Kitabı oku: «Ab heute singe ich unter der Dusche»
PATRICIA KÜLL
Ab heute singe ich unter der Dusche
Was du für deine Lebensfreude tun kannst

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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
ISBN Buchausgable: 978-3-86936-802-3
ISBN epub: 978-3-95623-531-3
© 2017 GABAL Verlag GmbH, Offenbach
Das E-Book basiert auf dem 2017 erschilenenen Buchtiltel “Ab heute single ich unter der Dusche” von Patricia Küll, ©2017 GABAL Verlag GmbH, Offenbach
Lektorat: Anja Hilgarth, Herzogenaurach
Umschlaggestaltung: Martin Zech Design, Bremen | www.martinzech.de
Titelbild: Madebyoliver/flaticon
Autorenfoto: Patricia Küll
Satz und Layout: Das Herstellungsbüro, Hamburg |
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Inhalt
Vorwort: Lust auf Lebensfreude?
»Ich muss die Vokabeln des glücklichen Lebens lernen.« Interview mit Professor Dr. Jörg Kühnapfel
Lebensfreuderegeln
1. Nichts passiert ohne Grund
2. Reflektiere dich selbst
Malu Dreyer: »Man wächst eigentlich sein Leben lang.«
3. Kreiere deine eigenen Wunder
4. Nimm an, was du nicht ändern kannst
Michael Rossié: »Ich sage ›Ja‹ zu allem, was ich tu.«
5. Nimm dir das größte Stück vom Glück
6. Feiere deine Erfolge
Anja Gockel: »Wenn ich irgendwo bin, dann bin ich dort stets mit meinem ganzen Herzen und meiner Seele.«
7. Think bunt
8. Entwirf einen Plan für dein Leben
Elisabeth Kolz: »Ich habe mich entschieden, mit meinem Sohn zu leben, aber ich wollte gut leben.«
9. Du bist der wichtigste Mensch in deinem Leben
10. Sei dir selbst eine gute Fee
Antje Duwe: »Auf mich selbst zu achten, musste ich erst lernen.«
11. Lerne dich selbst (besser) kennen
12. Sei diszipliniert, wenn es um deine Lebensfreude geht
Eveline Lemke: »Die Ewigkeit ist jetzt.«
13. Werde immer mehr der Mensch, der du bist
14. Lebe im Hier und Jetzt
Julia Klöckner: »Wer mit sich selbst hadert, kann kein Segen für andere sein.«
15. Sei dir deiner Wahlmöglichkeiten bewusst
16. Du bist für dein Glück allein verantwortlich
Ina Karr: »Man kann vieles steuern, was auf den ersten Blick als nicht veränderbar erscheint.«
17. Lass dich auf Händen tragen
Lust auf Lebensfreude!
Lebensfreuderegeln im Überblick
Bewährte Lieblingsduschsongs (getestet und für gut befunden)
Dankbarkeit macht was mit der Seele
Die Autorin
Vorwort: Lust auf Lebensfreude?
»Wenn ich gerne in den Alltag gehe, wenn ich morgens aufwache und denke, es ist schön, heute wird ein toller Tag.«
MALU DREYER
»Wenn ich mich freue. Nicht auf morgen, sondern auf den Moment.«
JULIA KLÖCKNER
»Wenn ich morgens unter der Dusche singe.«
MICHAEL ROSSIÉ
»Was ist Lebensfreude für Sie?« Diese Frage stellte ich Menschen, die in meinen Augen diese ganz spezielle Lebensfreude ausstrahlen. Ein paar Antworten haben Sie gerade gelesen. Antworten von Menschen, bei denen man die Lebensfreude durch alle Poren spürt. Menschen, die es schaffen, nur durch ihre Anwesenheit eine positive Atmosphäre zu schaffen. Menschen, die von innen strahlen – ohne große Worte zu machen. Lebensfreude ist oft das eher Unscheinbare. Nicht das laute Lachen, sondern das verschmitzte Grinsen. Nicht das breite »Es-läuftalles-bestens«, sondern das beiläufige »Es-geht-mir-gut«. Nicht das »Alles-Haben«, sondern das »Ich-weiß-zu-schätzen-was-ich-habe«. Nicht der »Schein«, sondern das »Sein«. Doch so beiläufig die Lebensfreude auch erscheinen mag: Hat man sie einmal verloren, wird alles im Leben grau und bleiern.
Wenn Sie, verehrte Leserin, verehrter Leser, Lebensfreude (wieder) spüren wollen, dann kann Ihnen dieses Buch helfen. Mit Mut-mach-Geschichten, in denen Sie erfahren, wie andere das mit der Lebensfreude machen. Und mit konkreten, aber einfachen Übungen, die Ihnen zeigen, wie Sie sich Schritt für Schritt die Lebensfreude zurückholen.
Im Mai 2005 lief ich meinen ersten Marathon. Ein Jahr lange hatte ich darauf trainiert. Von der Ab-und-zu-mal-Läuferin wurde ich in nur zwölf Monaten zur Marathonläuferin. Um mein Ziel zu erreichen, musste ich zu Zeiten trainieren, in denen ich sonst niemals freiwillig aufstehen würde. Morgens um fünf Uhr dreißig. Mit der Sonne raus aus dem Bett. Total verrückt. Aber ich hatte mir fest vorgenommen, diesen Lauf mitzumachen und durchzuhalten. Zu meinem eigenen Ehrgeiz kam der »öffentliche Druck«. Mein Vorhaben wurde vom SWR Fernsehen begleitet. Alle paar Wochen kam ein Kamerateam zu mir, um über meinen Trainingsstand zu berichten, und auch bei der Liveübertragung des Gutenberg-Marathons in Mainz wurde immer wieder über meinen Lauf berichtet. Das Training für diesen Lauf zu absolvieren war aufwendig. Ich musste viel Zeit investieren, die ich viel lieber beim Lesen, im Garten oder mit meiner Familie verbracht hätte. Ich musste mich häufig selber treten, aber am Ende war ich so unglaublich stolz, es geschafft zu haben, dass es alle Strapazen wert war.
Mit diesem Marathon möchte ich das vergleichen, was Sie vorhaben, wenn Sie sich Lebensfreude und Leichtigkeit zurückholen wollen. Es ist wie ein Marathon im Kopf. Sie müssen alte, gut »eingelaufene« Gedankenschleifen verlassen. Sie müssen neue Wege finden und die erst zu Trampelpfaden und nach und nach zu Autobahnen verbreitern. Sie müssen Mut haben, auch mal »Unerhörtes« zu denken. Sie müssen im Kopf über Hürden springen. Sie müssen Veränderungen wirklich wollen. Und Sie müssen bereit sein, an sich selbst zu arbeiten.
Wenn Sie also Lust oder ausreichend Frust haben, um herausfinden zu wollen, was Sie alles in Ihrem Leben ändern können, dann probieren Sie die Übungen in diesem Buch aus. Ich habe sie alle selbst getestet und weiß daher, dass sie funktionieren. Aber denken Sie daran: Die mangelnde Lebensfreude und Unzufriedenheit kamen nicht von heute auf morgen. Sie schlichen sich nach und nach in Ihr Leben. Und so kann sich auch die Lebensfreude nur nach und nach einschleichen. Es wird dauern, bis Sie alte Gewohnheiten aus Ihrem Kopf verbannt und den neuen Raum geschaffen haben. Aber auch hier gilt es wie im Sport: Je häufiger Sie »trainieren«, desto schneller geht es. Je disziplinierter Sie sind, desto besser läuft es. Und verzweifeln Sie nicht, wenn Sie nicht gleich die ganz großen Sprünge machen können. Freuen Sie sich über jede noch so kleine Verbesserung. Wenn Sie es das erste Mal geschafft haben, für zehn Minuten die immer selben Gedankenschlaufen zu verlassen, dann haben Sie einen ersten kleinen Sieg errungen. Freuen Sie sich darüber, loben Sie sich dafür, feiern Sie es. Und dann geht es weiter. Als Nächstes schaffen Sie 15 Minuten. Sie müssen nur dranbleiben. Irgendwann denken Sie ständig kunterbunt und nicht mehr grau in grau.
Dieses altmodische Wort »Disziplin« ist übrigens ganz wichtig bei Ihrem Vorhaben. Was können Menschen diszipliniert sein, wenn es um den Beruf geht. Da wird kein Termin ausgelassen, für jeden Kollegen nimmt man sich Zeit, und dann nimmt man auch noch Arbeit mit ins Wochenende. Doch wie diszipliniert sind Sie mit sich selbst? Gehen Sie zum Laufen, wenn Sie es sich vorgenommen haben? Oder lassen Sie es häufiger ausfallen, weil etwas »Wichtigeres« dazwischengekommen ist? Haben die meisten Dinge mehr Priorität als Ihre persönlichen Pläne? Stellen Sie diese immer wieder ganz hinten an? Dann werden Sie diszipliniert, was Ihr Privatleben angeht.
Für dieses Buch habe ich erfolgreiche Menschen zum Thema »Lebensfreude« interviewt. Alles Menschen, die ich persönlich schätze, weil sie diese besondere Art von Lebensfreude ausstrahlen. Man merkt ihnen an, dass sie bei sich sind – egal, was sie beruflich gerade alles auf der To-do-Liste haben. Und so unterschiedlich sie auch sind, so ähneln sie sich doch in vielen Bereichen. Diese Menschen achten auf sich. Sie reflektieren sich selbst. Sie haben Kontakt zu ihren Gefühlen und vertrauen ihrem Bauchgefühl. Und sie sind diszipliniert bei den Sachen, die ihnen guttun: beim Sport, beim Schlaf, bei den Auszeiten.
