Kitabı oku: «Gedanken und Erinnerungen», sayfa 13

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L.v.G.«

Von meiner Erwiderung ist das nachstehende Concept vorhanden, das in der Reinschrift einige Zusätze erhalten zu haben scheint.

»Frankfurt, Mai 1857

Bei Beantwortung Ihrer beiden letzten Briefe (von denen nur der eine erhalten ist) leide ich unter dem Gefühl der Unvollkommenheit des menschlichen Ausdrucks, besonders des schriftlichen; jeder Versuch, sich klar zu machen, ist der Vater neuer Mißverständnisse; es ist uns nicht gegeben, den ganzen innern Menschen zu Papier oder über die Zunge zu bringen, und die Bruchstücke, die wir zu Tage fördern, sind wir nicht im Stande den Andern so wahrnehmbar zu machen, wie wir sie selbst empfangen, theils wegen der Inferiorität der Sprache gegen den Gedanken, theils weil die äußern Thatsachen, die wir in Bezug nehmen, sich selten zweien Personen unter demselben Lichte darstellen, sobald der Eine nicht die Anschauung des Andern auf Glauben annimmt, sondern selbst urtheilt.

Ich schicke dies als Erklärung meines Zögerns mit der Antwort voraus. Den Abhaltungen, die in andern Geschäften, Besuchen, schönem Wetter und Kinderkrankheit lagen, kam jenes Gefühl zu Hülfe und entmuthigte mich, Ihrer negierenden Kritik mit neuen Argumenten gegenüber zu treten, von denen jedes ohne Zweifel seine Blößen und Halbheiten an sich tragen wird.

Das Princip des Kampfes gegen die Revolution erkenne auch ich als das meinige an, aber ich halte es nicht für richtig, Louis Napoleon als den alleinigen oder auch katA exoxhn als den Repräsentanten der Revolution anzusehen, und sehe nicht die Möglichkeit ein, das Princip in der Politik als ein solches durchzuführen, daß die entferntesten Consequenzen desselben immer noch jede andre Rücksicht durchbrechen, es gewissermaßen als den einzigen Trumpf im Spiele anzusehen, von dem die niedrigste Karte die höchste jeder andern Farbe sticht.

Wie viele Existenzen gibt es noch in der heutigen politischen Welt, die nicht auf revolutionärem Fundamente stehen? Ich will nicht von Spanien, Portugal, Brasilien, den amerikanischen Republiken, Belgien, Holland, der Schweiz, Griechenland, Schweden, und dem noch heute mit Bewußtsein in der Gloriarevolution von 1688 fußenden England reden; selbst für das Terrain, welches die heutigen deutschen Fürsten theils dem Kaiser und dem Reiche, theils ihren Mitständen, den Standesherrn, theils ihren eignen Landständen abgenommen, läßt sich kein vollständig legitimer Besitztitel nachweisen, und in unsrem eignen staatlichen Leben können wir der Berührung mit der Revolution, der Benutzung revolutionärer Unterlagen an keinem Tage entgehen. Viele der angedeuteten Zustände sind eingealtert, und wir haben uns daran gewöhnt; es geht uns damit wie mit allen den Wundern, die uns täglich 24 Stunden lang umgeben und uns deshalb nicht mehr als Wunder erscheinen, und Niemanden abhalten, den Begriff des ›Wunders‹ auf Erscheinungen einzuschränken, welche durchaus nicht wunderbarer sind als die eigne Geburt und das tägliche Leben der Menschen.

