Kitabı oku: «Home Run für die Liebe»
Home Run für die Liebe
Paris Sanders
Impressum
Nachdruck, Vervielfältigung und Veröffentlichung - auch auszugsweise - nur mit schriftlicher Genehmigung des Verlages!
Im Buch vorkommende Personen und Handlung dieser Geschichte sind frei erfunden und jede Ähnlichkeit mit lebenden Personen ist zufällig und nicht beabsichtigt.
Copyright © 2018 dieser Ausgabe Obo e-Books Verlag,
alle Rechte vorbehalten.

M. Kluger
Fort Chambray
Apartment 20c
Gozo, Mgarr
GSM 2290
Inhalt
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Kapitel 43
Kapitel 44
Kapitel 45
Kapitel 46
Kapitel 47
Kapitel 48
Kapitel 49
Kapitel 50
Kapitel 51
Kapitel 52
Kapitel 53
Kapitel 54
Kapitel 55
Kapitel 56
Kapitel 57
Kapitel 58
Kapitel 59
Kapitel 60
Kapitel 61
Kapitel 62
Kapitel 63
Kapitel 64
Kapitel 65
Kapitel 66
Kapitel 67
Kapitel 68
Kapitel 69
Kapitel 70
Kapitel 71
Epilog
Anmerkungen
Mehr Lesestoff
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1
„Autsch. Verdammt!“ Don versuchte gleichzeitig, auf einem Bein zu hüpfen und sich nach unten zu beugen, damit ihn niemand sah. Er kippte zu Boden und nahm auf dem Weg nach unten eine Lampe mit.
„So ein verfluchter Mist!“
Sein Handy klingelte. Gab es etwas, was nicht schief ging?
„Ich bin nicht für ein Leben als Verbrecher gemacht“, schimpfte er und nahm das Gespräch entgegen.
„Don! Wo steckst du? Ich versuche seit Tagen, dich zu erreichen!“
Seine Mutter. Er war mit Sicherheit der einzige Einbrecher, der während der Tat von seiner Mutter angerufen wurde. Gut, dass er seinen Lebensunterhalt nicht mit dem Verkauf gestohlener Ware verdiente.
„Ich rufe dich morgen an. Versprochen. Jetzt bin ich beschäftigt.“ Bevor sie etwas sagen konnte, unterbrach er die Verbindung. Morgen würde er dafür bezahlen, aber jetzt war es wichtiger, den Job zu beenden. Er schaute aus dem Fenster. Obwohl es dunkel war, gingen in regelmäßigen Abständen die Sicherheitsleuchten auf dem Rasen an. Das Haus lag ein wenig von der Straße zurückgesetzt, eine manikürte Rasenfläche trennte es vom schmalen Gehweg. Trotzdem konnte er die Frauen sehen, die dort warteten. Einige von ihnen hatten sich durch den Garten bis vor das Haus herangepirscht.
„Wenn die mich sehen, ist es aus.“
Er stand auf und schlich gebückt hinter der Couch entlang, bis er eine Ecke des Zimmers erreichte, die nicht von draußen durch die Fenster ausgespäht werden konnte. Erst dann richtete er sich auf und ging die Treppe hinauf in den ersten Stock. Im Schlafzimmer angekommen, zerrte er zwei Sporttaschen aus dem Schrank und füllte sie mit allem, was ihm an Kleidungsstücken in die Hände fiel. Er hoffte, dass er etwas erwischte, was er auch tatsächlich tragen konnte, denn im Dunkeln war es nicht einfach, die richtigen Klamotten zu finden. Egal. T-Shirts, Hosen, ein paar Trainingshosen und Unterwäsche würden irgendwie zusammenpassen.
Danach schlich er nach unten.
Er hatte es fast bis zur Hintertür geschafft, als er das Kreischen hörte. Jemand hatte ihn gesehen.
„Jesus, Maria und Joseph.“ Don riss die Hintertür auf, sprintete zu seinem Sportwagen und fuhr mit aufheulendem Motor davon.
2
„Sehr interessant, aber ich fürchte, das wird schwierig.“ Eve sah besorgt zu Sabrina. Ihre beste Autorin ermordete gerade einen Salatteller.
„Eve, ich weiß, du bist beeindruckt, auch wenn du es nicht zugeben möchtest. So ein gutes Exposé hast du seit Jahren nicht gesehen. Endlich etwas Neues, etwas, was ich nicht schon in tausend Variationen geschrieben habe. Die neue Liebesgeschichte von Sabrina König. Aufregend, spannend, überraschend.“ Sabrina hob ihre Gabel und spießte eine Garnele auf, um sie ungegessen an den Rand zu schieben.
„Überraschend ist das richtige Wort. Ich glaube nur nicht, dass …“
„Ich weiß, meine Fans werden erstaunt sein. Aber es ist Zeit für einen Richtungswechsel. Niemand möchte die ewig gleiche Liebesgeschichte lesen, in der sie sich am Ende bekommen und bis in alle Ewigkeit glücklich sind. So etwas passiert nicht im richtigen Leben. Sieh dir die Scheidungsstatistiken an.“ Dieses Mal war es ein Salatblatt, das erdolcht wurde.
„Ich werde dafür keinen Verlag finden. Das weißt du, Sabrina.“ Eve sah Sabrina eindringlich an. „Bring mir ein anderes Exposé, eines, in dem sie am Ende glücklich vereint sind.“
„Nein.“ Sabrina schüttelte den Kopf. Ihre blonden Locken flogen nach allen Seiten. „Das habe ich x-mal geschrieben und es langweilt mich.“
„Bist du sicher, dass es nichts mit der Trennung zu tun hat? Ich weiß, es ist ein paar Monate her, seit David dich verlassen hat, aber ich glaube, es ist zu früh, an den nächsten Roman zu denken. Mach eine Pause. Du hast es verdient.“
„Es hat nichts mit David zu tun.“ Eine Tomate wurde massakriert. „Ich bin froh über unsere Trennung. Ich fühle mich gut. Sehr gut.“
„Das freut mich zu hören.“ Eve lächelte, aber es sah aus, als hätte sie Zahnschmerzen. „Wie auch immer.“ Eve schob den Klarsichtordner, in dem sich das Exposé befand, über den Tisch zurück. „Das bringe ich nicht unter. Es tut mir leid.“
„Ich dachte, ich sei deine beste Autorin. Sagtest du nicht, die Leserinnen würden ein Telefonbuch kaufen, solange ich es geschrieben habe?“
„Was ich meinte, war …“ Eve holte tief Luft. „Sabrina, du weißt besser als jeder andere, was wir den Lesern verkaufen. Sie wollen Träume. Die heile Welt, in der es ein Happy End und ewige Liebe gibt. Niemand möchte das lesen, was im richtigen Leben passiert. Deine Bücher bieten eine Zuflucht aus der Realität.“
„Nicht mehr. Ich verkaufe keine Lügen mehr, nur noch die Wahrheit.“ Eine Gurkenscheibe wurde zersägt.
„Mach Urlaub. Geh auf eine Kreuzfahrt oder lege dich in der Südsee an den Strand.“
„Urlaub? Es gibt für mich nichts Schlimmeres als Nichtstun. Den ganzen Tag faul am Strand liegen ist meine Version von der Hölle. Ich liebe es zu schreiben, Geschichten zu erfinden. Das ist Urlaub für mich!“
„Wie wäre es mit etwas ganz anderem? Du könntest in deinen alten Beruf als Lehrerin zurückkehren. Nur für kurze Zeit, vielleicht an eine Sprachschule?“
„Warum sollte ich das tun?“
„Weil du die Abwechslung brauchst. Du schreibst seit Jahren ohne Unterbrechung. Ich bin mir nicht sicher, ob du jemals einen Tag lang pausiert hast. Es ist höchste Zeit, auf andere Gedanken zu kommen.“
Sabrina sah auf. Ihre Gabel hielt sie in der Luft, unentschlossen, welches Salatblatt als nächstes gekillt werden sollte. „Nein, mir geht es gut. Vielleicht verlege ich das Buch selbst. Als E-Book. Das macht jeder heutzutage.“
„Okay. Ich kann das.“
Sabrina starrte auf den Bildschirm. Oder genauer gesagt, auf die „1“, die den Beginn des ersten Kapitels markierte. Weiter war sie nicht gekommen, obwohl sie bereits seit zwei Stunden an ihrem PC saß. Normalerweise flogen ihre Finger über die Tasten, jetzt weigerten sie sich.
„Es ist ganz einfach. Liebe auf den ersten Blick. Leidenschaft, eine Beziehung, die mehr verspricht. Dann verlässt er sie. Ohne Vorwarnung.“ Sabrina trommelte mit den Fingern auf der Tischplatte. „So wie im richtigen Leben.“
Sie legte ihre Finger auf die Tastatur.
Es war ein sonniger Tag im Juni, als Mara die Tür öffnete. Ein gut gewachsener junger Mann stand vor ihr.
„Grauenhaft.“ Sabrina markierte den Text und drückte Delete.
„Er ist nicht mein Typ“, sagte Mara und betrachtete den Mann, der ein paar Meter von ihr entfernt an der Bar stand. Er sah zu ihr, lächelte, aber sie blieb cool.
Markieren.
Delete.
Sabrina sprang auf und ging zu dem Trainingsrad, das in einer Ecke ihres Arbeitszimmers stand. Wenn sie darauf saß und die Kalorien herunter strampelte, die ihr Schokoladenkonsum mit sich brachte, hatte sie die besten Ideen.
Eine halbe Stunde später herrschte noch immer Leere in ihrem Gehirn. Die Einfälle, die sie sonst nicht schnell genug aufschreiben konnte, blieben aus.
„Ich habe eine Schreibblockade. Das passiert jedem einmal. Morgen. Morgen fange ich an, und dann wird es so sein wie immer“, sagte sie in den leeren Raum hinein.
3
„Honey, für heute Abend habe ich mir etwas ganz Besonderes ausgedacht.“ Cherry sah ihm tief in die Augen und leckte sich mit der Zunge über die Lippen. Sie beugte sich über den Tisch zu ihm. Ihr Dekolleté war so tief ausgeschnitten, dass Don jede Sekunde mit einem Unglück rechnete.
