Kitabı oku: «Status Österreich»

Yazı tipi:

PAUL EISELSBERG

Paul Eiselsberg:

Status Österreich

Alle Rechte vorbehalten

© 2018 edition a, Wien

www.edition-a.at

Cover und Gestaltung: JaeHee Lee

Satz: Lucas Reisigl

Korrektur: Leonard Soldo

ISBN 978-3-99001-304-5

E-Book-Herstellung und Auslieferung:

Brockhaus Commission, Kornwestheim

www.brocom.de

Inhalt

Vorwort

Österreich & die Grundstimmung Was wir fühlen, was wir denken

Der Job, das Netz & das Leben als solches

Österreich morgen Was wir uns von der Zukunft erwarten

Österreich & die Politik Was wir von den Big Playern halten

Vorwort
WIE TICKT ÖSTERREICH?
WAS BEWEGT DIE MENSCHEN WIRKLICH?

Wir Markt- und Meinungsforscher sitzen da an der Quelle. Welche Einstellungen die Österreicher mit sich herumtragen. Welche Meinungen vertreten werden. Aus welchem Grund sich die Bevölkerung so und nicht anders verhält.

Zigtausende Datensätze liegen uns dazu vor. Sie spiegeln die Gefühlslage der österreichischen Bevölkerung bis ins Kleinste wider. Das Bewusstsein, das mehrheitlich vorherrscht, aber auch jenes Minderheiten. Man könnte sagen: Sozialforschung ist so etwas wie ein Blick auf den Seziertisch der Befindlichkeiten der Bevölkerung.

Darum trägt dieses Buch auch genau diesen Titel: Status Österreich. Weil es detailliert und mit größter empirischer Sorgfalt unterfüttert Zeugnis darüber ablegt, was das Land denkt. Was es fühlt. Was es will. Weil es den aktuellen Zustand unseres Heimatlandes beschreibt. Seinen Status eben.

Die Gesellschaft befindet sich, wie wir alle wissen, in rasantem Umbruch. Das Tempo, mit dem dieser Wandel voranschreitet, ist enorm und vielen Menschen entschieden zu hoch. Die vielen Megatrends rund um den Globus hinterlassen natürlich auch in Österreich ihre unauslöschlichen Spuren – sei es die Globalisierung, sei es die zunehmende Individualisierung, sei es der allgemeine demografische Wandel.

Oder auch unser verändertes Freizeitverhalten bis hin zum Boom von Wellness & Co. Und natürlich, nicht zu vergessen, die Flutwelle von Neuerungen, die durch die Digitalisierung fast im Stundentakt auf uns losschwappt. Die Welt der Kommunikation hat sich wohl am stärksten und nachhaltigsten verändert. Aber auch in der Politik bleibt kein Stein auf dem anderen.

Für uns Demoskopen bedeuten solche gravierenden Umbrüche in erster Linie einmal: Augen und Ohren ganz weit auf. Die Grundvoraussetzung für diese Arbeit, nämlich die Neugier, der neuen Grundstimmung im Land, dem veränderten Meinungsklima ein Gesicht zu geben, und obendrein aufzuzeigen, in welche Richtung wir uns mit welcher Dynamik bewegen, kommt da ohnehin von selbst hinzu.

Und so will dieses Buch eines: aufzeigen, wohin die Reise im Staate Österreich anno 2018 geht. Mit empirischen Mitteln belegen, auf welchem Fundament die heimische Gesellschaft zurzeit ruht oder durchs Leben wandelt. Teilweise tun wir dies, indem wir nicht nur aktuelle Momentaufnahmen abbilden, sondern auch Trendstudien offenlegen und damit aufzeigen, was sich im Verlauf von Jahrzehnten in welcher Weise geändert hat. Die meisten der zahlreichen Studien, die ich Ihnen präsentieren möchte, sind allerdings aus dem Jahr 2018, aktuell also – oder aus den letzten Monaten des Vorjahres.

Den Wandel der Gesellschaft zu erheben, zu analysieren und einzuordnen ist meiner Ansicht nach die Kernaufgabe der Meinungsforschung.

Darum habe ich dieses Buch in vier große Kapitel unterteilt. Sie sollen unser Leben im Hier und Jetzt – mit Fokus auf Arbeit und Lebensweisen – beleuchten und eine Aussicht auf die nahe Zukunft, die Politik und ihren Einfluss sowie, gleich zu Beginn, die allgemeine Grundstimmung, in der sich Österreich zurzeit befindet, ermöglichen.

Mehr als 15.000 Interviews hat unser Team durchgeführt, die allermeisten als sogenannte Eigenstudien. Das sind Untersuchungen, die wir als IMAS, das Institut für Markt- und Sozialanalysen, aus der eigenen Tasche finanziert und auch ohne Auftrag von außen abgewickelt haben. Viele dieser Resultate wurden bereits einzeln veröffentlicht, nicht jedoch in diesem großen und kompakten Zusammenhang, den Sie nun zwischen Buchdeckeln in Händen halten.

Eines darf ich Ihnen vorneweg verraten: Sie werden auf viel Unvermutetes, auf viel wirklich Erstaunliches treffen. Allerdings werden Sie Ihre Meinungen und Vermutungen auch bestätigt finden. Der Kompass dafür, was richtig und was falsch ist, scheint immer mehr Menschen im Land abhandenzukommen. Sei es in Sachen Politik, sei es in der Wirtschaft, sei es aber auch im unmittelbaren, ureigenen Lebensumfeld. Die Orientierungslosigkeit zieht zunehmend weite Kreise – und zugleich wächst innerhalb der Gesellschaft die Sehnsucht nach neuen Leuchttürmen.

Dies noch vorab: Marktforschung ist natürlich nichts für Solotänzer. Marktforschung ist ein absoluter Teamsport. Für einen Menschen allein wäre ein Buchprojekt dieser Dimension undurchführbar. Darum möchte ich mich auch bei all jenen fleißigen, engagierten und kompetenten Menschen bedanken, die Status Österreich mitermöglicht haben. Bei all den liebenswerten Kolleginnen und Kollegen des IMAS-Forschungsstabs, die unermüdlich und immer kreativ zu Werke gegangen sind.

Und natürlich auch bei jenen Menschen, die abseits der täglichen Forschungsarbeit ein gutes Stück zum Gelingen beigetragen haben – allen voran bei meiner Frau Heidy, meiner Familie, meinen beiden Söhnen und auch meinen Eltern. Sie alle haben mir nicht nur viel ermöglicht, sondern immer auch meine Forscherleidenschaft von außen vorangetrieben.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen, liebe Leser, ein ebenso vergnügliches wie erhellendes wie erstaunendes Schmökern in Status Österreich.

