Kitabı oku: «L'affaire de l'amour»
Inhalt
Impressum 3
Vorwort 4
Hauptpersonen der Gerd Bach Abenteuerserie 5
1 Prolog 7
2 19
3 30
4 43
5 63
6 82
7 103
8 117
9 133
10 149
11 159
12 172
13 184
14 196
15 208
16 221
17 237
18 254
19 270
20 290
21 304
22 331
23 340
24 355
25 372
26 391
27 412
28 Epilog 434
Personen im Band 5 441
Vorschau auf den nächsten Band … 444
Impressum
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie.
Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar.
Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fernsehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.
© 2022 novum publishing
ISBN Printausgabe: 978-3-99131-045-7
ISBN e-book: 978-3-99131-046-4
Lektorat: Mag. Eva Zahnt
Umschlagfoto: Madrabothair, GCapture, Andrei Calangiu, Edwardgerges, Sopone Nawoot | Dreamstime.com
Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh
www.novumverlag.com
Bildquellennachweis:
Bild 1, 7 bis 10: © P.R. Mosler
Bild 2: © Digitalpress | Dreamstime.com
Bild 3 und 5: © Oleksii Yaremenko | Dreamstime.com
Bild 4: © Ivan Kruk, Eagnarin Wanvong | Dreamstime.com
Bild 6: © Ka2shka | Dreamstime.com
Vorwort
Wie gut sind Helden erst,
wenn sie sich zusammentun?
Hauptpersonen der Gerd Bach Abenteuerserie
Familie und Staller Konzern
Gerd Bach – Projektleiter bei der Staller Industrie Werke GmbH
Andreas Staller – Doktorand am GGE der Universität in Aachen – bester Freund von Gerd
Peter Staller – Vater von Andreas – Konzernchef
Karola Staller – Frau von Peter – Dozentin für Ernährungswissenschaften
Maria – Köchin und gute Seele des Hauses Staller
Dorothea Waldner – Karolas Mutter – ehem. Chirurgin – Mitglied des Aufsichtsrats Klinik Bodensee
Anna Zerlinski – Gerds Sekretärin – Freundin von Gerd und Andreas
Chantal Roth – Sekretärin von Peter Staller
Team für Sonderprojekte
Daniel Richter – Stellvertreter von Gerd
Maximilian (Max) Schreiber – hochintelligenter Computerspezialist und Mathematiker
Tim Hoffmann – Ingenieur technische Informatik, Computertechnik und Simulation
Tobias Lange – Geowissenschaftsingenieur, verheiratet mit Apothekerin
Uwe Meyer – Notfallmanagement (Kommunikation, Notfall- & Serviceleitstelle) – Werks- und Personenschutz, 1. Pilot
Oliver Klein – Allroundkraft für Sicherheitstechnik
Dominik Schwarz – Allroundkraft für Sicherheitstechnik, 2. Pilot
Ralf Haas – Ingenieur Maschinen- und Systemanlagenbau
Jens Fischer – Bauingenieur Versorgungstechnik, Informatik
Patrick Lange – Systemelektroniker, Analytiker und Mechatronik
Studentische Aushilfen der Universität Düsseldorf im Staller Team
Cornelius Pohlschneider – Student Computerwissenschaft
Michaela (Micha) Kaiser – Studentin Wirtschaftsingenieurswesen Maschinenbau
Miriam Jung – Studentin Betriebswirtschaft
Polizei Düsseldorf
Mark Sievers – KHK – LKA Düsseldorf Dezernat 11 – Abteilungsleiter
Emma Wolf – KHK – LKA Düsseldorf Dezernat 11 – Freundin von Gerd Bach
Lisa Kappler – KK – LKA Düsseldorf Dezernat 11
Ludwig Gessner – KHK – LKA Düsseldorf Dezernat 11
Benedikt Steigert – KK – LKA Düsseldorf Dezernat 11
Gero Nadler – KOK – LKA Düsseldorf Dezernat 11
Falk Bensch – KK – LKA Düsseldorf Dezernat 11
Simon Berg – HK – SEK Düsseldorf – erster Truppenführer
Stefan Wolf – HK – SEK Düsseldorf – zweiter Truppenführer – Bruder von Emma Wolf
Bodo Danberg – HK – SEK-Chef – Vorgesetzter von Stefan Wolf
Lutz Tappe – EHK – Chef der Spezialeinheiten SEK, MEK, Scharfschützen – Vorgesetzter von Bodo Danberg
Berlin (Bundeskanzleramt)
Wolfgang Keller – Geheimdienstkoordinator – Leiter Abteilung Sechs, u. a. für die Bundesnachrichtendienste
Konrad Schrader – Stellvertreter von Wolfgang Keller – Patenonkel von Stefan Wolf
Brigitte Schrader – Frau von Konrad – Patentante von Emma Wolf
Florian Goldschmidt – OTL – Leiter der Sicherungsgruppe SG2 für Personen- und Gebäudeschutz
1 Prolog
August 2006
Die im Herzen von Düsseldorf gelegene Penthouse-Wohnung bietet alles, was sein Eigentümer benötigt, um die gewünschten Geschäftsbeziehungen zu vertiefen. Die vier Millionen teure Luxusimmobilie sorgt mit ihren exklusiv ausgestatteten acht Zimmern, der riesigen Küche mit allem Komfort, mehreren Bädern und Gästezimmern auf über zweihundertsiebenundachtzig Quadratmetern für das notwendige Ambiente. Die umlaufende Dachterrasse gibt in einer luftigen Höhe von neunzig Metern den Blick über die wunderschöne deutsche Stadt preis.
Sein Besitzer nutzt die vor einigen Jahren auf dem Hochhaus errichtete Wohnung in der vierundzwanzigsten Etage nur zu einem einzigen Zweck, welcher dazu dient, den reichen Mann noch um einiges reicher zu machen.
Zu der Party, die heute hier stattfindet, sind nur geladene Gäste erschienen.
Die achtzehn Männer aus den unterschiedlichsten Ländern der Welt wurden gezielt ausgewählt. Nicht nur, dass jeder Einzelne von ihnen in hochrangingen Positionen tätig ist, verfügen sie zudem auch über das notwendige Geld, das heute im Vordergrund steht.
Sie alle sind aus dem gleichen Grund hier. Sie wollen die heißbegehrte Ware in Augenschein nehmen.
Jeder dieser Männer weiß, dass Michail Orlow ihnen stillschweigend alles besorgt, was sie sich wünschen. Selbstverständlich nur im Tausch gegen den passenden Kaufpreis.
Gemeinsam mit seinem deutschen Partner Gabriel Kanthak kümmert sich der Russe um den regelmäßigen Nachschub für seine Einnahmequelle.
Wunderschöne Frauen in teuren Abendkleidern kümmern sich mit exquisiten Getränken und den feinsten Speisen vom Catering um das leibliche Wohl der Gäste, während Michail Orlow zwischen seinen Geschäftspartnern umherwandert.
Der eindrucksvolle Sechsundvierzigjährige in seiner teuren, maßgeschneiderten Kleidung verströmt den Hauch von Geld und Macht. Dass der blonde 1,80 Meter große Russe mit den stahlblauen Augen äußerst gefährlich ist, kann jeder im Raum spüren.
Er begrüßt die Nachzügler, unterhält sich hier und da mit den Männern, oder weist die bedienenden Frauen an, sich um die Erfüllung spezieller Getränkewünsche zu bemühen.
„Michail“, stoppt ihn einer seiner Gäste. Etienne Flammang, ein luxemburgischer Diplomat, tritt an ihn heran. „Wann werden Sie uns Ihre neue Kollektion vorführen?“
Auch sein Kollege Jeannot Goergen wartet bereits ungeduldig auf die Eröffnung.
„Haben Sie noch ein wenig Geduld, meine Herren“, beruhigt der Gastgeber die beiden. „Mein Partner ist bereits unterwegs. Es wird nicht mehr lange dauern.“
Zur gleichen Zeit fahren zwei weiße Transporter vom Typ Mercedes Benz Sprinter 318 CDI mit 3,0-Liter-V6-Dieselmotoren und einer Leistung von 135 kW in die Tiefgarage des Gebäudes ein. Die seitlich aufgedruckte Werbung weist auf den Catering Service hin, den Michail Orlow regelmäßig bei seinen Feiern in Anspruch nimmt. Dass das Catering eine Tochter seiner eigenen Unternehmen ist, macht es für ihn bedeutend leichter.
Die Transporter halten genau in den für sie vorgemerkten Parkplätzen an. Dann warten sie einfach ab.
Unter der Haube des schwarzen Mercedes CL203, der jetzt neben den Transportern einparkt, summt ein 3,2-Liter-Motor leise vor sich hin.
Gabriel Kanthak steigt auf der Fahrerseite der zur Oberklasse zählenden Limousine mit einer Leistung von 260 kW aus. Der dunkelhaarige, 1,82 Meter große Mann hält nichts davon, sich chauffieren zu lassen, auch wenn er das notwendige Kleingeld für einen Angestellten dieser Form locker zur Verfügung hätte. Hinter seinem Wagen bleibt der Neununddreißigjährige stehen, die Hände locker in den Hosentaschen seines maßgeschneiderten teuren schwarzen Anzugs.
Seine Beifahrerin, Nadia Baran, gesellt sich zu ihm, während sie ihren Kopf durch den Gurt ihrer großen Umhängetasche steckt, um diesen quer über ihren Körper zu ziehen. Ihre Augen gleiten anerkennend über seine beeindruckende Figur. ‚An diesem Mann ist kein Gramm Fett zu viel‘, stellt sie wieder einmal fest. Sie weiß, dass er sich mit Boxen fit hält, was auch seine breiten Schultern beweisen. Seine ganze Körpersprache, vor allem aber die emotionslosen, gefühlskalten Augen weisen den Betrachter auf seine Härte hin. Diesen Mann möchte Nadia auf keinen Fall verärgern.
Auf sein Nicken hin beeilen sich die Fahrer und Beifahrer der beiden Transporter, ihre Ware aus den uneinsichtigen Laderäumen zu holen, wofür sie die hinteren Türen der Fahrzeuge rasch aufreißen. Den Personen, die sich dort befinden, donnern sie ihre Befehle entgegen: „Los! Aussteigen!“
Nacheinander klettern insgesamt zweiunddreißig bildhübsche junge Frauen im Alter zwischen neunzehn und fünfundzwanzig Jahren von der Ladefläche. Sie alle tragen Jeans und Sweatshirts.
„Da hinüber“, weist einer der Männer die Frauen grob an. Er zeigt auf den Fahrstuhl, der just in diesem Moment anhält. Als sich die Türen öffnen, steigen acht weitere Männer aus, die von ihrem Boss Gabriel Kanthak rechtzeitig zur Unterstützung angefordert wurden.
In vier Schüben begleiten die Aufpasser die jungen Frauen bis in die Penthouse-Wohnung, wo sie alle zusammen in einem Raum eingesperrt werden. Es ist das einzige Zimmer, in dem das Fenster durch das herabgelassene Außenrollo verdunkelt wurde. Zudem lässt sich das Fenster nicht ohne Schlüssel öffnen und das Rollo wurde durch eine elektrische Schaltung per Fernbedienung verriegelt.
Nadia Baran begleitet die jungen Frauen in den Raum, um ihrer Aufgabe nachzukommen. In den nächsten Minuten ist die achtunddreißigjährige Blondine damit beschäftigt, die eingeschüchterten Mädchen zu behandeln. Nadia ist Polin, 1,70 Meter groß mit hellblauen Augen. Schon seit einer ganzen Weile sorgt sie dafür, dass die von Gabriel ausgewählten Mädchen pünktlich zu den Veranstaltungen mit zu ihnen passender Kleidung, Frisuren und Make-Up ausgestattet werden. Die passende Garderobe für diese Feier wurde schon vor Tagen direkt in die Penthouse-Wohnung geliefert. Ihr Boss, Gabriel Kanthak, weiß, dass er sich auf die gelernte Stylistin verlassen kann.
Da sich Nadia problemlos gegen die jungen Frauen durchzusetzen weiß, wird die Zimmertür von außen verschlossen, ohne dass einer der Männer im Raum verbleibt. Allerdings werden zur Sicherheit zwei Männer vor der Tür ihren Wachposten beziehen und so lange dort ausharren, bis sie von ihrem Boss einen anders lautenden Befehl erhalten. Den übrigen Handlangern steht ein Zimmer zur Verfügung, in das sie sich zurückziehen, bis sie gebraucht werden.
Währenddessen sucht ihr Befehlshaber seinen Partner auf.
„Gabriel“, begrüßt Michail den Freund. „Wie ist es gelaufen?“
Der Angesprochene zuckt lässig die Schultern. „Wie immer. Keine Probleme. Sie sind alle da.“
„Großartig!“, freut sich der oberste Chef des Kartells. „Dann können wir anfangen.“
Auf seinen Wink hin räumen die Bediensteten des Caterings die Speisen zur Seite, um im Anschluss die Räumlichkeiten zu verlassen. Die Frauen ziehen sich in die Küche zurück, um die Zeit, bis sie wieder gebraucht werden, für die Aufbereitung der Speisen und Getränke zu nutzen. Bevor nicht einer der beiden Befehlshaber sie ruft, wird keine von ihnen die Küche verlassen.
Inzwischen betätigt Michails Partner die passende Taste einer Fernbedienung, wodurch auch in diesem Raum die blickdichten Lamellen vor den Fenstern herunterfahren, denn man kann nie wissen, auf welche Ideen ihre Gegner kommen könnten. Schließlich sind die Geschäfte, denen sie in dieser Wohnung nachgehen, sicher nicht als legal zu bezeichnen.
‚Ganz im Gegenteil!‘, überlegt Gabriel. ‚Nur zu gern würden die Behörden uns auf die Schliche kommen. Aber das konnten wir bisher spielend vermeiden.‘ Mittlerweile hat er die entsprechenden Kontakte, um über sämtliche Schritte der diversen Polizeieinheiten rechtzeitig informiert zu werden.
Nun sorgt er für gedämpftes Licht, das statt dem bisherigen taghellen weißen Strahl einen sanften gelblich-roten Schimmer abgibt. Genau richtig für die Stimmung, in die die beiden Geschäftsleute ihre Kunden versetzen wollen.
„Meine Herren“, verlangt Michail jetzt die Aufmerksamkeit seiner Gäste. „Sie alle sind hier, weil Sie besondere Wünsche haben. Wünsche, die ich Ihnen erfüllen kann. Ich werde Ihnen nun meine neue Kollektion vorführen. Sehen Sie sich alles in Ruhe an. Die Verhandlungen führen wir im Nachhinein. Einverstanden?“
Alle Männer nicken in freudiger Erwartung dessen, was jetzt beginnt.
Darauf hat Gabriel nur gewartet. Mit einem kurzen Zeichen gibt er seinem Wachtposten zu verstehen, dass es nun losgeht, woraufhin dieser ihm die Tür zu dem angrenzenden Zimmer öffnet.
„Kommt!“ Gabriels schneidenden Befehl widersetzt sich keine der Frauen. Sie alle haben maßlose Angst vor diesem Mann, da ihnen seine Grausamkeiten mittlerweile weitreichend bekannt sind. Schleunigst erheben sie sich, um seiner Aufforderung Folge zu leisten.
„Ihr nicht!“ Zwei der Mädchen hält er zurück. „Ihr wartet hier!“
Kommentarlos drehen sich die beiden Blondinen von gerade einmal neunzehn Jahren um und setzen sich abwartend auf die Kante des großen Bettes, während die übrigen Frauen, eine nach der anderen, das geräumige Wohnzimmer betreten.
Sie wissen genau, was sie zu tun und wie sie sich den Besuchern des Kartellchefs gegenüber zu verhalten haben. Mit aufreizenden Bewegungen wandern sie langsam zwischen den Männern umher. Die langen, teilweise durchscheinenden Abendkleider, die sie jetzt tragen, verbergen dabei nichts von ihren weiblichen Reizen.
Wer genau hinsieht, erkennt nicht nur die Schönheit der dunkelhäutigen exotischen Frauen, sondern auch die stumpfen Augen, aber das ist diesen Männern egal. Ganz im Gegenteil kommt es ihren Bedürfnissen sehr entgegen.
Durch die vielen Drohungen, die Medikamente und die Gewalt, die die jungen Frauen erdulden mussten, ist ihr Widerstand gänzlich gebrochen, sie haben resigniert und fügen sich in ihr Schicksal.
Für Michail Orlow und Gabriel Kanthak sind diese Frauen nichts weiter als Ware. Eine Ware, die heiß begehrt jede Menge Geld einbringt.
Die meisten dieser Mädchen stammen aus dem südostasiatischen Raum. Gabriel beschafft seinen Nachschub regelmäßig aus Gebieten wie Kambodscha, Laos, Thailand und Vietnam, wobei er darauf achtet, nur gesunde, außergewöhnlich schöne Frauen zu besorgen, da sie den besten Preis einbringen. Je jünger, umso besser.
Er hat keine Probleme damit, auch die minderjährigen Mädchen für seine Kunden zu organisieren, doch dies geschieht nur auf Vorbestellung.
In ihrer Organisation haben die beiden Männer einen Ring von Mitarbeitern aufgebaut, die sich kontinuierlich darum kümmern, die Ware für den Verkauf vorzubereiten, sodass sich Gabriel auf die Beschaffung konzentrieren kann. Trotzdem sorgt er dafür, dass den Frauen seine Präsenz jederzeit bewusst ist, dass sie um die grausamen Strafen wissen, die ihnen drohen, wenn sie sich widersetzen. Nur in gezielten Fällen oder bei Bedarf legt Gabriel selbst Hand an, doch davor fürchten sich alle Mädchen.
Die Oberhäupter der Organisation lassen ihren Gästen ausgiebig Zeit, sich die jungen Frauen anzuschauen, da ihnen bewusst ist, was die Vorfreude bei diesen Männern bewirkt. Der Anblick der aufreizenden Geschöpfe sorgt dafür, dass sich die Geldbeutel der Käufer noch um einiges mehr lockern.
„Wie sieht es aus? Sollen wir anfangen?“
Die Frage des Kartellchefs, in die Runde gestellt, lässt die Männer ihre Plätze aufsuchen, die sie zur gründlichen Begutachtung verlassen hatten. Still warten sie ab, während die Frauen den Raum verlassen.
Auf einen Wink von seinem Boss bringt einer der Wachposten die erste Frau herein.
Gabriels Männer wissen genau, in welcher Reihenfolge sie vorzugehen haben. Die besten Modelle kommen als Letztes an die Reihe.
„Wählen Sie selbst, meine Herren, wie viel Ihnen Ihre neuen Gefährtinnen wert sind. Sie wissen, wir beginnen mit einem Mindestgebot von fünfzigtausend Euro.“
Sie haben sich ihre Gespielinnen bereits ausgesucht, aber jeder von ihnen kennt Michail Orlow, dem nachgesagt wird, ein knallharter Geschäftsmann zu sein. Der lässt sich garantiert nicht erweichen von seinem Ziel abzulassen, welches daraufhin zielt, den bestmöglichen Preis zu erlangen. Die Mädchen müssen alle gekauft werden, sodass es noch eine ganze Weile dauern kann, bis die Frau ihrer Wahl zum Verkauf angeboten wird.
„Ich biete fünfzigtausend“, verkündet einer der Gäste. Er weiß, dass diese Frau ihm, wenn sie gut arbeitet, täglich mehr als fünftausend Euro einbringen kann. Er geht das kalkulierbare Risiko ein.
„Fünfundfünfzig!“
„Sechzig!“
Nachdem der Anfang gemacht ist, geht es zügig weiter. Die ersten zweiundzwanzig Frauen sind innerhalb von circa zwei Stunden verkauft.
Die nächsten acht Frauen sind genau die, auf die es alle Männer abgesehen haben.
Bisher hat Michail knapp zwei Millionen Euro eingenommen, doch jetzt zieht er die Preise an. „Von nun an wird es spannend, meine Herren“, preist er seine Ware an. „Die acht atemberaubenden blutjungen Schönheiten sind einzigartig. Das haben Sie sicher bereits alle erkannt. Der Einstiegspreis beträgt fünfundsiebzigtausend.“ Auffordernd schaut er sich in der Runde um.
Es bedarf nur eines kurzen Winks von Gabriel, damit die erste der Frauen ihre Hüllen für die Männer vor sich fallen lässt. Er weiß genau, wo er diese Männer packen muss, damit sie sich ohne Bedenken von ihrem Geld trennen. Mit einem kalten Lächeln wartet er darauf, dass sein Partner die Versteigerung beginnt.
„Wem von Ihnen ist dieses wunderschöne Geschöpf den Betrag wert?“, erkundigt sich der Russe ruhig. Auf die nun folgenden Angebote braucht er nicht lange zu warten.
„Fünfundsiebzigtausend!“, meldet sich der Erste zu Wort.
Es bleibt nicht dabei. Für die letzten acht Frauen bieten sich die Käufer ein heftiges Gefecht, sodass abermals zwei Stunden vergehen, bis sie alle den Besitzer wechseln. In Kürze wird eine weitere Million in den Taschen des Kartellbosses landen.
Einzig die beiden luxemburgischen Diplomaten beteiligen sich nicht an den Geboten, sondern bleiben ruhig auf ihren Plätzen sitzen. Doch mit fortschreitender Zeit werden sie immer missmutiger, was aber weder Gabriel noch sein Partner in irgendeiner Form berücksichtigen.
Nachdem die dreißig begutachteten Frauen zum Abtransport bereitstehen, bittet der Kartellchef seine Gäste für die Bezahlung der Ware einzeln in sein Büro, wo sie auf Wunsch dann auch die notwendigen Papiere erhalten, um ungehindert mit ihrer Ware die Grenzen zu überschreiten. Natürlich nur gegen die passende Gebühr!
„Michail, Sie hatten uns etwas zugesagt, erinnern Sie sich?“ Der achtundvierzigjährige Etienne Flammang tritt an seinen Gastgeber heran, bevor dieser in seinem Büro verschwinden kann. Sein sechsundvierzigjähriger Kollege folgt ihm auf dem Fuß.
„Ich verstehe nicht, warum Sie uns eingeladen haben, wenn Sie uns nichts anzubieten haben“, meckert der Luxemburger.
Michail nimmt den wohlbeleibten Botschafter freundschaftlich lächelnd in den Arm. „Wer sagt denn, dass ich Ihnen nichts anzubieten habe? Hätte ich Ihre spezielle Ware allen anderen zur Schau stellen sollen? Ich glaube nicht, dass das in Ihrem Interesse gewesen wäre“, vermutet er wieder ernst werdend.
„Sie haben also doch etwas für uns?“ Erfreut strahlen Etienne Flammangs Augen auf.
„Ja, natürlich.“ Der Russe winkt seinen Partner zu sich heran. „Da ich mich im Augenblick leider um meine anderen Gäste kümmern muss, wird Gabriel bestimmt für mich einspringen und Ihnen Ihre Bestellung präsentieren. Ich hoffe, Sie verzeihen mir das?“
„Selbstverständlich“, nickt der Diplomat.
Belustigt schaut Gabriel in die Augen seines Partners. Sie wissen beide, dass auch Gabriel absolut verhandlungsfähig ist, vielleicht sogar noch härter als sein Kompagnon.
„Ich sage Ihnen etwas“, beginnt der Kartellchef. „Sobald Sie sich einig geworden sind, dürfen Sie Ihre Ware gern testen. Dafür stehen Ihnen zwei wunderschöne Zimmer zur Verfügung. Gabriel wird sich um alles kümmern.“
‚Ein hervorragender Schachzug‘, stellt Gabriel fest. ‚Mit der Aussicht auf dieses Arrangement hat Michail die Diplomaten vollständig in der Hand.‘ Er ist sicher, dass die beiden jeden geforderten Preis zahlen.
„Kommen Sie, meine Herren.“ Mit der Hand weist er den Gästen die Richtung.
Seine Mitarbeiterin hat für den Auftritt der beiden Blondinen genau die richtige Wahl getroffen. Ihre langen weichen Haare sind leicht zur Seite hochgesteckt, so dass man den perfekten schlanken Hals erkennen kann. Die Abendkleider mit dem tiefen Ausschnitt zeigen viel von der zarten Haut. Sie sind nicht übermäßig geschminkt, wirken aber keineswegs wie junge Mädchen. Den beiden betrachtenden Männern erscheint es so, als ob diese Frauen nur auf sie warten würden.
Gabriel gibt keine Regung von sich, während er innerlich allerdings über diese Männer lacht, die sich regelrecht zum Gespött machen. ‚Fehlt nur noch, dass sie anfangen zu sabbern‘, denkt er gehässig. „Was sagen Sie? Haben wir Ihnen zu viel versprochen?“
Da Etienne Flammang nur den Kopf schüttelt, übernimmt Jeannot Goergen das Antworten: „Nein, Sie haben absolut die richtige Wahl getroffen. Ich bin begeistert! Mein Kollege anscheinend auch.“ Er wirft seinem Begleiter einen Blick zu, ehe er seine Aufmerksamkeit auf den Mädchenhändler richtet. „Wie viel?“
„Zweihunderttausend!“
Die beiden Diplomaten reißen erschrocken die Augen auf. „Ist das Ihr Ernst? Mein Gott, wieso ist das so viel?“, stöhnt Etienne Flammang.
„Sie haben sich etwas Besonderes gewünscht. Wir hatten viel Vorarbeit, um Ihnen das bieten zu können. Die jungen Damen sind nicht nur bildhübsch, sondern auch gebildet. Beide haben ein abgeschlossenes Abitur. Sie haben ihre Studiengänge nur abgebrochen, um für Sie da zu sein.“ Die Lüge geht ihm mühelos über die Lippen. ‚Wahrscheinlich glauben die Typen mir das sogar, weil sie es einfach glauben wollen‘, vermutet er mit einem kalten Lächeln.
„Das ist ja auch in Ordnung“, stottert Jeannot Goergen. „Aber zweihunderttausend? Das ist mehr als der doppelte Einstiegspreis.“
‚Jetzt beginnt die Bauernfängerei‘, freut sich Gabriel. „Ich mache Ihnen ein Angebot.“
Allein mit diesem Satz hat er die volle Aufmerksamkeit der beiden Luxemburger. „Was für ein Angebot?“
„Wissen Sie, ich hatte da vorhin eine Idee. Mir ist klar, dass der Preis hoch ist. Ich weiß aber auch, dass mein Partner auf keinen Fall unter Wert verkauft. Ich habe mit ihm über Sie beide gesprochen. Sie haben uns die Papiere geliefert, die wir brauchten. Übrigens eine sehr gute Arbeit! Wir sind übereingekommen, Ihnen eine dauerhafte Geschäftsbeziehung anzubieten. Sie liefern uns auch weiterhin die Papiere, die wir in Auftrag geben, dafür erhalten Sie einen Bonus von fünfundzwanzig Prozent bei jedem Einkauf. Was sagen Sie?“ Lauernd betrachtet er die beiden Männer, die nicht wissen können, dass Michail und er den Rabatt vorher aufgeschlagen haben.
„Das sind dann immer noch hundertfünfzigtausend“, rechnet Etienne Flammang, während er die junge Frau vor sich gierig betrachtet. Seinem Kollegen geht es nicht anders.
„Wenn Sie jetzt in einen Vertrag einwilligen, dann lege ich aus meinem persönlichen Fond für jeden einmalig dreißigtausend drauf. Sie bekommen die Damen heute für einhundertzwanzigtausend Euro. Aber nur, wenn Sie sich sofort entschließen.“
Die Diplomaten brauchen nicht lang zu überlegen, um Gabriel nickend zuzustimmen: „Wir sind einverstanden!“
„Dann, meine Herren, lassen Sie sich nicht davon abhalten, Ihre Neuerwerbung nach Herzenslust zu genießen. Meine Mitarbeiterin wird Ihnen Ihre Zimmer zeigen. Ich kümmere mich in der Zwischenzeit um die Verträge.“ Damit lässt er die Männer allein, um sich kurz darauf zufrieden bei seinem Partner einzufinden. Sie haben bekommen, was sie wollten!
„Und?“, verhört Michail ihn erwartungsvoll.
„Wie vorhergesagt. Statt hunderttausend habe ich mit zweihunderttausend angefangen. Bei hundertzwanzig hatte ich sie in der Tasche.“
„Hervorragend! Die Verträge müssen nur noch unterzeichnet werden. Aber daran zweifle ich keine Minute. Wir haben schließlich ihre Zusage. Sie werden sich an ihr Wort halten.“ Begeistert reicht er seinem Partner ein Glas Champagner, um mit ihm auf den erfolgreichen Abend anzustoßen. „Sag, wie bist du eigentlich so schnell an die beiden Blondinen gekommen?“ Interessiert wartet Michail auf die Erklärung seines Partners.
„Das war Andrejs Idee. Der Junge entwickelt sich wirklich gut.“
„Was für eine Idee?“ Stolz auf seinen Sohn will der Kartellchef mehr wissen.
