Kitabı oku: «Imkersterben»
Patricia Brandt
Imkersterben
Kriminalroman

Impressum
Personen und Handlung sind frei erfunden.
Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen
sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
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Alle Rechte vorbehalten
Lektorat: Teresa Storkenmaier
Herstellung/E-Book: Mirjam Hecht
Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart
unter Verwendung eines Fotos von: © Christoph Burgstedt /
shutterstock.com
ISBN 978-3-8392-6754-7
Widmung
Für Ilona
Vorwort
Ich kenne Patricia Brandt als Journalistin, und natürlich war ich sehr neugierig auf ihren neuen Krimi. Ich sagte ihr sofort zu, ein Vorwort zu verfassen, wenn ich auch gerade an meinem neuesten Buch über Bienenforschung saß.
Honigbienen sind potenzielle Opfer. Täter sind wir alle. Die Bienen sterben, wenn wir uns nicht ausreichend um sie kümmern. Das Bienensterben ist aber kein Fall für die Justiz.
Sterben aber nicht die Bienen, sondern Imker eines nicht natürlichen Todes, stellt sich sofort die Frage: Was außer den Stichen der Bienen kann Imkern so gefährlich werden, dass sie es mit ihrem Leben bezahlen? Ohne zu viel verraten zu wollen, es geht um dunkle Honiggeschäfte.
Wer »Imkersterben« liest, taucht ein in die Welt der Imker. Patricia Brandt ist ein spannender Krimi gelungen, der die Leser zusätzlich mit vielen interessanten Fakten rund um das Thema Bienen versorgt. Es ist eigentlich eine wunderbare und friedvolle Tätigkeit, Honigbienen zu halten, aber in »Imkersterben« wird sie lebensgefährlich …
Jürgen Tautz, Bienenforscher und Professor i.R. an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg
Mai
Oke
Das Fischhus war eine etwas bessere Bretterbude. Ein Vorzelt schützte die Gäste vor der steifen Brise, die an diesem Mittag den Duft von salzigem Meer herüberwehte. Als er die Plane beiseiteschob, zogen sich am Himmel bereits im Eiltempo dunkle Wolken zusammen.
In der Strandbude umfing ihn eine heimelige Atmosphäre. Fischbudenbesitzerin Wencke Husmann hatte zwei Sturmlaternen auf dem Tresen entzündet. Überhaupt war das Fischhus nach seinem Geschmack. Von der Decke baumelten alte Fischernetze, rechter Hand hing ein verblichener Rettungsring. In diesen vier windschiefen Wänden verlief das Leben, wie Oke es liebte: suutje.
Im Fischhus ließen sich ganze verregnete Nachmittage verbringen. Irgendeiner erzählte immer Döntjes. Nur nicht an diesem ungewöhnlich kühlen Tag im Mai. Natürlich nicht. Die Stimmung schien gedämpfter als sonst, was nicht verwunderlich war. Immerhin gab es einen unnatürlichen Todesfall zu beklagen.
Jan Husmann erblickte ihn sofort, obwohl die Fischbude gerammelt voll war. »Hier rüber, Oschi!« Jan wischte seine Hände an der weißen Schürze ab und schenkte ihm einen dampfenden Kaffee ein. Oke schnupperte. Es schien sich um echten Kaffee zu handeln. »Ist deine Frau ausgewandert?«
Jan Husmann blickte schuldbewusst über die Schulter zum Tresen, wo seine Gattin emsig Gemüse putzte. »Den Kaffee hab ich heimlich in der Thermoskanne von zu Hause mitgebracht.« Wencke hatte in letzter Zeit einen Ernährungsfimmel entwickelt, den sie mehr und mehr an ihren Gästen auslebte. Deren Meinung dazu war übrigens geteilt: Während sich die hippen Hamburger für die neue Speisekarte begeisterten, trafen die veganen Avocado-Bowls und vor allem der neue Lupinenkaffee bei vielen Einheimischen nicht gerade auf Gegenliebe. Derart neumodischen Kram lehnten sie kategorisch ab.
Die meisten Hohwachter wünschten sich wie Oke ein Fischbrötchen ohne viel Gedöns und dazu einen Becher anständigen holsteinischen Kaffee.
Wencke Husmann hatte seine Blicke offenbar gespürt, denn sie nickte ihm zu, legte die Gemüsebürste beiseite und trat hinter der Theke hervor. »Okay, Leute, hört bitte mal her. Wir fangen jetzt mit der Schweigeminute an. Am besten ihr steht alle auf.«
Barhocker wurden zur Seite geschoben, Kleidung raschelte, ein Gast schrie kurz auf und gab anschließend ein asthmatisches Röcheln von sich. Oke sah, dass Wenckes Hund Wolfgang sich im Bein des Gastes verbissen hatte. Wolle mochte es nicht, wenn die Gäste plötzlich von ihren Plätzen aufstanden. »Pfui, Wolle, aus!« Mit einem kurzen Ruck zog Wencke den Hund von dem begehrten Schenkelknochen weg.
Jan Husmann hüstelte und brachte damit die letzten Stimmen zum Schweigen. Dann setzte der Wirt mit den Dreadlocks und dem tätowierten Anker auf dem Arm zu einer Ansprache an – für den kürzlich überraschend verstorbenen Förster: »In Gedenken an Kurt.« Jan schaute in die Gesichter der Umstehenden.
Reihum gab es viele betroffene Mienen. Die meisten hielten den Blick gesenkt, betrachteten ihre Schnürbänder oder die abgenutzten Dielen des Fischhuses. Einige Dorfbewohner hatten sogar die Finger wie zum Gebet verschränkt. Ein Mann in knallroter Outdoorjacke sah von einem zum anderen und kratzte sich verlegen am Kopf. »Wir alle kannten Kurt Tietjen. Manche von uns hatten ihre Schwierigkeiten mit ihm. Doch Kurt war auch Ehemann und Vater. Ein Mensch.«
Jemand lachte auf.
»Ein Mensch, der plötzlich und auf grausame Weise aus unserer Mitte gerissen wurde«, fuhr der Redner unbeirrt fort, wobei sich seine Stimme in eine höhere Tonlage schraubte: »Mord in Hohwacht! Viele von uns fühlen sich hier nicht mehr sicher.«
Das ging jetzt aber zu weit! Man hätte eine Stecknadel fallen hören können, es knarrte aber nur eine Diele, als Oke unwirsch sein Gewicht von einem aufs andere Bein verlagerte. Wencke stieß ihren Mann mit dem Ellbogen an: »Du schweifst ab!«
Jan räusperte sich. »Ja, ähm. Dann lasst uns jetzt einfach einen Moment in Gedenken an Kurt Tietjen schweigen.«
Die einsetzende Stille wurde genau zweimal unterbrochen. Einmal, als ein Besucher mit schweren Wanderschuhen von draußen ins Fischhus gepoltert kam und verdattert in die Runde fragte: »Was is’n hier los? Einer gestorben?«
Und das zweite Mal, als der Mann in der roten Outdoorjacke seinem Tischnachbarn zuraunte: »Treffen sich zwei Förster im Wald. Sagt der eine zum anderen: ›Ich habe deine Ehefrau getroffen.‹ Darauf erwidert der andere: ›Wo denn?‹ Antwort des Ersten: ›Zwischen die Augen.‹«
März
Tilda
Als Tilda am Strand ankam, waren die beiden schon eng ineinander verschlungen. Jedenfalls Teile von ihnen: Seine Zunge steckte in ihrem Ohr.
Hortense machte sich von ihrem Freund los und rannte über den Sand. »Hey, da bist du ja!« Sie hatte keine Schuhe an und die Fransen an ihrem schwarzen Mini-Kleid, das nach Tildas Meinung übertrieben kurz für diesen kühlen Märzabend war, flogen um ihre nackten Schenkel. Die dunkelhaarige Hortense mit den kohlenschwarz umrandeten Augen hauchte ein Küsschen in die Luft. Eigentlich kannten sich die beiden Frauen kaum: Hortense studierte in Kiel irgendwas mit Frisistik und hatte in ihren Semesterferien an Tildas Sarg-Selbstbaukursus teilgenommen.
Den Kursus bot sie erst seit Kurzem an. Es war eine Möglichkeit, sich über Wasser zu halten – Konrads Unterhalt kam nicht immer pünktlich. Zunächst hatte sie nur Vogelhäuser mit den Touristen gebaut. Doch dann brachte ein Teilnehmer sie auf die Idee mit den Särgen. Im Netz fand sie schnell diverse Anleitungen für den DIY-Sarg aus Kiefernholz. Keine zwei Wochen später ging es los: Der Clou ihres Kurses war, dass sie vorher mit den Teilnehmern Treibholz für die Deko sammelte. »Sargbau inklusive Erlebniswanderung und Probeliegen«, schrieb sie auf die Flugblätter, die sie überall in Hohwacht aushängte.
Hortense machte anfangs einen verschlossenen, düsteren Eindruck. Beim Werkeln unter Tildas Terrassenvordach hörte sie über ihr Handy komische Schrammelmusik, was die anderen Teilnehmer nervte. Tilda schaffte es, die morbiden Eigenheiten Hortenses in kreatives Schaffen umzulenken. Und als Hortenses Kiste »bezugsfertig« war, zeigte sie sogar ein wenig Begeisterung und wollte unbedingt mit Tilda eine Flasche Sekt köpfen – am Meer.
Tilda hatte sich schließlich zu dem Treffen am Hohwachter Strand überreden lassen. Vielleicht, weil sie keine Lust hatte, einen weiteren Abend allein zu verbringen. Vielleicht aber auch, weil sie hören wollte, warum Hortense glaubte, mit einem selbstgebauten Sarg »viel beziehungsfähiger« zu sein.
Wie beziehungsfähig die junge Frau war, war nicht zu übersehen. Hortense lehnte am Strandkorb und es machte ihr offenbar überhaupt nichts aus, von dem Kerl mit dem rostroten Haar abgeschleckt zu werden, als wäre er eine Schwarzbunte und sie der Salzstein.
So kurz nach ihrer Scheidung von Konrad war Tilda nicht sonderlich scharf darauf, mit einem liebestollen, noch dazu mindestens zehn Jahre jüngeren Pärchen am Strand abzuhängen. Schließlich hatte sie nicht gewusst, dass Hortenses Boyfriend mitkommen würde. Normalerweise, erfuhr sie von der nun doch etwas schuldbewusst dreinblickenden Hortense, arbeitete Gerrit in Kiel. Weil er ausgerechnet heute hatte freinehmen müssen – in seiner Firma sei die ganze Urlaubsplanung für die Tonne –, sei er mal eben nach Hohwacht gekommen, um sie zu sehen. »Und jetzt, wo er schon mal da ist, habe ich ihn mitgebracht. Das ist doch okay für dich, oder?«
Was sollte sie sagen? Dass sie sich überflüssig wie ein Kropf fühlte und sie sich obendrein den Hintern abfror? Wer kam auf die Idee, im März eine abendliche Strandparty zu veranstalten? Fröstelnd griff sie nach dem Plastikbecher, den Hortense ihr hinhielt. Die DIY-Sargbauerin goss ihrer Kursleiterin großzügig Sekt ein. »Nö, überhaupt kein Problem«, log Tilda und leerte den Becher in einem Zug. Der Sekt schmeckte ihr nicht. Das Zeug war zu süß.
Nur um irgendwas zu sagen, fragte sie Gerrit nach seinem Beruf. »Ich bin Lebensmittelchemiker in einem Honiglabor«, berichtete er und langte in die Plastikschale mit Erdbeeren, die Hortense gerade aus ihrem Picknickkorb befördert hatte. Gerrit steckte sich die Frucht zwischen die aufgeplatzten Lippen. Wahrscheinlich wundgeküsst, dachte sie frustriert. Dann beobachtete sie, wie er Hortense mit vorgestrecktem Kinn aufforderte, ihm die Erdbeere aus dem Mund zu stibitzen. Tilda hätte kotzen können.
»Ach, was ’n Zufall! Hat Hortense erzählt, dass ich Imkerin bin?« Er schüttelte den Kopf. Blöd von ihr. Sie sah ja, dass die beiden Wichtigeres zu tun hatten, als sich zu unterhalten, so verknallt, wie die waren. Wie hatte sie überhaupt annehmen können, dass Hortense ihrem Freund etwas über sie erzählte?