Ihr

Paul Eiselsberg

P.S.: / wichtig für die Leser

Die Grafiken beinhalten unterschiedliche Informationen: die sogenannte Basis (Grundgesamtheit über die eine Aussage getroffen wird), den konkreten Fragetext (Formulierung der konkreten Fragestellung), das jeweilige Ergebnis als Diagramm (Balken, Kreisdiagramme usw.) und eine Fußzeile mit wichtigen Befragungsmerkmalen. Alle Fragen wurden im Rahmen von sogenannten face-to-face Interviews durchgeführt (persönliche Befragung).

Zur besseren Lesbarkeit der Grafiken wurden die Diagramme teilweise gekürzt.

Sie können dies anhand der Überschrift erkennen:

– TOP-Aspekte bedeutet, dass nur die wichtigsten Ausprägungen im Diagramm ausgewiesen sind.

– Auswahl bedeutet, dass gewisse, relevante Kernergebnisse einer Fragestellung ausgewiesen sind – unabhängig von der Ausprägungsreihenfolge.

Dazu kommt, dass wir die genauen Texte in den Diagrammen fallweise etwas kürzen mussten.

Wir stellen Ihnen gerne die vollständigen Grafiken als pdf-Datei zur Verfügung. Bitte schreiben Sie uns dazu unter dem Betreff »Status Österreich« ein email an imas@imas.at.

Österreich & die Grundstimmung

Der Wandel und seine vielen Gesichter
EIGENSTUDIE – AUGUST 2018

Seit jeher sind wir Menschen dem Wandel unterworfen. Sei es beispielsweise die agrarische Revolution, als wir sesshaft wurden, seien es die Umwälzungen der industriellen Revolutionen. Jede dieser Epochen, aber auch die vielen Zeitalter dazwischen, brachten deutliche Veränderungen mit sich, hatten auch ihre ganz eigenen Herausforderungen, denen die Menschheit sich zu stellen, die sie zu meistern hatte – an denen sie wuchs und meist auch vorankam.

Ob in der Steinzeit, in der Antike, im Mittelalter oder heute, in der Moderne. Veränderte globale Rahmenbedingungen haben immer schon Anpassung bedeutet. Sich neu ausrichten im Leben. Und es scheint, als würden gerade die vergangenen Jahrzehnte, insbesondere aber die allerletzten Jahre, wie ein Teilchenbeschleuniger auf unsere Existenz einwirken. Wir schießen nur so durchs Leben in dieser immer noch rasanteren, noch komplexeren Welt. Eine Welt, die deshalb von vielen aber auch als zunehmend unsicher empfunden wird.

Für uns Meinungsforscher sind das ungemein spannende, aber auch ungemein fordernde Zeiten. Denn es gilt zu erforschen, in welchem Takt das Herz der Bevölkerung schlägt. Fragen wie diese beschäftigen uns daher: Wohin schlägt das Stimmungsbarometer der Österreicher heute, anno 2018, aus? Wenn die Menschen sich tatsächlich unsicher fühlen, woran liegt das? Wissen wir – egal, ob in der Politik, in der Wirtschaft oder auch in eigenen, privaten Belangen – überhaupt noch, was richtig oder falsch ist? Hat der Kompass unserer ganz persönlichen Orientierung seine Wirkung verloren? Wer ist davon wie stark betroffen?


Genau diesen Fragen wollen wir uns gleich ganz zu Beginn dieses Buches widmen.

Jeder Fünfte im Land klagt über eine generelle Orientierungslosigkeit, weiß nicht, was in der Politik, der Wirtschaft und in allgemeinen Lebensfragen richtig ist und was nicht. Weiteren 4 von 10 Österreichern ergeht es ähnlich, wenngleich in etwas abgeschwächter Form. Dennoch: Im Vergleich zu jenen, die einen fehlenden Halt in den Lebensfragen so gar nicht oder kaum ausmachen wollen, ist es eine absolute Mehrheit. Denn 6 von 10 Menschen sagen: Ja, wir haben die Orientierung verloren. Die Kompassnadel unseres Lebens schlägt auf eine Weise aus, dass wir nicht mehr so richtig sagen können, wo es langgeht, wohin uns das Leben noch führt – und wie wir damit umgehen, wie wir noch Leitlinien ausmachen sollen, an denen wir die dringlichen Fragen des Zusammenlebens in der Gesellschaft lösen können.

Betrachten wir die Ergebnisse nun durch die Lupe gesellschaftlicher Schichten. Die Männer empfinden diese Orientierungslosigkeit ganz ähnlich wie die Frauen. Den Jungen ergeht es ganz ähnlich wie den Alten. Einzig dort, wo die Bildung höher ist als im Schnitt, wissen Herr und Frau Österreicher etwas mehr mit dem komplexen Leben anzufangen, zeigen sich also etwas orientierter. Doch selbst in dieser höherstehenden Schicht ist es nicht so, dass jeder felsenfest mit beiden Beinen im Leben steht – das Maß der Orientierungslosigkeit ist nur nicht so voll wie bei den anderen.


Wie, haben wir IMAS-Forscher erst uns selbst und später auch die repräsentative Bevölkerung gefragt, sah es damit in der jüngeren Vergangenheit aus? Sagen wir, vor zehn Jahren? Vor allem in puncto Sicherheitsgefühl? War das damals auch schon so wie heute?

Auch hier liefern uns die Menschen der Alpenrepublik sehr klare Aussagen. Ja, sagt beinahe jeder Zweite (46 Prozent), in ganz persönlichen Lebenslagen empfinde ich weit weniger Sicherheit als noch vor zehn Jahren. Nur jeder Dritte (34 Prozent) vermeint keinerlei Veränderung zu verspüren, und nur rund jeder Achte nimmt für sich in Anspruch, sich heute sicherer zu fühlen als noch im Jahr 2008.

Auffällig dabei: Frauen, ältere Menschen über sechzig und jene mit einfacherer Schulbildung scheinen ihre Sicherheit überproportional stark verloren zu haben. Der Schluss, der sich daraus ziehen lässt: Wenn bereits die Hälfte der Bevölkerung allein den vergangenen rund zehn Jahren einen Verlust an Sicherheit attestiert, so dürfte dieses Gefühl im Verhältnis eines noch längeren Zeitraumes entsprechend steigen, das Unsicherheitsempfinden also im Vergleich zu vor zwanzig oder dreißig Jahren noch deutlicher ausgeprägt sein.

Und wie sieht es mit der gesamten Bevölkerung aus der Sicht des Einzelnen aus? Wie ergeht es also den anderen?

