Kitabı oku: «Gesang der Lerchen»
Otto Sindram
Gesang der Lerchen
Von Menschen und Mauern und über die Liebe
Mariposa Verlag Berlin
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ISBN 13: 9783927708464
© 2006 MariPosa Verlag
12205 Berlin
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Fax 030 2159528
U. Strüwer, Drakestr. 8a
www.mariposa-verlag.de
Umschlaggestaltung: Friedericke van Meer
Umschlagfotos: Thomas Krumenacker, Klaus Welscher
1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH 2013
Alle Rechte vorbehalten
Inhalt
Cover
Titel
Impressum
Widmung
Zitat
Prolog
Erster Teil: Liebe, Liebe
1
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Zweiter Teil: Licht auf dem Wasser
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Dritter Teil: Die Puppe
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Vierter Teil: Herrenjahre
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Fünfter Teil: Langer Abschied
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Epilog
Der Autor
Im Text verwendete Abkürzungen
Für Margret, meine Frau seit 50 Jahren
Es ist sicher, dass es jenseits des sozialen Daseins, des Familienlebens eines Menschen, jenseits der Gebärden, zu denen ihn seine Umwelt, sein Beruf, seine Ideen oder sein Glaube zwingen, ein geheimeres Leben gibt: Oft liegt auf dem Grunde dieses Bodensatzes, allen Augen verborgen, der Schlüssel, der uns dieses geheime Leben endlich erschließt.
FranÇois Moriac
Prolog
Endlich wird die Beatmungsmaschine abgeschaltet. Philipp muss sich darauf konzentrieren, wieder selbstständig und gleichmäßig zu atmen. Aus weiter Ferne hört er die Stimme des Professors.
»Wir haben Ihnen drei Bypässe gelegt, Herr Siebert; alles in Ordnung. Ab jetzt können Sie Ihre Rente noch einige Jahre genießen. Denken Sie nicht an das Atmen, das muss von ganz alleine gehen. Denken Sie an irgendetwas, nur nicht ans Atmen.«
Einatmen – ausatmen – einatmen. Ich muss an irgendwas denken, ausatmen – einatmen ...
»Du bist aus der britischen Zone?«, fragt das Mädchen mit den schwarzen Zöpfen Philipp.
»Ja, aus dem Ruhrgebiet.«
»Aus dem Ruhrgebiet auch noch!«
Philipp kann sich nicht erklären, was so besonders daran sein soll, und fragt zurück.
»Und woher bist du?«
»Jetzt hier aus Berlin, aus Weißensee, aber ich habe lange in der Sowjetunion gelebt. Ich war noch nie in Westdeutschland. – Sophie«, sagt das Mädchen, sich vorstellend, und gibt Philipp die Hand.
Der erste Unterrichtstag wird mit organisatorischen Fragen vertan. Zum Schluss bekommen die Schüler eine Wassersuppe, die als Schulspeisung von den Sowjets kommt und nach dem sowjetischen Stadtkommandanten von Ostberlin Kotikow-Süppchen genannt wird. Am nächsten Tag, noch ehe der Unterricht beginnt, spricht Christian Philipp an.
»Setz dich zu mir, die anderen sind mir alle zu blöd.«
»Ich habe aber schon einen Platz neben der Sophie.«
Philipp kennt Christian von der Aufnahmeprüfung, ihm ist seine harte Aussprache aufgefallen.
»Was willst du mit der, die hat ja nichts in der Bluse. Einen Arsch hat sie wohl auch nicht«, sagt Christian und zieht Philipp auf den leeren Platz neben sich.
Draußen wird es Herbst. Mehr als drei Jahre ist der Krieg nun schon vorbei. Der Unterricht beginnt.
Erster Teil
Liebe, Liebe
1
Philipp Siebert war ratlos. Der Mann in der Berufsberatung hatte ihm eindringlich geraten, Bergarbeiter zu werden.
»Der Führer braucht Kohle für den Endsieg. Du siehst doch selber, wie diese Mörderbande das Ruhrrevier bombardiert hat. Wir müssen sie bald besiegen.« Also müsse Philipp unbedingt Bergarbeiter werden. Der Vater sei doch auch Bergarbeiter? »Na siehst du! Und außerdem gehört dort das Abzeichen der Hitlerjugend hin.«
Der Mann stieß mit seinem Zeigefinger energisch gegen Philipps Brust. Dieser trug noch immer den Bleyle-Anzug aus dunkelblauer Wolle von seiner Kommunionsfeier, mit kurzen Hosen und einer Jacke mit langem Revers; jetzt zwar ohne weißen Kragen, den hatte er inzwischen abgeknöpft, aber eben auch ohne das Abzeichen der Hitlerjugend. Philipp fühlte sich schuldig und hätte dem Mann am liebsten sofort seine Begeisterung für den Beruf des Bergarbeiters mitgeteilt.
»Ehe du Bergmann wirst, schlage ich dich vorher tot«, hatte zu Hause der Vater gesagt und dann ruhig weiter an seiner Tabakpfeife gesogen.
Und nun war Philipp ratlos. Da nahm die Mutter ihn an die Hand und sie gingen zur Eisenhütte. Philipp wurde Schlosserlehrling, aber mit einem unguten Gefühl, wenn er an den Endsieg dachte.
In der Werkstatt standen die Jungen in langen Reihen an den Schraubstöcken und lernten das Feilen, Meißeln und Bohren an vorgefertigten Metallteilen.
Der Werkstattleiter war ein jähzorniger Mann mit einer silbernen Schädelplatte, die er nach einer Verwundung an der Front bekommen hatte. Ständig trug er einen Hut; nur wenn er mit wehenden Kittelschürzen schimpfend und Ohrfeigen verteilend durch die Werkstatt eilte und ein letztes Argument nötig zu haben glaubte, zog er den Hut und zeigte allen seinen Silberschädel.
Philipp machte gewissenhaft seine Übungsarbeiten, lebte aber doch mit der dauernden Angst, geohrfeigt zu werden. Nach zwei Wochen, Philipp war gerade an diese Umgebung gewöhnt, kam der Meister mit der Silberplatte an seinen Schraubstock.
»Pack deine Sachen zusammen, aus dir wird doch kein Schlosser. Melde dich drüben im Forschungsinstitut, da ist im Labor eine Stelle für einen Laborantenlehrling frei geworden.« Als er Philipps verängstigtes, ratloses Gesicht sah, wurde er ungnädig. »Hau ab! In einer halben Stunde will ich dich hier nicht mehr sehen, sonst gibt es was!«
Der Laborleiter nahm Philipp mit zum Büro des Professors.
»So so, du bist das also«, sagte der Professor und hielt eine Rede über Pflichterfüllung für Führer und Vaterland in einer außergewöhnlichen Zeit und dass Jungen wie Philipp nur in einer solch großen Zeit so viel Glück zuteil werden könne.
Philipp gefiel die Rede, besonders wenn er Wendungen wie »zuteil werden« und »große Zeit« hörte. Er betrachtete respektvoll das Parteiabzeichen am Revers des Professors und das Führerbild an der Wand, fühlte sich auf einmal bedeutend und vergaß endgültig, dass er eigentlich Bergarbeiter werden sollte.
Zum Laborleiter, der Peter Hansen hieß und den hinter dessen Rücken alle Pidder nannten, fasste Philipp bald Vertrauen. Über ihn ging das Gerücht, er sei ein Kommunist. Philipp bekam von ihm Zeitschriften und Bücher geliehen.
»Lies das!«, sagte Pidder und legte dem Jungen immer mal wieder ein Exemplar auf den Arbeitsplatz.
Nach Ende des Krieges dauerte es ein halbes Jahr, bis der Professor aus einem englischen Internierungslager frei kam und an seinen Schreibtisch zurückgekehrt war. Es hieß, dass er als Mitläufer eingestuft worden sei. Im Institut hatte sich wenig verändert, nur an der Wand hinter dem Schreibtisch des Professors hingen jetzt die »Betenden Hände« von Dürer.
Als Philipp seine Ausbildung abgeschlossen hatte, musste er wieder vor diesem Schreibtisch stehen und einen Vortrag anhören. Von der Erwartung war die Rede und dass er nun seine Pflicht für Firma und Vaterland ... Er habe eine gute Prüfung gemacht, sicher, aber menschlich − der Professor wiegte seinen Kopf −, menschlich habe er enttäuscht.
»Was warst du doch ein netter, bescheidener Junge, als du bei uns anfingst! Du musst lernen dich einzuordnen und Autoritäten zu achten. Und halte dich von Leuten fern, die einen schlechten Einfluss auf dich haben.«
Philipp musste immer auf die »Betenden Hände« an der Wand schauen und erwartete jeden Moment, dass sie sich voneinander lösen und zum Führergruß erheben würden. Er musste grinsen.
»Mach, dass du rauskommst!«, polterte der Professor.
Pidder nahm den Jungen zur Seite.
»Geh von hier weg! Wenn du weiter zur Schule gehen möchtest, werde ich dir helfen. Ein Stipendium könntest du auch bekommen. Ich beziehe aus Berlin das ›Neue Deutschland‹, da steht gerade etwas für dich drin. Morgen bringe ich es dir mit.«
Am nächsten Tag las Philipp: An der Berliner Universität ist jetzt auch eine Vorstudienabteilung eröffnet worden. Arbeiter- und Bauernkinder sowie Kinder der werktätigen Intelligenz, die über eine abgeschlossene Grundschul- und Berufsausbildung verfügen und sich durch hervorragende Arbeitsleistungen in der Produktion auszeichnen, können von sozialistischen Betrieben zum Besuch der Vorstudienabteilung delegiert werden.
Ein sozialistischer Betrieb ist das hier ja nun nicht gerade, dachte Philipp, und in den Osten delegieren wird mich wohl auch keiner. Pidder aber meinte, das sei ein Text für die Sowjetzone, und in Berlin würden sie es wohl nicht so genau nehmen. Dabei zupfte er an seinen kräftigen, schwarzen Augenbrauen, als wollte er sie ausreißen, was er immer tat, wenn er verlegen wurde.
Einen Monat nach der Währungsreform, Philipp hatte gerade das erste Mal sein Gehalt in neuem Geld bekommen, erhielt er aus Berlin eine Einladung zur Aufnahmeprüfung. Ende September verabschiedete er sich im Institut.
»Was nütze es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele«, gab ihm der Professor bedeutungsvoll mit auf den Weg, schenkte ihm ein kleines Buch mit Bibelsprüchen, ging anschließend ins Labor und rieb sich inmitten der Laboranten die Hände.
»Den sind wir also los!«
Alle lachten zustimmend. Pidder schwieg und drückte, als sie alleine waren, dem Jungen auch ein schmales Bändchen in die Hand. Als Philipp das Bändchen aufschlug, sah er, dass es in London gedruckt worden und genau 100 Jahre alt war; das Papier war schon ganz gelb. Es trug den Titel »Manifest der Kommunistischen Partei« und begann mit dem Satz: Ein Gespenst geht um in Europa ...
Vater Siebert brachte Philipp zum Bahnhof und trug den Jutesack mit dem Federbett.
»Wie willst du mit den beiden Koffern das alles noch tragen?«, fragte er.
»Es wird schon gehen«, antwortete Philipp. Er brauchte dieses Federbett nicht, wollte aber seine Mutter nicht kränken.
»Deine Aussteuer, und damit du es warm hast«, hatte sie mit einem missglückten Lächeln gesagt, ihm einen Kuchen eingepackt, verstohlen noch einen Christopherus-Taler in die Hand gedrückt und dann still geweint, so wie er sie manchmal hatte weinen sehen, wenn sie von ihrem Mann geprügelt worden war oder ein anderer Kummer sie quälte.
Der Zug lief ein, Philipp umarmte den Vater, spürte dessen Stoppelbart und den von der vielen Arbeit ausgemergelten Körper.
»Dass du ab morgen ein Russe bist, das weißt du ja!«, rief der Vater, dann blieb er auf dem Bahnsteig zurück.
Philipp winkte ihm noch einmal zu, einem müden alten Mann von dreiundvierzig Jahren.
Nach ihrer Rückkehr aus der Sowjetunion hatte Sophie Dahlhaus Schwierigkeiten mit der deutschen Sprache. Sie war erst sechs Jahre alt, als die Nazis ihren Vater verhaftet hatten und sie mit ihrer Mutter und ihrem Bruder in die Sowjetunion geflohen war. Seitdem haben ihr Bruder und sie in sowjetischen Kinderheimen gelebt, wurden in Schulen zusammen mit Kindern vieler Nationen unterrichtet und sprachen nur Russisch. Die Mutter musste arbeiten. Nur einen Teil der Ferien, und auch nicht in jedem Jahr, konnten die Kinder bei ihr sein − für Sophie zu wenig, um weiterhin die deutsche Sprache sprechen zu können. Ihr Bruder Kurt war bei der Flucht aus Deutschland schon neun Jahre alt und sprach länger und besser Deutsch. Aber nachdem sie die Nachricht erhalten hatten, dass ihr Vater von den Nazis hingerichtet worden sei, weigerte er sich, »die Sprache der Mörder« zu sprechen, und wollte nach dem Kriege auch nicht mehr nach Deutschland zurück.
So kam Edda Dahlhaus im Juni 1945 allein mit ihrer fünfzehnjährigen Tochter Sophie nach Deutschland. Der Beauftragte des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Deutschland für das Land Brandenburg empfing sie, besorgte ihnen eine Wohnung und teilte die Genossin Edda zum Einsatz in der Verwaltung der Stadt und des Kreises Neuruppin ein. Ab sofort zuständig für das Wohnungs- und Fürsorgewesen, war sie mit der Beschaffung von Wohnraum für die vielen Flüchtlinge aus dem Osten und der Versorgung der Bevölkerung beschäftigt.
Sophie genoss es, nach den Jahren der Trennung wenigstens an den Abenden mit der Mutter zusammen sein zu können. Sie lernte fleißig die deutsche Sprache, und als im Oktober die Oberschule in der Stadt ihren Betrieb wieder aufnahm, meldete Edda ihre Tochter dort an.
Edda aber war mehr und mehr eingespannt in der Stadtverwaltung und kam an den Abenden immer später nach Hause. Wenn sie in den seltener werdenden gemeinsamen Stunden begeistert erzählte, dass sie einen Saboteur habe verhaften lassen oder einen Spion entlarven konnte, wurde Sophie neidisch. Sie erinnerte sich an ihre Zeit in der Sowjetunion und wie gerne sie im Unterricht »Spione und Konterrevolutionäre entlarven« geübt hat. Ihre Wachsamkeit wurde dadurch so sehr geschult, dass sie bei einer notwendigen Blinddarmoperation den behandelnden Arzt ablehnte; sie erkannte in ihm einen Konterrevolutionär.
In der Oberschule in Neuruppin bekam Sophie Schwierigkeiten, sowohl mit ihren Mitschülern als auch mit dem zu erlernenden Stoff. Die Lehrer rieten Edda schließlich, ihre Tochter von der Schule zu nehmen. Edda tobte und beschimpfte die Pädagogen als Faschisten und Reaktionäre, folgte aber endlich doch dem Rat der Schule. Sophie übernahm allein die Hausarbeit. Edda machte Karriere in der Verwaltung und in der Politik. Sie wurde Kulturreferentin und Kreisrat für Volksbildung.
Eines Abends übte Edda zu Hause ein Referat, das sie am nächsten Tag vor Kulturschaffenden halten sollte und das da lautete: Überlegungen über die Notwendigkeit der Beseitigung der feudalen Herrschaftsbauten in Brandenburg gemäß dem Befehl der Sowjetischen Militär-Administration SMA. Sophie musste Publikum spielen und zuhören. Und während sie sich bemühte, den Gedanken der Mutter zu folgen, ging es ihr plötzlich durch den Kopf: Sie beutet mich aus, meine Mutter macht Karriere auf meine Kosten. Am Tage darauf las Sophie im »Neuen Deutschland«, dass an der Berliner Universität eine Vorstudienabteilung für Arbeiter- und Bauernkinder mit abgeschlossener Berufsausbildung eröffnet worden sei. Vielleicht nehmen sie es ja nicht so genau, dachte sie, und schrieb ohne Wissen ihrer Mutter eine Bewerbung an die Universität Berlin.
Christian Koschek, der Junge, hat heimlich in den Quarkbehälter gepinkelt. Ein Molkereiarbeiter hatte ihn einen Pollacken geschimpft. Als Christian danach, an der Abpackmaschine stehend, auf dem Laufband die in Wachspapier gewickelten, durch die Oberlichtsonne beschienenen und in reinem Weiß leuchtenden Quarkportionen mit der Aufschrift »Deutscher Qualitätsquark aus Potsdam« an sich vorbeiziehen sah, war er zufrieden. Er hatte sich dagegen zu wehren versucht, in dieser Molkerei zu arbeiten, und wollte weiter zur Schule gehen. Aber seine Mutter meinte, dass das Faulenzen ein Ende haben müsse, Krieg und Flucht seien nun vorbei, und mit seinen sechzehn Jahren sei er ohnehin zu alt für die Schule.
Frau Koschek kannte den Vorsitzenden vom Antifaschistischen Ausschuss in Potsdam, einen hageren, mit einer schwermütigen Frau verheirateten Kommunisten. Sie erzählte ihm, die Nazis hätten ihren Mann, einen polnischen Offizier, in Katyn erschossen. Seitdem erfüllte der Genosse Vorsitzende ihr manchen Wunsch und versuchte sie zu trösten. Er hatte Christian die Arbeit in der Molkerei besorgt.Maria Koschek war dankbar und wusste es zu nutzen, dass ihr Sohn nun täglich mit Milch, Butter und Quark umging, das war kurz nach dem Krieg eine Goldquelle. Sie gab Christian allmorgendlich sein Frühstücksbrot in einer Blechdose mit und dazu eine mit Getreidekaffee gefüllte Flasche. Nur wenige Andeutungen waren nötig, und Christian wusste, was seine Mutter von ihm erwartete. So konnten sie dank glücklicher Umstände in einer Zeit des allgemeinen Hungerns gut leben; und weil Maria die Anteile der Molkereiprodukte, welche sie nicht zum Verzehr für ihren Sohn, für ihre alte Mutter und für sich benötigte, auf dem Schwarzmarkt eintauschte gegen vielerlei Kostbarkeiten und Güter des täglichen Lebens, fehlte es ihnen beinahe an nichts.
Anders als erwartet und von der Vertreibung aus Krakau abgesehen, hat sich damit Marias im kalten Januar des Jahres 1945 auf der Flucht aus Polen getaner Schwur schon nach einem Jahr erfüllt. Damals hatten sie und ihr Sohn in der Nähe von Cottbus frierend und halbverhungert dabeigestanden und zugesehen, wie junge Männer in der Uniform des Reichsarbeitsdienstes mit Hacken und Schaufeln die hartgefrorene Erde aufbrachen, Marias wenige Monate alt gewordene, erfrorene Tochter aus dem Handwagen nahmen, in die kalte Erde legten und das kleine Grab zuschaufelten.
Nie wieder frieren, nie wieder hungern, nie wieder fliehen, hatte sie sich da geschworen. Am Grabe ihres Säuglings, der ihr von der Liebe zu einem deutschen Besatzungsoffizier geblieben war, dem Elternhaus und ihrer Mutter in Potsdam schon näher als dem Anfang ihres Fluchtweges, fasste sie einen Entschluss.
»Komm!«, sagte sie zu ihrem Sohn, nahm die Deichsel auf, wendete den Handwagen und fuhr zurück, der nahenden Front und dem Flüchtlingsstrom entgegen.
Sie war entschlossen, sich mit den Siegenden zu arrangieren. Ihr Sohn folgte widerspruchslos. Er hoffte, in Krakau und in ihrem Haus mit dem großen Garten ein Leben führen zu können wie vor der Flucht, wollte Fußball spielen, schwimmen, Klavierunterricht nehmen und weiterhin das Lyzeum besuchen.
Christian mochte die Menschen nicht, die wie er in der Molkerei ihrer Arbeit nachgingen. Ihre Witze auf Kosten Schwächerer waren ihm zuwider. Er wusste aber, dass er mit dem, was er neben dem Lohn in beinahe wertlosem Geld heimbrachte, das zu Hause geführte Leben erst ermöglichte und daher nicht einfach aufhören konnte. Die Zuteilungen auf den Lebensmittelkarten reichten nicht zum Leben. Über zwei Jahre ließ ihn diese Einsicht in der Molkerei ausharren, dann änderte sich die Situation in der Familie.
Maria hatte gleich nach ihrer Vertreibung aus Polen im Hause von Sasse das Regiment übernommen. Frau von Sasse war ihrer Tochter dankbar dafür, denn seit dem Tode ihres Mannes fehlte ihr der Lebensmut. Zuerst entließ Maria das Hausmädchen Trude, denn in einer solchen Notzeit, so fand sie, bedeutete ein Esser weniger am Tisch schon viel. Danach bewarb sie sich erfolgreich um eine Küchenstelle in einem Hotel, das gleich nach dem Ende des Krieges für die Organisatoren der Potsdamer Konferenz eingerichtet worden war und seitdem von sowjetischen Offizieren bewohnt wurde. Dort lernte sie den Koch kennen, einen für diese Zeit ungewöhnlich fetten Mann um die fünfzig, der im Krieg seine Frau bei einem Bombenangriff verloren hatte. Er zog schon bald bei ihnen ein.
Christian konnte den Eindringling nicht leiden. Als aber Maria ihre Arbeit in der Hotelküche wieder aufgeben musste, um ihre immer hinfälliger werdende alte Mutter pflegen zu können, sah er, dass dieser Mann seinen Plänen nützlich sein könnte. Ermutigt durch die Sicherheit, die der Koch der Familie brachte, traute Christian sich, laut über Alternativen zur Arbeit in der Molkerei nachzudenken. Von seiner Mutter konnte er wenig Hilfe erwarten, dazu war sie zu sehr auf das Heute fixiert und mit dem Überleben beschäftigt.
»In Deutschland gehen nur Mädchen auf ein Lyzeum. Die Jungen gehen aufs Gymnasium, aber dazu müsstest du zu viel nachholen«, gab sie zu bedenken, »und mit Zwölfjährigen möchtest du doch sicher nicht zusammensitzen.«
Hilfe bekam er von einer Seite, von der er es nicht erwartet hatte. Der Vorsitzende der Betriebsgewerkschaftsleitung BGL schlug vor, ihn zur Vorstudienanstalt VA zu delegieren.
»Im Neuen Deutschland habe ich gelesen, dass man an der Uni Berlin jetzt die Hochschulreife nachholen kann. Dort bekommst du ein Stipendium, und in zwei Jahren bist du fertig, kannst dann gleich weiterstudieren. Man sollte zwar eine abgeschlossene Berufsausbildung haben, aber die nehmen es bestimmt nicht so wörtlich.«
Christian mochte auch diesen Mann nicht und vermutete, dass er ihn nur aus dem Betrieb haben wollte. Das aber war ihm gerade recht.
»Schreib einen Lebenslauf in zweifacher Ausfertigung und eine Bewerbung. Ich schreibe eine Befürwortung. Bei meiner nächsten Fahrt nach Berlin nehme ich alles mit«, sagte der Gewerkschaftler.
Christian schrieb und vergaß auch nicht den Mord an dem Vater in Katyn zu erwähnen − die offizielle Version, die inzwischen ja auch von der Mutter verbreitet wurde.
»In Polen hast du immer gesagt, die Russen haben Papa erschossen«, hat er ihr vorgehalten, als sie nach der Vertreibung aus Polen in Potsdam allen von der Ermordung ihres Mannes durch die Nazis erzählte.
»In Polen waren die Nationalsozialisten die Besatzungsmacht, hier sind es die Russen, und wir leben unter den Kommunisten. Es sagen hier doch alle, dass es die Nazis waren«, hat sie geantwortet.
Wenige Tage nach dem Schreiben seiner Bewerbung bekam Christian Koschek eine Einladung zur Aufnahmeprüfung. So begann in der Vorstudienanstalt VA der Universität Berlin seine Karriere.
2
Am ersten Tag seiner Reise nach Berlin kam Philipp bis Hannover. Es war bald Mitternacht. Der Bahnhof machte einen unfreundlichen Eindruck. Im Schein der sparsamen Beleuchtung sah er überall die Spuren der Zerstörung durch den Krieg, spürte die Kühle der Herbstnacht und war hungrig. In dem großen, überfüllten Wartesaal fand er in der Nähe der Tür zur Toilette noch einen Platz, stellte den Sack mit dem Federbett an die Wand, setzte sich auf die geschichteten Koffer, steckte einen Fuß durch die Träger des Rucksacks, drückte seinen Rücken gegen das Federbett und versuchte ein wenig die Augen zu schließen, ohne zu schlafen. Das lange Sitzen auf den Holzbänken, das Quietschen der Wagenbremsen bei den unzähligen Halts, der knallende Lärm beim Zuschlagen der vielen Abteiltüren vor jeder Weiterfahrt und das eintönige Tack-Tack der Wagenräder während der Fahrt hatten Philipp müde gemacht. Er wurde wach, als der Morgen durch die Fenster schien und das Lampenlicht in dem Wartesaal verblasste. Beruhigt stellte er fest, dass von seinem Gepäck nichts fehlte.
Der Zug bis zur Zonengrenze war nicht so überfüllt wie der Zug am Tage zuvor. Auf dem Bahnhofsvorplatz von Helmstedt, der Endstation in Westdeutschland, boten Menschen mit Handwagen ihre Dienste an, um das Gepäck der Reisenden zur Grenzstation zu fahren. Philipp verhandelte mit einer Frau über den Preis.
»Geben Sie mir, was Sie haben; drüben dürfen Sie sowieso kein Westgeld besitzen.«
Er gab und schüttete dazu noch das Hartgeld aus seiner Börse in ihre offen gehaltenen Hände. In Berlin, das wusste er, gab es ja sofort das erste Stipendium in Ostmark. Vor dem Schlagbaum auf der Westseite nahm er sein Gepäck aus dem Wagen und reichte dem britischen Grenzposten seinen Interzonenpass. Der drückte einen Stempel darauf und reichte ihn zurück.
»Good bye!«
Philipp schleppte sich mit dem Gepäck durch einige hundert Meter Niemandsland zum sowjetischen Schlagbaum und dem Grenzposten, zeigte wieder seinen Interzonenpass und dazu die Aufnahmebescheinigung der Universität.
»Nix gutt, Stempel nix rund«, sagte der Posten, deutete auf die Bescheinigung und gab die Papiere zurück.
Alle Verhandlungsversuche von Philipp führten nicht weiter.
»Was soll ich denn jetzt machen?«, fragte er.
»Du gehen zu-chause!«
»Dann will ich den Kommandanten sprechen!«
»Nix Kommandant, ich Kommandant«, sagte der Posten, deutete auf seine Brust und nahm eine drohende Haltung ein.
Philipp musste zurück. Ratlos saß er in dem Niemandsland auf seinen Sachen. Menschen gingen von Schlagbaum zu Schlagbaum an ihm vorbei und sahen seine verzweifelte Lage.
»Wenn Sie den Kommandanten sprechen wollen«, sagte ein Mann, »dann gehen Sie doch einfach seitlich in den Wald. Alle, die beim illegalen Grenzübertritt geschnappt werden, kommen nach Marienborn und werden dort verhört.«
Was bleibt mir übrig?, dachte Philipp.
Er setzte den Rucksack auf, legte den Sack mit dem Federbett quer darüber, nahm die beiden Koffer und ging in den Wald. Nach zehn Minuten war er immer noch frei. Einige Male stellte er die Koffer ab, lehnte sich erschöpft an einen Baum, nahm sie nach kurzer Zeit wieder auf und ging weiter.
Endlich kam er an eine Mulde und sah, dass dort mehr als ein Dutzend Menschen, jung und alt, auf ihrem Gepäck oder auf dem Boden hockten. Am Rande der Mulde saß ein Sowjetsoldat mit einem Gewehr auf den Knien, schaute teilnahmslos über die Menschen hinweg und rauchte. Als er Philipp sah, gab er ihm gelangweilt ein Zeichen mit der Hand, sich zu den anderen zu setzen. Philipp war froh, sich ausruhen zu können und gehorchte.
Eine ganze Weile geschah nichts weiter. Die Menschen starrten vor sich hin und schwiegen oder redeten leise miteinander. Es roch nach Harz und nach Pilzen. Zwei Sowjetsoldaten kamen mit einer jungen Frau, die einen kleinen Rucksack trug und sich auch zu den anderen setzen musste.
Die beiden Soldaten sprachen Russisch mit dem Posten und gingen bald wieder. Die junge Frau flüsterte mit einigen der anderen Wartenden. Philipp fiel ihr schönes, aber verschmutztes Gesicht auf. Als sie seinen Blick bemerkte, rutschte sie näher zu ihm hin und sprach ihn an.
»Wenn wir verhört werden, kann ich dann sagen, dass ich zu Ihnen gehöre?«
»Warum?«, fragte Philipp zurück.
»Ich habe Angst vor den Russen«, flüsterte sie.
Er versuchte sie zu beruhigen.
»Wir sind nicht mehr im Krieg mit ihnen; sie tun nur ihre Pflicht. Haben Sie darum ein so beschmutztes Gesicht?«
»Ja.«
»Glauben Sie denn wirklich, dass das hilft? Ich kann mir gut Ihr Gesicht gewaschen vorstellen. Aber wenn es Sie beruhigt: Wir gehören zusammen.«
»Danke«, sagte die Frau.
Trotz ihrer Angst zeigte sie dabei ein so wunderschönes Lächeln, dass Philipp ganz vergaß, in welcher Lage er selber war. Sie berichtete ihm, dass sie heute zum ersten Mal Russen sehe und dass sie nach Leipzig wolle, um ihren Verlobten zu besuchen. Und dann erzählte sie die Geschichte ihrer Liebe: Schon als Kind habe sie für einen drei Jahre älteren Nachbarjungen geschwärmt. Als der dann mit siebzehn Jahren Soldat wurde, in Russland kämpfte und dort in Gefangenschaft geriet, habe sie oft für ihn gebetet. Es habe geholfen. Vor einem Jahr, nach zwei Jahren Gefangenschaft, sei er endlich heimgekehrt. Alles wurde gut. Sie verliebten sich ineinander und verlobten sich. Er begann ein Ingenieurstudium, und sie studierte Musikwissenschaft. Ihr Vater, ein angesehener Anwalt in Münster, und ihre Mutter, eine ausgebildete Klavierlehrerin, akzeptierten ihre Wahl. Seine Eltern, Inhaber eines seit der Währungsreform wieder gut gehenden Konfektionsgeschäftes, liebten ihre künftige Schwiegertochter. Und dann sei ihr Verlobter vor einer Woche in die Ostzone gefahren. Aus Leipzig habe sie vor zwei Tagen einen Brief bekommen, in dem er sie um Vergebung bat. Er besuche dort ein Priesterseminar und komme nicht zurück in den Westen. Bete für mich, habe er geschrieben.
»Und an allem sind die Russen schuld!«, seufzte sie verzweifelt und klimperte dabei mit den langen Wimpern. Philipp wollte noch antworten, dass die Russen wohl kaum daran interessiert sein werden, in ihrer Zone möglichst viele Priester zu haben, aber da sah er, dass zwei ostdeutsche Polizisten auf die Gruppe zukamen.
»Wir müssen uns duzen. Wie heißen Sie, du?«
»Eva.«
»Philipp«, sagte er. »Wisch dir den Schmutz aus dem Gesicht!«
Da waren die Polizisten schon bei ihnen. Alle mussten ihr Gepäck aufnehmen und auf der Autobahn Richtung Marienborn gehen. Ein Polizist ging voraus, der zweite hinterher. Eva trug das Federbett, indem sie den Sack mit beiden Armen umschlang und an ihren Busen drückte.
Philipp wunderte sich, dass keine Autos auf der Autobahn waren. Aber dann erinnerte er sich daran, gehört zu haben, dass die Sowjets ja schon seit über drei Monaten alle Zufahrten nach Westberlin blockiert hielten.
Der Weg war lang. Die Koffer wurden immer schwerer, Philipp musste sie öfter abstellen. Eva und er bildeten bald das Ende der Gruppe. Bei der nächsten Rast wurde der hinter ihnen gehende Polizist ungeduldig.
»Da sind wohl Steine drin?«
»Bücher«, sagte Philipp.
»Schmeiß doch den Kram in den Graben, dann geht’s schneller!«
Volkspolizei, die Polizei gegen das Volk, dachte Philipp und schleppte sich und die Koffer weiter. Der Schweiß rann ihm über das Gesicht und in die Augen. Eva aber ging leichtfüßig an seiner Seite und redete unentwegt von ihren Plänen, von ihrer Fahrt bis hierher und von ihrer Heimatstadt Münster.
Sie will wohl ihre Angst vertreiben, vermutete Philipp. Als Letzte erreichten beide Marienborn und die Schule, in der die Gruppe in einen Klassenraum geführt und eingeschlossen wurde. Eva und Philipp ließen sich gleich hinter der Tür auf ihrem Gepäck nieder. Bald schon öffnete sich die Tür wieder.
»He, Bücherwurm, komm!«, sagte der Polizist und deutete auf Philipp.
»Kann meine Braut mitkommen?«
Wie leicht ich »meine Braut« sagen kann, dachte er.
»Meinetwegen, los, los!«
Sie wurden in einen kleineren Raum und vor den Schreibtisch eines sowjetischen Offiziers geführt. An der Wand hinter dem Schreibtisch befand sich eine rote Fahne und daneben hing ein Bild, auf dem Stalin an ihnen vorbei in die Ferne schaute. Philipp zeigte seine Papiere. Der Offizier warf einen kurzen Blick darauf.
»Was Sie wollen hier? Fahren nach Berlin! Gutt Reise!«
»Darf meine Braut auch mitkommen?«
»Bitte Papiere!«
Eva reichte ihm ihren Personalausweis.
»Mehr Papiere!«
»Mehr hab ich nicht.«
»Sie nicht mehr Papiere, dann zuruck nach − er schaute in ihren Ausweis − Muuunster.«
»Nein!«, rief Eva. »Ich lasse dich nicht allein fahren, nein, nein!«
Und damit umschlang sie Philipp mit beiden Armen, so wie sie vorher den Sack mit dem Federbett umschlungen hatte. Sie küsste ihm die Wangen, die Stirn, die Augen, den Mund und den Hals.
»Verlass mich nicht, Liebster, Bester, mein Schatz, nimm mich mit, bitte, bitte!«
Philipp spürte ihren Busen, ihren warmen Körper, war überwältigt und einen Moment wie gelähmt von so viel Zärtlichkeit, fand aber bald Gefallen daran und küsste zurück. Die beiden Männer schauten amüsiert zu. Endlich unterbrach der Offizier diesen Ausbruch von Leidenschaft und grinste.
»Dann muss wohl gehen Liebster auch nach Westen wieder.«
Damit gab er dem Polizisten ein Zeichen, dass für ihn die Angelegenheit erledigt sei. Der Polizist schob das Paar in den Flur, schloss die Tür zu einem weiteren Klassenraum auf und drängte zu einer Entscheidung.
»Was denn nun? Wenn Sie beide zurück wollen, dann hopp, hier hinein!«
Philipp machte einen Schritt rückwärts. Eva versuchte noch einmal das Sackumklammerungsverfahren, küsste Philipp stürmisch und bat mitgenommen zu werden. Als sie aber das ungerührte Gesicht des Polizisten sah, änderte sie ihr Verhalten.
»Dann komm mit zurück!«, sagte sie und versuchte Philipp durch die geöffnete Tür zu ziehen. Erschrocken wich er weiter zurück.
»Bist du verrückt!«
Er hatte plötzlich kein Verlangen mehr nach ihren falschen Küssen. Da schubste sie ihn von sich, nahm ihren Rucksack und ging stolz und schön auf den geöffneten Raum zu.
»Auf Wiedersehen!«, rief Philipp ihr hinterher.
Eva aber antwortete nicht, machte, ohne sich noch einmal umzudrehen, eine wegwerfende Handbewegung und verschwand hinter der Tür. Der Polizist schloss ab und schüttelte den Kopf.
»Weiber, da soll sich einer auskennen!«
»Ja«, stimmte Philipp zu, »da soll sich einer auskennen.«
An diesem Tag kam Philipp bis Magdeburg. Wieder war es fast Mitternacht, als er den Wartesaal betrat. Überall saßen, hockten und lagen Menschen, die einen kleinen Platz für die kurze Nacht gefunden hatten und schliefen oder schweigend schauten, was um sie herum geschah. Eine alte Frau machte Philipp ein wenig Platz. Er stapelte sein Gepäck, so dass er darauf sitzen und sich etwas ausruhen konnte. Dann aß er von dem Kuchen, den die Mutter ihm mitgegeben hatte.
»Sie sind aus dem Westen, das sieht man gleich«, sagte die alte Frau, »einen so schönen Kuchen gibt es bei uns nicht.«
Philipp gab ihr ein Stück und bat sie, einen Moment auf seine Sachen zu achten. Im Toilettenraum trank er Leitungswasser, und erst als sein Durst gestillt war, merkte er, dass es faulig und stark nach Chlor schmeckte.
In der Nacht fand er keine Ruhe. Das Schnarchen der alten Frau störte ihn; sie schlief mit offenem Mund und zeigte dabei ihr fehlerhaftes Gebiss. Menschen gingen im Saal hin und her und stiegen über die Schlafenden.
Philipp musste an die Tränen der Mutter denken und an den Vater. Jetzt war ihr Sohn also ein Russe. Er dachte an Eva, an ihre Russenangst und ihre falschen Küsse. Immerhin hatte sie einen »Russen« geküsst. Er musste schmunzeln.
Noch vor Morgengrauen nahm er sein Gepäck und ging auf den Bahnsteig. Die kühle, frische Luft des frühen Tages war angenehm. Er atmete einige Male tief durch. Im Osten sah er, wie die Wolken sich röteten und die bald aufgehende Sonne ankündigten.
Am frühen Nachmittag fuhr der Zug durch die Vororte Berlins. Berlin! Philipp hatte in den drei Jahren nach dem Kriege vieles über diese Stadt gehört und gelesen. Jetzt sollte er sie selber kennen lernen, ja sogar darin wohnen. Der Zug fuhr über Wannsee, Grunewald und Charlottenburg. Philipp sah die vielen Spuren des Krieges: zerstörte Häuser und Straßen voller Schutt. Aber das kannte er schon aus dem Ruhrgebiet. Ihn beeindruckte mehr die Größe der Stadt und das viele Grün, das trotz der Kriegsschäden und der fortgeschrittenen Jahreszeit in allen Stadtteilen noch zu sehen war.
Im Bahnhof Zoologischer Garten endete die Fahrt. Philipp musste umsteigen in die S-Bahn, um nach Ostberlin zu kommen. Er stellte seine Koffer und den Sack auf der Plattform des Wagens in eine Ecke und suchte sich einen Platz, von dem aus er das Gepäck noch sehen konnte. So kurz vor dem Ziel wollte er kein Risiko mehr eingehen.
Die Bahn fuhr an und hielt wieder an der Station Tiergarten. Der Wagen füllte sich schnell mit Menschen. Das ist wohl schon der frühe Feierabendverkehr, dachte Philipp und staunte über den schnellen Aus- und Einstieg der Fahrgäste und über die Türautomatik. Auf dem Bahnsteig mit dem fremdklingenden Namen Bellevue sah er plötzlich einen Mann mit seinem Federbett stehen. Der Mann musste den Sack beim Aussteigen mitgenommen haben. Philipp sprang auf, drängte sich durch die Zugestiegenen, war mit einem Satz draußen, entriss dem Mann den Jutesack, hörte im Lautsprecher die befehlende Stimme »Zurückbleiben!« rufen, sprang mit dem Sack zurück in den Wagen, die Türen schlugen zu und der Zug fuhr an. Durch das Glas der Wagentür sah er noch das fassungslose Gesicht des »Diebes«, dann war der Mann mitsamt der Station verschwunden.
Philipp atmete auf, bahnte sich einen Weg zu der Ecke, um den Sack an seinen Platz zurückzustellen. Aber da stand schon einer. Erst jetzt bemerkte er, dass der »gerettete« Sack kleiner war und auch schwerer. Er schämte sich und war ratlos. Vorsichtig versuchte er in den Gesichtern der anderen Fahrgäste zu ergründen, was sie von seiner Aktion mitbekommen hatten. Aber alle schauten teilnahmslos vor sich hin. Da versuchte er auch ein teilnahmsloses Gesicht aufzusetzen. Am Bahnhof Friedrichstraße ließ er einfach den zweiten Sack stehen, stieg aus und fragte nach dem Weg zur Universität.
Vom Büro der Fakultät bekam Philipp ein Zimmer im 5. Stock eines Wohnblocks im Bezirk Prenzlauer Berg zugewiesen. Das Mauerwerk an der Außenfront war stark beschädigt. Philipp sah die Spuren der Bombensplitter und der Granateneinschläge. Die Wirtsleute, ein Rentnerehepaar, kamen sofort nach dem Einzug in sein Zimmer, um ihm ihre Verhaltensmaßregeln mitzuteilen. Vor allem dürfe er keine Mädchen mit aufs Zimmer nehmen. Wenn er später mal eine Verlobte haben sollte, na ja, aber auch dann nur bis zehn Uhr abends. Aus Duisburg sei er also, von so weit her. Da müsse er der Mutter aber fleißig schreiben, denn die mache sich sicher große Sorgen. Was denn der Vater mache.