„Wir haben uns die beiden frisch von der Universität aus Essen geholt. Mittlerweile kommt immer häufiger die Nachfrage nicht nur nach Europäerinnen, sondern ganz gezielt nach deutschen Frauen. Die Herausforderung, etwas zu besitzen, das nicht so leicht zu bekommen ist, lässt die Kunden in Zukunft garantiert bei uns Schlange stehen. Andrej hat sich in der Universität eingeschrieben, wodurch er zu den diversen Feiern eingeladen wurde. Wir haben uns in den Kneipen, die dafür ausgewählt waren, in aller Ruhe umgesehen. Noch nicht einmal drei Stunden waren nötig, dann konnten wir zugreifen. Vor allem, weil Andrej uns mit dem passenden Hintergrundwissen über die Mädchen versorgte.“
„Was für Hintergrundwissen?“
Gabriels braune Augen blitzen zufrieden. „Die Damen taten sich in ihrem Studium ziemlich schwer. Sie hatten bereits lautstark verkündet, dass sie keine Lust mehr haben. Es war ein Leichtes, ihre Klamotten zusammenzupacken, damit sie leere Zimmer hinterließen. Als Einziges blieb eine handgeschriebene Notiz mit ihrer Kündigung zurück. Das Ergebnis ist, dass niemand nach den beiden sucht. Sollte die Polizei doch noch auf die Idee kommen, dass die beiden nicht einfach abgereist sind, werden sie keine Spuren mehr finden. Zu uns schon gar nicht!“
„Ich bin begeistert“, nickt Michail erfreut. „Die Idee ist gut. Wir sollten einmal prüfen, ob wir das auch weiterhin verwenden können. Immer mehr Kunden wollen Europäerinnen, die eine gewisse Intelligenz mitbringen.“ Er zuckt die Schultern. „Obwohl ich nicht glaube, dass die Herren das groß in Anspruch nehmen.“
„Ist schon erledigt. Im Augenblick habe ich acht Studierende an den verschiedenen Universitäten, die mich mit Informationen versorgen.“
„Du bist dir aber absolut sicher, dass keine Verbindungen zu uns nachvollziehbar sind? Wenn ich diesen Service anbiete, müssen wir auch liefern.“
„Kein Problem. Ich sorge für den reibungslosen Ablauf. Vorerst bleiben wir an den großen Universitäten aus Essen, Düsseldorf, Köln und Aachen. Durch die Unmenge an Studierenden bleibt das Ganze weitgehend anonym.“
„Ausgezeichnet.“
„Aber achte darauf, dass wir mindestens vier Wochen Vorlauf benötigen, um die jungen Damen davon zu überzeugen, unseren Forderungen nachzukommen, besser sogar sechs Wochen.“
„Ich werde dies berücksichtigen.“
2

September 2006
Die Einweisung der zukünftigen Studierenden ist vorbei. Andreas Staller, Doktorand am Institut für Applied Geophysics and Geothermal Energy (GGE) der Universität in Aachen, packt mit Hilfe seines Kollegen, dem Doktoranden Michael Faber, die letzten Unterlagen zusammen. Gemeinsam mit den zuständigen Professoren und Doktoren haben sie den Studienanwärtern für das nächste Semester die Pflichtkurse sowie die Wahlfächer nahegebracht.
„Das ist immer wieder erstaunlich, wie wenig in die Köpfe der Neuen hineingeht“, bekräftigt Michael Faber. „In ein paar Tagen stehen sie dann vor uns, weil sie nicht weiterwissen.“
„Ist es dir nicht am Anfang auch so gegangen?“ Andreas lächelt seinen Freund spöttisch an.
Michael wirft seinem Gesprächspartner nur einen mürrischen Blick zu, lässt aber den Kommentar unbeantwortet. Stattdessen erkundigt er sich bei Andreas: „Wie lange bist du noch dabei?“
„Nächsten Sommer habe ich noch ein Jahr. Viel früher werde ich es wohl auch nicht schaffen. Die letzten Aktivitäten haben mich einiges an Zeit gekostet. Wie ist es mit dir? Wann reichst du deine Doktorarbeit ein?“
„Wenn alles so läuft, wie ich es mir vorstelle, bin ich im nächsten April fertig“, enthüllt der neunundzwanzigjährige Michael dem Freund schulterzuckend. Die braunen Augen des 1,76 Meter großen schwarzhaarigen Doktoranden blitzen amüsiert auf. „So langsam muss ich mich ranhalten, wenn ich noch eine Familie gründen will. Immerhin werde ich bald dreißig.“
„Du findest dreißig alt?“ Der siebenundzwanzigjährige Andreas, sportliche 1,84 Meter groß, mit dichten schwarzen Haaren und grauen Augen, ist nicht minder gut anzusehen.
„Sicher. Stell dir einmal vor, du bekommst mit dreißig ein Kind, dann ist dein Nachkomme fünfundzwanzig, wenn du fünfundfünfzig bist. Da kannst du kaum noch mithalten. Mit jedem zusätzlichen Jahr wird es schwieriger. Außerdem gehen die dann studieren, bis du in Rente bist. Ich werde jedenfalls nicht mehr allzu lange warten.“
„Zuerst einmal musst du die passende Frau dafür finden.“
Verlegen starrt Michael seinen Freund an. „Eigentlich wollte ich dir das schon eine ganze Weile lang sagen, aber dann habe ich jedes Mal wieder einen Rückzieher gemacht.“
Alarmiert horcht Andreas auf. „Was wolltest du mir sagen?“
„Nun ja, also …“, druckst er herum, ehe er seinen ganzen Mut zusammennimmt. „Nicole und ich sind bereits seit ein paar Monaten zusammen.“
„Nicole?“ Irritiert mustert Andreas seinen Freund. „Welche Nicole?“ Als er begreift, von wem sein Freund redet, reißt er erstaunt die Augen auf. „Du meinst doch nicht etwa Nicole Droste?“
„Doch, genau die. Und ja, ich weiß, die Ex seines besten Freundes sollte eigentlich tabu sein. Aber ich mag sie, sogar sehr.“
„Mit welchem Ex-Freund hast du da Probleme?“
Jetzt ist es an Michael, verblüfft aufzuschauen. „Na, mit dir.“
„Wieso denn das? Nicole Droste und ich waren nie zusammen. Nicht einmal für fünf Minuten. Ich glaube, sie hat es am Anfang eine Weile versucht. Aber sie ist wohl von selbst darauf gekommen, dass sie einfach nicht mein Typ ist.“
„Nie?“ Erleichtert beäugt Michael seinen Freund.
„Indianerehrenwort!“, bekräftigt Andreas. „Bist du sicher, dass das gutgeht?“
„Ja, bin ich. Seit wir uns offen zueinander bekannt haben, ist sie vollkommen verändert, viel ausgeglichener. Bei Gelegenheit unternehmen wir etwas zusammen, dann kannst du dir ja selbst ein Bild machen.“
„Ich nehme dich beim Wort.“
Am gleichen Morgen, an dem die beiden Doktoranden die Neulinge der Universität in Empfang nehmen, findet sich Emma Wolf vor dem Düsseldorfer Polizeipräsidium ein. Heute ist ihr erster Tag an ihrem neuen Arbeitsplatz, den Konrad Schrader ihr besorgt hat.
Noch vor einer Woche war sie in Berlin für Wolfgang Keller, den Leiter der Abteilung Sechs im Bundeskanzleramt, als Beauftragte des Bundesnachrichtendienstes tätig. In seinen Aufgabenbereich fallen unter anderem die drei deutschen Nachrichtendienste, was ihn zu ihrem Chef machte. Sein Stellvertreter Konrad Schrader war für Emma nicht nur ein vorgesetzter Kollege, sondern ist der Patenonkel ihres Bruders Stefan, Konrads Frau Brigitte ihre Patentante. Keiner von ihnen war begeistert davon, dass Emma nach Düsseldorf wechseln wollte, aber sie verstehen ihren Wunsch, der darauf beruht, dem Mann, für den sie sich entschieden hat, nah zu sein. Dass Konrad ihr zudem eine Stelle beim hiesigen Landeskriminalamt in der Abteilung für Organisierte Kriminalität verschaffen konnte, wo sie aktiv mitarbeiten kann, erleichtert ihr den Umzug nach Düsseldorf ungemein.
Emma lässt ihre Augen über das eindrucksvolle Gebäude gleiten, von dem sie mittlerweile weiß, dass seine Grundsteinlegung am 12. 10. 1929 stattfand, es aber dann noch vier Jahre dauerte, bis die staatliche Polizei dort einzog. Seitdem wird dieser Standort von der Düsseldorfer Polizei als Dienststelle in Anspruch genommen.
Normalerweise besitzt das Landeskriminalamt NRW in Düsseldorf einen eigenen Standort, der aber in Kürze durch ein neues Gebäude ersetzt werden soll. Die laufenden Baumaßnahmen bewirken, dass die Mitarbeiter der zugehörigen Abteilungen bis zur Fertigstellung des Neubaus an verschiedenen Standorten in Düsseldorf und Neuss untergebracht wurden. Die Abteilung, deren Leiter Hauptkommissar Mark Sievers ist, wurde in der ersten Etage des Düsseldorfer Polizeipräsidiums untergebracht.
Das ist der Grund, warum die Beamtin nun vor den wachhabenden Pförtner tritt, der gemeinsam mit einem Kollegen unmittelbar hinter der Eingangstür seinen Dienst verrichtet. Sie geht davon aus, dass die Mitarbeiter in dieser Einrichtung einen separaten Eingang nutzen, aber die genauen Abläufe in diesem Haus sind ihr vorerst noch unbekannt, sodass sie lediglich, wie jeder andere Besucher, den überdachten Gang zwischen Säulen und Hauswand entlang gehen kann, bis sie über einige Treppenstufen den Haupteingang erreicht.
Emma muss schmunzeln, als die Sicherheitsanlage bei ihrem Hindurchgehen heftig zu blinken beginnt und der lautstarke Alarmton die geschäftige Stille unterbricht, die man bis dahin in dem großen Gebäude wahrnehmen konnte. Im Gegensatz zu den Polizeibeamten, die ihre Dienstwaffe in der ihnen zugeteilten Behörde erhalten, besitzt die ehemalige Geheimdienstagentin ihre eigene Waffe, die sie bei sich trägt. Das laute Piepen lässt nicht nur die beiden Wachposten am Eingang eiligst auf sie zukommen, sondern der rasche Knopfdruck eines der Pförtner sorgt zudem für sofortige Verstärkung der beiden Männer.
Noch ehe die sechsundzwanzigjährige Beamtin etwas sagen, geschweige denn weiter in die Vorhalle hineintreten kann, versammeln sich sechs weitere Polizisten in dem Eingangsbereich. Sie alle halten sich erst einmal in einem gewissen Sicherheitsabstand zu der jungen rothaarigen Frau, die Hände an ihren Waffen. Bei der geringsten Gefahr werden sie sofort zugreifen.
„Bleiben Sie stehen!“, fordert der erste Uniformierte sie laut auf. „Heben Sie die Arme hoch! Strecken Sie die Hände von sich!“ Langsam bewegt er sich auf die Frau zu. Was er sieht, darf ihn keinesfalls von der Gefahr ablenken.
Die ausnehmend gute Erscheinung der 1,79 Meter großen schlanken Frau wird unterstützt durch die strahlend grünbraunen Augen unter dichten Wimpern, die feinen ebenmäßigen Gesichtszüge mit hohen Wangenknochen, sowie einem vollen sinnlichen Mund. Die langen weichen Haare glänzen in einer Mischung aus tiefem Burgunderrot bis hin zu einem kräftigen Rotton, gemischt mit einem Hauch von Mahagoni. Er weiß, sie trägt eine Waffe. Nur ist ihm noch nicht klar, auf welcher Seite sie steht. Gut oder böse? Auf jeden Fall muss er ihr die Pistole entwenden, ehe sie diese benutzen kann.
Während sie die Hände hebt, lächelt Emma die zukünftigen Kollegen immer noch freundlich an, ohne einen Hauch von Angst zu zeigen. „Ich bin Hauptkommissarin Emma Wolf“, ruft sie den Männern vor sich eine Erklärung zu. „Ich werde jetzt meinen Ausweis aus der Tasche ziehen. Haben Sie bitte die Güte, mich nicht gleich zu erschießen.“
Mit der linken Hand greift sie in ihre Jackentasche, holt ihren Ausweis hervor, den der ihr am nächsten stehende Polizist entgegennimmt, um das Dokument genau zu prüfen, ehe er sich mit einem beruhigenden Nicken an seine Kollegen wendet: „Es ist in Ordnung.“
Noch bleiben die Männer um sie herum wachsam, entspannen sich aber ein Stück weit, während sie die weiteren Vorgänge rund um die Frau im Auge behalten, an die sich jetzt der Leiter der Sicherheitstruppe wendet: „Warum haben Sie sich nicht direkt zu erkennen gegeben?“
„Wie denn? Ich muss zugeben, Sie waren äußerst effizient. Meine Hochachtung.“
„Vielen Dank. Anscheinend gehören Sie aber nicht hierher, da Ihnen die hiesigen Abläufe fremd zu sein scheinen. Verraten Sie mir, was Sie hier wollen?“
„Ich möchte zu Hauptkommissar Mark Sievers. LKA, Dezernat 11.“
„Warum?“
„Er hat mich angefordert.“
Der Einsatzleiter ist noch nicht überzeugt. „Kommen Sie mit. Ich begleite Sie zu ihm.“ Er winkt zweien seiner Leute ihm zu folgen, dann machen sie sich zu viert auf den Weg nach oben zu den Büroräumen. Dafür durchqueren sie das Foyer, in dem sich Emma neugierig nach allen Seiten umschaut.
Das historische Treppenhaus im Foyer des Präsidiums gewährt durch das offene Rund in der Mitte den Blick nach oben auf eine Kuppel im Dach, sowie nach unten auf das Bodenmosaik im Foyer, das inmitten eines großen Polizeisterns einen preußischen Adler mit Stolz aufgerecktem Kopf zeigt, der als Zeichen der Macht Schwert und Blitzbündel in den Fängen hält. Fasziniert bleibt sie für einen Augenblick stehen, um den alten Paternoster1 zu betrachten, der anscheinend noch voll funktionsfähig seine Arbeit verrichtet.
„Sie haben sicher nichts dagegen, wenn wir die Treppe nehmen?“, verlangt der Einsatzleiter. „Ich bin kein Fan von diesem Ding!“, gesteht er entschuldigend. Ohne ihre Antwort abzuwarten, steigt er bereits die Stufen in das erste Obergeschoss hinauf, um in einen angrenzenden Gang einzubiegen, der mit einer Vielzahl von Türen gesegnet ist. Vor einer dieser Türen bleibt ihr Führer kurz darauf stehen, um sich durch Anklopfen bemerkbar zu machen.
„Ja, bitte.“
Erst auf die Aufforderung hin betritt der Beamte das Großraumbüro, in dem das Team von Mark Sievers seiner Arbeit nachgeht. Der Hauptkommissar befindet sich im Gespräch mit zwei seiner Kollegen, schaut aber beim Eintreten der Besucher neugierig auf. „Was gibt es denn?“, verhört er den Leiter der Sicherheitstruppe.
„Entschuldigen Sie die Störung, aber diese junge Dame hier behauptet, dass Sie sie erwarten.“ Damit tritt der Mann zur Seite.
Der Blick des blonden sechsunddreißigjährigen Abteilungsleiters wandert verstört zu der ausnehmend hübschen Frau. Er hat lange genug mit ihr zusammengearbeitet, um sie sofort zu erkennen. ‚Eine solche Frau kann man gar nicht vergessen‘, geht es ihm durch den Kopf. ‚Doch was macht sie hier?‘ „Emma? Emma Wolf?“, erkundigt sich der 1,82 Meter große Beamte überrascht.
„Hallo, Mark“, lächelt Emma. „Lange nicht gesehen.“
„Was machst du hier? Kommst du aus Berlin? Hast du hier einen Auftrag zu erledigen?“ Er kann es immer noch nicht fassen. Sie haben eine ganze Weile sehr gut zusammengearbeitet, doch als sie nach Berlin zu ihrem Vater wechselte ging er davon aus, dass er sie nie wieder sehen würde.
„Nein, nicht wirklich. Kannst du dir nicht denken, warum ich hier bin?“ Auf sein ratloses Kopfschütteln hin mustert sie ihn ernst. „Konrad Schrader schickt mich. Er sagt, du brauchst Unterstützung.“
Der Hauptkommissar reißt überrascht seine blauen Augen auf. „Du? Du bist das? Jetzt weiß ich, wieso Herr Schrader mich persönlich angerufen hat, obwohl meine Anfrage gar nicht in sein Aufgabengebiet gehört. Zudem wird mir gerade klar, warum er am Telefon so kurz angebunden war, er hatte Angst sich zu verplappern“, begreift er, Emma übermütig anlächelnd. „Deshalb hat er nichts gesagt! Na, die Überraschung ist ihm gelungen.“ Mark wendet sich an die Männer rund um sie beide. „Leute, ich hatte euch ja schon mitgeteilt, dass mein Antrag auf einen neuen Mann bewilligt wurde. Allerdings hätte ich nie damit gerechnet, dass ich die fähigste Kollegin bekomme, die ich mir nur wünschen kann. Das ist Kriminalhauptkommissarin Emma Wolf, unsere neue Kollegin. Von nun an meine Stellvertreterin und eure neue Vorgesetzte.“
Im Laufe des Vormittags ist Emma damit beschäftigt, sich in ihrer neuen Arbeitsstätte einzusortieren, sowie die vielen Kollegen kennen zu lernen. Mittlerweile sitzt sie gemeinsam mit Mark über den Dienstplänen.
„Übernächste Woche stehen die ersten Teile der regelmäßigen Leistungsprüfungen an.“ Bedauernd schaut der Kollege Emma an. „Du hättest dir besser noch zwei Wochen Zeit gelassen. Jetzt musst du gleich voll mit einsteigen.“
„Sind das immer noch die gleichen Standards?“
„Ja. Sporttest, bestehend aus Ausdauertraining, Hindernislauf, Belastungslauf und Konzentrationstest, dann geht es weiter mit Kampfsport beziehungsweise Nahkampf und zu guter Letzt kommt das Schießtraining. Hier im Haus haben wir einen Schießstand, der für unsere Abteilung zweimal im Jahr für sechs Stunden gebucht wird. Ich muss dich vorwarnen, unser Schießausbilder ist ein ganz scharfer Hund, der dir keinen Fehler durchgehen lässt.“
„Das macht mir keine Angst“, versichert Emma dem Kollegen.
„Einmal im Jahr finden wir uns auf einem der Trainingszentren ein, vorrangig, um den Geschicklichkeitstest zu absolvieren, aber auch, um reale Einsätze zu trainieren. Du weißt schon, terroristische Anschläge und so etwas. Das wird dir garantiert geläufiger sein als mir, schätze ich.“
„Schon möglich“, gibt Emma ausweichend zu.
„Ebenfalls einmal im Jahr muss jeder von uns zum PÄD, dem polizeiärztlichen Dienst, zum Checkup. Jetzt fehlen nur noch die typischen schriftlichen und mündlichen Abfragen, wie IQ-Test, PC-Test, Englisch und so weiter. Alles wie gehabt, das kennst du bereits.“
„Ja, da mache ich mir keine Sorgen. Wie ist das mit dir?“ Lächelnd tätschelt Emma ihrem Kollegen den rundlichen Bauch. „Was ist das hier? Daran kann ich mich gar nicht erinnern“, erklärt sie schalkhaft.
Mark streicht mit der Hand über die Wölbung. „Meine Frau kocht halt zu gut“, antwortet er ihr grinsend. „Seit unser Junior dabei ist landen auch vermehrt Süßigkeiten auf dem Tisch. Er wird bald vier Jahre und hat eine Vorliebe für jeglichen Süßkram. Ich kann doch nicht zulassen, dass der Junge das alles allein isst. Doch das hält mich nicht davon ab, euch zu zeigen, wie man richtig trainiert. Bisher kann ich noch gut mithalten. Du wirst wohl keine Probleme haben, bei deiner Vorausbildung.“
„Wahrscheinlich nicht, ich brauche nur die Termine.“
„Kein Problem, die können wir uns gleich zusammen ansehen“, verspricht Mark. „Apropos Termine. Ich würde sagen, die ersten zwei Wochen arbeiten wir gemeinsam. Danach teilen wir uns auf zwei Schichten auf. So können wir mindestens zwölf bis vierzehn Stunden am Tag abdecken. Das hilft ungemein! Du weißt sicher noch Bescheid, die üblichen einundvierzig Wochenstunden im Schichtdienst sind Grundlage. Es gibt zwar so etwas wie geregelte Arbeitszeiten, aber du weißt ja selbst, wie das funktioniert.“
„Ja. Gar nicht.“ Emma lächelt.
„Genau. Das Zauberwort heißt ‚Überstunden‘.“
„Es ist schön, wieder dabei zu sein.“
„Ich hätte nicht geglaubt, dass du noch einmal zurückkommst, schon gar nicht nach Düsseldorf. Was hat deinen Sinneswandel bewirkt?“, verhört Mark sie neugierig.
„Die Kurzfassung. Ich möchte so lange wie möglich bei den Menschen sein, die mir wichtig sind. Der Job ist es nicht wert, irgendwann dafür draufzugehen. Kein Job ist das.“
„Da gebe ich dir Recht. Lass uns essen gehen, die Kantine ist wirklich gut.“
Zehn Minuten später sitzen sie mit ihrem Essen an einem leeren Sechsertisch in der Kantine. Sie sind früh dran, weshalb es noch sehr ruhig in dem großen Speiseraum ist.
„Also, die Kurzfassung habe ich gehört. Jetzt die lange!“, fordert Mark. „Wer ist der Kerl, für den du ‚den tollsten Job der Welt‘ aufgibst? Erinnerst du dich? Das waren deine Worte.“
„Das war er auch“, stimmt die Beamtin ihm zu. „Aber es hat sich viel verändert in der letzten Zeit.“
„Ja. Ich habe davon gehört“, verrät Mark ihr, während er sich an die Berichte über die Ermordung von Emmas Vater erinnert. Richard Wolf war der Leiter der Abteilung Sechs im Bundeskanzleramt und somit Emmas oberster Vorgesetzter. Erst nach seinem gewaltsamen Tod übernahm Wolfgang Keller diesen Posten. „Tut mir leid um deinen Vater. Wie kommst du damit klar?“
„Ganz gut, meistens jedenfalls“, fügt Emma ehrlicher Weise hinzu. „Es ist jetzt etwa ein Jahr her, dass Vater während der Arbeit in seinem eigenen Büro erschossen wurde. Es hilft mir, dass wir die Verantwortlichen dafür überführen konnten, doch mittlerweile sehe ich den Job mit etwas anderen Augen. Der Mord an meinem Vater ist ein Grund, warum ich hierher gewechselt habe.“ Als sie von ihrem Essen aufschaut bemerkt Emma den Mann, der mit seinem Tablett in den Händen und einem unverkennbaren Grinsen im Gesicht auf sie zukommt. „Wo du gerade nach Kerlen fragst, das ist einer davon“, wendet sie sich lächelnd an Mark und zeigt mit der Hand auf ihren Bruder, der jetzt neben ihnen am Tisch erscheint.
„Stefan?“ Mark starrt den rotblonden 1,82 Meter großen Einzelkämpfer verdutzt an. „Sagt mal, hat jetzt die ganze Familie Wolf hier angeheuert?“
Die grünen Augen des achtundzwanzigjährigen durchtrainierten Beamten blitzen belustigt auf. „Irgendwer muss euch doch zeigen, wie man richtig arbeitet.“ Stefan klopft dem Kollegen auf die Schulter, plumpst neben diesem auf einen der freien Stühle, um sich anschließend an seine Schwester zu wenden: „Ich schätze, du hast noch fünf Minuten, bevor der Tisch um dich herum gänzlich bevölkert ist“, vermutet er.
„Wovon sprichst du?“
„Meine Truppe kommt auch gleich zum Essen. Was glaubst du, passiert, wenn die mich mit einer ihnen unbekannten Frau im Gespräch sehen?“ Stefan kann das Grinsen nicht unterdrücken, das sich bei dem Gedanken an die Neugier seiner Kollegen in ihm ausbreitet.
„Deine Truppe?“, verhört Mark den Bruder seiner Kollegin wissbegierig. Auch Stefan Wolf ist ihm durch die Zeit, die er beim Bundeskriminalamt mit Emma zusammengearbeitet hat, gut bekannt. „Wo bist du untergekommen?“
„Stefan ist der neue Truppenführer bei einem eurer Spezialeinsatzkommandos“, antwortet Emma ihm.
„Ich muss schon sagen“, staunt Mark. „Ihr zwei habt ganz schön Karriere gemacht. Es kommt selten genug vor, dass eine Frau einen leitenden Posten erhält, aber dass ihr beide in eurem Alter schon so weit seid, grenzt an ein Wunder.“
„Oder an Können“, spottet Stefan frech, woraufhin sie alle fröhlich auflachen.
Ihr Bruder hat nicht zu viel versprochen, in Kürze ist der Tisch durch die Kollegen aus Stefans Einheit regelrecht belagert. Die harte Arbeit hindert sie nicht daran, ausgiebig mit der bildhübschen jungen Frau zu flirten, über die sie neugierig alles wissen wollen.
Doch ihre Arbeit in Berlin gibt sie nicht preis, da dies der höchsten Geheimhaltung unterliegt. Jeder, der diesem Gespräch zuhört, geht davon aus, dass Emma Wolf in Berlin eine ähnliche Arbeit als Polizistin verrichtet hat, wodurch sie mit dem Posten der stellvertretenden Leitung hier ihre Karriere steigert. Dass sie in Berlin für ihren Vater, dem als Leiter der Abteilung Sechs im Bundeskanzleramt unter anderem der Bundesnachrichtendienst unterstand, als knallharte Geheimdienstagentin tätig war, wissen außer Mark Sievers nur noch einige wenige Vorgesetzte. Und auch nach Richard Wolfs Tod blieb sie unter dessen Nachfolger Wolfgang Keller weiterhin ihrer Arbeit treu, bis sie Gerd Bach kennenlernte.
1 Paternoster = historische Aufzug
3

An dem darauffolgenden Montagmorgen fährt die leistungsstarke Limousine, ein Audi A6 TDI mit 3,0-Liter-Dieselmotor und einer Leistung von 286 PS, langsam auf der Abflugebene am Düsseldorfer Flughafen in eine der Kiss and Fly Parkbuchten, die lediglich für einen kurzen Halt zum Aussteigen und Entladen gedacht sind.
Während der Chauffeur sich in aller Eile um das Gepäck seiner Passagiere kümmert, steigt Peter Staller aus dem Wagen, um seiner Schwiegermutter aus dem Fond zu helfen. Galant streckt der gutaussehende achtundvierzigjährige Konzernchef ihr seine Hand entgegen, welche diese gern ergreift.
Dorothea Waldners blaugraue Augen leuchten belustigt auf. „Das kann ja nur eine wunderbare Reise werden, wenn ich schon vor ihrem Antritt so würdevoll behandelt werde.“
Auch Peter lächelt. Selbst die legere Kleidung verhindert nicht, dass man dem 1,86 Meter großen dunkelhaarigen Mann die Macht und den Einfluss ansieht, den seine Stellung als Unternehmer eines Großkonzerns mit sich bringt. Eilig umrundet er das Fahrzeug, um auch seiner Frau beim Aussteigen behilflich zu sein. Zu dritt finden sie sich am Heck des Wagens ein, um ihr Handgepäck von Jochen, dem privaten Chauffeur des Unternehmers, entgegenzunehmen. Das Reisegepäck wurde bereits am Vorabend aufgegeben.
„Vielen Dank für das Chauffieren, Jochen“, wendet sich Peter an seinen Angestellten.
„Keine Ursache, Chef. Ich wünsche Ihnen einen schönen Urlaub. Kommen Sie alle heil zurück.“
Die Unternehmers-Gattin Karola Staller ist Dozentin für Ernährungswissenschaften, die in ihrer selbstständigen Tätigkeit diversen Universitäten, Laboren und anderen Einrichtungen zur Seite steht. Überrascht schaut die 1,68 Meter große Frau mit dem modischen Kurzhaarschnitt und den grauen Augen in das lächelnde Gesicht des Chauffeurs. „Ich glaube, Sie verwechseln uns mit meinem Sohn und seinem Freund. Wir jedenfalls haben nicht vor, uns in ein gewagtes Abenteuer zu stürzen, sondern werden redlich ausspannen.“
„Ja, natürlich. So habe ich das gemeint“, erwidert Jochen ernst, während er mit dem Konzernchef einen amüsierten Blick tauscht. Sie alle wissen, dass sowohl Andreas Staller, der Sohn des Hauses, sowie dessen Freund Gerd Bach schon mehr als ein gewagtes Abenteuer hinter sich haben. „Gute Reise“, wünscht Jochen den Urlaubern, bevor er sich mit der Limousine auf den Rückweg macht.
Sie schauen dem Chauffeur kurz hinterher, dann begeben sich die drei Reisenden zu ihrem Check-in-Schalter im Abflugterminal.
Dorothea Waldner, die ehemalige Chefchirurgin eines Konstanzer Krankenhauses und mittlerweile geschätztes Mitglied des Aufsichtsrats, wird in den nächsten zehn Tagen in der Hauptstadt der Thailändischen Provinz Udon Thani helfen, die Pläne für die Modernisierung des dortigen Krankenhauses zu erstellen. In Kooperation mit ihrem Klinikum wird der Ausbau noch in diesem Jahr beginnen. Die Mittel dafür wurden bereits vom Aufsichtsrat und der Geschäftsführung freigegeben, so dass die Ärztin bestens auf ihre Aufgabe vorbereitet ist. Ihre Tochter Karola Staller und ihr Schwiegersohn haben sich entschlossen, die sechsundsechzigjährige Geschäftsfrau auf dieser Reise zu begleiten.