„Ja?“ Don lehnte sich in seinem Stuhl zurück und versuchte ein Gähnen zu unterdrücken. Die letzte Nacht war lang gewesen, ihm fehlte Schlaf. Wenn er ganz ehrlich war, rief die Aussicht auf einen weiteren Sexmarathon keine Vorfreude hervor. Im Gegenteil. Mit Schrecken dachte er daran, was passieren würde, wenn er auf Cherrys Vorschlag einging.
Mit einem Seufzen schloss Don die Augen.
Ein Fehler, denn Cherry saß plötzlich auf seinem Schoß und knöpfte sein Hemd auf. Ihr Blick auf ihr Ziel fokussiert: Ihm den besten Sex zu geben, den er je gehabt hatte.
Nicht schon wieder, dachte er, seinen Blick wie hypnotisiert auf ihre flinken Hände gerichtet.
Ich sage ihr, sie soll damit aufhören.
Wenn ich das tue, steht morgen in der Zeitung, ich bekomme ihn nicht mehr hoch.
Warum ruft meine Mutter nicht an? Wenn ich mich einmal über ihren Anruf freuen würde, hört man nichts von ihr.
Cherry streifte ihm das Shirt von den Schultern, beugte sich über ihn und fuhr mit ihrer Zunge seinen Hals entlang.
Kann sie nicht aufhören?
Ach verdammt. Was soll’s?
Wie von selbst strich seine Hand ihren Rücken entlang, fand den Reißverschluss und zog ihn nach unten.
4
Noch immer die „1“.
Kein Text.
Keine Eingebung.
Nichts.
Das Exposé lag neben ihr. Die Geschichte stand in ihren Grundzügen fest. Die Charaktere mit ihren Eigenheiten ebenso. Sie musste nur schreiben, aber die Worte wollten nicht kommen. Sabrina kam sich vor, als stolperte sie durch eine Wüste. Keine Oase in Sicht.
„Okay. Dann wird es eben eine Liebesgeschichte“, sagte sie laut in den Raum hinein. „So, wie alle es von mir verlangen. Komplett mit Happy End, Hochzeit und allem, was dazugehört.“
Aus Phil wird statt eines egoistischen Idioten ein bindungsscheuer Idiot, flüsterte eine hämische Stimme in ihrem Kopf. Warum sollte er sich ändern? Er wird Alexia verführen, sie in dem Glauben lassen, ihre Beziehung habe eine Zukunft, und sie bei der ersten Gelegenheit verlassen.
Sabrina sprang auf und ging zu ihrem Trainingsrad. Wenn das mit der Schreibblockade so weiter ging, konnte sie sich nächstes Jahr für den Ironman anmelden.
„Das hast du Eve gezeigt?“ Daniela schüttelte den Kopf, warf das Exposé auf den Couchtisch und lehnte sich in dem Sofa zurück. „Warum hast du nicht erst mich gefragt?“
„Weil ich wusste, was du sagen würdest.“
„Aber du wirst das Buch nicht schreiben, nicht wahr?“ Ihre Freundin streckte ihre langen Beine von sich und verschränkte die Hände hinter dem Kopf. Mit dem kurzen schwarzen Haar, der dunkelgrünen Cargo-Hose und dem grauen Sweatshirt sah sie aus wie eine Frau, die wenig Wert auf ihre Weiblichkeit legte. Aber das stimmte nicht. Sie hatte nur keine Lust, außerhalb des Büros in unbequemen Klamotten zu stecken.
„Natürlich werde ich das. Ich kann auch ohne Eve einen Verlag finden.“
„Das ist nicht dein Ernst!“
„Doch. Wer will schon ständig die gleiche Liebesgeschichte lesen? Mit einem Happy End, das es in der Realität nicht gibt.“
„Ich will so etwas lesen. Und das sage ich nicht, weil ich deine Freundin bin, sondern weil ich deine Bücher liebe. Wenn ich ein Buch lese, möchte ich in eine andere Realität transportiert werden. Ich will meine Alltagssorgen vergessen und den Glauben an die Männer wiedergewinnen.“
„Das sind Lügen und das weißt du genau! Schließlich bist du diejenige von uns, die keine feste Beziehung will.“
„Das heißt nicht, dass ich nicht an wahre Liebe glaube, ich bin nur nicht auf der Suche danach.“
„Und das soll ich dir glauben.“
„Natürlich.“
„Ich habe eine Schreibblockade“, gab Sabrina endlich zu.
„Natürlich hast du die. Schreibe eine Liebesgeschichte. So wie immer. Du wirst sehen, die Worte sprudeln nur so aus dir heraus.“
„Nein, das tun sie nicht.“ Sabrina schüttelte den Kopf. „Ich habe es versucht. Das Exposé umgeschrieben, ein Happy End hinzugefügt. Trotzdem sitze ich vor dem Computer und in meinem Gehirn herrscht Leere. Seit David mich verlassen hat, glaube ich nicht mehr an die Liebe, aber ich kann mir das nicht leisten, Daniela. Wenn ich nicht schreibe, verdiene ich kein Geld.“
„Dann gibt es nur eines, was du tun kannst.“
„Und das wäre?“
„Du musst dich verlieben, wenn du deine Schreibblockade überwinden möchtest.“
„Tolle Idee. Im Moment finde ich Männer in etwa so anziehend wie Kakerlaken.“
„Wie wäre es mit einer Affäre? Keine großen Gefühle, dafür guter Sex?“
„Vergiss es.“
„Du musst es versuchen, Sabrina. Deine Existenz hängt davon ab.“ Daniela sah sie streng an.
„Prima. Meine Existenz hängt von einem Mann ab, den ich noch nicht einmal kenne. Das letzte Mal ist es schief gegangen. Warum sollte es jetzt anders sein?“
„Weil du nicht den gleichen Fehler ein zweites Mal machen wirst.“
„Und was war mein Fehler?“
„Du hast dich in einen egoistischen Idioten verliebt.“
5
Sabrina nahm einen großen Schluck von ihrer Piña Colada. Der Abend war nur mit Alkohol zu überstehen, so viel war nach den ersten fünf Minuten klar. Sie hätte sich niemals von Daniela überreden lassen sollen. Diese Internet-Datingseiten waren die Hölle. Heute hatte sie die erste Verabredung, aber der Typ, der ihr gegenübersaß, war langweilig.
„Ich bin der Meinung, wir müssen alle wieder zu Selbstversorgern werden.“ Pascal breitete seine Arme aus, als wollte er die ganze Welt umarmen. „Solange wir von den großen Konzernen abhängig sind, wird es immer Krankheiten geben. Die Menschen sind zu dick, weil die Lebensmittel ungesunde Inhaltsstoffe haben, die den Appetit fördern.“
Er hatte recht. Wirklich. Es war nur so entsetzlich langweilig, einem Monolog zuzuhören, der seit zwei Stunden andauerte. Hätte er sie wenigstens einmal zu Wort kommen lassen, hätte sich Sabrina nicht nur für seine Themen erwärmen können, sondern mit ihm zusammengearbeitet. Sie hatte schon seit Langem das nagende Gefühl, dass es nicht ausreichte, Online-Petitionen zu unterschreiben. Nein. Man musste etwas tun. Aktiv sein. Wenn man gegen Genmais, Fracking und Atomstrom war.
„Ich finde auch, dass …“, versuchte sie zum x-ten Mal etwas zur Unterhaltung beizutragen.
„Die Konzerne spielen mit uns. Wir sind nur noch dazu da, Geld in ihre Kassen zu spülen“, wurde sie von Pascal unterbrochen.
„Pascal.“
„Es kann nicht sein, dass die EU Gesetze erlässt, die gegen die Interessen der Bürger gerichtet sind.“
„Pascal!“ Dieses Mal war Sabrina so laut, dass die anderen Gäste des Kalango sich nach ihr umdrehten.
„Ja?“ Ihr Gegenüber sah sie verwundert an. Pascal war es offensichtlich nicht gewohnt, in seinem Redefluss unterbrochen zu werden.
„Darf ich auch etwas zu diesem Gespräch beitragen, oder wird das eine Vorlesung, die sich über mehrere Stunden erstreckt?“
„Langweile ich dich?“
„Nein. Ich finde deine Themen faszinierend. Ich würde nur auch gerne etwas sagen. Mich mit dir unterhalten. Bisher redest nur du und ich höre zu.“
„Wenn das so ist.“ Pascal stand auf. „Ich habe ein Gespür dafür, wenn meine Gesellschaft nicht erwünscht ist.“ Er drehte sich um, ging zum Tresen, warf ein paar Geldscheine auf die Theke und rauschte davon.
„Wie eine beleidigte Diva“, murmelte Sabrina. Dann stand sie auf und zahlte ebenfalls.
„Wie ist es gelaufen?“, tönte ihr am nächsten Morgen Danielas begeisterte Stimme ans Ohr.
„Es war ein Desaster. Der Kerl hat nicht aufgehört zu reden. Zwei Stunden lang kam ich nicht zu Wort. Als ich dann meinte, ich würde gerne etwas zu dem Gespräch beitragen, ist er beleidigt gegangen.“
„Also war er keine Inspiration für künftige Liebesromane?“
„Eher das Gegenteil.“
„Schade. Aber das ist normal. Beim ersten Versuch darf man nicht erwarten, gleich einen tollen Mann zu erwischen. Du glaubst nicht, wie viele Dates ich habe, bevor ich jemanden treffe, bei dem ich auch nur darüber nachdenke, ob ich mit ihm nach Hause gehe.“
„Wirklich?
„Ja. Es ist selten jemand dabei, der den Aufwand lohnt.“
„Warum hast du mich dann auf dieser dämlichen Website eingetragen? Ich habe keine Zeit für Loser.“
„Wie willst du sonst jemanden treffen? Du sitzt den ganzen Tag vor deinem Computer und starrst einen leeren Bildschirm an. Der Postbote ist kurz vor der Rente und dein UPS-Mann ist verheiratet und hat vier Kinder.“
„Stimmt.“
„Sag ich doch. Du musst aus deiner Wohnung herauskommen, wenn du einen Mann treffen willst.“
„Es muss andere Wege geben.“
„Nenne sie mir. Ich bin gerne bereit, etwas anderes als Online-Dating auszuprobieren.“
6
„Ich bin k. o.“ Don ließ sich in den Bürosessel fallen und legte seine Beine auf der glänzenden Tischplatte ab.