»Der macht sich auch Sorgen«, sagte Philipp.
Nein nein, was er arbeite.
»Er arbeitet in einer Kohlengrube; mein Vater ist Bergarbeiter.«
Die Gesichter wurden reservierter. So so, und da konnte er es sich leisten, seinen Sohn studieren zu lassen? Philipp erklärte ihnen, dass es mit dem Studieren noch eine Weile hin sei, erst müsse er in zwei Jahren Schule das Abitur nachholen.
»Und in der Zeit bekomme ich ein Stipendium.«
»Ach ja! Die Zeiten haben sich geändert«, sagte der Zimmerwirt und seufzte, »viel zu schnell, es geht alles viel zu schnell!« Er erzählte von seiner Zeit als Postbeamter, und wie lange es gedauert habe, bis er von dem anstrengenden Außendienst in den Innendienst gekommen sei. »Und im Krieg, kurz vor der Pensionierung, musste ich dann doch wieder Außendienst machen.«
Philipp beobachtete während der Zeit einen kleinen, braunen, linsenförmigen Käfer, der über den Tisch gekrochen kam, in einem Sonnenflecken auf der Tischplatte anhielt und sich dort sonnte. Mit einem Fingerschnipser wollte er gerade den Käfer vom Tisch befördern, da schrie der Wirt auf.
»Halt! Eine Wanze, oh Gott, eine Wanze!« Mit einem Satz war er aus dem Zimmer und sofort wieder zurück mit einer gefüllten Handspritze, sprühte eine übel riechende Flüssigkeit auf den Tisch, auf alle weiteren Möbel und Gegenstände in dem Zimmer, auf Philipp, und besonders auf das Federbett. »Da bringt uns dieser Mensch Wanzen in die Wohnung!«, sagte er mehrere Male und pumpte und pumpte.
Philipp war erschrocken, fühlte sich schuldig und ließ alles über sich ergehen.
»Wo bist du untergekommen?«, fragte später Christian leise im Unterricht.
Philipp antwortete ebenso flüsternd, dass er ein Zimmer im Bezirk Prenzlauer Berg vermittelt bekommen habe.
»Was, in dieser verwanzten Gegend wohnst du!?« Da musste Philipp laut lachen. »Was ist so komisch an Wanzen?«, wollte Christian wissen und lachte auch.
»Die Herren dort finden den Unterricht wohl recht amüsant. Hoffen wir, meine Herren, dass es so bleibt, für Unterhaltung werde ich schon sorgen«, meldete sich der Physiklehrer Seiter von der Tafel.
Die Ertappten verfolgten eine Minute aufmerksam, was sich dort vorne tat. Dann flüsterte Philipp weiter.
»Ich bin frisch eingesprüht worden und wanzenfrei.«
»Daher stinkst du so, und ich dachte schon, das ist dein Ruhrpottmief.«
»Da musst du erst einmal den Duft von meinem Federbett kennen lernen.«
3
Nach dem langen Unterrichtstag benutzte Philipp die U-Bahn von der Station Unter den Linden bis Alexanderplatz und von dort die Straßenbahn 74, die über Prenzlauer Berg nach Weißensee fuhr. In den meisten Fensterrahmen der Bahn war das fehlende Glas durch klappernde Blechplatten ersetzt worden.
Philipp fand es doof, dass er während der Fahrt nicht hinausschauen konnte. Da tippte ihm jemand auf die Schulter. Sophie saß hinter ihm und schrie gegen die lärmenden Blechplatten an.
»Bist du bis Alex gefahren?«
»Ja«, schrie er zurück, »mit der U-Bahn.«
»Zu Fuß ist es genauso schnell.«
Am nächsten Morgen gingen sie gemeinsam vom Alex quer durch den Lustgarten zur VA und am Nachmittag gemeinsam zurück. Sie sahen die Trümmer zu beiden Seiten der Straßen und dahinter die Ruinen, und sie trafen Frauen mit Kopftüchern beim Steineklopfen. Männer führen Kriege, Frauen räumen auf, dachte Philipp. Ihn bewegte jetzt doch das Ausmaß der Zerstörung, während Sophie davon weniger beeindruckt schien und über Westdeutschland sprechen wollte.
»Wie ist die revolutionäre Situation im Ruhrgebiet?«, fragte sie.
Philipp verstand nicht.
»Aber du bist doch aus einer Proletarierfamilie.«
Er verstand noch weniger und fand die Bezeichnung Proletarier ganz lustig.
»Proletarier aller Länder ...«
»Ist dein Vater in der Partei?«, unterbrach Sophie ihn.
»Nein, aber ich habe einen Onkel, der war in der Partei.«
»War in der Partei?«
»Ja, in der NSDAP.«
»Stalin schreibt über die ...«, sagte sie mit ernstem Gesicht, ohne auf seinen Scherz einzugehen, machte eine Pause, und dann zu einem entgegenkommenden jungen Mann: »Freundschaft!«
»Wie, was hast du gerade gesagt?«, fragte Philipp erstaunt.
»Stalin schreibt über die revolutionäre ...«
»Nein, nein, was hast du gerade zu dem Burschen da gesagt?«
»Freundschaft!«
»Wie, was, Freundschaft, du sagst zu einem wildfremden Menschen so einfach Freundschaft?«
»Ja, natürlich, er hat ein FDJ-Abzeichen an. Wir grüßen uns so. Ich bin auch in der FDJ, Freie Deutsche Jugend.«
Sie berichtete, dass sie schon in der Sowjetunion bei den Pionieren und vor der Rückkehr nach Deutschland auch noch beim Komsomol war, der kommunistischen Jugendorganisation.
»Im vergangenen Jahr haben wir FDJler Uniformen bekommen und eine Fahne, blau mit aufgehender Sonne.«
»Und wenn es nun eine untergehende Sonne ist, wie willst du das unterscheiden?«
»Kann es sein, dass du unsere Sache nicht ernst nimmst?«
Später erzählte Philipp Christian von diesem Gespräch.
»Die ist völlig verkorkst«, sagte der, »da müsste sich mal jemand finden, der sie tüchtig bearbeitet. Wenn die etwas mehr vorzuweisen hätte, würde ich dir die Arbeit ja gerne abnehmen. Aber das wirst du wohl selber machen müssen.«
Sophies Mutter, Edda Dahlhaus, war eine geborene Franke und die Tochter einer bekannten, wohlhabenden Familie aus dem Berliner Westen. Ihre beiden Brüder waren im Ersten Weltkrieg gefallen. Vater Karl Franke war Direktor bei Borsig und aus einer Familie, die für ihre Pioniertaten auf dem Gebiet der Industrialisierung bekannt war. Luise Franke, Eddas Mutter, war eine geborene Porten und stammte aus einer Künstlerfamilie. Ihr Vater war Kunstmaler. Der Regisseur Franz Porten, Vater der aus Stummfilmen bekannten Schauspielerin Henny Porten, war ein Vetter ihres Vaters.
Nach ihrer Heirat mit Karl Franke war Luise klug genug, den Verkehr mit ihrer Künstlerfamilie auf das Notwendige zu beschränken. Die Sorge für ihren Mann sowie die Pflege und Erziehung ihrer drei Kinder füllten ihre Tage als Ehefrau und Mutter aus. Nach dem frühen Heldentod ihrer beiden Söhne aber war sie zu einer frommen Frau geworden, die sich neben der Fürsorge für ihre geliebte Tochter mit Kirchenbesuchen und mildtätigen Aufgaben beschäftigte. Karl Franke wollte seine Ruhe in der Familie haben und ließ sie gewähren. Edda genoss eine behütete Kindheit und eine gute Schulausbildung auf einem humanistischen Gymnasium. Als junges Mädchen wirkte sie mit ihren blaugrauen Augen und ihren weichen Zügen ein wenig verträumt. Ihr kurzes, dunkelblondes Haar und die Bubikopf-Frisur ließen ihr eher rundliches Gesicht noch runder wirken. Die hervortretenden Backenknochen gaben ihr dazu ein leicht slawisches Aussehen.
Schon früh entwickelte Edda einen besonderen Sinn für alles, was da blüht und krabbelt, sammelte Pflanzen, Käfer und Schmetterlinge und auch sonst allerlei Getier. Als sie den Wunsch äußerte, Biologie studieren zu wollen, war die Familie nicht sehr überrascht. Ungewöhnlich war nur, dass sie als Frau eine Universität besuchen wollte. Das war in beiden Familien noch nicht vorgekommen. Aber seit das Kaiserreich zusammengebrochen und Deutschland eine Republik war mit dem Sattlergesellen Ebert an der Spitze, ja seit selbst der Präsident der Allgemeinen Elektrizitätsgesellschaft, Walter Rathenau, sich im Wirtschaftsrat mit Sozialdemokraten zusammensetzte, konnte Direktor Franke nichts mehr verwundern.
Edda ließ sich an der Universität Jena einschreiben. Sie wollte nicht in der Nähe des Elternhauses studieren, und Jena kam ihr in den Sinn, weil sie sich an einen Besuch dort als Kind mit ihrer Mutter im Botanischen Garten erinnerte − und weil sie für den Dichter Schiller schwärmte. Den Eltern war es nicht recht, dass ihre Tochter so fern von Berlin sein würde. Letztlich aber willigte der Vater doch ein und versprach auch einen monatlichen Wechsel mit einem großzügigen Betrag.
Edda studierte gerne, wenngleich sie mehr und mehr das Empfinden bekam, Eindringling in einem den Männern vorbehaltenen, ja ihnen gehörenden Lebensbereich zu sein. Als Ausgleich versuchte sie, sich einer der studentischen Vereinigungen anzuschließen. In den konservativen Verbindungen konnte sie als Frau nicht Mitglied werden, so blieb ihr nur die Freie Studentenschaft, die den Sozialdemokraten nahestand. Die auf den Versammlungen und Diskussionsabenden behandelten Themen waren ihr zuerst fremd, eröffneten ihr jedoch bald eine ganz neue Art zu denken. Sie versäumte keinen der Abende.
Nach einiger Zeit trat Edda der SPD bei und berichtete das auch den Eltern. Vater Franke tobte und wollte ihr den Wechsel sperren, ließ sich aber durch seine Frau davon überzeugen, dass das Ganze sicher nur eine jugendliche Dummheit und bald vorbei sei.
Eddas Briefe nach Hause wurden weniger; ihre Mutter musste immer öfter ein Lebenszeichen von ihrer Tochter anmahnen. Auch kam sie in den Semesterferien bald nur noch kurz und dann auch seltener heim. Einmal, Edda studierte nun schon das dritte Jahr in Jena, kam ein Brief, in dem sie ankündigte, dass sie in Kürze kommen und einen jungen Mann mitbringen werde. Sie habe einen Institutsassistenten kennen gelernt, wolle ihn den Eltern vorstellen und deren Segen zu ihrer Verlobung erbitten. Dr. Jonas Blumenthal, so der Name des Assistenten, sei ein fleißiger junger Mann, dem man eine große Karriere an der Universität voraussagte. Karl Franke war außer sich. Das hatte ihm gerade noch gefehlt, ein Jude in der Familie.
»Mir genügen schon die Juden in der Firma, da muss es nicht auch noch ein jüdischer Schwiegersohn sein. Das hast du nun von den jugendlichen Dummheiten, jetzt wirst du bald Bastarde als Enkel haben«, schimpfte er mit seiner Frau.
Er ahnte aber, dass mit Härte bei seiner Tochter nichts zu erreichen sein würde, beriet sich mit seiner Frau und stimmte zu, sie einen Brief nach Jena schreiben zu lassen.
Mein liebes Kind, schrieb Luise Franke, Vati und ich, wir freuen uns sehr auf Dein baldiges Kommen. Matilda hat gleich angefangen, Dein Zimmer herzurichten. »Ich werde ihr was Ordentliches kochen, Frau Direktor, das Mädelchen war beim letzten Besuch ja so dünn«, hat sie gesagt, die Gute. An den Gedanken, dass Du Dich verloben wirst, müssen wir uns erst gewöhnen. Für uns bist Du immer noch unsere Kleine. Ich kann es nicht glauben, dass Du schon zweiundzwanzig Jahre alt bist, vielleicht, weil ich immer noch Deine älteren Brüder sehe, die mit siebzehn und achtzehn Jahren sterben mussten. Und was ist aus unserem Vaterland geworden, für das sie gefallen sind! Jetzt bist Du unser ganzer Lebensinhalt, und wir machen uns natürlich Sorgen um Deine Zukunft. Glaube mir, Schatz, wir wollen nur Dein Glück. Muss es aber gleich ein Jude sein? Vati und ich haben nichts gegen Juden, Gott bewahre! Wir kennen ja selber einige, die sind ganz nett. Aber wir leben nun mal in einem christlichen Land, und wir sind eine christliche Familie. Ich möchte doch mal dabei sein, wenn meine Enkelkinder getauft werden und vielleicht − wenn ich es denn noch erlebe − wie sie zur Konfirmation gehen. Du willst doch sicher nicht, dass ich noch jiddische Lieder lernen muss, um die Kinder, an ihren Bettchen sitzend, in den Schlaf zu singen. Gell, Du überlegst es Dir nochmal? Vati lässt Dir ausrichten, dass er Dir unser Jugendstilhaus in Dahlem schenken will, wenn Du einen christlichen Ehemann haben wirst und dort wohnen möchtest. Du liebst das Haus doch so sehr. Er sagt, dass es kein Problem sein wird, die jetzigen Mieter rauszuklagen. Die Neueinrichtung übernimmt Vati auch. Schatz, ich bete, dass Du unsere große, vernünftige Tochter sein wirst.
Viele zärtliche Küsse von Mutti und von Vati
Als Edda diesen Brief erhielt, hatte Jonas Blumenthal sich schon wieder von ihr getrennt und war zu seiner früheren Freundin zurückgekehrt. Heimgesucht von den unterschiedlichsten Gefühlen, war Edda eine Zeit lang wie gelähmt. Dazu wurden die Schwierigkeiten für sie als Frau im Studium immer größer, so dass ihr die Freude an der Biologie verging. Gefangen in diesem Seelentief, traf sie Wilhelm Dahlhaus, einen Pädagogikstudenten, auch Mitglied der Freien Studentenschaft und der SPD, der ihr seit langem den Hof zu machen versuchte. Er war groß, eher schlank, hatte leicht krauses Haar und wirkte mit seinem schmalen Schädel und der randlosen Brille schon in jungen Jahren wie ein Gelehrter. Mit seinen langen Armen und Beinen bewegte er sich etwas ungelenk. Edda fand ihn verklemmt, in seiner betont korrekten Art eher komisch und hatte ihn mehrmals abgewiesen. Jetzt erhörte sie ihn und gab seinen unbeholfenen sexuellen Versuchen nach, ja sie half bis an die Grenze des Schicklichen mit, um das Gelingen einer Verführung durch ihn nicht zu gefährden.
Am nächsten Tag schrieb sie einen Brief an die Eltern. Sie werde das Studium aufgeben und heiraten. Wilhelm Dahlhaus sei ein tüchtiger Mann, der schon bald in den höheren Schuldienst treten werde und somit eine Familie ernähren könne. Wenn es ihm gelänge, eine Stelle in Berlin zu bekommen, würden sie sehr gerne das Angebot annehmen und das Jugendstilhaus bewohnen. Und außerdem sei sie schwanger.
Letzteres war zwar noch ungewiss, aber Edda hatte die feste Absicht, es in ganz kurzer Zeit zu sein, und ob sie es nun eine Woche vorher oder hinterher den Eltern verkündete, wer wollte sie dafür tadeln. Als Karl Franke den Brief gelesen hatte, war er zufrieden.
»Na Gott sei Dank! Nun wird doch noch alles gut.«
Und so kam es dann auch. Wilhelm Dahlhaus machte sein Examen und erhielt eine Stelle an einem Berliner Gymnasium. Edda brach ihr Studium ab. Sie heirateten und zogen in das freigeklagte Haus in Dahlem. Edda bekam einen gesunden Sohn, Kurt, und war mit ihren neuen Pflichten als Mutter und Hausfrau voll beschäftigt und zufrieden.
Wilhelm Dahlhaus stammte aus einer Lehrerfamilie. Sein Vater, ein Dorfschullehrer in Thüringen, war als technisches Genie mit einem Hang zum Sonderling über sein Dorf hinaus berühmt. Seine Schüler erinnerten sich in späteren Jahren gerne noch an seine physikalischen und chemischen Experimente, die mancher Experimentalvorlesung einer Universität gut angestanden hätten, aber nicht immer ganz ungefährlich waren und keinesfalls dem Stoffplan einer Dorfschule entsprachen. Aber sie waren eindrucksvoll, und die Kinder gingen mit Freuden zur Schule.
An kalten Wintertagen, wenn in den anderen Klassenräumen die Schüler beim Unterrichtsbeginn in Mänteln und Schals gehüllt saßen, mit den Holzschuhen klapperten und darauf warteten, dass der eben gezündete Kanonenofen endlich Wärme verbreitete, war es in Lehrer Dahlhausens Klassenraum schon lange warm. Er hatte einen alten Wecker umfunktioniert zu einem Zeitzünder, der über eine Zündschnur den am Abend vorher präparierten Ofen weit vor Unterrichtsbeginn anheizte.
Jeder, der diese Dorfschule besuchte, besaß eine als Camera lucida bekannte, unter Anleitung des Lehrers selbst gebastelte Vorrichtung zum Nachzeichnen von Gegenständen in der Natur. Das ganze Dorfleben Thüringens gegen Ende des neunzehnten Jahrhunderts, soweit es sich um unbewegliche Gegenstände handelte oder um Objekte, welche sich für die Dauer des Nachzeichnens zur Bewegungslosigkeit befehlen ließen, wurde so in unzähligen Zeichnungen festgehalten.
Als junger Ehemann besaß Wilhelm noch eine ansehnliche Zahl solcher kolorierter Pergamentblätter, die sein Vater vom Schulleben, von seiner Familie und von der neben der Schule von ihnen betriebenen kleinen Landwirtschaft angefertigt hatte. Dabei war es auffallend, dass der Hersteller der Zeichnungen aus dem dörflichen Wirtschaftsleben natürlich nicht darauf zu sehen war, aber immer seine Frau bei den verschiedenen Feld- und Stallarbeiten.
Noch vor Ausbruch des Krieges starb Wilhelms Vater an einem Magenleiden. Wilhelm war erst zwölf Jahre alt und litt sehr unter dem Verlust. Er verdankte dem Vater viel, so auch die Liebe zur Fotografie. Die unter Anleitung des Vaters gebastelte Camera obscura bewahrte er bis zu seiner Verhaftung auf. Drei Jahre nach der Geburt ihres Sohnes bekamen Edda und Wilhelm eine kleine Tochter; sie nannten sie Sophie. Edda war nun mit ihrem Leben zufrieden. Sie hatte zwei gesunde Kinder, einen Mann, der sie liebte und den sie lieben wollte, und ein Haus in Dahlem, das sie nach ihren Vorstellungen ausstattete.
Wilhelm richtete sich in dem Haus ein Fotolabor ein, und wenn seine Pflichten als Familienvater und Lehrer es zuließen, entwickelte er dort Porträts von seiner Frau und den Kindern, aber auch Bilder vom stark wachsenden Berlin. Den Abriss mancher Altberliner Idylle und das Werden vieler technischer Bauten, die nach der Eingemeindung der Randstädte notwendig waren, hielt er in Bildern fest.
Edda zeigte Verständnis für das Steckenpferd ihres Mannes, ja sie war selber an allem interessiert, was das Wachsen der neuen Stadt Groß-Berlin ausmachte. Seit sie die Interessen ihres Mannes näher kannte, fand sie ihn mehr und mehr liebenswert. Sie konnte ja nicht ahnen, dass gerade sein Hobby ihm den frühen Tod durch den Henker bringen sowie ihr Leben und das ihrer Kinder völlig verändern sollte.
Sophie gestand Philipp, dass sie Schwierigkeiten in Chemie und Physik habe und bat ihn um Nachhilfe. Philipp musste an die spöttischen Bemerkungen von Christian denken und lehnte ab.
»Ich habe selber Schwierigkeiten; in Geschichte bin ich besonders schlecht.«
»Aber da kann ich doch helfen. Helfen wir uns zusammen.«
»Gegenseitig, sagt man, nicht zusammen«, verbesserte er. »Aber du verstehst mich falsch, nicht das Lernen fällt mir schwer, nur manchmal das Glauben.«
»Wie, das Glauben?«, fragte sie erstaunt. »Du musst nicht glauben, Geschichte ist doch eine Wissenschaft. Stalin hat schon 1938 in seiner Arbeit über den Historischen Materialismus geschrieben, dass es in der Gesellschaft sich verhält wie mit den Gesetzen in der Natur.«
»Schön, wenn es so einfach wäre!«
»Aber es ist so einfach! Stalin schreibt von dem Beispiel mit dem Wasser, das bei Temperaturerhöhung, wenn es kocht, sich plötzlich in Dampf verwandelt. Quantität schlägt um in eine neue Qualität. Und so ist es genau in der Gesellschaft. Im Kapitalismus wird das Proletariat immer stärker, und mit der Revolution kommt eine neue Gesellschaft, kommt der Sozialismus.«
»Ich glaube, dein Genosse Stalin hat genau wie du Schwierigkeiten in Physik. Das Beispiel ist so was von falsch!«
»Dann erklär mir, warum!«
So kam es, dass Philipp ihr doch noch Nachhilfe gab. Sophie meinte, dass er zu ihr aufs Zimmer kommen könne. Sie wohne bei einem älteren Ehepaar, Kommunisten und Bekannte ihrer Mutter aus der Zeit der illegalen Arbeit, die erlaubten das.
»Komm am Sonntag«, sagte sie. »Ich habe noch etwas Mehl und Salz, hat mir die Mutti geschenkt. Das Mehl röste ich, und daraus mache ich uns eine Suppe.«
Eine Suppe am Sonntag, das war Philipp einen Besuch wert. Er konnte schlecht haushalten und hatte sich angewöhnt, am Beginn einer Dekade die Lebensmittelmarken immer gleich auszugeben. Das bedeutete, dass er von der letzten Suppenausgabe in der VA am Freitag bis zur nächsten am Montag von Leitungswasser leben musste.
Am zweiten Sonntag gingen sie nach der Suppe zusammen ins Bett. Sophie lag auf dem Rücken und ließ es geschehen. Sie lächelte Philipp freundlich an, zeigte aber sonst keine Gefühle. Nach einiger Zeit unterbrach sie die Stille.
»Ich habe jetzt genug, wenn du aber willst, kannst du ruhig noch weitermachen.«
Philipp stieg ab und setzte auch den Nachhilfeunterricht nicht fort.
4
Der Winter wurde kalt. Um abends einschlafen zu können, wickelte Philipp sich das seitenstarke »Neue Deutschland« um die Füße. Gegen Mitternacht aber wurde er regelmäßig wach. Die Geräusche der tieffliegenden Luftbrückenmaschinen, die in Minutenabständen zur Landung in Tempelhof ansetzten, und die Wärme des Ofens unterbrachen seinen Schlaf. Er musste lernen, dass der große Kachelofen nach dem Anheizen Stunden zum Sammeln der Wärme brauchte, um diese dann viel später abzustrahlen. Die Wirtin bot sich an, gegen einen Mietaufpreis den Ofen schon vorher anzuheizen. Das aber konnte Philipp sich nicht leisten. Er musste mit dem Geld, aber auch mit seiner knappen Brikettzuteilung haushalten. Der Erfolg war am Abend ein kaltes und spät in der Nacht ein überheiztes Zimmer. Die Zeitung und das Federbett, zur Einschlafzeit sehr nötig, waren ab Mitternacht überflüssig.
Christian erzählte, dass er seit einigen Tagen seine Schularbeiten im Haus der Gesellschaft zum Studium der Kultur der Sowjetunion machte, und riet Philipp, den Ofen kalt zu lassen, die Briketts für das Wochenende zu sparen und auch dorthin zu kommen. Dieses Haus, nahe der Uni zwischen der Neuen Wache und dem Kastanienwäldchen gelegen, wurde von den Berlinern weiterhin Singakademie genannt. Dort gab es einen warmen Raum, in dem man sich aufhalten durfte.
Anfangs hatte Christian geglaubt, seine Schularbeiten während der Fahrt von und nach Potsdam machen zu können. Aber durch die vielen Menschen in der S-Bahn fand er nicht immer einen Sitzplatz und dann auch nicht die notwendige Konzentration. Zu Hause wollte er sich so wenig wie möglich aufhalten, um dem neuen Partner der Mutter aus dem Wege zu gehen. Wenn er von ihm sprach, redete er nur von dem Dicken und schimpfte auf ihn. Die Mutter müsse diesen Eindringling bedienen, als sei sie seine Angestellte. Schon am Morgen vor dem Aufstehen brächte sie ihm eine Flasche Wein und ein Glas ans Bett, schenke ihm so oft ein, bis er die Flasche geleert habe. Erst dann stände er auf, torkele mit glasigen Augen durch die Wohnung und nörgele an allem und jedem herum. Sicher, der Dicke habe selber den Wein bei den Russen geklaut, er sei also sein Eigentum, und er könne damit machen, was er wolle. Aber er lebe nun mal in dieser Familie, und was könne man alles eintauschen gegen den vielen Wein. Die Mutter schwiege zu alledem, bediene die Großmutter und den Dicken und ginge ihren Tauschgeschäften nach mit dem, was er sonst noch mitbrächte.
Maria Koscheks Vater, Oberst Albert von Sasse, war Berufssoldat und aus einer Familie, in welcher der Offiziersberuf Tradition hatte. Ihre Mutter, Edelgard von Kleist, stammte wie letztlich alle von Kleists aus einem pommerschen Adelsgeschlecht, das sich bis auf das 13. Jahrhundert zurückverfolgen ließ. Ihre direkten Vorfahren waren auch Soldaten. Stolz war sie aber auf einen früheren Vorfahren, Franz Alexander von Kleist, der im 18. Jahrhundert gelebt hat. Auch er war erst im Militärdienst, trat aber bald aus und brachte es als eine Art Modedichter in seiner Zeit zu einiger Berühmtheit. Edelgard besaß sein wohl bekanntestes Buch »Das Glück der Ehe«, an dem sie bis zum Hungertode ihres Mannes nach dem verlorenen Krieg ihren Ehealltag zu messen pflegte.
Die von Sasses hatten zwei Töchter und zum Kummer des Vaters keinen Sohn. Cäcilie, die ältere Tochter, brach früh die Schule ab, lernte einen Monteur kennen, der vorübergehend beim Brückenbau in Potsdam beschäftigt war, folgte ihm nach Essen und heiratete ihn gegen den Willen ihrer Eltern. Die Ehe war glücklich; sie bekamen vier Kinder. Cäcilies Mann war fleißig und brachte es in der Firma Krupp bis zum Meister. Oberst von Sasse aber sagte sich von seiner ältesten Tochter los und verbot seiner Frau, seiner zweiten Tochter Maria und auch dem Hausmädchen Trude, an der Cäcilie sehr hing, den Kontakt mit diesen Proleten.
Maria war in ihrer Jugend aufgeschlossen und lebenslustig. Schon als junges Mädchen war sie etwas füllig. Ihr zu einem Knoten gebundenes schwarzes Haar, die lebhaften Augen, ihr herausfordernder Blick und ihre kecken Bewegungen hatten etwas Provozierendes. Sie schaffte die Mädchenbildungsanstalt nur dank der Intervention des Vaters und besuchte anschließend die Hauswirtschaftsschule. Trotz mancher Schwierigkeiten in der Erziehung war diese Tochter doch der Liebling ihres Vaters und − wie er zu sagen pflegte − ersetzte ihm den fehlenden Sohn. Als der Oberst bemerkte, dass seine Tochter sich auffallend stark für das andere Geschlecht zu interessieren begann, nahmen er und seine Frau sie zu den Offiziersbällen mit. Er wollte nichts dem Zufall überlassen. Maria lernte auch eine stattliche Anzahl junger Reichswehroffiziere kennen, und weil sie sich leicht hingab, pflegte sie auch bald zu vielen intime Beziehungen. Immer aber, wenn die Liebhaber in Uniform merkten, dass die Eltern ihres Liebchens sie zu binden trachteten, suchten sie das Weite. So brachten die Ungeschicklichkeit der Eltern und die aufgeschlossene Art Marias ihr in Offizierskreisen bald den Ruf ein, sie sei eine Festung, die zu erobern wenig Ruhm bedeutete.
Schließlich traf Maria auf einem der Bälle im Offiziersclub einen polnischen Offizier, der von ihrem Ruf noch nichts wusste. Er hieß Roman Koschek, war Militärvizeattaché in der polnischen Botschaft in Berlin und trug, so fand Maria, die schönste Uniform von allen anwesenden Offizieren. Hochaufgeschossen, hielt er sich kerzengerade und war mit seinem kurzen, blonden Haar beinahe der ideale nordische Typ, wären da nicht seine linkischen Bewegungen und seine beim Gehen ein wenig zu sehr nach außen gestellten Füße gewesen.
An diesem Abend tanzte sie nur noch mit dem Polen. Bald wurden ihre Umarmungen enger. Maria ließ es geschehen, ermutigte ihn, indem sie ihren Busen und dann ihren ganzen Körper an seiner Uniform rieb. Vom Tanzen erhitzt, gingen sie in einer Pause in den Park, um sich abzukühlen. Sie schritten nebeneinander her, Roman erzählte von Polen und dass er vom Ministerpräsidenten Marschall Pilsudski persönlich für den Berliner Posten ausgewählt worden sei. Der Marschall habe ihm gesagt, dass er noch viel mit ihm vorhabe. Sie kamen tiefer in den Park. Das Mondlicht ließ die Epauletten und die Messingknöpfe an seiner Uniform aufblinken.
Viele seiner Mitschüler, erzählte Roman Koschek, hätten als Fremdsprache Französisch gelernt, er aber habe sich immer schon für Deutschland interessiert und die deutsche Sprache vorgezogen. Und jetzt sei er froh hier zu sein, in dem Land, von dem man so viel lernen könne.
Sie waren inzwischen stehen geblieben. Maria lehnte an einem Baum, und Roman stand vor ihr. Mit leicht geöffnetem Mund lauschte sie seinen Worten. Er berührte ihren Arm, ihre Schulter, presste mit beiden Händen ihren Busen und küsste sie. Dann versuchte er ihren Rock zu heben, stellte sich aber so ungeschickt dabei an, dass sie ihm helfen musste. Er ließ seine Hosen runter und liebte sie stehend. Maria wehrte sich nicht. Als er aber, erhitzt von der Liebe, seinen Rock öffnen wollte, protestierte sie.
»Bitte nicht, lass den Uniformrock geschlossen!«
Von dem Abend an trafen sie sich immer, wenn ihre Zeiten es erlaubten oder Maria einfach die Hauswirtschaftsschule schwänzte, an sonnigen Tagen im Grunewald, oder sie gingen in ein Hotel. Roman wollte, um möglichst unauffällig zu bleiben, in Zivil kommen. Maria aber bestand darauf, dass er seine Uniform anzog. So stieg an manchen Tagen mit Sonnenschein ein junger polnischer Offizier mit einem Diplomatenkoffer an der Station Grunewald aus der S-Bahn und strebte dem nächsten Waldweg zu. In dem Koffer führte er eine Wolldecke mit.
Als Maria schwanger wurde, waren die Verliebten zuerst ratlos, entschlossen sich aber dann, dass Maria es ihren Eltern sagen und mit ihnen beraten solle, was zu tun sei. Der erste Gedanke von Vater von Sasse war, einen befreundeten Arzt aufzusuchen und einen Eingriff vornehmen zu lassen. Ein Pole! Konnte es denn kein Deutscher sein? Da kannte sie nun so viele deutsche Offiziere, und ausgerechnet der erste Offizier einer slawischen Rasse, den sie kennen lernte, musste es sein. Dass diese Rasse der germanischen unterlegen war, daran gab es ja wohl keinen Zweifel. Sicher, in letzter Zeit hörte man auch Gutes über Polen. Der junge Mann sei ein Schützling von Marschall Pilsudski? Der Marschall hatte doch erst im letzten Jahr die ganze polnische Regierungsclique aus Zivilisten weggejagt und sorgte seitdem für Ordnung in dem Land. An so einem Soldaten konnten sich die Deutschen nun wirklich mal ein Beispiel nehmen.
Frau von Sasse hatte noch Bedenken wegen der Religion. Alle Polen waren katholisch und pilgerten ständig zur Muttergottes nach Tschenstochau, das wusste man doch. Ganz sicher war er auch katholisch. Und eine Mischehe, das würde bestimmt Probleme geben. Aber der Oberst zerstreute ihre Bedenken. Religion sei Weiberkram, da redete ein Offizier seiner Frau nicht rein, und im Übrigen: Jeder solle nach seiner Façon selig werden, das kenne sie doch. Dafür allerdings müsse die Frau ihrem Manne folgen, wohin immer sein Weg ihn auch führe. Und dass der junge Mann, wenn er Karriere machen wolle, nicht nur in Deutschland bleiben könne, das wäre nun mal so sicher wie Blüchers Sieg über Napoleon. Roman Koschek durfte seinen Antrittsbesuch machen. Er gefiel und gewann im Gespräch von Soldat zu Soldat mit jeder Minute hinzu. Dass er allerdings aus einer Familie von Kleinbauern stammte, fand der Oberst nicht sehr erfreulich, aber woher sollte er sonst wohl auch stammen, wenn er aus einem Land war, in dem es neben einigen anständigen Adligen nur Kleinbauern gab. Immerhin, da sah man doch wieder, wer das Soldatsein im Blut hatte, der setzte sich durch, auch wenn er aus einer niedrigen Schicht stammte. Die Schwangerschaft blieb. Sicher würde es ein Junge, und wenn der aus beiden Familien das Soldatische erbte, so konnte es nur gut gehen.
Nun drängte die Zeit. Vieles war zu bedenken und zu regeln. Papiere aus Polen mussten beschafft werden, die Zustimmungen der polnischen Botschaft und der deutschen Behörden waren nötig, was einige Zeit dauerte. Edelgard von Sasse mahnte immer wieder zur Eile, denn man sah inzwischen bei ihrer Tochter schon ein kleines Bäuchlein, und die Mutter wollte doch so gerne ihr Kind in Weiß heiraten sehen, besonders nach der Enttäuschung mit ihrer Ältesten.
Am Ende wurde alles gut. Es war eine Hochzeit nach dem Wunsch der Brautmutter: die Braut ganz in Weiß und der Bräutigam in seiner Gala-Uniform. Unter den Gästen überwogen die deutschen Offiziere, wenn auch die wenigen polnischen schon wegen der verbreiteten Unkenntnis über deren Uniformen bei den Damen mehr Aufmerksamkeit fanden. Nur Romans Eltern konnten nicht an der Hochzeitsfeier teilnehmen. Beide bedauerten das aufrichtig, aber sie seien krank, wie der Bräutigam sagte.
In der ersten Zeit wohnte das junge Paar mit Zustimmung der polnischen Botschaft im Hause der Brauteltern. Man wollte gemeinsam und in Ruhe eine standesgemäße Wohnung in der Nähe suchen. Dazu kam es aber nicht mehr. Roman erhielt noch in den Flitterwochen einen Befehl, sich umgehend bei dem Standortkommando in Krakau zu melden. Seinen Posten in der Berliner Botschaft erhielt ein anderer.
Maria und ihre Eltern waren sehr besorgt. Was war geschehen? Marschall Pilsudski war als Ministerpräsident zurückgetreten, blieb aber Kriegsminister und wollte mit Hilfe der Armee weiter Ordnung in Polen schaffen. Dafür brauchte er alle ihm ergebenen Offiziere vor Ort.
Roman nahm tränenreichen Abschied von seiner Frau und seinen Schwiegereltern. Sie wussten nicht, wie lange die Trennung dauern würde. Kaum aber hatte der frischgebackene Ehemann in Krakau seine Arbeit in der Kommandantur aufgenommen, besorgte er eine vorläufige Wohnung und ließ Maria nachkommen. Noch vor Wintereinbruch gebar sie einen gesunden Sohn; sie nannten ihn Christian.
Polen hatte einen neuen Bürger, bis seine Mutter − nun schon Witwe − unter deutscher Besatzung einen Antrag stellte, der da lautete: Antrag auf Wiedereindeutschung verloren gegangenen deutschen Blutes. Dem Antrag wurde stattgegeben.
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Immer wenn eine spontane Demonstration der Berliner Bevölkerung benötigt wurde, bekam die VA den Auftrag dazu vom Ministerium für Volksbildung. Mit der Zeit wurde ein solcher Auftrag als willkommene Abwechslung und als Jux begrüßt. Der Unterricht fiel für eine Stunde aus, die Schüler hatten sich auf einem bestimmten Platz einzufinden, einer verteilte vorgefertigte Transparente mit Losungen, irgendwer stimmte eine Parole an, die Versammelten riefen die Parole im Chor nach und klatschten oder pfiffen je nach Aussage der Parole. Zeitungsleute und ein Filmteam machten Aufnahmen, und Minuten später war das Ganze vorbei. Wofür oder wogegen demonstriert wurde, erfuhren die Schüler meist erst am folgenden Tag aus der Zeitung oder aus der nächsten »Aktuelle Kamera« genannten Wochenschau.
Auf dem Hegelplatz hinter der Uni war eine Protestversammlung angekündigt, auf der ein Mitglied des Nationalkomitees Freies Deutschland sprechen sollte. Ein Heinrich Graf von Zweisiedel, ehemals Offizier der Deutschen Wehrmacht, war in Westdeutschland zu Besuch gewesen und dort vorübergehend verhaftet worden.
Eben freigelassen und zurückgekehrt in die sowjetische Zone, hielt er eine Rede gegen den westdeutschen Militarismus und über die Vorzüge des Sozialismus. Er stand auf einem Podest neben dem Hegel-Denkmal, und sein vor Zorn gerötetes schmales Gesicht, die aristokratisch hohe Stirn mit den hervortretenden Zornesadern wirkten feierlich neben dem wuchtigen Kopf des Philosophen Hegel.
Die die Bevölkerung spielenden Schüler klatschten Beifall oder pfiffen, je nachdem, ob der Graf von den Vorzügen des Lebens in Ostdeutschland oder von den Schikanen der westdeutschen Polizei sprach. Zwei Tage später war Graf Heinrich nach Westdeutschland geflohen.
Christian erzählte Philipp, dass Lichtweiß, ihr Lehrer für Gegenwartskunde, auch ein Mitglied des Nationalkomitees gewesen sei. Schlank, blond und blauäugig, mit leicht knarrender Stimme, verkörperte Lehrer Lichtweiß ganz den Typ des deutschen Offiziers.
Sie sprachen ihn im Unterricht auf seine Mitgliedschaft im Nationalkomitee an. Lichtweiß erzählte ihnen, wie er, ein glühender Nationalsozialist und Ausbildungsoffizier, in sowjetische Kriegsgefangenschaft geraten war: Das Leben im Lager war langweilig, denn als deutscher Offizier musste man nicht wie die gewöhnlichen Soldaten irgendwelche Arbeit leisten. Die Sowjets boten ihnen Vorträge über Marxismus an. Zuerst ging Lichtweiß nur mal hin, um die Zeit auszufüllen, dann aber überzeugte ihn die wissenschaftliche Theorie des Sozialismus. Er nutzte die Zeit zum Studium und besuchte die Antifaschistische Schule. Nach der Kapitulation war er einer der Ersten, die aus der Gefangenschaft entlassen wurden. Er hielt im Auftrag der Sowjetischen Militäradministration in der Ostzone Vorträge und wurde mit der Eröffnung der VA Lehrer. Lichtweiß zeigte einige Tage später im Unterricht einen Film über den Aufstand im Warschauer Ghetto 1943. Es war ein Film aus polnischer Produktion, und er zeigte Szenen vom Leben im Ghetto, den Abtransport der Juden in die Vernichtungslager und den aussichtslosen Kampf der Verbliebenen bis zu ihrer Ermordung durch die Deutschen.
Philipp fand, dass der Film schlecht gemacht war. Die Darsteller der deutschen Offiziere sprachen wie Christian ein hartes Deutsch mit polnischem Akzent. Die Klasse war aber doch erschüttert über die Gewaltszenen gegen wehrlose Menschen und bangte mit den Widerstand leistenden Juden. In einer Szene sah man, wie deutsche Soldaten, nachdem sie schreckliche Verbrechen begangen hatten, in einen Hinterhalt gerieten: Sie liefen in einen Hof. Rundherum auf den Dächern waren die Widerstandskämpfer postiert. Auf ein Zeichen ihres Anführers schossen sie die Deutschen zusammen. Von einer Sekunde zur anderen lagen alle deutschen Soldaten tot in dem Hof. Einige Schüler applaudierten, auch Sophie. Philipp sah, dass auch Lichtweiß applaudierte.
Als der Film zu Ende war und das Licht im Klassenraum wieder anging, fragte Philipp den Lehrer.
»Warum haben Sie geklatscht?«
Der verstand nicht, und Philipp fragte erneut.
