Kitabı oku: «Titus und Timotheus und der Esel Bileam»
Paul Keller
Titus und Timotheus und der Esel Bileam
Roman
Saga
Titus und Timotheus und der Esel Bileam
© 1927 Paul Keller
Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2016 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen
All rights reserved
ISBN: 9788711517475
1. Ebook-Auflage, 2017
Format: EPUB 3.0
Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt und Ringhof und Autors nicht gestattet.
SAGA Egmont www.saga-books.com – a part of Egmont, www.egmont.com
Ein Pastorale
Wer nie verstand das Treiben der Narren,
Der hat wohl selber den grössten Sparren;
Was auch über Narrtum zu sagen sei,
Das Blödeste bleibt die Philisterei.
Einzug.
„Nun sind wir nahe am Ziele,“ sagte der Paulusjünger Timotheus zu seinem Bruder Titus, „diese Stadt ist Altenroda.“
Zu ihren Füssen lag eine deutsche Gebirgsstadt, umrahmt von stattlichen Bergen, umgürtet von Wiesen und Wäldern. „Eine schöne Stadt!“ rief Titus.
„Gottes Welt ist überall schön,“ sagte der andere, „am schönsten ist sie in der Steppe. Dort, wo Abraham König über Hunderte von Hirten und Herden war, wo David seine Harfe schlug, wo Tobias unter seinem Feigenbaume wohnte, dort war die Welt schön. Hier aber? Siehst du den Fabrikschlot? Hörst du die Eisenbahn bimmeln? Tutet nicht hinter uns ein Auto? Ach, warum sind wir nicht nach dem Morgenlande gezogen!“
Titus sagte: „Schön ist’s für mich nur in Deutschland, in der Heimat!“
Der andere erwiderte in einem seltsamen Gemisch von Nüchternheit, Schwärmerei und Verdrossenheit:
„Was ist Heimat? Nennst du das Heimat, wo du ein Weilchen wohnst unter viel Ärger und Qual und dann fortziehen musst für immer? Unsere Heimat ist jenseits unserer Augen.“
„Das ist richtig, aber du hast selbst gesagt, Gottes Erde sei schön. Wenn der Mensch gesund ist und Frieden im Herzen hat, und wenn er zu Hause ist, kann er schon auf Erden im Vorgarten des Paradieses sein.“
So sprachen zwei Wanderer auf einer deutschen Bergstrasse. Sie stiegen den Bergweg hinab, der vom Eulenwalde nach der Stadt Altenroda führt. Es waren seltsame Gestalten. Der eine, der Titus genannt wurde, war jung und schlank und von jener durchgeistigten Schönheit, wie man sie manchmal bei jungen Mönchen findet, es war etwas Johanneshaftes an ihm, oder er hätte auch ein Gralsritter sein können, wenn er nicht in konfuser Gewandung gesteckt hätte; der zweite der Wanderer, Timotheus genannt, war klein und wohl weit über die vierzig Jahre alt. Über der Wölbung seines Bauches leuchtete ein freundliches Vollmondgesicht.
Die beiden waren seltsam gekleidet. Sie trugen lange mantel- oder talarartige Gewänder, die bis über die Knie reichten, gehalten durch einen strickartigen Gurt. Diese Röcke waren Russenkitteln ähnlich, hatten im Zuschnitt aber auch etwas von der Tracht orientalischer Mönche. Sie gehörten wohl keiner besonderen Kleiderordnung an, waren sichtlich „selbst komponiert“. Auf dem Rücken hing jedem eine Kapuze. Unter den Knien waren grobwollene lange Strümpfe sichtbar, die nach unten in feste Bergschuhe mündeten. Die beiden Männer waren barhäuptig. Der Jüngere hatte eine blonde Lohengrinmähne, der Ältere die Glatze eines Falstaff. Im Äusseren waren sie ein ganz ungleiches Paar. In den Händen trugen sie lange, weisse Pilgerstöcke.
Am Wegrande stand ein freundliches Landhaus, abgeschlossen durch einen niederen, grünen Zaun. Dem Hause gegenüber war eine Eiche voll Pracht und Majestät; unter der Eiche sah man eine Steinbank, darüber war ein Steinschild, an der Eiche befestigt, mit der Inschrift:
„Auf diese Bank von Stein sollst du dich setzen, dem müden Wanderer zur Ruh bereitet.“
Die beiden Pilgrime blieben stehen und lasen die Inschrift.
„Das ist von Schiller, aus dem ‚Tell‘,“ sagte der kleine Dicke.
„Richtig!“ lobte der andere, „deinen Schiller kennst du!“
„Es war der erhabenste profane Geist. Wie alt, meinst du, mag dieser herrliche Baum sein?“
„Fünfhundert Jahre!“
„Ja, so meine ich auch. Und die Bank ist fast ebenso alt. Sieh, ihre mittelalterliche Form und ihre starke Verwitterung. Die Tafel ist natürlich jüngeren Datums.“
„Ja, sonst würden wahrscheinlich Schillers Jamben nicht darauf stehen.“
„Ich bin zwar nicht sehr müde; aber einer Einladung, die von Schiller kommt, soll man folgen.“
Der Dicke setzte sich, und sein schlanker Gefährte nahm neben ihm Platz. Sie sassen kaum, da öffnete sich die Tür des Landhauses, ein junges Mädchen in weissem Kleide kam heraus, lehnte sich an den Zaun und betrachtete die beiden mit unverhohlener, ja dreister Neugierde.
Und es entspann sich sofort am Gartenzaune eine Unterhaltung, wie sie immer flink zur Stelle ist, wenn sich zwei neugierige Menschen begegnen. Das Mädchen, das am Zaun lehnte, war neugierig, und der Dicke von den zwei Pilgrimen war auch neugierig, und beiden sass die Zunge locker. So schwadronierten sie alsbald darauf los.
Der dicke Timotheus sagte:
„Jungfrau, wir haben uns ein wenig auf diese Bank gesetzt. Verzeihe uns, wenn wir es etwa nicht hätten tun sollen. Gehört dieser schöne Baum und diese uralte Bank deinen Eltern?“
Das Mädchen kicherte in sich hinein.
„Er duzt mich.“ Laut sagte sie:
„Nein, Baum und Bank gehören der Stadt. Jeder kann sich darauf setzen, dem es Spass macht. Sie sind wohl Mönche?“
Der Schlanke schüttelte den Kopf; der Dicke schnob durch die Nase:
„Nein, wir sind keine Mönche; wir sind auch selbstverständlich nicht katholisch. Oder sehen wir etwa so aus? Wie? — Wir sind gute Christen!“
„Ja, meint Ihr denn, dass Mönche und Katholiken keine guten Christen sind?“
„Das meinen wir gewisslich!“
„Nun, da seid Ihr gewisslich auf dem Holzwege.“
„Du bist wohl selber katholisch?“
„Nein, von Hause aus bin ich evangelisch, seit zwei Jahren bin ich freireligiös.“
Der Dicke schlug mit sichtbarem Schreck die fleischigen Hände zusammen.
„Freireligiös? Also unreligiös, heidnisch? Jungfrau, wie kommst du dazu in deinen jungen Jahren?“
Das Mädel zuckte die Achseln.
„Vernunftgründe! — Lektüre! — Aufklärung! — Übrigens, wie kommen Sie dazu, fremder Herr, mich zu duzen? Halten Sie mich noch für ein Schulmädel? Ich werde in einem halben Jahre einundzwanzig, bin dann grossjährig.“ „Wir duzen alle Leute,“ sagte nun der Schlanke. „Eine andere Anrede als ‚du‘ ist unsinnig.“ Der Dicke setzte hinzu: „Was meinst du, Jungfrau, wie das geklungen hätte, wenn der Apostelfürst Paulus zu den Leuten ‚Sie‘ gesagt hätte? Etwa: ‚Gehen Sie hin und sündigen Sie nicht mehr!‘ Fehlt nicht dem ‚Sie‘ jede Weihe und Würde und jede Vernunft?“
Das Mädel war verdutzt und musterte die Seltsamen noch neugieriger.
„Ja, was hat denn das hier an unserem Zaun mit Religion und Bibel zu tun?“
Der Dicke antwortete: „Wir haben uns dem Dienste Sankt Pauli geweiht. Wir verlassen die Welt, weil sie gottlos ist und gefährlich für die, die den Weg zum Heile suchen.“
„So sind Sie ja doch Mönche!“
„Wir sind es nicht! Wir verlassen die Welt ganz freiwillig.“
„Das tun die Mönche auch!“
„Nein, die werden in ihre Klöster hineingezwungen und eingesperrt!“
Das Mädel lachte ihn aus.
„Sie sind ein komischer Heiliger! Wenn es nun schon durchaus über Religion gehen muss, was sind Sie denn?“ „Wir sind gute Christen, wenn auch mein Bruder Titus leider der Irrlehre des Luthertums anhängt.“
Das Mädel lachte wieder.
„Nanu, katholisch lassen Sie nicht gelten, freireligiös auch nicht und jetzt auch nicht lutherisch? Ja, was sind denn dann Sie? Sind Sie Jude?“
Timotheus erhob sich erbost.
„Jude? Ich? Seh’ ich so aus? Wie?“
„Nein,“ lachte das Mädel, „die Juden sehen im allgemeinen — wie soll ich sagen — zivilisierter aus. Ich möchte gern wissen, was Sie sind.“
„Calvinianer bin ich!“ sagte der Dicke stolz. „Mein Bruder Titus ist leider Lutheraner.“
„Aber,“ staunte das Mädchen, „ich denke, das ist ganz dasselbe; ich denke, Luther und Calvin sind überhaupt ein und dieselbe Person und Fassung!“
Timotheus seufzte abgrundtief.
„Daher hat es der böse Feind so leicht! Er fischt in den trüben Gewässern der grenzenlosen Unwissenheit der Menschen.“
„Ach,“ lachte das schöne Mädchen, „ich bin gar kein so trübes Gewässer. Sagen Sie mir lieber, wie Sie heissen, wenn es nicht unbescheiden ist, so zu fragen. Ich heisse Helga Hiller.“
„Helga ist kein christlicher Name.“
„Das weiss ich nicht; jedenfalls ist es ein hübscher Name. Und wie heissen Sie?“
„Mein Bruder heisst Titus; ich heisse Timotheus.“
Dem Mädel gab es einen sicht- und hörbaren Ruck in die Kehle.
„Tit — und Timot —“
Sie musste erst etwas verschnaufen, ehe sie sagen konnte:
„Ist denn das möglich? Titus und Timotheus? Ja, erlaubt denn so was die Polizei?“
„Warum soll sie es nicht erlauben? Wir wollen die Welt verlassen, und so haben wir die bürgerlichen Namen die wir bisher trugen, abgelegt und nennen uns nach den beiden Lieblingsjüngern unseres grossen Meisters Paulus — Titus und Timotheus. Wir sind uns unserer Unwürdigkeit, diese ehrwürdigen Namen zu tragen, wohl bewusst, aber wir müssen erhabene Vorbilder haben, wenn wir auf dem schweren Wege, den wir uns erwählt haben, nicht erliegen wollen. So heissen wir Titus und Timotheus!“
Helga klatschte vergnügt in die Hände:
„Das ist glänzend, das ist famos! Titus und Timotheus! Ich habe so etwas Urverrücktes rasend gern.“
„Es ist nicht verrückt,“ sagte der Dicke sanft, ohne jedes Anzeichen, beleidigt zu sein. „Die Ungläubigen haben die echten Christen allezeit für Toren und Narren gehalten. Wie aber steht in der Schrift vom Jüngsten Gericht? ‚Wie stöhnen die, die sich auf der Welt für Weise hielten und nun auf der Seite der Verdammten stehen, wie stöhnen sie, indem sie sehnsüchtig hinüber zur Rechten sehen? Seht diese! Wir hielten sie für Toren und ihr Leben für Unsinn. Seht, wie sie zu den Auserwählten gezählt werden!‘“
„Möchten wir nicht weitergehen?“ fragte der andere der Pilger, der Titus genannt worden war, verdrossen.
