzes Fensterbrett besetzt hatte.
Von ihnen schaute sie eines Sonntags, wie Karp gar wohl wahrnahm, vergleichend auf die blauen Äderchen an seinen Handwurzeln, mit neugierig mitleidigem Blicke. Karp sammelte seitdem alle ihre Blicke auf seine Schläfen und Hände wie Schmetterlingspuppen: das feindselige Bedauern, das er früher in ihnen beiläufig überrascht hatte, verwandelte sich offenbar in Teilnahme und Milde.
Seinerseits ehrfürchtig-mitleidig, bemühte er sich, ihr kleine Gefallen zu erweisen und ein wenig Freude zu bereiten. Am meisten vergnügte es ihn um ihretwillen, als er am Beginn seiner Mühwaltungen von seiner alten Mutter einen Festkuchen erhalten hatte und einen Kostehappen zu Dagotts hinübertragen durfte. Lange überlegte er mit dem Messer in der Hand, wieviel er einpacken sollte, teilte in Gedanken einen Viertelnapf ab, dachte an Hermine, unsicher die Schneide ein Stück weiter rückend, und zerviertelte nach der Erwägung, daß Dagott ein starker Esser sei und von der Süßigkeit am Ende zu wenig übrig lassen würde, den ganzen Kuchen. Mit ehrbar verkniffenem Lächeln überschritt er die Straße, um am Kirchhofszaun entlang den Marktplatz zu gewinnen – auf der Straßenseite, die Hermine zu benutzen pflegte. Seines guten Herzens Ruhm durch Dagott nahm er mit einem huldvoll abweisenden hm! auf, suchte aber in Hermines Gebärden irgend eine Anerkennung. Sie blieb aus. Nun erzählte er wehmütig, als müsse er unheilbar krank zu Tode siechen, wie er in seiner Kindheit von der Mutter Kuchen erhalten hätte, wenn er mit seinem Schwesterchen Elisabeth vor versammelter Tantenschaft Geschichten erzählte, dergestalt, daß er mit Ausmalungen aushalf, wenn Elisabeth in den Ereignissen stecken blieb. „Elisabeth hieß Ihre Schwester?“ unterbrach ihn Hermine feurig, „und Sie gaben die Ergänzungen? O, das ist schön!“ – So unterdrückte er, daß ihm der Kuchen eigentlich zum Lohne dafür zugestanden wurde, daß er die Anwesenden mit seinen wirren, unsinnigen Erfindungen höchlich belustigt hatte. Seinen Zweck, ein freundliches Wort von Hermine zu hören, hatte er erreicht und sich in der Kraft des Namens Elisabeth nicht geirrt.
Kurz, er suchte auf die verschiedenste Weise in Hermines Wesen einzudringen, doch Gewohnheit und die Beschaffenheit seines eigenen Gemütes bewahrten ihn davor, daß er jemals sehr überrascht wurde.
So blieb, was in Hermine etwa ungewöhnlich war, lange vor den Leuten verborgen. Aber es war nicht ausgestorben. Es war mit leisen Kräften immer am Werke, und endlich wurde sie von den vielen ihr seltener zugewandten Augen so angesehen, als wanderte ein schwarzer Stern über ihrem Haupte mit und faßte sie in einen Kegel schwarzen Lichtes ein. Da sie an Alter zunahm, wurden verworren dunkle Eindrücke von ihrem Verstande auseinander geschlagen, und sie sprach deshalb nie mehr so brunnenhaft hallende Worte wie nach dem Einzuge oder so irrsinnig einsame wie nach der Einsegnung, deshalb nicht, aber eines Abends tat sie aus Grund herbeigesogener Wirklichkeit hilflos vor der Mutter die Lippen auseinander …
In sechs Monaten hatte sie leise jene mit sich selbst beschäftigte Bürgerschaft auf sich aufmerksam gemacht, als sie achtzehn Jahre alt war und auf ausdrückliches Verlangen der Eltern zu Besuchen, Familienfeiern, Vereinsfesten und ähnlichen Veranstaltungen mitgehen mußte. Früher war sie seltener in größerer Gemeinschaft gesehen worden und hatte als Kind gegolten, wo etwas an ihr zu bemänteln oder entschuldigen war. Jetzt erschien sie nach langer Pause als eine junge Dame.
Anfangs nahm man nur eine ungewöhnliche Schweigsamkeit an ihr wahr, ab und zu eine auffällige Kleinmut, und beobachtete ausschweifende Wünsche in Kostümfragen.
Manche stolze Mutter bemitleidete Hermine im stillen, daß sie noch so schüchtern sei und an Gewandtheit im Verkehr sich mit ihrer Tochter nicht in entferntesten messen könne, und aus Mitleid wurden bei festlichen Anlässen manche jungen Mädchen von den Angehörigen zu Hermine herüber geschickt: sie scheine so einsam zu sein. Aber wenn die lustigen Fräulein zurückkamen, hieß es: Hermine ist komisch. Mit Hermine ist nichts anzufangen. Hermine ist langweilig. Hermine ist lauernd. Und die lustigen Fräulein wurden von den Eltern ausgelacht, und die Schuld ward ihnen zugeschoben.
Darüber erzürnt, gingen sie das nächste Mal mit Hermine nicht gerade linder um. Auf dem Heimwege keiften sie, daß die dunklen Straßen beinahe erwachten. Wenn man Hermine zufällig bei Dagotts spreche, sei sie noch leidlich zu ertragen, obwohl sie auch dann ziemlich albern sei. Sie wisse nichts zu erzählen als dumme Scherze aus der Kindheit und krause Träumereien. Und höre man ihren Erzählungen nicht gespannt zu, oho, merke sie es, werde gereizt und mürrisch. Sie schmolle leicht. Das sei so alles bei ihr zu Hause – ach ja, und dann ihre törichten, geheimnisvollen Redewendungen wie: ich warte; aber zu den großen Festen scheine sie sich völlig auf Muckertum vorbereitet zu haben. „Daran läßt sich nicht zweifeln,“ sprach nun die erfahrene Frau Schwarzbart aus dem Hintergrunde und schnitt, weil alle darüber staunten, jegliche weitere Erörterung ab. An der nächsten Ecke gähnten sich aber schon mehrere Mäuler des heimziehenden Fähnleins aus und verabschiedeten sich dann.
Nach vierzehn Nächten trat aus dem großen Lokal in der Ölkannengasse nahe dem See ein ähnlicher Trupp, voran Friederike Turtel, die Hände in die viel zu hoch angesetzten Jackettaschen gestemmt und den Mond mit dem Nachgeschmack einer Zigarette öfter heimlich anhauchend. Mit einer anbetenden Gebärde gegen das Gestirn sagte sie: „Kein Wort war aus ihr heraus zu bekommen.“ Aus der dritten Reihe hieß es: „Ihre Limonade stand unberührt vor ihr, als die anderen längst ausgetrunken hatten,“ aus der zweiten: „Sie drückte sich immer an den hinteren Tischen herum,“ und wieder aus der dritten: „Dann ging sie hinaus, ich glaube, hier nach dem See herunter.“ Und Friederike Turtel kehrte sich schnell herum: „Still, da geht sie ja noch!“
Weil die Jungen andauernd so erzählten, konnten die Alten schließlich nicht alles beschönigen und allem widersprechen. Immer zwar fanden sich etliche gereiste Damen, die entschuldigten, doch dadurch wurde die Unterhaltung über den Gegenstand in die Länge gezogen. Je mehr man von Hermine redete, desto sonderbarer schien diese selbst zu werden, und es wurde nun nicht mehr schwer, Züge zu sammeln. Man suchte immer eifriger, wie Knaben, die einen Drachenschwanz aufknüpfen, mit jeder bunten Elle ungeduldiger werden.
Hermine sollte manchmal seufzen,wo die anderen lachten. Im Konzertgarten hatte sie sogar einmal geweint. Weil sie den Totengräber aufsuchte, fand man, daß der ihr den Kopf verdrehe; sie spreche ja mitunter zum Verwundern. Hanna Hagen hatte sie anvertraut, daß sie gegen Abend die reichste Seelenfülle in sich spüre, von der Zeit an, da die Schatten halbmeilenlang würden. Und sie denke sich, wenn es ganz dunkel geworden wäre, reiche ihr eigener Schatten bis in die Sterne hinauf, sogar bis in die entferntesten, so daß die Hüften mit Sternen besetzt seien und die Brust, der Hals und das Gesicht.
Frieda Keßler verbreitete als Hermines Bericht: Hinter ihrem Garten stehe ein versumpfter Graben. Eine Stelle darin sei wie ein blaugrünes Pfauenauge gefärbt. Das komme aber von den giftigen Pflanzen, und Hermine habe mehrfach die Versuchung gespürt, von dem bunten giftigen Wasser zu trinken.
Solcher Mären kannte man wohl zwanzig. Aber sie erschöpften sich doch, und so sprach man von den Abendgängen Hermines. Nach Grelert fragte man Dagott aus, der selbst nichts wußte und zu den krausen Andeutungen besonders wässerig schielte. – Als man alles vielfach überdacht, sagten einige kecke Burschen, Hermine sei wohl etwas beschränkt und weiter nichts. Schüchtern hoben sich im Kreise die Achseln, doch bald in energischem Doppelzucken, was wie eine mitleidige, aber erwünschte Zustimmung aussah. Nicht lange, so tippten andere schon ihren Finger sanft an die Stirn. Mit mutigem Schrecken und gieriger Entrüstung wies man das zurück. Die Belege ließen sich aber leicht häufen, und so begannen sich wirklich vereinzelt ernstliche Zweifel an Hermines gesundem Geiste zu regen. Die Gläubigen verstanden nun erst ganz die späte Wandlerin vor Dagotts Hause, durch die Gassen, und die Bedeutung des Mondlichts für sie.
Damals verschwand Hermine aus allen glänzenden Sälen und selbst von den Straßen. Eines Abends spät trat sie verstört in die Küche, wo Mutter und Stiefvater Hand in Hand saßen und Ruth auf Dagotts Schoße eingeschlafen war. „Mutter,“ sagte sie gepreßt, drehte sich langsam um und schlug mit Abscheu die Tür zu. Frau Katharina ließ Dagotts Hand fahren, sprang auf und umschlang Hermine, als ob diese ohnmächtig niederstürzen wollte. „Was geschieht?“ fragte Dagott mit verstellt klingender Stimme, da die Frauen schwiegen. Die Mutter streichelte ihrer Tochter, die nun größer war, als sie selbst, beide Wangen.
Einige der späten, zierlich am Honig nippenden Fliegen kamen um die Frauen wütend herumgesummt und waren verschwunden.
„Mutter,“ fuhr Hermine endlich fort, und in ihrer Stimme schienen jahrhundertstarre Klagen und Taten von Vorfahren nachzuleben, die immer gedrückt und mit Frohn beladen gewesen waren. „Ist es möglich? Ich bin doch über achtzehn Jahre alt. Sie stehen jetzt am Fenster im dunklen Gelaß und sehen mir hämisch nach. Sie verstecken sich hinter den Laden und lauern durch die Ritzen. Ein Kopf wurde mir nachgereckt. Die Gardinen haben sich bewegt. Ich mußte durch die ganze Stadt gehen heute abend, weil ich früher hier und da diese Schändlichen in den Fenstern gesehen hatte. Ich mußte gehen – ich mußte gehen! – Es ist sehr dunkel, aber ich habe mich nicht geirrt: Ein Bub’ hat mir seine Hand von der Nase gespreizt und das große Mädchen neben ihm, ich glaube Friederike Turtel, ihm nicht gewehrt. Und ein anderes Kind hat mir die Zunge ausgestreckt. – Ein Hund heulte, als sähe er Geister vorüber schwirren; da lief ich bis hierher und habe nur eine Weile im Hausflur gestanden.“
Noch einmal schlangen die schnellen Fliegen um der Frauen Köpfe ihren tönenden Kreis und waren verschwunden.
Frau Katharina beklagte sich anderen Tages bei mehreren Nachbarinnen, daß man ihre Hermine so rücksichtslos behandle, und erreichte, daß sich das Gerücht der Geistesstörung, welches durch die Flucht bei den wenigen Anhängern noch geschürt war, verlor, und nach ihren vernünftigen Worten sowie denen einiger besonnener Hausväter flaute das ganze Gerede über Hermine ab.
Die Verängstigte durfte nun nach ihrem Wunsche völlig zurückgezogen leben.
Fünftes Kapitel

Totengräber Grelert tappte die Bodenstiege vom Taubenschlage mit beschleunigten Zappelbewegungen herunter, da es neun Uhr schlug. Um diese Stunde hatte ihm Hermine zu kommen versprochen. Er löschte mit kreuzvergnügtem Blasen die Laterne und setzte sie in seine Küche. Er freute sich auf den Besuch. Hermine war gut zu ihm, er nannte sie noch immer Du. Hermine hatte Vertrauen zu ihm, dem Taubenvater. Hermine war aufrichtig bis zur Grausamkeit gegen sich selbst.
Er kannte die Gründe dafür, daß sie manchmal sehr lange ausblieb und dann doch eines Abends wieder klopfte. Die Stadt brachte sie ins Gerede, weil sie zu ihm ging. Man sagte ihr offen nichts, aber sie sah es den Klätschern hinter dem Rücken von den gespickten Lippen ab, sie hörte es aus den knapperen Bemerkungen der Klätscher hinter dem Rücken, sie fühlte es aus dem verständnisvollen Zunicken der Klätscher untereinander. Dann blieb sie lange aus, aber ihm gelang es, sie den Klätschern zu entfremden und wieder in seine Stube zu locken. Er hatte sich so sehr an sie gewöhnt, daß er sie nicht ganz entbehren mochte und sie auf der Straße kopfhängerisch anredete: „Nun, willst du gar nicht mehr zu mir kommen?“ Dann kam sie.
Bisweilen genügte schon ein lächelndes Grüßen, sie den anderen abspenstig zu machen, und sie selbst gestand, daß der Gruß sie angezogen habe, weil Scherz oder Ernst in dem Lächeln nicht zu unterscheiden waren. Er wußte es wahrlich auch nicht, ob Scherz oder Ernst darin gelegen hatte. Das kam in Gedanken, – an seiner toten Tochter aber hing er sehr und wollte an ihr Leben und Weben erinnert sein.
Heute also kam Hermine! Nach so langer Zeit! Ihm war bekannt, vor acht Tagen war sie aus den Straßen gelaufen und hatte sich ganz zurückgezogen. Es mußte etwas Schlimmes in ihr vorgegangen sein, dennoch hatte sie heute mittag mit ruhiger Herzlichkeit gesagt: „Abends um neun Uhr komme ich zu Ihnen“, und mit heimlich lebendiger Stimme hinzugesetzt: „Lieber Herr Grelert, Sie allein —“. – Er schüttelte den Kopf. Jajajaja, er kannte ihre Art zu reden, wenn sie sich nach einer Pause ihm zuwandte. Diesmal lag ein fremder Ton in ihren Worten, aber nicht ein Ton großer Enttäuschung, sondern ein sehnender …
Unter derlei väterlichen Erwägungen hüpfte Grelert in seinem Zimmer herum, wischte den Staub vom Wandbrett und kramte im Spinde, weil er vor Erwartung keine ordentliche Hantierung vornehmen mochte. Zufällig fand er einen großen Beutel voll Wal- und Haselnüssen vor, den er irgendwo auf dem Lande zu Weihnachten geschenkt bekommen und, anderweit vollauf beschäftigt, vergessen hatte. Er setzte sich damit zu Tisch, zündete die Lampe an und begann zu knacken. Die meisten Nüsse waren hohl.
Seltsam doch, der fremde Ton! – Grelert wußte, vor wenigen Tagen war Hugo Winterlicht da gewesen. Eben zum Richter ernannt, verbrachte er auf der Durchreise einen Tag bei seinen Eltern. Mit ihnen und der Familie Dagott war er hier am Kirchhofe vorüberspaziert, an Hermines Seite. Sollte dieser Bekannte aus früheren Jahren wieder eine Neigung, nun eine reife Neigung in ihr erweckt haben? Wie sehr gönnte ihr Grelert das Glück, sich Hugo zu verbinden, mochte sie auch fort in die Weite ziehen! – Hugo Winterlicht ähnelte ihr etwas. Er war von hoher Gestalt, stolzem, fast herrischem Blick und dabei sanften Zügen; seine Stimme klang voll und innig. Er schien Hermine mit Wohlgefallen zu betrachten, nein mit Liebe. – Er ähnelte ihr, – aber er war davon gefahren …
Ja, diese Walnuß wollte durchaus ihre Schale nicht sprengen lassen. Hatte das etwas zu bedeuten?
Wenn Hermine Hugo wiederliebte, so mußte er wohl eine adlige Seele besitzen. Grelert kannte Hermine zur Genüge. Er hatte sich mit ihr einst von der Wünschelrute unterhalten und, während sie sprach, die Rute als Sinnbild ihrer wählerisch suchenden Herzenswünsche genommen und gedacht: auch deine Wünschelrute würde nur zucken, wo Gold glimmert. Bruno Pfeiffer, der sich seit längerer Zeit um ihre Gunst bemühte, fand immerhin spröde Erwiderung, aber nur spröde; und doch schien er Grelert ein wackerer, fleißiger junger Mann. – Hugo Winterlicht war davongefahren …
Es war doch wirklich sonderbar, wieder stellte sich eine Walnuß störrisch.
Wenn Hermine nun auf Pfeiffer neu hingewiesen würde! Sie war unglücklich und mußte endlich jemand finden, dem sie sich hingeben konnte wie ehedem der Freundin Elisabeth. – Vielleicht durfte man ihr zur Befreiung aus harter Lage auf Elisabeths Bruder deuten?
Schau! ein Doppelkern lag in der Haselnuß, ein Doppelkern!
Er legte ihn unter den hohlen Lampenfuß, und gleich darauf trat Hermine ein.
„Ich soll auf dem fünfhundertjährigen Stadtjubiläum mit sechs anderen jungen Mädchen einen Tanz aufführen, zu allem, was mir widerfahren ist, verlangt Dagott!“ rief sie heftig.