„Fühle dich ganz wie zu Hause.“ Trevor, Dons Agent und bester Freund seit der Highschool, sah mit hochgezogenen Augenbrauen erst auf Dons Füße und dann auf seine Armbanduhr.
„Verschone mich mit dem Getue. Ich weiß, ich bin spät. Es tut mir leid, aber du machst dir keine Vorstellung davon, was heute los war. Sie haben herausbekommen, dass ich im Hilton wohne. Ich musste den Serviceaufzug nehmen und durch die Küche flüchten. Fast wäre ich einem Koch ins Messer gerannt“, sagte Don und nahm seine Füße von der Tischplatte herunter.
„Es ist schrecklich, der begehrteste Junggeselle in ganz Florida zu sein.“ Trevor verschränkte seine Hände hinter dem Kopf und lehnte sich in seinem Sessel zurück. „Lass es mich wissen, wenn das harte Leben eines von Frauen gejagten Profisportlers zu viel für dich ist.“
„Jetzt. Der Augenblick ist gekommen. Die Schlagzeile ist ein Jahr her und sie verfolgen mich noch immer. Jede Frau in diesem verdammten Staat hat es sich in den Kopf gesetzt, diejenige zu sein, die es schafft, länger als eine Woche mit mir zusammen zu sein.“ Er zog eine Grimasse. „Ich werde zu alt dafür. Letzte Woche hatte ich einen Dreier. Danach konnte ich mich zwei Tage lang kaum bewegen.“
„Ich weiß, dein Leben ist die Hölle.“
„Spar dir den Sarkasmus. Ich bin gestern in mein eigenes verdammtes Haus eingebrochen, weil ich Klamotten brauchte. Wenn ich eines im Leben bereue, dann den Tag, an dem ich sagte, ich hielte es nicht länger als acht Nächte mit einer Frau aus. Das ist nur passiert, weil mir dieser dämliche Reporter mit seinen ständigen Fragen nach meinem Privatleben auf die Nerven ging.“
„Was soll ich tun? Ich kann die Frauen nicht von dir wegzerren und wir können auch kein Kontaktverbot für jede Frau über achtzehn in Florida beantragen.“ Trevor zuckte mit den Schultern. „Dir bleibt nichts anderes übrig, als es auszusitzen und darauf zu hoffen, dass der Hype vorübergeht. Oder du heiratest.“
„Niemals.“
„Dann warte und leide. Glaube mir, in zehn Jahren ist die Sache vergessen.“
„Ich habe eine andere Idee. Mein Vertrag mit den Rays ist beendet. Verkaufe mich irgendwohin. Weit weg von Florida.“
„Ich werde es versuchen, aber ich kann für nichts garantieren. Im Moment haben drei Teams an dir Interesse.“ Trevor hob die rechte Hand und zählte die Teams an den Fingern ab. „Die Los Angeles Dodgers, die New York Yankees und die Detroit Tigers.“
„Die Dodgers wären perfekt.“
„Dummerweise ist es das Team, das mehr Outfielder hat, als es gebrauchen kann.“
„Ist mir egal. Tu, was du tun musst, aber bring mich dort unter.“
„Das wird eine Weile dauern. Du weißt genauso gut wie ich, so etwas braucht seine Zeit. Wenn ich auf einen schnellen Abschluss dränge, denken sie, du bist verletzt.“
„Ist mir egal, wie du es zustande bringst, aber sieh zu, dass ich an der Westküste spiele. So weit weg von Florida wie möglich.“
„Ich tue mein Bestes, aber es wäre einfacher, du zeigst dich mit irgendeinem Model länger als eine Woche. Mehr musst du nicht tun.“
„Bist du verrückt? Sobald ich das tue, denkt sie, ich wolle sie heiraten. Niemals!“
„Ich könnte was für dich arrangieren. Die Stars machen so was ständig. Was meinst du, warum George Clooney so oft eine andere hatte?“
„Weil er gut aussieht und reich ist?“
„Das auch. Aber George wollte sich nicht binden. Jede Wette, mehr als eine seiner Freundinnen stand unter Vertrag.“
„Mach dich auf die Suche. Finde mir eine Frau oder einen Verein.“
7
„Wer liest so etwas?“ Sabrina warf das Buch auf den Stapel, der neben ihrem Bett gefährlich schwankte. Da sie seit Tagen unter der Schreibblockade litt und außer der verflixten „1“ nichts zustande gebracht hatte, konzentrierte sie sich jetzt auf Recherche. In diesem Fall auf Bücher, die wie ihr neues Projekt von der Realität handelten.
Nachdem sie drei Bestseller verschlungen hatte, stand eines fest: Die Wirklichkeit war deprimierend. Vor allem, wenn es um Liebesbeziehungen ging. Sie war jetzt schon depressiv, dabei hatte sie bei Weitem nicht alles gelesen, was ihr Buchhändler empfohlen hatte.
Sie kuschelte sich tiefer in ihre Bettdecke und schloss die Augen. Es war nach zwölf Uhr und sie wollte schlafen. Den Geschichten entfliehen, die noch immer durch ihren Kopf geisterten. Die realitätsnahe Literatur ließ einen so schnell nicht mehr los.
„Warum sollte sich jemand auch so etwas ausdenken wollen“, murmelte Sabrina und musste an ihr Exposé denken. Der Entwurf der Geschichte war ihr leicht gefallen. Es begann wie eine klassische Liebesgeschichte, aber statt des Happy End folgte die Ernüchterung. Als sie ihre Ideen in eine Form brachte, führten ihre eigenen Gefühle die Regie. Sie wusste, wie es sich anfühlte, wenn man verlassen wurde.
Nur die Wirkung auf den Leser war ihr entgangen. Von ihren Fans würde niemand ein solches Buch lesen wollen. Die Frauen, die ihre Bücher kauften, wollten der Wirklichkeit entfliehen, genau, wie Daniela es gesagt hatte. Sie wollten in eine Welt der Träume abtauchen und den Glauben an das Gute im Menschen wiedererlangen. Aber das würden sie nicht, wenn sie „Liebe, Lügen, Scherben“ lasen.
Sie musste eine andere Lösung finden. Entweder das Buch unter Pseudonym schreiben oder die Geschichte ändern. Die Frage war nur, welcher Weg sie endlich aus ihrer Blockade führen würde.
8
Ich mag ihn. Er ist höflich. Sieht gut aus und … Sabrinas Gehirn streikte. Mehr positive Eigenschaften wollten ihr zu Ralf nicht einfallen. Für einen kurzen Moment schloss sie die Augen. Ihr Gegenüber merkte davon nichts, denn er war in den Anblick ihres Dekolletés vertieft. Er unterhielt sich, seit sie in der Bar eingetroffen war, ausschließlich mit ihrem Busen.
Ralf ist ein Idiot. Warum wundert mich das nicht? Sabrina nahm einen tiefen Schluck von ihrer Piña Colada. Wenn das so weiterging, war sie Alkoholikerin, bevor sie das Exposé für ihren neuen Roman geschrieben hatte.
Mittlerweile war ihr eines klar geworden: Wenn sie ihren Lebensunterhalt finanzieren wollte, musste sie noch dieses Jahr ein neues Buch beenden. Dann bekäme sie ihren Verlagsvorschuss und alles wäre gut. Schaffte sie das nicht, konnte sie genauso gut jetzt damit anfangen, nach Käufern für ihre Eigentumswohnung zu suchen und sich nach einem neuen Job umzusehen.
Keine rosigen Aussichten. Weshalb sie fest entschlossen war, Danielas Rat zu befolgen und sich frisch zu verlieben. Wenn sie Männer wieder durch eine rosarote Brille sehen konnte, würde es auch mit dem Schreiben klappen. Ganz sicher.
Er küsst bestimmt gut. Seine Lippen sind fein geschwungen und sensibel.
Und bewegten sich pausenlos, denn während er auf ihren Busen starrte, leckte er sich über den Mund. Ständig.
Er war nicht nur ein Idiot, sondern auch ein Spanner.
Wie kam sie von ihm weg, ohne seine Gefühle zu verletzen?
Wieder nahm Sabrina einen tiefen Schluck, nur um festzustellen, dass ihr Glas leer war.
„Ralf.“ Sabrina stellte ihr Getränk ab und stand auf. „Ich muss gehen. Ich zahle meinen Anteil an der Theke.“ Bevor er etwas sagen konnte, bahnte sie sich einen Weg nach vorne. So viel zum taktvollen Abgang.
„Ich könnte einen Liebestrank für dich brauen.“ Lara, neben Daniela ihre beste Freundin, nahm ein dickes Buch aus ihrer Umhängetasche. Anfang dreißig, schlank und nicht einmal einen Meter sechzig groß, sah sie mit ihrem glatten, messerscharf geschnittenen blonden Bob und ihrem Business-Kostüm aus wie die personifizierte Karrierefrau. Der Eindruck war richtig, denn Lara arbeitete sehr erfolgreich als Lektorin eines großen deutschen Sachbuchverlages.
Dass sie sich nebenbei für alles interessierte, was mit Esoterik zusammenhing, war eine Tatsache, von der nur wenige wussten.
„Ich habe extra mein Hexenbuch mitgebracht. Dort finde ich bestimmt etwas für dich.“
„Lieber nicht. Danke, Lara.“
„Lara, das letzte Mal, als du so etwas versucht hast, bist du tagelang von einem Rüden verfolgt worden“, wandte Daniela ein.