Mit diesen Menschen habe ich mich noch über etwas anderes unterhalten: über das Thema »Lebenskrisen«. Denn Lebensfreude und Lebenskrisen sind zwei Seiten einer Medaille. Nur wer sich dessen bewusst ist, dass man die schönsten Höhen im Leben nur erreichen kann, wenn man dafür auch durch die tiefsten Täler geht und auch bereit ist, dies zu akzeptieren, kann wahre Lebensfreude empfinden. Wer nicht durch die Täler will, wird die Höhen nicht erreichen können. So ein Leben ist wie ein Teich, an dessen Oberfläche keinerlei Bewegung ist. Man kann so durchs Leben gehen. Das muss jeder für sich selbst entscheiden. Aber ich würde jede Krise in Kauf nehmen, um an anderen Tagen die Lebensfreude in vollen Zügen genießen zu können. Und so werden Sie in diesem Buch auch beides finden. Erzählungen von Menschen, die zum Lachen und Weinen sind, und handfeste Tipps, wie Sie Lebensfreude selber produzieren können. Denn das ist ein bisschen ungerecht im Leben: Krisen kommen von allein, für die Lebensfreude müssen wir eine Menge tun. Und so geht es in diesem Buch auch um »Krisen« und wie Sie aus diesen wieder herauskommen. Denn das ist die eigentliche Kunst im Leben: aus den Tälern wieder rauszukrabbeln. Ohne zu verzweifeln. Und ohne die Lebensfreude dauerhaft zu verlieren.
Meine Gesprächspartner haben alle mit Schicksalsschlägen zu kämpfen gehabt. Ob eine Scheidung, die Diagnose einer schweren Krankheit oder der Tod des eigenen Kindes. Und auch ich selbst musste bereits durch einige tiefe Täler gehen. Von einigen werde ich in diesem Buch erzählen. Vielleicht hilft es Ihnen, zu erfahren, wie andere Menschen mit Krisen umgehen. Denn vor Enttäuschungen, Liebeskummer oder Verlusten können wir uns nicht schützen. Wir können nur dafür sorgen, dass wir nach dem Hinfallen wieder aufstehen. Und besser weitermachen, weil wir durchs Hinfallen etwas gelernt haben.
»Lebensfreude bedeutet, morgens unter der Dusche zu singen. Ich merke immer, ob der Tag gelingt, wenn ich morgens unter der Dusche singe. Da denke ich immer, das ist Spaß heute, ich freu mich, ich habe Lust auf den Tag.« Das sagt Michael Roussié, der einzige Mann, den ich für die Mut-mach-Geschichten interviewt habe. Warum gerade ihn? Weil er die personifizierte Lebensfreude ist. Weil er weiß, wie er sich die Lebensfreude holt. Aber auch, weil er weiß, wie sich Krisen anfühlen.
Lebensfreude zurückzuholen ist eine Entscheidung. Eine Entscheidung Ihres Kopfes. Sie können so weitermachen wie bisher in negativen Gedankenschleifen. Oder Sie ändern etwas. Denn ohne Lebensfreude leben wir unser Leben nur ab, aber erleben es nicht. Ohne Lebensfreude kann man keine Liebe spüren, keinen Sieg genießen, bei keinem Spaß aus vollem Herzen lachen. Erst die Lebensfreude macht alles lebendig. Ich weiß, dass es oft schwer ist im Leben, sich diese Lebensfreude zu erhalten oder sie sich zurückzuholen. Aber ich weiß, dass es möglich ist und dass es sich lohnt, dafür zu arbeiten. Und Arbeit ist es. Man muss unbequemen Wahrheiten ins Gesicht sehen und Entscheidungen treffen, für die man von anderen vielleicht nicht geliebt wird. Aber jeder hat nur dieses eine Leben, und jeder sollte möglichst viel dafür tun, sich selbst glücklich zu machen. Denn eins ist klar: Wenn man es nicht selbst tut, tut es keiner. Das wird nicht von heute auf morgen gehen. Aber es geht. Und der Weg lohnt sich auf jeden Fall. Sie müssen sich nur entscheiden und dann Schritt für Schritt gehen. Los … wagen Sie es! Schließlich sind wir doch auf der Welt, um glücklich zu sein. Oder etwa nicht?
Dieses Buch habe ich so konzipiert, dass Sie damit arbeiten können und sollen. Es liefert Ihnen Werkzeuge, wie Sie sich Ihre Lebensfreude selber »schreinern« können. Nehmen Sie es am besten immer mit. So können Sie im Bus oder im Wartezimmer über viele wichtige Fragen nachdenken und die Ergebnisse gleich aufschreiben. Wenn Sie nicht »arbeiten« wollen, dann lassen Sie sich von den Geschichten und Gedanken inspirieren. Nehmen Sie sich die Teile heraus, die Ihnen guttun. Jeder Weg zur Lebensfreude verläuft anders. Gestalten Sie Ihren Weg. Dieses Buch kann Ihnen dabei helfen.
Ich wünsche Ihnen ganz viel Erfolg und Freude auf Ihrem Weg.
Ihre
Patricia Küll
»Ich muss die Vokabeln des glücklichen Lebens lernen.«
Interview mit Professor Dr. Jörg Kühnapfel
Lebensfreude ist ein Gefühl. Es ist eher eine »Bauch-« als eine »Kopfsache«. Dennoch kann man Lebensfreude auch ganz sachlich betrachten. Das beweist Prof. Dr. Jörg Kühnapfel. Er hat an der Universität Ludwigshafen eine Professur für General Management, insbesondere Vertriebscontrolling. Der Wirtschaftswissenschaftler hat eine Abhandlung mit dem Titel »Lässt sich Glück managen?« geschrieben. Die Antwort auf diese Frage wird Sie bestimmt ermutigen, sich auf Ihren ganz persönlichen Lebensfreude-Weg zu begeben.
Patricia Küll: Herr Professor Kühnapfel, wie kommt denn ein Wirtschaftswissenschafter dazu, sich mit Glück zu beschäftigen?
Prof. Kühnapfel: Glücksmanagement ist nichts Aktuelles in der Ökonomie. Schon der Urvater Adam Smith, der im 18. Jahrhundert die Grundlagen der modernen Ökonomie gelegt hat, hat sich mit den Themen Glück, Zufriedenheit und Wohlempfinden beschäftigt. Viele andere danach auch.
Patricia Küll: Und wie kamen Sie persönlich dazu?
Prof. Kühnapfel: Über das Thema »Messen«. Von Haus aus mache ich Marketing und Vertrieb. Mein Steckenpferd ist das Messen von Marketing- und Vertriebserfolg. Die lassen sich nicht mit einem Zollstock oder einem Wiegeapparat so exakt messen, wie wir es gerne hätten. Genauso ist es auch beim Thema Glück oder der Qualität einer Partnerschaftsbeziehung. Wie glücklich sind Sie denn heute? 4, 93, 12 Kilogramm Glück? Das können Sie nicht beziffern. Wenn wir aber etwas nicht messen können, dann sind wir auch nicht in der Lage, es zu managen.
Patricia Küll: Kann man es denn messen?
Prof. Kühnapfel: Nein, wahrscheinlich ist es nicht möglich, das persönliche Glücksempfinden an einem objektiven Maßstab festzumachen. Was wir machen können, ist: Wir finden ein Ersatzmesssystem. Dann messen wir nicht das Glück selbst, sondern messen die Umstände, die uns glücklich machen. Das geht ja.
Patricia Küll: Was sind das für Dinge, die uns glücklich machen?
Disziplin ist die wichtigste Charaktereigenschaft, die man bei Menschen, die glücklich sind, feststellen kann
Prof. Kühnapfel: Das ist wohl erforscht. Auch der Wirtschaftsnobelpreisträger Angus Deaton hat einige Arbeiten zu dem Thema geschrieben. Also was macht mich persönlich glücklich? Das sind zum Beispiel die Qualität des Wohnraumes oder das Einkommen. Das macht glücklich. Die Beziehung zu meinem sozialen Umfeld. Habe ich Freunde, habe ich eine gute Beziehung zu meinen Nachbarn et cetera? Habe ich Zugang zu Bildung, habe ich Zugang zum Gesundheitswesen? All das sind Dinge, die mich glücklich machen. Diese kann ich individuell für mich, aber auch für eine Volkswirtschaft messen.
Patricia Küll: Gibt es Menschen, die von Natur aus glücklicher sind als andere?
Prof. Kühnapfel: Es gibt einige Voraussetzungen, die Menschen mitbringen, die glücklich sind. Nennen wir sie Tugenden. Diese sind gut erforscht, etwa durch die »positive Psychologie«, Seligman und Csíkszentmihályi, etablierte Wissenschaftler auf diesem Gebiet, die herausgearbeitet haben, was Menschen mitbringen müssen, damit sie glücklich sein können. Dazu zählen Extrovertiertheit, Resilienz, also die Fähigkeit, nach einem emotionalen Schock wieder in den Ausgangszustand zurückzukehren, Dankbarkeit, Demut und so weiter. Wir kommen zu einem Katalog von vielleicht fünfzehn Faktoren. Und die wichtigste Charaktereigenschaft von Menschen, die glücklich sind, ist … Was glauben Sie?
Patricia Küll: Sagen Sie es mir.
Prof. Kühnapfel: Disziplin! Ein sehr unbequemes Wort, wir wollen es gar nicht mehr in den Mund nehmen, es ist total unmodern, aber Disziplin ist die wichtigste Charaktereigenschaft, die wir bei Menschen, die glücklich sind, feststellen können.