„Ja, wir wollen gehen. Zuvor aber möchte ich die Jungfer noch fragen, ob sie wohl weiss, wie alt dieser stattliche Baum ist.“
„Siebenhundert Jahre, sagen die Gelehrten. Wird woh aber etwas weniger sein. Inwendig ist der Baum ganz hohl. Als ich noch jung und übermütig war, habe ich einmal ein Meerschweinchen in den Baum gesperrt. Das hat rumort und abscheulich und ängstlich gequiekt. Zwei alte Weiber, die vom Holzsammeln kamen, haben die Krämpfe gekriegt, als sie das Rumoren und Quieken hörten und nicht wussten, woher es kam. Sie warfen ihre Holzhucken weg und rannten schreiend nach der Stadt, wo sie erzählten, was sie erlebt hätten. Da gingen noch andere neugierige Leute hin, hörten auch den Spuk, der sich Abend für Abend erneuerte. Denn am Tage nahm ich das arme Tierchen heraus aus dem Baume. Schliesslich galt der Baum als verhext; es hiess, eine arme Seele quieke darin. Das war mein schönster Spass!“
„Der Spass war sehr hässlich!“ verwies Timotheus. Dann sah er an der Eiche empor. „Siebenhundert Jahre, fürwahr ein ehrenvolles Alter! Calvin war noch nicht geboren, als der Baum schon gross und stattlich war. Siebenhundert Jahre! Die Bank muss auch uralt sein.“
„Gar so uralt nicht, sie ist zwei Jahre alt.“
„Verspottest du mich, Jungfer?“
„Nein! Wir haben hier einen Künstler, der macht Bänke, Vasen, Urnen, Waffen, Sarkophage, Torsos, alten Schmuck in allen Dessins, aus allen Zeiträumen, in allen Stilarten und in jeder Preislage. Alles hervorragend echt. Spezialist ist er in etruskischen und keltischen Ausgrabungen. Auch die Inkaskultur liegt ihm. Er beliefert fast alle Altertumshandlungen des Kontinents und hauptsächlich des Orients. Selbst in Altertumsmuseen ist mancherlei von ihm; darauf ist er mit Recht stolz. Ich habe ihm einen uralten Ägypter abgekauft (7000 Jahre vor Christus). Es sind die Uranfänge ägyptischer Kunst, da die primitiven Menschen noch nichts konnten, als plump und ungeschickt drei Tiere in Stein zu ritzen, den Elefanten, die Schlange und den Dackelhund. Mein Vater hat mir unter Grimm und Schimpfen eine solche prähistorische Reliquie aus der Werkstatt des Meisters kaufen und sie über meinem Bette einmauern lassen müssen. Wenn es nur irgend Ihre Zeit erlaubt, sollten Sie sich die Werkstatt des Meisters mal anschauen: Kringelgasse 9. Meister Leonhard ist sehr leutselig!“
„Wir werden die Werkstatt eines solchen historischen Fälschers nie betreten,“ sagte Timotheus voller Entrüstung. „Hätte ich gewusst, dass diese mittelalterlich anmutende, verwitterte Bank eine Fälschung ist, hätte ich mich nie darauf gesetzt. Ich mag mit Fälschungen in gar keiner Weise in Berührung kommen. Wir werden diesen Betrüger nicht aufsuchen, obwohl wir Zeit genug dazu hätten.“
„Ihr wollt wohl morgen noch in unserer schönen Stadt bleiben?“
„Morgen und übermorgen und so viel hundert oder tausend Tage, wie uns der Herr noch zumisst.“
„Ihr wollt doch nicht etwa in Altenroda wohnen?“
„Ja, wir haben das Besitztum gekauft, das früher dem Gärtner Zeidler gehörte. Dort werden wir wohnen.“
Helga schlug in erstauntem Entzücken die Hände zusammen.
„Ist das möglich? Ist etwas so Herrliches zu glauben? O, wenn es wahr ist, dann begrüsse ich Euch stürmisch. Bisher waren in dieser biederen Stadt nur zwei spleenige Personen: der Student Brünning und ich. Jetzt sind wir vier! Das ist herrlich!“
„Wir wollen endlich gehen!“ sagte Titus und stand entschlossen auf.
„Behüt’ dich Gott, Jungfrau, hüte deine Zunge und bessere dein Leben!“ sagte Timotheus.
„Ich danke — gleichfalls,“ lachte Helga. „Zeidlers Besitztum ist zehn Minuten denselben Weg hinab, das kleine weisse Haus rechts am Wege. Auf dem Dache ist ein Storchnest. Sie können nicht fehlgehen.“
Die Paulusjünger wanderten den Berg hinab. Titus war niedergeschlagen.
„Warum haben wir uns verweilt?“ fragte er. „Um festzustellen, dass dort oben ein leichtfertiges Mädchen neben einer hohlen Eiche und einer gefälschten Altertumsbank wohnt?“ Timotheus antwortete: „Das Mädchen mag vielleicht noch nicht hoffnungslos verloren sein, aber leichtfertig ist sie und sehr geschwätzig.“
„Du warst auch geschwätzig, lieber Bruder!“
Timotheus sah erschrocken auf. Es war Gesetz zwischen den Paulusbrüdern, dass einer den anderen auf seine Fehler rückhaltlos aufmerksam machte. Timotheus sagte leise: „Du hast recht; ich war auch geschwätzig! Verzeihe mir!“
Nun sahen sie das Haus, das sie durch einen Agenten, ohne es vorher geprüft zu haben, gekauft hatten. Übermässig betrogen waren sie nicht, und da sie die Übervorteilung, die natürlich vorhanden war, nicht merkten, waren sie überhaupt nicht betrogen. Wer einen Betrug nicht merkt, ist nicht betrogen; daher haben alle Dummköpfe der Welt so stillvergnügte Gesichter.
Das Haus war ein viereckiger Kasten mit spitzem Strohdach; die Fenster waren eigentlich keine Fenster, es waren nur Ausluge. Die Käufer hatten Strohdach und kleine Fenster dem Agenten zur Bedingung gemacht und einen grossen, für Anbau geeigneten Garten; auch sollte das Haus in der Nähe einer kleinen Gebirgsstadt liegen, wo man das für das Leben Notdürftigste, auch im Bedarfsfalle einen Arzt, haben könne, ja nicht aber in der Stadt selbst, sondern abseits müsse es liegen, da man vom Lärm der Welt nicht berührt zu sein wünsche. Der Agent hatte einige Zeit suchen müssen, ehe er ein geeignetes Kaufobjekt fand, und sich für diese Bemühung durchaus schadlos gehalten ... Die Paulusjünger blieben stehen und betrachteten ihr neues Besitztum.
„Es ist alles, wie wir es gewünscht haben,“ sagte Timotheus, „Der Agent war eine treue Seele. Sieh das entzückende Strohdach, die kleinen Fenster. Das Storchennest, von dem jenes schwatzhafte Mädchen sprach, ist wirklich da! Kein Zweifel, wir sind am Ziel!“
„Der Garten ist gross, und es stehen schöne Obstbäume darin,“ lobte Titus.
„Ja,“ sagte Timotheus, „und was die Hauptsache ist, um den Garten ist ein so hoher Zaun, wie man ihn selten findet. Darüber springt kein Unbefugter. Lass uns eintreten!“
Am Gartentore, das offen stand, sprachen sie gemeinsam: „Der Herr segne unseren Eingang und unseren Ausgang!“ Dann reichten sie sich die Hände, und Timotheus sagte mit feuchten Augen: „Vereint bis zum Tode, damit wir auch drüben in der Ewigkeit wieder vereint werden, in der wahren Heimat!“
„Ja!“ sagte Titus schlicht und fest.
„Und es wird uns nichts trennen, nicht Hang nach Ruhm oder Geld oder sonst etwas, das die Welt hoch wertet, vor allen Dingen kein Weib!“
„Nichts wird uns trennen!“ sagte Titus.
„Amen!“ sagte Timotheus, und es war wie ein Schwur.
Im Garten trat ihnen eine alte Frau entgegen.
„Was wünschen Sie?“
„Wir sind die neuen Besitzer dieses Anwesens.“
„Sie?“
Der Alten verschlug es die Sprache; sie hätte die beiden viel eher für ausländische Stromer gehalten als für Hauskäufer. Sie fürchtete sich vor den zweien.
„Haben Sie denn etwas Schriftliches?“ fragte sie.
„Jawohl, Grossmutter!“ sagte Timotheus gemütlich. Er ahnte, was in der Greisin vorging, kramte in seiner gewaltigen Handtasche, brachte einen Kaufkontrakt heraus und wies ihn der Alten vor. Diese rückte die Stahlbrille zurecht, las und sagte: „Jawohl, es stimmt! Es stimmt, Herr Weihrauch; es ist schon eine Postkarte für Herrn Weihrauch da, ein Avis vom Güterbahnhof.“
„Unsere Möbel!“ murmelte Titus.
Timotheus aber kriegte Magengrimmen, als er in der neuen Heimat wieder mit seinem bürgerlichen Namen genannt wurde. Furchtbar, dass er ausgerechnet „Weihrauch“ heissen musste; das ist für einen strammen Calvinisten so schrecklich, wie wenn ein strebsamer Bankier von seinen Ahnen den Namen „Schufterle“ ererbt hat, oder wenn ein Arzt „Totengräber“ heisst oder ein Völkischer „Bebel“ oder ein Hotelwirt „Wanzmann“. Solche Namen beissen und brennen. Was Timotheus auch getan hatte, eine Namensänderung zu erzielen, er war abgewiesen worden von den deutschen Behörden, die in konfessionellen Fragen zart und neutral bis zur höchsten Peinlichkeit sind. Timotheus fühlte sich so wohl und geborgen unter seinem schönen Paulinischen Namen und — nun wieder „Herr Weihrauch!“ Wenn Timotheus daran dachte, dass dieser penetrant riechende Name nun seine Familie schon seit vierhundert Jahren belästigte, wenn er gar daran dachte, dass seine Ahnen in vorkalvinischer Zeit vielleicht katholische Messdiener gewesen sein könnten, wurde ihm allemal schlecht. Fehlte bloss noch, dass sein Genosse Titus bürgerlich „Weihwasser“ hiesse, dann wäre der Pechkessel voll. Titus aber hatte einen anständigen Namen; er hiess Philipp Deutschmann.
„Also, Herr Weihrauch, das Avis ist da,“ sagte die beruhigte Alte.
„Lassen Sie das,“ grollte Timotheus, „zeigen Sie uns das Haus! Es ist hoffentlich leer.“
„Nein,“ sagte die Alte, „da ich doch mit dem Agenten ausgemacht hatte, das Haus zu hüten, bis Sie kämen, habe ich ja zwar das meiste schon zu meiner Tochter nach der Stadt schaffen lassen; aber mein Bett musste ich mir doch hier behalten, einen Tisch und einen Stuhl und ein bisschen Kochzeug. Das brauche ich doch!“
„Das alles muss fort,“ rief Timotheus, „noch heute fort — zum mindesten das Bett; denn wir nächtigen nicht mit einer Frauensperson unter einem Dache.“
Das Weiblein schlug kichernd die Hände zusammen.