»Warum haben Sie geklatscht, als die deutschen Soldaten zusammengeschossen wurden?«
In der Klasse wurde es still.
Lichtweiß schwieg, er machte ein ernstes Gesicht.
»Ich verstehe Sie, aber die Szene war so befreiend. Ich musste einfach applaudieren.«
Philipp gab keine Ruhe.
»Sie waren Offizier, haben Rekruten ausgebildet, die anschließend an die Front geschickt wurden, und dann klatschen Sie, wenn diese zusammengeschossen werden!«
Plötzlich war die Stille in der Klasse vorbei und alle redeten durcheinander.
»Das waren doch Faschisten!«, rief Sophie.
»Es waren Menschen!«, meinte ein anderer.
Lichtweiß hob die Hände und bat um Ruhe.
»Sie haben Recht, ich durfte nicht applaudieren. Alle in der Klasse durften, ich durfte nicht.«
Dann wandte er sich direkt an Philipp.
»Vielleicht, Herr Siebert, bleiben Sie nach dem Unterricht noch einen Moment hier; ich möchte Sie gerne allein sprechen.«
»Da hast du den Salat, jetzt haut er dich in die Pfanne, du − du − du deutscher Held!«, zischte Christian.
»Nachzutragen bleibt noch«, sagte Lichtweiß zur Klasse, »dass vor Ausbruch des Aufstandes schon 300.000 Juden in die Vernichtungslager abtransportiert worden waren. Von den restlichen 60.000, die Widerstand leisteten, wurden in solchen Häuserkämpfen, wie wir sie eben gesehen haben, an die 50.000 getötet.«
Die Stunde war beendet, die Klasse leerte sich. Allein mit Philipp, berichtete Lehrer Lichtweiß aus seinem Leben: Als Kind sah er, wie sein Vater, ein Bäckermeister, jeden Morgen um drei Uhr früh aufstehen musste und wie schwer seine Mutter mitarbeitete und den Kunden nach dem Mund redete, damit sie mit ihrer kleinen Dorfbäckerei gerade mal so über die Runden kamen. An den Nachmittagen, wenn der Junge seinen Schulpflichten nachgekommen war und die Eltern gebraucht hätte, schlief sein Vater, und die Mutter durfte im Laden nicht gestört werden. So wurden ihm das Jungvolk und später die Hitlerjugend Ersatz für Familie und Elternhaus. Bei Ausbruch des Krieges war er siebzehn Jahre alt und durch die Erziehung in Oberschule und Hitlerjugend begeistert für die Ideale des Nationalsozialismus; sofort nach dem Abitur meldete er sich freiwillig. Er wollte in einer großen Zeit Großes leisten. Seine Karriere verlief folgerichtig. Bald war er einer der jüngsten Offiziere der Wehrmacht und verstand es, die ihm zur Ausbildung anvertrauten jungen Menschen für den Nationalsozialismus, für das Soldatentum und für den Krieg zu begeistern. Die Siege der Wehrmacht an allen Fronten waren ihm Lohn für seine Ausbildertätigkeit und bestätigten die Richtigkeit seiner Überzeugung, einer Herrenrasse anzugehören, die eine Mission in Europa zu erfüllen hatte.
Und dann begann der Krieg mit der Sowjetunion. Oberleutnant Lichtweiß gehörte vom ersten Tage an zu den Truppen des Mittelabschnitts, die weit in das ihm fremde Land eindrangen. Immer wenn ihn die Grausamkeiten des Krieges zweifeln ließen, erinnerte er sich an den Appell Hitlers zu Beginn des Feldzuges, besonders daran, dass der Führer die deutschen Soldaten aufgerufen hatte, nicht nur Deutschland, sondern die ganze europäische Kultur zu schützen.
Ernste Zweifel kamen ihm, als er mit seiner Kompanie nach einem durch Partisanen verübten Überfall auf ein Verpflegungsdepot der Wehrmacht an einer Vergeltungsaktion beteiligt war. Die Häuser eines ganzen Dorfes wurden angezündet. Als die Menschen die brennenden Häuser verlassen wollten, wurden sie niedergeschossen. Es waren alles Frauen, Kinder und alte Männer.
Zum Bruch mit seiner Weltanschauung von der Herrenrasse und dem Glauben, in diesem Krieg die europäische Kultur zu schützen, kam es dann, als die Kompanie des Oberleutnants Lichtweiß zu einem Sondereinsatz hinter der Front abkommandiert wurde. Sie hatten den Befehl, bei der Aktion einer Einsatzgruppe der SS für die Absperrung zu sorgen. Die Soldaten mussten großräumig eine Waldlichtung umstellen, auf der mehrere Gräben ausgehoben waren.
Ein Lastwagen kam angefahren und hielt am Rande der Lichtung. Männer und Frauen stiegen von der Ladefläche des Lastwagen, mussten sich ganz entkleiden und nackt am Rand eines Grabens aufstellen. Soldaten der Einsatzgruppe traten von hinten an die Menschen heran, erschossen sie und stießen sie in den Graben. Weitere Lastwagen kamen und brachten immer mehr Menschen, die alle, ohne zu reden, sich entkleideten, erschossen und in einen Graben gestoßen wurden.
Lichtweiß machte eine Pause in seinem Bericht, dann sagte er: »Beim nächsten Fronteinsatz bin ich zu den Russen übergelaufen. Jetzt bin ich überzeugter Antifaschist und bin hier. Meine Eltern sind inzwischen alt, mein Vater ist von Rheuma geplagt, arbeitet in einer Großbäckerei und muss immer noch um drei Uhr früh aufstehen.«
»Bist du ein Christ?«, fragte Sophie Philipp, als sie am nächsten Morgen die Straßenbahn verließen,
»Warum fragst du?«
»Weil doch die Christen ihre Feinde lieben sollen.«
»Blödsinn! Wieso sollte ich meine Feinde lieben?«
»Warum hast du dich dann gestern so für diese Faschisten eingesetzt?«
»Ich habe mich nicht für Faschisten eingesetzt. Ich bin nur dagegen, dass applaudiert wird, wenn Menschen getötet werden, besonders, wenn man daran beteiligt war, anderen Menschen das Töten beizubringen. Und am Christentum bewundere ich die Einfachheit des fünften Gebotes: Du sollst nicht töten. Punktum! Bin ich darum Christ? Die Zehn Gebote sind das Alte Testament. Vielleicht bin ich Jude? Oder sollte ich sagen Judist?«
»Jetzt weiß ich, du bist Pazifist.«
»Genau das meine ich. Du musst wohl alle Menschen einteilen: Faschisten, Marxisten, Christen, Pazifisten, das sind zu viele ›Isten‹.«
»Aber die Menschen gehören Klassen an und handeln nach der Ideologie ihrer Klasse. Geschichte ist die Geschichte von Klassenkämpfen, sagen Marx und Engels.«
»Das Leben ist ein ewiger Kampf, sagt Hitler«, entgegnete Philipp. »Kennst du übrigens das, was Lenin einmal in einem Gespräch dazu gesagt hat? Es ging um das Hören guter Musik. Lenin hat gesagt, allzu oft könne er solche Musik nicht hören, weil man danach den Menschen die Köpfe streicheln möchte. Man dürfe ihnen aber nicht die Köpfe streicheln, sonst werde einem die Hand abgebissen. Man müsse auf die Köpfe schlagen. Was muss ein Mann, der so etwas sagte, für ein Menschenbild gehabt haben!«
»Sein älterer Bruder wurde im Zarenreich hingerichtet. Da war Lenin erst siebzehn«, entgegnete Sophie.
Sie näherten sich der Spreebrücke. Plötzlich sahen sie, wie ein Mensch, im Wasser liegend, unter der Brücke hervorkam.
»Da, ein Toter, ein Toter im Wasser!«, rief Sophie.
Ein Mann, der ihnen auf der Brücke entgegenkam, nahm eine am Geländer befestigte Stange mit einem Haken an der Spitze, lief die Böschung hinunter und angelte die Leiche, indem er mit dem Haken der Stange die Kleidung fasste.
»Polizei, einer muss die Polizei holen!«, rief der Mann.
Philipp rannte zur nächsten Kreuzung und kam mit einem Polizisten zurück. Inzwischen standen einige Zuschauer auf der Brücke.
»Was ist es denn?«, fragte der Polizist.
Der Mann zog an der Stange und hob kurz die Leiche mit dem Oberkörper aus dem Wasser. Es war ein Mann um die dreißig; er hatte noch eine Brille auf der Nase und schien über den Brillenrand hinweg die auf der Böschung Stehenden anzublinzeln.
»Komisch«, sagte der Polizist, »in letzter Zeit sind es fast nur junge Männer, die in die Spree gehen.«
»Lass uns weitergehen«, drängte Sophie.
Der Unterricht hatte längst begonnen. In der ersten Stunde hatten sie Geographie. Köhler bekam immer die erste Stunde, so konnten die anderen Dozenten ausschlafen, die Schüler während dieser Stunde allmählich eintrudeln, um zur folgenden Stunde pünktlich zu sein.
Als die beiden die Tür öffneten, stand Lehrer Köhler, auf seinem Zeigestock gestützt, vor einer Karte der Sowjetunion. Durch seine Brille mit runden, dicken Brillengläsern sah er sie streng an, nahm wie bei allen Störungen durch Zuspätkommende den Zeigestock wie eine Lanze unter den rechten Arm, zielte auf die Störer, watschelte mit seinen Plattfüßen auf sie zu und blieb kurz vor ihnen stehen.
»Bumm! Erschossen! Hinsetzen!«
Sie setzten sich.
»Na«, fragte Christian, »hat der Lichtweiß dir gestern noch den Marsch geblasen? Warum musstest du dich auch einmischen!«
»Ich verstehe dich nicht, du hast doch auch nicht geklatscht.«
»Ja, aber nur, weil es mir egal war.«
6
Philipps Vater, Paul Siebert, sollte und wollte als Junge nicht Bergarbeiter werden. Es war der Plan seiner Eltern, dass er als Ältester und einziger Sohn später den Hof übernehmen sollte. Mittelgroß und eher schwächlich ausschauend, mit hellblondem Haar und weichen Gesichtszügen, konnte man in ihm weder den künftigen Landwirt noch den Bergarbeiter erkennen.
Philipps Großvater, Ferdinand Siebert, war als junger Mann mit seiner Frau Guste aus Ostpreußen in den Westen gekommen. Dort in Ostpreußen gehörten beide zu einem gräflichen Gesinde. Nachdem sie Gefallen aneinander gefunden hatten und den Herrn Grafen um Erlaubnis baten, heiraten zu dürfen, stimmte der nicht nur zu, sondern überließ ihnen auch noch eine kleine Kate und ein wenig Land. Es wurde vereinbart, dass sie als Tagelöhner weiter auf dem gräflichen Gut arbeiten und so die Pacht für Kate und Land aufbringen sollten.
Bald aber bekam Guste ihr erstes Kind, Paul, und konnte neben der Hausarbeit und der Arbeit auf dem eigenen Feld nur noch selten auf den gräflichen Feldern mitarbeiten. Um die Pacht aufbringen und mit seiner Familie überleben zu können, kaufte Ferdinand Siebert von dem wenigen Ersparten einige Schafe und versuchte sich als Schafzüchter. Er war auch erfolgreich. Aber schon im ersten strengen Winter erkrankten viele der Schafe und verendeten. Ferdinand verkaufte die restlichen Tiere, und die Sieberts zogen in den Westen.
Ferdinand war ein Mann, der schon in jungen Jahren schütteres Blondhaar hatte. Mit seiner untersetzten Gestalt, seinen buschigen Augenbrauen, seinem leichten Bauchansatz und dem schweren Gang wirkte er leicht behäbig.
Guste war klein, hatte ein schmales, herbes Gesicht mit einer geraden, großen Nase. Sie ging mit eingezogenen Schultern leicht nach vorn gebeugt. Auffallend war ihre stark nasale Sprechweise.
Hier im Westen arbeitete Ferdinand zuerst im Bergbau. Guste nahm eine Putzstelle an und bemühte sich, neben ihrer Arbeit als Hausfrau und Mutter so viel wie möglich mitzuverdienen. Sie lebten sehr sparsam, und obwohl Guste in dieser Zeit ihr zweites Kind gebar, das Mädchen Johanna, versuchte sie, wann immer sie ein wenig Zeit erübrigen konnte, putzen zu gehen und so den Betrag auf dem Sparbuch zu vergrößern.
Nach zwei Jahren bekamen sie einen Kredit von der Bank und kauften sich einen preiswerten, kleinen Bauernhof. Ferdinand wurde selbstständiger Landwirt. Dieser Hof, mit einem großen Obstgarten am Rande des Ruhrgebiets und östlich einer Zeche und einer neuen Kokerei mit einer Teerverwertung gelegen, konnte nur überleben durch zugepachtetes Land. Die Sieberts kauften sich eine Kuh und ein Pferd. Schon nach der ersten Ernte leisteten sie sich weitere Kühe und dazu einige Schweine, denn Ferdinand und Guste waren fleißig und erfolgreich. Guste bekam ihr drittes Kind, wieder ein Mädchen. Sie nannten es Emma. Es war eine schwere Geburt, so dass Guste nach der Geburt kränkelte und eine ganze Weile für die Feldarbeit ausfiel. Die Ernten aber waren gut. Die Sieberts konnten ihre Kreditraten pünktlich bezahlen und hatten auch noch etwas über für das Sparbuch.
Ferdinand merkte es zuerst am Obstgarten. Die Obsternte wurde weniger, einige Bäume gingen ein. Von Jahr zu Jahr wuchsen das Getreide und die Rüben schlechter, so dass Ferdinand das Ersparte anbrechen und zusätzlich teuren künstlichen Dünger streuen musste. Es half nicht viel, die Ernten wurden immer weniger. Als er dazu noch für sein Getreide von der Genossenschaft nur einen geringen Preis bekam und darüber klagte, sagte ihm der Geschäftsführer vorwurfsvoll: »Sei froh, dass du es überhaupt noch los wirst. Dein Getreide mit dem vielen Pech und Schwefel darin ist ja das reinste Giftzeug. Wie konntest du auch einen Hof kaufen so nahe an der Kokerei!«
Im Jahr darauf ließ die Bank den Hof und das Vieh versteigern. Die Zeche erwarb das Land und die Gebäude; sie brauchte Bauland für eine neue Bergarbeitersiedlung. Die Gebäude wurden abgerissen, die Bäume wurden gefällt, eine abgelegene Scheune blieb stehen. Die Zechenverwaltung erlaubte, dass Ferdinand die Scheune zu einem geringen Zins mietete und ausbaute, das umgebende Wiesenstück pachtete und mit seiner Frau und den drei Kindern in der Scheune wohnte.
Man machte ihm das Angebot, mit Pferd und Wagen die Belieferung der Bergarbeiter mit Deputatkohle zu übernehmen. Einen Teil der Scheune durfte er dafür als Pferdestall nutzen. Ferdinand sagte zu, denn er wollte gerne an der frischen Luft sein und für kein Geld der Welt wieder in der Grube arbeiten. So ging er in seiner grünen Lodenjoppe neben seinem das Fuhrwerk ziehenden Rheinischen Kaltblut zur Zeche, um von dort die Kohlen zu den Bergarbeitersiedlungen zu fahren. Auf dem Kopf trug er eine Mütze mit schwarzem Lackschirm, seine Hosenbeine waren mit Ledergamaschen umwickelt.
Paul, der diese Beschäftigung seines Vaters interessanter fand als die schwere Feldarbeit, beeilte sich nach dem Schulbesuch mit den Hausaufgaben, um an den Nachmittagen den Vater begleiten zu können. Das brachte ihm neben der Freude, das Pferd führen zu dürfen, manches Mal auch Süßigkeiten oder gar ein Trinkgeld ein, wenn sie eine Fuhre Kohlen vor einem der Siedlungshäuser abgekippt hatten. Gerne hörte Paul auch zu, wenn der Vater mit den Kumpeln, wie er die Bergarbeiter nannte, ein Schwätzchen hielt, war es über das Wetter, über die Arbeit in der Grube oder über den Kaiser in Berlin.
An kalten Tagen hatte Ferdinand immer eine Schoppenflasche mit Schnaps dabei, und an besonders kalten Tagen durfte Paul auch schon mal einen Schluck davon nehmen. Wenn aber nach der Heimkehr Guste den Schnaps bei Paul roch, schimpfte sie mit ihrem Mann.
»Was soll nur aus dem Jungen werden, wenn er schon mit zehn Jahren lernt, wie man Schnaps trinkt. Du machst aus ihm noch einen Säufer!«
Ferdinand brummelte dann nur: »Nu, nu, ein Schluck wird schon nicht schaden«, strich sich über den Kaiser-Wilhelm-Bart, aß ruhig seine Suppe weiter und langte zwischendurch mit seinem Löffel in die in der Mitte des Tisches stehende Schüssel mit Bratkartoffeln.
Es ging ihnen gut; sie hatten nun ein regelmäßiges Einkommen und keine Schulden mehr. Ferdinand aber plante weiter. Er kaufte einen zweiten Pferdewagen, mit dem man auch andere Güter transportieren konnte, besorgte sich einen Gewerbeschein, malte auf einer Holztafel mit großen Buchstaben »Fuhrgeschäft von Ferdinand Siebert, Fuhren aller Art« und brachte das Schild an der Außentür der Scheune an.
Auf ihren ehemaligen Feldern war inzwischen eine Siedlung entstanden, Neue Kolonie genannt, in die viele Bergarbeiter aus Schlesien und aus anderen Teilen Deutschlands einzogen. Dort gab es jetzt öfter etwas zu transportieren, was Ferdinand einen willkommenen Nebenverdienst brachte. Paul hatte nicht viel im Sinn mit dieser Kolonie. Weil es meist junge Familien waren, die dort wohnten, gab es nur wenige Kinder in seinem Alter. Diese gingen auch noch in die nahe der Zeche gelegene katholische Schule, während Paul zusammen mit den Kindern der meisten Geschäftsleute und denen der Handwerksbetriebe in die evangelische Schule nahe dem Ortszentrum ging.
Im Spätherbst bekam Guste ihr viertes Kind, wieder ein Mädchen. Mutter und Kind kränkelten. Der Arzt stellte fest: Das Kind litt an Blutarmut, die Mutter hatte ein Magenleiden. Guste konnte ihr Kind nicht stillen; sie hatte keine Milch. Ferdinand baute einen kleinen Verschlag neben dem Pferdestall und kaufte ein Schaf.
»Schafsmilch ist gut gegen Blutarmut und gegen Magenleiden«, sagte er. Aber es half nichts. Die Jüngste wurde gerade mal ein halbes Jahr alt und starb. Guste kränkelte immer mehr.
Als Paul elf Jahre alt war, begann der Krieg. Aus dem Album, das sein Vater schon als Junge mit gesammelten Zigarettenbildern über den Krieg 1870/71 angefertigt hatte, wusste er, dass Krieg bunte Fahnen, schöne Uniformen, Paraden und Siegesfeiern bedeutete, und er freute sich, jetzt selber einen solchen Krieg miterleben zu dürfen. In der Schule lernten die Kinder das Lied »Fest steht die Wacht am Rhein« und packten Päckchen für die ausrückenden Soldaten.
In der Neuen Kolonie gab es ein Straßenfest mit den jungen Bergarbeitern, die sich als Freiwillige gemeldet hatten. Der Obersteiger überreichte im Namen der Zechenleitung jedem der jungen Helden einen Umschlag mit einem zusätzlichen Wochenlohn und hielt eine Rede, in der er verkündete, die Heimat erwarte, dass kein Franzose über den Rhein komme, in sechs Wochen werde alles vorbei sein, und allen Familien der ausrückenden Soldaten sei für die Dauer des Krieges die Wohnungsmiete erlassen. Die Menschen jubelten und schwenkten Fähnchen. Die mit Girlanden geschmückten Häuser, die Fähnchen schwenkenden Menschen und die unter Musikklängen marschierenden jungen Bergarbeiter, das entsprach ganz Pauls Vorstellung von einem Krieg. Ab jetzt ging er gerne in die Kolonie.
Zu Hause saßen Johanna und die kleine Emma und versuchten eifrig, die in der Schule unter Anleitung der Handarbeitslehrerin begonnenen Wollsocken für die Soldaten an der Front zu einem guten Ende zu bringen. Guste musste energisch werden, um ihre Töchter von den Stricksocken weg und zum Einkauf im Konsumverein zu bewegen. Sie ließ in größeren Mengen Mehl und Graupen besorgen, um einen Vorrat anzulegen. Einige Tage später waren die Lebensmittelpreise gestiegen. Die Geschäfte nahmen nur noch Hartgeld und kein Papiergeld mehr entgegen, so dass die Behörden energisch gegen diese Art des Geldverkehrs einschreiten mussten.
Auf dem Wege zur Schule kam Paul an einem Schaukasten der Hamborner Nachrichen vorbei. Dort standen jetzt schon frühmorgens die Menschen, lasen die Erfolgsmeldungen von der Front und stimmten Hochrufe auf den Kaiser und das Vaterland an. Paul stimmte mit ein, bis ein Invalide ihm Prügel androhte, wenn er, der Rotzlöffel, noch einmal den Kaiser hochleben lassen sollte.
Ferdinand kam mit der Nachricht heim, dass ab sofort die Mengen an Deputatkohlen für die Bergarbeiter und damit auch die Anzahl der Fuhren auf die Hälfte reduziert würden. Während er noch überlegte, wie er trotz weniger werdender Fuhren seine Familie ernähren könne, brachte der Briefträger ihm einen behördlichen Brief. Die Kaiserliche Ersatzinspektion teilte mit, dass der Fuhrmann Ferdinand Siebert zum 15. September 1914 sein Pferd in einem guten Zustand an die Armee abzuliefern habe. Der Gewerbeschein sei für die Dauer des Krieges eingezogen. Über Ferdinands Weiterbeschäftigung werde die Zechenverwaltung entscheiden.
Ferdinand war empört. Wer sollte jetzt die Kohlen ausfahren? Er nahm das Schreiben und ging zum Vorsteher des Lohnbüros. Der beruhigte ihn: Für die Kohlelieferung hätten die Bergarbeiter ab sofort selber zu sorgen. Viele hätten ja Karren, und die anderen könnten sich diese ausleihen. Ferdinand könne aber, wie schon vor Jahren, wieder als Bergmann arbeiten. Mit seinen 41 Jahren sei er ja noch ein junger Mann, der sicher gutes Geld unter Tage verdienen werde, und außerdem sei es ja nur für die kurze Zeit bis zum Sieg über die Franzosen. Und − der Bürovorsteher schaute ihn über die Brillengläser streng an − er könne weiter in der Werkswohnung wohnen bleiben.
»Ich wohne in einer Scheune, Herr Vorsteher«, wagte Ferdinand zu entgegnen und drehte seine Schirmmütze in den Händen.
»Aber doch von der Zeche!? Na siehst du!«
Ferdinand wurde wieder ein Kumpel. Er träumte von der frischen Luft, wenn er in der feuchten Schwüle unter der Erde die Kohlen in die Wagen schaufelte, von den weiten, von der Sonne beschienenen ostpreußischen Feldern, und er wartete auf das schnelle Ende des Krieges. Wenn er nach der Schicht die Siegesmeldungen in der Zeitung las, war er voller Zuversicht. Schon bald aber wurden die Meldungen von der Front immer einsilbiger. Brachte die Zeitung in den ersten Kriegswochen noch täglich lange und ausführliche Meldungen vom siegreichen Vormarsch, so nahmen die Listen der Gefallenen unter der Überschrift »Deutsche Helden« bald einen größeren Platz ein und verdrängten endlich die Siegesmeldungen ganz. Ein wenig später mussten die in den Siedlungen wohnenden Familien der Helden auch wieder Miete zahlen.
Ein Kumpel, etwas älter noch als Ferdinand und als Pferdeführer unter Tage beschäftigt, zeigte ihm in einer Dubbelpause einen Brief seines Sohnes von der Front. Im Schein seiner Grubenlampe las Ferdinand, dass die deutschen Soldaten an der Marne nicht weiter vormarschierten, sondern sich in Gräben und Unterständen eingerichtet hatten. Die Franzosen lagen nur etwas mehr als hundert Meter entfernt von ihnen und hatten sich ebenfalls eingegraben.
Wenn es Tag wird – schrieb der Sohn –, beginnt das deutsche Artilleriefeuer auf die französischen Gräben und dauert eine halbe Stunde. Dann bergen die Franzosen ihre Toten und Verwundeten. Nach etwa einer Stunde feuert die französische Artillerie auf unsere Stellungen. Da heißt es dann, sich tief eingraben und den Kopf nicht heben. Genau wie bei den Deutschen dauert es gewöhnlich eine halbe Stunde. Anschließend können wir unsere Toten und Verwundeten bergen, bis die Artillerie wieder anfängt. Nur an den Sonntagen, da ist es hier ruhiger.
Wenn sie sich eingerichtet haben, dachte Ferdinand, dann wird es keinen schnellen Sieg geben, und ich werde noch lange in der Grube arbeiten müssen. Ich muss versuchen auch Pferdeführer zu werden. Und wenn er schon nicht an der frischen Luft sein konnte, wollte er wenigstens unter Tage mit einem Pferd Kohle fahren, sei es auch nur vom Querschlag zum Schacht. Als der Steiger bei seinem nächsten Kontrollgang vorbeikam, fragte Ferdinand ihn nach einem Pferdeführerposten.
»Du bist doch noch ein kräftiger Mann, Siebert«, sagte der Steiger. »Kommst du denn zurecht, wenn du nicht mehr im Gedinge bist und nur den Schlepperlohn kriegst? Du hast doch Kinder; sprich lieber erst mal mit deiner Frau.«
Guste war einverstanden, aber nur, weil ihr Mann versprach, einen Teil der Wiese umzugraben für einen Garten. Für das Schaf allein brauchten sie nicht mehr die ganze Wiese.
»Gut«, sagte der Steiger, als Ferdinand ihn am nächsten Tag ansprach, »ich trage dich in eine Liste ein, aber es kann dauern.«
Und es dauerte. Wochen später sprach Ferdinand erneut mit Guste darüber. Sie hatte vor Jahren einige Zeit im Hause des Obersteigers geputzt, und sie überlegten nun gemeinsam, wie sie diese Verbindung nutzen könnten. Wieder putzen gehen? Dazu war Guste zu krank.
»Die Obersteigersche hat außerdem ein Mädchen aus der Neuen Kolonie bei sich in Stellung«, sagte Guste. »Aber lass mich mal, ich mach das schon.«
Die Steigerhäuser lagen westlich der Kokerei. Dort, wo beinahe nie die Abgasschwaden hinkamen, gab es auch einen Park. Wenn Guste zum Arzt musste, kam sie daran vorbei und sah manchmal die Frau des Obersteigers mit ihrem Pudel darin spazieren gehen. Guste richtete es so ein, dass man sich traf.
»Guten Tag, Frau Obersteiger!«
»Tag, Guste!«
Die Obersteigersche war größer als Guste. Sie hielt sich sehr gerade, schaute auf Guste herab und sprach in einem leicht herablassenden Tonfall.
»Wie geht’s? Was machen die Kinderchen?«
So konnte Guste erst über ihre Kinder, dann von ihrer Krankheit und schließlich von ihrem Mann berichten. Frau Obersteiger versprach zu tun, was sie könne, klagte dann noch darüber, wie wenig pflichtbewusst die jungen Mädchen heute seien, lobte Gustes Arbeit und betonte, wie zufrieden sie doch mit ihr gewesen war. Guste streichelte so nebenbei den Pudel, stimmte zu, als Frau Obersteiger meinte, alle müssten fleißig sein und für den Sieg beten, und verabschiedete sich mit vielen Dankesworten und den besten Wünschen für Frau Obersteiger und deren ganze Familie.
Als einige Tage später der Steiger bei seinem Kontrollgang wieder bei Ferdinand vorbeischaute, sagte er: »Melde dich morgen zur Spätschicht im Pferdestall auf Sohle vier, Siebert; dort ist ein Pferdeführerposten frei geworden.«
»Ja, Steiger«, sagte Ferdinand. »Ich danke Ihnen auch schön.«
»Danke nicht mir, bedanke dich bei der Heiligen Barbara, die muss ein Auge auf dich haben.«
Ferdinand war zufrieden mit dem neuen Posten, aber er brachte weniger Lohn heim. Guste klagte bald, dass sie nicht auskomme mit dem geringen Geld. Die Kinder mussten barfuß zur Schule gehen, an Sparen war schon lange nicht mehr zu denken. Ferdinand versprach ihr, im Windschatten der Scheune, geschützt vor den Abgasen der Kokerei und der Teerdestillation, noch mehr von der Wiese umzugraben, so dass sie mit Kartoffeln und Gemüse bald Selbstversorger sein würden; und weil es inzwischen Brot und Lebensmittel nur noch auf Karten gab, wollte Guste ihrem Mann gerne glauben. Paul half dem Vater bei der Gartenarbeit und war mit ihm stolz, als sie das erste Gemüse ernten konnten. Die Ernten aber waren gering und glichen lange nicht die Lohnminderung aus, doch Ferdinand fuhr seiner Frau über den Mund, wenn sie eine solche Rechnung aufmachte, und Paul fand, dass es ihnen gut ging.
In der Schule wurde für den Beitritt zur Jugendwehr geworben. Paul war begeistert von dem Gedanken, an einer Ausbildung teilnehmen zu können, wie sie auch die Soldaten vor dem Fronteinsatz erhielten. Jeder freiwillige Junge bekam eine Uniform aus gutem Militärstoff und eine Mütze, verziert mit einer Kokarde in den Nationalfarben schwarz-weiß-rot. Guste, die ohnehin nicht wusste, wie sie für ihren schnellwachsenden Sohn Kleidung beschaffen sollte, stimmte seiner Teilnahme zu. Als Ferdinand den Jungen in der Uniform sah, war er überrascht, wie erwachsen er aussah und dachte, dass es an der Zeit sei, sich Gedanken über die Zukunft seines Sohnes zu machen. Steckte er ihn in den Bergbau, dann konnte man sie nicht aus der Scheune rauswerfen und ihm nicht das Land nehmen, wenn er in der Grube aufhörte. Bald darauf meldete er Paul als Pferdejungen bei der Zeche an. So kam Paul Siebert zum Bergbau und arbeitete sein Leben lang unter der Erde, bis man ihn nach einem Unfall tot nach oben trug.
7
Sophie ging nach dem Unterricht mit zur Singakademie, wo sie zu dritt die Schularbeiten machten. Christian fühlte sich durch sie gestört, fragte, ob sie vorhabe, ab jetzt immer mitzukommen, und verabschiedete sich bald. Sophie und Philipp blieben noch einige Zeit und gingen dann auch. Als sie über die Spree-Brücke Richtung Alex gingen, schneite es und begann zu dunkeln.
»Glaubst du, dass es ein Selbstmörder war?«, fragte Sophie.
»Wer?«
»Na, der Tote heute Morgen.«
»Weiß ich nicht«, sagte Philipp. »Hast du gesehen, dass er eine gefärbte Wehrmachtsjacke trug?«
»Warum tut ein junger Mann so etwas? Ich verstehe das nicht!«
Sie hängte sich bei ihm ein. Schweigend gingen sie zur Straßenbahnstation. Auch während der Fahrt schwiegen sie. Als Philipp sich am Prenzlauer Berg verabschieden und aussteigen wollte, zog Sophie ihn wieder auf den Platz zurück.
»Komm bitte mit! Ich möchte jetzt nicht allein sein.«
Auf dem Weg zu ihrer Wohnung kamen sie an einem Bäckerladen vorbei, in dem eine Frau noch beim Putzen war. Philipp klopfte an die Scheibe, die Frau schloss auf und ließ ihn eintreten. Er nahm seine Brotkarte aus der Schultasche und kaufte vier Roggenschrippen.
In Sophies Zimmer war es warm. Sie aßen die Schrippen und tranken Leitungswasser. Dann zog Sophie sich aus. Ihre Kleidung legte sie ordentlich über einen Stuhl. Zuletzt löste sie ihre Zöpfe. Ihr volles, schwarzes Haar bedeckte ihre Schultern und ihre kleinen Brüste. Sie legte sich ins Bett und sah zu, wie Philipp sich auszog und dazulegte. Eine Weile lagen sie reglos nebeneinander. Man hörte nur das Geräusch der Luftbrücken-Maschinen. Philipp streichelte Sophies Haar, ihre Stirn und ihre Wangen. Sie schaute gegen die Zimmerdecke und begann still zu weinen.
Zum 21. Dezember, dem Geburtstag von Stalin, vergab Lichtweiß ein Referat. Es sollte Stalin und die Deutschen behandeln. Sophie meldete sich freiwillig.
Als sie den Vortrag begann, kündigte sie ihn an mit dem Titel: Josef Stalin, der weise Führer des internationalen Proletariats, der Garant des Weltfriedens und der beste Freund des deutschen Volkes. Sie sprach vom größten Schüler Lenins, von Stalins Vollendung der Revolution durch die Säuberung der Partei und der Armee von Spionen und Feinden und von deren Liquidierung. Sie sprach davon, dass Stalin als Führer der ruhmreichen Sowjetarmee den Faschismus besiegt und dem deutschen Volk die Freiheit gebracht habe. Von dem größten Genius der Menschheit sprach sie und davon, dass in seinem Arbeitszimmer im Kreml das Licht nie ausginge.
»Er soll sich nächtelang westliche Cowboy- und Operettenfilme anschauen«, flüsterte Christian Philipp zu. Zuletzt machte Sophie den Vorschlag, man solle doch wegen der großen Verdienste Stalins nicht nur vom Marxismus-Leninismus, sondern vom Marxismus-Leninismus-Stalinismus reden.
»Dann darf man aber auch Engels nicht vergessen«, sagte einer.
»Und Pieck!«, rief Philipp. »Es muss dann heißen: Marxismus-Engelismus-Leninismus-Stalinismus-Pieckismus.«
Die Klasse schwieg, Lichtweiß schaute einen Moment ratlos.
»Das war sicher ein Scherz von Herrn Siebert«, sagte er dann. »Wenn man allerdings die Sache ernsthaft diskutiert, wird man sagen müssen, das ist eine Frage an die Historiker. Ich persönlich glaube aber fest, dass das Lebenswerk Stalins einmal als Stalinismus bezeichnet wird.«
Philipp sah, dass Sophie eifrig nickte. Da war plötzlich seine Wut verflogen, und er fühlte nur noch Mitleid.
Am vorderen Tisch der mittleren Reihe saß Ruth. Sie war etwas füllig, hatte hinter langen Wimpern kecke braune Augen, mit denen sie gewollt naiv schauen konnte, hatte leicht gewelltes braunes Haar, starke Backenknochen und sehr üppige Lippen, die sie stets mit einem kräftigen Rot angemalt zeigte. Sie sprach mit eher leiser und ein wenig gehauchter Stimme. Ihre Bewegungen, ihr wiegender Gang, alles an ihr signalisierte Sinnlichkeit.
Christian und Philipp, die weiter hinten an einem Tisch in der Reihe an der Fensterfront saßen, mussten, wenn sie aufmerksam dem Dozenten am Pult oder an der Tafel folgen wollten oder auch nur so taten, an Ruth vorbeischauen und hatten sie als Zugabe im Blick, genauer: ihren Oberkörper; noch genauer: ihren großen Busen. Ruth war Berlinerin, die Tochter eines Kommunisten und Revolverdrehers bei Siemens & Halske. Ihre Mutter war Funktionärin im Demokratischen Frauenbund Deutschland DFD. Ruth hat nach dem Krieg einen Kurs zur Ausbildung als Neulehrerin besucht und war bis zum Eintritt in die VA Lehrerin.
»Die leg ich um«, sagte Christian schon an einem der ersten Unterrichtstage zu Philipp und schaute dabei genüsslich zu Ruth herüber. Aber Ruth war mit einem Lehrer ihrer früheren Schule befreundet, und Christians Werben war erfolglos, sie beachtete ihn kaum − bis zur Weihnachtsfeier.
Währen der Vorbereitung zu dieser Feier hatte Angela die Idee, einen Julklapp zu veranstalten, wie er zu Weihnachten in den skandinavischen Ländern üblich war. Alle sollten ein Los mit dem Namen eines Klassenmitgliedes ziehen, ein kleines Geschenk besorgen, das dann verpackt und mit dem Namen des zu Beschenkenden versehen eingesammelt und auf der Feier von einem Weihnachtsengel verteilt werde. Der Absender aber bliebe anonym.
So geschah es. Man sang Lieder von der stillen Nacht, vom grünen Tannenbaum und von den kommenden Kinderlein. Einige sangen nicht mit, weil sie es bürgerlich-dekadent fanden. Sophie sang nicht, weil sie die Lieder nicht konnte.
Christian begleitete den Gesang auf dem Klavier und spielte anschließend mit weit ausholenden Gesten noch den ersten Satz der Beethovensonate Pathétique.
Dann trat der Engel auf mit einem Sack voller Geschenke. Alle bekamen eins, Christian bekam drei. Er tat sehr überrascht und erfreut. Nach der Feier erlaubte Ruth, dass Christian sie begleitete. Sie machte den Vorschlag, in die Gartenlaube ihrer Eltern zu fahren. Die Gartenlaube war wohnlich eingerichtet, aber ungemütlich kalt. Sie gingen sofort ins Bett.
»Sprich mit mir!«, bat Ruth.
»Später«, sagte Christian und liebte sie.
Dann schaute er sich vom Bett aus in der Laube um.
»Kommen deine Eltern oft hierher?«
»Nein, jetzt im Winter gar nicht mehr«, sagte Ruth. »Bis vor einem Jahr haben wir hier gewohnt. Wir waren ausgebombt. Jetzt haben wir wieder eine Wohnung.«
»Kann man den Ofen heizen?«
»Ja, aber wir heizen ihn nicht. Die Briketts brauchen wir für die Wohnung.«
»Ich besorge uns welche.«
Er lehnte sich zurück, dachte, dass es doch noch eine schöne Feier geworden war, dass er nun wusste, wo er sich in den Weihnachtsferien aufhalten konnte, und schlief ein.
Nach Schulbeginn im neuen Jahr erzählte Christian, dass er vor der Weihnachtsfeier genau bedacht habe, bei sechs Mädchen in der Klasse und einem sicheren Geschenk für ihn über das Los höchstens fünf Geschenke mit dem eigenen Namen zusätzlich heimlich in den Sack zu schmuggeln. Er wollte aber nicht übertreiben und hatte nur zwei hineingegeben. Die Unsicherheit aber war, dass er nicht wissen konnte, ob nicht eines oder mehrere der Mädchen ihm tatsächlich zusätzlich ein Geschenk machen würden.
»Die Gefahr bestand wohl nicht«, meinte Philipp.
Das Frühjahr kam, die Tage wurden länger und milder. Christian und Philipp gingen an den Nachmittagen weiter regelmäßig zur Singakademie. Sophie kam nicht mehr mit, dafür machte Ruth jetzt öfter mit ihnen zusammen Schularbeiten. Einmal fuhren sie anschließend mit Ruth in die Laube. Christian hatte Wein besorgt und auch Kerzen. Sie tranken von dem Wein und schauten in die Flammen der Kerzen.
Ruth erzählte von ihrem Vater, der im Konzentrationslager gewesen war, aber schon während des Krieges entlassen worden und seitdem sehr schweigsam sei. Ihre Mutter wäre ganz verzweifelt; sie könne nicht verstehen, dass ein Mann so wenig Lebensmut zeigte, jetzt, wo er am Aufbau des Sozialismus mitwirken konnte. Christian erzählte, wie er und seine Mutter von der Erschießung seines Vaters durch die Russen erfahren haben und wie seine Mutter sich bald danach mit einem deutschen Besatzungsoffizier getröstet habe.
»Ich denke, es waren die Nazis, die deinen Vater umgebracht haben«, bemerkte Philipp.
»Ach Philipp!«, sagte Christian, und seine Stimme klang liebevoll-väterlich. Dann wandte er sich an Ruth.
»Gib Philipp mal einen Kuss!«
Ruth schaute Christian erstaunt an, zögerte einen Moment, setzte sich auf Philipps Schoß, umschlang ihn mit beiden Armen und küsste ihn. Dann stand sie auf, ging auf ihren Platz zurück und trank ihr Weinglas in einem Zug leer.
An einem Abend, sie hatten in der Singakademie lange Zeit für die Schularbeiten gebraucht, machte Christian den Vorschlag, in einem guten Restaurant essen zu gehen.
»Oh ja!«, sagte Philipp, »wenn ich einmal Millionär bin oder Parteifunktionär, dann machen wir das wirklich.«
»Wir machen es heute; ich lade euch ein«, tat Christian groß.
»Ich habe meine Fleischmarken nicht dabei«, bedauerte Ruth.
»Du brauchst keine Marken. Am Bahnhof Friedrichstraße ist ein HO-Restaurant, da kann man ohne Marken essen.«
»Was ist ein HO-Restaurant?«, fragte Ruth.
»Das ist neu, HO heißt Handelsorganisation«, erklärte Philipp, »das ist was Staatliches, dort kann man alles ohne Marken kaufen, aber für viel Geld.« Und zu Christian sagte er: »Hast du eine Bank überfallen?«
»Das nicht gerade; man kann auch anders an Geld kommen.«
Über dem Eingang stand: HO-Budapest. Christian ermunterte die beiden zu bestellen und machte es ihnen vor: Vorspeise, Suppe, Hauptgericht, und Nachspeise. Philipp und Ruth bestellten nur eine Vorspeise.
