Kitabı oku: «Drei Häuser»

Yazı tipi:

Paul Althof
Drei Häuser

Roman

aus

Alt-Österreich

Saga

I.

Zu Franz Schuberts Zeiten grünte und blühte neben dem alten Wirtshaus ein Wiesenabhang. Gegenüber klapperte eine Mühle und auf den Ulmen versammelten sich jeden Abend die Krähen, sie krächzten und saßen dort ungestört, bis endlich Taglöhner mit Hacke und Spaten kamen, um auf der Wiesenlehne den Grund für ein Haus zu graben.

Der Fuhrwerkbesitzer Mathias Knöll ließ es für seine Frau Maria, die schöne Bauerntochter aus dem Etschtal, errichten, weil sie sich in der engen Wienerstadt, nach ihren heimatlichen Gebirgsmatten und Lärchenwäldern sehnte.

Hier heraußen „in der Brühl“, wo ein Bächlein durch die Felsenklause rauschte, wo die Hügel mit dunklem Nadelwald bewachsen waren, konnte sich die Frau so halbwegs einbilden, in ihrer Tiroler Heimat zu sein.

Besonders eilig war es dem Mathias Knöll mit dem Bauen zwar nicht, weil das Lohnfuhrwerk gerade während der Schrecken der Revolution von 1848 in Wien viel Nutzen abwarf. Da gab es Fuhren bis St. Pölten, ja sogar bis nach Linz oder Graz, wenn der hohe Adel zuweilen inkognito reiste. Auch flohen viele Wiener Bürger vor der Cholera, die sich allmählich in den niedriger gelegenen Stadtteilen an der Donau ausbreitete.

Maria fürchtete sich ihrer drei Kinder wegen, vor der Seuche, und als das Landhaus im Sommer noch immer nicht ganz vollendet war, beschwor sie ihren Mann, sie mit den Kleinen nach Bozen fahren zu lassen, wo sie bei ihren Eltern eine bessere Zeit abwarten wollte. Das war aber nicht nach seinem Sinn und als sie ihm wieder einmal damit in den Ohren lag, sagte er: „Gut. Fahre weg. Aber du brauchst nicht zurückzukommen.“ Da gab sie diese Hoffnung auf.

Mathias Knöll war ein richtiger Mann: stark und gesund. Und so war ihm auch Maria erschienen, als er sie im Stall und Weingarten ihrer Eltern bei der Arbeit gesehen hatte. Aber reißet einen einfachen Menschen aus dem Heimatboden, den er bearbeitet hat und dessen Früchte ihn genährt haben, versucht es, ihn in einer fremden, fernen Gegend einzupflanzen, wo eine bleichere Sonne scheint und seht zu, ob er nicht langsam verkümmert an Körper, Seele und Geist.

Ja, Mathias Knöll war ein richtiger Mann, ganz ahnungslos, ob Maria litt, und doch gutmütig gegen Mensch und Tier, zwar nicht aus Mitleid, sondern aus Gerechtigkeit. Wenn ihm eine Fuhre gut bezahlt worden war, mochten auch seine müden Rösser eine Extraportion guten Hafer fressen. Und da Maria ihm drei Kinder geboren und auch sonst alle häuslichen Pflichten zur Zufriedenheit erfüllt hatte, mochte sie ein Landhaus bei Mödling haben und dort in ihrem Garten Blumen und Gemüse ziehen. Einen Stall und Wagenschuppen an der seitlichen Gartenmauer hatte er für sein Geschäft schon vorgesehen.

Äußerlich ließ sich Mathias nicht anmerken, daß er von nun an den Bau vorwärts trieb, aber Ende August sagte er plötzlich: „Kannst du dich fertig machen, Mariedl? Morgen früh führ ich dich mit den Kindern und dem ganzen Graffel in die Brühl.“

„Jesus Maria! So schnell?“ rief sie aus. Er hatte sie um die Vorfreude gebracht. Sie verpackte eiligst Bettzeug, Kochgeschirr und anderen Hausrat. Um Mitternacht war sie damit fertig und um fünf Uhr morgens stand der Leiterwagen vor dem Tore. Die zwei starken Eisenschimmel scharrten und stampften, daß es in der Gasse widerhallte. Mathias Knöll und Nazl, sein junger Fuhrknecht, trugen die Kisten aus dem Hause und hoben sie umständlich auf den Wagen. Zuletzt brachten sie die Betten. Maria ging hinterher. Ihre Stirne war wie von einer quälenden Sorge zusammengezogen. „Ich wär’ eigentlich noch gern mit der Mena zum Doktor gegangen“, sagte sie, auf ihr Töchterlein zeigend.

„Komm nur!“ beruhigte sie der Mann. „Draußen, in der guten Luft, wird sie schon wieder rote Wangerln kriegen.“ Die Wagenplache wurde befestigt. Mit einem Zungenschlag ermunterte Mathias seine Pferde, die wacker anzogen. Neben ihm hockte der Knecht Nazl. Maria saß am anderen Ende des Wagens und hielt den acht Monate alten Seppele im Arm. Der dreijährige Hansel hieb mit einer alten Peitschenschnur auf seine Schuhe ein und rief: „Hü!“ Mena hatte den Kopf in den Schoß der Mutter gelegt und schaute mit trüben Augen vor sich hin.

Man mußte mancherlei Umwege machen, weil das Straßenpflaster seit den letzten Barrikadenkämpfen auf einigen Plätzen aufgerissen und noch nicht ausgebessert worden war. Bei der sogenannten Teufelsmühle am Wienerberg wollte Maria anhalten lassen, weil Mena fortwährend nach Wasser verlangte.

„Wasser ist jetzt ungesund“, brummte Mathias und trieb die Pferde zu einem leichten Trab an. Erst in Perchtoldsdorf gestattete er der Frau und den Kindern abzusteigen. Hier kannte er einen Wirt, der einen echten Tropfen ausschenkte und da saßen sie dann unter schattigen Linden. Die Wirtin brachte Backhühner mit Salat, und man trank den säuerlichen, süffigen Weißwein dazu. Als das Mahl beendet war, winkte der Wirt heimlich dem Fuhrwerkbesitzer, in die Stube zu kommen und hier rückte er mit der Frage heraus, ob Mathias ihm heute die Pferde leihen wolle.

Die Rösser? Ja, was glaubte denn der Gevatter? Er mußte doch sehen, daß Mathias heute seine Familie auf das Land fahre. Die paar Weinfasseln, die der Wirt vielleicht auf der Maut liegen hatte, konnten wohl bis morgen oder übermorgen warten ...

Es handle sich nicht um Weinfässer, erklärte der Wirt, sondern um noble Herrschaften, um den Baron und die Baronin Amadé, die sich auf der Reise nach Ungarn befänden. Hier unten an der Brücke sei ihnen gestern abends infolge eines Blitzschlages das Handpferd scheu geworden und gestürzt. Der Baron habe es auf der Stelle erschießen müssen. Und nun suchten sie einen Vorspann für die schwere Kalesche. Im Ort gebe es aber nur magere, abgetriebene Ackergäule und so ein stattliches Gespann, wie es Matthias besaß, käme sehr gelegen.

Knöll schüttelte den Kopf. Heute ging es nicht. Warum hatten es denn die Ungarn so eilig? Am Ende waren es gar politisch Verdächtige?

Ein hochgewachsener Mann in einem dunkelgrünen, verschnürten Rock trat rasch hinzu: „Ich brauche seine Pferde bis nach Neustadt. Was verlangt er?“

Knöll schaute den Sprecher prüfend an. „Nix“, sagte er endlich. „Meine Rösser, mit Verlaub, brauch ich heut selber. Geb sie auch net in fremde Händ. Sie sind keine Hasen, daß man’s etwan abschießen könnt.“

Der Fremde wollte auffahren, doch der Wirt trat dazwischen. „Euer Gnaden verzeihen ... er macht gern G’schpaß, der Knöll.“ Und dem Mathias gab er einen Rippenstoß: „Narrentattel übereinand! Kannst ja selber kutschieren.“

„Der Preis ist nebensächlich“, setzte der Fremde hinzu. „Überleg’ er sich’s rasch.“ Mathias öffnete den Mund, um eine abschlägige Antwort zu geben — da stand plötzlich eine schöne Dame in der Türe. Ihr grauseidenes Reisekleid mit rosenroten Bändern bauschte sich über dem Reifrock, ein Florentinerhut, der mit Blondenspitzen und Rosen verziert war, umrahmte ihr junges Gesicht. Und diese schöne Fremde hielt seinen kleinen Buben, den Seppl in den Armen und wiegte ihn zärtlich. Graf Amadé verwies es ihr, halb unwillig, halb lachend. Jetzt kam Maria hinterdrein. „Addio, carino!“ sagte die anmutige Dame und übergab den Kleinen seiner Mutter. Und dann erzählte sie in einem artigen, welschen Deutsch, daß sie in der Kirche gewesen sei, wo sie Maria mit dem Bübchen getroffen und dieselbe als Tirolerin erkannt habe, denn Trient, woher sie selbst stamme, läge nicht weit von Bozen und so schöne Kinder kämen nur von dort her.

Die Männer schienen über diesen Zwischenfall teils verdrießlich, teils verlegen, aber sie einigten sich darüber, daß Knöll zuerst seine Familie nach Mödling befördern und so schnell als möglich zurückkehren sollte, um die Herrschaften nach Wiener Neustadt zu fahren.

Die Kinder wurden eilig auf den Wagen gehoben. Die schöne Baronin stand dabei, nestelte an ihrem Busentuch und schenkte Maria eine Nadel aus Silberfiligran, auf der eine neunzackige Krone und die Initialen T. und C. in zarter venezianischer Arbeit nachgebildet waren. Maria wollte aus vollem Herzen danken, da setzte sich der Wagen schon in Bewegung. Sie winkte zurück, so lange sie den Strohhut mit den flatternden Rosenbändern sehen konnte. Die Heimat hatte zu ihr gesprochen.

O Sehnsucht! Wenn Maria die Augen schloß, sah sie Weinlauben mit blauen Trauben behängen ... Eidechsen im Dolomitgeröll eines Flußbettes ... blühendes Haidekraut auf Berghalden und hoch oben das glühende Lichtwunder des Rosengartens.

Ein Aufschrei Hansels versetzte sie in die Wirklichkeit zurück. Der Knabe zeigte auf seine Schwester Mena, die das Mittagessen erbrochen hatte.

„Jetzt wird ihr besser werden“, tröstete der Vater. Wenn man mit Kindern fuhr, gab es eben stets Scherereien. Aber nun war das Ziel nahe und als Mathias in den Hauptplatz von Mödling einbog, knallte er laut mit der Peitsche. Die Leute sollten aufpassen und sehen, wer da gefahren kam. Im gleichmäßigen Trab ging es durch die Felsenklause in das freundliche Waldtal der Brühl hinein, bis vor das neue Haus. Dieses hockte mit der Schmalseite gegen die Straße und schaute aus zwei Fenstern, wie aus tiefen Augen auf Maria. An der Gartenseite waren alle Fensterläden noch geschlossen.

Eine Schar von Zuschauern hatte sich um den Wagen der Ankömmlinge versammelt. Der Knecht des Postgasthofes, die Botenfrau, der Müller, der Fleischerjunge — alle standen und gafften. Nur ein sehr junges Mädel mit weißblonden Zöpfen näherte sich und bat schüchtern: „Darf ich tragen helfen?“ Maria nahm die angebotene Hilfe an und das Mädchen schleppte bereitwillig alle kleinen Lasten, die den Männern zu geringfügig waren, vor die Haustüre. Mit einer gewissen Feierlichkeit zog Mathias Knöll den Hausschlüssel aus der Tasche, sperrte auf und ließ seine Frau mit den Kindern in die sehr geräumige erste Stube treten. Maria bekreuzigte sich, dann öffnete sie schnell alle Fensterläden, um ein Gefühl der Beklemmung loszuwerden.

„Na also?“ frug der Mann. Er hatte einen Ausruf der Freude erwartet. Marias tiefes Atemholen hatte aber wie ein Seufzer geklungen.

