Kitabı oku: «Geschichten aus Nian»
Inhaltsverzeichnis
Atalan
Die Ankunft
Vision
Kippstadt
Die Kneipe
Galdauer Land
Kachler
Auf ins Ungewisse
Neuer Kamerad
Erster Kontakt
Orkusritt
Ein Hinweis
Offenlegung
Der zweite Teil der Botschaft
Im Galopp
Die große Frage
Erntekommando
Arndthausen
Über die Grenze
Nachtlicht
Die Teefrau
Eingeholt
Das Geheimnis
Die Nachbarin
Urlich
Flucht
Am Ziel
Im Lichte der Zeit
Ins Mittelland
Flussabwärts
Wassermeditation
Abgefangen
Reiter
Das Leben danach
Geschwister
Die Gemeinschaft des Waldes
Neubeginn
Ausblicke
Rückblick
Geschichten aus Nian
Atalan
Paul M. Belt


Atalan

© Copyright 2019 Hunter Verlag
Verlagsauflage 1
Lektorat: Cornelia Schrudde, Kreuztal
Grafische Innengestaltung: Marion Marchewka
Umschlaggestaltung: Hunter Verlag
Satz & Layout: Hunter Verlag
Verlag: Hunter Verlag, Kiel, Deliusstr.
Printed in Germany
ISBN: 978-3-947086-58-0
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese
Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über
http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Die Reihe:
»Geschichten aus Nian«
Band 1:
Lindenreiter
Band 2:
Landwandlerin
Band 3:
Atalan
Band 4:
Erzbrenner
Band 5:
Der Keysor
Band 6:
Selinqua Baruka
Band 7:
Licht

Allen Kleinen und Großen,
Kämpfern und Träumern
sowie allen Wesen,
die ihren inneren Reichtum kennen
oder erkennen wollen

Nicht nur der Schreiber ist ein Künstler.
Beim Lesen malt jedermann Bilder in seiner Vorstellung,
die schöner sein können als Gemälde aus Farbe.
Beide, Leser und Schriftschaffer,
haben in gleicher Weise am Werk teil.
(Dila Jalobak, Erste Wandlerin und Märensammlerin aus Bursiga)
Atalan
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Vorwort
„Unsere Gesellschaft basiert auf dem Versuch des Verstandes, die Angst vor Pein und dem Verschwinden der Existenz zu überwinden. Dies ist aber nicht möglich, da diese Angst aus ebendemselben entspringt, denn er vergeht zusammen mit dem Körper. Abhilfe schafft nur, hinter die Illusion der Knappheit, des Mangels zu blicken, sich seines innewohnenden Reichtums bewusst zu werden. Anders kann keine Gesellschaft bestehen.“
(K. N. Murthy, atalanischer Philosoph aus Feste des Lichts, 512 n.Z.)

Die Ankunft
Gelangweilt saß der Fischer am Pier, schwang seine Angel und schaute hinaus aufs Meer. Gähnend langsam tröpfelte die Zeit dahin, das Knurren seines Magens wurde allmählich unerträglich. Während er auf einen anbeißenden Fisch wartete, ließ er seine Gedanken schweifen. Einst hatten hier prachtvolle Schiffe gelegen, die Waren aus aller Welt herbeigebracht hatten. Reichtümer waren aus vielen Ländern hereingeströmt, und „Feste des Lichts“, wie die Stadt einst genannt worden war, war das Zentrum atalanischer Kultur gewesen. Nun aber war alles verfallen. Keine goldenen Abzeichen prangten mehr an den Piers der verschiedenen Hafenbecken, die prachtvollen Wachttürme an den Flanken des Seehafens waren bereits seit Jahrzehnten eingestürzt.
Verächtlich spuckte der Fischer ins Wasser. Was für eine Ironie! In Hülle und Fülle war das Leben einst mit Musikdarbietungen, poetischen Lesungen und Theatervorführungen durch die Stadt geschwappt. Eitel Sonnenschein hätte es bleiben können, doch dann hatte es begonnen. Was genau, hatte wohl niemand so richtig verstanden, nur als es fortgeschritten war, waren nach und nach die fröhlichen Klänge verschwunden. Mehr und mehr andere Mieter waren in die bunt geschmückten Kunstläden und Ausstellungsgebäude am Hafenkai gekommen, innerhalb weniger Jahre hatten sich hier eine Spelunke an die andere und ein Vergnügungslokal an das nächste gereiht. Man hatte immer mehr für benötigte Dinge bezahlen müssen, denn „von nichts kommt nichts“, so war bereits kleinen Kindern erzählt worden. Weniger und weniger hatte man für seine Yoros, die Währung dieser Zeit, bekommen. Und nun saß er hier im Hafen von Kippstadt, wie sie nun genannt wurde, und war dazu gezwungen, im einstigen Zentrum der Kultur und des Reichtums sein kärgliches Mahl aus dem Meer zu ziehen, wie es vor Tausenden von Jahren schon seine Vorfahren getan hatten.
Erneut warf er seine Angel aus und verfolgte, wie der Köder mit dem Haken und dem Schwimmer in hohem Bogen weit hinaus ins ehemalige Hafenbecken flog. Langsam senkte er sich hinab und landete platschend auf dem Wasser. Gerade wollte der Fischer seine Augen abwenden, als er plötzlich stutzte.
Etwas kam über das Meer. Klein, wackelig und behelfsmäßig aus dünnen Stämmen zusammengezimmert trieb es auf der Wasseroberfläche, die trotz des leichten Windes wie üblich kaum Wellen schlug. Ein kleines Segel, kaum einen Meter hoch, an einem kurzen, notdürftig befestigten Mast war der einzige Antrieb dieses winzigen Floßes. Und darauf saß ein einzelner, in eine verschlissene Kampfuniform gehüllter Mann.

Der Fischer erhob sich, kniff die Augen zusammen und musterte das Floß, bis es ein wenig näher an den ehemaligen Pier herangetrieben war. Dann fing er an zu lachen. Er lachte dermaßen, dass er sich nicht mehr auf den Beinen halten konnte und fast vom Pier gefallen wäre. Er lachte ein lautes, höhnisches, schadenfrohes Lachen, welches weithin hörbar von den Kaimauern widerhallte. Als er sich einige Zeit später wieder gefangen hatte, stieß er spöttisch und mit lauter Stimme hervor: „So also sieht der Stolz der siegreichen Armee von Urgalan aus! Darf ich mich vor Ihnen verneigen, Heerführer?“
Der Krieger auf dem Floß indes sah den Fischer an und verzog keine Miene. Das ging ja schneller als erwartet. Das, genau das war die Ursache für ziemlich alles, was er in seinem Leben erlebt hatte, bevor seine letzte Fahrt abrupt geendet hatte.
Der Westwind hatte sein Floß über das Meer zurück zu dem Hafen geführt, von welchem aus die Flotte vor einigen Tagen gestartet war. Es war zwischen den Wracks Hunderter Invasionsschiffe hindurchgeschlüpft, über denen ein unaussprechlich stilles Schweigen gelegen hatte. Was für ein Unterschied zu dem Gebrüll und dem vorzeitigen Siegestaumel der Armee, als deren Mitglied er aufgebrochen war, um eine „todsichere Aufgabe“ zu erledigen. Von blühenden Landschaften war die Rede gewesen, die man problemlos einnehmen könne, da von den dort lebenden Zwergen kein Widerstand zu erwarten sei. Wesentlich leichter als die Einnahme Atalans habe es werden sollen. Die entsandten Späher und Herolde hatten ohne Schwierigkeiten ihre Aufgabe verrichtet, rechtlich gesehen gehörte das Land bereits Kraton dem Edlen, Urgalans König.
War er, der Speerschleuderer und Keulenkämpfer Martin Darian Kalder, wirklich der Einzige gewesen, der die leisen Zweifel an diesem Vorhaben nicht aus seinem Sinn hatte verbannen können? Auf Schiffen waren Hunderte ebenso ungehobelte und grobschlächtige Kerle, wie er einst selbst einer gewesen war, gen Westen gezogen. Sie hatten geprahlt, um den Titel des Stärksten gewetteifert, sich betrunken und sich den Wanst vollgeschlagen. Auf seinem Schiff war er allein damit gewesen, auf der kurzen nächtlichen Überfahrt an der Reling zu stehen, nach den Sternen aufzusehen und sich zu fragen, wohin das alles führe. Solch eine Zurschaustellung von Rohheit wegen eines kleinen Landes mit mittelmäßigem Holzertrag, von dem die Alten berichtet hatten!
Nachdem sie das fremde Ufer erreicht hatten, hatten sich alle Krieger der üblichen ekelhaften Protzerei des Heerführers gegenüber Gegnern anschließen müssen. Sie hatten Lärm gemacht, dass einem die Ohren wehtaten. Dabei hatten dort nur Zwerge am Ufer gestanden. Was für eine niederträchtige Aktion, zweihundertzweiundsiebzig Schiffe gegen diese „Feinde“ zu entsenden! Selbst ein Angriff auf die wenigen schwachen Widerstandsnester in Atalan wäre ehrenhafter gewesen als eine derartige Barbarei. Wie erstaunlich, dass die Zwerge zu Tausenden gekommen waren und laut verkündet hatten, nicht klein beigeben zu wollen! Ein einziger seiner Tritte hätte fünf von ihnen zerschmettern können. Sie hatten immense Furchtlosigkeit bewiesen.
Daraufhin war etwas vollkommen Unerwartetes geschehen. Gellende Schreckensschreie hatten sich hinter ihm erhoben, und während er herumgefahren war, war ihr Schiff bereits dabei gewesen, sich zwanzig Meter weit senkrecht in die Luft zu erheben und sich zu überschlagen. Er war fortgeschleudert worden und durch eine unglaublich riesige Welle hindurchgetaucht. Vermutlich hatte ihn danach eine Ohnmacht ereilt, denn als er wieder zu sich gekommen war, hatte er in flachem Wasser schwer verletzt am fremden Strand gelegen. Zwei Zwerginnen waren gekommen und er hatte befürchtet, dass sein letztes Stündlein geschlagen hatte. Stattdessen war er in einer ihm unbekannten Weise versorgt worden und hatte sich binnen weniger Tage regeneriert. Während dieser Zeit hatten ihm die beiden die Augen geöffnet. Er hatte zugehört, in sein Inneres gesehen und erkannt, wodurch seine Zweifel die ganze Zeit genährt worden waren.
Die Zwerginnen waren sehr um das Wohl des Baumwaldes bemüht gewesen, aus dessen Bruchstämmen er das Floß notdürftig zusammengeschustert hatte. Sie hatten die Bäume sogar gefragt, ob sie das Holz verwenden dürften. Zuerst war er darüber verwundert gewesen, dann aber hatte er gelernt, in sich hineinzufühlen, und verstanden, warum sie dies und anderes taten. Er hatte auch begriffen, warum in Urgalan geschah, was dort geschah. Nun war er auf dem Floß nach einigen Tagen Irrfahrt auf dem Meer wieder zurückgekehrt, um seine Botschaft zu überbringen, selbst wenn es seinen Tod bedeuten würde.