»Euch kann man nichts Gutes tun«, bedauerte Christian und langte kräftig zu.
Während er aß, erzählte er ihnen von seiner Geldquelle: An einem Sonntag war der Koch, der Dicke, wie üblich zum Dienst in das Hotel gegangen. Er hatte jedoch seine Tabletten vergessen, und Maria bat ihren Sohn, sie ihm nachzubringen. Christian ging und lernte in dem Hotel einen sowjetischen Offizier kennen, der ihm etwas schenken wollte. Als sie im Zimmer des Offiziers waren, zog er Christian auf ein Sofa, umarmte ihn stürmisch und sagte, dass er ihn liebe und ihm immer treu sein werde. Christian sah am Gürtel der Offiziersuniform eine große Pistole und war gelähmt vor Angst. Der Offizier stammelte immer weiter von Liebe und Treue und sank schließlich ganz ermattet auf Christians Schoß. Christian wagte nicht aufzustehen, sondern streichelte dem Offizier über das Haar, bis er eingeschlafen war. Vorsichtig hob Christian den Kopf des Schlafenden ein wenig an, stand langsam auf und schlich sich zur Tür. Als er gerade hinaushuschen wollte, hörte er ein lautes: »Stoi!« Der Offizier stand da mit einer gezogenen und auf Christian gerichteten Pistole. Dieser sah seine letzte Minute gekommen und hob blitzschnell die Arme. Da lachte der Offizier laut, steckte die Pistole weg, ging auf Christian zu, legte den Arm um ihn und führte ihn ins Zimmer zurück. Sie setzten sich an einen Tisch, der Offizier holte eine Flasche Wodka, schenkte sich und Christian ein und nötigte ihn zu trinken. Christian musste versprechen, den Offizier am nächsten Sonntag wieder zu besuchen. Der gab dem jungen Mann die beinahe noch volle Wodkaflasche und versprach ihm bei jedem Besuch eine neue.
Christian beendete seinen Bericht und schaute auf den Tisch.
»Bestellt doch noch was!«
Am letzten Tag des Wintersemesters und mit dem Erscheinen des ersten Grüns in der Natur machte die Klasse eine Biologie-Exkursion nach Friedrichshagen in den Berliner Stadtforst. Christian hatte sich unter einem Vorwand abgemeldet.
»Ich muss nicht mitgehen, Gräser zählen und Blümchen pflücken«, hatte er zu Philipp gesagt.
Frau Dr. von Braun, eine etwa fünfzigjährige Westberlinerin, gab sich Mühe. Groß, schlank, mit einem hoheitsvollen Blick und einer festen Stimme, trat sie betont selbstbewusst auf und wurde respektiert bis gefürchtet. Als ehemalige Nationalsozialistin, die in ihrem Unterricht die Rassengesetze der Nazis unterrichtet hatte, war sie nach dem Krieg aus dem Westberliner Schuldienst entlassen worden. Hier in Ostberlin unterrichtete sie Biologie nach dem Biologen und Naturphilosophen Ernst Haeckel, der ein Prediger des Darwinismus war. Die Lehre vom Kampf ums Dasein, von der natürlichen Auslese und dem Recht des Stärkeren wandelte sie ab zum Recht der neuen Klasse. Während der Exkursion dienten ihr alle Knospen und Pflänzchen zur Demonstration ihrer These vom Werden des Neuen und Absterben des Alten.
Auf dem Rückweg zur Bahnstation verstauchte Ruth sich den Fuß und bat Philipp, ihr den Arm zu reichen. So kamen beide nur langsam voran und verloren bald den Anschluss zur Klasse. Als sie endlich die Station Rahnsdorf erreichten, waren die anderen schon abgefahren, auch Sophie. Sie beide fuhren bis Köpenick und gingen in die Gartenlaube. Philipp machte mit den von Christian besorgten Briketts Feuer im Ofen. Ruth zeigte eine ganze Auswahl ebenfalls von Christian stammender Lebensmittel und bat Philipp zu wählen. Gemeinsam machten sie sich Mehlpfannkuchen, die sie sogleich heiß aus der Pfanne aßen. Dazu tranken sie einen von Christian mitgebrachten Wein. Als die Stromsperre begann und das Lampenlicht erlosch, zündete Ruth Kerzen an.
»Wie kommt es nur, dass ihr Freunde seid?«, fragte sie.
Philipp wusste, sie konnte nur Christian meinen.
»Es hat sich so ergeben.«
»So ergeben! Das ist doch keine Antwort! Du musst doch etwas an ihm gut finden.«
Philipp zögerte einen kurzen Moment.
»Er ist gut in Mathe.«
»Warum weichst du mir aus?«
»Dann sag du mir doch mal: Was findest du an ihm?«, fragte Philipp zurück.
»Ich? Ich weiß es nicht − er macht mir Angst.«
Philipp lachte: »Angst? Jetzt übertreibst du. Einer, der so gut Klavier spielen kann, soll Angst machen!?«
»Was hat das Klavierspielen damit zu tun?«
Ruth verstand ihn nicht.
»Man kann doch einen Menschen nicht danach beurteilen, ob er ein Instrument spielt oder nicht. Gibt es denn in deiner Familie niemanden, der musikalisch ist?«
»Doch, mein Vater, wenn er genügend getrunken hat, kann er ganz lustig sein und wunderbar singen.«
Ruth gab sich einen Ruck.
»Schluss damit!«
Sie trank ihr Glas leer, setzte sich auf Philipps Schoß, küsste ihn und knöpfte seine Hosen auf.
Gleich am ersten Morgen des neuen Semesters kam Christian zu spät zum Unterricht. Köhler unterbrach wie üblich, machte seinen Erschießungsgang, und Christian setzte sich.
»Ich muss dich gleich sprechen«, flüsterte Philipp.
»Wegen Ruth?«
»Ja, ich muss dir was beichten.«
»Quatsch beichten! Ruth hat mir schon alles erzählt.«
»Und?«
»Was, und?« Christian tat erstaunt. »Da gibt es doch nichts mehr zu bereden. Alles in Ordnung.«
Sie wandten sich dem Unterricht zu. Nach einigen Minuten wurde ein Zettel von Ruth an Christian weitergereicht. Christian las den Zettel.
»Hast du noch einen anderen Vornamen?«, fragte er Philipp.
»Ich? Nein, warum?«
»Hier, lies!«
Und Philipp las: Lieber Christian, verzeih mir, aber es muss vorbei sein mit uns. Ich kann ohne Karl nicht leben. »Das muss ein anderer sein − Karl? Heißt nicht ihr Lehrer-Freund so?«, flüsterte er.
Christian wurde zornig.
»Dann ist das Weib uns untreu geworden, aber das lassen wir uns nicht gefallen!«
Er zerknüllte den Zettel und schlug mit der Faust auf den Tisch, so dass selbst Köhler aufmerksam wurde.
Für Mitte Mai 1949 waren in Ostdeutschland Wahlen zum Volkskongress vorgesehen. Dieser Volkskongress sollte den Volksrat berufen, eine Art Regierung. Einige in der Klasse waren am Tage vor der Wahl und an den beiden Wahltagen zur Wahlwerbung, andere an den Wahltagen als Helfer in den Wahllokalen eingeteilt. Christian und Philipp mussten auf dem Bahnhof Friedrichstraße aus dem Büro des Aufsichtsbeamten über Lautsprecher eine Wahlparole verbreiten. Immer wenn ein Zug abgefertigt und das Mikrofon frei war, durften sie es benutzen. Sie hatten einen Zettel mitbekommen mit der Parole: Wer für die Einheit Deutschlands und einen gerechten Friedensvertrag ist, der stimmt für die Kandidaten zum Deutschen Volkskongress. Stimmen Sie mit ja!
Abwechselnd lasen sie diese Parole, fanden sie aber bald so langweilig, dass sie versuchten, sie immer mehr zu variieren. Bald befanden sie sich in einem Wettbewerb um die beste Variante.
Zwischendurch, und wenn der Aufsichtsbeamte nicht im Büro war, nutzten sie die Zeit, um sich über ihre Erfahrungen mit den Frauen im Allgemeinen auszutauschen und wie man mit ihnen umgehen sollte, damit sie nicht übermütig würden und treu blieben. Als ihr Einsatz beendet war und sie sich von dem Aufsichtsbeamten verabschiedeten, bekamen sie kostenlos − wie er sagte − noch einen Tipp von ihm.
»Wenn ihr nochmal so etwas machen müsst, nicht so nahe ans Mikrofon gehen und nicht so schnell und so laut sprechen, das dröhnt sonst zu sehr und überschlägt sich. Von euren Parolen war nichts zu verstehen. Ihr müsst so normal sprechen wie zwischendurch, als ihr über die Frauen geredet habt, das konnte man gut verstehen.«
»Aber wir haben das Mikrofon doch immer ausgeschaltet!«, warf Philipp ein.
»Das nützt nicht viel, die Schaltung geht nicht mehr richtig. In diesem Laden funktioniert doch nichts. Vielleicht wird der Schalter ja repariert, wenn wir die Einheit Deutschlands und einen gerechten Friedensvertrag haben.«
Nach den beiden Wahltagen wollten einige der Wahlhelfer eine Nachbereitung in der Klasse veranstalten. Seiter opferte dafür einen Teil seiner Physikstunde.
Wilfried als Klassensprecher bat Studiendirektor Reitmann dazu. Reitmann kam und setzte sich gleich.
»Ich kann es mir nicht leisten zu stehen, dazu war ich zu lange im KZ. Nun denn, worum geht’s?«
Wilfried begann damit, dass er zusammenfassend die Erfahrungen − wie er sagte − aller Wahlhelfer der Klasse referierte: Viele Hausgemeinschaften seien geschlossen im Wahllokal erschienen, und für sie hätten die Hauswarte die Stimmzettel in einem Block in die Urnen geworfen; kaum einer sei in die Wahlkabine gegangen. Den Wahlhelfern sei es untersagt worden, die Leute zum Aufsuchen der Kabinen anzuhalten. Als sich bei der Auszählung der Stimmen abzeichnete, dass die Nein-Stimmen überwiegen würden, kam die Anordnung, die Auszählung neu zu beginnen und alle Zettel, bei denen einzelne Kandidaten durchgestrichen oder die Zettel mit Bemerkungen versehen oder gar nicht ausgefüllt waren, als Ja-Stimmen zu zählen.
»Überhaupt«, sagte Wilfried, »die Wahlzettel ließen einem doch keine Wahl. Man konnte nur ein Kreuz in einem Kreis neben einem großen JA oder neben einem ganz klein gedruckten Nein machen. Wenn einem eine Partei oder eine Person nicht gefiel, hatte man keine Möglichkeit, das auch zu äußern. Ist doch klar, dass die Leute da einzelne Kandidaten durchstreichen oder den Zettel mit Bemerkungen versehen.«
Wilfried ereiferte sich. Auf einem Wahlzettel habe groß und gut leserlich der Satz gestanden: Euch Banditen wähle ich nicht. Der Helfer habe den Wahlzettel vorgezeigt und gemeint, das sei ja nun wohl eindeutig eine Ablehnung. Das sei richtig, habe da der Wahlleiter gemeint, es sei eine Ablehnung der westlichen Scheindemokratie, denn mit den Banditen können doch wohl nur die Kriegstreiber aus Westdeutschland gemeint sein. Oder sehe das etwa jemand anders?
Reitmann hörte sich den Bericht ruhig an.
»Sind Sie fertig?«, fragte er Wilfried, stand nun doch auf und ging herum. »Es ist gut und richtig, dass Sie Ihre Bauchschmerzen äußern. Als junge Menschen haben Sie ein starkes Rechtsempfinden, das ist gut so, das sollen Sie auch haben. Aber Ihre Vorstellung von Demokratie, die ist falsch, da liegen Sie schief, liebe Freunde. Hitler ist durch eine demokratische Wahl an die Macht gekommen, denken Sie mal darüber nach. Man muss aus der Geschichte lernen können. Glauben Sie denn, dass 1945 über Nacht das Gift der Nazi-Ideologie verschwunden ist?«
»Das Volk wird umerzogen«, warf Wilfried ein.
»Darum geht es nicht«, sagte Reitmann und setzte sich wieder. »Aber wir müssen die vorhandenen fortschrittlichen Kräfte bündeln für den Aufbau einer antifaschistischen demokratischen Gesellschaft − unter Führung der Arbeiterklasse.«
»Und die Arbeiterklasse wird geführt von der Partei?«, fragte Philipp.
»Richtig, von der Partei der Arbeiterklasse, der SED, in der die Besten der Arbeiterklasse die Führung haben«, nickte Reitmann.
»Halt jetzt die Schnauze!«, flüsterte Christian Philipp zu. »Wenn du dein Abitur machen willst, dann halt dich da raus!«
Philipp wusste selber, dass er den Gedanken, letztlich liefe also wieder alles auf einen Führer hinaus, nicht laut äußern durfte.
Reitmann redete weiter. Er sprach von der proletarischen Demokratie, zu der man reif sein müsse. In dieser Demokratie könne es nicht wie in einer bürgerlichen Demokratie vorkommen, dass das Volk seine eigenen Totengräber wähle. Und darum sei es richtig, dass die Wahlzettel von Menschen, die zur Demokratie noch nicht fähig seien, als Ja-Stimmen gezählt würden.
Seiter stand abseits und hörte zu. Als Reitmann geendet hatte und gegangen war, setzte er den Physikunterricht fort.
»Dann wollen wir uns wieder den irdischen Dingen zuwenden. Ich möchte mit Ihnen noch eine Aufgabe durchsprechen, bei der es um die Berechnung einer Tangentialebene an der Kugel geht, zu deutsch: Brett vor dem Kopf.«
8
Dr. Kuhnert war mit Leib und Seele Lehrer. Trotz seiner kurzen Beine und seiner Körperfülle wirkte er sehr lebendig, hatte lebhafte Augen und eine schnelle Sprechweise. Man glaubte ihm sofort, dass er noch schneller dachte als er zu sprechen vermochte. Es war eindrucksvoll zu sehen, wie er mit dem ganzen Körper und besonders mit seinen Händen zu dozieren verstand.
Ebenso aufregend war sein Chemieunterricht, der mit vielen Experimenten angereichert war. Als er hörte, dass Philipp ein ausgebildeter Chemielaborant war, bat er ihn, bei den Experimenten zu assistieren. Kuhnert wollte gerne, dass Philipp, in der ersten Reihe sitzend, jederzeit einspringen konnte, wenn ein Experiment es erforderte.
Neben Ruth saß Inge, die sofort bereit war, in der Chemiestunde mit Philipp die Plätze zu tauschen. Inge war keine Schönheit, sie sah krank aus, war mager und blass, hatte fettes, strähniges Haar und eine unreine Haut. Wenn sie ging, so glaubte man, sie müsste jeden Moment stolpern. Sie schob ihre rechte Schulter vor und bewegte sich, als drücke sie sich an einer Mauer entlang. Inge schwärmte für Christian und war erfreut, wenigstens zeitweilig an seiner Seite sitzen zu dürfen. Christian war weniger erfreut über seine neue Nachbarschaft.
»Ich mache keine Entjungferung«, sagte er zu Philipp.
Er respektierte Inge aber als eine gute, strebsame Schülerin, denn sie schrieb bis auf wenige Ausnahmen die besten Klassenarbeiten. Nur in Mathe hatte sie ihre Schwächen. Ordeich, der Mathe-Lehrer, gab ihr daher privaten Nachhilfeunterricht.
Ordeich war ein Lehrer, der glaubte die Welt mit den Gesetzen der Mathematik erklären zu können. Er war über fünfzig, groß, gebeugt, und er trug eine Brille, wie man sie von den Fotos des Revolutionärs Trotzki kennt. Mit seiner von einem Haarkranz eingefassten Glatze, seinen kleinen Augen, schmalen Lippen und gelben Zähnen machte er einen asketischen Eindruck. Neben seiner Disziplin ließ Ordeich nur noch den Kommunismus gelten, weil − wie er nicht aufhörte zu betonen − der Historische Materialismus sich zwangsläufig aus den Gesetzen der Mathematik ergäbe.
Eines Morgens stand ein Mann vor dem Gebäude der VA mit einem Schild in den Händen, auf dem in großen Buchstaben geschrieben stand: Gott lebt! Darunter stand kleiner: Beweis: Die Zahl Pi ist endlich, nur Gott ist unendlich. Die Schüler wussten natürlich, dass die Zahl Pi, bekannt als die Ludolfsche Zahl zur Kreisberechnung, unendlich ist, und sie gingen lächelnd an dem seltsamen Demonstranten vorbei, ohne sonderlich Notiz von ihm zu nehmen.
Als der Mann, bekleidet mit einem weißen Gewand und Sandalen an den bloßen Füßen und mit seinem langen Bart einem Propheten gleichend, am folgenden Morgen wieder vor dem Gebäude stand, bat Ordeich ihn nach oben in den Klassenraum. Der Mann, dessen Alter schwer zu bestimmen war, betrat den Raum, grüßte freundlich nach allen Seiten, bedankte sich für die Aufnahme und setzte sich auf einen für ihn freigemachten Stuhl in die erste Reihe.
Und dann bewies Ordeich ihm und der Klasse mit wenigen mathematischen Gleichungen, dass Pi unendlich ist und es also in der Unendlichkeit der Welt keinen Platz für einen Gott gäbe. Der Mann stand auf, bedankte sich artig bei Ordeich und den Schülern und verließ den Klassenraum.
»Wehe uns Menschen, wehe uns!«, sagte er beim Hinausgehen.
»Solche Spinner wird es in einer kommunistischen Gesellschaft nicht mehr geben«, sagte Ordeich und begann mit dem Unterricht.
Auf dem Heimweg sprach Sophie Philipp auf den seltsamen Besucher an.
»Gibt es einen Gott?«
Philipp war erstaunt über ihre Frage.
»Ich weiß es nicht. Man sagt ja, an Gott kann man glauben oder nicht glauben. Einen Beweis gibt es nicht. Wieso fragst ausgerechnet du so etwas? Wo bleibt deine marxistische Wissenschaft?«
»Wenn es aber nun doch einen Gott gibt?«
»Ja, mit diesem Zweifel werden wir beide wohl leben müssen. Das macht mir auch keine Sorgen. Angst machen mir nur Leute, die alles erklären können.«
»Wie Ordeich?«
»Wie Ordeich!«
Der Chemieunterricht war beliebt. Die Experimente waren zwar aufwändig, aber sie fesselten die Schüler und brachten Dr. Kuhnert den Ruf des besten Dozenten in der VA ein.
Philipp profitierte durch seine Assistententätigkeit von dem Ruhm und galt in der Klasse bald als Experte im Fach Chemie. Das zwang ihn dazu, in der Singakademie und zusätzlich noch zu Hause besonders fleißig die Hausaufgaben zu erledigen, um seinen guten Ruf nicht zu gefährden.
Ruth bewunderte Philipp und jedes gelungene Experiment, an dessen erfolgreichen Ausgang er mitgewirkt hatte. Sie freute sich auf die Chemiestunden und auf die Zeit, in der Philipp neben ihr saß.
»Bleib doch in den anderen Stunden auch hier sitzen«, bat sie.
Aber Philipp wollte es Christian nicht antun, dass Inge mehr als nötig an dessen Seite verweilen musste. Er wusste, wie sehr dieser das Ende der Stunde herbeiwünschte, um die »Jungfrau« − wie er Inge nannte − wieder loszuwerden.
»Stell dir vor«, sagte Christian nach einer Chemiestunde, »die ›Jungfrau‹ hat mir eben unter dem Siegel größter Verschwiegenheit erzählt, der Ordeich würde sie erpressen, und sie müsse es in den Nachhilfestunden in seiner Wohnung mit ihm treiben.«
»Der Ordeich hat eine Frau und Kinder, das fiele doch auf.«
»Hab ich auch gesagt. Aber sie erzählte mir, die Frau habe absolutes Zutrittsverbot und den Auftrag, in der Zeit der Nachhilfe niemanden in das Zimmer zu lassen.«
Philipp grinste.
»Dem Ordeich wäre das zuzutrauen. Er vögelt eine Achtzehnjährige, und seine Frau muss während dieser Zeit die Tür zuhalten.«
»Ach was, ist doch Blödsinn! Die ›Jungfrau‹ ist hysterisch und will sich nur interessant machen.«
Damit war für Christian die Sache erledigt. Philipp bekam Zweifel. Er bat Ruth, möglichst diplomatisch bei Inge zu sondieren. Inge aber war sehr verschlossen und verriet sich mit keinem Wort. Nach einigen Versuchen gab Ruth es auf. Philipp und sie beschränkten sich darauf, Ordeich und Inge zu beobachten. Zuerst bemerkten sie nichts, dann aber registrierten sie, dass Inge nicht nur in Mathe, sondern auch in den anderen Fächern nachließ und schlechte Zensuren bekam. Die Dozenten taten verwundert und richteten aufmunternde Worte an sie, beließen es aber dabei.
Da ergriff Ruth die Initiative. Während Philipp, Christian und sie über ihren Schularbeiten saßen, machte sie den Vorschlag, der Sache mit Inge auf den Grund zu gehen. Sie sollten in einer Nachhilfestunde bei Ordeichs zu Hause aufkreuzen, sich von der Frau nicht abweisen lassen und in das Zimmer stürmen. Dann werde man ja sehen.
»Eine blöde Idee«, sagte Christian. »Was machst du, wenn sie Mathe machen und sonst nichts?«
»Dann lassen wir uns eine komplizierte Aufgabe erklären«, versuchte Ruth ihn zu überzeugen.
»Das glaubt der mir nie, außerdem weiß dann Inge, dass ich gequatscht habe.«
»Da hat er Recht«, warf Philipp ein, »uns beiden glaubt man auch eher, dass wir Schwierigkeiten in Mathe haben.«
»Also gehen nur wir zwei hin«, sagte Ruth.
Und so machten sie es. An einem schönen Sommernachmittag gingen sie los, suchten die Straße und das Haus. Auf der Hinweistafel im Hausflur fanden sie den Namen angezeigt. Sie stiegen die Treppen hoch und drehten die Klingel. Als Frau Ordeich öffnete, grüßten sie kurz, drängten sich an ihr vorbei in die Wohnung und fragten nach ihrem Mann. Und richtig, Frau Ordeich stellte sich vor eine Zimmertür und gab den Eindringlingen zu verstehen, dass der jetzt nicht gestört werden dürfe. Ruth schob die Frau zur Seite und stürmte ins Zimmer, Philipp hinterher. Da saßen Ordeich und Inge sich gegenüber und weit entfernt voneinander an einem Tisch. Er diktierte ihr gerade eine Aufgabe. Nun sprang er auf.
»Nein so was! Das ist ja mal eine nette Überraschung! Kommen Sie, setzen Sie sich! Marlene, mach uns einen Kräutertee!«
»Wir möchten − wir dachten − wir können nicht − eine schwere Aufgabe ...«, stammelten Philipp und Ruth.
»Schön, schön, aber das hat doch Zeit«, sagte Ordeich. »Wir sind dankbar für jede Unterbrechung, nicht wahr?«
Dabei schaute er Inge an, und es war nichts von Verlegenheit oder Verwirrung an ihm zu spüren. Inge aber war über und über rot geworden und starrte auf die Tischplatte. Sie ahnte wohl, was hier vorging. Man setzte sich, sprach über den schönen Sommer, über das zerstörte Berlin und dass es doch täglich aufwärts ginge mit der Versorgung der Menschen. Ordeich lobte die Regierung der DDR, die Einrichtung der VA und meinte, dass es eine große Chance für Arbeiter- und Bauernkinder sei, jetzt studieren zu können, und dass folgerichtig die VA ab dem 1. Oktober Arbeiter- und Bauernfakultät, kurz: ABF, heißen werde.
»So wird eine neue Intelligenz geschaffen, mit der man dann den Sozialismus aufbauen kann. Und was die Mathematik betrifft, das gibt es einfach nicht, dass einige dafür mehr, andere weniger begabt sind. Der Mensch ist ein Produkt seiner Verhältnisse, und wer lernt, der wird auch ein guter Mathematiker. Auch wenn man mal eine Phase hat, in der es nicht so klappt. Das kriegen wir schon wieder hin, nicht wahr, Fräulein Schüller?«
Dabei schaute er Inge an. Die nickte nur. Sie tranken den Tee. Ordeich erzählte, dass sie ihn selber sammelten und dass er und seine Frau schon immer für eine gesunde und einfache Lebensweise waren, auch schon, als es noch genügend zu kaufen gab. Er löste und erklärte die mitgebrachte Aufgabe, gab sich ganz ohne Misstrauen und verabschiedete seine Gäste endlich mit vielen guten Ratschlägen für das weitere Studium.
»Entweder ist er ein ganz abgebrühter, eiskalter Hund, oder die Inge hat geflunkert«, sagte Philipp auf dem Heimweg.
»Ich glaube fast, Christian hat Recht, die Kleine ist hysterisch und wollte sich vor ihm nur interessant machen«, meinte Ruth.
Am nächsten Tag kam Inge nicht zum Unterricht. Auch zu Beginn der Geographiestunde am übernächsten Tag war sie noch nicht erschienen. Dann klopfte es. Köhler brachte seinen Zeigestock in Schussposition und watschelte in Richtung Tür. Aber es waren keine Zuspätkommer, sondern zwei unbekannte Männer, die darum baten stören zu dürfen. Mit ihnen kam Reitmann in die Klasse. Er stellte die Männer als Kriminalbeamte vor.
»Wo ist der Platz von Inge Schüller?«
Ruth deutete auf den Stuhl neben sich.
»Hier!«
»Ist Ihnen oder sonst jemandem in letzter Zeit irgendetwas am Verhalten von Fräulein Schüller aufgefallen?« fragte der ältere Beamte.
»Nein, nichts«, sagte Ruth, und auch die anderen in der Klasse schüttelten die Köpfe.
»Ihre Leistungen, die haben nachgelassen, jawohl, nachgelassen«, meldete sich Köhler auf seinem Stock gestützt. »Aber das wird schon wieder, wird schon wieder, und in Geographie, da ist sie noch ganz gut, ganz gut ist sie da noch.«
»Fräulein Schüller ist gestern an einer Überdosis Tabletten gestorben«, sagte der Beamte.
Nach dem Unterricht ging Christian in den Musikraum und spielte den ersten Satz der Pathétique-Sonate. Philipp und Ruth folgten ihm. Als er fertig war, bat Ruth sie beide, mit rauszufahren und spazieren zu gehen. In der S-Bahn schwiegen sie, und auch auf dem Strandweg am Müggelsee redeten sie nicht über Inge.
»Lasst uns schwimmen«, sagte Christian plötzlich.
»Ohne Badeanzug?«, fragte Ruth.
»Na klar, hier ist doch kein Mensch.«
»Gut, gehen wir schwimmen«, sagte Philipp.
Sie fanden eine geschützte Stelle, entkleideten sich und stiegen ins Wasser. Am Anfang schwammen sie ruhig hintereinander in Richtung Seemitte, zuerst Christian, dann Philipp und als letzte weitab Ruth. Plötzlich tauchte Christian weg, kam wieder hoch, schnaubte, grunzte und bespritzte Philipp mit Wasser. Der rächte sich und drückte Christian unter.
»Hilfe, Ruth, rette mich, ich bin ein kostbares Mathe-Genie!«
»Nein, rette mich, ich bin ein künftiger Nobelpreisträger!«, konterte Philipp.
»Wenn wir noch weiter rausschwimmen, dann müsst ihr gleich mich retten«, meldete sich Ruth.
Christian war sofort dafür.
»Oh ja! Ruth retten, komm, wir retten Ruth!«
Sie schwammen zu ihr zurück.
»Leg dich auf den Rücken«, bat Christian und fasste sie am Arm unter. Philipp fasste ihren anderen Arm. So drehten sie mit ihr eine große Runde.
»Herrlich!«, rief Ruth und genoss es, bewegungslos auf dem Wasser zu liegen und doch zu schwimmen.
Zuletzt schwammen die »Retter« mit ihr auf das Ufer zu, zogen sie noch einige Meter über den Strand und legten sie ab.
»Wiederbelebung!«, rief Christian, kniete neben sie, holte tief Luft und gab ihr einen langen Kuss. Ruth schaute Philipp an, der kniete ebenfalls nieder und gab ihr einen ebenso langen Kuss. Als Christian sich ihr wieder nähern wollte, wehrte sie ab.
»Mir wird kalt.«
Christian holte sein Unterhemd und begann sie damit abzutrocknen. Philipp holte ebenfalls sein Unterhemd und machte es Christian nach. So trockneten sie Ruths Haar und ihren Körper bis zu ihren Füßen. Während die Männer sich anschließend selber abtrockneten, schauten sie sich an. Da wussten sie, dass es geschehen würde. Vom See her wehte ein leichter Wind. Aus den Bäumen am Rande des Uferweges hörte man leise das Rauschen der Blätter, sonst war es still. Drei Menschen aber liebten sich.
»Wo warst du gestern Abend?«, fragte Sophie am nächsten Morgen auf dem Weg zum Unterricht. »Ich war so traurig, wollte mit dir reden. War noch bei deiner Wirtin, die wusste auch nichts. Ich wollte auf dich warten, aber sie hat mich nicht reingelassen.«
»Der werd ich mal die Meinung sagen. Da muss ich doch wohl bald ausziehen.«
»Warst du denn nicht traurig gestern?«
»Ja«, sagte Philipp, »sehr traurig; ich war spazieren.«
»Schade, ich wäre gerne mitgegangen.«
Der Sommer erreichte seinen Höhepunkt, das Semester ging zu Ende. Philipp wollte versuchen einen Interzonenpass zu bekommen. Beinahe ein Jahr hatte er seine Eltern und die Heimat nicht mehr gesehen. Zu seinem Antrag an die Sowjetische Militär-Administration musste er drei Exemplare seines Lebenslaufes schreiben und drei Passbilder beilegen. Weil er sich die Sowjets geneigt für die Genehmigung machen wollte, hatte er seinen Lebenslauf mit den Worten begonnen: Geboren wurde ich als Sohn des Bergarbeiters Paul Siebert ...
Am letzten Unterrichtstag brachte Seiter die Zeugnisse mit.
»Es gehen fast alle weiter, bis auf zwei«, sagte er. »Herr Klein hat es geschafft. Sie haben in allen Fächern gute Zensuren, aber in Gesellschaftlicher Arbeit hat es nicht gereicht. Klassensprecher zu sein, das genügt allein wohl nicht.« Er ging auf Wilfried zu und gab ihm die Hand. »Meinen Glückwunsch. Als neuer Klassensprecher ist von der Schulleitung Genosse − oh Verzeihung, Herr Peitz bestimmt worden. Ja, und nun zu dem zweiten. Da muss ich mir wohl selber gratulieren. Bei mir hat es auch nicht gereicht. Heute ist mein letzter Tag bei Ihnen.« Er verteilte die anderen Zeugnisse und redete weiter. »Wissen Sie, ich war sehr gerne bei Ihnen. Die Idee, das Bildungsprivileg des Bürgertums aufzuheben, Arbeiter- und Bauernkinder zu fördern, ist schon eine dolle Sache, wenn es auch nicht ganz neu ist. Ich selber habe in der Studienzeit mein Kratzen gehabt. Mein Vater war weiß Gott kein Krösus. Ich musste als Werkstudent hart arbeiten. Da haben Sie es heute doch besser; Ihr Stipendium ist Ihnen sicher. Aber vielleicht kommt Sie am Ende Ihr Studium teurer zu stehen als mich meines damals.«
Nachdem die letzten Zeugnisse verteilt waren, ging er zum Katheder zurück und redete von dort weiter. »Wissen ist Macht, heißt es ja heute, aber ist Wissen schon alles? Was stellen die Wissenden mit der Macht an? Und wer schützt uns vor den Mächtigen?«
Als Seiter sah, dass alle in der Klasse mit ihren Zeugnissen beschäftigt waren und nicht zuhörten, schwieg er. Angela, die Intellektuelle in der Klasse, die eine große Hornbrille trug und neuerdings neben Ruth auf Inges Platz saß, unterbrach nach einer Weile die Stille.
»Was werden Sie jetzt machen?«
»Wenn es klappt, unterrichte ich weiter an einem traditionellen Gymnasium in Westberlin. Wie heißt es doch gleich: Das Bildungsprivileg des Bürgertums stabilisieren helfen. Jedenfalls werde ich wieder richtig Geld verdienen. Als Westberliner muss man hier im Osten ja eine gehörige Portion Idealismus mitbringen. Ein Viertel Gehalt in Westmark und drei Viertel in Ostmark, und das bei einem Wechselkurs von eins zu sechs, da bleibt gerade so viel, um dem westlichen Lotterleben zu verfallen.«
Philipp bekam seinen Interzonenpass. Er musste ihn bei den Sowjets in Karlshorst abholen. Im Büro dort sagte man ihm, dass ein Offizier ihn noch sprechen wolle, und brachte ihn in ein Nebenzimmer. Der Offizier kam, forderte Philipp zum Sitzen auf und stellte ihm in gutem Deutsch Fragen über Westdeutschland, besonders über seine Heimatstadt Duisburg. Philipp berichtete, was er wusste und was nicht sehr weit über sein Heimatkundewissen hinausging, das er im Unterricht in der Volksschule mitbekommen hatte.
»Können Sie mir einen Stadtplan von Duisburg mitbringen?« fragte der Offizier.
Philipp sah seinen Interzonenpass auf dem Schreibtisch liegen und hätte noch mehr dafür zugesagt. Aber der Offizier war zufrieden, gab ihm den Pass und wünschte eine gute Reise.
Komisch, dachte Philipp auf dem Heimweg, die werden für ihren berühmten Geheimdienst doch wohl nicht auf mein Wissen über Duisburg und auf eine von mir gekaufte Karte angewiesen sein. Er machte sich aber keine weiteren Gedanken darüber, sondern freute sich auf die Ferien, auf die Reise in seine Heimat und auf die Menschen dort.
9
Im Lokal »Zur Sonne«, gleich neben der Zeche gelegen, war an den Wochenenden Tanz. Wenn Paul nicht zur Schicht musste, konnte er mit seinen Kumpeln zum Tanzen gehen. Im Unterschied zu den meisten war er kein großer Fußballfreund, so dass ihm mit seinen bald zwanzig Jahren das Tanzen als eine der wenigen Vergnügungen blieb.
Manchmal, wenn er von der Frühschicht in die Nachtschicht wechselte und das freie Wochenende bevorstand, holte er sich ein Buch aus der Leihbücherei. Er las gerne Geschichten von den Menschen in früheren Zeiten. Als ihm einmal der Kassierer vom Knappenverein verbilligte Karten für das Duisburger Stadttheater anbot, fragte Paul, was denn in so einem Theater gespielt würde.
»Parsifal, eine Oper von Richard Wagner«, sagte der Kassierer und erklärte Paul, dass die Oper von Rittern handelte, die auf einem Berg einen kostbaren Stein bewachten, der ihnen von Engeln gebracht worden sei. Ein Zauberer wollte den Stein stehlen.
»Hast du schon Karten verkauft?«, fragte Paul.
»Nein, noch nicht.«
»Dann komm wieder, wenn du die erste Karte verkauft hast.«
Der Kassierer kam aber nicht wieder. Bald danach hörte Paul, dass die Stadtverordneten von Hamborn für ein eigenes Theater in ihrer Stadt gestimmt hatten.
Der Kaiser war nach Holland geflohen; sie lebten jetzt in einer Republik. Aber vier Jahre nach dem Ende des Krieges war für die Bergarbeiter immer noch keine Verbesserung des Lebens in Sicht. Es gab zwar für die unter Tage Beschäftigten zusätzliche Brot- und Margarinerationen, dafür mussten sie aber sechs Stunden in der Woche länger Kohle hauen, damit die Reparationslieferungen an Frankreich erfüllt werden konnten. Den Mehrverdienst, so fand Paul, konnte man sich in den Kamin schreiben, so schnell stiegen die Preise. Außerdem musste er das meiste von seinem Lohn sowieso zu Hause abliefern.
Ferdinand arbeitete nicht mehr auf der Zeche. Guste war einen Monat vor dem Ende des Krieges an Magenkrebs gestorben. Gleich nach ihrem Begräbnis hatte Ferdinand auf der Zeche gekündigt, und seitdem lebten sie von dem, was Paul und Johanna heimbrachten.
Johanna ging seit ihrem vierzehnten Lebensjahr putzen. Sie hätte gerne eine Stelle als Hausmädchen in einem Haushalt in der Stadt angenommen, aber Ferdinand erlaubte es nicht. Sie musste ja auch noch zu Hause arbeiten.
Emma war gerade aus der Volksschule entlassen worden und hatte eine Lehrstelle als Verkäuferin in einer Schlachterei bekommen. Aber damit konnte sie noch nicht viel zum gemeinsamen Haushalt beisteuern, von einigen Knochen mal abgesehen, die sie hin und wieder von dem Meister, der sie gut leiden mochte, geschenkt bekam, und von denen sie zu Hause eine Suppe kochen konnten. Sonst aber kostete Emma nur.
Ferdinand hatte inzwischen neben der Scheune aus billig erworbenen Brettern einen Schuppen gebaut. Auf der Wiese richtete er einen Auslauf ein. Den Draht dazu konnte er günstig gegen das Schaf eintauschen. Schuppen und Auslauf nannte er seine Hühnerfarm. Einige Hühner bekam er nach und nach für seine Hilfe bei einem Bauern, weitere züchtete er selber.
Wenn Paul und seine Kumpel zum Tanzen gingen oder nach der Schicht auf ein Bier, um den Kohlenstaub herunterzuspülen, sagten sie nicht, sie gingen »Zur Sonne«, sondern zu Hermann. Hermann Hülsken war der Wirt. Rundlich, von geringer Körpergröße, mit kurzen Armen und Wurstfingern war er lebhaft, lustig und bei den Kumpeln beliebt. An den Tanzabenden spielte Hermann den jungen Leuten mit dem Akkordeon auf, während seine Frau hinter dem Tresen stand und das Bier zapfte. Sie war ein ganzes Stück größer als Hermann. Hager, mit einem Habichtsgesicht und mit Basedow-Augen wachte sie über ihren Mann und darüber, dass in der Kneipe alles mit rechten Dingen und gesittet zuging und der Umsatz stimmte.
An den Sonntagabenden, wenn die jungen Arbeiter sich mit ihren Mädchen auf der Tanzfläche drehten, standen die älteren Kumpel in Hut und Mantel am Tresen, schauten dem Treiben zu und schüttelten die Köpfe über das »verrückte Gehopse«. Sie hatten am Morgen nach dem Kirchgang ihre Frauen zum Kochen heimgeschickt, wollten kurz beim Hermann vorbeischauen und dann nachkommen. Für ein Bier lohnte es aber nicht, Hut und Mantel abzulegen und sich hinzusetzen. So standen sie Stunde um Stunde am Tresen, tranken Bier, aßen zwischendurch mal eine Gurke oder eine Frikadelle von dem Angebot auf dem Tresen und lösten nebenbei die Probleme im Sportverein, auf der Zeche und in der Weltpolitik. Wenn Hermann gegen Mitternacht sein Akkordeon wegstellte und das Lokal abschließen wollte, gingen mit den letzten Tanzpaaren auch die Tresensteher heim.
Die meisten der Mädchen, mit denen die jungen Bergarbeiter sich zum Tanzen verabredeten, kannten sie schon aus ihren Kindertagen. Sie kamen wie sie selber aus der Alten Kolonie, oder sie waren aus der Neuen Kolonie. Paul war einer der wenigen, der nicht in einem Koloniehaus wohnte. Wenn die jungen Männer nach dem Tanzabend ihre Mädchen heimbrachten, so war es für viele kein großer Umweg und auch nicht weit. Um aber den Heimweg auszudehnen, gingen die Paare zuerst den entgegengesetzten Weg, vorbei an den Steigerhäusern und durch den Park, wo auch die Luft viel milder war und man die Sterne besser sehen konnte.
Manche der Mädchen erinnerten sich der Vorlieben früherer Verehrer, kannten die verschiedenen Bänke im Park, die stillen Orte dort und die Möglichkeiten sich zurückzuziehen. Einige Mädchen waren schon vor dem Kriege mit ihren Tanzpartnern hier, waren älter als ihre Begleiter und kannten sich bestens aus. Aber ihre Vorkriegspartner waren aus dem Krieg nicht heimgekehrt, und so taten sie gut daran, sich unwissend zu stellen und sich von den Jünglingen der Nachkriegszeit den mitternächtlichen Park und seine Geheimnisse erneut zeigen zu lassen.
Dann besetzten französische und belgische Soldaten das Ruhrgebiet. Paul las in der Zeitung, dass Deutschland mit seinen Reparationslieferungen, besonders mit der Lieferung von Kohle, im Rückstand war. Er wusste, dass die Franzosen und die Belgier schon seit einiger Zeit den Duisburger Hafen und Ruhrort besetzt hielten. Aber das war ihm gleichgültig. Was ging ihn der Hafen an! Jetzt aber betraf es ihn ganz unmittelbar.