Die Wellen sorgten für leises Hintergrundrauschen und sie konzentrierte sich einen Moment auf ihr Getränk. Die nächste halbe Stunde verbrachte Tilda fröstelnd als fünftes Rad am Wagen. Das Gespräch wollte bei der Küsserei der beiden nicht recht in Gang kommen.
Irgendwann kamen sie doch auf Gerrits Job im Labor zu sprechen.
Wenn man diesem Rotschopf Glauben schenken wollte, waren die meisten Imker kriminell. »Erzähl keinen Quatsch!« Sie beobachtete, wie Gerrit in der Plastikschale nach weiteren Erdbeeren fingerte. Sein Haar leuchtete in dem Abendlicht in einem unglaublichen Farbton, der sie an Ahornblätter im Oktober denken ließ.
»Doch, doch.« Er schien mittlerweile ein wenig Interesse für sie aufzubringen. Vielleicht lag das an ihren langen blonden Haaren, die sie frisch mit einer Packung aus dem Drogeriemarkt gefärbt hatte, und an den regelmäßigen Honig-Quark-Packungen, dank derer sie noch ziemlich glatt aussah.
»Wieso denn?« Sie hatten sich auf ihre Jacken auf den feuchten Sand gesetzt. Die Strandkörbe dienten zugleich als Rückenlehnen und Windschutz. Während sie gespannt auf die Antwort wartete, mümmelte Hortense wortlos einen Muffin. Na ja, die imkerte auch nicht.
»Viele panschen. Es gibt schlicht zu wenig Honig in Deutschland, in der Welt, deshalb ist es so lukrativ, den Honig zu strecken.«
Tilda konnte das nicht glauben: »Ist ja irre. Wie machen die das denn? Ich meine, was genau geben die da rein?«
Der rothaarige Mann mit den vielen Sommersprossen auf der Nase nahm eine Erdbeere zwischen Daumen und Zeigefinger, betrachtete diese gedankenverloren und meinte: »Das ist kein großes Geheimnis. Die meisten mischen billigen Sirup unter den Honig. Ein gewinnbringendes Rezept.«
»Wie dreist …«, staunte Tilda. Sie selbst hatte nie etwas Unrechtes getan, wenn man von der roten Ampel absah, die sie letztes Jahr übersehen hatte.
Gerrit genoss ihre Aufmerksamkeit und Tilda stellte fest, dass sein Blick einen Tick zu lang auf dem Ausschnitt ihrer Strickjacke ruhte. Sie wusste nicht, wie sie das finden sollte.
»Wirklich dreist. Aber wir kriegen es raus. In unserem Labor, meine ich.« Er nuckelte an der Erdbeere, als wäre sie ein Schnuller oder ein weibliches Körperteil. Tildas Nackenhaare sträubten sich bei dem Gedanken.
»Also könnte es sein, dass der Honig, den ich im Supermarkt kaufe, gepanscht ist?«, fragte sie und versuchte, sämtliche sexuell gearteten Bilder aus ihrer Vorstellung zu verbannen. Er schüttelte den Kopf: »Eher nicht. Inzwischen lassen alle ihre Honige prüfen. Wir kriegen um die 800 Proben pro Tag zugeschickt. Die Exporteure wollen es genau wissen, die Importeure und die Supermärkte oft auch. Weil es so viele Honigwäscher gibt, haben alle Angst, an einen zu geraten. Honig ist heutzutage ein Milliardengeschäft.«
Tildas Blick ging in die Ferne, wo die Ostsee hinter dem menschenleeren Strand lag. Ruhig und dunkel, als wartete sie auf etwas.
»Unglaublich«, murmelte sie. Wie gern würde sie auch mal richtig Geld verdienen. Seit der Scheidung musste sie den größten Teil ihres Unterhalts mit den Kreativkursen und dem Honigverkauf bestreiten. Das funktionierte mehr schlecht als recht. Das Geld kam nur kleckerweise. Reich konnte man mit dem Bau von Särgen und dem Verkauf von Honig leider nicht werden.
Kalter Wind strich ihr über das Gesicht. Doch sie fror nicht mehr so sehr, der Sekt hatte sie innerlich aufgewärmt. Tilda beugte sich vor, streifte die geblümten Gummistiefel und die dünnen Socken von den Füßen. Mit den nackten Zehen im eiskalten Sand herumzuwühlen, gab ihr ein Gefühl von Freiheit. Genau, sie hatte kein Geld, aber sie durfte sich frei fühlen. »Yippie!«, rief sie ironisch. Sie konnte tun und lassen, was sie wollte. Bisher hatte sie mehr gelassen als getan. Hortense und Gerrit sahen sie nicht mal an, sondern knutschten wieder.
Den Kopf an die Rückwand des Strandkorbs gelehnt, die Augen geschlossen, lauschte sie den kurzen Wellen, die sich an den Steinwällen brachen.
Dann kam ihr Gerrits Schmatzen erneut zu Bewusstsein. Eklig. Mussten die beiden die ganze Zeit so feucht küssen?
Sie hielt es nicht aus, einen ganzen Abend lang unfreiwilliger Beobachter ihrer Zärtlichkeiten zu sein, und versuchte, das Gespräch wieder in Gang zu bringen: »Und ihr findet es immer heraus, wenn jemand schummelt?«
Gerrit ließ widerwillig von Hortense ab. »Was glaubst du? Wir können den Honig in die kleinsten Bestandteile zerlegen!« Er steckte sich die letzte Erdbeere in den Mund. Schade, sie hätte ebenfalls gerne eine für ihren Sekt gehabt. Warum hatte sie sich zurückgehalten? Sie würde in Zukunft mehr darauf achten, nicht mehr zu kurz zu kommen. Tilda schielte in ihren Becher und stellte fest, dass er dringend nachgefüllt werden musste. Kurz entschlossen goss sie sich großzügig nach. Hortense nahm keine Notiz davon. Sie war damit beschäftigt, »Gerrit-Maus« leidenschaftlich durch die Haare zu fahren. Er sah inzwischen aus, als wäre er rückwärts durch die Dünenrosen an der Strandpromenade gekrochen.
»Du kannst dir nicht vorstellen, was wir inzwischen alles nachweisen können! Allein die ganzen Pestizide! Wir prüfen den Honig heutzutage auf mehrere Hundert verschiedene Substanzen.« Das klang arrogant. Gerrit schien ein kleiner Wichtigtuer zu sein und sie bekam plötzlich Lust, den Rotfuchs zu provozieren.
»Ich wette, es gibt eine Methode, euch auszutricksen.«
Gerrit reagierte heftiger als erwartet: »Ausgeschlossen!« Dann lehnte er den zerzausten Kopf an Hortenses Busen und räumte ein: »Na, okay. Eine Möglichkeit gäbe es. In dem Fall könnte es passieren, dass wir mal was übersehen.«
Neugierig lehnte sie sich vor: »Und die wäre?«
Gerrit grinste schief: »Das darf ich dir leider nicht verraten.«
Bevor sie nachhaken konnte, wurde sie von trauriger Gothic-Musik aus Hortenses Handy unterbrochen. Gerrit legte den Arm um seine Freundin und zog sie hoch. Dann lief das Paar Hand in Hand zwischen den Strandkörben hindurch Richtung Meer. Die Fransen des Kleides flogen wieder um Hortenses Schenkel, als sie sich plötzlich umdrehte und rief: »Komm, Tilda. Wir gehen alle schwimmen!«
April
Oke
Ein Kleinwagen hatte sich auf der Landesstraße 165 überschlagen. Der Fiat lag schräg am Straßenrand. Herabhängende Zweige einer knorrigen Kopfweide kratzten im Wind über den Lack.
Die Straße war an diesem frühen Aprilmorgen in Dunkelheit gehüllt. Abgesehen von dem unnatürlich blauen Licht, das vom Polizeiwagen ausging. Das Blinken spiegelte sich in blicklosen Pupillen. Oke stieß den leblosen Körper auf dem Asphalt mit dem Fuß an: »Arme Sau.«
Hinter ihm widersprach eine dünne Fistelstimme: »Das ist keine Sau, sondern ein Keiler.« Oke brauchte sich nicht umzudrehen, um zu wissen, wer dort stand: Kurt Tietjen, Hohwachts neuer Revierförster. Die Kollegen aus Lütjenburg mussten ihn zur Unfallstelle gerufen haben. Dammi noch mal to!
Tietjen gehörte zu den Menschen, die einem durch bloße Anwesenheit den Tag verderben konnten. Was zum Beispiel sollte dieser Spruch? Als ob er nicht wüsste, dass eine Sau keine Hauer hatte. Aber er hatte keine Lust, sich von diesem Gernegroß belehren zu lassen. Er konnte eine arme Sau nennen, wen er wollte.
Oke verlegte sich auf grimmiges Starren. Eine Kunst, die er seit seiner Geburt beherrschte, wie seine Mutter nicht müde wurde zu betonen. »Ich meine ja nur: Nicht, dass du in deinen Polizeibericht was Falsches schreibst«, beharrte Tietjen auf seinem Hinweis. In seinem Ton lag etwas Unverschämtes. Grimmiges Starren reichte bei dem Förster nicht.
»Verdammig! Tietjen! Meine Berichte sind immer richtig!« Oke schnaufte wie ein Stier in einer spanischen Arena, was zum Teil an seiner verstopften Nase lag. Um diese Jahreszeit hatte die Grippe die Hälfte der Hohwachter fest im Griff.
Oke blickte erneut zum Kleinwagen hinüber, wo sein Kollege Vincent Gott mit dem benommen wirkenden Fahrer stand. Gott, ein 36-jähriger, unverschämt gut aussehender Kripobeamter mit Hipster-Bart, Männer-Dutt und jeder Menge Markenklamotten, hatte sich von Köln nach Schleswig-Holstein versetzen lassen. Dass Oke seither Kölsches Kauderwelsch entschlüsseln musste, dafür hatte die Deutsche Post gesorgt: Gott hatte nämlich im Glücksatlas des Unternehmens gelesen, dass an der Ostsee die glücklichsten Menschen Deutschlands lebten.
»Et kütt wie et kütt. Un et hätt noch immer jot jejange«, hörte er den Kölner gerade einen seiner Lieblingssprüche aufsagen. Adressat war das Unfallopfer, das nun Hilfe suchend in Okes Richtung schaute. »Es kommt, wie es kommt, und es ist noch immer gut gegangen«, rief Oke hinüber. Wenn noch mehr Rheinländer dem Ruf der Deutschen Post folgten, könnte er sich seinen Chefs bald als Dolmetscher anbieten.
Der Unglücksfahrer, dessen Gesichtsfarbe man bestenfalls als grau beschreiben konnte, fand offenbar überhaupt nicht, dass alles gut ausgegangen war. Mit schreckgeweiteten Augen deutete er auf seinen Wagen. Der Fiat sah aus, als wäre eine ganze Rotte Wildschweine darüber getobt.
Dabei hatte der Mann Glück im Unglück gehabt. Ein Wildunfall konnte für den Fahrer tödlich enden. Die Wucht, mit der beispielsweise ein Hirsch auf ein 60 Stundenkilometer fahrendes Auto prallte, entsprach mit fünf Tonnen dem Gewicht eines ausgewachsenen Elefanten. Wie wäre es da erst bei diesem extrem großgewachsenen Wildschwein?
Besonders viele Unfälle ereigneten sich in der Zeit von September bis Januar, weil sich die Tiere in der Brunft befanden. Sie liefen oft völlig unkontrolliert auf die Straße. Jetzt war April, trotzdem gab es Wildunfälle. Dieser Tage hatte er den Eindruck, als gäbe es seit dem Winter nichts anderes mehr zu tun, als Unfallstellen zu sichern.
Immerhin hatte ihm der Unfall ein Präparationsobjekt beschert. Und was für eins. Oke sah das Tier schon auf seiner Werkbank. Ein prächtiger Wildschwein-Vorleger-Kopf! Gleich nach Feierabend würde er den Schädel auskochen.