„Das wäre auch so passiert. Dieser Hund war sexuell desorientiert.“
„Wenn du es sagst.“ Daniela grinste. „Ich an Sabrinas Stelle wäre jedenfalls vorsichtig, was deine Liebeszauber betrifft.“
„Ich sprach von einem Liebestrank, das ist etwas anderes.“
„Das ist sehr lieb von dir, Lara“, versuchte Sabrina zu vermitteln. „Aber ich bin fest überzeugt, dass ich den richtigen Mann auch ohne Magie und Zaubertränke finde. Außerdem müsste ich ihn zuerst treffen, wenn ich ihm einen Trank geben will. Oder nicht?“
„Natürlich.“ Lara klang noch immer beleidigt. „Du hast recht. Ein Liebeszauber wäre in deiner Situation das Richtige. Du musst erst den richtigen Partner in dein Leben rufen. Dann können wir mit Zaubertränken dem Schicksal auf die Sprünge helfen.“
„Nein. Danke“, beeilte Sabrina sich zu sagen.
„Dann kann ich dir nicht helfen.“
„Du bist hier und hörst dir mein Gejammer an. Das ist Unterstützung genug.“
„Jammern bringt dich nicht weiter“, sagte Daniela.
„Was soll ich sonst tun?“
„Mehr Männer treffen.“
„Nach den letzten beiden Dates reicht es mir.“
Daniela schüttelte den Kopf. „Zwei Verabredungen sind gar nichts. Glaube mir. Du brauchst mindestens zehn Versuche, bis du jemanden triffst, bei dem du über einen möglichen Kuss überhaupt erst nachdenkst.“
„Zehn? Das überlebe ich nicht.“
„Du musst“, stellte Daniela fest.
„In Ordnung, aber nur, wenn der nächste Kandidat halbwegs akzeptabel ist.“
9
„Ich weiß, ich bin ein Genie!“ Trevor warf einen Ordner über den Tisch zu Don.
„Schön, dass du von dir überzeugt bist.“ Don nahm den Ordner und blätterte darin. Nach ein paar Sekunden sah er auf.
„Was soll ich in Deutschland?“
„Trainieren. Bis die Vorsaison startet, bleibst du dort. Niemand kennt dich. Niemand wird dich belästigen.“
„Okay. Und dann?“
„Bis du zurückkehrst, habe ich einen Vertrag für dich. Das mit den Dodgers könnte klappen.“
„Was soll das heißen? Könnte?“ Don stand auf und trat an das große Panoramafenster, das Aussicht auf die Tampa Bay bot. „Sieh zu, dass du den Deal an Land ziehst.“
„Ich arbeite dran, aber das wird eine Weile dauern. In der Zwischenzeit kannst du dir Deutschland ansehen, deine Sprachkenntnisse aufpolieren und dich entspannen.“
„Dort ist es jetzt verdammt kalt.“
„Du kannst natürlich auch hierbleiben und dich von den Frauen jagen lassen.“
Don wandte sich wieder dem Fenster zu. Draußen schien die Sonne. Es war Ende Dezember, ein paar Tage vor Silvester. „Wenn es sein muss.“
„Dann wäre das geregelt. Ich habe bei den Münchner Maveriks angefragt. Du kannst bei ihnen trainieren.“
„Die Deutschen wissen nicht, wie man Baseball spielt. Das wird sein, als würde ich mit einem Highschool-Team trainieren. Schlimmer, die Highschool-Kids wissen wenigstens, was sie tun, wenn sie auf einem Baseballfeld stehen.“
„Du sollst nur in Form bleiben. Dafür wird es reichen. Wenn es dir nicht passt, bleibe hier und brich in dein Haus ein. Wer weiß, vielleicht steht dir eine neue Karriere bevor.“
10
Ihr Herz raste, als sie die Tür zum Cabanos aufstieß und die Bar betrat. Samba wummerte ihr entgegen. Der Innenraum war voll. Zu spät fiel ihr auf, dass eine gut besuchte Bar an einem Freitagabend kein idealer Ort für ein erstes Treffen war. Vor allem, wenn man sich unterhalten wollte, ohne sich dabei anzubrüllen.
Wie soll ich Timo in dem Gewühl finden? Sabrina drängte sich durch die Menschen, bis sie an der Theke stand. „Ich suche einen Timo Neumann“, brüllte sie den Barkeeper an.
„Dort hinten an dem Ecktisch.“
„Danke!“
Sabrina drehte sich um und wühlte sich durch die Menge bis zu dem Tisch.
„Hallo, ich bin Sabrina“ begrüßte sie den Adonis, der aufsprang, als sie vor ihm stand.
„Timo, sehr erfreut. Wirklich!“ Er strahlte sie an. In Sabrina stieg ein warmes Gefühl hoch. Das könnte ein toller Abend werden. Sie setzten sich.
„Darf ich dir etwas zu trinken holen?“, fragte Timo.
„Eine Piña Colada, bitte.“
„Kommt sofort.“ Timo stand auf und ging an die Bar. Sieht gut aus. Toll gebaut. Hat Manieren. Ein Lächeln breitete sich auf ihrem Gesicht aus.
„Das wird super. Du brauchst mich nicht zu retten“, textete sie schnell an Daniela. „Du brauchst einen Fluchtplan“, hatte ihre Freundin sie ermahnt. „Es sei denn, du willst brutal ehrlich sein und den Männern sagen, dass du sie schrecklich findest.“
Dieses Treffen war kein Notfall, so viel stand schon jetzt fest.
„Hier, dein Cocktail“, Timo stellte das Glas vor Sabrina auf den Tisch und lächelte sie an.
„Danke.“
„Du bist also eine selbstbewusste Frau?“
„Äh, ja. Wieso fragst du?“
„Es stand in deinem Profil und war einer der Gründe, weshalb ich Kontakt mit dir aufnahm.“ Wieder ein strahlendes Lächeln. Seine Zähne waren weiß. Sehr weiß. Geht regelmäßig zur professionellen Zahnreinigung, schoss es Sabrina durch den Kopf.
„Du magst also selbstbewusste Frauen?“ Sabrina legte den Kopf schief und probierte ihren Augenaufschlag an ihm aus. Die Pose hatte sie von Daniela. Bei ihrer Freundin sah das gut aus.
„So etwas turnt mich total an.“
„Oh.“ Sabrina hob ihr Glas und nahm einen großen Schluck. Prompt geriet ihr das Getränk in die falsche Kehle. Als der Hustenreiz vorbei war, glühte ihr Gesicht. Mist, jetzt sehe ich aus wie ein gekochter Hummer.
„Alles in Ordnung mit dir?“ Timo, der ihr sanft den Rücken geklopft hatte, um ihr zu helfen, sah sie besorgt an.
„Alles bestens. Tut mir leid. Ich habe mich verschluckt.“
„Was tust du denn so mit bösen Jungs?“ Jetzt war es Timo, der den Kopf schief legte und sie anlächelte.
Jetzt bin ich sicher. Ich habe wie ein Vollidiot mit Nackenschmerzen ausgesehen, dachte Sabrina.
„Böse Jungs?“ Nur gut, dass sie gerade nicht getrunken hatte, sonst wäre sie an ihrem Drink erstickt. Ein ungutes Gefühl stieg in ihr auf. Es sah ganz so aus, als hätte dieser Timo nicht alle Latten am Zaun, oder Tassen im Schrank, oder … Wie immer, wenn sie auf der Suche nach Vergleichen war, verlor sich Sabrina in Gedanken. Wenn ich diese Szene in einem Buch beschreiben würde, wären diese Ausdrücke zu lahm. Ich bräuchte etwas Witziges, etwas, das sich einprägt.
„Sabrina?“ Timo sah sie fragend an.
„Entschuldige. Du sagtest etwas von bösen Jungs. Das war ein Witz, nicht wahr?“
„Nicht wirklich“, sagte Timo langsam. „Weißt du, in der SM-Szene ist ‚selbstbewusste Frau‘ ein Code für ‚Domina‘“.
„Domina?“
„Ja.“
„Und du bist dann ...? Oh!“ Sabrina wurde rot. Sie sprang so plötzlich auf, dass ihr Stuhl umfiel. „Tut mir leid, das ist nichts für mich.“
„Daniela, es war nicht nur ein Desaster, sondern ein Frontalzusammenstoß mit einer fremden Spezies. Einer, die auf SM steht.“ Sabrina streckte die Beine aus und legte sie auf dem Couchtisch ab.
„Ich komme rüber. Mit einer Flasche Rotwein und einer Pizza.“
„Du bist ein Engel.“
Eine halbe Stunde später stand Daniela vor Sabrinas Haustür. In der einen Hand eine große Pizza Margherita, in der anderen eine Flasche Rioja.
„So kann das nicht weitergehen“, stellte sie fest, nachdem sie alles auf dem Couchtisch deponiert hatte und Sabrina mit Besteck und Tellern aus der Küche zurückkam. Sabrina setzte sich und öffnete die Weinflasche. „Ich habe viele schreckliche Dates gehabt über diese Internetseiten, aber du schlägst alles, was ich bisher erlebt habe. Wo findest du diese Typen?“
„Ich weiß es nicht. Ihre Profilbilder sehen sympathisch aus. Sie schreiben mir nette E-Mails und ich denke: ‚Das könnte er sein.‘ Sobald ich ihn treffe, ist es aus und er verwandelt sich entweder in einen Langweiler, einen Dauerredner oder einen, der auf seltsame Sexpraktiken steht.“
„Das ist ja schlimmer als bei meinen Verabredungen.“ Daniela schenkte sich großzügig ein und lehnte sich in ihrem Sessel zurück. Sie hob das Glas und prostete Sabrina zu. „Wir sollten dir schleunigst einen Freund finden. Der Single-Markt ist kein Zuckerschlecken.“
„Eines ist sicher, ich treffe mich nie wieder mit jemandem von diesen Internet-Dating-Seiten.“ Sabrina nahm sich ein Stück Pizza. Sie wollte es nicht zugeben, aber ihre letzten Begegnungen mit Männern hatten sie in ihrer Überzeugung gefestigt, dass es besser war, alleine zu leben. Blöderweise konnte sie seitdem keine Liebesromane mehr schreiben. „Ich habe heute an Susanne eine E-Mail geschickt und ihr geschrieben, dass ich für Sprachkurse zur Verfügung stehe.“
„Du hast was?“ Das Stück Pizza, das gerade auf dem Weg in Danielas Mund war, schwebte in der Luft. „Du willst doch nicht wieder als Deutschlehrerin arbeiten?“
„Doch. Mir bleibt nichts anderes übrig. Die Rechnungen stapeln sich, und bis ich den nächsten Vorschuss für ein Buch bekomme, muss ich meine monatlichen Kosten decken. So wie es im Moment mit dem Schreiben vorwärtsgeht, wird es lange dauern, bis ich Geld bekomme.“
„Oh nein. Du hast so lange an deiner Karriere als Schriftstellerin gearbeitet.“
Sabrina zuckte mit den Schultern. „Ist nicht so schlimm. Auf diese Weise komme ich unter die Leute. Du sagst doch immer, ich lebe zu zurückgezogen. Jetzt werde ich viele Menschen kennenlernen. Wer weiß, möglicherweise treffe ich meinen Traummann.“
11
Die Deutschen waren ein seltsames Volk. Don quälte sich durch den Verkehrsstau auf dem mittleren Ring. Sein Navi zeigte an, dass er in zwanzig Minuten sein Ziel erreichen müsste. Er glaubte es nicht, denn er stand seit Ewigkeiten an der gleichen Stelle. Alle fünf Minuten bewegte sich die Blechlawine um einige Zentimeter nach vorne, aber es war nicht der Stau, der ihn erstaunte.