Die Zahlen der Erhebungen sind nicht minder eindeutig: Denke ich an die anderen, an alle Österreicher zusammen, so bin ich davon überzeugt, dass sie sich in persönlichen Lebenslagen unsicherer fühlen als noch vor zehn oder vielleicht zwanzig Jahren. 6 von 10 Menschen (58 Prozent) empfinden das genauso.


Besonders stark ausgeprägt ist dieses Empfinden bei den älteren Menschen, der Generation über sechzig. Nur rund jeder Vierte in Österreich meint hingegen: Nein, es ist wie immer. Wir fühlen uns nicht unsicherer als damals. Und überhaupt nur jeder Zehnte gab an, dass sich die Bevölkerung im Allgemeinen heute sicherer fühlen würde als früher.

Weniger Orientierung und mehr Unsicherheit. Damit geht also – empirisch unterlegt – der Wandel der österreichischen Gesellschaft zurzeit einher.

Also wollten wir es naturgemäß genauer wissen und gingen in die Tiefe. Dafür legten wir den eintausend Personen aller Altersgruppen und sozialen Schichten fünf Begriffspaare vor. Gegensatzpaare wie positiv/negativ, sicher/unsicher oder auch langsam/schnell. An ihnen, baten wir, sollten sie den Wandel in Österreich festmachen, indem sie auf einer siebenstelligen Skala Noten vergaben.

Sofort zu erkennen ist, dass das Tempo, mit dem der gesellschaftliche Wandel in den Augen der Bevölkerung voranschreitet, hoch ist. Sehr hoch. Im Vergleich zu den anderen vier Kategorien ergab sich hier mit der Durchschnittsnote 4, 9 der größte Wert.

Überrascht hat uns dieser Befund allerdings nicht – denn schon bei Untersuchungen in den vergangenen Jahren konnten wir das gleiche Bild erkennen.

Das Fazit daraus: Die Menschen empfinden eine starke Diskrepanz zwischen der gefühlten Geschwindigkeit des Wandels und jener, die sie gerne hätten. Das Tempo ist den meisten einfach zu hoch. Im Verhältnis 59 zu 12 überwiegt der Eindruck einer schnellen und nicht langsamen Welt.

Wer nun vermutet, das hätte vor allem mit zunehmendem Alter zu tun, geht fehl. Ohne die Studien zu kennen, würde man verständlicherweise davon ausgehen, dass die Jungen mit der Rasanz der gesellschaftlichen Entwicklung wesentlich entspannter oder professioneller oder wie immer umzugehen wüssten. Schließlich sind sie es, die damit aufgewachsen sind, die also eine andere Art von Leben gar nicht kennen.

Und doch zeigt sich: Wir alle, ob zwanzig oder siebzig, sehnen uns nach Entschleunigung. Die Bewusstseinsbilder im Bereich des aktuellen Gesellschaftswandels sind also querbeet durch alle Altersschichten ident. Es gibt kein Gefälle, wie man vielleicht vermuten könnte.

Auch bei dem Begriffspaar sicher/unsicher ergibt sich ein deutlicher und wenig überraschender Befund. Er bestätigt letztlich nur, was wir bereits bei der generell attestierten Orientierungslosigkeit und dem Gefühl wachsender Unsicherheit gehört haben. Nur jeder Vierte (27 Prozent) sagte hier, sich auf der sicheren Seite zu sehen. Im Verhältnis 51 zu 27 überwiegt die Unsicherheit gegenüber der Sicherheit.

Spannend ist natürlich auch die Frage, wie komplex wir Österreicher die Welt um uns herum empfinden. Überfrachtet sie uns zur Gänze? Oder ist alles ohnehin ganz einfach?

Die Grafik zur Grundstimmung zum Wandel zeigt es an: Die Komplexität überwiegt im Verhältnis 44 zu 26. Allerdings muss hier festgehalten werden, dass beinahe ein Drittel der Menschen (31 Prozent) sich nicht so recht im Klaren darüber ist, wohin das Pendel des persönlichen Empfindens ausschlägt. Komplex oder doch eher in Richtung simpel? Ein Viertel wiederum sagt, alles in allem ist der Wandel der Gesellschaft relativ einfach. Besonders stark empfinden erwartungsgemäß ältere Menschen die Komplexität der Veränderung. Und auch jene, die höchste Bildungsabschlüsse aufweisen.

Doch wohin geht dieser Wandel? In welche Richtung, oder anders gefragt: auf welcher Ebene spielt er sich ab? National oder eher international?

Bei dieser Frage sind sich die Österreicher so gar nicht im Klaren. Vielmehr ist es eine Art Pattstellung (38:34), mit leichter Tendenz in Richtung international. Betrachten wir das Ergebnis aus soziodemoskopischer Sicht, so sehen wir: Männer und höher gebildete Menschen neigen überdurchschnittlich dazu, den Wandel eher in den eigenen Gewässern zu verorten, also im Land selbst.

Allgemein kann gesagt werden: Globalisierung hin, Globalisierung her, der Megatrend scheint keinen entscheidenden Eindruck zu hinterlassen, was die Internationalität des Wandels betrifft. Auch nicht, dass der Fortschritt, die vielen Innovationen aus allen Himmelsrichtungen auf uns niederprasseln. Gehen wir in unserer Interpretation dieser Zahlen nun einen Schritt weiter, so könnten wir sagen: Wandel ist beides – national und international gleichermaßen. Er hat also mehr als nur ein Gesicht.

Komplex, unsicher, rasant – und in seiner Herkunft nicht klar einzuordnen. Nun könnte man meinen, dass bei dem Begriffspaar positiv/negativ auf der Hand liegt, wohin die Reise geht, wofür sich die österreichische Seele entscheidet.


Überraschenderweise ist das nicht der Fall. Trotz all der genannten Faktoren ist das generelle Empfinden der Menschen in Sachen Wandel mehrheitlich positiv. Und zwar nicht hauchdünn, sondern relativ eindeutig. 45 Prozent tendenziell positiv, 27 Prozent, ein starkes Viertel also, negativ. Wobei gesagt werden muss: Ein zweites starkes Viertel (28 Prozent) kann sich nicht so recht entscheiden, ob gut oder schlecht. Wenig überraschend hingegen, dass ein negatives Empfinden des Wandels eher bei Menschen über sechzig vorzufinden ist. Und bei jenen mit höherer Schulbildung.

Mit diesen Daten im Gepäck wollten wir dem Bewusstsein der Österreicher noch einen Schritt näherkommen. Wenn die Orientierungslosigkeit schon wächst und das Gefühl der Sicherheit sinkt – in welchen Lebensbereichen ist das wie stark? Gibt es Orte oder Situationen, wo wir uns sicher fühlen, wo wir Halt und Stabilität finden?