„Ich will dir gleich Kaffee kochen“, sagte sie, wie um sich zu entschuldigen. Dann faßte sie seine Hand: „Laß dir danken, Mathias. Vergelts Gott viel tausendmal im Himmel oben!“

„Laß gut sein, Mariedl. Auf den Kaffee werd’ ich net warten können.“ Er half ihr aber noch beim Öffnen der Geschirrkiste. Indessen machte sich das fremde Mädchen ans Holzspalten und zündete im Küchenherd Feuer an. Als der Kaffee und die Milch in geblümten Kannen auf dem Gartentisch standen, kam Nazl mit dem Tränkeimer aus dem Stall.

„Höchste Zeit! Satteln!“ schrie Mathias. Maria legte ihrem Mann die Hände auf die Schultern. In ihrem Gesicht zuckte es: „Grad am ersten Tag ...“, sagte sie stockend. „Ich laß dir den Nazl da“, begütigte Knöll, „er soll euch helfen. Aber halt‘ ihn kurz, den Haderlumpen! Morgen komm ich zurück.“

Maria stand am Gartenzaun und schaute ihrem Manne nach. Er ritt die Stute und führte das andere Pferd an den Zügeln mit. Dieser wuchtige Mensch mit dem Stiernacken, war der Vater ihrer Kinder geworden, ohne ihre Liebe zu gewinnen. Heute empfand sie das erste Mal etwas wie Reue darüber, daß sie ihm keine zärtlichere Frau gewesen war. Sie ging ins Haus zurück zu Mena, die auf dem Bett der Mutter eingeschlafen war. Eine halbgeleerte Tasse mit Kamillenabsud verbreitete einen flauen Geruch. Maria beugte sich über das Kind und begann ihm das Kleid aufzuknöpfen. Da bäumte sich Menas kleiner Körper im Krampf und die Zähnchen schlugen aneinander.

Ein jäher Schreck durchfuhr das Herz der jungen Mutter. Sie rief nach dem Fuhrknecht. Als keine Antwort aus dem Hofe kam, rannte Maria hinab, fand aber Stall und Schuppen leer. Das fremde Mädchen, das ihr mit Sepp auf dem Arme gefolgt war, sagte: „Ich möchte nachschauen, ob er vielleicht im Gasthaus sitzt“, und brachte nach einer Weile den Burschen, der ziemlich angeheitert war, in die Stube.

„Lauf’ nach Mödling“, befahl Maria, „frag’, wo der Doktor wohnt und bring ihn schnell mit!“

Bei dem Worte Doktor schien Nazl seine Besinnung wieder erlangt zu haben. Mißtrauisch betrachtete er das Kind, das fahl im Gesicht, sich in Krämpfen wand. „Hat’s am End’ die Cholera?“

„Nein!“ schrie Maria, obwohl er das ausgesprochen hatte, was sie befürchtete. Der Knecht war mit einem Satz aus dem Zimmer. Unten im Hofe machte er plötzlich kehrt, holte sich seinen Rock aus der Futterkammer und rannte in tollen Sprüngen davon.

Maria und das fremde Mädchen warteten. Unerträgliche Schwüle lag über der Gegend und die Grillen zirpten im verbrannten Gras. Die beiden Fenster nach der Straße standen weit offen. Vor dem einen, in der schmalen Kammer, lag Sepp ruhig schlummernd in einem Wäschekorb, den ihm das fremde Mädchen mit Kissen zurecht gemacht hatte. Aber der ältere Bub jammerte über Kälte und warf sich in seinem Bettchen hin und her. Da holte ihn Maria, der eine bange Ahnung aufdämmerte, zu sich und Mena in die angrenzende Stube.

Ein Talglicht schimmerte in der unbewegten Luft. Auf den Ehebetten lagen die beiden kranken Kinder. Maria hatte in einer Pfanne Räucherwerk angezündet. Sie wähnte, damit die Krankheit vertreiben zu können. Der leichte Qualm benahm ihr aber plötzlich den Atem und sie stürzte längsnach hin.

Das fremde Mädchen kam erschrocken aus der Kammer hereingelaufen, holte Wasser und wusch das Gesicht der ohnmächtigen Frau. Endlich bewegte sie die Lippen.

„Wer sind Sie?“ frug Maria benommen. Das Mädchen vermied es aufzublicken.

„Ein Findelkind.“

„Ich meine ... wie du heißt?“

„Agnes.“

„Agnes ... mir ist so bang ... möchtest du das Vaterunser beten?“

„Freilich. Und auch den Glauben.“

Das Mädchen kniete vor dem Licht nieder, das die dürftigen Schultern und mageren Arme der Betenden mit schmerzlicher Klarheit umgab.

Maria richtete sich mühsam vom Boden auf. „Wie lange bin ich da gelegen?“ frug sie. „Ist der Knecht schon zurück?“

„Vielleicht kommt er nimmer ...“ „Himmlischer Vater! ... Die Mena!“ rief Maria, hob das Kind aus dem Bette und trug es ans Fenster. Die Händchen, die sich ans Brusttuch der Mutter anklammerten, schimmerten bläulich.

„Lauf zum Doktor, Agnes!“

„Wollt Ihr denn ganz allein bleiben?“

„Lauf, lauf!“

Agnes sprang die Gartenstufen zur Straße hinab. Sie lief in ihrer blinden Angst einem Vorübergehenden in die Flanke. Er richtete sie auf: „Hast du dir weh getan, Kind?“ „Küß die Hand, Hochwürden“ ... stotterte Agnes, vor dem geistlichen Kleid in Ehrfurcht knixend.

„Nicht Hochwürden ... nur Priesterstudent, Carlo Casalanza“, lächelte der junge Theologe und wehrte den Handkuß des Mädchens ab. „Wohin willst du so spät?“ „Zum Doktor. Dort oben ist eine kranke Frau allein mit zwei kranken Kindern und niemand hilft ...“ Agnes schwang die Arme hoch und rannte, rannte was sie konnte. Eine Weile klang das Aufschlagen ihrer nackten Füße auf der einsamen Landstraße zurück. Casalanza schaute zu den zwei Fenstern empor, die weit aufgerissen, einen schwachen Lichtschein aussandten, der wie ein Hilferuf zu ihm drang. Das Gartentor stand offen, die Haustüre leistete keinen Widerstand. Er trat ein und dämpfte seinen Schritt, so gut er konnte. Maria hörte ihn nicht. Sie lag neben der kleinen sterbenden Mena und erkannte, daß sie selbst von der Seuche ergriffen worden war. Aber mehr noch als die Angst, quälte sie das Heimweh, die Sehnsucht. Nur nicht hier sterben ... Wenn sie noch fort könnte! Fort aus diesem Hause! ... Sie denkt angestrengt nach, es ist so schwer ... die Gedanken fließen ineinander ... ja ... Extrapost bis Wiener Neustadt ... Dort wird sie mit Mathias zusammentreffen ... dann fährt sie mit den eigenen Pferden weiter ... durch Steiermark ... Kärnten ... über die Tiroler Grenze ... endlich!

Sie sitzt mit Vater und Mutter auf der Hausbank. Der Vater raucht aus der alten, zerkauten Pfeife. Die Mutter hat Larchlinge aus dem Wald heimgebracht und reinigt die rötlich gelben Pilze von der Erde und den Tannennadeln. Kühler Moosduft entströmt ihnen. Maria atmet ihn tief ein. Daheim! ... Jetzt stellt der Vater eine Halbliterflasche roten Magdalener auf den Tisch. „Den trink, der macht dich gesund!“ sagt er. Die Mutter schüttelt ihre Schürze aus. „I geh jetzt Mues kochen“, spricht sie. „Wo hascht denn die Kinder?“ — „Jesus! Die Kinder!“ schreit Maria, aus tiefem Traum auffahrend. „Wo ist die Mena? Was ist mit dem Hansel geschehn?“

Die Kinder sind fort. Sie liegt ganz allein in der Stube. Aber nein! ... dort steht jemand am Fenster ... wendet sich um ... Ein junger Student der Theologie tritt behutsam an ihr Bett. „Die Kinder ..., sagt er und seine Stimme klingt klar wie Glas, — eine unbewegte und doch wohltönende Stimme — „die beiden Kinder sind im Himmelreich ...“

„Nein! Das ist nicht wahr!“ ruft Maria, „ich will meine Kinder sehn!“

„Den Jüngsten können Sie sehen, den Bambino. Er ist gesund. Ich werde Ihr Bett an das Fenster rücken.“

Maria schaut ... alle Sehnsucht ist in ihren Augen: dort unten in der Stalltüre steht Agnes mit Seppele auf dem Arm und winkt herüber. „Er ist ganz munter, nicht wahr?“ fährt Casalanza fort. „Aber der Arzt hat verboten, daß er hier im Hause bleibe, solange Sie krank sind.“

„Und Sie haben keine Furcht vor der Krankheit?“ fragt Maria leise und zieht mit einer schamhaften Bewegung ein grünes Tüchlein um ihre Schultern, aber es gleitet wieder herab und ihre feuchte, zitternde Hand tastet in der Richtung der Kommode, auf welcher eine silberne Nadel liegt, mit der sie das Tuch befestigen will. Der junge Theologe errät ihren Wunsch und will ihr die Nadel reichen, doch plötzlich werden seine Augen größer, der ganze Mensch ist verändert, seine Stimme klingt rauh und brüchig. „Woher haben Sie das?“

Maria erinnert sich schwer ..., war es wirklich erst gestern ..., oder vorgestern? Ja, eine wunderschöne Dame hat ihr die Nadel geschenkt.

„Teresa Casalanza“, sagt der Student. „Es ist ihr Wappen.“ Er wendet die Nadel hin und her. „Teresa Casalanza ist ihr Mädchenname ... unsere Väter waren Brüder ...“

„Wollen Sie die Nadel behalten?“ fragt Maria. „Ich werde ja doch sterben. Jetzt erinnere ich mich auch, daß Sie heute Nacht den Herrn Pfarrer zu mir geführt haben und daß ich gebeichtet habe ... Bitte, nehmen Sie nur die Nadel. Meine armen Kinder sind tot. Man hat sie mir fortgenommen. Man wird auch mich forttragen.“

„Sie müssen leben, Frau. Sie haben noch ein Kind. Sehen Sie hinab! Es winkt Ihnen mit Blumen im Händchen.“

Maria richtete sich mühsam auf. „Blumen ..., so schöne Blumen! Heilige Jungfrau ..., er kann sie mir nicht geben ..., ich werde ihn nie mehr küssen, meinen Buben, meinen Seppele! Er wird seine Mutter nicht kennen ...“

Casalanza ist schon im Hofe unten. Er macht Agnes allerhand Zeichen. Sie versteht ihn endlich, legt den kleinen Blumenstrauß auf den Brunnenrand und tritt rasch zurück. Casalanza nimmt die Blumen — es sind Zyklamen mit einigen Büscheln Immergrün — und tritt mit dem stark duftenden Strauß an Marias Bett. Sie röchelt leise. Ihre Finger greifen unbewußt nach den Blumen und schließen sich über den Stielen krampfhaft fest zusammen. Eben kommt der Arzt, ein alter Mann mit dunklen Handschuhen, und verbreitet im Hause einen scharfen Medikamentengeruch. Er betrachtet Maria, deren Gesicht sich verfärbt hat und die jetzt ganz still daliegt, wie eingeschlafen. Der Arzt kennt diesen Schlaf und macht gegen den Theologen eine gewissermaßen auslöschende Bewegung. „Es ist heute schon der dritte Fall mit letalem Ausgang“, sagt er und nimmt schnell eine Prise. „Ich werde die Leichenträger schicken.“

Um die Abenddämmerung kommen zwei Männer mit dem Karren. Zu dieser Zeit haucht der Föhrenwald seinen kühlen Atem ins Tal hinab. Die Rosenstöcke im Garten leuchten mit blaßroten und gelben Kelchen, wie sanfte Lichter am Rande eines dunklen Weges. Die Tote wird auf einer Bahre herabgetragen, die mit einem abgenützten, schwarzen Tuch notdürftig bedeckt ist. Marias rechte Hand ist sichtbar und hält das Sträußchen Alpenblumen noch fest. Sie nimmt es mit auf ihre Fahrt in die Kalkgrube.

Casalanza begleitet die Bahre bis zum Karren, dann schwenkt er nach links ab. Ein unbestimmtes Gefühl zwingt ihn aber, noch einmal den Blick zu den zwei offenen Fenstern emporzuheben, die jetzt dunkel, leer und trostlos auf ihn niederschauen.