Obwohl, das ging nicht: Seine Frau Inse veranstaltete ja ihren Mädelsabend. Dann säße sie wieder mit Wencke Husmann und ihrer neuen Freundin Tilda Schwan in der Küche und probierte unwahrscheinliche Rezepte aus. Bis zu ihren Treffen hatte Oke jedenfalls nie davon gehört, dass man Kohlrabi grillen konnte. Die Küche war für ihn allein schon zu klein. Mit Inse und ihrem Besuch würde er sich wie in einer Besenkammer vorkommen. Außerdem würden sich die Frauen garantiert beklagen, wenn er zwischen ihnen mit der Knochensäge herumfuhrwerkte. Den Küchentisch bräuchte er eigentlich sowieso komplett für seine Zwecke.
Dann eben morgen Abend. Gern hätte er das Vieh im Kofferraum verstaut, aber dazu könnte er Gotts Hilfe gebrauchen. Und der textete immer noch das Unfallopfer zu. »Nix bliev, wie et wor«, hörte er den Kollegen sagen. Und als er den angeschlagenen Fahrer in die Wärmedecke hüllte: »Nehmen Sie die Decke. Jetz maache mer et wärm.« Wie konnte man nur so viel sabbeln? In Ostholstein waren die Menschen um einiges wortkarger. Oke hoffte, der Kollege würde sich bald umgewöhnen.
Dann versuchte er, Gott durch Handzeichen auf die arme Sau aufmerksam zu machen.
»Der Keiler bleibt, wo er ist – sonst machst du dich der Wilderei schuldig«, meldete sich Tietjen zu Wort. Dieser Striethammel ging wirklich keinem Ärger aus dem Weg.
Oke taxierte den drei Köpfe kleineren Mann. Sein stechender Polizistenblick hatte weitaus härtere Burschen einknicken lassen. Mit Genugtuung registrierte Oke, dass jetzt zumindest die Feder an Kurts Jägerhut zitterte. Eventuell lag das aber doch nur am Fahrer eines Audi TT, der in diesem Moment mit mindestens 150 Klamotten über die Landesstraße bügelte.
»250 Euronen und du kannst den Keiler haben«, stieß Tietjen hervor. 250 Euro. Viel Geld für einen Polizisten. Zumal Inse einen Bienen-Spleen entwickelt hatte, seit sie sich mit dieser Tilda Schwan angefreundet hatte. Tilda hielt Bienen, und Inse hatte sich sogar schon einen Imkeranzug im Internet bestellt. Kostenpunkt: 129 Euro.
»Ich bin Polizist, nicht Krösus«, hatte er beim Abendbrot gemurrt. Aber sie hatte gemeint, dass sie mit ihrem Job bei der Fewo-Agentur schließlich selbst Geld verdiene. Sie übernahm dort neuerdings zwei Tage die Woche den Telefondienst und vermittelte exklusive Ferienappartements an Urlauber. »Wir brauchen auch noch ein Refraktometer«, war sie ungerührt fortgefahren. Wieso wir? Er wusste nicht mal, was das war: ein Refraktometer. »Damit misst du den Wassergehalt des Honigs«, hatte Inse ihm daraufhin erklärt und in ihr mit Brunnenkresse belegtes Dinkelbrot gebissen.
»Aber wir haben ja noch nicht mal Bienen«, hatte er eingewandt. Da hatte sie ihn traurig angesehen. Und ihm war eingefallen, dass er ihr die Bienen schenken sollte – zum Hochzeitstag.
Inse hatte sogar schon Bienenvölker reserviert. Bei ihrer Freundin Tilda Schwan aus dem Nixenweg.
In Kürze sollte er die Bienen dort abholen. Die Insekten als Hochzeitsgeschenk hatten, wenn er Inse richtig verstand, einen symbolischen Hintergrund: »Weil ein Volk ewig lebt – wie unsere Liebe«, hatte seine Angetraute gemeint. Er fand die Begründung ziemlich fadenscheinig. Nichts und niemand lebte ewig. Außer vielleicht die Meyersche aus dem Neptunweg. Die war 102 Jahre alt und man musste sie wohl irgendwann dood schießen, sonst würde sie bis in alle Ewigkeit mit dem Rollator durch Hohwacht irren. Sie hatte bereits sieben Katzen überlebt. Die siebte, Mieze, lag gerade ausgeweidet auf seiner Werkbank. Draht hatte er ihr auch schon in den Schwanz gesteckt, um die Form anzupassen. Es kam beim Präparieren stark auf die natürliche Anatomie des Tieres an.
»Wenn du die Bienen schon reserviert hast, dann ist es ja keine Überraschung mehr«, hatte er eingewandt. Viel lieber hätte er ihr wie letztes Jahr eine Vase beim Möbelhaus in Schönkirchen gekauft. Vasen hatten den Vorteil, dass man für sie weder Schutzanzüge noch Refraktometer brauchte.
»Wann hast du mich denn das letzte Mal überrascht?«, hatte sie kühl zurückgefragt.
Tietjens Fistelstimme riss ihn aus den Gedanken: »Bezahlst du nun oder nicht?«
Oke hätte sich beinahe an die Stirn getippt. »Klei mi ann mors, Kurt Tietjen. 250 Euro sind Wucher. Außerdem darfst du die Sau gar nicht verkaufen!« Oke wusste von Tietjens Vorgänger, dass Förster verunfallte Wildtiere wegen möglicher, im Zustand des Todes nicht erkennbarer, Krankheiten höchstens selbst verzehren durften oder eben dem Abdecker überlassen mussten. »Am besten«, knurrte er, »du verschwindest sofort von meiner Unfallstelle, oder du kassierst wegen Behinderung einer Amtsperson ein Verwarngeld von – 250 Euro.« Der Mann in der dunkelgrünen Fleecejacke blinzelte.
Nach diesem Teilsieg stapfte Oke einigermaßen zufrieden zum Unfallwagen. Im rötlichen Licht der aufgehenden Sonne beobachtete er von dort, wie der Förster seine Sau an den Hinterläufen packte und zu seinem Kombi zog. Als er davonfuhr, wirbelten trockene Blätter auf, die hier seit dem Herbst lagen. Tietjens Wackeldackel auf der Hutablage nickte ihm zu, Hohn und Spott in den Knopfaugen.
Auf die Niederlage folgte ein Dienstag. Dienstage hatten sich bisher im Küstenstädtchen von anderen Wochentagen unterschieden, weil dienstags die Müllabfuhr kam. Jetzt war der Dienstag in Hohwacht nicht mehr nur Müllabfuhr-, sondern auch Polizei-Tag. Zwei Stunden lang durfte der Kommissar die Wache am Berliner Platz neuerdings nur noch öffnen, von 10 bis 12 Uhr. Den Rest der Woche verbrachte er auf Anordnung des Polizeichefs in der Polizeistation in Lütjenburg.
Als er am Berliner Platz ankam, sah er den roten Käfer seiner ehemaligen Hohwachter Kollegin Jana Schmidt vor dem Polizeihaus parken. Im Vorbeigehen spähte er durch die Heckscheibe: Ein Umzugskarton nahm fast die komplette Rückbank ein. Sie holte ihren restlichen Krempel aus der Wache, schlussfolgerte er. Jana Schmidt arbeitete inzwischen in Kiel bei der Spurensicherung. Nicht mal eine neue Vertretung hatte Oke für Hohwacht genehmigt bekommen. Das bedeutete, dass er nun allein mit der Kaffeemaschine zurechtkommen musste, was er als persönliche Strafe empfand. Für dieses Gerät benötigte man einen Waffenschein: Schrotthupen!
Eine Vertretung brauchte es aus Sicht der Plöner Polizeiführung nicht. Falls Not am Mann sei, erklärte ihm Polizeichef Jens Hallbohm, könne immer noch der Neue einspringen, dieser junge Gott aus Köln. »Der liebt doch die Küste.«
Gegen Vincent Gott konnte man im Großen und Ganzen nichts sagen. Man verstand zwar kaum ein Wort von ihm, dafür tippte Gott gewissenhaft alle Notizen in sein Smartphone und nahm Oke damit eine Menge Arbeit ab. Das Einzige, was ihn wirklich an Gott störte: Er war nicht Jana Schmidt.
Auch gegen Lütjenburg als neuen Dienstort sprach im Prinzip überhaupt nichts. Seine ostfriesische Verwandtschaft aus Backemoor hatte sich beim jüngsten Besuch mit Begeisterung über den historischen Marktplatz führen lassen. Sie hatten das barocke Rathaus besichtigt und ein Gruppenfoto vor dem ehemaligen Färberhaus gemacht, weil seiner Cousine das bunte Eingangstor so gut gefiel. Je länger er darüber nachdachte, desto weniger gab es an Lütjenburg auszusetzen. Das Einzige, was ihn an Lütjenburg störte: Es war nicht Hohwacht.
»Hey Chef«, begrüßte ihn Jana Schmidt, ohne aufzublicken. Offenbar hatte sie kein schlechtes Gewissen, dass sie gleich nach Bekanntwerden der Umstrukturierung ihre Versetzung zur SpuSi beantragt hatte. Der blonde Pferdeschwanz wippte, als sie die Schubladen ihres Schreibtisches aufzog und wieder zuknallte.
Mehr als ein »Moin« brachte er nicht heraus. Er hatte plötzlich einen Kloß im Hals. Vielleicht das Vorzeichen einer Erkältung. Es konnte nichts anderes sein. Ein Oke Oltmanns wusste nicht mal, wie man »Rührseligkeit« schrieb.
Nach einem Mord an einem Münchner Geschäftsmann im vergangenen Sommer hatte er gehofft, die Wache würde bestehen bleiben. Selbst ein Polizei-Bürokrat wie Jens Hallbohm hätte einsehen müssen, dass ein Polizeirevier in Hohwacht Sinn ergab. Aber Hallbohm sah nichts ein. »Oschi, es sind von Hohwacht nach Lütjenburg über die L 164 an der Golfanlage vorbei nicht mal neun Kilometer – wo ist das Problem?«
Oke hielt dagegen, dass es gut wäre, wenigstens einen dezentralen Standort zu erhalten. Hallbohm hatte alle kleinen Reviere entweder geschlossen oder deren Öffnungszeiten wie in Hohwacht radikal reduziert. »Gerade ein Badeort wie Hohwacht …«, wollte Oke weiter argumentieren. Aber Hallbohm hörte nicht zu. Sein Chef blies die Hamsterbacken auf und berechnete mit Hilfe eines Routenplaners in seinem Smartphone weitere Fahrtwege: »Über die B 202 sind es zehn Kilometer. Du musst ja nicht über Seekamp fahren. Das wäre länger. Warte: Das wären – Moment – zwölf Kilometer. Mein Gott, Oschi, das kannst du alles sogar mit dem Rad machen. Wäre nicht schlecht – bei deinen Gewichtsproblemen.«
Das Wandtelefon klingelte. Jana Schmidt tat so, als ginge sie das nichts mehr an. Oke seufzte und nahm ab. Der Anrufer meldete gestohlene Nummernschilder. Oke notierte alles und versprach, sich zu kümmern. Dann beobachtete er deprimiert, das Kinn auf die Fäuste gestützt, wie seine Kollegin ihren Wandkalender abnahm: Nun würde er all ihre geliebten Rosetten-, Glatthaar- und Mohair-Meersäue nicht mehr sehen. Dabei fand er die April-Kurzhaar-Peruaner eigentlich ganz niedlich.
Die Birkenfeige neben Jana Schmidts Schreibtisch verlor ein weiteres Blatt. Es segelte langsam zu Boden. Rund um die Topfpflanze hatte sich bereits eine Menge Blätter angesammelt. Vielleicht reagierte das Gewächs auf die Umstrukturierung der Hohwachter Polizei. Wer wusste schon etwas über den Gemütszustand von Zimmerpalmen?
Oke hatte sich angewöhnt, seine Gefühle für sich zu behalten. »Gefühle sind etwas für Mädchen«, hatte ihm sein düsterer Vater beigebracht, als er sieben war und über eine tote Meise geweint hatte, die an der Fensterscheibe abgeprallt und nicht wieder fortgeflogen war. Obwohl er zu Hause nicht viel über die Umstrukturierung sprach, bemerkte Inse, dass etwas nicht stimmte. »Ich verstehe das nicht«, hatte sie beim Frühstück gemeint, »du sitzt da wie ein Trauerkloß! Du kannst dich doch über deine Versetzung freuen. Dann siehst du mal was anderes von der Welt!«
Mal was anderes von der Welt sehen? Was sollte das heißen? Er kannte doch Lütjenburg! Jeden Sonnabend kutschierte er Inse zum Wochenmarkt.