Grelert merkte am Ton, daß er sich nicht geirrt hatte, wenn er sie voll Liebe vermutete, und stellte sich ohne Antwort abwartend.
Ihre folgenden zerrissenen Sätze bildeten eine deutliche Bestätigung. Sie begann auf Dagott zu schmähen und wiederholte leidenschaftlich alle seine Schwächen, die der Totengräber schon längst kannte. Das verborgene Spötteln ihrer Stimme, das jeden Bericht von ihrem Stiefvater zu begleiten pflegte, hatte sich in offenen Hohn verwandelt.
Grelert schob ihr schnell eine volle Faust Nüsse zu, die sie aufgeregt mit den Zähnen zerbrach. Als sie zu Ende gingen, langte er ebenso schnell eine neue Handvoll und schlug sie, um durch eine lustig übertriebene Kameradschaft im Grimme zu beschwichtigen, dicht vor der Klagenden derb auf den Tisch nieder. Sie ergriff hastig die Nüsse, ohne auf ihn zu achten, und das kleine Possenspiel wiederholte sich mehrmals: Grelert ließ die Nüsse auf die Tischplatte krachen, Hermine zerkrachte sie mit den Zähnen, und beide machten die verbissensten Mienen.
„Schon seine Firma findet er sicherlich bedeutsam in jedem einzelnen Wort,“ geiferte Hermine. „Benjamin, der jüngste Sohn einer kinderreichen Familie, ist doch nicht der dümmste! Er darf den Namen Salomon mit gutem Gewissen tragen, und in dem Vatersnamen gibt sich ein kleiner Herrgott auf Erden zu erkennen, – der mit Stoff zu Röcken handelt und doch kein Jude ist!“
„Aber Kind!“ warf Grelert hier ein, erstaunt über die Galgenkeckheit.
„Überhaupt sein: mit Majestät!“ – Ihre Brust hob sich flach atmend, und sie brach in Tränen aus. Grelert hatte Tränen nie an ihr geschaut, obwohl er viele Phasen durch ihr Gemüt hatte wechseln sehen.
Die schimmernden Wimpern machten ihn urplötzlich feierabendernst. Solche glitzernden Schmerzen hatten in dieser Stube mit den trocken aufrecht stehenden Kalkwänden seit einem Menschenalter nicht mehr geglänzt, und dieses Mädchen hatte nie solche herein gebracht und stand wie eine zweite, lichter aus dem Grab erstandene Hermine Johannes da. Am schönsten dünkte ihn, daß ihre Schmerzen sich durch keinen Wortschwall berauben oder beiseite drücken ließen, sondern, wie sie waren, aufstiegen, so wie eine wütende Flamme durch übergeworfene Tücher nicht zerdrückt werden kann, sondern eine Bahn brennt.
Grelert zwang sich aber in seine scherzhafte Weise zurück und rief, so stark er er mit seiner Flüsterstimme vermochte, an die zehnmal rasch hintereinander: „so!“
Hermine schien befriedigt, daß er keine Frage in ihre Verwirrung warf, und fuhr gefaßt und feierlich zu berichten fort, wie sie in der Stadt gleichsam geächtet worden sei.
„Mein armes Wiesel,“ sagte Grelert herzlich. Er schrak kurz zusammen, denn er dachte dabei an Hermines Liebe zu Hugo Winterlicht und dessen Abreise, beruhigte sich jedoch augenblicklich, weil Hermine sein Bedauern unbewußt in die Beziehung gesetzt zu haben schien, in der es gemeint war.
Ihre Gedanken konnten abermals unmöglich bei dem Geschilderten weilen, so vergessen und in sich verriegelt schlenderten die Worte von der Zunge. Zudem schloß sie ihre Erzählung mit sanftmütigen, getragenen Sätzen ab, die aus fremdem Munde stammen mußten:
„Herr Grelert, vielleicht hebt das Schicksal seine unsichtbare Hand und zieht um unser beider Leben einen Kreis, daß es abgeschlossen und eigen ist. Vielleicht trennt das Schicksal mich von meinen verworrenen Träumen und gestaltet das einsame Leben selber zum Traum.“
Grelert vermutete, Hugo möchte ähnlich geredet haben, vielleicht nicht mit dieser feierlichen Verschwommenheit, sondern so deutlich, daß auch er einen einleuchtenden Sinn heraus gelesen hätte. Er wurde etwas verlegen. Er hatte Hermines Vertrauen nicht zuletzt dadurch gewonnen, daß er sie wenig ausfragte und ihr wenig widersprach, ehe sie ihre Empfindungen bis zu Ende entwickelt. So zupfte er unglücklich an seinem rechten Rockärmel. Wenn Hermine da war, trug er auf ihre Bitte den fadenscheinigen blauen Rock zur Erinnerung an den heiligen ersten Abend ihrer Bekanntschaft. Er zupfte auch den linken Ärmel zurecht.
„Ja, ich habe es immer gemeint, du bist ein Tropfen Öl in einem Glase Wasser,“ sagte er. „Sieh einmal, weißt du, wie ich mit den meisten Menschen verkehre? Wenn ich sie berühren muß, dann berühre ich sie nur mit diesem Blauen hier (er klopfte flach auf den Ärmel), und wenn ich sie anreden muß, dann rede ich nur mit diesem Roten hier (er wies auf die ausgespeilte Zungenspitze). Nicht weiter! Das andere versteckt sich hinter dem Blauen und Roten.“
Hermine hatte kaum zu Ende gehört, so sprach sie von Hugo, nicht wie er sich gegen sie beim Besuch gestellt, sondern sie gab sein Schicksal wieder, wie sie es von ihm hatte. „Ist es nicht schön, daß mir jemand einmal etwas erzählt?“ fragte sie mit so großen, verwunderten Zügen, als hätte sie eben in den güldenen Himmel gelugt und die heilige Dreifaltigkeit ihr zugenickt.
Grelert hätte vor Rührung fast eine Träne zu den ihren gelegt, aber er besann sich, daß er seit einem Menschenalter nie geweint.
Und nun ließ sie ihre sammtenen Worte dahin schweben, kindlich über sich selbst verwundert, wie ein Fünfjähriges die regenbogenfarbigen Nachbilder der Silbersonne zum ersten Male tanzen sieht. Hugo hatte in der großen Stadt eine Geliebte gehabt. Marie hieß sie. Sie war allein mit sich etwas schwach, aber tief. Hugo dagegen fühlte sich ihr gegenüber roh. Da gab er ihr von seiner Kraft und sie ihm von ihrer eigenen Tiefe. So kamen beide vorwärts. Aber Marie starb. – Und nun wußte Hugo, daß er am besten ihr Gedächtnis wahrte, wenn er nicht lange müßig an weher Erinnerung bange, sondern nach einer Verbindung suche, die wieder seine Seele zusammen mit einer andern hinauf bildete. Die gute, gute Marie, welche die heilige Wegbahnerin für Hugos Leben war!
„Des Mädchens Wünschelrute zuckte vor Hugo,“ sagte Grelert ebenso feierlichen Tones und freute sich über den verborgenen Doppelsinn, der ebensogut Hermine wie Marie meinen konnte. Er blickte auf seine Lampe und machte sich klar, daß er der ganz Erglühten von Bruno Pfeiffer doch wohl nicht reden dürfte. Aber der Doppelkern erwies trotzdem seine Bedeutung. Er war zwei Herzen ähnlich, die nicht eins wurden – alte Lieder! —, und die er, der Totengräber, gemäß seinem Amte sinnbildlich schon begraben hatte! Das Schicksal, von dem Hermine gefabelt, spielte so seine Streiche mit ihm, und die unsichtbare Hand legte spitzige Gedanken in seinen alten Schädel.
„Jetzt ist er weg, wer weiß, auf wie lange,“ murmelte Hermine beherrscht, und Grelert merkte erst jetzt, daß sie soeben lange geschwiegen. „Auch mein Spielgefährte Edwin Maßholder, der kürzlich vom fernen Gute ins Heimatdorf zurückgekehrt ist, wird bald wieder abreisen.“ Ihre Stimme klang kränklich … „Ich war neulich da.“
Grelert verstand sie wiederum über ihre Worte hinaus. Die kurze Silbe ,auch‘ verriet ihm ihren ganzen Zustand, wie das Ölblatt im Taubenschnabel nach der Sintflut Noah den der ganzen Erde. Er wiederholte, wie noch in die Geschichte von Marie versunken, sein doppelsinniges Wort etwas verändert: „Des Mädchens Wünschelrute zuckte vor ihm.“ Und der Doppelkern unter dem Lampenfuße erhielt eine andere Bedeutung: Hermine stand hier, aber jene beiden geliebten Herzen lagen von ihr getrennt durch eine eiserne Schranke.
„Des Mädchens Wünschelrute zuckte vor ihm?“ fragte Hermine voll leisen Mißtrauens.
Grelert lenkte, aus der Versonnenheit auffahrend, in sehr plumper Wendung ab. „Herrn Edwin Maßholder, den kenne ich seit neulich. Ich habe in seiner Eltern Küche einen Topf bestrickt. Den kenne ich; hei, der reitet.“ Seine Fäuste ahmten ein trabendes Pferd auf dem Tische nach.
Und er dachte im stillen weiter an Edwin. „Den lieben, das glaub’ ich wohl! Der kam in den Hof geritten, daß die Gänse auseinanderstoben, ihre Natur vergaßen und in die Wolken fliegen wollten. Bumdilumbumdilumbum! dröhnte die Erde, daß ich es noch höre.“ Und er trommelte wieder den Takt auf den Tisch. „Ein lustiger junger Herr ist er. Neugierig ist er, wollte mein ganzes Leben erfahren und machte sich über meine Schicksale lustig, aber auf eine Art, daß man es gern hörte. Freiwillig habe ich ihm erzählt, was ich andern nicht auf Befragen anvertraute, die Geschichte von dem Messer da auf der Konsole. Nur Wasser hat er getrunken wie ich, aber doch mit mir angestoßen und mir lachend Glück gewünscht, spottend beinah, und es kam doch von Herzen.“ Er trommelte: „Es kam doch von Herzen.“
Er achtete nicht darauf, wie Hermine den Gang zu Edwin beschrieb, er horchte erst, als sie ihm auf sein anfängliches Schweigen hin unglücklich erklärte:
„Ich durfte doch hin, weil er mein erster Spielgefährte war. – Ein trauriger Sonntag war es für mich, weil ich doch in der Stadt so hart – Wissen Sie, man möchte manchmal die Arme ausbreiten und sie zucken ohnmächtig, als schnürte sie ein Strick an den Leib. Ich sah lange Reihen der Frohen vor dem Gasthaus. Ich sah sie zu Paaren und Dreien verschlungen aneinanderhängen. Ich hörte einen brausenden Wortschwall und empfand, getrennt durch eine unüberschreitbare Kluft, die Freude der vielen Menschen. Ich nahm nur die Lust dieses Tages wahr, die so groß war, daß ich vergaß, auch in ihn mündeten ungleiche und wechselreiche Leben ein. Für mich hatten sich alle diese Augen noch niemals gefeuchtet, alle diese Lippen noch nie verfärbt, diese Stimmen noch nie dunkel geklungen. Darum wagte ich nicht, meine Arme zu breiten, denn ich mußte bangen, eine Last von Stein würde hineinstürzen, aber kein Mensch.“
So klagte sie und suchte dann nach Worten.
Edwin wäre zwar fröhlich, von Herzen fröhlich, nein doch nicht, nicht erquickend fröhlich. – Sie pflückte so schweren Herzens den Flieder hinter dem Stall aus dem Busche, darunter die Scherben lagen wie ehedem, nichts als zerbrochenes Geschirr, zerborsten wie die alten vergangenen – erquickend fröhlichen Tage und aufgehäuft wie ein Denkmal dieser Tage. Dazu duftete das grauschwarze morsche Holz der nahen Scheune in der Hitze unerfreulich. So erfrischte aller Scherz nicht. Sie war vielleicht auch nur nicht anregbar. Sie betrachtete alle Dinge mit einer seltsamen Sehnsucht: die sei doch zu verstehen, weil sie als Kind oft genug in jedem Winkel dort gesessen. Und sie merkte sich alle Einzelheiten unter wehmütigen, aber doch sehr unsinnigen Betrachtungen. In der Scheune lag das Stroh übereinander geschichtet, ein feines gelbes Röhrchen beim andern. Warum traf der geheimnisvolle Sonnenstrahl durch jene grauschwarzen modrigen Latten nur so wenige und ließ die andern, selbst die dicht daneben, ohne Kuß? Warum lagen gerade die zu oberst und alle anderen tiefer? Weshalb blies das Sommerlüftchen nur durch das eine Astloch und bewegte jenen einzigen frei schwebenden Halm!
Sie hielt auf einmal inne und schlug ein jähes krampfhaftes Gelächter an.
Grelert erhob den Blick nicht von seinem Lampenfuß.
Sie erzählte nach einer langen Pause, wieder in krankem Ton, doch heiserer noch und gedämpfter, wie sie mit Edwin im dunklen Hühnerstall gestanden.
Grelert merkte, daß sie Sehnsucht gehabt hatte, Edwin dort zu umarmen und zu küssen.
Doch sie berichtete nur, wie sehr viele Hühner im dicken Federpelz auf die Stange gedrückt saßen, mit blöden Augen, gleich Wesen einer anderen, sehr fremden Welt. Wenn sie gackernd aufglucksten, drangen Laute aus dieser düsteren Welt herauf. Zwar war sie natürlich auch in unserer Welt enthalten, aber eben graues Licht mochte für die Augen der Hühner darin herrschen, und ihre Kehlen mochten darum so schluchzen.
Sie hatte sich darüber mit Edwin lachend besprochen wie schon in der Kindheit, aber die Unterhaltung hatte immer einen unbegreiflichen Hintersinn mitgeführt. Weil Edwin so bald wieder fuhr, hatte sie nicht vernünftiger zu reden beginnen wollen. Überdies war er nicht zu ernsten Worten zu brauchen.
Ihre Stimme hatte eine immer zärtlichere Heiserkeit angenommen und mußte nun abbrechen, um nicht abermals in Tränen zu ersticken.
Grelert fühlte sich geheimnisvoll bewegt, denn er konnte sich den Gedanken nicht aus dem Hirne treiben, das Schicksal spiele mit ihm. Wenn er die Lampe erhübe und die Haselkerne aus ihrem Gefängnis befreite! Nichts! – Aber er durfte doch wohl an Bruno Pfeiffer erinnern, der auch Hermines Liebe durchaus verdiente; ihr Herz neigte sich ja schon etwas zu ihm!
Er knackte zu Hermines Erstaunen zunächst zehn Nüsse. Die enthielten zusammen zwei Kerne. Er legte sie auf die entgegengesetzten Tischenden und erklärte: „Das sind zwei Herzen, die einander suchen.“ Dann erhob er die Lampe und wies auf die Doppelnuß: „Hier sind sie sich nahe. – Des Mädchens Wünschelrute neige sich vor Bruno Pfeiffer.“
Sein breites Grinsen flackerte auf.
Hermine fragte tonlos: „Was?“ wandte sich jedoch wie eine Lichtgeblendete ab und lief davon. Sie haßte von diesem Augenblick an Bruno Pfeiffer und wußte nicht warum. Zu Grelert sagte sie scheinbar gleichgiltig: „Ich komme nie mehr zu Ihnen.“
Grelert erschrak bis ins Mark, durch seine Knie rann ein ziehender Schmerz, seine Wangen spitzten sich, als würden sie gekniffen. Er stand lange am Tisch.
Dann ergriff er mit zitternden Fingern das Nußsäckchen, drehte die jammernde Ofenschraube los und schüttete den ganzen Inhalt ins Feuerloch. Die Schalen las er sorgfältig in den Beutel zusammen, setzte sich während dieses Geschäftes einmal wie erschöpft in den Stuhl und legte das plötzliche Andenken behutsam zu Dolch und Strang auf die Konsole. Allein für den Doppelkern, in welchem er drei Männerherzen bedeutend mit Hermine verbunden, suchte er einen Blumentopf, füllte ihn auf dem Kirchhofe mit Erde vom Grabe seiner Tochter und dem Elisabeths am Fuße der beiden Pappeln und begoß ihn unter der Pumpe mit derbem Strahl.
Drinnen in der Stube setzte er die Lampe auf den Fußboden und den Topf daneben. Er hockte und suchte nach Tränenspuren von Hermine. Es waren keine da. Er brütete lange und schließlich verbreitete sich wieder das Lächeln auf seinem Gesicht, von dem man nicht sagen konnte, ob Scherz oder Ernst in ihm lebte. Es erstarrte wohl minutenlang.
Er musterte noch einmal den Erdboden und dann den Blumentopf.
In dem lag aber ein vertrockneter Lebenskeim, und kein Nußbaum wollte heraussprießen.
Sechstes Kapitel

Etliche Tage nach dem Besuche bei Grelert trat Hermine mit ihrer Mutter um die dritte Nachmittagsstunde in die große Stube rechts vom Flur. Während Frau Dagott einen Stuhl am Fenster einnahm, wenige Schritte vor dem hohen Spiegel, setzte sich Hermine hinter ihrem Rücken mehr in den Schatten vor den runden Tisch. Frau Dagott fand es wünschenswert, in dieser Zeit der Tochter Gesellschaft zu leisten, obwohl sie keineswegs durch tröstendes Zureden oder Anregung zu heiterer Tätigkeit etwas linderte, sondern an eigener Arbeit schweigsam beiseite saß und schlanke Fäden schon vom fünften Knäuel wickelte.
Hermine hielt beständig einer zerrenden Spannung still, als wäre ihr Inneres unter unsichtbaren Keilen auseinandergequollen. Sie fand es völlig recht, mehr und mehr ganz abgeschlossen zu werden. Lange Gewöhnung hatte sie stets in sich zurückgetrieben. Auf Dagott schien ihre bloße Gegenwart in der Weise zu wirken, daß er mit besonders gesuchten Bewegungen und hervorragend lächerlichen Scherzen schäkerte, und dennoch verdrossen alle Einzelheiten sie weniger als der unveränderte Bestand seines Gemütes. Sie empfand es sogar als notwendige Fügung, mit Grelert erzürnt zu sein. Welch anderes Schicksal in aller Welt hätte denn über sie kommen müssen! Mußte sie nicht einsam wie der Verbrecher in seiner Zelle sein?