Mit leichtem Knarren des Mastes trieb das Floß am Pier vorbei. Martin lächelte in sich hinein. Wozu sollte er sich mit dem Spott dieses Fischers abgeben? Jedes solche Gespräch wäre unfruchtbar gewesen und hätte die Art von Handlungen genährt, aufgrund derer Urgalan „groß geworden“ war. Diese sogenannte Größe bedeutete aber letztlich nur Unterjochung Anderer und beinhaltete den Zwang, noch größer zu werden. „Was nicht wächst, stirbt“ – nach diesem Motto handelten der König und nahezu alle Menschen in Urgalan. Zu sterben war nicht wünschenswert, die meisten fürchteten sich zumindest unterschwellig davor, daher wurde dieses Prinzip im Kleinen wie im Großen gelebt. Alle hatten sie vergessen, dass Wachstum nichts mit Wegnehmen zu tun hatte, dass nichts ewig wachsen konnte und dass das Sterben ebenso wie das Lieben zum Leben dazugehörte. Dies war der Kern seiner Botschaft. Mit Dankbarkeit und Frieden im Herzen dachte er an die beiden Zwerginnen zurück.
Sein Floß stieß gegen den Hafenkai. Endlich konnte er es verlassen, um wieder fest auf seinen eigenen Beinen zu stehen.
Vision
Ama sah noch lange hinaus aufs Meer, nachdem das Segel bereits weit hinter den metallenen Wracks und dem Horizont verschwunden war. In ihrem Herzen fühlte sie das Licht, welches sie mit diesem empfindsamen Mann geteilt hatte. Wie verzweifelt mussten die Mächtigen der Riesen sein, wenn selbst solche dazu gebracht wurden, für ihr Land und ihren König die Waffen zu erheben! Dieser war von seinem Ursprung her kein Kämpfer gewesen. Ama hatte bereits gefühlt, dass etwas ganz anderes in ihm steckte, als er dem Tode nahe an Land gespült worden war.
Sus trat zu ihr. „Nun ist es geschehen und unsere Botschaft ist auf dem Weg“, sagte sie mit leiser Stimme.
„So ist es, Schwester. Und wir können uns nun um die Angelegenheiten kümmern, die die neue Zeit mit sich bringt“, antwortete Ama sanft.
„Hattest du einen Traum oder eine Vision?“, fragte Sus.
„Beides. Und ich glaube, du teilst sie mit mir. Der Traum zeigte mir zweierlei. Zum einen erscheinen zurzeit Andere überall im Lande: Gleiter, Wandler, unser Federer, womöglich weitere … und auch solche von unserer Art. Zum anderen fürchten viele Menschen das, wofür gerade wir stehen. Ich erkenne diese Furcht vor dem Andersartigen, denn sie ist auch in mir, sonst hätte ich mich nicht Dekazyklen lang zurückgezogen.“
Sus runzelte die Stirn. „Du sagst, dass du Furcht in dir trägst, Schwester? Ich habe seit Zyklen keine in dir erkannt!“
Nun blickte Ama Sus fest in die Augen. „Wir sind alle Lernende. Unsere Furcht darf noch aufgelöst werden. Was uns ansonsten droht, hast du vor wenigen Tagen hier erlebt.“
„Du meinst, wir könnten so handeln wie sie?“, wunderte sich Sus und zeigte nach Osten.
„Wir sind nur in der Größe unserer Körper verschieden“, sagte Ama betont. „Unser Verstand funktioniert auf dieselbe Weise. Denke nur an das, was wir über die Reiter erfahren haben. Sie behaupten, dass nur sie mit Bäumen reden könnten, und hüten viele Geheimnisse, die gar keine sein müssten. Viele haben ihre Wurzeln einem Kult geopfert, der das Herz hinter der Rangfolge verbirgt. Und dieses Verhalten geht auf ihren Nachwuchs über. Aber es basiert nicht etwa auf Ehre, wie gern vorgegeben wird, sondern auf Furcht. Immer wenn sich irgendwo eine Kultur entwickelt, dabei die Existenz von Furcht aber verleugnet oder überdeckt wird, so wird sich diese tarnen und hinter Begriffen wie Disziplin oder Geltung verstecken, bis es irgendwo zu Konflikten kommt und sich das Aufgestaute entlädt.“ Mit Blick nach Osten ergänzte sie: „Und dagegen waren weder die Bewohner Gigantias gefeit, noch sind wir es. Es hat seinen Grund, dass man unsere Ahnen überall im Lande gefürchtet hat.“
Ama machte eine lange Pause. Dies gab Sus die Gelegenheit, das Gehörte noch einmal zu verarbeiten. Oft hatte sie sich mit ihr in den vergangenen Zyklen über solche Dinge unterhalten, jedoch war die neue Zeit da noch nicht angebrochen und vieles hatte Theorie bleiben müssen – bis zum jüngsten Ereignis, durch welches Klarheit in diese Welt hineingebrochen war wie wohl niemals zuvor. Voll Hochachtung sah sie ihre Begleiterin an. Ama war die Ältere, und auch wenn sie sich gegenseitig als gleichgestellte Schwestern wahrnahmen, so hatte Sus doch einen großen Respekt vor ihrer Empfindsamkeit und ihrem Weitblick.
Dann fuhr Ama fort: „Wir können die Unseren finden, selbst wenn sie weithin über das Land verstreut sind und es zunächst nur wenige sein dürften. Wenn wir aber den alten Klan wiedererstehen lassen wollen – und darum ging es in meiner Vision –, so wird dies nur funktionieren, wenn wir unsere Furcht überwinden. Die Zeit ist gekommen, die Hütte zu verlassen und unseren Ängsten ins Angesicht zu blicken. Nur dadurch können sie in allen Menschen aufgelöst werden.“
Sus rieb sich am Kinn. Ihr Gefühl sagte ihr, dass Ama mit jedem einzelnen Wort recht hatte. Die Zeit war also da. Ihr Aufbruch würde viele Vorbereitungen erfordern. Der Osled war kein geeignetes Vehikel, um eine lange Reise quer durch Nian zu unternehmen. Feld- und auch Stein-Ogons gehörten an die Küste und nicht ins Mittel- oder Gebirgsland. Selbst wenn sie sich in den letzten Zyklen stark vermehrt hatten, da die Worger sich aus den nebligen Wiesen der Küste zurückgezogen hatten, wäre es nicht natürlich gewesen, sie als Zugtiere für weite Reisen zu nutzen und aus ihrem Lebensraum zu entfernen. Es musste also ein Wagen beschafft oder gebaut werden, der von einem Lasttier gezogen werden und in welchem man auch übernachten konnte.
Ama lächelte, als sie erspürte, wie praktisch ihre Vertraute das Vorhaben anging. „Schön, dass du bereits planst. Ich werde dir gern dabei helfen, aber verwende nicht zu viel Zeit dafür, über ein fahrendes Heim nachzudenken. In dieser Richtung habe ich bereits etwas im Auge. Als ich neulich im Graswald und auf der Randwiese war, um Kargelkraut und Hailabel-Beeren für unseren großen Gast zu ernten, habe ich etwas gefunden, was unsere Freunde dort offenbar zurücklassen sollten. Für sie war es vermutlich wertlos, weshalb die Große Mutter sie ohne es abreisen ließ. Und sie hat dann meinen Weg dorthin gelenkt.“
„Wovon sprichst du, Schwester?“, fragte Sus mit hochgezogener Augenbraue.
„Folge mir“, erwiderte Ama mit ihrem vielsagenden und zufriedenen Lächeln, welches sie in letzter Zeit so oft zeigen durfte.
Sie schritt mit Sus landeinwärts durch den Küstenwald, dessen herrlicher Pinienduft ihr Herz jedes Mal mit Freude erfüllte. Dies waren wirklich großartige Zeiten. Der Aufbruch aller Seelen im Lande hin zu neuem Bewusstsein hatte begonnen, die alten Regeln und Verhaltensweisen würden hinweggespült werden wie die Riesenschiffe auf dem Meer. Dennoch würde es kein Spaziergang werden. Jedes bedeutende Geschehnis barg die Aussicht, Licht in den Herzen zu erwecken, das zur Erkenntnis und zum Leuchten der Liebe führen, aber ebenso auch die dunklen Bereiche im Innern schonungslos offenlegen konnte. Jeder würde für sich entscheiden dürfen, welchem Weg er folgen wollte. Ganz besonders schwierig würde diese Entscheidung für diejenigen werden, die besondere Fähigkeiten in sich entdeckten. Der Federer war jung gewesen und hatte sich noch nicht tief in das Verstandesgebäude aus Macht, Angst und Schmerz verstrickt, in welchem so viele Wesen gefangen waren. Sein Licht war rein, das eines würdigen Ersten, der diese Bezeichnung nicht als Berechtigung dafür missbrauchen würde, sich über andere zu erheben. Hoffentlich würde auch er die Seinen finden, wenn die Zeit gekommen sein würde, den Klan neu zu gründen.
„Du bist ebenso freudig wie nachdenklich“, ließ sich Sus wieder vernehmen, nachdem sie den Küstenwald verlassen hatten und nun durch den Graswald gingen. „Schön, dass du mich gelehrt hast, in großen Veränderungen immer eine Entwicklungschance und niemals eine Katastrophe zu sehen. Doch bitte teile nun mit mir, wovon du vorhin gesprochen hast. Wohin führst du mich, Schwester?“
Statt einer Antwort hielt Ama inne und wies mit dem Arm in die Richtung eines Grasbuschs. Und als Sus ihre Augen zusammenkniff, erkannte sie dahinter die Überreste einer zertrümmerten klassischen nianianischen Fahrhütte.
„Nun benötigen wir nur noch Material für die Reparatur und ein paar Tage Zeit“, meinte Ama l.
Kippstadt
Lange wollte sich Martin hier nicht aufhalten. Außer Ruinen war nicht viel geblieben. Es herrschte Gesetzlosigkeit und die Leute, die nun auf der Suche nach einem besseren Leben im Stadtkern durch die Straßen streiften, waren normalerweise Betrüger, Diebe oder Bandenmitglieder. Da er nichts außer seiner Kleidung mit der Notausrüstung und seinem Leben mit zurückgebracht hatte, brauchte er nichts mitzuschleppen und verließ auf schnellstem Wege den Hafen. Zum Glück war so früh am Morgen auf den trümmerbedeckten Straßen noch nichts los. Urgalanische Krieger waren hier nicht besonders beliebt und wurden, wenn sie nicht in Horden auftraten, gern von den Stadtmeuten als Ziel von Überfällen ausgewählt, und sei es nur, damit deren Mitglieder ihren inneren Hass irgendwohin abladen konnten.
Die zerstörte Ausfallstraße bot einen traurigen Anblick, als Martin sich schnell auf ihr entlangbewegte. Sein Magenknurren war mittlerweile so laut, dass es wahrscheinlich alle Einwohner der Vorstadt hören konnten. Wenn er nicht bald etwas zu essen bekam, würde es ihm schlecht ergehen. Zu trinken gab es in fast allen alten Wasserführungen noch genug. Man musste sich bloß jedes Mal vor den oft in der Nähe ansässigen Meuten in Acht nehmen, die nicht selten ein Paar Stiefel für einen Schluck Wasser verlangten. Zu essen aber würde er nur an einem ihm bekannten Ort in Kippstadt bekommen: in Oskars ehemaligem Gasthaus am Ortsrand in Richtung Galdau. Ehemaliges Gasthaus deshalb, weil es sich inzwischen um nicht mehr als eine heruntergekommene Klitsche handelte, die von seinen verwahrlosten Besuchern beschönigend „Kneipe“ genannt wurde. Sollte er diese ungeschoren erreichen, würde er für eine Mahlzeit allerdings etwas bezahlen müssen.