Oder sollte er in Zukunft in seiner Mittagspause wie die Touristen im Lütjenburger Eiszeitmuseum Bernstein schleifen?
»Was machen Sie eigentlich schon so früh hier?« Jana Schmidts Frage riss ihn aus den Gedanken.
»Verbreker söken«, brummte er. Er mochte nicht sagen, dass er jede verbleibende Minute auf seinem alten Schreibtischstuhl mit dem aufgerissenen Polster verbringen wollte, weil es nicht lang dauern würde, bis Hallbohm die Wache komplett dichtmachte. Daran gab es für ihn keinen Zweifel.
Sie bohrte nicht nach, sondern hielt stattdessen ein von ihm ausgestopftes Dachsweibchen hoch, das er in der Wache ausgestellt hatte: »Darf ich die alte Dame hier mitnehmen?«, fragte sie. »Philipp und ich ziehen zusammen. Sie würde einen Ehrenplatz auf unserem neuen Vertiko bekommen. Es ist eine schöne Erinnerung an unsere Zeit hier.«
Er konnte nur nicken. Wegen des Erkältungskloßes im Hals, der gerade wieder ein Stück größer geworden war. Und jetzt fingen auch noch die Augen an zu tränen. Nich to glöven!
»Dafür kriegen Sie meine Birkenfeige«, sagte sie und strahlte. »Sie verkraftet keine Umzüge.« In dem Moment warf die Birkenfeige ein weiteres Blatt ab. Als könnte sie es schon nicht ertragen, wenn nur übers Umziehen gesprochen wurde.
Tilda
Die Amsel auf der Suche nach einem Wurm raschelte ganz dicht neben ihr im Laub. Das Tier schien sich nicht an ihrer Anwesenheit zu stören. Tilda hatte sich den Imkeranzug angezogen und stand nun hinten im Garten ihres Hauses am Nixenweg bei den Bienenkästen.
Viel Zeit hatte sie nicht. In zwei Stunden sollte der neue Sargbaukursus beginnen. Doch sie wollte die ersten Völker möglichst vor Kursbeginn kontrollieren. Sie besaß inzwischen so viele Völker, dass ihre Durchsicht eine ganze Weile in Anspruch nahm, und gerade jetzt war es wichtig, die Bienen im Blick zu behalten. Schließlich begann im Mai die Schwarmzeit.
Wenn es den Bienen im Frühsommer zu eng wurde im Stock, flog die alte Königin mit der Hälfte des Volkes auf und davon. Sie würde eine neue Bleibe für den Schwarm suchen, die Höhle eines Spechts vielleicht oder einen Spalt im Dach eines alten Bauernhauses. Doch Tilda konnte es sich nicht leisten, Bienen zu verlieren. Je weniger Bienen, desto weniger Honig, desto weniger Geld hatte sie in der Börse.
Deshalb achtete Tilda peinlich genau darauf, ob sich eines der Völker auf den Abflug der alten Königin vorbereitete, indem es eine neue Königin in einer besonders großen Weiselzelle heranzog. Die alte Königin verließ ihr Volk nie, ohne Ersatz zu hinterlassen. Deshalb drückte Tilda eilig alle Weiselzellen, die sie finden konnte, mit dem Daumen platt.
Scheinbar ziellos liefen die Bienen auf den Waben herum. Doch Tilda wusste, dass die Bienen im Gegenteil nach ihrem eigenen Plan lebten: Sie würgten den gesammelten Nektar aus und gaben ihn an andere Bienen weiter. Diese wiederum fütterten damit die Brut. Es gab viele Aufgaben im Stock. Und das Tolle, fand Tilda: Jede Biene übernahm im Laufe ihres Lebens einmal jeden einzelnen dieser Jobs. Bienen hatten den Menschen in vieler Hinsicht etwas voraus.
Ihre Völker hatten sich toll entwickelt. Es gab viel Nachwuchs. Sie sah winzige weiße Stifte und dickere Streckmaden. Die Zahl der Bienen würde in den nächsten Tagen und Wochen explodieren. Bis zu 50.000 Bienen konnten in einem Stock leben.
Tilda steckte das Holzrähmchen mit der Bienenwabe wieder in den Kasten. Sie hatte auf den letzten beiden Waben noch drei Weiselzellen gefunden und zerstört. Höchste Zeit, den Bienen mehr Platz zu bieten: Deshalb holte sie einen zweiten Holzkasten, den sie auf den ersten Bienenkasten stellen wollte.
Sie hatte die schwere Zarge schon an zwei Kanten aufgesetzt, als es knackte. Unbeabsichtigt hatte sie beim Herablassen des Kastens eine Biene zerteilt. Während der Hinterleib im Kasten blieb, fiel der vordere Teil mit dem Kopf ins Gras. »Sorry«, entschuldigte sich Tilda. Sie fühlte sich immer mies, wenn solche Unfälle passierten.
Wenn sie an den Bienen arbeitete, vergaß sie oft alles um sich herum. Tilda nahm den Deckel vom nächsten Kasten ab. Auch hier wimmelte es von emsigen Bienen. Sie streifte die Insekten mit geschultem Blick. Tilda schätzte ihre Größe auf 13 Millimeter, ihr fielen keine Deformierungen an den Flügeln auf. Auch dieses Volk schien gesund zu sein.
Gab es zu wenig Nahrung, blieben die Bienen klein. Schuld waren die Landwirte mit ihren Monokulturen. Ihre Gedanken sprangen von öden Maisfeldern zur geistlosen Sandy Ahrens. Die zweite Vorsitzende des Kleingartenvereins »Glückliche Gartenfreunde« verlangte aktuell, dass sie ihren Honigbienenstand im Schrebergarten aufgab. Was natürlich nicht infrage kam!
Sandy Ahrens glaubte irrigerweise, dass die Honigbienen den Wildbienen bei der Nahrungssuche Konkurrenz machten. »Aus ökologischer Sicht wiegt der Verlust unserer Wildbiene wesentlich schwerer als der der Honigbiene«, stand in dem Schreiben, das ihr Sandy Ahrens persönlich in den Briefkasten geworfen haben musste. Jedenfalls klebte keine Marke auf dem Umschlag. Als letzten Satz las sie: »Deshalb ist Honigbienenhaltung zum Schutz der Wildbienen ab sofort auf dem Vereinsgelände verboten.«
Sie würde sich so bald wie möglich um dieses Problem kümmern: Wenn diese Honigbienenhasserin nämlich nicht nur ihren Stellvertreter Hans Wöhlers, sondern den gesamten Vereinsvorstand auf ihre Seite zog, musste Tilda für knapp 20 Völker einen neuen Standort suchen. Und wo sollte sie mit ihnen hin? Hier am Nixenweg ging es nicht. Hier standen bereits 18 Völker. Und auch auf dem Golfplatz war das Limit mit 22 Völkern erreicht. Immerhin brauchte jedes Volk mindestens zwei Kilo Nektar am Tag. So viele Blüten gab es dann an den einzelnen Standorten auch wieder nicht. Und weiter als drei Kilometer flogen Bienen selten für die Nahrungssuche. Falls doch, würden sie wegen des Energieverbrauchs keine anständige Menge Honig zusammenbekommen. Eine vertrackte Situation.
Wie spät war es eigentlich? Tilda legte den Deckel auf den Bienenstock, den sie zuletzt durchgesehen hatte, drehte sich weg und zog ihren Anzugärmel hoch. Auf ihrer blassen Haut blitzte das Uhrenglas im fahlen Licht des Morgens auf. »So spät schon!«
Sie musste sich jetzt wirklich sputen. Die ersten Teilnehmer des Kursus kämen in wenigen Minuten. Der Kursus lief nicht schlecht. Zumindest bei den Einheimischen kam er an. Schade, dass sie die Kursgebühren nicht gleich etwas höher angesetzt hatte.
Sie hoffte, dass sich künftig mehr Touristen anmeldeten. Fischbudenbesitzerin Wencke Husmann hatte ihr freundlicherweise gestattet, einen weiteren Aushang am Fischhus zu machen: »Finales Ferienglück: Bau deinen Sarg in drei Urlaubstagen«.
Noch hielt sich das Interesse auswärtiger Gäste in Grenzen. Wencke Husmann mutmaßte, das könne mit dem Transportproblem zusammenhängen: Nicht jeder hatte einen Dachgepäckträger für den Selbstbausarg.
Aktuell dachte sie darüber nach, eine Bauanleitung für einen Klapp-Sarg auszutüfteln, den die Teilnehmer im Kofferraum verstauen konnten.
Ihr handwerkliches Geschick hatte sie von ihrem Vater geerbt, einem Tischler, der schon lange unter der Erde lag. In einem gekauften Sarg, der viel Geld gekostet hatte. Das Selbermachen sparte. Auch beim Imkern. Bienenkästen und Holzrähmchen baute sie selbst, statt sie fertig zu kaufen.
Seit sie einen Fernsehbericht über das Bienensterben gesehen hatte, hatte sie Feuer gefangen. Inzwischen war das Imkern zu ihrer Herzensangelegenheit geworden. Tilda war eine Tierfreundin durch und durch, und für sie stand fest, dass sie ihren Teil für die Umwelt leisten wollte. Die Beschäftigung mit Bienen hatte zudem einen schönen Nebeneffekt: Sie lenkte ab, wenn einen der Ehemann mit einem Berg Rechnungen für ein marodes Haus und einen kaputten Wagen sitzen ließ. Außerdem interessierten sich Bienen, anders als Konrad, nicht für die Hinterteile von Plus-Size-Models. Es sei denn, diese setzten sich direkt auf sie drauf.
Seit sich Konrad, Immobilienmakler mit attraktivem, kantigem Gesicht und vom Heimtrainer gestählten Muskelpaketen, in die Tochter des neuen Försters Kurt Tietjen verliebt hatte, wusste sie, was es hieß, auf sich allein gestellt zu sein.
Sie würde sich nicht unterkriegen lassen und beschloss, dem Kleingarten-Vorstand den Artikel zu kopieren, den die örtliche Zeitung über ihr Engagement beim Golfverein gedruckt hatte. Den Bericht kannten die Kleingärtner vermutlich schon, aber egal. Der Beitrag war ein einziger Lobgesang auf ihr Blühstreifenprojekt für eine neue Insektenvielfalt an Bahn 4 gewesen. Der Artikel berichtete, dass sie mit ihrem Bruder Toni, dem Greenkeeper des Klubs, Obstbäume gepflanzt hatte. Es handelte sich um eine Spende der örtlichen Baumschule. Dazu hatten sie zwei Kofferraumladungen mit Pflanzen von privat organisiert.
Der Golfplatz glich nun bereits früh im Jahr einem Blütenmeer. Schneeglöckchen, Märzenbecher, Winterling, Lungenkraut und noch viele andere Arten hatten sie in die Erde gebracht. Sie und Toni, den Konrad ihren »kleinen Sklaven« nannte, obwohl das totaler Quatsch war. Toni half ihr freiwillig.
Es klingelte durchdringend. Erst jetzt realisierte sie, dass ihr eigenes Telefon läutete. Das Ringen kam ihr drängend vor.
Hastig eilte sie über die Rasenfläche in Richtung des Hauses. Schnell zog sie sich mit den Zähnen die Lederhandschuhe von den schwitzigen Fingern und öffnete den Reißverschluss am Kopfteil des Imkeranzugs, um den Schleierhut herunterzuziehen. Ihr Pony klebte an der Stirn.
»Tilda Schwan!«, meldete sie sich atemlos.
»Ach, gut, dass du da bist, Tilda.«
Natürlich erkannte sie Tonis raue Stimme. Toni war ein paar Jahre älter als sie und hatte sich nach seiner Gärtnerlehre zum Greenkeeper weitergebildet. Mittlerweile verfügte er über ein enormes Spezialwissen zur Pflege von Rasenflächen.
Als sie einmal über ihren löchrigen Rasen am Nixenweg und Düngemittel gesprochen hatten, wurde ihr klar, wie komplex dieses Thema war.