Tanzen auf dem Jubiläum, gewissermaßen wieder unter die Schamlosen tauchen, dieser hohe Gedanke Dagotts war ihr so drollig abschüssig, daß sie ihn sich immer von neuem zu eigen machen und sofort abgleitend verlassen mußte, wie die Knaben mit eins oben auf dem Treppengeländer reiten und mit zwei auf die Fliesen plumpsen. Tanzen? – nein! Ach, tanzen? – nein! Zusammen sein mit den übrigen jungen Mädchen, den Geschwätzigen, Leichtsinnigen, sollte es locken?
Dennoch wünschte sie allein bei dem Gedanken an diese Geschöpfe, lieber nicht ein Tropfen Öl im Wasserglas zu sein. Dieses Bild ward so oft wiederholt, daß es zuletzt in alle Empfindungsketten sein Glied gab. Fast jede Stunde wuchs ein kleines Pflänzchen Neid auf, das mit Grübeleien totgewalzt und unter Schmerzen ausgejätet werden mußte: je älter jene Mädchen wurden, desto mehr wußten sie aus dem geselligen Leben zu erzählen, worunter sich manche schöne Anekdote fand. Einige hatten schon ein Liebesleben durchkostet und sahen auf die unerfahreneren Genossinnen großmütterlich herab. Hermine konnte nichts dergleichen berichten, und wenn sie an Verwandte Briefe schreiben und nicht klagen sollte, mußte sie die Seiten nicht mit Traumgesichten oder gar Lügen füllen?
Und nun hatte sie sich den dunklen Garten als Bereich gesetzt für alle Stunden, alle Tage, und dieses Haus! Eigens für sie schien es gebaut. Sie sah sich in der Stube um. An keine Stunde konnte sie sich erinnern, in der das Zimmer ganz mit Licht erfüllt gewesen. Vor den Fenstern plusterten sich sommers die Kastanien und schütteten ihre dicken Schatten voran den Sonnenstrahlen auf den Fußboden, und dann spielten sich zuckend und entsetzlich leise auf dem Teppich wunderliche Spiele ab. Im Winter, wenn das Laub dahingeschwunden und der Helle Raum gegeben war, fingen öde Dunstbänke, Nebelschluchten und Wolkenklippen den traulichen Schein ab und standen als schwammige Inseln am ganzen Himmel. Im Mondlicht hatte sich das Schattenbild der nackten Zweige ausgenommen wie eine starre Häkelei unterirdischer Geister.
Es roch verjährt in der Stube. Die Mauern dieses Hauses waren doppelt so dick wie die anderer und hier unten mit graubraunen wirr gemusterten Tapeten beklebt. Man sollte meinen dürfen, eine Kerze, die man hier anzündete, müßte vor der herrschaftsgewohnten Dämmerung ersticken.
Sahen die Fenster nicht aus, als wären sie nach Schildbürgerart erst nachträglich aus der Mauer geschnitten, so unbeholfen und klein? Zwar nicht eigentlich klein, nur die breiten Schnittflächen, die fast eine eigene Wand hätten hergeben können, ließen sie löcherhaft erscheinen! Lugte man durchs Glas auf den Markt und es schlief wirklich Sonnenschein darauf, so schienen die Nachbarhäuser gefärbte Gips- und Wachsgegenstände.
Wurde es hier herum je recht froh licht?
Gab es in diesem Zimmer denn überhaupt nur hellfarbige Geräte?
Über der Ottomane und den Sesseln lagen schimmelgraue Decken: in sie waren goldene Tausendschönblüten hineingedruckt. Voll dicker Falten streckten sie sich über die plumpen Formen, und in ihren Falten schliefen schwerfällige Schatten.
Die Hängelampe trug ihre grüne Glocke auf einem Messingringe, einem Saturnsringe gleichsam – Karp hatte diesen Himmelskörper daran einmal veranschaulicht, – indes der Stern selbst war erloschen und die drei Ketten mit Messinggelenken, in denen das Ganze schwebte, ruhten tot und starr.
Hermine sagte sich, daß es ein lächerliches Unterfangen wäre, so alles Gelbe in der Stube herauszusuchen, aber sie suchte dennoch.
Auf einem kleinen Tischchen stand der Hirschleuchter. Das Tier verschluckte wieder eine bleiche Kerze wie am Abend, da niemand gut getröstet hatte, bis am nächsten Morgen Hugo Winterlicht tröstete. Und Hugo Winterlichts wegen trug der Hirsch jetzt eine frische Wunde am Hals, in Gedanken ehegestern hineingeschnitten. Sie war das Glänzende, um dessentwillen er eben auffiel. Hermine stellte sich die Wunde in den eigenen Hals geschlagen vor.
Zwischen den beiden Bildern an der den Fenstern gegenüber liegenden Wand stand ein Bassin mit zwei Goldfischen. Müde ruderten die Schwänze, und das Rotgelb daran war kaum noch hell zu nennen. Die Tiere ließen Kügelchen aus dem Wasser steigen, als pusteten sie Seifenblasen in die Luft. Hermine fühlte sich an die Kindheit gemahnt, wo sie mit Edwin Maßholder Seifenblasen aus Strohhalmen hatte schweben lassen. Die Köpfe der Fische zeigten einen überdrüssigen Ausdruck. Spiele befriedigten die alten Schuppenrücken wohl nicht mehr … Glut schoß in Hermines Wangen.
Über dem Behälter hingen die beiden Gemälde, die ja auch etwas Leuchtendes an sich hatten, und war es nur die goldene Einfaßlinie der schwarzen Rahmen. Das eine stellte den blühenden Frühling dar, eine Wiese mit drei wunderschön roten Rindern am Quell. Hermine hatte sich, es mit erlebten Kindheitsbildern vergleichend, daran oft erbaut und es bedeutungsvoll gefunden, wenn im Winter fallende Flocken sich im Glase widerspiegelten und den quillenden Lenz endlos einzuhüllen trachteten. Stand sie am Ofen, so verfolgte sie den wehmütigen Vorgang ganz deutlich, auch wie das spiegelnde Glas etwas wie eine schützende Seidenhaut vor dem Werke bildete. – Das andere Gemälde aber war unterschrieben: Scheideweg. Hermine schenkte dem schlechten Öldruck gern ihres Herzens Leben und heute mehr denn sonst. Eine Straße gabelte sich nach zwei südlich schönen Gärten. Den rechten umgab ein Gitter aus schierem Amethyst, über welches sich Goldregenbäume in Alleen und purpurblütige Lauben reckten, während der linke von einem Ebenholzzaune ernst umfriedet war und düstere Cypressen aufwies. Auch schwarze Pappeln standen in ihm. Ein Mensch mit verbundenen Augen bewegte sich gegen den letzten Garten, nachdem er die Weggabelung passiert hatte.
Hermine wandte schnell den Kopf ab, weitersuchend.
Der Spiegel noch hatte etwas Mattschimmerndes. Durch ihn konnte sie der Mutter ins Gesicht sehen. Deren schöne Züge verharrten in unverändertem Aufbau, ernst, aber immerhin zufrieden. Die aufrechte Gestalt mit dem weißen Faden in den Händen hatte etwas Prophetisches. Der Spiegel veränderte, er raubte vom Leben des Augenblicks und fügte von beständigem Leben etwas in das Bild. Hermine beugte sich vor, um auch sich im Glase zu betrachten, nur einen Augenblick, damit die Mutter inzwischen nicht aufsehen und sie bemerken möchte. Sie erschrak, wie ähnlich sie ihrer schönen Mutter geworden, außer daß vielleicht das Haar mit einem Quentchen mehr Gold und die Lippe mit einem Spürchen weniger Rot gefärbt war. Sie fuhr darüber so heftig in den aufknackenden Stuhl zurück, daß Frau Katharina sich umwandte und einen langsamen, zerstreuten Blick herschickte. Nun saß Hermine still, aber in unregelmäßiger Wallung der Brust schienen kleine Geister aufzusteigen, im Flugtanz zu einem Seufzer umschlungen. Das Gesicht veränderte sich dabei wenig, weil sich seine Haut über die strenge flache Rundung der Wangen hinweg nach dem anmutig engen Kinn zu straffen schien. Unablässig erforschte sie das Mutterbild des Spiegels, jede Gramlinie und jede Freudenkurve. Sie gab dennoch auf sich selbst acht. Einmal schlug ihr Puls so langsam, als warte er auf eine Freude und wollte, falls sie ausbliebe, tot einschlafen, dann zuckte er drei- bis viermal rasch auf. Solche Beobachtungen stellte sie an, um nicht in ihrem inneren Wuste zu rühren. Mit fiebrischem Mißbehagen weidete sie den Spiegel ab, seine ganze oblonge Fläche und dazu den braunschwarzen Rahmen. Wie sie saß, konnte sie im Glase nur einen schmalen Ausschnitt des Zimmers wahrnehmen, doch am deutlichsten im wehenden Helldunkel immer die Mutter, welche wahrhaftig wie auf eine Zauberplatte beschworen war. Und sie dachte an die Schicksale der Mutter, deren Ängste und Überraschungen und Demütigungen, deren Hoffnungen und Beglückungen und Freuden in den Falten hängen geblieben waren. Sie überschlug nach ihrem Wissen und Ahnen alles. Die Summe? – Also diese Frau war nun wirklich glücklich geworden.
Das Bild vom Scheidewege erblich nicht in ihr. Mutter, mir ähnliche, dort wandelst du, dachte sie mit Zagen. Mutter, du hast schon graue Fäden im Haar, die Kreuzung der Straße liegt hinter dir. Gehst du in das amethystene Paradies oder das ebenholzumgitterte? Du gehst in das schwarze. Schön ist es auch, zum wundern schön genug; du darfst dich freuen; aber das mit den Purpurlauben ist noch tausendmal schöner.
Hermine saß still kauernd und unmerklich in sich zusammenschwindend, doch bald rief es in ihr: „Schwirre ab von dir!“ Und sie suchte sich im Weiten.
Wieder schienen kleine Geister in der Seele aufzusteigen, im Flugtanz zu einem Seufzer umschlungen.
Der Trüben schien das Traurigste, was all den vielen Menschenleben bestimmt sein könnte, wenn sie zu Ende gingen, ohne soviel Seligkeit genossen zu haben, wie sie irgend schlürfen konnten. Das schien ihr viel trauriger, als wenn sie alle ein Weltuntergang abbrach, was Karp als solch namenloses Unheil darstellte. O, war es nicht zum verzweifeln, daß sie allesamt lachten in den Gängen des geringeren Paradieses und nicht wußten, nicht ahnten, nicht einmal zu überzeugen gewesen waren, daß es noch ein schöneres gab! Das Furchtbarste im ganzen Dasein war der Punkt jener Wendung. Nie erfuhr man, ob man ihn überschritten hatte.
Bei dieser Erwägung ließ sie ab vom Selbstbetrug und bangte nicht mehr für das Schicksal anderer. Sie war doch der Mutter ähnlich? Sie wollte sich noch einmal vorbeugen und im Zauberspiegel für sich lesen, da hob die Mutter die Hand mit dem Faden, Hermine fuhr krampfhaft zusammen und wurde sehr niedergeschlagen. Doch wohl war sie an der Kreuzung schon vorbei, – o!
Sie begann von stundan herb an dem zu leiden, was sie erlebt haben könnte und versäumt hatte.
Als sie den Blick am Spiegel emporklimmen ließ bis zu den krönenden Schneckenornamenten, lag ein Ausdruck darin, als hätte sie den schwarzen Stern über ihrem Haupt entdeckt. Sie lief eine Weile in ihrem Leben zurück nach dem Kreuz im Wege, beruhigte sich etwas mit der erstarrenden Überzeugung, daß es schon weit rechts hinter ihr liege und mußte hinaus. Der fatalistische Glaube ging mit wie ein Würgengel, sie war Sklavin.
Sie suchte ihr Zimmer und verwunderte sich über das kalte Aussehen und den Rost der Waffen. Und mußte hinaus.
Sie wankte in den Garten.
Eine hohe dichte Schlehenhecke, sauber ausgewinkelt und rechteckig verschnitten, umgab die alten Baumgruppen gleich einem Dornröschenreich. Klein Ruth hatte im Hintergrunde gehaust; auf die dicken Apfelbaumstämme waren mit Bleistift gleich über dem Erdboden Menschenköpfe ausgemalt mit riesigen Ohren und Schlitzmäulern voll Leitersprossen als Zähne. Der Stift lag noch daneben. Hermine hob ihn auf, um ihn in den Laden zurückzutragen. Sie verweilte widerwillig bei den Fratzen und schürte das Mißbehagen an den ungeschickten Linien durch genaues Betrachten. Dann ging sie zurück durch den verwachsenen Stachelbeergang bis zur Gruppe der Pappeln, von denen links der Brunnen lag und rechts eine Bank und ein Tisch im Lichten standen. Sie nahm Platz.
Ruth spielte unter den Pappeln. Dagott hatte ihr durch den Rumpf eines der alten Schiffe von Bruno Pfeiffer her Löcher bohren müssen, sie ließ den Sand hindurchrinnen, es wuchsen zehn Kegel zu gleicher Zeit.
Hermine blinzte mit eingesogener Oberlippe nach Ruth hinüber, dann vor sich her. Von einer Pappel, die sie mit Elisabeth besonders gern erstiegen hatte, breitete sich der Schatten quer über den Tisch auf sie zu. Matt faßte sie seinen Umriß mit blauen Linien ein und schrieb die Anfangsbuchstaben ihres Namens ganz weich hinein. Ja, sie mußte immer im Dunkel bleiben, und es war noch nicht einmal das schwarze Paradies. Sie beobachtete wiederum Ruth und das lecke Schiff von Elisabeths Bruder her. Warum haßte sie eigentlich Bruno Pfeiffer? Konnte sie ihm nicht wirklich die Hand reichen, da die beiden anderen schönen Männer sie verschmähten?
Zum erstenmal gestand sie sich ihre Liebe zu Hugo Winterlicht und Edwin Maßholder ein, die sie bei Grelert zu verstehen noch nicht gerüstet war, und verzieh das Wort von der Wünschelrute, doch nicht das Lächeln. Darum scheute sie sich, wieder zu Grelert zu gehen. Es hatte sie an allem zweifelhaft gemacht, das Lächeln, etwas wie Hohn hatte darin gelegen. Es stieg samt den wächsernen Zügen, der spitzigen Nase und den schnurgeraden Brauen des Totengräbers aus den Winkeln, zwischen den Stäben des Treppengeländers auf. Sie kannte es aus der Vergangenheit, die jetzt wiederum mit flackernder Unsicherheit, mit verletzter Scham durchmustert zu werden heischte.
Lange träumte sie, dann stand sie auf, weil der Sonnenschein zu sehr auf die Stirn brannte. Doch sie wandte sich freudig erstaunt noch zurück und setzte sich zögernd. Der Pappelschatten war aus seinem Gehege entschlüpft, und ihr Name leuchtete im köstlichsten Lichte zwischen den beiden blauen Strichen. Nun wiederholte sie das Spiel der Sonnenuhr mit kindlichem Lächeln. Ruth sah sie an, trat hinzu, blickte, die Hände auf dem Rücken, über den Tisch und fragte. – „Die Sonne wandert,“ erklärte Hermine und wies auf den flüchtigen Schatten, aber ihr wurde zugleich bange, weil die Zeit so dahinraste, sie nur mit einem kleinen Spiel ermunterte und inzwischen näher zur Nacht führte. Die Tage hasteten leer, ließen betrügerische Leidenschaften aufflammen und waren schon weiter als der entfernteste Stern.
Als sie wieder in die Stube kam, traf sie die Eltern über einem Briefe von Edwin Maßholder. Er schrieb, daß er die Rückkehr auf seinen Administratorposten bis zum Stadtjubiläum zu verschieben beabsichtige und Dagott bäte, ihm sowie seinen Eltern Plätze zu den Vorführungen im Festsaal der Ölkannengasse zu besorgen. Er grüße alle herzlich und besonders seine Spielkameradin, die hoffentlich recht wacker mittun werde.
Hermines Herz hüpfte. Unbedingt mußte sie hinaus aus den dumpfen Mauern, sie mußte ihn sehen, sie mußte vor ihm Reigen tanzen! Die große Sonne sorgte mit an ihrem Glück, sie drehte ihren Namen aus dem Schatten!
Dagott sagte: „Er wird sich sehr über seine träge Spielgefährtin wundern.“
„Laß es nun!“ warnte ihn Frau Katharina scharf.
Doch Hermine, nur die Lider senkend, kehrte Dagott flehende Mienen zu, obwohl er sie ärgerlich träge genannt hatte. Daß er ihr die Beteiligung doch noch einmal anböte! Tat er es nicht, so wollte sie ihn bitten, sagte er, es sei zu spät, wollte sie bei ihm betteln. Allein er fragte:
„Willst du wirklich nicht bei dem Reigen mitwirken, Hermine? Sieh doch, unsere liebe Stadt ist ebenso wie meine auch deine Welt; ein Plätzchen mußt du dir darin erobern.“
„Wenn ich durchaus —“ begann Hermine, verbesserte ihre Worte jedoch tief errötend: „Ich werde im Reigen mitwirken.“
Kaum konnte sie es hinhauchen, denn diese Zustimmung und die Überlegung, daß sie unter Umständen hätte bitten und betteln können, zerbrach sie wie eine Demütigung.
Aber in ihrer winterlichen Seele ging ein Morgenrot auf. Sie eilte in ihr Gemach und überließ Vater und Mutter der Freude und Hoffnung, die große Tochter werde doch immer einsichtiger.
Auf der Treppe schlug sie die Hände gefaltet am Hinterkopf zusammen. Ihre Augen glänzten süß. Im Zimmer aber schnellte sie in einem phantastischen Tanz hin, wirbelte sich wild herum und faßte anmutig ihr Kleid. Daß sie in einem Saale hauste, war heute eben recht.
