Kitabı oku: «Das Ministerium für Sprichwörter»
Otto Grünmandl
Das Ministerium für Sprichwörter
Werkausgabe Band 2
Romane
Herausgegeben von Maria Piok und Ulrike Tanzer
Mit einem Vorwort von Erich Klein
Inhaltsverzeichnis
Cover
Titel
Vorwort
Pizarrini
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
Podestas Erzählung
1
5. Kapitel
Podestas Erzählung
2
6. Kapitel
Podestas Erzählung
3
7. Kapitel
Podestas Erzählung
4
8. Kapitel
Podestas Erzählung
5
9. Kapitel
Podestas Erzählung
6
10. Kapitel
Podestas Erzählung
7
11. Kapitel
Podestas Erzählung
8
12. Kapitel
Podestas Erzählung
9
13. Kapitel
Podestas Erzählung
10
14. Kapitel
Podestas Erzählung
11
15. Kapitel
Podestas Erzählung
12
16. Kapitel
Podestas Erzählung
13
17. Kapitel
Podestas Erzählung
14
18. Kapitel
Podestas Erzählung
15
19. Kapitel
Podestas Erzählung
16
20. Kapitel
Podestas Erzählung
17
21. Kapitel
Podestas Erzählung
18
22. Kapitel
23. Kapitel
24. Kapitel
Das Ministerium für Sprichwörter
Vorwort
1. Kapitel
erste berufswünsche – was hänschen nicht lernt, lernt hans nimmermehr – eine bereits zu grabe getragene hoffnung erfüllt sich – der ägyptische graf – pünktlichkeit ist die höflichkeit der könige – seine exzellenz, der herr minister, ist soeben hinausgegangen.
2. Kapitel
ein Formular zittert wie Espenlaub – welt im kleinen – ein scheit allein brennt nicht, womit freilich ursprünglich ein ander ding gemeint war – das recht auf nahrung ist ein elementares – was heisst noigiler? – was ich nicht weiss, macht mich nicht heiss – tag und nacht sind zwei jahr’ – ich flitzte zum tor hinaus, ihm das verlangte zu holen.
3. Kapitel
die stiege der hilfsarchivare – wann ist ein geschenk ein geschenk – die historische hausforschungsabteilung – erste begegnung mit pichelbauer – wichtige punkte einer bedeutsamen physiognomie – seien sie still – tun zwei das gleiche – ich zeige ihnen die staubabteilung.
4. Kapitel
staub ist nicht gleich staub – keine angst, ich werde dir keine kriegsgeschichten erzählen – manchmal verschieben sich die dinge – das grosse einmaleins – der dreck schwimmt oben – gegensätze ziehen sich an – wann verstaubt eine sache – eine klare angelegenheit.
5. Kapitel
des Personalchefs unergründlicher schlaf – pichelbauers seltsames benehmen – gleichsam die grenze zur stille – spione, denunzianten, konfidenten – den seinen gibt’s der herr im schlaf – tauschgeschäfte, bildend wie kreuzworträtsel – noch einmal, tauschgeschäfte – vollgestopft mit weisheit – fäuste.
6. Kapitel
schlafen und wachen – ich werde in den konverterraum versetzt – begleitumstände – ein grausiger fund – dr. pellenschneider – ich versuche, mir ein bild zu machen – instruktion – ich habe angst und will schreien.
7. Kapitel
ein assyrischer doppelsarg – die Konvertibilität – aufzug nach unten – im weitwinkelobjektiv – wer anderen eine grube gräbt, fällt selbst hinein – imitatoren – ein unentbehrliches instrument – alles in allen ist alles in allen nicht alles in allen.
8. Kapitel
geschwätz – mauerfrass, waschwasser, kernseife – kaskaden von grün – man hört verschiedenes – wenn sie weiterkommen wollen, müssen sie sich zusammennehmen – konverterkrankheit – köter und köder – mit eines fremden mannes arsch ist gut durchs feuer fahren – danke.
9. Kapitel
wie es sein könnte – wir führten lange selbstgespräche – letzte grüsse – eine reiterstatue – ich blieb stehen – drei büglerinnen – eine clownsvisage – trommelwirbel im zirkus – ein zeichen meines einverständnisses – ein leiser, kaum hörbarer ton erschütterte die luft – endgültig und für immer.
10. Kapitel
wie du mir, so ich dir – ein fall von insubordination – daraufhin schaute mich pichelbauer verwundert an – ausserhalb der hierarchie – ich tastete mich weiter – ein kinderfaustgrosser schlüsselknauf – was wollen sie – ein misslungener versuch.
11. Kapitel
fritz jahn, hauptreferent der formalistischen kanzlei – partie i – partie ii – partie iii – partie iv – ein nachdenklich gewordener abonnent – ein genau ausgeklügeltes system – verschiedene geldgeber – möglichkeiten – aus den augen, aus dem sinn – ein leerer platz.
12. Kapitel
Schubladen – ärger mit dem portier – schwierigkeiten – existenz und existieren sind zweierlei – rossmistgasse 55 – wiederbegegnung mit fritz jahn – das meinte ich nicht – ich habe immer auf form gehalten – schwarze schattenstriche – wasser.
13. Kapitel
ich pfiff – ich verstummte – vormachen – der vater war diplomat, die mutter mathematikprofessorin – sie redeten und redeten – na, endlich – ich verlegte meine tätigkeit von der linken bartspitze auf die rechte – subaltern – aber ich wusste es besser.
14. Kapitel
die dicke anna – ein verwirrendes bild – stete werbung erhöht den umsatz – post nubila phoebus – die saeculorum revue – ein der unterhaltungsindustrie abgeworbener showmaster – genau – ohne punkt und ohne höhepunkt – weder spiegel noch metallbeschläge.
15. Kapitel
man – kein einfacher fall – Sicherheit gibt vergnügen – kundschaft, die einem ans leben will – man ist ein fall von tarnung.
16. Kapitel
symbolische figuren – ich musste mich wehren – eine wüste litanei – elektro-grosshandel – er war jedoch kein oberförster – felizitas – ein scheit allein brennt nicht – schweinigelbücheln – na na na naaa – isoliermaterial – ich hatte jetzt andere sorgen.
17. Kapitel
regie franÇaise tabakmayonnaise – egal ist ein feines sprichwort – ein indiz – aussenstellen – sekretierte exposituren – eine eigene tradition – stationen meiner wanderung – ein tückisches unglück – da kam mir eine idee – plagiatoren.
18. Kapitel
die Stimmung war prächtig und die unterhaltung grandios – terzette, quartette und quintette – eine irische gräfin – eine hawaiianische prinzessin – missbilligende blicke von links und rechts – ein chaotisches schauspiel – stille einsamkeit einer verlassenen waldklause – ägyptische finsternis.
19. Kapitel
eine alte, ausgegrabene ratte – die aufzeichnungen hatte ich verlegt – kreuz und quer verlaufende falten und runzeln – desolate verhältnisse – kleine, gestanzte blechplättchen – ab und zu ein falscher zungenschlag – erinnerung – sein zorn steckte mich an.
20. Kapitel
geimpft – schönfärberische Umschreibungen – die letzte karte – eine ehrende aufgabe – vollbusige damen in grosser abendrobe – vielleicht ein fall von gleichzeitigkeit – an kirchenschiffe gemahnende gewölbe – es läuft aus – eine hochgestellte persönlichkeit – den spund zu, sage ich, den spund zu – ein grotesk geformtes lot – aufgehört, ein fall von gleichzeitigkeit zu sein.
21. Kapitel
mir war, als häutete ich mich – Einbildung oder erinnerung – es bereitete sich vor – elsengfrettner – die grundmiete des erkerzimmers – cherchez la femme – blech gegen blech – immer den goldenen mittelweg gehen – weisser schaum – träume sind schäume – tätowierungen – der spiegel im spiegel vereint, was das leben trennt – eine handvoll mehl – geheim heisst geheim heisst …? – wie du mir, so ich dir.
„Es leuchtet die Ferne …“
Ein satirischer Reisebericht
1. Frau Hofrat bekommt einen Brief
2. Wer oder was ist ein Ekel
3. Wie nebenbei ein Seitenhieb auf Resi
4. Warum werden Briefe geschrieben
5. Liebe Tante Frieda,
6. Besitzwechsel
7. Aus Singapur wird eine Bestellung von 10 Paar Krainer Würsteln aufgegeben
8. Erinnerung stört die bestehende Ordnung
9. Schnapsen und 27 000 Feet, darunter der Indische Ozean
10. Ein glücklicher Mensch
11. Sorgen um Tante Frieda
12. Steckbriefe und der Mann auf der Straße
13. Wo sind die Koffer?
14. Antipoden und Antipodex
Anmerkungen zur Edition
Anmerkungen
Otto Grünmandl
Zum Autor
Impressum
Weitere E-Books aus dem Haymon Verlag
Vorwort
„Die Literatur kann hier noch das leisten, was man ihr anderswo schon abgesprochen hat.“
Alfred Kolleritsch, manuskripte 29/39, 1970
Kabarettist, Humorist, Absurdist oder einfach ein Tiroler Original – wie unzulänglich derartige Zuschreibungen im Fall von Otto Grünmandl sind, brachte dieser selbst mit seiner legendärsten Erfindung am besten zum Ausdruck. Einmannstammtisch – das bedeutet wohl, dass sich Grünmandl zwischen allen Genres eingerichtet hatte. Dass es sich beim großen Solitär aus Hall, der seit geraumer Zeit als Autor nur noch einem kleinen Kreis von Verehrern bekannt war, darüber hinaus um einen der originellsten und bedeutendsten österreichischen Schriftsteller der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts handelt, wurde erst jüngst mit dem ersten einer auf mehrere Bände angelegten Werkausgabe in Erinnerung gerufen. Vom Rätsel oder einem Fall Grünmandl zu sprechen, scheint in diesem Zusammenhang nicht übertrieben zu sein, jedenfalls solange es keine Biographie des Kabarettisten und Autors gibt. Und selbst dann werden vermutlich weniger einfache Antworten als zahlreiche Fragen zu dessen Werk zu stellen sein: Waren Grünmandls Gedichte aus den Fünfzigerjahren zu sehr Avantgarde, noch nicht oder nicht mehr Lyrik, wie man sie bislang kannte? Bewegte sich sein fulminantes Romandebüt Ein Gefangener aus 1956 noch allzu nahe am Schrecken des Dritten Reiches, um als österreichische Spielart der Trümmerliteratur eine adäquate Rezeption bei Publikum und in der Literaturgeschichte zu erfahren? Oder wurde der Schriftsteller Grünmandl, der als Zwangsarbeiter den Terror des Dritten Reiches am eigenen Leib erfahren hatte und sich schreibend wie wenige an die Maxime „Keine neue Welt ohne neue Sprache“ hielt, schlicht ob der geografischen Distanz zu Wiens literarischen Netzwerken ignoriert? War der Autor, der weder ästhetisch noch kulturpolitisch in die Schubladen der Nachkriegszeit passte, zuerst zu wenig rechts und später zu wenig links? Als Meister des Understatements kam Otto Grünmandl jedenfalls immer ohne pompöse Formeln aus – ein knappes Selbstporträt (aus den Siebzigerjahren) geriet in Bezug auf den Einbruch der Nazi-Barbarei in die Idylle der Vorkriegszeit, die ohnehin keine mehr gewesen war, höchst lakonisch: „Inzwischen schrieb man 1938. Es war ein böses Jahr, und die Jahre, die ihm folgten, waren noch schlimmer. Am Beispiel meines Vaters lernte ich in dieser Zeit die Würde eines geächteten Mannes kennen und an dem meiner Mutter die Tapferkeit einer ängstlichen Frau. Nach dem Krieg wurde ich Kaufmann. Ich heiratete. Ich wurde Vater.“ Dass er selbst Opfer der Nazis geworden war, blieb dabei ebenso unerwähnt, wie der Mitte der Fünfzigerjahre entstandene und 2008 posthum erschienene Roman Pizarrini, der auch den Auftakt des nunmehr vorliegenden zweiten Bandes der Werkausgabe darstellt. Mit den jeweils im Abstand von fünfzehn Jahren entstandenen Büchern Das Ministerium für Sprichwörter (1970) und Es leuchtete die Ferne … (1985) reihte sich der Tiroler Kafka-Nachfahre in den Strom jener europäischer literarischer Moderne ein, für die heute Namen wie Daniil Charms, Samuel Beckett oder Raymond Queneau stehen.
Auf die Entscheidung seines Verlegers, den schon in Druckfahnen vorhandenen zweiten Roman Pizarrini (damals noch unter dem Titel Buchhalter) nicht zu drucken, reagierte der knapp über Dreißigjährige Grünmandl sarkastisch: „Der Buchhalter wurde nun doch abgelehnt, was mich weiter nicht wundert, das Gegenteil hätte bzw. hat mich mehr gewundert.“ Pizarrini ist ein Kraftakt an literarischer Verwegenheit, voll überschießender Einfälle und Wortspiele – dessen eigentliche Aufgabe bestand für Grünmandl (wie er später sagte) in der „Objektivierung der eigenen Biografie im Schreiben“. Wie sehr ihm das mit der Figur des bleichen, fetten jungen Manns namens Pizarrini gelang, der in der Eröffnung durch ein überfülltes Textilgeschäft huscht, sogleich hinter einem Vorhang verschwindet, den merkwürdigen Laut „Bäh“ von sich gibt und wie jeden Tag Punkt zehn Uhr vormittags in eine Käsesemmel beißt, ist dabei nicht von entscheidender Bedeutung. Wichtiger ist das tobende Chaos, das Grünmandl um seinen „Buchhalter aus Überzeugung“, einen Kommis aus der großen Familie grotesker kleiner Figuren von Gogol über Melville bis zu Robert Walser arrangiert. Der Sidestep ins lokale Bordell schlägt zwar fehl, Pizarrinis anschließendes Abendessen mit dem ominösen Direktor der „Interkontinentalen Speisewagen AG“ und Assistenten entwickelt sich aber zur umso opulenteren Apokalypse des Zeitgeistes. Vermutlich wurden in keinem zweiten Buch derart viel Wirtschaft und Werbung, technische Utopien, Scharlatanerien sowie Politik der Fünfzigerjahre auf derart minimalem Raum literarisch zerredet wie in Pizarrini. Grünmandl schuf mit besagter „Interkontinentaler Speisewagen AG“ nicht nur den Prototyp jener skurrilen Institutionen, die in den späteren Alpenländischen Interviews maßgeblich zu seinem Erfolg beitrugen; zur Kenntlichkeit wird auch die Technikgläubigkeit jener Jahre entstellt, wenn die Experten des Stammtisches von einem „Homorobot“ und dessen universeller Verwendbarkeit bei Militär, Wirtschaft und als „Sexrobot“ in Vergnügungs- und Lustindustrie schwadronieren. Damit könne endlich die Verwirklichung der wahren Freiheit des Individuums erfolgen. Selbstredend fällt auch ein Seitenhieb auf das Sittenleben im Heilige Land Tirol ab: „Keine Religion der Erde, dies war sein Hauptargument, kennen den Begriff eines sündhaften Umganges mit Maschinen.“ Wenn unter Begleitung entsprechender Mengen an Schnaps die ganz großen Dinge des Lebens und der Weltlage zwischen Ost und West abgehandelt werden, darf bei Grünmandl natürlich auch die Kunst nicht ungeschoren davonkommen. Der Erzähler nähert sich der Frage – es geht noch immer um die Finanzprobleme besagter „Interkontinentaler Speisewagen AG“ – auf kulinarischem Wege und geradezu hinterfotzige Weise: „Nicht nur in der Malerei, auch in der Kochkunst haben wir die Mitte verloren.“ Die Formulierung war kein Zufall und bezog sich unmissverständlich auf Hans Sedlmayrs Buch Verlust der Mitte, eine in jenen Jahren äußerst populäre, vielfach diskutierte und höchst konservative kunsttheoretische Schrift, die in aller modernen Kunst den Untergang des Abendlandes witterte. „Oh Abendland, seufzte er vor sich hin, was für Menschen dirigieren diese Speisewagen“, wird es dann heißen, wenn die Erzählung samt Erzähler und einer „Neunerpackung Katzen“, deren Bedeutung an dieser Stelle nicht verraten sei, in den Abgrund stürzt. Dass sich die fragile, stellenweise fragmentierte Erzählung am Ende als Schwindel und Traum herausstellt, sollte die heutige Leserin jedenfalls nicht daran hindern, Pizarrini als ein Grundbuch der österreichischen Nachkriegsliteratur zu verstehen, für das Verständnis jener Zeit ebenso wichtig wie Ingeborg Bachmanns Unter Mördern und Irren.
Als sich Otto Grünmandl fünfzehn Jahre später um das Jahr 1970 endgültig entschieden hatte, Schriftsteller zu sein, trat er einen Posten beim ORF an – die Bezeichnung der von ihm geleiteten Abteilung klang, als hätte er sie selbst erfunden: Unterhaltung Wort. Grünmandl widmete sich vorwiegend dem damals noch äußerst populären Genre des Hörspiels und verfasste mit Das Ministerium für Sprichwörter, das im renommierten S. Fischer Verlag in prominenter Umgebung erschien, einen maximal modernen Roman, der zugleich ein wenig barock wirkte. Die These sei gewagt: Otto Grünmandl war immer ein Autor, dem es gleichermaßen um modernes reflektiertes Erzählen wie um das Publikum ging, das er keinen Moment aus dem Blick verlor; hermetische Avantgarde-Gesten waren ihm fremd, so kryptisch sich der Meister des Bühnenwortes in seinen Texten auch geben mochte. Am Anfang von Das Ministerium für Sprichwörter wird der Leser noch in die sinistren Vorgänge dieses Roman-Gebäudes eingeweiht: Der Ich-Erzähler, der schon als Kind davon träumte, Kellermeister zu werden, sei instruiert, den Umstand seiner Anstellung wie seinen Namen geheim zu halten; andeutungsweise ist auch die Rede davon, dass er, der frühere Angestellte der Firma Elektro-Graf, nur über Protektion (und gegen den Widerstand seines Vaters) zum vierundvierzigsten Hilfsarchivar jener Institution wurde, deren eigentliche Tätigkeit im weiteren Verlauf im Dunklen bleibt. Seiner Bedeutsamkeit entsprechend ist das „Geheime Ministerium“ in einem verkommenen Palais untergebracht, das ein gewisser Graf Xandl zur Verfügung stellte, dessen größte, quasi programmatische Entdeckung in Erforschung und Darstellung der ägyptischen Finsternis bestand. Über die entsprechende biblische Plage heißt es im Alten Testament: „Mose streckte seine Hand zum Himmel aus und schon breitete sich tiefe Finsternis über das ganze Land Ägypten aus, drei Tage lang. Man konnte einander nicht sehen und sich nicht von der Stelle rühren, drei Tage lang. Wo aber die Israeliten wohnten, blieb es hell.“ Die von Graf Xandls Hand stammende Version der ägyptischen Finsternis, die im Eingangsbereich des Geheimen Ministeriums hängt, ist ein Stück schwarze Leinwand umgeben von einem schweren, prunkvollen Goldrahmen. Wer dabei an die geschwärzte Seite in Lawrence Sternes Tristram Shandy oder das berühmte Schwarze Quadrat von Kazimir Malewitsch denkt, hat den Hinweis auf den Ursprung aller Kunst im reinen Spiel der Abstraktion, von Abschweifung und purer Blödelei richtig verstanden! Es handelt sich um ein zentrales Prinzip der Moderne, das auch für Otto Grünmandl ausreichend Gültigkeit besaß, um es zitierend zu parodieren. Die Figuren des Romans – vom allmächtigen Portier über diverse Mitarbeiter wie Doktor Pellenschneider, seines Zeichens Erfinder der Konvertiermaschine für Sprichwörter, bis zum Minister, der in einem Turnsaal residiert, verfügen allesamt über ein Höchstmaß an groteskem Kolorit, das in eklatantem Widerspruch zur Obskurität ihrer Tätigkeiten steht. Wird in diesem Geheimen Ministerium vielleicht gar nichts getan, wie der Volksmund gerne behauptet? Weit gefehlt! Erste Lektion für jeden regelrecht zu initiierenden Mitarbeiter ist die Erkenntnis, dass Staub nicht bloß Staub ist, sondern jenes ideelle Gut darstellt, das die Existenz aller Gegenstände erst beweist. Eine weitere hausinterne Instruktion lautet: „Wenn ich schlafe, wache ich, wenn ich wache, schlafe ich.“ Grünmandl führt über erzählerische Sackgassen und ironische Irrwege in ein Universum, das sich – horribile dictu – allmählich der Unendlichkeit annähert. Anders sind die „Grabkammer der Sprichwörter“, die so genannte „chinesische Kammer“, in der die „Herstellung der Prädestination durch postdestinative Fixation“ erfolgt, oder die „Geheime Kanzlei“, von der man überhaupt nichts weiß, gar nicht zu verstehen. Dabei wird ein metaphysisches Strohfeuer aus Wörtern entfacht, dem zwar der erzählerische Ernst jener Bibliothek von Babel fehlt, die einst Jorge Luis Borges beschrieb, dem zu entkommen aber längst unmöglich ist. Sprachverlust und Stammeln, das auch auf den Erzähler übergeht, stehen am Ende: „Ein leeres Aufzählen zeitzerfressener Relikte – heute tot und morgen rot war nicht immer schon grünes Licht schwarzer Mohn und einmal ist keinmal und keinmal ist einmal – Reimgeklimper, verstümmelte Sätze, sinnloses Aneinanderreihen von Silben und Buchstaben.“ Grünmandl legt die Grenze der Sprache, die üblicherweise als Grenze der Welt verstanden wird, massiver und handgreiflicher fest: die Menschheit – „Von Sprichwörtern Eingemauerte.“ Wie in Pizarrini erfolgt auch in Das Ministerium für Sprichwörter der Showdown als Explosion. Otto Grünmandl wäre nicht der erste Satiriker, der im Umgang mit der Widersetzlichkeit der Welt zu einem einschlägigen Gegenmittel greift – Destruktivität. Und das Chaos sei willkommen, denn die Ordnung hat versagt, soll schon Karl Kraus gesagt haben.
Eine durchtriebene Form des reflexiven Schreibens als Grundbestand der Moderne zelebriert Grünmandl auch in seinem scheinbar leichtesten und heitersten Buch Es leuchtet die Ferne … (1985). Mag bei Gebildeten unter den Lesern jegliche Gleichsetzung von Autor und Erzählung tabu, ja, geradezu verpönt sein und als Ausdruck von Banausentum gelten – wie alle früheren Protagonisten erinnert auch der Kaufmann Franz Krambacher, Verfasser des satirischen Reiseberichts (so der Untertitel des Buches), an Grünmandl selbst. Genauer gesagt – der Erzähler spielt unter Pseudonym das Spiegelbild des Kabarettisten „Grünmandl“. Krambacher geht nach langgehegtem und immer wieder aufgeschobenem Plan mit Fridolin, Großneffe der Hofratswitwe Frieda und zugleich Patenkind von deren Ehemann Enoch Achter, auf Reisen nach Südostasien. Schon im oberen Inntal bei Landeck fühlt er sich bemüßigt, besagter Witwe und Erbtante, die überdies Kennerin antiker Möbel ist, brieflich Bericht darüber zu erstatten, wie es in der Welt so aussieht. Im Anblick der Landschaft wird über die Doppelbedeutung des Wortes „Ekel“ bramarbasiert, der Bericht über Verwandtschaftsverhältnisse und Familienverhältnisse der beiden Reisenden verdichtet sich zu doderesker Unüberschaubarkeit; ein Schützenverein bekommt sein Fett ab, ein Fußballclub wird gelobt und unverhofft setzt eine Tirade gegen den Wiener Opernball ein: Erholt vom Schock zweier Weltkriege habe sich dieser als „beschwingter Staub aus verkohlten Trümmern“ zu einem „von Protzentum und äffischem Zeremoniell heiter durchwirkten Champagnerzeltfest der mitteleuropäischen Hochbonzokratie“ erhoben. Bösem Scherz und Satire folgt sogleich noch tiefere Bedeutung derart abrupter Zeitsprünge auf dem Fuß: Krambacher, der frühe Globalisierungstourist, bleibt auf seinem Weg nach Singapur und Hongkong mit seinen Betrachtungen zum Aussehen arabischer Ziffern, der Verkostung von Krokodilfleisch und der Erinnerung an Krainerwürste sowie familiäre Intrigen seiner Heimat nicht nur brieflich verbunden. Mit zunehmender Entfernung verstrickt er sich immer tiefer in seine Familiengeschichte – Enoch Achter war seinerzeit nach Dachau verbracht worden. Der Schrecken der Erinnerung ist plötzlich so neu, als wäre es gestern gewesen. Die Vergangenheit, die nicht vergehen will, taucht in allen Romanen Otto Grünmandls vielfach rudimentär und mehr oder weniger verschlüsselt auf – hier wird der düstere Schatten der Nazizeit schließlich mit den Mitteln der Tragikomödie, wie es einst von Charly Chaplin im Großen Diktator oder in Jakobowsky und der Oberst vorgeführt wurde, gebannt. In siebenundzwanzigtausend Fuß über dem Indischen Ozean wird nicht nur geschnapst (inklusive Anmerkung für bundesdeutsche Leser: „*Schnapsen oder 66: in Österreich beliebtes Kartenspiel“), der Erzähler findet auch zur ultimativen Formulierung über Österreichs „Anschluss“ an das Dritte Reich im Jahre 1938, das für den jungen Otto Grünmandl so schicksalhaft gewesen war: „Das Land feierte seinen Untergang.“ Im Hintergrund jedes Karnevals aber lauern Mord und Totschlag. In stratosphärischer Leichtigkeit und mithilfe von sechs Brandys schließt sich zuletzt der Kreis von Leben und Werk zu einem „sensationellen Tatbestand“ des ganzen Lebens: „Ich war doch jetzt eben auf dem Klo gewesen, 27000 feet über dem Indischen Ozean. Hätte ich mir das jemals träumen lassen, als ich damals im Geographieunterricht zum erstenmal von der Existenz des Indischen Ozeans erfuhr?“ Heimkehr ist unvermeidlich, doch löst sich diese wie der satirische Reisebericht unter dem Brummen des Jumbo-Jets in einen Reigen von Kindheitserinnerungen durch Zeiten und Räume auf. Der melancholische trunkene Erzähler schaut als selbstbewusster Autor in die Kamera und beginnt sein Spiel als Einmannkabarettist. Als Schriftsteller kann Otto Grünmandl jetzt endlich wiederentdeckt werden!
Erich Klein
Pizarrini
1. Kapitel
Manchmal, wenn das Geschäft ganz voll war und die Frauen sich an den langen Ladentisch drängten, die Frauen mit den großen, schweren, von Brot und Gemüse überquellenden Einkaufstaschen, und manche mit ihren leeren Netzen und manche nur mit einem kleinen, ledernen Handtäschchen, ein, zwei mit knallroten Lippen, schwarzumrandeten Fingernägeln, frechen Stimmen, und andere schwer und geduldig, und die meisten gehetzt und getrieben zu schnellem Tun, und alle sich an den Ladentisch drängten, an das lange, hellbraune, hölzerne Pult, einen Verkäufer zu kapern, einen Kommis, der sie bedient, der ihnen forthilft, der sie anhört, der ihnen die Ware gibt für ihr Geld. Bunte Ware für ihr graues Geld. Und das lange, hellbraune, hölzerne Pult vollgehäuft war: da mit bunten Schürzendrucken, blauen, roten, dort mit braunen, schwarzen, grauen Wollstoffen und Wäsche, drei, vier Schachteln Unterhosen übereinandergestellt, und einer zeigt Strümpfe, feine, seidene, durchsichtige Strümpfe, und fährt mit gespreizten Fingern durch vollfassonnierte Waden.
Und alle ihre Gesichter zu den Verkäufern auf der anderen Seite des Pults recken, ihre roten, blassen, abgehärmten, frischen, gleichgültigen, zweifelnden, vertrauensvollen Gesichter, und manche riechen angenehm, und andere wieder stinken vom Mund. Und die Stimmen der Verkäufer – eindringlich, beschwörend, kalt, leichthin oder auch nur mit stummen beredten Händen die Waren anpreisend – sich mit den ihren vermischen, und die Luft in dem langen, schmalen Schlauch von einem Geschäft voll und verbraucht war von Reden, Husten, Kichern, Schnaufen, Schreien, Feilschen, Lachen, bösem Gezänk oder gutmütigem Geplänkel.