In seiner jungen Seele aufgewühlt, schreitet er mächtig aus. Die Nacht bricht herein, als er an einen Teich gelangt, der völlig einsam hinter Binsengräsern verborgen liegt. Carlo Casalanza nimmt seinen Ranzen von den Schultern, trägt Zweige zusammen, macht mit Feuerstein und Zunder ein Feuer an und wirft seine Kleider in die Flammen. Es ist ihm dabei traurig und doch befreit zu Mute, als hätte er mit der Vergangenheit ein Ende gemacht. Er steht einen Augenblick nackt im hervorbrechenden Mondlicht. Dann springt er mit einem jubelnden Schrei in das Wasser, schwimmt kreuz und quer, schreckt die Ufervögel auf, wirft sich auf die Seite und jauchzt zum klaren Nachthimmel empor.

Leben! Leben! ... Teresa Casalanza! Deinethalben wollte ich der Welt entsagen. Aber du lebst ja, du lebst in der Welt und die sollte ich fliehen? Teresa, wir sind beide jung und ich werde dich wiedersehen! Das Schicksal hat mir die Nadel in die Hände gespielt, die Nadel, die du an deinem Kleide getragen hast, Teresa Casalanza, du Traum, du Sehnsucht!

Er steht im Schilf und streift reine Wäsche über, die er aus dem Ranzen genommen hat. Da ist auch der alte Zivilanzug. Schon ein wenig eng geworden. Er trug ihn zum erstenmal auf einem Weinlesefest in den Vignen seines Oheims, im Trentino. Seine Kusine Teresa feierte ihren fünfzehnten Geburtstag und er liebte sie ... Teresa Casalanza!

Die Bäume rauschen auf. Der Wind hat sich gedreht und die Grillen sind verstummt, weil ein kühler Hauch über die Gräser streicht. Casalanza fröstelt es mit einemmal. Wohin hat er gewollt?... Wie lange hat er sich hier verspätet? Mechanisch geht er den Weg zurück, den er gekommen ist. Er geht, wie unter einem Joch.

Um nicht wieder an dem einsamen Hause vorbei zu müssen, macht er einen Bogen um die Wiesen zum Gasthof. Er hat aber schon den Postwagen versäumt und muß zu Fuß weiter wandern. Viele Herbergen stehen an der Landstraße, doch er wandert die ganze Nacht.

Die Sonne geht über einer Gegend auf, die ihm fremd ist. Im nüchternen Lichte des Morgens schwinden alle Träume und nichts bleibt in seiner Seele zurück, als eine bittere, schamvolle Selbstanklage.

Er steht am Ziel und pocht an das Tor des adeligen Knabenkonviktes, in welchem ihm durch die Vermittlung eines hohen Gönners, die Stelle eines Magisters der italienischen Sprache anvertraut werden soll. Er atmet tief ein. Sein Herz schlägt hart, schwer, fast schmerzhaft in seiner Brust. Das Tor geht langsam auf und schließt sich hinter ihm ...

An jenem Morgen kehrte Matthias Knöll aus dem westlichen Ungarn, wohin er die Reisenden gefahren hatte, nach Mödling heim und fand Agnes mit Seppele im Stalle schlafend vor. Nachdem er das Mädchen am Arme wachgerüttelt hatte, gab ihm dasselbe noch ganz benommen und unverständliche Worte stotternd, den Schlüssel zu seinem Hause. Er kam aber gleich wieder aus demselben zurück und schrie Agnes wütend an: was da vorgegangen sei und wo sich seine Frau befände?

‚Die Frau ist gestern begraben worden.“

„Und die Kinder?“

„Auch die Kinder.“

Matthias schob Agnes zur Seite, band das Sattelpferd los und trabte davon. Weit draußen, zwischen Gaaden und Heiligenkreuz machte er vor einem Wirtshause halt, verlangte zu trinken und trank so lange, bis ihm der Wirt den Wein verweigerte. Sodann stieg er wieder zu Pferd und jagte im Galopp über die Straßen, Hecken und Wiesen zurück. Wüste Reden murmelnd, führte er den Eisenschimmel zum Handpferd in den Stall und fiel dort zwischen den beiden Gäulen wie ein Klotz zu Boden. Erst am Mittag kam er wieder zu sich, lud das Kind und Agnes auf seinen Wagen auf und fuhr mit ihnen nach Wien.

Das verlassene Haus — das Haus der Sehnsucht — ist sodann viele Jahre leer gestanden.

II.

Vor dem Winzerhause von Szent Györgyvár wimmelte eine Schar junger Küchlein um die alte Glucke. Kleinen Bällchen gleich überkugelten sie sich, stießen aneinander und plusterten sich auf, als hätten sie das lange geübt und waren doch erst vorige Woche aus dem Ei gekrochen. Alle hatten braun gesprenkelte Federn, bis auf ein einziges, das über und über goldgelb, in der Sonne förmlich leuchtete. Plötzlich gackerte die Henne laut warnend. Das Vierergespann der Gutsherrschaft kam drüben auf der Landstraße vorgefahren.

Eine ältliche Bonne stieg aus, die mit unendlicher Vorsicht — die jungen Pferde standen ja niemals völlig ruhig — einen etwa neunjährigen Knaben aus dem Wagen heben wollte. Er stieß ihr aber den Ellbogen ins Gesicht und sprang mit einem Satz auf den Boden.

„Er ist couragiert, der kleine, gnädige Herr Baron“, sagte der hagere Winzer mit einem verlegenen, meckernden Lachen. Die Winzerin trat hinzu, barfuß, breithüftig, einen schweren Obstkorb tragend. „Ich küsse die Hände, Euere Gnaden, Herr Baron! Schöne reife Kirschen gefällig? Belieben zu kosten, bitte!“

Der Knabe fuhr mit beiden Händen in den Korb und stopfte sich den Mund voll.

„Schlucken Sie keinen Kern, Falco!“ flehte die Bonne.

Ein Sprühregen von Kirschkernen, der auf das demutsvoll geneigte Haupt des Winzers niederprasselte, enthob sie dieser Sorge.

„Jesus Maria!“ rief plötzlich die Winzerin, „Sie bluten ja, Fräulein! Ihre Nase blutet!“

„Wahrhaftig, Falco hat mich beim Aussteigen ein wenig gestoßen.“

„Sie sind auch im Gesicht zerkratzt. Kommen Sie, ich gebe Ihnen Wasser.“ Und sie führte die Bonne in die Küche, in der es nach saurem Rahm und frischem Brot roch. Das alte Fräulein tauchte ihr Taschentuch in einen irdenen Wasserkrug und seufzte: „Der kleine Baron ist so lebhaft! Er kratzt, wenn man ihm nicht gleich seinen Willen tut. Die Gräfin gestattet ihm alles. Und zu Hause, in Trento, sitzt er bei Tisch obenan, weil er einmal Minister werden soll.“

Die Winzerin wiegte den Kopf staunend hin und her.

„Ja“, prahlte die Bonne, „der junge Baron Falco wird einmal sehr reich sein, er erbt nicht bloß die schöne Villa Casalanza bei Trient, sondern auch die großen Weingüter, die sein Vater in Italien besitzt und von seinem Oheim Don Carlo einen Palast in Verona, ganz aus Marmor gebaut!“

„Hörst du, Katicza? Aus Marmor!“ rief der alte Winzer, wie berauscht von dieser Vorstellung. „So reich ist wohl unsere hiesige Herrschaft nicht, aber eine gute, eine großartig gute Herrschaft haben wir. Wenn mir unsere gnädige Frau Baronin sagt: ‚Pista, du bist ein Esel!‘ so geht mir das Herz auf, denn ich weiß, daß sie es aufrichtig mit mir meint. Und trotzdem sie eine Italienerin ist und keine Ungarin, verehrt man sie wie eine Mutter. Ja, und die Bevölkerung verdankt ihr, daß wir ein ordentliches Spital und sogar einen Kindergarten gekriegt haben. Nun, und wie gefällt es dem Herrn Gast, dem kleinen Herrn Baron, drinnen in Kanizsa, in unserer schönen Stadt?“

„Sie stinkt nach Stroh und Enten“, erwiderte der Knabe, eine Grimasse schneidend.

„Na, na!“ fiel da eine Frauenstimme, gutmütig lachend, ein. „Schön braun gebratene Enten wird er aber doch gern schnabulieren, der Bub!“

Die Bonne wendete sich um wie eine Windfahne, wenn plötzlich eine schärfere Luft weht. Wer hatte da ihren kleinen Baron einfach „Bub“ genannt? Mit einem unendlich geringschätzigen Achselzucken stellte sie fest, daß es die Bálint gewesen war, die Frau des Cymbalspielers der Zigeunerkapelle. Vier Kinder umringten das Weib und ein fünftes schien auf dem Wege zu sein.

„Bei Ihnen ist es ja wieder einmal so weit?“ sagte die Bonne mit einem mißbilligenden Blick auf den schwangeren Leib der Bálint. „Wozu brauchen arme Leute so viele Kinder?“

„Das können Sie nicht verstehen, Fräulein“, lächelte Eva Bálint, „denn Sie haben immer bloß für Lohn fremde Kinder gehütet und keine eigenen aufgezogen.“

Die Bonne wurde rot vor Ärger. Der hohe weiße Kragen schien sie plötzlich zu würgen, aber sie richtete sich kerzengerade auf und zischte: „Es ist geradezu unanständig! Haben Sie an vier hungrigen Mäulern nicht genug?“

„Gott hat immer gesorgt, daß sie satt wurden“, entgegnete die Frau des Cymbalspielers. „Mein Mann gibt auch Klavierstunden. Er ist ja der einzige von seiner Musikbande, der nach Noten spielen kann. Und ich hab jetzt die Ausstattung der jungen Baronin Amadé zu sticken bekommen. O, ihre Mutter, die Baronin Teresa ist so gut zu meinen Kindern! Sie hat uns heut zur Kirschenernte in ihren Weingarten eingeladen.“

„Mutter! Komm heraus! Er bringt die Küchlein um!“ schrie einer der Knaben.

Falco hatte draußen mit den Kücken gespielt. War es seine Schuld, daß das Spielzeug so wenig Bestand hatte? Ein Kücken lag tot auf der Erde. Ein zweites klemmte er zwischen seine kleinen, kräftigen Hände fest und beobachtete, wie es die Augen verdrehte und wie sich der Schnabel langsam öffnete. Das mißfiel ihm und er warf es gegen die Planke, daß es nur so klatschte. So wollte er es auch mit dem großen, gelben Kücken machen. Die Henne zeterte laut, aber er fing es schnell.

„Nicht die Hühnchen töten, lieber, goldener, gnädiger Herr Baron!“ rief die Winzerin. Er hörte nicht auf sie.

„Lass’ das arme Hendel los!“ mischte sich Frau Bálint ein und versuchte, das Tierchen zu befreien. Aber nach kurzem Streit, stellte ihr der Knabe ein Bein und sie stürzte auf der feuchten Lehmerde ausgleitend, vornüber gegen den Bretterzaun. Einigermaßen überrascht, ließ Falco das gelbe Kücken fahren. Es war gerettet.

Doch Eva Bálint lag bleich und halb ohnmächtig auf dem Boden. Ihre Kinder weinten. Der Winzer stand hilflos daneben. Die Winzerin holte den Herrschaftskutscher Antal. Der war aus der Hauptstadt und verstand sich besser auf solche Dinge.

„Halt’ mir die Pferde!“ befahl er dem Winzer. „Und du, Katicza, bring einen Schluck Sliwowitz, es kann auch Wein sein.“

Doch Eva berührte den angebotenen Trunk nicht und stöhnte schwer. „Wir müssen sie nach Hause bringen“, sagte der Kutscher. „Helft mir, sie zum Wagen tragen.“

„Das geht doch nicht!“ eiferte die Bonne.

„Es geht schon, Fräulein. Der kleine Baron steigt zu mir auf den Kutschbock.“

„Ja, auf den Bock!“ wiederholte Falco lustig. Ihm war der ganze Vorgang ein Zeitvertreib.

Eva Bálint wurde sorgfältig im Fond des herrschaftlichen Wagens untergebracht. Zu ihrer Linken setzte Antal ihr Töchterchen Regine, gegenüber mußten ihr jüngster Bub Pali und die schmollende Bonne sitzen. Den beiden älteren Knaben, Bernhard und Jozsi, wurde aufgetragen, zu Fuß heimzuwandern.