Nach zwei Tagen traf die Nachricht ein, der junge Richter Hugo Winterlicht sei mit der Abhaltung der Gerichtstage in seiner Vaterstadt betraut worden und werde unmittelbar nach den bevorstehenden öffentlichen Feierlichkeiten seine Amtsgeschäfte beginnen. „Also auch er wird bei meinem Tanze zugegen sein,“ jubelte Hermines ganze Seele. Dieses Bewußtsein band ihre frohen Gedanken – denn die vergrätzten waren verschwunden – zusammen wie ein Taftband eine bunte Garbe Blumen.
Die Proben zu dem Reigen fanden in ihrem Zimmer statt, weil es das größte unter den verfügbaren war. Die Frau Bürgermeister Pfeiffer leitete die Aufführung nach einem dafür verschriebenen Büchlein. Es handelte sich um eine allegorische Darstellung. Eintracht, Fleiß, Friede, Ordnung, Treue, Fröhlichkeit und Gottseligkeit in entsprechenden Trachten drückten durch gemeinsame Auftritte und Sondervereinigungen das Blühen der Stadt und die Beziehungen wichtiger Bürgertugenden zueinander aus. Für Hermine hatte man gemäß ihrem stillen Wesen und ihrem kasteiten Gesichtsausdruck die Rolle der Gottseligkeit ausersehen. Sie und die anderen Figuren nähten eine jegliche ihr Gewand. Die Stoffe hatte Dagott als Inhaber eines Tuchgeschäftes gespendet und ließ sie von sehr weit her kommen.
Hermine sollte einen lichtblauen Mantel mit weiten Ärmeln und grünen Kreuzen auf Rücken und Brust tragen. Lange und hartnäckig hatte sie an dem zu Hugo Winterlicht am Brunnen gesprochenen Wort über ihr Nähen gehangen und dahinein anfangs ihre Lust und ihre Schmerzen wie in ein Gebet gelegt, dann hatte sie es zu gebrauchen sich geschämt, weil es nichtig klang. Jetzt aber drängte es sie, einmal laut gleich einer frommen Formel auszusprechen: „Wenn etwas so Schönes entsteht, nähe ich für mein Leben gern“, und entsetzte sich, wie läppisch es sich auch diesmal anhörte …
Lehrer Karp kam öfter nachsehen, wie weit ihre Arbeit schon vorgerückt sei. Er bog sich mit freundlichem Gesicht über den Tisch und verfolgte einige Minuten lang jeden ihrer Stiche. Sie sah ihn jetzt gern an ihrer Seite lächeln, erklärte ihm willig die Bestimmung der einzelnen blauen Tuchstücke und brach selber oft in ein zierliches Lachen aus, das sich anhörte, als hüpfte ein Silberbecher eine Steintreppe schnell herunter, und das immer heller ward, bis es gleichsam erstickte. Nur hatte es mit der sprechenden Altstimme angenehmem Schillern zwischen Glanz und Sprödigkeit nichts gemein.
Siebentes Kapitel

Der Tag des fünfhundertjährigen Jubiläums lag im Spätsommer. Eine dicke Schwüle füllte die Stadt bis in das verschwiegenste Gemach. Nachmittags reihten sich die Teilnehmer am Umzuge vor dem Rathause auf, um langsam durch die Straßen passierend wieder dorthin zurückzukehren. Die Bürger hatten die Seiten der Feststraßen dichtgedrängt eingenommen. Voran auf einem großen, mit sechs Pferden bespannten Wagen zogen die sieben allegorischen Jungfrauen, dann folgten Vereine und Innungen in bunten Gewändern und mit gestickten Fahnen.
Hermine umspannte mit etwas kindlicher Würde ihren langen, gewichtigen Hirtenstab, den sie erst abends zu dem froheren Reigen ablegen sollte. Sie halte zwar weder Edwin Maßholder noch Hugo Winterlicht bisher gesprochen oder gesehen, aber es war ja gewiß, daß ihre Gesichter unter denen der unzähligen Zuschauer auch steckten und zu ihr emporsahen. Darum strömte während des ganzen Zuges eine holdselige Milde in ihr. Sie hielt das unbedeckte Haupt leicht geneigt. Viel Sonne lag im dichten braunen Haar, so daß das nackte Weiß der hohen, etwas gewölbten Stirn einen ernsten Gegensatz dazu bildete, und so lieblich geschwungen, so hastig beinahe die Wangen in ihrem unteren Teile sich dem Kinn zuspitzten, das Gesicht behielt etwas von madonnenhafter Unnahbarkeit. Das Irdischste war die kleine, gerade, an der Wurzel vielleicht etwas zu starke Nase. Von der Seele verrieten die Züge wenig: das Fleisch war zu dicht unter der gespannten Haut gelagert, als daß sie sich hätte hineinfüllen können. – Wenn die Sonnenstrahlen dieses Gesicht schief und voll beleuchteten, war es, als badeten sie es nicht, sondern brächen vor seinem stillen Frost ab. Alle Flächen darin blieben fast stumpf, wenn nicht die traurigen Augen von ihrer Lieblichkeit soviel verspendet hätten, daß man ihr Leben im Umkreis aufmerksamer suchte. Sie schauten einmal flüchtig zu den Pappeln auf dem Kirchhofe hinweg, von unten her. Da blühte aus dem Braunen ein wundervoll heller Ernst, und als sich der Blick wiederholte, schien er sich zu bescheiden und in ihm lag eine Empfindung: von unten her …
Als man abends in das Lokal der Ölkannengasse eingekehrt war, setzte sich Hermine zuerst heiter genug mit Eltern und vielen Bekannten an denselben Tisch. Sie legte sogar ihren Arm um den Hals anderer junger Mädchen und freute sich über die Federhüte und gestreiften Gewänder der herumsitzenden Handwerker.
Doch wachsende Unruhe machte sie schweigsamer und zuletzt stumm. Begrüßten Hugo Winterlicht und Edwin Maßholder sie nicht? Waren sie nicht da? Sie mußten doch gekommen sein. Jede anschwimmende Erklärung ihres etwaigen Fernseins wies sie trotzig ab, die Rede ihres Blutes war ein goldenes: jaja oder ein ehernes: nein.
Sie erhob sich und spähte in den ganzen Räumen nach den beiden Vermißten. Auch im Garten streifte sie herum. Das summende Gespräch und Gekicher ringsum mutete sie nun unerquicklich an. Sie ganz allein stak unter diesen vielen Zufriedenen in Drangsal. Sie schämte sich, wenn man ihr nachsah, als ob man erriete, was sie treibe. Als sie in das obere Stockwerk empor gestiegen war, machte sie sich Vorwürfe, daß sie den Männern nachlaufe. Und doch, pfui über diese Vorwürfe! Durfte sie nicht suchen? Zu hell brannte in ihr das Verlangen, ihren Jugendgefährten gegenüber zu sitzen oder gar, jeden treu an einer Hand gefaßt, vor der Tür zu lustwandeln.
Schließlich sah sie wie gehetzt umher, ging immer schneller und drängte sich mit gramvollen Gebärden zwischen plaudernden Gruppen hindurch. Sie drückte sogar die Leute mit den Händen beiseite und entschuldigte sich nicht, sondern bohrte sich nur weiter.
Die anderen allegorischen Jungfrauen kamen ihr endlich nach und fragten, was sie suche. Sie schüttelte mit dem Kopfe, wollte nicht hören und eilte weiter. Da die sechs aber folgten und schon viele Augen ihr nachsahen, warf sie in einer leeren Bodenkammer die Tür hinter sich zu und verriegelte sich.
Sie trat ans Fenster. Im Hintergrunde zogen Gewitterwolken auf.
Sie summte verlegen vor sich hin. Kein Zweifel: weder Hugo noch Edwin war da!
Nach einer Viertelstunde zog sie ganz behutsam den Riegel wieder zurück. Sie löste ihr Haar und steckte es etwas anders auf, damit man drunten sähe, was sie in ihrer Abwesenheit getrieben.
Äußerlich ruhiger setzte sie sich an den Tisch der Eltern. Aber sie brach ihr Brot und wußte es nicht, und bald schwatzte sie viel. Man sollte ihre Worte emporflattern sehen wie Vögel, die ins Blaue schießen, und sie glichen Blättern, die zu Boden taumeln. Ihrem Lachen war Anstrengung und Zerstreutheit anzumerken. Und sie nahm schnell genug den halb spöttischen, halb erstaunten Ausdruck des auf den Arm gestützten Gesichtes der jungen Friederike Turtel wahr und ward dadurch verletzt. Manchmal erschrak die Mutter sichtlich über ihre Bemerkungen und zuckte. Sie wandte darum kaum noch die Augen von ihr, redete eifriger und verriet ihre Bewegung um so mehr, je gleichgiltiger die Erörterungen waren. Achtzehn rote Federhüte habe sie gezählt, meinte sie, und nahm nicht Notiz, daß man von einem Ausfluge sprach. – Die Fahnen habe man schon in einen Winkel gelehnt. Auf dieses letzte hörte keiner mehr. Sie würgte hastiger am trockenen Brot und bildete sich ein, man habe sich während ihrer Abwesenheit verabredet, ihr zu ihrer Schonung keine Aufmerksamkeit zuzuwenden. Die Feindseligkeit, die beim neulichen Zurückziehen in ihr gewaltet, begann wieder Jegliches in ihre kalten Strudel zu reißen. Sie wollte kein Glied dieser Gesellschaft sein.
Sie hatte nach Edwin Maßholder und Hugo Winterlicht gelechzt und wurde von ihnen verschmäht. – Wie heftig sie sich durch den Schwarm zu ihnen gewühlt, wie sie das lichtblaue Kleid ihnen zu Ehren genäht und getragen, sich hoffend berauscht, und alles umsonst! Das durften sie nie wissen! Und doch, wenn es ihnen jemand ins Ohr raunen könnte mit totenhaft geigender Mückenstimme! – Wie sie sich zurechtgetüftelt: Richtig, ich muß aus dem Haus gehen; die lieben Männer werden keine so zurückgezogen Lebende leiden mögen! Wie sie geglaubt: Ich werde ihren Dank gewinnen, wenn ich ihnen entgegensteige, da sie doch nicht immer meine Schwelle aufsuchen können! Wenn es ihnen jemand ins Ohr fiedelte und: Glühende Brüste sind euch entblößt! – O, wenn ihr jemand ins Ohr sagte: Törichte, dreimal Törichte!
Sie bestieg das Podium zur Aufführung. Hätte ich einen Schlaftrunk, mich zu bemeistern, wünschte sie und schmeichelte unglaubwürdig auf sich ein. Der Tanz sollte eine neue Begrüßung der guten, schnöde geflohenen Bürgerschaft sein. Sie zeigte sich wieder und würde gern willkommen geheißen werden. Zudem nahte jetzt ein Moment, in dem sie sich als Darstellerin der Gottseligkeit aus dem Alltag erhob. Keinesfalls also erniedrigte sie sich, wenn sie vor den Leuten unten sich bewegte, sie schritt an ihrer Spitze!
Ohne jede Musik bewegten sich die Füße der Sieben, und die Sandalen tönten nur bisweilen dumpf auf den Brettern.
Nein, wozu Selbstbetörung! dachte Hermine weiter. Sie tanzte mit blutendem Herzen. Sie tanzte mit zuckenden Lippen. Ein Clown im Circus stellte sich doch wenigstens um des Geldverdienstes willen zur Schau – und sie? Wie lächerlich war es, sich in die Händekette der übrigen sechs einzufügen und vor Gaffern im Kreise zu schreiten!
Ein ferner Donner rollte in des Saales Schweigen hinein. Starke Stille blieb zurück und schien zu lauschen.
Die Gottseligkeit schaute finster in die Rundbogen der hohen Fenster. Blitze vom Glanze frisch geschnittenen Bleis huschten unheimlich da draußen. Das Laub im Winde rauschte einen gleichmäßigen geisterhaften Gesang. Gewalt, Gewalt, nahende Gewalt! Selbst der krüppelige Birnbaum im Gasthausgarten schien gewaltgeschwellt aufzuleben; es zuckte hinter ihm, als blitzte er selber aus seinen Ästen heraus. Ein Krieg in grellen Farben tobte näher. Seine Grausamkeit und Weihe durchrauschte Hermine. Was waren ihr noch die Narren da unten mit den nickenden Federbüschen!
Sie drehte leise den Hals hin und her, der sich ruckweis in den Wirbeln schob.
Alle süßen Samen der Sehnsucht, seit Jahren in inneren Speichern aufgeschichtet, konnten ihre brache Fruchtbarkeit nicht länger halten und trieben gewaltige Keimranken.
Mit einmal ging die Gottseligkeit etwas zu langsam. Die anderen Tugenden zerrten sie. Unbegreiflich, wie es kam, sie sträubte sich. Jene bemühten sich nur einen Augenblick, damit die Unregelmäßigkeit nicht auffalle, und schlängelten dann ihren Zickzack weiter. Gottseligkeit blieb stehen und bedeckte ihr Gesicht mit den Händen.
Es traf sich, daß gerade eine Figur ausgeschritten war und die Tänzerinnen eine kleine Pause lang stillstanden, um den vorgeführten Teil vom nächsten abzuheben. Die meisten Zuschauer hatten, mit dem Inhalt der Pantomime nicht vertraut, Hermines Verfehlung kaum gemerkt. Waren sie doch, selbst soweit sie im Orte wohnten, mit ihrem Wesen noch immer nicht bekannt, bis auf den kleinen Kreis, der neulich das Gerede angefacht hatte. So brach in der Pause ein herzlicher Beifall los. Hermine stand noch wie vorhin, in einem Tumulte des Herzens schwelgend und kämpfend.
Nun faßte sie das Händeklatschen als gleisnerische Milde auf, mochte sich nicht unverdient bemitleiden lassen und knirschte mit den Zähnen.
Der Reigen ging weiter. Sie breitete noch einmal unsicher ihre Arme den Gefährtinnen zu, doch drehte sie sich sogleich rasch um, stieg die Stufen hinunter und durchbrach die Reihen der Anwesenden, um das Freie zu gewinnen. Einige jener, die sich schon früher keck gegen sie gezeigt hatten, begannen ihr nachzuklatschen und lachten, andere zischten diese dafür an und geboten Schweigen, die meisten machten überraschte Gesichter und wandten sich Hermine zu.
Nun verstand sie das erste Klatschen noch besser! Sie stieß einen röchelnden kurzen Laut aus, wie man aus schwerem Schlafe ruft. Während sie durch die Straßen hastete, suchte sie absichtlich diesen Laut mehrfach zu bilden, wie um zu erproben, ob sie noch reden könne und um sich von erschöpftem Versinken in Schmerz abzulenken. Sie ging sehr schnell, weil sie die Mutter, die sich im Saale erhoben hatte, auf ihren Fersen vermutete. Zu laufen wagte sie nicht, da die ängstliche Erinnerung an ihre Flucht vor ein paar Wochen sie mit solchem Gruseln durchkitzelte, daß sie die völlige, gespenstische Gleichheit zu vermeiden trachtete und in blöden Gedanken dahinschritt. Ihr Elend hatte nichts als die künstlich tierischen Laute: alle Organe schienen verflucht.
Das Gewitter war nördlich vorübergezogen, doch seine Vorboten Sturm und Regen, die einen Seitensprung in die Stadt gemacht, hatten die Schwüle zerteilt. Die Luft roch ein wenig nach Ozon.
Hermine beruhigte sich zu Hause nicht. In der Küche stürzte sie einen Topf Wasser herunter und befeuchtete sich die Schläfen. Dann eilte sie mit dem Becher in den Garten bis auf die Seite, wo der angetrübte Graben vorüberfloß. An der Stelle, wo Wolfsmilch und ähnliche Gewächse aufzuschießen pflegten, bemühte sie sich durch die Schlehdornhecke zu langen, allein des Grabens Ufer war etwas abgeböscht, und so bedurfte es vieler Anstrengung und brachte Schrammen, den Arm bis an das flüssige Pfauenauge herabzustrecken. Wie mit Geißeln gehetzt, arbeitete Hermine in den Dornen und achtete des stachligen Dickichts nicht. Schließlich konnte sie den Becher in das trübe Wasser tauchen. Sie trank das Geschöpfte zitternd herunter.
Sie glaubte sich vergiftet und gewann infolge der Ermüdung Ruhe, ja Besonnenheit wieder.
Sie hing doch als dankbarer Gast am Leben und ging sehr bekümmert durch den Garten, an der Hecke entlang, schmiegte die Wange ans Haus und empfand es als köstliche Gnade, Abschied zu nehmen. Die Bäume dufteten frisch und die Sträucher, über denen im Frühling Blüten wie eine Decke warmen Schnees flimmerten. – Und sie begann, den Asterbeeten zu Liebe an der Wirkung des Tranks zu zweifeln und war in wenigen Minuten von seiner Unschädlichkeit überzeugt.
Sie zündete in ihrem Saal die Lampe an und brütete, die Stirn auf den Tisch gedrückt, bis sie das Gefühl hatte, als müsse sie kopfüber in grundlose Tiefen stürzen. Da erhob sie sich, sah ihr lichtblaues Gewand, blickte um sich, flüsterte frierend: „Hugo! Edwin!“ und schickte sich eben an, Teile aus dem Reigen für sich selbst zu tanzen, als sie die Haustür gehen hörte.