Gerade hatte er den zweiten Stadtring überquert und lief mit wachen Sinnen im Schatten der Häuser weiter stadtauswärts, als jemand aus einem Hauseingang sprang und sich ihm in den Weg stellte. Es war ein hochgewachsener, schlaksiger Kerl mit wirren roten Haaren in einer abgenutzten Jeanshose und einem löchrigen Pullover, der ihn mit in die Hüften gestemmten Armen grinsend anstarrte. „Wohin soll’s denn so schnell gehen, Urgalane? Hast du deine Kameraden verloren?“ Der drohende Unterton in der Stimme war unüberhörbar, Martin musste also davon ausgehen, dass sich weitere Menschen, möglicherweise mit Bögen oder Steinschleudern bewaffnet, in den umliegenden Ruinen verbargen und nur darauf warteten, dass er etwas Falsches sagte. Er zog es daher vor, zunächst stehen zu bleiben und die Umgebung aufmerksam aus den Augenwinkeln heraus zu beobachten. „Was willst du?“, fragte er kurz und ruhig.
Das Grinsen wurde breiter. „Nun, wie wäre es mit ein paar Münzen oder vielleicht mit etwas zu essen für einen armen, einsamen Mann?“
„Wie du siehst, habe ich nichts dabei“, erwiderte Martin, breitete seine Hände aus und machte vorsichtig zwei Schritte auf den dünnen Burschen zu, dessen Gesicht sich nun verfinsterte.
„So ein Unsinn. Du bist wohlgenährt. Alle urgalanischen Krieger sind das, und alle haben Proviant dabei. Du willst mir doch nicht erzählen, dass dein Offizier dich auf Diät gesetzt hat?“
„Hat er nicht“, sagte Martin immer noch ruhig. Erneut trat er näher an den Dünnen heran.
„Das ist nahe genug“, sagte dieser nun und winkte mit den Händen. Daraufhin sprang aus einem weiteren Hauseingang ein drahtiger, bärtiger Kerl hervor, der einen Stock mit einer daran befestigten Metallkugel schwang. Diesem folgte ein kleiner, gedrungener und kahlköpfiger Typ mit wildem Blick, welcher aussah, als hätte er sein Leben mit ungenehmigten Freistil-Kämpfen zugebracht. Er schlug eine Keule herausfordernd mit dem rechten Arm in seine linke Hand.
Martins Kriegerinstinkte wollten erwachen. Drei Burschen, mehr hatten sie nicht auf dem Kasten? Hätte er seinen Speer noch gehabt, so hätte der Kampf nicht einmal fünf Sekunden gedauert und er wäre über ihre Körper hinweg weiter stadtauswärts geschritten. Aber da war noch etwas anderes. Eine neue Stimme, die in ihm erwacht war und die Kampflust wie auch die nervös gespannten Muskeln beruhigte.
„Es hat keinen Sinn, sich mit mir anzulegen“, sagte Martin ohne ein Anzeichen von Erregung in der Stimme. „Eure Kraft wird sich nur gegen euch selbst richten.“ Damit tat er zwei weitere Schritte auf den Dünnen zu. Dieser schien zu erschrecken, trat einen Schritt zurück, sagte halblaut: „Wie du willst …“ und winkte seinen Kumpanen mit der Hand.
Darauf hatte Martin gewartet. Während er die Gruppe genau beobachtete, sprang er einen Augenblick später unvermittelt nach vorn, so dass er zwischen die beiden Waffenträger geriet, und ging direkt danach in die Hocke. Der Erfolg dieser Strategie blieb nicht aus: Beide hatten sofort mit ihren Waffen ausgeholt, um nach seinem Kopf und Oberkörper zu schlagen. Da dieser aber nicht dort war, wo er hätte sein sollen, trafen Martin weder die Metallkugel noch die Keule, sondern erwischten stattdessen den jeweils gegenüberstehenden Mann. Ächzend gingen die beiden zu Boden. Martin hatte keine Lust, darauf zu warten, bis sich einer von ihnen wieder aufgerappelt hatte. Er stürmte an dem verdatterten Dünnen vorbei, der ihm mit aufgerissenen Augen nachstarrte und murmelte: „So hat man euch das Kämpfen aber nicht beigebracht …“
Nachdem Martin etwa einen halben Kilometer schnell gelaufen war, hielt er inne und kehrte zu seinem alten Bewegungsmuster zurück, vorsichtig und wachsam voranzueilen. Offenbar folgte ihm die kleine Meute nicht, somit war es wahrscheinlich, dass dieses Gebiet bereits von einer anderen Bande beansprucht wurde. Dort hinter der zerstörten Straßenquerung konnte sich jemand verstecken, ebenso wie in dem Kellerloch dort vorn rechts … Martin hoffte, dass er sich nicht überraschen lassen und weiterhin durch Aufmerksamkeit und Wachsamkeit die Kontrolle über seine Reaktionen behalten würde. Vielleicht würde er Glück haben und ohne weiteren Zwischenfall den Ortsrand erreichen.
Auf jeden Fall war schon der erste Versuch, seine Beweglichkeit und seine Reflexe anders einzusetzen als bisher, von Erfolg gekrönt gewesen. Wie hatte die ältere der beiden Zwerginnen, Ama, doch gleich zu ihm gesagt? „Man kann mit Schnelligkeit und Kraft verletzen und Leid bringen, man kann sie aber auch nutzen, um dem anderen die Unsinnigkeit eines Angriffs zu demonstrieren. Der andere spürt dann nur seinen eigenen Schmerz. Wenn noch eine Spur Licht in ihm ist, hat er somit nicht die Gelegenheit, sich gedemütigt zu fühlen und dadurch weitere Angriffe zu rechtfertigen.“ Martin wünschte sich, dass noch eine Spur Licht in allen Menschen sei, während er weiterhin leicht gebückt um Mauerreste und andere Trümmer herum auf dem ehemaligen Bürgersteig lief. Dort vorn, weniger als einen Kilometer entfernt, begannen hinter dem äußeren Ring die Randbezirke Kippstadts, wo es keine Wasserführungen mehr gab und daher auch kaum Meuten hausten. Es würde dann nicht mehr weit bis zu Oskar sein.
Die Kneipe
Es war schon eine Weile her, seit Martin das letzte Mal hier gewesen war. Schon damals war diese Kaschemme das einzige noch einigermaßen nutzbare Gebäude in diesem Außenbezirk gewesen. Nun aber, so stellte er fest, wirkte das Haus fast ebenso verfallen wie die umgebenden Ruinen. Mit gemischten Gefühlen und einem zum Strich gezogenen Mund ging er darauf zu und betrat die Kneipe durch den alten Holzeingang, dessen Tür leicht klemmte und beim Öffnen kratzende Geräusche von sich gab. Schummrig war es hier drinnen, obwohl es Mittag war und die Sonne hoch am Himmel stand. Die wenigen Fenster waren entweder mit Lamellenplatten oder mit Brettern vernagelt worden, der Fußboden bestand aus alten, abgewetzten Holzpaneelen. Lampen, welche früher einmal elektrisches Licht geliefert haben mochten, hingen verstaubt und nutzlos an der Decke. Ansonsten gab es im Gastraum außer Bretterverschlägen, die als Raumteiler dienten, nur Tische und Bänke, und über allem hing ein muffiger Geruch nach Rauch und verschlissenen Sitzpolstern. Auf der Theke allerdings brannten zwei große Kerzen und auf hohen Hockern davor saßen drei Menschen, die sich mit dem Wirt, einem älteren Mann mit schütterem grauen Haarkranz und gekrümmtem Rücken in einem karierten Hemd, unterhielten. Alle drehten sich nun herum, um zu sehen, wer dort durch die Tür gekommen war.
„Grüß dich, Oskar“, begann Martin und nickte dem Wirt zu. „Hoffe, der Laden brummt?“
Bevor der Angesprochene antworten konnte, waren zwei der Leute am Tresen von ihren Hockern gesprungen und rannten nun zu einer Seitentür, durch die sie hastig aus der Gaststube flohen. Der dritte trug einen dunklen Mantel mit über den Kopf gezogener Kapuze. Er wirkte zwar auch nicht angenehm überrascht, reagierte aber wesentlich ruhiger und schien die Eingangstür hinter Martin ins Auge zu fassen, um zu sehen, ob weitere urgalanische Kämpen hindurchtreten würden.
„Na, kommst du, um meine Kunden zu vergraulen?“, sagte Oskar in resigniertem Tonfall und mit einem ironischen Zug um die Mundwinkel. „Jahrelang sieht man dich nicht, und dann marschierst du einfach so hier herein. Hast du deine wüsten Kumpels auch mitgebracht?“
Gut. Offenbar hatte sich die Nachricht über den Ausgang ihrer Mission noch nicht bis hier herumgesprochen. Oskars Kneipe war immer einer der ersten Plätze gewesen, an denen man von solchen Dingen erfuhr. Das bedeutete, man sah ihn hier immer noch als Mitglied einer mächtigen und brutalen Armee – ein wichtiger psychologischer Vorteil. „Sie sind andersherum gegangen. Ich wollte aber hierherkommen, weil mir mein Proviant auf See verloren gegangen ist“, erwiderte Martin. Die Augen dieses Burschen an der Theke gefielen ihm gar nicht. Generell waren ihm Menschen suspekt, denen man nicht ins Gesicht sehen konnte und die sich am helllichten Tage verhüllt in Spelunken wie dieser herumtrieben. Meist hatten sie nichts Gutes im Sinn.
Oskar begann hämisch zu lachen. „Du scheinst tatsächlich vergessen zu haben, dass die Küche seit Jahren geschlossen hat. Das war bei deinem letzten Besuch so und bei diesem ist es das immer noch. Oder glaubst du, dass hier in der Nachbarschaft“, er holte mit einem Arm weit aus, „plötzlich der Wohlstand ausgebrochen ist?“
„Lass das Gequatsche. Ich weiß, dass du immer noch etwas im Schrank hattest, auch wenn du schon ewig nichts mehr für Gäste brutzelst“, sagte Martin in einem etwas schärferen Ton.
Der Wirt zuckte mit den Achseln. „Tut mir leid, mein Junge, aber dieses Mal bist du umsonst gekommen. Das Pack aus der Stadt hat mir die längste Zeit meinen Laden ausgeräumt. Seit ich nichts mehr vorrätig habe, bleiben sie weg. Wenn du willst, kannst du etwas zu trinken haben.“ Er holte eine Flasche hinter der Theke hervor und stellte sie darauf. „Ansonsten würde ich sagen, du verschwindest besser wieder dahin, wo du hergekommen bist.“
Die Gestalt am Tresen bewegte sich unvermittelt und griff nach der Flasche. Ohne Martin auch nur eine Sekunde aus dem Auge zu lassen, schenkte sich der Bursche sein Glas voll und stellte die Flasche dann wieder ab. In Martins rechtem Arm hatte es kurz gezuckt. Es wäre nicht das erste Mal gewesen, dass eine zerbrochene Flasche sich plötzlich in eine Waffe verwandelte, die sich gegen ihn richtete. Was mochte dieser unheimliche Kerl nur vorhaben? Bisher hatte er noch nicht ein Wort gesagt.