„O du meine Güte. Aber, Herr Weihrauch, ich bin dreiundsiebzig Jahre alt!“
„Das ist egal. Das Alter ändert am Geschlecht nichts. Mindestens das Bett muss noch heute raus!“
Das Storchenpaar, das natürlich vom Nestrande neugierig zugehört hatte, klapperte und schlug amüsiert mit den Flügeln.
„Faule Kunden!“ sagte der Storchenmann.
„Sehr faule!“ sagte das Weib. „Hat sich was mit Kindern! Die sind keine magere Kaulquappe wert, geschweige einen Frosch.“
Indes sagte das Weiblein unten im Garten:
„Ich zieh’ gerne fort. Seit dem Tode meines Seligen war es mir hier immer sehr einsam und wehmütig. Ich ziehe noch heute zur Tochter unten in der Stadt. Mein Schwiegersohn hat ein Speditionsgeschäft, der holt meine paar Sachen auf einem Rollwägelchen ab, noch heute.“
Da sagte Titus:
„Das trifft sich ja gut; da kann er doch unsere Sachen vom Bahnhof gleich abholen und uns heraufbringen.“
Die Alte sagte: „Ich weiss nicht, ob das heute möglich sein wird; der grosse Möbelwagen ist oft unterwegs.“
Titus erklärte ihr:
„Ein grosser Möbelwagen ist nicht nötig! Hören Sie, was Ihr Schwiegersohn abzuholen hat: Zwei kleine Tische, zwei Brettstühle, einen Küchentisch, einen Küchenstuhl, zwei Strohsäcke mit Strohkissen und einige Decken, einiges Küchenzeug, einige Bilder und Figuren, eine Kiste mit Wäsche, zwei Kisten mit Büchern und ein Harmonium.“
„Sonst nichts?“ fragte das Weib.
„Nein, sonst nichts!“
„Das andere kommt nach?“
„Nein, es wird nichts nachkommen, es ist alles, was wir haben und brauchen.“
„Auch nicht einmal Bettstellen und Kleiderschränke?“
„Nein, die sind unnötig!“
Das Weiblein wurde wieder von Angst ergriffen.
„Wenn die Herren erlauben, geh’ ich sogleich hinab nach der Stadt.“
„Ja, gehen Sie!“
Die Alte machte, dass sie fortkam.
Noch ehe die Sonne sank, war der Einzug beendet. Jeder der beiden Paulusjünger bewohnte ein Zimmer für sich. Am winzigen Fensterlein stand der kleine Tisch mit seinem Stuhl; auf dem breiten Fensterbrett lagen zwei Bücher: die Bibel und das Gesangbuch, bei Titus die lutherische, bei Timotheus die kalvinische Ausgabe. An der Hinterwand lag ein Strohsack mit einem Strohkissen an der Erde; an den bestbeleuchteten Stellen der Wand aber war in jeder der beiden armseligen Klausen ein Schmuckstück; auf kunstvollem Sockel in karrarischem Marmor der Torwaldsensche „Christus“, in jedem Zimmer auch zwei gute Kopien in Öl, bei Titus: „Pauli Bekehrung“, bei Timotheus: „Paulus predigt den Athenern von der Treppe der Akropolis“. In der Zelle des Titus hing ein Bild von Luther, in der des Timotheus eines von Calvin. Die Bücher, die an einer Wand am Fussboden lehnten, waren fast ausschliesslich religiöser Art und enthielten auch den schweren Zwiespalt zwischen Luther und Calvin. Gerade die Streitschriften der beiden Geisteskämpfer waren für Titus und Timotheus, die sich liebten, eine Quelle stetigen Grames und öfters auch des Streites; aber keiner wollte von seinem Standpunkt auch nur um eine Linie zurückweichen, namentlich nicht, was Abendmahls- und Prädestinationslehre betraf.
Es war Abend geworden. Die „Paulusjünger“ lehnten am Gartenzaune und sahen hinab nach der entzückenden Bergstadt, die in die weichen Arme von Wäldern und Gärten gebettet war, ringsum behütet von kraftvollen Bergen.
Allerhand Volk wanderte den Berg herauf, sah in den Garten und bestaunte die „Neulinge“.
„Wieviele Leute hier gehen,“ sagte Timotheus, „wir scheinen leider an eine Hauptstrasse der Stadt geraten zu sein.“
„Nein,“ sagte Titus, „sie kommen aus Neugierde. Unsere Ankunft ist unten wohl schon bekannt geworden durch die Alte, und nun strömen sie herbei, uns zu betrachten, wie sie ehedem zu dem hohlen Baume schlichen, in dem das gefangene Tierchen jammerte. Die Menschen sind so. Je nüchterner und alltäglicher sie sind, desto mehr sind sie aus nach Sensationen. Sie interessieren sich immer am meisten für das, was sie angeblich verachten.“
„Es wird nicht leicht sein mit den Leuten,“ sagte Timotheus. „Ja, lieber Bruder, nichts auf Erden ist so schwer, wie anders zu sein als die andern. Aber es ist immer besser, die Leute sehen nach uns als wir nach ihnen. Es ist der einzige Weg zur Selbständigkeit und Harmonie. Wer nach den andern sieht, wird platt.“ —
Die Gartentür knarrte. Ein Student trat ein. Er zog in der schneidigen Art der Couleurstudenten seine bunte Mütze, verneigte sich und sagte mit leicht schnarrender Stimme: „Verzeihen die Herren mein Eindringen! Meine einzige Entschuldigung ist mein ungeheurer Lokalpatriotismus. Ich bin geborener Altenrodaer und könnte nicht schlafen, wenn ich zwei Neubürger in meiner Heimatstadt wüsste, die ich persönlich noch nicht kenne. Ich kenne alle Einwohner von Altenroda, die meisten sogar auch mit Vornamen, alle 8527. Und so bitte ich, auch Ihre werte Bekanntschaft machen zu dürfen. Ich erlaube mir, mich vorzustellen: Gustav Brünning, cand. med., Mediziner im vierzehnten Semester, gegenwärtig bereits im Staatsexamen.“
„Brünning,“ flüsterte Timotheus seinem Bruder zu, „das ist der Student, von dem das Mädchen sprach.“
Dem Ankömmling erklärte Timotheus, dass er und sein Bruder entschlossen seien, sich von der Welt zurückzuziehen und hier ein abseitiges Leben zu führen, daher auch keinerlei Bekanntschaften zu machen wünschten, nicht aus Menschenscheu oder gar Menschenverachtung, sondern aus einem tiefen Einsamkeitsbedürfnis heraus. Sie hiessen Titus und Timotheus aus Begeisterung für den grossen Apostel Paulus, wollten mit aller Welt in Frieden, aber ganz für sich leben. Wenn Brünning in guter Absicht gekommen sei, wollten sie seinen Gruss entgegennehmen und erwidern; im übrigen möge er in Frieden wieder gehen.
Trotz dieser deutlichen Ablehnung blieb der cand. med. Gustav Brünning da. Er erbot sich, den beiden Brüdern von einer Gartenecke aus das Stadtbild zu erklären, was sie sich schweigend gefallen liessen, da hilfloses Anstandsgefühl draufgängerischem Wesen nie gewachsen ist.
Brünning sprach im Tone eines berufsmässigen Fremdenführers mit gefährlichem Wortschwall.
„Hier, meine Herrschaften, zu unseren Füssen malerisch hingelagert, sehen Sie die Stadt Altenroda, schon aus der Zeit der Piastenfürsten Bolko I., Bolko II. oder Bolko III. rühmlichst bekannt. Die Fürstennummer steht nicht ganz fest. Altenroda liegt unter dem 52. Breiten- und l7. bis 19. Längengrade, 325,008 Meter über dem Meere, zu beiden Seiten des wasser- und fischhaltigen Knullerbaches, der seine Fluten von West nach Ost durch die Stadt wälzt. Im Osten erhebt sich der majestätische Ochsenkopf, dessen jähe Abstürze im Winter als Rodelbahn benutzt werden. Hinter uns ist der gewaltige Eulenwald, in dem mancherlei passiert ist, so die Rauchertragödie des Köhlers Jakobus und die beklagenswerte Geschichte von der ungetreuen Emma Rillek. Vor uns sehen Sie die erhabene Silberkoppe. Die Koppe ist da, das Silber fehlt; aber wir lassen uns an dem schönen Namen genügen und an der trostreichen Sage, dass es da mal Silber gegeben hat. Und nun zur Stadt Altenroda selbst! Sie sehen da einen Wald von Türmen!“
„Nur fünf Türme zähle ich,“ sagte Timotheus.
„Ja, ich habe ja auch nicht gesagt, einen Urwald von Türmen. Übrigens sind es sechs Türme. Der gotische Bau ist die evangelische Kirche, sie besitzt eine Kanzel aus dem Anfang des sechzehnten Jahrhunderts. Ob Luther darauf gepredigt hat, ist nicht recht erwiesen, obwohl Meister Leonhard von der Kringelgasse, der der Kirchgemeinde das Altertumsstück von weither besorgt hat, das ehrenwörtlich behauptet.“ „Dieser Mann ist ein Fälscher!“ knirschte Timotheus. „Man sollte diese Kanzel aus der Kirche entfernen!“
„Nein, das würden sich die Leute nicht gefallen lassen. Sie hängen an dem Altertum und erfinden immer neue Geschichten, die sie fremden Besuchern erzählen. — Dann die Kirche im Kathedralstil ist die katholische. Eigentlich ist sie nur ein Kathedrälchen; man sollte diesen Stil für Kirchen, die nur grössere Kapellen sind, niemals anwenden. — Dann der Turm in dem strengen Stil der Frührenaissance überragt das Rathaus. Das Rathaus selbst ist in überblühtem Barock gehalten, was einen gewissen Zwiespalt darstellt zwischen dem Turm, der seit Jahrhunderten nicht renoviert wurde, und dem Hause, das ein Meister aus der Gründerzeit der siebziger Jahre schnörkelreich geschmückt hat. — Der alte klobige Geselle da rechts, der Backsteinbau, durch dessen Fuss ein Tor geht, ist der alte Schuldturm. Dessen merkwürdige Geschichte müssen Sie in Spezialwerken nachlesen, hier würde das zu weit führen. Der fünfte Turm dort drüben, die scheussliche Rotunde, ist der Wasserturm, er verwässert auch wirklich das ganze Stadtbild. Er liegt wie ein Mastodon im Primeln- und Veilchenbilde dieser herrlichen Stadt. Der sechste Turm ist der, den Sie da drüben am Waldrande rauchen sehen, er gehört zur Papierfabrik.“
„Aber das ist doch ein Schornstein!“
„So könnte man sagen! Die Altenrodaer aber nennen alles, was hoch und schlank ist, ‚Turin‘. Auf dem wildromantischen Ochsenkopf sind zwei freistehende Sandsteinfelsen, einer 10, der andere sogar 12½ Meter hoch, die nennt die Volkssprache ‚die Türme‘. Unsere Gymnasiasten besteigen sie manchmal, machen mit Kuhglocken von oben Festgeläute oder blasen auf einem Türmerhorn. Also nennen wir auch den Schornstein ‚Turm‘. Wenn es einen Wasserturm gibt, warum nicht auch einen ‚Feuerturm‘? Das ist Geschmackssache und kommt auf den souveränen örtlichen Sprachgebrauch an. Unser Feuerturm ist 27 Meter hoch, er ist der höchste aller unserer Türme.“
„Der ist nicht normal,“ dachte Timotheus.
„Der ist dreist, aber drollig,“ dachte Titus.