Patricia Küll: Sie meinen Disziplin bei der Umsetzung dessen, was mich glücklich macht?
Prof. Kühnapfel: Ja, genau. Wenn Sie diszipliniert damit umgehen, was das Leben Ihnen geschenkt hat, dann werden Sie gut überlegen, inwieweit Sie Ihren Chef an sich heranlassen oder Ihren bösen Partner, die bösen Nachbarn oder wen auch immer. Sie werden bewusst schauen, wie Sie Ihren Tag verbringen. Sie werden auch Mühen, also Kosten, in Kauf nehmen, um langfristig Nutzen zu generieren, z. B. joggen oder Yoga machen. Das ist Disziplin! Nicht nur wünschen, sondern auch tun!
Patricia Küll: Es gibt Menschen, die haben alles, wovon Sie gesprochen haben, und sind trotzdem nicht zufrieden. Woran liegt das denn?
Prof. Kühnapfel: Viele Wissenschaftler vermuten, dass der unbewusste Umgang mit all diesen Segnungen des Alltags dazu führt, dass die Menschen ihr Glück gar nicht empfinden. Zum Beispiel erleben manche Menschen Gesundheit als etwas ganz Selbstverständliches. Erst dann, wenn wir eine chronische Krankheit bekommen, spüren wir den Wert von Gesundheit. Doch glückliche Menschen, das stellen wir immer wieder fest, sind in der Lage, den Wert von was auch immer schon festzustellen, bevor sie einen Mangel erleiden.
Man muss die Vokabeln des glücklichen Lebens lernen
Patricia Küll: Das heißt also, bewusst leben macht glücklich? Bewusst erleben?
Prof. Kühnapfel: Darauf können wir es reduzieren, ja. Es gibt nichts Schlechtes, außer man ist sich nicht bewusst, was man alles zur Verfügung hat. Ganz wichtig ist hierbei, dass man natürlich auch mit einem Mangel glücklich sein kann. Letztlich sind wir alle limitiert. Wenn wir uns der Grenzen bewusst sind, können wir damit umgehen.
Patricia Küll: Inwieweit kann man es denn lernen, sich selbst glücklich zu machen, wenn man diese Gabe nicht von Natur aus mitgebracht hat?
Prof. Kühnapfel: Also ich würde jetzt natürlich gerne sagen, dass wir lernen können, uns aus dem eigenen Schopf aus dem Sumpf zu ziehen, wenn wir dieses oder jenes Buch lesen. Aber leider wird es wahrscheinlich so sein, und ich drücke mich jetzt deswegen so vorsichtig aus, weil die sozialwissenschaftliche Forschung dazu noch lange nicht am Ende ist, dass Glücklichwerden Arbeit ist. Der Weg von einem Menschen, der sich ständig bedroht fühlt, der von Schicksalsschlägen leicht umgeworfen wird, hin zu einem glücklichen, lebensbejahenden Menschen, der all das leichter verkraften kann, der ist lang und zäh. Das ist Arbeit. Ich vergleiche das mal mit einer Fremdsprache: Wie lernt man eine Fremdsprache? Indem man sich hinsetzt und sich Vokabel für Vokabel anschaut und Grammatikregel für Grammatikregel. Positiv und glücklich zu leben ist exakt das Gleiche. Ich muss die Vokabeln des glücklichen Lebens lernen, ich muss die grammatikalischen Regeln lernen et cetera.
Patricia Küll: Und wie geht man dabei am besten vor?
Prof. Kühnapfel: Die Ausgangsfrage ist, was macht Sie oder was macht mich glücklich? Wenn wir uns im Sessel zurücklehnen und darüber nachdenken, was uns wirklich glücklich macht, was ist es, das ich wirklich möchte, dann finden wir einen kurzen Katalog von Glückstreibern: Ich möchte gerne sportlich sein, ich möchte gerne, dass ich von meinem Umfeld geschätzt werde, ich möchte mich gerne weiterbilden, weil ich Bildung an sich schon für etwas Wertvolles halte, und ich möchte einen tollen Partner finden. Die zweite Frage ist: Was muss ich tun, um diese Glücksfaktoren zu realisieren? Beispiel: Ich möchte sportlich sein, damit ich lange glücklich leben kann und nicht so schnell krank werde. Blöderweise ist sportlich sein oder sportlich werden mit Arbeit verbunden. Ich muss also raus, joggen gehen oder Rad fahren oder schwimmen oder was auch immer. Wenn es draußen anfängt zu nieseln und ich mir dann sage: »Nö, da gehe ich lieber nicht joggen, das ist ja eh blöd«, habe ich schon einen Fehler gemacht. Ich muss mich also überwinden. Und dieses Überwinden, diese innere Hürde ist die Arbeit, die ich leisten muss. Ein Versprechen meinerseits: Wenn wir unsere Glücksfaktoren kennen und die ersten kleinen Schritte machen, dann ist der Rest super leicht. Der Anfang, wie bei einer jeden großen Reise, ist am wichtigsten. Ich muss den ersten Schritt machen, und dann rollt das Ganze.
Oder ein anderes Beispiel, das wir nur begrenzt selbst im Griff haben: Ich möchte einen tollen Partner haben. Die Frage ist: Was kann ich tun? Ich muss raus vor die Türe und versuchen, Menschen kennenzulernen. Sportverein, Disco, Wandergruppe. Das ist die Aktivität, mit der ich starten kann. Um zu meinem Versprechen von vorhin zurückzukommen: Dann passiert irgendetwas. Nicht, dass ich direkt in der ersten Woche den richtigen Partner kennenlerne, aber ich bringe etwas in Gang. Ich arbeite daran, einen Glücksfaktor zu realisieren. Das heißt, überhaupt etwas hierfür zu tun, wird mich schon befriedigen. Da passiert etwas mit mir. Ich weiß, ich arbeite an meinem Glück. Ein anderes Beispiel: Wünscht man sich eine Beförderung, kann man sich entweder einfach nur hinzusetzen und warten, aber man kann dafür auch etwas tun. Mal ’ne Überstunde machen. Versuchen, etwas besonders gut zu machen. Der Chef wird mich nicht gleich nächste Woche befördern, aber indem ich etwas tue und weiß, es geht in die richtige Richtung, werde ich glücklicher.
Glücksmanagement ist der einzige Weg, um glücklich zu sein
Patricia Küll: Ihr Buch heißt »Lässt sich Glück managen?«. Welche Antwort haben Sie darauf gefunden?
Prof. Kühnapfel: Die Antwort ist nicht nur: »Ja, es lässt sich managen«, sondern: »Glücksmanagement ist der einzige Weg, um glücklich zu sein.« Das klingt sehr ökonomisch, betriebswirtschaftlich, managementlastig, aber wir haben ja schon die halbe Miete herausgearbeitet. Erstens, ich muss eine Ist-Analyse machen. So nennen die Ökonomen das. Was gemeint ist: Ich muss mal betrachten, welche Ressourcen ich habe, welche Restriktionen, was für Ziele. Wie ein Manager. Dann muss ich herausarbeiten: Wohin möchte ich denn gehen? Welche Ziele habe ich, welche Visionen? Wenn es so ist, dass glücklich zu leben das Primärziel ist, dann stellt sich die Frage: Was macht mich überhaupt glücklich? Habe ich das herausgefunden, kommt der dritte Schritt: Ich muss schauen, welche Restriktionen ich habe. Ich bin jetzt 48 Jahre alt, ich kann bei der nächsten Olympiade keinen 100-Meter-Sprint mehr gewinnen. Dieses Ziel zu verfolgen würde mich nicht glücklich machen. Es würde mich frustrieren. Restriktion muss ich anerkennen. Damit meine ich übrigens auch charakterliche Restriktion. Wenn ich ein introvertierter Typ bin, na, dann werde ich halt einen kleineren Freundeskreis haben. Das muss ich erkennen. So, kleine Zusammenfassung bis hierher: Ich- und Ist-Analyse, Glücksfaktoren, Restriktion. Dann der vierte Schritt: Was muss ich tun, damit die Glücksfaktoren ins Leben kommen? Was entsteht, ist eine vermutlich lange Liste an sinnvollen, mehr oder weniger glücksstiftenden Tätigkeiten. Was folgt, ist, das ist jedem Manager bekannt, die Priorisierung. Denn jeder hat nur 24 Stunden am Tag oder ein bestimmtes Budget zur Verfügung; dann zerrt der Chef an einem und die Familie gleich mit. Also sind die Handlungsmöglichkeiten begrenzt und ich muss Prioritäten setzen. Wenn ich nun meine Prioritäten gesetzt habe, also weiß, welche Tätigkeit die wichtigste ist usw., dann weiß ich, wie ich meine Freizeit verbringe. Ich gehe joggen und nicht auf irgendeinem Fernsehsender irgendeine blöde Sendung gucken. Jetzt sind wir schon fast am Ende des Glücksmanagement-Prozesses. Es kommt aber noch ein sechster Schritt – auch der ist jedem Manager bekannt: die Erfolgskontrolle. Ich lehne mich alle drei Monate zurück und überlege, ob ich auf dem richtigen Weg bin. »Ah, ne, das mit dem Sport ist doch nicht so das Richtige für mich, ich will viel lieber noch eine Fremdsprache lernen.« Und dann kann ich meine Prioritäten verändern. Der Prozess wird zu einem Regelkreis. Das Büchlein habe ich übrigens für Ökonomen geschrieben, weil das deren Wording ist.
Patricia Küll: Was tun Sie denn persönlich, um glücklich und zufrieden zu sein?