Wenn ich ein Princip als allgemein durchgreifend anerkennen soll, so muß es auch zu allen Zeiten wahr sein und der Grundsatz quod ab initio non valet tractu [lapsu] temporis convalescere nequit bleibt der Doctrin gegenüber richtig. Aber selbst, wenn die revolutionären Erscheinungen der Vergangenheit noch nicht den Grad von Verjährung hatten, daß man von ihnen sagen konnte, wie die Hexe im Faust von ihrem Höllentrank: ›Hier habe ich eine Flasche, aus der ich selbst zuweilen nasche, die auch nicht mehr im mindesten stinkt‹, hat man nicht immer die Keuschheit, sich liebender Berührungen zu enthalten; Cromwell wurde von sehr antirevolutionären Potentaten Herr Bruder genannt und seine Freundschaft gesucht, wenn sie nützlich erschien. Mit den Generalstaaten waren sehr ehrbare Fürsten im Bündniß, bevor sie von Spanien anerkannt wurden. Wilhelm von Oranien und seine Nachfolger galten, auch während die Stuarts noch prätendirten, unsern Vorfahren für durchaus koscher und den Nordamerikanischen Freistaaten haben wir schon in dem Haager Vertrage von 1785 ihren revolutionären Ursprung verziehen. Der König von Portugal hat uns in Berlin besucht, und mit dem Hause Bernadotte hätten wir uns verschwägert, wenn nicht zufällig Hindernisse eintraten. Wann und nach welchen Kennzeichen haben alle diese Mächte aufgehört revolutionär zu sein? Es scheint, daß man ihnen die illegitime Geburt verzeiht, sobald man keine Gefahr von ihnen besorgt, und daß man sich alsdann auch nicht daran stößt, wenn sie sich fortwährend ohne Buße, ja mit Rühmen zu ihrer Wurzel im Unrecht bekennen.

Ich sehe nicht, daß vor der französischen Revolution ein Staatsmann, auch der gewissenhafteste, auf den Gedanken gekommen wäre, sein gesammtes politisches Streben, sein Verhalten im Innern und nach Außen dem Princip des ›Kampfes gegen die Revolution‹ unterzuordnen und die Beziehungen seines Landes zu andern an diesem Probirstein allein zu prüfen; und doch waren die Grundsätze der Amerikanischen Revolution und der Englischen von 1648, abgesehen von dem nach dem Nationalcharakter verschiedenen äußerlichen Unfug mit der Religion, ziemlich dieselben wie die, welche die Unterbrechung der Continuität des Rechtes in Frankreich herbeiführten. Ich kann nicht annehmen, daß es nicht vor 1789 einige ebenso christliche und conservative Politiker, ebenso richtige Erkenner des Bösen gegeben hätte, wie wir es sind, und daß die Wahrheit eines von uns als Grundlage aller Politik hinzustellenden Princips ihnen entgangen sein sollte. Ich finde auch nicht, daß wir auf alle revolutionäre Erscheinungen seit 1789 das Prinzip ebenso rigoros anwenden wie auf Frankreich. Die analogen Rechtszustände in Oesterreich, das Prosperiren der Revolution in Portugal, Spanien, Belgien und in dem durchaus revolutionären heutigen Dänemark halten uns nicht ab, die persönlichen Beziehungen unsres Königs zu den Monarchen dieser Länder milder zu beurtheilen als die zu Napoleon III. Was steckt aber in dem letzteren Besonderes? Die Familie Bonaparte hat weder die Revolution in die Welt gebracht, noch würde die Revolution damit beseitigt oder auch nur eingedeicht sein, wenn man jene Familie vertilgte; die Revolution ist viel älter und viel breiter in der Grundlage als die Bonapartes und Frankreich; will man ihr einen irdischen Ursprung anweisen, so wäre der nicht einmal in letzterem Lande zu suchen, sondern in England, wenn nicht noch früher in Deutschland oder in Rom, je nachdem man die Auswüchse der Reformation oder die der Römischen Kirche und die Einführung des Römischen Rechtes in die Germanische Welt als schuldig ansehen will. Der erste Napoleon hat damit begonnen, die Revolution in Frankreich für seinen Ehrgeiz richtig zu benutzen und dann mit falschen Mitteln bekämpft; gefördert wenigstens hat er sie nicht in dem Grade, wie die drei Louis vor ihm durch die Einführung des Absolutismus unter Ludwig XIV., durch die Unwürdigkeiten der Regentschaft unter Ludwig XV., durch die Schwäche Ludwigs XVI., der am 14. September 1791 mit Annahme der Verfassung die Revolution für beendigt erklärte. Das Haus Bourbon hat mehr für die Revolution gethan als alle Bonapartes. Der Bonapartismus ist nicht der Vater der Revolution, er ist nur wie jeder Absolutismus ein fruchtbares Feld für die Saat derselben; ich will ihn mit diesem Raisonnement keineswegs außerhalb des Gebietes der revolutionären Erscheinungen stellen, sondern ihn nur frei von den Zuthaten zur Anschauung bringen, die seinem Wesen nicht nothwendig eigen sind. So sehe ich auch in ungerechten Kriegen und Eroberungen kein eigenthümliches Attribut der Familie Bonaparte. Der Trieb zum Erobern ist England, Nordamerika, Rußland und Andern nicht minder eigen wie dem napoleonischen Frankreich, findet bei den legitimsten Monarchien seine Schranke schwerlich in der eigenen Bescheidenheit und Gerechtigkeitsliebe. Bei Napoleon III. scheint er nicht als Instinct zu dominiren; er ist kein Feldherr, und im großen Kriege an seiner Grenze würde es nicht fehlen, daß die Blicke der französischen Armee, der Trägerin seiner Herrschaft, sich mehr auf einen glücklichen General lenkten als auf den Kaiser. Er wird den Krieg nur dann suchen, wenn er sich durch innere Gefahren dazu genöthigt glaubt; diese Nöthigung würde für einen legitimen König, der jetzt zur Regierung käme, aber von Hause aus vorhanden sein.