„Jawohl, in Berlin oder in Münchener Cafés fühlen und denken die Leute anders als wir in Altenroda. Ich hoffe, dass Sie sich durch einiges Seltsame in unserem Stadtbilde nicht verärgern lassen werden.“
„O nein, vielleicht wird uns die Bürgerschaft hier auch für einigermassen seltsam halten!“
„Ganz recht, ganz recht! Das haben Sie gleich richtig erraten. Und nun weiter in der Betrachtung der Stadt. Das hohe Dach da neben dem Rathause ist der ‚Goldene Löwe‘. Erstes Haus am Platze. Zehn Fremdenzimmer. Warmes und kaltes Wasser aus der Küche zu jeder Tageszeit. Ein tadelloses Haus. Wenn Sie mal einen Dämmerschoppen machen wollen —“
„Wir trinken keinen Alkohol.“
„Das ist schade,“ sagte Brünning in aufrichtigem Bedauern. „Wir haben hier einen Abstinenzlerverein, der ist sowieso schon auf elf Mitglieder angeschwollen, also werden es jetzt leider dreizehn werden. Doch der ‚Löwe‘ selbst! Sie sehen das Wappentier auf dem Giebel, den ‚Goldenen Löwen‘. Er funkelt prächtig, nicht wahr? Alle fünf Jahre wird er neu bronziert, alle Vierteljahre vom Haushälter neu geputzt. Bei Feierlichkeiten wird er illuminiert. Man sieht den Löwen auf unserer Gebirgsbahn schon drei Stationen vor Altenroda in der Sonne funkeln. Er ist unser Stadtstolz. Aber er hat einen Fehler, er hat einen in zwei Hälften gespaltenen Schwanz. Sie sehen es deutlich! Es ist nämlich ein böhmischer Löwe. Böhmische Löwen haben gespaltene Schwänze. Kaiser Karl IV., der Böhme, der einmal Herr von Schlesien war, hat den Urahnen des jetzigen Inhabers dereinst zur Zeit der Goldenen Bulle mit dem Schankrecht belehnt. Da hat man den Löwen mit dem böhmischen Hoheitszeichen auf dem Dache angebracht. Aber das wird jetzt anders! Wir wollen einen deutschen Löwen! Wir wollen, dass dem Löwen über dem ‚Löwen‘ der böhmische gespaltene Schweif ausgerupft und durch einen einheitlich deutschen Schwanz ersetzt werde. Die Geldfrage macht noch Sorgen, aber schon wird zugunsten der vaterländischen Tat allenthalben Skat gespielt, und ich selbst habe auch drei Mark gezeichnet, wenn man sie mir auch vorläufig noch stunden muss.“ —
Ein silbernes Gelächter schallte über den Zaun.
„Der tolle Brünning bei den Paulusbrüdern!“ rief die blonde Helga.
Alle drei fuhren herum, und alle erkannten das Mädchen. Brünning geriet in Erregung.
„Entschuldigen die Herren, ich muss die Erklärung des Stadtbildes leider abbrechen, ich habe der jungen Dame dort dringend etwas mitzuteilen!“
Er eilte über den Garten, setzte mit einem tollkühnen Sprunge über den hohen Zaun, begrüsste das Mädchen und zog mit ihr lachend den Berg hinab.
Die Paulusjünger standen beklommen da. Timotheus sagte: „Ich hielt diesen Zaun für unüberspringlich; er ist es nicht. Ich wundere mich!“
Titus sagte: „Es war ein turbulenter Einzug. Ich hatte ihn mir weit stiller vorgestellt.“ —
Nun war das neugierige Volk bei eintretender Dunkelheit nach Hause gezogen. Der blaue Schleier der Nacht wehte durch die Bergeinsamkeit und fächelte Kühlung auf alle Stirnen. Am Himmel oben und aus den kleinen Menschenhäusern unten funkelten Sterne.
„Herr, bleibe bei uns, denn es will Abend werden und der Tag hat sich geneiget.“
„Wir wollen zur Ruhe gehen, denn wir sind weit gewandert.“
In einem gemeinsamen Zimmer war das Harmonium. Auf ihm stand ein Kreuz, umgeben von zwei Kerzen. Titus spielte, die Kerzen brannten, sie sangen einen Abendchoral. Dann reichten sie sich die Hände, und jeder ging in seine Klause. — —
Nachtbetrachtungen.
Ach, wohl waren sie müde, aber der Schlaf wollte nicht kommen. Der ernste Gedanke, jetzt hast du an einem neuen fremden Ort deine Hütte gebaut, darin du zu leben entschlossen bist bis an dein Ende, verscheuchte den Schlummer. Die Vergangenheit kam mit ihren alten Bildern, von denen es nun Abschied zu nehmen galt für immer.
Titus starrte nach der dunklen Zimmerdecke, er dachte an Vergangenes. In allen entscheidenden Augenblicken des Lebens kommen die Bilder der Jugend zurück, sogar in das erlöschende Auge eines Sterbenden. Auch vor dem Auge des weltflüchtigen Titus wurden alte Bilder lebendig.
Sein Vater war Arzt gewesen. Er erinnerte sich seiner noch dunkel. Er war ein grosser Mann mit einem Vollbarte. Er hat immer viel Spass mit ihm gemacht, und Titus hatte den lustigen Vater lieber gehabt als die stille Mutter. Sie besassen ein leichtes Wägelchen, das von einem munteren Schimmel gezogen wurde. Mit diesem Gefährt fuhr der Vater zu den Kranken nach den Dörfern. Er nahm den Jungen oft mit. Vor der Tür des Kranken musste der Knabe warten. Er guckte sich dann die Dorfstrasse an, hielt die Pferdeleine und freute sich, wenn vorübergehende Dorfkinder mit einem gewissen Respekte sagten: „Das ist Doktors Junge!“ Einmal ist der Schimmel mit ihm losgegangen, er hatte aus Langweile zu stark an der Leine gezupft. Der Schimmel setzte sich gleich in Trab, und da hörte der Junge auch schon den Vater schreien, und er wusste wohl, dass er dem Wagen nachrannte. Aber der Schimmel hatte einen starken Vorsprung und hatte sich in seinen berühmten „schlanken Trab“ gesetzt. So war für den Vater nichts zu erreichen. Dem kleinen Titus, der damals noch Philipp hiess, fiel ein, er könne die Bremse andrehen, aber die Bremse ging zu schwer, er konnte sie nicht drehen. So musste er weiterfahren. Die Dorfstrasse war belebt, zwei Heufudern musste er ausweichen, zwei Radfahrern, einer Langholzfuhre und einer Herde Gänse. Die Gänse waren das schlimmste Hindernis; denn sie wollten nicht ausweichen. Der Wagen schleuderte, als er durch die kreischende Schar lenkte. Schliesslich gelang es ihm, durch kosende Zurufe das Temperament des Weissen zu sänftigen und ihn durch milde Zusprüche und etliches Leinezupfen zu bewegen, an einer verbreiterten Stelle der Strasse vorsichtig und ganz regelrecht zu wenden und die Dorfstrasse zurückzutrotten. So begegnete er dem Vater, der ausser Atem war. „Du musst nicht böse auf den Schimmel sein, Papa, ich habe an der Leine gezupft, da hat er gedacht, du sitzest schon im Wagen, und ist losgegangen.“
Der Vater sagte nichts als „Gott sei Dank!“ und küsste den Sohn. Dann rief er dem Schimmel zu: „Los, du rasender Renner!“ Sie lachten beide, der Schimmel wieherte, und alle waren herzlich vergnügt. Schön waren diese Besuchsfahrten bei Kranken! Manchmal freilich war es traurig; wenn weinende Verwandte in der Haustür standen und fragten, ob denn gar keine Hoffnung mehr sei, und der Vater bedauernd die Achseln zucken und fortfahren musste. Dann dachte der kleine Junge, es sei eigentlich recht schlimm und traurig auf dieser Erde. Aber öfters noch begleiteten Verwandte den Vater bis zum Wagen, und ihre Gesichter strahlten, und manchmal küssten sie dem Vater die Hände. Dann war der kleine Junge sehr stolz. Welcher Junge in der Stadt hatte wohl einen Vater, dem die Leute die Hände küssten? — Dann kamen die sechs Wochen, wo der Knabe den Vater nie mehr begleiten durfte; da hauste eine Seuche in der Gegend, der Typhus. Der Vater war kaum ein paar Stunden zu Hause, Tag und Nacht war er unterwegs. Und nach sechs Wochen ging der kleine Philipp mit seiner Mutter hinter dem Leichenwagen des Vaters. Die Leute standen am Wege oder gingen hinter dem Sarge, und viele weinten laut und sagten: „Der gute Herr Doktor. Er hat sich geopfert!“ Dann wurde das schöne Haus, der liebe Schimmel und das Wägelchen verkauft, und Philipp zog mit der Mutter in eine kleine Mietswohnung.
Er durchlief die Klassen des heimischen Gymnasiums ohne grosse Mühe und bezog mit neunzehn Jahren die Universität. Seit der Vater tot war, hatte die Mutter, die von jeher still und fromm war, nur noch Gedanken, Sehnsüchte und Hoffnungen, die hinübergingen in das Land der Wiedervereinigung und aller Erfüllung. So war sie glücklich, als ihr Einziger einwilligte, Theologie zu studieren. Er studierte mit allem Eifer und hielt sich von wildem, studentischem Treiben ganz fern. Aber er vergrübelte sich in der Einsamkeit seiner kleinen, kahlen Stube. Ganz und gar der starken Persönlichkeit Luthers verfallen, wollte er sich nicht abfinden mit der Allianz von Lutheranern und Reformierten. Da er nun in seelischen Konflikt mit der evangelischen Landeskirche kam, insonderheit den Fürsten und weltlichen Behörden das Recht abstritt, in religiösen Dingen ein so grosses Wort zu führen, da er insonderheit auch den Satz: „Cuius regio, eius religio,“ von Herzen verwarf, so gab er es auf, ein Diener der evangelischen Glaubensgemeinschaft werden zu wollen; er trat zu den Altlutheranern über, obwohl er ja auch da auf Sätze und Auffassungen stiess, die ihn störten.
Kurz vor dem Wechsel starb seine Mutter. So blieb ihr der Schmerz erspart, ihre Lebenshoffnung zerrinnen zu sehen, die sie bis jetzt aufrecht erhalten hatte, ihren Sohn bei St. Katharina im Heimatstädtchen predigen und ihn den Segen: „Der Herr segne dich und behüte dich!“ singen zu hören.