Prof. Kühnapfel: Ich befolge natürlich meine eigenen Regeln. Ich habe für mich herausgefunden, was tatsächlich wichtig für mich ist, und versuche auch, meine Zeit zu priorisieren. Das heißt nicht, dass ich da sehr starr bin, es kann sich auch verändern. Aber diese Reflexion, diese Nabelschau, das Herausarbeiten der Glücksfaktoren, das Herausarbeiten der charakterlichen Grenzen, die Kosten der glücksstiftenden Aktivitäten, die ich tue, und das Kontrollieren der Ergebnisse, all das mache ich natürlich selbst. Ich bilde mir ein, dass für mich dieser Weg gut funktioniert, so rational er auch erscheint.
Lebensfreuderegel 1: Nichts passiert ohne Grund
Warum der schwärzeste Tag in meinem Leben so viele gute Seiten hat
»Nothing happens without a reason.« Diese Worte stehen groß an der Küchenwand eines kleinen Ferienhauses in Florida, in dem ich schon viele Stunden verbracht habe. Ich liebe dieses kleine, schlammgelbe Holzhaus aus dem Jahr 1923 mit Blick auf Palmen, Bambus und einen winzigen Pool. Und ich liebe diesen Satz, über den ich in vielen schönen Sommer-Sonnen-Ferienstunden schon so viel nachgedacht habe. Nichts passiert ohne Grund. Alles, was uns im Leben widerfährt, ist für irgendetwas gut. Oft erkennen wir den guten Anteil nicht sofort. Manchmal nie oder vielleicht erst in den letzten Minuten, bevor wir von dieser Erde abtreten. Aber wenn ich einen unerschütterlichen Glauben habe, dann der, dass alles für irgendetwas nützlich ist. Dieser Satz und der Glaube daran ist deshalb so schön und tröstlich, weil man in dunklen Momenten des Lebens immer auch ein Licht sieht. Weil man weiß, dass es bei allem Schwarzen auch eine helle Seite gibt. Dass die Sonne vielleicht nur ums nächste Eck wartet, obwohl man gerade voll im Schatten steht.
Eine Freundin von mir – sie feierte gerade ihren 50. Geburtstag – hat dieses Wochenende geheiratet. Zum zweiten Mal. Ihr Mann ist ein alter Schulfreund. Sie ist ihm nach vielen Jahrzehnten wieder nähergekommen, als sie mit einem Beinbruch im Bett lag und viel Zeit hatte, alte Kontakte aufzufrischen. In dem Moment, in dem sie sich das Bein brach, hat sie bestimmt nicht gedacht: »Juchhu, ich bin mal gespannt, was dieser Beinbruch Gutes mit sich bringt.« Aber tatsächlich hatte der Unfall eine überaus gute Seite, die viel bedeutender für den Rest ihres Lebens sein wird als der Beinbruch selbst. Wer weiß, ob sie mit ihrem alten Schulfreund überhaupt wieder in Kontakt getreten wäre, wenn sie nicht plötzlich einsam und verlassen mit Gipsbein und viel Zeit rumgelegen hätte.
Bestimmt gab es auch in Ihrem Leben schon Ereignisse, die sich im Nachhinein als richtig gut herausgestellt haben, auch wenn sie erst einmal richtig schlecht anfingen. Farhana Dhalla ist eine Autorin aus Zimbabwe. Sie schrieb das Buch »Thank you for leaving me«. Darin geht es um das Ende ihrer Ehe, wie furchtbar es ist, verlassen zu werden, und wie wunderbar, wenn man merkt, dass sich das Leben nach der Trennung in eine viel bessere Richtung entwickelt. Also sogar im Ende einer langjährigen Beziehung, die Farhana von sich aus nie beendet hätte, gibt es gute Seiten, und ich bin mir sicher, man kann in allem scheinbar Schlechten auch etwas Gutes finden.
Ich bin mir deswegen so sicher, weil ich es aus eigener Erfahrung weiß. Weil ich weiß, dass selbst die schlimmsten Tage im Leben etwas Gutes mit sich bringen. Weil ich so einen ganz miesen Tag schon mal erleben musste. Dabei fing alles viele Jahre zuvor so schön an.
Jubeltag ohne Jubel
Es ist ein sonniger Jubeltag im August. Obwohl ich nur zwei Stunden geschlafen habe, bin ich hellwach, moderiere die Frühsendung im Radio aufgeweckt und ansteckend gut gelaunt. Als ich aus dem Radiostudio rauskomme, fragt mich mein Kollege: »Sag mal, bist du verliebt?« Ich weiß nicht mehr, was ich geantwortet habe, aber die Wahrheit habe ich bestimmt nicht gesagt. Zu neu ist alles. Zu frisch. Zu überwältigend. Ich bin einundzwanzig und schwebe auf Wolke sieben. In der Nacht zuvor habe ich zum ersten Mal den Mann meiner Träume geküsst. In seinem Auto vor dem Haus meiner Eltern. Bis nachts um zwei. Dann musste ich mich verabschieden. Meine Frühsendung begann nur drei Stunden später. Seit dieser Nacht ist der 10. August ein Jubel-Sonnen-Freutag, denn seitdem sind der Traumtyp und ich ein Paar.
Siebzehn Jahre später. Es ist wieder der 10. August, aber es stehen keine Blumen auf dem Frühstückstisch, und es gibt keine Karte, in der mir mein Mann seine Liebe versichert. Diesen 10. August feiern wir nicht. Denn wir stecken in einer tiefen Krise, wissen nicht, wie es in unserer Ehe weitergehen soll und ob es überhaupt weitergehen soll und kann. Unsere Tochter ist vier Jahre alt.
Eine schlechte Nachricht kommt selten allein
An diesem Tag habe ich ein Treffen mit einem meiner Chefs. Ich moderiere verschiedene Sendungen und habe für jede Sendung einen Chef. Was dieser Chef an diesem Tag von mir will? Ich weiß es nicht. Habe keine Ahnung. Vorsichtig hatte ich im Vorfeld des Termins bei einem der anderen Chefs nachgefragt, ob der sich vorstellen könne, was mich denn erwarte. Die Antwort war: »Ich würde immer das Beste erwarten.« Also gehe ich mittags völlig unvorbereitet – in der Erwartung einer positiven Nachricht – zu dem Treffen. Was mir mein Chef dann sagt, ist wie ein Schlag in die Magengrube. »Du weißt ja, dass wir eine neue Moderatorin ins Team nehmen, und dafür muss einer aus dem alten Team gehen. Und das wirst du sein. Wir können es für Ende des Jahres festlegen, aber lieber wäre es mir, wenn wir mit dem nächsten Dienstplan wechseln. Das wäre in drei Wochen.«
Nach sieben Jahren Moderation eine Kündigungsfrist von drei Wochen. Und damit der Verlust von fünfzig Prozent meines Einkommens. Wir Moderatoren sind nicht fest angestellt, wir werden pro Sendung bezahlt. Sprachlos sitze ich meinem Chef gegenüber, der Mund total ausgetrocknet, im Magen ein riesiger Klumpen. Also Ehe in einer Sackgasse und Job weg. Kein guter Tag. Ich kann nicht mal nach Hause und heulen, weil ich abends eine Livesendung zu moderieren habe.
Es kann immer noch schlimmer kommen
Ziemlich benommen gehe ich in mein Büro zurück. Denken kann ich immer noch nicht. Ich weiß nur, dass ich von den kommenden drei Wochen noch zwei im Dienstplan für die Moderation dieser Sendung eingeteilt bin und dann Schluss ist. Und dieser Gedanke kreist in meinem Kopf. Und kreist und kreist. Ich bin nicht in der Lage ihn abzustellen. An meinem Schreibtisch angekommen, sehe ich, dass sowohl auf meinem Festnetzapparat wie auch auf meinem Handy eine Nachricht hinterlassen wurde. Meine Schwester hat versucht, mich zu erreichen. Ihre Nachricht ist ähnlich kurz wie die meines Chefs, aber viel, viel schlimmer. Sie lautet: »Patricia, komm sofort nach Hause. Mami liegt im Sterben.«
Bei meiner Mutter war ein paar Monate zuvor Gallengangkrebs diagnostiziert worden. Wochenlang war sie von einem Arzt zum anderen gelaufen. Keiner konnte etwas feststellen. Am Ende hieß es, es seien die Nerven. Und auch meine Schwestern und ich wollten lange daran glauben. Legten ihr nahe, sich auszuruhen. Erst als sie nachts Blut spuckte und ohnmächtig im Badezimmer umfiel, entdeckte man im Krankenhaus die Ursache. Da war es aber schon viel zu spät. Der Krebs hatte bereits flächendeckend gestreut. Dennoch hatte ich bis zum letzten Tag die Hoffnung, dass sie wieder gesund wird. Sie war erst 67 Jahre alt.
Also Ehe in einer Sackgasse, Job weg und die Nachricht über den nahenden Verlust meiner Mutter. Alles an einem Tag.
Nichts ist so schlecht, als dass nicht auch etwas Gutes dabei wäre
Mein Vater, der schon einige Jahre vor meiner Mutter gestorben war, hatte viele kluge Sprüche auf Lager. Einer seiner Lieblingssätze war: »Nichts ist so schlecht, als dass nicht noch was Gutes dabei wäre.« Mein Kraftsatz »Nichts passiert ohne Grund« hat seine Wurzeln in dem Satz meines Vaters. Doch was soll an diesem 10. August gut gewesen sein? Was soll man Positives aus einem Tag wie diesem ziehen können? Welchen – guten – Grund gab es für diesen 10. August in meinem Leben?
Antworten auf diese Fragen bekommt man oft erst in der Nachbetrachtung. Und auch ich wusste erst Wochen später, was das Gute daran war und warum das alles passieren musste.