Die Besatzer teilten in einem Erlass mit, die deutsche Bevölkerung dürfe die Bürgersteige nicht benutzen, sondern müsse auf der Straßenmitte gehen; es sei verboten, die Hände in den Hosentaschen zu haben, die leeren Handflächen müssten immer sichtbar vorgezeigt werden. Und sie verhängten eine Ausgangssperre für die Zeit der Dunkelheit von frühabends bis morgens.
Das war eine Katastrophe! Was sollte aus den Tanzabenden werden? Die Bergarbeiter im Schichtdienst bekamen zwar einen Nachtausweis, um den Weg zur Zeche und nach Hause gehen zu dürfen. Damit konnte man auch schon mal einen Gang abseits vom vorgeschriebenen Wege wagen. Wo aber sollten sie die Mädchen verstecken, wenn die Besatzungssoldaten kontrollierten?
An einem Sonntagnachmittag stand Paul mit einigen Tanzfreunden bei Hermann am Tresen. Sie berieten, was zu tun sei und wie sie heimlich die Mädchen in das Lokal und wieder heim schaffen könnten. Da machte ein älterer Kumpel, der in Hut und Mantel und mit Bier schon gut abgefüllt daneben stand, einen Vorschlag.
»Tanzt doch nachmittags.«
Alle schauten ihn überrascht an. Wie doch der Alkohol den Geist beflügelte! Das war die Lösung. Ab sofort gab es bei Hermann an den Sonntagen Tanznachmittage, die bis zum Beginn der Sperrstunde dauerten. Lisa Krüger durfte trotz ihrer gut achtzehn Jahre bisher nicht zum Tanzen. Ihre Mutter erlaubte es nicht, und auch ihr Bruder Hännes, der älter war als Lisa, äußerte Bedenken. Er wusste aus eigenem Erleben, was sich nach einem solchen Tanzabend in der Nacht auf den Parkbänken und hinter den Büschen tat.
Josepha und Jacob Krüger wohnten schon von Anfang an in der Neuen Kolonie. Die Eheleute waren, aus dem Magdeburgischen kommend, dort eingezogen, als Jacob auf der Zeche als Bergmann anfing. Die Krügers hatten sechs Kinder, und weil sie eine gute katholische Familie waren, trugen alle Kinder biblische Namen.
Lisa hieß eigentlich Elisabeth, aber niemand, außer manchmal ihre Mutter, nannte sie so. Sie war ein eher stilles Kind und wurde als Nesthäkchen der Familie von den Geschwistern leicht an den Rand gedrückt. Schlank, blond, mit einem offenen Gesicht und mit blauen Augen war sie von allen wohlgelitten, ließ sich aber auch leicht ausnutzen. Ihre Brüder hießen Joseph und Johannes, wurden aber Jupp und Hännes gerufen. Ihre Schwestern Maria, Margarete und Katharina hörten auf Mariechen, Grete und Kat. Lisa lebte als Einzige noch bei ihren Eltern. Sie war nach der Lehre als Schuhverkäuferin bei einem Juden eingestellt worden, kam aber abends heim.
Als bekannt wurde, dass das Tanzen nun nachmittags stattfand, erlaubte die Mutter Lisa die Teilnahme unter der Bedingung, dass sie mit ihrer Freundin hinging, beide dort zusammenblieben und dass Lisa auch mit der Freundin wieder heimkam. Sie versprach es. Anfangs saßen die beiden auch wirklich gemeinsam an einem Tisch vor ihren Limonaden. Als Paul aber Lisa das erste Mal zum Tanzen holte, war die Freundin schon nicht mehr zu sehen.
Paul erklärte Lisa die ersten Tanzschritte und lobte sie als sehr gelehrig. Nach einigen Tänzen waren sie erhitzt, gingen vor die Tür und hinter das Haus. Kurz vor der Sperrstunde fand sich die Freundin wieder ein, und die beiden Mädchen gingen brav zusammen heim.
Nach drei Monaten war Lisa schwanger. Sie sagte Paul nichts davon, beichtete es aber ihrer Mutter. Josepha verprügelte erst ihre Tochter, bestellte dann Paul zu sich, holte ihren Mann dazu, und gemeinsam besprachen sie die Hochzeit. Paul musste schwören, dass es eine katholische Trauung werde und dass alle Kinder katholisch erzogen würden.
Kurz vor dem Hochzeitstermin informierte Paul seinen Vater. Ferdinand tobte, als er hörte, Paul werde zu den Schwiegereltern ziehen. Was würde die Zeche dazu sagen, wenn niemand aus der Scheune mehr dort arbeitete? Er sah sich schon auf die Straße gesetzt. Es war trotz der schweren Zeit eine schöne Hochzeit. Paul bekam von einem Kumpel einen dunklen Anzug geliehen. Josepha änderte für Lisa ein weißes Brautkleid, in dem auch schon die Schwestern vor den Altar getreten waren.
Vier Monate nach der Trauung bekam Lisa ihr erstes Kind, es war ein Mädchen, und sie nannten es Guste, nach Pauls verstorbener Mutter. Kurz nach der Geburt seiner Tochter zog Paul in die Neue Kolonie. Josepha bestimmte, dass Jacob, den sie schon lange aus ihrem Schlafzimmer verbannt hatte, sein Bett in die Dachkammer stellte. Das junge Paar bekam ein Zimmer in der Krügerschen Wohnung, gekocht wurde gemeinsam. Paul gehörte jetzt zur Familie Krüger.
Jacob und Josepha hatten sich auf einem Gut im Magdeburgischen kennen gelernt. Genau genommen hatte Jacob, wie er manchmal scherzhaft zu sagen pflegte, seine Frau auf der Straße aufgelesen.
Er war herrschaftlicher Kutscher beim Herrn Baron. Josepha kam aus Schlesien und war aus einer kinderreichen Familie. Als sie feststellte, dass in ihrer Familie kein Platz mehr für sie war und sie in ihrer Heimat keine Bleibe und keine Arbeit finden konnte, nahm sie ein Tuch, schnürte ihre Kleider darin zusammen und wanderte bis in die Magdeburger Börde. Jacob, der gerade den Herrn Baron zu einer Landwirtschaftsmesse kutschiert hatte und auf dem Rückweg war, erlaubte ihr, ein Stück mitzufahren. Sie kamen ins Gespräch und stellten fest, dass sie beide katholisch waren. Jacob nahm Josepha mit, und durch seine Vermittlung bekam sie Arbeit auf dem Gut, wurde bei der Feldarbeit eingesetzt und durfte im Winter der Köchin in der Küche helfen.
Mit ihrer großen, schlanken Gestalt, ihrem langen, blonden Haar, das sich glatt um ihr Gesicht legte und das sie hinten zu einem Knoten zusammengebunden trug, war sie nicht zu übersehen. Wenn sie in ihren weiten, bis zu den Fußspitzen reichenden Röcken mit weit ausholenden Schritten daherkam, beeindruckte sie die jungen Männer, so auch Jacob. Auch Josepha fand Gefallen an Jacob und war ihm vor allem dankbar. Mittelgroß, schlank und mit kurzem, aber vollem, schwarzem Haar und einem ebenso schwarzen Schnurrbart, einer großen, geraden Nase und lustigen Augen machte er den Eindruck eines Menschen, dem man vertrauen konnte. Er bot Josepha an, ihn zu heiraten und zu ihm in die Kutscherkate zu ziehen. Josepha sagte ja.
Als sich Jahr für Jahr bei ihnen ein Kind einstellte, sahen sie, dass die Familie auf dem Gutshof keine Zukunft haben werde. Jacob bemühte sich und fand durch einen Freund eine Stelle als Bierkutscher bei der Schultheiss-Brauerei in Berlin. Der Herr Baron erlaubte, dass Josepha mit den Kindern noch so lange in der Kutscherkate wohnen bleiben konnte, bis ihr Mann eine Wohnung in Berlin gefunden hatte. Jacob machte die neue Arbeit Spaß. Wenn er mit dem Gespann durch Berlin fuhr, vor sich vier schwere Pferde in ihrem schmucken Geschirr, an dem die Messingbeschläge glänzten, hinter sich den Wagen mit den kunstvoll gestapelten, blankgeputzten Bierfässern aus gutem Buchenholz, dann genoss er es, dass die Berliner stehen blieben und staunten.
Aber Jacob hatte Pech mit seiner Kutscherstelle, und daran war kein geringerer schuld als Seine Majestät der Kaiser höchstpersönlich. Es war ein schöner Frühlingstag, Jacob war mit dem Gespann unterwegs. Die frischgeputzten Messingbeschläge am Geschirr der Pferde blinkten an diesem Tage ganz besonders, und die Berliner winkten freundlicher als sonst.
An einer Kreuzung geboten ihm plötzlich zwei Gendarme zu halten. Die Weiterfahrt war gesperrt, weil die Equipage des Kaisers durchfahren sollte. Jacob war ein friedfertiger Mann und hielt das Gespann brav an. Die Pferde standen auch eine ganze Weile still und warteten zusammen mit ihrem Kutscher auf die Vorbeifahrt ihrer Hochgnädigsten Majestät. Aber Tiere sind keine braven Untertanen im üblichen Sinne, und Brauereipferde im Gespann gehorchen erst recht eigenen Gesetzen.
Genau in dem Moment, als, begleitet von mehreren Reitern hoch zu Ross, die kaiserliche Equipage mit der Allergnädigsten Fracht die Kreuzung passieren wollte, gingen die Brauereipferde los und waren durch nichts zu halten. Das prunkvolle Kaisergefährt, sollte es nicht mit den Bierfässern zusammenstoßen, musste angehalten werden. Jacob blieb nichts weiter übrig, als sein Gespann so schnell wie nur möglich über die Kreuzung zu bringen. Hochoben auf seinem Bock sitzend, knallte er mit der Peitsche, grüßte die erschrockene Majestät und das Reitervolk und war auch schon vorbei. Im Augenwinkel sah er noch, wie der Kaiser von seiner mit Samt und Seide bespannten Bank glitt und sich auf den Boden der Equipage warf. Komisch, dachte Jacob, der Hohe Herr muss wohl sehr ängstlich sein und den Peitschenknall falsch gedeutet haben.
Als Jacob zur Brauerei zurückkam und abschirren wollte, empfingen ihn der Stallmeister und die ganze Direktion. Ein kaiserlicher Reiter hatte schon die Nachricht von dem Vorfall überbracht und vom allerhöchsten, allergnädigsten Zorn berichtet. Jacob wurde sofort entlassen, er durfte nicht einmal mehr die Pferde abschirren. Jetzt musste er ganz schnell eine neue Arbeit und sehr bald auch eine neue Unterkunft für seine Familie finden. Josepha hatte ihm geschrieben, dass der Herr Baron sie bedränge, und nachdem sie sich ihm verweigerte, verlange er, dass sie bald die Kate freimachen müssten für den neuen Kutscher.
In der Brauerei arbeitete ein Masure, der Jacob einen Aufruf einer Zeche aus dem Ruhrgebiet zeigte. Der Masure war Junggeselle und wollte ursprünglich ins Ruhrgebiet wandern, nun aber lieber doch in Berlin bleiben.
»Masuren!«, las Jacob laut. »In rheinländischer Gegend, umgeben von Feldern, Wiesen und Wäldern, den Vorbedingungen für gute Luft, liegt abseits vom großen Getriebe des Industriebezirks eine ganz neu erbaute Kolonie aus modernen Häusern. Jedes Haus besteht aus zwei getrennten Wohnungen. Die Zimmer sind schön groß und luftig. Die Decken sind drei Meter hoch. Zu jeder Wohnung gehört ein trockener Keller, so dass sich die eingelagerten Früchte, Kartoffeln usw. dort sehr gut halten werden. Ferner gehört dazu ein geräumiger Stall, wo sich jeder sein Schwein, seine Ziege oder seine Hühner halten kann. Zu jeder Wohnung gehört auch ein Garten von über zwanzig Quadratmetern. So kann sich jeder seinen Kohl und seine Kartoffeln selber ziehen. Es gibt Wasserleitungen und Kanalisation. Abends werden die Straßen elektrisch beleuchtet.«
Jacob fuhr zum Gut, zeigte Josepha den Aufruf, sie schrieben an die Zechenverwaltung, und bald schon befanden sie sich auf dem Wege in ihre neue Heimat. Josepha lebte sich im Ruhrgebiet schnell ein. Sie fühlte sich wohl in der Kolonie und freute sich besonders über die neue Wohnung. Das erste Mal in ihrer Ehe besaß sie eine richtige große Wohnküche, ein Schlafzimmer nur für sich und Jacob sowie zwei Zimmer für die Kinder, in denen Jungen und Mädchen getrennt schliefen. Und sie besaßen einen Stall, in dem sie ein Schwein halten konnten. Jacob wurde gleich unter Tage beschäftigt. Er arbeitete zuerst als Schlepper und verdiente nur einen Teil von dem, was ein richtiger Bergarbeiter bekam. Nach einer kurzen Anleitung durch einen erfahrenen Kumpel aber durfte er als Hauer »vor Ort« arbeiten. Die Arbeit fiel ihm schwer; besonders die Wärme, der Staub und die schlechte Luft machten ihm zu schaffen.
»Wenn du einen Furz lässt, sorgt das Wetter dafür, dass alle hier was davon haben«, sagte ihm der Kumpel.
Dazu kam die Gefahr, jederzeit von herabstürzendem Gestein erschlagen zu werden. Wenn Jacob durch sorgfältigen Ausbau mit Stempelholz die Gefahr verringern wollte, konnte er beinahe nichts verdienen. Der mit dem Steiger ausgehandelte Lohn erlaubte kaum Sicherheitsarbeiten. Als die anderen Kumpel das erfuhren, schimpften sie mit ihm.
»Lass dich von dem Laufhund bloß nicht übers Ohr hauen!«
»Laufhund?«, fragte Jacob.
»Der Steiger«, und sie erzählten ihm, dass sie erst kürzlich für einen besseren Lohn in den Streik getreten waren und dass seitdem endlich auch das »Nullen« abgeschafft worden sei.
»Was ist das, das ›Nullen‹?«
»Wenn einige Steine im Wagen waren, bekamst du den ganzen Wagen nicht angerechnet; du hast für die Katz gearbeitet und für die Grubenbarone«, erklärten ihm die Kumpel.
Mit der Zeit gewöhnte Jacob sich an die Verhältnisse, wusste sich zu verkaufen, verdiente gutes Geld und sah, dass es mit der Familie vorwärts ging.
Josephas Ehrgeiz war es, allen Kindern eine Ausbildung zu ermöglichen. Sie dachte praktisch und wollte später einmal Nutzen von ihren Kindern haben. Die Ansiedlung von immer mehr Handwerksbetrieben und Geschäften, seit Hamborn die Stadtrechte bekommen hatte, kam ihrem Wunsch entgegen.
Jupp, der Älteste, wurde Tapezierer und Maler; Grete, die Zweite, kam zu einer Schneiderin in die Lehre. Kat, Mariechen und Hännes gingen noch zur Schule, die kleine Lisa lernte gerade das Laufen. Jupp war der Erste, der nach der Lehre zusätzlich zu Jacobs Lohn Geld heimbrachte. Bald verdiente auch Grete.
Die Zeit verging, die Kinder wuchsen heran. Kat bekam eine Lehrstelle als Köchin, Mariechen ging bei einem Kaufhausbesitzer in Stellung, Hännes half nach dem Schulunterricht beim Zeitungaustragen, Lisa kam in die Schule. Es ging ihnen gut.
Da begann der Krieg. Josepha freute sich nicht darüber, sie beteiligte sich auch nicht an den Straßenfesten in der Neuen Kolonie und verbot es ebenfalls ihren Kindern. Sie wurde die Ahnung nicht los, dass sie dafür, dass es ihnen bisher so gut gegangen war, noch ein großes Opfer werde bringen müssen. Wie alle anderen hoffte sie aber auch, dass in höchstens sechs Wochen der Krieg vorbei sein würde.
Aber der Krieg dauerte. In der ersten Zeit ging es ihnen noch weiterhin gut. Sie schlachteten ihr Schwein, pökelten es ein und lebten eine ganze Weile von dem Fleisch. Als der Krieg ein Jahr alt wurde, meldete sich auch bei den Krügers die Not. Die Kinder aßen das mit Kartoffeln gestreckte Kriegsbrot und klagten über die dünnen Scheiben. Josepha teilte das auf den Marken erhältliche Fleisch ein, so dass Jacob den größten Anteil bekam, die Jungen weniger große und die Mädchen die kleinsten Stücke erhielten. Sie selber erklärte sich ab sofort zu einer Vegetarierin.
Im zweiten Kriegsjahr wurde Jupp eingezogen. Schon nach einem Monat bekamen sie einen Brief von seinem Kompanieführer, dass Joseph Krüger für Kaiser und Vaterland auf dem Felde der Ehre gefallen sei. Josepha konnte nicht weinen. Sie zog schwarze Kleidung an und trug seither ihr ganzes langes Leben lang schwarz. Jacob sagte nicht viel. Er zog sich nach der Arbeit immer öfter in die Dachkammer zurück, die er sich als Schusterstube eingerichtet hatte, und schusterte für die Familie und die Nachbarn.
Der Krieg ging schließlich zu Ende, die Not aber blieb. Josepha und die Mädchen mussten viel Zeit und Geduld aufbringen beim Schlangestehen, um das, was ihnen laut Lebensmittelkarten zustand, auch wirklich zu bekommen. Die jungen Bergarbeiter, wenn sie nicht gefallen waren, kehrten in die Neue Kolonie zurück und nahmen ihre Arbeit wieder auf. Josepha dachte an Jupp und bekam schmale Lippen. Die Mädchen traten nach und nach in den Ehestand. Alle heirateten standesgemäß Bergarbeiter. Hännes beendete seine Lehre als Bäcker und Konditor und wohnte ganz beim Bäckermeister. Bald wohnte nur noch Lisa zu Hause. Josepha dachte schon daran, zwei Kostgänger zu nehmen, da passierte das mit Lisa.
Kurz nach der Geburt der kleinen Guste war Lisa wieder schwanger geworden. Erneut war es ein Mädchen, das sie Hilde nannten. Josepha gab dem jungen Paar ein zweites Zimmer und behielt nur noch ihre Schlafkammer. Jacob wohnte ganz in der Dachkammer. Gekocht wurde weiterhin zusammen, und gemeinsam lebten sie auch in der Wohnküche. Nur wenn Paul sehr betrunken heimkam, schloss Josepha die Wohnküche von innen ab und ließ ihn nicht hinein. Lisa war bald zum dritten Mal schwanger, und Josepha war besorgt.
»Willst du so weitermachen? Dann müssen wir eine größere Wohnung nehmen, mit einer zweiten Dachkammer.«
Hilde aber wurde nur ein halbes Jahr alt und starb noch vor der Geburt des dritten Kindes.
An einem bitterkalten Wintertag, der Rhein war zugefroren, bekam Lisa ihr drittes Kind. Es wurde wieder – wie schon die ersten beiden Kinder – zu Hause geboren. Die Geburt war schwer; da das Kind querlag. Die Hebamme schaffte es nicht, es zu drehen.
»Es will einfach nicht«, meinte sie.
Jacob musste einen Strick aus dem Stall holen, und zu zweit zogen sie einen Jungen auf die Welt. Josepha wickelte »das kleine Würmchen«, wie sie es nannte, in ein Tuch, legte es in einen Schuhkarton, schob den Karton in den Backofen, stellte die offene Ofenklappe mit einem Holzscheit fest und legte genügend Kohlen nach, damit der Herd über Nacht nicht aus ging.
Lisa ging es schlecht; sie bekam hohes Fieber. Die Hebamme ließ einen Arzt holen. Er gab der Familie wenig Hoffnung.
»Wenn sie die Nacht übersteht, gibt es eine Chance. Geben Sie ihr nichts zu trinken. Ich schaue morgen wieder vorbei.«
Paul war nach der Schicht nicht nach Hause gekommen. Er feierte mit seinem Kumpel Philipp dessen Geburtstag bei Hermann. Als er in der Nacht heimkam, teilte Josepha ihm mit, dass er einen Sohn habe und zeigte auf den Schuhkarton im offenen Backofen. Paul verstand sie nicht und schlief am Tisch ein.
Später in der Nacht bat Lisa um etwas zu trinken. Josepha stand aus ihrem Bett auf, ging in die Küche und sah, dass die Ofenklappe zugefallen war. Sie öffnete die Klappe wieder, stellte sie mit einem größeren Holzscheit erneut fest und verhinderte so, dass Lisas Kind erstickte. Dann gab sie ihrer Tochter von dem Weihwasser, das sie in einer alten Weinflasche am letzten Palmsonntag aus der Kirche mitgebracht hatte. Lisa trank einen Schluck und musste sich übergeben.
»Das ist ja faul!«, sagte sie.
Josepha nahm das Wasser und besprenkelte Lisa damit, besonders deren Leib. Am nächsten Tag erzählte sie dem Arzt davon und dass sie damit ihre Tochter über die Nacht gerettet habe.
Der Arzt bereitete eine Permanganatlösung, spülte damit den Unterleib seiner Patientin und stoppte so die Infektion. Die Flasche nahm er mit und schüttete das geweihte Wasser draußen auf den Misthaufen.
Paul bekam den Tag nach der Geburt frei, nahm das Familienbuch, ging zum Standesamt und meldete seinen Sohn an. Als der Standesbeamte ihn fragte, wie denn der neue Erdenbürger heißen solle, dachte Paul an die Geburtstagsfeier vom Vortag mit seinem Kumpel Philipp und wie spendabel der war.
»Philipp soll er heißen, jawoll, Philipp.«
»Gut«, sagte der Standesbeamte, »Philipp Siebert also. Ich wünsche Ihnen, dass Ihr Sohn Philipp viel Erfolg im Leben haben wird.«
10
Philipp arbeitete in den Semesterferien in einer Duisburger Gärtnerei, um sein Stipendium durch Westgeld aufzubessern. Der Gärtnereibesitzer hielt ihm bei der Einstellung einen Vortrag über die Vorteile der freien Marktwirtschaft und dass seit der Gründung der Bundesrepublik es jeder zu etwas bringen könne, wenn er nur tüchtig zupacke.
Philipp musste mit vielen anderen an den Emscherböschungen das Gras kurzschneiden. Die Emscher war früher ein Fluss, jetzt aber war sie kanalisiert und führte nur stinkende Industrieabwässer.
»Pass bei der Arbeit auf, dass du da nicht hineinrutschst«, warnte ihn der Vorarbeiter, »lebend kommst du aus der Chemiebrühe nicht wieder raus.«
Immer nach der Frühstückspause verschwanden die anderen Arbeiter für einige Zeit, und Philipp war mit dem Vorarbeiter allein.
»Was ist mit denen, wo gehen die alle hin?«, fragte er.
»Das sind alles Arbeitslose, die müssen sich täglich beim Arbeitsamt melden, sonst verlieren sie ihre Unterstützung. Das ist für den Alten ein gutes Geschäft, aber auch für die Arbeitslosen.«
Einen Teil von seinem Lohn gab Philipp seiner Mutter, den Rest nahm er mit.
Als er nach Berlin zurückkehrte, war er reich. Er rechnete sich aus: Das Westgeld, in Westberlin umgetauscht in − wenn der Kurs günstig war − bis zu sechsmal so viel Ostmark, machte mehr als drei Monate Stipendium aus.
Zuerst aber ging Philipp nach Karlshorst und lieferte den Stadtplan ab. In dem Büro saß ein ihm unbekannter Offizier. Philipp fragte nach dem Vorgänger und zeigte den Stadtplan. Der Mann sprang auf und holte aus dem Nebenraum einen weiteren Offizier dazu. Sie legten Philipp eine Art Verbrecherkartei vor, und er musste seinen Auftraggeber heraussuchen. Dann prasselten die Fragen der beiden Männer auf ihn ein: Wann, wo, wie oft er sich mit diesem Staatsfeind getroffen habe.
Die Offiziere drohten: »Geben Sie zu, Sie haben gegen die Sowjetunion gearbeitet! Wir wissen alles!«
Philipp erzählte immer wieder, wie der Offizier ihn um den Plan gebeten und dass er den Mann nie vorher gesehen habe. Endlich durfte er gehen. Der Stadtplan wurde einbehalten; Geld für seine Auslagen bekam er nicht.
Nach seiner späteren Flucht in den Westen erzählte er manchmal, dass die Sowjetunion ihm noch Dreimarkzwanzig in Westwährung schulde. Als aber das Riesenreich pleite war, sagte er: »Nun werde ich mein Geld wohl nie mehr bekommen.«
Am zweiten Tag nach seiner Rückkehr fuhr Philipp in den Westsektor, um seinen Ferienlohn umzutauschen. In der Schlange vor der Wechselstube am Bahnhof Zoo sah er Werner Peitz, den neuen Klassensprecher. Philipp wusste, dass Werner ein Genosse war. Als der Philipp sah, versuchte er sich hinter den anderen Wartenden zu verstecken, aber Philipp ging auf ihn zu und begrüßte ihn freundlich.
»Man muss das ja mal kennen lernen«, sagte Werner.
»Genau!«, sagte Philipp, »nur darum bin ich auch hier.«
Wieder in Ostberlin, ging Philipp zuerst in einen HO-Laden, um einzukaufen. Endlich konnte er sich Lebensmittel leisten, welche auf Marken nicht zu bekommen waren und für die ihm sonst das Geld fehlte. Als er den Laden verließ und die Rechnung überdachte, stellte er fest, dass er für diesen Einkauf im Westen sicher den doppelten Betrag hätte zahlen müssen.
Draußen standen eine Frau und ein Kind und betrachteten die Schaufensterauslagen.
»Mutti, ich möchte auch mal Milch haben«, bettelte das Kind.
»Das können wir uns nicht leisten«, entgegnete die Mutter.
Als Philipp am ersten Unterrichtstag nach den Ferien das Schulgebäude betrat, fiel ihm zuerst das neue Schild auf: Arbeiter- und Bauernfakultät ABF der Humboldt-Universität Berlin.
Philipp dachte zunächst daran, dass sie ab sofort nicht mehr wie bisher ihr Kotikow-Süppchen im Keller stehend löffeln mussten, sondern wie richtige Studenten in der Mensa im Sitzen essen konnten.
Werner Peitz, der ein Oberschul-Abbrecher und Sohn eines Geschichtsprofessors war, wollte erreichen, dass die Klasse ab jetzt allmorgendlich vor dem Unterrichtsbeginn ein fortschrittliches Lied sang und jemand einen Tagesspruch aufsagte, aber die Mehrheit war dagegen.
Christian erzählte Philipp, dass er in die Partei eingetreten sei und jetzt in dem Studentenheim in der Wilhelmstraße wohne.
»Es war nicht leicht, einen Platz zu bekommen«, sagte er. »Aber mit dem Dicken ging es nicht mehr so weiter, und die Fahrerei kostete zu viel Zeit.« Philipp verstand. Er war neugierig und ließ sich die Heimvorteile schildern. »Gleich hinter dem Heim ist die Musikhochschule. Viele von den Musikstudentinnen wohnen im Heim. Ich habe schon an dich gedacht und dich für einen Platz vormerken lassen. Jetzt wohne ich noch in einem Achtbettzimmer. Ich besorge uns ein Zweibettzimmer; lass mich nur machen.«
Ruth war aus den Ferien nicht zurückgekehrt. Angela zeigte einen Brief, in dem Ruth ihr mitgeteilt hatte, dass sie bald Karl, den Lehrer, heiraten werde.
»Sie ist schwanger«, sagte Angela.
»Da muss sie doch nicht gleich den ersten besten Trottel heiraten«, empörte sich Christian, und zu Philipp: »Das Wegmachen hätte ich doch bezahlt, für Westgeld kein Problem. Sie hat es ja sowieso von uns.«
Christian bot Philipp eine Besichtigung des Studentenheims an und lud ihn ein, künftig mit ihm im Heim die Schularbeiten zu machen statt in der Singakademie.
Das Heim in der Wilhelmstraße war in einem der wenigen unbeschädigten Gebäude untergebracht. Rechts und links davon waren Trümmerfelder. Das Haus hatte vier Etagen und war im neobarocken Stil erbaut. Der Eingang, ein über zwei Etagen reichendes Portal, eingefasst von zwei Säulen, die einen Balkon trugen, wirkte einschüchternd auf Philipp. Zwei Etagen waren mit weiblichen Studierenden belegt. Auf der ersten Etage und im Keller waren die Männer untergebracht. In Parterre gab es einen großen Aufenthaltsraum, einen Musikraum und einen Saal für Versammlungen.
»Hier im Aufenthaltsraum können wir erst einmal unsere Schularbeiten machen«, meinte Christian.
Im Musikraum stand ein Flügel. Christian spielte die Pathétique-Sonate an. Bei dem weiteren Rundgang trafen sie Werner, der auch im Heim wohnte.
»Bist du nicht Berliner?«, fragte Philipp ihn.
»Ja, schon, aber wir haben wenig Platz zu Hause.«
Er erklärte ihnen, von seinem Vater wisse er, dass in diesem Gebäude vor dem Ersten Weltkrieg das Geheime Zivilkabinett von Wilhelm dem Zweiten war, in der Weimarzeit der Preußische Ministerpräsident Otto Braun hier seine Dienstwohnung hatte, später der Präsident des Preußischen Staatsrates Dr. Konrad Adenauer in diesem Haus gewohnt habe und in der Nazizeit hier die Büros von Rudolf Hess und später von Bormann waren. Er wandte sich an Christian.
»Hast du Philipp schon die andere Straßenseite gezeigt? Das müsst ihr euch unbedingt anschauen. Die Reste des Tausendjährigen Reiches, die muss man gesehen haben, ehe sie abgerissen werden.«
Damit verabschiedete er sich, denn er müsse noch die große Kundgebung mitvorbereiten.
»Ihr kommt doch auch?«
»Ganz sicher«, sagte Christian. Auf dem Wege zur gegenüberliegenden Straßenseite berichtete Philipp von der Begegnung mit Werner in Westberlin. Christian schimpfte: »Du bist doch so was von naiv! Wie konntest du nur zu ihm hingehen und ihn begrüßen! Jetzt weiß er, du kennst einen dunklen Punkt von ihm; das wird er dir nicht verzeihen. Sieh dich vor, du hast nun einen Feind! Ich muss doch besser auf dich aufpassen.«
Damit schaute er Philipp an, doch dieser sah in den sonst eher kalten Augen seines Freundes keinen Zorn, sondern nur Liebe.
Sie durchstöberten die stark beschädigte Neue Reichskanzlei, gingen durch die große Halle mit den vielen Säulen, stiegen über Trümmer einige Stufen hoch und kamen in einen großen Raum. Das Dach war beschädigt, es hatte reingeregnet. Durch die Lücken sahen sie die Wolken am Himmel ziehen. Der Raum musste einmal mit Holz getäfelt gewesen sein. Aus den Wänden schauten lauter Schrauben und Nägel hervor, an denen noch Holzsplitter zu sehen waren.
»Hier war sein Reich«, sagte Christian. »Das Holz haben die Berliner geklaut und verfeuert.«
Philipp war betroffen.
»Seltsam, wir stehen jetzt hier, und von diesem Ort sind noch vor wenigen Jahren so viele Verbrechen ausgegangen.«
Christian nahm einen Stein auf, betrachtete ihn und warf ihn wieder weg.
»Wenn der Arsch nicht so größenwahnsinnig gewesen wäre. Nach Polen hätte er erst einmal aufhören müssen.«
»Dann wäre er womöglich heute noch unser Führer, und wir zwei wären Soldaten irgendwo in der Welt, vielleicht in Sibirien oder in Afrika.«
»Ich wäre Offizier, das bin ich schon meiner Familie schuldig.«
»Und ich dein Stiefelputzer. Zum Glück haben England und Frankreich Hitler sofort nach dem Einmarsch in Polen den Krieg erklärt.«
»Egal, das musste er gar nicht beachten. Den Krieg haben sie ihm erklärt, aber als Polen um Hilfe gebettelt hat, haben sie die Ohren zugemacht und nicht geholfen.«
»Dafür«, sagte Philipp ironisch, »hat der weise Führer des Proletariats und Garant des Weltfriedens die Polen befreit − von ihrer Osthälfte, hat halb Polen geklaut.«
»Sag das nur nicht so laut«, warnte Christian.
»Du meinst, ich darf in Hitlers Arbeitszimmer nichts gegen Stalin sagen?«
Sie gingen weiter, stiegen wieder über Trümmer und kamen zum Bunker. Christian zeigte auf den Eingang.
»Schau her, hier hat er zuletzt gehaust, statt abzuhauen.«
»Als Vegetarier wollte er wohl lieber ins Gras beißen«, bemerkte Philipp.
»Und dann, bevor er sich erschießt, heiratet er ausgerechnet so ein deutsches Dummerchen, das auch noch Eva hieß«, empörte sich Christian. »Sein Deutscher Schäferhund hieß Blondie, der musste auch den Heldentot sterben, original Bayreuth.«
Sie stöberten weiter. Christian zeigte auf die Trümmer.
»Hier irgendwo hat man die drei Leichen verbrannt.«
»Zwei Leichen und einen Kadaver«, korrigierte Philipp.
Im Weitergehen passierten sie ein großes Schild, auf dem stand: Achtung! Sie verlassen den Demokratischen Sektor von Berlin. Um dieses Schild herum standen nur Ruinen und Trümmer. Kurz darauf sahen sie wieder ein Schild: Hier beginnt der Sektor der Freiheit.
»Das war mal der Potsdamer Platz«, bemerkte Christian.
Zwischen den Ruinen sahen sie ein weiteres Schild mit der Aufschrift Kino und dahinter eine notdürftig hergerichtete Fassade, beklebt mit Filmplakaten. Laufender Eintritt, stand auf einem Plakat und: Ostberliner können gegen Vorlage ihres Personalausweises in Ostmark bezahlen.
»Gehen wir ins Kino, ich lade dich ein«, sagte Philipp.
Der Film lief schon. Eine Platzanweiserin gab es nicht. Sie tasteten sich zu den ersten besten Plätzen und setzten sich. Auf der Leinwand sahen und hörten sie, wie ein Mann und eine junge Frau sich stritten. Der Mann verlangte das Kleid der Frau zurück, weil es angeblich ein Geschenk von ihm war. Sie zog es aus und gab es ihm. Der Mann verschwand damit von der Leinwand. Die Frau war unter dem Kleid nackt. Sie stellte sich vor einen Spiegel, betrachtete ihren Körper, strich mit ihren Händen über ihre Brüste und ihren Leib und stöhnte. Sie stöhnte und sprach auf einmal nicht mehr Deutsch.
»Oh my body!,« sagte sie wiederholt und stöhnte und stöhnte auf englisch.
»Gehen wir?«, fragte Christian.
»Gehen wir!«, entschied Philipp.
Draußen begann es zu dunkeln. Sie gingen über die Leipziger Straße zurück zur Wilhelmstraße.
»Ich bringe dich noch ein Stück Richtung Alex«, bot Christian Philipp an.
Vorbei am Studentenheim, bogen sie in die Behrenstraße ein. Ein Volkspolizist hielt sie an und ließ sich ihre Personalausweise zeigen. Neben der Komischen Oper war eine Kneipe.
»Wollen wir uns besaufen?«, fragte Philipp.
In der Kneipe waren wenige Gäste. Es war ungemütlich kalt, und es roch nach altem Tabakrauch. Sie tranken kurz hintereinander einige Biere und gingen bald wieder. Als sie in die Straße Unter den Linden einbogen, sahen sie vor sich das Gebäude der Friedrich-Wilhelm-Universität, die seit einiger Zeit Humboldt-Universität hieß. Davor waren im Lichte der Laternen die beiden Humboldts auf ihren Sockeln zu erkennen. Christian und Philipp gingen weiter und sahen links und rechts vor der Neuen Wache zwei verwaiste Sockel.
»Wer möchtest du sein?«, fragte Philipp. »Ich lass dir die Wahl.«
»Da kommst du doch nicht rauf«, wehrte Christian ab.
Philipp wählte den Sockel mit der Aufschrift Scharnhorst, trat auf die Kante der unteren Einfassung, hielt sich am Kopf des aus dem Stein hervorspringenden Adlers fest, zog sich hoch, trat dem Adler erst auf die Krallen, dann auf den Kopf und war oben. Er stellte sich auf und reckte die Arme hoch.
»Vorwärts Soldaten, auf in den Kampf für das Vaterland! Ich hole Verpflegung«, rief er.
»Komm runter, da kommen Leute!«, warnte Christian.
Aber das Herunterkommen war weniger leicht als der Aufstieg, und so stand Philipp noch, als die Leute sie erreicht hatten. Es waren junge Menschen in Blauhemden. Sie trugen eingerollte Transparente und Fahnen mit sich.
»Freundschaft!«, rief Philipp und winkte zu ihnen runter.
Sie schauten erstaunt und belustigt hoch und grüßten zurück: »Freundschaft!«, traten näher, lasen den Namen und riefen wiederholt: »Freundschaft!« und: »Hallo, Genosse Scharnhorst!«
»Wo wollt ihr denn hin, Friedensfreunde?«, fragte Philipp.
»Wir kommen von der Kundgebung. Heute ist doch die Deutsche Demokratische Republik gegründet worden.«
Während Christian auf der Verkehrsinsel am Alex noch mit auf die Straßenbahn wartete, begann es leicht zu regnen.
»Geh los!«, sagte Philipp, »du wirst sonst noch gehörig nass.«
»Macht nichts; wenn ich dich nicht in die Bahn setze, machst du womöglich noch mehr Unsinn.«
Eine junge, adrett gekleidete Dame trat auf die beiden zu und sprach sie an.
»Ungemütlich heute Abend; wollen Sie sich nicht ein wenig bei mir aufwärmen?«
Philipp fühlte sich geschmeichelt.
»Was nimmst du?«, fragte Christian sie.
»Einzeln je zwanzig Mark, zusammen dreißig.«
Da verstand Philipp und war enttäuscht, gleichzeitig aber auch neugierig geworden.
»Gehen wir uns für dreißig Mark aufwärmen?«
»Dann zahle ich aber«, bot Christian an.
Sie gingen mit in Richtung Scheunenviertel. Gleich hinter dem Polizeipräsidium kam ihnen eine Gruppe lärmender Menschen entgegen. Es waren zwei Männer und drei Frauen.
»Wo wollt ihr hin?«, fragte die als Dame verkleidete Hure.
»Komm mit!«, riefen die Frauen. »Wir sind zu einer Feier eingeladen.«
»Was feiern wir denn?«
Einer der Männer schwenkte eine Flasche.
»Wir feiern die Staatsgründung, komm mit!«
Christian und Philipp waren wieder allein.
Als Philipp sein Zimmer betrat, lag auf dem Tisch ein Telegramm. Er riss es auf und las: Papa auf Zeche verunglückt stopp Dienstag Beerdigung stopp Mama.
Er war sofort nüchtern, traurig und ratlos.
Philipp hatte kein gutes Verhältnis zu seinem Vater gehabt. Er wollte nicht verstehen, dass der Alkohol so sehr Besitz von einem Menschen ergreifen und ihn so verändern konnte. Er dachte daran, wie stolz er als Kind auf seinen Vater gewesen war. In dem kalten Zimmer am Tisch sitzend, den Kopf in die Hände gestützt, starrte er auf das Telegramm. Ein Bild aus seiner frühen Kindheit kam ihm in den Sinn: Opa Ferdinand hat den Vater gebeten, die Wiese an der Scheune zu mähen. Der Vater nimmt Philipp mit, setzt ihn am Rand der Wiese ins Gras, ergreift die Sense und beginnt zu mähen. Er führt die Sense mit weitem Bogen durch das hohe Gras, unterbricht kurz, zieht das Hemd aus und mäht mit bloßem Oberkörper weiter. Ein Nachbar kommt, stapft durch das gemähte Gras, redet eine Weile mit dem Vater und reicht ihm einen Brief. Auf seine Sense gestützt, liest der Vater darin, reicht den Brief zurück und sagt: »Ja, Emil, da wirst du wohl zahlen müssen.« »Na ja«, sagt Emil, »wenn du meinst, dann zahle ich eben«, steckt den Brief in die Hosentasche und stapft wieder zurück. Der Vater nimmt aus der Gesäßtasche einen Wetzstein, streicht damit einige Male über das Sensenblatt und mäht weiter. Philipp schaut auf den muskulösen, braungebrannten und schweißbedeckten Oberkörper des Vaters, atmet tief den Geruch der gemähten Wiese, hört das Zirpen der Heuschrecken und sieht dem Flug eines Schmetterlings nach.
Einen Interzonenpass werde ich nach so kurzer Zeit nicht wieder bekommen, dachte Philipp. Außerdem begann das Wochenende. Was sollte er tun?
Sophie! Sie war Genossin, sprach perfekt Russisch, war die Tochter einer bekannten Funktionärin und eines von den Nazis hingerichteten Widerstandskämpfers. Philipp fuhr am späten Abend noch nach Weißensee. Gemeinsam überlegten sie, was zu tun sei. Endlich wusste Sophie eine Lösung.
»Morgen früh gehe ich zur Parteileitung, die wissen immer einen Weg, oder noch besser, wir gehen zusammen.«
Sie bat Philipp über Nacht zu bleiben.