Durchaus, die gibt es, wie die Ergebnisse klar veranschaulichen. Familie ist so ein Ort, wo wir uns sicher fühlen. Aber auch die eigenen Überzeugungen sorgen für Halt. Das Wissen, welche Werte wir an unsere Kinder, an die nachfolgenden Generationen weitergeben und damit bewahrt sehen wollen. Beispielsweise eine gesunde Lebensweise. Eine klare Entscheidung zwischen Beruf und Familienorientierung.

In einer Hinsicht müssen die Ergebnisse aber etwas relativiert werden. Kein einziger Lebensbereich erreichte in der sogenannten Top-Box, der Rubrik »sehr sicher« also, die Zwei-Fünftel-Marke.

Sorgenfalten hingegen sind in den Gesichtern der Österreicher zu finden, wenn es um den Vertrauensverlust in die Politik geht. Hier ist das größte Gefühl von Unsicherheit und Unbehagen festzustellen. Immerhin sehen sich 4 von 10 Mitbürger als unsicher darin, welchem heimischen Politiker sie überhaupt noch Glauben schenken können. Nur die Älteren brechen diesen Trend und haben einen leicht positiven Saldo. Jene, die im Gegenzug uneingeschränkt Vertrauen in die Politik haben und die Note 1 von 7 vergeben, sind in einer verschwindenden Minderheit. Nur jeder Vierzehnte glaubt sehr sicher daran.

Die Gründe für dieses Misstrauen liegen ebenfalls auf der Hand: Viele Menschen haben das Gefühl, dass die Parteien weder ihre Sorgen ernst nehmen noch ihre persönlichen Interessen mit Nachdruck vertreten. Der Vertrauensverlust in die Politik ist demnach relativ groß.

Aber auch die Verlässlichkeit der Medien lässt in den Augen der Menschen einiges zu wünschen übrig. Sowohl das Verhältnis zu den traditionellen, klassischen Medien wie auch jenes zu den neuen, sozialen scheint ins Schwanken geraten zu sein.

Stellt man nun einen direkten Vergleich in Sachen Glaubwürdigkeit an, so ergibt sich: Das Empfinden der Menschen im Land, Zeitungen, Radio oder Fernsehen Glauben schenken zu können, ist mit einem Verhältnis von 40 zu 35 gerade noch positiv.

Interessanterweise sind gerade die Jüngeren – die sogenannten Digital Natives – eher skeptisch, was die Glaubwürdigkeit der klassischen Medien betrifft. Und das, obwohl sie diese Medien gar nicht so intensiv und häufig nutzen wie ältere Menschen.

Ergänzend dazu haben wir auch die Internet-Nutzer befragt, was man in Social Media preisgeben soll und was nicht. Oder anders gesagt, wie sicher sich die Menschen dabei fühlen, wenn sie Informationen ins Netz stellen. Beinahe die Hälfte (48 Prozent) meinte, sie wäre davon überzeugt, es mehr oder weniger richtig zu tun. Nur jeder Vierte (26 Prozent) tendierte zum Gegenteil.

Überraschend aber auch dieser Trend – diesmal bei der Frage, ob man Gütesiegeln (vor allem bei Lebensmitteln) Vertrauen schenken könne. Immerhin ein Drittel ist davon ganz und gar nicht überzeugt (Note 5+6+7), 45 Prozent wiederum stufen diese Siegel als vertrauenswürdig ein. Dies ist insofern bemerkenswert, als die Befragten bei der Frage nach persönlichen Aspekten der Lebensführung (»Wie ich die Umwelt durch mein eigenes Verhalten schützen kann« oder auch »Wie ich gesund leben kann«) eindeutig Zuversicht und Klarheit an den Tag legten.

Bemerkenswert auch das Resultat auf die Frage, wie sicher sich die Menschen fühlen, wenn sie nachts alleine auf die Straße gehen: 56 Prozent fühlen sich (eher) sicher, 29 (eher) nicht.

So wenig die steigende Unsicherheit alle Lebensbereiche der Österreicher erfasst, so einfach ist es auch nicht, die ebenfalls steigende Orientierungslosigkeit auf alle Lebenssituationen umzulegen. Dabei gilt es zu differenzieren. Denn im Leben von Herrn und Frau Österreicher gibt es ausgesprochen starke Orientierungspunkte. Und andererseits welche, die nur wenig Einfluss haben. Auch diesen Parametern in Sachen Orientierung wollten wir nachspüren.


Einmal mehr stehen auch hier die Familie, die eigene Sicht der Dinge und jene Werte, die wir Menschen in uns tragen und für die wir auch eintreten, an vorderster Stelle.

Auffällig ist dabei, dass Frauen häufiger die Familie als Ankerpunkt nennen. Die persönlichen Werte wiederum sind für die Generation über sechzig von besonderer Bedeutung. Komponenten wie Freunde, Ausbildung und Beruf folgen. Auch sie, scheint es, dienen (wenngleich etwas abgeschwächt) als Kompass fürs Leben.

Je weiter wir uns allerdings vom eigenen Umfeld wegbewegen, desto indifferenter werden die Begriffe in ihrer Bedeutung für uns. Sie verlieren an Wirkkraft, helfen uns nicht entscheidend bei der Suche nach dem richtigen Weg. Die klassischen Klammern früherer Generationen wie zum Beispiel die Kirche oder andere Glaubensgemeinschaften, aber auch politische Größen früherer Tage haben heute kaum noch wesentlichen Einfluss auf uns. Diese klassischen Klammern der Gesellschaft haben scheinbar ausgedient. Sie erfüllen ihre Funktion als Leuchttürme der Gesellschaft, die sie einmal waren, nicht länger – wenigstens nicht für eine Mehrheit oder für große Gruppen der Bevölkerung.

Es ist da eine Lücke entstanden, die auch das klassische Ehrenamt oder diverse Non-Profit-Organisationen nicht füllen können. Aus alledem lässt sich dieser Schluss ableiten: Der Rückzug in die eigenen vier Wände, hinter den eigenen Gartenzaun, das klassische Cocooning also, erfährt durch das vorherrschende Meinungsklima in Österreich zusätzlichen Antrieb. Er wird aber dadurch nicht bloß verstärkt, sondern oft erst ausgelöst.

Nicht unerwähnt darf in dem Zusammenhang auch dieser empirische Eindruck bleiben, der sich in den vergangenen Jahren eingestellt hat: Die Grundstimmung im Land ist zwiespältig. In der langfristigen Betrachtung und Perspektive überwiegt ein eher negatives Gefühl in Bezug auf die Gesellschaft. Manche haben dafür diesen Ausdruck parat:

Abstiegsangst.