Manchmal passierte es dann, daß inmitten dieses Gedränges, inmitten dieses Wirrwarrs ausgestreckter, gebender und begehrender Hände, die Tür aufging und ein bleicher, fetter, junger Mann hereinkam, flüchtig-verlegen nach allen Seiten grüßte und mit großen Schritten auf den fahlroten, verwaschenen Samtvorhang zustrebte, der den Laden nach hinten abschloß, ihn zur Seite schlug und dahinter verschwand. Dies ging jedoch immer so schnell vor sich, daß es niemals mehr als nur zwei oder drei Kunden bemerkten. Das allerdings waren dann meistens solche, die noch nicht bedient wurden. Wenn diese dann fragenden Blicks die Verkäufer anschauten oder den an der Kasse thronenden Chef, fragend, warum da ein offensichtlich zum Geschäft Gehöriger – das konnte man leicht an der ganzen Art seines Auftretens feststellen –, warum da also ein solcher eben an ihnen vorbeigegangen war, ohne sie nach ihren Wünschen zu fragen, worauf sie als Kunden wohl rechtens Anspruch hatten, dann wurde ihr Frageblick stereotyp mit dem knappen Satz beantwortet: „Herr Pizarrini macht die Buchhaltung.“
Pizarrini, der bleiche, fette, junge Mann, war immer schon hinter dem Vorhang verschwunden, wenn der Chef oder einer der Verkäufer den aufsteigenden Unwillen der fragenden Kunden mit dieser simplen Erklärung besänftigte. Er hörte es durch den Vorhang hindurch, wie er ja alles durchhörte, hatte aber noch nie beobachten können, wie schnell diese lächerlichen paar Worte alle befriedigten. Sie nickten gewöhnlich ernst mit den Köpfen und blickten mit verhohlenem Respekt auf den schäbigen Vorhang hin, hinter dem sich ein Teil jener geheimnisvollen Maschinerie bewegte, deren seltsamen, nicht ergründbaren Wesenszügen und Gesetzen sie sich ausgeliefert fühlten, seit sie dem Schulalter entwachsen waren. Pizarrini erwiderte, sooft er diesen im Ton einer Generalabsolution gesprochenen Satz hörte, regelmäßig mit einem leisen, gehässigen „Bäh“. Dann – er hörte ihn immer, bevor er sich noch niedergesetzt hatte – ließ er sich auf dem altmodischen Drehstuhl an seinem Schreibtisch nieder und begann zu arbeiten.
Ab und zu blickte er von der Arbeit auf und sah auf den Vorhang hin, durch den von draußen der vielgestaltige Lärm aus dem Verkaufslokal in sein kleines, weißgetünchtes Büro klang.
Der Lärm störte ihn weiter nicht, und auf den Vorhang sah er eigentlich nur deshalb hin, weil er ihm gerade vor seiner kleinen, spitzen Nase hing.
Dieser Vorhang übrigens hatte seine eigene Geschichte. Der Chef erstand ihn, alt und schäbig, bei einer Wohltätigkeitsveranstaltung der „Städtischen Bühnen“. Man lasse sich nicht täuschen. Die „Städtischen Bühnen“ bestanden schon damals nur mehr aus einem Theatersaal, der die meiste Zeit unbenützt blieb und nur einige Male im Jahr an reisende Truppen vermietet wurde. Da diese reisenden Truppen immer nur artistische Darbietungen brachten, entschloß man sich, den solcherart nicht mehr benötigten Bühnenvorhang zu versteigern. Zum Wohle der Stadtarmen, versteht sich, nach Deckung der Unkosten, versteht sich. Der Chef bekam den Vorhang zum Nennpreis, es hatte sich für dieses schwerhandliche Ungetüm, wie leicht vorauszusehen war, auch nicht ein Steigerer gefunden. Er ließ ihn chemisch reinigen, und da er für seine Zwecke viel zu groß war, vierteilte er ihn. Von den so entstandenen vier Vorhängen behielt er einen für sich, zu dem bereits bekannten Zweck, das Büro vom Verkaufsraum abzuschließen. Den zweiten gab er in einem Anfall von Großzügigkeit der Pfarrgemeinde, der er schon seit längerer Zeit seinen Pflichtbeitrag schuldete. Der Pfarrer bestimmte den Vorhang nach kurzer Beratung mit den engeren Mitgliedern des erweiterten Kirchenausschusses als Sakristeivorhang. Den dritten verkaufte er einem Kaffeehaus, wo er vor den Eingang zum Spielzimmer gehängt wurde. Den vierten und letzten schließlich bekam der Leichenbestatter eines Nachbardorfes, der bei Begräbnissen erster Klasse die Särge damit drapierte.
Dies alles war Pizarrini genauestens bekannt, denn der Vorhang wurde als Geschäftsfall behandelt und als solcher mit allem Drum und Dran vom chemischen Reinigen bis zum Einsäumen der Teilvorhänge und deren Weiterveräußerung genauestens gebucht.
Dies alles hätte ihn jedoch noch keineswegs zu jenen Betrachtungen verleiten können, als deren in die Tat umgesetzte Konsequenz das am Ende dieses Kapitels berichtete Abenteuer zu verstehen ist, wäre nicht hinzugekommen, daß er als nächste Buchung die sehr verspätete Zahlung jenes ländlichen Leichenbestatters vorzunehmen gehabt hätte, der den letzten Teil des Vorhangs erstanden hatte. So aber blickte Pizarrini mit kritischem Buchhalterauge von der Kopie der dem Leichenbestatter ausgestellten Quittung langsam auf und richtete seinen Blick erneut auf den verwaschenen Stoff hin; damit nahmen die Betrachtungen und im weiteren auch die Dinge ihren Lauf.
Daß dieser Mann, der Leichenbestatter nämlich, der doch bestimmt ein sehr sicheres, umsatzmäßig leicht voraussehbares Geschäft betrieb, daß ausgerechnet der sich erst nach einer dritten, zwar korrekten, aber doch sehr scharf gehaltenen Mahnung herbeiließ, die längst fällige Schuld zu begleichen, das ärgerte Pizarrini, ja erbitterte ihn geradezu. Und er, weiß der Himmel, er hätte dem Mann die höchsten Verzugszinsen gerechnet, die gesetzlich noch überhaupt möglich gewesen wären.
Aber der Chef hatte dazu „nein“ gesagt mit der lächerlichen Begründung, einem Leichenbestatter rechnet man keine Verzugszinsen. Blödsinniger Aberglaube, wem denn sonst, wenn nicht einem Leichenbestatter? Immerhin, der Vorhang, das heißt jener Teil, der bei dem Leichenbestatter gelandet war, machte sich gut. Er hatte es selbst gesehen. Bei einem der ersten vergeblichen Inkassoversuche hatte er es gesehen.
„Sie werden es nicht glauben“, hatte er damals zu seinem Chef gesagt, „wie düster und feierlich das aussah. Der bläßlichrote, irgendwie schon jenseitig schimmernde, auf den nackten Steinboden gebreitete Samt und darauf nichts als ein einsamer schwarzer Sarg. Ob Sie es glauben oder nicht, das hat mich gepackt.“
„Ich glaube es Ihnen“, hatte der Chef geantwortet und anerkennend hinzugefügt, „aber sehen Sie, Pizarrini, so etwas, das merkt eben nicht jeder. Dafür muß man ein Gefühl haben, eine gewisse humanistische Bildung. Die haben Sie, die habe ich, aber jeder hat sie nicht.“ Und genau das mußte er auch jetzt denken: Das merkt eben nicht jeder, und jeder denkt auch nicht über einen alten, ausgedienten und doch noch weiterverwendeten Bühnenvorhang nach, so wie er dies jetzt tat.
Ach, Theater, dachte er, Theater, und biß, wie jeden Tag Punkt zehn Uhr vormittags, in eine Käsesemmel. Es gehörte zu seiner Tagesordnung, um zehn Uhr vormittags eine Käsesemmel zu verzehren.
Theater, dachte er geringschätzig, davon scheint dieser Vorhang nicht loszukommen. Theater ist auch, was die da draußen treiben, Theater und Mummenschanz, die Wirklichkeit ist hier bei mir herinnen.
Beruhigt blickte er auf seine Bücher, in denen alles verzeichnet war, worum die da draußen, hinter dem Vorhang, ihr Theater trieben.
Und wie zur Bestätigung seiner Gedanken kam auch schon einer der Verkäufer herein und fragte nach der Restschuld der Krescentia Haferle, die dieselbe jetzt begleichen wolle.
„Einen Moment“, sagte Pizarrini, „das werden wir gleich haben.“
Krescentia Haferle stand in den Kundenkonti unter H10 und wies eine Restschuld von Kronen 142,37/100 auf.
Der Verkäufer ging hinaus, und Pizarrini sinnierte weiter.
Gut, über den Vorhangteil, der die Sakristei vom sakralen Raum trennte, wollte er sich kein Urteil erlauben. Was aber das Spielzimmer in jenem Kaffeehaus betraf, so war das ganz bestimmt Theater, denn er hatte darin noch nie jemanden spielen, wohl aber ein verdrecktes Fahrrad und sonstiges altes Gerümpel stehen gesehen. Ach, das ist alles Theater, dachte er, Theater und Großtuerei. Das einzige, was ihm frei von Theater schien, war der Verwendungszweck, dem der Leichenbestatter seinen Vorhangteil zugeführt hatte. Ein Leichenbestattungsunternehmen, das schien ihm das reellste Geschäft von allen, und er bedachte immer wieder, daß man eigentlich im Leben eines Menschen mit nichts so sicher rechnen könne als mit der Tatsache, daß er sterben werde. Diese unumstößliche Tatsache zur Grundlage eines Geschäftes gemacht zu haben, hielt er für die genialste Idee, die ein kaufmännisch veranlagtes Gehirn je hervorgebracht hatte. Auf der Suche nach Dingen, die im menschlichen Leben eine ähnliche, unausbleibliche Rolle spielten wie der Tod, kam er im Anschauen seiner noch nicht zu Ende gegessenen Käsesemmel zunächst auf das Essen und dann in schneller Reihenfolge auf das Schlafen, Kranksein und sodann merkwürdigerweise ohne weitere Zwischenstation auf die „Weiber“. (Mit welch etwas rüdem Ausdruck sich ihm unbewußt natürlich ein ganzer Komplex von „damit“ Zusammenhängendem verband.) ‚Merkwürdigerweise‘ deshalb, weil er wahrscheinlich seiner Jugend wegen gewissen vorgefaßten Meinungen zur Stunde noch immer so stark unterworfen war, daß er bisher noch nie etwas „damit“ zu tun gehabt hatte. Warum, fragte er sich, einer plötzlichen Eingebung folgend, warum soll dieses Zusammentreffen der Geschlechter gar so sicher und unausbleiblich sein? Die Antwort, die er sich im selben Atemzug darauf gab, war zwar sehr simpel, hatte aber für ihn die größte Überzeugungskraft, die eine Antwort haben konnte. Ganz einfach deshalb, sagte er sich, weil sich das nun einmal so gehört. Und er beschloß bei sich, nachzuholen, was versäumt zu haben, würde er jetzt vom Tode ereilt werden – was völlig von der Hand zu weisen, vermessen erschien –, ihm zweifellos als Manko angerechnet werden würde.
Nachdem er diesen Entschluß gefaßt hatte, beugte er sich wieder über seine Arbeit, als hätte er nur eben seine alltägliche Käsesemmel gegessen und nicht auch einen ungewöhnlichen Entschluß gefaßt.
Die Bordellwirtin sah – was Wunder, jeder Beruf färbt eben auf seine Leute ab – wie eine Bordellwirtin aus oder, besser, wie man sich eine solche vorstellt.
Fischaugen, vorsichtig lauernd hinter großen, schweren Tränensäcken, die einem Bankdirektor Ehre gemacht hätten. Schütteres, schlecht gefärbtes, wie Taft changeant schillerndes Haupthaar auf einem massigen, anscheinend nur aus Fleisch bestehenden Kopf, der ohne Hals in einen ebensolchen Rumpf überzugehen schien.
Pizarrini hatte seinen beim Einnehmen der üblichen Vormittagsjause gefaßten Entschluß, die Sache mit den Weibern schleunigst nachzuholen, schon in der nächsten freien Stunde in die Tat umgesetzt, und so kam es, daß er zu einer ganz ungewöhnlichen Zeit in dem verrufenen Haus erschien: in der Mittagspause.
Die Alte, die ihm aufgemacht hatte, war denn auch geradewegs aus der Küche gekommen. Sie hatte eine weiße Schürze umgebunden, unter der ein Paar dicke, pantoffelbewehrte Füße hervorschauten. Sie blickte ihn aus ihren Fischaugen kurz an, und war es nun die ungewohnte Zeit oder vielleicht auch die Tatsache, daß er ihr sicher einen gänzlich anderen Eindruck als die üblichen Besucher machte, auf jeden Fall hielt sie ihn zunächst für einen Agenten und sagte, indem sie sich ihre dicken, nackten Arme mit der Schürze abwischte, kurz und abweisend: „Wir brauchen nichts.“
Er hatte ein eigentümliches, beklemmendes Gefühl im Magen, sah sie unverwandt an und gab ihr keine Antwort.
„Ach so“, sagte sie, ihr erstes Urteil revidierend, taxierte ihn noch einmal rasch mit geübtem Blick und schrie dann mit rauher Stimme einen langen, sich im Dunkel verlierenden Gang hinunter: „Tonschi, ein Gast ist da.“
Bald darauf kam in schwarzem Schwimmtrikot und roten Hausschuhen die von der Alten herbeigerufene Tonschi, eine vollschlanke, üppige Schwarze von etlichen dreißig Jahren, den Gang herauf.
Sie ging ganz nahe an ihn heran, beugte ihren Kopf vor und sagte, was ihn überaus befremdete, ganz einfach: „Burschi, komm!“
Die Wirtin sah ihnen mit einem ärgerlichen Kopfschütteln nach und murmelte etwas von einem fetten, geilen Engerling, der einem nicht einmal einen ruhigen Mittag gönne.
Er indessen folgte mit leisem Widerwillen der üppigen Tonschi in ihre nach abgestandener, ranziger Sinnlichkeit riechende Kammer.
Sie schloß die Tür hinter ihm zu und sagte: „Zuerst zahlen.“
Das erbitterte ihn, und um so mehr gereizt, als er noch nicht einmal zu Mittag gegessen hatte, antwortete er: „Natürlich, oder glauben Sie, ich wollte auf Kredit?“
Sie blieb davon ganz unberührt und sagte lediglich: „Zehn Kronen.“
Er legte ihr fünfzehn hin. Sie nickte zufrieden und sagte: „Dafür sollst du was Schönes haben.“
Dann zog sie sich ihr Trikot aus und legte sich auf die Couch.
Als er keine Anstalten machte, etwas Ähnliches zu tun – das beklemmende Gefühl in der Magengegend hatte sich inzwischen wieder eingestellt –, sagte sie abermals: „Burschi, komm!“
Er hätte am liebsten kehrtgemacht und wäre gegangen, hätte es wohl auch getan, wäre ihm nicht plötzlich eingefallen, daß er sie dadurch möglicherweise gefährlich kränken könnte, und das wollte er nun auch wieder nicht. Inzwischen war ihr natürlich sein ungewöhnliches Benehmen aufgefallen. Sie setzte sich auf und fragte: „Was ist denn los mit dir?“
„Nichts“, sagte er, „nichts. Ich glaube, ich … Sie dürfen nicht beleidigt sein, Sie haben wirklich eine gute Figur.“
„Quatsch keinen Blödsinn“, unterbrach sie ihn, und als fiele ihr etwas ein und als biete sie ihm etwas zu trinken an, „soll ich dich schlagen?“
„Wozu das?“ fragte er erstaunt.
„Mein Herr“, erwiderte sie bebend, ihre Geduld war zu Ende, „mein Herr, ich lasse mich von Ihnen nicht zum Narren halten. Verschwinden Sie!“ Und kühl, geschäftsmäßig, setzte sie hinzu: „Das Geld bekommen Sie natürlich nicht zurück.“
„Das verlange ich doch gar nicht. Ich will Sie auch nicht zum Narren halten. Ich habe nur, verstehen Sie doch, ich habe“, er suchte verzweifelt nach dem richtigen Wort, endlich fiel es ihm ein, „ich habe nur keine Lust, verstehen Sie, keine Lust.“
„Warum?“ fragte sie und blickte ihn vollkommen verständnislos an. „Warum sind Sie denn dann überhaupt hierhergekommen?“
Warum? Ja, warum war er hierhergekommen? Das war doch völlig klar, wie konnte sie ihn nur so was fragen? „Der Ordnung halber“, erwiderte er ohne zu zögern, lächelte die Erbleichende freundlich an, schloß die Tür auf und ging hinaus.
Mit gravitätischen Schritten stolzierte er durch den langen, dunklen Gang dem Ausgang zu. Dort verweilte er einen Augenblick, zündete sich eine Zigarette an, genoß die feine Wärme der winterlichen Mittagssonne, sah dem Rauch nach, versenkte sich einen weiteren Moment in den Anblick des blauen Himmels und spazierte dann gemächlich dem Speisehaus zu, in dem er seine Mahlzeiten einzunehmen pflegte.
2. Kapitel
Pizarrini ging nach dem Mittagessen sofort in das Geschäft zurück und versenkte sich mit in einem ihm sonst zu dieser Tageszeit nicht eigenen Eifer in seine Arbeit. Dies war aber nur ein Zeichen dafür, daß ihm das Erlebnis während der Mittagspause mehr zu schaffen machte, als er sich eingestehen wollte. Er stürzte sich mit einer wütenden, zur Ordnung entschlossenen Verbissenheit auf die Belege zu seiner Rechten und begann sie zu buchen. Pizarrini war Buchhalter aus innerer Berufung, und seine Lebensmaxime lautete: Ordnung halten. Man darf das nicht verwechseln: Ordnung und Ordnung-Halten sind zweierlei. Es gibt, um den Unterschied zwischen beiden auf kürzestem Weg deutlich zu machen, keine Ordnung schlechthin, sondern immer nur eine ganz bestimmte Ordnung, die man zur Lebensmaxime erheben kann, wohl aber gibt es das Ordnung-Halten schlechthin, mit dem man so was anstellen kann. Pizarrini also war für das Ordnung-Halten, und jenes „der Ordnung halber“, das er der ahnungslosen Tonschi zur Antwort gegeben hatte, war mehr als irgendeine leichthin gegebene Antwort. „Der Ordnung halber“, das war für Pizarrini lapidarer Ausdruck seiner ebenso lapidaren Weltanschauung vom Ordnung-Halten, die man in dem einen Satz zusammenfassen kann: Selbst Unordnung läßt sich in Ordnung halten.
Mit anderen Worten: Pizarrini war für die Ordnung des Ordnungs-Haltens. Er war Buchhalter und wußte, welch ein vorzügliches Werkzeug des Ordnung-Haltens die glorreiche Erfindung der Buchhaltung war.
Pizarrini war wie viele dicke Menschen Optimist. In dem manchmal turbulenten und nervösen Betrieb des Geschäftes, in dem er arbeitete, war er ein Fels unerschütterlicher Ruhe und Gelassenheit. Pizarrini wußte: Es gibt nichts, das sich nicht buchen ließe. Sogar ein Konkurs läßt sich buchen. Er hütete sich freilich, seinen Chef in schwierigen Tagen mit dieser Weisheit zu trösten, aber er kostete in fröhlicher Gelassenheit von ihr, wenn sich der Chef über schlechte Geschäfte ereiferte, als einem gar köstlichen Geheimnis, das ihn gegen derlei Verzweiflungen feite.
Nun aber saß er in stiller Wut an seinem Schreibtisch und buchte mit verbissener Beharrlichkeit zu einer Zeit, während der er sonst seinen alltäglichen Verdauungsspaziergang zu machen pflegte, Geschäftsfall auf Geschäftsfall, wie sie ihm die Belege zu seiner Rechten vorwiesen.
Nicht daß ihn der, wie er sich jetzt einzugestehen bereit war, etwas überstürzte Bordellbesuch in der Mittagspause aus seinem seelischen Gleichgewicht gebracht hätte, davon konnte keine Rede sein. Kronen 4,50 für ein halbes Kilo künstlichen Schnee, Dekoration SOLL, Kassa HABEN. Daß solche Besuche bisweilen ohne Ergebnis verlaufen, das wußte er, das hatte er in jenem dickleibigen wissenschaftlichen Buch gelesen, das er sich vor Jahren von einem Freund ausgeliehen hatte.
„Das Geschlechtsleben des Mannes in tiefenpsychologischer Sicht“ hatte es geheißen.
Kronen 84,10 Stromkosten, Strom SOLL, Kassa HABEN.
Nein, das konnte ihn nicht aufregen, das ließ ihn kalt, schließlich war er kein Primitivling, sondern ein differenzierter Mensch; wenn er bisweilen über sich nachdachte, dann schien ihm seine Lebensmaxime des Ordnung-Haltens nichts anderes zu sein als Ausdruck seiner verzweifelten Bemühungen, sein inneres Chaos zu bändigen. Vielleicht hatte er auch einen verdrängten Ödipuskomplex. Wer konnte das schon sagen?
Kronen 6,80 Abortgrube reinigen, allgemeine Spesen SOLL, Kassa HABEN.
Was Wunder, daß dieser Besuch zu keinem Ergebnis führte. Nein, nein, das konnte ihn wahrhaftig nicht aufregen. Das war mehr oder weniger sogar normal, daß dieser, wie er sich immer mehr einzugestehen begann, wirklich überstürzte und eigentlich wohl auch unüberlegte oder zumindest zu wenig überlegte Besuch so verlief, wie er verlaufen war. Das war wirklich nicht alarmierend. Alarmierend wäre es gewesen, wäre er anders verlaufen.
Kronen 35,20 a conto Christian Mayer, Christian Mayer HABEN, Kassa SOLL.
Was ihn aufregte, war etwas ganz anderes. Aufregte? „Aufregen“ ist eigentlich nicht das richtige Wort dafür. Irritierte? Jawohl, „irritieren“ ist besser. Ärgerte? „Ärgern“, zweifellos auch „ärgern“. Es irritierte und ärgerte ihn an dieser Sache etwas ganz anderes.
Kronen 15,– a conto Frau M. Gruber, nein, Kronen 50,– Gruber HABEN, Kassa SOLL.
Fünfzehn Kronen hatte er für diese Befriedigung seines Ordnungssinnes bezahlt.
Fünfzehn Kronen, wirklich nicht eine Summe, derenthalben er sich ärgern würde. Nein, diese fünfzehn Kronen war ihm die Sache wert. Er war zwar Buchhalter, aber er machte sich nicht allzuviel aus Geld, Geld war eine Sache, die Ordnung verlangte. Ordnung hielt er, und damit war das Kapitel Geld eigentlich für ihn erledigt. Ob er viel davon hatte oder wenig, war ihm seit jeher eine zweitrangige Frage gewesen. Kronen 2,– Spende für die Caritas, Werbungskosten SOLL, Kassa HABEN.
Das war es nicht. Die fünfzehn Kronen irritierten ihn ganz bestimmt nicht. Immerhin, die Person hatte nur zehn Kronen verlangt, und er hatte fünfzehn hingelegt. Was war da mit ihm durchgegangen?
Er hielt inne. Auf seinem Gesicht erschien kaum merklich ein triumphierendes Lächeln. Seine wasserblauen Kinderäuglein blinkten auf. Die Nüstern seiner kleinen, jedoch kühn in jedwedes Konto stoßenden Spitznase blähten sich. Er hatte ihn. Er hatte den lästigen Quälgeist, diesen lächerlichen Floh von fünf Kronen, der so ärgerlich in seinem Unterbewußtsein herumgesprungen war, der sich erfrecht hatte, an seinem ruhevollen Gemüt zu saugen, bis es in Wallung geraten war. Er hatte ihn.
Kronen 34,30 a conto Franz Pschril, Pschril HABEN, Kassa SOLL.
Das war es. Er lehnte sich zurück, legte beide Hände auf seine Oberschenkel, trommelte mit den Fingern ruhelos auf den Knien herum, ließ den Kopf über die Lehne seines Drehstuhls weit nach hinten fallen, daß seine Nase lotrecht nach oben wies, schloß die Augen und begann seine Seele zu erforschen.
Sie hatte zehn Kronen verlangt.
Er hatte fünfzehn Kronen hingelegt.
Warum?
Um das zu bekommen, was er der Ordnung halber erfahren wollte, hätten zehn Kronen genügt.
Er hatte ihr fünfzehn Kronen gegeben. Das waren fünf Kronen mehr, als sie verlangt hatte. Das waren bei zehn Kronen fünfzig Prozent mehr, als verlangt worden war. Wer mehr gibt, will mehr. Er hatte fünfzig Prozent mehr gegeben, als er der Ordnung halber zu geben gehabt hätte, das hieß jedoch nichts anderes, als daß er fünfzig Prozent mehr haben wollte, als er der Ordnung halber zu bekommen gehabt hätte.
Pizarrini war erschüttert. Er ließ seinen Kopf vornüber auf das auf dem Schreibtisch liegende Journal fallen, umschlang ihn mit beiden Händen und stöhnte in die eben erst begonnene, fast noch jungfräulich weiße Journalseite 185 hinein: „Fünfzig Prozent!“
Aber es dauerte nicht lange, da hatte er sich wieder in der Gewalt.
Mit unerbittlicher Härte gegen sich selbst, die einer masochistischen Komponente irgendwie nicht entbehrte, schob er seine zutiefst erschütterte, nach liebevoller Pflege schreiende moralische Selbstachtung beiseite, lehnte sich abermals zurück und begann wieder das Seziermesser seines kühlen Buchhalterverstandes an sein wehwundes Herz zu setzen.
Man hofft immer mehr zu bekommen, als man bezahlt hat. Hoffen ist aber nichts anderes als Ausdruck eines im Unterbewußtsein wühlenden Wollens. Fünfzig Prozent, das ist genau die Hälfte. Um die Hälfte hatte er mehr bezahlt, als er der Ordnung halber zu bezahlen gehabt hätte. Um die Hälfte hatte er mehr bezahlt; nicht, um die Hälfte mehr zu bekommen, sondern um unbewußt mehr als die Hälfte mehr zu bekommen, als er der Ordnung halber bewußt bekommen wollte.
Es schauderte ihn vor der Verruchtheit seines Unterbewußtseins.
Bei allem Schauder jedoch war ihm jetzt wohler als vorher. Der Fehler war erkannt. Nun galt es, ihn zu beheben.
Er begann wieder zu buchen.
Kronen 10,60 für Bodenwachs und Stauböl, Reinigung SOLL, Kassa HABEN.
Im Grunde genommen war das Ganze eigentlich nichts anderes als eine Fehlspekulation seines Unterbewußtseins. Untrügliches Merkmal einer Fehlspekulation ist immer der damit verbundene Verlust. Dieser Verlust betrug in seinem Fall die ganz konkrete Summe von fünf Kronen. Fünfzehn Kronen hatte er hingelegt. Für zehn Kronen hatte er eine Erfahrung gemacht, die nach der Lage der Dinge nun einmal nicht unter zehn Kronen zu haben war, fünf Kronen hatte er verspekuliert.
Kronen 2300,– Erlag an Bank, Bank SOLL, Kassa HABEN.
Gelänge es einem jedoch, den bei einer Fehlspekulation durch Verlust des Einsatzes entstandenen Schaden dadurch wieder zu beheben, daß man es zuwege brächte, den verlorengegangenen Einsatz wieder herauszubekommen, so könnte man eigentlich mit Recht behaupten, die Fehlspekulation, wenn auch nicht ungeschehen, so doch wieder wettgemacht zu haben.
Kronen 235,– an Moden AG, Moden AG SOLL, Bank HABEN.
Somit war klar, was er zu tun hatte. Er würde abends nach Geschäftsschluß noch einmal hingehen und sich fünf Kronen, die er zuviel bezahlt hatte, wiederholen. Kronen 534,– an Hillmann & Co., Hillmann SOLL, Bank HABEN.
3. Kapitel
So fest Pizarrinis Entschluß auch gewesen sein mag, die fünf Kronen, die er zuviel bezahlt hatte, sich nach Geschäftsschluß wieder zu holen; je näher er dem verrufenen Haus kam, um so unsicherer wurde er. Und als er nun in der Abenddämmerung dieses winterlichen Tages in die schmutzige und armselig beleuchtete Vorstadtgasse einbog, in der es lag, da wußte er plötzlich, daß er nicht hineingehen würde, daß er vorbeigehen würde.
„Warum eigentlich nicht?“ murmelte er vor sich hin. Aber seine Füße gingen auf die blassen Für und Wider gar nicht ein, die er in seinem Hirn wie Schachfiguren hin und her schob und einander auffressen ließ. Sie trugen ihn im Eilschritt an dem grün und gelb bemalten Haus vorbei, vor dessen gähnend offenem Tor nun auch noch ein schäbig uniformierter Portier stand, der ihm irgend etwas nachrief, auch ein gellendes Lachen glaubte er zu hören und ein hämisches Kichern, das in einem der düsteren, grauen Mauerwinkel dieser Gasse verklang, und er hätte schwören können, daß beides ihm gegolten habe.