»Meine Wirtsleute haben nichts dagegen, sie wissen, dass du aus der Arbeiterklasse bist.«
Philipp unterdrückte eine ironische Bemerkung.
»Ja, das bin ich.«
»Bist du hungrig?«, fragte Sophie.
Sie machte ihm eine Mehlsuppe. Während er die Suppe löffelte, dachte er an Ruth und an die vielen Lebensmittel in der Laube, an seinen Geldumtausch und an den HO-Einkauf. Er erwähnte aber nichts davon.
»Bekommst du nur Mehl von deiner Mutter?«
Sophie berichtete, dass ihre Mutter nur einmal bei einem Besuch Mehl mitgebracht habe. Als Funktionärin achtete sie strickt darauf, nichts anzunehmen und nur von den Rationen der Lebensmittelkarte zu leben. Dieses Mehl aber, das für ihre Tochter bestimmt war, habe sie angenommen.
Sophie erzählte von den Jahren in der Sowjetunion, wie schwer das Leben dort im Kriege war, und dass sie und ihre Mutter es von daher gewohnt seien, sparsam zu leben und auch manchmal zu hungern. Von ihren wenigen Erinnerungen an ihren Vater erzählte sie, und wie traurig und zornig sie war bei der Nachricht, dass er von den Nazis hingerichtet worden sei.
»Nur weil er ein guter Mensch war, haben sie ihn getötet. Er wollte nicht akzeptieren, dass man Menschen jagt und umbringt, die nicht zu germanischen Rasse gehören.«
»Ist er nicht wegen Hochverrats hingerichtet worden?«
»Er war in der SPD, aber ein ganz unpolitischer Mensch. Mutti erzählt immer, mein Vater sei ein korrekter Mann gewesen, sehr für Gesetz und Ordnung. Weil er gegen die Nazis, ein Tüftler und guter Fotograf war, brachten ihm die Genossen nachts heimlich Dokumente zum Ablichten.«
»Und dabei ist er erwischt worden?«
»Unter seinen Genossen war ein Verräter, es war ein guter Freund. Als man meinen Vater gewarnt hat, soll er nur gelacht haben. Ein so guter Mensch konnte einfach nicht glauben, dass ein Freund ihn verraten würde.«
»Jedenfalls kannst du stolz sein auf deinen Vater. Er hat was gegen die Nazis getan, ist für eine sinnvolle Sache gestorben. Mein Vater ist verreckt, einfach so. Die Arbeit hatte ihn schon kaputt gemacht, lange bevor sie ihn getötet hat. Er war eigentlich schon tot, ehe er von der Grube hingerichtet worden ist. Deine wunderbare Arbeiterklasse besteht aus lauter kaputten Typen.«
Sophie protestierte.
»Du bist jetzt verbittert und ungerecht. Ich kenne vorbildliche Proletarier, klassenbewusste Menschen.«
»Das glaube ich dir gerne. Aber kennst du auch Arbeiter? Arbeiter sind ungebildet und grob, stinken nach Schweiß und riechen aus dem Mund, haben faule Zähne und ungewaschenes Haar, furzen viel und in der Öffentlichkeit, weil sie minderwertiges Zeugs essen, trinken sich um den Verstand, prügeln ihre Frauen und töten ihre eigene Seele − oder das, was die Arbeit ihnen davon gelassen hat.«
11
Am Mittag des folgenden Tages saß Philipp schon im Zug und fuhr in den Westen. Gleich morgens war er mit Sophie in die Parteizen-trale gegangen. Er musste im Vorzimmer eines Parteisekretärs warten, während Sophie mit dem Sekretär sprach. Sie bekam ein Schreiben, das Philipp als Kurier auswies, der auf dem Wege nach Düsseldorf in die KPD-Zentrale war.
»In Marienborn musst du umsteigen und mit der Kleinbahn bis zu einem Ort fahren, der Hötensleben heißt«, instruierte sie Philipp. »Dort fragst du nach dem Genossen Wendt, der bringt dich morgen vor Tagesanbruch über die Grenze und holt dich bei deiner Rückkehr auch wieder ab. Und vergiss nicht, du reist als Genosse, sag Genosse Wendt zu ihm!«
Werde ich es schaffen?, fragte Philipp sich. Es blieben ihm genau genommen nur zwei Tage für diese Reise. In Gedanken malte er sich den Ablauf der Trauerfeier aus: Sicher werden sie eine katholische Beerdigung ausrichten, dafür wird schon Oma Josepha sorgen. Auf diese Weise wird sie einen späten Sieg über ihren evangelischen und in seinem Leben in religiösen Dingen gleichgültigen Schwiegersohn erringen wollen. Der dicke Schreinermeister Heinkes wird ins Haus kommen, sie werden den Sarg aussuchen und die Ausstattung besprechen. So war es auch, als der bei ihnen lebende kranke Onkel Simon und ein Jahr danach Philipps Schwester Guste gestorben waren, beide an Schwindsucht. Nur zehn Jahre alt ist Guste geworden, und der Vater hat gemeint, Simon habe sie angesteckt. Der dicke Heinkes wird wieder klagen, dass im Bestattungsgeschäft nichts zu verdienen sei, und schon gar nichts bei Kinderbestattungen. »Du weißt schon, die kleinen Särge und so«, hatte er bei der Vorbereitung der Beerdigung von Philipps Schwester geklagt. Und dann hat er sich lange darüber ausgelassen, dass es bei den vielen geschäftlichen Sorgen mit ihm auch nicht mehr zum Besten stände. »Weißt du, Paul, ich krieg verdammt keinen mehr hoch; meine Alte beschwert sich schon.«
Philipp, der am Stuhl seines Vaters lehnte und mithörte, verstand das nicht, hatte er doch bei der Beerdigung von Onkel Simon gesehen, wie sechs Träger den großen Sarg hochgehoben und getragen haben.Das war nun über fünfzehn Jahre her, der dicke Heinkes verkaufte immer noch Särge, hat seine Werkstatt vergrößert, einen Ausstellungsraum gebaut, in dem die schönsten Särge mit wunderbaren Ausstattungen und Beschlägen zu bewundern sind, hat das Haus aufgestockt und die Geschäftsräume modernisiert.
Opa Ferdinand wird da sein. Beim Streuselkuchenessen nach der Bestattung wird er tüchtig zugreifen und seinen Kaffee schlürfen, wobei die braunen Spitzen seines sonst weißen Schnurrbartes tief in die Tasse hineinreichen. »Du geihst bi die Kommunisten?«, hatte er in breitem Dialekt, einem Gemisch aus Ostpreußisch und westfälischem Platt, Philipp beim Abschied gefragt. Das Hochdeutsche hat er im Alter verlernt. »Dei wollen allet updeelen, dei Kommunisten. Wenn de eenen Sack Kartüffel geernt hes un et kömmt en Kommunist vorbie, dann will hei de Hälft abhebben. De Hälft gehört mie, sägt de Kommunist. Nu dann pass ma gut op die op«, hat er noch gesagt, hat sich seine Joppe angezogen, ist in die Holzschuhe geschlüpft und in den Hühnerstall gegangen, um die Eier aus den Nestern zu nehmen.
Die Tanten Johanna und Emma werden auch mit ihren Männern kommen. Emma war schon früh aus der Scheune ausgezogen. Sie heiratete einen Versicherungsvertreter, der eine Hasenscharte hat. Schon als junge Frau wurde sie schwerhörig. Onkel Ditz, der eigentlich Dieter hieß, hatte sich daher angewöhnt, laut zu sprechen, und brachte bald nur noch Laute hervor, die zwar von seiner Frau, aber nicht mehr von den anderen Menschen als eine menschliche Sprache verstanden wurden.
Als junger Ehemann wurde Ditz bald arbeitslos, so dass Emma durch Nähen und gelegentliche Aushilfe in einem Schlachterladen für ein einigermaßen ausreichendes Einkommen sorgen musste. Ihr Mann bezeichnete und betätigte sich seitdem als Erfinder. Er bastelte und tüftelte an einer Konstruktion aus leeren Garnrollen und Gummibändern und versicherte allen, dass, wenn diese Erfindung einmal fertig sei, sie ohne Motor und immerzu laufen würde, sozusagen als ein perpetuum mobile.
Johanna hatte nach Emmas Auszug bald das Regiment in der Scheune übernommen, diese weiter ausbauen lassen und zu einer gemütlichen Wohnung eingerichtet. Ferdinand bekam eine auf dem Heuboden ausgebaute Kammer. Nach der Vergrößerung der Hühnerfarm übernahm Johanna den für die gewachsene Anzahl der Hühner zu klein gewordenen Schuppen als Waschküche, stellte einen Herd und einen Tisch hinein, so dass sie dort auch ihre Mahlzeiten einnehmen konnten. Bald wohnten sie nur noch in dem Schuppen. An Sonntagen aber und wenn sich Besuch angekündigte, benutzten sie die Wohnung, zogen sich aber vor dem Betreten die Schuhe aus.
Als nicht mehr ganz junges Mädchen war Johanna manchmal mit ihrem Vater mitgegangen, wenn er im angrenzenden Dorf bei einem Bauern aushalf. Dort lernte sie den Sohn des Hofbesitzers kennen. Als sie ein Kind von ihm erwartete, wollten die jungen Leute heiraten. Aber der Hofbesitzer hatte für seinen Sohn die Tochter eines Nachbarhofes vorgesehen, und Ferdinand bangte um das Wohnrecht für die Scheune, nachdem Paul ausgezogen war. Er bedrängte seine Tochter, doch einen Bergmann zu heiraten. Johanna war aber inzwischen Mutter von einem Sohn, und für eine Frau mit einem Kind war die Auswahl selbst unter Bergleuten nicht sehr groß. Schließlich heiratete sie einen verwachsenen Waschkauenwärter, der wesentlich kleiner war als sie und, durch seinen Buckel behindert, nur Putz- und Reinigungsarbeiten auf der Zeche verrichten konnte. Onkel Hugo besaß Bücher, war ein belesener Mann und erzählte wunderbare Geschichten. In der Familie hieß es, er habe diese Geschichten alle in seinem Buckel gespeichert.
Johanna war seit ihrer Heirat mit »dem Buckligen« verbittert und hat es Lisa nie verziehen, dass diese ihren Bruder Paul aus der Scheune rausgeheiratet hat und dass ihnen dadurch das Wohnrecht verloren gegangen war. Sie sprach mit Lisa nur das Notwendigste, sagte, wenn sie von ihr sprach, immer nur »die Frau« und hielt sich selbst vor Philipp mit der Verachtung für dessen Mutter nicht zurück. Lisa wiederum sprach von Johanna nur als der »Rothaarigen«, die ebenso falsch sei wie alle anderen Rothaarigen auch.
Mutters Schwestern, deren Männer und der Onkel Hännes werden auch kommen. Den Onkel Jupp, den in Frankreich gefallenen Helden der Familie, von dem Oma Josepha oft schwärmte als dem besten ihrer Kinder, hat Philipp nie kennen lernen können.
Auch Tante Grete lebte nicht mehr. Nachdem Onkel Simon die Schwindsucht bekommen hatte, nicht mehr arbeiten konnte und sie aus der Werkswohnung ausziehen mussten, hat Josepha die Familie vorübergehend bei sich aufgenommen.
Nach dem Tod ihres Mannes war Grete mit ihren zwei Töchtern nicht lange Witwe. Sie heiratete einen Werkmeister der Metallhütte. Josepha meinte, Grete habe als einzige ihrer Töchter »eine gute Partie« gemacht. Philipp erinnerte sich, dass es in der Wohnung von Tante Grete zusätzlich zur Küche ein richtiges Wohnzimmer gab, in dem auf einem kleinen, auf Rollen laufenden Tisch eine Kristallschale stand mit den schönsten Südfrüchten, bunt und wunderbar anzuschauen − und aus Wachs.
Als Grete im April 45 die Amerikaner ins Ruhrgebiet einmarschieren sah, war sie glücklich über das Ende des Krieges, öffnete das zur Straße gehende Fenster ihrer Wohnung und winkte ihnen freudig zu. Ein amerikanischer Soldat schoss ihr in die Brust; sie war sofort tot. Ihre beiden Töchter, vierzehn und sechzehn Jahre alt und mit ihren blauen Augen und blonden Locken richtige Schönheiten, hatten von ihrem Vater die Schwindsucht geerbt und starben beide im ersten Hungerwinter nach dem Krieg.
Onkel Hännes, der nach der Lehre als Bäcker und Konditor noch einige Jahre im Haus des Meisters wohnte, musste dort schließlich ausziehen, weil er die einzige Tochter des Meisters verschmähte, eine dickliche Jungfrau, welche eine Reihe von Jahren älter war als Hännes. Er nahm eine Arbeit in der neben der Teerdestillation neu gebauten Chemiefabrik an und backte nur noch zu besonderen Anlässen. So brachte er zu Josephas Geburtstagen jedes Mal eine wunderschöne Torte mit, auf der die herrlichsten Rosen, Elfen und Nixen, bunt und aus Marzipan, zu bestaunen waren. Josepha machte allerdings dem Staunen immer ein schnelles Ende, indem sie mit einem großen Küchenmesser ungerührt das Wunderwerk zerschnitt und die Kuchenstücke verteilte.
Hännes heiratete eine kinderlose Parteifunktionärs-Witwe, die für die Nazis schwärmte und ihn dazu brachte, in die Partei einzutreten. Als der Russlandfeldzug begann, wurde Hännes eingezogen, geriet bald in Gefangenschaft und kam erst vier Jahre nach Ende des Krieges aus Russland zurück. Seine Frau, die als Verkäuferin in einem Lebensmittelgeschäft gearbeitet hatte, nahm gleich nach dem Krieg den ausgebombten Geschäftsinhaber bei sich auf. Für Hännes war nach seiner Rückkehr kein Platz mehr in der Wohnung. Er nahm sich ein Zimmer, arbeitete wieder in der chemischen Fabrik und war in seiner freien Zeit meist betrunken.
Als Philipp ihn in den Sommerferien besuchte, erzählte Onkel Hännes von seiner Zeit in Russland. Sie sollten im ganzen Land die von der Demontage in Ostdeutschland stammenden Maschinen auspacken und aufstellen. Aber meist waren die Teile nicht vollständig, die Kisten standen im Freien, waren vorher schon aufgebrochen worden, die Maschinenteile, dem Regen und dem Schnee ausgesetzt, waren verrostet. Wenn die Kriegsgefangenen den russischen Bewachern dann erklärten, dass es unmöglich sei, aus den unvollständigen und verrosteten Teilen ganze Maschinen zu bauen, schimpften und fluchten die Russen, drohten mit Erschießung und brachten die Gefangenen zum nächsten Ort, wo sich das gleiche Spiel wiederholte. »Und wo wir auch hinkamen, Philipp, überall gab es russische Straflager. Wenn wir fragten, sagte man uns, ausgerechnet hier sei ein Zentrum für Strafgefangene. Ich glaube, ganz Russland besteht nur aus Straflagern.«
Opa Jacob wird still den Trubel der Beerdigung und die vielen Besuche über sich ergehen lassen. Man wird ihn kaum wahrnehmen und wenig beachten. Er war alt geworden und bekam schlecht Luft. Die Steinstaublunge machte ihm zu schaffen. In seiner besten Zeit war er Schießmeister auf der Zeche. Der Steiger hatte ihn als einen tüchtigen und zuverlässigen Arbeiter für diesen Vertrauensposten vorgeschlagen. Jacob musste beim Vortrieb neuer Strecken die Bohrungen im Stein überwachen, anschließend das Dynamit einfüllen, die Zündschnur legen und dafür sorgen, dass vor jeder Sprengung die Strecke geräumt wurde. Dann musste er dreimal ins Horn blasen und durfte endlich die Zündung betätigen. Wenn sich nach der Sprengung der Steinstaub gelegt hatte, musste er den Streckenabschnitt inspizieren und freigeben für das Wegräumen der Steine. Als bei ihm die erste Atemnot auftrat, war er schon Invalide. Er ließ sich untersuchen.
»Ihre Lungen sind versteinert, Krüger, Sie haben zu viel Quarz eingeatmet mit dem Steinstaub«, hatte der Arzt gesagt. Jacob stellte einen Antrag auf Anerkennung als Berufskrankheit und erhoffte sich dadurch eine höhere Rente. Aber der Vertrauensarzt der Bergbaugenossenschaft stellte nur altersbedingte Atembeschwerden fest. Der Antrag wurde abgelehnt.
Philipp sah vor sich ein Bild aus seiner Kindheit. Es zeigte einen Besuch bei Opa Jacob in der Schusterkammer: Sonntagmorgen. Der Vater sitzt am Fenster und liest. Philipp klettert hinter seinem Rücken den Sessel hoch, schaut ihm über die Schulter und betrachtet eine Zeichnung in seinem Buch.
»Was machen die Männer da?«
»Sie reiten.«
»Wohin reiten sie?«
»In die Sierra Morena.«
»Was ist eine Sierra Morena?«
Keine Antwort.
»Warum ist der große Mann so dünn?«
»Er hat wenig gegessen.«
»Hat sein Pferd auch wenig gegessen?«
»Ja, gefressen heißt das.«
»Der kleine Mann ist sehr dick, hat der dem großen alles weggefressen?«
Statt zu antworten, ruft der Vater nach der Mutter.
»Nimm mir den Jungen aus dem Nacken!«
»Sofort«, sagt sie, »gib mir das Buch, mach den Sessel frei und stell dich hier an den Herd.« Und zu Philipp: »Hör mal! Ich glaube, Opa ist in der Schusterkammer.«
Im Nu ist Philipp vom Sessel heruntergesprungen, die Treppe hochgeflitzt und öffnet nun vorsichtig die Tür zur Schusterkammer.
»Opa, soll ich Kautabak holen?«
»Ich hab noch welchen.«
Behutsam schließt Philipp die Tür und setzt sich auf den alten, wackligen Schemel. Mit einem Blick übersieht er die Lage. Ein Paar Schuhe der Großmutter bekommen neue Ledersohlen. Die neuen Sohlen sind schon vorgeschnitten. Sie liegen in der braunen Brühe in einer Schüssel, die als Spucknapf für Opas Kautabaksud und zum Wässern der Sohlen dient. Der Opa rückt den Dreifuß zurecht, entnimmt der Schüssel eine neue Sohle, legt sie auf den Dreifuß und beginnt sie mit dem Schusterhammer zu klopfen. Von Zeit zu Zeit hält er inne, und Philipp darf die wieder feucht gewordene Sohle mit einem Tuch abtupfen. Dann nimmt Opa Jacob einen Schuh, der schon auf einen Holzleisten gespannt ist, legt die neue Sohle darauf, gibt einen geschlossenen Riemen darüber, legt den Schuh quer über seine Knie und tritt mit dem Fuß in die herunterhängende Riemenschlinge. Jetzt können sie beginnen. Opa nimmt den Pinnort und den Schusterhammer und macht ein kleines Loch in die Sohle, Philipp reicht ihm aus einer Schachtel einen Holzpinn, den Jacob vorsichtig einschlägt. Schon ist die erste Verbindung zwischen Schuh und neuer Sohle hergestellt. So arbeiten sie, bis zwei Reihen eingeschlagene Holzpinne die Sohle nahe am Rand zieren. Jetzt müssen die Enden der Pinne und die Sohle mit einer Raspel und anschließend mit einer Glasscherbe geglättet werden. Aber dazu kommt es nicht.
Onkel Gorski besucht Opa Jacob. Er lässt sich schwer auf den einzigen Stuhl in der Kammer nieder, zieht eine volle Schnapsflasche aus seiner Jackentasche, stellt sie auf den Schustertisch und sagt zu Philipp: »Geh, Jungchen, hol Gläser!«
Philipp beeilt sich. Wieder unten, sieht er, dass die Großmutter schon von dem Kirchenbesuch zurück ist und den zu zwei großen Lappen ausgerollten und zum Trocknen aufgehängten Nudelteig von der Herdstange nimmt, um ihn in lange Streifen zu schneiden. Sie bietet Philipp an, aus den Rändern, die für die Streifen nicht reichen, Figuren für sich zu formen und diese im Herd zu backen. Aber heute verzichtet Philipp darauf.
Zurück in der Schusterkammer, sieht er, dass Onkel Gorski schon abgeschnallt hat. Das Holzbein lehnt mit dem nach oben gekehrten Knüppelende am Schustertisch, während an Onkel Gorskis Stuhl ein leeres Hosenbein herunterhängt. Philipp stellt die Gläser auf den Tisch, Onkel Gorski schenkt ein.
»Na, Jacob, dann wollen wir erst einmal!«
Schon sind die Gläser leer. Opa Jacob schüttelt sich und streift mit dem Handrücken nach links und rechts über seinen Schnurrbart.
»Teufelszeug!«
»Ja«, sagt Onkel Gorski, »aber auf einem Bein kann man nicht stehen.«
Er füllt erneut die Gläser. Dann folgt noch einige Male die gleiche Zeremonie, wobei Onkel Gorski vor dem dritten Einschenken noch »Alle guten Dinge sind drei« sagt, danach aber ohne weitere Sprüche einfüllt. Opa Jacob hat das Holzbein zwischen seine Knie geklemmt und mit einer Zange die abgelaufene Gummiplatte heruntergerissen. Philipp reicht ihm aus der Vorratskiste ein Stück Gummi, das der Opa passend schneidet und das sie unternageln, wobei der Junge ihm die Nägel reicht. Onkel Gorski schimpft auf die Kapitalisten, auf die Militaristen, auf die Freikorpsleute, die einem Bergmann schon bei der kleinsten Revolution die Beine abschießen, besonders aber schimpft er auf einen Militaristen, der Hindenburg heißt und den Jacob ja nicht wählen dürfe.
»Du musst Thälmann wählen!«, sagt er erregt und schlägt mit der Faust auf den Schustertisch, so dass die Gläser und die leere Schnapsflasche hochspringen.
»Mit deinem Thälmann bringst du uns diesen Spinner Hitler«, sagt Jacob ruhig, und dann lauter: »Wer Thälmann wählt, wählt Hitler!«
Dabei schlägt er kräftig mit dem Hammer auf die Gummiplatte.
»Gib mir sofort mein Bein zurück!«, ruft Onkel Gorski. »Mit einem Verräter rede ich nicht!«
Er ist ganz rot im Gesicht, springt auf und versucht stehend das Holzbein in die leere Hose zu schieben. Jacob steht auch auf und will helfen. Onkel Gorski verliert das Gleichgewicht, wirft den Stuhl um, versucht sich an Jacob festzuhalten, stürzt und streckt »alle dreie« von sich. Jacob versucht noch, sich am Tisch zu halten, greift aber in die Luft und stürzt auch. Dann ist es lange still. In die Stille hinein hören sie unter sich drei Klopfer. Die Großmutter hat mit dem Besenstiel gegen die Decke gestoßen und damit ein Zeichen gegeben, dass das Mittagessen fertig sei. Da dreht sich Opa Jacob zu dem neben ihm liegenden Onkel Gorski.
»Du bleibst doch zum Essen?!«
12
Am späten Abend erreichte Philipp Hötensleben. Genosse Wendt schlief schon; er war ungehalten über die späte Störung und schimpfte: »Was denken die sich denn eigentlich in Berlin! Ich möchte auch mal meine Ruhe haben.«
Philipp erzählte ihm, dass er besonders wichtige Akten überbringen müsse und dass er erst heute früh vom Parteivorstand ausgewählt worden sei. Dabei klemmte er seine Schultasche fest unter den Arm, als wollte er die drei trockenen Schrippen, das zweite Paar Socken sowie das frische Unterhemd darin gegen alle Parteifeinde verteidigen.
»Du bist noch sehr jung, Genosse, bist du zum ersten Mal unterwegs?«
»Ja, aber der Genosse Ulbricht hat mich persönlich ausgewählt.«
Das muss wohl reichen, dachte Philipp. Und er behielt Recht; der Genosse Wendt stellte keine weiteren Fragen, sondern weckte seine Frau. Gemeinsam bereiteten sie ein üppiges Abendbrot für den Gast: Brot, Käse, Wurst, Butter, Kaffee mit Milch und anschließend Obst. Philipp langte tüchtig zu und bedankte sich anschließend artig.
»Was soll das, machst du dich lustig über uns?«, fragte der Genosse Wendt. »Die Sachen sind doch von der Partei geliefert worden. Wenn du mit dem Parteivorstand zu tun hast, dann kennst du das ja. Die sollten sich allerdings auch mal was anderes einfallen lassen als immer nur die gleiche Dauerwurst. Meine Frau macht dir noch das Paket fertig für die Weiterreise.«
Philipp bekam eine ganze Dauerwurst, dazu Brot und Butter.
»Wenn du die Sachen in die Tasche steckst, Genosse, pass auf, dass die Akten nicht fettig werden«, ermahnte ihn die Frau.
»Ja, Genossin.«
Um vier Uhr am nächsten Morgen wurde Philipp geweckt. Wieder gab es einen reichhaltig gedeckten Tisch zum Frühstück, und wieder mit richtigem Kaffee. Danach brachte ihn der Genosse Wendt zur Grenze. Es war kühl und feucht, und es ging ein leichter Wind. Ab und zu kam das Mondlicht durch die Wolken.
»Wenn du zurückkommst, Genosse, nicht vor zehn Uhr abends, nur der Nachtposten ist eingeweiht, mach dich bei dem Posten bemerkbar, er bringt dich zu mir.«
»Gibt es auf der Westseite keine Kontrollposten?«
»Ach was! Denen ist das doch egal.«
Philipp fröstelte; er hörte vor sich schon das Rauschen des Wassers. Eine Taschenlampe leuchtete auf, der Lichtstrahl tastete sie ab und verweilte einen Moment auf Philipps Gesicht. Aus der Dunkelheit kam eine Stimme.
»Charascho!«
»Dobroje utro!«, sagte der Genosse Wendt.
»Utro!«, antwortete die Stimme aus der Dunkelheit.
Auf einmal sah Philipp im Mondlicht einen schmalen Holzsteg und darunter das Wasser fließen.
»Wenn du drüben bist, gehst du durch die Felder einfach geradeaus bis zur Asphaltstraße, dann rechts weiter bis Schöningen. Von dort fährt wochentags um kurz vor sechs ein Bus nach Helmstedt. Wie du allerdings heute weiterkommst, das musst du sehen. Gute Reise, Genosse!«
»Danke Genosse!«
Philipp überquerte den Bach und war im Westen.
An der Haustür hing ein mit einer Heftzwecke befestigter schwarzer Flor. Die Leiche ist also im Hause, dachte Philipp. Er klopfte, die Mutter öffnete und begann leise zu weinen. Philipp umarmte sie und gab ihr einen Kuss auf die Wange. Er war selber erstaunt über seine Regung.
»Wo liegt Papa?«, fragte er.
»Im Schlafzimmer«, antwortete die Mutter und nahm ihm die Tasche und seine Jacke ab. »Wir haben wieder die Betten abgebaut.«
Wieder, dachte Philipp, das heißt, wie bei Onkel Simon und bei der kleinen Guste. Er öffnete die Tür und sah den Vater. Der offene Sarg stand leicht nach vorn geneigt auf einem mit schwarzem Tuch behängten Gestell. Rechts und links vom Sarg standen je zwei Kandelaber mit brennenden Kerzen, dahinter Lebensbäume, deren süßlicher Duft den Leichengeruch überlagern sollte. Das Fenster war mit einem Tuch verhängt, so dass die Nachmittagssonne nicht eindringen konnte.
Der Vater sah gut aus, unnatürlich gut, mit vollen roten Wangen und vollem Haar. Die verschränkten Hände schauten aus, als hätten sie nie schwere Arbeit verrichten müssen. Sicher haben sie ihm mit Watte die eingefallenen Wangen aufgepolstert, dachte Philipp.
»Er sieht so gut aus«, jammerte die Mutter.
»Ja, er sieht sehr gut aus«, heuchelte Philipp.
Er wusste, dass der Heinkes immer übertreiben musste. Ein Frisör verdiente sich bei ihm nach Feierabend etwas dazu und richtete die Leichen her. Von Heinkes ständig bedrängt, musste der Haar- und Kosmetikkünstler mit seinem großen Kosmetikkoffer aus Leichen alter oder durch Unfälle entstellter Menschen jung aussehende, heile, hübsche Puppen machen. So also sieht das Ende eines Menschenlebens aus − ein Witz, dachte Philipp. Er erinnerte sich an eine Auseinandersetzung mit dem Vater kurz vor seinem Weggang nach Berlin: Die Mutter hatte vergessen, die wöchentliche Tabakration zu besorgen. Der Vater, über den Umweg Kneipe von der Arbeit kommend, tobte, weil er nichts zu rauchen vorfand. »Ein Päckchen Tabak in der Woche, mehr verlange ich ja nicht; aber nein, auch das ist schon zu viel! Soll ich denn nur noch malochen gehen und sonst nichts mehr vom Leben haben? Da kann ich ja gleich verrecken!«
Die Mutter schwieg und stellte ihm das Essen auf den Tisch. Der Vater nahm den mit Suppe gefüllten Teller und warf ihn auf den Boden. Der Teller zersprang, die Suppe verteilte sich in der Wohnküche. Der Vater sprang herum, stampfte mit den Füßen auf das Durcheinander von Suppe und Scherben, schimpfte weiter und bedrohte die Mutter. Da stand Philipp auf, umklammerte seinen Vater mit beiden Armen, hob ihn hoch, trug ihn zum Stuhl, setzte ihn heftig ab, nahm einen neuen Teller aus dem Schrank, füllte ihn mit Suppe, setzte den vollen Teller vor den Vater auf den Tisch und sagte mit einer Stimme, die keinen Widerspruch zuließ: »Jetzt isst du und rührst dich nicht eher vom Fleck, bis du aufgegessen hast!«
Wie leicht er doch ist, dachte Philipp und merkte sofort, dass er als Kind manchmal vom Vater mit genau den gleichen Worten zum Essen gezwungen worden war. Der Vater saß einen Moment wie versteinert, nahm dann aber den Löffel und aß.
Die Mutter weinte, beseitigte die Scherben und die Essensreste vom Boden, wischte sich mit den Händen die Tränen ab und dabei Suppe ins Gesicht.
Philipp schaute den beiden zu, und ein seltsames Gefühl nahm von ihm Besitz. Er konnte es nicht deuten, wusste aber, dass es weder Triumph noch Wut war.
Die Wohnküche war voll mit Menschen, es waren die Tanten und Frauen aus der Nachbarschaft. Sie tranken Kaffee und aßen Streuselkuchen. Onkel Hännes war der einzige Mann im Raum. Vor ihm stand eine Schnapsflasche und ein leeres Glas.
»Da kommt ja unser Studierter«, begrüßte er Philipp. »Komm her, iss Kuchen! Bei den Russen kriegst du ja doch nicht genug zu essen.«
Philipp begrüßte alle und setzte sich zur Großmutter. Die Mutter schenkte ihm Kaffee ein und stellte den Kuchenteller näher zu ihm hin.
»Wo ist Opa?«, fragte Philipp.
»In der Schusterkammer, der kriegt hier keine Luft«, antwortete die Großmutter.
Eine Nachbarin wollte wissen, ob Philipp denn keine Angst habe vor den Russen, man wisse doch, und so stände es ja auch in den Zeitungen, wie schrecklich diese Menschen seien. Sie würden Uhren stehlen und die Frauen vergewaltigen. Philipp wurde ärgerlich.
»Ich habe mehr Angst vor den Deutschen, sie vertreiben oder vergasen die Menschen.«
Hännes sprang auf.
»Ein Russe! Ein Russe! Du redest schon genau wie die Polit-Kommissare. Alles müsst ihr verdrehen. Seht ihn euch an! Halb verhungert ist er schon. Sie haben nichts zu essen, aber dafür haben sie ihren Stalin und ihre Dialektik, so nennen sie das, wenn sie einem einreden wollen, dass Hungern und Gefängnisse gut sind für den Sieg des Kommunismus.«
»Kinder, seid ruhig, vertragt euch, nebenan liegt Paul«, versuchte Oma Josepha zu schlichten und zog Hännes wieder auf seinen Platz zurück.
Philipp fiel ein, dass er in der Schultasche noch gut die Hälfte der Dauerwurst hatte. Er holte die Wurst, schnitt dicke Scheiben davon ab und verteilte diese.
»Probiert mal! Wurst aus Ostdeutschland. Ich habe sie auf der Reise nicht ganz geschafft.«
Die Frauen kosteten schmatzend die Wurst und lobten ihre gute Qualität, Onkel Hännes weigerte sich zu probieren.
»Aber in der Zeitung stand, bei euch gibt es immer noch Lebensmittelkarten«, bemerkte eine Nachbarin.
»Das stimmt«, erwiderte Philipp, »aber es gibt schon viel ohne Marken zu kaufen. Wir haben Läden, dort kann man von der Schokolade bis zum Kaviar alles bekommen, natürlich ein bisschen teurer.«
»Das finde ich richtig«, sagte eine andere Nachbarin und langte nach einem neuen Stück Streuselkuchen. »Wer Kaviar essen will, der soll auch dafür bezahlen. Ich selber mag gar keinen Kaviar.«
»Hast du schon mal welchen probiert?«, fragte Hännes und schüttete sich den nächsten Schnaps ein.
»Nee, woher denn«, gab die Nachbarin kauend zu.
»Dann red auch nicht so daher«, sagte Hännes und trank das Glas in einem Zug leer.
Philipp übernachtete auf dem Sofa in der Wohnküche und schlief lange nicht ein. Er musste an den Vater denken, der nebenan im Sarg lag.
Am nächsten Morgen war es trübe und regnerisch. Zuerst kamen Heinkes und sein ältester Sohn ins Haus, um mit Lisa noch einmal alles zu besprechen. Heinkes trug einen Zylinder auf dem Kopf. Als er Philipp sah, unterbrach er die Besprechung, setzte kurz sein Trauergesicht auf und drückte ihm stumm die Hand. Dann wurde er wieder geschäftig.
»Na, Junge, haben wir den Vater nicht gut hingekriegt? Das war gar nicht so einfach; der Stein muss ein Riesenbrocken gewesen sein. Der Vater war ganz eingedrückt. Aber der Heinkes macht das schon.«
Nach und nach traf die Verwandtschaft ein und füllte das Haus. Alle traten noch einmal an den offenen Sarg und nahmen Abschied von Paul. Dann kam die Kutsche.
»Für die Fußkranken«, sagte Heinkes. »Bis zum evangelischen Friedhof ist es doch ein ganz schönes Stück Weg.«
Josepha war mit ihrem Versuch, für Paul eine katholische Totenmesse und eine Beerdigung auf dem katholischen Friedhof zu bekommen, an der Weigerung des Pfarrers gescheitert.
Ferdinand saß schon in der Kutsche. Als Josepha ihn bat auszusteigen und noch einen Moment ins Haus zu kommen, weigerte er sich. Auf der Straße vor dem Haus sammelten sich die Nachbarn. Die Männer trugen Zylinder, viele Frauen hatten schwarze Hüte mit Gesichtsschleiern aufgesetzt.
Die Musiker vom Knappenverein in ihren schwarzen Uniformen mit den großen Messingknöpfen versammelten sich auf dem Hof und stellten ihre Blasinstrumente neben sich auf den Boden.
Zuletzt kam der Leichenwagen, gezogen von zwei mit schwarzen Tüchern bedeckten Pferden. Die Pferde trugen schwarze Masken und zwischen den Ohren schwarze Federbüsche. Durch die Glasscheiben des Leichenwagens sah man im Innern auf allen Seiten blütenweiße Spitzengardinen.
Sechs Knappen mit schwarzen Federbüschen an den Hüten und weißen Handschuhen kamen ins Haus. Josepha bat sie noch einen Moment zu warten, holte eine mit Weihwasser gefüllte Weinflasche und besprenkelte die Leiche und den Sarg. Die Knappen schlossen den Sarg, trugen ihn auf die Straße und schoben ihn in den Leichenwagen. Dann holten sie die Kränze, von denen sie einige außen an die Seitenlaternen des Wagens hängten, andere in den Wagen neben den Sarg legten. Zuletzt stellten sie einen großen Kranz mit langen weißen Schleifen hinter den Sarg und schlossen den Leichenwagen. Der große Kranz war durch die Scheiben für alle sichtbar. Die Schleifen waren so geordnet, dass man die Beschriftung gut lesen konnte: Ein letzter Gruß von Deiner Dich liebenden Frau und von Deinem Sohn.
Philipp führte Jacob zu der Kutsche, in der gegenüber Ferdinand schon zwei dicke Frauen aus der Nachbarschaft Platz genommen hatten. Die Knappenkapelle formierte sich, setzte sich auf ein Zeichen von Heinkes’ Sohn in Bewegung und spielte einen Trauermarsch. Ihr folgte der Leichenwagen, begleitet von drei Trägern auf jeder Seite. Dahinter Lisa, Josepha und Philipp, der in der Mitte ging und den beiden Frauen den Arm reichte. Ihnen folgte die Familie, dann kamen die Nachbarn und die Kumpel. Den Abschluss bildete die Kutsche. Als der Zug in die Hauptstraße nach Hamborn einbog, trat ein Polizist an die Spitze und schritt im Takt der getragenen Musik vor der Musikkapelle her. Passanten blieben am Straßenrand stehen und lauschten der Musik, Männer lüfteten ihre Hüte, Autos hielten an, Radfahrer stiegen ab, Kinder liefen nebenher, aus den Häusern am Wege traten Frauen vor die Tür, banden ihre Schürzen ab und bekreuzigten sich.
Vor der evangelischen Kirche hielt der Zug kurz an. Ein junger Pastor kam, trat an den Leichenwagen, sprach ein Gebet, begab sich hinter den Wagen, und der Zug ging weiter. Nach einer halben Stunde Weg erreichte der Zug den Friedhof und hielt. Die Träger öffneten den Wagen, legten die Kränze zur Seite und übernahmen den Sarg. Der Zug folgte ihnen auf den Friedhof. Ferdinand, Jacob und die beiden dicken Nachbarinnen stiegen aus der Kutsche und gingen hinter den anderen her. Der Leichenwagen fuhr heim.
Quer über dem offenen Grab lagen zwei Holzbohlen, auf jeder Bohle lag ein Seil. Die Träger stellten den Sarg auf die Bohlen und verharrten, bis die Trauernden sich zu einem Kreis um das Grab versammelt hatten. Die Männer nahmen ihre Zylinder ab. Vier der Träger zogen an den Seilen und hoben den Sarg an, die beiden anderen nahmen die Bohlen weg und legten sie hinter sich, die vier ließen langsam die Seile durch ihre Hände gleiten, der Sarg senkte sich ins Grab. Zwei Träger zogen die Seile herauf und legten sie an die Seite. Dann stellten alle Träger sich auf, zogen ihre weißen Handschuhe aus, warfen sie auf das Kopfnicken eines Trägers hin gleichzeitig in das Grab und traten zurück.
Die Musiker spielten »Ich hatt’ einen Kameraden«, der Pastor trat ans Grab, schlug seine Bibel auf − und es begann heftig zu regnen. Unter den Trauernden kam Unruhe auf, überall wurden die Schirme geöffnet, man hörte Gemurmel. Lisa stellte sich bei Josepha unter und gab ihren Schirm an Philipp weiter. Der öffnete ihn und ging damit zum Pastor. Der Schirm war so klein, dass Philipp und der Pastor sich eng aneinander schmiegen mussten.
Der Pastor versuchte gegen das Geräusch des fallenden Regens anzureden und begann mit seiner Predigt. Er sprach von dem »lieben«, stockte, suchte einen Zettel in der Bibel, fand ihn nicht und sprach weiter »Verstorbenen«, der nun die ewige Seligkeit erlangt habe. Vom Schoße Gottes sprach er und davon, dass Jesus die Mühseligen zu sich nehme. Der Regen prasselte so stark, dass schon die Nächststehenden die Worte nicht mehr verstehen konnten. Der Pastor nahm die in dem aufgeworfenen Boden steckende kleine Schaufel und warf etwas von dem lehmigen Boden in das Grab. Philipp hörte ihn »Erde zu Erde« murmeln und sah, dass der Sarg schon im Wasser stand. Wenn das Wasser steigt und in den Sarg eindringt, dachte er, dann verläuft die Schminke auf Papas Gesicht.
Zusammen mit dem Pastor trat Philipp zurück, schaute sich um und sah, dass die Trauergemeinde sich auflöste und die Menschen dem Ausgang zustrebten. Draußen lagen die nassgeregneten Kränze. Die Kutsche wartete noch. Der Kutscher hatte das Verdeck hochgezogen, Ferdinand und die dicken Nachbarinnen saßen schon im Innenraum. Lisa half Jacob hinein. Philipp bat die beiden Alten zusammenzurücken, damit der Pastor bis zur Kirche mitfahren könne.
»Kommen Se mal, Pastorken«, sagte die dickere der Nachbarinnen, »wir nehme Se in de Mitt.« Damit griff sie energisch zu, und der Pastor landete auf ihrem Schoß. So fuhren sie davon. Die anderen gingen zur Straßenbahnstation. Als die Straßenbahn kam, hörte es so plötzlich auf zu regnen, wie es angefangen hatte.