Irgendetwas stimmte hier nicht. Oskar hatte natürlich irgendwo Vorräte versteckt, alles andere hätte nicht zu ihm gepasst. Das aber konnte nur eines bedeuten: Wer immer der Typ auf dem Hocker war, er sollte das nicht wissen. Vielleicht wollte Oskar ihn selbst mit dieser Tour sogar schützen … Es war für ihn eindeutig Zeit zu gehen und vielleicht später noch einmal zu erscheinen. „Mein Sold reicht nicht für dieses elende Zeug“, sagte Martin und nickte der Flasche zu. „Wenn du nichts zu beißen hast, geh ich eben wieder und frag auf dem Weg weiter.“ Gerade wollte er sich umdrehen, als etwas äußerst Merkwürdiges geschah: Die verhüllte Gestalt stand auf, griff an ihre Seite und riss sich dann mit einem einzigen Ruck den Kapuzenmantel vom Körper. Noch während er zu Boden sank, wurde Martin einiges klar.
Vor ihm stand eine schlanke und hochgewachsene dunkelhaarige Frau im schwarzen Kleid einer Karnola des Königs, an ihrem Gürtel das typische blitzende Rundwurfschwert. Diese äußerst gefährliche Waffe ließ sich im Nah- und Fernkampf einsetzen. Manche Mitglieder des Geheimbundes der Karno hatten sich sogar darauf verlegt, das Schwert so zu werfen, dass es nach Verrichtung der Dinge wieder zu ihnen zurückkehrte. Nur wer exzellent trainiert war, konnte so ein kreiselndes Objekt wagen zu fangen.

Oskar wurde leichenblass und duckte sich mit schreckensstarrem Gesicht hinter seine Theke. Auch Martin war mit einem Mal mulmig zumute. Seine Gedanken rasten. Karno-Angehörige waren fast immer weiblich, eiskalt und wurden vom König niemals ohne konkreten Auftrag oder Ziel entsandt. Um Oskar konnte es sich dabei nicht handeln, denn er hatte offensichtlich nicht gewusst, wer da die ganze Zeit über an seiner Bar das vermutlich selbstgebrannte Zeug aus seiner Flasche geleert hatte. Also hatte es etwas mit ihm zu tun …

„Kämpfer, wie ist dein Name?“, fragte die Karnola herrisch.
„Martin“, antwortete der Angesprochene mit so fester Stimme wie möglich.
„Der vollständige Name!“, fauchte sie mit blitzenden Augen. „Und dein Auftrag!“
„Martin Darian Kalder, verehrte Karnola“, erwiderte er. „Ich bin Träger einer Botschaft für Kraton den Edlen, unseren ehrenwerten König.“
Die Karnola schritt nun langsam um ihn herum. Ihr Gesichtsausdruck veränderte sich allmählich zu einem herablassenden Lächeln. „Wenigstens hast du nicht vergessen, was sich gehört“, sagte sie schließlich ein wenig versöhnlicher. „Nenne mir deine Botschaft.“
Von so viel Dreistigkeit war Martin nun aber doch überrascht. „Karnola, Ihr wisst, dass ein Herold mit einer Botschaft für den König diese ausschließlich ihm selbst mitteilen darf. Wenn ich Ihnen den Inhalt offenlegte, hätte ich mein Leben verwirkt.“
Die Karnola wirkte zufrieden. Nachdem sie noch ein paarmal hin und her geschritten war, hob sie erneut an zu reden: „In Ordnung, Herold. Du bringst vermutlich Kunde von der Eroberung zum Palast nach Urlich. Weshalb aber sind deine Kameraden nah, wie du zum Ausdruck brachtest, wo du doch ein Vorbote sein willst? Sprich!“
Nun musste Martin zugeben, dass es keine anderen Kämpfer in der Nähe gab. Natürlich wollte er ihr aber keinen reinen Wein über den Untergang der Flotte einschenken. So entgegnete er schließlich: „Sie sind noch gar nicht hier. Ich wurde tatsächlich allein losgeschickt, wollte dies aber in diesem Umfeld nicht offenlegen.“
„Klug gehandelt, Soldat“, sagte die Karnola nach kurzer Pause, während sie etwas entspannter durch den Raum schlenderte, so dass sich ihr Kleid im Licht der Kerzen wiegte. „Wäre ich ein Betrüger oder gar ein Bandenspion gewesen, hätte ich diese Information sonst leicht gegen dich verwenden können.“
Zögerlich erschien Oskar wieder hinter dem Tresen. Er war immer noch kalkweiß. „Mö… Möchtet Ihr vielleicht noch etwas …“, stotterte er, aber die Karnola beachtete ihn nicht und sprach stattdessen weiter zu Martin: „Wie ich sehe, zählt die Ehre des Königs bei seinen Boten aus der Armee noch etwas. Gut, so setze deinen Weg fort, wie es dir beliebt, Herold.“ Daraufhin griff sie ihren Mantel, schwang ihn sich erneut um den Körper und stolzierte durch die hölzerne Eingangstür davon. Zurück blieben ein überraschter urgalanischer Kämpe und ein schlotternder Wirt, der sich nun zunächst selbst einen Schluck aus der Flasche genehmigen musste.
„T… Tut mir leid, Martin – ich wusste nicht, wer das war, schon gar nicht, was sie war!“, stieß er hervor. „Sie hatte vorher die ganze Zeit kein Wort gesagt, immer nur mit den Händen gedeutet. Ich dachte, es sei ein stummer Veteran oder so.“
Martin rieb sich nachdenklich die Wange. „Schon gut, Oskar. Was mich an dieser Sache so wundert – sie war ganz offensichtlich nicht deinetwegen hier, hatte aber auch mit mir nicht gerechnet. Was zum Henker hat sie für einen Auftrag?“
Galdauer Land
Martin sann immer noch über die Begegnung in der Kneipe nach, als er auf der breiten, aber zu einem Großteil überwucherten Straße gen Südosten weiterzog. Er hatte nach einigen Stunden Marsch in Richtung seines Heimatlandes die Umgebung Kippstadts hinter sich gelassen und befand sich nun in einem ehemals fruchtbaren Gebiet Atalans. Hier war es wenigstens ruhig und man musste nicht ständig mit Überfällen rechnen. Die früher gut ausgebaute, mehrspurige Straße, auf der moderne, schnelle Fahrzeuge entlanggebraust waren, war nunmehr von Löchern durchzogen und an den Rändern mit Büschen bewachsen. Auch die Fahrbahndecke selbst zeigte mehr grünen Kräuterbewuchs als das Grauschwarz des früheren Asphaltbelags. Schrott und Wrackteile lagen herum und säumten die Ränder. Dahinter lagen ehemalige Obstplantagen, die nun verwilderten und Tieren oder Landstreichern Heim und Nahrung boten.
Martin schüttelte den Kopf. Was für eine Schande! Hier verrotteten möglicherweise in jedem Sommer Tonnen essbarer Früchte, während sich in der Stadt zig Meuten um die wenige vorhandene Nahrung prügelten. Aus Angst verließen sie die Stadt nur, wenn sie mussten – Angst davor, dass sie von anderen Banden aufgerieben wurden oder dass bei ihrer Rückkehr bereits eine andere Meute ihr Gebiet beanspruchte. Was war nur aus diesem Land geworden?
Natürlich hatte Oskar noch Vorräte unter einer losen Diele in seinem Hinterzimmer gehabt. Dieser Bursche wusste, wie man überlebte. Selbst die zwielichtigen Gestalten, die sich meist in seinen Räumlichkeiten herumtrieben, wussten einen Anlaufpunkt wie die Kneipe zu schätzen und waren bereit, auf welche Weise auch immer für das zu bezahlen, was man dort bekam.
Nach einem guten Mittagbrot hatte sich Martin also mit einer Tasche und ein wenig Proviant wieder in Richtung Urgalan aufgemacht. Dafür hatte er allerdings auch etwas hergeben müssen: einen Teil der Notausrüstung jedes Kämpfers, das Texpack, womit man Schäden an Kleidung oder auch Schuhen selbst reparieren konnte. Nur sein Sanpack war ihm noch geblieben, auch wenn das Pflastermaterial durch seinen unfreiwilligen Aufenthalt im Wasser des Meeres womöglich unbrauchbar geworden war. Obwohl er gut vorankam, dauerte Martin angesichts der sinkenden Sonne die Reise viel zu lange. An diesem Tag würde er Galdau nicht mehr erreichen und war vermutlich dazu gezwungen, die Nacht abseits der Straße in einem der alten Plantagengebiete zu verbringen. Nun, dies hatte auch Vorteile – zu dieser Zeit des Jahres gab es möglicherweise bereits verlassene Apfelbäume mit Früchten daran, so dass er ein Frühstück und weiteren tragbaren Proviant bekommen konnte.
Martin hielt einen Moment inne und fühlte in sich hinein. Ja, das Licht war noch dort. Die bedrückende, triste Umgebung schlug einem aufs Gemüt. Wer überall nur Zerstörung zu sehen bekam, konnte vergessen, wie reich er innerlich war. Er wollte nicht, dass so etwas passierte. Dazu war ihm das neu Gelernte viel zu wertvoll. Wie viel mehr stimmte es mit seinem inneren Empfinden überein als der Inhalt seines bisherigen Lebens …
Die Sonne versank hinter dem bewachsenen Seitenstreifen. Es begann, dunkler und kühler zu werden. Nicht eine Menschenseele war Martin seit dem Verlassen Kippstadts begegnet. Lediglich ein Luchs oder Marder lief von Zeit zu Zeit über die verwüstete Straße, oder ein Rabe kreiste darüber. Es war Zeit geworden, sich einen Schlafplatz zu suchen. Also bahnte sich Martin einen Durchgang durch das Gestrüpp am Straßenrand auf das dahinterliegende Feld. Dort wuchsen Disteln, Brennnesseln und andere Kräuter zusammen mit halbhohen Büschen zwischen der ehemaligen Plantagenbepflanzung, deren Anordnung in diesem Durcheinander nur noch mit einiger Fantasie zu erkennen war. Er erblickte Zwetschgenbäume, die jedoch ihre Kraft in die Ausbildung von Wassertrieben gesteckt hatten und nicht mehr trugen. Alte Kirschbäume mit längst verfaulten Früchten zeichneten sich gegen den dunkler werdenden Abendhimmel ab und verweigerten ihm die Hoffnung auf etwas Obst am nächsten Morgen. Martin seufzte. Zwerg müsste man sein, dann hätte man die Bäume um Unterstützung bitten können, wie ihm die beiden winzigen Frauen erzählt hatten. So aber musste er sich freuen, dass es nicht regnete und kaum windig war.