Da hatte er es. So einfach, wie er sich das an seinem Schreibtisch zwischen ein paar Seiten SOLL und ein paar Seiten HABEN vorgestellt hatte, so einfach war es nicht, jene irritierende Fehlspekulation wettzumachen. Und wie zum Hohn seiner selbst empfand er sein Vorbeiflüchten als Bestätigung dafür, daß er sie tatsächlich wettgemacht hätte, hätte er den Mut und die Kraft aufgebracht, hineinzugehen und sich die fünf Kronen zu holen.
Das bringe ich nicht zustande, stellte er ernüchtert bei sich fest und beschloß als Ausgleich zu tun, was er bisher noch nie getan hatte, beschloß: sich zu besaufen. Beschloß es in einem Zustand klarer, trostloser, niederdrückender Nüchternheit.
Er griff an die Brusttasche seines Rockes und nickte befriedigt. Seine Brieftasche war bei ihm. Er brauchte sie nicht herauszuziehen, um nachzusehen, wieviel Geld er darin hatte. Er wäre ein schlechter Buchhalter gewesen, hätte er das nicht auch so gewußt. Er trug viel mehr Geld bei sich als gewöhnlich, der Teufel mochte wissen, warum, er trug sein halbes Monatsgehalt bei sich, fünfhundert Kronen. Er wäre ein schlechter Buchhalter gewesen, hätte er nicht nachgezählt.
Er war nun schon ein gutes Stück von dem Ort seiner Niederlage weg, befand sich aber noch immer in einem der äußeren Bezirke der Stadt. Sein inneres Gleichgewicht war wieder halbwegs hergestellt, und wie er vordem mit Sicherheit wußte, daß er nicht hineingehen würde, so wußte er nun mit Sicherheit, daß er hineingehen und sich besaufen würde. Er ging geradeaus weiter und beschloß, seinen Entschluß, sich zu besaufen, im nächsten auf der rechten Straßenseite gelegenen Gasthaus auszuführen. Er hatte Glück, daß er das nächste zu seiner Rechten gelegene Gasthaus gewählt hatte und nicht das linker Hand. Das nächste, zu seiner Rechten gelegene Lokal nämlich war der Weiße Hirsch, ein bürgerliches Haus mit soliden Preisen, ihm gegenüber jedoch, auf der linken Straßenseite, lag die als Wurzbude bekannte Olympia-Bar, die ob ihrer horrenden Preise weit über die Grenzen der Stadt hinaus berüchtigt war. Pizarrini kannte beide Häuser, den Weißen Hirschen und die Olympia-Bar, aus den Erzählungen seines Chefs.
Aber als er vor wenigen hundert Schritten beschlossen hatte, in das nächste rechter Hand gelegene Gasthaus einzukehren, hatte er weder an den Weißen Hirschen noch an die Olympia-Bar, noch an die verschiedenen Preiskategorien der beiden Lokale gedacht. Jetzt freilich dachte er daran, und er lobte sich sein Unterbewußtsein, das ihn, während er willkürlich ein zufälliges zu wählen glaubte, unwillkürlich das rechte wählen ließ. Es ist also doch auch ein Hort der Ordnung, dachte er bei sich, und nicht nur ein schwelendes Chaos verdrängter Triebe.
„Welche Gewalten streiten doch in mir“, murmelte er kopfschüttelnd vor sich hin und öffnete die Tür zum Weißen Hirschen.
Der Weiße Hirsch war ein Gasthaus, in dem hauptsächlich Arbeiter, Angestellte und kleine Geschäftsleute verkehrten. Die große Stube, in der die Schank stand, war dunkel getäfelt. An den Wänden hingen verschiedene Jagdbilder, und über der Tür war ein großer, weißer Hirschkopf befestigt, das Wahrzeichen des Hauses. In einer Ecke stand ein Billard, an dem zwei junge Männer spielten. Sonst war kein Gast da. Links führte eine Tür in ein Extrazimmer, das einem Fußballclub als Vereinslokal diente. Die Tür zu diesem Extrazimmer stand offen, und Pizarrini konnte durch sie gut an die zehn bis fünfzehn Mitglieder des Fußballclubs beobachten, die allem Anschein nach eben eine Sitzung abhielten.
„Dressenwart!“ rief jetzt einer mit einer besonders kräftigen Stimme von dem Extrazimmer in die große Gaststube hinaus. „Dressenwart, Dressenwart!“ riefen ihm gleich mehrere nach.
Lachen ertönte und von dem mit der kräftigen Stimme ein ärgerliches „Sitzung ist Sitzung!“
„Ja!“ rief jetzt einer der beiden Burschen, die Billard spielten, und legte den Queue weg, „ja, ich komme schon.“
Er ging hinein, der andere folgte ihm.
„Da ist er ja“, höhnte es von innen, „da ist er ja, da ist ja unser Dressenwart!“
Und wieder das gleiche dröhnende Lachen wie vorhin und wieder der mit der kräftigen Stimme ernst, ärgerlich: „Türe schließen! Sitzung ist Sitzung.“
Die Türe wurde geschlossen. Nach einer kurzen Weile kam ein Kellner mit weißer Schürze und Jacke heraus. Er trug ein Tablett mit einer Unmenge leerer Bierflaschen und ließ die Tür wieder offen. Er steuerte mit seiner Last auf die Schank zu und verschwand dahinter. Nach einer kurzen Weile erschien er abermals, diesmal mit einem Tablett voller Flaschen. Jetzt erst sah er Pizarrini, der inzwischen an einem der kleinen, weiß gedeckten Tische Platz genommen hatte.
„Komme gleich“, nickte er Pizarrini zu und verschwand mit seiner schweren Last in das Extrazimmer hinein. Er war ein zirka fünfzigjähriger Mann mit einer großen Glatze und einem Gesicht, dessen knollige Formen an ein Konglomerat von Kartoffeln denken ließen. „Türe zu! Sitzung ist Sitzung.“ Die Türe wurde geschlossen.
Nach kurzer Zeit kam der Kellner wieder heraus und ließ sie abermals offen. Er ging zu Pizarrini hin und fragte ihn nach seinen Wünschen. Pizarrini bestellte einen großen Schnaps. Was für einer es denn sein dürfe, fragte das Kartoffelgesicht. Pizarrini gedachte seines Vorhabens und bestellte den schärfsten, den er hatte.
„Da hätten wir einen siebzigprozentigen Kontiuszowska“, sagte das Kartoffelgesicht mit maliziösem Lächeln.
„Gut“, sagte Pizarrini, „gut, das ist das Richtige.“ Als der Kellner mit dem Schnaps wiederkam, fragte er Pizarrini, ob er nicht der Buchhalter in dem Geschäft in der Severingasse sei.
„Ja“, sagte Pizarrini, „das bin ich. Woher kennen Sie mich?“
Er habe ihn einmal, als er etwas kaufte, dort gesehen, und sein Chef, der öfters hierherkomme, habe gesagt, daß er die Buchhaltung mache.
„Ja“, sagte Pizarrini, „das sagt er bisweilen.“
„Guten Abend“, sagte der Kellner und machte eine Verbeugung zur Tür hin, durch die gerade zwei Herren eintraten. Er eilte auf die Neueingetretenen zu, half ihnen aus den Mänteln und bat sie, an irgendeinem der leerstehenden Tische Platz zu nehmen, dann fragte er sie nach ihren Wünschen. Jeder der beiden bestellte eine Flasche Bier. Er brachte ihnen das Bier und verschwand wieder in das Extrazimmer hinein. Pizarrini nahm den Schnaps und stürzte ihn auf einmal hinunter. Zuerst spürte er gar nichts, dann jedoch stieg es plötzlich ganz heiß in ihm auf und trieb ihm das Wasser in die Augen. Er schielte zu den beiden hinüber. Ob sie ihn beobachtet hatten?
Der eine der beiden schien ein feiner Mann zu sein. Er war dunkelblau gekleidet, mittelgroß, hatte ein mageres, fast etwas arrogant wirkendes Gesicht, das von einer Unmenge Falten und Fältchen durchzogen war. Gleichwohl wirkte es nicht alt. Der andere war klein, dick, rotgesichtig und schlampig gekleidet. Neue Gäste kamen herein. Sie sprachen über einen Film, offenbar kamen sie alle gerade aus einem Kino.
Der Kellner kam wieder aus dem Extrazimmer heraus, eilte diensteifrig auf die neuen Gäste zu und bediente sie.
Die zwei Billardspieler kamen ebenfalls wieder heraus und setzten ihr Spiel fort.
„Türe schließen“, schrie es wieder von innen, und ein Chor nachäffender Stimmen: „Sitzung ist Sitzung“, und darauf ein Ausbruch wiehernden Lachens, das sich wie eine Flut glucksenden und sich in phantastischen Wellen selbst überschlagenden Wassers aus dem Extrazimmer in die Gaststube ergoß und die Gespräche an den einzelnen Tischen mit sich fortschwemmte, bis es in den Ritzen und Fugen der alten Holztäfelung versickerte.
„Die Idioten“, sagte einer der Billardspieler, „man kann sich nicht einmal konzentrieren.“
Der andere ging hin und schloß die Tür.
„Noch einen Schnaps“, sagte Pizarrini zu dem gerade vorbeigehenden Kellner.
„Den gleichen?“ fragte der zurück.
„Den gleichen“, sagte Pizarrini.
„Wir haben auch fünfzigprozentigen Kontiuszowska hier“, sagte der Kellner und machte eine Miene, als böte er Pizarrini die Möglichkeit eines ehrenhaften Ausweges an.
Aber Pizarrini war nicht mehr nach einem Ausweg zumute, ihn gelüstete nach seinem Verderben. Das Angebot des Kellners ärgerte ihn.
„Ich wünsche den siebzigprozentigen“, sagte er so laut und scharf, daß der vornehm aussehende, dunkelblau gekleidete Herr mit dem Faltengesicht auf dem Nebentisch erstaunt zu ihm herüberblickte und dann seinem Begleiter, dem kleinen Rotgesichtigen, ein paar Worte zuflüsterte, worauf der ebenfalls zu Pizarrini herüberschaute.
Der Kellner hatte ein resignierendes „Bitte“ fallengelassen und war wieder weggegangen.
Pizarrini fühlte sich von den beiden am Nebentisch beobachtet.
Der Kellner brachte ihm das bestellte zweite Glas Schnaps.
Was die zwei sich wohl von mir denken, fragte er sich. Die glauben vielleicht, ich sei ein Angeber, denen werde ich zeigen, wer ich bin.
Er nahm das Schnapsglas in die Hand und trank es wiederum, wie das erste, in einem Zug aus. Es war ihm zu dumm, daß ihm gleich darauf wieder so heiß wurde, daß er genau spürte, wie sein Kopf abermals rot zu werden begann und es ihm wieder das Wasser in die Augen trieb. Er zog seine Brieftasche heraus, bückte sich darüber und tat, als suche er etwas darin. Als das Ärgste vorüber war, steckte er sie wieder ein und blickte mit einem etwas glasig gewordenen Blick auf die beiden Herren am Nebentisch. Wieder beugte sich der Dunkelblaue mit dem Faltengesicht zu dem schmierigen Kleinen hin und flüsterte ihm etwas zu. Der nickte, stand auf, ging zu Pizarrini hin, verneigte sich kurz und sagte: „Der Herr Präsident würde sich freuen, wenn Sie an seinem Tisch Platz nehmen wollten.“
Pizarrini war verblüfft.
Der Herr Präsident, dachte er, Präsident, und schielte zu dem Dunkelblauen hinüber.
Das konnte er sich eigentlich gut vorstellen, daß das ein Präsident war, der schaute wahrhaftig wie ein Präsident aus. Er verneigte sich im Aufstehen und stotterte etwas verwirrt: „G-gerne.“
Er ging mit dem kleinen Schmierigen zum Nebentisch hinüber und verbeugte sich tief vor dem Präsidenten.
„Pizarrini.“
Der Präsident gab ihm in überaus leutseliger Manier die Hand und sagte schlicht: „Schmidbruch.“
Dann zeigte er auf den kleinen Schmierigen und sagte abermals in seiner schlichten, jovialen Art: „Darf ich Ihnen meinen Mitarbeiter, Herrn Ingenieur Isidor Podesta, vorstellen.“
Der Mann hat Stil, dachte Pizarrini. Er verbeugte sich vor Podesta, gab ihm die Hand und sagte wiederum nichts als: „Pizarrini.“
Sie nahmen Platz.
Hm, dachte Pizarrini, er ist Präsident, ich darf mich nicht blamieren, ich muß jetzt etwas unternehmen. Er schaute sich um und sah den Kellner.
„Herr Ober!“ rief er – und zu den beiden mit verbindlichem Lächeln: „Ich darf die Herren doch zu einem Schnäpschen einladen?“
„So war das nicht gemeint, Herr Pizarrini“, entgegnete Schmidbruch würdevoll.
„Aber, ich bitte Sie“, antwortete Pizarrini, er fühlte sich plötzlich ungeheuer sicher, „Sie wollen mich doch nicht kränken, indem Sie meine Einladung ablehnen?“
Der Kellner stand bereits wartend da.
„Herr Ober“, schnarrte Pizarrini, „drei große Kontiuszowska für Herrn Präsidenten Schmidbruch, Herrn Ingenieur Podesta und mich.“
Es klang wie drei Fanfarenstöße. Der Kellner nahm die Order mit unbewegtem Gesicht an und ging.
„Herr Ober!“ rief ihm Pizarrini nach. „Wir wünschen siebzigprozentigen!“ Einige Gäste blickten neugierig zu Pizarrini hin. Die sollen ruhig schauen, dachte er sich, ich werde ihnen zeigen, wer ich bin.
Doch seine Selbstsicherheit währte nicht lange. Das Bewußtsein, mit einem richtigen Präsidenten an einem Tisch zu sitzen, begann ihn immer mehr aufzuregen. Er mußte hinausgehen. Unruhig rückte er hin und her.
Schließlich hielt er es nicht mehr länger aus, stand auf und sagte: „Entschuldigen Sie mich, bitte, einen Moment.“
Der Kellner ging ihm nach. Als sie allein waren, klopfte er ihm auf die Schulter und sagte mit besorgter Miene:
„Herr Buchhalter …“
„Ich heiße Pizarrini, nicht Buchhalter.“
„Herr Pizarrini, ich möchte Sie warnen.“
„So, vor was denn?“
„Einmal vor dem Kontiuszowska und zum anderen vor den beiden Herren, die Sie an ihren Tisch gebeten haben.“
„Wie meinen Sie das?“
„Ich kenne die Herren nicht, aber ich glaube kaum, daß sie das sind, für das sie sich ausgeben.“
„Sie wissen doch, daß ich die beiden Herren zu einem Schnaps eingeladen habe. Ich verbitte mir, daß Sie meine Gäste der Hochstapelei bezichtigen, Herr Ober!“
„Das habe ich nicht getan!“
„Das haben Sie getan!“
„Das habe ich nicht getan!“
„Das haben Sie getan! Was die beiden Herren sind, kann Ihnen egal sein.“
„Ich meine es Ihnen doch nur gut, Herr Pizarrini.“
„Das ist mir egal! Ich verbitte mir das! Das einzige, was Sie in diesem Zusammenhang kümmern kann, ist meine Brieftasche, und die ist voll! Ich zahle schon, keine Angst, Herr Ober, ich bleibe Ihnen nichts schuldig, hier, sehen Sie“, und er hielt dem Kellner seine volle Brieftasche hin.
„Sie haben mich völlig mißverstanden“, sagte der Kellner mit großer Beherrschung, drehte sich würdevoll um und ging.
„So ein unverschämter Mensch!“
Pizarrini steckte seine Brieftasche wieder ein.
Als er zurückkam, erzählte er den beiden Herren, was vorgefallen war.
„Aber ich habe ihm meine Brieftasche gezeigt, da ist er wieder gegangen.“
Er lachte und zeigte sie nun auch ihnen.
„Die haben wir schon gesehen“, grinste Podesta.
Schmidbruch stieß ihm mit dem Fuß an das Schienbein, daß er leise aufschrie.
„Ist Ihnen nicht gut?“ fragte Pizarrini besorgt.
„Doch, doch“, versicherte Podesta, „ich habe nur manchmal verschlagene Winde, die stechen so furchtbar.“
„Sie haben meine Brieftasche schon gesehen?“
Schmidbruch argwöhnte Argwohn.
„Sie haben doch vorhin etwas darin gesucht“, gab er leichthin zurück.
„Ja, ja, ich entsinne mich.“
Pizarrini wußte nicht mehr recht, wie er das Gespräch weiterführen sollte. Da kam ihm ein rettender Gedanke. Er ergriff das vor ihm stehende Glas, hob es und sagte mit steifer Feierlichkeit: „Auf Ihr besonderes Wohl, meine Herren!“ Eine kurze Verbeugung zu Schmidbruch: „Herr Präsident!“ Eine kurze Verbeugung zu Podesta: „Herr Ingenieur!“ Die beiden prosteten ihm zu. Dann trank Pizarrini, der Buchhalter, der bleiche, fette junge Mann, der noch nichts zu Abend gegessen hatte und für gewöhnlich nichts anderes als Milch oder Zitronenlimonade trank, innerhalb einer schwachen Stunde das dritte Mal einen großen siebzigprozentigen Kontiuszowska in einem Zug aus. Auch Schmidbruch trank sein Glas in einem Zug aus. Podesta jedoch nippte nur daran, dann beugte er sich zu Pizarrini hin und begann mit leiser, eindringlicher Stimme: „Präsident Schmidbruch …“
Pizarrini hörte ihm mit bedeutungsvollem Kopfnicken zu. Dann und wann starrte er Schmidbruch mit der Ungeniertheit eines Betrunkenen ins Gesicht, und die Worte Podestas vermischten sich mit dem, was Pizarrini in dem Gesicht Schmidbruchs, des Präsidenten, zu sehen glaubte, zu einer unentwirrbaren Geschichte.
Schmidbruch aber, als sehe er nicht, wie Pizarrini ihn anstarrte, als höre er nicht, was Podesta über ihn erzählte, hatte sich eine Speisekarte reichen lassen und studierte sie mit Interesse.
4. Kapitel
Podestas Erzählung
(Nach einem Gedächtnisprotokoll Pizarrinis, das jedoch unglücklicherweise von seiner allzusehr besorgten Zimmerfrau zum Ausstopfen seiner stets etwas feuchten Schuhe benutzt wurde und daher nur noch in sehr beschränktem Maße entzifferbar war.
Etwaige Unstimmigkeiten möge der geneigte Leser auf diesen Umstand zurückführen und gütigst entschuldigen.
Ebenso erklärt sich aus diesem zum Himmel stinkenden Vorfall die distanzierte Darstellung, die sicherlich von der ursprünglichen, durch unmittelbare Teilnahme stark persönlich gefärbten Erzählung Podestas bedeutend abweicht.)
1
Ernst Schmidbruch, der Präsident der Interkontinentalen Speisewagen AG, war dieser Tage einundsechzig Jahre alt geworden. Er war ein mittelgroßer, magerer Mann mit einem faltenreichen Gesicht, das mitunter einen höchst verkniffenen Ausdruck annehmen konnte. Man konnte jedoch nicht sagen – wie dies bei anderen faltenreichen Gesichtern der Fall sein mag –, daß die vielen Falten und Fältchen sein Gesicht durchfurchten. Dieses Bild stimmte bei Schmidbruch nicht. Viel eher drängte sich der Vergleich mit den säuberlich gebügelten und streng geordneten Falten eines plissierten Stoffes auf. Es war, als seien alle diese Falten und Fältchen nach einem bestimmten Schema in die stets glattrasierte Gesichtshaut des Präsidenten hineingelegt, hineingefaltet worden.
Es hätte vermutlich auch kaum jemanden verwundert, wäre dieses schmale, hagere Gesicht plötzlich wie ein Fächer auseinandergegangen und hätte auf seiner ausgebreiteten Fläche ein unheimlich langes Inhaltsverzeichnis der verschiedensten Dinge und Vorkommnisse gezeigt. Wie abgelegte Akten lagen die Falten in diesem Gesicht, starr, unbeweglich und doch voll Spannung, voll geheimer, gut aufbewahrter Fakten – jederzeit greifbar –, voll unausgesprochener Drohungen hinter einem breiten, schmallippigen Mund, hinter gleichmütig dreinblickenden, blaugrauen Augen.
Präsident Schmidbruch war bekannt ob seiner Schweigsamkeit. Unter den Beamten und Angestellten der Interkontinentalen Speisewagen AG ging sogar die Rede, er wäre durch seine Schweigsamkeit Präsident geworden. Das war ein Gerücht, dessen Wahrheit niemand nachweisen konnte, nicht mehr. Trotzdem mag es kurz berichtet sein. Man sagt, Schmidbruch hätte damals, nach dem Tod des vorhergehenden Präsidenten, in seiner Eigenschaft als Direktor der Inspektionsabteilung eine Zusammenkunft der Hauptaktionäre arrangiert, bei welcher er die Versammelten um Vorschläge für einen Nachfolger des verstorbenen Präsidenten gebeten habe. Die Mehrheit der Aktionäre habe sich dabei auf von Stechenkamp geeinigt, der als Vertreter der Kleinaktionäre im Aufsichtsrat war und als ehemaliger Diplomat über ausgezeichnete Verbindungen verfügte. Dieser von Stechenkamp war ein äußerst geachteter, schon ziemlich alter Mann, der mit großer Ängstlichkeit auf seine Reputation bedacht war. Da er von den Geschäften, die ihm als Aufsichtsrat oblagen, nichts verstand, hatte er sich immer von Schmidbruch als Direktor der Inspektionsabteilung beraten lassen und war dabei immer gut gefahren. Als ihm Schmidbruch daher jetzt berichtete, daß er als Präsident vorgeschlagen sei, war es nur selbstverständlich, daß er diesen sogleich fragte, ob er dies annehmen solle. Auf diese Frage nun, so erzählt das Gerücht, habe Schmidbruch geschwiegen. Dieses vieldeutige Schweigen wäre der eigentliche Grund für den ängstlichen von Stechenkamp gewesen, die Wahl abzulehnen. Wie dem auch sei. Tatsache ist, daß von Stechenkamp in der Vollversammlung die auf ihn entfallene Wahl mit dem Hinweis auf sein Alter ablehnte und gleichzeitig in einer aufsehenerregenden Rede Schmidbruch als Präsidenten vorschlug. Aufsehen erregte die Rede hauptsächlich deshalb, weil sie voll dunkler Andeutungen war, die sich niemand zu deuten wußte, die aber alle darauf hinzuweisen schienen, daß nur noch ein Mann von der Sachkenntnis und der Energie, wie sie sich beide glücklicherweise in der Person des Direktors der Inspektionsabteilung Ernst Schmidbruch vereinigten, die Zukunft retten könne. Die Rede war von derart diplomatischer Meisterhaftigkeit, daß an ihrem Ende niemand mehr die Lage überblickte und jeder das Gefühl hatte, daß die Wahl Schmidbruchs zum Präsidenten der einzige Ausweg sei. Im darauffolgenden Wahlgang wurde denn auch Schmidbruch fast einstimmig zum Präsidenten der Interkontinentalen Speisewagen AG gewählt.
Tatsache ist weiter, daß Schmidbruchs Schweigen System hatte, ja, man kann ruhig sagen: Es war eine Art zu regieren. Dadurch nämlich, daß er schwieg, zwang er seine Direktoren und Referenten zum Reden. Da er nun aber ganz gewaltig in Zorn geraten konnte, wenn in seiner Gegenwart unvernünftig geredet wurde, zwang er in Verein mit dieser zweiten Eigenschaft durch sein Schweigen seine Mitarbeiter, vernünftig zu reden und, da auf die Dauer niemand vernünftig reden und unvernünftig handeln kann, auch dementsprechend zu handeln.
Schmidbruch war verheiratet. Er wohnte mit seiner Familie in einer großen Villa vor der Stadt. Seine Familie, das war seine fünfzehn Jahre jüngere Frau und seine achtzehnjährige Tochter.
Seine Frau war eine mit den Jahren üppig gewordene Blondine, die, bevor sie Schmidbruch geheiratet hatte, Soubrette in einem Provinztheater des Nachbarlandes gewesen war. Schmidbruch wußte eigentlich nicht mehr, warum er sie geheiratet hatte, aber er hatte es nie bereut. Sie mischte sich nie in seine Angelegenheiten und verschonte ihn auch mit den ihren. Obwohl sie keineswegs klug war, dürfte sie doch schon sehr früh erkannt haben, daß dies die beste Art war, mit Schmidbruch auszukommen. So herrschte zwischen diesen Ehegatten seit Jahren immer das gleiche kühlfreundliche Klima, und hätten sie sich nicht mit den Vornamen angesprochen, sie ihn mit Ernst, er sie mit Alma, wäre es für einen Außenstehenden schwer gewesen, sie nicht untereinander für fremd zu halten. Die Tochter war ein hochaufgeschossenes, grobknochiges Mädchen. Wie die Mutter, deren Vornamen sie auch trug, neigte auch sie zur Üppigkeit. Sie hatte ein breites, offenes Gesicht, trug Augengläser, einen blonden Wuschelkopf, war alles in allem ein sympathischer junger Mensch. Ihr Verhältnis zu ihrem Vater war burschikoser, trockener Natur, dennoch einen Ton herzlicher als das der Ehegatten untereinander. An ihrer Mutter hing sie sehr. Alma die Alte und Alma die Junge sah man oft ineinander eingehängt zusammen durch die Stadt bummeln, sah sie in Modesalons „Vogue“ und „Elegance“ durchblättern, sah sie gelangweilt in einem der zwei Nobelcafés sitzen, die es in der Stadt gab, sah sie nie ohne einen kleinen, struppigen, schmutzigweißen Hund, der Fiffy hieß, und den sie an einer kurzen Leine immer hinter sich herzogen, was Fiffy nie ohne wütendes Protestgekläff geschehen ließ.
Sonst wäre von Präsident Schmidbruch noch zu sagen, daß er gewisse feste Gewohnheiten hatte, denen er ebenso pünktlich und exakt nachkam wie seiner Arbeit. So pflegte er zum Beispiel sonntagsvormittags Golf zu spielen, und freitagsabends ins Kino zu gehen.
Eine Merkwürdigkeit sei noch erwähnt. Er fuhr immer selbst. Auto fahren war eine seiner wenigen Leidenschaften oder zumindest die einzige, die als solche bekannt war.
5. Kapitel
Autofahren, das war das Stichwort für Pizarrini. Autofahren, des Präsidenten Leidenschaft! Welch ein Zufall! War es nicht auch seine? Er konnte sich ihr zwar nur in sehr beschränktem Maß widmen, da er ja kein eigenes Auto besaß. Aber davon reden, das konnte, das mußte er, sobald davon nur irgendwie die Rede ging. Er unterbrach Podesta und fragte Schmidbruch: „Was für einen Wagen fahren Herr Präsident derzeit am liebsten?“
Der hob seinen noch immer über die Speisekarte gebeugten Kopf, nickte ihm freundlich zu und rief nach dem Kellner. Der Kellner eilte herbei.
„Tja“, sagte Schmidbruch, „ich bin in letzter Zeit immer einen Mordial 22 gefahren.“
Der Kellner hatte es gerade noch gehört.
„Was darf es sein?“ fragte er in beflissenem Ton.
„Eh, etwas Einfaches, ist das Brathuhn gut?“
„Hervorragend.“
„Bringen Sie mir ein halbes!“
„Die Herren wollen auch etwas?“
„Ja“, sagte Podesta, „ja, Sie können mir auch ein halbes Huhn bringen.“
„Mir das gleiche“, sagte Pizarrini ungeduldig und wandte sich wieder zu Schmidbruch: „Ein Mordial 22? Ein phantastischer Wagen, nicht wahr?“
„Herr Ober!“ rief Schmidbruch dem enteilenden Kellner nach, der darauf mit einer geradezu tänzerisch anmutenden Kehrtwendung zurückkam.
„Mein Herr?“
„Eh, bringen Sie uns noch eine Flasche Weißwein. Haben Sie eine Getränkekarte?“
Der Kellner reichte Schmidbruch die aus einem einzigen, abgegriffenen Blatt Papier bestehende Getränkekarte mit einer Geste, als übergebe er einen kostbaren, in Schweinsleder gebundenen Folianten. Schmidbruch überflog das Papier kurz, dann sagte er: „Gumpoldskirchner Spätlese.“
„Herr Präsident fahren sicher das Sportcoupé“, fing Pizarrini wieder an.
„Wissen Sie, junger Freund“, antwortete Schmidbruch, ohne auf Pizarrinis letzte Frage näher einzugehen, „der Mordial hat einen Fehler. Er ist zu langsam.“
„Zu langsam?“ Pizarrini starrte Schmidbruch entgeistert an.
„Aber“, stotterte er, „der Mordial ist doch der schnellste Wagen, den es derzeit auf dem Markt gibt.“
Schmidbruch wäre ob dieses Einwandes beinahe in Verlegenheit geraten, doch er wußte sich zu helfen. Mit einem einfachen „Entschuldigen Sie mich einen Moment, bitte“ entzog er sich dem lästigen Gespräch, stand auf und ging hinaus.