Weder die Erinnerung an die Eroberungssucht des Onkels noch die Thatsache des ungerechten Ursprungs seiner Macht berechtigt mich also, den gegenwärtigen Kaiser der Franzosen als den ausschließlichen Repräsentanten der Revolution, als vorzugsweises Object des Kampfes gegen dieselbe zu betrachten. Den zweiten Makel theilt er mit vielen bestehenden Gewalten, des ersteren ist er bisher nicht verdächtiger als Andre. Sie, verehrter Freund, werfen ihm vor, daß er sich nicht halten könne, wenn nicht ringsum alles so sei wie bei ihm. Auch das kann ich nicht unterschreiben. Der Bonapartismus unterscheidet sich dadurch von der Republik, daß er nicht das Bedürfniß hat, seine Regierungsgrundsätze gewaltsam zu propagiren. Selbst der erste Napoleon hat den Ländern, die nicht direct oder indirect zu Frankreich geschlagen wurden, seine Regierungsform nicht aufgedrängt; man ahmte sie im Wetteifer freiwillig nach. Fremde Staaten mit Hülfe der Revolution zu bedrohen, ist seit einer ziemlichen Reihe von Jahren das Gewerbe Englands, nicht Bonapartes. Letzterer würde durch Ausbreitung revolutionärer Institutionen bei seinen Nachbarn Gefahren für sich selbst schaffen und wird vielmehr im Interesse der Erhaltung seiner Herrschaft und Dynastie bemüht sein, festere Grundlagen als die der Revolution für sich zu gewinnen. Ob er das kann, ist freilich eine andre Frage. Gewiß ist mir, daß er gegen die Fehler des bonapartistischen Regierungssystems nicht blind ist, denn er spricht über sie und beklagt sie. Indessen die jetzige Regierungsform ist für Frankreich nichts Willkürliches, was Louis Napoleon einrichten oder ändern könnte; sie war für ihn Gegebenes und ist wahrscheinlich die einzige Methode, nach der Frankreich lange Zeit regiert werden kann; für alles Andre fehlt die Unterlage entweder von Hause aus im französischen Charakter, oder sie ist zerschlagen und verloren gegangen; und wenn Heinrich V. jetzt auf den Thron gelangt, er würde, wenn überhaupt, auch nicht anders regieren können. Louis Napoleon hat die revolutionären Zustände des Landes nicht geschaffen, hat auch die Herrschaft nicht in Auflehnung gegen eine rechtmäßig bestehende Autorität gewonnen, sondern sie wie ein herrenloses Gut aus dem Strudel der Anarchie herausgefischt. Wenn er sie jetzt niederlegen wollte, so würde er Europa in Verlegenheit setzen und man würde ihn ziemlich einstimmig bitten, zu bleiben; und wenn er sie an den Herzog von Bordeaux cedirte, so würde dieser sie ebensowenig erhalten können, als er sie zu erwerben vermochte. Wenn Louis Napoleon sich den élu de sept millions nennt, so erwähnt er damit eine Thatsache, die er nicht wegleugnen kann; er vermag sich keinen andern Ursprung zu geben, als er hat; daß er aber, nachdem er einmal im Besitz der Herrschaft ist, dem Princip der Volkssouveränität praktisch huldigte und von dem Willen der Massen das Gesetz empfinge, wie es jetzt in England mehr und mehr geschieht, das kann man von ihm nicht sagen.