Nachdem alle Passagiere ihre Plätze in dem Airbus A320 der Fluglinie Lufthansa eingenommen haben, startet diese ohne weitere Verzögerung, der Anschlussflug von Frankfurt nach Bangkok mit einem Airbus A380 der Thai Fluggesellschaft geht über Nacht und die letzte Etappe vom Flughafen Bangkok-Suvarnabhumi nach Udon Thani legen sie mit einem Airbus A320 der Thai Smile Fluggesellschaft zurück. Nach einer Gesamtflugzeit von neunzehn Stunden landen sie an ihrem Zielflughafen Udon Thani in Thailand. Die Strecke bis zum Centara Hotel & Convention Centre Udon Thani, einem 4-Sterne-Hotel, legen Sie in fünfzehn Minuten mit dem Taxi zurück. Durch die Zeitverschiebung von sechs Stunden erreichen die Urlauber ihr Hotel erst am Dienstag zur Mittagszeit.
Um sich von der Strapaze des langen unbequemen Sitzens im Flugzeug zu erholen, entschließen sich die drei Familienmitglieder zu einer ersten Besichtigungstour, die sie nach einem leichten Mittagessen neugierig starten.
„Wo wollt ihr zuerst hin?“, erkundigt sich Peter bei den Frauen, die sich daraufhin mit schalkhaft blitzenden Augen ansehen.
„Shoppen!“, kommt die fröhliche Antwort von beiden gleichzeitig, bevor sie vergnügt loslachen.
„Warum frage ich auch?“, stöhnt der Konzernchef. „Das hätte ich mir eigentlich denken können. Aber ich mache euch einen Vorschlag. Laut meinem Reiseführer bieten sich für euch zwei Möglichkeiten. Gleich hier neben dem Hotel befindet sich die Central Plaza mit westlichen Kaufhäusern und einigen Händlern von ansässigen Marken. Ich könnte mir vorstellen, dass für euch ein Einkaufstripp auf den Posri Road reizvoller ist. Dort finden wir aneinandergereiht kleinere Boutiquen mit Kleidung oder handgefertigtem Kunsthandwerk, lokale Möbelbauer, Gold-Shops und Juweliere. Das ist zu Fuß gerade einmal eine Viertelstunde entfernt.“
„Hört sich doch gut an“, bewertet Dorothea die Aussage. „Worin besteht denn jetzt dein Vorschlag?“
„Im Reiseführer steht, dass sich das wirkliche Leben dort erst gegen Abend abspielt. Lasst uns die Einkaufstour bis nach dem Abendessen verschieben, stattdessen sehen wir uns einmal die Stadt an.“
„Was schwebt dir denn da so vor?“, will seine Frau wissen.
„Udon Thani hat eine rund sechstausend Jahre alte Geschichte vorzuweisen“, liest Peter aus seinen Unterlagen ab. „Die Stadt hat rund einhundertvierzigtausend Einwohner und ist eine der wichtigsten wirtschaftlichen und infrastrukturellen Knotenpunkte am Mekong-Zufluss Mae Nam Luang. Sie hat viele Sehenswürdigkeiten zu bieten, wie den Octagonal Pavilion, die Orchideenfarm Udorn Sunshine Nursery, dort bekommt ihr übrigens auch selbsthergestellte Parfüms, dann den Tempel Wat Pho Chai Sri mit der eintausendzweihundert Jahre alten berühmten Buddha-Statue Luang Pho Phra Sri, angeblich wurde sie bisher vier Mal gestohlen und kam doch immer wieder hierher zurück, faszinierend“, staunt Peter.
„Da gibt es sicher vieles, was sich anzusehen lohnt“, stimmt Karola ihrem Mann zu. „Wo möchtest du denn anfangen?“
„Ich würde gern den Nong Prajak-Park aufsuchen. Mit seinen üppigen Gärten und Seen bietet er sicher viel Platz, um sich die Beine zu vertreten. Allerdings brauchen wir bereits eine halbe Stunde, bis wir dort ankommen. Wenn ihr im Park eine Pause machen wollt, könnt ihr am See die Kois2 füttern. Was haltet ihr davon?“
„Gesessen haben wir für die nächsten Stunden wohl genug“, urteilt Karo. „Was ist mit dir, Mutter? Kommst du mit?“
„Natürlich. Schließlich wollen wir auch etwas von der Stadt zu sehen bekommen.“
„Sollen wir bis zum Park ein Taxi nehmen?“, erkundigt sich Peter fürsorglich bei seiner Schwiegermutter.
„Wieso?“, fragt sie mit einem übermütigen Lächeln. „Fühlst du dich schon so alt, dass du den Weg nicht zu Fuß schaffst?“
Unter vergnügtem Lachen machen sich die drei auf den Weg zu ihrem ausgewählten Ziel.
Im Gegensatz zu dem harmonischen Urlaubsantritt des Konzernchefs und seiner Begleiterinnen beginnt die Woche für Emma Wolf mit einem anstrengenden Ausdauertraining. Die durchtrainierte Polizistin hat keine Schwierigkeiten, mit ihren Kollegen Schritt zu halten. Nach einer kurzen Verschnaufpause muss sie sich auf dem Schießstand melden. Die Mitarbeiter aus ihrer Abteilung sind bereits vollständig erschienen, allerdings eher um zu sehen, wie sich die neue Kollegin macht.
Sie begibt sich von der Umkleide aus zum Schießstand, wobei sie ihre Dienstwaffe, eine HK-P2000 V4 von Heckler & Koch mit Browning-Verschluss und Kaliber 9 x 19 Millimeter bei sich trägt.
Als Emma auf ihre Kollegen zutritt, schaut Mark sie prüfend an. „Bereit?“ Auch ihm ist klar, dass seine Mitarbeiter wissen wollen, ob sie sich im Ernstfall auf die neue Kollegin verlassen können.
„Jederzeit“, bestätigt Emma ihm ruhig. Sie bekommt ihren Platz zugewiesen, setzt Schutzbrille und Ohrschützer auf und macht sich startklar.
„Sechs Schuss“, bestimmt Polizeioberkommissar Helge Rothmann, der Schießausbilder. Mit einem kurzen Nicken bestätigt Emma ihm, dass sie seine Anweisung verstanden hat, visiert ihr Ziel nur kurz an, um dann zügig alle sechs Schuss abzufeuern.
Während der Polizeioberkommissar sie nachdenklich mustert, beginnen ihre Kollegen schadenfroh zu lachen. Auf ihrer Zielscheibe erkennt man ein Einschussloch an der Nasenwurzel der abgebildeten Figur. Ein weiteres Loch ist nicht zu sehen.
„Immerhin, der eine Treffer ist spitze“, bemerkt Kommissar Malte Distler ironisch.
„Das war dann wohl der Zufallstreffer für diese Woche“, lacht auch Oberkommissar Gero Nadler.
„Das solltest du vielleicht noch einmal üben“, rät auch Mark ihr lächelnd.
„Warum?“, richtet sich der Polizeiausbilder an Emmas erstaunte Kollegen. „Wenn ihr das auch schafft, dann dürft ihr meckern, vorher nicht“, rügt er die Zuschauer. „Schaffen Sie das noch einmal?“, will er von der Beamtin wissen.
„Sicher.“ Emma ist beeindruckt von dem guten Einschätzungsvermögen des Schießausbilders. Sie macht sich bereit für einen zweiten Durchgang.
Der erste Schuss landet im Herzen, der zweite im Hals, die nächsten vier Einschüsse sind nicht zu sehen.
Durch die eigenartigen Treffer auf ihrer Zielscheibe macht sich bei ihren Kollegen erste Verwirrung breit.
Helge Rothmann nickt der neuen Kollegin zu. „Eine hervorragende Leistung. Wo haben Sie gelernt, so gut zu schießen?“
„In Berlin, bei einem Sondertraining“, antwortet Emma ihm vorsichtig. Das anerkennende Aufblitzen seiner Augen sagt ihr genug. ‚Der Mann weiß Bescheid!‘
„Wovon redet ihr da eigentlich?“, will Mark wissen.
Der Polizeioberkommissar zeigt auf die erste Zielscheibe. „Sieh dir das Einschussloch einmal genauer an. Die erste Kugel ist sauber über dem Nasenbein eingedrungen. Ein absolut tödlicher Schuss! Die nächsten fünf Kugeln gingen durch das gleiche Loch. Du erkennst es an dem ausgefransten Rand. Wie sich die sechs Schuss beim zweiten Durchgang verteilen, kannst du dir sicher denken.“
Schlagartig ist es still. Während die Kollegen auf die Scheiben starren, klopft Mark seiner Stellvertreterin fröhlich auf die Schulter. „Feuertaufe bestanden, würde ich sagen.“
Schon seit den frühen Morgenstunden sitzt Gerd Bach, der Projektleiter der Staller Industrie Werke, in seinem Büro. Durch die schweren Verletzungen, die er sich vor noch nicht allzu langer Zeit zugezogen hat, wurde er nicht nur von dem behandelnden Arzt, sondern vor allem von Karola Staller zu Bürotätigkeit verdonnert.
Er weiß, dass er die Geduld der siebenundvierzigjährigen Unternehmers-Gattin bis ins Letzte ausgereizt hat. Auch wenn der 1,86 Meter große gutaussehende Mann mit den dichten braunen Haaren, den honigbraunen Augen und dem charmanten Lächeln so ziemlich jede Frau um den kleinen Finger wickeln kann, beißt er bei Karo diesmal auf Granit. Selbst wenn sie die nächsten zehn Tage einige tausend Kilometer entfernt ist, entgeht ihr garantiert nicht, ob er sich an sein Versprechen ihr gegenüber hält. Also fügt er sich in das Unvermeidbare.
Vor über sechzehn Jahren traf Gerd in der Schule auf Andreas, freundete sich mit ihm an und stand zu ihm, als dieser Hilfe brauchte. Mittlerweile ist aus ihrer Freundschaft eine tiefe Verbundenheit geworden, die Andreas für ihn zu einem Bruder macht. Zu dieser Zeit lernte Gerd auch die Eltern seines Freundes kennen, bei denen er seither ein und aus geht. Peter und Karola Staller sind nicht nur Andreas’ Eltern, sondern mittlerweile auch so etwas wie seine Eltern, die ihn bei sich aufgenommen haben und ihm ein Zuhause boten. Obwohl er im Jugendheim aufwuchs fühlte er sich bei dieser Familie immer willkommen und geborgen. Gemeinsam mit Andreas stellte er sich dem Kriegsverbrecher Otto Gruber und seinen Söhnen in den Weg, um deren kriminellen Machenschaften Einhalt zu gebieten. Ann-Marie Lichtenstein, die Schwiegertochter des Verbrechers, sann auf Rache und ließ nichts unversucht, um den beiden Freunden einen möglichst grausamen Tod zu verschaffen. Auch hier konnten Andreas und Gerd, die den Kampf gegen die Schergen dieser Frau aufnahmen, den Sieg davontragen, was sie nicht zuletzt der Hilfe ihrer Freunde, Kollegen und Familie verdanken. Allerdings zogen sich die beiden jungen Männer einiges an Verletzungen zu, wodurch sie für ihre vollständige Genesung noch längere Zeit zur Untätigkeit verdammt wurden.
In dem riesigen Unternehmen, das der Konzernchef nach und nach aufgebaut hat, ist Gerd inzwischen der zweite Mann. Seite an Seite mit Peter Staller meistert er den Alltag der Firma mit seinen rund achthundert Mitarbeitern.
Mürrisch liest er sich die Berichte seiner Teamkollegen durch. Viel lieber würde er vor Ort mitmischen. Seit einigen Wochen installieren seine Kollegen in dem Freizeitpark Weltenbummler in der Eiffel ein neues Sicherheitssystem. Nachdem der Betreiber Sven Kirschbaum mit massiven Schwierigkeiten in der Elektronik und den technischen Anlagen zu kämpfen hatte, holte er das Team der Staller Werke mit ins Boot. Bis zur Saisoneröffnung im nächsten April wollen sie mit der Anlage fertig sein.
Die Erinnerung daran, dass er sich heute Morgen die Zeit nehmen konnte, mit Emma in aller Gemütsruhe zu frühstücken, zaubert ein Lächeln auf sein Gesicht.
Erst vor zwei Wochen ist seine Freundin bei ihm eingezogen, doch er spürt genau, dass es für sie beide die richtige Entscheidung war. Seit Freitag arbeitet sie beim Landeskriminalamt in Düsseldorf an ihrer neuen Arbeitsstelle, welche sie nur seinetwegen angenommen hat. Dass die hervorragende Beamtin ihren Job beim Bundesnachrichtendienst in Berlin beendete, darüber war ihr Boss Wolfgang Keller nicht gerade begeistert.
Im Augenblick kämpfen sie beide sich durch den gemeinsamen Alltag und die wechselnden Arbeitszeiten, um ihren Rhythmus zu finden. Das gemeinsame Frühstück an den Arbeitstagen zählt zu den Gegebenheiten, die sie sich nicht nehmen lassen. Allerdings kommt es eher selten vor, dass sie es so ausgiebig zelebrieren können wie heute Morgen.
Das Klingeln seines Handys holt den Siebenundzwanzigjährigen in die Gegenwart zurück. Als er anhand der angezeigten Nummer den Anrufer erkennt, blitzen seine Augen vergnügt auf, wobei sich ein Lächeln in seinem Gesicht ausbreitet. „Guten Morgen, Andy. Bist du sie endlich los?“ Nur Gerd hat die Erlaubnis, Andreas mit seinem Kosenamen anzureden.
Der Doktorand lacht bei der Frage seines Freundes fröhlich auf. „Ja. Endlich! Das ist das richtige Wort. Ich weiß nicht, was in Mutter gefahren ist. Sie muss doch beruflich so viel reisen, dass sie langsam eine gewisse Routine entwickelt haben sollte. Aber wenn es in den Urlaub geht, ist sie vollständig aus dem Häuschen. Vater war so genervt, dass er ihr gestern Nachmittag erklärt hat, wenn sie ihren Koffer noch ein einziges Mal öffnet, sorgt er dafür, dass sie ohne Gepäck fliegt.“
Auch Gerd muss lachen. „Emma und ich waren froh, als wir uns nach dem Mittagessen verabschieden konnten. Dass dein Vater genervt war, konnte man spüren, aber gegen Karola war das gar nichts. Sie war ‚hochexplosiv‘.“
Die Freunde amüsieren sich gemeinsam über die Urlaubsvorbereitungen der Unternehmers-Gattin.
„Seit Vater die Firma übernommen hat ist es das erste Mal, dass er in Urlaub fährt. Ich hätte nicht geglaubt, dass ich das je erlebe. Dazu hat er sich nur entschlossen, weil du für ihn in der Firma die Stellung hältst. Was meinst du? Ich gebe ihm maximal fünf Tage. Spätestens am Freitag ruft er dich an, um den aktuellen Stand zu erfahren.“
„Ich traue mich nicht, dir zu widersprechen“, stimmt Gerd seinem Freund belustigt zu. „Wie sieht es aus? Bleibst du die Woche über in der Uni?“
Um sich die lange Anfahrt zu ersparen, verweilt Andreas unter der Woche in seiner angemieteten sechzig Quadratmeter großen Wohnung auf dem Universitätsgelände. „Ja, bis Freitag“, bestätigt der Doktorand. „Dann komme ich nach Hause. Sollen wir etwas zusammen unternehmen oder bist du schon verplant?“
„Ich habe zwar noch keine Ahnung, wie Emmas Dienstplan aussieht, aber für einen Männerabend findet sich immer Zeit. Einverstanden?“
„Sicher. Dann sprechen wir uns diese Woche noch ab, wenn du mehr weißt. Ich muss jetzt los. Mach’s gut.“
„Du auch. Und keine gewagten Abenteuer. Klar?“
Andreas reagiert empört: „Hey, wer von uns ist denn derjenige, der sich nie zurückhalten kann?“
Lachend beendet Gerd das Gespräch. Da sich mittlerweile auch seine Sekretärin Anna Zerlinski im Büro eingefunden hat, beginnen sie mit dem Firmenalltag.
Fast zehntausend Kilometer von den beiden Freunden entfernt treffen Karola und ihre Mutter auf dem Weg zum Abendessen im Flur vor den Zimmern erstmalig wieder aufeinander.
„Wo hast du denn deinen Mann gelassen? Hat er keinen Hunger?“, erkundigt sich Dorothea bei ihrer Tochter.
„Doch, ich denke schon. Aber er wollte sich noch ein wenig bewegen. Da der Pool recht leer war, nutzt er die Gelegenheit, um noch ein paar Bahnen zu schwimmen.“
„An seinem Wunsch bin ich wohl nicht ganz unschuldig“, gesteht die Ärztin. „Bei meinem Schneckentempo konnte er sich im Park wohl nicht ausleben.“
„Mach dir da keine Sorgen“, beruhigt Karo ihre Mutter. „Wenn er das braucht, findet Peter schon ein Ventil um sich auszutoben. Darauf brauchen wir aber keine Rücksicht zu nehmen. Er sagt, dass er nachkommt, wir brauchen nicht auf ihn zu warten.“
„Das wäre ja noch schöner! Dafür bin ich viel zu neugierig“, erklärt Dorothea resolut.
Lachend machen sich die beiden Frauen auf in Richtung Speisesaal, wo sie bereits am Eingang fürsorglich von dem Personal in Empfang genommen und zu ihren Plätzen geführt werden. Nachdem die beiden Gäste der Bedienung bestätigen, dass alles ihren Wünschen entspricht, zieht sich die junge Frau mit einer Verbeugung zurück.
„Ich muss schon sagen, sehr zuvorkommend.“ Dorothea schaut sich im Saal um. „Angenehmes Ambiente, stilvoll eingerichtet.“
„Ja, stimmt. Der Raum bietet auch eine gewisse Privatsphäre. Durch die überall aufgestellten tropischen Pflanzen sind die Tische voneinander getrennt, ohne dass es bedrückend wirkt, und das Büffet ist so aufgebaut, dass man sich nicht ins Gehege kommt.“
„Genau. Auf jeden Fall werde ich mir jetzt eine Vorspeise besorgen. Kommst du mit?“
„Aber sicher.“
Zusammen begeben sie sich zu den langen Reihen ausgewählter Speisen, um ihre erste Auswahl zu treffen.
Karola dreht sich, mit ihrem Teller in der einen Hand, einem gefüllten Glas in der anderen, zu ihrem Tisch um. Die Handtasche, die mit ihrem Träger über ihrer rechten Schulter hängt, rutscht ihr dabei bis auf den Unterarm herunter. Mit einem erschrockenen Aufschrei versucht die Unternehmers-Gattin Teller und Glas waagerecht zu halten. Doch ganz gelingt ihr das nicht. Ihre grauen Augen weiten sich entsetzt, als sie einen großen Teil von ihrem Saft auf dem Anzug des Mannes verteilt, der gerade neben ihr steht.
„Verdammt! Was soll das?“ Aufgebracht wendet sich der Mann Karola zu, wobei er sich drohend zu seiner vollen Größe aufrichtet. Obwohl seine Arme locker herunterhängen, sind die Fäuste geballt und seine ganze Körperhaltung drückt Gewaltbereitschaft aus.
„Meine Güte. Entschuldigen Sie bitte, das tut mir wirklich leid. Ich habe nicht aufgepasst.“ Die Unternehmers-Gattin sieht den Mann reumütig an, doch als sie seine Augen wahrnimmt, läuft ihr ein Schauer über den Rücken. ‚Sie wirken kalt wie Eis und absolut gefühllos‘, denkt Karola.
„Das ist nicht zu übersehen“, giftet Gabriel Kanthak die schlanke Frau vor sich so heftig an, dass diese unweigerlich zusammenzuckt. „Haben Sie keine Augen im Kopf?“
„Was ist denn hier los?“ Peter Staller taucht neben seiner Frau auf.
Karo war noch nie so froh darüber, ihren Mann an ihrer Seite zu haben wie in diesem Moment.
„Das geht Sie nichts an“, faucht Gabriel den Konzernchef an. „Diese Dame und ich haben nur eine Kleinigkeit zu klären. Kein Grund, den edlen Ritter zu spielen.“
Beschützend stellt sich Peter vor Karola, da auch er die Kälte spürt, die von diesem Mann ausgeht. Mit ruhiger, aber entschiedener Stimme antwortet er dem fremden Mann: „Wenn Sie ein Problem mit meiner Frau haben, geht mich das sehr wohl etwas an.“
„Ihre Frau? Dann sollten Sie vielleicht besser darauf achten, dass sie nicht allein in der Gegend herumläuft. Bringen Sie ihr lieber bei, wie man sich in der Öffentlichkeit zu benehmen hat!“
Langsam fängt auch Peter an zu kochen, sodass seine braunen Augen bei der Bemerkung des Mannes gefährlich aufblitzen. „Diese Entscheidung sollten Sie besser mir überlassen!“
„Wie dem auch sei. Ich lasse Ihnen die Rechnung zukommen.“ Damit dreht sich Gabriel wütend um und verschwindet.
„Den haben sie als Kind wohl zu heiß gebadet“, mutmaßt Dorothea, die froh darüber ist, dass Peter ihr die Einmischung abgenommen hat.
„Danke.“ Niedergeschlagen mustert Karola die Lache, die von einem der Bediensteten gerade aufgewischt wird.
Der lächelt sie freundlich an. „Alles gut. Lassen Sie sich nicht den Appetit verderben.“
Sie genießen zwar in aller Ruhe ihr Abendessen, doch der Vorfall bleibt ihnen noch eine ganze Weile in Erinnerung. Selbst bei der ausgiebigen Shopping-Tour, zu der sie anschließend aufbrechen, kann Karola die Gedanken an den fremden Mann nicht abschütteln. Obwohl sie ihren Einkauf in den bunt gestalteten Geschäften genießt, sieht sie immer wieder seine kalten Augen vor sich. ‚Normalerweise kann ich mich gut allein behaupten‘, grübelt sie. ‚Aber diesmal war ich unglaublich froh, dass Peter da war.‘ Am liebsten würde sie diesem Mann nie wieder begegnen und nimmt sich vor, ihm im Hotel aus dem Weg zu gehen.
Unterdessen laufen im Dezernat 11 des Landeskriminalamtes die Leitungen heiß. Mark Sievers legt den Telefonhörer in dem Moment auf, als Emma am Mittwochmorgen kurz vor Dienstanfang das Büro betritt.
„Gut, dass du schon da bist“, empfängt sie der Vorgesetzte, winkt sie mit sich zu den anderen Kollegen der Abteilung, wo er sich Gehör verschafft: „Hey, Leute, schenkt mir doch bitte einmal eure Aufmerksamkeit.“ Nachdem er sich vergewissert hat, dass ihm wirklich alle aus seinem Team zuhören, gibt er weiter, was er durch das Telefonat erfahren hat. „Gerade bat mich der Leiter vom Kriminalkommissariat 12 der Kriminalinspektion 1 aus Duisburg um Unterstützung. Vorige Woche hat er einen offiziellen Antrag auf Amtshilfe gestellt, dem stattgegeben wurde. Wir sollen ihm dabei helfen, die Mitglieder einer gut getarnten Verbrecherorganisation hochzunehmen.“
„Worum geht es denn dabei? Drogen?“, erkundigt sich Ludwig Gessner.
„Nein“, widerspricht sein Vorgesetzter dem Kollegen. „Es geht um Menschenhandel.“
„Weißt du schon Genaueres?“, verhört Emma bei ihn.
„Bis jetzt konnten die Kollegen aus Duisburg keine Spur dazu finden, wie die jungen Frauen ins Land gebracht werden. Auch nicht, wo sie unterkommen. Fakt ist, dass an den einschlägigen Plätzen immer wieder neue Gesichter auftauchen. Vorwiegend junge Frauen unter fünfundzwanzig aus Thailand, Kambodscha und Laos. Auch von den Philippinen und Malaysia. Der Kollege teilte mir mit, dass sie vor zwei Wochen sieben Müllsäcke mit grausigem Inhalt auf der Mülldeponie gefunden haben. Die Mädchen waren zwischen fünfzehn und achtzehn Jahre alt. Die Verletzungen weisen darauf hin, dass sie systematisch zu Tode geprügelt wurden.“
Emmas Augen blitzen wütend auf. „Das ist eine der schlimmsten Arten von Unmenschlichkeit. Diese Mädchen, meistens sind es noch Mädchen, keine Frauen, werden verschleppt, unter Drogen gesetzt, vergewaltigt und verprügelt. So lange, bis sie ohne Widerstand tun, was von ihnen verlangt wird. Die Menschen, die diese Gewalttaten verursachen, sehen in ihnen nur eine Ware. Da ist es doch egal, wenn ab und zu einmal eine auf dem Müll landet!“
„Leider liegst du damit hundertprozentig richtig. Das ist wohl nicht der erste Fund dieser Art und es wird auch nicht der letzte sein. Dagegen sollten wir schnellstens etwas unternehmen. Also lasst uns bitte nach Duisburg fahren.“
Da seine Kollegen der gleichen Meinung sind, machen sie sich zu sechst in zwei Dienstwagen auf den Weg nach Duisburg.
2 Kois (Mz.); Koi = Der Nishikigoi kurz auch Koi genannt, ist eine Zuchtform des Karpfens.
4

Udon Thani ist die Hauptstadt des gleichnamigen Landkreises und der gleichnamigen Provinz, die in der Nordostregion Thailands, dem Isan, liegt. Die Stadt mit ihren rund einhundervierzigtausend Einwohnern befindet sich circa sechzig Kilometer südlich der laotischen Grenze sowie fünfhundertsechzig Kilometer nordöstlich von Bangkok an einem der Zuflüsse des Mekong.
Das Udon Thani Hospital, das allgemeine, öffentliche Krankenhaus, in dem die Behandlung und Pflege aller Patienten durchgeführt wird, liegt auf der Westseite des Nong Prajak Parks.
Ein Taxi bringt Dorothea Waldner und das Ehepaar Staller am nächsten Morgen bis vor das Hauptportal des Krankenhauses, wobei sie auf ihrer Strecke über die Phran Phrao Road an dem Platz des Wat-Thung-Si-Muang vorbeifahren.
„Schaut einmal dort, der Tempel“, weist Karola auf das Gebäude hin. „Ist er nicht wunderschön?“
„Das ist der Schrein Wat-Thung-Si-Muang, eines unserer Wahrzeichen“, erklärt ihnen der Taxifahrer auf Englisch. „Es beherbergt gleich zwei unserer Stadtpfeiler. Der Schrein dient als Weihestätte für die guten Stadtgeister, die Stadt und Bevölkerung beschützen sollen.“
„Vielen Dank für die Erklärung“, freut sich Karola.
„Dann habe ich die richtige Route gewählt“, lächelt der Taxifahrer, der ihr einen vergnügten Blick über den Rückspiegel schenkt.
Sie umrunden den See Prachak mit Blick auf den Nong Prajak Park, in dem sie gestern bereits ihre Runde gedreht haben, um kurz darauf vor dem Udon Thani Hospital zu halten, wo sie beim Aussteigen beobachten können, wie ein Krankentransporter mit medizinischem Versorgungsgut bestückt wird. Eine junge Frau in der Kleidung der Krankenschwestern schaut einen Moment zu ihnen herüber, dann ruft sie ihren Kollegen etwas zu, ehe sie den drei Besuchern entgegengeht. „Frau Doktor Waldner?“, erkundigt sie sich beim Näherkommen.
„Ja, ganz recht“, bestätigt ihr Dorothea.
„Es freut mich, Sie hier begrüßen zu dürfen. Wir alle waren hocherfreut, als uns Ihre Gesellschaft die nötige Unterstützung zusagte. Es gibt im ganzen Haus niemanden, der nicht gespannt darauf wartet zu hören, welche Verbesserungen vorgenommen werden.“
„Das glaube ich gern“, lächelt Dorothea. „Sie sprechen sehr gut Englisch. Wo haben Sie das gelernt?“
„Ich bin auf dem Militärstützpunkt der Royal Thai Air Force aufgewachsen. In meiner Familie gab es einige Männer, die ihren Dienst beim Militär verrichteten. Schon im Kindesalter wurde uns ein grundlegendes Konversationsenglisch gelehrt. Um hier arbeiten zu dürfen, musste ich mich dann sprachlich noch weiterbilden, aber ich hatte ein Ziel, für das es sich lohnt. Übrigens, ich heiße Malee. Das bedeutet in ihrer Sprache ‚Jasmin‘.“
Einer der Männer vom Krankentransporter gesellt sich zu ihnen. Er begrüßt die Gäste mit einem freundlichen Lächeln und Kopfnicken, bevor er sich an Malee wendet. Aus Höflichkeit den Besuchern gegenüber spricht auch er Englisch. „Wir sind fertig. Wann fahren wir los?“
„Das wird bestimmt noch eine Stunde dauern. Ich werde mich erst um Frau Doktor Waldner und ihre Begleiter kümmern. Bitte lasst den Wagen nicht aus den Augen. Wir haben den medizinischen Bedarf gerade erst neu aufgefüllt.“
„Ja, schon gut. Wir warten“, bestätigt der Mann und begibt sich zurück zu dem Fahrzeug.