Pizarrini blickte ihm kopfschüttelnd nach: „Zu langsam? Der Mordial 22?“
„Spielen Sie auch Billard?“ lenkte ihn Podesta ab.
„Nein“, sagte Pizarrini und blickte zu den Billardspielern hinüber. Da vertauschte Podesta schnell sein noch beinahe volles Schnapsglas mit dem leeren Pizarrinis.
„Sie haben Ihren Kontiuszowska noch nicht ausgetrunken.“
„Tatsächlich“, murmelte Pizarrini und trank ihn aus.
„Schmeckt er?“
„Ich weiß nicht, ich weiß nicht. Wo bleibt denn der Herr Präsident so lange?“
„Um den brauchen Sie sich keine Angst zu machen.“
„Angst nicht, doch wer weiß, ich weiß nicht, vielleicht doch, ich weiß nicht, ich weiß nicht …“
„Hören Sie, ich werde Ihnen jetzt weitererzählen, vorausgesetzt natürlich, vorausgesetzt, es interessiert Sie.“
„Warum nicht?“ lallte Pizarrini mit schwerer Zunge, „warum nicht, schließlich bin ich Buchhalter.“
Podesta senkte seine Stimme und begann von neuem.
Podestas Erzählung
2
Schmidbruch hatte alle Feiern anläßlich seines Geburtstages verboten. Er hatte andere Sorgen. Die Umsätze gingen seit geraumer Zeit konstant zurück. Aber niemand wußte, warum. Schmidbruch saß in seinem Büro, ließ sich berichten und dachte nach. Er saß vor einem mächtigen, mit rotem Leder überzogenen Schreibtisch und starrte vor sich hin. Endlich blickte er auf und sah die zwei Herren, die ihm gegenübersaßen, bedeutungsvoll an. Die beiden Herren waren der Direktor der Inspektionsabteilung Dollmer und Sibers, der Direktor der Buchhaltungsabteilung.
„Zusammenhänge, es muß doch Zusammenhänge geben“, eröffnete Schmidbruch das Gespräch.
Die beiden schwiegen betreten. Dann sagte Dollmer, ein schätzungsweise vierzigjähriger Mann mit einem kraftvollen Bulldoggengesicht: „Sicher.“
Und Sibers seufzte: „Aber wo?“
Schmidbruch fuhr sie zornig an: „Ist das alles, was Sie wissen?“
Dollmer räusperte sich und setzte zu einer längeren Rede an: „Rein zahlenmäßig gesehen, ergibt sich die …“
Sibers, bedeutend älter, weißhaarig, goldumrandete Augengläser auf einer langen, schmalen Nase, unterbrach ihn: „Wir haben lediglich Vermutungen.“
„Rein zahlenmäßig ergibt sich was?“ fragte Schmidbruch.
„Tja“, sagte Dollmer langsam und schüttelte sein massiges Haupt mit rührender Hilflosigkeit. „Tja, das ist es eben, rein zahlenmäßig ergibt sich nämlich gar nichts.“
„Die Umsätze sind zurückgegangen, aber die Proportionen der diversen Posten innerhalb der letzten Jahresbilanzen sind nahezu gleich“, versicherte Sibers mit Nachdruck. Und der Bulldogge setzte bekümmert hinzu: „Geringfügige Abweichungen ohne jede tiefere Bedeutung.“
„Was schließen Sie daraus?“ fragte Schmidbruch. Sibers blickte Dollmer kurz an, als wollte er sich dessen Hilfe versichern, und stieß dann hervor: „Wir sind beide zum selben Ergebnis gekommen: außerbetriebliche Ursachen.“
„Ach was“, Schmidbruch sprang zornig auf, nahm sich aus einer in die Wand eingelassenen Hausbar eine Flasche Schnaps, schenkte sich ein Glas ein, kippte es hinunter und setzte sich dann wieder an seinen Schreibtisch.
Er lehnte sich weit in sein breites Lederfauteuil zurück und fuhr etwas beruhigter fort: „Außerbetriebliche Ursachen, immer höre ich dasselbe. Meine Herren, die Annahme außerbetrieblicher Ursachen zur Erklärung des Rückganges unserer letzten Jahresumsätze ist nichts anderes als eine Umschreibung des Eingeständnisses, keine innerbetrieblichen gefunden zu haben.“
Sibers und Dollmer hielten ihre Köpfe gesenkt wie beim Schwindeln ertappte Schuljungen. Sibers nahm die Mappe, die bei ihm auf dem Schreibtisch lag, blätterte sie durch und reichte sie dann Schmidbruch hin, dabei sagte er langsam und jedes Wort betonend: „Wir haben keine innerbetrieblich bedingten Ursachen gefunden, weil es offenbar“, er wiegte die Mappe bedeutungsvoll auf und ab, „keine gibt. Überzeugen Sie sich, bitte, selbst.“
Schmidbruch nahm ihm mit einem knappen, unangenehm scharfen „das werde ich, und zwar sogleich“ die Mappe ab und begann ihren Inhalt zu sichten. Schließlich nahm er drei zusammengeheftete, engbeschriftete Bogen heraus und begann dieselben aufmerksam durchzulesen. Aber er hielt es nicht lange aus, er schob die Mappe schroff weg und sagte mit grollendem Unterton: „Trotzdem sage ich Ihnen, daß die Annahme außerbetrieblicher Schwierigkeiten ein fauler Selbstbetrug ist.“
„Aber, Herr Präsident“, sagte Sibers, der bei den letzten Worten Schmidbruchs einen roten Kopf bekommen hatte, „Sie werden doch zugeben müssen, daß es so etwas wie außerbetriebliche Schwierigkeiten gibt.“
„Muß ich das zugeben? Gut, gebe ich Ihnen zu, und Sie werden mir dafür zugeben, daß man außerbetriebliche Schwierigkeiten durch innerbetriebliche Maßnahmen beseitigen kann. Wir hängen nicht von Ihren vielbemühten außerbetrieblichen Fakten ab, meine Herren, das können wir uns nicht leisten.“
Darauf Dollmer sachlich, trocken und mit großem Ernst: „Ich kann Ihnen nicht voll zustimmen, Herr Präsident, das Verhältnis eines Unternehmens zu den außerhalb des Betriebes liegenden Faktoren ist keineswegs so einseitig, als daß man es allein durch innerbetriebliche Maßnahmen meistern könnte.“
„Nicht so einseitig!“ schrie Schmidbruch und stellte seine tausend Falten auf. „Nicht so einseitig, gleich werden Sie behaupten, daß es dialektisch ist! Diese Tour kenne ich! Wissen Sie, wie man so etwas bei seinem wahren Namen nennt, meine Herren?“ Er machte eine Pause. Die beiden schauten ihn erschrocken an. Einen derartigen Ausbruch hatten sie sich nicht erwartet. Da brüllte er von neuem los: „Kommunismus!“ Seine Stimme überschlug sich: „Kommunismus in Reinkultur.“ Er brach jäh ab, maß sie mit kaltem Blick und sagte mit eisiger Stimme: „Sie können gehen.“
6. Kapitel
Podesta hatte, als er ein Nachlassen der Aufmerksamkeit Pizarrinis zu bemerken glaubte, sich kurz entschlossen, einen schon mehrmals erprobten Kunstgriff anzuwenden, und war dem darauf völlig unvorbereiteten Pizarrini mit dem Kommunisten-Geschütz in die Parade seiner beginnenden Unaufmerksamkeit gefahren. Die Wirkung war wie erwünscht. Pizarrini war sofort wieder bei der Sache. Er blickte Podesta verdutzt an und sagte bloß: „Kommunisten? Das verstehe ich nicht.“
Podesta hätte zufrieden sein können. Es wäre ihm ein leichtes gewesen, Pizarrini von diesem Thema, nachdem es seinen Zweck erfüllt hatte, wieder abzulenken, wäre nicht gerade Schmidbruch wieder zurückgekommen und hätte nicht Pizarrini aller Trunkenheit zum Trotz mit beharrlicher Zähigkeit daran festgehalten, mit dem Präsidenten selbst ins Gespräch zu kommen. Was ihm dessen Mitarbeiter, dieser Ingenieur Podesta, da alles erzählte, erachtete er zwar für ungeheuer wichtig und informativ, aber die dabei aufgeworfenen Probleme wollte er doch lieber mit dem Präsidenten selbst besprechen.
Haha, so dumm war Pizarrini nicht und so betrunken auch nicht, als daß er sich nicht längst seinen Reim auf die ganze Sache gemacht hätte. Für ihn stand fest: Aus der Unterhaltung mit Präsident Schmidbruch konnte die große Chance seines Lebens erwachsen.
Gut, er hatte nun schon einige Schnäpse getrunken und war nicht mehr ganz richtig, hatte vielleicht einen Rausch, aber er wäre nicht Pizarrini, der bleiche, fette, junge Buchhalter gewesen, hätte er sich nicht zugleich mit diesem Selbstgeständnis gesagt, daß auch ein Rausch gebucht und in Ordnung gehalten werden kann.
Podesta hielt Schmidbruch bisweilen für einen vertrottelten Präsidenten, und daß er gerade jetzt daherkam, für einen weiteren Beweis dafür. Er warf ihm einen wütenden Blick zu.
Schmidbruch, der seinen Mitarbeiter hingegen wiederum in Verdacht hatte, daß er bisweilen Geschäfte auf eigene Rechnung machte, nahm diesen Blick als sicheres Zeichen dafür, daß er gerade im richtigen Augenblick gekommen war, solches zu verhindern, und setzte sich mit zufriedenem Lächeln nieder.
Wer jedoch beschreibt seine Überraschung, als sich Pizarrini ihm zuwandte und ihn mit dem gesammelten Ernst seines in Ordnung gehaltenen Rausches fragte: „Herr Präsident, was halten Sie vom Kommunismus?“
Jede Frage hätte er sich erwartet, nur diese nicht. Aber Schmidbruch konnte sich beherrschen. Von den tausend Falten seines Gesichtes bewegte sich keine, auch nicht die kleinste. Er blickte Pizarrini tief in die Augen und sagte voll würdiger Altersweisheit: „Junger Mann, auch unter den Kommunisten gibt es solche und solche.“
Pizarrini nickte ihm zu und wartete offenbar auf weiteres. Schmidbruch sah ihn forschend an. Die Sache begann schwierig zu werden. Ja, wenn er Pizarrinis Gesinnung besser gekannt hätte, wäre es die einfachste Sache der Welt gewesen, aber so? Er wußte nicht, sollte er schimpfen oder loben, verdammen oder in den Himmel heben. Da trat ihm Podesta auf den Fuß und bedeutete ihm zu schweigen.
Schmidbruch jedoch glaubte, Podesta wollte ihm bedeuten, daß Pizarrini ein Kommunist sei, und schickte sich schon an, ein Loblied auf den Kommunismus anzustimmen, als ihm blitzschnell der Gedanke durch den Kopf schoß, daß er als Präsident einer AG sich nicht als fanatischer Kommunist gebärden könne, ohne damit Argwohn zu erwecken; andererseits war ihm natürlich daran gelegen, Pizarrini nicht zu verstimmen. So war die Situation. Und da er sie klar erkannt zu haben glaubte, bereitete es ihm keinerlei Schwierigkeiten mehr, ihr zu begegnen. Schwierig ist bei derlei Schwindeleien immer nur die grundsätzliche Frage der richtigen Grenzen, innerhalb derer man sich bewegen darf, das Einerseits und Andererseits, das man zu beachten hat. Hat man das erkannt, hat man die Grenzen richtig abgesteckt, ist alles andere nur noch Spiel und Routine, eine Sache, die Schmidbruch sozusagen mit der linken Hand zu erledigen gedachte.
„Solche und solche“ wiederholte er bedächtig, und dann fuhr er zögernd und nur langsam schneller werdend fort, „wissen Sie, junger Mann, ich habe mich ja nie viel um Politik gekümmert, ich habe immer nur meinen Beruf geliebt. Ja, wenn ich heute so zurückdenke, dann glaube ich sagen zu können, über meinem Leben könnte sozusagen als Motto stehen: Ein Leben für den Beruf. Aber der Mensch kann nicht nur für seinen Beruf leben. Das ist klar, das ist nun einmal so. Der Mensch braucht einen Ausgleich. Er braucht sozusagen etwas Höheres, einen Speicher seelischer Kraftreserven, der ihn, wenn ihn das Alltagsleben zu zermürben droht, mit frischen Kräften speist. Und so, wie ich mir heute im Alter diesen Ausgleich schaffe, indem ich am Steuer meines Mordial 22, dieses prachtvollen, unerhört schnellen Wagens, harte Bewährung suche und leiste, so huldigte ich auch schon in meiner Jugend der Forderung Nietzsches: Lebe gefährlich! Ich war und bin ein begeisterter Turner. Ah, Sie hätten mich damals in meiner besten Zeit sehen sollen. Wenn ich etwa nach der Kür auf den Ringen mit zweifachem Salto mortale auf das Hochreck wechselte, um mich dort mit einer dreifachen Riesenwelle mit unnachahmlicher Eleganz über den Barren zum Bodenturnen abrollte. Glauben Sie mir, das hat mir seither keiner mehr nachgemacht und ich hätte – von Geld ganz zu schweigen – viel Ehr und Lorbeer damit einheimsen können. Ja, viel, olympische Ehren wären mir sicher gewesen. Aber für mich war, ist und bleibt das Turnen keine Sache äußeren Ruhmes, sondern Auftrag und Erfüllung einer unabdingbaren, inneren, ethischen Forderung: mens sana in corpore sano. Wenn wir seinerzeit als junge Turner so hinauszogen in die Natur, ein kampffrohes Trutzlied gegen Welschland auf den jugendfrischen Lippen, in Viererreihen marschierten, Liedchen sangen, Fähnchen schwangen, so recht nach Turners Wahlspruch: frisch, fromm, fröhlich, frei! Juchheissa, heissa, heissassa, was gäbe es da wohl Schöneres, was Erhebenderes als solch Gemeinschaftserlebnis? Nichts, junger Mann, glauben Sie mir, nichts! Wer die vier F, frisch-fromm-fröhlich-frei, nie im Pulsschlag seines Blutes gefühlt hat, ist und bleibt ein armer Tropf! Wer sie aber zum Leitstern seines Lebens erkoren, der ist glücklich zu preisen! Er hat ein Universalrezept, mit dem er heil durch alle Wechselfälle des Lebens bis an den sicheren Tod kommt. Wo andere müde werden, bleibt er frisch, wo andere Skrupel bekommen, bleibt er fromm, wo andere verzweifeln, fröhlich. Er ist im ungeschmälerten Besitz der Einsicht in die Notwendigkeit, fügt sich und bleibt frei, wo andere, mit weniger Einsicht Begabte, widerstreben, eingesperrt werden und sich unfrei fühlen. Und nun, ich merke es Ihnen an, wollen Sie mich fragen, was denn das alles mit Kommunismus zu tun habe. Nichts, werden Sie sich denken, und, daß ich es Ihnen frei gestehe, vor vierzehn Tagen war ich genau derselben Meinung. Doch in der Zwischenzeit hatte ich ein merkwürdiges Erlebnis, ein meine bisherigen, diesbezüglichen Anschauungen geradezu revolutionierendes Erlebnis. Ich saß in einem Kino und schaute mir eine Wochenschau an, und in dieser Wochenschau war auch ein Aufmarsch kommunistischer Turner zu sehen. Und wie ich diese Jugend da, lauter prächtige Jungens und Mädels mit kraftvollen, gut durchtrainierten Körpern – als alter Turner habe ich da einen Blick dafür, das können Sie mir glauben –, wie ich diese prächtigen Jungens und Mädels da marschieren sehe, in Viererreihen marschieren, Liedchen singend, Fähnchen schwingend, da hat mich das plötzlich gewaltig gepackt, und ich wäre am liebsten noch einmal jung gewesen und mit dieser sonnigen Jugend hinausgezogen in ein schöneres, werkfrohes Leben. In ein Leben, geleitet von einer Theorie von unverwelklicher Frische, erfüllt von einer die Gegenwart kühn mißachtenden, heroisch in die Zukunft gerichteten Frömmigkeit, fröhlich bei dem Gedanken an das schöne Leben meiner Kindeskinder und frei von all den Pseudofreiheiten, die dem erhabenen Gedanken wahren Fortschritts widersprechen.“
Schmidbruch machte eine Pause. Er hatte sich in seine Rolle hineingesteigert, daß ihn weder die verständnislosen, verwunderten Blicke Pizarrinis noch die versteckten Bemühungen Podestas aufzuhalten vermocht hätten, wäre nicht etwas anderes geschehen. Er wollte gerade wieder anfangen und Pizarrini erklären, daß man die Richtigkeit einer Weltanschauung durchaus nicht an ihren menschlichen Schwächen allzusehr ausgesetzten Folgen erkennen könne, sondern einzig und allein an der turnerischen Exaktheit der Disziplin ihrer Anhänger.
Er hatte gerade noch sagen können: „Nicht an ihren Früchten, an ihrer Disziplin werdet ihr sie erkennen…“, als der Kellner mit dem Wein kam und ihn bat, davon zu kosten.
Der Wein war gut, er machte ihn wieder nüchtern. Befriedigt nickte er mit dem Kopf, und der Kellner schenkte ihnen die Gläser voll.
Pizarrini hatte Schmidbruchs Redeerguß nicht verstanden. Das einzige, was er davon behalten hatte, war, daß Schmidbruch in seiner Jugend offenbar ein exzellenter Turner gewesen war.
Komisch, dachte Pizarrini, während er an dem Wein roch, komisch, das reizt mich wieder gar nicht, und ich halte doch bestimmt auch auf Ordnung. Schmidbruch und Podesta schenkten sich bereits zum zweiten Mal ein.
„Trottel“, zischte Podesta, dem Pizarrinis Schweigen nicht geheuer vorkam, Schmidbruch zu. „Trottel, er ist ja gar kein Ko...“
„Er ist kein Ko?“ Schmidbruch zündete sich eine Zigarette an und zog hastig daran. „Er ist kein Ko? Aber du hast mir doch gedeutet, er sei Ko!“
„Bitte?“ sagte Pizarrini, der etwas von Co. gehört hatte, und blickte von seinem Glas auf.
„Der Herr Präsident meinte“, gab Podesta würdevoll zur Antwort, „ich möge fortfahren, Ihnen von der Arbeit des Herrn Präsidenten zu erzählen.“
Pizarrini nickte eifrig ja. Aufgepaßt, flüsterte er sich leise zu, aufgepaßt, Pizarrini, das scheint eine Art Aufnahmeprüfung zu sein, sonst nichts.
Schmidbruch konnte seine Bestürzung nicht gut verbergen und starrte ratlos vor sich hin.
Podesta machte noch schnell einen kräftigen Schluck, dann begann er von neuem.
Podestas Erzählung
3
Nach diesem Zusammenstoß mit zweien seiner leitenden Direktoren beschloß Präsident Schmidbruch, in dieser Sache selbst die Initiative zu ergreifen. Er rief zunächst den Direktor der Personalabteilung zu sich und ging mit ihm die Personalakten der letzten Jahre durch. Er vermutete nämlich, der Rückgang der Umsätze ließe sich durch größere personelle Veränderungen erklären. Allein, sein Verdacht bestätigte sich nicht. Die personellen Veränderungen der letzten Jahre waren unbedeutend.
Der Personaldirektor atmete erleichtert auf, nahm seine Mappe und ging wieder.
Schmidbruch verfiel in längeres Nachdenken, kam aber an diesem Tag zu keinem Ergebnis.
Am nächsten Tag bestellte er den Generalküchenchef zu sich. Schmidbruch hegte vor diesem Mann die größte Achtung. Ja, er war innerhalb des riesigen Unternehmens, dem Schmidbruch vorstand, der einzige, mit dem Schmidbruch auf der Stufe von gleich zu gleich verkehrte. Er pflegte manchmal sogar von ihm zu sagen, daß er, Schmidbruch, zwar der Präsident der ISAG, jener aber ihre eigentliche Seele sei.
Mark Wondraschek, so hieß der Generalküchenchef, war früher einmal Kunstmaler gewesen und hatte in Erkenntnis seiner wahren Begabung erst verhältnismäßig spät den Pinsel mit dem Kochlöffel getauscht. Was ihm in der Kunst, der er den Rücken gekehrt hatte, tragisch versagt blieb, eröffnete sich ihm in den Gefilden edler Bratendüfte: hohe Meisterschaft.
Dies ermutigte den vielseitigen Mann zu einer Probe seines schriftstellerischen Könnens, und in kürzester Zeit schrieb er einen vielbesprochenen Bestseller. Das Buch, in dem er aus seinem Leben als Mensch und Künstler berichtete, hieß „Von der Palette zur Omelette“ und wurde in zweiunddreißig Sprachen übersetzt.
Insbesondere diesem Buch verdankte Mark Wondraschek sein Engagement als Generalküchenchef bei der ISAG (Interkontinentale Speisewagen AG).
Er hatte dann eine amerikanische Armeehelferin geheiratet, die ihrerseits schon mit dem Gedanken, einen General zu heiraten, in die Armee eingetreten war. Sie ließ sich zwar nach dreijähriger Ehe wieder von Wondraschek scheiden – Ursache hierfür war seine seelische Grausamkeit, die sich besonders darin zeigte, daß er beim Kochen leise vor sich hinzufuchteln pflegte –, aber da hatte er inzwischen schon eine neue Gewohnheit angenommen, nämlich die, seine Rede mit englischen Wörtern und Floskeln zu durchsetzen. Mark Wondraschek war von großer, kräftiger Statur.
Trotz seiner fünfzig Jahre hatten seine Augen noch immer den treuherzigen Ausdruck eines Kindes. Sein mächtiges Haupt zierte eine imposante Glatze, deren spiegelnde Glätte an einen Eislaufplatz erinnerte. Seine tiefe Stimme, seine an Pranken gemahnenden Hände, seine etwas schwerfällige Art zu gehen verliehen seiner Erscheinung etwas von der urwüchsigen Kraft eines Bären.
Als er nun in das Büro des Präsidenten trat, war seine Glatze das erste, was Schmidbruch von ihm zu sehen bekam. Glatzenwitze fielen ihm ein, und er konnte nicht verhindern, daß sich seine Falten zu einem Schmunzeln ordneten.
„Hello, Mister President“, rief Wondraschek, „ich sehe, Sie sind gut gelaunt.“
Und er drückte Schmidbruch die dargebotene Hand so heftig, daß dessen Lächeln einen Zug ins Schmerzhafte bekam. Wondraschek bemerkte dies mit Erstaunen und konnte es sich nicht richtig deuten. Sein Mitgefühl wogte empor, und indem er Schmidbruch noch kräftiger die Hand drückte, sagte er mit aufmunternder Stimme: „Keep smiling, Mister President, keep smiling.“
Schmidbruch schwor sich im stillen, diesem Mann nicht mehr so bald die Hand zu reichen, und bat ihn mit verbindlicher Geste, Platz zu nehmen.
Wondraschek ließ sich weit in den riesigen Fauteuil zurückfallen und blickte ungeniert herum. Sie saßen an einem kleinen Rauchertisch in der Ecke des Büros, und er konnte von seinem Platz aus bequem den ganzen Raum überblicken.
Schmidbruch zündete sich eine Zigarette an und begann: „Mein lieber Wondraschek, ich habe Sorgen.“
„Kein Wunder.“
„Wie meinen Sie das?“
„In diesem Büro müssen Sie Sorgen haben.“
„Müssen?“
„Kein einziges Bild an der Wand, was anderes als Sorgen sollen einem da kommen? Hängen Sie sich Bilder an die Wand, Mister President, Bilder! That is all!“
„Ach, Wondraschek, mir ist nicht nach Bildern, mir ist nach größeren Umsätzen.“
„Danach ist Ihnen?“
„Ja!“
„Davon verstehe ich nichts.“
„Mir scheint, ich auch nicht, und das ist meine größte Sorge. Denn, wie soll ich etwas ändern, was ich nicht verstehe. Ach, Wondraschek, glauben Sie mir, ich habe die letzte Nacht kein Auge zugetan.“
„Poor boy!“
„Wir müssen unbedingt wieder größere Umsätze als die letzten Jahre erzielen, sonst bin ich erledigt.“
„What will you do, was gedenken Sie zu tun, Mister President?“
„Mark, Sie müssen einige neue Werke kreieren, Werke, die den Geschmack der Zeit ins Schwarze treffen. Werke, die zu genießen das Publikum freudig einige hundert Kilometer Speisewagen auf sich nimmt. Werke, die nicht zu imitieren sind, die der speziellen Atmosphäre eines Speisewagens bedürfen, um voll genossen werden zu können. Werke, bei denen pro Schluck und Bissen mindestens eine Telegraphenstange vor dem Fenster vorbeiflitzen muß.“
„Sie verlangen Unmögliches, Mister President! Allein die eine Forderung, den Geschmack der Zeit ins Schwarze zu treffen, ist unerfüllbar, da es den Geschmack der Zeit nicht mehr gibt. Nicht nur in der Malerei, auch in der Kochkunst haben wir die Mitte verloren. Auch hier kämpft Europa einen verzweifelten Kampf gegen den tablettisierten Amerikanismus im Rücken und den materialistischen, alles Geistige leugnenden, sich nur auf gewöhnliches Essen verlegenden Kommunismus im Angesicht. Tabletten im Rücken, Kartoffeln im Angesicht, das ist der Zweifrontenkrieg des Abendlandes auf dem Gebiet der Kochkunst, das ist der wahre Grund des Rückganges der Umsätze in den Speisewägen. Und dagegen gibt es keine Hilfe, Mister President, dazwischen werden wir aufgerieben werden wie mürber Teig. Die große Zeit der Speisewägen ist vorbei. Tabletten und Kartoffeln, welch ein Ende!“
„Wahrscheinlich haben Sie recht, Mark, aber ich kann den Kampf nicht aufgeben. Zuviel steht auf dem Spiel. Wenn ich nur wüßte, wo ich beginnen soll!“
„Vielleicht ist es am besten, Sie machen eine Reise und essen inkognito in einem unserer Speisewägen; dann müßten Sie doch am ehesten sehen, warum die Umsätze zurückgehen.“
Schmidbruch gab keine Antwort und starrte vor sich hin; es war ihm nicht anzusehen, ob er den Vorschlag Wondrascheks aufgenommen hatte oder nicht. In dem großen Büro war es so still, als wäre es leer. Die Sonnenstrahlen fielen schräg durch die breiten, von Spitzenvorhängen verdeckten Fenster und zeichneten auf dem dicken, dunkelblauen Teppich helle Flecken, aus denen Staub hervorwirbelte.
„Ich glaube, das werde ich tun“, sagte Schmidbruch endlich und erhob sich, um Wondraschek hinauszugeleiten.
7. Kapitel
Die jungen Hühnchen, die nicht zu mager und nicht zu fett sein sollen, werden geputzt und dressiert in eine Bratpfanne gegeben, innen nur wenig gesalzen, mit Thymian und einer Spur Knoblauch, den man aber auf keinen Fall hervorschmecken darf, eingerieben, mit brauner Butter übergossen und schnell gebraten – zirka eine halbe Stunde –, bis die Haut goldbraun und knusprig ist.
Das Brüstchen wird sparsam mit luftgeselchtem Speck gespickt. Man gibt Croûtons mit Salmi aus falschem Schnepfenkot als Garnierung.
Der Kellner legte ihnen die Hühnchen speisegerecht auf die Teller und schenkte den restlichen Wein nach. Die geleerte Falsche, mit zwei Fingern am schlanken Hals gefaßt, wie absichtslos hin und her schwenkend, fragte er leichthin: „Noch eine?“
„Noch eine!“ antworteten sie einträchtig, nippten von dem goldgelben Wein und sogen in festlichem Vorgefühl den von den Tellern aufsteigenden Bratenduft mit aufgeblähten Nüstern durch ihre Nasen.
Schmidbruch zog mit Nonchalance ein Streifchen Speck aus dem knusprigen Brüstchen und legte es auf seine Zunge, wo es langsam zerging. Im Gegensatz zu der gerade noch gezeigten Nonchalance bemächtigte sich nun seines Wesens eine natürliche, durch nichts zu unterdrückende Feierlichkeit, die von dem inneren Glanz auszugehen schien, in dem seine Augen erstrahlten, während das Streifchen Speck auf seiner leicht gegen den Gaumen gedrückten Zunge kleiner und kleiner wurde.
Pizarrini hatte indessen ein Croûton auseinandergeschnitten und mit dem ihm allem Unbekannten gegenüber eigenen Mißtrauen davon gekostet. Doch wann ward wohl ein Mißtrauen schneller und gründlicher beseitigt als hier? Zuerst zögernd, dann – eingeleitet von einem jähen Ausruf des Entzückens – rasch und bedenkenlos zermalmte er das resche Gebäck mit ungeahnten Wonnen. Gier erfaßte ihn. Er spießte sich Bissen auf, die sein in diesem Augenblick an ein aufgerissenes Karpfenmaul erinnernder Mund kaum bewältigen konnte.