Nein, nach den ersten zwei Tagen, die er in München verbracht hatte, war ihm eines klar geworden. Die Deutschen liebten verwinkelte, schmale Gassen, die den Namen Straße nicht verdienten. Außerdem hatten sie eine Abneigung gegen Parkplätze. Anders konnte er es sich nicht erklären, dass es in dieser verdammten Stadt keine Möglichkeit gab, sein Auto loszuwerden. Gestern hatte er über eine Stunde damit verbracht, durch das Viertel zu kurven, in dem seine Wohnung lag. Heute sah es ganz so aus, als würde er zwei Stunden damit verbringen, die paar Kilometer nach Schwabing zu kriechen. Um dann erneut nach einem Parkplatz zu suchen. Wenn es die Möglichkeit gäbe, die Blechkiste, die sich Auto nannte, irgendwo abzustellen, wäre er längst gelaufen. Aber natürlich war das nicht möglich, denn Parkplätze waren eine Rarität und die Parkhäuser voll.
Okay. Die ersten Tage in einer neuen Umgebung sind nie einfach, versuchte er seinen aufkeimenden Ärger zu ersticken. In Tampa war der Verkehr auch mörderisch. Nur hatte er dort eine Garage neben seinem Haus.
Er zog eine Grimasse. Die Maveriks hatten eine Wohnung für ihn organisiert. Zelle wäre eine bessere Beschreibung. Das Zweizimmer-Appartement war ungefähr so groß wie seine Eingangshalle in Tampa. Als der Münchner Verein anbot, eine Wohnung für ihn zu suchen, war er froh darüber gewesen. Eine Sache weniger, um die er sich vor seiner Abreise kümmern musste. Jetzt wäre es ihm lieber gewesen, er hätte sich selbst umgeschaut.
Trevor hatte ihn unter einem falschen Namen bei den Maveriks gemeldet. Deshalb dachte man dort, er sei ein Minor-League-Spieler, der über ein begrenztes Einkommen verfügte. Also hatten sie ihm eine Wohnung besorgt, die für Münchner Verhältnisse nicht allzu teuer war. Er hätte allerdings etwas Größeres vorgezogen. Mitten in Schwabing gelegen, befand sie sich in einer Umgebung, die ihm fremd war. Bis in den späten Abend hinein drang der Lärm der Kneipen zu ihm herauf.
Etwas Gutes hatte die Lage. Er brauchte nur aus der Haustür zu treten und konnte zwischen mehreren Bars wählen, die das Einzige servierten, was Deutschland erträglich machte: Bier.
Genau das, was ich jetzt brauche. Wieder kroch er einen Meter nach vorne. Sein Auto hatte keine Automatik, was bedeutete, dass er ständig schalten und auskuppeln musste. Ein weiteres Mysterium. Warum fuhr dieses Volk keine Automatikwagen? Vor allem, wenn der Verkehr so war wie in München?
Morgen würde er zum Fitnessstudio laufen, so viel war sicher. Wenn es nicht so verdammt kalt gewesen wäre, hätte er sich ein Fahrrad gekauft, aber der Januar in Deutschland war eisig.
Eine Stunde später kam er endlich in seinem neuen Zuhause an. Genervt von der Fahrerei warf er seine Sportsachen in eine Ecke und ging in die winzige Küche. Auch das eine Übertreibung, denn er besaß nicht mehr als einen Kühlschrank, zwei Kochplatten und einen Küchenschrank, der über der Spüle hing. Keine Mikrowelle! Wie zur Hölle überlebte man hier, wenn man keine Lust auf Take-Out-Food hatte?
Er musste raus. Seine winzige Wohnung hatte etwas Erstickendes an sich. Was daran liegen konnte, dass er in den letzten Tagen kaum das Tageslicht gesehen hatte. Der Schneeregen, der seit Stunden vom Himmel fiel, ließ kaum Sonnenlicht durch. Alles war grau, kalt und öde.
Er duschte, zog sich an, trat aus der Haustür und eilte wie alle anderen mit gesenktem Kopf durch den kalten Regen.
Wenige Minuten später ließ er sich auf einen wackligen Holzstuhl sinken. Das kleine Café lag gegenüber von dem Altbau, in dem er wohnte. Kaum hatte er sich gesetzt, als auch schon eine Frau auf ihn zukam. In der Hand einen Block und einen Stift. Don setzte automatisch sein Fan-Lächeln auf. Er hätte lieber seine Ruhe gehabt, aber er hatte eine eiserne Regel und die war, nett zu seinen Anhängern zu sein.
Die Frau blieb an seinem Tisch stehen und sagte etwas in einer fremden Sprache zu ihm.
Obwohl er kein Wort verstand, sagte er: „Gerne. Kein Problem“, nahm ihr Stift und Block aus der Hand und unterschrieb.
Sie starrte ihn verblüfft an. „Wos sei des?“
„Sprechen Sie deutsch?“, fragte er höflich.
„Deutsch? Ob I deitsch sprech?“
Zu spät dämmerte ihm, dass sie bayrisch sprach.
Sie riss ihm den Stift und den Block aus der Hand. „Was kann ich Ihnen bringen?“, fragte sie in angestrengtem Hochdeutsch.
Die Bedienung. Er hatte der Bedienung ein Autogramm gegeben. Kein Wunder, dass sie ihn so seltsam ansah. „Einen Kaffee Latte mit fettarmer Milch und Zimtpulver statt Kakao auf dem Schaum. Dazu ein Wurstbrötchen, aber bitte nicht mit Mayonnaise bestrichen, sondern Halbfettmargarine.“
„Wir hobn nur Milch un was auf der Semmel drauf is, da müssn Sie sich überraschen lassen.“ Sie drehte sich um und stapfte zur Theke zurück.
Don lehnte er sich in dem Stuhl zurück. Das würden verdammt lange acht Wochen werden.
12
Don saß wieder in dem Café, das seiner Wohnung gegenüberlag. Mittlerweile verstand er sogar ein paar Worte bayrisch. Zumindest genug, um zu wissen, ob er seine Bestellung bekommen würde.
Während er auf sein Essen wartete, musterte er die übrigen Gäste. Nicht weit von ihm, an einem Nebentisch, saß ein hübsches junges Mädchen. Er lächelte ihr zu, aber sie beachtete ihn nicht. Was gut war. Denn er war hier, um von Frauen wegzukommen. Es war eine Erholung, nicht erkannt zu werden, nach Autogrammen gefragt zu werden oder für Fotos mit Fans posieren zu müssen. Der Aufenthalt im Heimatland seiner Mutter war genau das, was er brauchte.
Wenn es nur nicht so entsetzlich langweilig gewesen wäre. Dreimal die Woche trainierte er. Zwei ganze Stunden lang. Es war lächerlich, aber die Spieler der Maveriks hatten alle einen Ganztagsjob. Was bedeutete, dass Don seinen eigenen Trainingsplan erstellte. Jeden Morgen zwei Stunden Krafttraining und eine Stunde Joggen an der Isar entlang. Letzteres machte besonders viel Spaß. Bei den Temperaturen fror man sich die Eier ab.
Danach kehrte Langeweile ein. Das deutsche Fernsehen war seltsam. Im Internet surfen verlor spätestens nach einer Stunde seinen Reiz. Der Versuch, seinen Fernseher mit dem Internet zu verbinden, um amerikanisches Fernsehen zu empfangen, war gescheitert. Eher schaffte er es, eine Mondrakete zu bauen, als das Gerät mit der WLAN-Station zu verbinden.
Was blieb, waren inhaltsleere Stunden, die sich wie Wochen vor ihm ausdehnten. Die anderen Spieler der Maveriks hielten Abstand zu ihm. Wenn er trainierte, starrten sie ihn an, als käme er vom Mond. Musste am ersten Tag liegen, als er ihnen gezeigt hatte, wie man Baseball spielte. Ehrlich, er hätte die ganze verdammte Mannschaft mit der linken Hand auf den Rücken gebunden schlagen können.
Er hätte nichts dagegen gehabt, sich nach dem Training auf ein Bier zu treffen, aber er befürchtete, nur Absagen zu bekommen, wenn er die anderen Spieler fragte.
Sein Essen kam. Zusammen mit einem hohen Glas. Weizenbier. Der Nektar, der ihn am Leben erhielt. Das Zeug hatte mehr Kalorien, als gut für ihn war. Wenn er so weiter machte, würde er abends eine zusätzliche Joggingrunde einlegen müssen. Der Gedanke daran ließ ihn einen tiefen Schluck von dem Bier nehmen. Seine Stimmung war genauso miserabel wie das Wetter.