Die Mutter kam, ungewissen, doch schnellen Schrittes, und hob ihr vergrämt das Kinn empor. Hermine zwang sich zu heiteren, kollektiven Worten. Sie habe es schlecht gemacht und nichts weiter. Sie plauderte haschend von Einzelheiten des Festes, wie wenn ein Ertrinkender schalkisch nach Mücken über der Flut griffe, um sich über die Notwendigkeit des Unterganges zu täuschen. Die Mutter möge nur zurückkehren …
Aber die wich nicht von ihr und tat, als kenne sie nichts Schöneres als eine fernab dem kreischenden Festlärm in einsamem Gemach verträumte Stunde. Die große Hermine mußte sich sogar auf ihren Schoß setzen und Frau Katharina erzählte ihr, mit der einen Hand langsam tupfend auf dem Tisch trommelnd, aus dem Leben der Großmutter von bewegten Jahren, aber in abgeklärter Ruhe, in überredendem Ton, und besänftigte Hermine so lange, bis nichts mehr in ihr zuckte. Die Vergegenwärtigung der ungewohnten Lage und die Tapferkeit der Frau lenkten ab, gängelten. „Nun haben wir unser Schlummerlied gesungen,“ warb zuguterletzt Frau Katharina unter flehendem Lachen. Hermine setzte sich danach neben sie auf den Stuhl und beide schwiegen lange Zeit. Ähnliches hatte Hermine noch nicht erlebt, und sie wollte es der Mutter nicht vergessen …
Dagott trat ein. Er brachte Ruth, die, seit sie dem Säuglingsalter entwachsen war, das obere Zimmer mit Hermine teilte und nun zu Bett gehen mußte. Dagott redete in vielfacher Weise auf Hermine ein. Zuletzt hielt er mit fürstlicher Würde, als stünde er im höheren Geschoß eines Palastes und kehre sich gnädig zu vielem Volk, eine Art Ansprache:
„Meine liebe gute Tochter, du hast in meine warme Hand meistens eine kalte gelegt. Du bist immer so einsam gewesen. Was soll denn einmal aus dir werden auf der Welt! Du stehst im neunzehnten Lebensjahr und wirst das vierte Lustrum binnen kurzem vollendet haben. – Ich habe mich mit meinen guten Freunden besprochen. Sie meinen, du mußt irgend einen nahen Anschluß finden. Dies ist auch meine Ansicht und war es schon weit früher. Ich denke aber, durch eine glückliche Ehe ist dies Ziel am sichersten zu erreichen. Meine – süße Hermine, meistens hört die Jugend in deinem Alter davon mit Erröten reden, aber wir wollen doch vernünftig sein, nicht wahr? Ich habe nun den Plan gefaßt, dir Gelegenheit zu geben, mit sämtlichen jungen Männern unserer Stadt in näheren Verkehr zu treten. Einladungen werde ich ergehen lassen und so weiter. Sämtliche jungen Männer, das heißt natürlich: solche, die nach unserem Stande in Betracht kommen können. Du sollst eine völlig freie Wahl treffen und brauchst dich keineswegs zu übereilen, um so weniger, als – du – augenblicklich – wohl – nicht in höchster Gunst stehen dürftest. Wir wollen recht unauffällig zu Werke gehen, damit wir beide, wenn du – so Gott will – glücklich geworden bist, uns – über unsere – beiderseitige – Anstelligkeit – heimlich – die Hände schütteln können.“
Obwohl Hermine auch nach der Ehe verlangte, stießen sie diese Worte ab wie ein völliges Mißverstehen ihrer innersten Wünsche. Alle Wundenmale öffneten sich. Sie sah junge Menschen sich vor ihr affenhaft verbeugen oder in die Hände klatschen. Holte Edwin oder Hugo sie jetzt doch und ersparte ihr eine lange Reihe von Peinlichkeiten! Wen hatte sie mehr lieb? Sie wollte Dagott anschreien: „Schaff mir einen von ihnen. Schaff sie mir beide!“ Keiner mochte sie. Durch ihr heutiges Ausbleiben taten sie ihre Gleichgiltigkeit kund. Mußte es ja zugegeben werden, gut: sie konnten zwar Gründe haben, daß sie ausblieben, aber sie verzehrten sich nicht wie sie, sie liebten nicht auf Tod und Leben.
In der Nacht erwachte sie aus wüsten Träumen. Die feurigen Abbilder irgend welcher Fenster ruhten groß vor ihr, im Winkel zwischen Decke und Wand schief gebrochen. Heimkehrende Festteilnehmer hatten sich Licht gemacht. Es kreuzten auch dunklere Bewegungen durch die Abbilder.
Hermine drehte sich zornig ab, weil die fremde Welt sich dicht bis an ihre Träume stahl und horchte und das Dunkel um ihren Schlaf störte. Zwei gekreuzte Morgensterne und zwischen ihnen ein Schwert blinkten im Hellen. Die hätte sie gern ergriffen und auf leidige Rücken geschwungen!
Ziemlich spät erschien sie am Morgen im Hinterstübchen Dagotts. Er hielt Ruth auf dem Knie und ließ sie reiten. Als er Hermine eintreten sah und sie ihn sofort um sein Buch von den Schweizerkämpfen, wo so viel von Morgensternen die Rede sei, bat, ließ er mit einem honigsüß gesungenen „Hopphopp“ Ruth zu Boden gleiten. „Ja, mein liebes Kind,“ sagte er und schien die Bitte ganz deutlich als persönliche Annäherung aufzufassen.
Hermine zauste den ganzen Vormittag an seinem Hopphopp herum und konnte nur die Bilder betrachten. Die bunte Wildheit, wo sich Pferde in riesigen Staubwolken bäumten, gefiel ihr wohl.
Wie müde schienen ihr dagegen die mageren Gäule, welchen sie spät nachmittags begegnete, als sie bald hoffend, bald verzweifelnd die Anhöhen hinter der Stadt zum Walde hinanstieg. Schwerfällig gingen die Tiere im Acker und bliesen elend die Nüstern. Die gelben Saatkörner waren in den Boden geflogen, und nun rollten die schweren Walzen langsam darüber hin. „Du schläferndes Schaustück!“ dachte Hermine schwermütig. „Ich möchte einen feurigen Schimmel besitzen wie der Feldherr in dem alten Buch, und einen Wetterhahn und einen Orkan wünschte ich mir! Dann wüßte ich meine lustigen Fahrten.“
So aber wollte sie mit ihren Träumen hoch auf den Hügeln, hoch in den Wäldern bis abend wandern, zwischen Blumen und Tieren. Sie hatte Ehrfurcht vor den Seelen der Vögel und Bäume, darum war ihr unter den Arbeiten die liebste die Sorge für den Garten. In der Dämmerung und ersten Sternenstunde bewegte sie sich oft in seinen Gängen.
Sie schritt mit warmem Wind hinan. Von weitem sah sie die Bäume sich wie rötliche Sprudel regen, die immer aus sich selbst zu gleicher Höhe entwachsen. Näher sah es aus, als ob Kupfermünzen an den Zweigen schaukelten und gleichsam nach einem Zwiegespräch mit Erdgeistern in haderndem Stoß als Verfall zu Boden geworfen wurden.
Dann trat sie in die Vorhalle des Waldes, ein Hägchen dünner junger Stämme. Da lag das Sonnenlicht des Verdämmerns auf den Rinden wie ein dicker gelber Plüsch, überall stark aufgetragen köstlich müdes Licht, während in dem abgesteckten Bezirke sich eine Stimmung ausbreitete, von der sie nicht sagen konnte, ob der Schatten oder die Ruhe ihre Ursache war.
Wohl die Ruhe! Denn die Schatten wirkten ein paar Schritte weiter ganz anders. Duftige Schwere staute sich schwarz zwischen Stamm und Stamm. Das Schwarze schmiegte sich dicht an ihren Fuß, an ihre Brust. an ihre Stirn. Es übermannte sie das Gefühl, durch ein Etwas zu wandeln, das plötzlich versteinernd erstarren und sie einer späten Nachwelt als hohlen Abdruck aufbewahren könnte, und sie ward beklommen.
Aber schau! Noch strahlte drüben zwischen schwarzen Stämmen der Himmel wie ein einziger Diamant, eine halbe Elle hoch und zwei breit. Blaue Stauden standen in seinen Feuern und verbrannten doch nicht. Hermine erschauerte mit den Baumkronen. Das krause Dickicht berührte fast ihren Scheitel. Da oben schliefen tausend Lebensfünkchen in Vögeln und Käfern dicht bei dicht, in ihr wurden tausend wach und fuhren stoßend durcheinander.
Sie ging immer weiter und kam auf eine Waldwiese, über deren Rand sich der Azur wie ein endloser Turm in die Ewigkeit aufreckte. Sie sah im Geist eine weiße Wendeltreppe schwindelnd empor. Und es wurden ihr an dieser Stelle, in dieser Stille viele Wahrheiten geschenkt, nicht solche, die an nachdenklichen Worten wie Greise an Krücken einherkommen, sondern sanftere, im Blut erklingend wie Musik.
Es wurde dämmerig, sie ging zurück, einen langen Blumenstengel in der Hand. Eine verhaltene Begier machte ihre Schritte schleichend. Sie kehrte noch nicht nach Hause. Es trieb sie, die Stadt zu durchschreiten, langsam, mit besonderer Lust quer über die Straßen hinweg. Im Lokal der Ölkannengasse sah sie sich selbst tanzen und die sechs anderen, im räucherigen Petroleumlicht. Sie ballte die Faust und suchte den See auf.
Die Wasser lagen schon eisern blaß zu ihren Füßen, die Fische hatten sich versteckt, spärliches Schlinggedürr und der gelbe Sand des Grundes tauchten deutlich auf, denn alle blendenden Sonnenflitter waren zurück in den Himmel geflogen. Ein duftender Atem ähnlich einem betäubenden Balsamtuch legte sich um Hermines Erregung. Sie folgte dem Bogen des Ufers, bis die Stadt im Hintergrunde lag. Hier fühlte sie sich königlich frei. Die Wasserfläche war einem spiegelnden Tanzsaal gleich. Nebelhaft sah sie auf ihr alle häßlichen, ängstenden Gestalten umschlungen. Hier eine Schweizerschlacht! Hei, da könnte man hineinreiten und alles auseinandersprengen und Eimer voll Wasser über die Köpfe gießen und Schwerter schwingen! – Doch das war alles Trugbild.
Aber wer doch mitten in jener Fläche stehen könnte, still, nichts als den Himmel über sich und die Flut um sich, vielleicht einen Blumenstengel in der Hand. O, jene Mitte war vom Ufer so weit, daß sie wohl kein Steinwurf erreichte! Dort wäre man noch freier und könnte alles abstreifen, beinah müßte man auch die Kleider abwerfen, zu zeigen, wie frei man war!
Hermine schlenderte nach dem anderen Teil des Sees hinüber, der von diesem durch eine Einsattelung gesondert war. Er war kleiner und minder schön. Sie kehrte zurück.
Ein Knecht nahte fern mit einem Zuge schöner Pferde, um sie in die Schwemme zu reiten. Hermine ging ihm entgegen, ihr Herz klopfte.
„Wessen Pferde sind das?“ fragte sie.
Der Knecht gab die Auskunft.
„Schöne Tiere sind’s,“ sagte sie und ging neben den Pferden mit, worüber sie der Mann verwundert betrachtete. „Schmucke Tiere,“ wiederholte sie. „Tun sie nichts? – Dann kann man ja wohl näher kommen.“
Sie klopfte einem Fuchs, der stattlich und leicht tänzelnd seinen Kopf aufwarf, den Hals.
„Wo reiten Sie hin?“
„Da in den See.“
Ihr Herz klopfte höher. „Sie müssen mich mitnehmen,“ sagte sie beinahe flüsternd.
Er lachte laut und ritt, ihren Wunsch nicht mehr beachtend, weiter.
Sie aber faßte ihn bei einem Stiefel und hielt ihn wütend fest.
„Was schadet es?“ lallte sie. „Weil Ihre Schwestern nicht reiten?“
Er ritt schon langsamer, doch da er nicht sofort hielt, preßte sie sein Bein an ihre Brust und wurde fast mitgeschleift. Am Rande des Wassers angelangt, hielt der Knecht und bemühte sich, sie derb abzufertigen. Sie zog jedoch Schuhe und Strümpfe ab wie er selbst und stellte sich vor ihn hin, als er wieder aufsteigen wollte. Alles ging sehr schnell.
Der Knecht mußte schließlich auf den Fuchs und sie mitnehmen. Mit Prusten und Schnauben und Wiegen ging es in den See. Um den Rumpf der Tiere trübte sich die Flut wie von blonden und grauen Mähnen auf. Hermine drückte ihr Ohr stürmisch an den Hals des Fuchses, so daß der Knecht sie erschreckt ergriff, in der Meinung, sie fiele. Ein großes Wohlgefühl durchschwärmte sie, und ihr fehlte nur noch ein Prügel, mit dem sie auf das Wasser hätte einhauen können. Wie eine Amazonenfürstin kam sie sich vor, als eroberte sie ein herrliches fremdes Reich. Lachend, schwankend, blitzschnell, hier und da riß sie den Kleidsaum hoch empor, um ihn vor der Nässe zu beschützen.
Der Knecht wollte durchaus nicht tief in den See und kehrte nach zwanzig Schritten um.
Jenseits an der Stadtseite hoben einige Spaziergänger zeigend ihre Stöcke.
Hermine setzte sich wohl noch für Stunden ans Ufer, trällerte und sah sich bald die winzige Wassermühle, eigentlich eine Windmühle, an, die kleine Knaben in den See gesetzt hatten, und bald den großen Venusstern drüben.
Als sie vor der Haustür ankam, stand Dagott unter dem grünlichen Haupt der Laterne und fragte schüchtern:
„Hm, wo bist du denn heute gewesen?“
„Ich?!“
„Herr Winterlicht, dessen Sohn übrigens noch diese Nacht eintrifft, kam vor kurzem nach Hause und sagte im Vorübergehen: Ihre Tochter will wohl Soldat werden. – Ich staune, er lacht. – Ja, ja, sagt er und geht.“
„Gewiß, Vater,“ erwiderte Hermine scharf, „und zwar ein Reiteroberst möcht’ ich werden und ein Stück Land einnehmen zu dem Wasser, das ich heute erobert habe.“
Dagott sah sie demütig verzeihend an: da erzählte sie ihm in wenigen einfachen Worten den Ritt und lachte laut über das Gesicht, das Dagott dazu machte.
Er sagte ablenkend: „Von Edwin Maßholder ist eben ein Bote dagewesen und hat diesen Brief überbracht.“
Sie las ihn: „Entschuldigen Sie, daß wir nicht zum Feste gekommen sind. Mein Vater ist erkrankt. Mutter allein wollte nicht fahren, und ich mußte bei der Hand sein, wenn frisches Wasser aus unserer widerspenstigen Pumpe gebraucht wurde. Ich bitte also der Pumpe die Schuld an unserem zerstörten Beisammensein zu geben. Was macht meine liebe Spielgefährtin? Ich teile ihr mit, daß ich mich auf ein wohl ewiges Junggesellentum vorbereite, denn morgen gedenke ich Brot zu backen; es wird wahrscheinlich so hart werden, daß man es mit dem Hammer auseinanderschlagen müssen wird. Doch nehme ich auf mich, es zu verzehren, Ich bleibe nämlich noch so lange, bis Vater wieder aufsteht. Von uns dreien herzliche Grüße!“
Hermine kannte den Brief auswendig und träumte in der Nacht, ihn vor Hugo Winterlicht, der plötzlich eine blanke Königskrone auf hatte, als Schulkind hersagen zu müssen und vor seinem Wagen zu knixen. – Dann sah sie die mageren Pferde vom Abhang und die fetten vom See. Es wurden ihrer je sieben. Ägyptenland umgab sie plötzlich. Joseph war bei ihr und teilte ihr goldene Weizenkörner zu. Sie flogen in das Erdreich, hohe Ähren schossen auf, die Pferde stampften sie nieder, die Saat erhob sich wieder. Endlich hatte Hermine in jede Straße ihrer Stadt einen Leiterwagen mit Korn zu fahren, sie warf Herrn Uhrmacher Winterlicht, Herrn Pfeiffer und all den anderen würdigen Herren lachend und im Herzen guter Dinge recht dicke Garben an die Köpfe. Von einem gar zu herzhaften Schwunge, bei dem ihr unwohl und schwindlig wurde, erwachte sie.
Was sie in den letztvergangenen Tagen getan, war wie ein Ruf durch die Stadt gedrungen, und wohin sie jetzt den Fuß setzte, vernahm sie ein Echo. Es war ihr, als ob es lange verborgen geschlafen hätte und nur zufällig erweckt worden wäre. Es gewitterte in ihr, aber ein kindisch eitler Trost kauerte selbstgenügsam unter den Wolken, der, wenn er bis zum Wort gereift wäre, gelautet hätte: ich bin zu schade für euch und ich hoffe selig.
Von ihrem Zimmer her sah sie aus dem Fenster eines Hauses am Markt eine Spinne kriechen. Sie schloß die Lider, sah im Geiste viele schmutzigweiße Straßen vor sich, und aus allen Fenstern krochen Spinnen, Skorpione, Schildkröten und Schlangen.
Achtes Kapitel

Die Michaelisjagd rückte heran. Dieses Fest hatte Dagott zur vornehmsten Feierlichkeit seines Hauses erhoben, und niemand, der sonst etwa ausblieb, durfte sich an diesem Tage entschuldigen. Hugo Winterlicht und Edwin Maßholder waren eingeladen. Den ersteren hatte Hermine während seines ganzen Aufenthaltes in der Stadt nur gar so flüchtig gesehen, den anderen sprach sie überhaupt nicht. Vater Maßholder erhole sich, hieß es in einem Briefe. Edwin bleibe bis zur Jagd nur, um mit Dagott noch einmal recht fröhlich beisammen zu sein. Hugo reiste ebenfalls noch an demselben Nachmittag ab; auch er wartete angeblich nur, die Erinnerung an den Michaelisbesuch vor mehreren Jahren aufzufrischen. Seine Amtsgeschäfte waren schon einige Tage früher erledigt.
Hermine mutete dieses Zusammentreffen wie eine nahende Entscheidung an, und sie ersehnte den Tag bald mit allen Kräften, bald wünschte sie ihn fern. Sie schlug den Kalender auf, las lange darin und las doch nur Mi—cha—el. Sie schlug ihn zu und in ihr klang schwelgerisch: „Engel Mi—cha—el!“ Sie keuchte sogar oft, wenn sie vorwärtsschweifte, keuchte vor Niedergeschlagenheit und dann wieder vor Fülle der Erwartung.
Die Leute in der Stadt wurden ihr deshalb so gleichgiltig, daß sie nötigenfalls nur durch das „Blaue und Rote“ mit ihnen verkehrte. Mit dreifacher Liebe aber klammerte sie sich eben darum an ihre fernen Geliebten.