Auch im altlutherischen Lager fühlte sich Philipp nicht wohl, und so kam er zu der Überzeugung, er sei für den Beruf eines Geistlichen überhaupt nicht geeignet. Im schwarzen Rock aber etwa nur Unterkunft und Versorgung zu suchen, dazu war er zu stolz. So gab er das Studium der Theologie auf. Er besass damals ein ererbtes Vermögen von etwa 20 000 Mark. Von den Zinsen dieses Kapitals, meinte er, würde er bei seinen geringen Ansprüchen ganz gut leben können. Aber er war jung; er wollte arbeiten. Was? Was sollte er arbeiten? Entgleiste Theologen finden sich in der Welt schwer zurecht, denn die Welt sagt: „Fortgelaufene Pfaffen taugen nichts!“, und die Ausbildung ist zu einseitig. Für die realen Bedürfnisse des Tages nicht brauchbar. Philipp Deutschmann war einige Zeit seines Lebens ganz ratlos. Was sollte er nur tun? Arzt hätte er wohl werden mögen, wie sein Vater war, aber wenn er an die stinkende Anatomie und die Schlachtbänke der Operationssäle dachte, die er doch hätte passieren müssen, wurde ihm physisch übel; Jurist wollte er auch nicht werden, die Händeleien vor dem Zivilrichter wollte er nicht übernehmen, noch viel weniger über Leben und Freiheit der Menschen verfügen. Auch zum Lehramt fühlte er sich nicht berufen, obwohl ihm das am meisten gelegen und er diesen schönen Beruf herzlich gern ausgeübt hätte. Aber er hatte in seiner Schule erlebt, dass gutmütige Lehrer meist von den Schülern misshandelt wurden und vor allen Dingen, dass sie nicht die gewünschten Erfolge erzielten. Die richtige Lehrerhand muss weich und warm sein, im Innern aber doch ein unzerbrechliches Stahlwerk haben. Diese Lehrerhand hatte er nicht; der Stahl fehlte, der zupackt, wenn es sein muss. Vielleicht war seine Jugend schuld, dieses immerwährende Alleinsein mit der trauernden Mutter. So war Philipp ratlos. Einem praktischen Berufe getraute er sich erst recht nicht zuzuwenden; er war völlig unpraktisch, es fehlte ihm aller Sinn für reale Erfordernisse und Hilfsmittel zu deren Erfüllung. Für handliche Betätigung war er nun schon gar nicht geschickt. Was sollte er nur tun? War er denn zu gar nichts nutze, war er nur ein lebensuntüchtiger Träumer? Da erinnerte er sich, dass er noch einen lebenden Verwandten habe, der in einer süddeutschen Stadt Goldschmied und Uhrmacher war. Der Verwandte war ein Neffe seines Vaters, also mit ihm Geschwisterkind.
Titus zog aus und fand seinen Bruder Timotheus. Er fand ihn in Verzweiflung. Der Mann, der wohl an die zwanzig Jahre älter war als Titus, aber die Fünfzig noch nicht erreicht hatte, war völlig ergraut. Er erzählte die Tragödie seines Lebens ganz kurz: Ein Weib hatte er genommen, obwohl er sich immer vor der Ehe gefürchtet hatte. Sie war fünfzehn Jahre jünger als er. Und sie war so ganz anders als er. Strebte er zu religiösen oder wissenschaftlichen oder künstlerischen Versammlungen, so ging ihr Sinn lediglich nach Tand, Spiel, Tanz, Kino, Reisen, Theater. Sie hat ihm zwei Kinder geboren; sie starben, kaum drei Jahre alt, an einem Tage. Damals, so bekannte Timotheus, sei er von seinem Gott abgefallen, hätte nicht mehr glauben mögen, dass die Welt von einem liebevollen Vater regiert werde, dass Weisheit und Gerechtigkeit die Menschheit beherrschen. Er habe nie wieder gebetet, kein frommes Lied mehr gesungen, sei nie wieder zu einem Gottesdienst gegangen; dagegen habe er mit Eifer alles gelesen, was die Weltordnung verachtete als böse, verpfuscht und grausam, viel mehr als die Schöpfung eines Dämonen denn als die eines Lichtgottes betrachtete. Da sei sein Damaskus gekommen. Eines Tages habe er an den beiden Kindergräbern gestanden und gesagt: „Nun weiss ich, warum ihr so früh sterben musstet; ihr solltet nicht erfahren, dass eure Mutter eine Dirne war!“
Als Titus bei Timotheus anlangte, war dieser gerade vor einer Woche von seiner Frau geschieden worden. — Und nun wusste auch Timotheus nicht, was er im Leben noch beginnen sollte. Zur Arbeit hatte er jede Lust verloren. Timotheus war Goldschmied und Uhrmacher gewesen. Er galt als berühmter Meister weit und breit und war ein wohlhabender Mann. Nun liess er die geschickten Hände müssig im Schosse ruhen.
Timotheus weinte vor Freude, als Titus in sein Zimmer trat. „Dich sendet Gott, du kommst als mein Erretter, bleibe bei mir immer, lasse mich nicht untergehen!“ Titus blieb dem Unglücklichen mit wortreichen Tröstungsversuchen fern. Er tröstete durch Stille, durch leises, vorsichtiges Ablenken von dem Schmerzhaften. Und dann kam er auf das beste Trost- und Ablenkungsmittel — auf den Kampf! Ein ganzes Jahr haben sie — Lutheraner und Calvinianer — einen Religionskampf geführt, hauptsächlich über die Prädestinationstheorie und über die Abendmahlslehre. Wenn Timotheus mit seinem heiligen Augustinus angerückt kam und anderem ganz schwerem Geschütz, dann geriet Titus in Lutherzorn, und der Kampf wurde zwar nicht so heftig, wie es in den Tagen des Mittelalters war, da die Menschen um nichts anderes rangen als um religiöse Überzeugungen, um die sie entsetzliche Kriege führten, sich im Namen des liebreichen Erlösers gegenseitig verfluchten und verbrannten, aber der Streit nahm doch manchmal auch Formen an, welche die sanfte Flamme der Zuneigung, die ihr einsames Leben erhellte, zu verlöschen drohten. Etwas Gutes hatten diese oft leidenschaftlichen Erörterungen: das Bild der ungetreuen Frau verblasste in der Seele des Timotheus als etwas Kleines und Verächtliches, für das Herz und Hirn anzustrengen, töricht war. Die Strassenecke, an der Timotheus die Frau zuletzt mit dem andern gesehen hatte, war für den Religionsstreiter nur noch ein ganz gleichgültiger, fast unwirklicher Ort, der in seinem Leben keine Rolle mehr spielte. Was aus ihr geworden war, würde er nie wissen, denn er würde nie danach fragen.
So blieben die beiden ein ganzes Jahr zusammen, mit nichts anderem beschäftigt, als mit dem Studium der verschiedensten Werke, die sie sich käuflich erwarben oder aus grossen Büchereien leihweise verschafften. Das Goldschmiedsgeschäft ging derweil zurück, denn der Meister liess sich in Werkstatt oder Laden kaum noch sehen.
Sie verlebten das Jahr in Weltabgeschiedenheit, und da sie kaum mit einem anderen Menschen sprachen, so verkapselten sich ihre Gedanken und Gefühle, und sie standen schon, als sie noch in der Stadt lebten, abseits ihrer Zeitgenossen. Mehr und mehr erfüllte sie Bewunderung für den Apostel Paulus. Timotheus sagte: „Christus war der Gründer der Kirche, Paulus der Organisator; Christus brachte das Gold des Glaubens aus der Schatzkammer seines himmlischen Vaters auf die Erde, Paulus schmiedete es zu königlichem Diadem und zu kostbaren Münzen.“ Anfangs, erst mehr als liebevolle Neckerei, nannten sie sich Titus und Timotheus, mehr und mehr aber wurde es ernst mit diesen Namen, die ihnen ehrwürdig und vorbildlich waren. Sie betrachteten mit Bewunderung die Lebensgeschichte dieser beiden, die aus Heidenland in den Sonnenbezirk des christlichen Heros kamen, ihn begleiten durften und in Heiligkeit starben, der eine auf Kreta, der andere in Ephesus.
Auch mit einigen profanen Büchern beschäftigten sich die Jünger. Eines Tages hatten sie die Lektüre des „Faust“ beendet. Sie hatten während der Lesung über dies und das aus dem Werke gesprochen, viel darüber nachgedacht. Nun fragte Timotheus: „Ist dieses Buch wert, dass man es liest?“ — „Nein,“ sagte Titus, „es fehlt ihm das ‚Unum necessarium‘, und damit fehlt ihm alles.“
Timotheus, der ohne sprachliche Bildung war, erkundigte sich, ob dieses Wort griechisch, hebräisch, arabisch oder aramäisch sei; das waren die Sprachen, die, hauptsächlich der Schrift wegen, Titus auch heute noch eifrig betrieb. „Es ist Latein,“ sagte Titus, „es stammt von dem grossen mährischen Pädagogen Commenius und heisst auf deutsch: ‚Das eine, was not tut‘.“ Und Titus sagte damals: „‚Das eine, was not tut,‘ ist, den Weg in den Himmel zu finden. Alles andere, was von diesem Wege ablenkt, ist unselig. Auch im ‚Faust‘ fehlt das ‚Unum necessarium‘. Die Heimat, die ewige, ist alles, die Erde ist nichts als auf öder Wüstenwanderung eine schmutzige Karawanserei. In dürrer Wüste der Gedanken und Gefühle, mit verlogenen Fata Morganen, mit brutschwülen Tagen und frostschauernden Nächten, mit ungeheuer viel Kamelgeschrei und elendem Fusel. Das blühende Eiland, dahin die Wanderung gehen soll, ist unermesslich weit. Wer nicht ganz stark bleibt, der erliegt; seine Gebeine bleichen in der Wüste, und die meisten der liegenbleibenden Knochen stammen von Menschen, die, vom Sonnenstich des eigenen Hochmuts betroffen, von dem zweihöckerigen Kamel ihres Weisheits- und Kunstdünkels in den Sand fielen.“
Damals hatte Timotheus die Hände aufgehoben und seinen Bruder beschworen, beim Predigerberuf zu bleiben. „Wer sollte predigen, wenn nicht du? Der Geist ist über dir, überhöre seine Stimme nicht! Du bist rein; du hast im Leben nie ein Weib berührt. Du hast dich, wie Johannes Baptist, enthalten aller berauschenden Getränke, du verschmähst sogar den Tabak, ohne den ich Schwacher nicht sein kann. Du hast mich seit einem Jahre lehren wollen, nicht das Fleisch ermordeter Tiere zu verzehren, sondern zu leben von den unschuldigen Produkten der Natur, die Gott uns schenkt und zur Speise bietet. Ich bin meinen angewohnten Schwachheiten bis jetzt unterlegen. Wer sollte Prediger und Führer einer Gemeinde sein, wenn nicht du?“
„Ich fühle mich zum Führer nicht berufen; ich bin nicht stark und still genug in mir selbst.“
Dabei blieb es, und dann kam der Plan, auszuwandern und abseits der Welt in Frieden die kurze Spanne Zeit zu verbringen, welche die Menschen so hochtönend und falsch „Leben“ nennen. So sagte Titus: „Lebt denn einer, der von Geburt an zum Tode verurteilt ist? Das Leben muss ewig sein, oder es ist kein Leben, sondern nur ein Scheindasein. Darin täusche sich niemand, glaube vor allen Dingen nicht an den Unsinn irgendwelcher ‚Unsterblichkeit‘ hier auf Erden, seien es Personen, Werke oder Ideen.“ —
Der Agent wurde gefunden, das alte Patrizierhaus des Timotheus durch einen Anwalt für gutes Geld verkauft und das Geld klug und vorsichtig angelegt. Timotheus war ein recht wohlhabender Mann.
Ehe sie auszogen, sagte Titus: „Nimm dein Handwerkzeug mit!“ — „Warum?“ — „Es könnte dir die Sehnsucht kommen nach deinem alten Berufe.“ Das bestritt Timotheus. Da sagte Titus: „Immer studieren kann man nicht; eine manuelle Tätigkeit ist für alle Geistesarbeiter gut. Der Garten wird uns nicht genug Beschäftigung geben, im Winter gar keine. Ich habe mich für deine Kunst immer interessiert, überhaupt für Kunstgewerbe; ich kann auch zeichnen und mancherlei entwerfen; möchtest du mich nicht als Lehrling annehmen, Timotheus?“ Auf diesen Plan ging der Meister mit Freuden ein. „Ich will dein Lehrmeister sein in der Goldschmiede- und Uhrmacherkunst, und du sollst mein Lehrer und Führer sein in allen geistigen Dingen, ausgenommen religiöse Unterweisung, die ich von einem Lutheraner nicht annehmen kann.“
So packten sie zu den wenigen Habseligkeiten, die sie mitzunehmen beschlossen hatten, die feinsten Handwerkszeuge des Meisters; alles andere, was zur Ausstattung einer vollständigen Werkstatt gehörte, wollte Timotheus aus der Hauptstadt kommen lassen, wenn er in Altenroda erst einen geeigneten Raum entdeckt hatte.