Das Lokal »Zur Sonne« wurde weiterhin mit dem Namen Hermann in Verbindung gebracht. Hermann war lange tot, seine Witwe aber lebte noch und glich immer mehr einer alten Indianerin mit spitzer Nase und einer gelben Lederhaut. Das Lokal war von einem jungen Ehepaar gemietet worden.
Als Lisa mit der Familie, den Verwandten und den Nachbarn das Lokal betrat, saßen Ferdinand, die beiden dicken Nachbarinnen und Hermanns Witwe schon am Tisch und aßen Streuselkuchen. Das Lokal füllte sich. Frauen in schwarzen Kleidern und mit weißen Schürzen schenkten Kaffee aus. Nach dem Streuselkuchen und dem Kaffee gab es Bier, Schnaps und Eierlikör. Philipp fragte die Mutter, wie sie das alles bezahlen wolle.
»Hab gutes Sterbegeld gekriegt, und den Rest kann ich beim Heinkes über zwei Jahre in Raten abstottern«, sagte sie.
Man redete über das schlechte Wetter, über die Sorgen mit den Kindern, über gemeinsame Bekannte und über die Politik. Hugo erzählte aus seinem Buckel-Vorrat eine lustige Geschichte, Johanna schüttelte den Kopf und schimpfte mit ihm. Der Heinkes gab einen unanständigen Witz zum Besten, man lachte, prostete sich zu und war bald recht fröhlich. Einer fragte, wo denn Jacob abgeblieben sei. Der Kutscher berichtete, dass er ihn auf dem Wege zum Hermann in der Neuen Kolonie abgesetzt habe.
»Schau doch mal, wo Opa geblieben ist!«, bat Oma Josepha Philipp.
Philipp ging nach Hause und fand den Großvater in der Schusterkammer. Er saß am offenen Dachfenster und atmete schwer. Philipp setzte sich zu ihm.
»Willst du nicht rüberkommen, Opa?«
»Lass mich mal hier, Junge.«
Gemeinsam schauten sie den Tauben am Schlag auf dem Dach des Nachbarhauses zu und schwiegen eine Weile. Wasserdampf stieg von dem noch warmen, aber regennassen Dach auf. Immer mehr Tauben kamen aus dem Schlag.
»Weißt du noch, Opa«, sagte Philipp auf einmal, »wenn du früher mit mir durch die Felder gegangen bist, und die Lerchen stiegen hoch in den Himmel und sangen?«
»Ja, früher − die Lerchen«, sagte Jacob.
Auf der Rückreise nach Berlin kam Philipp zu dem Entschluss, auch in die Partei einzutreten, die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands genannt wurde, abgekürzt SED.
13
Zwei Wochen nach seinem Parteieintritt bekam Philipp vom Sekretariat der Universität die Mitteilung, dass er in das Studentenheim einziehen könne. Als Sophie davon hörte, überbrachte sie ihm die Nachricht ihrer Wirtsleute, er könne bei ihr in Weißensee wohnen.
»Jetzt, wo du ein Genosse bist, sind sie damit einverstanden. Meine Wirtsleute haben noch das Zimmer ihrer Tochter frei. Mutti ist auch einverstanden. Wenn sie das nächste Mal nach Berlin kommt, möchte sie dich sowieso kennen lernen.«
Philipp war erschrocken.
»Das geht mir alles zu schnell.«
»Aber du hast mir doch immer gesagt, du wolltest aus deiner Bude am Prenzlauer Berg ausziehen.«
»Ja, sicher, will ich ja auch. Warum ziehst du nicht auch ins Studentenheim ein?«
»Ich habe in der Sowjetunion neun Jahre in Heimen gewohnt. Das ist genug. Ich ziehe nie wieder in ein Heim, nie, nie!«
Philipp wusste nicht weiter.
»Lass mir Zeit, ich muss mir alles in Ruhe überlegen.«
Er überlegte zwei Tage, dann hörte er von Christian, dass im Heim ein Zweierzimmer frei geworden war. Philipp dachte an die Heizung im Studentenheim; die Zeit des Frierens würde vorbei sein. Er sagte Christian nichts von Sophies Angebot, und am Ersten des Monats zog er ins Heim ein. Das Zimmer war nicht groß, aber ihnen standen sämtliche Gemeinschaftsräume offen. Auch gab es eine Küche, in der sie sich Teewasser heiß machen und auch mal eine Suppe kochen konnten. Erst nach dem Einzug und im Beisein der Klasse teilte Philipp Sophie mit, dass er nun im Heim wohne.
Das Leben im Heim bot vielerlei Vorteile, Anregungen und Abwechselungen. Die Zimmer waren immer warm und wurden gereinigt, täglich gab es irgendeine Veranstaltung, eine Versammlung, einen Gesprächskreis oder auch nur die Möglichkeit, in den Gemeinschaftsräumen an den Abenden miteinander zu reden oder Gesellschaftsspiele zu spielen.
Treffen in kleinerem Kreis fanden auf den Zimmern statt, intimere Treffen in den Zweierzimmern. Diese Treffen dauerten dann auch schon mal bis zum nächsten Morgen. Weil es aber sowohl für die weiblichen als auch für die männlichen Studenten als kleinste Wohneinheiten eben nur Zweierzimmer gab, erforderten solche Treffen organisatorische Vorbereitungen und manchmal auch die Anwendung von Überredungskünsten bei den Zimmerpartnern.
Christian kannte sich schon aus bei den Studentinnen der Musikhochschule. Lena, eine sächsische Studentin, blond und von kräftiger Statur, mit einem großen Brustumfang und einem ebensolchen Stimmvolumen die künftige Wagnersängerin, zeigte sich seinem Werben geneigt. Sie hatte − so fand Christian − nur einen unüberwindbaren Nachteil: Sie sächselte stark.
»Aber ich will ja keine Diskussionsabende mit ihr veranstalten«, sagte er.
Ein weiterer, aber überwindbarer Nachteil war, dass sie mit einer anderen Gesangsstudentin zusammen wohnte, die weniger mit körperlichen Reizen, dafür mehr mit konservativen Moralvorstellungen auf sich aufmerksam machte.
Isa, die eigentlich Isabella hieß, war nicht sehr groß, brünett und von der Natur mit einem lieblichen Gesicht ausgestattet. Sie kam aus Schwaben, hatte dort einen festen Freund zurückgelassen und wollte sich diesem Jüngling und künftigen Ehemann in Keuschheit erhalten. Sie duldete zwar, dass Christian und Philipp als Gäste sie und Lena auf ihrem gemeinsamen Zimmer besuchten; wenn es aber um die Organisierung der Schlafmöglichkeiten ging, dann war am Ende Philipp immer der Dumme.
Christian und Lena zogen sich in das Zimmer der Männer im Keller zurück, Isa lag allein in ihrem Bett in der zweiten Etage, und Philipp saß mit einem Buch oder mit den Schularbeiten oft bis weit nach Mitternacht im Gemeinschaftsraum, bis Christian endlich kam und verkündete, dass das Bett auf ihn warte. Der Erfolg war, dass Christian am nächsten Morgen, beflügelt von der Liebe, aufmerksam dem Unterricht folgte, während Philipp gegen den Schlaf ankämpfen musste. Ihm kam schon der Verdacht, dass Christians Einsatz für ihn als Mitbewohner eines Zweierzimmers nicht so ganz aus reiner Männerfreundschaft geschehen war. Er beklagte sich bei ihm.
»Weißt du«, entgegnete Christian, »ich habe schon mit Lena gesprochen. Aber sie kann einfach nicht, wenn du daneben in deinem Bett liegst und schläfst. So sind eben die Weiber!«
Endlich gelang es Lena, Isa davon zu überzeugen, dass es doch eigentlich gleich sei, in welchem Bett sie die Nacht verbringe, wenn man ihr nur einen ungestörten Schlaf garantiere. Isa stellte nur eine Bedingung: Wenn sie schon in Christians Bett schlafen musste, dann nur mit ihrem eigenen Kopfkissen. Eines Abends war es dann soweit. Christian nahm sein Kopfkissen, wünschte eine Gute Nacht und verschwand. Nach kurzer Zeit ging die Zimmertür einen Spalt auf und Isas Kopf erschien.
»Dreh dich mit dem Gesicht zur Wand!«, befahl sie Philipp. Sie huschte mit dem Kissen unter dem Arm ins Zimmer, entkleidete sich, legte sich in Christians Bett und löschte das Licht. Eine ganze Weile hörte Philipp nur ihre kräftigen Atemzüge, dann sagte sie: »Das mache ich nur Lena zuliebe.«
»Natürlich«, antwortete Philipp. »Ich bin dir aber auch sehr dankbar dafür, denn ich brauche meinen Schlaf.«
»Der Christian ist rücksichtslos, und du bist viel zu gutmütig, dass du dich darauf einlässt.«
»Du und ich, wir sind sicher beide gutmütig, aber was bleibt uns übrig? Sie lieben sich ja wohl.«
»Lieben?! Glaubst du im Ernst, dass das Liebe ist? Nein, das hat bestimmt mit Liebe nichts zu tun, animalisch ist das!«
Sie war mit ihrem Oberkörper hochgeschnellt, schaltete das Licht auf ihrem Nachttisch ein, sah zu Philipp hinüber, und ihre Augen blitzten vor Empörung.
Philipp drehte sich um, und weil Isa nicht protestierte, blieb er so und schaute sie an.
»Wir sollten nicht so hart urteilen; sie sind eben jung.«
Isas Stimme wurde leiser.
»Wir sind auch jung, aber wir wissen, was sich gehört.«
»Ja, das ist wahr, wir wissen, was sich gehört«, antwortete Philipp, und im Tonfall seiner Stimme war ein leichtes Bedauern zu hören. Er sah Isas liebliches Gesicht, die entblößten Arme, ihren nackten Hals und unter dem Nachthemd die Konturen ihrer kleinen Brüste. Nur das Gespräch jetzt nicht beenden, dachte er und fragte sie nach ihrer Familie und wie sie nach Berlin gekommen sei.
Sie löschte das Licht wieder, legte sich zurück und erzählte von ihrer Heimat, einem Vorort von Stuttgart, von ihren Eltern und von ihrer älteren Schwester. Ihr Vater sei selbstständiger Tischlermeister, habe eine Werkstatt mit drei Gesellen und fertige Möbel nach Maß. Ihre Mutter führe den Haushalt und ihre Schwester die Bücher der Tischlerei. Philipp sah vor seinen Augen eine kleinbürgerliche Idylle .
»Wie kommst du dann aber ausgerechnet nach Ostberlin?«
Schon in der Schule habe sie gerne gesungen und den Rat der Lehrer bekommen, doch unbedingt ihre Stimme ausbilden zu lassen. Aber die Tischlerei warf das Geld für den Besuch eines Konservatoriums nicht ab.
»Da hörte mein Vater von einem Genossen, dass es hier ein Stipendium gäbe; so habe ich mich beworben.«
Philipp war erstaunt.
»Wie, Genossen? Ist dein Vater etwa Kommunist?«
»Ja, sicher, er ist in der KPD.«
»Na, so sicher finde ich das ja nun nicht. Ein Handwerksmeister mit einem eigenen Betrieb und mit Angestellten; sind seine Gesellen etwa auch Kommunisten?«
»Nein, natürlich nicht.«
»Was du so sicher und natürlich findest, das wirft alle Theorien von dem klassenbewussten Arbeiter und dem reaktionären Unternehmer über den Haufen.«
»Ist dein Vater denn kein Kommunist?«, fragte Isa.
»Mein Vater ist gerade gestorben, aber er war alles, nur kein Kommunist.«
Philipp erzählte von seinem Leben im Ruhrgebiet, von den Bergarbeitern und von dem tödlichen Unfall seines Vaters.
»Das tut mir sehr leid«, sagte Isa. »Da hatte er doch allen Grund, ein Kommunist zu sein.«
»Grund vielleicht, aber er war es nicht. Ich erinnere mich, als ich noch ein Kind war, kamen SA-Leute zu uns und holten eine Uniform von meinem Vater ab. Er war im Stahlhelm-Bund, und als der 1935 aufgelöst wurde, musste mein Vater die Uniform abgeben.«
»Was war denn das, ein Stahlhelm-Bund?«, fragte Isa.
»Ein Verein von alten Kämpfern aus dem Ersten Weltkrieg.«
»War dein Vater zu der Zeit denn schon so alt und Soldat?«
»Ach wo, aber später konnten auch andere dort eintreten. Man musste nur für Soldatentum und Säbelrasseln sein. Da war ein junger Bergmann wohl genau richtig in dem Verein.«
Sie schwiegen. Im Hause war es still geworden. Philipp hörte nur das Atmen seiner Bettnachbarin. Er wälzte sich unruhig herum. Nach einiger Zeit meldete Isa sich.
»Kannst du auch nicht schlafen?«
»Nein.«
»Ich auch nicht, ich muss immer an das denken, was du mir von deinem Vater erzählt hast. Der war doch noch so jung.«
»Ja, so jung«, sagte Philipp.
»Wenn du mir versprichst, dass du ganz vernünftig bist und deine Hände ...«
Weiter kam sie nicht, da war Philipp schon in ihrem Bett, und einige Minuten lang hielt er wirklich seine Hände bei sich.
Nach und nach verlief das Leben für Christian und Philipp in ruhigeren Bahnen und verlor den Reiz des Neuen. Mit den beiden Frauen kamen sie überein, dass der Gerechtigkeit und der Ordnung wegen der Zimmer- und Bettentausch alle Beteiligten gleichermaßen treffen sollte. So ging an den späten Abenden mal Christian in die zweite Etage und Isa kam ihm auf dem Wege in den Keller entgegen, oder Philipp ging hoch und kreuzte den Weg mit Lena.
Natürlich waren sie nicht die Einzigen, die spät im Hause noch unterwegs waren, aber alles lief ohne viel Aufsehen und friedlich ab. Man grüßte sich, wünschte Gute Nacht und genoss die Freiheit einer sich entwickelnden neuen Auffassung von Liebe unter den Menschen, jenseits verstaubter bürgerlicher Moralvorstellungen.
In den Gesprächskreisen an den Abenden war man sich schnell einig, dass schon Marx die bürgerliche Liebe verurteilt hatte. Ein großer, schlanker Student mit langen, dünnen Armen und einer Nickelbrille auf der spitzen Nase, »die Stange« genannt, war als höheres Semester im Marxismus besonders bewandert. Er gab Marx-Zitate zum Besten, in denen die bürgerliche Liebe als Ware bezeichnet wurde, wie alle menschlichen Beziehungen im Kapitalismus durch die Hure Geld vermittelt. Würde die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen aber abgeschafft, so folgte den neuen, sozialistischen Produktionsverhältnissen ein neues Bewusstsein und damit eine neue, sozialistische Liebe.
Keiner sah einen Grund, dieser fundamentalen These zu widersprechen, jeder und jede Liebende fühlte sich bestätigt. Denn, so zitierte »die Stange« Marx, die gesellschaftlichen Verhältnisse müsse man nicht nur erklären, sondern auch verändern. Und so wechselte man spätabends die Etagen, mit der langsam keimenden Erkenntnis, eigentlich recht klassenbewusst zu handeln. Die Studenten konnten sich nicht vorstellen, dass nach gut einem Jahr, als die DDR schon auf dem Wege zu einem Staat mit einer kleinbürgerlichen Spießermoral war, ausgerechnet ihr klassenbewusstes Verhalten ein Hauptgrund zur Schließung des Heimes sein würde.
In einer Unterrichtspause überbrachte Sophie Philipp die Grüße ihrer Mutter und eine Einladung. Die Mutti komme nach Berlin, müsse zum Ministerium und für sich eine Wohnung einrichten, dabei wolle sie Philipp kennen lernen.
»Eine Wohnung einrichten, zieht deine Mutter nach Berlin?«
»Ja, sie wird im neuen Jahr Staatssekretärin und stellvertretende Ministerin für Arbeit und Gesundheitswesen.«
»Dann zieht ihr doch sicher zusammen?«
»Nein, auf keinen Fall. Ich möchte nicht wieder mit Mutti zusammen wohnen. Sie bekommt eine Wohnung in Pankow, dort leben alle Regierungsleute.«
Philipp überlegte, wie er aus dieser Situation herauskommen konnte. Er wollte keine Verpflichtung eingehen, wollte Sophie aber auch nicht beleidigen, und er war neugierig auf ihre Mutter. Aus den Erzählungen von Sophie wusste er, dass Edda Dahlhaus aus einer gutbürgerlichen Industriellenfamilie stammte, eine behütete und sorgenfreie Kindheit und Jugend genossen und ihre Liebe zu den Arbeitern erst in der Sowjetunion entdeckt hatte. »Wenn du mal heiratest, möchte ich, dass es ein Mann aus der Arbeiterklasse sein wird«, soll sie ihrer Tochter geraten haben.
Philipp entschloss sich zu einem Besuch bei Sophies Mutter. Der werde ich einen Vertreter der Arbeiterklasse bieten, der sich gewaschen hat oder eben nicht gewaschen hat, sagte er sich. Als er in Weißensee eintraf, war Edda Dahlhaus noch nicht da. Philipp brachte Sophie Tee mit, den sie gemeinsam bereiteten. Sie fragte nach dem Unglück seines Vaters und ließ sich von seiner Familie berichten.
»Wo leben deine Verwandten?«, fragte Philipp anschließend.
»Mein Bruder ist mit dem Studium fertig, besucht in Moskau noch eine Parteischule und wird dann nach Deutschland zurückkehren. Der Vater von Mutti lebt in einem Altenheim in Westberlin; seine Frau ist im Krieg gestorben.«
»Der Vater meiner Mutter heißt bei mir Opa, seine Frau heißt Oma«, sagte Philipp.
»Ja, bei dir! Ich kenne doch niemanden aus der Familie. Als wir in die Sowjetunion fliehen mussten, war ich sechs Jahre alt. An die Zeit davor habe ich kaum noch Erinnerungen. Muttis Schwester soll in Westdeutschland wohnen; aber Mutti verkehrt mit keinem aus dem Westen.«
»Wo bist du denn geboren?«
»In Westberlin, in Dahlem, mein Bruder auch. Aber das Haus ist ausgebombt und die Ruinen sind abgerissen worden. Der Vater von Mutti, mein Opa, hat das Grundstück verkauft. Mutti hat auf alle Erbansprüche aus dem Westen verzichtet.«
»Und dein Vater, der hatte doch sicher auch Familie?«
»Er hatte keine Geschwister. Irgendwelche Verwandten soll es in Thüringen noch geben.«
Sie hörten ein Auto vor dem Haus halten.
»Das wird die Mutti sein«, sagte Sophie und stürzte hinaus.
Durch das Zimmerfenster sah Philipp einen Mann aus einer sowjetischen Limousine steigen und die Tür zu den Hintersitzen aufhalten. Eine Frau stieg aus und sprach mit dem Fahrer, der lüftete seine Mütze und fuhr mit dem Auto davon.
Wie klein sie ist, dachte Philipp. Sophie erschien auf der Straße, umarmte ihre Mutter, und beide gingen ins Haus. Philipp hörte sie im Flur mit den Wirtsleuten reden.
»Das ist Philipp«, sagte Sophie, als sie ins Zimmer traten.
»Guten Tag, Genosse Philipp«, grüßte die kleine Frau freundlich und reichte Philipp die Hand.
Philipp war überrascht, diese Anrede hatte er nicht erwartet.
»Tag, guten Tag, Genossin«, stammelte er.
Frau Dahlhaus fand das anscheinend ganz natürlich, schaute auf ihre Armbanduhr und wandte sich an ihre Tochter.
»Eine Stunde habe ich dem Fahrer frei gegeben, das muss wohl reichen, Kind, oder?« Sophie nickte. »Ich lebe jetzt wie ein Bourgeois, mit Auto und Fahrer, aber so ist es eben effektiver.« Sie setzten sich, Sophie schenkte Tee ein. »Aber ihr lebt ja auch nicht schlecht. Russischer Tee?«
»Nein, kapitalistischer Tee, den hat mir meine Mutter mitgegeben«, erklärte Philipp.
»Dem Tee wird es schon nicht geschadet haben, aus dem Westen zu sein, und wenn er ein Geschenk von deiner Mutter ist, dann ist er bestimmt gut.«
Sie tranken den Tee. Philipp fühlte sich unwohl in Nähe dieser Frau.
»Sophie hat mir von dem Unglück mit deinem Vater geschrieben, schlimm, schlimm, das tut mir aufrichtig leid. Aber so ist das eben, wenn Grubenbesitzer die Menschen rücksichtslos ausbeuten.«
Diese Frau redet von Ausbeutung in den Gruben, dachte Philipp, und ein Satz von seinem Vater bei einem ihrer letzten Gespräche in den Sommerferien fiel ihm ein: »Rede nicht von der Arbeit, wenn du noch nie richtig gearbeitet hast.«
Er bekam seine Sicherheit zurück.
»Gibt es in den Kohlegruben der Sowjetunion keine tödlichen Unfälle?«
»Sicherlich, aber dort gehören die Gruben den Arbeitern, und die beuten sich selber nicht rücksichtslos aus.«
»In Westdeutschland gibt es Gewerkschaften, und außerdem ist es den Kumpeln sicher egal, ob sie von kapitalistischen oder von volkseigenen Steinen erschlagen werden.«
»Als Genosse vertrittst du eine interessante These. Vergiss aber nicht die Einstellung zur Arbeit. Es ist schließlich ein Unterschied, ob man für Fremde arbeiten muss oder ob man weiß: Das, was ich schaffe, gehört mir. Nur dann ist man doch mit Liebe bei der Arbeit.«
»Liebe ist ein falsches Wort. Liebe zu einer Sache, welche die Menschen kaputt macht, kann nur jemand propagieren, der nichts von der Sache kennt.«
»Oho! Du sprichst immerhin mit der künftigen Staatssekretärin für Arbeit.«
Sophie schaltete sich ein.
»Philipp hat schon als Laborant gearbeitet; in der Klasse ist er der Beste in Naturwissenschaften, besonders in Chemie.«
»Das ist schön«, sagte Edda. »Wir brauchen fähige Kader für den Aufbau des Sozialismus, auch kritische Kader. Hast du dir schon überlegt, ob du nach dem Studium in der DDR bleiben willst oder in den Westen zurückgehst?«
»Das weiß ich noch nicht; ich fange ja eben erst an.«
»Wir schaffen aus der Arbeiterklasse auch eine Intelligenz für den Westen, das ist Teil unserer Revolution«, sagte Edda, fasste ihre Teetasse mit spitzen Fingern, führte sie zum Mund und trank daraus, indem sie beim Trinken den kleinen Finger ihrer Hand abspreizte.
»Hoffentlich wissen die künftigen Revolutionäre dann auch, wozu sie ausgebildet worden sind«, bemerkte Philipp.
»Da machen wir uns keine Sorgen. Wenn sie sich entscheiden müssen, wie sie zu handeln haben und wo sie hingehören, vertrauen wir auf den proletarischen Instinkt. Ich gebe dir ein Negativbeispiel: In meiner Zeit in der Sowjetunion ist ein guter Freund von mir verhaftet worden. Natürlich habe ich alle Briefe, die er mir geschrieben hat, bei den Staatssicherheitsorganen abgegeben. Nun hatte mir der Freund in einem Brief mitgeteilt, dass ein Arbeitskollege und Genosse sich kritisch über die Staatssicherheit geäußert habe und er das melden werde. Als wir uns später trafen und ich ihn gleich fragte, ob er auch den Genossen gemeldet habe, machte er Ausflüchte. Der Genosse leiste gute Arbeit und habe diese Äußerung sicher nur in einer momentanen Erregung und im Ärger über die schlechten Lebensbedingungen gemacht. Als die Staatssicherheit seinen Brief an mich las, machte man mir zum Vorwurf, dass ich den Vorfall nicht sofort gemeldet hätte. Ich wurde vorübergehend aus der Partei ausgeschlossen, kam dann aber mit einer strengen Rüge davon, weil ich genügend selbstkritisch war. Siehst du, Genosse Philipp, da hat mir die proletarische Biographie gefehlt, sonst wäre ich natürlich sofort zur Staatssicherheit gegangen, als ich die Ausflüchte des Freundes vernahm. Aber meine bürgerlichen Eierschalen haben mich damals daran gehindert.«
Vorsicht!, dachte Philipp, diese freundliche, wohlerzogene Frau aus gutbürgerlichem Hause bringt dich, ohne zu zögern, ins Gefängnis oder sogar an den Galgen. Er sah plötzlich, dass sie, die für eine imaginäre Arbeiterklasse schwärmte wie andere ihrer Herkunft für kostbares Porzellan, über Leichen gehen würde.
»Ja, ich glaube, das hätte ich sofort gemeldet, Genossin«, sagte er.
Sophie schaute ihn erstaunt an. Edda nickte zufrieden.
14
Wieder näherte sich das Jahr dem Ende und eine Stalinfeier stand ins Haus. In diesem Jahr, am 21. Dezember 1949, dem 70. Geburtstag Stalins, plante die ABF eine besondere Feier mit Rezitationen und Stalinhymnen. Einige in der Klasse wollten auch, wie schon im letzten Jahr, eine Weihnachtsfeier veranstalten, aber Werner, der neue Klassensprecher, protestierte und setzte sich nach einer längeren Diskussion durch.
Philipp bekam eine Einladung von Isa, mit ihr in den Wintersport nach Thüringen zu fahren. Weil sie beide nicht auf einen Interzonenpass hoffen konnten, hatte Isa sich an den Freien Deutschen Gewerkschaftsbund FDGB gewandt mit der Bitte um Ferienplätze über Weihnachten. Als Christian davon hörte, wollte er mitfahren. Isa war dagegen, bis es Christian gelang, Lena zu überreden auch mitzufahren.
Das FDGB-Angebot galt ab dem 21. Dezember, dem ersten Tag der Weihnachtsferien. Christian und Philipp äußerten Bedenken wegen der Stalinfeier, aber dann meinte Christian, vielleicht fiele es gar nicht auf, wenn sie fehlten. Als der Zug durch die verschneiten Wälder Thüringens fuhr, vergaßen sie die ABF, die Stalinfeier, die Musikhochschule, die Trümmer Berlins und freuten sich auf die Zeit miteinander in der weißen Landschaft am Rennsteig.
Das Ferienheim war außen ganz mit Schieferplatten verkleidet und hatte nur wenige Gäste. Der Wirt gab ihnen ein Doppelzimmer für die Männer und eines für die Frauen.
»Wenn die beiden Damen sich aber nicht vertragen, können wir die Zimmerverteilung ja auch anders regeln«, sagte er und zwinkerte ihnen plumpvertraut zu, so dass Isa und Lena beinahe wirklich zusammengezogen wären.
»Und noch eins«, sagte der Wirt, »wenn Sie mal wiederkommen möchten, machen Sie das nicht über den Feriendienst der Gewerkschaft, kommen Sie privat, das ist preiswerter für Sie.«
Im Dorf gab es eine Sägerei mit einer Schreinerwerkstatt; dort konnten sie für wenig Geld Skibretter ausleihen. Christian, der als Kind in den Karpaten schon auf Skibrettern gestanden und dort auch einen Kurs absolviert hatte, gab den anderen den ersten Unterricht.
Als alle die Grundregeln für einen Langlauf kannten, zogen sie los, genossen die Wintersonne, die Stille in den Wäldern und die klare Luft. Weit und breit gab es nur diese vier jungen Menschen und ihr Lachen. Wenn es ihnen gar zu still vorkam, dann trillerten die Frauen einige Koloraturen, wofür sie von den Männern mit einem Schneeballregen belohnt wurden. Trieben diese es mit der Belohnung gar zu toll, mussten sie anschließend ihre Partnerin in die Arme nehmen, um Entschuldigung bitten und sie viele Male küssen.
Als es ihnen mit der Zeit aber doch zu kalt wurde, gingen sie in das einzige Lokal im Dorf, tranken heißen Tee und unterhielten sich mit den anderen Gästen. Es waren meist Holzfäller; sie hatten rote Gesichter von der Kälte und grobe, schwielige Hände. Ein alter Holzfäller mit einem Bart wie der Weihnachtsmann setzte sich zu ihnen an den Tisch und erzählte von seiner Arbeit.
»Die Winter sind schlimm, da gibt’s leicht Rheuma. Das Sägen geht noch, immer zwei Mann müssen im Takt die Säge hin und her ziehen. Man arbeitet aber den ganzen Tag gebückt, das geht ins Kreuz. Wenn du dann den Keil setzt, musst du genau arbeiten und aufpassen, damit der Baum richtig fallen kann und nicht die anderen Bäume kaputt macht. Und wenn er fällt, musst du weglaufen wie ein aufgescheuchter Hase, denn du weißt nie genau, ob er sich nicht beim Fallen dreht und dich erwischt. So ein Baum, der will sich rächen und schlägt zurück.«
»Was verdient man als Holzfäller?«, wollte Christian wissen.
»Wenn du gut arbeitest, dann hast du deine hundertfünfzig im Monat.«
Die vier schauten sich an; ihre Stipendien waren höher.
»Haben Sie Familie?«, fragte Philipp.
»Na sicher, ich hatte neun Kinder, eins ist gestorben. Mein rechter Nachbar hat acht, mein linker hat auch acht, da wollte ich sie überholen. Jetzt haben wir alle drei acht.«
»Ihre sind aber nicht mehr alle im Haus?«, fragte Philipp weiter.
»Nein, einer, der Älteste, hat geheiratet und wohnt bei seinen Schwiegereltern. Aber sieben sind noch bei mir; die älteste Tochter arbeitet im Sägewerk.«
»Wie alt sind Sie denn?«, fragte Lena.
»Fünfundvierzig.«
»Da sind Sie ja noch gar nicht alt!« So alt wie mein Vater, als er verunglückte, dachte Philipp. »Und Ihre Frau?«, wollte Lena weiter wissen.
»Die ist auch fünfundvierzig; wir sind zusammen in eine Klasse gegangen.«
»Ich meine, wie wird sie mit all der Arbeit fertig?«
»Wie? Gut, sie hat doch Hilfe durch die Kinder. Und dann ist sie immer im Haus, im Trockenen, und sie hat es warm.«
»Na, ich weiß nicht!«
»Sicher doch«, beteuerte der Holzfäller. »Kinder sind ein Segen, besonders für die Frauen. Ich gebe euch mal einen Rat: Heiratet und macht euch viele Kinder, das bringt Spaß, äh, ich meine, dann ist immer Leben im Haus, und wenn ihr mal alt seid, kommen die Kinder und kümmern sich um euch.«
»Möchtest du auch mal viele Kinder haben?«, fragte Isa abends im Bett.
»Weiß ich nicht«, antwortete Philipp.
»Ich möchte viele Kinder, vielleicht keine acht, aber drei oder vier dürfen es schon sein. Wenn wir heiraten sollten, dann müssen wir uns aber vorher einigen.« Philipp blieb still. »Ich habe Gerd geschrieben«, sprach Isa weiter, »dass ich jetzt einen anderen Freund habe; er soll nicht länger auf mich warten. Meinen Eltern habe ich auch von uns erzählt. In den Sommerferien, wenn wir wieder einen Interzonenpass bekommen, dann möchten sie dich kennen lernen.«
Am Weihnachtsmorgen stellte der Wirt eine Fichte in den Aufenthaltsraum des Ferienheims und schmückte sie mit Glaswolle als Engelhaar und mit Stanniolstreifen. Für den Abend lud er seine Hausgäste zu einem Festessen ein. Es gab Kartoffelsalat, selbst gebackenen Kuchen, Bier und für die Frauen eine Waldmeisterbowle. Gemeinsam sang man Weihnachtslieder; Isa und Lena sangen Lieder aus Operetten und Opern. Christian und Philipp begleiteten sie dabei abwechselnd auf einem mit Pergamentpapier umwickelten Kamm.
Eine Frau begann auf einmal laut zu weinen. Sie war alleine angereist und hatte sich bisher wenig am Gemeinschaftsleben beteiligt. Isa und Lena versuchten sie zu trösten und durften sich dafür ihre Geschichte anhören.
Die Frau schimpfte auf ihren Mann und nannte ihn einen Schuft und Hurenbock. Sie habe ihn im Krieg kennen gelernt, einen Feldwebel mit einer schmucken Uniform. Sie schrieben sich heiße Feldpostbriefe, und bei seinem nächsten Fronturlaub haben sie geheiratet. Die ganze weitere Kriegszeit und die Zeit seiner Gefangenschaft habe sie treu und brav auf ihn gewartet. Und nun, kaum zurückgekehrt aus Russland, sei er zu einer Jüngeren gezogen.
Ein älteres Ehepaar berichtete von seinem einzigen Sohn, der Schwiegertochter und dem geliebten Enkel. Die Alten hätten die junge Familie in ihr Haus genommen, und nun verbiete ihnen die Schwiegertochter den Umgang mit dem Enkel, weil sie ihn angeblich verziehen würden. Da wollten sie auch nicht mit den jungen Leuten Weihnachten feiern.
Einem älteren Mann war gerade die Frau gestorben, und er wollte Weihnachten nicht bei den Kindern sein und sich bemitleiden lassen. Plötzlich stand Christian auf.
»Schluss! Ich muss mir das nicht alles anhören. Komm, Lena!«
Isa und Philipp folgten ihnen bald und gingen auch in ihr Zimmer. Kaum aber lagen sie zusammen in Philipps Bett, klopfte es, Christian und Lena standen in der Tür.
»Dürfen wir zu euch kommen?«
Isa erlaubte, dass die zwei in ihr freistehendes Bett gingen. Man sprach noch eine Weile über das kommende Jahr, über das Leben im Heim, über die Dozenten und über die eigenen Familien. Christian berichtete, dass seine Großmutter gestorben sei und am Tage der Reise nach Thüringen begraben werden sollte. Er wollte die Reise nicht absagen und habe daher geschwiegen. Von seinem Großvater erzählte er, dass der 1945 nach der Kapitulation sich geweigert habe zu essen und bald auch an Entkräftung gestorben sei.
Lena erzählte von ihrem Elternhaus und dass sie schon seit Jahren Weihnachten nicht mehr zu Hause, sondern bei ihrer älteren Schwester verbringe und, seit sie in Berlin wohnte, auch in den Ferien dorthin ginge. Ihr Vater, in der Nazizeit und auch jetzt wieder ein Polizeioffizier, habe erst ihre Schwester und nach deren Auszug sie missbraucht. Die Mutter wisse davon und habe zu alledem geschwiegen.
»Macht endlich das Licht aus!«, sagte Christian.
Gleich am Morgen des ersten Schultages im neuen Jahr kam Sophie auf Philipp zu.
»Wo warst du denn? Ich habe dich gesucht, war sogar im Studentenheim, aber niemand wusste, wo du geblieben warst. Man sagte mir nur, du seist mit Christian weggefahren. Mutti hatte uns zu Weihnachten eingeladen; sie wollte mit uns auch den Einzug in ihre neue Wohnung feiern. Bei der Stalin-Feier hast du ebenfalls gefehlt; als ich Mutti davon erzählte, konnte sie das nicht verstehen und war ärgerlich.«
Am nächsten Tag erhielten Christian und Philipp Post mit gleichlautendem Inhalt: Aufgrund der Tatsache, dass Sie am 21. 12. 1949 der Stalin-Feier ferngeblieben sind, erteilen wir Ihnen wegen Ihres gemeinschaftswidrigen Verhaltens eine Verwarnung. Diese Verwarnung wird in die Beurteilung der gesellschaftlichen Arbeit beim Abitur einbezogen, wenn Sie nicht bis dahin durch besonderen Gemeinschaftseinsatz einen Ausgleich geschaffen haben.
| Der Studiendirektor | Der Direktor |
| Reitmann | Hauke |
Christian nahm die Anzeige vom Tode seiner Großmutter mit dem 21. 12. als Bestattungstag und ging zu Reitmann. Seine Verwarnung wurde zurückgezogen.
Der Winter verging, das Frühjahr kam und damit die Vorbereitung auf die Abiturprüfungen. Wenn auch das Lernen mehr Zeit erforderte als bisher, so blieb doch weiterhin Zeit für die abendlichen Gesprächskreise und Treffen im Heim. Es gab laufend Neuigkeiten, die in den abendlichen Runden diskutiert werden wollten.
Die Provisorische Volkskammer hatte das Ministerium für Staatssicherheit gebildet und das »Gesetz der Arbeit« verabschiedet, nach dem die Erhöhung der Arbeitsproduktivität angestrebt und gleichzeitig Lohnabzüge von den Arbeitern bei Ausschussproduktion beschlossen wurde.
Im Gesprächskreis der Heimstudenten war man sich schnell einig, dass der erste sozialistische Staat auf deutschem Boden wachsam sein musste und dass die Arbeiter nur ein Recht auf guten Lohn hatten, wenn sie qualitätsvolle Arbeit leisteten. Philipp dachte an die Geschichte mit dem »Wagen-Nullen« im Bergbau, von der sein Großvater ihm erzählt hatte, und er dachte an die Holzfäller am Rennsteig – sein erster Kontakt mit Arbeitern in Ostdeutschland.
Auch die Kultur kam nicht zu kurz. Die Musikstudentinnen brachten verbilligte bis kostenlose Theaterkarten mit, und so gab es zwar »saure Wochen«, aber eben auch weiterhin »frohe Feste«.
Nach dem Besuch einer Aufführung von Brechts Mutter Courage im Deutschen Theater und dem Gespräch am Abend darüber kam jemand mit der Idee, den Dramatiker ins Studentenheim einzuladen. Brecht kam, brachte seine Frau Helene Weigel mit und einige Schauspieler. Der Saal im Heim war gefüllt mit Menschen. Christian war nicht erschienen.
Der »die Stange« genannte Student war auserwählt, einige Begrüßungsworte an die Gäste zu richten. Er hielt eine lange Rede. Vom Aufbau des Sozialismus in einem Teil Deutschlands sprach er und davon, dass die Menschen das seltene Glück hätten, in einer so außergewöhnlichen Zeit und in diesem fortschrittlichen Land zu leben. Der größte Dramatiker dieser Zeit aber brächte Themen aus längst vergangenen Tagen auf die Bühne, statt sich dem Heute zuzuwenden und freudig die neue Zeit zu begrüßen.
Brecht, der bis dahin nur zugehört hatte, sagte ruhig, dass es notwendig sei, Abstand zu der Zeit zu haben, wolle man ihre Eigenarten und Gesetzlichkeiten erkennen und mit den Mitteln der Kunst über sie urteilen. Werner Peitz bemerkte, dass mit dem Marxismus eine wissenschaftliche Methode zur Verfügung stände, mit der man eben auch die Gegenwart erfassen und über sie urteilen könne.
Brecht stand auf und sagte mit leiser Stimme, er empfehle den jungen Leuten, das Leben kennen zu lernen und so lange nicht über Dinge zu reden, von denen sie nichts verständen. Jetzt aber seien sie dumme Jungen und noch nicht trocken hinter den Ohren. Danach verließ er den Raum, seine Frau, die Schauspieler und einen Saal mit einem Teil empörter, einem geringeren Teil verwirrter und mit wenigen beschämten Studenten zurücklassend.
Das folgende Schweigen war nur von kurzer Dauer, dann redeten alle wild durcheinander, standen auf, gestikulierten und liefen umher. In der Saalmitte stand Helene Weigel, und um sie herum bildete sich ein Kreis junger Leute.
»Er hatte sich so auf diesen Abend gefreut«, sagte sie. »Sonst geht er ja nirgendwohin, außer zum Theater. Er nimmt keine Einladungen an, aber zu den Arbeiterstudenten, da wollte er gerne gehen. Und jetzt das!«
»Wenn er mit Arbeiterstudenten reden wollte«, sagte Philipp, »dann hätte er das sagen sollen. Das wäre sicher ein ganz kleiner Kreis geworden, denn die Arbeiterkinder kann man hier an einer Hand abzählen.«
Am nächsten Abend war durch die nach Westen gehenden Fenster des Heimes eine ungewöhnliche Erscheinung zu beobachten. Leuchtschrift huschte über die Trümmerlandschaft der Reichskanzlei und verbreitete die neuesten Nachrichten in Schlagzeilen.
Auf dem Westteil des Potsdamer Platzes, gleich hinter dem Schild mit der Aufschrift »Sektor der Freiheit« war eine am Tage unscheinbar wirkende Metallkonstruktion aufgestellt worden, bestehend aus zwei Ständern und einer diese Ständer verbindende Brücke. Diese Brücke war seitlich mit unzähligen Glühbirnen bestückt, welche am Abend nacheinander und Buchstabenmuster bildend kurz aufleuchteten, wieder erloschen, in anderer Anordnung erneut aufleuchteten und so den Eindruck fortlaufender und zu ganzen Sätzen gefügter Wörter ergaben. Die staunenden Studenten erhielten ihre erste Lektion in kapitalistischer Information, nachdem sie am Tage im Studium, im Neuen Deutschland oder im DDR-Radio die sozialistische Sicht des Weltgeschehens erfahren hatten.
Gleich am folgenden Tage wurde eine Parteiversammlung der Genossen Heimbewohner einberufen, welche die Panne mit der Brecht-Einladung diskutieren und im zweiten Teil Schritte gegen die westliche Provokation und Vergiftung unschuldiger junger Menschen beschließen sollte.