Bevor er die Augen schloss, dachte er noch einmal an den vergangenen Tag zurück. Die Sache mit der Karnola ließ ihm keine Ruhe. Ein solches Verhalten kannte er von den Geheimagentinnen des urgalanischen Königshauses nicht. Wenn sie sich jemandem zu erkennen gaben, erfuhr man entweder rasch den Grund oder war danach tot. Diese schwarze Dame jedoch war einfach nach dem üblichen Einschüchterungsritual verschwunden und hatte selbst Oskar, einen Atalanen, am Leben gelassen. Vielleicht hatten sich in den Wochen seit der Abreise seiner Einheit aus Urlich, Urgalans Hauptstadt, mehr Dinge verändert, als er dachte. Nun, an diesem Tag würde er es nicht mehr herausbekommen. Er drehte sich auf die Seite und war bald eingeschlafen.
Ruckartig fuhr er aus dem Schlummer. Was war denn das gewesen? Dunkel war es noch, der Himmel bewölkt, der Mond verhüllt. Wie spät mochte es sein? Gerade wollte Martin sich wieder hinlegen, als er erneut ein lautes Geräusch hörte: die Hupe eines schweren Wagens. Nun drang auch Motorgeräusch an sein Ohr, ein hohes Brüllen. Jemand fuhr das Fahrzeug in einem niedrigen Gang mit hoher Geschwindigkeit. Schon war auch das Rumpeln zu vernehmen, welches es auf der überwucherten Straße verursachte, dazu schrilles Lachen und Johlen. Das konnte nur eins bedeuten: Eine der Meuten hatte einer anderen ihr Statussymbol abgeluchst und veranstaltete nun eine Art Siegesfeier.
Martin schüttelte den Kopf. So eine Vergeudung wertvoller Ressourcen in diesem armen Landstrich … Vor wenigen Jahrzehnten war dies Gebiet hier wohlhabend gewesen und viele solcher Vehikel waren auf der sogenannten Autobahn von Galdau nach Kippstadt, damals noch Feste des Lichts, gefahren. Fluggeräte waren nördlich der Stadt gestartet und gelandet, hatten weite Strecken zurückgelegt und Atalanen in Gebiete gebracht, von denen er noch nie etwas gehört hatte. Eisenbahnen hatten in regelmäßigem Takt zwischen allen Städten des Landes verkehrt. Hohe Türme hatten sogenannte Funkwellen über den halben Kontinent geschickt, praktisch jede atalanische Familie hatte einen oder mehrere Empfänger für die Bild- und Tonübertragungen gehabt. Über das kleine Meer im Norden der Stadt war eine alles überragende Brücke gebaut worden, die weithin als Denkmal für die technischen Leistungen Atalans geleuchtet hatte. Nun aber war alles zerstört. Keiner schien mehr genau zu wissen, was passiert war. Niemand sendete mehr eine Übertragung, in rostenden Waggons hausten die Banden des Vorlandes und selbst die Große Brücke war vor vielen Jahren eingestürzt.

Urgalan war von den Annehmlichkeiten der atalanischen Kultur ausgespart worden. Sein Land galt als unzivilisiert und barbarisch, womit die Atalanen damals wie derzeit nicht ganz unrecht hatten. Neidisch und von Hass zerfressen hatte sich der damalige Herrscher über den Niedergang des reichen Nachbarlandes gefreut und an einem bestimmten Punkt die Gelegenheit ergriffen, seine Horden auszusenden. Auf Widerstand war er kaum noch gestoßen. Feige und mit unsäglicher Brutalität waren die Krieger Urgalans über das darniederliegende, wehrlose Land hergefallen und hatten es im Handstreich unterworfen. Um die Bewohner zu demütigen, hatte der König dem Namen des Landes das Wort „Provinz“ vorangestellt. Danach war das Gebiet geplündert und sich selbst überlassen worden.
Das alles war der Grund dafür, dass dort auf der alten Autobahn nun Menschen solche Rituale brauchten, um ihrem Leben ein wenig Bedeutung zu geben. Auch er, Martin, hatte seine eigenen Bräuche dafür gepflegt, als er sein Licht noch nicht gekannt hatte. Er konnte Leute verstehen, die lautstark schreiend ihren Triumph zelebrierten. Allerdings war er sich mittlerweile auch der Folgen bewusst, welche solches Handeln unweigerlich nach sich zog. Er selbst wollte nicht mehr unaufhörlich zwischen Rausch und Frustration pendeln.
Der Wagen war inzwischen näher gekommen. Das Rumpeln und Motorengebrüll war nun unüberhörbar, Lichtkegel durchschnitten die dunkle Nacht, und jedes Mal, wenn die Räder mit dem alten Asphalt in Kontakt kamen, gesellte sich Reifenquietschen hinzu. Es musste sich um ein Geländefahrzeug handeln, denn von Zeit zu Zeit krachte es, wenn ein offenbar schwerer Kühlerschutz einen Ast rammte und von der Straße stieß. Die Insassen hingen wohl teilweise aus den Fenstern heraus, ihr Gejohle hätte einen Bären aus seinem Winterschlaf geholt.
Plötzlich endete das Rumpeln abrupt. Der starke Motor heulte mit höchster Drehzahl auf, Scheinwerferlicht erhellte kurz die Wipfel der Bäume neben der Straße und das irre Lachen der euphorisierten Fahrgäste verwandelte sich schlagartig in ein entsetztes Kreischen. Einen Herzschlag später ertönte ein unglaublich lautes Krachen, gefolgt vom Scheppern sich verformenden Metalls und dem Splittern von Glas. Das Poltern einer sich überschlagenden großen Masse schloss sich an, dann war alles wieder still und dunkel.
Kachler
Martin hatte genug gehört. So schnell er konnte, bahnte er sich den Weg durch die dunkle Nacht zurück auf die Straße. Glücklicherweise war dort noch ein schwaches Licht zu erkennen, wo das verunglückte Fahrzeug lag. Vorsichtig und leise näherte Martin sich dem verbeulten Objekt, dessen linker Scheinwerfer beim Aufprall nicht zerstört worden war und nun nach unten in einen Pflanzenteppich hineinleuchtete. Sein gespenstisches Glimmen tauchte zusammen mit den entstehenden Schatten die Umgebung in ein unwirkliches Licht.
Als Martin das Wrack des Wagens fast erreicht hatte, hörte er, wie eine der Türen kraftvoll unter metallischem Kreischen geöffnet wurde. Heraus sprang eine menschliche Erscheinung, die sich den Arm hielt und nach kurzem Rundblick in die Dunkelheit davonhastete. Ihr folgte ein weiterer Schatten, welcher sich von der Straße erhob und dann ungelenk humpelnd das Weite suchte. „Gut – die beiden sind einigermaßen okay“, dachte Martin. Dann aber erspähte er im grünen Zwielicht eine weitere Gestalt, die sich einige Meter entfernt vom Fahrzeug auf dem Boden krümmte.
Nachdem er sich vergewissert hatte, dass sich sonst niemand in der Nähe aufhielt, war Martin blitzartig zur Stelle und beugte sich über den Verwundeten. Viel sehen konnte er nicht, es schien sich um einen sehr jungen Mann zu handeln, der sich stöhnend den Kopf hielt. Martin lief zum Wrack, zog geistesgegenwärtig sein Lederoberteil aus, benutzte es als Handschuh und riss mit einem Ruck den bereits gelockerten Scheinwerfer aus seiner Verankerung, um ihn auf den Verletzten zu richten. Nun konnte er erkennen, dass der recht schmächtige, vielleicht siebzehn Jahre alte Junge neben einer großen Platzwunde an der Stirn auch ein aufgerissenes Hosenbein hatte, aus welchem Blut sickerte. Ohne nachzudenken griff er nach seinem Sanpack, holte ein großes Pflaster zusammen mit etwas Desinfektionslösung heraus und versuchte, die Kopfwunde zu behandeln.
„Psst, halt still, Bursche! Wie soll ich dich sonst verarzten?“, stieß er ärgerlich hervor, als der Kopf des jungen Mannes bereits zum zweiten Mal zur Seite zuckte, nachdem die Flüssigkeit die Wunde berührt hatte. Schließlich gelang es ihm, das Pflaster darüberzukleben. Nun wandte er sich dem verletzten Bein zu. Ein großes Sterilo und zwei kräftig angezogene Verbände waren nötig, um die Blutung zu stillen. Wenigstens war es nicht gebrochen.
„Bist du sonst noch verletzt?“, fragte Martin den so Versorgten, der bisher noch kein Wort gesprochen, sondern nur laut geächzt hatte. Da erst bemerkte er, dass der Junge ihn mit einer Mischung aus Verwunderung und Angst betrachtete. „Schon gut, du siehst doch, dass ich helfen will!“, fügte er daher hinzu.
Jammernd begann sein Gegenüber nun erstmalig zu reden: „Nur am Kopf und Bein … aber Sie sind … Sie sind ein urgalanischer Kämpfer! Sie kommen um zu töten! Oder wollen Sie mich etwa zum Sklaven machen? Ich … ich … Lassen Sie mich gehen, bitte!“
Da war es wieder. Martin stand auf und knetete sich nachdenklich mit der linken Hand den Nacken. So funktionierte Gesellschaft hier: Einschüchterung, Angst, Beherrschung, Unterdrückung. Gerade eben hatte dieser Kerl noch über seine Mitmenschen und ihre Dummheit gespottet, sich so einen heißen Flitzer abjagen zu lassen, und zwei Minuten später lag er wimmernd auf der Straße und bettelte um Gnade. Zorn keimte in Martin auf – aber nicht auf den am Boden Liegenden, sondern irgendwie auf alles. Noch vor zwei Wochen hätte er diesem Kerl entweder seine Verachtung oder seine Überlegenheit demonstriert und ihn gefesselt als Beute vor sich hergetrieben, um ihn in Galdau jemandem gegen eine gute Mahlzeit und eine Jacke zu überlassen. Das Wissen darum, dass hierzulande so verfahren wurde, stieß ihm ebenso sauer auf wie die Tatsache, dass er als Uniformierter Teil dieses Systems gewesen war und genau dies einige Male getan hatte.
„Vergiss dein Licht niemals, besonders dann nicht, wenn Furcht, Scham, Wut oder Kummer ihren Tribut fordern.“ Amas Stimme hallte in seinem Geist wieder und erinnerte ihn daran, dass er jederzeit selbst entscheiden konnte, welchem Weg er folgen wollte. So richtete er seinen Blick nach innen. Ja, dort war es und darin herrschte Friede. Er brauchte ihn nur anzunehmen.