„Sie haben es anscheinend eilig“, stellt Dorothea fest. „Gibt es denn niemand anderen, der sich um mich kümmern kann? Ich möchte ungern die Abläufe hier durcheinanderbringen.“
„Machen Sie sich keine Sorgen.“ Malee weist auf den Krankentransporter. „Das ist unsere mobile Klinik. Mehrmals im Monat fahren wir die Grenzregionen zwischen Thailand und Laos ab. In den vielen kleinen Dörfern, die dort angesiedelt sind, finden Sie häufig eine Bar nach der anderen. In diesen Spelunken werden den Männern junge Mädchen gegen Bezahlung für sexuelle Dienste angeboten. Dagegen können wir leider nicht viel machen, aber wir können dafür sorgen, dass sie wenigstens ein Mindestmaß an ärztlicher Versorgung erhalten.“
„Sind diese Mädchen freiwillig dort?“, erkundigt sich Karola bei der bildhübschen Thailänderin. Sie vermutet, dass die 1,64 Meter große Frau mit ihrem Aussehen sicherlich die Männerherzen schneller schlagen lässt. Die glatten schwarzen Haare fallen weich bis zu ihrer Taille herab und ihre dunklen Augen wirken geheimnisvoll.
„Malee, das ist meine Tochter Karola und ihr Mann Peter Staller“, stellt Dorothea ihre Begleiter vor. „Mich dürfen Sie gern Dorothea oder Doro nennen.“
„Vielen Dank.“ Malee verbeugt sich leicht, um anschließend der Unternehmers-Gattin ihre gestellte Frage zu beantworten: „Die wenigsten dieser Mädchen sind freiwillig dort. Einige von ihnen wurden sicherlich verschleppt und zur Prostitution gezwungen. Doch solange sie sich nicht dagegen wehren, sich niemandem anvertrauen, solange kann auch unsere Regierung nicht eingreifen. Die meisten sind aus Laos. Sie werden gegen ihren Willen hierhergebracht, haben keinen Ausweis oder sonstige Legitimation, wodurch sie illegal in Thailand sind, und werden von den Behörden wieder in ihr Heimatland abgeschoben. Geholfen wird ihnen dadurch aber nicht. Wenn sie gute Arbeit geleistet haben, machen sich die Schlepper die Mühe, sie sich zurückzuholen. Schätzungsweise achtzig Prozent dieser Mädchen finden sie nach kurzer Zeit an der gleichen Stelle wieder. Hinzu kommen noch die Mädchen, die sich ihren Familien gegenüber verpflichtet fühlen. Sie alle sind arm wie Kirchenmäuse und glauben, nirgends eine vernünftige Arbeit zu bekommen. Die Zuhälter bieten ihnen gutes Geld an, also willigen sie ein. Sind sie erst einmal in den Händen dieser Männer, entkommen nur noch die wenigsten.“
„Das sind ja grausame Zustände“, bemerkt Karola schockiert.
„Ja, richtig. Aber solange es Menschen gibt, die bereit sind dafür zu bezahlen, solange wird es auch Menschen geben, die das für ihre Zwecke ausnutzen.“
„Da haben Sie leider Recht“, stimmt der Konzernchef der jungen Frau zu. „Angebot und Nachfrage. Diese Leute interessiert nicht das Leid der Menschen, sondern nur der Profit.“
„Bedauerlicherweise kann ich Ihnen nicht widersprechen. Mit unserer mobilen Klinik können wir den Frauen wenigstens helfen, die ihnen zugefügten Verletzungen und einiges an Krankheiten zu überstehen.“
„Haben Sie keine Angst, dass Sie dort ebenfalls überfallen werden?“ Peter bewundert den Mut dieser Frau.
„Nein, ganz im Gegenteil. Eigentlich achten die meisten Zuhälter darauf, dass uns nichts geschieht. Sie wissen, dass ihnen von uns keine Gefahr droht, deshalb nehmen sie unsere Anwesenheit billigend in Kauf. Immerhin können viele der Mädchen durch unsere Hilfe besser arbeiten.“
„Ja, ich verstehe.“
„Kommen Sie, ich zeige Ihnen erst einmal unsere Einrichtungen. Anschließend steht Ihnen unser Ärzteteam und die Krankenhausleitung zur Verfügung.“
Malee führt die Gäste durch das Haus. Immer wieder bleibt sie stehen, weist auf Besonderheiten hin oder lässt ihre Begleiter in die Räumlichkeiten schauen. Offen zeigt sie die Mängel auf, die sie hoffen mit Hilfe der deutschen Unterstützung beheben zu können. Die Krankenzimmer sind einfach, ohne großen Komfort, doch die ehemalige Ärztin kann sich von der fürsorglichen, korrekten Unterbringung der Patienten und der zuvorkommenden Behandlung durch das Pflegepersonal überzeugen.
Die blutjunge Pflegerin, die gerade einem Patienten die Kissen zurechtrückt, um ihm zu einer besseren Liegeposition zu verhelfen, schaut, die Besucher anlächelnd, kurz auf.
Verblüfft starrt Dorothea dem Mädchen ins Gesicht. „Also, auch wenn für uns Europäer ihre Landsleute alle eine gewisse Ähnlichkeit aufzeigen, würde ich doch behaupten, diese junge Frau gleicht Ihnen wie ein Spiegelbild“, wendet sie sich neugierig an ihre Führerin. „Habe ich Recht?“
Malee lacht fröhlich auf, stellt sich neben die Pflegerin und legt ihr einen Arm um die Schultern, sodass auch Peter und Karola die frappierende Ähnlichkeit erkennen.
„Darf ich Ihnen meine Schwester Tuptim vorstellen? Sie ist gerade erst fünfzehn geworden. Aber sie weiß schon genau, was sie einmal werden will.“ Malee lächelt ihre drei Jahre jüngere Schwester auffordernd an.
Tuptim verbeugt sich leicht vor den Gästen. „Ich möchte Ärztin werden. Deshalb mache ich hier eine Ausbildung. Ich weiß, ich muss noch viel lernen, aber für das Ziel lohnt es sich bestimmt.“
„Das kann ich nur gutheißen. Wissen Sie auch schon, in welche Fachrichtung Sie gehen wollen?“
„Ja. Ich möchte Chirurgin werden. Mir ist bewusst, dass das ein sehr hohes Ziel ist, aber ich bin eine gute Schülerin. Außerdem haben wir hier viel zu wenig Ärzte.“
„Ich wünsche Ihnen auf jeden Fall viel Glück dabei. Vielleicht unterhalten wir uns in den nächsten Tagen noch einmal darüber. Möglicherweise kann ich Ihnen ein wenig helfen.“
Erstaunt reißt Tuptim die Augen auf. „Sie wollen mir helfen? Wieso?“
„Weil es mir auch sehr schwergefallen ist, mich durchzukämpfen, bis ich endlich Chirurgin war.“
Hocherfreut verabschiedet sich die strahlende Auszubildende von den Besuchern.
Anschließend begleitet Malee die drei Gäste zu dem Büro, in dem sich einige der Ärzte, sowie ein Ausschuss der hiesigen Krankenhausleitung zusammengefunden haben. Nachdem die Pflegerin alle miteinander bekannt gemacht hat, wendet sie sich zum Gehen. „Auf mich können Sie jetzt getrost verzichten. Wir sehen uns dann morgen wieder.“
„Malee, einen Augenblick bitte“, hält Karola die junge Frau zurück. „Ich würde Sie gern begleiten, wenn ich darf. Es interessiert mich wirklich zu sehen, welche Arbeit Sie machen und wie Sie vorgehen.“
„Sie wollen mich begleiten?“ Überrascht schaut die Thailänderin die Unternehmers-Gattin an.
„Ja, wenn ich darf.“
„Wir sind aber bestimmt acht bis zehn Stunden unterwegs. Außerdem könnte die Reise für Sie unter Umständen gefährlich werden. Sind Sie sicher, dass Sie das machen wollen?“
„Ja, bin ich.“
„Dann müsst ihr mich auch mitnehmen“, mischt sich Peter ein. „Ohne mich gehst du da nicht hin“, bekräftigt er an seine Frau gewandt.
„Dafür sollten wir Ihnen besser Bekleidung der Krankenpfleger organisieren. So werden Sie weniger auffallen.“ Malee ist sich nicht sicher, ob das Vorhaben des Ehepaars so gut ist, doch sie versteht den Wunsch der Frau. Ihr ist es von Anfang an genauso gegangen. An dem Krankentransporter treffen sie auf den Fahrer und die behandelnde Ärztin.
Die vierzigjährige humorvolle Sarinya Panyarachun gefällt dem Ehepaar auf Anhieb. Die erfahrene Ärztin freut sich über das Interesse und die Gesellschaft der beiden Gäste. „Wir werden lange unterwegs sein. Unsere Reise führt uns von hier aus nach Nong Khai. Das liegt in gerader Linie zur Grenze nach Laos. Von dort aus fahren wir Richtung Norden bis Pak Chom. In dem dortigen Hospital füllen wir unsere Vorräte wieder auf. Anschließend fahren wir die gleiche Route zurück. Während der Fahrt halten wir an verschiedenen Orten an und besuchen die Frauen in den einschlägigen Lokalen. Malee und ich werden dort geduldet. Die Besitzer selbst führen uns zu den Mädchen. Sie wissen, welche ihrer Arbeiterinnen einer Behandlung bedürfen, aber auch die anderen schauen wir uns an. Die einfache Fahrtzeit beträgt gute drei Stunden. Durch unsere Aufenthalte, selbst ohne größere Zwischenfälle, brauchen wir noch einmal zwei Stunden, wahrscheinlich sogar länger. Vor dem Abend sind wir nicht zurück. Ich bin mir nicht sicher, ob Sie sich nicht zu viel von dieser Reise versprechen. Gerade fremden Männern gegenüber sind diese Frauen und Mädchen sehr verängstigt. Auch unser Fahrer hält sich bedeckt. Doch ich freue mich immer über Begleitung.“
Kurz darauf sitzen sie in dem Transporter auf dem Weg zur laotischen Grenze.
Gabriel Kanthak ist seit den frühen Morgenstunden auf den Beinen. Mit dem gemieteten schwarzen Nissan X-Trail mit 130 kW Leistung macht er sich auf den Weg nach Phu Thok, wo er sich in dreieinhalb Stunden mit seinen Männern treffen will. Der 40-Tonner vom Typ MAN mit 324 kW hat einen Aufbau mit Ausleger für den umgebauten Container, der dem gut betuchten Antiquitätenhändler dazu dient, seine Waren unentdeckt und ohne Beschädigungen in sein Zwischenlager nach Bangkok zu befördern. Dass der 40-Fuß-Container einen eingearbeiteten doppelten Boden hat, kann man nicht erkennen, auch der schmale Zugang, der sich hinter der doppelten Trennwand im Rücken des Containers befindet, ist mit bloßem Auge nicht auszumachen. Dies ist die Grundlage für den Transport der illegal organisierten Mädchen und Frauen, die ihm zu seinem einträglichen Geschäft verhelfen.
Das Antiquitätengeschäft, das Gabriel in Essen betreibt, dient ihm als offizielle Einnahmequelle für die Gelder, mit denen er seinen gehobenen Lebensstandard bestreitet. Tatsächlich sind seine Fachkenntnisse auf diesem Gebiet ausgeprägt und weitreichend. Er hat keine Probleme, die in Thailand gekauften Möbel und Gebrauchsgegenstände, sowie Kunst und Schmuck in seinen Geschäften zu veräußern. Beim Zoll ist er immer gern gesehen, da alle Papiere in Ordnung sind. Gabriel meldet sämtliche Waren im Vorfeld an und begleicht seine Zollgebühren jedes Mal anstandslos. Mittlerweile wird er nur noch oberflächlich kontrolliert, was unter anderem an dem hohen ‚Trinkgeld‘ liegt, das in die Hände der Zöllner fließt. Dass hinter den doppelten Wänden junge Frauen durch die verabreichten Drogen tief schlafen, bemerkt keiner der Kontrolleure, die sich gar nicht erst die Mühe machen, groß danach zu suchen. Immerhin ist dieser Mann in höchsten Kreisen sehr angesehen.
Pünktlich trifft Gabriel in Phu Thok ein, wo seine Männer bereits auf ihn warten.
„Wie sieht es aus?“, will der Befehlshaber von seinen Leuten erfahren.
„Alles klar, Boss. Wir hatten keine Probleme. Die gekauften Antiquitäten wurden bis auf drei Stück gestern geliefert. Sie stehen abholbereit in der Lagerhalle. Die anderen Teile kommen heute im Laufe des Tages an. Bis wir zurück sind haben Pierre und Xavier alles vorbereitet.“
Die Lagerhalle in Bangkok ist offiziell von dem Antiquitätenhändler unter dem Exportgeschäft Kanthak angemietet. Die regelmäßigen Kontrollen von Zoll und Polizei, die größtenteils unangemeldet stattfinden, verlaufen ohne Zwischenfälle. Bisher brauchte er sich darum keine Sorgen machen. Durch die weitreichenden Kontakte, die der Schmuggler zu Mitarbeitern der Behörden unterhält, wird er früh genug informiert.
„Gut, legen wir los!“
Von Phu Thok aus fahren sie mit beiden Fahrzeugen nach Chiang Khan, im Anschluss geht es an der laotischen Grenze entlang in Richtung Pak Chom. Bis sie dort ankommen besucht Gabriel mit jeweils einem seiner drei Begleiter die einschlägigen Lokalitäten, die ihm mittlerweile bestens bekannt sind.
Sobald die beiden deutschen Männer die Räumlichkeiten betreten, erscheinen die Besitzer, um die Belange dieser besonderen Gäste zu erfüllen. Sie alle kennen Gabriel Kanthak, der in regelmäßigen Abständen bei ihnen erscheint, weshalb keiner von ihnen auf die Idee käme, einen solchen Mann warten zu lassen. Überschwänglich begrüßen sie Gabriel und seinen Begleiter, welche sie zeitnah in ein Separee führen, von denen für den gern gesehenen, aber auch gefürchteten Geschäftspartner immer eines zur Verfügung steht. Bedienstete des Hauses servieren in aller Eile gekühlte Getränke, ehe weiteres Personal eine Auswahl der erlesensten Speisen kredenzt. Der Hausherr persönlich sucht derweil die Mädchen aus, mit denen er seiner Meinung nach die höchsten Einnahmen erzielen wird und sorgt dafür, dass sie sich für die Begutachtung herrichten, damit er sie dem Käufer vorführen kann.
Den Betreibern der heruntergekommenen Spelunken winkt jedes Mal ein lukratives Geschäft. Sie wissen, dass hier nicht lange um die Ware gefeilscht wird, weil dieser Mann sofort erkennt, mit welchem Mädchen er wieviel Profit erwirtschaften kann.
Gabriel Kanthak taucht immer unangemeldet auf, verlangt die zu diesem Zeitpunkt verfügbaren Mädchen zu besichtigen, um sie einer kritischen Musterung zu unterziehen. Für weitreichendere Prüfungen, falls diese notwendig erscheinen, ist sein Begleiter zuständig. Erst im Anschluss nennt der Geschäftsmann den Preis, den er zu entrichten bereit ist.
Die Kneipenbetreiber wissen, dass sie nicht zu handeln brauchen. Ihr Gast würde das Haus eher verlassen, ohne einen Kauf zu tätigen. Aber die Summen, die genannt werden, sind fair, da sich schließlich beide Seiten den Geschäftszweig erhalten wollen. Gabriel geht nie, ohne Ware mitzunehmen, weil auch ihm bewusst ist, dass er sich durch seine Käufe die Betreiber dieser Etablissements bei Laune hält.
Die Reise hat sich für ihn bereits gelohnt. Siebenundzwanzig bildhübsche, teilweise blutjunge Frauen befinden sich in seiner Obhut, friedlich schlafend in dem Container des Lastwagens untergebracht. Doch noch gibt sich der Deutsche nicht zufrieden. Ihm fehlt etwas Besonderes, etwas, dass diese Kollektion vervollständigt. Bis jetzt hat ihn das Aussehen keiner dieser Frauen sonderlich beeindruckt, also sucht er weiter.
Die mobile Klinik hat mittlerweile Nong Khai hinter sich gelassen, auf dem Weg Richtung Norden an der Grenze zu Laos entlang. An jeder Bar, mag sie noch so heruntergekommen sein, hält der Transporter an. Die Ärztin und Malee begeben sich in die Kneipen, wobei Karola es sich nicht nehmen lässt, die beiden zu begleiten.
Peter, der jedes Mal ein mulmiges Gefühl im Bauch verspürt, behagt das untätige Warten gar nicht, sodass er den Frauen immer wieder besorgt hinterher schaut, bis sie aus seinem Sichtfeld entschwinden.
„Machen Sie sich keine Gedanken“, beruhigt ihn der Fahrer. „Immerhin können wir alles mithören, was dort vor sich geht.“
Der Konzernchef nickt dem Fahrer bestätigend zu, doch auch wenn sie über die kleinen Sender und Empfänger mitbekommen, was in dem Gebäude gesprochen wird, ist er nicht wirklich beruhigt.
Sobald die drei Frauen in den Kneipen erscheinen, werden sie von den Betreibern oder deren Bediensteten in Empfang genommen. Zu den Räumen der hier arbeitenden Mädchen erhalten sie keinen Zutritt, stattdessen führt man sie allerorts in eines der Separees, das ihnen für die Zeit der Untersuchungen und Behandlungen zur Verfügung steht. Nacheinander schickt der Betreiber seine Mädchen hinein, doch obwohl Ärztin und Krankenschwester sehr behutsam mit ihnen umgehen, sagt kaum eine ein Wort, denn sie alle haben Angst davor, was passieren kann, wenn sie sich falsch verhalten. Zu oft schon wurden sie gedemütigt, misshandelt oder missbraucht, wenn ihre Handlungen ihren Arbeitgebern missfielen. Trotzdem sind sie froh über die Hilfe und Fürsorge durch die Medizinerinnen.
Fünf Stunden nach ihrer Abfahrt erreichen sie in Pak Chom die Karaokebar, die ihre letzte Station auf der Hinreise ist. Während sie in einem der Räume auf die Mädchen warten, berichtet Malee, was sie über den Besitzer weiß.
„Der Mann, der uns gerade hierhergeführt hat, ist Komalat Wangsiri, der Besitzer dieser Bar. Er ist einer der größten Anbieter in diesem zwielichtigen Geschäft. Aber er ist auch loyal, sofern man das in diesem Berufszweig überhaupt so nennen kann. Wenn die Mädchen gut arbeiten, kümmert er sich auch um ihr Wohlergehen. Ab einem bestimmten Verdienst dürfen sie einmal im Monat eine Summe an ihre Familien senden. Er hat immer wieder neue Frauen hier. Ich habe ihn einmal danach gefragt. Angeblich schickt er sie nach einer gewissen Zeit wieder nach Hause, weil seine Kunden Abwechslung bevorzugen. So ganz hat er mich nicht überzeugt.“
„Was macht er denn Ihrer Meinung nach mit den Mädchen?“, erkundigt sich Karola bei Malee.
„Ich weiß es nicht. Ich habe nur einfach kein gutes Gefühl bei dieser Geschichte.“
Elf junge Frauen stellt der Besitzer der Ärztin vor. „Das waren alle, die heute hier sind“, erklärt er den medizinischen Fachkräften. Sein Blick fällt auf die ihm unbekannte Unternehmers-Gattin, die er neugierig mustert. „Wer sind Sie? Ich habe Sie hier noch nie gesehen.“
Bevor Karola ihm antworten kann, mischt sich Sarinya Panyarachun ein: „Frau Doktor Staller kommt aus Europa. Sie ist hier, um uns bei dem Ausbau der medizinischen Einrichtungen in diesem Land zu helfen. Sie hat sich damit einverstanden erklärt, unsere Vereinbarungen zu akzeptieren.“
Auch wenn es ihr nicht behagt, wie dieser Mann mit den Frauen umgeht, nickt sie Komalat Wangsiri höflich zu.
‚Hier gibt es keinen Ärger‘, stellt der Kneipenbetreiber zufrieden fest. „Lassen Sie mich wissen, wenn Sie Ihre Arbeit beendet haben“, wendet er sich an die Ärztin.
Fünfundvierzig Minuten darauf packen die Frauen ihr Handwerkzeug zusammen, um gemeinsam den Raum zu verlassen, doch auf halber Strecke nach draußen stoppt Malee plötzlich ihre Schritte.
„Ich habe den Arztkoffer stehen lassen“, bekennt die Thailänderin, drückt Karola ihr Gepäck in die Hände und macht auf dem Absatz kehrt.
„Ihr passiert nichts. Kommen Sie“, fordert die Ärztin Karo auf, da diese der jungen Frau unschlüssig hinterherschaut. Zu zweit verlassen sie die Bar.
„Na, endlich.“ Peter wartet schon ungeduldig vor dem Wagen, doch bevor er seine Frau erleichtert in die Arme nehmen kann, drückt sie ihm die Taschen in die Hände.
„Ich bin gleich wieder da.“ Mit diesen Worten verschwindet Karo erneut in dem Gebäude.
Die Karaokebar in Pak Chom, die Gabriel jetzt betritt, hat ihm schon zu manch einem guten Geschäft verholfen. Er ist gespannt, was der Besitzer ihm zu bieten hat.
Der zweiundfünfzigjährige Komalat Wangsiri führt diese Bar schon sehr lange, zudem beherbergt er Gabriel nicht zum ersten Mal. Auch heute sorgt er in aller Eile dafür, dass seine Bediensteten diesem Gast alle erdenklichen Annehmlichkeiten zukommen lassen. Obwohl zwei Räume weiter die Ärztin mit ihren Helferinnen ihrer Arbeit nachgeht, organisiert der Betreiber unbemerkt von diesen, dass dem Besucher eine Auswahl seiner schönsten Mädchen vorgeführt wird.
Recht zügig entscheidet sich Gabriel für zwei der jungen Frauen, die Wangsiri ihm vorführt. „Ist das alles, was du heute zu bieten hast?“, erkundigt er sich bei dem Betreiber.
„Ich verstehe nicht! Diese Mädchen sind ausgemachte Schönheiten. Sie werden viel Geld einbringen. Ich glaube, Sie haben ein gutes Geschäft gemacht.“
„Deine Mädchen sind gerade einmal die obere Grenze des Durchschnitts. Nicht eine von ihnen wird einen hohen Preis erzielen. Ich hatte mehr erhofft.“
„Entschuldigung, das wird nicht wieder vorkommen.“ Komalat Wangsiri verbeugt sich leicht. „Bitte haben Sie die Güte, mich bald wieder zu beehren. Ich werde dafür sorgen, dass Ihnen dann bessere Qualität zur Verfügung steht.“
„Wir werden sehen. Beim nächsten Mal.“
Gabriels Männer haben sich um die neue Ware gekümmert, sodass ihrer Rückreise nichts mehr im Weg steht, doch seine Begeisterung hält sich in Grenzen. Vor seinem Gastgeber tritt er aus dem Separee, wo er prompt mit Malee zusammenprallt, die mit dem Arztkoffer in Richtung Ausgang unterwegs ist.
Einen erschreckten Aufschrei ausstoßend lässt Malee den Koffer fallen. Hilfesuchend streckt sie die Arme aus, während sie sich darum bemüht, ihr Gleichgewicht nicht zu verlieren.
Obwohl Gabriel sich sofort wütend zu ihr umdreht, greift er fast automatisch nach ihrem Arm, um sie festzuhalten. Statt die junge Frau wie gewollt heftig anzuschnauzen, bleibt ihm der Mund offenstehen. Fasziniert von ihrer Ausstrahlung mustert er Malee. Sie ist genau das, worauf er die ganze Zeit gehofft hat.
„Entschuldigen Sie bitte“, versucht die Krankenschwester den Mann zu besänftigen, damit er gar nicht erst wütend wird. Sie hat in diesen Kreisen schon einschlägige Erfahrungen gemacht. Doch da auch Komalat Wangsiri anwesend ist, der garantiert eingreift ehe es zu Übergriffen kommen kann, bleibt sie ruhig.
Gabriel kommt nicht dazu, ihr zu antworten, da in diesem Moment die Unternehmers-Gattin in der Tür auftaucht.
„Malee, ist alles in Ordnung?“ Beim Anblick der jungen Frau zwischen den beiden Männern tritt sie rasch näher.
„Sie?“ Fast gleichzeitig kommt der erstaunte Kommentar, als Karo und Gabriel sich wiedererkennen.
Aber auch Malee ist überrascht. „Sie kennen sich?“
„Allerdings!“ Böse betrachtet Gabriel die Unternehmers-Gattin, dann wendet er sich Malee zu, deren Hand er ganz leicht an seine Lippen hebt. „Meine Unachtsamkeit tut mir leid. Ich hoffe, Sie können mir verzeihen.“ Er hebt den Arztkoffer auf und reicht ihn der jungen Frau. Sein spöttischer Blick trifft auf Karolas verblüfftes Gesicht, während er der jungen Thailänderin mit der Hand den Vorrang weist.
„Danke sehr.“ Malee verneigt sich leicht verlegen, ehe sie gemeinsam mit Karola die Bar verlässt, um schleunigst zurückzufahren, denn noch haben sie drei Stunden Fahrtzeit vor sich.
Peter muss immer wieder seine Frau anschauen, die gedankenverloren vor sich hin grübelt. ‚Irgendetwas beschäftigt sie.‘ Er nimmt sich vor, Karola bei der erstbesten Gelegenheit, in der sie allein sind, darauf anzusprechen.
Inzwischen wendet sich Gabriel an den Betreiber der Karaokebar. „Hattest du nicht gesagt, dass du mir alle Mädchen gezeigt hast?“
„Das habe ich auch. Diese Frauen arbeiten nicht bei mir.“
„Was haben sie dann hier zu suchen?“ Aus irgendeinem Grund behagt es ihm nicht, dass diese Europäerin ihn in der Bar gesehen hat. Er kann förmlich spüren, dass das Ärger bedeutet.
„Diese Frauen arbeiten im Hospital von Udon Thani. Sie kommen öfter hier vorbei. Die Mädchen werden von ihnen medizinisch betreut. Sie wissen schon, Frauenleiden, Krankheiten, so etwas eben. Sie behandeln auch die Verletzungen, ohne ein Wort darüber zu verlieren. Wir haben eine Art Abkommen getroffen. Solange sie mir nicht ins Geschäft pfuschen, können sie meine Mädchen sehen und bei Bedarf behandeln. Außerdem stehen sie nicht nur unter meinem Schutz“, wagt sich Komalat Wangsiri seinen Gast zu warnen.
„Ich verstehe. Da kann man nichts machen.“ Gabriel verabschiedet sich eilends.
„Was ist los, Boss?“, wird er von seinem zweiten Mann Joseph Klinker empfangen.
„Das erkläre ich dir unterwegs. Schick den Lastwagen nach Udon Thani. Wir brauchen ihn heute noch. Die beiden sollen sich einen ruhigen Platz suchen, an dem sie nicht auffallen. Wir beide fahren jetzt dorthin ins Krankenhaus.“
„Warum denn das?“
Gabriel klopft Joseph auf die Schulter. „Weil es dir, mein Freund, furchtbar schlecht geht. Was hast du nur wieder angestellt?“
Irritiert mustert der Mann seinen Boss, der fast fröhlich aussieht. Noch kann er sich keinen Reim auf dessen Gedanken machen. Er ist gespannt, mit welcher Idee sein Befehlshaber gleich herausrücken wird. Noch vor dem Transporter erreichen sie Udon Thani. Bis sie an dem Krankenhaus ankommen hat sein Boss ihn ausreichend in seinen Plan eingeweiht. Da sein Begleiter von ihm vorsorglich gestützt wird, sich stöhnend zusammenkrümmt und zudem den Bauch hält, eilt sofort eine Krankenschwester auf die beiden zu.
„Was ist denn passiert?“, erkundigt sie sich freundlich.
„Meinem Freund geht es nicht gut. Das fing kurz nach dem Mittagessen an, wurde aber immer schlimmer statt wieder aufzuhören.“ Gabriel hat keine Probleme damit, seine Ziele auf jede erdenkliche Art zu erreichen. Wenn es dazu nötig ist, seinem eigenen Mann mit zwei kräftigen Faustschlägen in den Magen zu dem angeschlagenen Zustand zu verhelfen, der dem Arzt eine glaubhafte Begründung für dessen Erkrankung darstellt, ist er dazu gern bereit, auch wenn Joseph ihn wütend anstarrt, während er seinen schmerzenden Magen mit beiden Händen umfasst.
„Dann sollten wir schnellstens einen Arzt zu Rate ziehen“, empfiehlt die Krankenschwester. „Einen Augenblick, bitte.“ Die junge Frau wendet sich ab, um nach ein paar Schritten den an der Wand abgestellten Rollstuhl zu ergreifen, mit dem sie eilig zu den Neuankömmlingen zurückkehrt. Gemeinsam mit Gabriel platziert sie den angeblich Kranken in dem Stuhl, um ihm so das weitere Laufen zu ersparen. „Bitte, kommen Sie mit“, fordert die Krankenschwester Gabriel auf. Vor den Behandlungsräumen muss er warten, bis die Untersuchungen abgeschlossen sind.
Im Anschluss daran gesellt sich der Arzt zu ihm. „Herr Kanthak? Ich bin Doktor Churai Luang.“
Gabriel ergreift die dargebotene Hand, erkundigt sich aber sofort besorgt nach seinem Begleiter. „Wie geht es meinem Freund?“
„Ich glaube nicht, dass Sie sich viele Sorgen machen müssen. Es wird ihm bald besser gehen. Trotzdem würde ich ihn gern über Nacht hierbehalten. Herr Klinker ist damit einverstanden. Er wird gerade von der Krankenschwester in sein Zimmer gebracht. Sie wird Sie gleich zu ihm führen.“
Gabriel frohlockt innerlich, da sein Plan aufzugehen scheint. „Das ist sehr freundlich. Vielen Dank für Ihre Hilfe, Doktor.“
„Dafür sind wir doch da.“ Der Arzt lächelt ihm zu, bevor er Gabriel allein lässt.