Schmidbruchs feierlich gehobene Stimmung störte solche Unart gewaltig, und er konnte sich eines deutlichen, mißbilligenden Kopfschüttelns nicht enthalten.
Pizarrini, der es sofort bemerkt hatte, tat, als hätte er es nicht bemerkt. Depp, dachte er sich, Depp! Der bildet sich wohl ein, ich könnte diese hinreißenden Dingerchen mit derselben Gelassenheit verzehren, mit der ich meine alltägliche Käsesemmel esse. Was weiß der, wozu ich fähig bin?
Sein mittägliches Abenteuer fiel ihm ein, und überzeugt von der wilden Leidenschaftlichkeit seines Wesens beschloß er, seiner Freßlust nicht länger nutzlos Widerstand zu leisten.
Mit demonstrativer Unbekümmertheit stürzte er sich auf die zwei übriggebliebenen Croûtons und fraß sie prackend und schmatzend zusammen. Als er mit ihnen fertig war, bestellte er sich nochmals drei. Dann erst wendete er sich dem Hühnchen zu. Podesta machte weniger Umstände, Er hatte die Fähigkeit zu essen, zu trinken, beides zu genießen und obendrein noch reden zu können.
Ja, es war, als könne er es mit vollem Mund und nasser Gurgel besser als in jedem anderen Zustand.
Podestas Erzählung
4
Schmidbruch befolgte den Rat Wondrascheks schon am nächsten Tag. Eine eigenartige Stimmung ergriff ihn, als er den Bahnhof betrat, und ließ ihn nicht mehr los.
Alles roch nach Abschied. Alles schien ihm den Stempel des Provisorischen, des Vorläufigen zu tragen. Selbst der feste, solide Betonbau, ausgestattet mit allem Komfort eines modernen Bahnhofs, schien ihm nicht frei davon.
Der Verkehr, das Kommen und Gehen der Reisenden, die Achtungrufe der Gepäcksträger mit ihren hochbeladenen Kofferkarren, die Stimme aus dem Lautsprecher, die den Reisenden die Ankunft und Abfahrt der Züge bekanntgab, all dies, obwohl vertraut aus der Zeit, in der er als kleiner Inspektor selbst noch fast jeden Tag auf irgendeinem Bahnhof weilte, irritierte ihn jetzt ungemein. Doch es war keineswegs so, daß ihm dies alles unangenehm gewesen wäre. Ganz im Gegenteil, er genoß die Verlorenheit, die Beziehungslosigkeit, das Ziellose, dem er sich hier ausgesetzt empfand, wie einen plötzlich wieder aufkommenden Wind, der weither durch seine Erinnerung wehte. In Gedanken versunken ging er zum nächsten Schalter.
„Eine Fahrkarte.“
„Wohin, bitte?“
Ja, wohin? Wohin wollte er eigentlich? Er wußte es nicht. Er hatte sich komischerweise darüber keine Gedanken gemacht. Er wollte irgendeinen Speisewagen kontrollieren. Das war alles. Speisewägen fuhren in jede Richtung. Es war nur gut, daß niemand hinter ihm stand, so konnte er wenigstens in Ruhe überlegen, wohin er fahren sollte. Der Schalterbeamte aber wurde ungeduldig.
„Wohin?“
„Zweihundert Kilometer irgendwohin.“
Der Beamte stutzte und blickte ihn prüfend an. Nach kurzem Zögern gab er ihm die Fahrkarte und nannte den Preis.
Schmidbruch nahm sie wortlos entgegen und zahlte. „Sie haben gesagt: zweihundert Kilometer irgendwohin. Ich mache Sie darauf aufmerksam, daß ich die Karte nicht umtauschen werde.“
Der Beamte sagte es mit einer vor Ärger bebenden Stimme.
Schmidbruch gab ihm keine Antwort und ging.
„Auf keinen Fall umtauschen werde!“ schrie ihm der Beamte nach.
Der wird sich noch lange nicht beruhigen, dachte Schmidbruch und stieg in den bereits am Bahnsteig stehenden Zug ein.
Nach der ersten Station ging er in den Speisewagen. Der Wagen war leer. Er bestellte ein Cordon bleu. Der Kellner war ihm nicht sympathisch.
„Arbeiten Sie schon lange im Speisewagen?“ fragte er ihn.
„Ein Jahr. Wünschen Sie etwas zu trinken?“
„Eine Flasche Bier.“
Schmidbruch schaute ihm mißmutig nach. Im anderen Wagenabteil machte sich nun ein zweiter Kellner, ein bedeutend älterer, zu schaffen. Schmidbruch beobachtete ihn interessiert. Plötzlich erkannte er ihn. Er erschrak fast; das war doch …
„Ihr Bier, mein Herr!“
„Danke. Sagen Sie, heißt Ihr Kollege da drüben nicht Ferdinand?“
„Ja, kennen Sie ihn?“
„Ich habe ihn schon jahrelang nicht gesehen.“
Der Kellner ging und flüsterte Ferdinand ein paar Worte zu. Der blickte zu Schmidbruch hin und kam auf ihn zu.
„Sie kennen mich?“ fragte er langsam und blickte Schmidbruch forschend an.
Schmidbruch nickte stumm. Er konnte jetzt nicht reden. Beim Anblick dieses alt gewordenen Gesichtes hatte ihn urplötzlich eine mächtige Rührung übermannt. Jetzt erkannte ihn auch Ferdinand.
„Sie, Herr Präsident?“ sagte er leise.
Der Kellner kam mit dem Cordon bleu. Schmidbruch sagte schnell: „Er braucht nicht zu wissen, wer ich bin.“ Der Kellner servierte ihm und zog sich sofort wieder zurück.
„Es braucht überhaupt niemand zu wissen, daß ich hier war, Ferdinand!“
„Niemand, Herr Präsident können sich vollkommen auf mich verlassen.“
„Setzen Sie sich zu mir her, Ferdinand, wir müssen verschiedenes miteinander besprechen.“
„Ich glaube, es ist besser, ich bleibe stehen, Herr Präsident.“
Ferdinand hatte das leise und mit aller Bescheidenheit gesagt, der er sich vor Präsident Schmidbruch zu befleißen verpflichtet glaubte, aber ein kaum merkbares, undeutbares Lächeln in seinem Gesicht ließ Schmidbruch jeden weiteren Versuch aufgeben, ihn doch zum Niedersetzen zu bewegen; er hatte das bestimmte Gefühl, daß das vollkommen aussichtslos wäre.
„Nun gut, bleiben Sie eben stehen.“
„Sehr wohl, Herr Präsident. Ich bleibe stehen.“
„Reden wir von etwas anderem.“
„Wie Euer Gnaden meinen.“
„Ich bin nicht ‚Eurer Gnaden‘ ich bin …“
„Euer Gnaden ist nicht Präsident, Herr Präsident.“
„Sie sollen nicht Präsident zu mir sagen.“
„Ich bleibe stehen.“
„Ferdinand! Ferdinand, Ferdinand!“
„Ja? Ich stehe zu Ihren Diensten.“
„Ferdinand!“
„Ja?!“
„Ferdinand, was halten Sie davon?“
„Wovon?“
„Davon!“ Schmidbruch zeigte auf die leeren Tische.
„Früher war das ganz anders.“
„Das weiß ich selber.“
„Das meine ich aber nicht.“
„Wie soll ich das verstehen?“
„Ich meine, früher war überhaupt alles anders.“
„Ach so, Sie meinen, früher war überhaupt alles anders?“
„Ja, das meine ich.“
„Warten Sie, bitte, einen Moment. Ich möchte mir gern ein paar Notizen machen.“
Schmidbruch zog ein giftgrünes Notizbuch aus seiner Rocktasche und notierte: Früher war überhaupt alles anders.
Kaum hatte Schmidbruch seine Notiz zu Ende geschrieben, fuhr Ferdinand fort:
„Früher, ja früher … Früher hat es nur einen Speisewagen gegeben. Und heute? Heute führt jeder Zug, jeder Pimperlzug, möchte ich am liebsten sagen, einen Kinowagen mit, einen Badewagen, einen Lesewagen, einen Sportwagen, einen Spielwagen, einen Aussichtswagen und so weiter und so weiter. Früher ist der Reisende in den Speisewagen gegangen, wenn ihm langweilig war. Heute? Heute geht er ins Kino, ins Bad, er geht lesen, spielen oder sonst irgendeinen Blödsinn machen. Für das Cordon bleu, das Sie da kalt werden lassen. Essen Sie doch, bitte, ist ja eine Schande, wenn es kalt wird, so ein schönes Stück!“
„Kümmern Sie sich nicht um das Cordon bleu, das kann warten, die Hebung des Umsatzes nimmermehr. Mein Werk ist in Gefahr, was kümmert mich da mein Essen. Fahren Sie fort!“
„Sehr wohl. Ich wollte sagen, ich, ich weiß nicht mehr, wo ich unterbrochen habe.“
„Sie sagten: Für das Cordon bleu hier …“
„Ja, für das Cordon bleu hier, ich meine, für das entsprechende Geld natürlich, kann sich heute ein Reisender ein paar Stunden in den Kinowagen setzen, er kann baden, er kann sich massieren lassen dafür oder was weiß ich noch alles mögliche dafür bekommen. Heute hat der Reisende ganz andere Möglichkeiten sich zu zerstreuen, heute ist eben alles ganz anders.“
Schmidbruch notierte: Heute ist alles ganz anders.
„Außerdem“, fuhr Ferdinand fort, „schauen Sie sich einmal um, was für eine Reklame die anderen alle machen. Daß Sie sich heute zum Beispiel im Zug baden können, das lesen Sie in jeder Illustrierten, das sehen Sie auf Plakaten, in Reklamefilmen, ja, sogar …“, er fingerte aus seinem Hosensack eine Schachtel Zündhölzer heraus und hielt sie Schmidbruch hin, „ja, sogar auf den Zündholzschachterln steht es schon oben, ist natürlich“, er warf selbst einen Blick darauf, wie um sich zu vergewissern, „ist natürlich auch ein nacktes Weib darauf. Ohne das geht es ja überhaupt nicht mehr.“
Schmidbruch notierte: nacktes Weib.
Ferdinand war nicht mehr zu halten: „Und was machen wir“, fuhr er fort, „wenn ich respektvollst fragen darf? Wir machen gar nichts. Die gekreuzten Gabeln im Fahrplan und die Aufschrift auf dem Waggon, das ist unsere einzige Reklame.“
Schmidbruch notierte: Reklame.
„Aber das alles wäre noch lange nicht das Schlimmste. Das Schlimmste ist, daß es keine Esser mehr gibt. Ich meine richtige, gute Esser, denen man nicht zuschauen kann, ohne selbst Appetit zu bekommen. Heutzutage essen alle so, als müßten sie eine Arbeit damit verrichten. Wenn man da zuschaut, wie die eilige Welt ihr Essen hinunterwürgt, süß und sauer mit dem gleichen faden Gesicht, vergeht einem jeder Appetit, und es darf einen nicht wundern, wenn unsere Waggons leer bleiben.“
„Sie glauben also, daß ein paar gute, genießerische Esser imstande wären, allgemeinen Appetit zu erregen, die Gäste zum Essen zu animieren, kurz und gut das Hauptmittel wären, unsere Umsätze wieder zu heben.“
„Genau das meine ich, Herr Präsident, genau das, ich werde Ihnen noch etwas erzählen, da war …“
8. Kapitel
Pizarrini hatte sich, als er noch eine Portion Croûtons bestellte, zweifellos zuviel zugemutet. Außerdem hatte er auch zu hastig und unbeherrscht gegessen; denn während er das köstliche Mahl schon beendet hatte, waren Schmidbruch und Podesta noch mitten darin. Jener schweigsam und mit behutsamem Genuß, dieser mit nicht weniger Freß- und Trinkfreude, aber auf eine andere Art: laut, ungeniert, seine Erzählung immer wieder mit Ausrufen des Entzückens und Wohlbehagens unterbrechend.
Pizarrini hatte sich zweifellos zuviel zugemutet.
Er saß bei einem weiteren Glas Wein, das er sich – unbeholfen und seiner tolpatschig gewordenen Hände nicht mehr sicher –, nicht ohne dabei etwas Wein zu verschütten, selbst nachgeschenkt hatte, und starrte trübselig vor sich hin. Es war ihm nicht gerade übel, aber Wohlbehagen war es auch nicht, was er empfand. Er hatte zuviel gegessen. Er kannte das. Immer, wenn er zuviel gegessen hatte, immer, wenn übermäßige Sattheit auf ihm lastete wie eine unerkennbare, sich nicht offenbarende Schuld, dunkelten ob seinem Haupt die schwarzen Schatten der Melancholie.
Er mußte rülpsen.
„Was bewegt Sie so?“ fragte ihn Präsident Schmidbruch teilnahmsvoll.
Pizarrini deutete auf den nassen Fleck verschütteten Weins, der inzwischen etwas kleiner geworden war, und sagte leise: „Die weißen Flecken auf dem Globus unserer Erde werden kleiner und kleiner. Bald werden sie ganz verschwunden sein. Ein paar Flecken noch im brasilianischen Urwald, ein paar in der Antarktis. In wenigen Jahren werden auch sie fein säuberlich kartographiert sein, und wir werden uns einbilden, unsere Erde nun ganz zu kennen. Aber, werden wir sie kennen, Herr Präsident, Herr Ingenieur Podesta? Glauben Sie wirklich, meine Herren, daß wir deshalb unsere Erde nun ganz kennen werden, weil auf dem lächerlichen Stück Papier, das wir Landkarte nennen, kein Fleck mehr frei sein wird, auf dem nicht irgendwelche Farben und Zeichen Gebirge, Wasser, Wüste oder ähnliches bedeuten werden? Nein, meine Herren“, er deutete abermals auf den nassen Weinfleck hin, „die weißen Flecken des Globus mögen kleiner und kleiner werden, sie mögen schließlich ganz verschwinden, aber der Wein, der verschüttet wurde, bleibt verschüttet. Daran kann kein Mensch mehr etwas ändern.“
Es war Präsident Schmidbruch und Ingenieur Podesta nicht anzumerken, welchen Eindruck die schwermütigen Betrachtungen Pizarrinis auf sie gemacht hatten. Gerade mit Teilen des Brathuhns beschäftigt, die ihre ganze und ungeteilte Aufmerksamkeit beanspruchten, waren sie außerstande, ihm zu antworten, und nickten ihm statt dessen nur einige Male ernst zu. Pizarrini, das muß zu seinem besseren Verständnis gesagt werden, hatte sich allerdings von ihnen auch gar keine Antwort erwartet. Er fühlte die eisige Luft der Einsamkeit um sich wehen und nahm ihr eifriges Nicken nur wie von ferne wahr. Was sollten die ihm auch antworten? Schmidbruch? Podesta? Wer waren diese Leute schon? Ein Präsident, ein Ingenieur, gut, aber was sollten sie in jenen Bezirken, in denen er sich jetzt befand? Überhaupt dieser Podesta. Was für einen Lärm der beim Essen machte. Und warum erzählte er immer nur von Präsident Schmidbruch? Schmidbruch, ja, Schmidbruch war Präsident der Interkontinentalen Speisewagen AG, den mußte er sich warmhalten. Aber dieser Podesta da, dieser Podesta …
Podestas Erzählung
5
Die kurze Unterredung mit Ferdinand war für Präsident Schmidbruch so aufschlußreich gewesen, daß er sich sofort nach seiner Rückkehr an ihre Auswertung machte. Er überflog noch einmal die kurzen Notizen, die er sich während des Gesprächs gemacht hatte:
a. Früher war überhaupt alles anders
b. Heute ist alles ganz anders
c. Nacktes Weib
d. Reklame
Er überlegte kurz und schrieb dann hinzu:
e. Genießer engagieren
Nach einer kurzen Weile aber strich er Punkt e wieder aus und schrieb statt dessen:
e. Podesta
Dann zog er sich aus und begab sich zur Ruhe.
Er schlief wie einer, der überzeugt ist, eine schwierige Aufgabe richtig gelöst zu haben.
(Wer war Podesta? Viele nannten ihn ein Ungeheuer, viele einen in seinem engeren Gebiet geradezu virtuosen Techniker, andere wieder hielten ihn für einen Scharlatan. Manche munkelten auch, daß er ein notorischer Säufer sei. Genaues …)
Jenes Spezialgebiet der Technik, das Podesta virtuos beherrschte, war die Elektronik und innerhalb dieser wieder der Bau von Homorobots. Roboter baute man ja schon lange. Diese Roboter, auch Maschinenroboter genannt, unterschieden sich von gewöhnlichen Maschinen lediglich dadurch, daß sie ein sogenanntes elektronisches Gehirn hatten, das es ihnen ermöglichte, größere und zum Teil sogar ziemlich komplizierte Arbeitsvorgänge ohne zusätzliche menschliche Steuerung auszuführen.
Die Homorobots nun unterschieden sich von den Maschinenrobotern lediglich durch ihre äußere Gestalt. Es waren menschengroße Puppen, die zuerst auf Betreiben des Militärs zu Versuchszwecken entwickelt worden waren, dann vom Film verwendet wurden und schließlich in großem Maß von der Vergnügungsindustrie. Es gab zum Beispiel eine große Vergnügungs-AG, die mit Homorobots riesige Gladiatorenkämpfe veranstaltete. Während man den in Serie hergestellten Homorobots ihren Puppencharakter sofort ankannte, war dies bei den von Podesta gebauten Einzelstücken sehr schwierig, ja, für Laien beinahe unmöglich.
Dieser Umstand allein hätte natürlich nicht dazu ausgereicht, Podesta für ein Ungeheuer zu halten. Den Ruf eines Ungeheuers verdankte Podesta ausschließlich der Tatsache, das heißt dem einen ganzen Komplex von Tatsachen umschließenden Umstand, daß er mit einigen der von ihm gebauten Homorobots ein Automaten-Bordell (er nannte es aus Tarnungsgründen gegenüber der von den Rechtschreibekünsten ihrer Klienten nur eine geringe Meinung habenden Gewerbebehörde: Automaten-Puffet) eröffnete, einen Selbstbedienungsladen der niederen Leidenschaften sozusagen.
Hatte nun diese Idee und ihre Verwirklichung zweifellos an sich schon etwas Ungeheuerliches und Verruchtes, so schien Podesta durch die Art, wie er sein Unternehmen rechtfertigte und verteidigte, durch die Argumente, die er dabei verwendete, noch um vieles verruchter. Kaltschnäuzig behauptete er zum Beispiel, seine Sexrobots, wie er diese spezielle Art der Homorobots nannte, gäben der Menschheit während ihrer jahrtausendealten Geschichte das erste Mal Gelegenheit zur Verwirklichung der wahren Freiheit des Individuums. Seine Sexrobots, reine Geschöpfe des Verstandes, ohne eigentliches Leben, durch spezielle Gedächtnisschaltungen jedoch geladen mit erotischen Lavamassen und so imstande, Phantasie schlagartig in greif- und fühlbare Wirklichkeit umzusetzen, seien ein eklatanter Beweis für das Primat des Geistes. Keine Religion der Erde, dies war eines seiner Hauptargumente, kenne den Begriff eines sündhaften Umganges mit Maschinen.
Seine Sexrobots erschlössen neue Wirklichkeiten, sie seien der Schnittpunkt des Menschen mit der Idee der Technik schlechthin, in ihnen transzendiere die Technik in das Menschliche, sie ermöglichten das erste Mal, der sokratischen Forderung des „Erkenne dich selbst“ im vollen Seinsumfang zu entsprechen, sie stellten die Existenz des Individuums in Frage und gäben sie ihm gerade dadurch wieder zurück, sie erhöben die Sinnlichkeit zur Seinlichkeit, triebhafte, amorphe Gelüste durch die Gedächtnisschaltung zu profiliertem, beharrendem Sein, sein Sein seien sie Seiendem und so weiter und so fort.
Dies aber war nur eine Seite der Podestaischen Rechtfertigungen. Er scheute sich nämlich nicht, die Frage der Sexrobots etwa auch im Lichte der Fremdenverkehrswirtschaft zu betrachten, und hatte sogar die Stirn, in einem öffentlichen Brief ihre Umwandlung in ein Staatsmonopol zu beantragen.
Ebensowenig scheute er sich natürlich, für sein Unternehmen regelrechte Reklame zu betreiben, die zur Hauptsache auf die Billigkeit und Harmlosigkeit seiner Sexrobots hinwies.
Aber es sollte nicht lange dauern, und die zunächst schockierte Öffentlichkeit holte zu vernichtenden Gegenschlägen aus, die schließlich zur polizeilichen Schließung des Unternehmens führten. Es war das Präsidium des Verbandes bodenständiger Bordellbesitzer, das in einer aufrührenden Resolution zuerst flammenden Protest gegen das Bestehen des Podestaischen Automaten-Puffets einlegte.
In der Resolution wurden die Sexrobots als grober Betrug am gesunden Volksempfinden, als eine unabsehbare Gefährdung der Volksgesundheit und damit als verfassungswidrig bezeichnet und ihre vollständige Vernichtung gefordert.
Natürlich fehlte es nicht an Stimmen, die hämisch die moralische Entrüstung, die aus jedem Wort dieser Resolution sprach, als puren Geschäftsneid in den Dreck zu ziehen versuchten, aber sie verstummten, als bald darauf der Verband abendländischer Militärtechniker in einer kurzen Veröffentlichung lakonisch mitteilte, daß Podesta wegen unehrenhafter Erfindungen aus dem Verband ausgeschlossen worden sei. Ein hervorragendes Mitglied des Verbandes führte dazu im Rahmen einer allgemeinen Pressekonferenz erläuternd aus, daß die modernen Kriegsmethoden zwar durchaus Möglichkeiten für den Einsatz von Sexrobots böten, und zwar nicht nur im verhältnismäßig begrenzten Gebiet des Nachrichtendienstes; daß aber ihre Art zu funktionieren im Gegensatz zu den herkömmlichen Waffen wie Atombomben, Gasgranaten et cetera den fundamentalsten Begriffen der Menschlichkeit und Fairness widerspräche und daher ein internationales Verbot zu erwirken sei, das ihre Anwendung strengstens untersage.
Der Verband kommunistischer Militärtechniker schloß sich dieser Forderung sofort an und führte dazu in einem längeren Artikel seines Zentralorgans „Für Frieden und Freiheit“ aus, die Sexrobots des Scheusals Podesta, ursprünglich dazu bestimmt, die Werktätigen von ihren wahren Interessen abzulenken, hätten sich, zurückprallend von der geschlossenen Front aller wahrhaft fortschrittlich denkenden Menschen, in einen Bumerang verwandelt, der nun seine Urheber, die in den kapitalistischen Sümpfen hausenden Verbrecher, Banditen, Blutsauger und Ohrenschmalzfresser, selbst bedrohe. Deshalb fordere man auf kapitalistischer Seite dieses Verbot.
Eine Forderung, der man sich anschließe, nicht weil man von Sexrobots etwas zu befürchten hätte, sondern weil man im Gegensatz zur Dekadenz der verfallenen und verkommenen kapitalistischen Welt den Mut habe, eine Sache auch dann zu verbieten, wenn sie einem nicht schaden könne.
Und nun erfolgten in nicht abreißender Reihenfolge Proteste auf Proteste. Jeder Protest von rechts löste einen solchen von links aus und umgekehrt, und die Eintracht, mit der Podestas Sexrobots abgelehnt wurden, hätte durchaus echt gewirkt, hätten nicht gewisse Erscheinungen am Rande des Geschehens unübersehbar davor gewarnt, sie tatsächlich für echt zu halten. Erscheinungen, die bald erkennen ließen, daß diese sogenannte Einheit der Aktion, wie ein diesbezüglicher Leitartikel einer parteilosen Kulturzeitung betitelt war, lediglich in dem kümmerlichen Feuerchen bestand, auf dem alle ihr Süppchen kochen wollten. Was Wunder, daß es dabei ausging.
Nachdem ein antiklerikales Winkelblättchen in einer groß aufgemachten Sondernummer sich zu der Behauptung verstiegen hatte, Podesta sei ein jüdischjesuitischer Freimaurer, der mit Hilfe seiner bolschewistischen Helfershelfer im Auftrage Wallstreets die gesunden, nationalen Kräfte …, nachdem dies geschehen war, griff die Staatsanwaltschaft endlich ein.
Zu ihrer Ehre muß festgestellt werden, daß sie zuerst jene Sondernummer beschlagnahmte und dann erst an die Beschlagnahme und Schließung des Podestaischen Automaten-Puffets schritt. Zum Glück fand sich ein alter Paragraph, der es gestattete, Podesta den Prozess zu machen und sein Eigentum für verfallen zu erklären. Denn es wäre nicht auszudenken gewesen, was passiert wäre, hätte die Rechtslage eine Entschädigung Podestas für die unumgänglich notwendig gewordene Enteignung seines Besitzes erfordert. Eine Revolution oder gar ein Niedergang der allgemeinen Steuermoral wäre die ebenso unausbleibliche wie katastrophale Folge gewesen.
Dank dieses alten Paragraphen jedoch ging noch einmal alles gut. Podestas Etablissement wurde geschlossen, seine Sexrobots wurden zu Gladiatoren umgebaut, und er selbst bekam eine mehrjährige Gefängnisstrafe aufgebrummt.
Als etwas Gras über die Sache gewachsen war, ließ man ihn wieder laufen.
Podesta war in der Haft scheinbar in sich gegangen. Er schwor dem weiteren Bau von Sexrobots feierlich ab und bekam durch die Vermittlung des Gefängnisgeistlichen eine Kassierstelle bei der Caritas. Leider jedoch fing er, nachdem er sich anfangs sehr gut geführt hatte, bald zu saufen an. In der Folge kamen einige kleine Unterschlagungen vor, die man ihm zwar nicht einwandfrei nachweisen konnte, und er wurde entlassen. In der nun folgenden Zeit ging es ihm schlecht. Er sah sich einem allgemeinen Boykott ausgesetzt und fristete sein Leben dadurch, daß er für vermögende Privatpersonen Sexrobots baute.
Die Polizei wußte zwar davon, doch lag ein geheimer Regierungsbeschluß vor, der sie am Eingreifen hinderte. Man hatte höheren Orts genug von Podesta. Außerdem standen Wahlen bevor.
Dies war die Lage Podestas, als ihm von Präsident Schmidbruch der Auftrag erteilt wurde, einen Homorobot zu bauen, der folgenden Bedingungen entsprechen müsse:
1. Er darf nicht als Robot zu erkennen sein.
2. Er muß essen und zahlen und auch eine gewisse Konversation führen können.
3. Podesta verpflichtet sich, gleichgültig ob er den Auftrag ausführt oder nicht, zu strengstem Stillschweigen.
Schmidbruch stellte ihm eine größere Summe zur Verfügung, und Podesta machte sich sofort an die Arbeit.
9. Kapitel
„Entschuldigen Sie, wenn ich Ingenieur Podesta unterbreche, aber ich glaube, ich bin Ihnen hier eine Erklärung schuldig.“
Schmidbruch, der Podesta während der letzten Sätze zu verstehen gegeben hatte, daß er nicht mehr weiterwußte, wandte sich mit diesen Worten an Pizarrini und fuhr, ohne dessen Antwort abzuwarten, sogleich fort.
„Junger Mann“, er blickte Pizarrini ernst an, „junger Mann, glauben Sie nicht, daß ich mir nicht vorstellen kann, wie es jetzt nach diesen schrecklichen Enthüllungen in Ihnen ausschaut, in welch innerer Zerrüttung Sie sich jetzt befinden. Ihre Ideale haben unter diesem sich selbst am wenigsten schonenden Bericht meines verehrten Mitarbeiters schwer gelitten. Ich sehe es Ihnen an, was im Laufe weniger Minuten da in Ihnen zerstört worden ist. Nein, nein, unterbrechen Sie mich nicht; ich weiß, was Sie mich fragen wollen. Sie wollen mich fragen, wieso ich, Präsident Schmidbruch, einen Podesta als Mitarbeiter haben kann, wie ich von einem Podesta als ‚meinem verehrten Mitarbeiter‘ reden könne.“
Podesta warf ihm einen äußerst giftigen Blick zu, aber Schmidbruch ließ sich nicht stören.