„Bursche, wenn ich etwas in dieser Art vorhätte, würde ich weder mein Sanpack an dich verschwenden, noch mir die Mühe machen, mit dir zu reden“, ließ Martin seine Stimme vernehmen. „Schluss mit dem Gejammere!“ Nachdem er sich sein Oberteil wieder übergestreift hatte, ergänzte er etwas sanfter: „Mein Auftrag ist ein vollkommen anderer. – Vielleicht sagst du mir erstmal deinen Namen.“
„Ich … ich bin Daniel“, stotterte der Junge verblüfft im Licht des Scheinwerferkegels. Außer der Platzwunde und dem verletzten Bein hatte er allerhand Abschürfungen und Schrammen, seine Kleidung war zerschunden. „Aber Sie, Sie sind doch …“
„Gut, Daniel. Ich würde dich gern um etwas bitten: Hör mit dem Gesieze auf. Wir sind hier in freier Wildbahn und müssen uns beide durchschlagen. Da passt das nicht.“
Daniels Verblüffung wurde immer größer. Warum war dieser bärenstarke Kerl mitten in der Nacht aus der Deckung gekommen, wenn er weder etwas aus dem Wagen klauen noch ihm schaden wollte? Und wenn er Soldat war, was faselte er da von einem „anderen Auftrag“ und „freier Wildbahn“? Wo waren seine Kameraden? Es gab keine einzeln durch die Lande ziehenden Kämpen in offizieller urgalanischer Uniform. Nun ja, offenbar wollte er ihm wirklich nichts tun. Und so begann er: „Wie heißen S… äh, wie heißt du denn?“
„Mein Name ist Martin“, erwiderte der Angesprochene ruhig. „Und ich möchte jetzt gern von dir wissen: Was ist vorhin passiert, wie viele Typen waren in deiner Meute und sind hier noch weitere von deiner Sorte?“
Daniel hatte immer noch etwas Angst und beruhigte sich nur langsam. Er wischte sich einmal vorsichtig über das großflächige Stirnpflaster, verzog schmerzhaft das Gesicht und begann dann zu berichten: „Wir nennen uns die Kachler und waren zu dritt in diesem Wagen, den wir vorhin den Brandhörnern abgenommen haben. Die brutzelten sich auf ihrem Hinterhof gerade irgendwas Gejagtes, als wir losrannten und damit davondüsen konnten. Das war ihre einzige Mühle, sie konnten uns also nicht folgen.“ Ein Grinsen huschte über Daniels zerkratztes Gesicht. „Es war das erste Mal in drei Monaten, dass wir ihnen eine Niederlage beibringen konnten. Die Gesichter hättest du sehen sollen, als …“
„Das interessiert mich nicht“, fuhr Martin ihn an, um dann etwas ruhiger weiterzusprechen: „Nur ab dem Moment, bevor es hier geknallt hat.“
Daniel zuckte zusammen. „In Ordnung … also, wenn wir uns mal ein Auto ziehen können, hämmern wir damit immer volle Möhre über die alte Bahn hier, bevor wir es gegen ordentlich was zu mampfen oder so eintauschen. Daher haben wir ja auch unseren Namen. Sowas macht tierisch Bock. Na ja, und Frank hat’s dann halt ein bisschen übertrieben. Ich hing grad aus dem Fenster hinten, als die Karre ’nen Mordssatz machte. Hab direkt gecheckt, das geht nicht gut, aber da war’s schon zu spät, ich flog durch die Luft und bin hier aufgeschlagen. Den Rest kennst du.“
„Kenne ich nicht“, sagte Martin. „Wo sind denn dieser Frank und dein anderer Kumpel hin, wenn ihr eine Bande seid?“
Daniel sah mit einem Mal sehr resigniert aus. Nach einer Pause antwortete er leise: „Die sind vermutlich abgehauen …“
„Tolle Meutenfreunde“, meinte Martin, drehte sich zum Wagen und ging darauf zu. Ihm war nämlich eingefallen, dass Autos normalerweise einen Verbandskasten mit sich führten, der sich entweder unter einem Sitz oder im Kofferraum befand. Wenn er schon sein Sanpack angebrochen hatte, konnte er es daraus vielleicht wieder auffüllen oder den Kasten gleich ganz mitnehmen. Nachdem er durch die aufgebogene Fahrzeugtür unter die Vordersitze des halb auf der Seite liegenden Wracks geschaut und nichts gefunden hatte, versuchte er, die stark verzogene Kofferraumklappe zu öffnen. Als ihm dies auf herkömmlichem Wege nicht gelang, packte er ein hervorstehendes Teil mit beiden Händen und riss mit einem gewaltigen Ruck das verbeulte Stück Blech zur Seite. Aus dem Kofferraum heraus polterten zwei Teile: ein leerer Blechkanister, der nur geringfügig eingedellt war, und der ersehnte kleine Verbandskasten aus Kunststoff. Seine Hülle war zwar an einigen Stellen gebrochen, aber der Inhalt schien noch vollständig intakt zu sein.
Mit den Teilen in den Händen kehrte Martin zum nunmehr bewundernd dreinblickenden Daniel zurück. Dieser hatte sich zum Sitz aufgerichtet und stammelte: „Donnerwetter! Schade, dass du ein Soldat bist … solche Kräfte könnten wir gut gebrauchen …“
„Wir? Wen meinst du mit ‚wir‘? Etwa deine Kumpel, die dich hier verrecken lassen hätten? Bursche, wach auf, das Thema hat sich erledigt! Kein Rumgeheize mehr mit fremden Karren, du bist auf dich gestellt und wirst hoffentlich nicht mehr so ausgesprochen dämlich sein, deine Ressourcen so zu verschwenden!“ Nun war Martin doch aufgebracht und musste sich wieder etwas zügeln. „Sag mir lieber, ob ihr noch mehr brauchbares Zeug an Bord hattet.“
„Im Handschuhfach könnten noch ein paar Dosen liegen“, hauchte Daniel eingeschüchtert mit gesenktem Blick.
„Okay, ich seh mal nach“, erwiderte Martin ruhiger. Und tatsächlich, nach einer Weile kehrte er mit vier Dosen zurück. „Ist da auch ein Öffner dabei?“
Zum ersten Mal zeigte Daniels Gesicht ein richtiges Lächeln. „Manchmal ist es gut, der Depp zu sein, der meist nicht fahren darf, aber alles reparieren können soll“, sagte er und wollte etwas aus seiner Hosentasche herausholen. Mit einem Aufschrei fiel er wieder zurück auf den Boden. Diese Bewegung war offensichtlich sehr schmerzhaft für ihn gewesen. Martin ging zu ihm und zog vorsichtig ein zusammengeklapptes Mehrfachwerkzeug aus seiner Tasche. Seine Augen begannen zu leuchten. Dieses Ding war nicht mit Gold aufzuwiegen, wenn man sich ohne Ausrüstung durch ein gesetzloses Land schlagen musste!
„Hab ich mir doch gleich gedacht, dass du auch nur ein Dieb bist“, erklang es gedämpft von unten.
Statt darauf einzugehen, legte Martin seine Hände unter Daniels Kopf und Rücken und richtete ihn vorsichtig wieder zum Sitz auf. Dann sah er ihm direkt in seine nun wieder furchtsamen Augen und sprach sanft: „Mein Junge, es tut mir leid, dass du so etwas denkst. Ich verstehe dich, du hast nichts anderes kennengelernt. Dafür wird es jetzt langsam Zeit.“
Daniel glaubte, er habe sich verhört. Redete so ein Krieger der Königlichen Urgalanischen Armee, selbst wenn er offensichtlich allein durch die Lande streifte? Er selbst war ein Atalane, sein Leben war für einen Urgalanen keinen Pfifferling wert. Dieser Kerl jedoch behandelte ihn, als wäre er sein Onkel oder sowas … Jetzt hielt er ihm auch noch eine von den Dosen hin!
„Wünsche ein angenehmes Nachtmahl … oder Frühstück“, fuhr Martin nun fort. Recht hatte er, denn im Osten zeigte sich allmählich der Silberstreif des ersten Tageslichts. „Bevor wir hier aber zu schmausen beginnen, sollten wir vielleicht von der Straße heruntergehen. Vielleicht kommen ja doch noch ein paar von diesen Brandhörnern vorbei, um euch zu jagen. Kannst du aufstehen?“
Nein, das konnte Daniel nicht. Also ergriff Martin ihn unter Schultern und Knien und hob ihn hoch.
Daniel schrie auf, Pein raste von seinem Bein aus durch seinen Körper und auch die pochenden Kopfschmerzen wurden wieder stärker. Nach einer gefühlten Ewigkeit, in der er alle Kräfte dafür benötigte, weitere Schmerzensschreie zu unterdrücken, wurde er schließlich auf dem Boden unter einem Obstbaum abgelegt und fiel keuchend in sich zusammen. Nichtsdestoweniger musste er noch ertragen, dass ihm Martin etwas später im Halbdunkel den Verband wechselte.
Auf ins Ungewisse
Gemächlich zockelte das Gespann über die schmale Straße, die von der Küste aus ins Landesinnere führte. Sus saß mit traurigem Blick auf dem neu gezimmerten Kutschbock und hielt die Zügel des kleinen, aber kräftigen Lasttieres, welches ihnen der Bauer für die Habseligkeiten gegeben hatte, die sie ansonsten hätten zurücklassen müssen. Schade, dass niemand in der alten Hütte wohnen wollte. Sie lag aber einfach zu nah am Küstenwald für jemand, der nichts von den Zusammenhängen verstand, und Pinienreiter konnte es nun einmal nicht geben. Betrübt schaute Sus auf den Weg, den das Gefährt mit knarrenden Rädern und quietschender Deichsel entlangrollte. Es war schon schwierig gewesen, sich von den zahmen Ogons und dem Osled zu verabschieden, die ihnen so lange treu gedient hatten. Na, so hatten sie bei dem Bauern wenigstens ein neues Zuhause, und Ogons als Transporthilfen hatte wahrlich nicht jeder.
Ama gesellte sich zu ihr. Offenbar war sie mit den Befestigungsarbeiten in der wieder aufgebauten Fahrhütte fertig geworden. Zu Beginn der Fahrt war doch einiges durcheinandergeflogen. Die Hütte war kleiner geworden, als sie es ursprünglich gewesen war, denn erstens hatten sie nicht so viel Material gehabt und zweitens hatte noch der Kutschbock Platz finden müssen, der ja beim Betrieb mit einem Motorfahrzeug nicht nötig gewesen war. „Soll ich dich ablösen, Schwester?“, fragte sie.[no image in epub file]
Sus schüttelte den Kopf. Sie waren ja seit ihrer Abreise am frühen Morgen gerade erst acht oder neun Langmaße gereist. Wenn sie also erschöpft aussah, dann aus dem Grund, dass ihr der Abschied so schwerfiel. So sehr hatte sie sich daran gewöhnt, als Einsiedlerin zu leben, dass sie sich gar nicht mehr vorstellen konnte, regelmäßig fremden Leuten zu begegnen. „Sag mal … ist es eigentlich in Ordnung, wenn man Schwierigkeiten mit solchen Gefühlen hat?“, fragte sie unvermittelt.
Ama drehte sich zu ihr und bedachte sie mit einem mitfühlenden Blick. „Du glaubst doch nicht, dass mir das einfach so von der Hand geht, oder?“, fragte sie.
„Aber du wirkst so gefasst und zuversichtlich! Ich trage die ganze Zeit Kummer in mir, obwohl ich doch weiß, dass das gar nicht nötig ist, weil ich doch vertrauen darf!“, stieß Sus etwas gequält hervor.