Es dauert keine fünf Minuten, bis er zu Joseph darf, der bequem in seinem Krankenbett liegt. Als er seinen eintretenden Boss erkennt, blickt er diesem erbost entgegen. „Musste das sein?“
„Ja. So elend, wie du aussahst, haben dir alle geglaubt.“
„Kein Wunder!“, schnauzt Joseph. „Dafür darf ich mich heute Nacht ausruhen und die anderen meine Arbeit machen lassen. Das hast du nun davon! Aber wehe, die fangen an mich aufzuschneiden.“ Er hält seinen Arm mit dem Zugang für den Tropf hoch. „Das ist das Äußerste, das ich zulasse.“
„Mehr ist auch nicht nötig. Sobald der Krankentransporter angekommen ist, machen wir uns an die Arbeit, danach geht es dir schlagartig besser. Morgen Früh kannst du hier heraus.“
Tuptim hat schon lange keinen Dienst mehr. Sie wartet nur noch auf ihre Schwester, damit sie sich gemeinsam auf den Heimweg machen können. Um ihrer Kollegin zu helfen übernimmt sie solange die Betreuung des neuen Patienten. Jetzt begibt sie sich mit Wasser und Tee bestückt in das Krankenzimmer.
Beide Männer wenden sich der eintretenden Frau zu, der Gabriel verblüfft in das Gesicht starrt. Im ersten Moment glaubt er, die junge Frau aus der Karaokebar vor sich zu haben, doch dann erkennt er, dass es sich um ein jüngeres Mädchen handelt. ‚Die beiden sind mit Sicherheit verwandt‘, denkt er. Bei der Idee, die in seinem Kopf ganz langsam Formen annimmt, muss er lächeln. ‚Das sollten wir auf jeden Fall für unsere Zwecke ausnutzen!‘
Tuptim, die sich bei der ausgiebigen Musterung des Mannes unwohl fühlt, errötet und senkt beschämt den Kopf, sodass sie das zufriedene Aufblitzen in Gabriels Augen nicht wahrnimmt.
„Entschuldigen Sie bitte, dass ich Sie so anstarre, aber ich habe das Gefühl, als hätte ich Sie heute Mittag schon einmal gesehen“, erklärt der Deutsche sein Verhalten.
„Wo soll das gewesen sein?“, erkundigt sich Tuptim.
„Am Ufer des Mekong in der Provinz Loei. Ich bin Antiquitätenhändler und habe dort in einer Bar einige alte Möbel gekauft, die ich mit nach Deutschland nehmen möchte.“
„Ich verstehe. Dann haben Sie wahrscheinlich meine Schwester Malee getroffen“, überlegt die junge Thailänderin. „Sie war heute mit unserer mobilen Klinik unterwegs.“
„Faszinierend. Sind alle Frauen in Ihrer Familie so schön?“
Das Mädchen errötet befangen.
Gabriel lächelt sie an. „Vergessen Sie meine Frage. Ich wollte Sie nicht in Verlegenheit bringen. Aber Ihrer Schwester würde ich gern sagen, wie sehr ich bewundere, welche Arbeit sie da macht. Ist sie auch hier?“
„Nein, sie ist von ihrer Fahrt noch nicht zurück. Ich erwarte sie eigentlich jeden Moment. Doch Sie werden sich bis morgen gedulden müssen. Da unsere Schicht schon lange vorbei ist, gehen wir dann sofort nach Hause. Morgen Früh sind wir wieder hier.“
„Ich verstehe. Den wohlverdienten Feierabend möchte ich Ihnen nicht verderben.“ Er wirft einen Blick auf seinen Kumpel. „Außerdem bin ich morgen auch wieder hier. Verraten Sie mir Ihren Namen?“
„Ich heiße Tuptim.“
„Den Namen tragen Sie wirklich zu Recht. Das heißt ‚Schönheit‘, nicht wahr?“
„Das ist richtig. Sie sprechen unsere Sprache?“
„Nur ein paar Wörter. Bis morgen, Tuptim.“ Er nickt Joseph noch einmal zu, dann verschwindet er. Für sein Vorhaben hat er alles erfahren, was er wissen muss. Schon auf dem Weg zu seinem Wagen ruft er seine Gefährten an.
Die Insassen der mobilen Klinik lassen es sich nach Beendigung ihrer Fahrt nicht nehmen, das Ehepaar Staller an ihrem Hotel abzusetzen, bevor sie die kurze Strecke zur Klinik hinter sich bringen, wo Tuptim bereits am Eingang Ausschau nach ihrer Schwester hält.
„Entschuldige, dass du so lange warten musstest“, richtet sich Malee an ihre Schwester, begibt sich aber erst einmal an das Heck des Transporters, um beim Ausladen behilflich zu sein.
„Lass uns den Rest machen“, stoppt Sarinya Panyarachun sie. „Du hast heute wirklich genug gearbeitet. Geht nach Hause.“
„Danke.“
Gut gelaunt machen sich die beiden Mädchen auf den Heimweg. Dass ihnen von der nächsten Straßenecke aus auf der anderen Seite der Straße ein Mann folgt, bemerken sie nicht. Die ganze Zeit spricht der Mann leise in sein Handy. Er gibt seinem Boss zu jeder Zeit durch, wo sich die Frauen gerade befinden. Sie biegen um die nächste Ecke auf die Tummajedee Road ein, nur um überrascht stehen zu bleiben.
Der 40-Tonner steht mitten auf der Straße, wodurch weder ein Auto noch ein Fußgänger so ohne weiteres an ihm vorbeikommt.
Die Mädchen wundern sich darüber, wie es der Fahrer geschafft hat, mit dem großen Ungetüm in diese kleine Straße einzubiegen. Neugierig betrachten sie das riesige Gefährt, während sie langsam darauf zugehen.
Allem Anschein nach hat der Mann obendrein auch noch eine Panne. Mit dem Wagenheber bewaffnet macht er sich an dem vorderen Reifen zu schaffen. Gerade als die Schwestern ihn erreichen, rutscht der Wagenheber ruckartig vom Vorderreifen ab und landet klirrend auf dem Boden.
„Aua!“ Einen Schmerzensschrei ausstoßend hält der Mann seine stark blutende Hand hoch, lehnt sich, kalkweiß im Gesicht, mit dem Rücken gegen den Lastwagen, wobei er versucht, den Schrecken zu verarbeiten.
Für die Schwestern gibt es kein Halten mehr, da unschwer zu erkennen ist, dass dieser Mann dringend Hilfe benötigt. Gemeinsam laufen sie zu dem Verletzten, der, die Mädchen erst jetzt bemerkend, erschrocken aufschaut. „Was wollen Sie von mir?“, fragt er entsetzt.
„Haben Sie keine Angst, wir helfen Ihnen.“ Malee fasst vorsichtig nach dem Arm des Mannes. Sie kann keine Verletzung erkennen, aber unterhalb des Jackenärmels läuft ihm das Blut den Arm herab. „Wir müssen Ihnen die Jacke ausziehen, sonst komme ich nicht an die Wunde heran.“
„Ja, gut“, stöhnt der Mann.
Doch ihren Entschluss in die Tat umzusetzen schafft Malee nicht mehr. Die zwei Männer, die hinter ihnen auftauchen, drücken den Thailänderinnen Tücher mit Chloroform auf Mund und Nase, bis sie aufhören, sich gegen ihre Umklammerung zu wehren und bewusstlos in den Armen der Männer zusammensacken.
„Schnell jetzt“, befiehlt Gabriel, der sich nun ebenfalls am Lastwagen einfindet.
Der angeblich verletzte Mann öffnet die Hecktüren des 40-Tonners, damit seine Kumpane die Mädchen hineinheben können, um ihnen Hände und Füße mit Kabelbindern zu fesseln. Gabriel sorgt im Anschluss dafür, dass beiden der Mund mit einem dicken Klebestreifen verschlossen wird, bevor sie die Türen wieder zusperren.
„Du schuldest mir eine neue Jacke.“ Der Fahrer des Lastwagens zieht das Kleidungsstück aus, greift nach dem dicken Plastikbeutel mit dem Blut, der auf seinem Arm befestigt ist und aus dem durch die kleinen Löcher immer wieder Blut auf seine Hand herabsickert. Zusammen mit seiner Jacke packt er den Beutel in den Müllsack, in dem sich schon der Kadaver des streunenden Hundes befindet, dem Gabriel die Kehle durchgeschnitten hat. Um den Unfall glaubhaft darzustellen, mussten sie schnellstmöglich an eine Blutkonserve kommen. Der Hund hatte das Pech, Gabriel zur passenden Zeit über den Weg zu laufen.
Der Mädchenhändler schaut sich sorgfältig um. Es ist weit und breit keine Menschenseele zu sehen. Die wenigen an die Straße grenzenden Häuser liegen still und dunkel vor ihm. „Verschwinden wir von hier.“
Gabriels Handlangern steht nun ein gewaltiger Kraftakt bevor. Dadurch, dass er den Aufenthalt des Lastwagens in Udon Thani um gut sechs Stunden verlängert hat, fehlt ihnen die Zeit nun bei der Planung für den Rückflug, doch das sind ihm diese beiden Mädchen wert.
„Seht zu, dass ihr das Lager beizeiten erreicht und unsere Ware umpackt, damit die Container pünktlich um zehn Uhr morgen am Flughafen abgeladen werden. Ich komme mit Joseph nach“, entscheidet er.
„Geht klar, Chef. Wir fahren durch. Wenn wir uns abwechseln, sind wir in sieben Stunden noch ausreichend zum Umladen in Bangkok.“
Zufrieden macht sich Gabriel auf den Rückweg ins Hotel. Seine Männer werden sich sorgfältig um die neuen Mädchen kümmern. Dafür treffen sie früh genug mit dem Lastwagen in seinem Lager ein, wo die beiden für die Luftfracht vorbereiteten AGA-Box-Container mit einer Länge von je sechs Metern auf die restliche Zuladung warten. Die 20-Fuß-Container mit einem jeweiligen Gesamtgewicht von maximal elf Tonnen sind Eigentum des Exportgeschäfts Kanthak. Für seine spezielle Ware wurden auch diese Container einem Umbau unterzogen, der darauf ausgelegt ist, die Schmuggelware unbemerkt an den Zöllnern vorbei zu bringen. Gabriel selbst wird wie geplant am nächsten Morgen auschecken. Um zehn Uhr muss er die zwei Container in Bangkok dem Zoll vorführen, damit diese im Anschluss in das Charterflugzeug der Cargo Gesellschaft Bangkok verladen werden können. Der pünktliche Start der Maschine ist für zwölf Uhr vierzig vorgesehen. Wenn die Maschine planmäßig landet, haben seine Leute eine Dreiviertelstunde, um die Container abzuholen. Danach schließt das Zollgelände seine Tore bis zum nächsten Morgen. Auch das wäre kein unüberwindbares Problem, aber mit bedeutend mehr Aufwand verbunden.
‚Morgen hole ich Joseph aus dem Krankenhaus, dann geht es zurück nach Deutschland‘, versichert er sich selbst zufrieden.
In seinem Zimmer angekommen denkt er noch eine Weile über den Tag nach. Immer wieder muss er an die Begegnung mit der Europäerin in der Karaokebar denken. ‚Ob sie wirklich eine Ärztin aus dem Krankenhaus ist? Was hat sie dann in diesem Hotel verloren? Und ihr Mann? Den darf man garantiert nicht unterschätzen.‘ Er glaubt keineswegs, dass dieser Mann als harmlos abgetan werden kann. ‚Gut, dass wir morgen abreisen, dann brauche ich mir um die beiden keine Sorgen mehr machen.‘
Ihm soll es Recht sein, wenn er dieses Ehepaar nie wiedersieht!
5
Der Duisburger Kollege, der sie in Empfang nimmt, begleitet seine Besucher zu dem Besprechungsraum, in dem der Leiter der Abteilung bereits auf sie wartet. Neugierig begrüßt der vierzigjährige Björn Klostermann, 1,84 Meter groß, mit dunklem Kurzhaarschnitt und muskulöser Statur, das Team aus Düsseldorf. „Björn Klostermann, leitender Hauptkommissar, Kriminalkommissariat 12. Ich bin froh, dass Sie meiner Bitte nachkommen konnten. Es ist dringend an der Zeit, diesem Gesindel das Handwerk zu legen. Aber ohne Unterstützung werden wir das wohl nicht schaffen.“
„Mark Sievers“, stellt sich Emmas Partner vor. Mit festem Druck ergreift er die ihm dargebotene Hand. „Meine Kollegen und ich sind gern bereit, Ihnen unter die Arme zu greifen.“
„Dafür kann ich mich nur bedanken. Doch ich habe direkt eine Einschränkung. Mir ist aufgefallen, dass Sie eine Kollegin mitgebracht haben. Wir selbst haben darauf geachtet, keine weiblichen Mitarbeiterinnen in dieses Team zu holen. Womit wir es hier zu tun haben, trifft schon bei uns an die Grenzen des Aushaltbaren. Für die Frauen ist das sogar um einiges Schlimmer, noch dazu, wenn sie so jung sind.“ Der leitende Duisburger Hauptkommissar wirft Emma einen kurzen Blick zu.
‚Was für ein arroganter Wichtigtuer‘, urteilt Emma abweisend, ohne sich zu äußern.
„Ich kann Ihnen versichern, dass meine Kollegin ihre Arbeit einwandfrei erledigen wird“, verspricht ihm Mark, der über die frauenfeindliche Art des Abteilungsleiters nicht begeistert ist. „Dies ist übrigens meine Stellvertreterin, Hauptkommissarin Emma Wolf.“
„Ernsthaft?“, staunt Björn Klostermann. ‚Die Frau ist gerade einmal Mitte zwanzig‘, schätzt er. ‚Wie kann sie da schon Hauptkommissarin sein und eine stellvertretende Leitung innehaben?‘, grübelt er, kommt aber nicht zu einer Antwort, da er von einem seiner Mitarbeiter unterbrochen wird.
„Emma Wolf? ‚Die‘ Emma Wolf? Aus Berlin?“ Verblüfft mustert der Polizist die gutaussehende Kollegin.
„Das war einmal“, antwortet Emma vorsichtig. „Woher wissen Sie das?“
„Von meinem Bruder.“ Der Duisburger Kollege reicht ihr lächelnd die Hand. „Ich bin Markus Goldschmidt, der zweite Mann im Team von Björn Klostermann.“
„Sie sind der Bruder von Florian Goldschmidt?“, staunt Emma. Sie erinnert sich daran, wie sie vor einigen Monaten zusammen mit dem Leiter der Sicherungsgruppe SG2, einer aktiven Einheit des Bundeskriminalamts, gegen einen hochrangigen Staatsbeamten im Bundeskanzleramt ermittelt hatten. Gemeinsam konnten sie den Mann als eingeschleusten Maulwurf entlarven. Allerdings dürfte Florians Bruder das gar nicht wissen, da ihre gesamte Arbeit unter strengste Geheimhaltung fällt. Sie kann sich nicht vorstellen, dass Florian Goldschmidt diesen Befehl missachtet hat. „Was hat er Ihnen denn erzählt?“
„Nicht viel. Nur, dass Sie die fähigste Beamtin auf der ganzen Welt sind.“ Der achtunddreißigjährige Hauptkommissar schaut Emma verschmitzt an, wobei seine blaugrauen Augen humorvoll aufblitzen. „Es ist ganz klar, dass Sie dem Jungen das Herz gebrochen haben.“
„Wir sind befreundet“, betont sie fest.
„Ja, sag ich doch“, lächelt der Kollege. Wieder ernst richtet er sich an seinen Vorgesetzten. „Diese junge Polizistin ist absolut in der Lage, ihre Arbeit zu leisten. Davon bin ich überzeugt!“
„Also gut“, gibt Björn Klostermann mürrisch nach. „Dann beginnen wir. Oder hat noch jemand Einwände?“
Durchweg alle schütteln den Kopf, sodass der leitende Hauptkommissar mit seinem Bericht beginnt: „Also, zur Sachlage. In den letzten zwölf Monaten sind wir immer wieder auf junge Frauen gestoßen, die sich mit Sicherheit illegal hier aufhalten. Sie sprechen kein Wort Deutsch. Auch mit Englisch kommen wir nicht viel weiter. Diese Frauen sind, wenn sie Glück haben, gerade einmal volljährig. Sie kommen aus Kambodscha, Laos, Thailand oder Vietnam. Keine kann uns sagen oder will es nicht sagen, wie sie hierherkommt. Wenn die Betreiber der einschlägigen Lokale behaupten, dass die Mädchen freiwillig bei ihnen angeheuert haben, stimmen diese ihm zu.“
„Das ist anscheinend überall gleich. In unserem Rotlichtmilieu sieht das ganz genauso aus“, pflichtet Mark Sievers ihm bei.
„Wenn sie illegal hier sind, warum werden sie dann nicht nach Hause geschickt?“, hakt Emma nach.
„Das ist leider gar nicht so einfach. Die neue Masche dieser Zuhälter macht uns einen dicken Strich durch die Rechnung. Diese Frauen haben alle eine gültige Heiratsurkunde.“
„Demnach sind sie nicht mehr illegal in unserem Land. Reden wir hier von Zwangsverheiratung?“
„Keine Ahnung. Die Papiere sind auf jeden Fall echt. Die Überprüfungen ergeben immer wieder, dass es den passenden Ehemann gibt. Sie sind bei ihren Männern gemeldet und leben auch dort. Wir konnten bisher auch nicht nachweisen, ob die Männer an den Machenschaften der Zuhälter beteiligt sind.“
„Glauben Sie, es besteht ein Zusammenhang zwischen den Mädchen dieser Zuhälter und den toten Frauen, die Sie gefunden haben?“
„Das denke ich nicht. Zuhälter achten auf ihre Mädchen, schließlich wollen sie durch sie eine Menge Geld verdienen. Wir finden öfter die eine oder andere, die Verletzungen durch einen Freier davongetragen hat. Doch im Normalfall sorgen ihre Zuhälter für die ärztliche Versorgung. Tote Frauen bringen kein Geld ein.“
Markus Goldschmidt reicht die Aufnahmen der toten Mädchen und die Tatortfotos herum. „Diese Frauen haben wir zuvor nirgendwo gesehen. Auch die Kollegen des Zolls konnten uns nicht weiterhelfen. Vermisstenmeldungen gibt es keine. Erkennungsdienstlich sind sie nicht erfasst.“
Björn Klostermann beobachtet Emma dabei, wie sie sich eins der Bilder schnappt, um es ausgiebig zu betrachten. Zufrieden stellt er fest, dass sie sich nicht von dem grauenvollen Zustand der Leichen ablenken lässt, sondern auch die Fotos der anderen Mädchen intensiv ansieht.
„Diese Mädchen wurden nicht einfach nur verprügelt“, stellt sie fest. „Sie wurden systematisch totgeschlagen. Das waren keine Zuhälter. Die schlagen höchstens ein- bis zweimal zu, um zu bestrafen. Das hier ging über Stunden. Man kann es an den Verfärbungen gut erkennen. Diese Morde geschahen zur Abschreckung.“ Emma blickt den Leiter der Duisburger Kollegen fest an. „Kann es sein, dass sich bei Ihnen ein Kartell ausbreitet? Oder es zumindest versucht?“
Björn Klostermann hätte nicht damit gerechnet, dass ausgerechnet diese junge Polizistin den nötigen Sachverstand aufbietet, um die gleichen Schlussfolgerungen aufzustellen, die auch er und sein Team erarbeitet haben. „Wir haben da zwei Männer im Visier, denen aber absolut nichts nachzuweisen ist“, gesteht er. „Markus!“
Von seinem Vorgesetzten aufgefordert ergreift Markus Goldschmidt eine Akte, die auf dem Tisch hinter ihm liegt. „Michail Orlow, sechsundvierzig Jahre, 1,80 Meter, blond, blaue Augen. Er ist Russe, besitzt eine Villa in Mülheim-Saarn, die er mit seiner Frau und seinem Sohn bewohnt. Seine rechte Hand ist Gabriel Kanthak, ein Deutscher, neununddreißig Jahre, 1,82 Meter, dunkelhaarig, braune Augen. Früher hat er sein Geld als Boxer verdient, dann holte Orlow ihn zu sich. Zuerst als Leibwächter, von da an hat sich der Kerl hochgearbeitet.“ Er reicht die Fotos der beiden Männer herum. „Orlow ist millionenschwer. Er besitzt eine Import-Export-Firma mit Hauptsitz in Japan. Zweigstellen gibt es in Duisburg, Amsterdam und Shanghai. In Düsseldorf unterhält er zudem einen gutgehenden Catering Service, der sich einen ausgezeichneten Ruf aufgebaut hat. Sie arbeiten viel auf Messen, Tagungen und bei Hochzeiten. Alles Firmen, die ihm auf legale Weise seinen Reichtum einbringen.“
„Wieso ist er dann auf Ihrem Radar aufgetaucht?“, forscht Ludwig Gessner nach.
„Kanthak reist sehr viel. Er ist Antiquitätenhändler mit mehreren gutgehenden Geschäften in Duisburg und Essen. Er holt sich seine Ware aus der ganzen Welt. Hauptsächlich reist er nach Thailand und Japan. Wir haben seine Lieferungen schon mehrfach durch Mitarbeiter des Zolls untersuchen lassen. Alles legal! Außerdem transportiert er seine Fundstücke per Luftfracht, in 20-Fuß-Containern3, deklariert als wertvollste Ladung. Sollten die Mädchen in seinen Containern versteckt sein, würden sie den Flug in extremer Höhe nicht überleben. Die tiefen Temperaturen und der mangelnde Sauerstoff würden dafür sorgen, dass niemand lebend aus den Containern aussteigt. Ich glaube, das ist auch der Grund, warum die Zöllner ihn nur oberflächlich untersuchen. Die Waren sind ordnungsgemäß angemeldet und die Drogenhunde werden nicht fündig.“
Björn Klostermann ergänzt die Ausführungen seines Kollegen. „Bei Orlow sieht das schon anders aus. Er handelt mit allem, was ihm Geld einbringt, angefangen bei Toilettenpapier über Bekleidung und Medikamente bis hin zu Pflanzen und Tieren. Alles legal und ordnungsgemäß angemeldet. Seine Firma transportiert die Waren ebenfalls in 20-Fuß-Containern, die im Duisburger Hafen landen. Aber auch dort sind wir nie fündig geworden.“
„Sie vermuten also, dass er die Mädchen per Container schmuggelt? Wie oft wird er von Ihnen kontrolliert?“, hakt jetzt auch Benedikt Steigert aus Emmas Team nach.
„So oft wie möglich. Das machen die Kollegen von der Zollfahndung noch auf dem Zollgelände vor der Abholung. Unregelmäßig und ohne Vorwarnung.“
Alle schauen still auf die Unterlagen vor sich. Keiner hat eine Idee, wie sie vorgehen sollen.
Emma beteiligt sich schon eine Weile nicht mehr an den Gesprächen, sondern hört ihren Kollegen kommentarlos zu, während sie in Gedanken die möglichen Abläufe für einen Schmuggel durch die beiden aufgezeigten Männer durchgeht. Nachdenklich dreht sie das Foto, das sie immer noch in ihren Händen hält, hin und her, bis sie plötzlich stutzt. Sie greift sich ein weiteres Foto, danach noch eins.
„Ist irgendetwas?“, erkundigt sich Björn Klostermann bei der Kriminalbeamtin, als er auf ihr Handeln aufmerksam wird.
„Orlow. Das bedeutet Adler“, antwortet Emma überlegend.
Überrascht schaut der Duisburger Leiter die junge Frau an. „Sie sprechen Russisch?“
„Nur ein wenig.“ Sie lässt ihre Augen über die Kollegen wandern. „Ist niemandem von Ihnen das Tattoo aufgefallen, das alle Mädchen auf der rechten Schulter tragen? Es ist ein Adler.“
Alle Anwesenden greifen erstaunt nach den Fotos, während Emma weiterspricht: „Ich glaube schon, dass Sie auf der richtigen Spur sind. Allerdings haben wir es hier mit zwei unabhängigen Prozessen zu tun. Der erste sind die Mädchen, die auf Ihrem Straßenstrich auftauchen. Sie werden von ihren Zuhältern mit Männern verheiratet, die denen zuarbeiten. Das ist die eine Sache. Der andere ist dieses Kartell, das den Zuhältern die Mädchen besorgt. Diesen Kerlen müssen wir schnellstens auf die Schliche kommen. Wie schmuggeln sie die Mädchen ins Land? Wo werden sie verkauft? Und an wen? Diese Fragen gilt es zu klären.“
„Ich stimme gänzlich mit Ihnen überein“, nickt Björn Klostermann. „Haben Sie auch eine Idee, wie wir das machen?“
„Zumindest, wie wir anfangen können.“ Emma schnappt sich einen der Maker, die überall auf dem Tisch herumliegen, tritt an ein Flip-Chart und beginnt ihren Plan zu skizzieren. „Gehen wir einmal davon aus, dass sowohl Seefracht als auch Luftfracht für den Schmuggel genutzt werden. Sogar Routen per Zug sollten wir in Betrachtung ziehen.“
„Warum denn das?“, will Walter Ruhrtal aus dem Duisburger Team wissen. „Es sind ausschließlich Seefrachtcontainer, die Orlow für seine Waren benutzt.“
„Schon möglich“, stimmt Emma ihm zu. „Aber ich denke, er wird die Container nicht den ganzen Weg per Seefracht befördern.“
„Warum stellen Sie diese Behauptung auf?“, verhört sie Björn Klostermann.
„Ganz einfach. Eine reine Route per Seeverschiffung dauert bis zu sechs Wochen. So lange bleiben die Mädchen garantiert nicht ruhig. Ohne Nahrung und ausreichend Flüssigkeit würden sie die lange Zeit zudem kaum lebend überstehen. Obendrein sind die Kontrollen in den asiatischen Häfen bedeutend strenger als bei den Frachtflügen.“
„Du hast sicher Recht“, bestätigt Mark ihr. „Aber wie macht er es dann deiner Meinung nach?“
„Ganz sicher bin ich mir da noch nicht, aber ich denke, seine Standorte haben damit zu tun. Wie war das noch? Gestartet wird in Japan. Richtig?“ Sie wartet die Bestätigung nicht ab. „Von Japan geht es nach Shanghai. Vermutlich per Flug. Wie lange wird das dauern? Circa drei Stunden schätze ich.“ Das allgemeine zustimmende Nicken lässt sie ohne Verzögerung weitermachen: „In den Zweigstellen hat er unter Garantie die passenden Leute sitzen, um die Container und deren Inhalt im Auge zu behalten. Von Shanghai bis Amsterdam ist ebenfalls ein Flug die schnellste Verbindung. Ich habe keine Ahnung wie lang die brauchen, vielleicht zwölf bis dreizehn Stunden. Eine solche Zeit könnten die Frauen mit den richtigen Medikamenten durchaus verschlafen. Oder?“
„Das sollten wir wirklich überprüfen“, wirft Markus Goldschmidt ein.
„Dann überprüfen Sie bitte auch gleich, wo Orlows Ware, die in Duisburg per Containerschiff ankommt, verladen wurde. Ich tippe auf Amsterdam.“
„Warum denn so umständlich?“, staunt Björn Klostermann.
„Täuschung!“, erklärt Emma. „Überlegen Sie einmal, wie viele Papiere die Kontrolleure bei einer Schiffslöschung zu sichten haben. Glauben Sie, die sehen sich jedes Stück Papier akribisch an? Wohl kaum. Schon gar nicht, wenn sie wissen, dass der Container bereits vor Reiseantritt durchsucht wurde. Sie sehen die Verladestelle Japan und die Ankunft in Duisburg, wodurch sie von einer wochenlangen Reise ausgehen. Keiner käme auf die Idee nach geschmuggelten Menschen zu suchen.“
„Ich tendiere dazu Ihnen zuzustimmen“, gesteht Björn Klostermann. „Die Container landen anschließend im Zollgelände des Duisburger Hafens, von wo sie mit Sicherheit umgehend abgeholt werden.“
„Dann müssen wir die Container zu hundert Prozent kontrollieren. Ich schätze, dass für den reibungslosen Ablauf Gabriel Kanthak zuständig ist. Orlow wird sich garantiert nicht selbst die Finger schmutzig machen.“
„Damit liegst du bestimmt nicht daneben“, pflichtet Mark ihr bei.