Sie beide waren ein richtig gutes Team. Nachdem sie Toni den Vorschlag unterbreitet hatte, blühende Obstwiesen am Rande der Golfbahnen anzulegen, um einen Lebensraum für Insekten zu schaffen, hatte er sich sofort um Fördergelder bemüht. Und wo standen sie heute? Die »Hohwachter Golflese« war der Hit. Sie hatten einen großen Korb im Foyer des East-Coast-Clubs aufgestellt, und Toni musste ständig Gläser nachlegen.
Wobei einige Golfmitglieder bedauerlicherweise dachten, der Honig sei im Klubbeitrag enthalten. Die kleine Kasse, die auf einem Regal neben dem Korb stand, ließ das jedenfalls stark vermuten.
»Tilda – hörst du mir überhaupt zu?« Tonis Stimme kratzte in ihrem Ohr. »Die wollen die Golflese landesweit anbieten!«
Sie brauchte einen Moment, um zu realisieren, was er gerade gesagt hatte: Die Supermarktkette Jensen Co. KG GmbH aus Eutin wollte die Golflese in ganz Schleswig-Holstein anbieten? Also waren sie auf das Angebot eingestiegen. Das hätte sie nie für möglich gehalten. Tilda unterdrückte einen Jubelschrei. »Im Ernst? Toni, das ist ja total irre!«
Seine nächsten Worte sorgten allerdings dafür, dass ihr Hochgefühl schlagartig verschwand: »Du hast da einen ziemlich dicken Auftrag an der Backe … Sie wollen in jedem ihrer Märkte 30 Gläser anbieten – als Aktionsware. Solange der Vorrat reicht.«
Tilda schluckte: »Wie viele Filialen betreibt Jensen in Schleswig-Holstein?«
Tonis Antwort zog ihr den Boden unter den Füßen weg: »Ich glaube, die Dame hat 55 gesagt. Und sie wollen mindestens fünf Euro pro Glas zahlen.«
Sie schwieg, während sie im Kopf ausrechnete, wie viel Honig sie brauchte, wenn sie dem Konzern 30 Gläser pro Markt zur Verfügung stellen wollte. Sie schätzte, dass es um 500-Gramm-Gläser ging. Das war die handelsübliche Füllmenge. Sie bräuchte 825 Kilo Honig. Und viele Gläser: 1650, um genau zu sein.
Fieberhaft arbeitete ihr Hirn, um die nächste Rechnung aufzumachen. Sie besaß 60 Völker. Im Juni würde sie mindestens 600 Kilo Honig ernten, hoffte sie. Pro Volk zehn Kilo. Die Ernte fand zweimal im Jahr statt, aber ausgerechnet die Frühjahrsernte Ende Mai, Anfang Juni fiel oft magerer aus als die Sommertracht. Würde sie genug Honig zusammenbekommen, um Jensen beliefern zu können?
»Das Ganze ist kurzfristig geplant, weil ihnen ein Lieferant abgesprungen ist. Du müsstest in den nächsten zwei Wochen liefern«, berichtete Toni und ihre Laune sank. Die Sommertracht könnte sie in dem Fall nicht einkalkulieren. »Scheiße«, entfuhr es ihr. Denn sie hatte just festgestellt, dass ihr circa 200 Kilo Honig zu einem neuen Leben fehlten.
»Du willst Jensen doch nicht absagen, oder? Überleg mal, welche Chancen dir entgehen würden!« Toni machte sich seit der Scheidung ständig Sorgen um sie. Er hatte offenbar den Eindruck gewonnen, dass sie ohne Konrad nicht wirklich zurechtkam. Sie wusste, er meinte es nur gut mit ihr. Gleichzeitig ärgerte es sie, wenn er ihr reinredete.
Sie wusste selbst, dass es verrückt wäre, den Deal abzusagen. Falls sie tatsächlich fünf Euro pro Glas bekäme, könnte sie mit 8.250 Euro auf einen Schlag rechnen und davon nicht nur die Autoreparatur zahlen. Also theoretisch. Toni müsste sie natürlich etwas vom Gewinn abgeben. Aber bitte: Im Juli könnte sie die Sommertracht ernten. Wenn sie Glück hatte, kämen dabei pro Volk 15 bis 20 Kilo Honig zusammen. Langfristig würde sie weitere Völker anschaffen, Leute einstellen, reich werden.
Tilda sah sich bereits unter einem blühenden Apfelbaum auf dem Golfplatz stehen, das Haar zu sanften Wellen gelegt, in irgendein tolles Kleid gehüllt. Ein süßer langhaariger Kameramann würde eine Großaufnahme von ihr machen. Unter dem Bild würde ein kurzer Text eingeblendet: »Tilda Schwan, Schleswig-Holsteins erfolgreichste Honigproduzentin.« Dann würde sie lächeln und ein paar geistreiche Sätze vom Teleprompter ablesen. So etwas wie: »Helfen Sie den Bienen, kaufen Sie Tildas Golflese.«
Sie hörte Toni am anderen Ende der Leitung fragen: »Was soll ich Jensen nun eigentlich von dir ausrichten?«
Abends wollte sie zu Wencke Husmann. Die Fischbudenbesitzerin hatte sie eingeladen. Sie wollte am Ruhetag etwas für ihre neue Speisekarte im Fischhus ausprobieren. Die Karte wurde neuerdings immer offener im Ort kritisiert. Nicht alle Einheimischen, darunter vor allem die Älteren, konnten etwas mit der veganen Rote-Linsen-Kokos-Suppe anfangen.
»Man muss ihnen die neue Küche anders schmackhaft machen«, hatte Wencke gemeint. »Am besten führt man sie mit etwas Althergebrachtem heran, mit etwas, was sie kennen.« Inse hatte entgegnet, dass die meisten Leute im Fischhus wohl ein Fischbrötchen erwarteten.
Natürlich ging Tilda zu dem privaten Kochabend. Sie nahm jede Chance wahr, abends nicht allein auf dem Sofa zu hocken. Seit Konrads Auszug wirkten die Zimmer plötzlich leer. Sie hatte deswegen bereits ein paar Topfpflanzen aufgestellt. Aber das half nur tagsüber. Abends konnte nichts darüber hinwegtäuschen, dass sie einsam war.
Eigentlich hätte sie schon vor fünf Minuten bei Wencke sein sollen, aber sie konnte ihren Haustürschlüssel nirgends finden. Wo steckte der bloß wieder? Konrad hätte jetzt gemeckert, dass sie keinen festen Platz für die Dinge hatte: »Wie kann ein Mensch so chaotisch sein?«
Hatte es an ihr gelegen, dass ihre Beziehung gescheitert war? Und nicht an diesem drallen Unterwäschemodel? Sie wusste überhaupt nicht, was er an dieser langweiligen Sarah fand. »Besser langweilig als so konfus wie du!«, hatte er sie am Tag ihrer Trennung angeschrien und dann einen Schuh gegen das Fenster geworfen, wo gerade ein verwirrter Teilnehmer des Kurses »Bau dir eine Vogeltränke« geklopft hatte, weil sie ihm einen falschen Termin genannt hatte.
Wo konnte nur dieser bescheuerte Schlüssel sein? Ohne konnte sie das Haus nicht verlassen. Nachdem sie ihre Handtasche durchsucht, die ausrangierte Keksdose mit dem Kleingeld wütend über den Bodenfliesen ausgekippt, sämtliche Einkaufstaschen durchwühlt, aber nur Bons und ein klebriges Hustenbonbon gefunden hatte, entdeckte sie den Schlüssel zuletzt doch in ihrer Handtasche.
»Wusste ich es doch. Mein Schlüssel ist immer in der Handtasche«, murmelte sie zufrieden und suchte auf einem Haufen abgelegter Kleidungsstücke ihre Jacke aus schwarzem Lederimitat. Der Stapel kippte vom Stuhl und die Kleidungsstücke verteilten sich auf dem Teppich.
Gereizt bemalte sie sich mit knallrotem Lippenstift die Lippen, presste diese anschließend hart aufeinander, schmatzte laut in den Schlafzimmerspiegel und biss auf ein Taschentuch, was die überschüssige Farbe aufsaugen sollte. Zufrieden betrachtete sie ihr Spiegelbild.
Sie zog die Haustür ins Schloss und atmete die würzige Gartenluft ein. Energisch trat sie den Ständer ihres Fahrrades beiseite. Sie würde sich heute Abend gewiss nicht selbst die Laune verderben, indem sie weiter über Konrad grübelte. Er würde schon sehen, wen er sitzen gelassen hatte.
Als sie, erhitzt von ihrer Wut auf Konrad und der körperlichen Betätigung an frischer Luft, am Fischhus ankam, hatten die beiden anderen Frauen schon die Köpfe über ein Blatt Karo-Papier zusammengesteckt. Sie erkannte Inses säuberliche Handschrift. »1 TS Gemüsebrühe, 3 EL Ei-Ersatz«, las sie über die Schulter der Freundin. »Was kochen wir eigentlich?«, erkundigte sie sich.
Wencke sah sie groß an: »Na, vegane Fischfrikadellen. Schon vergessen?« Sie hatte es wohl eher verdrängt. Im Grunde genommen hasste sie Kochen. Sie bereitete nie etwas Komplizierteres als Nudeln zu. »Was ist das?«, fragte sie und drehte ratlos eine Dose in den Händen.
»Jackfruit in Salzlake. Das Zeug hat Inse aus dem Asiamarkt in Kiel mitgebracht – für die Frikadellen. Eignet sich bestens, weil es so schön faserig ist.« Sie tat interessiert: »Aha.« Dann betrachtete sie die grünen Platten, die Inse aus einer Plastikfolie holte. »Sind das Algen?«, fragte sie. Inse war so mit der Folie beschäftigt, dass sie nicht aufsah. »Ja, Nori-Algen. Damit kann man auch Sushi machen.«
Sie spürte eine leichte Eifersucht aufkommen. Die anderen beiden waren schon so lange befreundet. »Und was soll ich machen?«, fragte sie. Wencke warf ihr eine Zwiebel zu: »Hacken.« Sie zeigte auf ein Glas. »Und danach kannst du schon mal die Brötchenhälften mit der veganen Majo einstreichen. Ich bin irre gespannt, was unsere Testesser gleich sagen!«
Testesser? Davon hörte sie zum ersten Mal. »Kommt noch jemand ins Fischhus?«, fragte sie irritiert. Inse lachte. »Ja, Oschi und Jan. Sie sollen die neuen Fischfrikadellen aus ›Kabeljau‹ probieren, die angeblich nach einem Rezept meiner Großmutter hergestellt sind.« Inse kicherte nun ebenfalls albern und meinte: »Wetten, dass die beiden Feinschmecker nicht merken, dass sie vegan essen?«
Tilda pellte ein wenig Haut von der Zwiebel. Die Ehemänner würden also demnächst dazustoßen. Dann war sie wieder das fünfte Rad am Wagen. Sie zwang sich zu einem Lächeln. »Das ist also euer Plan. Ihr wollt die Stammgäste betuppern!«
Wencke lachte: »Aber das geschieht nur zu ihrem Besten – und dem des Kabeljaus.«
Jetzt bogen sich auch Tildas Mundecken willkürlich nach oben. Wencke war reichlich ausgebufft, dachte sie ein wenig neidisch. Wenn diese beiden Nordlichter nichts merkten, würden auch die anderen Stammgäste keinen Unterschied zu echtem Fisch schmecken.
Eine Zeitlang arbeiteten sie schweigend vor sich hin. Inse hatte begonnen, die Nori-Algen-Matte zu zerteilen, ihr tränten von der Zwiebel die Augen, und Wencke gab die Jackfruitstücke in eine Pfanne. Bald stieg heißer Dampf in der Bretterbude auf, als die Tropenfrucht in einer Gemüsebrühe köchelte.
Nachdem die Frucht in ihre Fasern zerfallen und abgekühlt war, verknetete sie die Jackfruit mit der Zwiebel und den Nori-Algen und ein paar weiteren Zutaten. Die Männer kamen gerade rechtzeitig, um noch zu sehen, wie Inse die »Fischbrötchen« mit Tomatenscheibchen und einigen Salatblättern dekorierte. »Für mich ohne das ganze grüne Gedöns«, bellte Inses Mann, was bei den Frauen für einen neuerlichen Heiterkeitsausbruch sorgte.
