Kitabı oku: «Das Lächeln der Freiheit»

Yazı tipi:

Paul Linden

Das Lächeln der Freiheit

Über Selbststärkung und Körperbewusstsein Ein Leitfaden zur Traumabewältigung

Aus dem Englischen von Mathias Nelle


Copyright © 2006 by Paul Linden

Copyright © 2007 der deutschen Ausgabe: Arbor Verlag, Freiamt

Titel der amerikanischen Originalausgabe:

Winning is healing — Basics

Originally published in the United States by CCMS Publications Columbus, Ohio

Alle Rechte vorbehalten

E-Book 2017

Korrektorat: Dr. Richard Reschika

Gestaltung: Anke Brodersen

www.arbor-verlag.de

ISBN E-Book: 978-3-86781-190-3

eBook-Herstellung und Auslieferung:

Brockhaus Commission, Kornwestheim

www.brocom.de

Diese Buch widme ich den Missbrauchsüberlebenden, die ich unterrichtet und von denen ich so viel gelernt habe. Ich widme es all denen, die Schmerz erleiden, und jenen, die an der Heilung allen Seins arbeiten.

Inhalt


Vorbemerkung des Übersetzers
1Einleitung
2Kraft: Der weiche Kern
3Die Konzepte im Hintergrund
4Machtlosigkeit
5Lernen
6Körperbewusstsein
7Selbststärkung: Das Zentrum stabilisieren
8Selbststärkung: Liebe, Ausgedehntheit
9Selbststärkung: Arme, Beine, Gesicht
10In der Welt bestehen: Grenzen
11In der Welt bestehen: Selbstverteidigung
12Dem eigenen Körper folgen
13Die Heilung der Welt
Danksagung
Vorbehalt
Markenschutz
Trainings und Seminare

Vorbemerkung des Übersetzers

Mädchen und Jungen, Männer und Frauen können Opfer von Gewalt und Missbrauch werden. Das Gleiche gilt analog für die Täterseite. Im Englischen werden Substantive nicht geschlechtsspezifisch variiert. Perpetrator (Täter/in), victim (Opfer), survivor (Überlebende/r) sind neutrale Bezeichnungen und werden für Männer wie Frauen gleichermaßen verwandt. Paul Linden hat in einigen Fällen männliche und weibliche Personalpronomen nebeneinander gestellt, um diesem Sachverhalt Rechnung zu tragen und deutlich zu machen, dass es kein Opfer- oder Tätergeschlecht gibt. Ich habe lediglich aus Gründen der Lesbarkeit für die Übersetzung durchgehend die traditionelle, auf der maskulinen Substantivform basierende Schreibweise gewählt. Sie können beim Lesen und Durcharbeiten dieses Buches jede Rolle beliebig besetzen, ganz, wie es der Realität entspricht.

1Einleitung

Nancy wurde von ihrem Vater als Kind geschlagen und sexuell missbraucht. Ihr Psychotherapeut verwies sie an mich, weil sie etwas über Körperbewusstsein und Selbststärkung lernen sollte. Tatsächlich wurde sie nicht einfach an mich verwiesen, sie wurde gebracht. Ihr Therapeut begleitete sie zu unserer ersten Stunde, weil Nancy sich fürchtete, allein zu kommen.

In den gemeinsamen Stunden wirkte Nancy oft hart und angespannt. Ihr Kinn hob sich, sie nahm ihren Kopf nach hinten und zog ihn ein. Sie ballte die Fäuste, die Schultern wurden hart. Paradoxerweise ging diese Anspannung immer mit einem völligen Zusammenbruch Nancys einher. Ihr Körper verlor jegliche Kraft, sackte zusammen und sie trat innerlich weg.

Nachdem wir einige Male miteinander gearbeitet hatten, äußerte ich, auf mich wirke diese Verbindung von Verhärtung und Zusammmenbruch wie die Vorbereitung auf eine Niederlage. Sie verhärte sich, um sich unempfindlich gegen die Misshandlung zu machen und sich zu wehren, gleichzeitig wisse sie, dass dies aussichtslos sei. Ihr eigentliches Ziel sei, keine Regung zu zeigen, wenn sie wieder vergewaltigt werde. Nancy antwortete, genau so sei ihr Leben verlaufen.

Im Verlauf von sechs Monaten gemeinsamen Arbeitens half ich Nancy dabei, in ihrem gesamten Körper ein Gefühl von Bewusstheit, Stärke und Liebe zu schaffen, einen physischen Zustand innerer Weite und Freude.

Wir nutzten diesen Zustand als Ausgangspunkt, um ihre körperliche Empfindungslosigkeit und die seelischen Dissoziationen zu erforschen und allmählich aufzuheben. So war sie in der Lage, sich mit dem zu konfrontieren, was ihr angetan worden war. Und wir nutzten diese körperliche Wachheit als Lerngrundlage für Selbstverteidigungstechniken. Nancy lernte, präsent und fokussiert zu bleiben und zu SIEGEN, wenn ich die Rolle ihres Misshandlers spielte. Sie erlebte, dass Kraft liebevoll und lebensbejahend sein kann, und war aus dieser warmherzigen Stärke heraus fähig, ihren Körper und ihr Leben wieder in Besitz zu nehmen.

Gegen Ende unserer Zusammenarbeit betrat Nancy eines Tages strahlend die Praxis und ich fragte sie, was los sei. Als sie bei ihren Eltern zu Besuch war, hatte ihr Vater einen seiner Wutanfälle bekommen. Früher hatte er sie in solchen Situationen oft bis zur Bewusstlosigkeit gewürgt, um sie zum Schweigen zu bringen. Als er dies nun wieder versuchte, hörte Nancy nicht auf zu atmen und dissoziierte auch nicht. Automatisch atmete sie vielmehr tief durch und fiel in die von uns geübte Haltung von Balance, Stärke und Liebe. Sie wehrte den Griff ihres Vaters ab, wirbelte ihn herum, schleuderte ihn gegen die Wand und sagte laut und deutlich: „Das kannst du nie wieder mit mir machen!“ Dann ging sie. Das ist wahre Heilung: Nancy war mittels eigener Fähigkeiten, die sie als Erwachsene entwickelt hatte, in genau der Situation erfolgreich, in der sie als Kind überwältigt worden war.

Nancy reagierte auf den Angriff ihres Vaters nicht mit Anspannung, Angst und Schock, wodurch sie in der beschriebenen Situation wieder die Unterlegene gewesen wäre. Sie reagierte auch nicht mit Wut und Brutalität, was ihr zusätzlichen inneren Schmerz verursacht hätte, selbst wenn sie den Kampf mit ihrem Vater gewonnen hätte. Sie reagierte kraftvoll aus einer inneren Haltung der Liebe heraus. Das machte es ihr möglich, zu siegen, auf eine Art zu siegen, die für sie selbst heilend war.

Macht wird oft mit Gewalt assoziiert, und in einem Konflikt zu siegen gilt vielen als Synonym für Aggression. Dieses Buch führt über die verbreitete Auffassung von Macht als Gewalt hinaus. Erfahrbar wird, wie wichtig es ist, gleichermaßen spirituell und praktisch Macht und Liebe zusammenzuführen. Ein Sieg, der in warmherziger Stärke gründet, ist lebensbejahend und der einzige Ausweg aus dem Kreislauf von Schmerz, Angst, Wut und Gewalt.

Als Sie missbraucht wurden, erlebten Sie ihre Machtlosigkeit sehr tief, sehr eindringlich.* Beim Durcharbeiten dieses Buches werden Sie zunächst lernen, genau wahrzunehmen, was Sie selbst fortwährend mit und in Ihrem Körper tun, so dass Ihr Gefühl, machtlos zu sein, erhalten bleibt. Der nächste Schritt führt Sie an die Entfaltung eines somatischen, Leib und Seele umfassenden Zustands von Macht und Liebe heran. Sie lernen, wie ihre Fähigkeit zu Achtsamkeit, Stärke und Liebe zur Grundlage von Sicherheit, Freiheit und Freude in Ihrem Leben wird.

Winning is healing – im Siegen liegt Ihre Heilung!

Ihre Niederlagen haben Sie in die Falle geführt. Die Erfahrung des Siegens wird es Ihnen erlauben, Ihren Körper wieder selbst zu beanspruchen und Ihr Leben in die eigenen Hände zu nehmen. Zu siegen heißt zu leben, mit Stärke, Liebe und Freude in Körper und Geist. Dieses Buch zeigt Ihnen, wie Sie siegen werden.

In nuce

Die in diesem Buch vorgestellte Arbeit kann auf zwei Grundideen reduziert werden:

Menschen lernen als Folge eines Missbrauchs, dass sie macht- und wehrlos sind und sich nicht schützen können. Sie reagieren auf den Missbrauch durch die Verengung ihrer Achtsamkeit, ihres Atems und ihrer Körperhaltung und sie konservieren diese Selbsteinschränkung über den unmittelbaren Missbrauch hinaus.

Diese Selbstbeengung schafft eine sich selbst erfüllende Prophezeiung: Die Enge produziert Schwäche, die Schwäche führt zu erneuter Viktimisierung, die Wiederholung der Opfererfahrung verstärkt das Gefühl, machtlos zu sein, und macht daraus einen Dauerzustand.

Durch behutsames, bewusstes und systematisches Wiederholen können Missbrauchsüberlebende lernen, einen Zustand größerer Achtsamkeit, offenen Atmens, gut ausgerichteter Körperhaltung und freier Beweglichkeit herzustellen und zu nutzen. Diese somatische Befindlichkeit ist die Grundlage jeder Form effektiven und erfolgreichen Handelns und somit jeder effektiven Selbstverteidigung.

Die Neuzündung des jedem Menschen innewohnenden Vermögens, sich zu verteidigen, erlaubt es Missbrauchsüberlebenden, das Gefühl erlernter Machtlosigkeit durch einen Sinn für die eigene Wirkmächtigkeit und Freude zu ersetzen.

Das Verfahren der Selbststärkung ist einfach und logisch. Während eines Bewegungsexperiments setze ich einen Überlebenden einer gewissen Herausforderung aus und fordere ihn auf, auf seinen Körper zu achten und seine Reaktionen auf diese Herausforderung zu entdecken. Hier zeigen sich normalerweise einige Aspekte des Selbstbeengungsprozesses. Nun bringe ich meinem Klienten bei, wie er selbst einen neuen Körperzustand von Gleichgewicht, Freiheit, Liebe und Stärke herstellen kann. Danach setze ich ihn ein zweites Mal der gleichen Herausforderung aus und unterstütze ihn dabei, allmählich den veränderten Körperzustand als Handlungsgrundlage für seinen Umgang mit der Situation zu wählen. Im Allgemeinen erleben meine Klienten, dass sie sehr viel variantenreicher und wirkungsvoller auf Herausforderungen reagieren können, wenn sie dabei zentriert bleiben. Wir beginnen mit verhältnismäßig sanften, symbolischen Herausforderungen, gehen dann zur sprachlichen Darstellung des Missbrauchs über und enden mit einem Rollenspiel des tatsächlichen Missbrauchs. Am Ende dieser Sequenz sich steigernder Herausforderungen haben Missbrauchsüberlebende die praktische Fähigkeit entwickelt, zentriert zu bleiben, sich zu schützen und sich selbst zu respektieren.

Diese Methode der Traumaverarbeitung ist auf den Körper ausgerichtet. Missbrauch wird dem Körper zugefügt. Geschlagen oder vergewaltigt zu werden geschieht offensichtlich körperlich. Aber auch angeschrien oder belogen zu werden berührt den Körper. Der Missbrauch trifft den Körper, die Folgen des Missbrauchs erhalten sich im Körper und jede Überwindung eines Missbrauchs schließt körperliches Umlernen ein.

Der Körper ist wichtig, um sich selbst wahrzunehmen und zu fühlen. Alle Gefühlsbewegungen wie Angst, Wut, Dissoziation, Scham usw. sind Körperprozesse. Sie kommen am einfachsten mit Ihren Gefühlen in Kontakt, wenn Sie auf die Körperereignisse achten, die in Ihnen, oft außerhalb jeder bewussten Wahrnehmung, geschehen.