„Also müssen wir Kanthak im Auge behalten. Am besten stellen wir ein paar Kollegen ab, die ihn rund um die Uhr beschatten. Auch Orlow darf uns nicht durch die Lappen gehen. Aber wenn wir seinen Partner kriegen, wird er uns garantiert zu seinem Boss führen. Dieses Tattoo zeigt uns, wie arrogant der Mann ist. Er ist so von sich eingenommen, dass er sogar auf den Mädchen, die er verkauft, seine Signatur hinterlässt. So können wir ihm die verkauften Frauen zuordnen. Das wird ihm hoffentlich bald das Genick brechen. Sollten Sie Kontrollen machen, suchen Sie nach diesem Tattoo. Aber möglichst unauffällig.“
„Das ist eine sehr gute Idee.“ Björn Klostermann ist begeistert. ‚Die Beamtin leistet wirklich gute Arbeit‘, erkennt er. ‚Sie hat einen ausgeprägten Spürsinn.‘
Emma wendet sich an die Duisburger Kollegen: „Sind in letzter Zeit neue Container angekommen?“
Der siebenunddreißigjährige Walter Ruhrtal meldet sich zu Wort: „Nein, aber morgen Früh soll eine größere Ladung hier in Duisburg im Containerhafen ankommen. Das Frachtschiff transportiert insgesamt zwölf Container von Orlow mit Bekleidung und Importware aus Japan. Sie stehen für morgen Früh um drei Uhr zur Löschung auf dem Plan.“
„Die sollten wir uns vornehmen. Direkt, nachdem die Ladung vom Schiff herunter ist. Wo werden die Container verwahrt?“
„Für die Löschung der gesamten Schiffsladung brauchen die rund zwei Stunden. Bis zur Abholung durch den Eigentümer oder seinen Beauftragten bleiben die Container im Frachtlager des Zollamts. Erst im Beisein des Eigentümers werden die Container geöffnet.“
„Auf die Abholung werden wir nicht lange warten müssen“, erwägt Emma. „Das ist der Moment, in dem wir zuschlagen. Doch dafür müssen wir vorher wissen, was die Container wirklich beherbergen. Sobald sie im Frachtlager abgeladen werden, sehen wir uns ihren Inhalt an.“
„Dann müssen wir schnellstens handeln“, versichert Björn Klostermann. „Bis wir den Zoll informiert haben und einen Einsatztrupp von denen bekommen, brauchen die ein paar Stunden Vorlauf.“
„Wir werden den Zoll nicht informieren, sondern unangemeldet da auftauchen“, teilt Emma den Kollegen trocken mit.
Der Duisburger Leiter ist baff. „Sie wollen den Zoll nicht informieren? Wieso? Allein schaffen wir paar Leute das doch gar nicht.“
„Eins nach dem anderen. Überlegen Sie bitte einmal. Wieso sind Sie bisher nicht fündig geworden? Orlow hat Millionen zur Verfügung. Auch beim Zoll oder der Polizei gibt es immer wieder Menschen, die sich schmieren lassen. Außer den Leuten in diesem Raum sollte in Duisburg niemand erfahren, was wir vorhaben. Ich besorge Ihnen die notwendige Unterstützung aus Düsseldorf.“
Mark Sievers ist bereits klar, was seine Partnerin vorhat. Er konnte sich schon öfter davon überzeugen, wie gut die Geschwister Wolf sich ergänzen, daher nickt er dem Duisburger bestätigend zu.
„Also gut, versuchen wir es. Wir haben schließlich nichts zu verlieren“, gibt dieser seine Einwilligung.
Auf Emmas eingehenden Anruf hin meldet sich ihr Bruder Stefan fast sofort: „Hey, Kleine. Wieso rufst du an statt einfach vorbeizukommen? Wo steckst du?“
„In Duisburg. Ich könnte deine Hilfe gebrauchen.“ Damit schildert sie ihrem Bruder, welchen Einsatz sie plant.
„Ich denke, du brauchst zwei Trupps und das mobile Einsatzkommando. Lass mir eine Stunde, um unseren Chef zu informieren. Er springt bestimmt auf diese Informationen an. Das kriege ich hin! Wir sorgen dann dafür, dass morgen Früh alle einsatzbereit sind. Im Anschluss melde ich mich.“
„Danke.“ Sie wendet sich an Björn Klostermann. „Wir bekommen Unterstützung durch unsere Einheiten vom SEK und MEK4.“
„Wie haben Sie das so schnell hinbekommen? Normalerweise brauchen wir Stunden für die Anforderung dieser Einheiten. Sie schaffen das mit einem Anruf?“ Statt einer Antwort erhält er ein lässiges Schulterzucken.
Sie lässt sich auf ihrem Weg zur Toilette Zeit. Emma ist sicher, dass die Kollegen über sie und ihre Anwesenheit in dem Team diskutieren werden. Als sie die Toilette verlässt, erblickt sie Markus Goldschmidt, der ihr gegenüber abwartend, mit verschränkten Armen an der Wand lehnt. Mit Ausnahme seiner Augenfarbe sieht der 1,83 Meter große muskulöse Mann mit den kurzen braunen Haaren seinem jüngeren Bruder äußerst ähnlich.
„Was haben Sie in Berlin gemacht? Und wer sind Sie wirklich?“, verhört er die Beamtin.
„Was meinen Sie?“
„Kommen Sie schon. Erklären Sie mich bitte nicht für dumm. Wären Sie eine einfache Polizistin, hätte Flo mir bedeutend mehr von der Frau erzählt, die ihm seine Träume raubt.“ Er mustert die Kollegin aufmerksam. „Ich bin nicht Ihr Feind. Nur bleibe ich nicht gern im Unklaren. Was ist es? Terroreinheit? Personenschutz? Wo gehören Sie hin?“
Emma schaut ihm lange in die Augen, in denen sie die gleiche Aufrichtigkeit erkennt wie bei seinem Bruder. „Sie wissen, für wen Ihr Bruder zuständig ist“, beginnt sie vorsichtig. „Wenn ich Ihnen sage, dass ich Ihnen keine Auskunft geben darf, können Sie sich Ihre Frage selbst beantworten.“
„Das ist nicht Ihr Ernst! Oder doch?“ Der Hauptkommissar starrt sie beeindruckt an. „Jetzt verstehe ich, warum Flo so kurz angebunden war. Alle Achtung!“
„Danke, aber das ist vorbei. Jetzt gehöre ich der Mannschaft von Mark Sievers an.“
„Wieso haben Sie gewechselt? War es wegen Flo?“
„Nein. Er hatte mit meiner Entscheidung nichts zu tun. Florian kennt den Grund. Mehr werde ich Ihnen dazu nicht sagen. Auch wenn ich Ihnen vertraue, muss ich Sie ausdrücklich darum bitten, Stillschweigen zu bewahren.“
„Selbstverständlich. Verlassen Sie sich darauf.“ Er lacht leise auf. „Aber Flo rufe ich heute noch an.“
Emma schüttelt verständnislos den Kopf. „Männer! Was finden Sie nur so interessant daran, Ihresgleichen auf den Arm zu nehmen?“
„Das gehört einfach dazu“, versichert der Beamte. „Das mit den bestechlichen Kollegen haben Sie wirklich so gemeint, wie Sie es sagten“, bemerkt er entrüstet. „Sie glauben, die Gegenseite wird vor den Kontrollen gewarnt.“
„Ja. Das passiert leider häufiger als wir denken. Was mich zu meiner Frage führt. Können wir Ihren Kollegen in diesem Team hundertprozentig vertrauen?“
„Absolut“, versichert er, nimmt sich aber die Zeit, um darüber nachzudenken. „Vor einigen Tagen habe ich mich auf eine ausgeschriebene Stelle beim LKA beworben, die Entscheidung steht noch aus, aber sollte ich wechseln, werde ich die gute Zusammenarbeit hier vermissen. Wir konnten uns bisher immer aufeinander verlassen“, bestätigt er Emma. „Eigentlich sollte ich Ihnen diese Frage übelnehmen.“ Markus Goldschmidt hebt kurz die Schultern. „Ich hätte die gleiche Frage gestellt“, bekennt er.
Sie nimmt den eingehenden Anruf, der ihr Gespräch unterbricht, rasch entgegen. „Stefan, wie sieht es aus?“
„Ich habe den Chef an meiner Seite. Es ist zwar alles vorbereitet, aber er will sich selbst ein Bild von der Situation machen. Wir sind gerade in Duisburg am Polizeipräsidium angekommen. Wo treffen wir uns?“
„Wartet im Eingangsbereich. Wir kommen zu euch.“
Sie treffen gleichzeitig mit den Düsseldorfer Spezialisten im Foyer ein.
„Stefan, das ist Markus Goldschmidt, der Bruder von Florian“, stellt Emma den Duisburger Kollegen vor.
„Im Ernst? Die Welt ist wirklich klein“, bemerkt Stefan, der den festen Handschlag des Duisburgers erwidert. „Stefan Wolf. Dies ist unser Einsatzleiter Bodo Danberg“, weist er auf seinen Begleiter hin.
Emma betrachtet den Vorgesetzten ihres Bruders genauso neugierig wie er sie. Bodo Danberg ist siebenunddreißig Jahre alt, 1,85 Meter groß, mit kurzen braunen Haaren und braunen Augen. Der durchtrainierte Hauptkommissar lässt mit Sicherheit so manch ein Frauenherz höherschlagen. ‚Und das weiß er auch!‘, wird ihr bewusst, da sie seinen Charme und seine Arroganz spüren kann. ‚Eine interessante Mischung!‘ Seinem deutlich gezeigten Interesse an ihr begegnet sie mit Zurückhaltung. ‚Er wird schon von selbst darauf kommen, dass er bei mir nicht landen kann.‘
Ungeachtet dessen lässt das Auftreten des Beamten an Professionalität nichts zu wünschen übrig.
„Freut mich, Sie hier begrüßen zu dürfen“, versichert Markus. „Normalerweise schaffen wir es nicht in so kurzer Zeit, an diese Art der Unterstützung zu gelangen.“
Der SEK-Chef mustert ihn aufmerksam. „Wenn der Tipp, den wir kriegen, gut genug ist, sind meine Männer in kürzester Zeit einsatzbereit. Ich habe zwar schon einiges von Herrn Wolf gehört, würde mir aber gern noch ein Gesamtbild verschaffen. Schon allein deshalb, weil ich meinen Vorgesetzten Rede und Antwort stehen muss.“
„Kein Problem. Kommen Sie bitte mit, meine Kollegen sind im Besprechungsraum.“ Beim Weitergehen wendet Markus sich wissbegierig an Stefan: „Sie heißen Wolf? Sind Sie mit der Kollegin verwandt?“ Er ist gespannt auf dessen Antwort. Hat er hier die Konkurrenz für seinen Bruder vor sich stehen? ‚Ist das der Mann, dem Emma Wolf den Vorzug vor Florian gegeben hat?‘
Emma kann sich schon denken, warum er nachfragt. „Stefan ist mein Bruder“, antwortet sie. „Zudem ist er einer der Truppenführer beim SEK. Herr Danberg ist sein Vorgesetzter.“
„Nun wird mir einiges klar. Daher die schnelle Unterstützung.“
Sie erreichen den Raum, in dem sowohl die Duisburger als auch die Düsseldorfer Kriminalisten versammelt sind.
Markus öffnet die Tür und lässt Bodo Danberg an sich vorbei eintreten, hält Stefan und Emma jedoch zurück, um sein Anliegen zu äußern: „Bitte nennen Sie mich Markus. Immerhin haben wir schon einiges gemeinsam.“
„Und was?“, erkundigt sich Stefan.
„Wir kennen alle meinen Bruder. Oder?“
Die beiden Männer lachen auf, während Emma nur verwundert den Kopf schüttelt. Gemeinsam betreten sie den Besprechungsraum, um den Plan für die Durchsuchung am nächsten Morgen auszuarbeiten. Es ist schon fast Abend, als sich das Team rund um Emma Wolf von den Duisburger Kollegen verabschiedet. Um fünf Uhr in der Frühe werden sich alle am Einsatz beteiligten Polizisten in voller Montur am festgelegten Treffpunkt im Duisburger Containerhafen treffen.
Die neununddreißigjährige Oberkommissarin Nina Birkholz achtet sorgfältig darauf, dass niemandem auffällt, wie sie in der Nähe des Haupteingangs auf ihren Kollegen Reinhardt Schrade wartet. Der Kommissar ist nicht nur Teil des Ermittlungsteams rund um Björn Klostermann, sondern hat auch lange mit Nina im Team gearbeitet.
Gerade als er das Gebäude verlassen will, taucht die schlanke 1,76 Meter große Polizistin hinter ihm auf. „Hallo, Reinhardt. Habt ihr endlich Feierabend?“
Der Kollege dreht sich zu der hübschen Blondine um. „Ja, endlich! Wieso bist du noch hier? Machst du Überstunden?“
Wie konnte sie nur denken, dass ihm das nicht auffällt? Sie braucht rasch eine gute Erklärung. „Nein, ich habe noch trainiert. Wegen der Leistungsprüfungen. Es ist einfach später geworden.“
„Stimmt, die stehen uns ja auch noch bevor.“
„Ja. Aber jetzt haben wir erst einmal Feierabend.“
„Aber nicht für lange. In ein paar Stunden müssen wir wieder anfangen.“
„Was ist denn so dringend, dass ihr euren Feierabend nicht normal genießen könnt?“
Der Kommissar ist sich bewusst, dass er diese Informationen nicht weitergeben darf, also übergeht er die Antwort und zuckt stattdessen nur die Schultern. „Woran arbeitest du denn zurzeit?“, fragt er im Gegenzug.
„An nichts Besonderem. Ihr habt mich doch aus dem Team gekickt. Warum eigentlich? So schlecht war meine Arbeit bestimmt nicht.“
„Hör zu, Nina. Das hat mit deiner Arbeit nichts zu tun. Es geht nur um den Fall. Klostermann hat Recht, wenn er dabei die Frauen außen vor lässt.“
„Ach ja? Dann habe ich zwei Fragen an dich. Was ist an dem Fall, was Männer können und Frauen nicht? Und wieso ist in dem anderen Team eine Frau mit dabei? Leugne es nicht! Ich habe sie gesehen.“
„Zu dem Fall darf ich dir nichts sagen. Aber zu der Kollegin kann ich dir Folgendes berichten. Sie ist die stellvertretende Leiterin in dem Team aus Düsseldorf.“
„Unmöglich. Sie ist mindestens zehn Jahre jünger als ich.“
„Ist aber so“, beharrt er. „Entschuldige, ich muss jetzt dringend in die Kiste. Immerhin müssen wir alle morgen um fünf Uhr wieder fit sein. Mach’s gut.“
Nina schaut ihm nachdenklich hinterher. Sie sollte besser einmal nachsehen, ob in dem Besprechungszimmer etwas zu finden ist. Den ganzen Tag über hat sie sich bemüht, in die Nähe des Besprechungsraumes zu gelangen, was aber nicht funktioniert hat. Auf dem Absatz macht sie kehrt, um sich kurz darauf in dem Raum umzublicken, in dem sich gerade erst die beiden Teams für den Einsatz gegen das organisierte Verbrechen zusammengetan hatten. Doch die gähnende Leere der Schreibtische bietet ihr keine Anhaltspunkte. ‚Dann muss ich eben zum Boss gehen‘, empfiehlt sie sich selbst.
Zwei Minuten später kann Nina gerade noch sehen, wie Björn Klostermann, in Jacke und Mütze, sein Büro verlässt. ‚Es ist viel zu voll auf diesem Flur, um lange unbemerkt zu bleiben‘, erkennt sie. Aber wenn sie mit ihrer Vermutung richtig liegt, muss sie dringend an die Einsatzpläne herankommen. Sie sucht sich ein geeignetes Versteck, um in aller Ruhe abzuwarten. ‚Eigentlich gehöre ich in dieses Team!‘, holt sie sich in Erinnerung. ‚Nur Klostermann verdanke ich es, in diesem Fall auf dem Abstellgleis zu stehen.‘ Auch sie hat nicht zum ersten Mal die Erfahrung gemacht, dass der leitende Hauptkommissar keine allzu hohe Meinung von Frauen im Polizeidienst hat. ‚Das wird Gabriel bestimmt nicht gefallen‘, geht es ihr durch den Kopf. Obwohl sie schon eine ganze Weile mit Gabriel Kanthak liiert ist, kann sie spüren, dass der Freund sie auf Abstand hält. Sie erinnert sich daran, wie er sie glücklich angestrahlt hat, als sie ihn über die Durchsuchung seiner Container informierte. ‚So ganz korrekt war das nicht‘, gibt sie vor sich selbst zu, entschuldigt ihr Vergehen aber damit, dass ihre Kollegen bei der Durchsuchung enorme Schäden an den teuren Möbeln hinterlassen haben. ‚Gabriel war richtig deprimiert, als er mir davon berichtete‘, fällt ihr ein. ‚Dass ich ihn vor mutwillig verursachten Schäden bewahre, ist nur gerecht!‘
Als es endlich ruhiger in dem langen Gang wird, schlüpft sie in das Büro des Vorgesetzten. Systematisch durchsucht sie dessen Unterlagen, doch auch hier findet sie keinen Hinweis auf den kommenden Einsatz.
‚Was soll das nur? Die tun gerade so, als ob es ein Staatsgeheimnis wäre.‘ Sie nimmt an seinem Schreibtisch vor dem Computer Platz. ‚Vielleicht hat er die Daten schon eingegeben.‘ Normalerweise ist ihr Chef bei seiner Arbeit absolut korrekt, lässt keine halbfertigen Sachen liegen und sorgt für saubere Abschlüsse.
Sie hat keine andere Wahl, als sich mit ihrem eigenen Passwort einzuloggen. Bis sie die heute angelegten Dateien findet, muss sie eine ganze Weile suchen. Es gibt insgesamt vier neue Dateien, von denen sie die ersten drei ungehindert einsehen kann. Sie alle haben nichts mit dem heutigen Treffen der Kollegen oder einem kommenden Einsatz zu tun. ‚Mal sehen, was mir die letzte Datei zeigt.‘ Sie klickt mit dem Mauszeiger auf den Ordner, woraufhin sich sofort ein graues Eingabefeld öffnet. Der Computer fordert die Eingabe des Passworts, ohne welches sie diesen Ordner nicht öffnen kann.
„So ein Mist“, flucht die Beamtin leise vor sich hin und versucht, das Passwort zu finden, doch weder Rechner noch Schreibtisch des Hauptkommissars weisen auf dieses hin. ‚Die tun ja gerade so, als ob sie an einer Verschwörung arbeiten. Wieso ist das alles nur so geheim? Das hat wohl kaum etwas mit Gabriels Geschäften zu tun. Da geht es lediglich um Antiquitäten. Auch wenn er sie teilweise nicht ganz legal aus den fremden Ländern mitbringt, ist das wohl kaum einen solchen Aufwand wert.‘ Trotzdem sucht sie weiter, da sie mittlerweile neugierig genug ist, um den Grund für diese Heimlichtuerei wissen zu wollen.
‚Das könnte etwas sein!‘, stutzt sie plötzlich. ‚Klostermann hat sich zwei zivile Fahrzeuge für eine Fahrt zum Duisburger Hafen reserviert. Zum Duisburger Containerhafen! Ob es doch um Gabriels Ware geht?‘ Sie schaut auf ihre Armbanduhr. Schon nach halb zehn. Es kann nicht schaden, wenn sie Gabriel vorwarnt. Sie loggt sich aus, dann verschwindet sie ungesehen aus dem Gebäude. Kaum dass sie außer Sichtweite ist, ruft sie Gabriel an, dessen Mailbox erst nach mehrfachem Klingeln anspringt.
In Thailand, sechs Stunden voraus, verbringt Gabriel, der bekommen hat, was er wollte, die Nacht zufrieden schlafend in seinem Hotelbett. In ein paar Stunden wird er sich darum kümmern, dass die Container ordnungsgemäß für den Flug nach Düsseldorf verladen werden. Den Anruf, der bei ihm eingeht, nimmt er nicht wahr.
Nina steckt ihr Handy ein und macht sich auf den Weg nach Hause. In einer Stunde wird sie es noch einmal bei Gabriel versuchen. Wenn sie ihn erreicht, wird er bestimmt vorbeikommen. Sie hätte jedenfalls nichts dagegen. Weder um dreiundzwanzig Uhr noch um null Uhr erreicht sie ihren Freund, aber sie weiß, wie sie jetzt vorgehen muss.
Keine halbe Stunde später betritt sie die heruntergekommene Bar in der Nähe des Duisburger Hauptbahnhofs, schaut sich vorsichtig in dem Raum um und schenkt dem Barkeeper einen fragenden Blick. Mit seinem Kopf deutet dieser auf eine geschlossene Tür, durch die Nina ohne anzuklopfen hineingeht.
In dem Raum befinden sich vier Männer und eine Frau, die dem Neuankömmling neugierig entgegensehen.
„Was willst du hier?“ Nadia Baran kann die Beamtin nicht ausstehen. Sie weiß, wer Nina ist, auch warum sie so wichtig ist, aber deswegen muss sie die Frau nicht ins Herz schließen. Ihr ist klar, dass diese Polizistin glaubt, Gabriel würde sie wirklich lieben, nur weil er sie ab und zu in sein Bett holt. ‚Wie naiv diese Frau doch ist! Aber immerhin, sie ist äußerst nützlich‘, muss Nadia sich eingestehen. ‚Sobald sie für Gabriel nicht mehr von Nutzen ist, wird er sich ihrer entledigen!‘ Da ist sich Nadia sicher.
„Ich muss unbedingt zu Gabriel“, teilt Nina ihr mit.
„Das geht nicht.“ Wenn die Polizistin Gabriel bisher nicht erreicht hat, will er nicht von ihr gestört werden, daran wird sich auch Nadia halten.
„Es ist wichtig!“ Wütend blitzt Nina Gabriels Mitarbeiterin an. ‚Was bildet sich diese Frau ein? Diese Ziege ist lediglich eine Handlangerin für Gabriel. Aber ich, Nina Birkholz, bin die Frau, die er liebt. Diese Nadia sollte besser aufpassen, wie sie mit mir redet!‘
„Da hast du Pech. Er ist in Thailand. Also, was willst du?“
‚In Thailand? Wieso hat er das nicht erwähnt?‘, fragt sich Nina verwundert. „Ich glaube, meine Leute planen einen Einsatz im Hafen“, gibt sie ihre Information weiter, ohne zu wissen, dass es sich bei den betroffenen Containern nicht um Gabriels Antiquitäten, sondern um die Container von Michail Orlow aus Japan handelt.
„Glaubst du das, oder weißt du es?“, hakt Hannes Wachtl, der Anführer von Gabriels Männern, resolut nach. „Du bist da doch mit von der Partie. Also komm gefälligst mit Fakten rüber.“
„Sie haben bei diesem Einsatz keine Frauen zugelassen. Keine Ahnung, wieso. Aus denen ist nichts herauszukriegen. Ich habe lediglich eine Fahrzeugreservierung gefunden. Für morgens um halb fünf vom Revier zum Hafen.“
Die Männer tauschen alarmierte Blicke, denn auch sie können sich ausrechnen, dass das Interesse der Polizisten auf die ankommende Containerfracht des Kartellchefs gerichtet ist. Sie wissen, was sie zu tun haben.
Nadia erhebt sich. „Du hast uns sehr geholfen. Sieh zu, dass du nach Hause kommst, ohne gesehen zu werden. Wir kümmern uns um alles Weitere. Ich werde Gabriel ausrichten, welch gute Arbeit du leistest.“
Nina lächelt stolz. „Glaubt ihr, das hat etwas mit Gabriels Warenlieferungen zu tun? Ich kann mir nicht vorstellen, dass meine Kollegen einen solchen Aufstand wegen ein paar Möbeln machen, die nicht korrekt am Zoll angemeldet sind.“
„Nein, das denke ich auch nicht.“ Nadia mustert die Polizistin kritisch. ‚Ob sie etwas ahnt? Wohl kaum! Die ist so verliebt in Gabriel, die sieht nur noch rosarote Wolken‘, erkennt sie. „Das hat sicherlich andere Gründe“, beruhigt sie die Polizistin. „Aber es ist gut, dass du uns Bescheid gesagt hast. Wenn du noch etwas herausbekommst, lass es uns wissen, aber achte darauf, dass du nicht auffällst.“
„Ja, mache ich.“ Dem Rat der Stylistin folgend verschwindet Nina, während Hannes sich bereits per Telefon die Instruktionen für ihr Vorgehen vom höchsten Chef persönlich geben lässt.
„Holt die Ware sofort aus dem Container“, befiehlt der Kartellchef alarmiert.
Die Anzeige auf seiner Armbanduhr zeigt Hannes die fortgeschrittene Uhrzeit an. „Zwei Uhr dreißig. Wir brauchen wenigstens eine Stunde für die Vorbereitungen. Außerdem ist es fraglich, ob wir überhaupt risikofrei auf das Frachtschiff gelangen können, wohl eher nicht.“
„Wie wollen Sie dann vorgehen?“
„Das Beste wird sein, wir warten ab, bis die Fracht gelöscht ist. Um drei Uhr beginnen die im Hafen mit dem Löschen der Ladung. Ich schätze, um halb fünf wird es da wieder ruhiger. Das sieht die Polizei anscheinend auch so. Laut unserer Informantin beginnen die um halb fünf mit ihrem Einsatz im Hafen. Nehmen wir eine halbe Stunde für die Vorbereitungen, dann schlagen die um fünf Uhr zu.“
„Da bleibt Ihnen aber nur sehr wenig Zeit.“
„Wir schaffen das. Eine halbe Stunde reicht aus, rein und wieder heraus. Es handelt sich schließlich nur um einen der zwölf Container. Ich habe genügend Leute dafür.“
„Einverstanden. Denkt daran, niemand darf eine Verbindung zu unserer Organisation finden“, bestimmt Michail. „Ihr wisst, wie ihr vorzugehen habt!“
„Ja, Chef. Geht klar.“
In aller Eile wird die Aktion vorbereitet. Elf Männer aus Gabriels Mannschaft unter der Führung von Hannes Wachtl machen sich auf den Weg zum Hafen.
3 20 Fuß = circa 6 Meter
4 SEK = Spezialeinsatzkommando; MEK = mobiles Einsatzkommando
6

Leise fährt der schwarze Kastenwagen vom Typ Iveco Daily am Hafen entlang, bis er in einiger Entfernung vom Zollgelände verharrt. Hannes Wachtl steigt aus, während seine Männer im Fahrzeug auf seine Rückmeldung warten. Am Eingang des Frachtgeländes trifft der Anführer der Gruppe auf einen der Arbeiter.
Egon Nehls gehört zur Wachmannschaft des Duisburger Zollgeländes. Das hindert ihn allerdings nicht daran, sich seinen illegalen Nebenverdienst durch Gabriel Kanthak finanzieren zu lassen. Dafür, dass er bei Bedarf schon einmal wegschaut oder das Tor für kurze Zeit öffnet, bekommt er monatlich einen netten Bonus. Vor einer halben Stunde bekam er den Anruf, der dafür sorgte, dass er sich umgehend an dem abgeriegelten Zollgelände einfindet, um den ahnungslosen Kollegen abzulösen. „Lasst mir zehn Minuten, dann ist der Kerl weg“, verspricht er Hannes Wachtl und nimmt das kleine Kommunikationsgerät in Empfang, das ihm sein Gesprächspartner in die Hand drückt.
„Gut, beeil dich.“
Egon wendet sich in Richtung Kontrollraum, wo er den Wachmann von der Nachtschicht vorfindet, der mit müden Augen an seinem Schreibtisch sitzt, die Bildschirme im Blick.
Bei Egons Eintreten hebt der Wachmann den Kopf. „Egon, was machst du denn schon hier?“, verhört er seinen Kollegen.
„Du hältst mich bestimmt für verrückt, aber ich glaube, im Moment ist es an jedem Ort besser als zuhause.“
„Im Ernst? Wie kommst du darauf? Hast du Krach mit deiner Frau?“ Der Kollege grinst schadenfroh. „Musst du etwa in der Hundehütte schlafen?“
„Viel schlimmer. Meine Schwiegermutter ist zu Besuch. Ich habe mich wirklich bemüht, sage ich dir! Aber das halte ich nicht mehr aus. Die Frau schnarcht, dass man es im ganzen Haus hört. Das hält der stärkste Bär nicht aus.“
Sein Kollege lacht schallend auf. „Du tust mir wirklich leid“, fügt er bedauernd hinzu. „Und jetzt willst du hier schlafen?“
„Nein, ich dachte, ich löse dich ab. Wir brauchen doch nicht beide eine schlaflose Nacht haben. Wenn die Mutter meiner Frau weg ist, kannst du dich ja revanchieren.“
„Du löst mich ab? Jetzt schon? Da sage ich nicht ‚Nein‘. Vielen Dank.“ Es dauert nicht lange, da ist der hocherfreute Kollege in seinem Auto um die nächste Ecke verschwunden.
Noch ehe Egon richtig vor den Bildschirmen sitzt, hat er die Handgriffe verrichtet, die jetzt nötig sind. Wenn jemand darauf achten würde, könnte er hören, wie das Schloss am Eingang leise klickt, ehe das Tor ein Stück weit aufspringt.
„Fertig, ihr könnt loslegen. Sagt Bescheid, wenn ihr wieder herauswollt“, gibt Egon über das Kommunikationsgerät an die vor der Tür wartenden Männer weiter.
Der Transporter fährt bis an das Eingangstor heran, wo er abwartend stehenbleibt, während die vollständig schwarz gekleideten Männer aus dem Heck des Fahrzeugs springen. Das Tor hinter sich wieder ins Schloss ziehend schlüpfen die vermummten Gestalten auf das Gelände.
Mittlerweile ist es vier Uhr dreißig.
Hannes schaut sich gründlich um. Seit die Hafenarbeiter mit ihrer Schicht begonnen haben, arbeiten sie an der Löschung der diversen Ladungen, doch hier sind sie fertig, haben das Lager verschlossen und gesichert, weshalb niemand mehr in Sichtweite ist. Selbst wenn weitere Container in das Lager gebracht werden sollten, weiß Hannes, dass die Arbeiter bis dahin eine gewisse Vorlaufzeit benötigen, doch viel Spielraum bleibt ihnen nicht. „Beeilen wir uns!“
Den Standort des Containers, welcher die spezielle Ware von Michail Orlow beherbergt, machten sie schon ausfindig, bevor sie ihre Aktion starteten, sodass sie sich, ohne lange zu suchen, am passenden Lagerplatz einfinden.