Antal fuhr im langsamen Trab. An seinen Pferden war alles gebändigte Kraft. Jetzt gab’s keinen Übermut, bitte! Kein Ohrenspitzen! Gleichmäßig schollen die Hufschläge über die Landstraße, einen feinen Staubschleier auf den Alleepappeln zurücklassend. Feuerrot sank die Sonne. Ein Ziehbrunnen hob sich dunkel gegen den flammenden Horizont ab. Der Pferdehirt, der dort einige Fohlen tränkte, stand noch lange ehrfürchtig grüßend, den Hut in der Hand.

Als der Wagen am Friedhof vorbeirollte, ging über Frau Bálints Gesicht ein Zucken. Sie faßte das Händchen der kleinen Regine und zwang sich, von Schmerz zerrissen, von Angst gefoltert, zur Ruhe.

Endlich schimmerten zwischen blühenden Akazienbäumen die ersten Häuser der Stadt, niedrige, demütige Bauernhäuser, die vor dem Vierergespann der Herrschaft Front machten wie ihre Bewohner. An einem solchen ebenerdigen Häuschen hielt Antal die Pferde an. „Wo ist der Zigeuner Bálint?“ rief er vom Kutschbock herab.

Ein nicht mehr junger Mann von hagerem, dunklem Typus kam auf den Anruf heraus und wollte heiter grüßen. Da sah er die Totenblässe auf Evas Zügen. Mit unendlicher Zartheit nahm er die Frau in seine Arme, und trug sie ins Haus.

„Es ist nichts, Bálint ...“, stammelte sie, „es ist wirklich gar nichts ..., du brauchst keine Sorg’ zu haben. Bernhard und Jozsi kommen gleich nach ...“

„Soll ich nicht die Madame Gruber holen?“

„Ja, bis die Kinder ihr Nachtmahl bekommen haben, kannst sie vielleicht rufen.“

In der Nacht kam ein Mädchen zur Welt. Ein winziges, schwaches Acht-Monat-Kind, das von der Hebamme zuerst für tot gehalten wurde, aber plötzlich die Augen öffnete, bläulich dunkle, erschrockene Augen, die zu früh aus dem Traum des Werdens zur Qual des Seins erweckt worden waren.

Am Morgen berichtete der Kutscher Antal seiner Herrschaft den vortägigen Unfall der Zigeunerfrau. Baronin Teresa Amadé, eine stattliche Dame von fünfundvierzig Jahren, stand in einen schwarzen Kaschmirschal gehüllt, auf dem Treppenabsatz vor der Gesindeküche und hörte mit wachsender Besorgnis von dem Unheil, das ihr Neffe Falco angerichtet hatte. „Warum wurde mir das alles nicht schon gestern gemeldet?“ fragte sie streng.

„Ich hab’s nicht sagen dürfen“, seufzte Antal. „Die Baronin Casalanza hat das Kinderfräulein zu mir in den Stall geschickt ...“

„Und hat dir ein Trinkgeld gegeben, damit du schweigst ...“

„Geben wollen, Euer Gnaden, geben wollen, aber der Antal hat es nicht genommen.“

„Das ist recht. Spanne schnell die Jucker an. Wo ist Falco?“ Der Knabe kam, als er den Ruf der Baronin hörte, durch die beiden Höfe des weitläufigen Familienhauses gerannt: „Tante Teresa! Kauf’ mir eine neue Schießscheibe. Die alte ist kaput!“

„Nein. Jetzt mußt du mit mir kommen und die Frau, der du gestern ein Bein gestellt hast, um Verzeihung bitten! Eine arme, kranke Frau. Schäme dich!“

Der junge Missetäter ballte die Fäuste, doch er wagte keine Erwiderung. Einige Minuten später saß er manierlich neben seiner Tante im Wagen, und nach kurzer Fahrt hielt derselbe in einer Seitengasse vor dem ärmlichen Hause des Cymbalspielers Bálint.

Die Baronin hatte zwei lebende Hühner und einige Flaschen Wein mitgebracht. Falco mußte ein Glas mit eingemachten Früchten tragen. Er kniff die Lippen zusammen, als er den düsteren, mit Ziegeln gepflasterten Hausflur betrat.

Der Zigeuner erhob sich beim Anblick der Besucher, schwer und langsam wie ein Mensch, der eine Last auf den Schultern trägt. Teresa ging gleich auf die Wiege zu, welche scheinbar eiligst herbeigeschafft, noch staubig und voller Spinnweben, das Neugeborene aufgenommen hatte. „Da kann ich ja schon Glück wünschen! Ist es ein Mädchen?“ fragte sie.

Der Mann nickte schweigend.

„Was haben Sie, Bálint?“

„Meine Frau ist fast daran gestorben.“

„Santa Madonna! Wie geht es ihr jetzt?“

„Sie fiebert. Wenn ihr Gott nicht hilft ...“

„Ich will zu ihr ... Falco, du bleibst dort stehen. Und rühre die Wiege nicht an! Wenn dieses Kind eine traurige Jugend hätte, so wäre es durch deine Schuld!“

Falco war über den ungemein strengen Ton, den seine Tante anschlug, etwas verblüfft. Immerhin war er froh, daß er nicht zu der kranken Frau hineingehen und Abbitte leisten mußte.

„Wie heißt das Kind?“ fragte er behutsam.

„Es wird Rozsinka heißen“, antwortete Bálint. „Wir hatten es erst im Sommer erwartet. Nun blüht’s schon im Mai.“

„Nicht Rozsinka“, widersprach der Knabe. „Nennt es lieber italienisch: Fiorenza!“

Die Türe schloß sich hinter der Baronin und dem Zigeuner. Falco konnte der Versuchung nicht widerstehen, sich der Wiege zu nähern. Da war etwas Interessanteres als die Kücken, die man zerdrückte und wegwarf. Scheu tippte er an des Kindes winziger Faust, die sich wie ein Rosenkelch öffnete und über seinen Zeigefinger wieder schloß. Nun wagte er nicht, sich zu bewegen, „Fiorenza ..., Fiore ...“, sprach er in singendem Ton.

Nach einer Weile kam die Baronin mit einem ernsten Gesicht zurück. „Ich werde gleich meinen Arzt schicken“, sprach sie, „und wenn es nötig ist, werde ich mich um eine Amme kümmern.“

Da trat Bernhard, der älteste Sohn Bálints, in die Stube: „Vater, ich brauch’ eine Geige ...“, sagte er und stockte, als er Falcos ansichtig wurde. Dieser musterte den Zigeunerknaben mit feindlichen Blicken, und weil er ihm doch eigentlich nichts anhaben konnte, gab er wenigstens der Wiege einen Stoß, daß sie hoch hinauf schnellte. Die Baronin faßte ihn mit festem Zugriff am Arm. Bernhard zog sich eingeschüchtert in die dunkelste Ecke zurück.

„Komm näher!“ ermunterte ihn die Baronin.

„Seit wann spielst du Geige?“

„Küß die Hand, Euer Gnaden. Bitte, ich hab immer gespielt. Aber die Malacz-Banda nimmt mich nicht auf, weil meine Violin’ zu schlecht ist.“

„Malacz-Banda? Ein malacz ist doch ein Ferkel.“

„Jawohl. Zu dienen. Die alten Zigeuner, die in den Herrschaftshäusern und im Hotel Krone spielen, haben die jungen Zigeuner ‚Ferkel-Banda‘ geschimpft.“

„Ich wollte die Zigeuner heute zu mir bestellen, weil ich abends Gäste erwarte ...“, sagte die Baronin zögernd.

„Bitte, die alte Banda ist heute nach Gelse gegangen, zu einer Bauernhochzeit. Soll man sie zurückrufen?“

„Keinesfalls. Eine Hochzeit ist etwas Wichtiges“, lächelte Teresa, „und dein Vater ist nicht mitgegangen?“

Der Cymbalist zuckte die Achseln. „Heut soll ein anderer spielen.“

„Wenn Euer Gnaden sich einmal die jungen Zigeuner anhören wollten ...“, meinte Bernhard schüchtern.

„Vielleicht. Aber glaubst du nicht, daß du noch zu jung bist, um nächtelang aufzuspielen?“

„O nein, küß die Hände. Ich bin doch schon zwölf Jahre vorüber und wenn ich eine ordentliche Violin’ hätt’, könnt’ ich etwas verdienen.“

Teresa betrachtete freundlich das ernste Knabengesicht mit der mächtig gewölbten Stirn und dem festen Kinn. „Auf deine Empfehlung hin will ich es mit den ‚Ferkel-Zigeunern‘ versuchen! Sie sollen heut Abend zu mir kommen. Und du auch. Vielleicht kann dir mein Sohn eine Geige leihen ...“

Die Baronin reichte dem Vater Bálint die Hand zum Abschied. Falco stapfte ohne Gruß hinterdrein.

Auf dem Heimweg wurde beim Arzt und beim Apotheker angehalten. Es war fast Mittag, als der gelbe Korbwagen in die Einfahrt des Amadé’schen Hauses rollte. Sepp Knöll, der Kellermeister, half Teresa beim Aussteigen. „Der Herr von Kwiecinski ist vor einer Stunde angekommen, Euer Gnaden. Unsere Weinfässer haben vor Schreck gezittert. Müssen wir heut grad den Neunundsechziger anzapfen? Schad’ wär’s um den Wein.“

„Mache dir nichts draus, Sepp“, lächelte die Baronin, „Herr von Kwiecinski wird ihn nicht allein trinken. Heute Abend wird getanzt.“

„Das ist gut. Den Herren Offizieren geben wir ihn ja gern.“

„Du kannst auch ein paar Flaschen Champagner heraufschicken.“

Ein schönes, hochgewachsenes Mädchen kam die Treppe herauf und umarmte die Baronin: „Du bist ein Engel, Mama! Ich weiß schon, daß du die Zigeuner für heute Abend bestellt hast. Ich habe es eben auf dem Korso erfahren. Die ganze Garnison weiß es schon!“

„Ich kann nicht die ganze Garnison einladen, Antonietta, aber ich gestatte dir, eine würdige Auswahl zu treffen.“

„Sei unbesorgt, Mama! Die schönsten Offiziere des Regimentes werden abends antreten.“

„Du meinst wohl der Schönste?“ neckte Teresa und küßte die Errötende zärtlich.

„Onkel Kasimir ist angekommen“, sagte Antonietta, verlegen ablenkend.

„Jawohl, Knöll hat es mir gerade vorhin gemeldet.“

„Serviteur! Serviteur!“ krähte die hohe Stimme des Mannes, von welchem eben die Rede war. „Meine charmante Nichte habe ich schon begrüßt. Kompliment! A la bonheur! Und meiner adorierten Schwägerin habe ich den Vorzug, jetzt endlich die Hände küssen zu dürfen. Sie sehen brillant aus, Teresa! Imposante Gestalt! Immer noch gefährlich schön! Ces yeux! Diese feurigen Augen! ... Ich komme heute à la fortune du pot, teuerste Teresa!“

„Machen Sie mich nicht eitel und danken Sie dem Himmel, Kasimir, denn er meint es gut mit Ihnen: Wir haben gestern Schweine geschlachtet.“

„Ich bin, ma foi, au ciel! Aber Ihre Backhühner, teuerste Schwägerin, Ihre Backhühner, auf die ich mich gefreut, von denen ich geträumt habe! Quel delice!“

„Keine Sorge, Kasimir! Für Backhühner ist vorgesehen.“

„Magnifique! Doch unter der Bedingung, teure Schwägerin, daß ich bei Tische neben Ihnen sitzen darf, denn Sie essen wenig. Die andern nehmen sich vor mir die besten Stücke aus der Schüssel. Besonders Ihr cher fils Béla. Eine delikate Fasanenbrust, auf die ich gespitzt hatte, schnappte er mir einmal vor der Nase weg, bevor ich: attention! sagen konnte.“

„Sie werden diesesmal zu Ihrem Rechte kommen! Aber wollen wir nicht Stasia aufsuchen?“

„Stasia? Ich habe meine chère soeur Stasia vorhin schon gesehen. Sie komponierte gerade eine Musikpièce und war nervös. Ha, da kommt ja mon cher neveu Falco! Warum grüßt er nicht seinen guten Onkel Kasimir? He? Ist er vielleicht auch schon nervös? He?“

„Nein. Nur etwas schlecht erzogen“, lachte Antoinetta.

„Er macht leider dumme Streiche“, setzte Teresia hinzu.