Der Körper ist ebenfalls wichtig, wenn Sie lernen wollen, Ihre Gefühle zu beherrschen. Indem Sie gewohnheitsmäßige, einschränkende Verhaltensweisen durch körperliche Freiheit und Balance ersetzen, können Sie die gewohnten Gefühle, die Sie mit dem Missbrauch verbinden, hinter sich lassen.

Offensichtlich brauchen Sie Ihren Körper, wenn Sie lernen wollen, kraft- und wirkungsvoll zu handeln. Sprechen oder Gehen sind körperliche Tätigkeiten, und je mehr Freiheit und Effizienz Sie in Ihrem Körper erleben, desto wirkungsvoller wird Ihr Handeln sein. Selbstschutz ist etwas sehr Körperliches. Sich vor Ohrfeigen oder Vergewaltigungen schützen zu lernen, muss körperliche Selbstverteidigung beinhalten. Wenn Sie für sich selbst eintreten und von anderen Respekt fordern, müssen Sie atmen und sich artikulieren – beides ist körperlich.

Ihre Worte werden Kraft haben, wenn Ihre Stimme offen ist und trägt.

Für wen ist dieses Buch geschrieben?

Dieses Buch ist für Missbrauchsüberlebende geschrieben und für Menschen, die mit Missbrauchsüberlebenden arbeiten. Es ist eine Einführung für all diejenigen, die wissen möchten, wie der Körper in den Genesungsprozess einbezogen werden kann. Es ist an diejenigen gerichtet, die die Selbststärkungsarbeit kennen lernen und die entscheidende Funktion der Selbstmächtigkeit im Prozess der Heilung von Missbrauchsüberlebenden verstehen wollen.

Dieses Buch ist eine Einführung, in der ich die für meinen Arbeitsansatz wesentlichen Themen relativ kurz abhandle.

Die längere Fassung dieses Buches, Winning is Healing, behandelt auf 420 Seiten detailliert und umfassend die Bedeutung von Körperbewusstsein und Selbststärkung in der Heilung von Missbrauchsüberlebenden. Winning is Healing ist ein Trainingshandbuch, das ich geschrieben habe, um Menschen überall auf der Welt die Möglichkeit zu geben, meine Methoden zu studieren und wirkungsvoll in der Arbeit mit Missbrauchsüberlebenden anzuwenden.

Ich habe diese einführende Fassung geschrieben, um einen lesbaren Überblick über das Thema zu geben. Täuschen Sie sich nicht: Dieses Buch ist experimentell und praktisch. Sie werden lernen, sehr sinnvolle Dinge zu tun. Aber dieses Buch ist auch dazu gedacht, schnell und einfach gelesen und genutzt zu werden. Es vermittelt Ihnen den Kern meiner Arbeit.

Wenn Sie Missbrauchsüberlebender sind, zielt das Buch direkt auf Ihre praktische Fähigkeiten und Ihr praktisches Verständnis. Sie werden Übungen machen, die Ihre (Selbst-) Wahrnehmungsfähigkeit steigern, erfahren, wie Sie Ihren Körper wieder selbst in Besitz nehmen und wie Sie Zugang zu Ihrer Kraft bekommen können. Sie werden üben, sich der Liebe zu öffnen, in Sicherheit Ihre eigene Wahrheit auszusprechen und den Missbrauch hinter sich zu lassen. Es ist möglich, diese Übungen allein oder in einer Gruppe von Betroffenen anzuwenden, mit oder ohne professionellem Therapeuten oder Bewegungslehrer.

Dieses Buch richtet sich vor allem an Erwachsene, die als Kind sexuell missbraucht wurden. Gleichwohl: Was Sie brauchen, um die Folgen von körperlicher Misshandlung oder Vernachlässigung in der Kindheit zu verarbeiten und zu überwinden, ähnelt sehr dem Prozess, den ich exemplarisch für die Verarbeitung sexuellen Missbrauchs vorstelle. Dies gilt auch für die Verarbeitung von Gewalterfahrungen Erwachsener, etwa von körperlichen Angriffen, häuslicher Gewalt oder Vergewaltigung. Autounfälle, Brände, Operationen, lebensbedrohliche Krankheiten: Viele Traumata haben keinerlei Verbindung zu Missbrauchssituationen, und doch lassen sich diverse Elemente des somatischen Heilungsprozesses anwenden. Das vorgestellte Material kann Ihnen sogar bei der Verarbeitung von Traumatisierungen helfen, die Sie geerbt haben. So habe ich mit den Kindern von Missbrauchs- und Holocaustüberlebenden gearbeitet, die durch ihre Eltern sehr tief verwurzelte Traumareaktionsmuster erlernt hatten, die sie überwinden mussten. Also, auch wenn Sie als Kind nicht sexuell oder überhaupt nicht selbst missbraucht wurden: Lesen Sie dieses Buch und suchen Sie sich das heraus, was sich auf Ihre besondere Situation anwenden lässt.

Geschrieben für Missbrauchsüberlebende ist dieses Buch auch für diejenigen nutzbringend, die mit Überlebenden arbeiten. Wenn Sie beruflich in diesem Feld tätig sind, finden Sie hier Techniken, um die Körperselbstwahrnehmung Ihrer Klienten zu fördern. Die gleichen Techniken, die die von Ihnen betreuten Missbrauchsüberlebenden stärken, werden Sie selbst dabei unterstützen, den Schmerz, den Ihre Klienten mitbringen, wahrzunehmen, ohne ihm anheimzufallen.

Wenn Sie psychotherapeutisch arbeiten, ist Ihnen die Missbrauchsthematik selbstverständlich vertraut. Der körperorientierte Ansatz dieses Buches wird Ihren therapeutischen Blick um eine machtvolle (selbst-) erzieherische Perspektive in der Arbeit mit Missbrauchsüberlebenden erweitern.

Körperarbeit, Massage, Tanztherapie, Kampfkunst, Yoga, viele Formen von Körpererziehung und Bewegungsschulung, die darauf zielen, Körper und Geist zu integrieren, können Missbrauchsüberlebenden in unterschiedlicher Hinsicht helfen, sich selbst und ihr Leben eigenständig zu bestimmen. Wenn Sie in einem dieser Bereiche professionell tätig sind, werden die Informationen und Techniken dieses Buches Ihr Verständnis für das, was Sie bereits tun, vertiefen und Ihren Werkzeugkasten um einige neue Hilfsmittel erweitern.

Wenn Sie das in diesem Buch präsentierte Material beruflich nutzen möchten, ist es sinnvoll, die einzelnen Übungen am eigenen Leibe zu erfahren und im Rahmen einer kollegialen Arbeitsgruppe auszuprobieren.

Übungen und Praxis

Das vorliegende Buch besteht größtenteils aus Achtsamkeitsexperimenten, die Ihr Körper- und Bewegungsbewusstsein betreffen. Sie werden experimentell lernen, d.h., die Übungen werden Sie vor gewisse Aufgaben stellen, und Sie werden die Gelegenheit bekommen, verschiedene Lösungsmöglichkeiten zu erkunden und anhand ihrer Vorteile zu bewerten.

Die meisten dieser Übungen sind kurz: Vier oder fünf Minuten genügen in der Regel. Indem Sie nur ein paar Minuten lang Ihre Aufmerksamkeit ununterbrochen Ihren Bewegungen zuwenden, werden sich sowohl Ihr Aufmerksamkeitsraum als auch Ihre Bewegungsfähigkeit überraschend erweitern und verfeinern.

Sie werden diese Übungen nur einmal machen. Es sind Experimente, mit denen Sie einen Gedanken oder eine Bewegung testen. So schärfen Sie Ihre Achtsamkeit für die Art und Weise, mit der Sie in Ihrem Körper sind und der Welt begegnen. Nach einem solchen Experiment werden Sie etwas Neues gefühlt und wahrgenommen haben, das nun Teil Ihres Achtsamkeitshorizonts geworden ist. Es ist nicht nötig, diese Experimente zu wiederholen. Andere Übungen habe ich mit Praxis überschrieben. Sie dienen nicht nur der Informationsvermittlung, sondern können wie Exerzitien regelmäßig angewandt werden, um neu entdeckte Fähigkeiten und wachsende Bewusstheit für den eigenen – inneren wie äußeren – Wahrnehmungsraum zu vertiefen und zu stabilisieren. Die einzelnen Übungen und Anleitungen zu regelmäßiger Praxis erscheinen im Folgenden als separate, aus dem fortlaufenden Text hervorgehobene Blöcke.

Für sich selbst sorgen

Ich empfehle Ihnen eine gewisse Vorsicht im Umgang mit diesem Buch. Unterziehen Sie sich den einzelnen Übungen nur so weit und so lange, wie es sich für Sie richtig anfühlt.

Missbrauchsüberlebende erschrecken oft, wenn sie ihre Achtsamkeit wieder dem eigenen Körper zuwenden. Einige Übungen können Erinnerungen an Ihre eigenen Missbrauchserfahrungen wecken. Sie werden, indem Sie mit diesem Buche arbeiten, eine Schärfung Ihrer Achtsamkeit und eine Zunahme Ihrer inneren und äußeren Stärke erfahren. Sie werden sich besser und sicherer fühlen. Gerade in der Anfangsphase ist es aber sehr wichtig, dass Sie sich selbst ernst nehmen, wenn Ihnen Übungen unangenehm sind. Respektieren Sie Ihre Gefühle und suchen Sie nach einer Möglichkeit, Übungen, bei denen Sie sich unwohl fühlen, so abzuändern, dass Sie Ihnen leichter fallen.

Wenn Sie sich als Überlebender an das Selbstexperiment machen, dieses Buch durchzuarbeiten, ist es wichtig, jedes Gefühl von Kraftlosigkeit, Ohnmacht und Kontrollverlust zu vermeiden. Deshalb gilt – wichtig: für jede Übung, die Sie machen! – eine Sicherheitsvereinbarung.

Diese Sicherheitsvereinbarung beinhaltet, dass Sie die Verantwortung für sich selbst übernehmen. Wenn Sie eine Übung abbrechen wollen, tun Sie dies unter allen Umständen. Wollen Sie eine Übung verlangsamen, tun Sie auch das. Sie brauchen nichts zu erklären. Teilen Sie dem Übungspartner Ihre Entscheidung mit und legen Sie gemeinsam vor Beginn des Experiments fest, dass dies immer respektiert und eine Übung Ihrem Wunsch entsprechend verlangsamt oder abgebrochen wird.

* Vielleicht wurden Sie nicht missbraucht, Sie lesen dieses Buch, weil Sie mit Missbrauchsüberlebenden arbeiten. Vieles in diesem Buch richtet sich direkt an Missbrauchsüberlebende, in anderen Passagen sind diejenigen angesprochen, die beruflich mit Missbrauchsüberlebenden arbeiten. Gleich welcher Gruppe Sie angehören, lesen Sie das ganze Buch und verwenden Sie das, was für Sie nützlich ist.

2Kraft

Der weiche Kern

Es erscheint logisch, bei der Untersuchung eines Traumas mit dem Verlauf und den Auswirkungen der Traumatisierung zu beginnen. Die Überwindung der Traumatisierung wäre dann der nächste Schritt. Ein solches Vorgehen ist möglicherweise logisch, sicher ist es nicht.

Um die eigene Machtlosigkeit sicher und produktiv untersuchen zu können, müssen Sie zuerst wenigstens ansatzweise Ihre eigene, wahre Stärke erlebt haben. Und um Einengung und Einschränkung als Ergebnis Ihres eigenen Verhaltens und Handelns zu verstehen, brauchen Sie die Erfahrung eigener Ausdehnung und Offenheit, um über ein Vergleichsgefühl zu verfügen.

Bevor ich damit beginne, mit meinen Klienten ihre gewohnheitsmäßigen Reaktionsmuster zu bearbeiten, verwenden wir erst einmal viel Zeit auf die Entwicklung und Pflege neuer Fähigkeiten, von Kraft und Liebe. Kraft und Liebe sind expansiv und symmetrisch, sie sind das Gegenteil und das Antidot von Kleinheit und Verbiegung. Wir werden deshalb die somatische Arbeit in diesem Buch mit einigen Übungen beginnen, die Ihnen eine Erfahrung Ihrer eigenen Kraft verschaffen.