Die seetauglichen Container sind praktikabel und platzsparend aufgereiht, jeweils drei Stück nebeneinander, zwei Reihen hintereinander. Die restlichen sechs Container stehen darauf.
„Dort!“ Hannes zeigt auf den Container, um den es ihnen geht.
Ihr Pech ist es, dass er nicht ebenerdig steht, sondern in der oberen Reihe angeordnet ist, doch die Türen sind frei zugänglich.
„Mist! Das hält uns auf. Wir haben höchstens eine halbe Stunde. Legt los!“
Auf einen Wink von ihrem Boss wird ein Gabelstapler mit einer Europalette5 an den Container herangefahren. Er befördert zwei darauf stehende Männer nach oben. Sie brechen das Siegel an dem Schloss auf, um den Container zu öffnen. Nacheinander gelangen sechs von Hannes’ Leuten in den geräumigen Stahlbehälter, wo sie die Kisten und Kartons mit den diversen Handelswaren schnell zur Seite rücken, um an den Mechanismus zum Öffnen des Zwischenbodens zu gelangen. Die achtzehn schlafenden Mädchen, die sie dort finden, werden von den ersten Männern aus ihrem Versteck geholt, an die hinter ihnen stehenden Kumpane weitergereicht und aus dem Container getragen.
Der schwarze Iveco Daily steht abwartend vor dem Tor. Sobald der 140 PS starke Transporter das Zeichen von seinem Anführer bekommt, wird er auf das Gelände fahren, um die Ware in Empfang zu nehmen.
Hannes selbst bringt das neue Siegel an dem Container an. Anschließend überzeugt er sich davon, dass keine Auffälligkeiten darauf hinweisen, dass sich jemand an diesem Container zu schaffen gemacht hat. Wieder bei seinen Männern auf dem Boden stehend will er den Befehl zum Abholen an den Fahrer des Transporters ausgeben, doch dazu kommt es nicht mehr.
Obwohl sie über Funk mit der Einsatzzentrale verbunden sind, in der der Führungsstab bis hin zum Polizeipräsidenten gespannt auf den Ablauf der Operation wartet, hat Bodo Danberg sich entschlossen, den Einsatz vor Ort zu leiten.
Das mobile Einsatzkommando überwacht seit einigen Minuten das Zollgelände, indem sie sich über die installierte Überwachungsanlage des Geländes Sichtkontakt verschaffen. Indessen warten die einsatzbereiten Elite-Polizisten der Spezialeinsatzkommandos an ihren Fahrzeugen auf den Zugriffsbefehl.
Keine fünfhundert Meter entfernt vom Eingang des Zollgeländes trifft das Duisburger Team auf die Mitarbeiter rund um Mark Sievers, welche die Kollegen bereits ungeduldig erwarten.
„Wie sieht es aus?“ Björn Klostermann will umgehend erfahren, was die Überwachung ergeben hat.
„Es ist alles ruhig. Sobald die Kollegen vom MEK das Grundstück abgelichtet haben, werden wir beim Wachpersonal Einlass fordern.“
„Gut.“
Der SEK-Chef tritt mit besorgniserregenden Neuigkeiten auf die beiden leitenden Beamten zu. „Das sollten Sie sich einmal ansehen, meine Herren.“ Mit der Hand weist er ihnen den Weg zum Überwachungstransporter.
Die drei Männer wenden ihre Blicke auf die Überwachungsmonitore, während Bodo Danberg ihnen erläutert, was sie dort zu sehen bekommen: „Auf dem Gelände befinden sich elf vermummte Gestalten, die sicher nicht zum Hafenpersonal gehören. Die Container, an denen sie sich zu schaffen machen, könnten laut Standplatz die Container von unserer Liste sein. Vor dem Eingang wartet ein schwarzer Transporter der Marke Iveco mit laufendem Motor und abgeklebten Kennzeichen.“
„Die Absichten, die dahinterstecken, können wir uns sicher alle denken“, bemerkt Björn Klostermann.
„Richtig“, stimmt Mark zu. „Wie gehen wir jetzt weiter vor?“
Der Chef der Spezialeinheiten gibt die Informationen zu dem bevorstehenden Einsatz weiter: „Einige unserer Männer melden sich beim Wachmann. Sie werden Einlass verlangen und den Mann aus der Schusslinie bringen. Anschließend verteilen sie sich so im Gelände, dass sie alles überblicken können. Es sollte nicht mehr als ein paar Minuten dauern, bis wir diese Kerle festsetzen können. Schade nur, dass wir nicht zehn Minuten früher hier waren, dann hätten wir jetzt ein paar Scharfschützen oben auf den Containern. Es geht aber auch so. Immerhin wissen die nichts von uns.“
Bodo Danberg wird noch feststellen, wie sehr er sich mit dieser Annahme irrt.
Zufrieden mit dem Einsatzplan nickt der Duisburger Hauptkommissar ihm zu. „Was ist mit uns? Welche Aufgaben haben Sie für uns geplant?“
„Halten Sie sich so lange zurück, bis wir das Gelände gesichert und diese Kerle in Gewahrsam genommen haben. Sobald die Container gefahrlos betreten werden können, rufen wir Sie hinzu.“
Niemandem aus den Reihen der Kriminalpolizei behagt es, tatenlos abzuwarten, doch sie wissen, dass die jetzt notwendigen Handlungen in das Aufgabengebiet der Spezialisten gehören. Die leitenden Kommissare begeben sich zu ihren Leuten, um auch diese zu informieren.
„Geht es jetzt los?“, erkundigt sich Markus Goldschmidt.
„Ja. Aber wir müssen uns noch eine Weile bedeckt halten.“
„Wieso? Was ist passiert?“ Emma begreift sofort, dass da etwas nicht nach Plan läuft.
„Uns sind ein paar Typen zuvorgekommen, die sich gerade an den Containern zu schaffen machen.“
„Die Einsatztruppen bereiten sich soeben darauf vor, das Gelände einzunehmen“, ergänzt Björn Klostermann die Antwort seines Düsseldorfer Kollegen. „Vorher holen sie den Wachmann da heraus.“
Emmas Nackenhaare stellen sich auf. ‚Da stimmt doch etwas nicht. Verdammt, ich habe es gewusst!‘, ärgert sie sich über ihre Achtlosigkeit. „Wie sind die Kerle auf das Gelände gekommen? Warum hat der Wachmann nicht Alarm geschlagen?“
„Was meinen Sie?“ Björn Klostermann kann der Polizistin nicht folgen.
„Die sind, ohne den Alarm auszulösen, auf das Grundstück gelangt. Außerdem sind sie während ihrer Handlungen da drinnen gut sichtbar. Der Wachmann kann sie gar nicht übersehen.“ ‚Natürlich! Wie dumm von uns!‘, begreift sie plötzlich. „Verdammt! Wie konnten wir das übersehen? Er gehört dazu! Sie dürfen ihn nicht behelligen, sonst warnt er diese Typen.“ Sie wirbelt auf dem Absatz herum und stürmt im Eilverfahren in die Überwachungszentrale des mobilen Einsatzkommandos, ohne sich aufhalten zu lassen.
„Was haben Sie hier zu suchen?“, schnauzt der SEK-Chef verärgert. „Bleiben Sie bei Ihren Leuten.“
Emma lässt sich durch seine burschikose Art nicht abschrecken. „Stoppen Sie Ihre Einheiten! Sofort!“, verlangt sie. „Der Wachmann gehört dazu.“
„WAS? Was sagen Sie da? Wie kommen Sie darauf?“
„Wie sind die Kerle auf das Gelände gekommen, ohne gesehen zu werden? Es ist alles kameraüberwacht. Der Wachmann müsste schon sehr fest geschlafen haben, um alle Signale zu überhören. Warum hat er keinen Alarm ausgelöst? Er gehört dazu!“
Bodo Danberg starrt sie einen Moment an. „Rufen Sie unsere Leute zurück!“, fordert er seinen Mann am Mikrofon auf.
„Zu spät, Chef“, berichtet dieser. „Unsere Leute sind schon im Überwachungsraum.“
Derweil sitzt Egon Nehls gelangweilt vor seinen Bildschirmen, wo er auf das Signal von Hannes Wachtl wartet, um dem Transporter die Zufahrt freizugeben. An seinen Monitoren kann er das ganze Gelände überwachen, auch der Transporter ist gut sichtbar. Er setzt sich ruckartig auf und seine Müdigkeit ist gänzlich verschwunden, als er sieht, wie sich die vermummten Gestalten im Schatten der umliegenden Gebäude, ungesehen von dem Fahrer, an den Iveco heranschleichen.
Egon braucht nur einen kurzen Augenblick, um zu begreifen, was vor sich geht. „Achtung! Wir kriegen Besuch. Der Transporter muss sofort verschwinden.“
Kaum dass er ausgesprochen hat, startet der Fahrer seinen Wagen, um mit quietschenden Reifen davonzurasen. „Gerade noch rechtzeitig“, stößt er aus, als auch er die Angreifer hinter sich im Seitenspiegel erblickt.
Die Einsatzkräfte, die nicht davon ausgehen, dass der Fahrer gewarnt wurde, berichten ihrem Vorgesetzten, dass der Mann ihre Annäherung bemerkt hat und entkommen konnte.
Parallel dazu melden sich einige der Elite-Polizisten über die Sprechanlage bei dem Wachmann, der ihnen ohne Verzögerung das Tor öffnet. Sofort stürmen zwei der vermummten Männer zu ihm herein. „Würden Sie uns bitte folgen? Sie müssen dieses Grundstück sofort verlassen! Zu Ihrer eigenen Sicherheit.“
„Wieso, was ist denn los?“ Egon mimt den Ängstlichen. „Ich habe nichts auf meinen Monitoren gesehen. Wenn es Probleme gäbe, wäre mir das doch aufgefallen.“
„Das können Sie mit unserem Vorgesetzten klären. Jetzt müssen Sie uns bitte folgen.“
„Natürlich.“ Egon greift nach seiner Jacke, die über der Stuhllehne hängt. Bevor er sich seinen Aufpassern wieder zuwendet, zieht er das Kommunikationsgerät aus dem Ohr. „Ich bin so weit.“ Er folgt den Einsatzkräften zur Tür.
Hannes Wachtl reagiert schon bei der ersten Meldung von Egon Nehls. Er weiß, dass sie keine Chance haben, mit ihrer Last das Gelände zu verlassen, doch sie alle wissen, was sie in einer solchen Situation zu erledigen haben.
„Los, schnappt euch die Mädchen. Wir packen sie in unseren Reservecontainer.“
Sie brauchen nicht lange, um den leeren 20-Fuß-Container der Baran Handelsgesellschaft zu finden, dessen Standplatz sie sich vor Einsatzbeginn eingeprägt haben. Die Firma ist auf den Mann von Nadia Baran zugelassen, der ganz legal mit leeren Seefrachtcontainern handelt. Bei jeder Lieferung, die Michail Orlow per Seefracht aus Amsterdam bekommt, befindet sich mindestens ein leerer Container der Handelsgesellschaft mit an Bord, offiziell erworben und überführt.
Im Handumdrehen ist das Schloss an dem passenden Container geknackt, der zum Glück für die Mädchenhändler ebenerdig platziert ist. Sie brauchen keine drei Minuten, um die Frauen in den Stahlbehälter zu verfrachten, trotzdem wird ihnen die Zeit zum Verhängnis, da sich ihnen mittlerweile die Einsatzkräfte von beiden Seiten nähern.
„Macht voran!“, ruft Hannes seinen Männern in dem Container zu.
Seine Sorge ist unbegründet, da ihm diese bereits entgegeneilen.
„Fertig? Habt ihr euch um alle Frauen gekümmert?“ Auf das allgemeine Nicken hin teilt er sie ein. „Ihr drei geht nach oben. Seht zu, dass ihr die Typen sauber vor die Flinte kriegt. Ihr zwei geht mit mir“, fordert er die nächsten beiden auf. „Wir suchen schleunigst einen anderen Fluchtweg hier heraus. Ihr anderen haltet uns den Quergang frei. So können wir uns in beide Richtungen zurückziehen.“ Umgehend kommen seine Handlanger den Anweisungen ihres Anführers nach.
Derweil starren die Einsatzkräfte in dem Überwachungswagen, einem VW T5 Kastenwagen mit Tarnkennzeichen, auf die Bildschirme, um zu sehen was passiert. Egon Nehls folgt den beiden Spezialisten freundlich lächelnd aus dem Überwachungsraum nach draußen. Dabei lässt er sein Kommunikationsgerät unbemerkt von den Polizisten in die Ecke hinter dem Garderobenständer fallen, doch die Zuschauer vor den Überwachungsmonitoren können seine Handlungen gut beobachten.
„Da.“ Emma weist mit dem Finger auf den Bildschirm. „Haben Sie das gesehen?“
„Ja“, nickt Bodo Danberg. „Sie sollen den Kerl festsetzen!“, kommandiert er.
Seine Männer kommen dem Befehl unverzüglich nach.
„Lassen Sie den Transporter verfolgen“, bittet Emma den Einsatzleiter.
„Wozu? Der ist doch längst über alle Berge.“
„Das denke ich eher nicht. Glauben Sie wirklich, der lässt seine Leute hier zurück, ohne zu wissen, was vor sich geht? Er wird in gebührendem Sicherheitsabstand anhalten und auf eine Rückmeldung warten. Wollen wir wetten?“
Bodo Danberg mustert die Polizistin kritisch. ‚Sie hat die ganze Zeit mit ihren Einschätzungen richtig gelegen‘, gibt er vor sich selbst zu. ‚Auch jetzt könnte sie durchaus Recht haben.‘ Er verlässt das Überwachungsfahrzeug, um sich an den Duisburger Leiter zu wenden: „Wählen Sie ein paar Ihrer Männer aus. Sie sollen nach dem Transporter suchen. Wenn sie den Fahrer gefahrlos festnehmen können, sollen sie es tun.“
„Ja, in Ordnung.“ Björn Klostermann schickt drei seiner Mitarbeiter unter der Leitung von Hauptkommissar Ludwig Prager auf die Suche.
Wieder zurück wendet sich der Einsatzleiter an den Mann vor dem Überwachungsmonitor. „Wo sind die anderen Kerle? Was machen die jetzt?“ Er verzichtet darauf, die Hauptkommissarin ihres Platzes zu verweisen, sondern betrachtet mit den anderen zusammen aufmerksam die Bilder auf den Monitoren.
Die Mitglieder des SEK sind durchtrainiert wie Zehnkämpfer. Sie kennen sich mit modernsten Waffen und Sprengstoffen aus. Zudem sind sie körperlich in Hochform. Sie alle haben eine zehnmonatige Spezialausbildung hinter sich, die ihnen die besondere Verwendung in dieser Einsatzeinheit verleiht. Keiner von ihnen ist zu erkennen, Namen und Gesichter sind geheim. Sie alle sind vermummt, ausgerüstet mit beschusshemmenden Westen mit Stichschutz, einer Sturmhaube und einem ballistischen Helm. Bewaffnet sind sie mit Pistolen, teilweise mit Maschinenpistolen. Die dafür ausgebildeten Männer führen ihre Scharfschützengewehre mit sich. Keiner von ihnen wird seinen Kollegen mit seinem richtigen Namen ansprechen. Alle haben Tarnnamen, um während des Einsatzes dem Feind gegenüber unerkannt zu bleiben. Jeder von ihnen kennt seine Aufgabe.
Die beiden Truppenführer dringen mit ihren Männern lautlos auf das Grundstück vor, um sich strategisch so zu verteilen, dass sie ihre Zielpersonen möglichst gefahrlos ergreifen können.
Allerdings verhalten sich ihre Zielobjekte nicht wie gedacht. Noch bevor die Spezialisten zum Angriff übergehen können, werden sie von den drei Schützen auf den Containern unter Beschuss genommen, sodass ihnen nichts anderes übrigbleibt, als schnellstens in Deckung zu gehen.
„Mist“, flucht Stefan. „Die wurden definitiv gewarnt.“
„Wir nehmen sie in die Zange“, entscheidet Simon Berg, der erste Truppenführer.
Beiden ist klar, dass sie die Verbrecher umgehend aus ihren Verstecken herauslocken müssen, da diese definitiv im Vorteil sind. Ein einziges Handzeichen reicht aus, damit seine Truppenmitglieder ihrem Anführer folgen, um die Container zu umgehen und den Schützen in den Rücken zu fallen. In der Zwischenzeit informiert Stefan seinen Vorgesetzten über ihre Handlungen. Als hinter dem Container die ersten Schüsse fallen, gibt auch Stefan seinen Leuten mit einem Handzeichen den Befehl zum Vorrücken.
„Ein Mann verletzt“, ertönt die kurze Information eines Elite-Polizisten aus Simon Bergs Truppe.
„Mann angeschossen“, meldet ein zweiter.
Sofort stoppt Stefan, der sicher ist, dass sein Kollege genauso reagiert, das Vorrücken seiner Männer. Die Meldung der beiden Spezialisten beweist ihnen, dass die beschusshemmenden Westen nicht ausreichen, um die Munition der Schützen aufzuhalten.
Der Truppenführer lässt seinen Blick über das Gelände wandern. Die Schützen liegen auf den ersten beiden übereinanderstehenden Containern. Insgesamt befinden sich drei Reihen mit je zwei Containern vor ihnen, dahinter ist ein Durchgang von etwa zwei Metern Breite. Dort haben sich anscheinend zu beiden Seiten des Ganges die restlichen Schützen versteckt, die gut gesichert nur abzuwarten brauchen, bis sich ein Gegner blicken lässt. ‚Unsere Scharfschützen haben keine Chance, an die Kerle heranzukommen‘, begreift Stefan. ‚Solange wir kein sauberes Ziel haben, können wir denen nicht schaden und unsere Rückzugsmöglichkeiten sind alles andere als gut, da die Kerle auf dem Dach des Containers das Gelände bis zum Eingang hin problemlos unter Beschuss nehmen können, womit jeder von uns, der versucht nach draußen zu gelangen, ein hervorragendes Ziel für die Kugeln dieser Typen bietet. Das müssen wir unbedingt ändern.‘ Auf der anderen Seite des Ganges, in dem sich einige der Schmuggler verschanzt haben, stehen weitere 20-Fuß-Container ebenfalls übereinander aufgereiht, immer drei Stück übereinander, mehrere Reihen hintereinander. Im Anschluss gliedern sich die zu vier Stück gestapelten 40-Fuß-Container an. ‚Wir bräuchten nur einen einzigen Schützen dort oben, dann hätten diese Kerle keine Chance‘, überlegt Stefan. ‚Aber wie kriegen wir das hin? Kann ich einen meiner Leute da hinaufbekommen? Wohl kaum. Wir alle stehen hier wie auf dem Präsentierteller. Nein, das müssen wir anders machen!‘ Als der Kran, der am Ende der Containerreihe vor sich hin ruht, in sein Blickfeld kommt, fällt ihm schlagartig ein, wie sie ihre Situation verbessern können.
„Bleibt alle in Deckung!“, gibt er seinen Befehl über das Kommunikationsgerät aus, damit auch die Truppe von Simon Berg seine Anweisung hören kann. „Chef, wir brauchen hier ein wenig Hilfe“, verlangt er von seinem Vorgesetzten.
„Sie wissen sicher auch schon, wie die aussehen soll?“, verhört ihn der SEK-Chef.
„Natürlich. Warum immer so pessimistisch?“, flachst Stefan trotz der Gefahr, in der sie sich befinden. „Ein einziger Scharfschütze auf den erhöhten Containern kann uns den Weg bequem frei räumen.“
„Woher soll ich denn so schnell einen Scharfschützen nehmen?“, erkundigt sich der Einsatzleiter, dem genau wie allen anderen klar ist, dass er keinen seiner Männer gefahrlos abziehen kann. „Die stehen alle neben Ihnen.“
„Bis auf einen.“
„Wer?“, erkundigt sich Bodo Danberg erstaunt. Seine Einheiten stehen komplett verteilt auf dem Gelände. ‚Wen kann mein Truppenführer denn da meinen? Es sind doch nur noch das Team vom LKA Düsseldorf und das Team aus Duisburg hier.‘
„Emma Wolf.“
Mit dieser Antwort hätte Bodo Danberg nie im Leben gerechnet, sodass sein Kopf ruckartig zu der Polizistin herumfährt. „Sie sind an der Waffe ausgebildet?“, fragt er mit ungläubig aufgerissenen Augen.
„Ja, bin ich“, teilt Emma ihm kurz mit. „Ich brauche ein Gewehr.“
„Kommen Sie mit.“ Der Einsatzleiter verlässt den Überwachungswagen, um mit weit ausholenden Schritten das Transportfahrzeug der Spezialeinheit zu erreichen. Allerdings steigt sein Frust, als er beim Öffnen der Hecktüren die leeren Halterungen erblickt. Nur ein Gewehr befindet sich noch in seiner Vorrichtung. „Alle Einsatzkräfte führen ihre Waffe mit sich“, teilt er der Beamtin mit. „Das ist alles, womit ich dienen kann.“
Emma erkennt das PSG-1 von Heckler & Koch mit 10 x 42-Zielfernrohr der Marke Schmidt & Bender sofort. „Das ist Stefans Ersatzwaffe, damit kenne ich mich aus“, versichert sie dem leitenden Beamten, während sie das Gewehr an sich nimmt und die Funktionstauglichkeit überprüft. Die Munition besteht aus Weichkerngeschossen vom Kaliber 7,62 × 51 mm NATO, wovon sie ausreichend Nachschub einsteckt.
Anerkennend schaut ihr der SEK-Chef bei ihrer Tätigkeit zu. Langsam wird ihm klar, dass diese junge Frau nicht einfach nur eine gute Polizistin ist. ‚Stefan Wolf wird mir nach diesem Einsatz so einiges zu erzählen haben‘, schwört er sich und drückt Emma ein Kommunikationsgerät in die Hand.
Sie befestigt Sender und Empfänger, dann schnappt sie sich einen der beiden Helme, die noch im Fahrzeug liegen, um ihn aufzusetzen, allerdings ist er etwas zu groß. Das Nato-grüne Tuch, das vor ihrer Nase liegt, ist genau richtig. Sie wickelt es um ihre Haare, die Enden steckt sie unter den Helm. Jetzt sitzt er richtig! Ihre beschusshemmende Weste trägt sie bereits unter ihrer Jacke.
„Wie wollen Sie vorgehen?“ Er ist immer noch der Leiter dieser Operation, dazu gehören genauso ihre Handlungen.
Auch sie erblickt beim Umschauen den Kran. ‚Das würde am schnellsten gehen‘, überlegt sie. „Ich brauche den Mann, der den Kran bedient.“
Durch die Schüsse angelockt sind einige der Hafenarbeiter auf das Zollgelände zugelaufen, werden aber umgehend von den Duisburger und Düsseldorfer Polizisten aufgehalten. Selbst die diensthabenden Zöllner, die den Lärm wahrnehmen konnten, erscheinen vor der Absperrung, werden aber genauso wie die Hafenarbeiter zurückgehalten.
„Wer von Ihnen ist für die Bedienung des Krans zuständig?“, verlangt Bodo Danberg resolut eine Antwort.
„Ich habe einen Schlüssel“, meldet sich einer der Arbeiter. „Aber ich habe keine Zugangsberechtigung für das Grundstück. Da komme ich nur hinein, wenn ich am Tor eingelassen werde.“
„Geben Sie mir den Schlüssel“, beharrt Emma mit ausgestreckter Hand. „Kann einer von Ihnen mit einem Kran umgehen?“, fragt sie in die Runde der Kollegen.
„Ja, ich.“ Markus Goldschmidt tritt vor.
Auf ihren fragenden Blick hin gibt sich Bodo Danberg geschlagen. „In Ordnung. Helfen Sie unseren Einheiten da hinaus!“
Ohne weiteren Kommentar laufen die beiden Beamten los.
Markus lässt seine Augen an dem Kran hinaufwandern. „Wie willst du vorgehen?“
„Zuerst müssen wir über den Zaun. Du kletterst in das Führerhaus des Krans. Senk den Lasthaken ab. Damit transportierst du mich auf den ersten Container. Ich hoffe, du kannst wirklich mit dem Ding da umgehen. Das muss nämlich sehr schnell gehen, bevor die Kerle Zeit finden, mich als Tontaube zu benutzen.“
„Das ist mir klar.“
„Dann los.“ Emma steigt in den Dienstwagen, mit dem sie hergekommen sind, und fährt ihn mit der rechten Seite ganz an den Zaun heran. Vom Dach des Wagens aus ist es kein Problem, den Zaun zu überwinden. Geduckt laufen sie zum Kran, dessen Leiter Markus in aller Eile erklimmt. Bis er das Führerhaus erreicht, hat Emma die Waffe und die Munition so gesichert, dass sie beides auf ihrem Weg durch die Luft nicht verliert.
Mit einem leisen Summen erwacht der Kran zum Leben.
Über das Kommunikationsgerät erreicht sie direkt ihren Bruder. „Fuchs“, spricht sie Stefan mit seinem Tarnnamen an. „Wir brauchen ein bisschen Ablenkung.“
„Sofort!“ Auf den Befehl ihres Truppenführers hin beginnen die Einsatzkräfte ihre Zielobjekte unter Beschuss zu nehmen. Bei dem Krach können die Männer von Hannes Wachtl den Motor des Krans nicht hören und sind obendrein für eine Weile von den Geschehnissen in ihrem Rücken abgelenkt.
Der Lasthaken schwenkt auf Emma zu, die nach der Kette greift. Sie stellt einen Fuß in den Haken, mit dem anderen balanciert sie ihr Gleichgewicht aus, während sie schwungvoll nach oben gezogen wird. Gleichzeitig wendet sich der Kranausleger zur Seite.
‚Markus hat nicht zu viel versprochen‘, erkennt Emma. ‚Er kann sehr gut mit dem riesigen Ungetüm umgehen.‘ Punktgenau landet Emma auf dem Container, ohne dass eine der Zielpersonen etwas mitbekommen hätte. Um eine gute Schussposition in alle Richtungen zu erhalten, entscheidet sie sich gegen eine liegende Stellung, sondern stützt sich lediglich auf einem Knie ab, das andere Bein angewinkelt nach vorn gestellt. Durch ihre geduckte Körperhaltung ist sie zudem weitgehend vor den Kugeln ihrer Gegner geschützt. Sorgfältig visiert sie ihr erstes Ziel an, ehe sie abdrückt.
Tödlich getroffen bricht der Mann auf dem Container zusammen.
Noch bevor seine beiden Kumpane begreifen, was da passiert, wird auch der zweite Mann durch eine Kugel aus Emmas Waffe niedergestreckt.
Der dritte Mann springt auf, reißt seine Maschinenpistole herum, die er auf Emma anlegt, um sie an weiteren Schüssen gegen ihn und seine Kumpane zu hindern, doch weiter kommt er nicht.
„Flamme, Achtung!“
Von Stefans Kugel getroffen stürzt der Mann mit einem Aufschrei vom Container.
„Vorrücken!“, tönt der Befehl von Bodo Danberg durch die Kommunikationsgeräte, da der Weg für die Spezialeinsatzkräfte jetzt nicht mehr behindert wird.
Zwar stehen auf jeder Seite des Ganges zwei ihrer Gegner, aber dem Ansturm durch die Elite-Polizisten können sie nicht lange standhalten, sodass sie sich in den schützenden Gang zurückziehen. Von allen Seiten eingekesselt geben sie ihren Widerstand bald auf.
„Es fehlen noch drei von den Kerlen“, stellt Stefan beim Umschauen fest.
„Ausschwärmen!“, kommandiert der zweite Truppenführer. „Je fünf Mann! Sucht alles gründlich ab.“
Hannes Wachtl ist klar, wie dieser Kampf ausgehen wird, da sie dem Einsatzkommando nicht mehr allzu viel entgegenzusetzen haben. Seine Gedanken sind nur noch mit seiner Flucht beschäftigt.
„Los, kommt mit!“, befiehlt er seinen beiden Gefährten.
Sie umgehen die aufgestapelten Container bis ans äußerste Ende, doch auch hier finden sie keinen Ausgang. Der hohe Zaun läuft ohne Lücke um das gesamte Areal herum. ‚So ohne weiteres kommen wir da nicht hinüber‘, begreift Hannes. Er hört die Schüsse hinter sich, die Schreie seiner getroffenen Männer. ‚Was soll ich tun? Es wird nicht lange dauern, bis die Polizisten auf uns drei aufmerksam werden.‘
Im gleichen Moment erblickt er Markus Goldschmidt, der von dem Kran herunterklettert. Mit zwei Schritten ist er hinter dem Beamten, dem er seine Waffe an den Hals drückt. „Besser, du machst keine hastige Bewegung“, empfiehlt er Markus drohend. „Waffe weg!“
Mit der linken Hand zieht der Hauptkommissar vorsichtig seine Dienstwaffe hervor, die er wütend über sein Missgeschick von sich wirft, damit sie erst in einiger Entfernung des Mannes auf dem Boden landet. „Sie kommen hier nicht weg. Geben Sie auf.“
„Überlassen Sie das ruhig mir. Den Schlüssel“, verlangt Hannes, drückt diesen aber direkt einem seiner Männer in die Hand. „Klettere da hinauf. Wir brauchen den Lasthaken. Damit reißen wir den Zaun ein. Unser Fluchtfahrzeug steht bereits auf der anderen Seite.“ Mit der Hand weist er auf den VW Passat Kombi der Düsseldorfer Polizisten, den Emma vorhin am Zaun abgestellt hat.
Sein Handlanger kommt dem Befehl eilends nach.