»Was denn?«, meinte Jan. »Ihr drei habt doch wieder was ausgeheckt.« Er biss in sein Brötchen und verzog den Mund. »Ne, nech? Wencke? Das ist nicht dein Ernst, oder?« Oke hatte im selben Moment von seinem Brötchen abgebissen, konnte sich aber offenbar nicht überwinden hinunterzuschlucken. Mit vollem Mund bestätigte er: »Algenknete!«
Nikita
Ihre Taschenlampen blitzten zwischen den dunklen, hohen Fichten auf. Als sein Kumpel Kay das Gartentor zu dem einsam gelegenen Holzhaus am Selenter See aufstieß, gab die Angel einen quietschenden Ton von sich. Nikita zuckte erschrocken zusammen. Doch im Haus blieb alles ruhig. JP schlug sich genervt gegen die Stirn. Als wenn sie nicht selbst wüssten, dass sie still sein sollten, dachte Nikita, sagte aber nichts. Auch nicht so was wie »Chill mal«. Bei JP musste man immer aufpassen. Er wollte keinen Beef mit dem Typen.
»Wir müssen nach hinten, ums Haus rum«, zischte JP. Der Name wurde englisch ausgesprochen – Jay Pi. Dabei hieß JP eigentlich Jan-Philipp. JP konnte Thai-Boxen und war mit Vorsicht zu genießen.
Nikita wusste nicht, was in dieser Nacht am Haus des Försters passieren sollte, er hatte sich nicht getraut zu fragen. Auf jeden Fall hatte er kein gutes Gefühl bei der Sache.
Inständig hoffte er, dass Kurt Tietjen keinen Bewegungsmelder installiert hatte. »Wenn der Obermacker mich sieht, erkennt der mich«, flüsterte er Kay zu. Vor nicht langer Zeit hatte Nikita dem Förster zusammen mit seinem Vater einen Besuch abgestattet. Nachdem sie in Opas Haus gezogen waren, mussten sie sich auch um Opas Bienen kümmern. Frerk hatte voll auf unsicher gemacht. Er wollte unbedingt ein paar Tipps von einem »richtigen« Imker. Unnötig.
Opa hatte ihm alles beigebracht, was es über Bienen zu wissen gab. In den Ferien hatte Nikita ihn gelöchert. Er wusste nicht nur, was dieser Tietjen ihnen sagte, nämlich, dass Frerk Mitte April die Honigräume aufsetzen sollte. Sicher wusste er tausendmal mehr über Bienen als dieser Förster. Zum Beispiel, dass Bienen sich nach getaner Arbeit gern zusammenkuschelten. Nikita wusste mehr über Bienen, als sein Vater sich vorstellen konnte.
Dieser Tietjen war außerdem tierisch unfreundlich gewesen, meinte, dass seine Tipps nicht kostenlos zu haben seien. Zum Schluss hatte er ihnen ein Glas Waldhonig für sechs Euro aufgenötigt, obwohl sie noch Honig von Opa im Keller hatten.
Im Mondlicht konnte man die Umrisse der Bienenkästen nur erahnen. Sie standen in einer langen Reihe, ganz in der Nähe eines Gartenschuppens. Weil er sich nicht konzentriert hatte, rempelte er versehentlich Kay an, der vor ihm ging. »Aua«, fluchte sein Kumpel leise. »Tritt mir nicht in die Hacken, du Pfosten!«
Gerade als er den Mund öffnete, um Kay ein »selber Pfosten« entgegenzuschleudern, hielt ihm JP einen Böller aus seinem versifften Rucksack hin: »Für dich.«
Nikitas Nackenhaare stellten sich unversehens auf. »Für mich? Wieso? Was – was – soll ich damit?«
JP zeigte auf die Bienenkästen. »Du bist so lost! Los! Deckel auf, Böller rein!«
Nikita spürte plötzlich eine Kälte in seinem Magen, die sich wie ein Virus immer weiter ausbreitete.
Er wollte den Bienen nichts tun. In diesen Kästen, die man Beuten nannte, lebten Wesen, die sich umeinander kümmerten. Im Sommer fächelten sich die Bienen kühle Luft zu, im Winter wärmten sie sich gegenseitig. Die Bereitschaft, alles für die Familie zu geben, unterschied Bienen deutlich von Menschen, besonders von seiner Mutter. Mona war abgehauen. Wahrscheinlich wusste sie nicht mal, dass Frerk und er nicht mehr in Berlin wohnten.
Mit Schrecken erkannte er, dass JP in seinem Rucksack ein ganzes Arsenal an A- und D-Böllern mitgeschleppt hatte. Er erhaschte einen Blick auf Kays pickliges Gesicht: In dessen Augen erkannte er ebenfalls Panik. Keiner von ihnen beiden wollte Tiere töten. Fühlten Bienen Schmerzen?
JP warf ihm ein Feuerzeug zu und zischte: »Alles Gucci – wir machen’s zusammen – auf drei.«
Das Feuerzeug prallte an seiner Jacke ab. Er bückte sich in Zeitlupe danach. »Die krepieren doch«, flüsterte er entsetzt, als er hochkam und JP in die Augen sah. JP hatte sie zu schmalen Schlitzen verengt: »Und wen juckt’s?«
Nikita verbrannte sich am Daumen, als er das Feuerzeug aufspringen ließ und eine Flamme emporschoss. Er biss sich auf die Unterlippe, während er das Feuerzeug an die Zündschnur hielt. Nikita hörte es knistern, dann schmiss er den Böller so weit weg von den Bienen, wie er konnte. Alle beobachteten, wie das Teil auf dem Schuppendach explodierte.
Seine Füße fingen automatisch an zu rennen. Hinter ihm zischte und krachte es, als zwei der Bienenkästen fast gleichzeitig in die Luft flogen. Holz splitterte und grellrote Flammen loderten vor dem Nachthimmel.
Beim Laufen drehte Nikita den Kopf über die Schulter und sah, dass Kay aufschloss. JP schien am Bienenstand geblieben zu sein, denn es krachte und pfiff noch ein paarmal und Lichtblitze zuckten über den Himmel. Ihm fiel ein, dass es über Wochen nicht geregnet hatte. Das Feuer würde sich schnell ausbreiten.
Schuldgefühle raubten ihm fast die Kraft, um zwischen den Tannen und Schösslingen vorwärtszustürmen. Seine Beine fühlten sich weich wie Pudding an.
Auf Höhe des Forsthauses schaute er ängstlich zu den Fenstern und erstarrte: Hinter einer der Scheiben erkannte er die Frau des Försters. Er sah ihr kleines, blasses Gesicht nur kurz, doch er war sich sicher, dass sie ihn ebenfalls entdeckt hatte.
Nikita rannte blindlings weiter. Immer wieder stolperte er, über Baumwurzeln oder Tannenzapfen. Genau konnte er das nicht sagen, weil er durch einen Tränenschleier sah.
Seine Brust brannte, als er sein Mountainbike aus dem Busch an der Landesstraße zerrte. Dann strampelte er los, als hinge sein Leben davon ab. Es war ihm Latte, wo JP und Kay blieben. Er würde nie wieder mit ihnen reden. Vor allem nicht mit JP. Das schwor er sich, als er verschwitzt an der St.-Jürgen-Kirche am Berliner Platz ankam.
In der Rundkirche hatte der Trauergottesdienst für seinen Großvater stattgefunden. Die goldene Kugel auf dem Dach des Gotteshauses leuchtete mystisch im Mondlicht. Als wollte Hinnerk Ackermann, verstorben mit 96 Jahren, ihm persönlich ein Zeichen aus dem Himmel senden.
Opa würde ihm vielleicht vergeben, wenn er sich ab sofort um alle Bienen der Welt kümmerte. Opa hatte für seine Bienen gelebt. Ohne diese kleinen Bestäuber, hatte er Nikita mindestens hundertmal erzählt, konnten die Menschen nur vier Jahre überleben.
Noch immer aufgebracht pfefferte er sein Rad zu Hause gegen die Schuppenwand. Der Lenker drehte sich und das Velo fiel scheppernd zu Boden. »So ein Mist«, fluchte er leise.
Frerk
Ein Geräusch draußen am Haus ließ ihn hochschrecken. Einbrecher? Frerk lauschte in die Dunkelheit. Doch von unten hörte er jetzt nur das Brummen des Kühlschranks.
Langsam ließ er sich in die Kissen zurücksinken. Er machte sich zu viele Gedanken. Das war sein Problem. Insoweit gab er dem Hausarzt recht. Frerk hatte ihn gebeten, ihm etwas gegen die Erschöpfung und die dauernden Kopfschmerzen zu verschreiben.
Ein halber Mond schien durch die Dachluke und warf grafische Schatten vom Lamellenvorhang auf das breite Ehebett, dessen eine Hälfte leer blieb.
Mona hatte sie vor vier Monaten verlassen, ihn, den Jungen, Barbie. Dabei war Mona es gewesen, die den Mischling aus dem Tierheim in Berlin geholt hatte. Frerk hatte nicht verstanden, warum sie ausgerechnet einen Hund ausgesucht hatte, der nur ein Auge und dafür viele schlechte Zähne besaß. »Ich habe nicht den Hund ausgesucht, der Hund hat mich ausgesucht«, rief er sich Monas fröhliche Antwort ins Gedächtnis. Sie war stets lustig gewesen. Das Leben ficht sie nicht an, hatte er oft neidvoll gedacht. »Du hast dich bei Frauchen vertan. Du hättest dir jemand anders aussuchen sollen«, sagte Frerk bitter und zog sanft an Barbies Ohr. Der Hund öffnete sein Auge und schloss es gleich wieder.
Barbie schlief Nacht für Nacht auf seinen Beinen. Manchmal machte er sich vor, er könnte deshalb so schlecht schlafen, weil seine Beine unter ihrem Gewicht anfingen zu kribbeln. Selten schlief er vor drei oder vier Uhr in der Früh. Mechanisch strich er über Barbies hartes Fell. In Wahrheit hatte er ohne Mona oft das Gefühl, die Tage nicht mehr bewältigen zu können. Er wusste nicht, ob er ihre kleine Gemeinschaft zusammenhalten konnte. Er hatte Angst. Angst, wieder zu versagen und auch noch Nikita zu verlieren. Und mit Hunden kannte er sich auch nicht besonders gut aus.
Barbie gab einen kleinen Schnarcher von sich. Es half kranken Menschen angeblich, Tiere zu halten. Das hatte er aus einem Magazin, in dem eine portugiesische Studie zitiert wurde. Laut der Studie verbesserten sich die Werte depressiver Teilnehmer, wenn sie sich ein Haustier anschafften. In dem Heft stand auch, dass ein Burn-out in vielerlei Hinsicht einer Depression ähnelte.
Frerk wusste nicht, ob er wirklich unter einem Burn-out litt. Sein Hausarzt hatte etwas in dieser Richtung angedeutet. Soweit er sich erinnerte, hatte der Mediziner in dem Gespräch das Wort »Überlastungstendenzen« benutzt und eine Kurzzeittherapie empfohlen. Er fühlte sich innerlich getrieben und doch antriebslos, wollte sich aber keinesfalls einem dieser Psychoheinis ausliefern. Am Ende würde er das Sorgerecht für Nikita verlieren. Und das durfte nie passieren.
Er hegte ein Grundmisstrauen gegenüber Ärzten. Wie er sowieso allem und jedem misstraute. Das brachte sein Beruf als Journalist mit sich.
Als Journalist in der hektisch-nervösen Regierungsstadt standen die Chancen gut, krank zu werden. Er dachte an den ständigen Termin- und Abgabedruck. Er hatte sich in Berlin angewöhnt, hin und wieder einen Joint auf dem Balkon zu rauchen. Dann konnte er sich endlich mal entspannen. Und es half auch gegen die Kopfschmerzen.
Der Kühlschrank wechselte die Tonhöhe. Das tat er meistens gegen zwei Uhr. Er brummte nun eine Oktave tiefer. Frerk versuchte, die brennenden Lider geschlossen zu halten. Vielleicht sollte er sie mit Tesa zukleben.