Die Natur von Macht und Ohnmacht

Der Weg, auf dem die Gewohnheit der Selbsteinengung durchbrochen werden kann, besteht darin, Stärke* zu erlernen. Stärke und ein offenes Herz ändern alles. Einer Bedrohung dadurch zu begegnen, dass Sie in einer bestimmten Situation die Wahrheit über diese Situation aussprechen, Ihre Gefühle und Bedürfnisse artikulieren und NEIN sagen – das ist Stärke. Den Arm eines Angreifers zu brechen, wenn er Sie weiter bedrängt – das ist Sicherheit.

Machtlosigkeit bedeutet Einschränken der Atmung, Anspannen der Muskeln, Schrumpfen der Haltung. Machtlosigkeit beinhaltet Muster der Körperempfindung, Haltung und Bewegung, die verkleinernd und unregelmäßig sind. Diese Muster sind beengt oder kollabiert, schief oder verdreht. Der Zustand der Stärke hingegen ist ein Zustand der Ausdehnung und der Symmetrie.

Der souveräne, zentrierte Zustand ist offen, strahlend, kraftvoll, weich, stabil, fließend, massiv, leicht, balanciert und gleichmäßig. Dieser Zustand ist gleichermaßen physisch, emotional und spirituell. Körperliche Lernprozesse führen zur Erfassung der emotionalen und spirituellen Aspekte der Souveränität.

Macht ist die Fähigkeit, die eigene Umgebung so zu kontrollieren, dass die eigene Sicherheit gewährleistet ist und eigene Wünsche und Bedürfnisse gesichert sind. Macht beinhaltet die Elemente Zwang und Kontrolle. Souveränität hat mit körperlichen Qualitäten wie Solidität, Gewicht, Erdung, Entschlossenheit und Spannkraft zu tun. Diejenige Organisiertheit des Körpers, die physische Stärke hervorbringt, ist ebenso die Quelle emotionaler und personaler Stärke und damit des Vermögens, im Leben kraftvoll zu handeln.

Viele Menschen glauben, Macht sei etwas wesentlich Schlechtes. Wir alle haben schon einmal den Satz gehört: „Macht korrumpiert und absolute Macht korrumpiert absolut“. In Wahrheit sind der Missbrauch und die Rücksichtslosigkeit, die oft als Merkmale von Machtausübung gelten, lediglich ein Ausdruck von Angst und Schwäche. Echte Macht, echte Stärke ist nicht schlecht, sie ist liebevoll und nährend.

Es ist wichtig, dass die Stärke, die Sie aufbauen, eine Verbindung mit Ihrer Fähigkeit, zu lieben, eingeht. Macht ohne Liebe kann sich nur brutal äußern, Stärke, die in Liebe wurzelt, heilt. Wenn Sie brutal werden, verletzen Sie sich selbst. Missbrauchsüberlebende werden oft jede Form der Machtausübung ablehnen, weil sie Macht und Stärke nur in Verbindung mit Brutalität kennen gelernt haben und sich den Tätern nicht gleichmachen wollen. Es gibt aber eine warmherzige, liebevolle Stärke, die Grundlage jeder Humanität ist. Sie können – wenn Sie sich beispielsweise verteidigen müssen – jemandem respektvoll und mit offenem Herzen, sagen wir, den Arm brechen. Es wird in diesem Buch oft darum gehen, wie Sie Stärke und Liebe integrieren können.

Solange Sie schwach und machtlos bleiben, kann der Schmerz nicht verheilen. Was für Gefühle, welches Verhalten auch immer Ergebnis des Ihnen zugefügten Missbrauchs sind: Die Verhaltensweisen, die Sie entwickelt haben, waren für Sie der vermeintlich beste oder einzige Weg, um die Schmerzen zu ertragen und zu überleben. In der Empowerment-Arbeit lernen Sie, in sich einen zentrierten Zustand der Selbstmächtigkeit zu schaffen, aus dem heraus Sie anders handeln können, als es Ihre alten Gewohnheiten, Ihre Angst und Ihre Schwäche erlaubten.

Viele Überlebensstrategien sind in Wirklichkeit Ausdruck von Machtlosigkeit. Dissoziieren oder tagträumen, die eigenen Körperempfindungen nicht wahrnehmen, zu viel essen, rauchen, Alkohol trinken, zu viel üben oder trainieren, alle diese Verhaltensweisen können als Betäubungsmittel fungieren und dabei helfen, zu überleben. Diese Strategien sind ihrerseits schmerzhaft und zerstörerisch, obwohl die Missbrauchsfolgen damit effektiv unter Kontrolle gehalten werden können. Überlebende zahlen einen hohen Preis für ihre Wahl. Strategien, die funktionieren, aber wehtun, können Sie nicht aufgeben, solange Sie sich weiter machtlos machen. Sie werden dysfunktionale Bewältigungsmuster nur überwinden, wenn Sie durch neue Handlungsmöglichkeiten, die als Werkzeuge des Überlebens deutlich wirksamer und bequemer sind, ersetzt werden.

Es ist notwendig, die Bewältigung realer Missbrauchssituationen zu üben. Wenn Sie angebrüllt werden, müssen Sie lernen, weiterzuatmen. Sie müssen eine zentrierte Haltung bewahren und die Person, die Sie anbrüllt, auffordern, damit aufzuhören. Wenn Sie geschlagen werden, müssen Sie entspannt und wachsam bleiben, den Schlag abwehren und die Erfahrung machen, dass Sie einen Angreifer physisch kontrollieren können. Wenn Sie verlassen werden, müssen Sie Ihre persönliche Wahrheit formulieren und aussprechen. Sie müssen die für das Überwinden der Verlassenheit notwendigen praktischen Schritte unternehmen, neue Bindungen herstellen und etwas finden, das Sie nährt.

Lernen Sie, vollkommen bewusst, entspannt, wachsam und voller Liebe zu bleiben, und üben Sie, aus dieser inneren Verfassung heraus die Herausforderungen der Welt zu meistern. Diese Verbindung innerer Ganzheit und äußerer Meisterschaft wird auch alte, tiefe Wunden schließen und dauerhaft heilen.

Der Bauch

Beginnen Sie Ihren Weg, indem Sie Ihr Bewusstsein für das Zentrum Ihres Körpers entwickeln.

Entspannen Sie Ihren Bauch Experiment / Praxis

Stehen Sie für einen Moment auf und gehen Sie herum. Wie fühlt sich Ihr Bauch an? Ziehen Sie den Bauch ein? Viele Menschen spannen den Bauch an und ziehen ihn ein. Falls auch Sie das tun: Wie beeinflusst es Ihre Atmung? Wie geht es Ihnen mit Ihrem Bauch? Manche Menschen schämen sich für ihn und versuchen, ihn zu verstecken oder kleiner zu machen.

Um Ihre Achtsamkeit dafür zu schärfen, welche Haltung Sie im Zentrum Ihres Körpers einnehmen, spannen Sie gleichzeitig den Bauch, den Schließmuskel und die Genitalien an und gehen Sie wieder ein paar Schritte. Spannen Sie diese Muskeln wirklich fest an. Wie beeinflusst das Ihre Bewegungen? Nehmen Sie wahr, wie steif sich Beine, Hüften und unterer Rücken, wie anstrengend sich alle Bewegungen anfühlen. Nehmen Sie wahr, wie sehr Ihre Atmung eingeschränkt wird.

Nebenbei: Achten Sie, während Sie diese Übung machen, darauf, dass Ihre Kleidung bequem und locker sitzt. Andernfalls wird ein dauernder Druck auf Ihren Körper ausgeübt, auf den Ihre Muskeln unwillkürlich mit Anspannung und Widerstand reagieren. Egal, ob Sie diese Spannung wahrnehmen oder nicht: Es wird schwierig für Sie werden, Ihren Bauch zu entspannen. Nehmen Sie es als eine Grundregel, dass lockere, bequeme Kleidung sowohl zum Entspannen als auch bei den anderen in diesem Buch behandelten Themen hilfreich ist.

Bleiben Sie jetzt stehen. Spannen Sie Ihren Bauch an, entspannen Sie ihn wieder und wiederholen Sie dies einige Male. Beim Entspannen des Bauches lassen Sie ihn nach vorne fallen.

Versuchen Sie als Nächstes, Ihren Bauch loszulassen, ohne ihn vorher anzuspannen. Gan gleich, wie Sie Ihren Bauch normalerweise halten, lassen Sie ihn einfach weit werden und nach vorne plumpsen. Erlauben Sie Ihren Genitalien und Ihrem Schließmuskel bewusst, sich zu entspannen, während Ihr Bauch weich wird. Löst sich die Spannung, obwohl Sie den Bauch vorher nicht gezielt angespannt haben? Wie fühlt es sich an, wenn Sie den Bauch vollkommen loslassen?

Die meisten Menschen empfinden eine deutliche Entspannung, selbst wenn sie ihre Muskeln vorher nicht bewusst anspannen. Sie schließen daraus, dass sie sich unbewusst anspannen und das wahrscheinlich immer.

Versuchen Sie noch einmal, mit einem weichen Bauch herumzugehen. Was empfinden Sie? Die meisten Menschen spüren eine größere Leichtigkeit, flüssigere Bewegungen und deutlicheren Bodenkontakt beim Gehen. Und so sollte Gehen sein – nicht angespannt und beengt. (Gelegentlich fühlen sich besonders steife Menschen unwohl, wenn sie ihre Bauchmuskeln entspannen. Das liegt daran, dass ihre gesamte Haltung und der Rest des Körpers nicht ebenfalls entspannt sind, nachdem sie den Bauch losgelassen haben. Falls Sie ein derartiges Unwohlsein verspüren, geben Sie sich etwas Zeit. Wenn Sie die Übungen dieses Buches machen, werden Sie sich nach und nach deutlich besser fühlen.)

Hat man Ihnen irgendwann einmal gesagt, Sie sollten Ihren Bauch einziehen? Anatomisch ist das Unsinn. Allerdings scheint es sich bei diesem Unsinn um einen kulturellen Imperativ zu handeln. Wenn man den Bauch einzieht, ruft das körperliche und emotionale Anspannung und Beklemmung hervor, selbst wenn es einem ganz normal vorkommt und man so daran gewöhnt ist, dass man es nicht mehr wahrnimmt. Warum ermutigt man uns, etwas zu tun, das steif und schwach macht? Uns allen ist beigebracht worden, es sähe besser, hübscher, gefälliger aus, wenn wir den Bauch einziehen.

Denken Sie einmal kurz darüber nach. Wann ziehen wir natürlicherweise den Bauch ein? Wenn uns etwas erschreckt. Den Bauch anzuspannen und einzuziehen ist Teil einer Angstreaktion, des Schreckreflexes. Kommt es Ihnen nicht auch seltsam vor, dass wir alle fortwährend aufgefordert werden, in einer Haltung der Angst, des Erschreckens zu leben?

Wenn Sie Ihren Körper in einem Bereich anspannen, wird sich das immer auf die gesamte Physis unangenehm auswirken, aber die Bauchmuskeln und die Muskulatur des Beckenbodens mit Genitalien und Anus sind besonders wichtig. Sie sind der Kern des Körpers, das Zentrum von Bewegung und Balance. Sind diese Körperregionen chronisch angespannt, wird es unmöglich, sich zu entspannen und sich frei, stark und bequem zu bewegen.

Möglicherweise wird Ihnen gerade jetzt etwas seltsam zu Mute. Empfehle ich Ihnen tatsächlich, den Bauch entspannt zu lassen? Ja, in der Tat. Ich weiß, dass es vielen Menschen unangenehm ist, über ihren Körper oder ihre Gefühle zu reden. In unserer Kultur wird der (naturgegebene) Körper oft als „schlecht“ angesehen. Bauch zu haben ist schlecht. Jeder will flach sein, um ihn loszuwerden. Noch schlimmer wird es, wenn über das Becken, die Genitalien und die Schließmuskeln geredet wird, unsere „Scham“, es ist unhöflich, sie zu erwähnen.