Drei Wochen durfte meine Mutter noch leben, erst im Krankenhaus, dann gepflegt von meiner Schwester in deren Wohnung. Einige Tage davon durfte ich sie noch füttern, sie auf die Toilette bringen – sie konnte aufgrund der Metastasen schon länger nicht mehr laufen – und ihr zuhören. Dann starb sie an einem Freitagmittag, und ich durfte neben ihr sitzen.
Kurz nachdem sie die Augen für immer geschlossen hatte, rief ich meinen Mann an, der mit unserer Tochter kam, um mich abzuholen. Und in den Wochen darauf dämmerte es mir, warum es das Schicksal an diesem 10. August doch recht gut mit mir gemeint hatte.
Danke für die Kündigung
Wäre mir an diesem Tag nicht diese Sendung gekündigt worden, hätte ich die letzten drei Wochen, die meine Mutter noch lebte, pflichtbewusst meine Arbeit getan und meine Sendungen moderiert. Ich wäre nur am Wochenende zu ihr gefahren. So aber hatte ich zehn Tage mit ihr im Krankenhaus. Sie erzählte mir viele Geschichten aus ihrer Kindheit. Diese Zeit kann mir keiner mehr nehmen.
Drei Monate nach dem Tod meiner Mutter wurde ich schwanger. Für meinen Mann und mich war es durch die Ereignisse völlig klar, dass wir zusammengehören. Ich war damals schon 38 Jahre und wurde sehr schnell schwanger. Ich bin bis heute fest davon überzeugt, dass meine Mutter uns unseren Sohn geschickt hat. Er kam vier Tage vor ihrem ersten Todestag auf die Welt. Sie können sich vielleicht vorstellen, wie viele Tränen ich an diesen Tagen geweint habe. Vor Freude und vor Kummer.
Ein paar Wochen nach dem Gespräch mit meinem Chef bekam ich von ihm einen langen handgeschriebenen Brief, wie leid es ihm täte, dass er ausgerechnet an diesem Tage mit dieser Kündigung gekommen war. Diesen Brief habe ich aufgehoben. Er hat mich im Nachhinein sehr mit der Situation versöhnt. Doch eigentlich bin ich ihm bis heute – ganz im Stillen – sehr dankbar für diese Kündigung zur genau richtigen Zeit.
Vielleicht ist es Ihnen auch schon mal so ergangen, dass Sie dachten, das Schicksal meint es gerade besonders übel mit Ihnen. Es muss ja nicht immer gleich ein »10. August« sein. Da reichen viel geringere Anlässe. Ein Beinbruch am ersten Tag des Skiurlaubs oder eine Steuernachzahlung, die sich gewaschen hat. Manchen Frauen soll schon ein missglückter Haarschnitt ausreichen (habe ich tatsächlich schon mal bei einer Freundin erleben müssen!), um sich voll und ganz vom Schicksal bestraft zu fühlen. Wenn es Ihnen dann gelingt, sich mit dem Glauben, dass es für irgendetwas gut sei, auch wenn Sie im Moment noch keine Ahnung haben, wofür, verankern können, wird Ihnen der »Schicksalsschlag« schon gleich weniger heftig vorkommen.
Wer weiß, wofür es gut ist?
Folgende kleine Geschichte zeigt, wie viel Aufregung man sich im Leben erspart, wenn man nur fest an die Aussage »Nichts passiert ohne Grund« glaubt:
Ein alter Mann bearbeitete mit seinem einzigen Sohn einen kleinen Hof. Sie hatten nicht mehr als ein Stückchen Land und ein Pferd, das den Pflug zog. Eines Tages lief das Pferd davon. Da kamen die Menschen aus dem Dorf und bedauerten den armen Mann: »Armer Alter, jetzt müsst Ihr die ganze schwere Arbeit ohne Pferd machen. Oh weh, oh weh.« Doch der alte Mann sagte nur: »Wer weiß, wer weiß, wofür es gut ist.«
Wenige Tage später kehrte das Pferd auf den Hof zurück und führte eine Herde wunderschöner Wildpferde mit sich. Und wieder kamen die Dorfbewohner und jubelten diesmal: »Was für ein Glück ihr habt. Ihr seid wirklich zu beneiden.« Und wieder sagte der alte Mann nur: »Wer weiß, wer weiß, wofür es gut ist.«
Am nächsten Tag wollte der Sohn eines der Wildpferde zureiten, fiel dabei aus dem Sattel und brach sich ein Bein. Schnell kamen die Leute aus dem Dorf angerannt, um zu lamentieren. Denn nun musste der arme Mann die schwere Feldarbeit ohne Unterstützung seines kräftigen Sohnes schaffen. Doch wieder sagte der Alte nur: »Wer weiß, wer weiß, wofür es gut ist.«
Kurze Zeit später brach mit dem Nachbarland ein Krieg aus. Soldaten kamen in das kleine Dorf und nahmen alle jungen Männer mit, die an der Front dienen mussten. Viele von ihnen starben und kehrten nie zurück. Nur den Sohn des Alten konnte man mit seinem gebrochenen Bein für den Krieg nicht gebrauchen. »Wer weiß, wer weiß schon, wofür es gut ist?«
Beneidenswert, die Einstellung des Alten. Doch wie kommt man an den Punkt, dass man mit großer innerer Überzeugung gewisse Dinge annehmen kann mit dem »Wissen«, dass daraus auch etwas Gutes wachsen wird?
Menschen, die öfter »wer weiß, wer weiß, wofür es gut ist« denken, sind oft insgesamt positive »Denker«. Deren Gedankenautobahnen im Hirn sind nicht nur breite graue Streifen. Deren Hirnwindungen sind bepflanzt mit grünen Mittelstreifen und blühenden Randstreifen. Die Gründe, warum das bei den einen so ist und bei anderen nicht, sind ganz unterschiedlich. Da spielen vor allem unsere Vorbilder eine wichtige Rolle. Aber die gute Nachricht ist: Jeder kann positives Denken lernen. Das dauert eine Weile, bis die alte Autobahn gegen eine neue ersetzt ist, aber der Aufwand lohnt sich.
Umparken im Kopf mit Affirmationen
Nehmen Sie auch immer den gleichen Weg zur Arbeit oder in den Supermarkt? Vermutlich schon. Denn der Weg ist Ihnen vertraut. Sie müssen nicht darüber nachdenken, wie Sie dort hinkommen. Sie finden den Weg praktisch von alleine. So ergeht es Ihren Gedanken auch. Das, was Sie jahre- oder sogar jahrzehntelang gedacht haben, hat sich als sehr breiter Weg in Ihr Gehirn gegraben. Es ist leicht, immer dasselbe zu denken. Wer groß geworden ist mit Selbstvorwürfen, wird sich bei jeder Gelegenheit selbst anklagen. Darüber denkt man gar nicht mehr nach. Man geht diesen Weg gedanklich sozusagen von alleine. Um nun neue Wege zu gehen, müssen Sie üben. Zunächst einmal müssen Sie einen neuen Weg finden. Manchmal müssen Sie dabei auch Umwege nehmen (seien Sie geduldig mit sich, wenn Sie nicht gleich den richtigen Weg finden. Umwege sind oft besser als ihr Ruf, denn »Umwege erhöhen die Ortskenntnis«). Und wenn Sie den richtigen Weg für sich gefunden haben, ist das erst mal nur ein Trampelpfad. Sie müssen diesen neuen Weg oft, sehr oft gehen/denken, um aus dem Trampelpfad einen Weg, eine Straße, eine Autobahn zu machen.
Der Nachteil ist also, dass es Zeit kostet, diesen Weg zu gehen. Der Vorteil: Der Weg hat kaum Steigungen, er lässt sich also leicht gehen.
Das Vehikel, das Sie auf dieser Straße voranbringt, nennt sich Affirmation. Das sind positive, selbstbejahende Sätze, die man sehr häufig wiederholt. Dies ist eine sehr einfache Methode, um sein Denken und damit sein Verhalten und Handeln zu ändern. So wie negative Glaubenssätze aus der Kindheit beeinflussen, so können auch die neuen, positiven Affirmationen ins Unterbewusstsein eindringen und dort wirken.
Negative Affirmationen, die oft Begleiter seit Kindheitstagen sind, können lauten:
• Ich bin so blöd.
• Ich kann nichts richtig.
• Ich bin nicht liebenswert.
• Ich bin hässlich.
• Typisch, dass mir das wieder passiert.
• Ich habe einfach kein Glück.
• Mich mag keiner.
Kommt Ihnen der eine oder andere Satz bekannt vor? Vermutlich wurden Sie von klein auf damit konfrontiert. Vielleicht haben sich aber auch erst im Laufe des Erwachsenenlebens Gedanken eingeschlichen, die Sie negativ beeinflussen.
So wie bei meiner Bekannten Marina. Sie selbst war immer ein kleiner Sonnenschein, optimistisch und strahlend. Ihr Mann das genaue Gegenteil. Vermutlich haben sie sich deshalb gefunden. Doch das sonnige Gemüt von Marina färbte nicht auf ihren Mann ab. Im Gegenteil. Die fast schon misanthropische Art ihres Partners verdunkelte im Laufe von vielen Jahren das Strahlen von Marina. Da solche Prozesse schleichend vonstattengehen, fiel meiner Bekannten lange gar nichts auf. Bis die Tage, an denen sie morgens gar nicht mehr aufstehen wollte, weil sie nicht wusste, worauf sie sich freuen sollte, immer häufiger wurden. In den Gesprächen mit mir betonte sie immer wieder, dass es ihr und ihrer Familie eigentlich richtig gut ginge und sie gar nicht verstehen könne, warum sie ihr Leben nicht genießen könne. Letztendlich machten wir verschiedene Faktoren aus, die im Laufe von vielen Jahren zu ihrer negativen Grundstimmung geführt hatten. Allen voran war es der Glaube, dass es ihr eigentlich nicht so gut gehen durfte, weil viele ihrer Familienmitglieder – vor allem ihre (bereits verstorbenen) Eltern – ein entbehrungsreiches Leben geführt haben. Die Frage war, ob sich hier etwas mit Affirmationen verändern ließe.