Dass sein Vater so plötzlich nach der Trennung von Mona gestorben war, hatte auf traurige Weise für einen Neuanfang in Nikitas und seinem Leben gesorgt. Nach Hinnerks Herzanfall kündigte Frerk in der Redaktion. Das hieß, er sagte Tschüss, als er seine Notizen und ein paar private Utensilien vom Schreibtisch eingepackt hatte. Auf Kündigungsfristen musste er keine Rücksicht nehmen: Einen Festvertrag hatte er trotz all der Schinderei für das Blatt nie bekommen.
Nun verkaufte er am Strandweg Kissen mit Anker-Motiv und Lampen in Leuchtturm-Optik an Touristen.
Es konnte schlechtere Neuanfänge geben. Küste oder Großstadtmoloch? Er hatte nicht lange darüber nachdenken müssen. Und Nikita hatte sich wider Erwarten auch auf Hohwacht gefreut. Hier hatte der Junge die schönste Zeit seiner Kindheit verbracht.
Seine Blase drückte. Frerk schlug die Decke zurück und schwang die Beine über den Bettrand. Zur Sicherheit konnte er gleich nach dem Jungen sehen. Seit Nikitas Geburt schlich er sich nachts in dessen Kinderzimmer, um sich zu vergewissern, dass alles seine Ordnung hatte.
»Er schläft ganz tief.« Sätze wie dieser hatten ihn fester mit Mona verbunden, als ein Ehering dies je vermocht hätte. Bis Mona eines Tages abgehauen war, weil sie unbedingt den Mekong sehen musste. Und er sich angeblich nur mit sich selbst beschäftigte.
Die Klobrille fühlte sich eiskalt an. Er bekam Gänsehaut auf den Oberschenkeln. Müde betrachtete er seine Krampfadern. Dick und wulstig lagen sie unter der blassen, behaarten Haut. Endlich kam ein dünner Strahl. Während er sich erleichterte, starrte er die moosgrünen Wandfliesen an. Als er spülen wollte, erschrak er über die dunkle Gelbfärbung des Urins. Vielleicht hatte er eine schlimme Krankheit? Eventuell hatten die Kopfschmerzen einen ernsteren Hintergrund als ein Burn-out? Wer sollte sich um den Jungen kümmern, wenn er vorzeitig ins Gras biss?
Seine Handinnenflächen fühlten sich feucht an, obwohl er sie noch nicht unter den Wasserhahn gehalten hatte. Er fuhr sich durchs Haar und beschwor sich, sich zu beruhigen. Er musste dringend schlafen.
Während er über die Flickenteppiche durch den kalten Flur tappte und sich sein Schädel anfühlte, als ob er beim nächsten Schritt zersprang, überlegte er, ob sein Urin normal gerochen hatte? Wenn Urin komisch roch, konnte das ebenfalls auf Krankheiten hindeuten. Diabetes, ein Infekt – schlimmstenfalls gab es wirklich einen unentdeckten Tumor in seinem Kopf …
Vor Nikitas Tür blieb er stehen. Frerk mochte sie nun doch nicht öffnen. Erst gestern war er mit seinem Sohn in der Dunkelheit des Zimmers zusammengestoßen. »Warum kommst du dauernd in mein Zimmer geschlichen? Das ist so creepy!«, hatte Nikita erschrocken ausgerufen.
Eine Weile stand er unschlüssig vor der eierschalenfarbenen Tür mit dem alten Anti-AKW-Aufkleber. Er hatte ihn selbst auf die Tür geklebt, als dies noch sein Jugendzimmer gewesen war.
Barbies Hinterbeine zuckten im Traum und ihre Krallen kratzten über den Baumwollstoff, als er sich wieder hinlegte. Frerk kraulte sie noch eine Weile. Tief sog er ihren Geruch ein: eine Mischung aus drei Tage altem Gulasch und modriger Pfütze. Er mochte den Geruch. Er war wie das Kühlschrank-Brummen: vertraut.
Oke
Das Diensthandy auf dem Nachttisch klingelte. Mitten in der Nacht! Wie 1993. Damals war ein Fischerboot in Not gewesen, erinnerte er sich, als er den Schlaf abschüttelte und »Oltmanns« in den Hörer grummelte. Die Einsatzzentrale meldete einen Brand: »Nähe Forsthaus, Selenter See.« Wieso riefen die ihn an? Hatte sonst niemand Dienst in Lütjenburg? Wenn er morgens um 4.18 Uhr auf etwas verzichten konnte, dann auf Waldbrände – und Kurt Tietjen.
Trotzdem quälte er sich hoch und warf sich im Dunkeln etwas über, von dem er hoffte, dass es nicht Inse gehörte.
Kurz darauf drehte Oke den Zündschlüssel und die Stimmen von Jermaine Jackson und Pia Zadora dröhnten aus den Boxen im Fahrzeuginneren: »And when the rain begins to fall …«
In Hohwacht hatte es seit Tagen nicht geregnet. Der Waldbrand konnte verheerende Folgen haben. Die Nadeln der Tannen enthielten leicht brennbare ätherische Öle, die wie Brandbeschleuniger wirkten. Er fragte sich, ob Tietjen und seine Familie ernsthaft in Gefahr waren. Oke drückte das Gaspedal weiter durch.
Hinter ihm heulten Sirenen und Oke ließ einen Feuerwehrwagen vorbeiziehen. Im Scheinwerferlicht sah er eine schwarze Rauchsäule am dunklen Himmel.
Kurz darauf parkte er ziemlich schief neben Kurt Tietjens Kombi. Im Vorübergehen warf er dem Wackeldackel einen verächtlichen Blick zu.
Brandgeruch lag in der Luft. In der Ferne hörte er das Prasseln von Feuer. Vereinzelt klangen Rufe der Brandschützer herüber. Das erste Tanklöschfahrzeug wurde einsatzbereit gemacht.
Über einen schmalen Trampelpfad eilte er zum Forsthaus. Tietjens Frau Annemie stand auf dem Absatz vor der Tür. Sie trug eine braune Wolldecke um die Schultern und hielt eine getigerte Katze auf dem Arm. Ihre Augen lagen in tiefen Höhlen. »Ogottogottogott.« Mehr brachte sie nicht heraus.
»Wo ist Kurt?«, fragte Oke.
Die Försterin zeigte hinter das Haus, von wo Stimmen zu hören waren. Oke lief los, bereit, den Striethammel aus einem Flammeninferno zu ziehen. Auf halbem Weg kam ihm besagter Striethammel im Bademantel entgegen: Ein Feuerwehrmann hielt ihn am Arm gepackt: »Moin, Oschi, kannst du dich mal kümmern? Er wollte uns am Löschen hindern!«
Oke lächelte das erste Mal an diesem Tag und meinte: »Ich kette ihn im Haus an die Heizung.«
Mit eisernem Griff brachte Oke einen zeternden Tietjen ins Haus, wo er ihn zwar nicht ankettete, aber einem gerechten Gott überließ, der just eingetroffen war. Kölsch vor dem ersten Kaffee würde für Tietjen hoffentlich ebenso hart sein wie eine unbequeme Position am Fuße der Röhrenheizung.
So bald wie möglich wollte der Kommissar den Tatort in Augenschein nehmen. Als Oke am Löschfahrzeug ankam, löste sich ein Mann aus der Gruppe. Gruppenführer Hajo Hesse erstattete sofort ungefragt Bericht: »Irgendein Dööskopp hat am Bienenstand ein Feuerchen gelegt!«
Oke sah auf die prasselnden Flammen, die hochschlugen, als wollten sie den halben Wald verschlingen. Oke spürte die Hitze auf seiner Haut. Wenn er hier länger herumstand, würde sie seine Bartstoppeln versengen. »Kriegt ihr das hin?«
Es musste wohl ganz Ostholstein in Schutt und Asche liegen, bevor der Feuerwehrmann unruhig wurde. »Wir haben’s gleich. Meine Jungs wissen, was sie tun«, sagte Hesse gelassen. Er hüstelte verlegen. »Meine Jungs – und das Mädel«, fügte er schuldbewusst hinzu. Die Freiwillige Feuerwehr Hohwacht/Neudorf hatte erst kürzlich ein weibliches Mitglied hinzugewonnen. Offenbar musste Hesse seinen Sprachgebrauch erst der neuen Situation anpassen. Oke nickte. »Wer hat euch informiert?«
Hesse zeigte zum Forsthaus. »Die Frau des Försters. Völlig fertig, die Arme. Sollte man einem Arzt vorstellen.« Hesse deutete auf die verkohlten Reste des Schuppens: »Der war nicht zu retten und die Bienen … tja … keinen Schimmer, ob welche überlebt haben. Ich denke, eher nicht.« Oke vernahm Bedauern in der Stimme des Brandschützers.
Kurzzeitig übertönte das Rauschen des Wassers aus den Löschfahrzeugen Hesses kräftige Stimme, ein zweites war nun im Einsatz.
Sein Team leistete ganze Arbeit. Als Oke endlich an den Bienenstand durfte, war der Boden komplett durchnässt. Überall gab es tiefe Pfützen. »Warum wollte Tietjen nicht, dass ihr das Feuer löscht?«
Der Gruppenführer tippte sich an die Stirn: »Der Kerl ist doch ein Wichtigtuer. Meinte, dass die überlebenden Bienen Schaden nehmen könnten. Aber wir können das Wasser wohl schlecht durch Strohhalme pusten, oder was denkt der sich?«
Feuer und Wassermassen hatten alles im Chaos versinken lassen: Die schwarzen Reste der Holzkästen schwammen in Schlammpfützen, überall fanden sich Bruchstücke von Honigwaben. Der Schuppen bestand lediglich aus verkohlten Überresten.
Als Oke etwas Helles im Matsch aufblitzen sah, bückte er sich ächzend. Er war auch schon mal sportlicher gewesen.
Aufmerksam betrachtete er den triefenden Feuerwerkskörper in seiner Hand. Ein Totenkopf zierte das Papier: Polen-Böller. Illegale Kracher, die die große Gefahr von Fehlzündungen bargen.
Oke sah noch nicht klar. War das hier ein Dummejungenstreich? Oder hatte jemand eine Rechnung mit dem Förster zu begleichen? Die Böller konnten von überallher stammen.
Vorsichtig machte er ein paar Schritte nach rechts und seine braunen Halbschuhe versanken in der weichen Erde. Er suchte nach Schuhspuren. Diese fand man an Tatorten häufiger als Fingerabdrücke, und auch die Abdrücke der Sohlen konnten Ermittlern Aufschluss über eine Menge Dinge verschaffen. Der Sohlen-Spezi bei der SpuSi hatte ihm mal erklärt, inwiefern Sohlenabdrücke sogar etwas über die Herkunft der Täter verrieten.
Oke hegte allerdings wenig Hoffnung, in dieser Schlammwüste überhaupt eine Spur zu finden. Und zwar nicht nur, weil es tagelang trocken gewesen war und die Feuerwehr große Pfützen und tiefe Spurrillen hinterlassen hatte. Sondern vor allem, weil seine Brille im Auto lag!
Bei seiner weiteren Suche fiel sein Blick auf eine Wabe. Eine Biene irrte darauf umher, als suchte sie nach Überlebenden. Ein Tropfen Löschwasser glitzerte auf ihrem Pelz. »Wat ’ne Quäleree«, murmelte er.
Misshandlung von Tieren wurde bei Wirbeltieren nach Paragraf 17 Tierschutzgesetz geahndet. Hundebesitzern, die ihre Tiere qualvoll verhungern ließen, drohten Freiheitsstrafen von bis zu drei Jahren. Er wusste nicht, was einen Bienenmörder erwartete.
Und dann waren da noch Brandstiftung und Sachbeschädigung. Nachdenklich ging er noch ein Stück weiter, wieder zurück Richtung Forsthaus, wo die Erde fester wurde. Keine drei Minuten später stieß er auf einen halbwegs brauchbaren Abdruck, einen halben Schuhabdruck. Oke stieß einen Pfiff aus: Der mutmaßliche Täter hatte einen Abdruck mit Wabenmuster hinterlassen.