Die tiefe Sorge also, dass wir den zweifelsohne hohen bis sehr hohen Lebensstandard auf Dauer nicht halten könnten. Immerhin denkt beinahe die Hälfte jener, die mit besonderer Sorge auf die kommenden zehn Jahre vorausblicken, dass sich ihre eigene finanzielle Situation entscheidend verschlechtern werde. Eine Grundhaltung, die naturgemäß in vielen Bereichen des täglichen Lebens mitschwingt, wie aus dem IMAS-Report 27/2016 hervorgeht.

Auf einen Blick:

• Orientierungslosigkeit: 6 von 10 wissen nicht mehr, was in Bezug auf Politik, Wirtschaft und in Lebensfragen richtig oder falsch ist

• Wie wir den Wandel der Gesellschaft empfinden: Rasant, komplex, unsicher – und doch alles in allem nicht negativ

• Ob Alt oder Jung: Wir alle sehnen uns nach Entschleunigung

• Rund 4 von 10 sagen: Der Wandel der Gesellschaft ist uns zu komplex geworden

• Wo wir uns am sichersten fühlen: Familie, soziales Umfeld, eigene Überzeugungen und Werte

• Wo wir uns am unsichersten fühlen: Politik, Medien und klassische Sicherheitsthemen

2018 als Jahr des Umbruchs – das Comeback der Zufriedenheit
EIGENSTUDIE – JUNI 2018

Alles dreht sich. Alles bewegt sich.

Die Gesellschaft ganz besonders. Wir haben davon bereits einiges gehört. Der rasante Wandel und all das. Dabei gibt es jedoch spannende Veränderungen zu verzeichnen, die sich erst in allerjüngster Zeit herauskristallisiert haben.

So zum Beispiel bei jener Frage, wie sich die Wirtschaft entwickeln wird. Welche Vermutungen stellen die Österreicher diesbezüglich an?

Bereits Ende des Vorjahres, bei Messungen im Dezember 2017, zeigte sich, dass jeder Dritte im Land felsenfest davon überzeugt war, die Wirtschaft in Österreich würde sich in naher Zukunft positiv entwickeln, die Lage sich also weiter verbessern. Im März/April 2018 erhielten wir bei unseren Nachforschungen dieselben Werte – und auch im Juni/Juli ergab sich ein ähnliches Bild.

Vom Gegenteil ging hingegen nur jeder Fünfte im Land aus. Betrachten wir aus aktueller Sicht diese Zahlen, so können wir sagen: Der jüngste Zwölf-Monats-Check hat die mit Abstand höchsten Werte seit Jahren ergeben. Die Zuversicht der heimischen Bevölkerung, ihr Vertrauen in die heimische Wirtschaft also, ist so groß wie lange nicht, auch, wenn die Zahlen zuletzt leicht rückläufig waren.


Natürlich wurden diese Veränderungen schon länger diskutiert. Wirklich sichtbar, empirisch belegt, wurden sie aber erst jetzt. Und: Der gesellschaftliche wie auch wirtschaftliche Wandel ist nun in breiten Teilen der Gesellschaft angekommen.

Als wir von IMAS Ende 2017 die traditionelle Neujahrsfrage stellten (übrigens bereits zum 46. Mal), zeigte das Stimmungsbarometer in Österreich bereits eindeutig in Richtung Optimismus, wie wir im IMAS-Report 27/2017 festhalten konnten.

Nun jedoch deutet auch in puncto gesellschaftlicher Zufriedenheit alles auf eine eindeutige Trendumkehr hin, die Ampeln stehen also auf Grün. Immerhin deuten schon vier Messungen hintereinander in diese Richtung.

Die meisten Menschen in der Alpenrepublik, genau genommen eine relative Mehrheit von 41 Prozent, haben den Eindruck, dass die Österreicher mit ihrer allgemeinen Lebenssituation zufrieden sind. Ein starkes Drittel ist gegenteiliger Meinung, die Übrigen, rund ein Fünftel, hatten dazu keine klare Meinung, weder in die eine noch in die andere Richtung. Alles in allem liegt hier also eine beachtliche Trendumkehr vor, wenn wir sowohl die mittel- als auch die langfristigen Forschungsergebnisse heranziehen.


Überhaupt konnte IMAS seit 2006 in den regelmäßig angestellten Forschungen keinen so hohen Grad an Zufriedenheit messen wie im Jahr 2018. Blicken wir zurück ins Jahr 2013, so war die Differenz zwischen den Zufriedenen und den Unzufriedenen im Land immer im negativen Bereich – und zwar bis Oktober 2017. Dabei schwankten die Werte einigermaßen stark, zwischen minus 2 und bis zu minus 20 Prozentpunkten. Aktuell liegt die Differenz hingegen bei plus 5 und im Jänner 2018 waren es sogar plus 9.

Betrachten wir die vergangenen zehn Jahre, so erkennen wir: Mit Abstand am negativsten waren die Österreicher Ende 2008, kurz nachdem die globale Finanzkrise mit dem Zusammenbruch der US-Bank Lehman Brothers ihren Höhepunkt erreicht hatte, und im August 2010. Ziehen wir nun den Langzeittrend über vier Jahrzehnte heran, so erreicht die Unzufriedenheit der Österreicher mit ihrem Leben 2007 den Zenit.

Überaus positiv hingegen war die Stimmung Mitte der Achtzigerjahre. Damals war noch rund Zweite im Land davon ausgegangen, dass die Österreicher mit dem, wie es ist, in Summe zufrieden sind.

Doch bleiben wir bei den aktuellen Ergebnissen. Nach soziodemoskopischen Aspekten betrachtet, ergibt sich dieser Befund: Männer und Menschen mit höherer Schulbildung verströmen eine besonders positive Stimmung im Land. Ein Altersgefälle kann jedoch nicht festgestellt werden.


In den letzten 35 Jahren manifestierte sich der Eindruck, dass mehr Wohlstand nicht zwingend gleichbedeutend mit mehr Zufriedenheit ist. Oder, anders gesagt: Geld allein macht nicht glücklich. Denn obwohl es seit damals wirtschaftlich tendenziell aufwärts ging, sank die allgemeine Zufriedenheit, wie die Zeitreihe darlegt. Das konnte fast schon als demoskopische Faustregel angesehen werden.

Die neuesten Messungen aus 2018 zeichnen allerdings ein etwas anderes Bild. Es scheint, als würde mehr Wohlstand die Menschen neuerdings auch zufriedener machen. Wie sehr sich dieser Eindruck in den kommenden Jahren stabilisiert oder doch wieder kippt, bleibt abzuwarten. Doch diskussionswürdig ist die Sache allemal.