Marina suchte für sich folgende Affirmationen, die ihr wieder mehr Leichtigkeit in den Alltag bringen sollten:
• Ich darf alles, was gut ist in meinem Leben, annehmen und mich darüber freuen.
• Ich darf unbeschwert mein Leben genießen.
• Ich darf immer mehr so werden, wie ich bin.
Diese Sätze sagt sie sich am Tag, so oft es geht. Gleich morgens nach dem Aufwachen, während des Tages, wenn sie an der Ampel wartet oder an der Supermarktkasse und – ganz wichtig – abends im Bett, bevor sie einschläft. Sie kennen sicherlich die Wirkung, wenn man abends Vokabeln gelernt hat. Die waren am nächsten Morgen garantiert präsenter als die, die man am Nachmittag gepaukt hat. Diese Wirkung können Sie auch für Ihre Affirmationen nutzen. Schlafen Sie mit positiven Gedanken ein. Die Chance, dass Sie mit positiven Gedanken aufwachen, ist hoch.
Lustigerweise konnte sich Marina ihre zweite Affirmation schlecht merken, obwohl sie sich den Satz selber ausgedacht hat. Jede Affirmation sollten Sie mehrmals laut aussprechen und dabei in sich hineinhorchen, wie sie »ankommt«. »Kneten« Sie so lange an den Sätzen, bis sie sich richtig anfühlen. Marinas Hirn schaltete bei dem Wort »unbeschwert« immer ab. Stattdessen schickte es Begriffe wie »leichtsinnig«, »leichtlebig« oder »leichten Herzens«, doch das war nicht die Bejahung, die Marina für sich wollte. Immer wieder musste sie vorher nach dem richtigen Begriff suchen. Es war so, als hätte das Unterbewusstsein dieses Wort und damit auch diese Art zu leben für alle Zeiten verdrängen wollen. Und nun war es an Marina, es mühsam wieder auszugraben.
Worte wirken
Vielleicht denken Sie jetzt, dass ein paar Worte unmöglich eine solche Wirkung haben können. Auch dazu gibt es eine sehr nette Geschichte aus dem islamischen Kulturkreis:
Ein spiritueller Mann heilte ein krankes Kind, indem er einige Worte immer wieder vor diesem wiederholte. Nach dieser »Behandlung« gab er das Kind den Eltern und sagte: »Jetzt wird es gesund werden.« Ein Zuschauer konnte das nicht glauben und fragte: »Wie kann das sein, dass Menschen durch ein paar wiederholte Worte geheilt werden können?«
Da drehte sich der spirituelle Mann, der für seine Sanftheit bekannt war, zornig um und entgegnete bitterböse: »Du verstehst nichts davon. Du bist ein Narr!« Der Zuschauer wurde nun auch zornig, die Röte stieg in sein Gesicht und seine Miene verzog sich zu einer hässlichen Grimasse. Da sagte der spirituelle Mann: »Wenn ein Wort die Kraft hat, dich wütend zu machen, warum sollte dann ein Wort nicht auch die Kraft haben zu heilen?«
Wenn also Worte und Gedanken die Kraft haben, Sie zu deprimieren, warum sollten dann Worte und Gedanken nicht auch die Kraft haben, Sie aufzuheitern?
ÜBUNG: Neue Wege im Kopf gehen
Wie wäre es, wenn Sie es ausprobieren – jetzt gleich hier?
Schreiben Sie auf, was Sie in Zukunft denken wollen. Achten Sie darauf, dass Sie schreiben, was Sie wollen, und nicht, was Sie nicht wollen. Also nicht »ich will mir nicht mehr selber Vorwürfe machen«, sondern »ich darf mich selber loben«. Wichtig ist, dass Sie Ihre Affirmation positiv ausdrücken. Auch sollten Sie bei der Formulierung »ich bin«-Sätze vermeiden. Denn das suggeriert, dass es um Ihre Person in Gänze geht. Doch es ist immer nur ein Teilaspekt Ihrer Persönlichkeit, den Sie nun anders bestärken wollen. Bei »ich bin«-Formulierungen ist die Gefahr groß, dass der innere Widerstand erwacht. Wenn Sie sich also mehr mit Ihrem Aussehen anfreunden wollen, könnte die Affirmation »ich bin schön« Ihren Widerstand auf den Plan rufen, der Ihnen gleich wieder einflüstert, was das denn für ein Quatsch sei. Versuchen Sie es deshalb mit Formulierungen wie »ich darf mich mögen, wie ich bin.«
Die Affirmation muss von Ihnen beeinflussbar sein. Wenn Sie sich wünschen, von jemand anderem geliebt oder gesehen zu werden, haben Sie keinen Einfluss darauf, und dann kann eine Affirmation nichts bewirken. Ihre bejahenden Sätze sollten also etwas direkt mit Ihnen zu tun haben. Wenn Sie beispielsweise das Verhältnis zu einem anderen Menschen positiver gestalten wollen, dann fragen Sie sich, was Sie dafür tun können. Wie können Sie der nervigen Kollegin in Zukunft begegnen, damit das Miteinander besser wird? Da könnte eine Affirmation lauten: »Ich akzeptiere die Kollegin, wie sie ist, und lass mich nicht aus meiner Ruhe bringen – egal, was sie tut.«
Sie können für alle Bereiche Ihres Lebens Affirmationen finden, egal, ob es um berufliche oder private Gedankenveränderungen geht.
Hier einige Beispiele für Affirmationen:
Erfolg im Job
Wenn Sie bislang denken, dass alle Kollegen besser sind als Sie, versuchen Sie es mit der Affirmation: »Ich habe viele Qualitäten, die mich im Job auszeichnen.« Oder: »Ich darf erfolgreich sein.« Oder: »Ich kann auch schwere Aufgaben erfolgreich meistern.«
Sportlich gesehen
Wenn Sie bislang denken, dass Sie unsportlich sind, und deswegen nicht in Bewegung kommen, dann denken Sie ab jetzt: »Ich erlaube mir, Spaß am Sport zu haben. Jeden Tag ein bisschen mehr.« Oder: »Es ist gut für mich, wenn ich mich jeden Tag eine halbe Stunde bewege.« Oder: »Ich freue mich darauf, jeden Tag Sport zu treiben. Denn das macht mich gesund, lebensfreudig und sexy.«
Selbstvertrauen
Wenn Sie bislang oft das Gefühl haben, eine winzig kleine Maus zu sein, dann denken Sie von nun an: »Ich habe allen Grund, mich gut zu finden.« Oder: »Ich habe schon viel in meinem Leben geschafft. Ich darf stolz auf mich sein.« Oder: »Ich wachse jeden Tag ein bisschen mehr und darf mir jeden Tag ein bisschen mehr zutrauen.«
Wichtig bei der Formulierung einer Affirmation ist also:
• Die Formulierungen müssen sich für Sie gut »anfühlen«.
• Drücken Sie sich positiv aus.
• Benennen Sie das, was Sie wollen (also das Ziel, wohin es gehen soll).
• Benutzen Sie Phrasen wie »ich darf …«, »ich erlaube mir …«, »immer mehr …«, »jeden Tag mehr …«, »ich freu mich auf …«.
• Die Affirmationen müssen in Ihrem Einflussbereich liegen, also von Ihnen gesteuert werden können.
ÜBUNG
Gutes soll man nicht verschieben, deswegen nutzen Sie die Gelegenheit und schreiben Sie hier jetzt gleich Ihre Affirmationen nieder. Das kann erst einmal ganz ungeordnet geschehen.
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Und nun suchen Sie sich zwei bis drei Affirmationen aus, die Ihnen am wichtigsten erscheinen. Die bauen Sie nun gedanklich zur »Autobahn« aus, indem Sie sie so oft wiederholen wie möglich. Laut oder leise. Gesprochen oder gesungen. Ganz egal, Hauptsache, Sie wiederholen sie. Machen Sie sich »Reminder« auf Post-its, damit Sie nicht vergessen zu üben. Geben Sie sich sechs bis acht Wochen Zeit. Vielleicht auch etwas länger. Hören Sie vor allem nicht zu früh damit auf, weil Sie denken, das wirkt bei Ihnen nicht. Irgendwann werden Sie merken, dass sich die Sätze verselbstständigen. Wenn Sie regelmäßig üben, werden die positiven Affirmationen die negativen bald abgelöst haben.
Marina verspürte – trotz der gedanklichen Ladehemmung, was das Wort »unbeschwert« anging – erstaunlich schnell wieder mehr Lebensfreude. Anfangs musste sie noch sehr bewusst an ihre Affirmationen denken, wenn sie morgens nach dem Aufstehen von alten Glaubenssätzen überrollt wurde. Doch mittlerweile denkt und fühlt sie über viele Tage und Wochen von allein sehr positiv. Die alte Sonnenschein-Marina ist wieder zum Vorschein gekommen. Übrigens auch mit positiven Auswirkungen auf ihren misanthropischen Ehemann. Die beiden haben einen Deal geschlossen: Wenn er wieder einmal zu pessimistisch in die Welt schaut und die ganze Familie damit runterzieht, muss er sich in sein Zimmer zurückziehen. Und siehe da: Auch ihm gelingt es immer öfter, freundliche Stimmung zu verbreiten.