Gerade überlegte er, ob der Abdruck von Tietjen selbst stammen könnte, als der Förster unvermutet auftauchte. »Der Schaden geht in die Zehntausende! Schreib das mal schön in deinen Bericht rein!«
Oke richtete sich zu voller Größe auf: »Verdammig, Kurt Tietjen, du solltest im Haus bleiben! Willst du, dass ich dich festnehme?«
Kurt Tietjen blinzelte. »Wenn du eine Anzeige wegen Freiheitsberaubung riskieren willst!«, kam es grob zurück.
Einerseits würde er sich nie im Leben von diesem Aushilfsförster sagen lassen, was er in seinen Bericht zu schreiben hatte. Andererseits brauchte er dafür die Einschätzung des Eigentümers zum Ausmaß des Schadens. 10.000 Euro erschienen ihm jedoch sehr viel. »Wir werden einen Sachverständigen zu Rate ziehen. Du kannst mir aber schon mal deine Schuhsohlen zeigen.«
Er hätte Tietjen auch bitten können, sich nackt auszuziehen. Der Effekt wäre der gleiche gewesen. »Gibt es für diese Anordnung einen gerichtlichen Beschluss?«, fragte Tietjen mit vor der Brust verschränkten Armen.
Aber diesmal würde der Sturkopp nicht mit seinen Fisimatenten durchkommen. Diesmal war das Gesetz eindeutig auf Okes Seite: »Zeig deine Schuhe oder ich nehme dich mit auf die Wache!« Kurt Tietjens Sohlen zierte ein Rautenmuster, wie er feststellen konnte, als der Förster mit verkniffenem Gesichtsausdruck den rechten Fuß anhob. »Hast du jemanden noch mehr geärgert als mich oder warum ist dein Bienenstand in die Luft geflogen?«, fragte Oke.
Kurt Tietjen sah ihn böse an. Er schien seine Antwort sorgfältig abzuwägen. »Was habe ich damit zu tun, wenn irgendwelche Idioten ein Feuerwerk im Wald veranstalten?« Demonstrativ schaute er auf den nassen Böller in Okes Hand.
»Du meinst, das Inferno hier hatte nichts mit dir zu tun?«, bohrte Oke nach.
Kurt Tietjen wirkte selbstsicher, wie er da in seinem Bademantel im Luftzug stand: »Wer sollte mir was Böses wollen?«
Oke hätte sich durchaus jemanden vorstellen können. Dieser Jemand war überdurchschnittlich groß, uniformiert und an überfahrenen Wildtieren interessiert. Zu Tietjens Glück nahm es dieser Jemand mit dem Gesetz sehr genau.
»Ich bin von der Knallerei draußen aufgewacht«, berichtete etwas später die aufgelöste Annemie Tietjen. Um die Schultern trug sie noch die fusselige Decke. Ihre Frisur erinnerte Oke an ein aus dem Baum gefallenes Vogelnest.
Sie saßen zu viert in Tietjens Stube, das Ehepaar Tietjen, Gott und er. Unbequemer ging es nicht: Sein Hintern klemmte zwischen den beiden Lehnen eines Polstersessels, der ohne Weiteres in einem Puppenhaus hätte stehen können. Während er sich wie im Schraubstock fühlte, tippte Gott munter die Aussagen des Ehepaares in seinen virtuellen Memoblock.
»Haben Sie jemanden gesehen?«
Annemie machte einen unentschlossenen Eindruck: »Nein … Es war dunkel.« Er glaubte ihr nicht recht. Ihr Zögern hatte ihn stutzig werden lassen. War es wirklich dermaßen finster gewesen? Musste der Himmel nicht wie in einer Silvesternacht geleuchtet haben? Womöglich kannte sie den oder die Täter und wollte diese schützen? All das ging ihm im Bruchteil einer Sekunde durch den Kopf.
Auf dem Schoß hielt er derweil eine Miniatur-Teetasse, deren blassgelber Inhalt ihn an einen Krankenhausaufenthalt in Kindertagen zurückdenken und erschaudern ließ. Die Tasse hatte Kurt Tietjen, der leider immer noch nicht festgekettet war, seiner Frau gebracht. Doch Annemie hatte den Tee an ihn weitergereicht: »Ich kann jetzt nichts trinken, aber Sie, Herr Oltmanns, Sie kommen doch gebürtig aus Ostfriesland.« Oke stellte die winzige Tasse auf dem Eichentisch ab. Warum dachten immer alle, Ostfriesen müssten Tee trinken? Er konnte das labbrige Zeug nicht ausstehen. Backemoor hin oder her.
»Um wie viel Uhr haben Sie es knallen gehört?«, fragte er.
Annemie warf einen Blick auf das Ziffernblatt der hölzernen Standuhr neben der Vitrine. »Um drei?«
Es klang wie eine Frage, und er wartete, ob sich Annemie korrigieren würde. Sie tat es nicht. »Also um drei Uhr?« Seine Stimme dröhnte durch den mit Möbeln und Porzellanfiguren vollgestopften Raum. Er hatte seine Probleme mit der Zeitangabe. Feuerwehr und Polizei waren erst viel später benachrichtigt worden. Das musste aber nichts heißen. Die Ereignisse hatten die Frau offenbar sehr verwirrt.
»Du machst meine Frau kirre«, mischte sich Kurt Tietjen ein. »Merkst du nicht, dass sie noch ganz durcheinander ist? Unser Haus hätte abfackeln können … Wahrscheinlich müssen wir wegen des Brandgeruchs renovieren!«
Das waren ja ganz neue Töne von einem, der eben noch die Rettungskräfte am Löschen hatte hindern wollen. Das Wort »Versicherungsbetrug« tauchte in Okes Kopf auf.
Gern hätte er gewusst, wie sein Kollege die Sache einschätzte. Aber der Hibbelmoors war gerade schon rausgelaufen, um die Kollegen von der SpuSi zu unterstützen. Während er selbst zwischen zwei Sessellehnen feststeckte.
Eine gute Stunde später traf Oke auf der Hohwachter Wache ein. Vor der Tür parkte schon wieder Jana Schmidts Wagen. Dann holte sie jetzt wohl tatsächlich den letzten Karton.
Mit einem Ruck riss er einen verblassten Fahndungsaufruf von der Eingangstür ab. Ein bräunlich verfärbter Klebestreifen blieb haften und er rubbelte diesen, so gut es ging, mit dem Daumennagel ab. Es wurde Zeit, sich mit dem Gedanken anzufreunden, dass ein neues Kapitel anbrach – längst angebrochen war. Irgendwann würde es nur noch Müllabfuhr-Tage und keine Polizei-Tage mehr in Hohwacht geben.
Wenn er gehofft hatte, dass seine Kollegin ihn mit frisch gebrühtem Kaffee begrüßen würde, sah er sich getäuscht. Das Großraumbüro wirkte kahl, nachdem Jana Schmidt ihren Schreibtisch nun komplett geräumt hatte. Die beiden Fotorahmen mit den Aufnahmen ihres inzwischen verschiedenen Karotten-Meerschweinchens Toto fehlten, ebenso die chinesische Winkekatze und der Plüschteddy, den sie vor Jahren beim Bremer Freimarkt gewonnen hatte. Der Raum war überdies menschenleer.
»Oh, Moin, Herr Oltmanns. Ich bin eigentlich schon fast wieder weg«, sagte sie, als sie aus dem Bad kam. Der Pferdeschwanz saß wie immer fest am Kopf. Der Anblick ihres wippenden Zopfes würde ihm ebenso fehlen wie die Meersäue.
Sie lächelte ihn an: »Könnten Sie vielleicht noch beim letzten Karton mit anfassen? Da müsste jetzt wirklich alles drin sein. Ich hoffe, wir kriegen ihn in den Käfer.« Oke tat ihr den Gefallen, bückte sich und packte das unhandliche Teil mit beiden Händen. Noch beim Hochkommen durchzuckte ihn ein ungeahnter Schmerz: »Arg!«
Der Karton rutschte ihm aus den Händen. Ein Stifthalter, zwei Kugelschreiber und andere Kleinigkeiten wie Heftklammern fielen heraus und verteilten sich über der blauen Auslegeware. Ein Flummi hüpfte auf und nieder. Oke landete erst auf den Knien und sank dann seitlich unter den Schreibtisch der Kollegin. Anders als der Flummi kam er nicht ein einziges Mal wieder hoch.
»Oh mein Gott!«, rief Jana Schmidt, während Oke ungefähr zur selben Zeit ein »Düvel ok ne!« ausstieß. Vor Schmerzen fiel ihm das Atmen schwer.
Jana Schmidt konstatierte: »Hexenschuss – oder was Schlimmeres.« Ihre Stimme klang ungewohnt besorgt.
Einen Augenblick später wusste Oke, warum sie so unruhig wirkte: »Lassen Sie mich los! So geht das nicht, Frau Schmidt!«, grantelte er mit erstickter Stimme, während sie mit hochrotem Kopf an seinem rechten Bein zog.
»Ich ruf einen Krankenwagen«, entschied seine ehemalige Kollegin in resolutem Ton.
»Keinen Krankenwagen!«, japste er hinter ihr her.
In dem Moment ging die Glastür der Wache auf und Sieglinde Meyer schlurfte hinter ihrem Rollator in das Großraumbüro. »Herr Oltmanns?«, hörte er sie nach ihm rufen. Die 102-jährige Anwohnerin des Strandwegs ließ nur wenige Sekunden verstreichen, dann rief sie erneut: »Herr Oltmanns! Wo sind Sie? Heute ist Dienstag! Ihr Dienst-Tag, und ich will sofort Anzeige erstatten!«
Oke sah von seiner Warte aus nur die mattschwarzen Gesundheitsschuhe mit dem Klettverschluss und einen Teil ihrer auf Falte gebügelten Stoffhose. Die Meyersche hatte offenbar nicht mitbekommen, dass er nicht an seinem Schreibtisch saß. »Hier unten!«, dröhnte Oke schlecht gelaunt.
Sieglinde Meyer bückte sich. Oke sah in ein fragendes Gesicht, das ihn an eine schrumpelige Kartoffel denken ließ. »Was machen Sie da?«, krächzte sie verwundert.
Er wusste, dass sie die Ironie nicht verstehen würde, aber er sagte trotzdem: »Verbreker söken.«
Endlich beendete Jana Schmidt ihr Telefonat. Sie hatte gegen seinen ausdrücklichen Willen das Plöner Krankenhaus angerufen. »Wenn Sie Anzeige erstatten wollen, Frau Meyer, müssen Sie jetzt nach Lütjenburg fahren«, informierte sie die Dorfälteste. So unbarmherzig kannte er seine ehemalige Kollegin gar nicht. Vermutlich machte sie sich wirklich Sorgen um ihn – oder sie hatte zu lang mit einem Bullerjan gearbeitet …
Die Meyersche fasste sich ans Ohr. »Haben Sie Lütjenburg gesagt, junge Deern? Mit dem Ding soll ich nach Lütjenburg hin?« Sie stieß mit dem Fuß gegen die Gehhilfe. Da hatte Hallbohm es: Mit dem Rollator waren neun Kilometer eine ganze Ecke.
»Haben Sie wieder die Kerle mit den Taschenlampen gesehen?«, fragte Oke unterm Tisch liegend. Schließlich kannte er seine Pappenheimer. Und der Meyerschen würde er noch hundertmal erklären müssen, dass die »Kerle« nur Jugendliche waren, die auf virtuelle Pokémons Jagd machten.
In der Notaufnahme im Plöner Kreiskrankenhaus wollte eine zierliche Ärztin wissen, ob die Schmerzen vom Rücken ins Bein ausstrahlten. »Ne«, antwortete er knapp.
Die Ärztin konfrontierte ihn nun mit einer Feststellung, die ihm nicht viel sagte: »Sie haben vermutlich eine Bandscheibenvorwölbung.« Er erhaschte einen Blick auf ihr Namensschild: »Dr. Holtzbrink«, stand darauf.
Es hatte ihm nie viel ausgemacht, in seiner Werkstatt Tiere zu zerlegen. Über die Beschaffenheit seiner eigenen Bandscheibe hingegen wollte er nicht nachdenken. Oke wollte weder hören, dass »jede unserer 23 Bandscheiben im Inneren aus einem Gallertkern besteht«, noch, »dass sie von einem harten Faserring in Position gehalten« würden. Und schon gar nicht wollte er von Dr. Holtzbrink wissen, »dass mit dem Alter die Elastizität des Rings nachlässt«.
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