„Sehen Sie, junger Mann“, begann er von neuem, „wenn man jung ist, versteht man manches nicht, aber seien Sie getrost, ich will es Ihnen erklären. Es ist die grandiose Schonungslosigkeit, mit der Ingenieur Podesta Ihnen, dessen Mitarbeit ich gewinnen möchte“, er machte eine kleine Pause, während welcher Pizarrini Zeit hatte, sich von Hoffnungen und Spekulationen freudig durchbohren zu lassen, „diese grandiose Schonungslosigkeit, mit der er Ihnen, einem an sich völlig fremden Menschen, seine schändliche Vergangenheit enthüllt hat. Sehen Sie, ein Mann, der im Interesse seines Chefs, im Interesse seiner Arbeit sich selbst so wenig schont, wie Ingenieur Podesta dies eben bewiesen hat, so ein Mann verdient Achtung, verdient sie selbst dann, wenn sein Vorleben, seine Vergangenheit mitunter recht schändlich verlaufen ist. In diesem Sinn, mein lieber junger Mann, fordere ich Sie auf, erheben Sie Ihr Glas und trinken Sie mit mir auf das Wohl unseres verehrten, jawohl, unseres verehrten Mitarbeiters, Ingenieur Podesta.“
Sie erhoben ihre Gläser und wollten Podesta zutrinken, als Schmidbruch bemerkte, daß Pizarrinis Glas leer war. Er wollte ihm nachschenken und bemerkte zu seiner Verwunderung, daß auch die Flasche leer war. „Herr Ober“, rief er mit keineswegs lauter, aber doch unüberhörbarer Präsidentenstimme, „Herr Ober, noch eine Flasche!“ Der Kellner eilte diensteifrig mit einer neuen Flasche herbei und schenkte ihnen nach. Pizarrini überlegte krampfhaft, daß er jetzt eigentlich irgend etwas Imponierendes tun sollte, aber es fiel ihm nichts ein.
Sie standen nun schon eine ganze Weile so da: mit erhobenen Gläsern und starrten auf den wie zum Sprechen leicht geöffneten Mund Pizarrinis. Endlich schien ihm etwas einzufallen. Er räusperte sich und sagte steif und würdevoll: „Auf Ihr Wohl, Herr Ingenieur, und auf Ihre grandiose Schonungslosigkeit!“
„Ex!“ befahl der Präsident und stürzte sein Glas eilends hinunter. Die beiden anderen taten es ihm gleich. Podesta schneuzte sich vor Rührung so laut, daß zwei ältere Damen an einem der Nebentische sträfliche Blicke zu ihnen herüberwarfen.
Rauchschwaden zogen wie Wolken ob ihren Häuptern dahin, die Billardkugeln klackten aneinander, und die Männer des Fußballvereins im Extrazimmer schrien dreimal: Hipp, hipp, hurra! Offenbar war die Sitzung beendet. Nur der weiße Hirsch oberhalb der Eingangstür blieb ruhig und blickte gelassen in die Rauchschwaden. Was konnte ihm auch schon passieren? Seinen Brüdern im Wald ging es da bedeutend schlechter, die durften geschossen werden. Aber er, er war ein geschnitzter Hirsch, ein Kunstwerk sozusagen, er durfte nicht geschossen werden. Er wußte das. Er hatte oft den Wirt mit den Leuten am Stammtisch darüber reden gehört. Es existierte da irgendeine Vereinbarung des Kulturministeriums mit dem Jagdministerium, daß Kunstwerke nicht geschossen werden dürfen. Er konnte es sich leisten, inmitten des Trubels einer gefüllten Gaststube ruhig zu bleiben und den Rauchschwaden nachzusinnen, die sich entlang des Plafonds zum Ventilator hinschlängelten.
Pizarrini hatte es da viel schwerer. Er hatte zwar gerade ein Hoch auf Podesta ausgebracht, aber er war doch ein viel zu gewissenhafter Mensch, als daß er die unmoralische Vergangenheit Podestas so ohne weiteres verwinden hätte können. Er konnte das von Schmidbruch nicht recht verstehen.
Endlich jedoch tröstete er sich mit dem Gedanken, daß große Männer bei der Wahl ihrer Mitarbeiter eben in erster Linie deren fachliche Qualitäten berücksichtigen müssen. Freilich, darunter muß die Moral oft leiden, aber das schien eben unvermeidbar zu sein. Er blinzelte zu Schmidbruch hin und dachte sich, mit mir jedenfalls trifft er es gut, bei mir ist beides in Ordnung, die Moral und die Qualität; das kommt, überlegte er weiter, weil ich als Buchhalter grundsätzlich für Ordnung bin.
„Herr Präsident“, sagte er unvermittelt zu Schmidbruch, so daß dieser fast erschrak, „Herr Präsident, ich bin in Ordnung. Auf meine Mitarbeit!“ „Ex!“ befahl Präsident Schmidbruch und stürzte eilends sein Glas hinunter. Seine Mitarbeiter taten es ihm gleich.
Podestas Erzählung
6
Man fand sich ein. Präsident Schmidbruch hatte zu einer Party geladen. Man fand sich im blauen Saal des Hotels „Drei Eichen“ ein. Keine Party übrigens, der ein außergewöhnlicher Anlaß zugrunde gelegen wäre, nein, lediglich eine der jährlich mehrmals stattfindenden Routine-Partys des Präsidenten. Eine Versöhnungsparty sozusagen, wie die Direktoren Dollmer und Sibers es genauer wußten. Man fand sich ein und wurde im großen Gang vor dem blauen Saal von zwei befrackten Kellnern um die Garderobe gebeten. Dann wurde man am Saaleingang von des Präsidenten Gattin, Alma der Alten, und des Präsidenten Tochter, Alma der Jungen, begrüßt. Der Präsident, hieß es, könne erst etwas später kommen, man möge sich jedoch inzwischen ungeniert umtun und sich um Himmels willen durch die Abwesenheit des Präsidenten nicht beirren lassen, die Party sei so gut wie eröffnet, es sei ausdrücklicher Wunsch des Präsidenten, daß nicht auf ihn gewartet werde.
„Ein prachtvolles Kleid!“ sagte Dollmer und starrte Alma die Junge an, als trüge sie überhaupt keines. Seine Blicke schweiften begehrlich über ihre nackten Arme, saugten sich an dem weiten Brustausschnitt fest und fielen dann jäh auf die hinter dem enganliegenden Rock sich wölbenden Schenkel hinab, fielen noch tiefer auf die großen, in hohe Stöckelschuhe gepreßten Füße hinab.
„Ein prachtvolles Kleid!“ wiederholte er.
„Gefällt es Ihnen, Dolli?“
Alma die Junge warf ihren Kopf zurück und hob ihre Arme in einer mannequinhaften Geste.
„Gefallen? Gnädiges Fräulein, es begeistert mich!“
Er fletschte seine Zähne: „Am liebsten würde ich es selbst haben.“
„Sie, dieses Kleid?“
Sie begann leise zu lachen, er war einen Kopf kleiner als sie, und sie sah beim Sprechen auf ihn hinunter.
„Dolli, darin würden Sie ja verschwinden.“
„Sie wissen, was ich meine, Alma.“
Eine Kapelle hatte zu spielen begonnen, und man fing zu tanzen an.
„Wollen wir auch?“
„Gerne, Dolli.“
Sie hielten sich eng umschlungen und schmiegten sich aneinander. Sie spürte seinen Körper. Seit langem schon wußte sie, daß er sie wollte. Er war ihr nicht unangenehm. Sie sah gerne sein kraftvolles Bulldoggengesicht an und schätzte seine knurrende Zurückhaltung. Sie kannte seine Zähigkeit und wußte, daß sie ihm nicht entgehen würde. Wozu sich wehren, dachte sie. Sie streifte seine Wange mit ihrem nackten Oberarm und sagte: „Ich weiß nicht, was Sie meinen, Dolli.“
In Dollmer erwachte das Inferno seiner in langen Bürostunden zurückgestauten Leidenschaften. Er schnupperte und schnaubte in ihre Achselhöhle hinein, daß sie zusammenzuckte und sich auf die Lippen beißen mußte, um nicht aufzukreischen.
„Dolli, Dolli“, flüsterte sie.
„Alma, wir geben heute noch unsere Verlobung bekannt.“
Alma die Alte beobachtete sie mit zärtlichen Blicken und seufzte leise.
Als bald nachher Präsident Schmidbruch den Saal betrat, flüsterte sie ihm etwas ins Ohr. Präsident Schmidbruch nickte zweimal mit dem Kopf und ließ sich einen Cognac reichen.
Direktor Sibers war wahrscheinlich der einzige, dem bei dieser Party nicht recht wohl zumute war. Er wußte natürlich, daß Schmidbruch durch Einladung zu derlei Partys seine gelegentlichen Zornesausbrüche auszugleichen pflegte. Aber es wollte ihm trotzdem nicht aus dem Kopf, daß Schmidbruch ihm den Vorwurf des Kommunismus gemacht hatte. Sollte da wirklich nicht mehr dahinterstecken als ein normaler Schmidbruchscher Zornanfall? In solche Gedanken versunken saß er in einer Ecke des Saales und starrte vor sich hin. Als ihm Schmidbruch, der sich ihm von hinten genähert hatte, leicht auf die Schultern klopfte, erschrak er. Er drehte sich hastig um und streifte dabei sein Glas vom Tisch.
„Habe ich Sie so erschreckt?“ fragte ihn Schmidbruch. Sibers schien, als ob er dabei sarkastisch lächelte, und in einem plötzlich aufsteigenden Gefühl, das zwischen Wut und Angst schwankte, beschloß er, ohne lange Umschweife, die Sache jetzt und hier zu erledigen.
„Ja“, sagte er, „Sie haben mich erschreckt, Herr Präsident.“
„Ja, oh, das tut mir aber leid. Ich habe Ihnen doch wirklich nur ganz leicht auf die Schultern geklopft.“
„Nicht jetzt, jetzt haben Sie mich nicht erschreckt.“
„Ja, wann denn dann? Ich weiß nicht, was Sie meinen.“
„Sie haben mich erschreckt, als Sie unsere letzte Umsatzbesprechung damit beendeten, daß Sie Direktor Dollmer und mir den Vorwurf des Kommunismus machten.“
„Ich hätte das getan?“ Schmidbruch grinste. „Das müssen Sie geträumt haben, mein Bester.“
„Ich kann nicht glauben, daß Direktor Dollmer zufällig den gleichen Traum gehabt hat.“
„Zufälle haben immer etwas Unglaubliches an sich. Übrigens glaube ich, Dollmer hat jetzt ganz andere Sorgen. Schauen Sie, da kommt er gerade mit meiner Tochter.“
„Paa“, sagte Alma etwas atemlos, „Paa, wir haben uns verlobt.“
„Was habe ich Ihnen gesagt, lieber Sibers?“ Schmidbruch wandte sich an Dollmer: „Sibers hat mir eben erzählt, ihr habt beide davon geträumt, daß ich euch Kommunisten geschimpft hätte.“
„Pfui, wie garstig!“ rief Alma.
„Gnädiges Fräulein“, lenkte Sibers ab, „es ist mir eine Ehre, Ihnen als erster zu Ihrer Verlobung gratulieren zu dürfen. Verehrter Kollege Dollmer, ich gratuliere. Auch Sie, Herr Präsident, darf ich bitten, meine ergebensten Glückwünsche entgegennehmen zu wollen.“
Man dankte ihm in bewegenden Worten, während welcher sich Sibers leise und diskret zurückzog.
Mißtrauen nagte an seinem Herzen: Zuerst schimpfte Präsident Schmidbruch Dollmer einen Kommunisten, dann verlobte er ihm seine einzige Tochter. Direktor Sibers schüttelte sein ergrautes Haar. „Oh, Abendland“, seufzte er vor sich hin, „was für Menschen dirigieren deine Speisewaggons.“
10. Kapitel
Bis hierher wußte Pizarrini genau, was er tat oder nicht tat, sagte oder nicht sagte, und wußte genau, was um ihn herum vorging, wußte auch, daß er berauscht war. Doch er hatte sich, trotz seines Rausches, ständig unter Kontrolle.
Nun aber geschah das Verhängnisvolle, daß Schmidbruch bei dem immer diensteifriger werdenden Kellner zum Nachtisch Käse bestellte.
Diese Schmidbruchsche Käsebestellung wäre an sich nicht schlimm gewesen, hätte sie nicht Podesta ebenfalls zu einer Bestellung angeregt. Und Podesta bestellte weder Käse noch sonst etwas Eßbares, er bestellte eine Flasche echten holländischen Genevers.
„Eine gute Idee!“ lobte Schmidbruch seine Bestellung.
„So jung kommen wir nicht mehr zusammen“, antwortete Podesta und dachte mit Wohlbehagen an die gefüllte Brieftasche Pizarrinis.
Der Kellner brachte drei Portionen Bel Paese.
Pizarrini kostete davon und nickte Schmidbruch und Podesta anerkennend zu. Und von Käse verstand Pizarrini etwas. Daß er jeden Tag Punkt zehn Uhr vormittags eine Käsesemmel als Jause verzehrte, hatte schließlich seinen Grund. Mochten die anderen Angestellten des Geschäftes sich ruhig über diese Angewohnheit, die er wie alles, was er unternahm, mit Akkuratesse einhielt, lustig machen. Nur einem Buchhalter, meinten sie diese, diese Ladenschwengel, auf die er mit Verachtung herabsah, nur einem Buchhalter könne es nicht zu fad werden, jeden Tag Punkt zehn Uhr eine Käsesemmel zu verzehren.
„Das ist Charaktersache“, pflegte er derartige Anzüglichkeiten kurz und bissig abzutun. Er hätte diese Pflanzereien übrigens leicht ein für alle Mal abstellen können. Er hätte ihnen nur zu sagen brauchen, daß er jeden Tag eine andere Käsesorte esse, und es wäre ihnen vermutlich vor solcher Vielfalt der Mut zu weiterem Spott vergangen. Aber wozu das? Die Auswahl seiner täglichen Käsejause war schließlieh seine Privatsache, und er fühlte sich niemand darüber Rechenschaft schuldig. Er betrachtete diesen Umstand gewissermaßen als eine Art persönlichen Geheimnisses, von dem außer ihm nur noch die Inhaberin jenes Käsespezialgeschäftes wußte, in dem er sich täglich seine Käsesemmel persönlich zu holen pflegte.
Frau Bütschli, die Inhaberin dieses Käsespezialgeschäftes, war Schweizerin. Sie lebte jedoch schon lange, lange Jahre hier und führte das Geschäft ihres an einer Wurstvergiftung, die er sich in einer schwachen Stunde zugezogen hatte, früh verstorbenen Mannes zur größten Zufriedenheit ihrer p.t. Kundschaft weiter.
Frau Bütschli verstand etwas von Käse. Sie führte in ihrem kleinen Geschäft über dreihundert verschiedene Sorten und konnte über hundert Sorten allein durch bloßes Daran-Riechen erkennen.
Sie behandelte alle Kunden gleich. Pizarrini jedoch, den sie schon von Kindheit an kannte, liebte sie mit der ganzen Gutmütigkeit ihres bescheidenen Wesens. Der Grund hierfür mochte wohl der sein, daß Pizarrini schon als Schulbub alle ihre übrigen Kunden weit an Käsekenntnis überragte und eigentlich seit dem Tod ihres Mannes der einzige Mensch war, mit dem sie sich über Käse richtig unterhalten konnte. Sie hatte sogar einen Kosenamen für ihn und nannte ihn, wenn er allein im Geschäft war: „Chäsy“.
„Chommen Sie, Chäsy, heute habe ich etwas für Sie!“ pflegte sie manchmal zu sagen und steckte ihm schnell ein paar Quargel oder einen besonders würzigen Romadur in die Tasche. Ach ja, von Käse verstand er etwas. Anders war es mit dem Genever, an den mußte er sich erst gewöhnen.
Podesta behauptete, daß er gut sei, und Schmidbruch pflichtete ihm bei. Was blieb ihm da schon anderes übrig, als ihn ebenfalls zu loben. Er roch daran und sagte: „Wirklich vortrefflich!“
„Trinken Sie, trinken Sie, so können Sie noch gar nichts sagen.“
Was blieb ihm anderes übrig, er nahm sein Glas und trank es aus. Als er es wieder vor sich hinstellte, wußte er genau, daß er die Grenzen seiner Selbstkontrolle damit endgültig überschritten hatte. Das einzige, was er in jene unbekannten Räume, in die er nunmehr hineintorkelte, mitnahm, war eine Art innerer Befehl, sich aufrecht zu halten, sich aufmerksam zu stellen und sich so wenig als möglich von seinem wahren Zustand anmerken zu lassen. Ach, er wußte genau, was Podesta alles erzählte, er verstand jedes Wort, aber er war total unfähig geworden, sich mit Podesta oder Schmidbruch darüber in ein Gespräch einzulassen. Er registrierte gleichsam nur, was Podesta da alles zu erzählen wußte, und schrieb auf einen Bogen Packpapier: Zurückkommend auf Ihr wertes Angebot …
Von fern her hörte er, wie Schmidbruch zu Podesta sagte: „Ein Hochzeitsessen!“, und jener merkwürdigerweise antwortete: „Man muß die Feste feiern, wie sie fallen.“
Dann gratulierte ihm Frau Bütschli zu seiner Ernennung zum Oberbuchhalter bei der ISAG, sie erzählte ihm auch von einer neuen Chäsesorte, er hörte ihr aufmerksam zu und sagte mehrmals: „Interessant, interessant …“
Podestas Erzählung
7
„Schweinefraß!“
„Haha, das würde unseren Geldscheißer wenig freuen.“
„Nicht zum Fressen.“
„Spaß muß sein.“
„Schweinefraß!“
Zischelnd flogen die Worte hin und her. Flogen wie Weberschiffchen hin und her, die in ein schwarzes Tuch gelbgrüne Nesselfäden schossen. „Fressen kannst du ja schon, jetzt mußt du nur noch anständig reden lernen.“
„Schweinefraß!“
„Halts Maul!“
Podesta hatte mit seiner rechten Hand eine schnelle Bewegung am Rücken der vor ihm an einem vollgedeckten Tisch sitzenden Frau gemacht. Eine Bewegung, als drücke er auf einen Knopf. Und als hätte er wirklich auf einen Knopf gedrückt, mit dem er ihr Mundwerk abschalten konnte, so plötzlich schwieg sie nun.
Podesta, beide Hände in die Tasche seines schmutzigweißen Arbeitsmantels gesteckt, blieb unbeweglich hinter ihr stehen und beobachtete sie mit einem Ausdruck von Selbstzufriedenheit und Erwartung in seinem feisten, schlecht rasierten Gesicht. Er schickte einen triumphierenden Blick in die Runde, als hätte er Reihen voll unsichtbarer, ihn bewundernder Zuschauer vor sich und nicht ein mit allerlei altmodischem Mobiliar vollgestopftes Zimmer. Sein Blick blieb an dem hellbraunen Pianino, das rechts neben ihm an der Wand stand, haften. Er überlegte kurz und ging dann mit schnellen Schritten darauf zu, setzte sich nieder, klappte mit einer großen Geste den Deckel auf und spielte den Enthusiastenmarsch. Sie aber schien sich um ihn überhaupt nicht zu kümmern. Ihre Aufmerksamkeit hatte sich ganz auf den Tisch mit den vor ihr stehenden Speisen zugewandt. Mit großem Vergnügen hob sie ein Bratenstück nach dem anderen auf ihren Teller, zerlegte es mit liebevoller Umständlichkeit und aß es auf. Podesta hatte zu spielen aufgehört. Er hatte sich herumgedreht und sah ihr zu. Je länger er ihr so beim Essen zuschaute, um so mehr bekam er Lust, selbst auch etwas zu essen.
„Zuschauen ist zuwenig“, murmelte er vor sich hin und holte sich von ihrem Tablett ein Bratenstück herunter, das er auf einmal in seinen Mund stopfte und kauend und schmatzend verschlang.
„Gut“, sagte er, nahm eine spanische Wand, stellte sie vor die Essende und ging hinaus.
Im Vorzimmer, in dem außer einem Kleiderständer und einem Spiegel keinerlei Einrichtung war, nahm er von dem Kleiderständer einen Hut und eine Aktentasche und wollte sich gerade vor dem Spiegel sein schwarzglänzendes Haar richten, als es klingelte. Betroffen hielt er inne. Dann steckte er seinen Kamm ein, hing Hut und Aktentasche wieder an den Kleiderständer und eilte das lange, schmale Vorzimmer hinauf zur Wohnungstür hin. Auf halbem Weg jedoch kehrte er wieder um, hastete zurück und schloß die Tür, die in das Zimmer mit der Essenden führte. Er sperrte sie zu und vergewisserte sich durch zweimaliges Hin- und Herdrehen des Schlüssels, ob er auch wirklich zugesperrt habe, und eilte zur Wohnungstür hin. Auf halbem Wege kehrte er noch einmal um, zog den Zimmerschlüssel ab und steckte ihn in seine hintere Hosentasche. Es klingelte zum zweiten Mal.
„Komme gleich!“ schrie er und hastete nun schon das dritte Mal das lange, schmale Vorzimmer hinauf zur Wohnungstür hin, die er diesmal endlich erreichte. Etwas atemlos geworden, öffnete er sie. Vor ihm stand ein Briefträger, ein großer, magerer Mann in einer blauen Uniform mit roten, goldbesternten Kragenaufschlägen.
„Habe die Ehre!“ schrie ihn der Briefträger an, starrte ihm auf den Mund und wackelte mit den Ohren; er war nämlich schwerhörig.
„Ah, die Post“, sagte Podesta und spürte eine gewisse Erleichterung. Er hatte dieses „Ah, die Post“ mehr zu sich selbst als zu dem Briefträger gesagt, der jedoch, gewohnt, den Leuten auf den Mund zu schauen und alles auf sich zu beziehen, fühlte sich zu einem längeren Gespräch eingeladen und schrie: „Jawohl, die Post!“ Dann kramte er einen Brief aus seiner schwarzen Ledertasche hervor, hielt ihn Podesta hin und sagte abermals sehr, sehr laut: „Einen rekommandierten Brief für Herrn Ingenieur Podesta, Isidor Podesta, Ingenieur Isidor Podesta hätte ich da.“
Podesta streckte die Hand danach aus.
„Sind Sie das?“ schrie ihn der Briefträger an.
„Ja!“ schrie Podesta zurück.
„Sie sprechen aber gut Deutsch!“
„Warum auch nicht?“
„Na ja, Podesta ist doch ein italienischer Name.“
„Wenn schon, vielleicht könnte ich deshalb trotzdem von hier sein, und überhaupt, was geht denn das Sie an?“
„Nichts, ich frage nur.“
„Geben Sie mir lieber den Brief!“
Der Briefträger gab ihm den Brief und ließ sich den Empfang bestätigen. Als Podesta unterschrieben hatte, schrie er ihn wieder an: „Sie wohnen aber noch nicht lange hier?“
„Nein.“
„Wo haben Sie denn früher gewohnt?“
„In Neuburg.“
„In Neuburg. Neuburg kenne ich. Eine Schwester von der Mutter meiner Frau lebt dort. Voriges Jahr haben wir sie besucht. Sie hat eine schöne Pension. Aber sie ist nicht recht gesund. Die Galle. Ihr Mann war bei der Bahn. Nächstes Jahr wollen wir sie wieder besuchen.“
„Hier!“
Podesta gab ihm den Bogen Papier, auf dem er den Briefempfang bestätigt hatte, wieder zurück. „Vielleicht kennen Sie die Tante. Wanek heißt sie. Bundesbahninspektorswitwe Wanek. Sie hat eine …“
„Nein, ich kenne sie nicht. Auf Wiedersehen!“
Die Tür fiel krachend ins Schloß.
Der Briefträger zuckte die Achseln und stapfte die Treppen wieder hinunter. Ein eingebildetes Ekel, dachte er sich, ein arroganter Esel, dieser Ingenieur Podesta oder Podzeba oder wie immer der heißt. Wie unhöflich der ihm antwortete, als er ihm das Kompliment gemacht hatte, daß er gut Deutsch spreche. Dabei war es ja das Fräulein Holzer gewesen, das gesagt hatte, daß das ein italienischer Name sei. Der hat sicher nie in Neuburg gewohnt, sonst müßte er ja die Wanek kennen. Wer weiß, wo der her ist?
„Wer weiß, wo der her ist?“ murmelte er vor sich hin und blieb mit mißbilligendem Kopfschütteln vor dem schmutzigen Stiegenfenster im ersten Stock stehen. Er beobachtete ein paar Sekunden lang eine etwa erbsengroße Spinne, die in einer Nische unter dem Fensterbrett gerade dabei war, eine dicke Fliege einzuwickeln, und ging dann wieder weiter.
Der bildet sich wohl ein, dachte er sich, unsereins ist ein Bedienter. Aber da täuscht er sich. Vielleicht ergibt sich noch einmal die Gelegenheit, daß ich diesem sauberen Herrn meine Meinung sage, wer weiß, wer weiß, so ein ausgefressenes Ekel, so ein … Nun war es die Haustür, die mit lautem Krach zuflog.
Das Stiegenhaus war wieder leer. Aus einer der beiden Parterrewohnungen hörte man jetzt eine Frauenstimme singen. Hätte der Briefträger etwas besänftigter das Haus verlassen, hätte er sie vielleicht auch noch gehört. Aber er hörte sie nicht mehr. Er ging jetzt gerade in ein anderes, auf der gegenüberliegenden Seite der breiten, nur von wenigen Häusern gesäumten Vorstadtstraße gelegenes Haus. Er schimpfte immer noch leise vor sich hin.
Podesta, die Ursache seines Ärgers, hörte die Frauenstimme natürlich auch nicht. Denn abgesehen davon, daß er im vierten Stock wohnte, befand er sich in einem seltsam erregten Zustand, in dem er nur sich selbst zu hören vermochte. Den eben erst bekommenen Brief krampfhaft in der rechten Hand haltend, tanzte er in dem langen Vorzimmer auf und ab und schrie dabei und sang dabei: „Es macht sich, es macht sich, es macht sich, trala, es …“
Dann sperrte er die vorhin so sorgsam verschlossene Tür wieder auf, tanzte mit dem emporgehobenen Brief singend und schreiend in das Zimmer hinein, schob den Paravent beiseite und hieb der unentwegt noch immer mit gleichem Genuß Essenden vor Freude auf den Rücken, daß es knackste.
„Schweinefraß!“
„Jetzt werden wir Vokabeln lernen.“
„Nicht zum Fressen!“
„Der Präsident hat uns geschrieben.“
„Schweinefraß!“
„Es macht sich, es macht sich, es macht sich, trala!“
„Schweinefraß!“
„Halts Maul!“
Wieder machte Podesta die blitzschnelle Bewegung an ihrem Rücken, wieder schwieg sie ruckartig, als wäre ihr Mundwerk abgeschaltet worden. Eine zweite Bewegung ihrer Seite entlang, und sie hörte zu essen auf. Podesta öffnete nun ihre Vorderseite, nahm alles heraus, was sie soeben mit großem Appetit gegessen hatte, und stellte es in den Kühlschrank. Dann schraubte er sie vollständig auseinander, schob das Pianino zur Seite und verstaute sie in einem hinter dem Pianino in die Wand eingelassenen Safe.
11. Kapitel
Pizarrini fuhr in dem neuen Mordial 22, den ihm Präsident Schmidbruch anläßlich seiner Ernennung zum Oberbuchhalter geschenkt hatte, auf das Land hinaus. Neben ihm saß sein alter Chef.
„Sie wollen uns also wirklich verlassen?“ sagte sein Chef.
„Was würden Sie an meiner Stelle tun?“
„Natürlich, Sie haben ja recht, Sie müssen dieses Angebot annehmen. Es war mir auch von Anfang an bewußt, daß Sie uns eines Tages wieder verlassen werden.“
Der Chef hatte es gefaßt, aber mit einer leisen, traurigen Stimme gesagt, deren müder, resignierter Tonfall Pizarrini schmerzte und nachdenklich stimmte. Er wußte mit einem Mal, daß der Weg nach oben schwierig und schmerzhaft werden würde. Aber hatte er noch die Wahl, unten zu bleiben? Nein, die hatte er nicht mehr. Präsident Schmidbruch selbst hatte ihn berufen. Es galt, die verrottete Buchhaltung der Interkontinentalen Speisewagen AG in Ordnung zu bringen, und dann harrten schon wieder andere Aufgaben seiner, er spürte deutlich, daß er nicht mehr sich selbst gehörte.
Man hoffte auf ihn, man erwartete es von ihm, es war seine Pflicht, er konnte nicht mehr zurück.
„Es muß sein!“ stieß er zwischen seinen aufeinander gepreßten Zähnen hervor, und in seine Augen trat ein stählerner Glanz.