Ama nahm ihr die Zügel aus der Hand und hielt mit einem lauten „Rrrm“ den Wagen an. Dies war wichtiger als voranzukommen. „Kommst du bitte kurz mit? Es ist schwierig, so etwas auf einem Kutschbock zu besprechen.“
Sus stieg mit Tränen in den Augen vom Fuhrwerk hinab und ließ sich von Ama einige Kurzmaße weit in den Graswald führen. Neben einem großen Elefantenfuß, der zwischen den Gräsern seine Wurzeln geschlagen hatte, nahm Ama sie in die Arme und sagte ihr sanft ins Ohr: „Du brauchst dich mit solchen Gedanken nicht zu belasten, Schwester. Wenn Vertrauen da ist, ist es da; wenn es mal fehlt, wird es zurückkommen. Niemand verlangt von dir oder sonst jemandem, seine Gefühle beherrschen zu können. Lass den Schmerz gewähren, so lange er sein möchte. Und glaube nicht, dass du allein Kummer trägst, nur weil ich gefasster wirke. Komm, lass es heraus … und dann sieh mich an.“
Sus spürte die Wärme ihrer älteren Freundin und begann zu schluchzen. Mehr und mehr Tränen ergossen sich aus ihren Augen über Amas Arm, um dann auf die Erde zu tropfen. Nach etwa einer Mittelzeit warf sie auf einmal den Kopf zurück und dann brüllte es aus ihr heraus: „Ich will hier nicht weg! Es war so schön alles! Ich weiß, dass es vielleicht besser wird und wir auch den Kontakt zu anderen Schwestern finden werden, aber es war einfach total schön!!“
Ama wartete eine Weile, bis das Schreien wieder in Schluchzen übergegangen war. Dann nahm sie Sus’ Hände in ihre, stellte sich kerzengerade mit geschlossenen Augen vor sie hin, führte ihre eigenen mit den Handflächen der jüngeren Bruka zusammen und flüsterte: „Nun schau.“
Allmählich entstand ein Gleißen zwischen ihren Handflächen, welches sich zu einem hellen Leuchten steigerte. Sus beruhigte sich zusehends und richtete sich ebenfalls auf. Einige Mittelzeiten lang verharrte sie verbunden mit ihrer Freundin. Als sie ihre verquollenen Augen wieder aufschlug, sah Ama sie bereits mit ihrem sanften, tröstenden Blick an.
„Du bist ja genauso traurig wie ich …“, flüsterte Sus. Der Kloß im Hals war zu groß, als dass sie richtig hätte sprechen können. Sie führte ihre Hand durch Amas Gesicht und strich ihr ebenfalls eine Träne von der Wange. „Danke für diese Schau der Dinge.“
„Es ist immer schön, das Erleben mit dir zu teilen, verehrte Schwester“, sagte Ama sichtlich ergriffen. „Noch etwas: wenn du es dir wirklich mit dem Herzen wünschst und es nicht nur ein Festhalten an Dingen ist, dann wirst du eines Tages zurückkehren.“
Die beiden Brukas umarmten sich noch eine Weile, bis sie gemeinsam Hand in Hand die kurze Strecke zum Weg zurückschlenderten. Sie bedankten sich bei ihrem Lasttier für seine Geduld mit einer Schale Wasser. Dann nahmen beide auf dem Kutschbock Platz und setzten ihre Reise mit Ama an den Zügeln fort. Nach ein paar weiteren Langmaßen bog das Gespann nach links auf eine schmale Straße ab, um gleich darauf rechts herum auf einen Feldweg einzuschwenken. Langsam stieg die Sonne am Himmel empor.
„Weshalb fahren wir eine so schlechte Strecke?“, fragte Sus ihre Nachbarin. „So dauert es bestimmt doppelt so lange, bis wir wieder ein Dorf erreichen, oder?“
Ama antwortete mit einer Gegenfrage: „Hast du es denn eilig oder möchtest ein Dorf erreichen? Ich ziehe einsame Pfade in Baumwaldnähe vor, da wir auf diese Weise nicht so vielen Menschen und ganz sicher keinen Motorfahrzeugen mit Küstenbesuchern begegnen werden. Vielleicht treffen wir ein paar Reiter oder Trugkerle, dann müsste ich schon zur Genüge wieder ‚alte Frau‘ spielen. Außerdem ist in verlassenen Gegenden die Chance größer, dass wir unsereins begegnen.“
„Meinst du etwa, dass wir bereits hier weitere Schwestern treffen könnten?“, fragte Sus zweifelnd.
Ama schüttelte den Kopf. „Vermutlich nicht. Wir haben eher noch eine weite Reise vor uns, bis wir sie finden. Lass uns weiterhin schnurstracks nach Südwesten ziehen, bis wir in ein paar Tagen den Elvon überqueren und ins Mittelland kommen. Ich würde dafür gern die alte Fähre von Guldorf benutzen und die großen Brücken und Querungen lieber meiden. Falls wir den Elvon ein Stück weiter westlich oder östlich erreichen sollten, fahren wir ihn bis zur Fähre entlang.“
Sus nickte zufrieden. Das klang nach einem Plan, an dem sie sich ein wenig festhalten konnte. Wie schön, dass ihre liebe Freundin so gut vorausdenken konnte!
Die Sonne erreichte ihren höchsten Punkt und fing wieder an zu sinken. Durch Graswälder und Mooswiesen führte der Pfad südwestwärts über das flache Küstenland. Die Vögel des späten Sommers sangen ihre Lieder in den Feldern und wenigen Baumwäldern. Kornblumen und Krallmohn säumten den Weg. Manchmal, wenn deren Kelche sich über den Pfad neigten, stoppte der Wagen, damit die beiden Reisenden ihre Köpfe in die großen Blüten stecken und den intensiven Duft genießen konnten. Gleichmäßig zog das brave Lasttier das Fuhrwerk holpernd voran. Jeder Bachlauf wurde zum Saufen und zum Füllen der Trinkgefäße genutzt, auch Heu und Moos gab es reichlich überall zu fressen. Irgendwann stimmte Ama ein Kutschlied an, in welches Sus mit einfiel.
Als es später Nachmittag geworden war und die Sonne sich allmählich dem Horizont zuneigte, entschieden sich die beiden, einen Lagerplatz für die Nacht zu suchen. „Falls wir nochmal durch einen kleinen Flecken kommen, sollten wir schauen, ob wir für ein paar Beutel unserer Kräuterteemischungen etwas zu essen bekommen können“, sagte Ama. „Und danach werden wir auf einer freien Fläche kampieren. Gut, dass wir mit dem Wetter Glück haben!“
Sus wollte gerade etwas erwidern, als sie plötzlich stutzte. Auch Ama reagierte sofort, zog die Zügel und machte „Rrrm“. Das Gespann hielt an, denn an dieser Stelle ging es nicht weiter. Zumindest im Moment nicht, weil quer auf dem Weg ein Hüne wie eine Vogelscheuche mit ausgebreiteten Armen stand. Er trug die einfache Kleidung eines Bauern, hatte den langen Griffstiel eines Pfluges in der Hand und maß in der Höhe in jedem Fall mehr als zwei Kurzmaße.
„Haaalt!“, rief er mit heiserer küstenländischer Stimme. „Ihr müsst umkehren. Fahrendes Volk ist in unserem Flecken nicht erwünscht!“
Neuer Kamerad
Martin kehrte noch einmal auf die Straße zurück. Mit einem Tritt löschte er den immer noch leuchtenden Scheinwerfer des Autowracks. Man konnte inzwischen auch ohne künstliches Licht etwas erkennen und musste ja möglichen Herumirrenden nicht länger als nötig anzeigen, dass noch jemand in der Gegend war. Gern hätte er die Batterie des Autos mitgenommen. Davon abgesehen aber, dass diese zu schwer gewesen wäre, konnte man sehen, dass der Wagen an der Frontpartie zu stark beschädigt war und man nicht an sie herankam. Vielleicht war ja noch Benzin im Tank? Ausgelaufen war bisher zumindest nichts. Leider lag der Wagen genau auf der Seite mit dem Tankeinlass und Martin verspürte keine Lust, ihn herumzurollen und dann zu versuchen, im Halbdunkel den leeren Kanister ohne Schlauch zu befüllen. Das musste bis zum Licht des Tages warten.
Also nahm Martin Verbandskasten und Kanister und schleppte sie zusammen mit den Dosen zu seinem neuen Begleiter. Dieser hatte es geschafft, trotz seiner Schmerzen einzuschlafen. Solchen Luxus konnte sich Martin nicht erlauben – erst musste er wissen, inwieweit man diesem Burschen vertrauen konnte. Daher beschloss er, die Nacht für sich zu beenden und sein Frühstück allein einzunehmen.
Ein paar Stunden später stand die Sonne bereits hoch am Himmel und die Obstbäume warfen ihre Schatten auf die ausgedörrte Erde. Martin hatte es geschafft, doch noch etwas Obst als Mittagbrot aufzutreiben. So brauchte er seinen Proviant in der Tasche aus Kippstadt nicht anzugreifen und konnte Daniel die zwei verbliebenen Dosen überlassen.
Dieser hatte sich im Schatten seines Baums bereits einige Male gedreht, sein Körper schien aber noch weitere Ruhe zu benötigen.
Bisher hatte sich ihnen niemand genähert und auch die Straße war genauso verlassen wie am vorigen Abend. Martin hatte ein gutes Gehör, ihm wären irgendwelche Besucher nicht entgangen. Er rechnete allerdings auch nicht damit, dass sich noch jemand in diese Gegend verirrte. Die Mitglieder der bestohlenen Bande aus Kippstadt waren die Einzigen, denen er es zutraute, ihrem Wagen die halbe Nacht hindurch hinterherzulaufen – offenbar wussten sie ja, wer die Diebe waren und es war offensichtlich bekannt, wohin diese gern mit gestohlenen Autos fuhren. „Kachler“, pah! Es war wirklich Zeit, dass etwas geschah. Er selbst trug ja auch noch die Verletzungen in sich, die für diese Zustände gesorgt hatten. Nur hatte er nun das Glück, seine Heilung zulassen zu können.
Ein Ächzen riss ihn aus seinen Gedanken. Offensichtlich war Daniel aufgewacht. Martin drehte sich herum und ging die paar Schritte zu ihm hin. „Guten Mittag“, sagte er. „Wie kann man bloß so lange schlafen, ohne Liegebeulen zu bekommen … Bist du gar nicht hungrig?“
Und ob Daniel das war! Nachdem er den Gruß erwidert hatte, verschlang er gierig den Inhalt der beiden Dosen aus dem Handschuhfach des Fahrzeugwracks. „Durstig bin ich auch … Wo bekommst du dein Wasser her?“
Die Frage war berechtigt. Bis hierher hatte der Inhalt seiner Flaschen gereicht, aber bis auf ein paar Schlucke war nichts mehr übrig. Martin dachte nach. Dies war eine ehemalige Obstplantage und die Bäume waren nicht verdorrt. Es musste also Grundwasser geben. Durchs Galdauer Land flossen aber auch einige kleine Flüsse – beim früheren Stand der Technologie Atalans hatte es sicher ein Bewässerungssystem gegeben. Die Pumpen mochten längst kaputt sein, aber wenn man alten Wasserrohren folgte … „Wir müssen Wasser suchen. Kannst du jetzt aufstehen?“, fragte Martin knapp.