Es ist in unserer Kultur nicht erwünscht, über den Kern des Körpers zu sprechen. Es ist nicht in Ordnung, einen natürlichen, runden, entspannten Bauch zu haben. Einziehen! Hochziehen!! Aber betrachten Sie einmal kleine Kinder. Deren Bäuche sind weich und frei, und das ist die anatomisch natürliche Seinsweise.

Für Missbrauchsüberlebende ist es ungleich schwieriger, über ihr Körperzentrum zu sprechen. Viele Überlebende eines sexuellen Missbrauchs haben die Erfahrung gemacht, dass in ihren Unterleib eingedrungen wurde, und sie erleben Sexualität und sexuelle Erregung als grenzverletzend und demütigend. Auch Überlebende eines nicht-sexuellen Missbrauchs verschließen oft den Kern ihres Körpers, um Angst und Wut zu unterdrücken. Sie vermeiden es, ihre Achtsamkeit auf einen Ort zu richten, an dem sich viele und starke Emotionen befinden könnten.

Mehr noch als darüber zu reden, vermeiden Missbrauchsüberlebende, ihr Becken zu fühlen. Zu viel Schmerz verbindet sich damit, der einfach nur verschwinden soll. Genitalien und Anus zu entspannen, das Becken zu öffnen und weit zu werden verbindet sich für sie mit dem Gefühl, unerträglich verletzlich und penetrierbar zu sein.

Und trotzdem, Bauch und Becken richtig zu nutzen ist für das Finden Ihrer Ganzheit und Stärke entscheidend. Sie können nicht ganz werden, solange Sie große Bereiche Ihres Körpers ausblenden. Wenn Ihnen das Sprechen über diese Körperregionen unangenehm ist, wird sich dieses gefühlsmäßige Unwohlsein direkt in körperliche Anspannung der Bauch- und Beckenmuskulatur übersetzen, was wiederum sofort Ihre Empfindungsfähigkeit, Bewegungsvermögen und somit Ihre Fähigkeit, einfühlend und kraftvoll zu handeln, beeinträchtigen wird. Das sind lediglich Grundlagen der Anatomie und Pflege des menschlichen Körpers. Wenn die Maschine gut laufen soll, müssen Sie dafür sorgen, dass alle Einstellungen stimmen.

Falls Ihnen die Übung Entspannen Sie Ihren Bauch unangenehm ist (oder diese Übung bei Ihnen zu Angst oder Tränen führt), geben Sie sich Zeit. Wir werden uns zunächst weiter mit der allgemeinen kulturellen Haltung zum Bauch beschäftigen und danach einige Übungen machen, die Ihnen neue Werkzeuge gegen Ihr Unwohlsein an die Hand geben werden.

Viele Menschen finden den Gedanken, ihren Bauch zu entspannen, völlig inakzeptabel. In unserer Kultur herrschen sehr genaue Vorstellungen davon, wie ein Körper zu gebrauchen ist und was jemanden gut aussehen lässt. Den Bauch zu entspannen gehört eindeutig zu den Dingen, die man nicht tut. Aber lassen Sie uns einen Blick auf einige Zeichnungen werfen. Es sind Darstellungen von Menschen aus verschiedenen Werbeanzeigen, die an unterschiedlichen Orten erschienen sind. Durch das Betrachten von Anzeigen lassen sich vorherrschende kulturelle Werte gut untersuchen. Die Darstellung des Körpers in der Werbung ist beispielhaft für unsere kulturellen Idealvorstellungen von Schönheit und Stärke. Ich vermute, dass Werbung langfristig sehr großen Einfluss auf die Entwicklung unserer Ideale hat. Werbung wirkt, wenn sie sich an unsere Werte und Vorstellungen ankoppeln kann, und sie stellt gleichzeitig die Rollenvorbilder zur Verfügung, die diese Vorstellungswelt formen.

Die erste Zeichnung stammt von einer Kekspackung, sie ist ein gutes Beispiel für unsere Auffassung vom Körper. Die meisten Teilnehmer meiner Workshops sind sich darin einig, dass die linke, „richtige“ Figur tatsächlich wesentlich besser aussieht als die „schlechte“ Figur rechts. Wenn ich dann aber nachfrage, welcher Mann besser einem Auto ausweichen könnte, das direkt auf ihn zufährt, wählen fast alle die „schlechte“ Figur. Man kann leicht erkennen, dass die rechte, so genannte schlechte Figur entspannter und balancierter ist und sich deshalb jederzeit frei bewegen kann. Wir haben aber gelernt, dass die angespannte, zusammengezogene, kopflastige, unbewegliche Figur gut ist.

Die Gleichsetzung von Anspannung mit Schönheit und Stärke ist auch in der zweiten Zeichnung zu sehen. Das Gesicht, die Hüfthaltung, der breitbeinige Stand sind deutlich angespannt. Der Anzeigentext lautet: „Nur für die coolsten Typen, tough new urban hardwear: alles, was du für eine selbstbewusste Haltung brauchst“. Die Sprache verstärkt die Gleichsetzung von Kraft und Spannung, indem „cool“ und „selbstbewusst“ als hart und in Härte gründend definiert werden. Ein Anflug von herausfordernder, wütender Sexualität spricht aus der Anzeige. Die Ironie daran ist, dass der angespannte und unbewegliche Stand des Mannes ihn gerade daran hindern würde, sich leicht und kraftvoll zu bewegen, falls er einen Angreifer abwehren oder fliehen müsste. Und gerade das Becken ist so angespannt, dass freie und angenehme Bewegungen kaum möglich sind.


Frauen haben ebenfalls stilisierte Formen, Anspannung herzustellen. Sehen Sie sich die nächste Zeichnung an. Der Werbetexter fragt: „Was macht einen Badeanzug sexy?“, und die in der Anzeige gegebene Antwort lautet: „Viele schöne Formen“. Was geht hier als schöne Form durch? Auf hohen Absätzen stehend, haben die Füße der Frau keinen Bodenkontakt. Ihre Knie, Hüften und der untere Rücken sind durchgedrückt und steif. Der linke Arm wird in einer unbeholfenen Haltung angespannt nach hinten gestreckt (versuchen Sie einmal, so zu stehen, und beobachten Sie, wie sich das anfühlt). Nacken und Gesicht stehen unter Spannung. Die Frau wirkt fest und rigide, es fehlt als Basis für Anmut und Kraft die Weichheit, die es ihr erlauben würde, sich elastisch und balanciert zu bewegen. Trotzdem halten viele Leute, denen ich dieses Bild zeige, diese Frau für schön. Vielleicht bin ich nicht normal, aber ich genieße den Anblick von Menschen, die sich frei, entspannt, kraftvoll und anmutig bewegen. Anspannung, Schwäche, Unbeholfenheit empfinde ich nicht im Geringsten als schön.

Viele Werbeanzeigen, auf denen Frauen zu sehen sind, setzen Schönheit und Kraft, ebenso wie bei Männern, mit Anspannung gleich. Es gibt aber noch eine zweite stereotype Pose, in der Frauen gezeigt werden. In Ermangelung einer besseren Formulierung nenne ich sie das Sexspielzeug. Frauen nehmen hier schwache, verdrehte Körperhaltungen ein und strahlen gleichzeitig Hilflosigkeit und Verführung aus. Und wirklich halten die meisten Menschen, denen ich dieses Bild zeige, die abgebildete Frau für attraktiv und verführerisch. Mein erster Gedanke beim Anblick dieser Anzeige war, dass diese Frau Rückenschmerzen haben muss. Beachten Sie, wie Kopf, Nacken, Rücken, Hüften und Beine Kurven beschreiben, die jede Unterstützung durch die natürliche Struktur des Körpers unterminieren. Kein Teil sitzt richtig auf dem anderen. Nichts gibt eine Grundlage für Stabilität oder Stärke.


Betrachten Sie als Vergleich dieses Bild meines Sohnes, er war ungefähr vier Jahre alt, als ich ihn fotografierte. Sie sehen ihn in einer für Kinder typischen Haltung. Das Foto entstand spontan, ohne Pose. Es zeigt das anatomisch normale Sitzen, das die meisten Erwachsenen verlernt haben. Beachten Sie, wie mühelos mein Sohn seinen Körper gerade hält. Statt sich beim Lesen über das Buch zu beugen, bewegt er den Kopf am Ende der Wirbelsäule und behält so eine effiziente Gewichtsunterstützung, während seine Augen nach unten gehen. Beachten Sie, dass seine Schultern entspannt und rund sind, seine Brust weich und sein Bauch gelöst ist – so ziemlich alles, was auf der Kekspackung als „schlecht proportioniert“ tituliert wurde, dabei ist es biegsam, anmutig, stark und balanciert.


Unsere Kultur führt uns Geformtheit als Ideal der Schönheit vor Augen, aber wenn Sie diesem Ideal unter die Haut sehen, stellen Sie fest, dass Geformtheit lediglich ein weiterer Name für Anspannung ist. Wenn Sie trainieren und sich körperlich in Form bringen, so ist das sicherlich gut für Sie und trägt dazu bei, dass Sie gut aussehen. Ihr Bauch und auch der Rest Ihres Körpers werden einen gesunden Muskeltonus entwickeln. Nur ist dieser gesunde Tonus etwas grundlegend anderes als eine künstlich angespannte Körperhaltung mit eingezogenem Bauch, die eben nicht gut ist für Sie.

Wenn Sie Ihren Bauch einziehen, bewirkt das im gesamten Körper Spannung und Schwäche. Bringen Sie diese Fixierung auf Angespanntheit mit, wenn es darum geht, Ihre Stärke und Ganzheit wiederherzustellen, werden Sie dauernd einen Schritt vor und zwei zurückgehen. Um ganz heil zu werden, müssen Sie zu fühlen bereit sein, wie Ihr Körper arbeitet, und das tun, was Sie tatsächlich entspannt und Ihnen angenehm ist.

Fast immer, wenn ich unterrichte, wie man den Bauch entspannen und loslassen kann, habe ich mit dem Vorurteil zu kämpfen, dass ein eingezogener Bauch besser aussieht. Menschen, die ihren Bauch hängen lassen, merken schnell selbst, dass sie besser atmen und sich bewegen können, aber selbst dann fühlen sie sich leicht zu fett, aufgeblasen und schlaff. Sie schämen sich, entspannt und balanciert in die Öffentlichkeit zu treten.

Die andere Frage, die mir immer im Zusammenhang mit Entspannung gestellt wird, ist die nach dem Verhältnis von Entspannung und Schlaffheit. Entspannung ist nicht einfach Schlaffheit, selbst wenn diese Meinung weit verbreitet ist. Für mich besteht Entspannung darin, nur die Anstrengung aufzuwenden, die zum Lösen einer Aufgabe tatsächlich notwendig ist.

Wenn Sie zum Anheben eines 25 kg schweren Gewichts so viel Kraft aufwenden, dass Sie damit ein doppelt so schweres Gewicht heben könnten, dann ist das angespannt und nicht entspannt. Entwickeln Sie nur einen Kraftaufwand für 25 kg, um ein 25 kg schweres Gewicht anzuheben, dann sind Sie so entspannt, wie Sie es unter den gegebenen Umständen bei der Lösung dieser Aufgabe nur sein können. Wenn Sie mit geschlossenen Augen in der Sonne liegen, den Vögeln lauschen, sich ausruhen und vor sich hinträumen – und ihre Muskeln so viel Spannung haben, als würden sie gerade zentnerschwer tragen –, dann ist das nicht entspannt: Es ist mehr Arbeit, als die Situation verlangt.

Viele Menschen achten nicht auf innere Prozesse, wenn sie anstreben, sich effizient, kraftvoll und graziös zu bewegen und zu handeln. Souveränität, nicht Schlaffheit, ist das Ziel des Entspannungstrainings, mit dem dieses Buch Sie vertraut macht.