Sie waren angelangt. Pizarrini hielt den Wagen an und stieg mit dem Chef aus. Am Dorfeingang stand der Bürgermeister und empfing sie. Da geschah etwas Unerwartetes. Aus einem Versteck hinter dem rotweiß gestrichenen Spritzenhaus der Dorffeuerwehr stürzte eine Schar barfüßiger Kinder hervor, lief auf den Mordial 22 zu, erkletterte ihn und fuhr, ehe es Pizarrini verhindern hätte können, damit davon. Der Bürgermeister hatte sich unterdessen auf den Handgriff seines mit Mist gefüllten Schubkarrens niedergelassen und eine Pfeife angeraucht. Als er sah, mit welcher Bestürzung Pizarrini dem davonbrausenden Mordial 22 nachblickte, tröstete er ihn: „Da brauchen Sie sich keine Sorgen zu machen. Das Dorf ist gut versichert.“ Dann stand er auf und fuhr mit seiner Mistkarre weiter. „Ein Grobian“, sagte der Chef und blickte ihm nach, „ein Grobian, aber sonst eine Seele von einem Menschen. Ja, ja, das sieht eben nicht jeder, was in einem Menschen alles steckt, da muß man schon eine gewisse humanistische Bildung haben. Die haben Sie, die habe ich, aber jeder, jeder hat sie nicht.“
Sie gingen weiter. Die Dorfstraße war ganz leer.
„Die Leute arbeiten auf den Feldern“, sagte Pizarrini.
„Woher wollen Sie das wissen? Sind Sie Landwirt?“ fragte ihn der Chef erstaunt.
„Nein, nein, das nicht“, antwortete Pizarrini, und wie beiläufig und nicht ohne Hochmut setzte er hinzu: „Man hat so seine Informationen, seine Leute, die einen über alles mögliche zu unterrichten haben. Vergessen Sie nicht, welche Position ich jetzt einnehme. Ach, da erfährt man oft mehr, als einem lieb ist.“
„Ja, Sie haben eine verteufelte Karriere gemacht. Ich muß Ihnen ehrlich gestehen, als einfacher Geschäftsmann könnte ich mir zum Beispiel nie einen Mordial 22 leisten. Das wissen Sie selbst ganz gut, Sie kennen ja meinen Betrieb.“
„Wenn es weiter nichts ist“, sagte Pizarrini leichthin, „den Wagen können Sie haben, ich schenke ihn Ihnen, mir ist er ohnehin zu langsam.“
„So ganz ohne Gegenleistung? Nein, nein, das kann ich nicht annehmen.“
Pizarrini zögerte einen Moment, dann sagte er langsam: „Eine kleine Gegenleistung bitte ich mir aus.“
„Die wäre?“
„Sie gestatten mir, dem Leichenbestatter Verzugszinsen zu berechnen.“
„Behalten Sie Ihren Wagen“, sagte der Chef eiskalt, „ich verkaufe Socken, Strümpfe, Bettvorleger und andere Textilien, aber keine Prinzipien. Merken Sie sich das gefälligst, junger Mann!“
Er drehte sich brüsk um und ließ Pizarrini allein stehen. Alter Dickschädel, dachte Pizarrini. Dann drehte er sich ebenfalls um und lief ihm nach. Trotz seiner langsamen Gangart hatte sich der Chef schon ein riesiges Stück von ihm entfernt und war nur noch schwer einzuholen. Pizarrini lief, was er konnte. Endlich hatte er ihn erreicht. Keuchend hielt er ihn am Arm fest: „Herr Chef!“
„Wir haben uns, denke ich, nichts mehr zu sagen.“
„Auf ein Wort, Herr Chef!“
„Meinetwegen.“
„Warum gestatten Sie es mir nicht, dem Leichenbestatter Verzugszinsen zu berechnen?“
„Weil sich kein Kaufmann sicherer ruiniert als der, welcher alte Geschäftsprinzipien bricht.“
„Es ist aber nicht in Ordnung. Er hat erst nach der dritten Mahnung bezahlt, und es gehören ihm Verzugszinsen berechnet. Warum soll es da eine Ausnahme geben? Das ist nicht in Ordnung.“
„Es gibt auch noch andere Dinge im kaufmännischen Leben wie im Leben überhaupt, die nicht in Ordnung sind. Es gibt überhaupt noch etwas anderes als Ordnung, mein lieber Herr Pizarrini, Herr Oberbuchhalter, glauben Sie mir, glauben Sie einem alten Menschen, es gibt noch etwas anderes als Ordnung. Ordnung ist nicht das Letzte.“
Da kam aus einem Feldweg hervor plötzlich der Mordial 22 herausgebraust. Pizarrini konnte gerade noch zur Seite springen. Den Chef jedoch erwischte es. Er wurde von dem Auto gestreift, fiel mit dem Kopf auf einen Randstein und war augenblicklich tot. Die wilden Kinder auf dem Mordial 22 hupten wie verrückt, als sie den Alten niederstürzen sahen, schrien: „Wieder einen, wieder einen“, und winkten Pizarrini mit bunten Fähnchen zu.
Fähnchen schwingen, Liedchen singen, dachte Pizarrini und blickte ihnen lange nach.
Podestas Erzählung
8
Die Fassade des Präsidiums der ISAG war mit rotem Marmor verkleidet. Über dem Portal stand in goldenen Lettern: Interkontinentale Speisewagen AG. Durch die goldumrandeten Fenster des Portals sah man in einen langen, breiten Gang. Unter dem roten Läufer, der den Boden dieses Ganges deckte, lugten diskret schwarze, rhombenförmige Marmorplatten hervor, deren mit eingelegtem Messing umrandete Spitzen sich zu gelben Zickzackbändern vereinigten, die in nervöser Hast auf die schwere Eichentür am Ende des Ganges zuliefen. Über dieser Eichentür stand in schlichter Goldschrift: SITZUNGSSAAL.
Die hohen Fenster zu beiden Seiten des Ganges waren mit farbenprächtigen Glasmalereien geschmückt, die in allen Sprachen des Kontinents mit den gleichbedeutenden Worten für „Guten Appetit!“ beschriftet waren und entsprechend dazu die verschiedenen Nationalspeisen darstellten. Wer könnte die prangende Pracht der Braten, die graziöse Würde der Mehlspeisen, die Sirenengesängen gleich unwiderstehlich lockenden Löffelaugen der Saucen, wer die durchscheinende Zartheit weiß schimmernder Fischlein, wer die bizarren Formen, die abenteuerlichen Farben der Salate und Zutaten beschreiben, die im Lichte dieser Gangfenster gleichsam von innen heraus erstrahlten. So mancher, der das erste Mal durch diesen Gang schritt, wurde schwermütig. Andere wieder wurden gegen sein Ende hin von einer übermächtigen Heiterkeit erfaßt. Es geschah mit solchen oft, daß sie sich knackend und schnalzend ihre falschen Gebisse zurechtrückten und mit bäuchlings verschränkten Händen hin und her zu tanzen begannen. Von einem berühmten Hungerkünstler und Meisteryogi wird berichtet, daß er noch vor der Mitte des Ganges umgekehrt ist und mit einem Ausdruck von Hochmut und Verbitterung im hocherhobenen Gesicht den Gang wieder verlassen hat. Allen aber ist noch die Affäre Mooshuber in Erinnerung. Mooshuber, einer der angesehensten Männer der Stadt, wollte die kostbaren Fenster zertrümmern und konnte gerade im letzten Augenblick noch von dem rasch herbeigeeilten Portier daran gehindert werden. Wie sich bei der daraufhin unausbleiblich gewordenen polizeilichen Untersuchung herausstellte, führte Mooshuber ein Doppelleben und war schon seit Jahren geschworener Anhänger einer berüchtigten Rohkosttheorie. Doch nun: zurück zu Podesta.
Am Abend desselben Tages, an dem Podesta jenen eingeschriebenen Brief bekommen hatte, von dem im vorigen Kapitel berichtet wurde, an diesem Abend regnete es. Es regnete in Strömen. Der Asphalt, nass und glitschig wie die Haut einer Nacktschnecke, glänzte schwarz im Schein der Laternen. In der Straßenmitte, wo der Regen frei und mit voller Heftigkeit auf ihn aufprallte, sprangen die zerschellenden Tropfen handhoch zurück, so daß es bisweilen aussah, als wäre die Straße hier mit einer Unzahl stumpfer, grauer Stacheln bewehrt.
Polizeirevierinspektor Kajetan Horninger, der – von der nahen Sebastianskirche schlug es neun Uhr – um diese Zeit gerade das zweite Mal seine Runde machte, suchte, als sich der Regen für Minuten wieder besonders verstärkte, unter dem breiten Marmorportal des Präsidiums der ISAG provisorischen Schutz vor den entfesselten Wassermassen.
Pflichtgemäß blickte er die Straße hinauf und hinunter und stellte dabei erwartungsgemäß fest, daß sie vollkommen leer war. Wer wird auch schon bei so einem Wetter auf die Straße gehen, dachte er sich, wenn er nicht muß, dachte er weiter und betrachtete sein Bild in dem stark spiegelnden Türglas.
Er warf einen kurzen Blick auf seine Armbanduhr und sagte mit gewohnter, militärischer Knappheit: „Einundzwanzig Uhr.“ Die Uhr von der Sebastianskirche hatte die Stunde wieder eine Minute zu früh geschlagen. Er schüttelte mißbilligend den Kopf. Solche Ungenauigkeiten ärgerten ihn. Noch drei Stunden, dachte er. Um Mitternacht erst würde er abgelöst werden. Der Regen hatte wieder etwas nachgelassen, und er machte sich daran, seinen Rundgang fortzusetzen. Da hörte er Schritte. Er drehte sich um. Ein kleiner, dicker Mann in einem schwarzen Gummimantel und einer Baskenmütze auf dem Kopf lief um die Ecke scheinbar direkt auf ihn zu. Horninger, der erst wenige Schritte weitergegangen war, blieb stehen und wartete. Allein, der Dicke wollte nicht zu ihm, ja, es hatte den Anschein, als hätte er Horninger noch gar nicht gesehen. Mit einer Behendigkeit, die Horninger ihm nie zugetraut hätte, sprang er die paar Stufen des Portals des ISAG-Präsidiums hinauf und wollte durch die gläserne Tür in das Gebäude hinein. Die Tür war natürlich verschlossen. Horninger hatte nichts anderes erwartet, und es erschien ihm verdächtig, daß der Dicke allem Anschein nach eine offene Tür erwartet hatte. Jetzt rüttelte er sogar daran, als könne er es nicht glauben, daß die Tür verschlossen sei, und als er nun gar anfing, mit beiden Fäusten auf das Glas loszutrommeln, daß es weithin hallte, war dies für Horninger das letzte Signal einzugreifen. Er ging zurück, klopfte dem Dicken auf die Schulter und sagte zu dem sich überrascht umdrehenden und ihn anstarrenden Mann in gemessenem, leicht verweisendem Ton: „Ihren Ausweis, bitte!“ Der Dicke zuckte zusammen und begann dann umständlich und nervös in all seinen Taschen herumzukramen, bis er schließlich ein zerknülltes Papierchen herauszog und es Horninger hinreichte. Der nahm es, studierte es aufmerksam und sagte dann streng und den Dicken kritisch musternd: „Das ist ja eine Beitragsquittung der Caritas!?“
Der Dicke nickte.
„Und noch dazu vom vorigen Jahr“, setzte Horninger kopfschüttelnd hinzu. Diese Feststellung schenkte dem Dicken wieder die Sprache, dagegen war er gewappnet. Über Polizeirevierinspektor Kajetan Horninger begann sich ein Redeschwall zu ergießen: „Natürlich vom vorigen Jahr. Heuer hätte ich es selbst notwendig gehabt, von der Caritas unterstützt zu werden.
Aber wenn Sie glauben, daß ich da etwas bekommen habe, so täuschen Sie sich. Nicht das Schwarze unterm Nagel. Es gäbe dringendere Fälle als den meinen. Ob diese dringenderen Fälle auch immer ihren Beitrag geleistet hätten, frage ich. Und wissen Sie, was ich darauf zur Antwort bekomme, nein, das wissen Sie nicht, das können Sie nicht wissen, Herr Inspektor, das sei unwesentlich, schließlich sei die Caritas keine Versicherung. Da bin ich gegangen. Ich habe nichts mehr gesagt und bin einfach gegangen“, er unterbrach seinen Redefluß und schien sich wieder auf das Verlangen Horningers nach einem Ausweis zu besinnen. Er deutete auf das Papierchen hin und sagte: „Immerhin, es steht mein Name drauf.“
Horninger hielt das Papierchen ins Licht und las mühsam: „Alois Weiss“, er blickte den Dicken an, „sind Sie das?“
„Nein, ich bin der andere, der darunter unterschrieben hat, da, gleich neben dem Datum.“
„Isidor Podesta?“
„Ingenieur Isidor Podesta, jawohl, das bin ich.“
„Da ist ja die Spende gar nicht von Ihnen“, entfuhr es Horninger, „da haben Sie ja nur kassiert.“
„Nur kassiert ist gut. Man sieht, daß Ihnen die Materie fremd ist. Was ist denn schon eine Spende wie diese da gegen die Arbeit, sie einzusammeln? Mein lieber Herr Inspektor, das müßten Sie erst einmal selbst erleben, wieviel verlorene Zeit, Stiegen auf, Stiegen ab, was man sich alles gefal...“
Unbemerkt von Horninger und Podesta hatte sich eine riesige Luxuslimousine lautlos vor das Portal geschoben, erst das Zuschlagen der Wagentür ließ sie überrascht herumfahren. Ein mittelgroßer Herr in einem grauen Mantel kam auf sie zu.
„Herr Präsident!“ schrie Podesta und eilte ihm entgegen.
Horninger wundert sich nicht schlecht, als er sah, daß der mit „Präsident“ angesprochene Herr Podesta die Hand gab und ihm dabei – so kam es wenigstens Horninger vor – sogar noch freundlich zunickte. Er glaubte sich auch erinnern zu können, das faltige, magere Gesicht dieses Präsidenten schon gesehen zu haben. Auch die Luxuslimousine kam ihm bekannt vor. Er salutierte und dachte noch, hoffentlich macht mir dieser Podesta keine Scherereien, als dieser auch schon anfing: „Stellen Sie sich vor, Herr Präsident, dem Inspektor war ich so suspekt, daß er mich um meinen Ausweis gefragt hat.“
„Warum nicht?“ sagte der Präsident mit maliziösem Lächeln, das seinem Gesicht einen ungemein verkniffenen Ausdruck verlieh.
„Nur eine Routineangelegenheit, keine Verdächtigung“, beschwichtigte Horninger den aufgebrachten Podesta. „Schon gut“, sagte der Präsident und schloß die gläserne Tür auf. Horninger wußte nicht, was er tun sollte, er stand da und schaute.
„Es genügt doch, wenn ich mich für Herrn Ingenieur Podesta verbürge?“ fragte ihn Präsident Schmidbruch ironisch.
„Selbstverständlich. Danke, meine Herren, danke, wie gesagt, nur eine Routineangelegenheit.“
Podesta und der Präsident verschwanden hinter der lautlos zufallenden Tür. Horninger starrte ihnen verwirrt nach, dann wandte er sich endlich um und wollte weitergehen. Sein Blick fiel auf die mächtige, schwarze Limousine, und in seiner Verwirrung salutierte er vor dem in kalter Pracht dastehenden Fahrzeug. Das Unvernünftige dieses Tuns brachte ihn wieder zu sich.
Verlegen schaute er sich um, ob ihn jemand beobachtet hatte, und als er niemanden sah, atmete er erleichtert auf. Schnell ging er weiter.
Je weiter er sich von der Limousine entfernte, um so mehr begann es ihn zu ärgern, daß er vor ihr salutiert hatte. Er wurde auf sich selbst bitterböse und begann sich zu beschimpfen. Er machte sich die wildesten Vorwürfe, die er schließlich alle in dem einen zusammenfaßte, vor dem in dieser Limousine geoffenbarten Reichtum schmählich kapituliert zu haben. Horninger war ein Gerechtigkeitsfanatiker. Er war bei seinen Kollegen und bei seinen Vorgesetzten dafür bekannt, daß er dem Grundsatz der Gleichheit vor dem Gesetz stets mit größtem Eifer zu genügen trachtete, daß er darin seine ganze Ehre einsetzte. Es schmerzte ihn daher nun wirklich, daß er diesen Grundsatz verraten zu haben glaubte. Den ärmlichen Podesta hatte er zur Ausweisleistung aufgefordert, den reichen Präsidenten mit der Luxuslimousine nicht. Wenn er daran dachte, daß er vor der Luxuslimousine sogar salutiert hatte, überfiel ihn eine ohnmächtige Wut, und er schalt sich einen erbärmlichen Speichellecker. Während solcher Überlegungen, Selbstanklagen und Beschimpfungen, seinem obersten Grundsatz untreu geworden zu sein, hatte er das Ende der Straße erreicht und bog nun in eine kleine, schlecht beleuchtete Nebenstraße ein. Der Regen hatte etwas nachgelassen. Ein leichter Wind war aufgekommen und schaukelte die wenigen, an über die Straße gespannten Drähten hängenden Laternen hin und her. Auf der linken Straßenseite stand, unvorschriftsmäßig geparkt, ein alter, schäbiger Topolino.
„Steht auf der falschen Seite“, murmelte Horninger und zückte seinen Notizblock, schrieb die Nummer des Topolino auf. Dann stockte er, blickte nach rechts, blickte nach links, riß das Blatt, auf dem er die Nummer notiert hatte, aus dem Block heraus, knüllte es zusammen und warf es weit weg. Befreit atmete er auf, salutierte vor dem Topolino wie vorhin vor der Limousine und ging mit schnellen Schritten, als flüchtete er vor sich selbst, weiter.
„Schluß jetzt mit dem Blödsinn“, sagte er zu sich selbst, „Schluß mit dem Blödsinn.“
Er sagte es mindestens noch zehnmal, bis er, keuchend und außer Atem geraten, endlich seinen Reviergang beendet hatte.
Am nächsten Morgen blickte seine Frau erstaunt vom Zeitungsroman auf, als er beim Frühstück zwischen Kaffee und Butterbrot plötzlich ganz unvermittelt sagte: „Gegen Autofahrer werde ich in Zukunft noch viel strenger vorgehen!“
„Was ist denn geschehen?“ fragte sie ihn besorgt.
„Was geschehen ist? Meine Liebe, es braucht nicht immer etwas geschehen, damit etwas geschieht.“ Nur das Knistern der ihren Händen entfallenden, sanft zu Boden gleitenden Zeitung und das leise Plätschern des Kaffees war zu hören, sonst nichts.
12. Kapitel
Der Winterhimmel spannte sich in hellem Blau voll einer unsagbar weiten und fernen Herrlichkeit über die Szene. Dem Trauerzug voran schritten Fahnenträger des Schützenvereins, des Männergesangsvereins, der Bürgermusik, dann kam der geistliche Kondukt, dann kam der Sarg, getragen von sechs Männern, die schwarze, mit gelben Tressen verzierte Uniformen und Dreispitze trugen.
Hinter dem Sarg schritten als nächste Angehörige zwei ältere Damen, Cousinen, und die einzigen noch lebenden Verwandten des als Junggeselle Verstorbenen.
Dann kamen die Angestellten der Firma, an ihrer Spitze Pizarrini mit Zylinder und schwarzem Stadtpelz.
Dann kam die Bürgermusik, deren langjähriges verdientes Mitglied der Verstorbene war.
Dann kam der Männergesangsverein, der vollzählig erschienen war, dessen langjähriges verdientes Mitglied der Verstorbene war.
Dann kam ein Wagen mit Kränzen, gezogen von zwei Rappen, die der Tierschutzverein beigestellt hatte, dessen langjähriges, verdientes, zuletzt zum Ehrenmitglied ernanntes Mitglied der Verstorbene war.
Dann kam ein langer, langer, nicht enden wollender Zug von Trauergästen, die alle den allseits beliebten Verstorbenen mehr oder weniger gut gekannt hatten und ihm nun die letzte Ehre erwiesen. Der Hornist der Schützenkompanie blies zur letzten Retraite, die schmetternden Töne stiegen wie aufflatternde Vögel in den klaren Winterhimmel und verloren sich, lang noch im Ohr nachhallend, in seiner weißblauen Unendlichkeit.
Gebete, Litaneien liefen unaufhörlich und in monotonem Rhythmus durch den sich langsam vorwärts bewegenden Leichenzug.
Podestas Erzählung
9
Präsident Schmidbruch ging mit Podesta durch den langen Gang, der zum Sitzungssaal führte. Mit gezücktem Schlüssel und starr nach vorne gerichtetem Gesicht schritt Schmidbruch, obwohl an der Seite Podestas, doch eine knappe Schrittlänge voraus. Podesta musterte ihn verstohlen von der Seite und versuchte, ein Gespräch anzufangen. Er deutete auf die bemalten Gangfenster und sagte: „Schöne Glasmalereien.“
„Hm“, antwortete Präsident Schmidbruch kühl.
„Leider verstehe ich nichts von Malerei“, setzte Podesta fort.
„Hm“, antwortete Präsident Schmidbruch merklich kühl.
Wieder einer, der mit mir nur das Notwendigste reden will, dachte sich Podesta und schwieg still. Aufpassen, aufpassen, er will sich anbiedern, dachte Präsident Schmidbruch und nahm sich vor, sollte Podesta noch etwas sagen, nicht mehr „Hm“, sondern nur noch „H“ zu antworten. Daran, so dachte Präsident Schmidbruch, an dieser Nuance müßte Podesta erkennen, daß er mit ihm kein Privatgespräch führen wolle.
„Hm.“
„Wie meinten, Herr Präsident?“
„H.“
Unter Schweigen erreichten sie das Ende des Ganges. Der Sitzungssaal war sehr groß. Ja, man kann ruhig sagen, er hatte – der Bedeutung des Unternehmens, dem er diente, gemäß – riesige Ausmaße. In seiner Mitte stand ein riesiger Marmortisch, der gut acht Meter lang war. An den hell getäfelten Wänden hingen verschiedene Wappen und Porträts bedeutender Persönlichkeiten, die sich um die ISAG verdient gemacht hatten. Podesta entdeckte auch das Bild Schmidbruchs. „Das sind ja Herr Präsident persönlich“, sagte er und deutete mit ausgestrecktem Arm auf das Bild. „Kommen wir zur Sache“, entgegnete Schmidbruch, „meine Zeit ist begrenzt.“
Er führte Podesta an das untere Ende des langen Marmortisches und hieß ihn Platz nehmen. Dann schritt er an das obere Ende und nahm dort Platz. Podesta blickte den langen Tisch hinauf und sagte dann etwas kleinlaut, mehr zu sich selbst als zu Präsident Schmidbruch: „Da sitzen wir aber ziemlich weit auseinander.“
„Das sitzen wir“, entgegnete Schmidbruch. Ihre Stimmen verhallten in dem leeren Saal.
„Sie werden“, begann Schmidbruch, während seine Blicke gelangweilt von einem Bild zum anderen wanderten, „Sie werden an Ihrem Platz unter der Tischplatte ein paar Kopfhörer finden und auf der Tischplatte, das heißt in diese eingebaut, ein Mikrophon bemerken. Bedienen Sie sich beider. Es genügt dann, wenn Sie so leise reden, daß ich Sie normalerweise gar nicht verstehen kann.“
Schmidbruch hatte während der letzten Worte ebenfalls Kopfhörer unter der Tischplatte hervorgeholt und sie aufgesetzt. Er wartete, bis Podesta ebenfalls die Kopfhörer aufhatte, und flüsterte dann ganz leise in das auch an seinem Platz in den Tisch eingebaute Mikrophon: „Es genügt, wenn Sie so leise reden.“
Podesta nickte und sagte mit halblauter Stimme: „Können Sie mich so verstehen?“
Schmidbruch dröhnten die Ohren.
„Leiser“, zischte er zornig zurück.
„Ist das leise genug?“
„Noch etwas leiser.“
„So? Geht das? Ist das recht jetzt?“
„In Ordnung.“
Die Tür ging auf, und im Türspalt erschien der Kopf des Nachtwächters. Seine flinken Mausäuglein durchmaßen den Sitzungssaal mit so schnellen Blicken, daß ihnen die Anwesenheit des Präsidenten Schmidbruch und Podestas ganz entging. Verwundert stellte der Nachtwächter bei sich fest, daß der Saalwart vergessen hatte, das Licht auszulöschen, und griff schon nach dem Schalter, als er im letzen Augenblick noch an den beiden Enden des riesenlangen Sitzungstisches Präsident Schmidbruch und Podesta gewahrte. Sie hatten Kopfhörer umgeschnallt und starrten sich über die lange Tischplatte hin in solcher Intensität mit Operngläsern an, daß sie den Nachtwächter gar nicht bemerkten.
„Verzeihung“, murmelte dieser, „ich wußte nicht, daß der Herr Präsident noch eine Sitzung haben.“ Schmidbruch schien es, als höre er von der Tür her eine Stimme. Er richtete sein Opernglas auf sie hin. Als er niemanden sah, der Nachtwächter hatte sich inzwischen schon zurückgezogen und die Tür wieder sorgfältig geschlossen, fragte er Podesta: „Haben Sie nichts gehört?“
„Nein.“
Hm, dachte Schmidbruch, der Tisch wird doch keinen Fehler haben. Es war ein ganz neuer Tisch, dessen Anschaffung sogar für ein Unternehmen wie die ISAG keine unerheblichen Kosten verursacht hatte. Dieser riesenlange Sitzungstisch war nämlich nicht deshalb so teuer, weil seine Platte aus Marmor und seine Füße aus kunstvoll zusammengekitteten Flaschenhälsen bestanden, sondern war es deshalb, weil er mit der neuesten Top-Secret-Anlage versehen war.
(Top-Secret, ein Spitzenerzeugnis elektro-akustischer Qualitätsarbeit, in Amerika zuerst entwickelt, sichert jede Konferenz vor unliebsamen Mithörern, die mit ihren raffiniertest verborgenen Abhörapparaten bisher auch das leisest geführte Gespräch zu belauschen imstande waren. Top-Secret – niemand kann mithören – stellt die durch die enorme Entwicklung der Abhörapparate tödlich bedrohte Freiheit der Geheimhaltung geschäftlicher Absprachen wieder her. Kein Konferenztisch ohne Top-Secret.)
„Kann ich beginnen?“ fragte jetzt Podesta, ohne daß ein Wort zu hören war, in das Tischmikrophon hinein.
„Beginnen Sie“, hauchte Schmidbruch zurück.
„Wie ich Ihnen bereits mitgeteilt habe, ich …“
„Was Sie mir bereits mitgeteilt haben, brauchen Sie mir nicht noch einmal erzählen. Einen weiblichen Freßrobot haben Sie bis jetzt fertiggestellt, Sie werden nun noch ein männliches Modell bauen. Wieviel Geld brauchen Sie noch, bis wann kann ich mit einer Probevorführung beider Modelle rechnen? Das ist alles, was ich von Ihnen zu erfahren wünsche.“
„Ich benötige für den Bau eines männlichen Freßrobots mindestens noch einmal zweitausend, wahrscheinlich aber dreitausend Freiheiten.“
(Eine Freiheit ist zehn Kronen; diese Obereinteilung des Geldes erregte bei ihrer Einführung manche Polemiken. Sozialistische Kreise verteidigten sie mit dem Hinweis, Geld sei Arbeit und nur der verdiene Freiheiten, der sich durch Arbeit Geld verdiene. Die Kommunisten erklärten, dieses Argument stimme nur unter den Gegebenheiten eines kommunistischen Staates, in den kapitalistischen Staaten komme eine solche Obereinteilung des Geldes einer kapitalistischen Selbstentlarvung kapitalistischer Lohnsklaverei gleich. Romantisch bestimmte Theoretiker der nationalen Partei lehnten diese Obereinteilung des Geldes auf das entschiedenste ab. Geld, so sagten sie, sei etwas schändlich Schmutziges, der Begriff der Freiheit jedoch etwas so Edles und Hehres, daß es ein Kulturgreuel ersten Ranges sei, die hehre Freiheit durch das schmutzige Geld auszudrücken. Der Finanzminister jedoch, der diese Obereinteilung einführte, ein kurz angebundener Mann, empfahl sie damit, daß man als Einheitsbezeichnung eines größeren Geldbetrages einen glanzvollen Namen wählen müsse, und da wisse er keinen, der glanzvoller sei als der der Freiheit. Ein weiterer Vorteil sei, daß die Freiheit nicht ein in den Wolken schwebendes, unerreichbares Ideal sei, sondern eine ganz konkrete Sache, die in allen Staaten der Erde gehandelt werde und daher für den internationalen Zahlungsverkehr, für den diese Obereinteilung des Geldes ja hauptsächlich eingeführt werde, besonders geeignet sei. Man hätte, so der Finanzminister, aus diesem Grunde auch Frieden als Obereinheit wählen können, auch Frieden sei eine konkrete Sache und werde international gehandelt, aber er gebe zu bedenken, daß man unausbleiblich zur Zielscheibe der Kabarettisten und ähnlich übelwollender Leute werden würde, wenn man etwa Rüstungsaufträge in der Folge mit zigtausend Frieden bezahle. Jedermann müsse eingestehen, daß sich aus all diesen Erwägungen heraus Freiheit besser als Bezeichnung der neuen Obereinheit des Geldes eigne. Im übrigen, so schloß der Finanzminister seine diesbezügliche Rede vor dem Parlament mit dem ihm eigenen sarkastischtrockenen Humor, habe Freiheit mit dem Geld eine uralte Eigenschaft gemein: non olet, woher man beide auch bekomme.)