So wanderten sie fort. Sie hatten sich ihre Pilgerkleider nach eigenen Entwürfen nähen lassen und kümmerten sich nicht um die offenen Mäuler der Gaffer. Die Welt ging sie nichts mehr an. Als sie auf den Hügel kamen, über den die Landstrasse nach der Ferne führt, blieb Timotheus mit einem Ruck stehen. Titus betrachtete ihn stumm. Hinter ihnen lag die Stadt, in der Timotheus geboren war, in der er dreissig Jahre als Goldschmied und Uhrmacher gelebt hatte und ein hochgeachteter Bürger gewesen war. Nun lag diese Stadt hinter ihm für immer. Ein Gedanke flog zurück zu den Gräbern der Eltern, zu den kleinen Gräbern der Kinder; einem Gedanken an das böse Weib, das er geliebt und das ihn verraten hatte, wich Timotheus aus. Einige Sekunden stand er, an seinen Pilgerstock gelehnt, nach vorn geneigt da; zwei Tränen tropften in den Sand, es waren die einzigen, die Timotheus seiner Vergangenheit je nachgeweint hat. Dann sagte er: „Komm!“, und ohne sich umzuwenden, ging er den Berg hinab.
Nun waren sie in Altenroda, wo sie keine wahre Heimat, aber doch eine friedliche Behausung suchten. Titus auf seinem harten Lager konnte nicht schlafen. So armselig hatte er nie geruht; hatte er auch nie üppig gelebt, ein ordentliches Bett hatte er immer besessen, auch noch im Goldschmiedehause in der Stadt. Aber diese Armut war freiwillig. „Die Vögel haben ihre Nester, die Füchse haben ihre Gruben, der Menschensohn weiss nicht, wohin er sein Haupt legen soll.“ Es gab keinen anderen Weg der Nachfolge Christi als den der Armut und Demut. —
Drunten in der Stadt schlug eine Uhr zweimal. Schwarz war die Sommernacht, kein Ast am Baume rührte sich, manchmal nur flatterte ein Nachtschmetterling ans Fenster. Da hörte Titus seinen Bruder Timotheus leise singen. Also auch er schlief nicht; auch ihm war das harte Lager fremd, auch ihm scheuchte wohl die Vergangenheit den Schlummer. —
Da tönte ein Klagelaut schauerlich durch die Stille der Nacht. Kam er von einem Menschen oder von einem Tiere? Es war stöhnender Schmerz und flehende Bitte um Hilfe in diesem Rufe.
Titus erhob sich und kleidete sich notdürftig an. An der Haustüre traf er seinen Bruder Timotheus.
„Wer ruft da um Hilfe in der Nacht? Ich denke, es wird ein Hund sein!“
Ja, es war ein Hund. Vor der Gartenpforte lag ein brauner Jagdhund. Er winselte und stiess mit der Vorderpfote nach der Tür.
„Er will zu uns herein,“ sagte Timotheus, „ob er wohl toll ist?“
Statt aller Antwort öffnete Titus die Tür. Der Hund kroch auf dem Bauche in den Garten, immer mit dem Kopfe nach dem Erdboden zuckend, als ob er fürchtete, geschlagen zu werden.
„Er ist sehr verängstigt,“ sagte Timotheus, „sieh, wie er sich fürchtet!“
„An seinem Halsbande hängt der Teil eines zerrissenen Strickes. Und sieh, wie elend er aussieht und wie furchtsam er sich gebärdet.“
Timotheus leuchtete mit seiner Laterne den Rücken des Tieres ab, das leise winselnd vor ihm kauerte. Der Mond schien jetzt ein wenig, und so konnte Timotheus feststellen: „Er sieht ganz heruntergekommen aus und hat wohl vier oder fünf Wunden.“
Titus sagte erbittert: „Wahrscheinlich hat ihn sein roher Herr, der ihn anband, so furchtbar zugerichtet. Da hat der gemarterte Hund den Strick zerrissen und ist geflüchtet. Und nun ist er bei uns. Er scheint ganz verschmachtet zu sein.“
Titus beugte sich nieder und streichelte dem Tiere den Kopf. Da knurrte der Hund und schnappte nach oben.
„Er fürchtet sich, er glaubt, man könne sich ihm nur nähern, um ihn zu quälen. Es hat ihn wohl noch niemals jemand gestreichelt. Komm, armer Freund, wir werden dich füttern! Wir haben doch noch etwas, Timotheus?“
„Ja, es ist noch ein grosses Stück Wurst da und noch ziemlich viel Brot. Milch wäre am besten, aber wir haben keine. Nun, morgen gehen wir nach der Stadt, um einzukaufen. Ich werde unserem Nachtgaste zunächst eine kräftige Suppe bereiten.“
Sie standen in der Küche beim schwachen Schein der Laterne. Über einem Spirituskocher wurde Wasser erwärmt. Aus der Handreisetasche, die sie auf der Wanderung abwechselnd getragen hatten, nahm Timotheus von dem letzten Provianteinkauf ein Stück Brot, schnitt in eine grosse Schüssel viele Brocken, entnahm einem Töpfchen einen reichlichen Esslöffel Schmalz, fügte Salz bei und schnitt dann sieben Scheiben Zervelatwurst in die Suppe.
„So,“ sagte Timotheus befriedigt, „diese Suppe ist nicht schlecht, sie wird ihn aufrichten.“
Der Hund sah derweil all diesen Verrichtungen gierig zu, setzte sich auf die Hinterbeine und bettelte jaulend mit den Vorderpfoten. Timotheus ermahnte ihn zu standhafter Geduld, goss heisses Wasser in die Schüssel und reichte dem Hunde nicht eher das Mahl, bis er sich durch Eintauchen des Zeigefingers und Umrühren mittels dieses beliebten Küchenutensils überzeugt hatte, dass sich nun der Hund mit der Suppe nicht den Schlund verbrennen könne. Selten hat man einen Gast sein Nachtmahl mit so gediegenem Appetit verzehren sehen wie diesen Hund. Der Inhalt der grossen Schüssel war verschwunden, ehe man es für möglich gehalten hätte. Der Hund beleckte sich das Maul und sah fragend zu Timotheus auf.
„Noch mehr? Nein, mein Freund, für den Anfang genügt das! Du hast jetzt einen schwachen Magen und musst dich an kräftigere Kost erst gewöhnen. Auch könntest du leicht Alpdrücken und schlimme Träume bekommen. Komm, du gehst mit mir schlafen!“
Er löschte die Laterne aus, sagte: „Gute Nacht, Titus!“ und verschwand mit dem Hunde nach seiner Stube. Titus dachte: „Jetzt wird er eine der beiden Wolldecken, die er hat, dem Hunde opfern!“
Im Städtchen.
Am Morgen nach der ersten Nacht verfrühstückte der Hund die letzten Vorräte an Lebensmitteln. Titus und Timotheus begnügten sich jeder mit zwei Frühäpfeln und etwas Beerenobst.
Dann beschlossen sie, nach Altenroda aufzubrechen und die nötigsten Einkäufe zu besorgen.
„Was aber tun wir mit dem Hunde?“
„Wir nehmen ihn mit. Wir müssen uns polizeilich melden,“ sagte Timotheus, „es ist lästig, aber wir müssen es tun. Das Gebilde, das sich Staat nennt, ist nun einmal darauf aus, den Menschen Beschwerlichkeiten und Geldkosten zu bereiten. Wir werden den Hund als ‚zugelaufen‘ bald mit anmelden.“
Timotheus war Kommunist, freilich nicht von der Art der Leute, die sich heute Kommunisten nennen. Timotheus war Kommunist nach Art der ersten Christen. Er sagte: „Auch unser benedeiter Herr Jesus war Kommunist. Auch die Apostel, auch die ersten Christen waren Kommunisten. Aber sie haben nicht tobende Umzüge gemacht, nicht herumgeschossen, gelärmt, gelästert, geplündert, gemordet. Die sich jetzt Kommunisten nennen, sind keine; es sind die lebensgierigsten Egoisten, die es gibt — die selbst nicht dulden, aber andere peinigen wollen, niemals geben, aber immer nehmen, niemals glauben, sondern immer höhnen, stürmisch streben nach jeder Lust der Welt. Mögen sie, wenn sie ans Kreuz gebunden werden, ein gnädiges Urteil hören.“
Wenn Timotheus so sprach, sagte Titus: „Amen.“ Nun berieten sie über den Hund. Titus sagte:
„Ich wünschte, wir könnten ihn behalten. Hoffentlich fordert ihn sein Herr nicht zurück. Sieh, wie treuherzig, demütig und dankbar er uns anschaut! Alles für ein wenig Suppe und ein bisschen Freundlichkeit!“
„Wenn der Hund zurückgefordert wird, werde ich versuchen, ihn zu kaufen. Wie soll er heissen?“
Titus dachte einen Augenblick nach, dann sagte er:
„‚Amicus‘ soll er heissen, das heisst zu deutsch ‚Freund‘. Die Freunde aus der Hundewelt sind meist viel treuer als die Menschenfreunde.“
„Gut! — So wollen wir gehen! Komm, Amicus!“
„Jetzt,“ sagte Titus lächelnd, „müsste es ‚amice‘ heissen.“ Timotheus sah verwundert auf.
„Lass nur, lieber Bruder, ruf ihn nur ‚Amicus‘ was geht ihn und uns die Weisheit der Sextaner an?“ —
Sie stiegen den Berg hinab. Ganz nahe ihrem Besitztum begann prachtvoller Hochwald. Gemischter Wald, Laubund Nadelbäume durcheinander und eine üppige Flora, deren Blüten hier in der reinen Gebirgsluft von wundersamem Glanze waren. Die beiden atmeten tief und glücklich. „Gott hat es gut mit uns gemeint, als er uns hierher führte. Es ist wie ein Gelobtes Land.“
„Ja,“ sagte Titus und betrachtete mit tiefer Freude den herrlichen Wald. Leise rauschte der Morgenwind, Duftwogen umströmten die beiden, die Vögel jubilierten. — Timotheus aber seufzte.
„Lieber Bruder, ich muss, ehe wir nach der Stadt kommen, mich über wichtige Dinge mit dir aussprechen. Du stehst auf der Leiter der Tugend sehr hoch, ich sehr tief.“
„Schweig,“ sagte Titus unwillig.
„Es ist so,“ sagte Timotheus, „du bist frei von viel Unnützem, Törichtem, Gebrestigem, dem ich noch kraft- und willenlos unterworfen bin. Und weisst du, woher das kommt? Weil du nie mit einem Weibe zu tun gehabt hast, ich aber wohl. Das Weib zieht den Mann hinab, es macht ihn schwach und schlecht!“
„Wo willst du eigentlich hinaus?“ fragte Titus.