Auf einen Blick:

• Das Comeback der Zufriedenheit im Jahr 2018

• 4 von 10 sagen: Wir Österreicher sind ein zufriedenes Volk. Rund ein Drittel meint das Gegenteil, die Übrigen sind sich nicht sicher

• Wohlstand allein macht nicht zufrieden – oder doch?

Mehr Verbrechen? Ein Volk zwischen Gefühl und nackten Zahlen
EIGENSTUDIE IN KOOPERATION MIT DEM RAML UND PARTNER FORUM – NOVEMBER 2016

Spätestens seit jenen Tagen, da auch Europa begann, immer öfter im immer größeren Stil Schauplatz internationalen Terrors zu werden, ist in Österreich die Diskussion abermals aufgeflammt: Wie sicher sind wir? Und dazu die Frage: Wie sicher können wir uns in unserem kleinen Land fühlen?

Diesem Fragenkomplex gingen wir in Kooperation mit dem Raml und Partner Forum, in dessen Rahmen durch Diskussionen mit Verantwortungsträgern der verschiedensten Bereiche Bewusstsein für wichtige Zukunftsthemen geschaffen werden soll, nach. Empirische Untersuchungen haben diesen Befund ans Tageslicht geholt. Hier die Zahlen aus November 2016.

Ja, wir Österreicher fühlen uns im Großen und Ganzen sicher, was Straftaten und Verbrechen angeht. Allerdings mit einem fetten Aber. Mit Vorbehalt also. Mit dem einen oder anderen Bedenken. Die Zahlen belegen das eindeutig, denn nur jeder Siebte fühlt sich tatsächlich sehr sicher, eine überwältigende Mehrheit (sogar eine absolute, mit 51 Prozent) steht auf der Bremse und meint: Sicher? Nun ja, geht so. Einigermaßen.

Gar nicht sicher hingegen fühlt sich nur jeder Zehnte im Land, während weitere 2 von 10 mit eher mulmigem Gefühl durchs Leben gehen. In Summe also ein schwaches Drittel, das sich in Österreich in puncto Verbrechen nicht wirklich gut aufgehoben fühlt.



Doch wie sieht es bei dieser, ob an den Stammtischen oder anderswo, oftmals so heiß diskutierten Frage aus, nämlich: Hat die Kriminalität in Österreich zuletzt zugelegt oder hat sie das nicht? Was meinen Sie?

Ja, antworten uns die Österreicher auf unsere Befragung. Ich habe das Gefühl, die Zahl der Verbrechen ist angestiegen. Eine knappe Zwei-Drittel-Mehrheit sagt das, korrespondierend mit dem allgemeinen Gefühl zunehmender Unsicherheit, von dem wir bereits gehört haben. Nur jeder Vierzehnte (7 Prozent) sah die Sache völlig anders und meinte: Nein, heute gibt es weniger Verbrechen als früher. Und ein Viertel der Bevölkerung hatte den Eindruck, alles sei beim Alten geblieben.

Überproportional stark fühlten übrigens ältere Menschen diesen Anstieg. Sowie jene, die auf dem Land leben. Und zu bemerken ist an dieser Stelle auch: Diejenigen, die im persönlichen Interview eine gewisse Unsicherheit zu Protokoll gaben, gingen auch häufiger von einer Verschlechterung der Verbrechensrate aus.

Mit den offiziellen Zahlen passt dieses Gefühl der Österreicher oftmals nicht zusammen. Laut Statistik ist die Kriminalitätsrate in Österreich in den vergangenen Jahren ziemlich stabil, in manchen Bereichen sogar rückläufig.


Die Zahlen, auf die ich mich hier beziehe, sind mittlerweile zwei Jahre alt. Doch mit der größten Wahrscheinlichkeit ist diese Diskrepanz zwischen gefühlter und amtlich ausgewiesener Kriminalität heute ebenso festzustellen wie im November 2016.

Doch was sind nun die Gründe dafür, dass die Menschen von prinzipiell mehr Verbrechen ausgehen?

Hier gibt es drei große Bereiche zu unterscheiden.

1. Die zahlreichen internationalen Krisen, die Europa zuletzt erschüttert und für einige Verunsicherung gesorgt haben.

2. Die Zunahme an Terroranschlägen auch in Europa. Sie haben die Ängste geschürt.

3. Die deutlich veränderte Medienlandschaft. Sowohl in den klassischen wie auch neuen Medien wird immer stärker über Verbrechen berichtet. Außerdem tauchen im Netz immer mehr einschlägige Videos auf, die jederzeit per Handy abrufbar sind.

Auf einen Blick:

• Kriminalität in Österreich: Zwei Drittel spüren einen Anstieg

• Woher kommt diese gefühlte Diskrepanz zwischen Statistik und Gefühl? Drei Gründe:

- die vielen Krisen

- die vielen Anschläge auch in Europa (Terrorgefahr)

- die vielen Videos und Berichte in Netz und Medien

Politische Wende? Oder soll alles so bleiben, wie es ist?
EIGENSTUDIE – AUGUST 2018

Seit etwas mehr als einem Jahr wehen über den Regierungsbänken im österreichischen Parlament die Farben Türkis und Blau. Zeit und Anlass, um im ganzen Land nachzufragen, was die Menschen davon halten. Wie sehr oder wie wenig sie damit zufrieden sind. Wie sehr oder wie wenig sie es gerne anders hätten.

Zu diesem Zweck erhoben wir als Forscherteam in monatlichen Abständen zweierlei. Erstens, ob die Menschen mit der allgemeinen Tätigkeit der Regierung einverstanden sind. Und zweitens, wie sie es mit dem neuen Bundeskanzler Sebastian Kurz und seiner Politik halten.

Alle beide also klassische Fragen der Meinungsforschung, zwei Standards, mit denen sich die Bevölkerung sehr gut auf den Zahn fühlen lässt. Denn: Würden die Österreicher die Leistung der neuen Bundesregierung für eher schwach bis sehr schwach halten, würde sich dies in den Antworten auf diese beiden Fragestellungen sehr klar äußern.

Was denken wir also mehrheitlich über Regierung und Kanzler Kurz?

Beginnen wir mit der Regierung als Ganzes. Und mit der Frage, die eine Wendestimmung klar abbilden kann, die also zeigt, ob der Wunsch nach Veränderung bereits existiert oder im Anmarsch ist.