Markus hofft vergebens darauf, dass sich der Kerl in dem Führerhaus des Krans nicht zurechtfindet. Es dauert zwar eine kleine Weile, aber dann hat der Mann den Dreh heraus. Der Lasthaken reißt den Zaun ein, der auf einer Länge von circa vier Metern umstürzt.
„Gehen wir.“ Hannes schubst den Polizisten vor sich her. „Du fährst! Los!“
Markus bleibt neben der Fahrertür stehen, greift nach dem Türgriff, nur um sich beim Aufblicken das Grinsen zu verkneifen. „Abgeschlossen. Ich habe keinen Schlüssel. Das ist der Wagen meiner Kollegin.“
Hannes schiebt seinen Gefangenen zur Seite. „Mach du das“, fordert er seinen Kumpan auf.
Der schlägt mit dem Knauf der Pistole das Fenster ein, um anschließend das Fahrzeug zu öffnen, ungeachtet dessen, dass die Alarmanlage losgeht. Die kurze Zeit, die sie brauchen, um den Wagen startklar zu machen, reicht den umstehenden Polizisten auf keinen Fall für einen Zugriff aus.
„Na bitte, geht doch“, nickt Hannes zufrieden.
Bevor sie in das Fahrzeug einsteigen, geschweige denn es für die Fahrt kurzschließen können, fällt der erste Schuss.
Emma, die von oben den Weg der Einsatzkräfte sichert, hört das Bersten der Scheibe, wirbelt herum noch ehe die Alarmanlage einen ersten Ton von sich gibt und erkennt sogleich, in welcher Gefahr sich Markus Goldschmidt befindet. Ihr ist klar, dass sie die Männer schleunigst ausschalten muss, wobei ihr nicht viel Zeit zum Zielen bleibt. Ohne zu zögern nimmt sie den ersten Mann ins Visier, dann drückt sie ab.
Mit einem Aufschrei stürzt Hannes’ Helfer vom Kran herunter.
Entsetzt sehen seine beiden Kumpane auf den abstürzenden Mann, bis er auf dem Boden aufschlägt, wo er mit weit aufgerissenen Augen in ihre Richtung starrt. Ihre Verblüffung sorgt dafür, dass sie ihren Gefangenen nicht im Auge behalten und auch ihre Pistolen nicht auf ihn ausgerichtet bleiben. Das Verhalten macht sich Emma zu Nutze, indem sie mit einem weiteren Schuss den Mann an der Fahrertür ausschaltet. Durch den Aufprall der Kugel wird dieser zurückgeschleudert, knallt mit dem Rücken gegen den Wagen, von wo aus er langsam abwärts rutscht, bis er auf dem Boden aufschlägt, doch das bekommt er nicht mehr mit.
Hannes starrt für einen Moment mit großen Augen auf seine Handlanger, dann zieht er seinen Gefangenen fest vor sich, ohne die Pistole von dessen Hals zu lösen. ‚So kann der Schütze mir nichts anhaben‘, denkt er. ‚Ich komme garantiert heil hier weg!‘ Allerdings hat er nicht mit Emmas herausragender Treffsicherheit gerechnet.
Sie weiß genau, wie sie schießen muss. Die einzige Angriffsfläche ist die Pistole neben dem Hals ihres Kollegen. ‚Der Schuss muss sitzen‘, macht sie sich klar. ‚Nur fünf Zentimeter zu weit nach rechts, dann ist Florians Bruder tot.‘ Sie visiert ihr Ziel genau an, lässt sich die Zeit, die sie braucht. „Bitte, halt still“, flüstert sie vor sich hin.
Markus erinnert sich an die Worte seines Bruders, an dessen Augen, als er ihm im Brustton der Überzeugung von Emma Wolf berichtete. Der Hauptkommissar ist überzeugt davon, dass diese Frau es schafft, die Situation zu ihren Gunsten zu entscheiden. Ruhig wartet er ihre Reaktion ab, bis der Schuss fällt.
„Ahh!“ Mit einem Aufschrei lässt Hannes die Waffe fallen, die seine zerschossene Hand nicht halten kann.
Markus wirbelt herum, wobei er seinem Gegner einen gewaltigen Schlag verpasst, in dem seine ganze Wut steckt.
Hannes verdreht die Augen und stürzt bewusstlos zu Boden.
„Ja!“ Emma springt auf. „Guter Schlag!“, ruft sie laut.
Markus, der das Lob der Kollegin hören kann, wagt erst jetzt aufzuatmen. Ohne sie würde er wahrscheinlich nicht mehr leben. „Flo hat Recht, die Frau ist spitze!“, murmelt er.
Mit Hilfe der herbeieilenden Kollegen legt er Hannes Handschellen an.
Der schwarze Iveco Daily, hinter dessen Steuer Ludwig Prager zu erkennen ist, erscheint auf dem Gelände, rollt langsam auf die Sammelstelle der Einsatzkräfte zu und hält dort an, bevor die vier Kollegen aussteigen.
„Das Fahrzeug stand verlassen in einer Parkbucht ganz in der Nähe. Der Schlüssel steckte noch. Anscheinend hatte da jemand vor, möglichst schnell zu verschwinden“, berichtet der Hauptkommissar.
Die Aufräumaktionen sind in vollem Gang. Gemeinsam mit den vor Ort befindlichen Mitarbeitern der Zollbehörde sehen sie sich die Container an.
„Nicht ein einziges Siegel der gelisteten Container ist beschädigt“, berichtet Bodo Danberg den leitenden Beamten. „Es ist nicht zu erkennen, ob sich jemand Zutritt zu den Containern von Michail Orlow verschafft hat.“
„Hier drüben“, ruft plötzlich der kontrollierende Zollobersekretär, der sich bei einem Rundgang einen ersten Überblick verschaffen wollte und nun vor dem Leercontainer von Tymon Baran steht.
Die Baran Container Handels GmbH vermietet, kauft und verkauft Leercontainer für jeden Bedarf, aber das Hauptgeschäft sind die Behälter für die See- und Luftfracht.
Die Duisburger und Düsseldorfer Polizisten folgen dem Ruf des Angestellten der Zollbehörde, der bereits die Hand ausstreckt, um die Tür des Stahlbehälters zu öffnen.
„Das Siegel ist beschädigt. Die Tür steht ein paar Zentimeter offen. So haben die Hafenarbeiter den Container bestimmt nicht hier abgeladen“, versichert der Zöllner. „Daran hat sich definitiv jemand zu schaffen gemacht.“
Bodo Danberg hält den Mann zurück: „Lassen Sie uns das machen!“
Es bedarf nur eines Winks, damit seine Männer das Gelände rund um den betroffenen Behälter sichern, erst danach öffnen sie den Container, damit die ersten Spezialeinsatzkräfte vorsichtig das Innere betreten können.
Konzentriert warten ihre Kollegen vor dem Container auf die Rückmeldung der Elite-Polizisten. Als einer der Männer mit gesenkter Waffe am Eingang erscheint, entspannen sie sich. Die Lage scheint ungefährlich.
„Das sollten Sie sich ansehen“, teilt der Mann seinem Vorgesetzten mit.
Mit Mark Sievers und Björn Klostermann im Schlepptau folgt Bodo Danberg ihm in das Innere des Containers.
Stefan gesellt sich zu seiner abwartenden Schwester. „Du hast da oben super reagiert.“
„Ich hatte Hilfe“, bemerkt sie knapp. „Was habt ihr in dem Container gefunden?“, will sie neugierig wissen.
„Tote Mädchen. Viele!“
„Wie bitte?“ Emma reißt erschrocken die Augen auf.
„Insgesamt achtzehn, alle asiatischer Herkunft. Höchstens zwanzig Jahre würde ich sagen.“
„Wie sind sie gestorben?“
„Keine Ahnung. Das müssen uns die Gerichtsmediziner sagen. Es gibt keine Anzeichen auf Verletzungen.“ Der Hauptkommissar mustert seine Schwester, die er gut genug kennt, um ihr anzusehen, dass ihre Gehirnzellen auf Hochtouren arbeiten. „Was geht dir durch den Kopf?“
Emma betrachtet den Container, dann das Gelände. In Gedanken geht sie die Schritte dieser Männer durch.
Der SEK-Chef und die beiden leitenden Beamten gesellen sich in dem Moment zu ihnen, als die Geschwister ihre Unterhaltung beginnen.
„Überleg einmal. Diese Typen werden gewarnt. Sie wollen um jeden Preis ihre Ware vor uns verbergen. Also bereiten sie alles dafür vor, die Mädchen aus dem Zollgelände herauszuholen.“
„Richtig“, stimmt Stefan seiner Schwester zu. „Allerdings müssen sie damit warten, bis die Fracht vom Schiff abgeladen ist. Erst wenn es im Zollgelände ruhiger wird, können sie loslegen.“
„Das sehe ich genauso“, bestätigt Emma. „Ich schätze, die hatten höchstens eine halbe Stunde Vorsprung vor uns.“
„Wenn überhaupt. Hinzu kommt, dass meine Männer den Transporter verjagt haben, bevor sie die Mädchen einladen konnten.“
„Genau. Damit fingen die Probleme an. Mit ihrer Last konnten sie unmöglich fliehen. Also, wohin mit den Frauen?“
„Du hast Recht“, pflichtet Stefan ihr bei. „Der leere Container bot sich regelrecht an. Allerdings habe ich keine Ahnung, woher die wussten, wieso gerade dieser Container leer war. Das müssen wir unbedingt überprüfen. An einen Zufall glaube ich nämlich nicht.“
„Nein, ich auch nicht. Auf jeden Fall packen sie die Frauen dort hinein. Keine von ihnen darf gegen ihre Entführer aussagen. Erschießen geht nicht. Die Schüsse hätten unsere Leute direkt auf sie aufmerksam gemacht. Das musste möglichst leise vor sich gehen. Und schnell.“
Stefan nickt. „Die waren für den Ernstfall vorbereitet.“
„Ja. Ich tippe auf Gift. Bei der richtigen Menge ist eine Injektion ausreichend, um sofort zu wirken.“
„Damit liegst du bestimmt nicht falsch. Jetzt brauchen die Typen keine Rücksicht mehr zu nehmen und können schnellstens verschwinden.“
„Wäre ihnen ja auch fast gelungen“, ergänzt Emma.
Die Ermittler sind beeindruckt, wie schlüssig diese beiden Beamten den Tathergang nachvollziehen.
Björn Klostermann starrt die Hauptkommissare fassungslos an. „Sie glauben, die wurden vor uns gewarnt? Haben Sie auch schon eine Ahnung, wer das gewesen sein sollte? Von meinen Männern war das garantiert keiner!“
Emmas Blick gleitet nachdenklich über die anwesenden Kollegen. „Nein, das war keiner der hier Anwesenden.“
„Das können wir erst klären, wenn wir in Ihrem Präsidium sind“, vervollständigt Stefan die Gedanken seiner Schwester.
„Dann lassen Sie uns schnellstens hier aufräumen.“
Nur der Fahrer des Iveco konnte den Einsatzkräften, die an der Aktion im Hafen teilnahmen, zu Beginn des Einsatzes entkommen. Nachdem er, seiner Meinung nach, eine ausreichende Strecke zurückgelegt hat, hält er am Straßenrand ordnungsgemäß in einer Parklücke an. Er verlässt den Wagen, ohne ihn zu verriegeln, da einer seiner Kumpane während seiner Abwesenheit Zutritt benötigen könnte, dann läuft er eilends zum Zollgelände zurück, wo er sich nach einem Platz umschaut, von dem aus er so viel wie möglich beobachten kann, ohne gesehen zu werden.
Auf dem Weg dorthin bemerkt er die Hafenarbeiter, die von den Polizisten auf Abstand gehalten werden. ‚Das ist absolut perfekt‘, grinst er, die Polizisten vor dem Zollgelände weiträumig umgehend. Dabei läuft er an einem Gabelstapler vorbei, der nicht nur verlassen vor ihm steht, sondern auf dessen Sitz er zudem einen Schutzhelm findet und die Sicherheitsweste hängt über der Lehne. ‚Genau, was ich jetzt brauche‘, freut er sich.
Mit Helm und Weste bekleidet gesellt er sich zu den Arbeitern, von wo aus er einen Teil der Abläufe beobachten kann. Er sieht, wie Emma seine Kumpane ausschaltet, wie die Einsatzkräfte der Spezialeinheit die übrigen Männer verhaften, wie Hannes versucht zu fliehen und Markus Goldschmidt diesen niederschlägt. Noch bleibt er auf seinem Beobachtungsposten, von wo er ein gutes Bild über das weitere Geschehen hat. Er erlebt mit, wie sein eigener Transporter von den Polizisten auf das Gelände gefahren wird und die toten Mädchen geborgen werden. Jetzt hält ihn hier nichts mehr. Ohne zu zögern verlässt er die Gegend, um seinen obersten Chef zu informieren.
5 Europalette, auch Europoolpalette, ist eine stabile Flachpalette aus Holz zum Transportieren von Waren.
7
Gabriel checkt schon früh aus. Es wird Zeit, dass er sich zum Krankenhaus begibt, um Joseph Klinker abzuholen, bevor einer der Angestellten auf ihn oder seinen Mann aufmerksam wird. Gerade als er dem Portier ungehalten erklärt, dass er seinen Leihwagen selbst in Udon Thani am Flughafen abgeben wird, erscheint Dorothea Waldner an der Rezeption.
Freundlich lächelnd bittet die Ärztin die junge Frau hinter dem Empfangstresen, ein Fax für sie zu ihrer Klinik zu schicken. Mit halbem Ohr hört sie dem Gespräch der beiden Männer zu. Ohne ein schlechtes Gewissen zu bekommen freut sie sich über die Abreise des unhöflichen Mannes.
Noch bevor die Mitglieder der Familie Staller im Krankenhaus eintreffen, hat Gabriel die Rechnung für seinen Freund beglichen und gemeinsam mit ihm das Krankenhaus verlassen. Nicht einmal eine Stunde später sitzen die beiden in ihrem Airbus A320 der Thai Smile Economy auf dem Weg nach Bangkok. Als sie um kurz nach zehn Uhr den Ankunftsbereich verlassen, warten seine Männer bereits am Zoll auf ihn.
Gabriel kann vom Flughafenterminal aus beobachten, wie die beiden Container verladen werden. Die Zöllner der thailändischen Behörden haben sich die Innenräume und die Möbel gründlich angesehen. Obwohl zwei neue Angestellte mit dabei waren, hatte Gabriel nichts zu befürchten. Die arbeitseifrigen jungen Männer erhielten von ihrem Vorgesetzten den Auftrag, sich alle Antiquitäten gründlich anzusehen, ohne etwas zu beschädigen. Damit waren die beiden während der Durchsuchung ausgiebig beschäftigt. Anschließend wurden die Container mit Siegeln versehen.
„Herr Kanthak? Wir sind hier fertig. Es ist alles in Ordnung.“ Der leitende Zöllner reicht Gabriel die Hand. Er fragt sich immer wieder, was der Mann wohl schmuggelt, oder ob er überhaupt schmuggelt, doch bisher konnte er nichts ausfindig machen, das auf Schmuggel hindeutet. Sie bekommen von dem Mann jedes Mal einen Bonus für die gute Zusammenarbeit. ‚Vielleicht honoriert er ja wirklich nur unsere Arbeit‘, überlegt der leitende Kontrolleur.
„Vielen Dank“, antwortet Gabriel dem Mann freundlich. Auch dieses Mal greift er in seine Innentasche, um den Briefumschlag hervorzuholen, den er dem Zöllner offen sichtbar für alle überreicht. „Sie wissen, dass ich immer wieder froh bin, dass Sie Ihre Arbeit so zuvorkommend erledigen. Bei der Durchsuchung verursachte Schäden an den Möbeln könnten mich ein Vermögen kosten. Ihre Achtsamkeit weiß ich zu schätzen. Bitte nehmen Sie diese kleine Spende als Dankeschön an.“
Hocherfreut greift der Zöllner nach dem Umschlag, nickt dem Antiquitätenhändler noch einmal zu, winkt seinen Leute ihm zu folgen, dann sind sie verschwunden.
Gabriel sieht den Männern hinterher. ‚Das war leicht‘, beruhigt er seine immer wieder angespannten Nerven. Keiner der Zöllner hat eine Ahnung, dass unter den beheizbaren Zwischenböden einunddreißig junge Thailänderinnen, gut verwahrt, gegen Kälte geschützt und mit Sauerstoffmasken versehen für die nächsten achtzehn bis zwanzig Stunden friedlich schlafen. Sollte doch einmal eine von ihnen aufwachen, werden sie, durch die lange Trockenzeit dehydriert, sofort zu den überall verteilten Wasserflaschen greifen. Ein paar Schlucke reichen aus, um sie wieder einschlafen zu lassen. In den letzten drei Jahren ist das nicht ein einziges Mal vorgekommen. Daher konnten sie die Zöllner auch nicht auf sich aufmerksam machen. Seine Leute sind gut in ihrem Geschäft. Er kann sich zu hundert Prozent auf sie verlassen.
‚Die erste Hürde ist problemlos geschafft. Die Zollbehörden in Deutschland sind da schon ein anderes Kaliber‘, gesteht er sich. Bei denen kommt er mit dieser Gangart nicht weit, doch auch dafür hat er eine Lösung.
Kurz nachdem die Beladung des Transportflugzeuges, eine Boeing 747 der Cargo Gesellschaft, abgeschlossen ist, startet sie in Richtung Düsseldorf. Der Nonstopflug dauert knapp dreizehneinhalb Stunden, die planmäßige Landung des Charterflugzeuges soll nach Düsseldorfer Ortszeit um zwanzig Uhr stattfinden. Die Container müssen bis zur Abholung auf dem Zollgelände des Flughafens verweilen, doch lange werden sie dort garantiert nicht stehen.
Gabriel weiß, dass seine Männer mit der passenden Zugmaschine inklusive Auflader bereitstehen werden, um die Container vor der Schließung des Zollgeländes abzuholen.
Gabriel, die Hände in den Hosentaschen, sieht der startenden Maschine zufrieden nach. Er hat heute Morgen nur einen kurzen Blick auf sein Handy geworfen, um in Seelenruhe sein Frühstück zu beenden. Die Anrufe von Nina hat er gänzlich ignoriert. Ihm steht momentan nicht der Sinn danach, sich mit der Polizistin zu beschäftigen. Sicher, sie ist für ihre Organisation überaus nützlich, deswegen wird er darauf achten, sie bei Laune zu halten, aber das muss er nicht gerade aus Thailand machen. Nur, weil sie ihre Hormone nicht im Griff hat, braucht er sich noch lange nicht auf einen Smalltalk6 mit ihr einlassen. Sollte es wichtig sein, weiß Nina, wen sie kontaktieren muss.
Gemeinsam mit seinen drei Handlangern wartet er auf seinen Flug nach Deutschland. Ein paar Minuten nach dreizehn Uhr werden sie sich mit einem Zwischenstopp in Zürich auf den Weg nach Düsseldorf machen. Erst für zweiundzwanzig Uhr fünfundzwanzig ist die planmäßige Ankunftszeit angesetzt, doch um seine Container macht er sich keine Sorgen. Es ist alles hundertprozentig durchgeplant.
Karola und Peter sind am letzten Abend einfach nur noch ins Bett gekippt. Sie waren viel zu müde, um über den Tag nachzudenken. Am nächsten Morgen treffen sie im Frühstücksraum mit Karos Mutter zusammen.
„Na, ihr zwei“, begrüßt Dorothea Waldner ihre Familienmitglieder. „Wie ist es euch gestern ergangen? War die Fahrt mit der mobilen Klinik interessant?“
Karola schaut ihren Mann entschuldigend an. „Für mich schon. Peter musste sich allerdings zurückhalten. Ich gehe davon aus, dass er sich nur gelangweilt hat. Oder?“, wendet sie sich fragend ihrem Mann zu.
„Gelangweilt ist der falsche Ausdruck.“ Der Konzernchef betrachtet seine Frau versonnen. „Ich hatte die ganze Zeit das Gefühl, auf einem Pulverfass zu sitzen, so als müsste jeden Moment etwas Schreckliches passieren.“
„Ja, ich weiß, was du meinst, mir ging es ähnlich. Als dann auch noch dieser widerliche Kerl aus dem Hotel aufgetaucht ist, sah ich die Katastrophe regelrecht vor mir. Ich hätte nie gedacht, dass sich der Mann auch friedlich verhalten kann.“
„Welchen Kerl meinst du?“ Peter war bis jetzt nicht klar, dass Karo in der Karaokebar auf Gabriel Kanthak traf.
„Der Mann, mit dem ich hier im Hotel zusammengestoßen bin, der war auch in dieser Bar in Pak Chom. Ich hatte ein ungutes Gefühl dabei, Malee allein zu lassen. Deswegen bin ich wieder hinein gegangen. Da habe ich ihn dann gesehen.“
„Und du hast es nicht für nötig gehalten, mir das zu sagen?“, erkundigt sich Peter erzürnt. „Glaubst du, ich hätte dich allein da hineingehen lassen? Nach dem, was am Abend vorher hier passiert ist?“
„Das wusste ich doch beim Hineingehen noch nicht“, verteidigt sich Karo. „Außerdem kann ich mich ganz gut allein behaupten. Als ich in die Bar zurückkam, hielt der Mann Malee am Arm fest. Ich wollte gerade dazwischen gehen, als er ihr zuvorkommend den Arztkoffer vom Boden aufhob. Malee sagte mir anschließend, sie wäre beinahe gefallen, wenn er sie nicht festgehalten hätte, zudem konnte ich beobachten, wie er ihr einen Handkuss aufdrückte. Malee gegenüber war er ausgenommen freundlich. Im Gegensatz zu mir.“
Dorothea lacht. „Ich würde sagen, du bist eben nicht sein Typ. Aber du kannst dich beruhigen, ich habe ihn heute Morgen schon gesehen. Beim Auschecken. Er ist abgereist.“
„Wie bedauerlich.“ Alle drei lachen bei Peters ironischer Bemerkung auf.
„Hast du im Krankenhaus auch alles erreicht, was du wolltest?“
Die Frage ihrer Tochter lässt sie lächeln. „Viel mehr als das. Das Krankenhauspersonal und die Ärzte saugen jedes Wort, das ich sage, regelrecht auf. Sobald ich darauf hinweise, dass ein Gerät oder eine Einrichtung erneuert werden sollte, fallen ihnen beim Nicken fast die Köpfe ab.“
Peter muss bei der Schilderung seiner Schwiegermutter schmunzeln. „Das kann ich mir vorstellen. Solange alles von deinem Klinikum bezahlt wird, haben die damit bestimmt kein Problem.“
„Das allein ist es aber nicht. Alle versprechen sich davon, dass sie ihre Arbeit besser verrichten können. Dafür geben sie gern einen Teil der Verantwortung und auch der Kontrolle an uns ab. Kommt doch einfach heute noch einmal mit, dann kann ich euch alles zeigen.“ Verschmitzt beäugt sie ihren Schwiegersohn. „Vielleicht schaffe ich es ja sogar, einen gut betuchten Konzernchef zu einer ordentlichen Spende für das Krankenhaus zu bewegen.“
Die Idee seiner Schwiegermutter lässt Peter vergnügt auflachen. „Wo siehst du hier einen Konzernchef? Ich sehe nur Urlauber.“
Gut gelaunt machen sie sich eine Stunde später auf den Weg.
Schon beim Aussteigen aus dem Taxi können sie feststellen, dass etwas anders ist. Der Krankentransporter steht verschlossen vor der Türe und der Fahrer von gestern sitzt gemütlich auf einer Bank neben dem Eingang. Freundlich grüßt er die näherkommenden Besucher.
„Guten Morgen“, wendet sich Peter höflich an den Fahrer. „Haben Sie heute keine Fahrt mit der mobilen Klinik geplant?“
„Das hatten wir schon. Aber Malee und Tuptim sind krank, deswegen fehlt Personal. Da können wir nicht fahren. Wir müssen warten, bis es ihnen wieder besser geht.“
„Krank? Aber es ging ihnen gestern doch noch gut“, wundert sich Karo.
„Ich weiß leider nicht viel. Nur, dass ihr Bruder angerufen hat. Er sagte, sie sind beide krank. Wenn Sie noch einmal mitfahren wollen, sollten Sie in ein oder zwei Tagen vorbeikommen. Dann fahren wir bestimmt wieder.“
„Ja, vielleicht machen wir das. Danke.“
Auch bei den Krankenpflegerinnen herrscht nicht die gleiche Fröhlichkeit wie sonst. Sie alle bedauern, dass es den beiden Schwestern anscheinend so schlecht geht, dass sie nicht zur Arbeit kommen können.
Dorothea führt ihre Familie durch das Krankenhaus. Sie zeigt Peter und Karola, wo sie mit dem Aufrüsten beginnen will, weist auf die Stellen und Geräte hin, an denen Handlungsbedarf notwendig ist und welche Geräte unbedingt angeschafft werden müssen. Im Anschluss begeben sie sich in das gleiche Büro, in dem sie gestern schon mit dem Ärztekomitee zusammengetroffen sind.
Auch heute sind einige Ärzte und die beiden leitenden Angestellten anwesend, auf dem Schreibtisch liegen die erstellten Protokolle, mit denen sich die Anwesenden ausgiebig beschäftigen. Vor einer der Wände stehen drei Flip-Charts, auf denen Dorothea Waldner gestern dem Krankenhauspersonal verdeutlicht hat, wie sie vorgehen werden. Bis die gesamten Pläne und Verträge ausgearbeitet sind, wird noch einige Zeit verstreichen, trotzdem sind sich alle einig.
„Gemeinsam werden wir es schaffen“, erklärt Sarinya Panyarachun, die von ihrer Arbeit überzeugt ist. „Mit einer modernisierten Klinik werden wir auch endlich mehr Personal anlocken können. In einer alten Klinik will niemand arbeiten. Wir sind viel zu wenig Ärzte, um allen Menschen, die hierherkommen, helfen zu können. Auch im Pflegedienst brauchen wir Verstärkung. Fällt auch nur eine Pflegekraft oder Krankenschwester aus, schmeißt das unseren ganzen Tagesablauf durcheinander. Überstunden machen sowieso alle viel zu viele.“
Die anderen Ärzte nicken bestätigend zu ihren Worten.
„Jetzt verstehe ich auch, warum die mobile Klinik vor der Tür steht. Da Malee ausfällt, haben Sie keine Krankenschwester über, die sie ersetzen kann.“
Die Ärztin stimmt dem Unternehmer zu. „Ja, richtig. Da Tuptim gleich mit ausfällt, haben wir auch im Hause nicht genügend Personal.“
„Wissen Sie, was mit den beiden ist? Woran Sie erkrankt sind?“ Karola wird von einer inneren Unruhe aufgewühlt, ohne dass sie sagen könnte, warum.
„Das weiß leider niemand. Ihr Bruder hat heute Morgen in aller Frühe am Empfang angerufen. Er hatte keine Zeit sich durchstellen zu lassen, weil er wohl dringend zur Arbeit musste.“ Sarinya runzelt die Stirn. „Eigenartig, ich wusste gar nicht, dass es einen Bruder gibt.“ Fragend schaut sie ihre Vorgesetzten an.
„Er war einmal hier“, teilt ihr der leitende Angestellte mit. „Ganz am Anfang, als Malee hier anfing. Er ist ein paar Jahre älter als seine Schwester. Ich war der Meinung, er studiert in Deutschland. Vielleicht ist er endlich fertig. Auf jeden Fall ist er zuhause. Wenn es den beiden schlimmer gehen würde, hätte er sich schon längst gemeldet.“
Karola hat keine Ahnung, warum sie so besorgt ist. „Hätten Sie etwas dagegen, wenn ich Malee besuchen würde? Ich möchte mich nur davon überzeugen, dass es nichts Ernsteres ist.“
„Das ist eine gute Idee“, pflichtet ihre Mutter ihr bei. „Wenn du noch etwas warten kannst, werde ich dich begleiten. Ich muss hier vorher aber noch einiges in Gang setzen.“
„Ich komme auch mit“, verspricht Peter.
Das kleine Haus, zwanzig Gehminuten vom Udon Thani Hospital entfernt, weist auf eine liebevolle Hand hin. Rund um das Grundstück verläuft eine kleine Mauer, die in frischem Weiß erstrahlt. Bäume und Buschwerk, liebevoll angeordnet, sorgen gemeinsam mit der bunten Pergola für die Schattenspende auf der Terrasse.
Da niemand zu sehen ist, öffnet Peter das kleine Tor am Eingang. „Hallo?“ Er erhält keine Rückmeldung. „Hallo!“
Karola betritt das Haus, in dem sie sich sorgfältig umschaut. „Hallo, ist jemand hier?“
„Ich gehe einmal außen herum“, erklärt ihr Peter. Gerade als er das Haus von der Rückseite aus betritt, hören sie eine Stimme.
„Was wollen Sie hier? Verlassen Sie sofort dieses Grundstück!“
Karola dreht sich zu dem alten Mann um, der jetzt drohend auf sie zukommt. Durch den Eingang erkennt sie draußen zwei weitere Personen. Da der Mann Englisch gesprochen hat, geht sie davon aus, dass er sie versteht. „Wir suchen Malee und ihre Schwester Tuptim. Deswegen sind wir hier. Haben wir uns im Haus geirrt?“
Nachdenklich mustert der Mann die Unternehmers-Gattin. „Warum?“
„Wir kommen vom Krankenhaus und wollen nur nachsehen, wie es den beiden Mädchen geht. Immerhin waren sie gestern noch gesund.“
Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.