Das Wichtigste zur Lebensfreuderegel 1: Nichts passiert ohne Grund
Der Gedanke »Nichts passiert ohne Grund« erleichtert es, das Gute in schlechten Nachrichten zu sehen. Denn alles Negative birgt auch etwas Positives, auch wenn man es nicht gleich erkennt.
Positiv denken kann jeder lernen. Üben Sie sich in positiven Affirmationen. Die Übung dazu finden Sie in diesem Kapitel.
Üben Sie die neuen Affirmationen mindestens sechs Wochen lang so oft wie möglich. Erinnern Sie sich mit Post-its daran, denn nur das regelmäßige Üben bringt den gewünschten Erfolg.
Lebensfreuderegel 2: Reflektiere dich selbst

Biscotti © Staatskanzlei RLP
Malu Dreyer, Jahrgang 1961, ist Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz. Sie lebt mit ihrem Mann in Trier.
Malu Dreyer ist eine Kämpferin. Sie versucht jede Situation zum Guten zu wenden, und sei sie noch so schwierig.
Malu Dreyer: »Man wächst eigentlich sein Leben lang.«
»Ich kann an keinem Schuhgeschäft vorbeigehen.« Dieser Satz könnte von jeder normalen Frau stammen. Aber Malu Dreyer ist keine »normale« Frau. Sie ist Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz und hat multiple Sklerose. Wenn man sie nicht kennt, fallen sofort ihr verschmitztes, sympathisches Lächeln und ihre geschmackvollen Schuhe auf. Und dass sie sich beim Gehen häufig bei jemandem einhakt. Das ist ihrer Krankheit geschuldet. Wenn keine Öffentlichkeit dabei ist, chauffiert sich die gebürtige Pfälzerin auch selbst auf einem motorbetriebenen Dreirad.
Malu Dreyer wird gern »die Ministerpräsidentin der Herzen« genannt, ist aber auch dafür bekannt, dass sie hinter den Kulissen knallharte Entscheidungen trifft. Zwischen diesen Polen scheint sich die 56-Jährige häufig zu bewegen. »Obwohl ich als Juristin sehr analytisch denke, weiß ich, dass auch der Bauch oder das Herz einem viele Dinge sehr klar sagen und signalisieren. Ich habe gute Erfahrungen damit gemacht, mich auch auf meine emotionale Seite zu verlassen.« Und diese emotionale Seite lebt Malu Dreyer auch. Sie gibt ihren Gefühlen Raum und lässt auch Wut und Zorn zu. »Dann fluche ich auch mal ordentlich. Das hilft.« Doch viel lieber lässt sie den schönen Gefühlen freien Lauf. Viel lieber begrüßt sie jeden neuen Tag mit einem Lachen. »Lebensfreude bedeutet für mich, dass man auch etwas zu lachen hat, dass man morgens aufwacht und denkt, es ist schön zu leben, heute wird ein guter Tag.«
Es geht um die Balance zwischen Kopf und Bauch
Der positive Blick auf das Leben ist ihr zur Devise geworden. Und die versucht sie auch anderen zu vermitteln. »Ich sage das auch öfter beispielsweise Schülern und Schülerinnen, wenn es um die Berufswahl geht: Wenn sie das Gefühl haben, einen Monat, zwei Monate, ein halbes Jahr, immer mit einem schlechten Gefühl aufzuwachen, dann müssen sie wahrscheinlich etwas ändern. Dann muss man überlegen, was momentan schiefläuft.« Doch bei allen Gefühlen ist es Malu Dreyer auch wichtig, Argumente zu hören und diese abzuwägen. »Ich versäume es nie, mein sogenanntes Bauchgefühl an wirklich rationalen Dingen zu überprüfen. Das finde ich sehr wichtig. Aber selten liegt der Bauch falsch.«
Man muss den Schalter umlegen. Das ist sicherlich eine emotionale, zugleich aber auch eine rationale Sache
Vielleicht ist es diese Mischung aus Bauch und Verstand, die ihr hilft, ihre Lebensfreude zu erhalten. Trotz der enormen Verantwortung als Ministerpräsidentin. Trotz der vielen Anfeindungen, Kritik und Neid, die das Amt mit sich bringen. Trotz der chronischen Krankheit, bei der das zentrale Nervensystem in Mitleidenschaft gezogen wird. »Bei mir kommt bei jeder Krise irgendwann der Punkt, an dem ich denke: Du kannst jetzt nicht einfach nur immer traurig und wütend sein, sondern es muss sich auch wieder etwas ändern im Leben. Man muss den Schalter umlegen. Das ist sicherlich eine emotionale, zugleich aber auch eine rationale Sache.« Man merkt Malu Dreyer an, dass sie weiß, wie man mit schwierigen Situationen im Leben umgeht. Sie hat sich viele Gedanken darüber gemacht und kommt in unserem Gespräch ohne Schnörkel sehr schnell auf den Punkt. Und immer wieder verwebt sie Kopf und Bauch, macht klar, dass Gefühle wichtig sind, dass man sich aber auch selbst in den Hintern treten muss, um Lebensfreude aktiv zu fördern. »Es ist eine Frage der Rationalität, aber auch der Selbstmotivation, wieder positive Gefühle zuzulassen. Es hilft dann, sich mit schönen Dingen oder lieben Menschen zu umgeben, auch wenn es vielleicht am Anfang schwerfällt, sich die positiven Gefühle zuzugestehen. Am Anfang muss man sich sicher ein bisschen rational dazu zwingen, nicht immer nur auf die Schattenseite, sondern wirklich auch auf die leuchtende, auf die Chance zu schauen.« Das ist die Kunst, die Malu Dreyer schon von klein an beherrschte. Schon früh erfuhr sie, dass man belohnt wird, wenn man es schafft, das Positive zu sehen. »Dann kann man Kräfte entfalten, um die Chance und die helle Seite gut zu gestalten.« Es geht ihr um eine Balance zwischen Ratio und Emotion. Der Verstand helfe dem Gefühl, auf den richtigen Weg zu kommen. »Das eine bedingt das andere.«
»Die Diagnose war ein richtiger Tiefschlag.«
Eigentlich ist Malu Dreyer keine Frau, die gerne über »Krisen« spricht. Auch wenn sie sich damit auskennt. Sie hatte – wie alle anderen Menschen auch – größere und kleinere Krisen. Sie kennt schlaflose Nächte, in denen man Lösungen sucht. Und das Gefühl, morgens aufzuwachen und zu glauben, die Welt gehe jetzt gerade unter. »Es gibt immer Krisen, und manchmal sind kleine Krisen traumatische Krisen, manchmal sind große Krisen gar nicht so schlimm. Aber zu wissen, dass zum Glück auch die Trauer gehört, dass zu schwierigen Lebenslagen auch wieder gute gehören, trägt dazu bei, dass man spürt, dass man lebt. Das glaube ich ganz bestimmt.«
Doch im Moment ihrer größten Krise war erst mal kein Raum für positive Gedanken. Damals war sie 34 Jahre jung, eine sportliche, fitte, dynamische Frau, die die Diagnose »multiple Sklerose« bekam. »Das war ein richtiger Tiefschlag. Ich dachte, die Welt geht jetzt erst einmal unter. Ich hatte gar keine richtige Vorstellung davon, was MS eigentlich ist. Damit umzugehen, war nicht leicht.«
Zu wissen, dass zum Glück auch die Trauer gehört, trägt dazu bei, dass man spürt, dass man lebt
Am Anfang halfen gute Freunde, mit denen sie sich austauschte und bei denen sie sich Ratschläge holte. Malu Dreyer nennt diese Menschen »Mutmacher«. Die brauche man unbedingt in Krisenzeiten. Auch die Natur hilft. Malu Dreyer ist ein Naturmensch. Und so kann sie in der Landschaft an der Mosel, wo sie mit ihrem Mann lebt, Kraft tanken. »Ich bin auch oft ganz berührt von dem, was mir begegnet. Es ist toll, wenn man in die Natur geht, plötzlich die Schönheit der Natur wieder zu sehen und in sich aufzunehmen. Ähnlich wie mit den Jahreszeiten ist es ja in einer Krise. Da welkt etwas in einem und man muss es dann irgendwie loswerden, damit etwas Neues entstehen kann.«
Auch die Verbindung zu Gott hilft Malu Dreyer. Aber nicht nur der Glaube an Gott, auch der Glaube an sich selbst. »Ich bin ein gläubiger Mensch, habe ein großes Gottvertrauen und ein großes Vertrauen in mich selbst. Ich glaube, ich war als Kind auch schon so, dass ich dann irgendwann innerlich sagte, so, und jetzt ist es gut. Nun möchte ich wieder nach vorne blicken. Es gibt immer – auch in einer Krise – neue Dinge zu entdecken.«
Die größte Aufgabe ist die Arbeit an einem selbst
Aufgewachsen ist Malu Dreyer in der Pfalz. Dort versteht man zu leben, zu lachen, zu feiern. In der Pfalz wird großflächig Wein angebaut. Das erklärt das positive Lebensgefühl, das Pfälzer erst mit der Muttermilch und später mit dem Schoppenglas aufsaugen. Der Spruch »Das Glas ist halb voll und nicht halb leer« könnte in der Pfalz erfunden worden sein. Auch Malu Dreyer gehört zu den Menschen, bei denen das Glas immer halb voll ist. »Das ist eine Frage der Einstellung. Aber man kann sich auch dahin entwickeln. Das geht meist nicht, ohne dass man an sich arbeitet.«