Atmung

Ein entscheidender Bestandteil der Fähigkeit zu achtsamer Entspannung ist unsere Atmung. Atmen ist eine seltsame Tätigkeit. Normalerweise atmen wir unwillkürlich und automatisch, gleichwohl können wir unser Atmen verhältnismäßig leicht bewusst kontrollieren. Atmen ist, sowohl in Ruhephasen unseres Körpers als auch bei Kampf-oder-Flucht-Handlungen, existenziell. Wenn Sie während einer Kampf-oder-Flucht-Handlung so atmen, wie Sie es in einer Ruhephase ihres Organismus tun, können Sie in sich ein Gleichgewicht zwischen der Stabilität des Ruhezustands einerseits und der einer Notfallsituation angemessenen aufmerksamen Reaktionsbereitschaft andererseits herstellen. Ihr Geist und Ihr Körper können gleichzeitig entspannt und handlungsbereit sein, während Sie sich den Problemen stellen, mit denen Sie konfrontiert sind.

Sollten die bisherigen Erörterungen und die Übungen für Ihren Bauch und Ihr Becken Sie unruhig gemacht haben – entspannen Sie den Atem, das wird Ihnen helfen, die Unruhe gehen zu lassen. Nebenbei: Sie haben Ihren Bauch vor allem losgelassen, damit Sie Ihren Atem wirklich entspannen können.

Bewusst atmen Experiment

Ich bin mir ziemlich sicher, dass Sie atmen, während Sie das hier lesen. Aber nehmen Sie auch wahr, wie Sie atmen?

Welche Körperteile bewegen sich, während Sie einatmen? Spüren Sie eine Bewegung, wie groß oder klein auch immer, in Ihrem Brustkorb, Ihrem Bauch, Ihrem Nacken, Ihren Armen oder Beinen? Oder anderswo? Was ist mit ihrem Gesicht? Wo nehmen Sie die größte, wo die geringste Bewegung wahr?

Welche Körperteile bewegen sich, wenn Sie ausatmen?

Wie sind die Bewegungen des Ein- und des Ausatmens beschaffen – sind sie gleichmäßig, kontinuierlich, fließend?

Gibt es irgendwo eine Verlangsamung, ein Anhalten, einen Beginn oder Wiederbeginn in Ihrer Atmung? Gibt es einen Körperbereich oder einen Atemabschnitt, der sich entspannter oder angespannter anfühlt als andere?

Bevor Sie die folgenden Atem- und Entspannungsübungen erlernen, müssen Sie sich mit einigen Fakten darüber vertraut machen, wie Atmen tatsächlich funktioniert. Die erste dieser Tatsachen ist, dass nicht die Lungen die Atembewegung ausführen. Ihre Lungen sind zwei passive Beutel, die den Kontakt zwischen Blut und Luft erlauben, so dass Sie Sauerstoff aufnehmen und Kohlendioxyd abgeben können.


Wenn es also nicht die Lungen sind, die die Atembewegung ausführen, wer dann? Stellen Sie sich vor, Sie trennen den Boden einer Plastikflasche ab und ersetzen ihn durch einen Luftballon, den Sie durch ein Klebeband an der Flasche befestigen. Wenn Sie jetzt den Luftballon nach unten ziehen, wird Luft durch den Flaschenhals in das Innere der Flasche gesogen. Lassen Sie den Luftballon nun wieder los. Der Ballon zieht sich zusammen und die eingesogene Luft schießt wieder aus der Flasche heraus.

So funktioniert die Atmung: Es gibt an der unteren Grenze des Brustkorbs einen gewölbten Muskel, das Zwerchfell, der sich weitgehend so verhält, wie der auf die Flasche gespannte Ballon. Ein entspanntes Zwerchfell ist nach oben gewölbt. Wenn es sich anspannt, wird es fest, flach und drückt nach unten, ähnlich dem nach unten gezogenen Ballon. Es ist diese Bewegung des Zwerchfells, durch die Luft in unsere Lungen gesogen wird.

Entscheidend ist jetzt, dass sich unterhalb des Zwerchfells alle möglichen Weichteile – Magen, Därme und dergleichen – befinden, die irgendwo hin müssen, wenn das Zwerchfell nach unten drückt. Menschliches Gewebe ist nicht besonders komprimierbar, es lässt sich nicht beliebig zusammendrücken. Weder nach oben noch unten ist Platz zum Ausweichen: oben das Zwerchfell, unten das Becken und das Geflecht von Muskeln, die den Beckenboden bilden.

Haben Sie jemals gesehen, wie ein Baby atmet? Was passiert mit dem Bauch eines Babys, wenn es einatmet? Er dehnt sich aus. Wenn das Zwerchfell nach unten drückt, wird alles, was sich unterhalb befindet, nach außen verlagert, vorwiegend nach vorne, wo die Bauchmuskeln diese Bewegungsrichtung erlauben, aber auch zu den Seiten hin und nach hinten, wo der Brustkorb diese Ausdehnung ebenfalls in kleinerem Ausmaß zulässt. So atmen Säuglinge. Es entspricht auch unserer natürlichen Anatomie, so zu atmen, nur: Die meisten Erwachsenen atmen anders.

Steh gerade! Schultern zurück! Zieh den Bauch ein! Man bringt uns bei, falsch zu atmen! Wann zieht ein Mensch natürlicherweise die Schultern nach hinten und den Bauch ein, während er gleichzeitig den Brustkorb anhebt und einatmet? Wenn er erschrocken und verängstigt ist. Die westliche Welt hat die Angst-Schreck-Reaktion zum Haltungsideal erhoben und konserviert sie als kollektive Idee des richtigen Atmens.

Ich frage mich, ob das mit der Häufigkeit des Kindesmissbrauchs in unserer Gesellschaft zusammenhängt. Sehr zurückhaltende Schätzungen gehen davon aus, dass 25% unserer Kinder Opfer emotionalen oder körperlichen (sexuellen) Missbrauchs werden bzw. unter Vernachlässigung leiden oder in Armut leben. Es gibt andere Schätzungen, denen zufolge 50% der Mädchen und 30% der Jungen sexuell missbraucht werden, nicht gerechnet die geschlagenen und vernachlässigten Kinder, aber seien wir konservativ, gehen wir von insgesamt einem Viertel Geschädigter aus. Eine Menge! Und es gibt viele Erwachsene, die in sich – wissentlich oder nicht – den Schmerz und die Angst fühlen, Täter zu sein.

Die Angst-Schreck-Reaktion ist die Antwort des Körpers auf Angst und Schmerz. Menschen, die missbraucht werden, und Menschen, die andere missbrauchen, bleiben im Moment des Missbrauchs stecken. Mit anderen Worten: Ihre Körper konservieren den Zustand der Angst-Schreck-Reaktion, bis sie Heilung erfahren.

Vielleicht halten wir die Angst-Schreck-Reaktion schon für normal oder sogar erstrebenswert, weil um uns herum jeder diesen Ausdruck und diese Haltung einzunehmen scheint. Es sieht eben richtig aus…

Jetzt wissen Sie, warum wir damit begonnen haben, Ihre Aufmerksamkeit auf die Entspannung Ihres Bauches zu richten: Dieser Anfang ist wichtig, um die Spannung im gesamten Körper zu verringern und den Boden für die nachfolgende Übung zu bereiten.

Weich atmen Praxis

Stehen Sie auf. Legen Sie sich die Hände auf den Bauch und nehmen Sie wahr, ob Sie Ihren Bauch beim Einatmen einziehen oder ausdehnen. Legen Sie dann ihre Hände auf Ihren unteren Rücken und auf den Brustkorb. Dehnen sich diese Bereiche aus, wenn Sie einatmen?

Entspannen Sie Ihren Bauch. Lassen Sie ihn entspannt, während Sie einatmen. Erlauben Sie der Luft, während des Einatmens sanft nach unten in den Bauch zu fallen und lassen Sie ihrem Bauch sich ausdehnen. (Selbstverständlich bleibt die Luft in den Lungen, aber dieses Bild wird Sie beim Spühren der Bewegung bis hinunter in den Bauch unterstützen.) Beim Atmen sollte der Fokus Ihrer Achtsamkeit auf den Bauch gerichtet sein, aber Sie sollten beim Einatmen auch Brustkorb und Rücken sich sanft ausdehnen lassen.

Wenn Sie während des Einatmens den Bauch einziehen, verhärten Sie Brustkorb, Bauch und Rücken und erzeugen so eine erhöhte Anspannung des gesamten Körpers. Sollten Sie daran gewöhnt sein, beim Einatmen den Bauch einzuziehen, wird sich ein entspannteres Atmen für Sie zunächst etwas seltsam anfühlen. Vielleicht machen Sie sogar die merkwürdige Erfahrung, dass sich das entspanntere Atmen mit dem Bauch zwar physiologisch richtig anfühlt, es Ihnen aber der ungewohnten Empfindung wegen geradezu unangenehm ist, bequemer und weniger angespannt zu atmen.

Falls Sie Schwierigkeiten haben, beim Einatmen mit dem Bauch nachzugeben, können Sie anfangs Ihren Bauch bei jedem Einatmen bewusst nach außen drücken. Auf diese Weise gewöhnen Sie sich an den veränderten Bewegungsrhythmus. Nach einer Weile werden Sie diese zusätzliche Anstrengung nicht mehr brauchen.

Manchen Menschen bereitet beides Schwierigkeiten: herauszufinden, wie sie ihren Bauch ausdehnen und wie sie ihn nach außen drücken können. Um das zu ändern, legen Sie sich auf den Boden, ein Kissen unter dem Kopf, ein weiteres unter ihren Knien. Legen Sie sich jetzt einen faustgroßen Stein (oder einen ähnlichen Gegenstand) unterhalb des Nabels auf den Bauch und konzentrieren Sie sich darauf, den Stein durch Ihr Einatmen anzuheben. Manchmal ist es hilfreich, den Stein erst mit dem Bauch hoch zu drücken und den Bauch dann herausgedrückt zu lassen, während Sie einatmen. Das kann zunächst anstrengen, aber nach und nach werden Sie eine Möglichkeit finden, Ihren Bauch mit Leichtigkeit auszudehnen.

Gehen Sie jetzt ein paar Schritte und atmen Sie dabei aus dem Bauch heraus. Wie fühlt sich diese Bewegung an?


Bauchatmung


Brustatmung

Atmen und sich ausdehnen ist – richtig praktiziert – sehr entspannend. Das Atmen kann wie eine sanfte, innere Massage wirken und, wenn Sie es zulassen, sehr angenehm sein. Die meisten Menschen, die anfangen, mit entspanntem Becken und weichem Atem zu gehen und sich zu bewegen, empfinden ihre Bewegungen als leichter, balancierter, graziöser, koordinierter und erdverbundener als zuvor.

Ziel dieses Kapitels war es, Ihnen erste Erfahrungen zu ermöglichen, wie Sie Ihre eigenen Körperprozesse dazu nutzen können, sich selbst zu verändern. Sie haben mit einem Zustand von Souveränität und Ganzheit Bekanntschaft geschlossen, der Ihnen ermöglichen wird, auf dem Weg der Heilung Ihres Missbrauchs voranzuschreiten. Im Laufe des Buches wird es darum gehen, Sie mit weiteren Elementen von Bewusstheit, Souveränität, Liebe und Sicherheit vertraut zu machen und in deren Anwendung zu ermutigen.

Sie können es schaffen. Sie können bisher für unmöglich gehaltene Veränderungen bewirken. Die einfachen Übungen, die Sie bis jetzt gemacht haben, sind der Anfang der Meisterschaft.

* Anm. d. Übersetzers: Paul Linden verwendet das amerikanische Wort „power“, das ich kontextabhängig von Fall zu Fall als Macht, Stärke oder Kraft übersetzt habe. Das amerikanische Wort „Empowerment“ wurde hier zuweilen auch als „Souveränität“ übersetzt, im Sinne von Eigenständigkeit, Selbstständigkeit und eigener Handlungsmacht.

3Die Konzepte im Hintergrund

Zum besseren Verständnis dessen, was wir in diesem Buch gemeinsam tun wollen, werde ich Ihnen in diesem Kapitel einige Hintergrundinformationen über die Grundlagen meiner Arbeit geben. Je mehr Sie den von uns genutzten Lehr- und Lernprozess verstehen, desto schnellere und profundere Fortschritte werden Sie persönlich machen.