„Mais que voulez-vous? Un enfant! Ein Kind!“

„Ja, ein Kind. Ein einziges Kind. Stasia verzieht ihn. Wenn er Geschwister hätte ...“

„Noch Geschwister? Horreur! Stasia hat ihre Musik und ihre Nerven. Aber noch Kinder? A quoi bon?“

Unter solchen Gesprächen war Kwiecinski mit Teresa über einen nach dem Hofe offenen Gang geschritten, der zu den Fremdenzimmern führte. Aus einem dieser Zimmer scholl ihnen energisches Klavierspiel entgegen.

Anastasia Baronin Casalanza, geborene Kwiecinska saß im Frisiermantel vor dem Pianino und spielte rauschende Passagen. Sie warf ihre schmalen Hände mit bewußter Grazie empor, kreuzte sie gelegentlich mit preziös hochgestelltem Gelenk und begleitete den Rhythmus der Musik durch leichtes Wiegen ihres Kopfes. Eine kaskadenartige Lockenfrisur unter einem neumodischen Spitzenschleier verlieh diesem kapriziösen Frauenkopf eine gewisse anmutige Würde. „Was sagen Sie zu meinem Walzer, liebste Schwägerin?“ fragte sie mit tiefer, sanfter Stimme.

„Exquisit!“ krähte Kasimir.

„Ja, Sie sind eine begabte Komponistin!“ lächelte Teresa gütig. „Ich selbst verstehe wenig von der Tonkunst. Meine Kinder Béla und Antonietta haben das Musiktalent nur von ihrem Vater. Ich komme eigentlich zu Ihnen, liebe Stasia, um Ihnen einige Worte über Falco zu sagen ...“

„Ist ihm etwas zugestoßen?“ schrie Stasia hysterisch.

„Nein, nein! Nicht das mindeste! Beruhigen Sie sich! ..., aber eben läutet es zu Tische ... und Sie sind noch nicht angekleidet ...“

„Noch nicht einmal geschnürt“, sagte Stasia. „Aber ich kann auch im Négligé speisen. Ist mein Peignoir nicht hübsch genug?“

„Sehr hübsch“, gab Teresa zu, „aber es sind drei Herren bei Tische.“

„Bah! Kasimir und Béla zählen doch nicht ...“

„Und Don Carlo?“

„Unser Vetter zählt als Mann noch weniger; er ist Geistlicher und gegen Frauenschönheit gewappnet.“ Sie warf aber doch einen bunten Schal um die Schultern.

Im Speisesaal wartete hochaufgerichtet, in seiner korrekten schwarzen Soutane, Don Carlo Casalanza. Sein feines Imperatorengesicht blieb unbewegt, als ihm Stasia mit ihrer schmeichelnden Altstimme auf Italienisch guten Tag wünschte. Er hatte sich bis dahin mit Falco unterhalten, hatte den Knaben in verschiedenen Lehrfächern geprüft und die Überzeugung gewonnen, daß viel Versäumtes nachzuholen sei.

„Möchtest du mit mir ins Konvikt kommen?“ hatte er den Kleinen gefragt. „Dort findest du Knaben deines Alters, kannst endlich etwas Ordentliches lernen, wirst auch Fecht- und Reitunterricht erhalten ...“

„Gibt es dort auch Gouvernanten?“ fragte Falco mißtrauisch. „Wirklich nicht? Dann gehe ich mit dir!“

„Niemals trenne ich mich von Falco!“ sagte Stasia. „Sein Vater wollte ihn schon in Trient in die Schule schicken, aber ich gab es nicht zu.“

Es entstand eine verlegene Pause, dann sagte Falco laut und bestimmt: „Zio Carlo, ich will bei dir bleiben.“ „Das werden wir sehen!“ schrie Stasia. „In eine Kutte lasse ich meinen Falco nicht stecken!“

„O nein, ich bekomme eine schöne Uniform und einen Degen!“ jubelte der Knabe.

„Ich glaube, Stasia, daß es ein Glück für Falco wäre, unter Don Carlos Obhut zu kommen“, warf Teresa ein.

„Was hat Falco denn verbrochen?“ lachte Stasia gereizt. „Zwei jungen Hühnern den Kragen umgedreht. Soll er dafür in eine Erziehungsanstalt gesperrt werden? Ich will den Bauern ihre Hühner bezahlen und damit wird die Sache erledigt sein!“

Teresa wollte etwas erwidern, da traf sie ein Blick Don Carlos, und sie schwieg.

„Zwei Hühner!“ quietschte Kasimir. „C’est incroyable! Unsere teure Teresa mit ihrem weichen Gemüt hat gewiß die armen Tierchen bedauert. Aber wieviele Hühner haben wir schon gefühllos verspeist! Sie auch, venerandissimo Don Carlo! Sie auch!“

„Ganz recht, denn es wäre Unsinn, wenn wir das Geflügel, welches meine Mutter eigens züchtet, verschmähen würden!“ rief Béla, der junge Sohn des Hauses. „Und ich stelle den Antrag, diesen gespickten Plattenseefisch in Sardellensauce, mit andächtigem Schweigen zu genießen.“

„Falco! Lassen Sie sich Zeit! Sie werden eine Gräte schlucken!“ jammerte die Bonne dazwischen. „Warum legen Sie ihm nicht vor, Mademoiselle?“ schalt Stasia. „Er hat ein schlechtes Stück genommen!“

„Sie irren, liebe Stasia“, lächelte Don Carlo nachsichtig, „etwas Schlechtes kommt nicht auf diese Tafel. Hier wird alles in Güte und in Fülle geboten. In diesem Hause der Wohlfahrt, wie ich es nennen möchte, will uns Teresa jedes Gastmahl zum Feste machen.“

„Haus der Wohlfahrt?“ wiederholte Baronin Teresa lachend. „Ich soll wohl darin mit meinem Schwergewicht die Göttin Abondanza vorstellen?“ — „Nein, die edle Gastfreundschaft“, antwortete der Geistliche, „denn sonst wäre das Haus der Wohlfahrt ein ganz und gar materialistisches Haus. Herr Kwiecinski hat betont, daß ich kein Genußverächter wäre. Er hat recht. Ich erwarte von dieser Tafel mehr, als daß ich mit allen Primeurs und Leckerbissen gefüllt, vom Speisen aufstehe. Ein Wein wie dieser —“ er hielt das Glas gegen die Sonne, „ein edler Tropfen wie dieser volle, blumige Eigenbau, kann manchen sinnlos berauschen, kann aber auch wundervoll begeistern. Drei Gastmähler in der Geschichte der Menschheit will ich euch als Beispiel anführen, um euch meinen Gedanken klar zu machen. Ein Gastmahl, das nur dem Körper schwelgerische Genüsse bot, war das Gelage des Belsazar. Eine ungeheure Kluft trennt diese Orgie vom Gastmahl des Plato. Und eine Welt liegt zwischen jenen heidnischne Symposien und dem letzten Abendmahl unseres Erlösers.“

„Zio Carlo“, flüsterte Antonietta nach einer Pause, „ist nicht das Tischgebet wie eine Anrufung des Heiligen Geistes? Warum hat es sich fast nur bei den Bauern und bei den Juden erhalten?“

„Ne parlez pas des Juifs!“ zankte Kasimir. „Juden und Zigeuner sind mir horribel!“

„Ich werde mich aber um die Familie des Zigeuners Balint kümmern müssen“, erklärte Teresa. „Seinem Weib geht es schlecht.“

„Voilà!“ rief Kasimir. „Zuerst die Hühner, dann die Zigeuner! Unsere mitleidige Teresa wird uns jene sympatische Zigeunerfamilie noch zu Tische laden!“

Teresa lächelte. „Sie haben es fast erraten, Kasimir, denn Sie werden einen Sohn des Cymbalisten Bálint heut Abend mit seiner Zigeunerbande bei mir spielen hören.“

„Ich kann den Vater Bálint gut leiden“, warf Béla ein. „Er war unser erster Klavierlehrer. Er unterrichtet für 25 Kreuzer pro Stunde. Wie haben wir ihn als Kinder gequält! Nicht wahr, Antonietta? Er ist durch und durch Musiker und spielt fast alle Instrumente. Vielleicht wäre er in einer großen Stadt berühmt geworden. Aber er hat kein rechtes Glück gehabt, bis er seine Frau gefunden hat, die in sein armseliges Zigeunerleben ein bißchen Ordnung bringt.“

„Ich will später nach ihr sehen“, sagte Antonietta hilfsbereit.

Stasia, die sich bei diesen Gesprächen langweilte, hatte sich mit einem Glas Eispunsch auf den Diwan zurückgezogen und löffelte, nachlässig in den Kissen liegend, die süße Zwischenspeise, bis die Schüsseln mit den Backhühnern aufgetragen wurden.

Am nachmittag fuhren die Gäste in der Amadéschen Galakarosse auf ein Nachbargut zum Croquetspiel, das als letzte Modeneuheit auf vornehmen Landsitzen eingeführt worden war. Teresa setzte indessen mit Hilfe ihrer Dienerschaft, einen selten benützten Saal instand. Niemand betrieb derlei Vorbereitungen besser als Sepp Knöll, der junge Kellermeister, der sich nebenbei mit Blumenzucht beschäftigte und seine schönsten blühenden Kamelien- und Rhododendronstöcke herbei trug. Er baute auch eine Art von Verschlag für die Musiker auf, nagelte pompösen Samt darüber, kletterte auf Leitern, fuhr respektvoll zart mit dem Staubwedel über die Familienbilder und stand schließlich eine Zeitlang nachdenklich vor dem lebensgroßen Porträt des vor zehn Jahren verstorbenen Barons Joseph Amadé, der im grünen, verschnürten Rock der achtundvierziger Jahre, mit schwarzgelocktem, über dem linken Ohr gescheitelten Haar und martialisch wildem Schnurbart abkonterfeit worden war. Sepp wußte vom Hörensagen, daß sich der Baron in Wien als Revolutionär verdächtig gemacht hatte, und daß das Leben Amadés nur durch ein persönliches Gnadengesuch seiner außerordentlich schönen Gattin gerettet worden war. Und Antonietta, die Tochter dieses Mannes hatte sich, wie Sepp es ahnte, in einen kaiserlichen, österreichischen Offizier verliebt, würde ihn heiraten und vielleicht gar ihren Wohnsitz in Sepps Vaterstadt, in Wien, nehmen. Schwer vermißte er hier im ungarischen Tiefland die sanften Hügel des Wiener Waldes, die Föhrenwälder um Mödling. Dort lag sein geliebter Garten. Dort stand sein Häuschen, das er an Sommergäste vermietet hatte, um in den Dienst der Baronin zu treten. Hier in Ungarn gab es eine heißere, gnadenreichere Sonne, eine fruchtbarere Scholle, doch Sepp sehnte sich zuweilen unbändig nach der Heimat. Und diese Sehnsucht lag ihm wohl von seiner Mutter her im Blut.

Baronin Teresa hatte, nach einen Umweg über die Küche, in welcher die Mehlspeisköchin Torten mit kunstvollen Glasuren herstellte, an die Zimmertüre Don Carlos geklopft, und hatte ihn bei einer Pfeife gewöhnlichen Knasters und der Lektüre des Seneca überrascht. Er erhob sich und bot ihr den Platz in seinem Lehnstuhl an, aber sie zog für sich ein Tabouret herzu und setzte sich ihm gegenüber. Er merkte an ihrem Schweigen, daß sie etwas auf dem Herzen hatte.

„Un affare serio“, sagte sie endlich, „eine ernste Sache, cugino! Wenn Falco noch ein Jahr bei Stasia bleibt, wird kein richtiger Mensch aus ihm. Er ist jetzt schon ein kleines Ungeheuer.“

„Ebbene. So müssen wir eben einen Menschen aus ihm machen! Einen Menschen, der auf den Namen Casalanza Anspruch erheben darf. Soweit das bei einem Sohne Stasias möglich sein wird.“

„Du hast eine Antipathie gegen Stasia ...“ „Bada! Sie ist Kwiecinskis Schwester. Schau dir doch den lieben Casimiro an! Un’ affarista! Ein Nutznießer und Schmarotzer! Ein Haus der Wohlfahrt, wie das deinige, zieht solches Gelichter an. Ich sehe dich und Antonietta ungern in dieser Gesellschaft. Antonietta, das unschuldige Kind.“

„Willst du ihren Ehebund segnen, cugino?“

„Mit dem blonden Oberlieutenant?“

„Baron Lambrecht.“

„Ich ahnte etwas. Warum muß es ein Offizier sein und noch dazu ein Tedesco? Ich weiß, was du entgegnen willst: tadellose Familie, etwas Vermögen, in Wiener Neustadt akademisch ausgebildet, strenge Zucht, gute Manieren, alles recht gut, aber doch — ein Fremder.“

„Antonietta liebt ihn.“

„Sie könnte es sich doch noch überlegen.“

„Soll ihr das Herz brechen? Ich will nicht, daß mein Kind unglücklich wird.“

„Es ist die erste Liebe. Das gibt sich.“

„Gerade die erste Liebe opfert man am schwersten und vergißt man niemals.“

„Teresa?“

„Wir sind darüber hinaus, doch möchte ich sorgen, daß wenigstens Antonietta das Glück in ihrer Liebe finde.“

III.