»Wäre es gut, wenn die österreichische Bundesregierung wechseln würde, oder wäre das nicht gut?«


Acht Messungen, angefangen von Dezember 2017, also rund zwei Monate nach der Wahl, haben klar ergeben: Wir wollen den Status quo. Wir wollen mit relativer Mehrheit (fast jeder Zweite), dass alles so bleibt, wie es ist. Das genaue Gegenteil – eine neue Regierung also – wünschen sich zurzeit nur 19 Prozent, also im Durchschnitt jeder Fünfte.

Von einer Wechselstimmung kann im direkten Vergleich derzeit also keine Rede sein. Allerdings muss dabei auch in Betracht gezogen werden: Rund ein Viertel aller Befragten will sich dazu nicht näher äußern, entweder, weil die Menschen sich nicht deklarieren wollen, oder auch, weil sie nicht sicher sind. Das Gesamtbild dieser Stimmung kann also relativ rasch ins Wanken geraten, wenn die Unentschiedenen sich doch in die eine oder in die andere Richtung festlegen.

Im Schnitt ergaben alle Messungen relativ ähnliche Ergebnisse, größere Abweichungen waren nicht zu verzeichnen. Die besten Werte (55 Prozent gegen einen Wechsel) erzielte die Regierung im Mai 2018, die schlechtesten (44 Prozent) drei Monate später, im August.

Nun zur zweiten Kernfrage unserer Untersuchung, jene rund um den Kanzler. Immerhin ist gerade in Zeiten wachsender Unsicherheit ein Regierungschef auch eine Art emotionaler Botschafter. Einer, der ständig unter ganz besonderer Beobachtung steht. Also stellten wir den Menschen diese Frage:

»Sind Sie mit der Politik von Bundeskanzler Sebastian Kurz einverstanden oder nicht einverstanden?«


Ergebnis: Die Werte waren ähnlich denen der Regierung im Gesamten. Im Schnitt überwiegt die Zufriedenheit mit einem Verhältnis von 45 zu 20 deutlich. Abweichungen über die Monate gibt es natürlich auch hier – am größten war sie im Mai 2018 (49 Prozent), am geringsten drei Monate später, im August (39 Prozent). Die Spitzen sowohl nach oben wie nach unten korrespondieren also zeitlich exakt mit jenen der Regierung im Mai und August.

Auffällig auch hier: Die Zahl der Unentschlossenen ist hoch, wie schon bei der Frage zur Bundesregierung mehr als ein Viertel der Menschen.

Fehlt noch der Blick auf die Parteilager beziehungsweise Sympathisanten. Hier ergibt sich klarerweise keine große Überraschung: Zustimmung oder Ablehnung erfolgten im Gleichklang mit der politischen Situation der jeweils eigenen oder favorisierten Partei. SPÖ-Wähler wünschen sich den Wechsel. ÖVP- und FPÖ-Wähler wollen das Gegenteil.

Auf einen Blick

• Wollen wir Österreicher derzeit die Wende? – Nein, alles soll bleiben, wie es ist. Jeder Zweite will den Status quo, aber nur rund Fünfte eine neue Regierung.

• Kanzler Kurz – sind wir mit seiner Politik einverstanden oder sind wir es nicht?

- 45 Prozent im Schnitt sagen: Ja

- 20 Prozent im Schnitt sagen: Nein

- Der Rest weiß es nicht (oder machte keine Angabe)

Europäische Union – wie gerne haben wir Brüssel & Co. heute?
NOVEMBER / DEZEMBER 2017
DIESE STUDIE WURDE IM AUFTRAG DER JUNGEN INDUSTRIE OÖ ERSTELLT UND MIT ERLAUBNIS DES AUFTRAGGEBERS VERÖFFENTLICHT

Weil wir gerade von politischer Wende oder Nicht-Wende gesprochen haben… Wie sieht es denn mit der Stimmung der Österreicher aus, wenn wir über den Tellerrand hinausblicken? Hinaus ins übrige Europa oder, genauer gesagt, in die Europäische Union?

Wie ist die Stimmung im Land in Richtung Brüssel? Was überwiegt, auch im Vergleich zu den vergangenen Jahren – der Wunsch, in der EU zu bleiben, oder ein Austritt nach Vorbild der Briten? Wie sieht es mit dem Abgleich von Vor- und Nachteilen aus?

Interessante Fragen auch in Hinblick auf die Jugend in Österreich. Immerhin währt die Mitgliedschaft nun bereits mehr als zwei Jahrzehnte. Viele Menschen im Land kennen gar nichts anderes als die vier Freiheiten der Europäischen Union, nämlich: freier Verkehr für Personen, Waren, Dienstleistungen und Kapital. Auch, wenn zuletzt da wie dort und das eine oder andere Mal die Grenzbalken wieder nach unten gegangen sind.

Was also empfindet Österreich rund um die EU?


Zuallererst die Bedeutung der Mitgliedschaft. Hier besteht bei den Menschen im Land kein Zweifel. Ja, die Mitgliedschaft in der EU ist wichtig. Eine knappe absolute Mehrheit (51 Prozent) ist dieser Ansicht. Davon 20 Prozent mit dem Vermerk: sehr wichtig. Die übrigen 31 mit ziemlich wichtig.

Ein starkes Drittel (35 Prozent) sieht das anders und sagt: Nein, die Mitgliedschaft ist nicht wichtig. Betrachten wir diese 35 Prozent genauer, sehen davon 19 Prozentpunkte eher keine, 16 Prozentpunkte überhaupt keine Bedeutung in der Mitgliedschaft.

Jene, die also voll und ganz in die eine oder andere Richtung tendierten (hin zu den sogenannten Meinungspolaritäten), standen sich in nahezu gleich großen Gruppen gegenüber.

Die Übrigen (in Summe 15 Prozent) wollten sich dazu nicht äußern. Und wie sieht es im Detail aus, nach sozialen Schichten oder Geschlechtern getrennt?

Hier waren doch klare Gefälle zu erkennen, sei es in Sachen Alter, Bildung oder Stadt oder Land. Männer, die 16- bis 34-Jährigen, Angehörige der höheren Bildungsschicht und die Bewohner urbaner Räume maßen Österreichs EU-Mitgliedschaft doch deutlich höhere Bedeutung bei als ihre soziografischen Gegengruppen.

Auch die Präferenzen der Menschen (in Verbindung mit der Nationalratswahl 2017) spielte eine Rolle. SPÖ- und ÖVP-nahen Wähler war die EU-Mitgliedschaft um einiges wichtiger (mehrheitliche Zustimmung) als beispielsweise jenen der FPÖ. Sie erachteten diese größtenteils als eher unwichtig.

Interessant sind auch die Muster, die erkennbar wurden. Je mehr die Menschen im Allgemeinen über die Europäische Union Bescheid wussten, desto größer war auch die Bedeutung der Mitgliedschaft.