Es ist natürlich, daß die brutale Unterdrückung, die schändliche Behandlung unsres Landes durch den ersten Napoleon in Allen, die es erlebt haben, einen unauslöschlichen Eindruck hinterlassen hat und daß in deren Augen das böse Princip, welches wir heut in Gestalt der Revolution bekämpfen, sich mit der Person und dem Geschlechte dessen identificirt, den man l'heureux soldat héritier de la révolution nannte. Aber Ludwig XIV. hat nach seinen Kräften nicht weniger heidnisch in Deutschland gewirthschaftet und mit nicht weniger Recht den Haß aller rechtschaffenen Leute auf sich gezogen als Napoleon, und Letzterer, wenn er mit seinen Anlagen und Neigungen als Sohn Ludwigs XVI. geboren wäre, hätte uns vermuthlich auch das Leben sauer genug gemacht. Ich glaube, Sie bürden dem jetzigen Napoleon zu viel auf, wenn Sie gerade in ihm und nur in ihm die zu bekämpfende Revolution personificiren und aus diesem Grunde eine Art von Proscription über ihn aussprechen, so daß es wider die Ehre sei, mit ihm umzugehen. Jedes Kennzeichen der Revolution, welches er an sich trägt, finden Sie auch an andern Stellen wieder, ohne daß Sie ihren Haß mit derselben Strenge der Doctrin auch dahin richteten. Das bonapartistische Regiment im Innern mit seiner Centralisation, seiner Vernichtung der Selbständigkeiten, seinem gleichmachenden Druck, seiner Nichtachtung von Recht und Freiheit, seiner officiellen Lüge, seiner Corruption, seinen gefügigen und überzeugungslosen Schreibern blüht in dem von Ihnen mit unverdienter Vorliebe betrachteten Oesterreich ebenso wie in Frankreich und wird an der Donau aus freier Machtvollkommenheit mit Bewußtsein in's Leben gerufen, während Louis Napoleon es in Frankreich als vorhandene und, wie er selbst sagt, ihm selbst unwillkommene, aber nicht leicht zu ändernde Thatsache vorfand.