„Ich möchte dich fragen, ob du mich wohl sehr verachten würdest, wenn ich weiterhin Fleisch und Wurst ässe?“
„Nein, der Herr hat das Osterlamm gegessen. ‚Was zum Munde eingeht, ist keine Sünde‘, lehrt Luther.“
„Nun, auf das, was Luther gesagt hat, kann ich ja allerdings nichts geben, aber auch Calvin hat Fleisch gegessen, ich glaube am liebsten Hammelfleisch.“
„So iss!“
„Ja, aber jetzt kommt eine schwierigere Frage. Wir sind hierhergekommen, um zur Vollkommenheit zu streben; meinst du, dass diesem Streben etwas im Wege stünde, wenn ich meine Gewohnheit beibehielte, täglich ein Quantum Rotwein zu geniessen, mittags ein Glas und abends zwei Gläser? Siehe, Paulus schreibt an Timotheus: Trinke nicht nur Wasser, sondern auch etwas Wein deines Magens und deiner öfteren Unpässlichkeiten wegen.“‘
„So trinke! Auch der Herr hat Wein getrunken. Trinke! Aber gehe nicht alle zwei Tage nach der Stadt, dir eine Flasche zu holen. Das würden die Leute bemerken, und sie würden lästern. Bestell’ dir heute eine ganze Kiste Wein!“ „Eine ganze Kiste,“ sagte Timotheus erfreut, „das ist ein guter Vorschlag! Nein, mit der Einzelflasche, das könnte Anstoss erregen, während eine ganze Kiste kein Ärgernis aufkommen lässt. — Ja, aber noch eine Frage, lieber Bruder, wie ist das mit dem Tabak?“
„Nun,“ sagte Titus, „beim Tabak kannst du dich ja nicht auf Paulus und Calvin berufen. Die waren sicherlich Nichtraucher; denn damals war dieses Rauschgift noch unbekannt. Ich werde dir eine kleine Geschichte erzählen. Friedrich Wilhelm, der grosse Kurfürst von Brandenburg, hatte einen Leibmohren, der der neuen Sitte des Tabakrauchens fröhnte. Dieser Mohr lud eines Tages einen Bauern ein, zu rauchen. Aber der Bauer wehrte heftig ab und sagte: ‚Nee, gnädiger Herr Düwel ick frette keen Füer!“‘
„Also Teufelswerk — also Rauschgift! Ich darf nicht mehr rauchen?“
„Du darfst! Was nicht Sünde ist, das darf man! Die meisten Dichter, Gelehrten, Staatsmänner rauchen wie die Schlote. Sie haben eine sehr zwiespältige Ausrede dafür. Auf der einen Seite sagen sie, das Rauchen rege sie an, auf der anderen, das Rauchen beruhige ihre Nerven.“
„Mir beruhigt es die Nerven!“
„So rauche!“
„Nun, Titus, noch eine letzte Frage: Wie steht es mit dem Schnupfen?“
Titus sagte:
„Es war ein König — Fridericus Rex — ein Genie — der hat in seinem Leben zwar nicht ganz soviel Schnupftabak in seine Nase gesteckt, wie Sand in seinem Königreiche war, aber immerhin erstaunliche Mengen. Schnupfe, Timotheus, wenn es dir gut tut!“
„Es tut mir gut, Schnupfen ist das beste Mittel, sein Augenlicht lange zu erhalten. Die meisten Schnupfer lesen mit sechzig Jahren noch ohne Brille, beim Augenarzt trifft man sie selten oder nie. Ach, wie bist du klug und tolerant, lieber Bruder! Du hast mein Gewissen beruhigt und mich glücklich gemacht.“
So stiegen sie den schönen Sommerwald hinab, fröhlich und friedlich. Amicus, der Hund, hielt sich dicht an der Seite des Timotheus, für den er eine grosse Dankbarkeit hatte, weil er von ihm gefüttert und gestreichelt worden war.
Am Waldrands stand ein Mütterchen. Als sie die beiden gewahrte, kam sie rasch auf sie zu und sagte mit zittriger Stimme: „Ach, die heiligen Männer, die seit gestern hier sind! Ich habe mir wohl gedacht, dass sie herabkommen würden, da warte ich hier seit zwei Stunden.“
Sie wandte sich an Timotheus, den Älteren: „Ach, ich leide so Not; ich habe offene Beine. Helft mir, heiliger Vater!“ Timotheus schnob:
„Bleib mir nur mit dem heiligen Vater vom Leibe! Ich bin kein Wundertäter, sondern ein in Sünden und Schwächen verstrickter Mensch. Offene Beine hast du?“
„Ja, ich leide sehr Not.“
Timotheus zog eine dicke Brieftasche aus seinem Kittel, gab der Frau einen Zehnmarkschein und sagte:
„So, Mütterchen, gehe zum Arzt, Gott helfe dir!“ —
Sie gingen weiter.
„Das wäre noch schöner, wenn ich etwa hier als heiliger Vater ausgeschrien würde,“ knurrte der Calvinianer erbost.
Er wurde bald eines anderen belehrt.
Unten auf der Chaussee gingen zwei halbwüchsige Burschen hinter ihnen her. Sie unterhielten sich in dem bekannten, so ausserordentlich deutlichen Flüstertone.
„Der den Mord begangen hat, ist der Dicke. Aber er ist aus Brasilien, da dürfen sie ihm hier nichts tun, da steht er unter dem Völkerrecht.“
„Ja, und der Lange, der hat auch seine zehn Jahre Zuchthaus hinter sich. Feine Neulinge!“
Sie bogen in eine Seitengasse ein. —
„Hast du es gehört?“ fragte Timotheus. „Erst sollte ich ein heiliger Vater sein und jetzt bin ich ein Mörder aus Brasilien.“ Titus lächelte.
„Die Leute haben uns gestern abend beobachtet, und schon auf dem Heimwege waren viele Märchen über uns fertig. Das Volk dichtet schnell und kräftig.“ —
Aus einem Hause, an dem „Vorkosthandlung“ geschrieben stand, kam eine Frau eilig heraus und fragte, was es wohl kosten würde, sich von den Brüdern wahrsagen zu lassen. „Das kann dich deinen Kleiderrock kosten,“ sagte Timotheus, „sieh dir nur diesen Hund an; er ist sehr grimmig.“ Amicus aber spielte die ihm zugedachte Rolle schlecht; er sah die Frau freundlich an und wedelte mit dem Schwanze, denn aus dem Laden kamen für seine Hundenase ergötzliche Düfte. Die Frau aber wich vor dem Hunde erschrocken zurück und kreischte: „Eduard! Eduard!“ Ein starker Mann erschien in der Tür, und die Frau erklärte ihm japsend, der dicke Kerl da hätte sie belästigt, sie geduzt und gedroht, den bösen Hund auf sie zu hetzen.
„Komm weiter!“ mahnte Titus. Sie gingen rasch davon. Der Vorkosthändler lärmte hinter ihnen her, schrie etwas vom Knochenentzweischlagen und von Benachrichtigung der Polizei. —
„Das waren hässliche Begegnungen,“ sagte Timotheus. „Die meisten Menschen sind hässlich, was willst du anderes von ihnen verlangen als Hässliches?“
Sie kamen in die Stadt durch das Tor des mächtigen Schuldturmes, der so fest war, dass er selbst den Dreissigjährigen Krieg sowie die Ausbesserungsarbeiten städtischer Baumeister überdauert hatte. Und nun waren sie in der Stadt mit den winkligen Gassen, den Fachwerkhäusern, den grünen, buntbemalten Fensterläden, den Erkern und blumenbewachsenen Balkonen, Laubengängen und offenstehenden Geschäften. Bald war ein Trupp von Kindern hinter ihnen her. Zum Glück waren die berüchtigten Gymnasiasten dieser Stadt jetzt in der Schule, überhaupt alle grösseren Kinder, aber die kleinen, noch nicht schulpflichtigen, sammelten sich zu Scharen.
„Es sind zwei Nikolause!“ krähte ein Junge. „Zwei Nikolause!“ jubelte die ganze kleine Bande, klatschte in die Händchen und tanzte vor Vergnügen.
„Dicker Nikolaus, schenk’ mir was!“
„Langer Nikolaus, schenk mir was!“
Da schrie ein Mädchen, das fast sechs Jahre alt war:
„Es sind ja gar keine Nikoläuse, sie haben ja keine Bärte!“
„Nussknacker sind es!“
„Nussknacker, Nussknacker!“
„Oder es sind Kasperle!“
„Kasper! Kasper! Kasper!“
Das war das Richtige. Als aber ein besonders dreister Junge den Timotheus am Kittel zog, erhob Amicus ein wütendes Gebell, schnappte nach dem Jungen, der schreiend davonlief, und auch die andere Schar zerstob. —
Der erste Gang der Paulusjünger führte nach der Apotheke. Stattlich ragte das Haus auf dem Marktplatz über die Nachbargebäude empor, nur übertrumpft vom „Goldenen Löwen“, dessen Wappentier seinen gespaltenen Schweif hoch in die Luft reckte, und vom Rathause, das seinen Renaissanceturm mit dem überschnörkelten Rokokohause possierlich vereinigte.
Der dicke Apotheker stand stattlich in der Tür. Er tat, als schaue er nach dem Wetter, in Wirklichkeit hatte ihn die Neugierde vor die Tür getrieben.
„Bist du der Apotheker?“ fragte Timotheus den Stattlichen.
„Wieso du?“ fragte der Apotheker.
„Unsere Lebensauffassung gebietet uns, zu allen Menschen ‚du‘ zu sagen,“ versetzte Titus ganz milde. „Auch zu den allervornehmsten Menschen würden wir ‚du‘ sagen. So gestatte uns gütigst, auch zu dir ‚du‘ zu sagen, verehrter Herr Apotheker. Wir bitten dich, uns auch zu duzen.“
„Das nennt man eine schnelle Brüderschaft,“ lachte der Apotheker in einem abgrundtiefen Bass. „Meinetwegen,“ setzte er gemütlich hinzu, „mir verschlägt das nichts. Wollt ihr etwas von mir, ihr schnurrigen Gäste?“
„Herr Apotheker,“ sagte Timotheus, „wir bitten dich, wirf ein prüfendes, mitleidiges Auge auf diesen Hund. Er ist uns in der letzten Nacht zugelaufen, und er ist verwundet.“ Der Apotheker stieg die Treppe herab, besah den Hund und sagte:
„Das Tier ist furchtbar geschlagen worden, das sind lauter blutige Striemen. Ich werde Ihnen, entschuldigt, ‚Euch‘ Salbe geben. Es wird bald alles gut werden.“
Timotheus begleitete den Apotheker ins Haus und bekam die Salbe, und der Apotheker fragte, ob er sonst noch etwas geben solle. Timotheus wurde rot und sagte, ja, er brauche wohl noch etwas, aber es sei peinlich, es zu sagen.
„Beim Arzt und beim Apotheker braucht sich niemand zu genieren,“ sagte die Bassstimme.
Da brachte Timotheus heraus, der Hund sei verwahrlost und nicht insektenfrei.
„Flohseife!“ verordnete der Apotheker. „Mit heissem Wasser tüchtig abseifen, vorher aber die Striemen verharschen lassen.“
Dann begehrte Timotheus noch ein Stück Menschenseife; sie dürfe aber keineswegs parfümiert sein.
„Unparfümierte Seife führe ich nicht,“ sagte der Apotheker, „zweite Querstrasse rechts, drittes Haus, da gibt es Oranienburger Kernseife.“
Timotheus bedankte sich und ging. Sie machten nun ihre weiteren Einkäufe, immer von mehr oder weniger neugierigem Volke begleitet, kauften ein Handwägelchen und zwei Rucksäcke, versorgten sich mit Lebensmitteln, hauptsächlich mit Mehl. Timotheus kaufte seinen Tabak, Fleisch, Dauerwurst und einen geräucherten Schinken, blieb aber vor der Tür einer Weinhandlung unschlüssig stehen.