Der junge Bernhard Bálint schämte sich, weil sein rechter Rockärmel aufgetrennt war. Man würde es bemerken, wenn er den Violinbogen führte. Er hatte nicht die Mutter bitten können, den Schaden auszubessern, denn sie lag krank danieder. Als er das Haus verlassen hatte, war sie von einem Schwarm teilnehmender Frauen umgeben gewesen. Es war ihm kaum gelungen, einen Blick von ihr zu erhaschen, einen Blick aus seltsam gläsernen, starren Augen.

Bernhard vergaß den schadhaften Rockärmel, als er die Geige, die ihm der junge Baron Amadé anvertraut hatte, zu stimmen begann. Was war das für ein Instrument! Er strich andächtig über die Saiten, lockerte die Saite mit dem rechten Zeigefinger, zog sie wieder etwas an, wagte eine Tonleiter, die in ein zart gehauchtes Flageolett ausklang, dann ein paar Doppelgriffe, die er mit kurzen, kräftigen Bogenstrichen brachte.

Wie jeder Ton ansprach! Zärtlich klemmte er die Geige fester zwischen Brust und Kinn und empfand die Berührung mit dem edlen, kühlen Holz an seiner Wange, wie ein unaussprechlich süßes, traumhaftes Glück.

Die Malacz-Zigeuner zupften und klimperten leise auf ihren Instrumenten. Die prächtige Umgebung, in der sie sich befanden, schüchterte die jungen Burschen ein, obwohl sie unter sich waren und die Herrschaften noch drüben im Speisesaal tafelten.

„Achtung!“ sagte Bernhard plötzlich und begann mit breitem, synkopiertem Aufstrich das gravitätische Lassu-Motiv eines Csárdás zu spielen, in welches sogleich Geigen, Bratsche, Baßgeige und Cymbal einfielen.

Antonietta hatte am Arme eines Infanterieoffiziers den Saal betreten und stand mit ihm in einer Hecke blühender Kamelien. Die Liebesleute waren gleich groß, doch das hohe, schlanke Mädchen schien den etwas untersetzten und in seine Paradeuniform eingeschnürten Oberleutnant fast zu überragen.

Kasimir Kwiecinski, der ihnen aus Neugier gefolgt war, klatschte in die Hände: „Tableau! Adam und Eva vor dem Sündenfall im Paradiese!“ „Wenn diese Bezeichnung uns gelten sollte“, entgegnete der Oberleutnant, „so bitte ich Sie, Herr von Kwiecinski, einen geschmackvolleren Vergleich zu wählen!“

„Aber mille pardons, Herr Oberlieutenant! Teuerster Herr Baron Lambrecht! Wer wird denn so empfindlich sein? Man darf sich doch einen kleinen Witz erlauben unter Verwandten oder solchen, die es werden wollen?“

„Möchten Sie mir diesen neuerlichen Witz — unter vier Augen — erklären?“ — „Ich nehme ihn retour, Baron! Herr Oberlieutenant, ich revoziere!“ rief Kwiecinski eifrig, denn in Lambrechts Zügen hatte es gewetterleuchtet.

Der Saal begann sich zu füllen und es bildete sich ein Kreis von Zuhörern vor dem Musikpodium.

„Dürfen wir den Tanz eröffnen?“ frug Antonietta ihre Mutter.

„Aber mit einem Walzer!“ bat Lambrecht und klopfte dem jungen Bálint auf die Schulter: „He, können Sie einen Walzer spielen?“

„O ja, wenn Sie ihn mir gefälligst vorpfeifen.“

Und der Oberleutnant pfiff einen jener ersten, zärtlichen Walzer von Johann Strauß Sohn. Bernhard dankte und begann zu spielen. Er war nicht mehr der scheue gedrückte Zigeunerjunge. Ganz unbefangen stand er dort oben und beherrschte sein kleines Orchester mit Blicken und Zeichen. Aufhorchend, gleichsam tastend, begleiteten ihn die Malacz-Zigeuner. Jetzt hatten sie auch die Staccato-Stellen des zweiten Walzermotives begriffen. Das dritte folgte, in einem altertümlichen Ländlerrhythmus. Nach der Coda klang wieder das Hauptmotiv auf, unendlich zart, wie die Erinnerung an vergangenes Glück. Vibrierend glitten Bernhards Finger in die hohen Lagen der E-Saite und die Töne waren wie singendes Licht.

„Für diesen Jungen muß etwas geschehen!“ rief Teresa, lebhaft applaudierend. „Wir sollten ihn zu einem Meister nach Wien schicken!“ „Ja, an das Wiener Konservatorium. Ich beantrage eine Kollekte“, pflichtete Lambrecht bei und warf zwei Dukaten auf eine Silberschüssel, die er den Gästen der Reihe nach präsentierte.

„Ich habe meine Geldbörse nicht bei mir“, entschuldigte sich Stasia.

„Hier ist mein Obolus. Honny soit, qui mal y pense“, krähte Kwiecinski, der ein Viertelguldenstück in die Schüssel fallen ließ.

„Meine Mutter unternimmt solche Dinge gern ohne die Mitwirkung anderer“, flüsterte Béla, hinter Lambrecht tretend. Der Oberleutnant wurde rot. Um nichts in der Welt wollte er sich die Gunst seiner zukünftigen Schwiegermutter verscherzen. „Übrigens“, lächelte Béla, „übrigens haben Sie mir einen guten Gedanken eingegeben ... Ich schenke dir die Geige Bernhard.“

„Die Geige? ...“ stammelte der Knabe.

„Ja. Du kannst sie behalten.“

Jetzt nahm der allgemeine Tanz seinen Anfang. Die Sporen der Offiziere klirrten. Das Licht der Wachskerzen schimmerte auf den spitzenbesetzten Seidenroben, auf den Brillanten in den Chignons der Damen. Schwere Schleppen, mit einem Gewirr von Falbeln und Rüschen, glitten halb hoch genommen über das spiegelglatte Parkett. Stasia’s Dekolleté, das erheblich gewagter war, als der übliche Courausschnitt, bedeutete für die jungen Leutnants ein Erlebnis.

Als sich die Paare zur Quardrille aufstellten, erschien Sepp, der Kellermeister, an der Saaltüre und wechselte einige Worte mit Baronin Amadé.

Sie trat rasch an die Musikestrade heran und sagte: „Bernhard, dein Vater schickt um dich, du sollst nach Hause kommen.“

Die Augen des Knaben wurden groß und starr. Die Geige unterm Arm, folgte er stumm dem Kellermeister auf den schmiedeeisernen Gang, der den neuen Saalanbau mit dem alten Familienhause verband. Dort stand Bernhardts kleiner Bruder Jozsi und wartete.

„Was will der Vater von mir?“ fragte Bernhard. „Die Mutter ruft dich. Du sollst dich beeilen!“

Eine beklemmende Angst hinderte Bernhard, weitere Fragen zu stellen. Die beiden Knaben begannen zu laufen, rannten atemlos durch die nächtlichen Gassen. Drückende Schwüle lag über der Kleinstadt. In der Richtung des Dorfes Gelse zuckten Blitze. Das Vieh in den Ställen brüllte aufgestört. Hähne krähten aus dem Schlaf. Immer schneller lief Bernhard, und Jozsi konnte kaum mit ihm Schritt halten. Da wehte ihnen betäubender Akazienduft entgegen. Sie waren am Ziel. Unter den blühenden Bäumen am Haustor, stand der Vater und winkte: „Nicht du, Jozsi, nur Bernhard soll zu ihr hineingehen.“

War das die Mutter, seine schöne Mutter? Man hatte ihr eine weiße Haube umgebunden, aus der ihr Gesicht bleich und traurig hervorsah. O, er wollte sie gleich fröhlich machen!

„Schau, Mutter, die Violin’ hat mir der Baron geschenkt“, flüsterte er und legte seine Geige auf die Bettdecke. Frau Eva’s Hand berührte unversehends die Saiten. Der Klang weckte die fast schon bewußtlose Frau, und auf ihren Lippen erschien ein glückliches Lächeln: „Spiel’ Bernhard, mein Bub, spiel“, sagte sie.

Bernhard gehorchte. Wie süß die Geige sang! Allen Jubel und alles Leid konnte sie singen. Alle Lieblingslieder der Mutter spielte er, fröhliche und traurige, bis ihm der Vater den Bogen aus der Hand nahm. Denn Eva Bálint war entschlafen.

Schwer und langsam begriff der Knabe, daß die Mutter tot war. Die Geige lag fortan unberührt im Schrank; traurig hockten die Kinder in der dumpfen Stube.

Es war etwas Fremdes, Unfaßbares in das Leben Bernhards gekommen. Der Vater, zu dem er bisher wie zu einem mächtigen Beschützer aufgesehen hatte, schien haltlos, schwach und fast weibisch in seinen Schmerzausbrüchen. Um keinen Preis hätte Bernhard vor fremden Leuten Tränen vergossen. Er fühlte, daß er seine Kindheit verloren hatte und nunmehr auf sich allein gestellt war.

Mitleidige Nachbarinnen hantierten an diesen Tagen im Hause. Sie brachten mehr Unruhe als Ordnung in die Räume. Da erschien eines Morgens Baronin Amadé in Begleitung ihrer Tochter und ihres Vetters Don Carlo Casalanza und verlangte den Cymbalspieler Bálint allein zu sprechen. Furchtsam beäugten die Kinder den hohen Geistlichen, doch als Bernhard ihnen bedeutete, daß dieser ein gnädiger, herablassender Herr sei, rieben Pali und Klein-Regina ihre Näschen an seiner Hand, während Jozsi bloß einen Zipfel der Soutane erwischte, um einen Kuß darauf anzubringen. Dann standen die Kinder geduckt und mäuschenstill vor der geschlossenen Türe, hinter welcher die vornehmen Besucher ein langes Gespräch mit dem Vater führten. Als er herauskam, schien er freudig bewegt. Die Baronin trat an die Wiege seines jüngsten Kindes, hob es aus den Kissen und legte es ihrer Tochter Antonietta in den Arm.

„Seien Sie unbesorgt, lieber Bálint“, sagte Teresa, „für Ihre kleine Fiorenza werden ich und mein Bruder, Baron Casalanza, der gestern aus Trient angekommen ist, treulich sorgen. Morgen ordnen wir das Materielle beim Notar. Und du, Bernhard, entscheide selbst und überlege, ob du den Fleiß und die Ausdauer in dir fühlst, um am Wiener Konservatorium das Geigenspiel von Grund auf zu erlernen. Die Mittel zum Studium und zu einer bescheidenen Lebenshaltung gebe ich dir. Du könntest schon morgen reisen, wenn du dich dem ehrwürdigen Don Carlo Casalanza anschließen würdest, der unseren Neffen Falco nach Wien begleitet.“

Bernhard wollte sprechen, aber konnte er die überschwänglichen Dankesbezeugungen seines Vaters überbieten? Als die Besucher sich entfernt hatten, blieb er versonnen neben der leeren Wiege stehen.

„Vater, weshalb tun sie das alles? Warum nehmen sie Rozsinka fort? Warum?