Being in Movement® Mindbody Training

Ich bin Körpererzieher und Kampfkunstlehrer. Seit fast 40 Jahren übe und unterrichte ich Körperwahrnehmung und Bewegung als Weg zum Verständnis des eigenen Selbst, zu Harmonie und Effizienz. Ich habe ein systematisches Körperbewusstseinstraining entwickelt, das ich Being in Movement (BIM) nenne – in Bewegung sein – und das die Basis meines Ansatzes in der Arbeit mit Missbrauchsverarbeitung bildet.

BIM ist ein Erziehungsprozess, in dem damit gearbeitet wird, wie Struktur und Funktion des Körpers das Selbstgefühl formen und wie sie ihrerseits durch dieses Selbstgefühl geformt werden. BIM untersucht das Selbst in der Welt, indem das Zusammenwirken von Muskelstrukturen und -funktionen, von Gedanken, Gefühlen und Glaubenssätzen, von Strategien der Problemlösung und von ethischem Verhalten individuell untersucht wird.

BIM betrachtet den Körper einerseits als ein mechanisches Objekt, das durch die Gesetze der Physik und Biologie bestimmt wird. Gleichzeitig ist die Physis als subjektiver Prozess anzusehen, anhand dessen Sie sich selbst so wahrzunehmen lernen, dass Sie dauerhaft ein ganzheitliches körper-seelisches Selbstgefühl entwickeln, aus dem heraus Sie effektiv handeln können. Strukturell betrachtet ist in diesem Zustand das Muskel- und Skelettsystem balanciert, schmerz- und stressfrei. Funktional gesehen erlaubt dies stabile, variantenreiche und ausgeglichene Bewegungen. Im Hinblick auf Handlungsabsicht und Energiehaushalt befähigt uns dieser Zustand strahlender Präsenz, symmetrischer, expansiver Willenskraft und selbstbewusster Achtsamkeit, fest verankert im eigenen Selbst hinaus in die Welt zu gehen. Psychologisch oder spirituell gesprochen ist das Ziel die Integration von Macht und Liebe.*

Was Sie bei der Ausführung der Übungen beachten sollten

Körperbewusstseinstraining kann, abgesehen von seiner stärkenden und aufmunternden Wirkung, harte Arbeit sein. Insofern ist es eventuell hilfreich, sich therapeutischer Unterstützung bei der Verarbeitung der starken Gefühle zu versichern, die durch die Körperübungen ausgelöst werden können.

Probieren Sie aus, welches Tempo bei der Durchführung der Übungen für Sie angenehm ist. Vielleicht sind es ein oder zwei Übungen am Tag, vielleicht ist es nur eine und Sie geben sich einige Tage Zeit, das Erlebte zu verdauen und in Ihren Alltag zu integrieren, bevor Sie zu einer neuen Übung übergehen. Oder Sie verspüren den Wunsch, möglichst schnell voranzukommen, und wollen gleich mehrere Übungen auf einmal machen. Wichtig ist: Gehen Sie auf jeden Fall so langsam vor, dass Sie durch das, was Sie erleben, nicht überschwemmt und überwältigt werden. Das ist eine echte Herausforderung. Sie müssen notwendigerweise mit Ihrem Schmerz in Berührung kommen, um ihn loszuwerden. Aber es wird Ihnen nicht helfen, wenn Sie sich von diesem Schmerz überwältigen lassen. Also, wie viel ist zu viel? Letztlich werden nur Sie das entscheiden können, durch Versuch und Irrtum. Meine Philosophie lautet hier: Seien Sie behutsam, gehen Sie langsam voran.

Wenn wir persönlich miteinander arbeiten würden, könnte ich Ihren Prozess begleiten und an der richtigen Stelle die richtige Übung für Sie herausfinden. Wenn Sie allein durch diese Übungen gehen, ist es wichtig, dass Sie sich nicht unter Druck setzen. Sie haben genug Zeit. Es ist besser für Sie, übertrieben langsam vorzugehen, als dass Sie sich zu viel zumuten und sich erschöpfen.

Dieses Buch ist logisch fortschreitend aufgebaut. Die Übungen sind so konzipiert und angeordnet, dass Sie in einen allmählich sich steigernden Prozess der Selbststärkung geführt werden. Durch die einfacheren Übungen, mit denen Sie beginnen, werden Sie gestärkt und auf spätere schwierigere Aufgaben vorbereitet. Da die einzelnen Übungen und Kapitel aufeinander aufbauen, wird es für Sie am hilfreichsten sein, wenn Sie das in diesem Buch vorgestellte Material der Reihe nach abarbeiten. Sollte aber irgend etwas für Sie nicht passen, überspringen Sie den Abschnitt und holen Sie ihn zu einem späteren Zeitpunkt nach.

Eine Warnung noch: Wenn Sie das Buch durchblättern und hier und da etwas lesen oder ausprobieren, kann Sie das verwirren. Sie könnten sowohl meine Absicht als auch den tatsächlichen Gehalt einer Übung verfehlen, wenn Sie spätere Teile des Buches zu verstehen versuchen, ohne die Grundlagen zu kennen. Mehr noch: Sollten Sie versuchen, weiter hinten im Buch enthaltene Anweisungen auszuprobieren, ohne vorher über aus den grundlegenden Übungen resultierende Ressourcen zu verfügen, werden Sie vielleicht auf das, was Sie erleben, nicht ausreichend vorbereitet sein. Verschiedene Übungen in unterschiedlichen Sequenzen durchzugehen und wieder zu erleben, nachdem Sie das Buch einmal durchgearbeitet haben, kann hingegen sehr fruchtbar sein.

Viele Übungen erfordern einen Partner. Es kann sinnvoll sein, diese Übungen in einer kleinen, sich regelmäßig treffenden Gruppe zu erforschen. Sie könnten abwechselnd die Anweisungen vorlesen und die Übungen anleiten. Eine stabile Übungsgruppe bietet meist eine schützende Struktur und motiviert die Teilnehmer. Sehr unterstützend wirkt es oft auch, wenn Sie vertraute Personen haben, mit denen Sie sprechen können, wenn Sie an einen für Sie unangenehmen Punkt kommen. In einer solchen Übungsgruppe werden Sie sehen, dass andere Menschen ähnliche Schwierigkeiten haben wie Sie. Dies verhindert, dass Sie sich wegen Ihrer Schwierigkeiten bei bestimmten Übungen schlecht fühlen oder schämen. Es hilft im Übrigen auch, unterschiedliche Reaktionen verschiedener Menschen auf bestimmte Reize zu erleben. Jeder Einzelne beginnt seinen Weg genau dort, wo er augenblicklich steht, nirgendwo sonst. Es ist wichtig, dass Sie Ihre Grenzen und Bedürfnisse respektieren. Vergleichen Sie sich nicht mit anderen. Sie sind, wo Sie sind, und genau da lernen Sie, was zu lernen ist.

Am eindrücklichsten werden Sie die Wirksamkeit dieses Übungsprogramms erleben, wenn Sie es in Ihrem Alltagsleben erproben. Nichts macht so erfolgreich wie ein Erfolg. Je öfter Sie Ihre neu gewonnene Selbstbewusstheit und neuentdeckte Kraft erfolgreich im Alltag anwenden, desto gewohnheitsmäßiger werden Sie sich an diese Fähigkeiten erinnern und sie einsetzen.

Die Lehre

Einige Elemente meines Unterrichts könnten ungewöhnlich auf Sie wirken, wenn Sie Ihnen das erste Mal begegnen. Es wird Ihnen helfen, wenn Sie darauf vorbereitet sind und wissen, dass ich meine Lehre auf der Grundlage meines Kampfkunsttrainings entwickelt habe.

Das Modell von Herausforderung und Antwort

Das erste hierbei zu berücksichtigende Element ist das von Angriff und Verteidigung. Meine Heimat sind die Kampfkünste. Ich bin Träger des schwarzen Gürtels im Aikido (6. Dan) und im Karate (1. Dan). Seit 39 Jahren ist das Aikido, eine gewaltfreie japanische Kampfkunst, mein Studien- und EntwicklungsLabor. Diese Kampfkunst ist Selbstverteidigung, sie ist aber auch ein Weg, auf dem Sie trainieren, ruhig, kraft- und liebevoll auf eine Bedrohung zu reagieren.

In den Kampfkünsten lernt man, indem man sich mit einem Problem konfrontiert und es löst. Ohne einen Angriff – das Problem – gibt es nichts zu tun. Dadurch, dass Sie der Herausforderung begegnen, können Sie sich selbst prüfen, feststellen, was Sie verbessern müssen, und an ihrer Veränderung und Ihrem Wachstum arbeiten. Weil meine Wurzeln die Kampfkünste sind, besteht mein Körperbewusstseinstraining aus praktischen Bewegungsexperimenten und nutzt das Modell von Herausforderung und Antwort für das Erforschen von Entwicklungsaufgaben.

In all den Jahren meines Unterrichts ist nie jemand an mich herangetreten, der gesagt hätte: „Mein Leben ist perfekt. Ich liebe alles, was mir begegnet, und ich bewältige es mit Anmut und Leichtigkeit. Könnten Sie mir bitte zeigen, wie ich das ändern kann?“ Menschen kommen und sagen, dies oder das sei nicht leicht, nicht befriedigend, nicht bequem, und das wollen sie ändern. Sie möchten Antworten auf die Herausforderungen ihres Lebens finden. Diese Herausforderungen sind Angriffe, denen wir uns stellen müssen, deshalb ist es hier sinnvoll, anhand des Modells von Angriff und Verteidigung zu lehren und zu lernen – und das tue ich.

Trotzdem, es gibt Leute, die es seltsam finden, dies zur Untersuchung von Entwicklungsmöglichkeiten heranzuziehen. Sie halten meine Vorgehensweise für grenzüberschreitend oder aggressiv. Tatsächlich ist im Aikido der Angriff ein Geschenk. Ein fürsorglicher, kooperativer Partner, der Angreifer, stellt sich als Objekt für die Übungspraxis des Verteidigers zur Verfügung. Ohne den Angriff hätte der Verteidiger keine Gelegenheit, lebensrettende Selbstverteidigungstechniken zu üben und zu lernen. Eine Angreiferin erlaubt sich, als Spiegel zu agieren, so dass der Angegriffene sich selbst sehen kann. Dann wechseln Angreiferin und Verteidiger die Rollen, so dass die zweite Person die Techniken ebenfalls praktizieren kann. Genauso ist in einer Arbeit, die darauf zielt, Missbrauchsüberlebende in ihre wahre Kraft zu bringen, die Herausforderung eine Gabe aus Fürsorglichkeit.

Die Tatsache, dass Sie sich möglicherweise unwohl fühlen, wenn Sie sich einer Herausforderung gegenüber sehen, ist nicht etwa hinderlich, sondern hilfreich: Gerade im Unwohlsein zeigen sich die Themen, die Sie bearbeiten müssen, um zu wachsen. Es ist offensichtlich, dass, wie in einer Therapie, eine unterstützende, nährende Beziehung zu der Person vorhanden sein muss, die Ihnen Hilfestellung leistet. Ich sorge für die Klienten, mit denen ich arbeite, und ich bemühe mich, solch eine unterstützende und nährende Atmosphäre herzustellen, trotzdem und gerade weil der Gegenstand meiner Arbeit Angriff und Verteidigung sind.

Missbrauchsüberlebende und Therapeuten reagieren vielleicht gleichermaßen verunsichert auf einen Angriff, aber für die Überlebenden ist der Angriff das ganze Problem. Wie auch immer Missbrauch sich zeigen kann, in jedem Fall ist Missbrauch Kampf. Indem sie lernen, einem Angriff zu begegnen und ihn abzuwehren, sprengen Überlebende die Ketten des Missbrauchs.