Diese Zwischenzeit verging ihr seltsam. Sie schlafwandelte gleichsam durch einen einzigen langen Tag, und die schwirrenden Gerüchte, selbst die vielen Wechsel zwischen Licht und Finsternis, wo die Himmelskugel bald die helle Hälfte mit der Sonne nach oben kehrte und bald die dunkle mit dem Mond und rollte und rollte, flatterten ihr vorüber, als säße sie auf einem Stuhle außerhalb der Welt und verfolgte eine Schaustellung. Ihre Stirnhaut schmerzte von der vielen Schlaflosigkeit. Sie zündete und löschte die Kerze neben ihrem Lager mehrmals in einer Nacht und wußte nicht weshalb. Und sie kaute an dem abgetropften Unschlitt der Lichter stundenlang.
Ruhige Gefühle der Liebe hatte sie höchstens für eine Stunde des Tages. Dann schaute sie sanftäugig und rechnete: „Welches sind die liebsten Menschen in der Welt? Hugo Winterlicht mag ich am meisten, am zweitliebsten ist mir Edwin Maßholder, doch will ich mich selbst auf die Schulter küssen, wenn nur er mich nimmt. Auch Bruno Pfeiffer liebe ich ein wenig. Armer Knabe, du tust mir weh, aber ich muß mich von dir wenden. Wollen mich die anderen nicht, dann werden wir beiden gute Freunde und vielleicht Mann und Frau. Aber ich bin für sie bestimmt. Und wer ist sonst noch übrig? Karp hat sehnsüchtige Augen. Ich kenne ihn nicht, aber ich darf freundlich mit ihm sein; der Mutter vertraue ich und Grelert achte ich. – Ja, zuerst kommt Hugo Winterlicht, zu zweit Edwin Maßholder, zu dritt Bruno Pfeiffer? – zu viert kommt Lehrer Karp, zu fünft? – zu fünft jetzt die Mutter, zu sechst Grelert.“ – So rechnete sie mit holder Kindlichkeit und mit einer Bestimmtheit, die nur das einfältige Herz besitzt, und wenn sie aus dem Chaos der taumelnden Furcht und Hoffnung, Fügsamkeit und Wildheit, Bangigkeit und Ungenügsamkeit einmal sanfte Augen aufhob, so gab sie sich den Erwägungen mit der Sonntagsstille nach einer vollbrachten Schöpfung hin. Sie setzte den beiden, Hugo und Edwin, Stühle zurecht, stellte sich davor, glitt mit der Hand am oberen Rande der Lehne entlang und dachte sich, sie betrachtete jeden einzelnen Finger an den Händen der beiden sorgfältig und eingehend.
Aber die meisten Stunden entbehrten dieser gegründeten Wohlgedanken. Sie lebte meist, als wäre der Spruch gefallen: denn morgen sind wir tot, und die Bestürzung darüber riefe die mannigfachsten Wirkungen hervor. Ihr Gang wurde langsamer und edler. Das Geringste tat sie wie zum letztenmal, den Mörser hob sie wie ein Opfergefäß und den Schlegel wie ein verlorenes Szepter. Nichts entbehrte der Feierlichkeit. – Manchmal wieder ging sie umher wie in wehmütigem Abschiednehmen. Die kleine Schwester Ruth mußte sich viele Küsse gefallen lassen. Ihre Stube mußte noch einmal geschmückt sein: alle Blumen wurden erneuert, und der Segen des Herbstes, soweit er Trauerfarben hervorbrachte, füllte strotzend den unteren Rand der Fenster. – Dann wieder brachen Resignation und dumpfe Gleichgiltigkeit hervor. Sie suchte sich Arbeiten, welche die größte Geduld erfordern, zarte Tücher, die nur die feinsten Nadeln und engsten Stiche vertragen. Sie spielte das Spiel Ungeduld auf künstliche Weise: Blumenblätter zerriß sie in kleine Teile und die Teile wieder und konnte nicht raffiniert genug werden, mit der Spitze der Fingernägel und der Schärfe der Zähne das fast Unteilbare zu zermalmen. Oder sie schweifte nach dem ganz Groben aus und rückte an den schweren Bettgestellen mehr als notwendig war. – Denn morgen sind wir tot! Aber auch ein Geizen und Lechzen stellte sich bisweilen ein. Beide Männer, Hugo und Edwin und noch dazu ?Bruno Pfeiffer begehrte sie manchmal leidenschaftlich zu gleicher Zeit. In den Mahlzeiten wurde sie unmäßig. Verheiratete Altersgenossinnen der Stadt beneidete sie bis zur Geilheit. Sie träumte schwül, ob jene beiden Männer sie wohl besitzen möchten. Und in solchen Übergängen herrschte sie die Mutter an, daß diese es sich verbitten mußte. Aber der Schlag ihres Herzens hieß: rette mich, rette mich!
Sie war manchmal wie ein Adler im Käfig, der von ein paar anderen freien sich hat zurufen hören: „Es gibt eine Alpe und morgen kommst du dahin,“ und der nun in blindem Hasse Käfig, das beste Futter und die lindeste fütternde Hand mit Krallenfüßen schlägt. Und manchmal war sie wie der reuige Verbrecher am Kreuze, der gehört hat: „Morgen wirst du mit mir im Paradiese sein.“
So kam der Vorabend zu Michaelis heran. Um die siebente Stunde rüstete sie allein in der Küche das Abendbrot. Bruno Pfeiffer sollte heute noch kommen, obwohl er auch für morgen zur Jagd geladen war. Weil er der Sohn des Bürgermeisters war, hätte der vaterstadtfreundliche Dagott es wohl am liebsten gesehen, daß sich Hermine mit ihm verband, und bat ihn daher nach seinem Plane vor anderen so oft herüber. Hermine wußte nicht, was sie beginnen würde, wenn er heut um sie anhielt. Freilich morgen war der Tag des großen Gewinns. Aber der Sturmwind und diese Dämmerung machten sie unglücklich.
Das Licht im Herde sauste. Ein gewaltsamer Aufruhr schäumte durch den dornumgebenen alten Garten hinauf und hinab und belebte auch die düsteren, verwachsenen Gänge im Hintergrunde mit seiner kalten Heftigkeit. Das zähe Holz ächzte mitunter wie in wehmütigem Erstaunen. An den Fenstern wirbelten die Blätter vorüber wie auswanderndes, kleines, wildes Getier in rotgelbem Wams.
Hermine wurde es zu Sinnen, als schnob der Wind durch ihre Kleider, ihren Leib und ihre Seele, als wollte er, was an ihr lebendig war, kühlen und auslöschen, – und sie hatte niemanden, an den sie sich schmiegen konnte.
Diesen Augenblick wußte sie nicht, ob sie nach Mann oder Weib verlangte. Sie sah plötzlich im Geiste eine Doppelgängerin aus der Tiefe des Gartens sich entgegenkommen, griff entsetzt mit ihren eckigen Händen in die Henkel eines Kochtopfes und ruckte ihn vom Feuer. Sie horchte in den Sturm. Niemand in der ganzen Stadt hat wohl so in die verstreuten Stimmen hineingebangt wie sie. Verwirrt hielt sie den Tiegel in Händen und starrte auf die Funken im Ruß. Einer nach dem anderen ließ sein Gold in die schwarze Rinde untergehen. Sie träumte mit dem Ohre: morgen.
Morgen war auch Elisabeths Sterbetag. Totengräber Grelert schaffte heute im Unwetter an ihrem Grabe. Hermine hatte es von ihrem Zimmer aus gesehen. Sie fühlte Erde auf ihren jungen Nacken und alle ihre weißen Glieder regnen. Darum begann die Sehnsucht nach einem Menschen, dem sie sich hingeben konnte, wiederum in ihr umzugehen in fatalen Kreisen, wie ein großer, kalter Mühlenstein.
Horch! Trommelte jemand aus den Wolken mit nackten Fäusten einen Wirbel auf die Erde? Seltsam rollte der Wind, zwischen den Häusern gefangen. Totengräber Grelert würde wohl sagen: „Heute wird ein grimmiger Musikus geboren.“
Doch der Sturm legte sich, und Hermines Seele ward müder mit dem Feuer im Herde. Zwar spürte sie sich von Kräften schwer, aber diese dehnten sich nicht so drückend und pressend nach allen Seiten, sie wollten nicht mehr durch die verschleiernde Nacht ins Morgen hinausschwärmen und -schnellen, vor dem das verhungernde Verlangen heute doch betäubt niedertaumeln mußte. Sie hatte Vertrauen zur Zukunft, sie war für sie gefeit …
Sie dachte: „Was kann mir Bruno Pfeiffer jetzt noch sein?“ Indessen als er kam, konnte sie ihn nicht anders als mit Liebe betrachten, – und er mußte nach ihr heißhungrig sein! Wie? Was hatte es zu bedeuten, daß die Eltern ihm öfter freundlich zunickten und Dagott heimlich vor ihr, doch hörbar sagte: „Ich würde mich sehr freuen, versuchen Sie nur, immer tapfer!“ Ihr war dabei eine heiße Welle über den Rücken gelaufen.
Sagte sie zu, ging ihr das Morgen unter. Zagende aber werden nicht gesegnet.
Nach dem Abendessen wurde ein Kartenspiel vorgeschlagen. Sie wünschte nicht teilzunehmen, – wollte aber von fern zusehen und die heute besonders angezogene Ruth verweilen.
Sie setzte sich mit dem Kinde ins unbeleuchtete Schlafzimmer und erzählte ihm ungemütlich Schnurren, während Dagott, Frau Katharina und Pfeiffer vor ihr in der großen Stube um den runden Tisch saßen, Bruno ihr gegenüber. Sie mußte ihn oft ansehen, fühlte sich immer wieder hingezogen und hörte Dagotts Worte nachklingen: „Versuchen Sie nur!“
Wie? Pfeiffer stand doch erst an dritter Stelle unter den Menschen, die ihr lieb waren, von den beiden anderen war ihr gewiß doch mindestens einer sicher.
Sie merkte, wie sich Brunos Blicke an den ihren mehr und mehr entzündeten, und so wollte sie morgen die anderen Geliebten unfehlbar zwingen!
Morgen! – Hätte sie denn Bruno wirklich zurückweisen können, wenn er um sie warb? – — Um der anderen willen, ja! O, käme er doch jetzt und hielte um sie an!
Die vorige Lust regte sich in ihr, aber alle Stimmen, die jubeln wollten, knebelte sie, damit es morgen in um so hellerem Lobgesang zusammenjauchzen – zusammenschrillen möchte: sie dachte es trotzig noch einmal: wenn sie Bruno doch heute abweisen dürfte! Und sie tat sich damit wiederum bitter weh … Sie sah ihn an wie einen lieben Hund, dem sie die Hand zu lecken geben wollte, um ihm dafür auf die Schnauze zu schlagen, damit sie seinen Schmerz selbst zu kosten Gelegenheit fände.
Wohlan! Sie mußte Bruno diesen Abend noch herlocken, wie um eine Probe ihrer Anziehungsfähigkeit zu machen. Sie berauschte sich in den entgegengesetztesten Gefühlen. Mit einem koketten Blick auf ihn umarmte sie Ruth wie eine Braut den Bräutigam. Mit Wollust sah sie, wie er in das vor ihm stehende Glas hineinerrötete. Seine heißen Augen schienen, während die Strahlen herniederfuhren, die Wangen anzuglühen. Ihre Grausamkeit brannte immer süßer. Sie redete ungereimt zu Ruth. Diese wollte bloß mehr hören, am liebsten, was Hermine in ihrem Alter für Streiche begangen. Hermine tischte lauter abenteuerliche Lügen auf, aber während sie vom singenden Füllen auf der Wiese fabulierte, spottete sie innerlich: „Es ist schon recht, bester Bruno, daß du im Kartenspiel so oft gewinnst. Wer weiß, ob dir verlockendere als die Kartendamen hold sind!“ Bruno ließ kaum die Augen von ihr.
Sie küßte schnell wiederum Ruth, diesmal mit einem unsicheren Blick auf ihn, aber er errötete zu ihrem Entzücken doch.
Weil Ruth sie schon um eine neue Geschichte anging und sie durch ihre Erfolge höhnisch gestimmt war, kam sie auf den Einfall, Bruno als Modell eines Elefanten zu gebrauchen, der in einer Jugendmär auftrat. Etwas Sentimentalität mengte sich hinein, denn sie entsann sich nebenbei des Nachmittags, an dem sie mit Edwin Maßholder ausländischen Komödianten nachgerannt war. Pfeiffer hatte einen massigen Schädel, ganz kleine Augen, eine platt angedrückte lange Nase, dicken Rumpf und fette Gliedmaßen, so daß er bei guter Weinlaune einem Elefanten mit zierlichem Rüssel wohl verglichen werden konnte. Hermine spann eine lange Fabel, und da sie geschminkt lachend auf Bruno blickte und einflocht, daß ihr Elefant auch Karten spielen könne und verliebt sei, so wußte Ruth gar wohl, auf wen sie zielte. Hermine fragte gar, aber ihre Stimme war zerrüttet: „Wenn nun ein Elefant käme und mich heiraten wollte, was würdest du dazu sagen?“ Ruth lachte herzlich. „Ich würde keinen nehmen,“ sagte sie. „Ich auch nicht,“ stimmte Hermine bei und winkte mit kränklich blitzenden Augen gegen Bruno.
Dieser erhob sich bald darauf und trat zaudernd auf die Schwelle des Schlafzimmers mit den Worten: „Störe ich? Hier wird eifrig erzählt.“
„Von Ihnen, Herr Elefant,“ erwiderte Ruth.
Pfeiffer, eiskalt berührt, begann schleunig mit Leichenbittergebärden: „Fräulein Hermine —“
Ruth fiel ihm ins Wort: „Einen Elefanten heiratet meine Schwester nicht,“ stieß mit den ausgebreiteten Händen gegen seine Schenkel und schob ihn stramm rückwärts.
Er sagte mit saurem Lächeln, kreidebleich, noch einige Allgemeinheiten und verabschiedete sich. Herr und Frau Dagott machten peinliche Gesichter.
Hermine stand mit bewölkter Stirn dabei. Wehe, was hatte sie begangen! Ihr wurde es jäh leid und sie prüfte sich brünstig, ob sie Bruno nicht mehr lieb habe als die anderen. Sie fühlte sich im Kreuz eidechsenhaft zerbrechlich. Ihre Hand zuckte empor, Ruth zu schlagen, aber die Kraft entwich sofort aus den Muskeln. Mutlosigkeit und Vertrauenslosigkeit hielten sie im Bann.
Bis zum späten Einschlafen folgte in ihr Furcht auf Furcht. Blutrünstige Bilder tauchten auf, Fratzen umtanzten sie, Dünste wollten sie ersticken, Schreie Sterbender erdrosseln. Sie trug selber Verlangen nach dem Tode und wollte bereit, abgerufen zu werden, beten, obschon sie Jahre lang nie gebetet hatte. Trotzdem, ihre Liebesleidenschaft war keineswegs untergegangen, denn grausam spielerische Unehrlichkeit war in ihr Todverlangen gemischt: sie sah flatternd wieder ihre Doppelgängerin, ließ sie an ihrem Lager knien und stammelte ihr ein geziertes Gebet zurecht: „Nicht länger laß mich auf der Erde wandeln, Herr. Warum ich so dich bitte, weiß ich nicht, doch fühle ich, es ist eine gerechte Bitte. Warum ist mir das Herz so voller Not, und diese Worte, warum schweben sie mit wermutbitterem Geschmacke von der dürren Lippe? – Jener Dolch ist das allerschönste Stück von denen um mich her, aber er ist kalt und seine Klinge ist zerbrochen. Brich mir das letzte Stück des Lebens ab. Daß es als dein Geschenk schön war, glaube ich, aber brich das letzte Stück ab, denn bisher war es ja hart und kalt wie jene Klinge. Darum brich es ab.“
Ein unentwirrbares Durcheinander von Gesichten umzirkte sie, aber im Hintergrunde stand immer nebelhaft ein großer, grauer Elefant, steif wie ein Götze.
Wie ihr der nächste Tag bis gegen Abend verfloß, das hätte sie kaum sagen können. Sehr frühe war sie aufgestanden und hatte jedes Kleidungsstück verkehrt angezogen. Es war auch noch nicht spät gewesen, als Dagott mit Hugo Winterlicht in ihr Zimmer gekommen war und gesagt hatte: „Ja, die Waffen müssen Sie sich ansehen. Das ist etwas für Sie.“ Ihr war nicht entfallen, daß er vor Jahren demselben Manne den Wunsch, die Sammlung zu besichtigen, verweigert hatte und daß er seit einigen Wochen öfter jüngere Besucher herauf führte, wenn sie selbst oben weilte, angeblich um die Waffen vorzuweisen. Trotz aller glückhaften Überraschung durch Hugo hatte sie Dagott angehalten und unvermittelt entgegnet, daß sie gestern Bruno Pfeiffer zurückgewiesen, als er sie zum Weibe wünschte. Dann war sie mit Hugo hinuntergegangen, die Jäger hatten gelärmt, sie war irgendwie dabei gewesen, in blutiger Wirrsal. Alle waren fortgegangen, sie übrig geblieben, und weder Hugo Winterlicht noch Edwin Maßholder hatte sie begehrt. Sie hatte bis jetzt gefastet und saß mit einem Herzen im Garten, das wie von unzähligen Blitzen zerschlissen war.
Hugo kam nicht mehr wieder; er wollte von der Jagd gleich nach Hause gehen und abfahren.
Edwin war glasspröde gewesen. Er fuhr morgen.
Hermine gab sich dennoch einer gewissen Ruhe hin, als wäre etwas Geahntes nun erfüllt. Sie war geduldig. Nur die lebhafte Ruth mochte sie nicht um sich leiden und sagte: „Du bist ungezogen, geh’ vor das Haus auf die Straße und spiele dort.“ Ruth verließ sie.