„Weil sie wohltätige Menschen sind, mein Sohn.“

„Nein Vater! Sie tun es, weil der kleine Baron die Schuld hat am Tod unserer Mutter.“

„Schweig, Bernhard! Wir sind arme Zigeuner ...“

„Und Rozsinka? Nicht einmal den Namen darf sie tragen, den ihr die Mutter geben wollte. Man hat sie Fiorenza Antonia getauft. Und nirgends wird sie zu Hause sein. Bei den Herrschaften nicht und bei uns auch nicht.“

„Red’ nicht so! Eine vornehme Dame soll unsere Fiorenza einmal werden. Vielleicht eine reiche Baronesse! Was weiß ich?“

„Keine Mutter wird sie haben. Kein Vaterhaus. Keine Heimat.“

Vater Bálint wendete sich ab und kramte umständlich in altem Gerümpel, bis er ein Felleisen fand, das Bernhards Habseligkeiten für die Reise aufnehmen sollte. Aber das Wenige, das er besaß, war schnell untergebracht und füllte das Felleisen kaum zur Hälfte. Dann wurde die Geige aus dem Kasten genommen, in ein seidenes Schultertüchlein gewickelt, das die Mutter Sonntags getragen hatte und wieder sorgfältig, fast ehrfürchtig in den Geigenkasten gelegt.

Als es Abend wurde, mußte Vater Bálint zur „Krone“ gehen, wo die Zigeuner spielten.

„Kannst mitkommen“, sagte Bálint zu seinem Sohne. „Ich zahle dir ein Nachtmahl.“

„Danke schön. Hab keinen Hunger.“

„Der Zug geht erst um Mitternacht. Was willst du bis dahin anfangen?“

„Wenn ich zur Bahn gehe, komm ich noch Abschied nehmen.“

Der große Speisesaal im Hotel „Krone“ war übervoll und der Rauch darin so dicht, daß Bernhard bei seinem Eintritt die Zigeunerkapelle in ihrem Winkel, wie durch einen Schleier sah. Stimmengewirr und Tellergeklapper mischten sich mit den Geigen- und Cymbaltönen. Ein paar weinselige Gäste sangen mit. Die meisten aber nahmen keine Notiz von den Musikanten. Schüchtern versuchte Bernhard bis zu seinem Vater vorzudringen. Kaum hatte dieser seinen Sohn erblickt, so rief er dem Zigeunerprimas etwas zu. Die breite Melodie der Violinen, die Synkopen der Baßgeige verebbten. Der Cymbalspieler Bálint spielte allein.

Und da wurde plötzlich Stille im Saal. Was war mit dem braven, immer dienernden Zigeuner Bálint los? Wer hatte Solches von ihm je gehört? In den Saiten des Cymbals brauste und tobte es, wie wilder Aufruhr. Scharfe Dissonanzen zischten unter den wirbelnden Hämmern hervor. Der ohnmächtige Zorn eines zertretenen Herzens schien sich zu entladen. Und dann, mit einem Mal, erhob sich aus dem Höllengerassel des mißhandelten Instrumentes eine Liedweise, zitternd und einsam, wie ein Engel im Tal der Verdammnis und weinte über dem Leid der Menschheit.

Bernhard schob sich immer näher. Die Töne sanken wie segnende Hände auf das Haupt des verwaisten Knaben.

„Gott mit dir, mein Kind“, sagte Bálint, als er geendet hatte.

Länger, als er vorhergesehen, war Bernhard in der „Krone“ geblieben, er mußte sich sputen, um den Bahnhof rechtzeitig zu erreichen. Er sah das Gespann der Herrschaft vorfahren und Falco in Begleitung Don Carlo’s und eines hochgewachsenen, vornehmen Mannes aussteigen. Das war wohl Falco’s Vater, der versprochen hatte, für Fiorenca’s Zukunft zu sorgen.

Ein Kammerdiener trug das Handgebäck, ein jüngerer Bedienter den Proviantkorb in die Bahnhofhalle. Der Schaffner salutierte und verbeugte sich ehrerbietig. Ein Abteil erster Klasse war für die hohen Reisenden reserviert worden. Der Schaffner riß diensteifrig die Coupétüre auf.

Bernhard war noch nie mit der Eisenbahn gefahren und hielt sich etwas beklommen abseits. Der Kammerdiener hatte ihm eine Fahrkarte dritter Klasse in die Hand gedrückt. Die Wagen dritter und zweiter Klasse waren schon vollbesetzt. Viele Leute reisten jetzt nach Wien zur Weltausstellung, denn der große Börsenkrach dieses Jahres 1873 hatte die Ungarn nur wenig mitgenommen.

„Einsteigen! Belieben einzusteigen!“ rief eine fette Baßstimme in deutscher und dann in ungarischer Sprache. Bernhard taumelte in einen Wagen hinein, fand aber keinen Sitzplatz. Da hörte er seinen Namen rufen, sprang aus dem Zug und sah, daß ihm Don Carlo aus einem Wagenfenster mit einem großen Schnupftuch winkte. „Komm!“ sagte der Geistliche und zog Bernhard in das Abteil. Der Schaffner erhielt einen Silbergulden, salutierte und hob Bernhards Felleisen in das Gepäcknetz.

Falco’s Vater, Baron Claudio Casalanza, stand auf dem Bahndamm und schüttelte Don Carlo die Hand. „Ich bin dir sehr dankbar, caro cugino, daß du meinen Sohn in deinen Schutz nimmst. Ich werde euch am nächsten Sonntag im Konvikt besuchen. Sei artig, Falco!“ Der Knabe hatte sich aber, weil er Bernhard den Platz nicht gönnte, der Länge nach auf den rotsamtenen Sitzen ausgestreckt und stellte sich schlafend. Einige Minuten später, als sich der Zug in Bewegung gesetzt hatte, schlief er wirklich.

Bernhard saß am Fenster und spähte in die mondhelle Nacht hinaus. Links von der Bahnstraße schimmerten die Grabsteine des Friedhofes, auf welchen man seine Mutter bestattet hatte. Ach, wie kurz war der Blick, den er dorthin senden konnte! Pappelalleen glitten jetzt vorüber, weite Äcker und dazwischen ärmliche Dörfer, deren niedere Strohdächer sich um die Kirche kauerten. Hundegebell scholl aus einem Park. Zwischen alten Bäumen stand ein Kastell, breit, mächtig, mit gedrungenen Ecktürmen. Geigentöne ... Zigeunermusik.

Die Räder des Zuges gingen langsamer. Eine Haltestelle. Dahinter Pferdegetrappel. Auf einem Jagdwagen saß ein junger Kutscher in Nationaltracht und wartete auf die Gäste seiner Gutsherrschaft. Weiter ... Von den Saatfeldern kam ein lauer Wind, durchtränkt von Duft der Akazienblüte. Heimat ... Mutter ... empfand Bernhard und jetzt rannen die lange verhaltenen Tränen über sein Gesicht.

Don Carlo, der in der anderen Fensterecke scheinbar in ein Buch vertieft war, beobachtete ihn längst.

„Strecke dich aus und schlafe jetzt“, befahl er ihm.

„Ich küsse die Hand, ich will Euer Hochwürden nicht belästigen. Ich könnte auch nicht schlafen.“ „So bete. Wenn man nicht schlafen kann, tut Beten Not.“

Als es über den östlichen Himmel zu dämmern begann, hielt der Zug in Ödenburg. Offiziere stiegen säbelklirrend in das Nebencoupé, das ihnen der Schaffner für das übliche Trinkgeld geöffnet hatte. Sie lachten und plauderten so übermütig laut, daß Don Carlo fast jedes Wort durch die Wand des Abteils hörte ... Sie kommen vom Wein und von den Frauen — dachte er — aber wenn sie vor dem Feinde stünden, wüßten sie so ritterlich zu sterben, wie für die Augen einer schönen Frau. Irdisch, allzu irdisch ... und doch mit einem hohen Flug der Seele, die das letzte, größte Opfer zu bringen bereit ist.

Ob die Hingabe des körperlichen Daseins aber das größte Opfer bedeutet? Nur für jene, die kein anderes Leben kennen ...

Wieder klang herzhaftes Gelächter herüber. Don Carlo schaute nach seinen beiden Schutzbefohlenen. Falco schlief mit offenem Munde. Auch Bernhard war eingeschlafen. Da der Morgen kalt war, breitete der Geistliche einen Reiseshawl über seinen Neffen und deckte Bernhard mit seinem Mantel zu. Wie friedlich sie schlummern, dachte er, aber werden sie in ihrem Erdenwallen auf jene Höhen gelangen, wo der wahre Friede wohnt, der jenen verheißen ist, die guten Willens sind?

IV.

Fiorenza Bálint war fünf Jahre alt, als sie sich zum ersten Mal einer unendlichen Seligkeit bewußt wurde. Sie war ihrer zeitweiligen Hüterin, der guten, aber sehr ängstlichen Agnes entlaufen. Den Flügelschlag eines Vogels mit den Armen nachahmend, war das Kind einen Gartenpfad hinaufgeeilt, durch die Gattertür geschlüpft und befand sich in einem abgesonderten Gemüsegärtchen, das von Bohnenranken umfriedet, ein sicheres Versteck bot. Hier wuchsen zwischen Salatbeeten und Krautköpfen braungoldene Levkojen, da duftete es nach Verbenen und Basilikum und da lag Fiorenza’s eigenes Blumenbeet, das sie mit Onkel Sepp’s Hilfe bepflanzt hatte. Eben auf diesem Beete war eine Geraniendolde aufgeblüht. Brennende Liebe heißt diese Pflanze im Volksmund. Das Kind kniete vor dem purpurroten Blütenwunder. Zwei Falter spielten um die Kelche, setzten sich für einen Augenblick mit bebenden Flügeln auf die Kinderhand und entschwebten dann in das Gezweig eines alten Apfelbaumes. Fiorenza kletterte mühelos den etwas schief gewachsenen Stamm empor bis zu einer Gabelung, die einen prächtigen Hochsitz bot.

Ein Glücksgefühl ohnegleichen durchströmte sie. Den Kopf zurückbiegend, ließ sie sich die warme Sonne durch die geschlossenen Lider scheinen. Losgelöst von der Erde hing sie in den Ästen und hatte das Gefühl des Fliegenkönnens, wie es in Träumen vorkommt.

Da sah Fiorenza zwei Kinder zwischen den Gemüsebeeten langsam auf und abgehen. Ein Mädchen mit kleinen, festgeflochtenen Zöpfen, das einen jüngeren Knaben an der Hand führte. Fiorenza winkte ihnen näher zu treten und die Kinder blieben stehen. „Kommt zu mir!“ rief sie, „wir wollen spielen!“

Hörten sie nicht? Wie hinter einer gläsernen Wand standen sie und schauten mit großen, scheuen Augen herüber.

„Schön ist es hier oben!“ lockte Fiorenza. Da kam das kleine Mädchen zögernd heran, lächelte und schlang die Ärmchen um den Baum. Fiorenza beugte sich nieder: „Wie heißt du?“ Das Kind blieb aber stumm. Mit langgezogenem Heulen stieß ein Neufundländer die Gattertüre auf, kroch winselnd unter den Apfelbaum und beruhigte sich erst, als Fiorenza herabstieg und ihn am Halsband faßte. Er drängte sie aus dem Gemüsegarten hinaus. Am Pförtchen wendete sie sich aber nach den Kindern um. Hatte Tell, der Hund, sie verscheucht? Sie waren fort.

Der Neufundländer zog und zerrte Fiorenza bis an das Landhaus hinab, legte sich dort in Hütstellung nieder und knurrte dumpf weiter. Fiorenza hatte sich auch ins Gras geworfen und begann, sich mit ihm zu balgen. Er stemmte die großen Pfoten gegen ihr weißes Kleid und fuhr mit der Zunge über ihr Gesicht. Da griff sie ihm ins Maul. Ganz zart hielt er ihr Händchen fest.

„Tell!“ Der Hund sprang auf. Sepp Knöll, sein Herr, hatte ihn gerufen.

„Fiore! Wenn Agnes die Grasflecke auf deinem Kleide sieht! Und zerrissen ist es auch!“

„Vom Baumkraxeln“, gab Fiore zu. „Ich habe so schnell herunterspringen müssen. Tell hat die Kinder bös angebellt.“

„Welche Kinder? Wo?“

„Oben, bei den Stangenbohnen, Onkel Sepp. Ein Bub wars und ein Mädel.“

„Ich bin die ganze Zeit hier im Garten gewesen und habe keine Kinder hereinkommen sehen. Sie hätten an mir vorbeigehen müssen.“

„Onkel Sepp, mein Beet blüht schon. Das kleine Mädchen hat es auch gesehen.“

Mit einigen Sätzen war Sepp im Gemüsegarten. Ebenso schnell kam er zurück. „Ja, es fängt zu blühen an. Aber Kinder sind keine oben. Du mußt dich getäuscht haben.“

Fiore schloß den Mund, er wurde ganz schmal. Ihre dunklen Augen schauten Sepp vorwurfsvoll an.