Wenn Sie eine Übungsbeschreibung lesen, die Ihnen hart vorkommt und die Sie verstört, beobachten Sie Ihre Reaktion. Atmen Sie. Bleiben Sie in Ihrem Körper. So wird das Lesen dieses Buches selbst schon zu einer Selbststärkungsübung. Ganz gleich, ob Sie Gewichte heben oder Multiplikationstabellen auswendig lernen, Sie müssen an Ihre Grenzen gelangen, um besser zu werden. Sorgen Sie dafür, dass Ihre natürlichen Gefühle wie Angst und Ekel Sie nicht daran hindern, Ihrer Bestimmung zu folgen, sich Ihrem Angreifer entgegenzustellen und vorwärts zu gehen.

Es stimmt, Sie brauchen einen starken Geist, wenn Sie sich Angriffen stellen wollen, um zu lernen und zu wachsen. Einige Missbrauchsüberlebende sind so tief von ihrer Machtlosigkeit überzeugt, dass sie den Schmerz der Selbsterforschung, des Wachsens und der Veränderung nicht ertragen: Der Schmerz, den das Starkwerden erzeugt, droht größer zu werden als der Schmerz, den es bedeutet, machtlos zu bleiben. Also lehnen sie die Gelegenheit, angegriffen zu werden, ab. Ich bedauere das immer. Gleichzeitig weiß ich, dass es Menschen gibt, die sich nicht in einem Zustand der Heilung befinden, in dem sie von meiner Art des Kriegertrainings profitieren könnten. Diese Menschen brauchen den weniger physischen, verbaleren Zugang einer Psychotherapie, um sich auf meine Art der Arbeit vorzubereiten. Einige von ihnen werden wachsen und sind irgendwann bereit, andere werden sich nie aus ihrer Machtlosigkeit befreien.

Den richtigen Blickwinkel beibehalten

Es gibt eine besondere Herangehensweise an Gefühle, die ebenfalls Teil der Kampfkünste ist. Gelegentlich beginnen Aikidoschüler in meinem Unterricht zu weinen, wenn irgendein Übungselement alte Gefühle in Erinnerung ruft. Ich sage ihnen dann, dass sie weinen können, wenn sie wollen, dass sie aber nicht damit aufhören dürfen, sich zu verteidigen. Im Kampfkunsttraining geht es darum, die Ruhe und Selbstdistanz zu finden, die es Ihnen erlauben, Ihre Schmerzen und Ihre Angst aus einem neutralen Blickwinkel wahrzunehmen. Wenn diese Angst, dieser Schmerz Sie überwältigen, werden Sie weder atmen noch sich effizient verhalten oder denken können. Ohne ein Mindestmaß an psychischer Selbstdistanz werden Sie nicht in der Lage sein, sich effektiv zu verteidigen, und das, was Sie am meisten fürchten, wird sich gerade wegen dieser Angst ereignen.

Den gleichen Ansatz gebrauche ich in meinem Training mit Missbrauchsüberlebenden. Wenn Sie sich Ihrem Schmerz, Ihrer Angst, Ihrer Empfindungslosigkeit oder Wut hingeben, ist es schwierig, innezuhalten, um das, was Sie bewegt, leidenschaftslos zu analysieren. Aber wenn Sie das, was schmerzhaft ist, nicht untersuchen können – es kartografieren, die Regelmäßigkeiten registrieren, beobachten, wie es funktioniert und woraus es resultiert –, wie können Sie es jemals so weit verstehen, dass Sie es verändern können?

Den Blickwinkel beizubehalten bedeutet, dass Sie genug körperlichen und mentalen Abstand zu Ihren Empfindungen und Affekten halten, um sich der Erforschung Ihres Schmerzes interessiert zuwenden zu können, ohne davon überwältigt zu werden. Dieser Prozess, bei dem Sie gleichzeitig den Angriff, dem Sie ausgesetzt sind, und Ihre Reaktion darauf studieren, ist die Grundlage eines jeden Kampfkunsttrainings. Das Kampfkunsttraining ist so angelegt, dass Sie einem realen Angriff, also einer echten Herausforderung, ausgesetzt sind. Dieser Angriff wird aber in seiner Intensität reduziert, so dass Sie die Möglichkeit zur Übung und Weiterentwicklung Ihrer Kampftechnik haben.

Einen wichtigen Anteil am Entwickeln eines neutralen Blickwinkels haben Atem- und Körpertechniken, die Ihnen helfen, einen körper-seelischen Ruhezustand herzustellen und aufrechtzuerhalten. Es ist diese Ruhe, die es Ihnen ermöglicht, ein andernfalls überwältigendes Ereignis objektiv zu betrachten.

Höflichkeit

Meiner Herkunft aus der Kampfkunst verdankt sich auch meine Entscheidung, die Körperarbeit so zu beschreiben, wie sie tatsächlich abläuft. Möglicherweise fühlten sich der eine oder der andere durch die Beschreibungen oder die für die Fallbeispiele und Übungen verwandte Sprache unangenehm berührt. Vielleicht finden Sie sogar, dass eine explizite Sprache und deutliche Beschreibungen erschreckender und ekelerregender Ereignisse keinen Platz in einem gepflegten Buch haben sollten. Ich habe mich entschieden, hier die Wirklichkeit meiner Arbeit mit Missbrauchsüberlebenden darzustellen. Sprache und Ereignisse entstammen dem Kontext ihres tatsächlichen Auftretens in realen Arbeitssituationen. Ich habe die Fallbeispiele nicht geschönt, um die Wirklichkeit dieser Arbeit nicht zu verzerren. Erschreckende und ekelhafte Dinge sind zu vielen Menschen angetan worden, es muss von ihnen gesprochen werden.

Missbrauch ist keine höfliche Angelegenheit. Missbrauchsüberlebende haben die unfaire Aufgabe, sich von der Krankheit eines Täters heilen zu müssen. In diesem Buch werden Sie lernen, grundlegendes Wohlbefinden und Handlungskompetenz zu erwerben und zu erhalten, die sie befähigen, ihre Missbrauchserfahrungen aufzusuchen und zu überwinden. Auch die Art und Weise, in der ich über die Dinge rede und schreibe, befördert diesen Prozess. Dadurch, dass Sie sich bei der Lektüre dieses Buches der Sprache und den beschriebenen Ereignissen aussetzen, statt sich in höflicher Distanz dazu zu bewegen, arbeiten Sie daran, Ihre Kraft angesichts des Missbrauchs zu erhalten. Indem Sie während des Lesens der Fallgeschichten entspannte Präsenz und warmherzige Stärke bewahren, tun Sie die Arbeit, die das Buch beschreibt.

Direktiver Stil

Der sehr direktive Stil meiner Arbeit verdankt sich ebenfalls meiner Kampfkunsterfahrung. Kampfkünste werden in der Regel überaus direktiv unterrichtet. Ziel der Schulung ist das schnelle und effiziente Beherrschen der Verteidigungstechniken, so, wie der Instrukteur sie bestimmt und lehrt. Der Schüler hat das zu lernen, was der Instrukteur für relevant hält und unterrichtet. Being In Movement® – Traumaverarbeitung ist ein Erziehungsprozess, in dem Überlebende Bewusstheit und Souveränität erlernen. Mein direktiver Unterrichtsstil kann auf psychotherapiegewohnte Beobachter wenig einfühlsam, hart oder einschüchternd wirken, tatsächlich ist aber gerade dieser Stil eine Form der Fürsorge und der Unterstützung.

Gefühle entwirren

Vielleicht wird es auch Sie zunächst irritieren, dass ich die Angewohnheit habe, Gefühle eher zu studieren als ihnen mit den üblichen sozialen und therapeutischen Klischees zu begegnen. Beim Unterrichten schiebe ich den ganzen Wust von Gedanken, Gefühlen und Ideen beiseite und konzentriere mich auf die objektiven Details: Muskeltonus, Atmung, Haltung. Das klärt meinen Blick und ich verfange mich nicht in Theorien oder Vorurteilen. Ich konzentriere mich auf das, was ich vor mir sehe, möglichst frei von allen Vorannahmen, die meine Wahrnehmung der Situation verfälschen könnten. Wenn ich mich an die Details halte, wird das Gesamtbild schnell deutlich. Oft geschieht dies in einer Weise, die mit einem vorgefassten Urteil über das fragliche Ereignis nicht möglich gewesen wäre.

Selbstverständlich bin ich empathisch und unterstützend, wenn Klienten durch schmerzhafte Prozesse gehen. Wenn ich aber auf die Gefühlsinhalte eingehen würde, könnte ich sie nicht dabei unterstützen, die verschiedenen Verhaltensanteile zu sortieren. Ich unterlaufe die Gefühlsebene und richte die Aufmerksamkeit auf den physischen Unterbau der Emotionen. So lässt sich ein Ausweg aus den Fesseln eingeschliffener Gefühsreaktionen finden und ich kann meine Klienten im Erlernen neuer, wirkungsvollerer Antworten auf schwierige Situationen unterstützen.

Es ist mir wichtig, klarzustellen, dass die Aufforderung, angemessene von unangemessenen Emotionen zu unterscheiden nicht bedeutet, dass ein Gefühl oder eine Person schlecht sind. Ich empfehle auch nicht, alle Emotionen zu unterdrücken, im Gegenteil, ich halte Gefühle für die Essenz des Lebens. Und dennoch sollten Sie manche Gefühle sinnvollerweise kontrollieren. Es gibt Zeiten, in denen es effektiv und lebensrettend ist, sich nicht von seinen Gefühlen wegspülen zu lassen, und es gibt Gefühle, die so grenzenlos werden, dass sie ungesund sind. Der Kunstgriff besteht darin, eine unangemessene Reaktion so zu zerlegen, dass sie regulierbar wird, nur sind viele Missbrauchsüberlebende – verständlicherweise! – so sehr ihren Gefühlen ausgesetzt, dass sie sich deren Intensität nicht entziehen, also nicht gleichzeitig fühlen und evaluieren können.

Während eines Missbrauchs werden die Gefühle eines Menschen entwertet und missachtet. Das führt einige Missbrauchsüberlebende zu der Interpretation, jede Bewertung eines Gefühls als unangemessen sei ebenfalls Missbrauch. Wenn Sie glauben, dass Sie nur in Ihren Emotionen Sie selbst sind, wird jede Vermutung, ein bestimmtes Gefühl könnte unangemessen sein, von Ihnen als Entwertung und Angriff ausgelegt werden. Wenn Ihre Gefühle das sind, was Sie sind, werden Sie deren Abschwächung und Relativierung wie die Abtrennung von Teilen Ihres Selbst erleben. Ruhiger zu werden kann sich dann anfühlen, als ob Sie nach und nach absterben.

Denken Sie bitte kurz an die Sanierung eines Elendsviertels. Wenn Sie einen Slum als wesentlichen Teil der historisch gewachsenen Identität einer Stadt auffassen, wird sich Widerstand gegen den Abriss alter Baracken regen, auch wenn sie durch etwas Besseres ersetzt werden sollen. Der Abriss unangemessener Gefühle kann als Versuch erlebt werden, das Selbst zu zerstören, statt es zu stärken und zu heilen. Die Fähigkeit, sich selbst gegenüber verschiedene Blickwinkel einzunehmen und aufrechtzuerhalten, ist so wichtig, weil Sie dadurch die Möglichkeit haben, den nötigen Abstand zu ihren Gefühlen zu gewinnen. Dadurch werden Sie bereit und fähig sein, Ihre Affekte auf deren Nutzen hin zu untersuchen und bewusst zu regulieren. Darum geht es: Sprengen Sie die Fesseln alter, destruktiver Gefühlsgewohnheiten und leben Sie angemessen in der Gegenwart.

Nun weigern sich Menschen oft, Verbesserungsvorschläge anzunehmen, und fühlen sich bedrängt, wenn man ihnen ein neues Verhalten nahe bringen möchte. Statt in einem korrigierenden Hinweis ein respektvoll angebotenes Geschenk zu sehen, das ihnen aus Hilfsbereitschaft gemacht wird, empfinden sie dies als demütigend. Sie glauben, eines Fehlers bezichtigt zu werden, und sie identifizieren (technisches) Fehler-Machen mit (moralischem) Schlecht-Sein. Das ist verständlich – in vielen Fällen mag die eine, mag der andere für vermeintliche oder echte Fehler beschämt oder gedemütigt worden sein. Eine Reaktion auf dem Hintergrund eindrücklicher Erfahrungen erklärt sich selbst, verfehlt aber ihren Zweck, den Selbstschutz, wenn angemessene, freundlich und unterstützend vorgebrachte Korrekturhinweise zurückgewiesen werden, die zu dauerhaften Verbesserungen führen würden.