Ich finde das ›Besondere‹, welches uns heutzutage gerade die französische Revolution vorzugsweise als Revolution bezeichnen läßt, hiernach auch nicht in der Familie Bonaparte, sondern in der örtlichen und zeitlichen Nähe der Ereignisse und der Größe und Macht des Landes, in welchem sie sich zugetragen. Deshalb sind sie gefährlicher, aber ich finde es deshalb noch nicht schlechter, mit Louis Napoleon in Beziehung zu sein als mit andern von der Revolution erzeugten Existenzen, welche obenein für Ausbreitung derselben noch heute thätig sind. Mit diesem allen will ich keine Apologie von Personen und Zuständen in Frankreich geben; ich habe für die Ersteren keine Vorliebe und halte die Letzteren für ein Unglück des Landes; ich will nur erklären, warum es mir nach meiner Auffassung der Verhältnisse weder sündlich noch ehrenrührig scheint, mit Louis Napoleon als dem von uns anerkannten Souverän eines wichtigen Landes in nähere Verbindung zu treten, wenn es die Politik so mit sich bringt. Daß diese Verbindung an sich etwas Wünschenswerthes sei, habe ich nicht behauptet, sondern nur, daß alle andern Chancen schlechter sind, und daß wir, um sie zu bessern, durch die Wirklichkeit oder den Schein intimer Beziehung zu Frankreich hindurch müssen. Nur durch dieses Mittel können wir meines Erachtens Oesterreich so weit zur Vernunft und von seinem überspannten Schwarzenberg'schen Ehrgeiz zurückbringen, daß es die Verständigung mit uns statt unsrer Uebervortheilung erstrebt, und nur durch dieses Mittel können wir die Wiederbelebung directer Beziehungen der Rheinbundstaaten zu Frankreich hemmen, und England wird anfangen zu erkennen, wie wichtig ihm die Allianz Preußens ist, wenn es zu fürchten beginnt, daß es sie an Frankreich verliert.

Also auch wenn ich auf Ihr Programm einer österreichisch-englischen Verbindung eingehe, müssen wir die Vorbereitung dazu bei Frankreich anfangen, um jene Mächte erst zur Erkenntniß zu bringen.

Sie sehen voraus, verehrter Freund, daß wir eine geringe Rolle in einer preußisch-russisch-französischen Allianz spielen werden; ich habe eine solche Allianz nie als etwas Wünschenswerthes hingestellt, sondern als eine Thatsache, die wahrscheinlich früher oder später eintreten wird, ohne daß wir sie hindern können, mit der man also rechnen, über deren Wirkung man sich klar werden muß; ich habe hinzugefügt, daß wir sie, nachdem Frankreich um unsre Freundschaft wirbt, durch scheinbares oder wirkliches Eingehen auf diese Werbung vielleicht hindern, abschwächen, jedenfalls vermeiden können, als der ›Dritte‹ in dieselbe zu treten. Verhältnißmäßig schwach werden wir in jeder Verbindung mit den übrigen Goßmächten erscheinen, solange wir eben nicht stärker sind als wir sind. Oesterreich und England werden, wenn wir in ihrem Bunde figuriren, ihre Ueberlegenheit auch nicht gerade in unsrem Interesse benutzen, das haben wir auf dem Wiener Congreß erleben können. Oesterreich kann uns keine Bedeutung in Deutschland gönnen und England keine Chance maritimer Entwicklung.

Sie parallelisieren mich mit Haugwitz und der damaligen Defensivpolitik. Die Verhältnisse damals waren aber andre. Frankreich war schon im Besitz der drohendsten Uebermacht und an seiner Spitze ein notorisch gefährlicher Eroberer; dabei war auf England zu rechnen. Ich habe den Muth, den Baseler Frieden durchaus nicht zu tadeln; mit dem damaligen Oesterreich und seinen Thugut, Lehrbach und Cobenzl war ebensowenig etwas zu machen wie mit dem heutigen. Daß wir 1815 verhältnißmäßig schlecht davonkamen, kann ich nicht dem Baseler Frieden zuschreiben, sondern den uns entgegenstehenden Interessen von Oesterreich und England und unsrer physischen Schwäche im Vergleich mit den andern großen Mächten. Die Rheinbundstaaten hatten noch viel mehr ›gebaselt‹ als wir und kamen ganz vorzüglich gut fort. Daß man 1805 nicht losschlug, war eine riesige Dummheit, wir hätten schnell und nachdrücklich bis zum letzten Hauch auf die Franzosen fallen müssen; aber stillzusitzen war noch unverständiger, als für Frankreich Partei zu nehmen. Nachdem wir indeß diese Gelegenheit hatten vorübergehen lassen, so mußten wir auch 1806 Friede à tout prix halten und eine bessere abwarten.