Der Himmel blaute über dem Garten ohne Glanz. Hermine war so traurig, daß sie meinte, die Sterne müßten auch jetzt am Tage scheinen. Der Garten war ausgeblüht. Die vorletzte Woche hatten noch zehn Astern, die letzte noch zwei geschimmert, nun stand nur eine einzige von blauer Farbe verlassen da. Wie eine Zwergenampel leuchtete der vielzinkige Stern dieser letzten zu Füßen eines alten Baumes, der sich vor ihr zurückneigte. Der gestrige Abend träumte in Hermine nach: an dem Stamm lehnte eine Mädchengestalt wie sie selbst in dünnem Schleierhemde und legte ihre Stirn an die Nacktheit der übereinandergeschobenen, zum Oval verbundenen Arme in hellem Schlafe.
Plötzlich bemerkte Hermine vier Männer auf dem fernen Rande der Höhen hinter dem Garten. Sie lösten sich eben vom Hintergrunde der Wälder ab und kamen den Grenzrain herunter, der auf die Hecke zulief. Hermine machte sich froh stutzend auf und verschwand im Hause.
Die vier, ausgestattet mit Rucksäcken und Flinten, einer hinter dem anderen schreitend und von fern anzuschauen wie Troubadoure, waren Bruno Pfeiffer, Edwin Maßholder, Hugo Winterlicht und Lehrer Karp. Sie hatten zusammen gepürscht, weil sie die jüngsten waren und ein säuerliches Gefühl der Zusammengehörigkeit sie beieinander hielt, hatten sich verspätet und auf dem nächsten Dorfe gemeinsam Mittag gegessen, wobei jeder auf des anderen Glück in der Liebe trank, obwohl er ihm insgeheim in dieser Beziehung durchaus nicht wohl wollte, denn alle vier liebten Hermine. – Jetzt schwiegen sie schon lange.
Ernst überschritten sie den Steg des Grabens, welcher früher wie ein Pfauenauge gestrahlt hatte und nun verschlammt dalag, als ein Abendvogel in der Linie ihrer Köpfe niedrig hergezogen kam und im Dagottschen Garten weiterkreiste.
Bruno Pfeiffer, der erste, hörte ihn surren, ließ aber den Kopf gesenkt. Er hatte gestern den anderen zuvorkommen wollen, und heute hoffte er schon nichts mehr. Er hatte morgens vor den Stadtmauern die Jäger erwartet, weil er Hermines Haus nicht betreten mochte.
Der zweite, Edwin Maßholder, warf dem Vogel nur einen kurzen Blick nach und ließ ihn dann vor den Füßen an der Erde entlang laufen. Er dachte sich: „Heute früh war sie häßlich wie eine Hure. Laß mich jetzt noch einmal nachsehen. Kam sie mir doch wonnesam vor, als sie uns neulich besuchte, und liebreich und rosig blaß wie jenes verstorbene Kind aus alter Zeit, das eine Truhe in Händen trägt mit Spitzenzeug, ihm als Braut bereit. Ich wollte das duftige Zeug entfalten … Ich kann nicht von ihr lassen“.
Hugo Winterlicht, der dritte, verfolgte den Vogel ein gutes Stück mit scharfem, sinnendem Auge und starrte dann schräg in die Höhe. Auch er liebte Hermine sehr und war morgens hereingetreten, um sie zu begehren. Aber er hatte es unterlassen müssen. Es war gewesen, als verlangte sie nach ihm und bebte doch, angerührt und in die Arme geschlossen zu werden. In Augenblicken steigerte sich das zu unverhülltem Zurückstoßen. Dann schien sie wieder gereizt. Sie machte steife Augen, hatte eine gelle Stimme, ihr Kopf fiel wie bei einem Schwindel zur Seite. Krank erschien sie. Ein Sichselbstsuchen und Sichbesinnenwollen klang aus ihren Worten, es war auch, als verberge sie einen salzigen Nachgeschmack auf der Zunge. Dann wieder wurde sie mild, als umwehten sie Palmenschatten einer Oase nach mondelanger Wüstenwanderung. Auch so erfreute er sich ihrer nicht, denn sie schoß kühne Blicke zu Edwin Maßholder. Einige Male betrachtete sie ihn selbst geradezu lüstern. Er gab den Blick nicht keusch wieder, und doch war sie schroff, als begänne unter der Halskrause der Stein. Er konnte nicht um sie werben, aber missen konnte er sie auch nicht und wollte sie in Briefen erforschen, sie, die er schon genau zu kennen geglaubt. Jetzt zweifelte er nur, ob er sich ihr vor der Abreise noch zeigen sollte. Zwar wozu?
Karp hatte dem Vogel am längsten nachgesehen, so lange, bis er in den Büschen verschwunden war, mit wehmuthellen Augen, jedoch ziemlich gedankenlos. Ihm schnürte sich die Kehle wie einem, der übergangen ist, wo viele ausgezeichnet wurden.
So kamen die vier vor das Dagottsche Haus, noch immer einer hinter den andern gereiht. Ruth warf ihr Spielzeug auf die Straße und lief ihnen entgegen. Zu Pfeiffer sagte sie: „Guten Tag, Herr Elefant,“ und ergänzte schnippisch: „Sie nehmen wohl übel, daß meine Schwester Sie Elefant genannt hat?“ Er versetzte ihr einen leichten Schlag gegen den Arm und sagte: „Pfui, du Unart solltest dich schämen.“ Nun zweifelte Hugo Winterlicht nicht mehr, sondern ging kopfschüttelnd neben Bruno Pfeiffer davon und wollte sein Heil auf den Briefen beruhen lassen.
Edwin Maßholder war eigens in die Stadt zurückgekommen, um Hermine zu sehen. So trat er ein. Karp folgte, doch er mochte dem Gespräche nicht zuhören in der Furcht, das Ungeheuerliche möchte nun vor sich gehen. Er hatte herausgefunden, daß er lange nichts gegolten hatte, daß die Blicke Hermines auf ihm kalt ruhten und die Verwirrung in ihnen sich lediglich auf die anderen bezog. Er schlich, sobald es anging, rückwärts an die Tür und hinaus in den Garten „zu den Abendvögelein“.
Aber das Ungeheuerliche geschah nicht.
Ruth kam hereingelaufen und berichtete, wie sie mit Bruno Pfeiffer verfahren und wie dieser sie geschlagen Da seufzte Hermine: „Hier darf man keinen Scherz machen“, war einen Augenblick schön, doch bald zerwühlten maßlose Aufregungen ihr Gesicht. Darum ging Edwin Maßholder sofort und wollte morgen nachmittag den endgiltigen Abschied nehmen. Seine Stimme klang durchaus geschäftlich.
Hermine hatte Gewißheit. Sie stapfte gleichgiltig in den Garten zurück. Sie erblickte Karp und ward erschüttert. Das eigenartige Gefühl durchrieselte sie, das uns ergreift, wenn eine Arbeit, die wir begonnen haben und von der wir scheiden mußten, fortwirkt. Es ist etwas Losgerissenes, das wir umschwärmen wie ein Insekt das Licht.
Hermine ging zwischen den sich fröstelnd entlaubenden Bäumen mit Karp langsam auf und ab. Sie erzählten einander Erlebnisse und wurden beide sehr freimütig. Gegenseitige Trauer schlug ähnliche Saiten an.
Hermine baute sich ein wenig auf, nur eine große Angst verließ sie nicht: in alle Äußerungen Karps horchte sie mit fragenden Ohren hinein.
Der Abend kam. Seine mäßige Kälte und der Verwesungsduft des Landes führten eine nachdenkliche Verschollenheit in den Bezirk der hohen Hecken.
Und die beiden schritten immer auf und ab …
Die Blätter schneiten unablässig, blieben manchmal am Gewand ein Weilchen kleben, vom Windhauch angedrückt, und sanken dann plötzlich nieder. Die Füße wanderten mitunter schon über eine zerrissene rote Decke. Überall stachen die Rippen des Laubes deutlich hervor.
Hermine suchte in Karp aus, was ihr verwandt sein könnte. Sie achtete auf den Tonfall seiner Worte wie aus die Richtung seiner Wünsche.
Der Boden der Gänge war hart. Die Sohlen klopften vernehmlich an. Hermine merkte, daß ihr Schritt ungleich dem Karps war. Sie ging langsamer, um mit Karp in denselben Takt zu kommen, aber auch er verlangsamte sich. Schließlich waren beide stehen geblieben. Sie glaubte sich entschuldigen zu müssen und sagte: „Horchen Sie! Liegt in der Luft nicht etwas wie leise Musik?“
Er erwiderte: „Nein.“
In der Tat meinte sie ein feines Tönen in ihr Ohr dringen zu hören.
Sie gingen weiter.
Die Seelen kamen einander näher, beide mochten nicht beplaudern, was sie wechselseitig so wenig anging. Sie suchten ein anderes Gespräch und fanden keins. In Abständen machten sie kurze Bemerkungen.
Hermine war es, als wollte immerzu irgendwo ein Morgen dämmern, aber sie war ja zu harmvoll, um ihn zu erleben.
Noch schien ihr der leise Klang in der Luft zu liegen. Noch achtete sie auf Karps Schritte, und wieder blieben beide allmählich stehen, diesmal an der Pforte der Hecke nach der Straße hinaus. Zwei Kastanienbäume waren dort.
Der Vollmond stand tief in einem spitzen Himmelszipfel zwischen einem schrägen Dach und dem Kirchturm.
„Wie er aussieht,“ sagte Hermine, um das Stillestehen zu entschuldigen. „Wie eine Apfelsine in der Tüte.“ Sie dachte, Karp werde sie über ihre aufgelesene Albernheit verlachen, indessen blieb er ernst. Sie war darüber froh und liebte ihn.
Sie redeten weiter. Hermine empfand jedes Wort süß, aber es war doch ein Reden wie durch Wasser.
„Möchten die Kastanien doch blühen,“ sagte Karp.
Hermine: „Ich saß in ihrer Blüte gern darunter, und vom rosigen Baldachine fiel Duft mir auf die Schulter, in den Schoß.“
„Wenn es durch den Baum schauert, fühlen Sie sich nicht heimatlos?“
„Ja, – in der halben Dunkelheit und im Herbst.“
„Wir gehen schon lange hier. Die Sonne ist gut zwei Stunden herunter.“
„Sie legte ihr Licht wie einen Teppich aus gelbem Sammt mit grünem Grunde auf die Dächer im Kreise. Nun ist er herabgeglitten.“
„Mir will weh werden, Fräulein Hermine.“
„Alle Straßen sind verlassen.“
„Ich bin ja auch eigentlich fremd hier. Sehen Sie, in allen Straßen zündet man die Lampen an und alle Zusammengehörigen sammeln sich um das Licht. Ich gehöre nicht um eine der Lampen.“
„Ich auch nicht.“
„Nun trifft unsern Kastanienbaum ein schmales Glänzen.“
„Der Blätterfall zieht durch den Schein.“
„Er ist linde.“
„Er geht zur Nacht.“
„Er tanzt kurz hindurch.“
„Es sind Rosentänze.“
„Rosentänze.“ –
„Herr Karp, Sie stehen auch zum Teil im Hellen. Ihr Herz sieht man im Lichte schlagen.“
Sie schwiegen darauf lange. Der Mond klomm höher. Er warf die Schatten der Sehlehen zurück, und Hermine sah auch ihren und Karps Schatten von den Dornen ergriffen.
„Es ist sehr still,“ begann Karp wieder mit bebender Stimme.
„Es liegt doch ein Klingen in der Luft,“ entgegnete Hermine.
„Jetzt höre ich es auch. Was wird es sein?“
„Kommt es nicht von rechts?“
„Ich glaube wohl.“
„Dann ist es Grelert. Er spielt seine Harmonika.“
„Er wird die Fenster geöffnet haben.“
„Das tut er gern. – Der vorrückende Abend klärt den Schall.“
„Ich höre beinahe die Melodie eines Volksliedes.“
„Kommen Sie, wir wollen zu ihm gehen. Ich war ihm gram und muß mich jetzt mit ihm versöhnen.“
„Ich komme.“
Sie gingen selbander.
Als sie an der Tür des Totengräbers klopften, rief dieser drinnen, wahrscheinlich schon ahnend, daß Hermine draußen war: „Achachachach!“
Sie traten ein und blieben stumm an der Tür stehen. Die Stube war dunkel.
Grelert stutzte, spielte schnell eine Kadenz und humpelte ihnen dann entgegen. Er betrachtete sie aufmerksam, schien sorgfältig in ihren Augen zu lesen und haspelte unter seinem breiten Grinsen mit glücklicher Stimme hervor: „Hier darf man zur Verlobung Glück wünschen.“
Hermine entdeckte einen herzlichen Zug in Grelerts Lächeln und konnte nicht glauben, daß er spottete. Jetzt endlich hatte sie den Grund dieses Lächelns gefunden.
Sie widersprach nicht, Karp blieb ebenfalls stumm. Sie fühlte neben ihm alle umflorten Ereignisse ihres Lebens sich mehr angehören. Es war ein schmerzender Reichtum, an den sie gemahnt wurde, aber es lag doch Fülle des Herzens darin. Sie griff eine der ausgestreckten Hände Grelerts und faßte zu gleicher Zeit Karps Rechte. Karp reichte dem Totengräber nun die Linke.
Hermine sagte zu Grelert nur: „Jetzt wollen wir wieder gut miteinander sein.“
Er streichelte sie.
Dann sagte sie zu Karp leise: „Komm.“
Im Hausflur umschlang sie ihn und küßte seinen Mund.
„Wir müssen es nun der Mutter erzählen,“ bestimmte sie ernst.
Karp schwieg mit seiner Hermine und drückte ihr nur die Hand, während sie dem Hause Dagotts zueilten.
Dort erregten sie zunächst Befremden, dann aber die herzlichste Freude. Dagott küßte, wen er erwischte, und fuhr in der Stube umher wie ein chassierendes Orhoftfaß.
„Töchterchen!“ schrie er. „Sofort muß ich dir etwas schenken. Kommt, Kinder, zum Uhrmacher Winterlicht. Dort suchen wir Ringe aus und etwas extra. Und wenn wir ihn aus dem Schlaf trompeten müssen.“
Kein Sträuben half. Nur Frau Katharina blieb zu Hause.
Dagott rief auf den Markte: „Herrrr Nachbar Winterlicht! Machen Sie Licht im Laden!“
Bald konnten sie eintreten.
Während das Paar schwieg, war Dagott noch immer außer sich. „Meine Tochter hat sich verlobt. Wir möchten Ringe. Und dann verkaufen Sie mir ein Geschenk für Hermine. Sie hat mich glücklich gemacht. Meine liebe Tochter!“ Er küßte sie täppisch.
Winterlicht streckte beide Hände und wünschte Glück, etwas versonnen. „Das ist selten,“ sagte er. „Gerade am Todestag Ihrer Freundin finden Sie den Lebensgefährten.“
„Woher wissen Sie das Datum so genau?“ fragte Hermine beklommen.
„Das ist schön,“ fuhr Winterlicht in sinnendem Tone fort. „Schade, daß mein Sohn in dieser Stunde nicht mehr zugegen ist. Er würde sich über den Zufall auch wundern.“ Verändert sagte er dann: „Woher ich es weiß? – Ja, das hat seine Bewandtnis“
„Nun schön,“ sagte Dagott, „aber jetzt muß ich meiner Tochter zuerst etwas schenken.“
„Das hat seine Bewandtnis,“ sagte Winterlicht, „Wenn Sie etwas schenken wollen, so kaufen Sie mir eine feine Damenuhr ab, die ich Ihnen sogleich suchen werde. – Sehen Sie, dieser Uhr wegen weiß ich das Datum so genau. Erschrecken Sie nur nicht, weil ein schwarzes Kreuz auf dem Rücken eingraviert ist. Daran ist ein trauriges Lied schuld.“
„Dort unten in der Mühle!“ fiel Dagott listig ein.
„Woher wissen Sie das?“ fragte Winterlicht betroffen.
„Ich habe Sie damals singen hören,“ gab Dagott pfiffig zurück.
Hermine sah unterdessen umher, und das Aufsehen kam ihr vor wie ein Wagnis, denn sie sank in immer tiefere Kümmernis. Das mangelhafte Licht im Laden streifte viele blanke Gegenstände. Hier tickte es schwer, dort hüpfte das Pendel einen leichten Polkatakt. Drüben schlug es. Draußen unter der Himmelsglocke schmachtete eine solche Stille und hier drinnen schien geräuschvoll das Leben bemessen zu werden. Für Hermine tropften aus den Rädern Schicksale, das ihre vielleicht aus denen, die der Uhrmacher eben auszog. Zwar kamen ihr solche Empfinden nur dumpf ein: sie hatte bloß Vorstellungen von Glänzen und Blinken und von der Beweglichkeit dieses Glänzens und Blinkens und dazu von dem, was Winterlicht erzählte.
„Kaufen Sie mir das Ding ab, Herr Dagott, zur Erinnerung,“ sagte der zuletzt.
Hermine bat wehmütig und Dagott kaufte ihr die Uhr.
Dann trennte man sich. Als Hermine sich entkleidet hatte, stand sie noch lange im Bette. Der Mond war höher gestiegen. Die Welt lag wie unter Glas.
Hermine stand und fror.
Plötzlich taumelte sie rückwärts gegen die Wand und verletzte sich an den gekreuzten Morgensternen den Rücken. Sie tastete die Stacheln mit den Fingern ab und legte sich. Nun schlief sie bald ein und träumte, alles, was sie berühre, verwandle sich in vielspitzige Morgensterne.
Neuntes Kapitel

Die Ringe waren noch nicht gewechselt worden. Auf Hermines Wunsch sollte das erst am nächsten Nachmittage geschehen. Sie dachte bei dieser Abmachung daran, daß Edwin Maßholder dann zum letzten Male zu kommen versprochen hatte. Sie wollte mit Dagott und Karp solange im Gespräche sitzen, bis er einträte und die Ringe auf dem Tische liegen sähe. Dann wollte sie die Verlobung rückgängig machen und hoffte – — Aber als die Stunde näher kam, saß sie wie auf glühendem Roste! Würde Edwin sie heiraten, wenn sie den Lehrer zurückwies, nachdem schon Bruno Pfeiffer von ihr fortgeschickt war? Sie liebte ja auch Karp, ihren inneren Verwandten! Das war er doch? Wozu alle Sorge! So begann sie und spann sich dann verzweifelt tiefer und tiefer in Düsternis. Ihr ganzes Leben faßte sich ringend zusammen. Wozu hatte sie gelebt? Sie duldete wahre Seelenkrämpfe.