Es ist wichtig, dass Sie sich in Ordnung fühlen, wenn Ihnen Ihre Fehler gezeigt werden. Es ist normal, Fehler zu machen. Sie müssen sich nicht dafür bestrafen, und Sie brauchen Ihr Selbstwertgefühl auch nicht dadurch zu schützen, dass Sie sich vor neuem, hilfreichem Wissen verschließen. Der effektivste Weg, sinnvolle Korrekturvorschläge anzunehmen, besteht darin, sie als Geschenk anzusehen und dann die notwendigen Schritte zu tun, um etwas Fehlerhaftes durch etwas Besseres zu ersetzen.

Sicherheit

Lassen Sie mich die Leser ansprechen, die Missbrauchsüberlebende auf dem Weg der Heilung begleiten werden. Wenn Sie mit Überlebenden arbeiten, ist es wichtig, deren Sicherheit im Blick zu behalten.

Bereit sein

Sicherheit beginnt damit, zu entscheiden, ob jemand auf diesen Weg der Missbrauchsverarbeitung vorbereitet ist. Ich sehe sehr genau hin, wer in meine Stunden kommt. Wenn Überlebende durch ihre Therapeuten an mich verwiesen werden, kann ich einigermaßen sicher sein, dass sie von dieser Arbeit profitieren werden. Klienten, die eine umfangreiche Psychotherapie hinter sich haben und jetzt gezielt Erfahrungen mit dem Körper, mit Berührung und Selbstverteidigung suchen, sind in der Regel bereit für die Herausforderungen, denen sie in dieser Arbeit ausgesetzt sind.

Zweifelsohne gibt es auch Missbrauchsüberlebende, die zu zerbrechlich sind, um unter dem Druck tiefer Körperselbsterfahrung heilende Prozesse zu durchlaufen. Ich arbeite nicht mit selbstmordgefährdeten oder sich selbst verletzenden Menschen und auch nicht mit Überlebenden, die aus anderen Gründen für das Erlernen der von mir unterrichteten Techniken des Zentrierens zu instabil und zu wenig im Gleichgewicht sind. Da Missbrauchsüberlebende normalerweise ihre Selbsterfahrungsarbeit nicht bei mir beginnen, gibt es in der Praxis damit keine Schwierigkeiten, zumal ich so langsam arbeite, dass die Klienten, sobald sie das Gefühl einer Überforderung bekommen, jederzeit die Möglichkeit eines Abbruchs haben, ohne dann alleine mit angefangenen Themen in Kopf und Körper dazusitzen.

Die BIM-Methode der Traumaverarbeitung eignet sich besonders für verhältnismäßig gefestigte Missbrauchsüberlebende. Sind die Menschen, mit denen Sie arbeiten werden, am Anfang ihrer Missbrauchsaufarbeitung oder besonders instabil? Sind sie bereit, die Übungen, die Sie vorschlagen, und die damit einhergehenden Gefühle zu erforschen? Verfügen die Übungsteilnehmer über genügend Ich-Stärke, um den intensiven Kontakt mit dem eigenen Körper zu ertragen? Reichen Ihre eigenen Erfahrungen als Begleiter solcher Prozesse aus, um diese Fragen beantworten zu können? Wenn Sie unsicher sind, ob jemand genügend Stabilität für die somatische Traumaverarbeitung mitbringt, holen Sie die Meinung eines kompetenten Therapeuten ein. Falls es bereits einen behandelnden Therapeuten gibt, tauschen Sie sich aus.

Sollten Sie sich fragen, ob eine einzelne Übung eine Überforderung darstellt, bleiben Sie auf der sicheren Seite, verzichten Sie darauf. Meine Devise ist: Langsam voran. Auch für Menschen, die alle Voraussetzungen für die somatische Traumaverarbeitung mitbringen, ist es wichtig, sich Zeit für die Erarbeitung grundlegender Ressourcen der Selbststärkung zu nehmen, bevor sie sich ihren persönlichen Themen zuwenden.

Interpretieren

Seien Sie sich der Gefahr bewusst, dass das Interpretieren der Erfahrungen ihrer Klienten deren Sicherheitsgefühl beeinträchtigen kann. Die Suche nach Sinn und der Versuch, Erklärungen für schwer Erträgliches, schwer Verständliches anzubieten, ist menschlich, kann aber gerade in der Arbeit mit Traumaüberlebenden destruktiv sein.

Sehr oft sagen Interpretationen lediglich etwas über den Interpreten, nicht über das zugrunde liegende Ereignis, nämlich die Erfahrungen der Überlebenden, aus. Wenn Sie die Lücken in der Geschichte oder dem Denkprozess eines Missbrauchsüberlebenden durch ihre Interpretation zudecken, kann es passieren, dass Sie das tatsächlich Geschehene völlig missdeuten.

Selbst wenn Ihre Interpretation zutrifft, kann sie zerstörerisch wirken. Erstens: Sie kappen den Lernprozess. Statt die eigene Urteilsfähigkeit zu entwickeln und eigene Wege zu tragfähigen Erklärungen zu finden, werden die Klienten davon abhängig, dass Sie ihnen die richtige Interpretation liefern. Zweitens: Angenommen, ein Überlebender lehnt Ihre – richtige – Interpretation ab, weil er sich diese Sichtweise nicht selbst erschlossen hat, es wird für ihn unmöglich werden, irgendwann einmal selbst zu dieser Erkenntnis zu kommen.

Retraumatisierung

Kann es bei der körperlichen Berührung Überlebender überhaupt so etwas wie Sicherheit geben? Oder beim Selbstverteidigungstraining? Einige Psychotherapeuten halten Berührung und Körperarbeit für unethisch, und möglicherweise haben auch Sie sich diesen Gedanken im Laufe einer Psychotherapie angeeignet. Ist es vielleicht prinzipiell falsch, Klienten anzufassen? Ein Argument in diesem Zusammenhang lautet: Da Missbrauchsüberlebende durch körperliche Berührung verletzt wurden, wird jede weitere Berührung zu weiterem Schaden führen. Jim Struve hat darauf hingewiesen, dass mit gleicher Berechtigung das Sprechen mit Missbrauchsüberlebenden unterbunden werden kann, da Überlebende in der Regel auch durch Worte verletzt worden sind.* Worte und Berührungen sind natürliche Elemente menschlicher Kommunikation. Entscheidend ist, ob sie unterstützend und heilend verwendet werden oder nicht.

Wenn über Berührung gestritten wird, geht es vor allem um die Frage der Retraumatisierung. Überlebende und Therapeuten eint die Befürchtung, dass Menschen, die ein physisches Trauma erlitten haben, durch die Arbeit mit körperlichen Herausforderungen und Angriffen erneut traumatisiert werden könnten. Kurzum: Sie werden durch einen Angriff nicht traumatisiert. Unterliegen traumatisiert – Siegen ist heilend!

Souveränität markiert die Grenzlinie zwischen neuer Verletzung und Heilung. Wenn sich Klienten durch Berührung und Selbstverteidigungstraining innerlich sammeln, erfahren sie das eher als Triumph denn als Trauma. Das Gefühl, erfolgreich zu sein, dieses Mal siegen zu können, schafft Erleichterung, Freiheit und Heilung. Es ist weniger ein einzelnes Ereignis, das traumatisiert, sondern die Machtlosigkeit, die Hilflosigkeit und der Schmerz, die ein Opfer erlebt. Stellen Sie sich vor, Sie fallen ins Wasser. Ist das traumatisierend? Ja – wenn Sie nämlich nicht schwimmen können. Schwimmen Sie hingegen gut, dann macht Ihnen das, was für einen anderen Menschen traumatisierend ist, vielleicht sogar Spaß. Das Problem besteht nicht darin, angegriffen, sondern darin, überwältigt zu werden. Sobald Sie feststellen, dass Sie erfolgreich mit Berührungen, körperlichen Herausforderungen und Angriffen umgehen können, beginnen sich die Verfestigungen alter Traumatisierungen aufzulösen.

Die Heilung begleiten

Falls Sie professionell oder im Rahmen einer Selbsthilfegruppe als Gruppenleiter agieren, sollten Sie sich ihrer Fähigkeiten wie auch der Grenzen Ihrer Kompetenz und Wahrnehmungsfähigkeit bewusst sein. Leiten Sie nur Übungssequenzen an, bei denen Sie die Sicherheit der Teilnehmer gewährleisten können. Die Übungen und Trainingsziele, die ich Ihnen in diesem Buch vorlege, stehen für sich selbst und können ohne weitere Vorbereitung oder Ausbildung angeleitet und erreicht werden. Und wieder gilt: Sollten Sie sich unsicher fühlen, ob Sie bestimmte Sequenzen anleiten können, sollten Sie zweifeln, ob die Gruppe genug Ressourcen zur Bewältigung einer Übung hat, oder selbst bei einer bestimmten Thematik nervös werden, dann verzichten Sie darauf, ziehen Sie sich von dem Thema zurück. Wenn ein bestimmtes somatisches Übungselement schwierig für Sie ist, kann es sinnvoll sein, eine Zeit lang Unterricht in einer Methode zu nehmen, in der Körperselbstwahrnehmung ein zentrales Thema ist. Vielleicht besteht auch die Möglichkeit, an einem BIM-Training oder dem Training einer anderen somatischen Disziplin teilzunehmen. Hinweise auf die BIM-Ausbildung finden Sie am Anfang dieses Buches.

Holen Sie sich das Einverständnis der Menschen ein, mit denen Sie arbeiten, bevor Sie irgend etwas tun. „Darf ich Ihren Bauch berühren?“ „Ist es in Ordnung, wenn wir daran arbeiten, Ärger durch Ruhe zu ersetzen?“ Missbrauchsüberlebende haben massive, gewalttätige Grenzüberschreitungen erlebt, und es ist äußerst wichtig, sie jedes Mal über das aufzuklären, was Sie vorschlagen. Nur wenn Sie die ausdrückliche Erlaubnis Ihrer Klienten erhalten, sie zu berühren oder anders mit ihnen zu arbeiten, dürfen Sie anfangen.

Behalten Sie auch vor Augen, dass, nur weil eine Person Ihnen eindeutig und ausdrücklich etwas Bestimmtes erlaubt hat, es sich keineswegs um eine wirkliche Erlaubnis handeln muss. Missbrauchsüberlebende sind gut darin geübt, zuzustimmen und zu verstummen. Sie sind darauf trainiert, Menschen mit Macht zu erlauben, sie zu benutzen. Manchmal wird Ihnen jemand die Zustimmung zu Berührungen oder Übungssequenzen geben, weil er oder sie denkt, zum Mitmachen verpflichtet zu sein. Manchmal wird ein Missbrauchsüberlebender erst in der Lage sein, Nein zu sagen, wenn er den Schritt, zu dem er seine Zustimmung innerlich vorher nicht gegeben hatte, tatsächlich bewusst und gewollt gegangen ist. Manchmal wird jemand alle Stufen des Prozesses durchlaufen und gleichzeitig innerlich so perfekt von dem, was passiert, abgetrennt sein, dass Sie die Person mit Ihren Interventionen innerlich gar nicht erreichen, ohne es selbst wahrzunehmen. Ich bin mit diesem Problem nur selten konfrontiert, aber es ist wichtig, dass Sie sich dieser Möglichkeit bewusst sind. Gehen Sie langsam und sorgfältig vor, das ist letztlich alles, was Sie tun können.

Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.

Türler ve etiketler

Yaş sınırı:
0+
Hacim:
270 s. 35 illüstrasyon
ISBN:
9783867811903
Yayıncı:
Tercüman:
Telif hakkı:
Bookwire
İndirme biçimi:

Benzer kitaplar