Ich bin gar nicht für Defensivpolitik, ich sage nur, daß wir ohne aggresive Absichten und Verpflichtungen auf die Annäherungsversuche Frankreichs eingehen können, daß diese Stellung gerade den Vorteil hat, uns jede Thür offen zu halten, bis die Lage der Dinge fester und durchsichtiger wird, und daß ich für jetzt diese Richtung nicht als conspirirend gegen Andre, sondern als vorsorglich für unsre Nothwehr auffasse.

Sie sagen, Frankreich werde auch nicht mehr für uns thun, als Oesterreich und die Mittelstaaten, ich glaube, daß niemand etwas für uns thut, der nicht zugleich sein Interesse dabei findet. Die Interessen, die Oesterreich und die Mittelstaaten verfolgen, laufen aber den unsrigen so stracks zuwider, daß gar kein Arrangement darüber zu denken ist, bevor Oesterreich nicht eine bescheidenere Politik uns gegenüber einschlägt, wozu bisher wenig Aussicht ist. Sie stimmen mit mir darin überein, daß wir ›den kleineren Staaten die Ueberlegenheit Preußens zeigen müsse‹, aber welche Mittel haben wir dazu innerhalb der Bundesakte? Eine Stimme unter siebzehn und Oesterreich gegen uns.

Der Besuch Napoleons bei uns zu den Herbstmanövern würde aus allen den von mir in den letzten Jahren [Wochen] vorgetragenen Gründen hinreichen, dieser unsrer Stimme ein durchschlagendes Gewicht zu geben. Ohne etwas der Art halte ich es für sehr schwer, diejenigen wohlwollenden Beziehungen mit Frankreich zu erhalten, welche auch Sie für wünschenswerth ansehen, denn man wirbt von dort um uns, man hofft auf diese Zusammenkunft, und ein Korb von uns muß eine auch für andre Höfe erkennbare Abkühlung bewirken, weil er den ›parvenu‹ an der empfindlichsten Stelle berührt.

Schlagen Sie mir eine andre Politik vor und ich will sie ehrlich und vorurteilsfrei mit Ihnen diskutiren; aber die Passivität und Planlosigkeit unsrer Politik, die froh ist, wenn sie in Ruhe gelassen wird, können wir in der Mitte von Europa nicht durchführen.

v.B.«

Neuntes Kapitel
Reisen. Regentschaft

I

Im folgenden Jahre, 1856, begann der König sich mir wieder zu nähern; Manteuffel, vielleicht auch Andre, fürchteten, ich könnte auf seine und ihre Kosten Einfluß gewinnen. Unter diesen Verhältnissen machte mir Manteuffel den Vorschlag, ich solle das Finanzministerium übernehmen, er das Präsidium und das auswärtige Ressort behalten, später aber mit mir tauschen, so daß er als Vorsitzender Finanzminister, ich Auswärtiger würde. Er that, als ginge der Vorschlag von ihm aus. Obwohl mir derselbe sonderbar erschien, lehnte ich nicht gerade ab, sondern erinnerte nur daran, daß die Zeitungen, als ich zum Bundesgesandten ernannt war, den Scherz des witzigen Dechanten von Westminster über Lord John Russel auf mich angewandt hatten: Der Mensch würde auch das Commando einer Fregatte oder eine Steinoperation übernehmen. Wenn ich Finanzminister würde, so könnten dergleichen Urtheile mit mehr Geltung auftreten, obschon ich die unterschreibende Thätigkeit Bodelschwinghs als Finanzminister allenfalls auch würde leisten können. Es komme alles darauf an, wie lange das Interimistikum dauern solle. In der That war der Vorschlag vom Könige ausgegangen; und als der Manteuffeln fragte, was er ausgerichtet hätte, antwortete derselbe: »Er hat mich geradezu ausgelacht.«