13
„Ist das alles? Drei Tage die Woche zwei Stunden?“
„Es tut mir leid, Sabrina. Zurzeit benötigen wir keine Sprachlehrer. Seit man für ein paar Euro im Internet Sprachkurse belegen kann, sind unsere Schülerzahlen dramatisch gesunken. Dieser Privatkurs ist das einzige, was ich dir anbieten kann. Und das auch nur, weil keiner unserer Stammlehrer vormittags Zeit hat.“
„Danke, Susanne. Ich werde es versuchen. Sechs Stunden die Woche ist besser als nichts.“ Sabrina versuchte sich in einem tapferen Lächeln, während die Frage durch ihren Kopf kreiste, wie sie die laufenden Rechnungen bezahlen sollte, wenn sie nicht einmal einen vollen Arbeitstag pro Woche vorweisen konnte.
Es ist besser als nichts, beschwichtigte sie sich in Gedanken. Außerdem habe ich so genügend Zeit, um an meinem Buch zu arbeiten. Von dem es bis jetzt nicht eine Zeile gibt.
„Wann soll ich anfangen?“
„Nächste Woche.“ Susanne gab ihr einen Ordner. „Hier drin steht alles, was du über deinen Schüler wissen musst.“ Dann reichte sie drei Bücher nach. „Und hier ist das Unterrichtsmaterial. Grammatikfibel und Übungsbuch. Herr James sagte, er verfüge bereits über Basiswissen. Er ist Amerikaner, aber seine Mutter ist Deutsche. Du musst also nicht bei null anfangen. Lass mich wissen, wie es läuft. Wir möchten zufriedene Kunden, also stelle dich auf seine Wünsche ein.“
„Natürlich.“
„Euer erstes Treffen ist am Montag, im Klatschblatt in Schwabing. Herr James hat eine Abneigung gegen Klassenzimmer.“ Susanne verdrehte die Augen. „Aber egal, Hauptsache, er ist glücklich. Die Adresse und die Uhrzeit findest du im Ordner. Ebenso ein Foto von Don James.“
„Alles klar.“ Sabrina verstaute die Sachen in ihrer Umhängetasche und stand auf. „Vielen Dank, Susanne. Ich weiß das zu schätzen.“
„Keine Ursache. Schön, dich wieder im Team zu haben.“
14
„Hallo Süße, wie wäre es mit einem Drink?“
„Nein danke, Opa.“ Die hübsche Blondine, die er angesprochen hatte, warf ihm einen mitleidigen Blick zu und drehte sich von ihm weg. Für einen Augenblick war er sprachlos, dann drehte er sich ebenfalls um und setzte sich an einen Tisch, weit weg von ihr.
Ist sie minderjährig? Anders konnte er sich die Abfuhr nicht erklären. Okay, sie sah jünger aus als er. Anfang zwanzig, schätzte er. Mit seiner sportlichen Figur, den braunen Haaren und grünen Augen hielt er sich für einen gut aussehenden Mann. Außerdem war er erst dreißig Jahre alt. Zu jung, um mit Opa angesprochen zu werden. Vielleicht hatte er sich verhört und sie hatte etwas anderes als Opa gesagt.
Trotz des inneren Dialogs fühlte er sich nicht besser. Sein Gefühl sagte ihm, dass er sie richtig verstanden hatte. Dann noch dieser Blick! Sie hatte ihn gemustert, als sei er ein alternder Perverser, der junge Mädchen anmachte.
Wahrscheinlich ist sie erst siebzehn, oder sechzehn. Unter dem Make-up ist es schwierig, das wahre Alter zu schätzen. Dann aber sah er Bernd Masche. Selbst in den USA kannte man den berühmten Formel-1-Fahrer. Der Mann war Mitte vierzig und hatte vor einigen Jahren seine Karriere beendet. Es war bekannt, dass er regelmäßig im P1, dem Münchner Promi-Club, verkehrte. Er sprach die Blonde an, die sich mit strahlendem Lächeln zu ihm wandte und nichts dagegen hatte, als er etwas für sie bestellte.
Und mich nennt sie Opa? Alles, was sie will, ist jemand, der regelmäßig in den Schlagzeilen erscheint, Geld hat und mit dem sie sich auf dem Oktoberfest sehen lassen kann.
Genau wie die Frauen, mit denen er bisher seine Zeit verbracht hatte. Der Gedanke war wie ein Schlag ins Gesicht. Bisher hatte es ihn nicht gestört, dass all die Groupies hinter ihm her waren, weil er ein berühmter Sportler war. Um ehrlich zu sein, hatte er nie darüber nachgedacht. Jetzt aber machte ihm die Eingebung zu schaffen. Was sagte es über ihn aus, wenn die einzigen Frauen, die etwas mit ihm zu tun haben wollten, nur auf seinen Status und sein Geld aus waren?
Don trank das restliche Bier aus, stand auf und warf ein paar Scheine auf den Tisch. Er ging nach draußen und stemmte sich gegen den eisigen Wind, der ihm entgegen wehte. Ich hasse Deutschland. Ich kenne hier niemanden und das Training ist ein schlechter Witz.
Was zur Hölle hatte er sich dabei gedacht, sich von ein paar durchgeknallten Frauen aus seinem Heimatland jagen zu lassen? Morgen würde er Trevor anrufen. Er war seit zwei Wochen in München. Es war Zeit, seinen Agenten daran zu erinnern, womit er sein Geld verdiente.
15
„Die Probekapitel sind so gut wie fertig, Eve. In einer Woche sende ich dir alles per E-Mail. Versprochen!“ Sabrina beendete das Gespräch und vergrub den Kopf in den Händen. In einer Woche dreißig Seiten zu schreiben war normalerweise nicht das Problem. Wenn man aber, wie sie, unter einer Schreibblockade litt, war es ein Fiasko.
Sie hatte noch keine Zeile geschrieben, die es wert war, veröffentlicht zu werden. Ihr erstes Kapitel war genau drei Seiten lang. Drei Seiten, die sie planlos drauflos geschrieben hatte in der Hoffnung, wenn sie lange genug schriebe, würde sich die Normalität wieder einstellen und die Wörter und Ideen zu ihr zurückkommen.
Diese Hoffnung hatte sich nicht erfüllt. Sie hatte noch nichts gelöscht, sondern die Datei abgespeichert. Aber sie wusste, dass nicht ein Satz darunter war, den sie Eve schicken konnte.
Die nächste Hypothekenzahlung stand an. Auf ihrem Tisch stapelten sich die Rechnungen und alles, was sie hatte, war ein Job als Deutschlehrerin sechs Stunden die Woche. Wenn sie in diesem Tempo weiterschrieb, konnte sie auf den nächsten Vorschuss in etwa drei Jahren hoffen. Das Problem war nur, niemand würde das, was sie zu Papier brachte, drucken wollen.
„Ich muss diese Blockade überwinden“, murmelte sie und hob den Kopf. Sie stand auf und ging ins Badezimmer. Ihre blonden Locken hingen schlaff nach unten. Ihr schmales Gesicht sah um zehn Jahre gealtert aus und sie hätte schwören können, die Falten, die sie sah, seien gestern noch nicht da gewesen. “Dreißig Jahre alt, und ich sehe aus wie vierzig. Meine Dates hätten die Flucht ergreifen müssen und nicht ich.“
16
Nicht schlecht! Don musterte die Frau, die sich zwischen den eng gestellten Tischen zu ihm kämpfte. Dem entschlossenen Gesichtsausdruck und den Büchern, die sie unter einen Arm geklemmt hatte, nach war er ziemlich sicher, dass die gut aussehende Blondine seine Lehrerin sein musste.
Das könnte Spaß machen, war der zweite Gedanke, der ihm durch den Kopf schoss.
„Sind Sie Don James?“, fragte sie, als sie es zu seinem Tisch geschafft hatte. Don stand auf und schüttelte ihre Hand. Die Idee mit dem falschen Nachnamen kam von Trevor. „Je weniger Menschen von deinem Aufenthalt in Deutschland wissen, desto besser“, hatte sein Agent gesagt.
„Sie müssen Sabrina König sein.“ Don ließ seinen Blick an ihrem Körper hinabgleiten. Ein Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus. Wer hätte gedacht, dass seine Sprachlehrerin so attraktiv sein würde. Blonde Haare, eine fantastische Figur und ein ausdrucksstarkes Gesicht mit großen blauen Augen. Keine Frage, er war im Himmel gelandet.
„Das bin ich.“ Sie lächelte, aber es war ein zurückhaltendes Lächeln, das nicht ihre Augen erreichte. Sabrina setzte sich und breitete die Bücher auf dem Tisch aus. Schade, der Anblick ihrer schlanken Beine in den engen Jeans hatte ihm gefallen. Die weiße Bluse, die sie trug, war bis oben hin zugeknöpft. So, als wollte sie keine Spekulationen aufkommen lassen.
„Wie ich höre, verfügen Sie bereits über ein gewisses Basiswissen. Ihre Mutter ist Deutsche?“
„Ja. Wie wäre es, wenn wir nicht so formell sind und das Siezen lassen?“
„In Ordnung. Don.“ Sabrina musterte ihn kritisch. Don lehnte sich in seinem Stuhl zurück. Er kaute Kaugummi und sah sie an, als stelle er sie sich nackt vor. „Du sprichst bereits sehr gut deutsch“, sagte sie, ordnete die Bücher auf dem Tisch und bemühte sich um einen kühlen, professionellen Tonfall.
„Nicht wirklich. Eine richtige Unterhaltung ist noch immer zu viel für mich. Aber ich kann mein Essen bestellen und im Supermarkt komme ich auch zurecht. Was man so Supermarkt nennt in Deutschland.“
„Ich habe einige Bücher mitgebracht. Am besten fangen wir mit ein paar Grammatikübungen an, damit ich sehen kann, wo deine Lücken sind.
„Okay.“ Don nahm das Arbeitsheft, das sie ihm entgegenhielt, und las sich die Aufgaben durch. Es dauerte nicht lange und er schrieb eifrig.
„Ich bin fertig.“ Don schob das Arbeitsheft zu ihr hinüber. Seine Lösungen hatte er mit einem Bleistift in Blockschrift eingefügt.
„Gut.“ Sabrina holte ihre Lesebrille aus der Tasche und begann mit der Korrektur. Obwohl sie ihren Blick fest auf das Heft gerichtet hatte, spürte sie, wie ungeniert Don sie ansah. Ihr wurde heiß.