Zum Verhalten des Herrn Brecht war man sich bald einig. Die Studenten traf keine Schuld, aber dem Dramatiker fehlte es ganz eindeutig an sozialistischer Bildung. Zu der Leuchtschrift machte der Genosse Heimleiter den Vorschlag, er könne den Genossen Hausmeister beauftragen, die Fenster der Vorderfront innen bis zur Kopfhöhe mit Decken zu bespannen. Andere äußerten dagegen Bedenken, weil man die Zweierzimmer nicht ständig kontrollieren könne und weil durch eine solche Maßnahme erst recht das Interesse für die Leuchtschrift geweckt würde. Schließlich einigte man sich auf eine Resolution, in der diese Provokation auf das Schärfste verurteilt und an alle Heimbewohner appelliert wurde, diesen kapitalistischen Verdummungsversuch mit Nichtbeachtung zu strafen. Man war sich einig, dass es völlig unnötig und gefährlich sei, neben den von der Partei und ihren Organen verbreiteten Informationen auch noch andere zu empfangen, denn die Partei, und nur die Partei, die habe immer Recht.
Auch Christian und Philipp stimmten der Resolution zu. Dann gingen sie zu Lena und Isa ins Zimmer, schauten sich gemeinsam mit den Frauen das Wunderwerk an und lasen die Schlagzeilen aus dem Westen.
Wenn man sich an den folgenden Abenden im großen Saal traf, so waren alle redlich bemüht, nicht aus den Fenstern zu schauen. Zwangsläufig galt nun das Interesse mehr den Auslagen auf den Tischen. Und so kam es, dass Werner ein Sexheft aus westlicher Produktion mit voll- und nacktbusigen Frauen entdeckte, das Philipp dort vergessen hatte. Es war im Hause üblich, dass, wer ein solches Heft sein Eigen nannte, es nach dem Studieren an andere Interessenten weitergab Dieses Heft gehörte Christian. Philipp sollte es nach dem Lesen weitergeben an einen Slawistikstudenten. Der aber war an diesem Abend nicht erschienen, und so hatte Philipp das Heft liegen gelassen. Werner beantragte eine Parteiversammlung, auf der Philipp sich verantworten sollte. Die Versammlung wurde wegen der Dringlichkeit kurzfristig einberufen.
Zuerst hielt Werner eine Rede, in der er gegen den Einfluss westlicher Dekadenz im Allgemeinen wetterte und vor der Demoralisierung der Partei durch Agenten aus Westdeutschland warnte. Typisch für solche Leute sei, dass sie es nicht nötig fänden, an Geburtstagsfeiern zu Ehren des großen Stalin teilzunehmen. Er beantragte den Parteiausschluss des Genossen Philipp, seinen Verweis von der ABF und als eine einjährige Bewährung in der Produktion seine Beschäftigung im Uranbergbau Wismut-Aue.
Philipp wehrte sich dagegen und meinte, dass er keine Demoralisierung der Partei darin sehe, wenn zwei Menschen sich privat ein Vergnügen teilten. Das aber brachte Werner erst recht auf.
»Für Genossen gibt es nichts und nirgendwo Privates. Wo zwei Genossen zusammen sind, da ist die Partei!«
»Gut«, sagte Philipp, »das habe ich jetzt begriffen. Wo auch immer zwei sich treffen, da ist die Partei, und sei es vor einer Wechselstube in Westberlin.«
Christian sprang auf.
»Es ist auf jeden Fall zu verurteilen, westliche Unmoral zu verbreiten. Aber der neue Mensch im Sozialismus, der kann doch nur durch Änderung des heutigen Menschen geschaffen werden, und das braucht Zeit, Genossen, dazu muss man Geduld haben. Philipp kommt aus der Arbeiterklasse, aus dem Westen zwar, aber aus der Arbeiterklasse, und die westlichen Arbeiter sind eben noch nicht so weit wie die Arbeiter bei uns, besonders wie du, Genosse Werner. Und wenn wir beschließen, dass Philipp von der ABF gehen muss, dann können wir auch gleich eine Namensänderung für die ABF beschließen: Fakultät ohne Arbeiter, von den Bauern gar nicht zu reden. Und zu der Bewährung im Uranbergbau, Genossen: Was sollen die Bergarbeiter in Aue davon halten, wenn sie hören, dass da jemand kommt, der bestraft wurde, die gleiche Arbeit zu machen wie sie. Machen die Bergarbeiter denn Strafarbeit? Nein, Genossen, die Kumpel in Aue leisten durch den Uranabbau einen ganz wichtigen, vielleicht den wichtigsten Beitrag zum Sieg des Sozialismus. Die Besten unter uns müssten gerade gut genug sein, einen solchen Ehrendienst leisten zu dürfen. Ich könnte mir gut vorstellen, Genosse Werner, dass du für einige Zeit dort arbeiten möchtest.«
Andere Genossen sahen das ähnlich. Werner zog schließlich seinen Antrag zurück, und es wurde beschlossen, die Angelegenheit bis nach dem Abitur zurückzustellen und dann erneut zu diskutieren.
Das Abitur rückte näher, die Treffen im Haus gingen weiter. Eines Abends gab es einen großen Tumult auf der Frauenetage. Zwei gemeinsam in einem Zweierzimmer wohnende Pädagogikstudentinnen stritten sich lautstark und lagen sich buchstäblich in den Haaren. Alle, die schlichten wollten und versuchten in das Zimmer der Streitenden einzudringen, bekamen Prügel und mussten fliehen. Endlich gelang es dem Heimleiter, die Studentinnen soweit zu beruhigen, dass sie ihn in ihr Zimmer ließen und ihm ihre Herzen öffneten: Beide waren schwanger, und jede hatte die andere zur Abtreibung überreden wollen, selbst aber wollte keine abtreiben lassen. Sie wollten beide ihr Kind austragen und den Kindsvater heiraten. Es gab nur ein Problem: Beide waren von demselben Mann geschwängert worden − vom Genossen Werner Peitz.
Werner, der wie Christian und Philipp in einem Zweierzimmer wohnte und eifrig die fortschrittliche Art der Liebe praktizierte, konnte sich mit seinem Zimmergenossen über den Bettenwechsel nicht einigen. Und so war er ohne Gegenverkehr abends in das Zimmer der angehenden Pädagoginnen gegangen und konnte auf Dauer seine Gunst nicht nur einer gewähren. Die Studentinnen mussten ausziehen. Der Heimleiter wurde entlassen. Werner musste ebenfalls sofort ausziehen und bekam von der Partei eine scharfe Rüge. Nach dem Abitur sollte über die Angelegenheit erneut diskutiert werden.
»Wie heißt es doch?«, sagte Philipp zu Christian. »Wo zwei sind, da ist die Partei. Jetzt hat die Partei ganze Arbeit geleistet und gleich zwei Frauen geschwängert.«
»Sei vorsichtig!«, warnte Christian. »Noch kann er dir schaden. Ein verwundetes Raubtier ist besonders gefährlich. Wenn seine Angelegenheit erneut behandelt werden sollte, wird er bestimmt nicht vergessen, an deine Sache zu erinnern.«
15
Sophies Mutter war durch ihren Kollegen und Genossen, den Staatssekretär für das Hoch- und Fachschulwesen, über die Sittenlosigkeit im Heim und über die Vergiftung durch westliche Nachrichten informiert worden. Sie bestellte Philipp zu sich in das Ministerium für Arbeit und Gesundheitswesen.
»Was ist denn bei euch im Heim los? Da höre ich ja entsetzliche Sachen.«
Philipp erzählte die Geschichte von Werner und den geschwängerten Frauen. Edda war empört.
»Was haben sich diese Leute eigentlich dabei gedacht!? Das hat mit sozialistischer Liebe und Moral gar nichts zu tun. Das ist bürgerliche Dekadenz. Aber es soll auch ein Devisenvergehen vorgekommen sein, habe ich gehört.«
Philipp tat ahnungslos. Edda fragte weiter.
»Was ist das übrigens für ein Mensch, mit dem du da zusammenwohnst?«
Vorsicht!, dachte Philipp, darum hat sie dich also kommen lassen. Diese Frau weiß mehr, als sie sagt.
»Er ist aus Potsdam, hat früher mit seinen Eltern in Polen gelebt. Sein Vater war polnischer Offizier; er ist von den Nazis in Katyn erschossen worden.«
»Hat er dir das so gesagt, von den Nazis?«
Philipp tat wieder ahnungslos.
»Ja, sicher!«
»Und wieso lebt er in der DDR?«
»Er ist unter der Besatzung der Nazis Deutscher geworden; seine Mutter ist Deutsche. Die Polen haben sie nach 45 aus Krakau vertrieben − äh, sie wurde umgesiedelt.«
Philipp konnte sich Eddas Interesse für Christian nicht erklären, vermutete aber, dass Sophie ihrer Mutter etwas erzählt hatte. Aber was? Was wusste Sophie, und was wusste ihre Mutter über das Leben im Heim?
Kurze Zeit später bekamen alle Heimbewohner die schriftliche Mitteilung vom Staatssekretariat für das Hoch- und Fachschulwesen, dass das Heim zum Ende des Semesters geschlossen werde. Den Heimbewohnern der ABF wurde zugesagt, dass sie bis eine Woche nach dem Abitur wohnen bleiben könnten. Christian und Philipp bekamen vom Büro der Fakultät Zimmer im Bezirk Prenzlauer Berg und außerhalb in Biesdorf angeboten. Beides sagte ihnen nicht zu. Da erinnerte Christian sich an das ehemalige Hausmädchen seiner Großeltern. Trude wohnte im Bezirk Friedrichshain und war inzwischen eine Frau mit weißen Haaren. Sie hat nie geheiratet und war nach dem Ende des Krieges, als Maria aus Polen vertrieben und mit ihrem Sohn in ihr Elternhaus zurückgekehrt war, von dieser entlassen worden. Allein und mittellos, wurde Trude von ihrer verheirateten Schwester aufgenommen. Zuerst starb ihr Schwager und bald danach ihre Schwester. Seitdem wohnte Trude allein in der großen Wohnung.
Erfreut über den Besuch von Marias Sohn war Trude sofort bereit, den beiden jungen Männern ihr größtes Zimmer zu überlassen, mit Plüschsofa und Biedermeier-Möbeln. Für zwei Betten wäre auch noch Platz. Ja, sie bot sich sogar an, ihnen auch mal etwas zu kochen, wenn sie es denn wünschten.
Isa und Lena dagegen wollten nicht wieder zusammen wohnen. Sie bekamen ebenfalls von der Musikhochschule Zimmer im Bezirk Prenzlauer Berg und außerhalb angeboten. Lena nahm ein Zimmer in Mahlsdorf, Isa bemühte sich um eine Bleibe in Friedrichshain, fand aber nichts und entschied sich für Prenzlauer Berg.
Philipp und Isa stellten frühzeitig den Antrag auf einen Interzonenpass, warteten auf die Prüfungen, auf das Ende des Semesters und freuten sich auf die Ferien.
Christian und Philipp beschlossen, an den beiden letzten Nachmittagen vor Beginn der Prüfungen nicht mehr zu lernen, das schöne Wetter auszunutzen und baden zu gehen. Sie überredeten die Frauen mitzukommen, und so fuhren sie gemeinsam hinaus an den Müggelsee, schwammen, tollten am Strand herum oder lagen in der Sonne und machten Pläne für die Zukunft. Isa freute sich, zusammen mit Philipp in ihrer Heimat und bei ihren Eltern sein zu können.
Lena schwärmte von der Sängerin Erna Berger und wollte wie diese gerne bald Liederabende geben. Christian wollte nun doch nicht Chemie studieren, sondern lieber Physik, weil das eben eine exakte Naturwissenschaft sei, in der es streng mathematisch zuginge und bei der man nicht so viel unnützes Zeugs auswendig lernen müsse wie in der Chemie. Philipp meinte, dass er wohl oder übel bei der Chemie bleiben werde, denn um jetzt noch zu wechseln, dazu sei er schon zu lange dabei, und das Auswendiglernen liege ihm mehr als die Mathematik.
Am Abend des zweiten Tages fand Philipp ein Schreiben der Sowjetischen Militäradministration SMA vor, in dem ihm mitgeteilt wurde, dass sein Antrag auf einen Interzonenpass abgelehnt worden sei. Einen Moment dachte er an seine Befragung durch Sophies Mutter. Auch an Werner Peitz musste er denken und dass Christian ihn gewarnt hatte, verscheuchte aber diese Gedanken schnell wieder. Ich sehe schon Gespenster, dachte er, nahm das Schreiben und ging zu Isa. Die zeigte ihm erfreut ihren Pass, aber als sie Philipps Brief gelesen hatte, begann sie zu weinen und stampfte mit dem Fuß auf.
»Warum, warum!? Was haben die gegen dich? Ich habe mich so auf die Ferien gefreut.«
»Ich verstehe das auch nicht, vielleicht darf nur ein Teil von uns Westlern rüber, und es hat gar nichts mit mir zu tun. Du hast eben Glück gehabt.«
»Willst du nicht mal nach Karlshorst gehen und bei der SMA nachfragen?«
Philipp erzählte ihr die Geschichte mit dem Stadtplan und von seinem Verhör.
»Ich habe keine Lust, noch einmal als Spion verdächtigt zu werden. Lass uns nach der Prüfung weiter darüber reden.«
Und dann begannen die Prüfungen. Lichtweiß nahm Philipp zur Seite und teilte ihm mit, dass Direktor Reitmann an all seinen mündlichen Prüfungen teilzunehmen gedenke.
»Aber keine Angst«, flüsterte Lichtweiß, »wir werden das schon schaukeln.«
Sollte das vielleicht alles nur wegen der versäumten Stalin-Feier sein?, fragte Philipp sich. Als er dann am Tisch den Prüfern gegenüber saß und mitten unter ihnen Reitmann sah, war ihm nicht ganz wohl. Die Gesichter der Dozenten drückten jedoch Entgegenkommen und Unterstützung aus, so dass er bald ruhiger wurde. Und tatsächlich schien es, als ob die Prüfenden vorher mit den ihm genehmen Fragen versorgt worden waren, denn sie fragten genau die Themen ab, in denen Philipp seine besonderen Stärken hatte, selbst Ordeich hielt sich daran.
So ging alles gut. Alle in der Klasse bestanden das Abitur und waren zufrieden. Bei der Übergabe der Zeugnisse durch Lichtweiß waren auch die anderen Dozenten anwesend, und nach einer kleinen Rede des Klassenlehrers begann das allgemeine Händeschütteln. Darüber kam Reitmann in die Klasse, gratulierte auch und teilte mit, dass er für einen noch eine besondere Auszeichnung habe: Christian Koschek sei aufgrund seiner Kenntniss der polnischen Sprache und seiner guten Leistungen ausgewählt worden, in der Sowjetunion studieren zu können. Reitmann überreichte Christian ein Schreiben des Staatssekretärs für das Hoch- und Fachschulwesen und gratulierte. Alle klatschten, Christian bedankte sich für die besondere Auszeichnung und versprach, die DDR würdig zu vertreten. Man wünschte ihm Glück, einige beneideten ihn, und Sophie erzählte vom Leben in der Sowjetunion und von den neuen Menschen dort.
»Kommt, gehen wir uns erst einmal besaufen!«, sagte Philipp.
Sie gingen in das Lokal »Zum groben Gottlieb« nahe dem Deutschen Theater. Sophie und Angela begleiteten die jungen Männer.
»Was wollt ihr Grünschnäbel denn hier?«, begrüßte Gottlieb sie. »Dass mir das nicht zur Gewohnheit wird; normalerweise dürfen hier nur anständige Leute rein. Setzt euch, trinkt und verhaltet euch ruhig!«
Sie tranken Bier, sprachen über die Prüfung, über die Dozenten, und sie waren sich einig, dass es doch eine schöne Zeit gewesen war, die eigentlich zu schnell vergangen sei.
Philipp trank viel und war bald betrunken.
»Ist das Zimmer bei dir noch frei?«, fragte er Sophie.
»Ja, ist noch frei.«
»Wann kann ich einziehen?«
»Wenn ihr schon nächste Woche aus dem Heim raus müsst, dann Montag. Mutti wird sich auch freuen.«
Als sie das Lokal verließen, mussten die anderen Philipp stützen.
»Wisst ihr was, wir verpassen ihm eine kalte Dusche«, schlug Christian vor.
Beim nächsten Hydranten setzten sie Philipp in die zum Tränken der Pferde vorgesehene Aussparung im Kantenstein. Christian zog den Hebel; ein großer Wasserstrahl ergoss sich über Philipp. Dieser schnappte nach Luft, sprang auf, klimperte erstaunt mit den Augenlidern und schaute die anderen vorwurfsvoll an.
»Warum macht ihr das, ich war so schön besoffen!«
Als sie im Heim eintrafen, war Philipps Kleidung immer noch durchnässt. Auf seinem Bett lag ein Brief von seiner Mutter. Ohne sich umzuziehen las er: Es geht uns gut, was wir auch von Dir hoffen. Opa kriegt keine Luft. Es geht immer schlechter. Oma hat ein Bein gebrochen. Onkel Hännes ist dauernd betrunken. Er wird noch seine Arbeit verlieren. Wenn Du kommst, wollen wir das Schwein schlachten. Die Witwe von Hermann ist auch gestorben.
Es grüßt Dich Deine Mutter
Am nächsten Tag half Christian Lena beim Umzug nach Mahlsdorf. Sie nahm die Nachricht von seinem Studium in der Sowjetunion gefasst entgegen. Die Beziehung zwischen den beiden war im Laufe der Zeit mehr und mehr abgekühlt. Ihre Liebe war auf der Treppe zwischen dem Keller und der Etage der Frauen verloren gegangen.
Philipp half Isa beim Packen. Ihre Sachen stellten sie vorübergehend bei den Männern unter und Philipp versprach, sie am Wochenende in ihr neues Zimmer im Bezirk Prenzlauer Berg zu bringen. Dann begleitete er Isa zum Bahnhof Friedrichstraße.
Sie standen auf dem Bahnsteig, um Abschied zu nehmen.
»Wirst du nun allein in Friedrichshain wohnen?«, fragte sie.
»Ich weiß noch nicht.«
Sie stand vor ihm und schaute ihn ängstlich und mit großen Augen an. Philipp fühlte sich elend.
»Schreibst du mir?«, fragte sie.
»Sicher schreib ich dir.«
Plötzlich fühlte er ein seltsames Brennen in der Brust.
»Ich liebe dich«, sagte er.
»Ich liebe dich auch«, antwortete Isa und kramte nach ihrer Fahrkarte.
»Nein, nein, ich liebe dich wirklich. Was immer sein wird, ich liebe dich. Das habe ich noch zu keiner gesagt.«
Er nahm sie in seine Arme und drückte sie an sich.
»Puh! Ich kriege ja keine Luft mehr!«, stöhnte Isa und lachte glücklich. »Vielleicht bekommst du ja doch noch einen Pass, und das Ganze war nur ein Missverständnis. Dann kommst du nach, versprochen?«
»Versprochen!«
Der Zug kam, Isa stieg ein, Philipp drehte sich um und ging, ohne noch einmal zurückzuschauen. Als Christian am folgenden Tag zum Staatssekretariat für das Hoch- und Fachschulwesen ging, um seinen Aufenthalt in der Sowjetunion zu regeln, ging Philipp mit; er wollte sich bewerben, ebenfalls in Moskau studieren zu dürfen. Aber der Genosse Abteilungsleiter machte ihm keine Hoffnung.
»Du hast Verwandte in Westdeutschland, Genosse Siebert, damit hast du keine Chance. Übrigens: Da gehört das Parteiabzeichen hin!«
Er stieß mit dem Zeigefinger energisch gegen das Revers an Philipps Jackett. Philipp trug noch immer den amerikanischen Sakko, den seine Mutter ihm lange vor der Währungsreform auf dem Schwarzmarkt gegen ein Stück Schweinespeck besorgt hatte − aber eben ohne Parteiabzeichen der SED.
Am Montag zog Philipp in Weißensee ein. Am Revers trug er das Abzeichen mit den verschlungenen Händen. Er wollte studieren und weiterkommen im Leben.
Zweiter Teil
Licht auf dem Wasser
1
Sophie seufzte.
»Ich möchte so gerne einmal nach Westdeutschland reisen und auch deine Familie kennen lernen. Jetzt in den Ferien hätten wir schön Zeit dazu.«
Philipp hob ratlos die Schultern.
»Wie willst du das anstellen?«
»Weiß ich auch nicht. Mutti würde Westkontakte nie erlauben. Als Tochter einer Stellvertretenden Ministerin der DDR darf ich so etwas gar nicht erst denken.«
Sophie berichtete, wie sie einmal, in einem Buch vertieft, am Bahnhof Friedrichstraße vergessen habe, aus der S-Bahn auszusteigen, und unfreiwillig nach Westberlin gefahren sei.
»Mein Herz schlug ganz doll, ich war sehr aufgeregt. Am Bahnhof Zoo bin ich sofort in den nächsten Zug Richtung Osten gestiegen und zurückgefahren. Die Mutti weiß bis heute nichts davon.« Sie machte eine Pause und dachte nach. »Wenn ich reisen sollte, dann dürfte Mutti das nie erfahren.« Wieder machte sie eine Pause und überlegte. »Man müsste schwarz über die Zonengrenze gehen. Aber mit dem Lotsen, dem Genossen Wendt, über die Grenze bei Hötensleben, das ginge nur über die Partei – die würde das für mich nie möglich machen, und wenn, dann würde Mutti sicher bald davon erfahren. Nein, es geht nicht – leider.«
Philipp kam ein verwegener Gedanke: Was, wenn ich der Tochter einer mächtigen DDR-Funktionärin dazu verhelfe, vom Gift des Kapitalismus infiziert zu werden?
»Es müsste doch gehen, und ohne Partei. Wir könnten ja so tun, als gingen wir zum Genossen Wendt, um uns offiziell über die Grenze bringen zu lassen, und dann waten wir seitab von dem Grenzposten durch den Bach.«
Er malte die Überquerung der Grenze in allen Farben aus und schilderte, wie leicht das sei, beschrieb die Weiterreise in Westdeutschland, die Ankunft in seiner Heimat und die Überraschung und Freude seiner Familie, wenn er mit Sophie dort auftauchen würde. Er versicherte ihr, dass seine Mutter und die Großmutter sich ganz besonders freuen würden, und erzählte von dem von der Mutter angekündigten Schlachtefest und den Erinnerungen an seine Kindheit und Jugendzeit in Westdeutschland.
»Schon unter 38, das Fieber geht langsam zurück«, sagte die Mutter und schlug das Quecksilber herunter.
»Darf ich aufstehen?«, fragte Philipp, hoffend, dass sie ihn mitnehmen würde zur Stadt.
»Nein, heute noch nicht; ich bringe dir etwas mit«, tröstete sie ihn und ging.
Es wurde ihm langweilig im Bett. Lesen mochte er nicht mehr. Die Märchen fand er doof, und die Heldengeschichten in seinem Lesebuch kannte er längst. So versuchte er zu erraten, was die Mutter ihm wohl mitbringen würde. Vielleicht Salmiakpastillen? Die konnte man in Sternform oder anderen lustigen Formen auf den Handrücken kleben, und wenn man sparsam daran leckte, hatte man stundenlang etwas davon. Eine Lakritzstange wäre auch nicht schlecht. Klein geschnitten und in eine halb mit Wasser gefüllte Flasche gegeben, erhielt man durch kräftiges Schütteln einen Schaum, den man nuckeln und durch abermaliges Schütteln sofort wieder erneuern konnte. Aber Erwachsene haben ja keine Fantasie, dachte Philipp, sicher bekomme ich wieder nur einen Schokoladenriegel. Mit dem konnte man nichts weiter machen als ihn aufessen.
Die tief stehende Novembersonne schien direkt auf Philipps Bett. Ungeduldig wartete er auf die Rückkehr der Mutter. Als sie endlich kam, war sie sehr erregt. Von SA-Männern berichtete sie, die in der Nacht Schaufensterscheiben eingeschlagen und die Wohnungen der Leute verwüstet hätten. Jetzt ständen diese Männer in den braunen Uniformen vor den zertrümmerten Schaufenstern, und der Kopetzki, der Vater von Bruno, sei auch dabei. Philipp verstand nur, dass sie ihm nichts mitgebracht hatte, nicht einmal einen Schokoladenriegel. Als sie ihm dann aber von Herrn Elkan erzählte und dass dieser von den SA-Männern verprügelt worden sei, wurde er doch aufmerksam. Er wusste, dass Herr Elkan im Krieg gegen die Franzosen gekämpft und dabei einen Arm verloren hatte; er war einer seiner Helden. So einen Mann konnte man doch nicht verprügeln, das war feige.
Wenn Brunos Vater daran beteiligt war, würde er nicht mehr mit Bruno spielen, beschloss Philipp. Mit Bruno war in der letzten Zeit ohnehin nicht viel los. Immer musste er seine kleine Schwester mitschleppen, die Adolfine hieß und von den Jungen Hitlerine genannt wurde. Sie hatten das Gerücht gehört, dass ihr Vater sie Adolfine-Hitlerine nennen wollte, der Standesbeamte habe jedoch nur Adolfine zugelassen.
»Das Geschäft von Elkan sieht schlimm aus, auch die Wohnung haben sie verwüstet«, sagte die Mutter.
»Ist das Klavier auch kaputt?«, fragte Philipp.
»Sicher, auch das Klavier.«
Er dachte an die Besuche, die regelmäßig am Sonntagnachmittag stattfanden. Es gab Kakao und Kuchen, und Ruth, die nur wenig älter war als Philipp, spielte Klavier. Hinterher durfte er auch auf den weißen und schwarzen Tasten klimpern, aber meist ermahnte ihn Ruth, er solle nicht so fest hauen. Philipp tröstete sich dann mit dem Schemel, den er ganz niedrig oder auch ganz hoch drehte, und wenn die Mutter ihn daran hindern wollte, lachte Frau Elkan nur.
»Lassen Sie ihn ruhig, es macht ihm doch Spaß.«
»Ist der Schemel noch heil?«, fragte Philipp die Mutter.
»Junge, ich habe jetzt andere Sorgen, als mich um deinen Schemel zu kümmern«, sagte sie ungeduldig und ging wieder.
Wie konnte sie so etwas sagen! Es war ja gar nicht sein Schemel, aber wenn Elkans ein neues Klavier kaufen mussten, brauchten sie doch einen Schemel.
Am Abend war das Fieber wieder gestiegen, nasse Tücher um die Waden wie am Vortage bekam Philipp jedoch nicht mehr. Auch am nächsten Morgen durfte er das Bett noch nicht verlassen. Die Mutter hatte wenig Zeit für ihn.
»Ich fahre mit Tante Lenchens Tempo in die Stadt«, sagte sie und ermahnte ihn, dass er ja im Bett bleiben solle, weil er sonst einen Rückfall bekäme.
»Tante Lenchens Tempo« bedeutete, dass die Mutter mit Tante Lenchen irgendwas transportieren wollte. Diese hatte einen Gemüseladen und besaß für die Fahrten zum Markt und für nachbarliche Gefälligkeiten ein kleines, dreirädriges Auto mit einer offenen Ladefläche. Was die beiden wohl vorhatten? Während Philipp sich alles Mögliche ausmalte, musste er eingeschlafen sein.
Er wachte erst auf, als laute Stimmengeräusche aus dem Flur zu ihm nach oben drangen. Was war los? Was wollten die vielen Menschen in ihrem Haus? Er stand auf, legte sich eine Wolldecke um, schlich zur Treppe, setzte sich auf die oberste Stufe und lugte durch die Stäbe des Geländers nach unten.
Die ganze Nachbarschaft war dort versammelt. In großer Geschäftigkeit wühlten die Menschen in Bergen von Schuhen und redeten aufgeregt durcheinander. Sie nahmen einzelne Schuhe auf, warfen sie wieder zurück, nahmen andere, warfen auch diese wieder zurück, bis sie zwei passende zu haben schienen, die sie dann an sich drückten.
»Sechs Paar habe ich; wenn ich Abschlag geholt habe, bringe ich das Geld«, sagte eine Frau mit einem ganzen Arm voller Schuhe und ging.
Neue Leute kamen und begannen gleich mit dem Wühlen. Eine kleine, alte Frau hatte ein Paar moderne hochhackige Lackschuhe in der Hand.
»Hier ist ein Kratzer dran. Kosten die auch eine Mark?«, rief sie.
»Nein, fünfzig Pfennig«, hörte Philipp die Mutter antworten.
Auf der unteren Treppenstufe entdeckte er eine Glasscherbe. Vorsichtig schlich er sich nach unten, nahm die Scherbe in die Hand und prüfte sie. Sie war dicker als das Fensterglas in ihren Fenstern, das sah er sofort, und an der Bruchstelle schimmerte es grün. War sie etwa von Elkans Schaufenster?
»Gehst du wohl ins Bett zurück!«, hörte er die Mutter rufen.
Sie kam zu ihm und schob ihn die Treppe hoch.
»Was ist mit den Schuhen?«, fragte Philipp.
»Elkans schließen ihr Geschäft; sie gehen weg aus Deutschland«, sagte sie.
»Aber warum denn?«, fragte er.
»Sie sind Juden«, antwortete die Mutter, dann war sie schon wieder unten und er kroch zurück in sein Bett.
Juden! Da hatte er nun was zum Grübeln. Natürlich wusste Philipp, dass die Juden aller Leute Unglück waren, der Lehrer hatte es ihnen oft genug gesagt. Warum, das wagten sie ihn nicht zu fragen, weil man dafür mit dem Lineal auf den Kopf geschlagen wurde, und wenn der Lehrer Alkohol getrunken hatte, schlug er sogar mit der Kante des Lineals. Die Juden bedeuteten Unglück, basta! Aber die Elkans? Wenn sie Juden waren, mussten dann nicht auch sie ihr Unglück sein? Philipp versuchte sich an alle Besuche zu erinnern, die er mit der Mutter bei den Elkans gemacht hatte, aber ihm fiel nichts Ungewöhnliches ein, außer dass Herr Elkan ihm manchmal den Kopf streichelte, was er nicht leiden konnte, ihm aber verzieh, weil Elkans ja nur eine Tochter hatten.
Seine Mutter mochte Philipp nicht fragen, sie würde ihn nur auslachen. Den Herrn Kaplan im Religionsunterricht? Aber der würde sofort zurückfragen: »Kennst du auch deinen Katechismus?« Und dann musste man mindestens eine Seite herunterrasseln können und durfte nicht stecken bleiben. Als aber am Nachmittag der Vater von der Arbeit zurück war und nach Philipp schaute, empfing dieser ihn gleich mit der Frage.
»Warum sind die Elkans unser Unglück?«
Der Vater schaute ihn lange an und legte dann prüfend seine Hand auf Philipps Stirn.
»Was du auch immer für Fragen stellst! Damit bringst du uns noch mal in Schwierigkeiten.«
»Pass auf, dass die Deutschen dich nicht sehen!«, ermahnte die Mutter Philipp.
So schlich er, den Topf in der Hand, zur Buchenhecke, die den Bauplatz und die Neue Kolonie voneinander trennten. Im Schutz der Hecke kam er zu der Stelle, an der sie öfter den Kriegsgefangenen die gekochten Kartoffeln hinstellten.
»Die Deutschen«, das waren die Männer der Wachmannschaft und der Bauleitung. Von den Gefangenen hatten sie einen Schacht errichten lassen, und nun gruben diese einen Luftschutzstollen in die Erde. Den ganzen Tag förderten sie Loren voller Schotter und Lehm nach oben, kippten alles am Rande des Platzes zu einem kleinen Berg auf und schickten die Wagen wieder mit Beton nach unten.
In der Nacht gab es schon zum zweiten Mal Fliegeralarm. Die Leute aus der Neuen Kolonie gingen in den Stollen. Die ersten Kriegsjahre waren sie bei Alarm zum drei Kilometer entfernten Betonbunker im Zentrum von Hamborn gewandert. Opa Jacob und einige andere Alte waren meist in ihren Häusern zurückgeblieben. Als die Zeit zwischen dem Sirenengeheul und den ersten Bombeneinschlägen immer kürzer und die Bomben immer größer wurden, brachten sich die Menschen im Laufschritt in Sicherheit. Philipp nahm das alte Herrenfahrrad, setzte Oma Josepha auf die Stange, und sie versuchten ebenso schnell wie die Laufenden den Bunker zu erreichen. Josepha, die nichts vom Radfahren, aber alles vom Lenken verstand, ließ sich auch durch Philipps Bitten nicht davon abbringen, selber zu lenken. So landeten sie auf dem Wege zum Bunker immer mal wieder im Graben und waren oft nicht früher am Ziel als die anderen.
Mit der Zeit gingen trotz Verbots immer mehr Leute in den nahen, noch unfertigen Stollen, der bisher keinen zweiten Ausgang hatte. Opa Jacob ging nun auch mit. Alle waren eingeübt, bei Alarm irgendwelche Habseligkeiten zu greifen und mit in den Stollen zu nehmen. Jacob musste Josephas Mantel mit dem Pelzkragen tragen. So hockten sie in dem unfertigen Stollen und warteten auf die Bomben. Philipp stand mit den anderen Jungen, den jungen Männern und dem Vater am Stolleneingang. Sie hatten die Aufgabe übernommen, die Häuser im Auge zu behalten und bei Brandbombenabwurf das Feuer zu löschen.
In dieser Nacht schlug die erste Bombe vor dem Stollenzugang ein. Paul stand auf der obersten Stufe. Ihm wurde die Kleidung vom Leibe gerissen, Erde drang tief in seine Haut, er wurde vom Luftdruck hochgehoben und die Stufen hinuntergeschleudert. Philipp, der hinter seinem Vater stand, blieb unverletzt. Die nächsten zwei Bomben durchschlugen die Betondecke des Stollens; viele Menschen wurden unter Geröll und Lehm begraben und getötet. Die hinter den Einbrüchen Sitzenden wurden von der Außenwelt und damit auch von der Luftzufuhr abgeschnitten. Auch Philipps Familie war unter den Eingeschlossenen. Bis zum Morgengrauen hatten die Männer und die Jungen zu tun, durch Geröll, Lehm und zwischen den Toten einen Durchbruch zu schaffen, um die Eingeschlossenen zu befreien. Halberstickt krochen diese bei Tagesanbruch über Lehm, Geröll und über die Toten ins Freie.
Philipp hatte lange um seine Familie bangen müssen. Endlich kroch Oma Josepha hervor, dann die Mutter und zuletzt Opa Jacob, einen lehmverschmierten Lappen hinter sich herziehend, der zuvor Omas Mantel war und den er nicht loslassen wollte.
Am Mittag kamen zwei Männer in Polizeiuniformen ins Haus. Sie baten darum, dass jemand mitkomme zum Platz. Philipp meldete sich. Den Einwand der Mutter, er sei eben erst fünfzehn geworden und habe die ganze Nacht geholfen, ließen sie nicht gelten.
»Er ist doch ein Hitlerjunge – oder?«, fragte der jüngere Polizist.
Philipp nickte eifrig.
Auf dem Platz lagen die Toten im Lehm und Morast, aufgereiht und übereinander. Der ältere Polizist reinigte das Gesicht des ersten Toten mit einem Handfeger, Philipp sagte dessen Namen, der jüngere notierte ihn auf einem Zettel, heftete diesen dem Toten an die Kleidung, und gemeinsam legten sie ihn zur Seite. So ging es viele Male weiter. Philipp kannte alle, nur bei den ganz kleinen Kindern gab es Schwierigkeiten.
»Das macht nichts«, sagte der jüngere Polizist, »die Mütter haben sie ja noch in den Armen.«
Am Ende zählten sie die Reihe.
»Zweiundvierzig«, sagte der Ältere.
»Stimmt«, bestätigte der Jüngere, und: »Dass aber auch gleich zwei Bomben genau den Stollen treffen mussten. Die sind durch den Boden gegangen wie durch Butter.«
»Ich vermute, dass die Betondecke zu dünn war. Sie sollen Zement verschoben haben«, sagte der Ältere.
»Ach«, wehrte der Jüngere ab, »es wird viel erzählt. Man sagt auch, dass hier irgendwo Positionslichter verteilt seien, die bei Fliegeralarm brennen, damit die Chemiefabrik verschont bleibt. Alles dummes Zeug.«
»Verstehen kann man die Leute aber, denn von den vielen Bomben hat keine die Fabrik getroffen.«
Die Loren haben sie zurückgelassen und auch die Schienen. Beides benutzten die Bewohner der Neuen Kolonie, um die Bombentrichter mit Schotter zu füllen. Auch die vielen Betonreste mussten mit Hacke und Schaufel gelöst und weggefahren werden. Alle waren genötigt mitzuhelfen. Philipp murrte wegen der schweren Arbeit und dem wenigen Essen. Die Mutter wollte ihn trösten: Wenigstens hätten die Bombennächte ein Ende und sie sollten dem Herrgott dankbar dafür sein. Davon werde ich auch nicht satt, dachte Philipp, wagte es aber nicht laut zu sagen.
Zwei Männer kamen auf die Arbeitenden zu; es waren ehemalige Kriegsgefangene. Sie grüßten erfreut und gaben durch Gestik und mit wenigen deutschen Worten zu erkennen, dass es sie amüsierte, die Deutschen ihre schwere Arbeit verrichten zu sehen, und dass sie jetzt auf den Rücktransport in ihre Heimat warteten. Sie klopften Philipp auf die Schulter.
»Frau gutt, du gutt, kommen mit!«
Die Mutter lehnte höflich ab, so ging Philipp allein mit ihnen. Sie führten den Jungen in eine Turnhalle, die vollgestellt war mit Pritschen, auf denen viele Männer lagen und hockten. Man begrüßte ihn mit Hallo und Schulterklopfen. Philipp musste an einem Tisch Platz nehmen, wurde mit Schokolade gefüttert und bekam süßlichen Rotwein zu trinken. Von allen Seiten steckten sie ihm Köstlichkeiten zu. Neben ihnen, in der Mitte der Halle, war ein Geviert abgeteilt aus mit Decken behängten Schnüren. Während der ganzen Zeit, in der Philipp es sich schmecken ließ, hörte er von dort Geräusche und Gekicher. Dann hob sich der Vorhang, und ein Mann und eine Frau, beide nackt und bäuchlings nebeneinander auf einer Pritsche liegend, schauten freundlich und nickten ihm zu.
Philipp stand mitten auf dem Hof, um ihn herum viele fremde Menschen. Eine Frau mit nackten, starken Armen und mit einem großen Busen nahm ihm den Pappkarton mit seiner Wäsche ab.
»Ist das alles?«, fragte sie. »Den nehme ich schon mal mit. Philipp heißt er«, sagte sie zu den anderen.
Eine alte Frau, schwarz gekleidet und mit einem krummen Rücken, tastete seinen Arm ab.
»Wie alt bist du?«
»Ich werde vierzehn.«
Sie wandte sich an einen dazukommenden Mann.
»Aber du hast gesagt, dass du dieses Mal einen kräftigen Jungen nimmst.«
»Lass gut sein, Mutter«, sagte der Mann, »so schwach ist er nun auch wieder nicht.« Er drehte sich um zu Philipp. »Wir müssen alle fleißig arbeiten. Das dort ist Pierre, den wirst du morgens aus dem Lager holen und abends wieder abliefern. Nadja ist unsere Heulsuse. Habe ich Recht, Nadja?«
»Ich nix Suse«, sagte Nadja, eine junge Frau mit langen Zöpfen und Holzgaloschen an den Füßen. Ihre Augen blitzten zornig.
»Opa Schilling hilft uns nur an wenigen Tagen«, fuhr der Mann fort. »Er kann dir den Hof zeigen.« Und zu dem alten Mann sagte er: »Du nimmst ihn dann mit zum Ausbessern der Zäune, Schilling.«
»Ja, Bauer«, sagte der Angesprochene.
Der Bauer zeigte auf ein Mädchen in Philipps Alter.
»Bella bleibt auch ein Jahr bei uns.« Und mit einem leichten Vorwurf in der Stimme sprach er weiter. »Sie ist sofort nach ihrem Schulabschluss gekommen, ist schon eine ganze Woche hier.« Der Vorwurf wurde deutlicher. »Wir müssen alle da unsere Pflicht tun, wo der Führer uns hingestellt hat, damit der Endsieg bald kommt. Ach ja, ehe ich es vergesse, zehn Mark im Monat und jeden zweiten Sonntag frei. Und nun«, er klatschte in die Hände, »alle wieder an die Arbeit; die Mittagspause ist schon lange vorbei!«
Philipp folgte Opa Schilling, der ihm die Ställe zeigte und die Tiere darin. Sie sahen die Boxen mit den Sauen und den wenige Tage alten Ferkeln und im Kuhstall die ganz jungen Kälber.
»Die größeren sind mit den Kühen auf der Weide. Die Pferde sind alle draußen, auch das Fohlen, den Stall müssen wir uns jetzt nicht ansehen«, sagte Opa Schilling. Im Schweinestall lösten die beiden einen Höllenlärm aus. »Die glauben, es gibt Fressen, wenn sie mich sehen«, schrie Opa Schilling und zeigte dann auf eine Stiege in der Stallecke. »Dort geht es zu deiner Kammer. Ratten musst du nicht fürchten; es gibt viele Katzen auf dem Hof.«
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