Wenn der König mir wiederholt mündlich das Portefeuille Manteuffels nicht anbot, sondern zu übernehmen befahl mit Worten, wie: »Wenn Sie sich an der Erde winden, es hilft Ihnen nichts, Sie müssen Minister werden,« so behielt ich doch immer den Eindruck im Hintergrunde, daß diese Kundgebungen dem Bedürfniß entsprangen, Manteuffel zur Unterwerfung, zum »Gehorsam« zu bringen. Auch wenn es dem Könige Ernst gewesen wäre, so würde ich doch das Gefühl gehabt haben, daß ich ihm gegenüber eine annehmbare Ministerstellung nicht dauernd würde haben können.

Im März 1857 waren in Paris die Conferenzen zur Schlichtung des zwischen Preußen und der Schweiz ausgebrochenen Streites eröffnet worden. Der Kaiser, über die Vorgänge in Berliner Hof- und Regierungskreisen stets wohl unterrichtet, wußte offenbar, daß der König mit mir auf vertrauterem Fuße stand als mit andern Gesandten und mich wiederholt als Ministerkandidaten in's Auge gefaßt hatte. Nachdem er in den Händeln mit der Schweiz eine für Preußen äußerlich, und namentlich im Vergleich mit der Oesterreichs, wohlwollende Haltung beobachtet hatte, schien er vorauszusetzen, daß er dafür auf ein Entgegenkommen Preußens in andern Dingen zu rechnen habe; er setzte mir auseinander, daß es ungerecht sei, ihn zu beschuldigen, daß er nach der Rheingrenze strebe. Das linksrheinische deutsche Ufer mit etwa 3 Millionen Einwohnern würde für Frankreich Europa gegenüber eine unhaltbare Grenze sein; die Natur der Dinge würde Frankreich dann dahin treiben, auch Luxemburg, Belgien und Holland zu erwerben oder doch in eine sichere Abhängigkeit zu bringen. Das Unternehmen hinsichtlich der Rheingrenze werde daher Frankreich früher oder später zu einer Vermehrung von 10 bis 11 Millionen thätiger, wohlhabender Einwohner führen. Eine solche Verstärkung der französischen Macht werde von Europa unerträglich befunden werden. – »devrait engendrer la coalition«, werde schwerer zu behalten als zu nehmen sein, – »un dépôt que l'Europe coalisée un jour viendrait reprendre«, eine solche an Napoleon I. erinnernde Prätension sei für die gegenwärtigen Verhältnisse zu hoch; man werde sagen, Frankreichs Hand sei gegen Jedermann, und deshalb werde Jedermanns Hand gegen Frankreich sein. Vielleicht werde er unter Umständen zur Befriedigung des Nationalstolzes »une petite rectification des frontières« verlangen, könne aber ohne solche leben. Wenn er wieder eines Krieges bedürfen sollte, würde er denselben eher in der Richtung nach Italien suchen. Einerseits habe dieses Land doch immer eine große Affinität mit Frankreich, andererseits sei das letztere an Landmacht und an Siegen zu Lande reich genug. Eine viel pikantere Befriedigung würden die Franzosen in einer Ausdehnung ihrer Seemacht finden. Er denke nicht daran, das Mittelmeer gerade zu einem französischen See zu machen, »mais à peu près«. Der Franzose sei kein Seemann von Natur, sondern ein guter Landsoldat, und eben deshalb seien Erfolge zur See ihm viel schmeichelhafter. Dies allein sei das Motiv, welches ihn hätte veranlassen können, zur Zerstörung der russischen Flotte im Schwarzen Meere zu helfen, da Rußland, wenn dereinst im Besitz eines so vortrefflichen Materials wie die griechischen Matrosen, ein zu gefährlicher Rival im Mittelmeer werden würde. Ich hatte den Eindruck, daß der Kaiser in diesem Punkte nicht ganz aufrichtig war, daß ihm die Zerstörung der russischen Flotte eher leid that und daß er sich nachträglich eine Rechtfertigung für das Ergebniß des Krieges zurecht machte, in den [er wie] England unter seiner Mitwirkung nach dem Ausdruck seines Auswärtigen Ministers wie ein steuerloses Schiff hineingetrieben war – we are drifting into war.