Man wächst eigentlich sein Leben lang. Aber das bedeutet immer Arbeit
Das ist laut Malu Dreyer ohnehin das Wichtigste: die Selbstreflexion. »Dass man sich auch als erwachsene Persönlichkeit immer wieder selbst infrage stellt und an sich arbeitet.« Das macht die Tochter eines Oberstudiendirektors auch. Mittlerweile mit Freuden, doch das war nicht immer so. »Ich weiß noch ganz genau, bevor ich dreißig wurde, habe ich gedacht: Wenn ich dann mal dreißig bin, dann muss ich mich nicht den ganzen Tag fragen, warum das eigentlich so ist und warum ich so bin und was ich eigentlich tun muss, um mich weiterzuentwickeln. Und dann wurde ich dreißig und stellte fest, dass die Arbeit an sich selbst einfach nie aufhört. Man wächst eigentlich sein Leben lang. Aber das bedeutet immer Arbeit, es ist sogar furchtbar viel Arbeit.« Jedoch eine Arbeit, die sie gerne tut. Malu Dreyer empfindet es als ein Privileg, »dass man auch im Erwachsenenalter noch wachsen kann und darf.«
»Es ist immer eine Frage, wie man mit Krisen umgeht.«
Doch warum schaffen es manche, gestärkt aus einem Tal herauszukommen, während andere stecken bleiben? »Es ist immer eine Frage, wie man mit Krisen umgeht. Das ist ausschlaggebend dafür, ob man irgendwann auch wieder in die Phase der Lebensfreude kommt.« Selbstreflexion hilft bei der Krisenbewältigung. »Ich glaube, dass jeder Mensch mit seinem eigenen Persönlichkeitstypus einen Weg finden kann, mit Krisen umzugehen. Deshalb bin ich auch fest davon überzeugt, dass sich jeder auf den Weg machen kann, sich in seiner Persönlichkeit innerhalb einer Krise weiterzuentwickeln, um aus der Krise auch wieder herauszukommen.«
Eine meiner großen Stärken ist, dass ich in der Gegenwart lebe
Wäre Malu Dreyer nicht Politikerin und Juristin geworden, sie wäre auch eine gute Therapeutin. Sie strahlt so viel Optimismus aus, dass man sich etwas davon einpacken und mitnehmen möchte. Als Pfälzerin hat sie sicherlich viel Lebensfreude geschenkt bekommen, aber sie hat auch eine Menge dafür getan. Und seit der Diagnose tut sie noch mehr für sich. »Ich achte mehr auf mich selbst, ich achte vielleicht auch mehr auf meine Gesundheit, ich achte mehr auf den Tag. Ich glaube, eine meiner großen Stärken ist, dass ich in der Gegenwart lebe und nicht nur davon träume, was mal in zehn Jahren ist, sondern wirklich jeden Tag bewusst lebe. Das bedeutet Lebensfreude für mich. Auf das kleine Glück sehen, auf die Dinge, die einfach schön sind im Leben, auch wenn sie einen in dem Moment nicht direkt betreffen.« An dieser Stelle macht Malu Dreyer eine kleine Pause, und dann schiebt sie noch einen Satz nach. »Und tatsächlich auch immer zu sehen, dass man selbst ein Stück dazu beitragen kann, die Situation zu wenden, sei sie noch so schwierig.« Genau diese Einstellung ist es wohl, die weiterhin für das Leuchten in ihren Augen sorgt – trotz der enormen Verantwortung in ihrem Job und trotz einer chronischen Krankheit.
Das Wichtigste zur Lebensfreuderegel 2: Reflektiere dich selbst
Viele arbeiten ihr ganzes Leben daran, andere zu ändern: den Partner, die Eltern oder Kollegen. Doch das ist ein hoffnungsloses Unterfangen. Viel effektiver ist es, an sich selbst zu arbeiten, sich selbst zu reflektieren. Fragen Sie sich regelmäßig, was für ein Mensch Sie sein wollen, was wichtig für Sie ist und welche Schritte Sie gehen müssen, um dorthin zu kommen.
Halten Sie Kopf und Bauch in Balance. Lassen Sie Ihre Gefühle zu. Doch wenn diese übermächtig werden, hilft die Vernunft, einen neuen Weg zu finden.
Seien Sie sich bewusst, dass Sie selbst einen großen Teil dazu beitragen können, eine Situation zu wenden. Es ist immer eine Frage, wie Sie auf die Dinge schauen. Richten Sie Ihren Blick in Krisenzeiten bewusst auf das Schöne. Das mag anfangs schwerfallen, hilft aber beim Durchqueren eines Tals, denn durch den Blick auf das Positive werden neue Kräfte freigesetzt.
Lebensfreuderegel 3: Kreiere deine eigenen Wunder
»Zwischen zwei Samstagen geschehen viele Wunder.« Dieses Sprichwort aus Frankreich strahlt so viel positive Energie aus, dass es mir jedes Mal ein Lächeln auf die Lippen zaubert, wenn ich nur an diesen Satz denke. Zwischen zwei Samstagen, an sieben Tagen jeder x-beliebigen Woche, geschehen Wunder. In meinem Leben. In Ihrem Leben. In jedermanns Leben. Kleine und große. Manchmal muss man sich bemühen, sie zu erkennen. Manchmal sind sie so deutlich, dass man sie sogar in stressigen Momenten nicht übersehen kann. Das blühende Mohnfeld neben einer riesigen, hässlichen Baustelle sehe ich als ein kleines Wunder. Auch freundliche Menschen, die mir eine Tür aufhalten, ein Lächeln schenken oder mich im Stau auf der Straße in eine Lücke einfädeln lassen, erfreuen mich so sehr, dass sie auf meine tägliche Liste der Wunder, die mir während des Tages passiert sind, kommen. Jeden Abend kurz vor dem Schlafengehen erstelle ich in Gedanken die Wunderliste des Tages.
Es passieren tatsächlich jeden Tag Wunder. Und Sie können selbst jede Menge tun, weitere Wunder in Ihrem Leben zu erschaffen. Vielleicht sind Sie jetzt kritisch, weil Sie denken, dass das einzige Wunder, das Ihnen helfen könnte, ein Millionengewinn im Lotto sei. Dann müssen Sie weiterhin skeptisch bleiben, denn ein solches Wunder können Sie nicht aktiv herbeiführen. Sie können die Chance mit Ihrem Lottoschein erhöhen, aber selbst dann ist ein Millionengewinn denkbar unrealistisch. Welche Wunder können Sie also in Ihrem Alltag selbst kreieren – und wozu soll das gut sein? Die Antwort ist einfach: Mit jedem noch so kleinen Wunder vergrößern Sie Ihre Lebensfreude, mehren Sie Leichtigkeit und fühlen sich lebendiger. Wie das geht, zeige ich Ihnen weiter unten.
Zwischen 40 und 50 dümpelt man im Tal der Lebensfreude
Woran liegt es, dass vielen Menschen die Lebensfreude irgendwann einmal abhandengekommen ist? Auf welcher Teilstrecke im Leben ist das passiert? Einer Untersuchung zufolge verläuft die Kurve der Lebenszufriedenheit wie ein »U«. Man fängt im Leben oben an. Als Kind sind die Lebenszufriedenheit und die Lebensfreude riesig. Kein Wunder. Kinder leben voll im Hier und Jetzt. Sie denken nicht an die Zukunft und machen sich darum auch keine Sorgen. Und sie sind Egoisten, sorgen dafür, dass ihre eigenen Bedürfnisse erfüllt werden. Je älter wir werden, desto mehr schwindet die Zufriedenheit. Es geht im »U« immer weiter nach unten. Zwischen dem 40. und 50. Lebensjahr sind laut den Untersuchungen Zufriedenheit und Freude am geringsten ausgeprägt. Dann sind wir ganz unten im Tal des »U« angekommen. Dafür gibt es gute Gründe: In diesem Lebensjahrzehnt werden wir langsam, aber sicher mit unserer eigenen Endlichkeit konfrontiert. Wir ahnen, dass wir nicht mehr alle Pläne aus jüngeren Jahren umsetzen können. Wir wissen, dass wir einen Großteil unserer besten Jahre hinter uns gebracht haben, und fragen uns, ob es das nun war. Oder ob da noch was kommt. Beruflich geht es oft nicht mehr aufwärts, es stagniert. Rückschläge müssen jetzt häufiger verkraftet werden. Privat sind viele »aus dem Gröbsten raus«. Die Kinder sind nicht mehr ganz so betreuungsintensiv, aber eben auch nicht mehr so zum Knutschen. In der Paarbeziehung wird nicht mehr ganz so heftig gekämpft, aber eben auch nicht mehr so heftig geliebt. Irgendwie fühlt sich vieles nun »lauwarm« an. Das sind die Zeiten, in denen sich Männer von ihren Frauen trennen, sich einen Porsche kaufen und sich eine wesentlich jüngere Freundin zulegen. Doch dieses Klischee stimmt so nicht. Auch Frauen sind von der sogenannten »Midlife-Crisis« betroffen. Nur dass die sich meist keinen Porsche kaufen und sich keinen wesentlich jüngeren Liebhaber zulegen (wobei: Den gibt es im 21. Jahrhundert immer öfter). Bei Frauen, die im Zufriedenheits-U ganz unten hängen, steht eher die Suche nach sich selbst im Mittelpunkt. Mittlerweile trennen sich mehr Frauen von ihren Männern als andersrum. Und ein neues Symptom verbreitet sich: Viele Langzeit-Ehen werden nach 20, 25 Jahren aufgelöst. Das gab es im letzten Jahrhundert deutlich seltener.
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