Spannend ist vor allem ein Blick auf den Trend seit 1996. Bis ins Jahr 2014 herrschte nämlich die Meinung vor, Österreichs Mitgliedschaft in der Union sei eher unbedeutend. Seit damals jedoch ist diese Ansicht gekippt, die Bedeutung hat zugenommen. Dies war auch bei der jüngsten Messung klar zu erkennen.

Aber auch das wollten wir – bewusst polarisierend – von den Menschen im Land wissen. Nämlich eine Einschätzung zu dieser prinzipiellen Frage:

»Sollen wir über einen Verbleib in der Europäischen Union abstimmen oder nicht?«

Das Ergebnis war absolut gespalten. 4 von 10 (41 Prozent) sprachen sich entschieden für eine Abstimmung aus, nahezu ebenso viele jedoch (38 Prozent) strikt dagegen.

Männer, Menschen mit höherer Bildung, Stadtbewohner, SPÖ-Wähler und jene, die über ein überdurchschnittliches EU-Wissen verfügen, waren verstärkt Gegner einer Abstimmung über den Verbleib in der Union. Im Prinzip waren das dieselben Gruppen, die auch der Bedeutung der Mitgliedschaft überdurchschnittlich große Bedeutung beimaßen. Altersunterschiede – ob ja oder nein – waren hingegen keine auszumachen.

Dieselbe Frage hatten wir übrigens auch schon im Juli 2016 gestellt. Im Vergleich zu damals gab es diesmal nur marginale Verschiebungen. Jene, die eine Abstimmung kategorisch ablehnten, hatten um 3 Prozent zugelegt, die anderen um 2 Prozent verloren. Die relative Mehrheit in dieser Frage direkter Demokratie war also stabil.

Doch was, wenn es diese (fiktive) Abstimmung sehr wohl gegeben hätte? Wie hätten wir uns dann entschieden? Bleiben oder doch – wie die Briten – gehen?

So uneins die Österreicher waren, ob wir überhaupt über einen Verbleib abstimmen sollten, so klar entschieden zeigten sie sich für den Fall, dass doch ein Ruf zu den Urnen erfolgte, wie Sie auf der nächsten Seite auf der Grafik sehen können.

Fast jeder Zweite (46 Prozent) sagte: Ja, bleiben. Nur rund ein Viertel hingegen: Nein, austreten. Die Gruppe der Unentschlossenen ist mit 28 Prozent allerdings ziemlich groß, einen exakten Ausgang seriös vorherzusagen schwierig. Oder zum aktuellen Zeitpunkt in Wahrheit gar nicht abzuschätzen.

Aber auch hier ist festzuhalten: Der Trend im Vergleich zur Messung ein Jahr zuvor ist absolut stabil. Und, natürlich nicht überraschend, sind jene, die bei einer Volksabstimmung für den Verbleib gestimmt hätten, dieselben, die auch von der hohen Bedeutung der Mitgliedschaft überzeugt sind.

Und wie denkt nun die Bevölkerung heute über die Vor- und Nachteile, die wir in Österreich durch die EU erzielen oder erleiden? Immerhin ein Knackpunkt, der seit Anbeginn der Mitgliedschaft immer wieder hitzig diskutiert wird. Hat sich da in der Wahrnehmung der Bevölkerung etwas geändert?

Betrachten wir den langjährigen Trend in der Grafik auf Seite 58 über fast ein Vierteljahrhundert, so zeigt sich: Jene, die anfangs, im Jahr 1994, Nachteile auf uns zukommen sahen, hatten über die Jahre in ihrer Meinung gehörigen Aufwind und erlebten im Jahr 2006 ein absolute Spitze. Damals glaubte jeder Zweite (51 Prozent) daran, dass die Nachteile für uns Österreicher überwiegen. Mittlerweile jedoch hat sich dieser Wert wieder auf jenen von 1994 (in etwa zur Zeit der Abstimmung über den Beitritt) eingependelt – auf ein starkes Viertel der Menschen also.


Weniger volatil hingegen die Entwicklung bei jenen, die immer schon Vorteile in der EU-Mitgliedschaft erblickten. Zu Beginn war ein starkes Drittel davon überzeugt, nun ist es mit 4 Prozentpunkten weniger ein schwaches Drittel. Der mit Abstand niedrigste Wert (22 Prozent) war vor knapp fünf Jahren im Jänner 2014 zu verzeichnen. Bemerkenswert auch, dass im Sommer 2016 Vor- und Nachteile so gut wie gleichauf lagen.

Auch hier lassen sich klare Unterschiede innerhalb der Bevölkerungsgruppen ausmachen, die das allgemeine Meinungsbild zur Europäischen Union widerspiegeln. Vorteile in der EU sehen vor allem Männer, 16- bis 34-Jährige, höher Gebildete, sozial besser Gestellte, Städter, SPÖ- und ÖVP-Wähler und jene, die überdurchschnittlich über die EU und ihre Strukturen Bescheid wissen. Am markantesten hier (abgesehen von der Bildung) waren die Unterschiede zum Durchschnitt bei jenen, die gute EU-Kenntnisse aufwiesen.

Die FPÖ-Wähler hingegen zeigten sich mit absoluter Mehrheit überzeugt, dass die Nachteile innerhalb der Union überwiegen würden.


Wenn wir hier aber schon von den Vor- und Nachteilen sprechen – welche sind es konkret, die das Pendel in die eine oder andere Richtung ausschlagen lassen? Und welche glauben die Menschen am allermeisten zu verspüren, welche so gut wie gar nicht?

Bei den Vorteilen ein klares Bild: der Euro als einheitliche Währung, die offenen Grenzen, der freie Warenverkehr ohne Zölle und auch das Wirtschaftswachstum innerhalb des EU-Raums. Faktoren wie Erhalt von Frieden oder freie Wohnsitzwahl spielten hingegen nur im Mittelfeld mit. Und etwaige Preisvorteile durch die EU sahen überhaupt nur die Allerwenigsten.

Die mit Abstand größte Gruppe (mehr als jeder Dritte) sind allerdings jene, die gar keine Vorteile ausmachten.

Und die Nachteile?

Auch hier herrscht keinerlei Zweifel, worin diese für die Menschen liegen: zu wenig Eigenständigkeit der Nationalstaaten, Bevormundung durch Brüssel, eine allgemeine Teuerung seit dem Beitritt und die von der EU erlassenen Richtlinien und Verordnungen.

Auch hier ist anzumerken, wie schon bei den Vorteilen, dass die Gruppe derer, die gar keine Nachteile ausmachten, mit einem Viertel die größte ist.


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