Sexy. Sie war definitiv sexy, aber auf eine subtile Art. Anders als die Frauen, mit denen Don sonst zu tun hatte. Ihr Sex-Appeal wurde nicht durch ultrakurze Röcke, lange Haare und eine große Oberweite unterstrichen. Nein, bei Sabrina war es das, was man unter der Kleidung vermutete, die Art, wie sie sich bewegte. Sie war grazil und schlank mit der Anmut einer Tänzerin.
„Das war schon ganz gut. Wir haben einiges zu tun, was die korrekte Nutzung der Zeiten angeht und die Satzstellung. Aber das ist nicht schlimm. Am besten beginnen wir gleich mit der ersten Übung.“
Sabrina erläuterte die Feinheiten der deutschen Grammatik. Don hörte zu. Mehr oder weniger. Die Begeisterung, mit der sich seine Lehrerin in den Unterricht stürzte, faszinierte ihn mehr als der richtige Gebrauch des Plusquamperfekts.
Ihre Lippen waren fein geschwungen. Ihr Mund dazu gemacht, geküsst zu werden. Wenn diese verdammte Bluse nur ein bisschen weiter aufgeknöpft wäre, könnte er einen Blick darauf erhaschen, was darunter lag.
Schwarze Spitze. Jede Wette, sie trug einen BH aus schwarzer Spitze und einen String.
„Don?“
„Ja.“
„Kannst du mir folgen?“
Er nickte. „Absolut.“
„Wovon habe ich gerade gesprochen?“
Sie hatte ihn erwischt. Wahrscheinlich, weil er sabbernd vor ihr saß. „Also …“
„Ich würde es sehr begrüßen, wenn du dich konzentrieren würdest.“ Der Ton war eiskalt. Damit könnte sie locker die Klimaerwärmung aufhalten.
„Tut mir leid. Ich bin noch immer im Jetlag.“
„Vielleicht sollten wir nächste Woche weitermachen.“ Sabrina stand auf, stopfte die Bücher in ihre Tasche und gab ihm eines. „Du kannst in dem Arbeitsbuch die Aufgaben sieben bis zehn bearbeiten. Alle Informationen dazu findest du in dem Grammatikbuch hier. Ich schaue mir das Ganze am Montag an und dann machen wir weiter. Ich hoffe, bis dahin bist du ausgeschlafen.“
Sie stand auf, schlang sich ihre Tasche über die Schulter, sagte noch „Bis dann“ und ging.
17
Prima! Sabrina starrte auf den Bildschirm. Zum ersten Mal seit Wochen hatte sie einen normalen Arbeitstag hinter sich. Einen, an dem ihre Finger nur so über die Tasten flogen. Das Resultat war ein Porno.
„Vielleicht sollte ich es mit Erotik versuchen“, murmelte sie, als sie die Szene erneut las. Eine schwüle Sexszene, in der die Kleidungsstücke nur so flogen. „Puh.“ Sie fächelte sich Luft zu, draußen schneite es, aber hier drinnen fühlte es sich an wie auf einer tropischen Insel.
Seltsamerweise sah der männliche Protagonist aus wie Don. „Der Typ ist sexy, aber ein Idiot“, murmelte sie. „Andererseits ist das die ideale Kombination für so eine Story.“ Bilder von Don wanderten durch ihren Kopf. Wie er sich, Kaugummi kauend, zufrieden in seinem Stuhl zurückgelehnt hatte. Die langen Beine von sich gestreckt, Daumen in die Hosentaschen eingehakt. Der Mann hatte sie mehrmals von oben bis unten gemustert.
Sabrina wurde warm bei dem Gedanken. Vor allem, wenn sie sich das vorstellte, was sie eben geschrieben hatte. Don. Nackt. In ihrem Bett.
„Wenn er nicht so von sich selbst überzeugt wäre, könnte er mich in Versuchung bringen.“
Sie starrte den Bildschirm an. Normalerweise schrieb sie Liebesromane, aber diese Szenen waren zu heiß dafür. Die Geschichte zu sehr von der sexuellen Anziehungskraft dominiert.
„Ich habe nicht genug Sex.“
Wieder fächelte sie sich Luft zu.
„Tu es für dich, nicht für deine Bücher. Dummerchen“, sagte Daniela. Sie lehnte sich in dem Stuhl zurück und sah Sabrina über den Rand ihrer Tasse an. „Nicht alles muss gut für deinen Beruf sein. Manchmal reicht es, wenn es gut für dich ist.“
„Ich glaube nicht, dass Don gut für mich ist. Der Typ ist total von sich eingenommen.“ Sie schüttelte den Kopf. „Außerdem kann mich das meinen Job kosten. Der Deutschunterricht ist zurzeit das Einzige, womit ich Geld verdiene.“
„Immer noch die Schreibblockade?“
„Nicht mehr. Dafür schreibe ich jetzt Pornos.“
„Siehst du. Genau davon rede ich. Du hast zu wenig Sex. Kaum triffst du einen Mann, der dich auf der körperlichen Ebene anzieht, zeigt dein Unterbewusstsein sofort, was du brauchst. Sex. Ohne Bindungen. Ohne Verpflichtungen.“
„Ich habe verstanden.“ Sabrina hob die Hand, um den Redefluss ihrer Freundin zu stoppen. Ihr war schon heiß und die Bilder, die Danielas Worte hervorriefen, waren weder jugendfrei noch geeignet als Material für ihren nächsten Roman.
„Also, was hast du vor?“
„Nichts. Ich werde Don weiterhin Deutschunterricht geben. Mehr nicht.“
„Mehr nicht? Bist du verrückt? Du lernst einen Mann kennen, der gut gebaut ist, super aussieht und eine tolle Zeit im Bett verspricht. Und das lässt du dir entgehen?“
„Wer sagt, dass er gut im Bett ist? Das ist nur eine Vermutung.“
„Man könnte meinen, du wärest sechzig. So vernünftig bist du.“
„Daniela, ich muss Geld verdienen. Eine Affäre, die meine einzige Einkommensquelle bedroht, kann ich mir nicht leisten.“
„Wie du meinst. Dann also nur Arbeit. Kein Vergnügen.“
„Das ist der Plan.“
18
„Nie rufst du mich an!“
Don zog eine Grimasse. Zum Glück hatte seine Mutter keine Skype-Kamera und konnte ihn nicht sehen. „Ich habe es gestern versucht“, log er. „Außerdem ist es mit der Zeitverschiebung nicht so einfach. Jedes Mal, wenn ich daran denke, dich zu kontaktieren, passt es von der Zeit her nicht.“
„Alles Ausreden.“ Auch ohne sie zu sehen, wusste Don, dass seine Mutter eine wegwerfende Handbewegung machte. „Wie gefällt es dir in Deutschland?“, fragte sie. „Hast du dir schon Schloss Neuschwanstein angesehen?“
„Nein. Ich bin noch nicht dazu gekommen. Ich war damit beschäftigt, mich einzuleben und zu trainieren.“
„Vergiss deinen Sport. Deutschland ist ein Land mit einer jahrhundertealten Kultur. So etwas findest du in den Staaten nicht. Also mach es wie jeder Tourist und schau dir das Land an.“
„Das werde ich, Mom. Aber es muss nicht in der ersten Woche sein.“
„Ich kenne dich“, fuhr seine Mutter fort. „Du denkst den ganzen Tag nur an Baseball und nicht daran, zu leben. Was ist mit den Frauen? Gibt es jemanden, der dich interessiert?“
„Nein. Ich habe keine Zeit für so etwas.“ Wieder eine Lüge. Aber das Letzte, was er tun würde, war, seiner Mutter von seiner Sprachlehrerin zu erzählen.
„Niemand kennt dich dort, nicht wahr?“
„Natürlich nicht. Die Deutschen habe keine Ahnung von Baseball.“
„Diese Auszeit könnte gut für dich sein. Das ist möglicherweise die Chance, jemanden zu finden, der sich in dich verliebt und nicht in deinen Status.“
„Mom, du klingst wie ein schlechter Therapeut.“
„Ich meine es ernst. Ich glaube, du hast nur deshalb keine richtigen Beziehungen, weil du nie weißt, ob eine Frau an dir oder deinem Status interessiert ist.“
„Tut mir leid, aber ich muss jetzt gehen. Das Training fängt in einer halben Stunde an und bei dem Verkehr hier kann ich froh sein, wenn ich es in einer Stunde schaffe.“
„Na gut. Aber rufe mich wieder an. Wenn ich in zwei Tagen nichts von dir höre, fliege ich nach Deutschland.“
Don unterbrach die Verbindung. Er hatte ein schlechtes Gewissen, denn in diesem Gespräch hatte er öfter gelogen als die Wahrheit gesagt. Er mochte seine Mutter, aber sie konnte es nicht lassen, ihm vorzuschreiben, wie er sein Leben führen sollte. Allein der Gedanke, sie könnte nach Deutschland kommen, ließ ihn schaudern. Nein, er würde sie morgen noch anrufen und sich dann mehr Zeit für das Gespräch nehmen. Vielleicht konnte er die Unterhaltung auf unverfängliche Themen lenken.
Don stand auf, um sich ein Bier zu holen und mit dem abendlichen Ritual des Channel Hoppings zu beginnen. Deutsches Fernsehen trieb ihn noch immer zur Verzweiflung, aber manchmal zeigten sie einen Film, den man sich ansehen konnte.
Er wollte nicht darüber nachdenken, was seine Mutter gesagt hatte. Sie hatte unrecht, wenn sie dachte, in den USA wären die Frauen nur an seinem Promistatus interessiert. Er brauchte keine Frau, die in ihn verliebt war und ihm vorschrieb, was er zu tun und zu lassen hatte. Ihm gefiel sein Lebensstil. Er war ungebunden, konnte Sex haben, mit wem er wollte, und führte genau das Leben, das er sich vorstellte. Zumindest wenn er nicht in Deutschland war.