„Ich schäme mich, hineinzugehen.“
„So gib mir die Brieftasche!“ sagte Titus. „Ich werde den Wein für dich kaufen. Du trinkst immer roten Wein?“
„Ja, der ist für ältere Leute am besten. Burgunder! Die Flasche zu 5 bis 6 Mark, es muss guter, naturreiner Wein sein.“
„Gut,“ sagte Titus und verschwand in der Weinhandlung. Timotheus stand aufgeregt auf der Strasse und sah sich scheu um, ob die Leute auch nicht beobachteten, dass die Paulusjünger mit einem fragwürdigen Hause, wie es eine Weinhandlung nun einmal ist, in Verbindung ständen.
Titus trat in den Laden, der vor den Trinkstuben war. Der Weinhändler stürzte aus der Trinkstube in den Laden, scheuchte das Bedienungspersonal zur Seite, betrachtete Titus mit grösster Neugierde und fragte nach seinem Begehr.
„50 Flaschen Rotwein! Burgunder! Die Flasche 5 bis 6 Mark. Naturrein!“
„Wollen sich — wollen sich der Herr was aussuchen?“ fragte der verblüffte Weinhändler und überreichte Titus eine Preisliste. Die Liste zeigte als Titelblatt einen halbberauschten Bacchus, der von einer wenig bekleideten Trinkmaid mit Weinlaub bekränzt wurde. Titus legte die Liste schnell aus der Hand, mit der Bildseite nach unten. „Ich habe mit solchen Dingen nichts zu tun,“ sagte er errötend. „Empfehlen Sie mir einen guten, bekömmlichen Burgunder!“
„Da wäre Nummer 59,“ sagte der Händler geschmeidig. „Ausgezeichneter Burgunder! Prima Qualität! Rund, amtig. 1921er! Wachstum Lusche und Grünberg. Äusserst preiswert, Flasche 6 Mark. Günstige Zahlungsbedingungen!“
„Ich zahle sofort!“ sagte Titus.
Der Weinhändler erschrak geradezu. Ein Kunde, der beim Weinhändler sofort bezahlt, muss entweder ein Krösus sein, oder er ist nicht normal oder — er ist verdächtig. Dem Weinhändler war Titus verdächtig.
Der Kunde zog eine dicke Brieftasche. Der Händler überzeugte sich durch einen diskreten Blick von dem erstaunlich reichen Inhalt dieser Tasche. Titus legte drei Hundertmarkscheine auf den Tisch, die der Händler gierig an sich nahm.
„Einen Augenblick, mein Herr! Ich wechsele nur. Die Rechnung macht zwar 300 Mark, aber bei Barzahlung gibt meine Firma 2 Prozent Skonto. Einen Augenblick. Bitte, nehmen Sie einstweilen Platz!“
Der Weinhändler eilte nach der Trinkstube, wo der Apotheker als einziger Gast zu so früher Stunde schon seinen Schoppen trank, und erzählte das Abenteuer im Laden. „Mir haben sie eine Schachtel Borsalbe und ein Stück Flohseife abgekauft,“ sagte der Apotheker.
„Drei Hundertmarkscheine. Der Mann hat wenigstens für fünftausend Mark Scheine in seiner Tasche. Bitte, sieh die Scheine an. Sind sie echt?“
Der Apotheker nahm die Scheine, besah sie durchs Fensterlicht und sagte:
„Wer unterscheidet heute echt von unecht? Die Fälschungen werden immer frappierender. Ich will mal für dich schnell zur Bank hinübergehen, Direktor Peiper fragen.“ „Ich bitte dich, tue das; ich halte den verdächtigen Mann inzwischen auf. Ob man auch die Polizei benachrichtigt?“ „Nein, warte noch!“
Der Weinhändler schwatzte indes auf Titus ein, versprach bereits am Nachmittag die 50 Flaschen prompt nach oben zu liefern.
„Diskret!“ verlangte Titus.
„Ganz diskret!“ versicherte der Händler.
Indessen kam der Apotheker schnaufend zurück.
„Echt!“ sagte er und warf die Scheine auf den Tisch. — Nun ward auch dieses Geschäft abgeschlossen. Die Jünger zogen nach dem Rathause. Titus ging hinein, die Anmeldungen zu besorgen, Timotheus wartete vor dem Portal. Als Titus zurückkam, hörte er, wie Timotheus von der Rathaustreppe herab eine Ansprache an das zahlreich versammelte Volk hielt. „Paulus predigt von der Treppe der Akropolis!“ fiel Titus ein.
„Ihr spottet, dass wir unseren Hund den Wagen nicht ziehen lassen? Das wäre eine Grausamkeit! Der Hund ist kein Zugtier; seine Füsse und seine Brust sind dazu nicht geeignet. Es ist eine Sünde, einen Hund ziehen zu lassen!“ Gelächter.
„Eine noch viel grössere Sünde ist es, einen Hund an die Kette zu legen,“ rief Timotheus.
Gelächter. Zurufe: „Verrückt, verrückt!“
Timotheus, der einen starken Hang zum Predigertum hatte, ereiferte sich mehr und mehr.
„Ich habe durch einige Torwege eurer Stadt Hunde an der Kette liegen sehen. Das ist eine schwere Versündigung! Solche arme Tiere sind nicht zur Marter auf der Welt. Ihre Herren sind gefühllos, sie sehen nicht, wie die angefesselten Tiere mit den Augen um Freiheit betteln, hören nicht, wie sie jammern in ihrer Qual, wie sie oft in Sonnenglut ohne Wasser sind. Es kommt der Tag, und er ist nicht weit, wo alle diese Schinder selbst gefesselt sein werden an die finstersten Wände der Hölle, in entsetzlichstem Durst, und viel lauter heulen werden, als Hunde je geheult haben!“
„Er hält eine Predigt — eine Hundepredigt!“
Gelächter.
Nun trat Titus in Erscheinung. Er stellte sich neben Timotheus und rief:
„Die letzte Predigt wird Gott halten, und sein ‚Amen‘ wird für viele furchtbar sein, schrecklich für alle Tierquäler. Heute in hundert Jahren wird jeder von euch, auch der Allerjüngste, der Allervermessenste, wissen, dass mein Bruder Timotheus recht gehabt hat!“
Da wurde es etwas stiller. Nur einige lachten roh oder spöttisch.
„Kettenhunde müssen sein!“
„Nein, man kann sich einen treuen Wächter anders erziehen als durch Barbarei. Und nun gebt den Weg frei; wir müssen weiter!“
Kein Mensch rührte sich vom Platze. Zu sechs, ja zu zehn Gliedern stand der Halbkreis um die Rathaustreppe.
„Ich bitte euch, ihr Leute, lasst uns in Frieden ziehen!“ „Dableiben! Dableiben! Der Dicke soll noch eine Predigt halten, aber nicht über die Hunde.“
„Über die Mondkälber soll er predigen!“
Grosses Halloh.
„Über die Mondkälber und Heupferde soll er predigen!“ — Da stand plötzlich ein blondes Mädchen neben den Brüdern.
„Ah — Helga Hiller! Die will auch predigen. Lasst sie!“
„Die Tochter der ‚Antragsspritze‘. Sie wird einen Antrag stellen!“ schrie der Zigarrenmacher Jeschke.
„Nein!“ rief Helga mit klarer, kräftiger Stimme, als es stiller wurde, „einen Antrag werde ich nicht stellen. Die Wahrheit will ich euch sagen: Es ist niederträchtig, dass ihr zwei Männern, die erst gestern hier ankamen und die niemand etwas zu Leide getan haben, den Weg verlegt. Einen Antrag werde ich nicht stellen, aber etwas anderes werde ich tun; ich gehe jetzt ins Rathaus und rufe telephonisch die Polizeiwache.“
Fünf Glieder der Kettenbildung lösten sich augenblicklich auf. Jeschke aber rief:
„Hierbleiben! Durch ein Mädel, noch dazu durch die Tochter der ‚Antragspritze‘ lassen wir uns nicht vertreiben.“
Helga liess sich nicht beirren.
„Wisst ihr, Leute, was das ist, was ihr hier treibt? Das ist grosser Unfug, Zusammenrottung, Freiheitsberaubung! All das ist strafbar!“
Da lösten sich zwei weitere Ringe der Kette. Auf einmal drängte sich ein dicker, brutal aussehender Mann hervor und schrie:
„Halloh, was sehe ich? Die Kerle haben ja meinen Hund, meinen Nero!“
Er rief das Tier an; es kuschte sich winselnd, in höchster Angst vor seine Füsse. Der Mann zerrte das Tier auf die Treppe, gab ihm einen rohen Stoss.
„Wer weiss, dass das mein Hund ist?“
Drei oder vier Zeugen meldeten sich. „Es ist sein Hund!“
„Vor fünf Tagen ist er mir gestohlen worden. Vom Strick, an den er gebunden war, ist er losgeschnitten worden. Nun, Fräulein, rufen Sie die Polizei, die kann die Hundediebe gleich festnehmen.“
Titus hob die Hand:
„Der Hund ist uns halbverschmachtet in letzter Nacht zugelaufen.“
„Kann jeder behaupten! Gestohlen ist er!“
Tumult!
„Ich habe den Hund soeben im Rathause als zugelaufen gemeldet.“
Da wurde es stiller.
„Der Hund ist furchtbar zerschlagen, wie sich jedermann überzeugen kann. Da ist er geflohen.“
„Nun soll ich wohl gar ein Tierschinder sein? Bei mir haben es die Hunde gut!“ schrie der Brutale. Er beugte sich zu dem Hunde herunter, der stiess ein Angstgeheul aus, jagte die Rathaustreppe hinab zwischen den Leuten hindurch und war auf und davon.
Der Brutale tobte und fluchte. Da flüsterte ihm Timotheus einige Worte zu.
„Verkaufen? Ich verkaufe keine Hunde!“
„Aber für gutes Geld?“
„Wieviel gebt ihr, auch wenn sich der Hund nicht wiederfindet?“ lauerte der Rohling.
„Fünfzig Mark, auch wenn sich der Hund nicht wiederfindet.“
Der Brutale erschrak freudig, aber er liess es sich kaum merken.
„Wenn ihr hundert Mark zahlt, und zwar sofort, gehört Euch der Hund.“
Timotheus reichte ihm die gewünschte Note.
„Also, es ist hier vor Zeugen abgemacht! Ihr dürft das Geld nicht wieder verlangen, auch wenn der Hund verloren geht.“
„So ist es!“
Endlich waren sie frei. Es wurden böse Urteile über die Paulusjünger gefällt. Man hielt sie für Narren. Nur ein Narr konnte hundert Mark für einen Hund geben, der kein echtes Tier und noch dazu fortgelaufen war. — Einige Geschäftsleute nahmen sich im stillen vor, die weltunerfahrenen Männer bei Gelegenheit zu schröpfen. Einigen ist das nachträglich gut gelungen.
Nicht gelang zwei schlimmen Individuen ein Einbruch, den sie planten, als durch die Schwatzhaftigkeit des Weinhändlers der reiche Inhalt der Brieftasche des Timotheus bekannt wurde. Der Einbruch konnte nicht ausgeführt werden, denn die beiden Schurken kamen inzwischen anderer Straftaten wegen für lange Zeit ins Zuchthaus.
Helga Hiller sagte sich mit einer gewissen Bitterkeit, über die sie sich selber wunderte:
„Warum geben sie sich dem Gelächter preis? Um den Dicken wär’s ja nicht so sehr schade. Aber der Junge! Er ist gross, stark, bildschön, sicher auch klug. Warum spielt er den Narren?“ —
Die Paulusjünger gingen still nach Hause. Sie zogen ihr Wägelchen und sprachen wenig. „Aller Anfang ist schwer,“ sagte Titus. — „Wie Gott will!“ antwortete Timotheus. Vor der Tür lag Amicus; er wäre fast gestorben vor Freude, als er die beiden sah.
Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.