Als Ergebniß eines nächsten Krieges denke er sich ein Verhältniß der Intimität und Abhängigkeit Italiens zur Frankreich, vielleicht die Erwerbung einiger Küstenpunkte. Zu diesem Programm gehöre, daß Preußen ihm nicht entgegen sei. Frankreich und Preußen seien aufeinander angewiesen; er halte es für einen Fehler, daß Preußen 1806 nicht wie andre deutsche Mächte zu Napoleon gehalten hätte. Es sei wünschenswerth, unser Gebiet durch die Erwerbung Hannovers und der Elbherzogthümer zu consolidiren, um damit die Unterlage einer stärkeren preußischen Seemacht zu gewinnen. Es fehle an Seemächten zweiten Ranges, die durch Vereinigung ihrer Streitkräfte mit der französischen das jetzt erdrückende Uebergewicht Englands aufhöben. Eine Gefahr für sie selbst und für das übrige Europa könne darin nicht liegen, weil sie sich ja zu einseitig egoistisch-französischen Unternehmungen nicht einigen würden, nur für die Freiheit der Meere von der englischen Uebermacht. Zunächst wünsche er sich der Neutralität Preußens zu versichern für den Fall, daß er wegen Italiens mit Oesterreich in Krieg geriethe. Ich möge den König über dieses Alles sondiren.

Ich antwortete, ich sei doppelt erfreut, daß der Kaiser diese Andeutungen gerade mir gemacht habe, weil ich darin einen Beweis seines Vertrauens sehen dürfe, und zweitens, weil ich vielleicht der einzige preußische Diplomat sei, der es über sich nehmen würde, diese ganze Eröffnung zu Hause und auch seinem Souverän gegenüber zu verschweigen. Ich bäte ihn dringend, sich dieser Gedanken zu entschlagen; es läge außer aller Möglichkeit für den König Friedrich Wilhelm IV., auf dergleichen einzugehen; eine ablehnende Antwort sei unzweifelhaft, wenn demselben die Eröffnung gemacht würde. Dabei bleibe im letzteren Falle die große Gefahr einer Indiskretion im mündlichen Verkehr der Fürsten, einer Andeutung darüber, welchen Versuchungen der König widerstanden habe. Wenn eine andre deutsche Regierung in die Lage versetzt würde, über dergleichen Indiskretionen nach Paris zu berichten, so werde das für Preußen so werthvolle gute Benehmen mit Frankreich gestört werden. »Mais ce ne serait plus une indiscrétion, se serait une trahison«, unterbrach er mich etwas beunruhigt. »Vous vous embourberiez!« fuhr ich fort.

Der Kaiser fand diesen Ausdruck schlagend und anschaulich und wiederholte ihn. Die Unterredung schloß damit, daß er mir für diese Offenheit seinen Dank aussprach und ich ihm absolutes Schweigen über seine Eröffnung zusagte. Bis zum Kriege 1870 ist von dieser Unterredung kein Wort über meine Lippen gekommen, erst in einer der langen Winternächte in Versailles wurde sie von mir einem hohen Herrn erzählt und von einem meiner Begleiter aufgezeichnet.

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Yaş sınırı:
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Litres'teki yayın tarihi:
19 şubat 2026
Hacim:
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ISBN:
9783849638122
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