19
„Sabrina, du bist zu spät!“ Ihre Mutter stand im Türrahmen und sah sie vorwurfsvoll an. Es war exakt zwei Minuten nach zwölf. Bei anderen Familien wäre das nicht tragisch, aber in ihrer Familie war es gleichbedeutend mit einem Skandal.
Jeden Sonntag, pünktlich um zwölf Uhr, stand das Essen auf dem Tisch.
„Tut mir leid. Ich weiß nicht, was heute los war, der Verkehr war mörderisch.“ Sie hauchte ihrer Mutter einen Kuss auf die Stirn und ging ins Esszimmer. Dort saßen bereits ihr Vater, ihre Großmutter und ihre Schwester an dem großen, ovalen Tisch.
„Hi, Schwesterlein. Mal wieder zu spät?“ Marion, ihre ältere Schwester, hob spöttisch die Augenbrauen.
„Du wohnst im gleichen Haus, da ist es keine Kunst, pünktlich zu sein“, konterte Sabrina.
„Kinder, kein Streit“, sagte ihre Mutter automatisch.
„Hallo Papa.“ Sabrina beugte sich hinunter und gab ihrem Vater einen Kuss auf die Wange. Dann begrüßte sie ihre Großmutter.
„Zu meiner Zeit hatte man Respekt vor den Eltern. Ich bin nie zu spät zum Essen gekommen.“
„Ich weiß, Oma.“ Sabrina setzte sich und belud sich den Teller mit Kartoffelbrei und Braten.
„Wie geht es dir?“, fragte ihre Mutter.
„Gut. Kann nicht klagen“, murmelte Sabrina. Ihre Eltern wussten nichts von ihrer Schreibblockade und dabei würde es auch bleiben. Wenn sie davon erzählte, müsste sie sich nur endlose Vorträge anhören, dass sie einen „richtigen“ Beruf ergreifen solle.
„Wie schaut’s an der Männerfront aus?“
Natürlich. Die Frage kam von Marion.
„Nicht schlecht. Wo ist Achim?“
„In China.“ Es war kaum möglich, aber Marion sah noch zufriedener aus als sonst. „Er ist jetzt für das Asiengeschäft verantwortlich.“
„Prima. Dann könnt ihr ja daran gehen, für Nachwuchs zu sorgen.“ Sabrina grinste. Sie wusste genau, wie sehr Marion dieses Thema hasste, denn ihre Mutter ließ keine Gelegenheit aus, sie daran zu erinnern, wie gerne sie endlich Großmutter werden wollte. Und richtig …
„Sabrina hat recht. Wann geht ihr endlich die Familienplanung an? Ich werde nicht jünger.“
„Mutter! Das haben wir schon x-mal diskutiert.“
Sabrina widmete sich ihrem Essen. Jetzt würde sie mindestens eine ungestörte halbe Stunde haben.
20
Wieder beobachtete Don, wie elegant sich Sabrina durch die Tische schlängelte. Heute trug sie eine schwarze, enge Hose und einen hellblauen Sweater.
Vielleicht sollte ich meinen Charme an ihr austesten?
Nach dem letzten Treffen mit ihr hatte er beschlossen, sich auf seine Rückkehr in die USA zu konzentrieren. Den Sprachunterricht setzte er nur fort, weil ihm langweilig war. Jetzt aber kam ihm ein neuer Gedanke. Sie wusste nicht, wer er tatsächlich war. Und sie schien ihn nicht besonders zu mögen, wenn er danach ging, wie eisig sie bei ihrer letzten Stunde geklungen hatte.
Sie ins Bett zu bekommen wäre eine Herausforderung. Genau das, was er brauchte. Außerdem könnte er sich damit beweisen, dass er Frauen haben konnte, die nicht an seinem Promistatus interessiert waren.
Der Gedanke ließ ihn innehalten. Offensichtlich hatten die Worte seiner Mutter mehr Wirkung gehabt, als er gedacht hatte. Er musste nichts beweisen. Alles, was er wollte, war ein wenig Spaß.
„Das mit letzter Woche tut mir leid. Ich war müde und habe mich nicht konzentrieren können.“ Don versuchte so auszusehen, als sei es ihm ernst mit seiner Entschuldigung. Es fühlte sich so an, als würde er eine Grimasse ziehen. Wahrscheinlich lag das an der fehlenden Übung. Er entschuldigte sich selten.
„In Ordnung. Ich habe überreagiert und das tut mir leid.“
„Dann können wir heute also neu anfangen?“
„Absolut.“ Sabrina entnahm ihrer Umhängetasche mehrere Bücher. „Ich habe dir einen Thriller zum Lesen mitgebracht.“
„Ein Buch?“
„Ja. Liest du nicht gerne?“
„Meist habe ich keine Zeit dazu“, log er. Dann nahm er den Wälzer, den sie ihm hinhielt. „Das ist ziemlich dick.“
„Ich dachte mir, du bevorzugst spannende Bücher, und die von Stieg Larsson gehören zu den besten.“
„Okay.“ Don betrachtete das Taschenbuch, als wäre es ein Baseball, der mit 150 Stundenkilometern auf ihn zuraste.
„Wie sieht es mit den Aufgaben aus, die ich dir gestellt habe? Hattest du Schwierigkeiten?“
„Nein. Das war okay.“ Don schob das Aufgabenheft zu ihr hinüber und sie überflog seine Lösungen.
„Das ist sehr gut.“
„Ich hatte Zeit.“ Don lehnte sich in seinem Stuhl zurück und beobachtete Sabrina, die mit gerunzelter Stirn in einem Buch blätterte. Wenn er bei ihr Erfolg haben wollte, musste er sie besser kennen. Sie beobachten und analysieren, genauso, wie er es bei einem Pitcher der gegnerischen Mannschaft täte. Wie sah sie aus, wenn sie genervt war oder wenn sie etwas sagte, was nicht der Wahrheit entsprach? Was gefiel ihr, womit verbrachte sie ihre Freizeit und worüber freute sie sich?
Sabrina sah auf und lächelte, aber das Lächeln erreichte nicht ihre Augen. Freundlich, aber distanziert.
„Du sagtest, du hättest eher Probleme dabei, dich zu unterhalten. Wie wäre es, wenn du mir von deinem Beruf erzählst? Ich korrigiere dich, wenn du Fehler machst.“
„Das wird langweilig werden für dich.“
„Das macht nichts.“ Sabrina lächelte wieder. Auch dieses Mal erreichte es nicht ihre Augen.
„Ich spiele in der Minor League“, begann Don.
„Ist das eine hohe Spielklasse?“
„Ziemlich, aber es ist nicht die höchste Klasse. Das wären entweder die National League oder die American League. Ich spiele in der Minor League in einem Triple-A-Team. Es ist okay, aber ich habe nie den Sprung in die Top-Leagues geschafft.“ Don zog eine Grimasse. Der letzte Satz war gleichbedeutend mit dem Eingeständnis, ein Verlierer zu sein. Es fiel ihm nicht leicht, so zu tun, als hätte er es in seinem Beruf nicht wirklich an die Spitze geschafft.
„Du bist noch jung, das kannst du bestimmt noch schaffen.“
„Nein. Ich bin dreißig Jahre alt, der Zug ist abgefahren.“ Allmählich hatte er genug von seiner "Ich-bin-ein-Verlierer"-Geschichte. „Was ist mit dir? Wie kommt es, dass du Sprachlehrerin geworden bist?“, fragte er, um von sich abzulenken.
„Ich habe Germanistik studiert.“ Sabrina wich seinem Blick aus und blätterte in einem der Bücher. „Nach dem Studium war es nicht leicht, einen Job zu finden. Eine Sprachschule bot mir eine Stelle an und ich blieb dort hängen. Aber das ist gut so, denn ich habe flexible Arbeitszeiten und tagsüber viel Zeit, weil die meisten Unterrichtsstunden nachmittags und abends stattfinden.“ Sie markierte einige Übungen und reichte ihm das Arbeitsheft. „Das sind deine Hausaufgaben für Mittwoch. Jetzt machen wir mit Grammatikübungen weiter.“
„Okay.“ Don nahm das Heft und setzte sein Pokerface auf. Alles an ihrer Körpersprache und ihrer Reaktion verriet, dass sie gerade gelogen hatte. Die Frage war nur, warum?
Zwei Stunden später war er zurück in seiner kleinen Wohnung. Er setzte sich auf die Couch und betrachtete nachdenklich das Buch, das Sabrina ihm mitgegeben hatte. Er hatte nie gern gelesen. In der Schule war es eine lästige Pflicht gewesen, der er ausgewichen war, indem er sich Zusammenfassungen der für den Unterricht notwendigen Bücher besorgt hatte.
Der Wälzer wog schwer in seiner Hand. Verdammt viele Wörter für jemanden, der noch nie einen Roman gelesen hatte.
Trotzdem schlug er die erste Seite auf. Er wollte einen guten Eindruck machen, also würde er das Ding lesen, auch wenn er vor Langeweile dabei einschlief.
Eine Stunde später klingelte sein Handy.
„Don, wo steckst du? Wir hatten einen Telefontermin vor einer halben Stunde.“
Trevor. Er klang nicht glücklich.
„Sorry, aber ich habe die Zeit vergessen.“ Don legte das Buch zur Seite. Stieg Larsson wusste, wie man Spannung aufbaute. Don hätte nie gedacht, dass er es einmal bedauern würde, wenn ihn jemand beim Lesen unterbrach. „Gibt’s was Wichtiges?“
„Nein, ich wollte nur hören, wie es dir geht, und sicherstellen, dass du nicht vor Langeweile und Einsamkeit in Depressionen versinkst.“
„Sehr witzig. Wenn es nichts zu besprechen gibt, lass uns morgen telefonieren. Ich bin beschäftigt.“
„Womit? Hast du eine Frau bei dir?“
„Du klingst wie meine Mutter. Ich melde mich morgen.“ Don unterbrach das Gespräch, bevor Trevor weitere Fragen stellen konnte. Er hätte seinem Agenten die Wahrheit sagen können, aber dann würde Trevor ihn noch in zehn Jahren damit aufziehen. Don und Bücher waren zwei Wörter, die selten in einem Satz vorkamen.
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