Agnes, die Haushälterin, kam aus der Plättkammer. „Da bist du ja endlich, Fiorerl! Komm, ich zieh’ dir ein reines Kleidl an!“ sagte sie gutmütig.

„Nein, bitte nicht“, wehrte sich die Kleine.

„Kleide sie nur um, Agnes“, befahl Sepp. Die Gäste werden bald kommen. Ich muß noch Rosen für den Tisch abschneiden. Hast du um einen weißen Wecken nach Mödling geschickt. Baron Claudio ißt kein Schwarzbrot.“

‚Hab selbst gebacken“, sagte Agnes.

Fiore ließ sich von ihr ins Haus führen. Da wohnte sie bei Agnes und Sepp, im Erdgeschoß. Links vom Flur, im Eßzimmer standen hochgepolsterte, mit grünen Rips überzogene Stühle und ein ebensolches Sofa mit Fransen und weißen Porzellannägeln. Auf der Kommode, deren Laden immer nach Lavendel und Lebkuchen rochen, war zwischen Wachsstöcken und Blumenvasen eine schöne Weihnachtskrippe aufgestellt. Fiore verehrte diese holdselige Jungfrau Maria mit dem Jesuskindlein, vor dem sich die drei heiligen Könige neigten. Von Agnes hatte die Kleine das Vaterunser und das Ave beten gelernt. Jeden Abend, vor dem Schlafengehen, knieten sie hier andächtig beim Scheine eines Wachslichtes, und draußen rauschten die Ulmen wie in alter Zeit. Wenn es dann Fiore in ihrem Hemdchen fröstelte, trug Agnes sie zu sich in die Kammer und legte sie in das kleine weiße Bett, das die junge Baronin Lambrecht für ihr Patenkind mitgebracht hatte. Am besten gefiel es aber Fiore in Sepp’s Stube, bei seinen Vogelkäfigen, in welchen er Kanarien züchtete. An den Fenstern blühten Hängenelken, alte Epheustöcke füllten die tiefen Fensternischen mit ihrem freundlichen Grün. Werke über Pflanzenkunde und Gartenkunst lagen auf dem Tisch. Ansichten von Bozen mit dem Rosengarten, von den Burgen Siegmundskron und Runkelstein hingen an den Wänden. Am meisten aber fesselte Fiore das große Ölbild, das über dem Bette hing und das Sepp’s Mutter in einem weiten blauen Kleide und einem bunten Kaschmirshawl darstellte. Sie hielt einen Knaben auf dem Schoße und ein kleines Mädchen an der Hand, Sepp’s früh verstorbene Geschwister. Im Hintergrund des Bildes schimmerten in bleichem Purpurlicht die Vajoletttürme.

„Der Vater ließ die Mutter in Wien malen“, hatte Onkel Sepp erzählt, „aber sie saß dem Künstler nur unter der Bedingung, daß er eine Tiroler Landschaft dazu male. Und das tat er. Wenn du größer bist, Fiore, nehme ich dich einmal nach Tirol mit.

Wenn sie größer sein würde! Die Großen haben es so gut! Sie machen sich keine Grasflecke in die Kleider, haben immer reine Hände und müssen sich nicht das Haar in Rädchen aus Draht eindrehen lassen, auf denen man recht schlecht liegt in der Nacht — dachte Fiore, während ihr Agnes mit einem runden Lockenholz und einer Bürste die dunkelblonden Strähne so lange bearbeitete, bis sie wieder in gleichmäßigen Ringeln um ihr Gesicht lagen.

„Wie schön ist das Kind!“ sagten oft auf der Straße fremde Menschen.

Das hörte Fiore wohl gern, jedoch das Fragen und Flüstern um sie war ihr lästig. Ebenso lästig empfand sie es, wenn sie den Gästen der Baronin vorsingen oder französische Verse deklamieren mußte. Die Leute nannten sie dann scherzend: „Die kleine Adelina Patti“ oder „die Wolter“. Nur vor ihrem Bruder Bernhard sang sie gern. Er griff ein paar Akkorde auf dem Klavier und sie schwebte auf einem Strom von Wohlklang sicher und geborgen mit ihm dahin. Manchmal brachte er seine Geige und spielte dann für sie ganz allein. Er war ihr Vorbild, dieser große Bruder. Wenn er ihr bloß gestattet hätte, auf seiner Geige zu spielen! Aber stets sagte er: „Du bist noch zu klein“. — Was tut man, um schnell zu wachsen?

„Ein schwaches, zartes Kind“, hörte sie immer die Erwachsenen sagen, und dann tuschelten sie wieder Geheimes.

Damit sie sich kräftige, hatte Baron Lambrecht einen Turnplatz im Garten errichten lassen. Das Hängen in den Ringen oder auf dem Trapez machte ihr aber keine Freude. Zum Klettern waren doch die Bäume da. Manchmal kam der Arzt, Doktor Schwarz, ein kleiner Mann mit einem langen, weißen Bart. Der nannte Fiore zärtlich sein „Blümchen“ verordnete ihr Lebertran und ein Eisenpräparat, das sie durch ein Glasröhrchen trinken sollte. Der Arzt ahnte nicht, daß Agnes die von ihm vorgeschriebene „Medizin“ wegschüttete. Die alte Jungfer schwor nur auf Kamillentee, warme Biersuppe oder einen Ölfleck. Mit diesen Mitteln war sie immer gut ausgekommen. Sie hatte ja Sepp aufgezogen und was war das für ein Kerl geworden! Nach ihrer Ansicht plagte man auch Fiore viel zu früh mit dem französisch Parlieren. Alle Leute sagten doch ohnehin, daß das kleine Mädchen ungewöhnlich klug sei, ein wahres Wunderkind! Wozu also wollte Baron Lambrecht einem armen Ding von fünf Jahren schon das Einmaleins und das A B C eintrichtern? Was verstand er überhaupt von Kindern? Er hatte doch keine. Agnes wußte, was es bedeutete, wenn Baronin Antonietta das Gesicht so leidenschaftlich in Fiore’s Locken drückte. Eine Sehnsucht, die stärker war als jedes andere Gefühl, brannte in der Seele der jungen Frau. Doktor Schwarz hatte ihr kürzlich eine Badereise angeraten. Die Baronin war gestern aus dem böhmischen Kurort zurückgekommen und saß mit ihrer Handarbeit im Gartenrondell unter den gelbblühenden Gloire de Dijon-Rosen. Wann würde sich ihr Wunsch erfüllen? ...

Der Baron empfand die Kinderlosigkeit seiner Ehe nicht so tief. Er hatte viele Interessen: die Rennen, den Dienst, das Avancement und die ihn freudig erregende Aussicht, bald nach Bosnien einzurücken. Seine starke Vitalität verlangte immer nach Bewegung, nach Abwechslung und Antonietta war gezwungen, Gäste einzuladen, um ihn bei guter Laune zu erhalten.

Jetzt zu den Pfingstfeiertagen, erwartete sie den Besuch ihres Oheims, Baron Claudio Casalanza, der in regelmäßigen Abständen von Trient nach Wien reiste, um seinen Sohn Falco im Konvikt zu besuchen.

Er war schon am Samstag vor Pfingsten in der Anstalt erschienen, hatte Falco’s vorzeitigen Ausgang erwirkt und die Ankunft mit dem Jungen in der Brühl für Nachmittag gemeldet.

Das beste Zimmer war bereit gestellt worden. Agnes hatte noch in letzter Stunde die Mullgardinen gewaschen und geplättet. Ein Strauß Dotterblumen und Vergißmeinnicht, Fiore’s Willkommengruß für Falco, stand in einem grünen Glase. Schon öfter war von Falco Casalanza die Rede gewesen. Sie stellte sich ihn als Knaben mit kurzen Höschen vor, als Spielkameraden, und nachdem Agnes mit dem Lockendrehen fertig war, lief das Kind zum Gartentor, um nach dem erwarteten kleinen Freund auszuspähen. Noch niemals war Fiore so ungeduldig gewesen. Endlich hielt ein Fiakerkutscher unten auf der Straße die Pferde an und zog mit einem laut vernehmlichen „Küß die Hand, Herr Graf!‘ vor dem aussteigenden Fahrgast den Hut. Diesem Herrn folgte zu Fiore’s grenzenloser Verwunderung ein großer Junge in blauer Uniform, mit einem Degen an der Seite. Er würdigte aber Fiore keines Blickes.

Baronin Antonietta lief den Ankömmlingen entgegen. „Du bist ja wieder gewachsen, Falco!“ rief sie und wollte den Jungen umarmen, doch er zog die Schultern hoch und sie frug bloß: „Wie alt bist du eigentlich?“ „Vierzehn Jahre.“

„Dreizehn“, korrigierte ihn sein Vater. „Er wird erst im August vierzehn.“ — „In sechs Wochen. Das ist ein und dasselbe“, versteifte sich der Knabe. „Falco ist ein Pedant“, erklärte Claudio Casalanza lachend.

„Ei! Ein Pedant?“ wiederholte Baron Lambrecht, nachdem er Casalanza die Hand geschüttelt hatte. „Ein Pedant? Wieso trägt er aber ganz vorschriftswidrig den Kragen offen?“ Falco’s Wimpern zuckten zweimal sehr rasch in seinem maskenhaften, unbewegten Gesicht. Und mit einer Höflichkeit, die gezwungen schien, sagte er: „Ich bitte um Entschuldigung. Es war sehr heiß in der Bahn“ und schloß eilig die Bluse.

„Kommt doch in den Schatten“, bat Antonietta und legte ihren weißen, runden Arm um Falco’s Nacken. Dieses Mal widerstrebte er nicht. Das bißchen Zärtlichkeit, sowie der wunderbare Duft, der dem weißen Spitzenärmel entströmte, taten ihm wohl. Mit der jungen Frau Schritt haltend, ließ er sich von ihr vor das Haus, zum gedeckten Tisch führen. Lambrecht geleitete Casalanza in das Fremdenzimmer.

Fiore hatte sich von der entgegengesetzten Seite des Hauses zu den Rosenbüschen herangeschlichen und bewunderte Falco, dem Antonietta Torte, Krapfen und Mandelgebäck auf den Teller häufte. Schade, daß er schon so groß ist, dachte das Kind. Aber wie schön ist seine Uniform!

In diesem Augenblick surrte etwas im Busch und Fiore griff schnell zu, denn es war ein Hirschkäfer mit einem mächtigen Geweih.

Zuerst wollte sie ihn wieder fliegen lassen, weil Sepp ihr geboten hatte, kein Tier seiner Freieheit zu berauben. Aber dann besann sie sich eines anderen. Wenigstens zeigen wollte sie ihren Fang, um den fremden Gast zu beweisen, daß er auch hier etwas zu bewundern gab.

Antonietta sah den Schimmer von Fiore’s Kleid zwischen den Rosensträuchern und rief: „Komm her, Fiore und gib Falco die Hand!“ Der Junge blickte sehr geringschätzig auf das kleine Mädchen, er wollte aber vor Antonietta seine gute Konvikterziehung zeigen, sprang vom Stuhle auf und bot Fiore die Rechte. Das Kind setzte mit stolzer Freude den Hirschkäfer in seine Hand.

„Au“, rief Falco und schüttelte sich heftig. „Der kneift!“ — „Tut es weh?“ frug Fiore ganz verzweifelt. Falco schleuderte den Käfer von sich. Dieser kam wieder auf die Beine und kroch langsam über den Gartenkies weiter.

„Bist du jetzt bös’?“ fragte das Kind traurig. Falco lachte kurz. Fiore bückte sich und hielt dem Käfer einen Finger zwischen die Zangen: „Wenn er dir weh getan hat, soll er mich auch zwicken, damit du nicht bös bist“, und das Kerbtier hing schon an ihrem Händchen.

Mit einem kleinen Schrei stürzte Antonietta auf ihr Pflegetöchterchen zu und befreite es von dem Käfer. „Was dieses Kind immer für extreme Einfälle hat!“ klagte sie. „Schnell den Finger ins Wasserglas stecken!“ Der Finger blutete ein wenig. Fiore schaute auf Falco und verzog keine Miene.

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