Endlich konnte sie es nicht mehr ertragen und stürzte in die Küche, wo Frau Katharina einen Imbiß bereitete; sie warf weinend ihren Kopf an die Mutterbrust und küßte der Erstaunten beide Hände. Frau Katharina streichelte ihr das Haar. Hermine tat sich das erschreckende Bewußtsein einer ungeheuren, unbesiegbaren Feigheit vor dem Bekenntnis auf und sie rang im stillen mit der Mutter um Verständnis. Ihr Hirn war auch zu voll und zu unklar, als daß sie hätte reden und erklären können. Ihre Not mußte nach ihrem Schweigen gedeutet werden. Dennoch ermannte sie sich und versuchte noch heftiger weinend zu sprechen.
Aber sie bemerkte auch in den Augen der Mutter Tränen und sah an deren Mienen, daß sie mißverstanden wurde. „Also bekennen, bekennen,“ schrie es in ihr. „Allein bleiben kann ich nicht mehr,“ dies war das einzige, was aus ihren wirren Gedanken zu Wort ward, was allem anderen gewaltsam vorausdrang. Der feste Glaube an eine unfaßbare, unbarmherzige Notwendigkeit warf sie fast ohnmächtig zu Boden. Die Mutter trocknete ihr die Tränen und sagte: „Hab keine Furcht. Komm.“
Sie gehorchte ohne Einspruch und Weigerung, nur der Abend des Jubiläums kam ihr ins Gemüt. Und Frau Dagott ergriff drinnen die Ringe, sagte: „Kommt, meine Kinder,“ und das Gold wurde um die Finger gelegt.
Hermine war nun wie zerbrochen, aber doch unendlich getröstet.
Als Edwin Maßholder kam, ließ sie Karps Hand nicht frei und nahm kurzen Abschied.
Nun folgte ihr eine Zeit des Nähens. Sie schaffte am Brautstaat. Sie mußte sich wacker gegen das Kinderwort vom Brunnen wehren, und während sie es in der Erinnerung unterdrückte und die herumgelagerten Ereignisse aufbaute, bildete sie sich ein, nicht daran zu leiden. War es ihr nicht, wie wenn sie sich mit jedem Stich selbst in die Haut stäche? Der Faden zog sich wie die ununterbrochene, dünne Trauer über alle Ränder. All das weiße Zeug dünkte sie Trauergewand, in das sie ihre blutwarmen Glieder einsperren wollte. Sie wartete und wartete auf einen Besuch, der fragen würde, ob sie glücklich bei ihrer Arbeit wäre: dann sollten sie hören, wie es in ihr aussähe. Aber der Besuch, zu dem sie offen zu reden die Kraft gehabt hätte, blieb aus, nur Teilnehmer vom fünfhundertjährigen Stadtjubiläum kamen, und sie ergrimmte dann wohl so, daß sie sich mit der Nadel in den Finger stach, um einen Grund zum Fortgehen zu haben.
Der Mutter vertraute sie. Doch was sollte sie ihr eigentlich klagen? Auf Hugo und Edwin und Bruno glaubte sie schon fest verzichtet zu haben, jedesmal wenn sie ihr gegenüber den Mund auftun wollte. Sie machte gewiß nur eine Zeit des Unbehagens durch und ahnte doch ein heilloses Verschrumpfen, ein Greiswerden ihrer Seele.
Und die Mutter war so lind. Der war die eigene schwere Entscheidung vor der zweiten Heirat lebendig geworden. Sie nahm sich vor, einmal mehr zu reden als sonst und der Tochter über den offenbar unsicheren Zustand möglichst zu helfen wie einer ungeübten Schlittschuhläuferin über einen See. Sobald sie einen fragenden Gedanken in Hermines Blicken gelesen hatte, gab sie nach bestem Gewissen in kargen Silben eine Antwort.
Hermines Seele wurde allmählich heller wie ein Prunkzimmer, in dem jemand nach wüsten Tanznächten mit dem Staubwedel umgeht. Und doch! – und doch …
Am Nachmittage ihrer öffentlichen Verlobungsfeier brach sie mit dem Bräutigam zu einem Spaziergange auf, unbekümmert, nur daß es in ihr nagend schwelte und ab und zu einen irrtanzenden Funken sprühte.
Es war nebelig, die Luft qualmte bis zum Himmel.
Sie gingen in den Wald: er war leerer und weiter und verlassener als sonst. Alles war weiß, wie von Silber überzogen.
Die beiden schwiegen.
Der Wald wies tausend gespenstische Verschlingungen seiner Zweige auf, selbst die dünnsten waren haarig bereift, Knäuel von langen, raupenartigen Würmern schienen hier erstarrt. Die Farben waren erloschen bis auf schwarz und weiß, höchstens leuchtete aus den dunklen Tiefen des Waldes einmal von der Erde ein schorfig rotes Blatt. Weiterhin dehnte sich schwarzes Herbstlaub wie abgeworfene Drachenhaut – alles tot! Hermine wußte nicht, warum das sie so anzog und warum sie doch so sehr verlangte zu rufen: „Es werde Leben!“
Sie ging mit Karp zurück über die Wiese und hätte es gern gehabt, wenn er ihren Arm genommen oder ihr wenigstens die Hand gegeben hätte.
Er schritt, von den grauweißen Nebeln kalt, nur ruhig neben ihr her und fürchtete sich fast vor ihr. Sie hatte heute etwas Riesiges an sich. Er schirmte sich vor ihr durch kleinliche Ausmalung des künftigen Lebens, sah ein artig eingerichtetes Stübchen im Mittagslichte liegen, während Fliegen über den blauen Himmel in den Fensterscheiben wie große Kühe krochen, hörte seine Frau in der Nebenstube mit Linnen rauschen, stellte sich vor, wie er morgens nach der Schule gehen würde und draußen fiel duftiger Schnee … Er suchte mehr zusammenhängend zu denken. Weil ihm zu seiner Pein lange nichts einfiel, begann er seine Zukunftspläne mit dem Aufstehen und füllte die Zeit bis wieder an den Morgen mit Alltagsgeschäften aus; ebenso rückte er nach den Jahreszeiten vor.
Hermine deuchte es, als wären sie schon sehr weit gegangen. Zehn Schritte wurden ihr zehn Meilen.
Auf der Wiese leuchteten die Doldengewächse silbern bereift wie winzige Puppenkandelaber, nur waren diese silbernen Kronleuchter so still. Kein Fünkchen glimmte auf ihren vielen Ästen.
Hermine träumte, durch viele Säle zu schreiten, – es mußten doch sehr viele Gemächer sein, wo so viele Leuchter angebracht waren, nur pilgerte es sich so totleise auf ihren Teppichen. Ein possierliches Völkchen müßte da wohnen und lachen und weinen und spazieren gehen und tafeln: – so war es eine wüste Stätte.
Aber sie war ja ein so langes Menschenkind, daß wohl zwanzig Ellchen im Liliputanermaß an ihren Körper hätten gelegt werden müssen, um ihn auszumessen. Ja, ihre Nase würde bis an die Wetterfahne eines Kirchturms reichen und könnte das Wetter vorausschmecken, dem die Fahne sich zudrehte.
Weil diese Welt viel zu winzig war, kam es ihr wiederum so vor, als wäre sie schon weit weggegangen – bis an das Ende ihres Lebens und fände nicht die rechte Fröhlichkeit. Dann starb sie, wurde wieder ein Kind, begann von vorn, und zwar mit rechter Herzenslust, und sah die Kronleuchter wie ein Ding ihrer Spielstube an: da kam ihr eine Lösung des Druckes.
Vor Wonneweh einer unaussprechbaren Erkenntnis blühte sie und wünschte Weihnachtslichter, ganz kleine, an die Schafgarben, und Weihnachtsfreuden, die sie nichts angingen, in die Stätte. Sie paßte nicht hinein, für sie war sie nicht geschaffen. – Welcher haftende, böse Beisinn nur quälte sie so wund! Reichte doch Karp die Hand!
Schweigend, wie sie fortgegangen, kam sie mit Karp zu Hause an.
Die Nebel wurden dicker, der Abend sank sehr früh.
Viele Gäste fanden sich ein. Hermine mochte keinen. Nur einen hatte sie froh geladen, und der fehlte unter ihnen, denn er war schon gestorben: Grelert. Sie zürnte darum fast mit den übrigen. In ihr glitt eine unsägliche Sehnsucht hin und her. Allmählich nahm dieselbe an Gewalt zu und wollte ihr jedes andere Gefühl zerknittern.
Über die Treibhausblumen, die man ihr zahlreich gebracht, konnte sich die Blumenfreundin nicht freuen.
Sie sprach nicht, sie antworte knapp, wenn sie gefragt wurde.
Man ordnete sich zur Abendmahlzeit in der großen Stube.
Hermine trieb es hinaus, ehe sie sich setzte. Sie umschritt im Garten ein Rondell. O, zu der Dunkelheit dieser erstickende naßkalte Nebel im ganzen Tal bis in den Himmel hinein!
Durch das Schlafzimmer wollte sie zurück. Sie verweilte dort. Viele der Blumen hatte man in Vasen gesetzt und hierher getragen. Matte Dämmerung von nebenan webte herein. Drüben summte das Gespräch, hier war niemand. Man hatte geraucht, der Qualm verhüllte im Zimmer alles. Über den Treibhausblumen lag er wie ein lebendiger blauer Schleier.
Hermine ging zu den Fenstern und öffnete sie.
Nun begann sich der Rauch zu ziehen und wogte wie die Tiefe eines Meeres. Sie stand mitten darin und sann und bemerkte Fische und Drachen von seltsamer Form rings umher. Ha, auch draußen wogten die Nebel wie ein grausiges Meer.
Zum Unglück fielen ihr frühere schwere Tage ihres Lebens ein und zum Unglück entdeckte sie in manchen Umständen tieferen Sinn und Vorbedeutung. Welche Mär hatte sie Elisabeth doch zuletzt erzählt! Was hatte sie Hugo Winterlicht am Brunnen gesagt: die drei, mit denen sie spielend ein Hochzeitsmahl gehalten, mit ihnen durfte sie es jetzt nimmer tun, sie waren ihr auf immer verloren. Jetzt würde sie mit Karp das Mahl teilen, und Stöcke saßen um den Tisch.
Sie wäre darüber fast zusammengebrochen und hielt sich am Bettpfosten.
Bleich setzte sie sich an die Tafel, wo man ihrer schon wartete.
Als die Gläser zusammenklirrten, meinte sie betäubt und schwindelig, Silberglocken würden einen vergessenen Ton geben, aber das Kristall lachte so hell wie Geigenmusik.
Und als Dagott in einer Rede das junge Paar feierte, umso lauter feierte, weil keine Zeitung seine Namen verkünde, und betonte, daß durch das Band der Ehe zwei Bürger fester an die Stadt gebunden sein würden, weinte sie innerlich: „Sie allesamt wissen nicht, woran sie sind. Ich muß mich gut hüten. – Hugo – Edwin!“ —
Damit war ihr Leben zu Ende, obwohl sie erst nach einem Jahre still verschied. Zwar hatte sie schon am nächsten Morgen die Torheit ihrer Untergangsgedanken erkannt, aber das Weh, welches mit ihnen verbunden gewesen war, blieb ungemindert ihr in der Brust. Der Schmerz um Hugo und Edwin erstarrte und fraß aus all ihrem Erleben das Mark. Es war schlaff, und sie hatte davon eine Witterung. Sie hatte sich vorgenommen zu leben, bis die böse Glut verkohlt wäre, aber die Glut verkohlte nicht, sonst wäre sie nicht so früh dahingewelkt. Sie gebar bis zum Tode kein Kind und hoffte nicht, noch jemand zu lieben. Erzählte Karp, der doch nicht geliebte, jetzt vom möglichen Zusammenstoß eines Kometen mit der Erde, so fürchtete sie sich. Sie ist durch manche bunten Tage hindurchgegangen, aber nur wie durch leise Zimmer, in denen Kränze von kleinen Flittern aufgehängt sind und kleine wehende Lichter, anmutig gereiht, mit geringen Finsternissen und Dämmerungen spielen, wo jedoch die Menschen schlafen oder stumm sind: hinter keiner Tür ward ihr Auge geblendet, hinter keiner fand sie eine endliche Ewigkeit. Ihre Kräfte faßten sich nie mehr berauschend zusammen und segneten sie mit dunklem Segen. Die Stärke ihrer Seele bröckelte ab wie morsches Weidenholz. Zuletzt sah sie nur noch mit inniger Rührung aus ihrem leichenbleich umrahmten Fenster schräg über dem Kirchhof, wie die Spätsonne gezogen kam bis an die Pappel neben dem Grabe ihrer kleinen Freundin und oben zwischen den beiden Hauptästen glitzernd ruhte wie zwischen zwei flehend erhobenen zitternden Armen. Aber der Schein blendete sie. Als die Bewegung des Landes raschelnder und seine Farbe rot wurde, gedachte sie zweier Michaelistage ihres Lebens, und es senkte sich auf sie wie ein Alp. Sie schüttelte den Kopf und dachte sich: „Daß ich Keule oder Morgenstern führen könnte!“ Dann verschloß sie sich wochenlang mit einer Handarbeit; sie häkelte, ihren frierenden Körper zu schützen, einen Kragen, den sie vor Brüten trotz mehrfachen Aufdröselns völlig verdarb. Und sie fror weiter, bis der Frost in ein Fieber überschlug. Lange hörte sie leise Glocken gehen, lächelte, sah auf ihre Hände – weiß! tastete über ihre Glieder, die sich wohltuend anfühlten wie weißer Sammt, begann plötzlich zu zittern, als fürchte sich sich, richtete sich starr in die Höhe, als wolle sie fliehen, schrie auf und fiel, als wären alle ihre Glieder zerschlagen, tot in die Kissen zurück. So ging das Sonntagskind hin …
Ende
Über den Autor
Oskar Loerke (13.3.1884 – 24.2.1941) war ein deutscher Dichter des Expressionismus und des Magischen Realismus.
Der in Jungen (Westpreußen) geborene Oskar Loerke studierte ab 1903 in Berlin Geschichte, Germanistik, Philosophie und Musik. 1906 brach er das Studium ab, im gleichen Jahr lernte er seine spätere Lebensgefährtin Clara Westphal kennen. Zwischen 1908 und 1912 unternahm er lange Reisen in Deutschland und Frankreich. Seine Erlebnisse dokumentierte er in ausführlichen Reisetagebüchern. 1909 traf er erstmals Moritz Heimann, Lektor des S. Fischer Verlags.
Als Schriftsteller trat er zuerst mit der Erzählung Vineta (1907) hervor. 1911 erschien sein erster Gedichtband. Loerke wirkte mit seinen formstrengen, von intensiver Bildlichkeit, Musikalität und mythischen Zügen geprägten Gedichten wegbereitend für die Naturlyrik. Mit 29 Jahren erhielt er 1913 den Kleist-Preis (zusammen mit Hermann Essig). Das Preisgeld ermöglichte ihm weitere Reisen nach Italien und nach Algier.
1910 bis 1917 war Loerke Mitglied der Berliner „Donnerstags-Gesellschaft“, ein Sammelpunkt des künstlerisch-intellektuell fortschrittlichen Berlins, wo über Literatur, Musik und Malerei diskutiert wurde.
Seit 1917 war Loerke beim „S. Fischer Verlag“ als Lektor tätig und lernte hier die Autoren des Verlags, insbesondere Thomas Mann, kennen. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde Oskar Loerke ein begeisterter Anhänger von Max Herrmann-Neiße und Walter Rheiner.
Zwischen 1920 und 1928 erschienen im „Berliner Börsen-Courier“ zahlreiche Aufsätze und Rezensionen aus der Feder Loerkes. Zwischen 1929 und 1932 lieferte er auch Beiträge für die Literaturzeitschrift Die Kolonne, die der Naturlyrik gegenüber aufgeschlossen war.
Im Jahre 1926 wurde er Mitglied der Preußischen Akademie der Künste. Zwei Jahre später erhielt er dort eine besoldete Stellung als Sekretär der „Sektion für Dichtkunst“.
1926 hielt er eine Vortragsreihe über Formprobleme der Lyrik. In den Jahren von 1931 bis 1937 veranstaltete er Leseabende in dem Berliner Verlag Rabenpresse.
Seine Liebe zur Musik fand ihren Niederschlag in zwei Schriften zu Johann Sebastian Bach und 1938 zu Anton Bruckner.
1933 wurde Loerke, der den Nationalsozialismus ablehnte, aus der Preußischen Akademie der Künste ausgeschlossen. Nachdem er jedoch im Oktober 1933 das Gelöbnis treuester Gefolgschaft unterschrieben hatte, – nach dem Zeugnis seiner Freunde in der Absicht, seinen jüdischen Verleger Samuel Fischer zu schützen – wurde er wieder Mitglied in der „gesäuberten“ Deutschen Akademie der Dichtung, einer Unterabteilung der Preußischen Akademie der Künste. Loerke zog sich in sein Haus in Berlin-Frohnau zurück und blieb bis zu seinem Tod Cheflektor des S. Fischer Verlags, den er gegen immer neue Repressionen und Zensurmaßnahmen zu verteidigen versuchte. Seine in den 1930er Jahren erschienenen Gedichtbände Der Silberdistelwald (1934), Der Wald der Welt (1936) und Der Steinpfad (1938) begründeten seinen Ruf als Dichter der „Inneren Emigration“ und Vertreter der so genannten „naturmagischen Schule“.
Oskar Loerke starb 1941 in Berlin-Frohnau.
(Adaptiert von Wikipedia.)
Über dieses eBook
Der Text basiert auf dem Scan der Originalausgabe, Berlin: S. Fischer, 1907:
https://archive.org/details/bub_gb_zaZUAAAAYAAJ
Orthographie und Interpunktion wurden beibehalten.
Der Text ist gemeinfrei.
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