„Ich lasse Ihnen in den nächsten Tagen dreitausend Freiheiten überweisen. Wann sind beide Modelle zur Probevorführung bereit?“
„Ich brauche zum Bau des männlichen Freßrobots mindestens noch sechs Wochen.“
„Gut“, Schmidbruch zog einen Taschenkalender heraus, „sagen wir sieben Wochen, dann würde ich für den Achtundzwanzigsten des nächsten Monats die Probevorführung ansetzen. Ist Ihnen das recht?“
„Einverstanden, Herr Präsident.“
„Gut, dann können wir gehen. Die Besprechung ist beendet.“ Sie gingen hinaus. Der Regen hatte nachgelassen.
Schmidbruch nickte Podesta kurz zu, stieg in seine Limousine und brauste davon.
Podesta duckte seinen Kopf tief in den hochgestellten Kragen seines Mantels, steckte beide Hände tief in die Manteltaschen und schlenderte langsam die im Schein der Laternen matt glänzende Straße hinab. Manchmal blieb er vor einer der hell erleuchteten Auslagen stehen, blickte gedankenlos hinein, ging wieder weiter. Aus der halboffenen Tür eines Bierlokals dröhnten die grölenden Stimmen von Betrunkenen: … und träumt von einem Mägdelein.
Podesta träumte nicht von einem Mägdelein. Was denkt wohl ein Mann wie Podesta, wenn er spätnachts allein durch eine vom Regen leergeschwemmte Straße geht?
Podesta dachte an den Flug der Tauben, der grauen Vögel, die durch die engen Gassen seiner südlichen Heimatstadt fliegen, handhoch über das bucklige Pflaster dahinsegeln und dann mit wenigen Flügelschlägen den Himmel erreichen, der sich weit und herrlich über die windschiefen Dächer wölbt.
13. Kapitel
Pizarrini starrte Podesta so unablässig ins Gesicht, daß dieser glaubte, er höre ihm aufmerksam zu. Pizarrini jedoch sah und hörte ganz andere Dinge.
„Hieronymus Bitter“, stellte sich der kleine, rotbackige Mann, der Pizarrini eine unheimliche Ähnlichkeit mit Podesta zu haben schien, vor. Aber es war nicht nur die Ähnlichkeit mit Podesta, weshalb ihm Bitter so bekannt vorkam; er hätte schwören können, ihn schon früher einmal gesehen zu haben.
„Pizarrini“, stellte er sich nun seinerseits vor.
Sie verneigten sich kurz voreinander und stießen dabei mit ihren Köpfen zusammen.
Komischerweise spürte Pizarrini nicht das geringste dabei. Er hörte nur, wie es „klack“ machte und eine entferne Stimme irgendwo sagte: „Zuviel Fälschung“. Jeden anderen hätte dies vielleicht irritiert, Pizarrini nicht.
Er sah Bitter forschend an und sagte in dem knappen, gemessenen Ton, den er sich, seit er Oberbuchhalter bei der ISAG geworden war, zur Gewohnheit gemacht hatte: „Sie wünschen?“
„Sie werden mich wahrscheinlich nicht mehr kennen“, antwortete Bitter und sah ihn fragend an. Pizarrini schüttelte verneinend seinen Kopf.
„Es handelt sich“, fuhr Bitter fort, „um eine zwar einfache, aber doch längere Zeit in Anspruch nehmende Geschichte.“
„Wenn es sich um eine längere Sache handelt, wollen wir uns dann nicht lieber setzen?“
Pizarrini wies einladend auf zwei bequeme Grabsteine in der Nähe und streifte ihre Schneehauben herab. „Nach Ihnen“, sagte Bitter und wartete, bis sich Pizarrini niedergesetzt hatte, dann setzte er sich ebenfalls.
„Also, bitte, fangen Sie an“, forderte Pizarrini Bitter auf.
„Ich bin“, begann Bitter, „der Vorsitzende des Landesgremiums der Leichenbestatter und habe Ihnen über Auftrag des teuren Verstorbenen Aufklärung darüber zu geben, warum er es in Übereinstimmung mit alter Überlieferung ablehnte, zahlungssäumigen Leichenbestattern Verzugszinsen zu berechnen.“
Pizarrini errötete.
Hieronymus Bitter übersah das geflissentlich und fuhr fort: „Die ersten Leichenbestatter – mein Unternehmen gehört übrigens zu den ältesten und, wie ich in aller Bescheidenheit sagen darf, solidesten Leichenbestattungsunternehmen im ganzen Land – die ersten Leichenbestatter also versahen ihre verantwortungsvolle und mühsame Arbeit umsonst, ehrenamtlich und nicht hauptamtlich, wenn ich so sagen darf. Sie genossen dafür lediglich gewisse Privilegien und darunter auch dieses, daß ihnen keine Verzugszinsen berechnet werden durften. In einer der ältesten, leider nur mehr in Bruchstücken erhaltenen Friedhofsordnung unseres Landes, in der nach ihrem besterhaltenen Fragment benannten ‚De Sepulcris‘ können wir das heute noch nachlesen. Die Entstehungsgeschichte dieses speziellen Privilegiums der Befreiung von Verzugszinsen dürfte bis in vorgeschichtliche Zeiten zurückgehen und wird wohl nie genau erforscht werden.“
„Weiter, weiter“, drängte Pizarrini ungeduldig.
„Als im Laufe der Zeit im Zuge der Industrialisierung und Technisierung des Lebens die Begräbniskosten immer mehr stiegen, die Begräbnisse selbst immer mehr Zeit in Anspruch nahmen und differenzierter wurden, konnte der Modus der ehrenamtlichen Funktion der Leichenbestatter nicht mehr aufrechterhalten werden. Die ordentliche Erfüllung der übernommenen Pflichten erforderte nunmehr den ganzen Mann. Die Entwicklung vom unentgeltlich ausgeübten Ehrenamt zum auf wirtschaftlich-kommerzielle Basis gestellten Unternehmen war nicht mehr aufzuhalten. Erhalten aber hat sich aus jener glücklicheren Zeit unserer Ehrenamtlichkeit der schöne Brauch, zahlungssäumigen Leichenbestattern keine Verzugszinsen zu berechnen. Ein altehrwürdiger Brauch ist das, Herr Pizarrini, ein Brauch, dessen tiefer Symbolgehalt dartut, daß Versäumtes nicht immer durch Verzugszinsen wettgemacht werden kann, ein Brauch zugleich, der der p.t. Kundschaft immer wieder vor Augen führen soll, daß wir Leichenbestatter wohl mit kommerziellen Mitteln und Methoden arbeiten, arbeiten müssen, in Wirklichkeit jedoch höheren Zielen zustreben als der Erreichung eines in schnödem Mammon ausdrückbaren Gewinnes.“
Pizarrini hatte Hieronymus Bitter mit unbewegter Miene zugehört. Nun jedoch wollte er auffahren und diesem biederen Burschen, der viel von frommen Bräuchen und nichts von der ordnungserhaltenden Funktion der Verzugszinsen zu verstehen schien, einmal ordentlich seine Meinung über diesen und ähnliche, nichts als Verwirrung und Unordnung stiftende Bräuche sagen. Da geschah etwas, das ihn still sein hieß.
Die Getreuen des Männergesangsvereins stellten sich am offenen Grab auf und stimmten nun, nachdem sich die übrigen Trauergäste bereits zerstreut hatten, noch einmal das Lieblingslied ihres teuren, langjährigen, verstorbenen Vereinsmitgliedes an. Gerade in dem Augenblick, in dem Pizarrini sich anschickte, Hieronymus Bitter kurz und angemessen seine Meinung zu sagen, klang es vom offenen Grab des verunglückten Chefs herüber: „Der Jäger aus Kurpfalz, der reitet durch den grünen Wald …“
Erschüttert schwieg Pizarrini. Er schloß seine Augen und sah voll einer unheimlichen Wirklichkeit den jetzt dort unten ruhenden Chef an der Kasse sitzen, Geld kassieren und die frische Melodie des munteren Jagdliedes leise vor sich hin pfeifen.
Er konnte nicht sagen wie, aber plötzlich begriff er die Berechtigung jenes alten Brauches, den er eben noch in Grund und Boden verdammen wollte.
Hieronymus Bitter mußte irgendwie ahnen, was in Pizarrini vorging, denn er drückte nun teilnahmslos Pizarrinis Hand, steckte ihm gleichzeitig mit unendlicher Behutsamkeit und Diskretion ein Prospekt seines Unternehmens in die Manteltasche und ging leise weg.
Pizarrini sah ihm lange nach. Dann nahm er das Prospekt aus der Manteltasche und betrachtete es. „Hieronymus Bitter, Leichenbestattungsunternehmen und Sargtischlerei“ stand in schlichter Goldschrift auf einem schwarzen Umschlag. Pizarrini steckte das Prospekt wieder ein und verließ, während die Getreuen des Männergesangsvereines eben die vierte Strophe anstimmten, langsamen Schrittes den verschneiten Friedhof.
Podestas Erzählung
10
Die wenigen Tage bis zum Achtundzwanzigsten verbrachte Schmidbruch in einer sich ständig steigernden Unruhe. Je näher der Tag der Probevorführung rückte, um so mehr wuchs seine Ungeduld. Er konnte sich nicht erinnern, jemals in seinem bisherigen Leben einem Ereignis mit ähnlicher Erwartung entgegengefiebert zu haben. Er kannte sich selbst nicht mehr. Es war das erste Mal in seinem Leben, daß er sich bei einer größeren geschäftlichen Aktion seiner selbst nicht mehr sicher war. Freilich, seine Umgebung merkte nichts von seiner Unruhe und Unsicherheit. Er hatte es seit jeher verstanden, sich so zu beherrschen, daß kein Mensch merken konnte, was in ihm vorging. Auch seine bekannten Zornesausbrüche schienen nur einer unbeherrschten Natur zu entspringen, in Wirklichkeit waren sie wohlberechnet und genauestens dosiert. Es kam öfters vor, daß er jetzt mitten in der Nacht aufwachte, weil er geträumt hatte, mit der Probevorführung habe irgend etwas nicht gestimmt. Oder aber er fiel in das andere Extrem und stellte wilde Spekulationen darüber an, wie er nach gelungener Probevorführung mit Hilfe der Freßrobots das Publikum zu ungeahnten Konsumationen animieren werde.
Er träumte davon, als Retter der ISAG zu ihrem Ehrenpräsidenten ernannt zu werden. Die Hotellerie der ganzen Welt wird seinen Einfall preisen und anwenden, der Staatsminister in Ansehung seiner Verdienste ihn für den höchsten Orden des Landes vorschlagen. Dann bekam er es wieder jäh mit der Angst zu tun, weil er sich mit Podesta eingelassen hatte. Der Mensch wird mich hoffnungslos kompromittieren, dachte er, wie konnte ich so einem Menschen nur Vertrauen schenken, wäre ich doch wenigstens anonym geblieben.
Er saß in seinem Büro und dachte darüber nach, was er am besten unternehmen könne, um seiner Unruhe Herr zu werden.
Ich muß etwas tun, dachte er sich, um nicht mehr an diesen verfluchten Achtundzwanzigsten denken zu müssen.
Da erinnerte er sich des Yoga-Unterrichtes, den er im ersten Jahr seiner Präsidentschaft auf Anraten seines Gönners von Stechenkamp genommen hatte. Er stand auf, ging an die hell getönte Wand seines Büros und machte einen Kopfstand. Es tat ihm unsagbar wohl. Als er jedoch wieder an seinem Schreibtisch saß und gedankenverloren auf die Wand hinblickte, an der er eben einen Kopfstand gemacht hatte, bemerkte er voll Schrecken, daß er während dieses Kopfstandes mit seinen Füßen unbewußt groß und ungefüge „28“ auf die Wand gezeichnet hatte.
Er schlug beide Hände vor sein Gesicht und floh, von ungläubigem Entsetzen gepeinigt, aus seinem Büro. Er wollte in die Stadt fahren und irgend etwas trinken. Aber er traute sich dann nicht in seinem Zustand, in ein Auto zu steigen, und ging zu Fuß. Die Stadt stand damals gerade vor den Bürgermeisterwahlen. Von den Plakatwänden schrien die Plakate der wahlwerbenden Parteien.
Schmidbruch entsann sich, daß ihm vor Jahren von einer politischen Partei der Vorschlag gemacht wurde, ein Parlamentsmandat zu übernehmen. Er hatte damals abgelehnt. Keine Zeit für Politik, hatte er sich damals gesagt. Ob er das heute noch tun würde? Plötzlich schien es ihm zweifelhaft, daß er damals das Richtige getan hatte. Schließlich hieß er nicht Huber und war nicht irgendwer, sondern hieß Ernst Schmidbruch und war Präsident der ISAG. Präsident der ISAG, da muß einer schon etwas leisten, daß er es so weit bringt in seinem Leben. Noch dazu, wenn er wie Schmidbruch ganz von unten angefangen hat. Ich hätte es auch als Politiker zu etwas gebracht, sagte er sich, und, wer weiß, vielleicht wäre das Volk mit mir besser gefahren als mit all den anderen, die im Grunde genommen nur meinen Platz einnehmen.
Wenn die Sache mit den Freßrobots nur halb so gelingt, dachte er weiter, wie ich es mir vorstelle, schmeiße ich die Brüder hinaus. Voll Mißmut erinnerte er sich an einige Aufsichtsräte, die ihm in letzter Zeit hart zugesetzt hatten.
Wenn die einmal etwas weniger bekommen, wollen sie einen am liebsten gleich umbringen. Pah, er würde es ihnen zeigen. Er war sechzig vorüber, aber für einen Mann wie ihn war das kein Alter. Hatte er nicht eben erst vor wenigen Minuten noch einen Kopfstand gemacht? Das sollte ihm doch einer von diesen Fettnäpfen nachmachen.
„Kujonieren lasse ich mich nicht“, brummte er vor sich hin, „ich werfe ihnen alles hin, dann sollen sie sehen, wie sie weiterkommen.“
Wozu, plötzlich überfiel ihn wieder das alte Mißtrauen gegen Podesta, wozu, dachte er, lasse ich mich denn überhaupt mit so einem Menschen ein? Habe ich das notwendig? Ach was, andere Gedanken, andere Gedanken, signalisierte er sich, andere Gedanken. Er faßte einen jähen Entschluß, packte einen Vorübergehenden bei der Schulter und hielt ihn fest.
Der Festgehaltene, ein junger Mann von vielleicht vier-oder fünfundzwanzig Jahren, wollte aufbegehren. Aber bevor er noch ein Wort sagen konnte, fragte ihn schon Schmidbruch mit der Zudringlichkeit eines hartgesottenen Reporters: „Wie werden Sie wählen?“
Jetzt erst sah der Befragte Schmidbruch genauer an.
„Herr Präsident“, sagte er bestürzt und blickte Schmidbruch entgeistert an.
„Woher kennen Sie mich?“
„Ich bin Subportier im Präsidium, Herr Präsident.“
„Was machen Sie dann hier?“
„Ich habe heute dienstfrei, Herr Präsident.“
Schmidbruch ließ ihn los und nickte ihm freundlich zu. Der junge Mann entfernte sich mit großer Hast. Schmidbruch ging weiter. „Gemeindepolitik“ las er auf einem der Plakate, „Gemeindepolitik ist Arbeit“. Auf einem anderen Plakat stand: „Wählt nicht Parteien, wählt Persönlichkeiten“.
Ausgezeichnet, dachte Schmidbruch, Persönlichkeiten, das ist es, was uns heutzutage fehlt. Aus dem Aquarium in der Auslage eines Delikatessengeschäftes glotzte ihn ein Karpfen an.
„In der Politik fehlt“, murmelte er vor sich hin und starrte in die Auslage.
Neben dem Aquarium lagen gerupfte Hähnchen, tiefgefroren und kunstvoll aufeinandergeschichtet. Eine Verkäuferin im weißen Mantel und eine dicke Frau mit einer großen Einkaufstasche traten von hinten an die Auslage. Die Frau zeigte mit dicken Wurstfingern auf eine der in dem Aquarium ruhelos hin und her schwimmenden Forellen. Die Verkäuferin fischte die Forelle mit einem kleinen Netz heraus, wickelte sie in ein weißes Tuch und trug sie nach hinten. Die Frau folgte ihr gemächlich nach.
Schmidbruch drehte sich angewidert um und ging weiter. Bald darauf kam er an einer kleinen Kneipe vorbei, die noch von der Art war, wie sie in seiner Jugend sehr modern gewesen war und die man jetzt fast nirgends mehr sah.
„Mal hineinschauen“, sagte er sich, zögerte dann aber und schämte sich dann beinahe, als er schließlich doch eintrat. Ihm war zumute, als mache er etwas Unerlaubtes, etwas für einen Präsidenten ganz und gar Ungehöriges. Er setzte sich an einen der kleinen, runden Marmortische und verlangte einen Magenbitter. Er blickte sich um. Außer ihm waren noch drei Männer hier, die an einem weiter entfernten Tisch saßen, und ein junger Bursche, der an der Bar stand, in einer Illustrierten blätterte und gleichzeitig unaufhörlich auf die Kellnerin einredete.
Die schätzungsweise vierzigjährige Frau, die bediente, war mittelgroß, schlank, hatte schwarzes Haar, ein hageres, grobknochiges Gesicht und einen trippelnden Gang, den Schmidbruch als nervenaufreibend empfand. Offenbar hieß sie Philomena, denn so wurde sie jetzt von einem der drei Männer gerufen. Schmidbruch hatte den Eindruck, als hätte sich in dem Lokal während der letzen dreißig, vierzig Jahre überhaupt nichts geändert. Er nippte an dem Magenbitter, kostete, nickte befriedigt, stürzte das ganze Glas hinunter und bestellte bei Philomena einen neuen. Dieser Vorgang wiederholte sich noch einige Male. Die drei Männer an dem Tisch in der anderen Ecke sprachen allem Anschein nach von den bevorstehenden Gemeindewahlen. Manchmal erregte sich der eine oder andere von ihnen und sprach lauter, so daß Schmidbruch dann und wann Brocken ihres Gespräches verstehen konnte. Dieser Umstand verlieh ihrem Gespräch das Gepräge eines gespenstischen, litaneienhaften Gebrabbels, aus dessen dumpfer Unverständlichkeit da und dort ein paar Brocken wortverständlichen Unsinns herausragten. Aber auch der Junge an der Bar, der unaufhörlich auf die Kellnerin einredete, und diese selbst – hinter der Bar stehend und Gläser wischend und immer wieder dem Jungen zunickend, als wolle sie damit verhindern, daß er zu reden aufhöre – machten auf Schmidbruch einen seltsam unwirklichschemenhaften Eindruck.
Die grauweißen Platten der Marmortische leuchteten wie phosphoreszierende Schimmelflecken durch das muffige Zwielicht des schäbigen Lokals und übten eine merkwürdig beruhigende Kraft auf ihn aus, die ihn weit von allem distanzierte, was ihn vor wenigen Minuten noch so heftig beunruhigt hatte. „Jawohl, so und nicht anders“, schrie einer der drei, und fast im selben Augenblick ließ ein anderer mit lautem Getöse einen fahren. Die drei brachen in wieherndes Gelächter aus. Sie brüllten vor Lachen, daß sie rote Köpfe bekamen.
„Schweine“, sagte die Kellnerin ganz laut zu sich selbst. Der Junge, unberührt von allem, redete unaufhörlich weiter.
„So und nicht anders“, mit unter Lachen erstickender Stimme ließ wieder einer einen fahren. Ihr brüllendes Lachen ging in ein an- und abschwellendes Wimmern über, das sie vollends zu übermannen drohte.
Als Schmidbruch dann auf die Straße trat, war er überrascht, daß draußen Tag war und der Verkehr an der unscheinbaren Tür der Kneipe vorbeiflutete, als wäre hinter dieser Tür nichts.
Schmidbruch wußte es besser. Da waren drei Männer hinter dieser Tür, die über einen Furz lachten, eine Kellnerin, die sich darüber ärgerte, ein junger Mann, den irgend etwas so bewegte, daß er unaufhörlich redete. Schmidbruch winkte einem Taxi und fuhr ins Präsidium zurück. Er war jetzt ganz ruhig geworden und hatte sich entschlossen, das Projekt auch dann weiterzuverfolgen und durchzuführen, wenn die erste Probevorführung mißlingen sollte.
14. Kapitel
Schmidbruch begann die Erzählung Podestas langweilig zu werden. Ein kurzer, prüfender Blick auf den Podesta unentwegt ins Gesicht starrenden Pizarrini überzeugte ihn von dessen für den Rest dieser Nacht sichergestellten Ungefährlichkeit. Beruhigt wandte er sich ab und hielt nach anderen Gelegenheiten Ausschau.
Am Nebentisch saßen zwei ältere Damen. Sie blätterten geräuschvoll in Illustrierten, lutschten Bonbons, die sie einem gelben Porzellanschüsselchen auf ihrem Tisch entnahmen, tranken Schokolade. Eine rauchte mit einem langen, schwarzgoldenen Spitz eine Zigarette, die andere hob ab und zu ein silbernes Lorgnon vor ihre Augen und betrachtete damit verschiedene Bilder in der Illustrierten besonders eindringlich. Dann und wann zeigten sie einander Bilder aus den Illustrierten und wechselten ein paar Worte dabei.
„Ach, sehen Sie doch, Frau Oberoffizial, ist das nicht wahnsinnig blödsinnig?“
„Ich weiß nicht, meine Beste, ich finde es eigentlich irrsinnig aufregend.“
„Ich finde, das ist einmal wirklich ein guter Schnappschuß.“
„Ständig diese nackten Weiber, das gehörte eigentlich verboten.“
„Frau Oberoffizial, ich meine doch das Bild von der Hinrichtung. Sie glauben doch nicht, daß ich diesem Fleischberg etwas abgewinnen könnte.“
„Ach so, das meinten Sie, lassen Sie mich doch nochmals sehen, tatsächlich, wahnsinnig komisch, wie der seine Hände vorstreckt, ach, sehen Sie nur, was für dreckige Hosen der daneben anhat, fürchterlich!“
„Die Leute haben doch keine Kultur, die kennen doch keine Seife.“ Schmidbruch beobachtete die beiden eine Weile und entschloß sich dann, ohne lange Umschweife direkt auf sein Ziel loszusteuern. Er stand auf und ging an ihren Tisch.
„Herr Präsident Schmidbruch“, stellte er sich mit tiefer Verbeugung vor.
Er hatte richtig kalkuliert. Mit freudigem Befremden reichten ihm beide Damen ihre Hände. Schmidbruch drückte auf jedwede einen warmen Kuß und warf ihren Besitzerinnen heiße Blicke zu. Dann setzte er sich nieder und rief den Kellner.
Podesta, dem ob solcher Verwegenheit beinahe die Sprache ausblieb, beobachtete, wie Schmidbruch bei dem diensteifrigst herbeigeeilten Kellner eine kostspielige Bestellung machte. Die beiden Damen protestierten zaghaft. Dieses hochstaplerische Benehmen Schmidbruchs ärgerte Podesta ungemein.
„Ich kann den Jungen einwickeln, und er frißt und säuft und macht sogar noch Weiberbekanntschaften auf meine“, er blickte zu Pizarrini hinüber und verbesserte sich, „auf seine Kosten.“
Ich werde mich, dachte er weiter, von dem feinen Herrn und den beiden Schachteln da drüben nicht lumpen lassen. Was die können, kann ich schon lange. Er rief nun ebenfalls den Kellner, und während er Kaviarbrötchen und eine Flasche Sekt bestellte, blickte er triumphierend zu Schmidbruch hinüber. Schmidbruch deutete auf Pizarrini. Podesta verstand sofort. Besorgt fragte er Pizarrini, ob er denn nicht auch noch etwas essen wolle.
Pizarrini schüttelte ganz leicht seinen Kopf und sagte so leise „Danke“, daß Podesta es kaum hörte.
„Danke“, sagte Pizarrini zu dem Chauffeur, der, als Pizarrini aus dem Friedhof herauskam, schnell aus der von Schmidbruch zur Verfügung gestellten Sechzehn-Zylinder-Luxuslimousine gesprungen war und mit einladender Geste zu Pizarrini hin den Wagenschlag geöffnet hatte, „danke, ich werde zu Fuß gehen.“
Vor Pizarrini ging eine tief verschleierte junge Frau.
Eine innere Stimme sagte ihm, daß er sie kannte. Ein mächtiges, unbestimmtes Gefühl zog ihn in ihre Nähe. Er beschleunigte seine Schritte, um sie einzuholen. Je näher er ihr kam, um so mehr wurden seine Augen von ihren ihm sehr gefälligen hinteren Proportionen gefesselt. Er schalt sich darob einen ehrfurchtslosen Wüstling. Und plötzlich, er wußte nicht, wie ihm geschehen, war er schon in tiefem Gespräch mit ihr befangen.
„Gnädigste kannten den Verstorbenen?“
„Ob ich ihn gekannt habe, er war mein treuester Freund.“
„Erzählen Sie! Ich war, Sie müssen wissen, bevor ich Oberbuchhalter der ISAG und Präsident Schmidbruchs rechte Hand wurde, Buchhalter in seinem Geschäft und habe ein menschliches Interesse an seiner Freundin.“
„Ach, wissen Sie“, sagte sie mit einer seltsam unpersönlichen Stimme, die so unpersönlich klang, daß sie daraus schon wieder einen ganz spezifischen, persönlichen Reiz gewann, „in meinem Beruf macht man mit Männern fast nur schlechte Erfahrungen. Aber er! Er war die große Ausnahme. Er war ein Mann mit Bildung, mit Herzensbildung und Herzenstakt. Er hat mich außerhalb des Etablissements kennengelernt und hat mich auch nie darin besucht. Er wußte, wer ich bin. Ich habe es ihm nie verheimlicht.“
Sie schlug ihren schwarzen Schleier zurück: Es war Tonschi.
„Er hat mich deshalb nie verachtet“, fuhr sie fort, „ich weiß es bestimmt, er hat mich nie – auch nur eine Sekunde lang – verachtet. Bemitleidet – mag sein –, aber verachtet hat er mich nie; das weiß ich. Obwohl er mich seit damals, als ich es ihm sagte, gemieden und nie mehr gesehen hat.“
Sie hielt inne, blieb stehen, drehte sich um und warf einen Blick auf den Friedhof zurück und sagte mehr zu sich selbst als zu Pizarrini, leise, mit einer Stimme, die keine Antwort zuzulassen schien: „Er war halt ein sehr bürgerlicher Mensch. Sie haben ja sein Begräbnis gesehen. Ein schwacher – vielleicht, wahrscheinlich sogar –, aber ein guter Mensch, ein wahrer Freund! Der einzige, den ich je besessen habe.“ Pizarrini schwieg. Endlich sagte er: „Das alles tut mir sehr leid für Sie, Fräulein Tonschi, aber glauben Sie mir, auch ich habe Sie nie verachtet.“
„Ich weiß, aber bei Ihnen hat das andere Gründe. Sie verachten mich nicht, weil Sie meinen Beruf nicht verachten, und meinen Beruf verachten Sie nicht, weil er sich ordnen läßt. Er aber, er hat mich nicht verachtet, obwohl er meinen Beruf und alles, was damit zu tun hat, verabscheute. Er hat mich nicht verachtet, weil er das in mir achtete, was sich nicht ordnen läßt, was immer von neuem aufbricht und immer wieder an altem stirbt. Und überhaupt, Sie sind ein ganz anderer Mensch als er. Daß Sie so viel jünger sind, wäre noch das wenigste. Sie sind Oberbuchhalter der ISAG und die rechte Hand des Präsidenten Schmidbruch. Sie sind ein ganz anderer Mensch.“
„Fräulein Tonschi, glauben Sie mir, ich würde …“
„Ach, es hat keinen Sinn“, unterbrach sie ihn, „unsere Begegnung war von Anfang an verkehrt, sonst, wer weiß, vielleicht … adieu, Herr Pizarrini, adieu!“
Sie stieg in eine gerade vorüberkommende Straßenbahn und fuhr davon.
„Tonschi!“ rief er und wollte ihr nachspringen.
Da kam aus einer Nebengasse plötzlich mit großem Tempo der Mordial 22 herausgebraust, und Pizarrini konnte sich gerade noch auf das Trottoir zurückretten.
Die wilden Kinder winkten ihm mit bunten Fähnchen zu und schrien: „Wieder keine, wieder keine.“
Er blickte der immer kleiner werdenden Straßenbahn nach, in welcher auf der hinteren Plattform die schwarz verschleierte Tonschi stand und ihm mit einem weißen Taschentuch zuwinkte, bis nichts mehr zu sehen war.
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