Daniel bewegte vorsichtig sein Bein und berührte das Pflaster an der Stirn. Die Heilung schien fortzuschreiten. Gut, dass der Urgalane diese Desinfektionstropfen dabeigehabt hatte. Aufstehen und langsames Gehen mochte gelingen, aber falls die Verletzung am Bein wieder aufreißen würde – nicht auszudenken. „Ich kann’s versuchen, aber wenn die Wunde wieder aufgeht …“
„Verstehe“, erwiderte Martin nickend. „Mein letztes Sterilo sollten wir vielleicht noch behalten. Gut, ich marschiere allein los. Sag mal, der Blechkanister, war da Sprit oder Wasser drin?“
„Keine Ahnung.“
Martin öffnete den Behälter und schnupperte. Das roch nach gar nichts. Offenbar war der Kanister ungebraucht, zumindest aber war niemals Benzin darin gewesen. „Okay, Bursche, was glaubst du ist wichtiger für uns, Benzin oder Wasser?“
„Wasser“, sagte Daniel wie aus der Pistole geschossen. „Wenn du die Straße weiterfährst, wird das Land hinter den alten Plantagen karger. Erst am Rand von Galdau wächst wieder etwas mehr. Mit mir im Schlepptau brauchst du mindestens zwei Tage dorthin, und hier ’ne funktionsfähige Karre zu finden – da kannst du auch gleich nach Gold suchen.“
Martin nickte zufrieden. Die Zeit in der Meute hatte den Verstand dieses Jungen nicht aus seinem Hirn getrieben. Dennoch runzelte er die Stirn und fragte: „Woher willst du eigentlich wissen, dass ich dich ‚ins Schlepptau nehme‘? Allein schaffe ich es bis heute Nacht dorthin!“
Daniel erschrak ein wenig, fasste sich aber schnell wieder. „Warum hättest du mir bis hierher geholfen, wenn du mich jetzt hierlassen wolltest?“
Nun war es an der Zeit für Martin, sich einzugestehen, dass er Daniel bereits gernhatte. Das aber war aufgrund seines bisherigen Lebens ziemlich schwierig für ihn. Kameraden und gute Beziehungen brauchte man, wenn man als Krieger mehr sein wollte als nur eine Maschine im Dienst des Königs. Aber – war er das überhaupt noch, ein Krieger? Und warum sollte ausgerechnet dieser Atalane wichtig für ihn sein? Etwas ratlos antwortete er schließlich: „Ich gehe die alten Wasserleitungen suchen und schaue mal nach, woraus sie sich speisen. Mit einem Kanister dabei habe ich zwar noch mehr zu schleppen, aber ohne müsste ich mich jetzt tatsächlich dafür entscheiden, dich hierzulassen.“ Mit diesen Worten verschwand er zwischen den Bäumen.
Daniel lächelte ein schwaches Lächeln. Dieser grobschlächtige Kerl, er schien ein weiches Herz zu haben. Trotzdem war es komisch, dass er ausgerechnet ihm half – einem jungen, unerfahrenen Typen aus der Vorstadt ohne viel Kraft und Wissen … Was hatte er am Abend zuvor gesagt, sein Auftrag sei „ein ganz anderer“? Da war er aber mal gespannt, was ein einzelner Kämpe so Wichtiges vorhatte, dass er sich die Zeit nahm, das Leben von Unbekannten zu retten.
Nach etwa siebzig Metern war Martin bereits auf ein schwarzes Kunststoffrohr gestoßen, von welchem offensichtlich früher einmal Abzweigungen weggeführt hatten. Die Anschlüsse waren jedoch herausgerissen worden und verschwunden. „Sieht ganz nach einer Hauptleitung für die Bewässerung aus“, dachte er und begann dem Rohr zu folgen. Ein paar hundert Meter weiter mündete es in ein tankartiges Gebilde, aus welchem mehrere ähnliche Rohre wegführten. Ärgerlich blieb Martin stehen. Dies war mit Sicherheit ein Pumpenhaus, das seit Jahren außer Betrieb war. Vermutlich hatte es Grundwasser aus der Erde geholt und dann in die angeschlossenen Leitungen gedrückt. Wenn hier alle Leitungen erdgespeist waren, kam man ohne elektrischen Strom nicht an das Wasser heran.
Als Martin gerade umdrehen und es auf der anderen Seite der Autobahn versuchen wollte, vernahm er mit dem linken Ohr ein leises, aber hochwillkommenes Geräusch. Seine Augenbrauen hoben sich und er steuerte schnellen Schrittes darauf zu. Das war doch eindeutig das Plätschern von Wasser! Einige zig Meter weiter fand er auch dessen Ursprung: hier floss tatsächlich ein Flüsschen entlang, in welches eines der Rohre aus dem Pumpenhaus hineintauchte. So war das also! Wenn das Bett dieses Flusses früher trockengefallen war, waren vermutlich Zusatzaggregate eingeschaltet worden, welche dann Grundwasser gefördert hatten. Kluge Burschen, diese Atalanen … da war es fast ein Jammer, dass heutzutage praktisch nichts mehr von ihrem Genius übrig war.
Martin ertappte sich dabei, „Danke, Große Mutter“ zu denken. Junge, Junge, diese beiden Zwerginnen hatten ihm wirklich geholfen, irgendetwas in sich zu entdecken. Wenn es sie tatsächlich gab, was mochte die Große Mutter wohl genau sein? Natürlich hatten Urgalanen ihre Götter, manche auch nur einen, aber dieses Konzept schien viel abstrakter zu sein. Die meisten Leute hatten Abbilder von Gottheiten in ihren Heimen – ein Bild aber dieser Großen Mutter zu erschaffen, damit hätte wohl jeder Künstler ein Problem gehabt.
Er kniete sich hin, füllte seine Wasserflaschen und den großen Kanister und verschwand auf diese Weise beladen zurück in Richtung der Straße. Mal sehen, wie es Daniel inzwischen ging. In der Tat mochte er diesen Burschen gut leiden. Er wusste nicht einmal wieso, eigentlich war er kaum mehr als ein schwächlicher Bengel, der mit großer Sicherheit die meiste Zeit seines Lebens mit nichtsnutzigem Zeug verbracht hatte. Vielleicht war es aber gar nicht nötig, nach einem Grund für seine Zuneigung zu suchen. Anscheinend hatte ihm sein inneres Licht einen Begleiter über den Weg geschickt, der sich womöglich schon bald als guter Kamerad erweisen würde.
Erster Kontakt
„Guten Tag“, grüßte Ama mit der gebrochenen Stimme einer älteren Frau und nickte vom Kutschbock aus dem riesigen Bauern zu. „Sagten Sie ‚fahrendes Volk‘? Wir gehören nicht zu einer Wandervorführung, sondern sind nur auf der Durchreise.“
Der Hüne stemmte die freie Hand in die Hüfte und sagte mit dem typischen Küstenlandakzent: „Seit sie vor einigen Zyklen die Straße gebaut haben, fährt hier außer Trugkerlen und Lottergesindel niemand mehr durch. Warum sollte das also bei euch beiden Gewächsen anders sein?“
Ama stieg behäbig und mit gekrümmtem Rücken den Kutschbock hinab und schritt dann langsam auf den Bauern zu. Aufblickend sprach sie: „Sehen Sie, junger Mann … wir sind ganz allein hier, uns folgen keine Wagen. Wir können also kein fahrendes Volk sein. Unser Weg führt uns geradewegs nach Guldorf.“ Sie wies nun zittrig auf Sus. „Wir erhielten Nachricht, dass ihre Mutter der Heilung bedarf, und verließen daher unsere Heimat an der Küste, um dabei zu helfen.“
Sus runzelte kurz und kaum merklich die Stirn. Ihre Mutter? Was erzählte Ama denn da, sie hatte doch noch niemals jemanden offen angelogen?
Der hochgewachsene Bauer strich sich über eine Wange und sah erst Sus, dann Ama schief an.
„Heilung, was? Wer sagt mir denn, dass ihr keine Schandmäuler seid, die nur Unfrieden bringen? Ich habe noch nie von zwei Frauen gehört, die allein an der Küste leben, aber offensichtlich nicht von hier stammen. Und ihr seht mir sehr gebrechlich aus, nicht wie Leute, die etwas von Heilung verstehen.“
Ama lächelte in sich hinein. Diese urwüchsige Erscheinung hatte angebissen. Bei Menschen mit so offensichtlichen Vorurteilen half es meistens, sie in ein Gespräch zu verwickeln. Sie merkten dann gar nicht, wie die Neugier erwachte und ihr Interesse daran erlosch, weiterhin abweisend zu sein. „Seien Sie versichert, wir verstehen etwas davon. Und das können wir Ihnen auf Ihren Wunsch hin auch gern demonstrieren. Sehen Sie, ich trage viele Dekazyklen, daher wirke ich wohl etwas schwächlich auf Sie.“
„Hmm.“ Der Bauer überlegte. Augenscheinlich waren dies tatsächlich keine Schandmäuler, dafür war ihre Rede zu gesittet. So knarzte er auf küstenländisch: „Wenn Sie Heilerinnen sind, können Sie auch mit Tieren umgehen? Ich hab da zwei schwache Lasttiere, die mir nicht gesund aussehen, und einen Viehdoktor kann ich mir nicht leisten.“
Ama setzte ihr sanftestes Lächeln auf und erwiderte: „Heilung ist eine Sache der Liebe der Großen Mutter. Sie liebt Mensch, Tier, Pflanze, Land – alles. Wer das verstanden hat, wird sich – im Rahmen seines Wissens – immer dafür engagieren. Gern sehe ich mir Ihre Lasttiere mal an.“
Der Hüne schien noch nicht ganz überzeugt zu sein. „Na gut“, meinte er schließlich. „Aber das hier“, er wackelte mit dem Pflugstiel, „kommt mit!“
„Wie Sie möchten. Nehmen Sie hinten auf unserem Fuhrwerk Platz?“, lud Ama ihn ein.
„Nö“, stieß der Bauer schnippisch lachend hervor. „Bei Ihrem lahmen Karren bin ich auf meinen Beinen flotter.“
In der Tat schritt der hochaufgeschossene Mann schneller aus, als das Gespann fuhr. Sus hatte dem Lasttier während der Unterhaltung zwar etwas zu fressen und zu saufen gereicht, dennoch konnte es ohne zu traben nicht mithalten. Das wollten aber weder Ama noch Sus der fahrenden Hütte grundlos zumuten. Und so zockelte der hölzerne Wagen rumpelnd hinter dem Bauern her, der nach wenigen Mittelmaßen vom Weg nach rechts abbog und auf ein frei stehendes Gehöft zuhielt.
„Sag mal“, begann Sus, „was sollte das denn vorhin mit meiner Mutter?“
Ama lächelte ihre Freundin vielsagend an. „Braucht deine Mutter, wie sie auch die meine ist, denn keine Heilung? Wendepunkt hin oder her, die neue Zeit hat sich doch noch nicht überall manifestiert, oder?“
Sus verschlug es die Sprache. Ihre Schwester konnte ja ganz schön gerissen sein, wenn es drauf ankam! Nun, solange es nicht der eigenen Bereicherung oder zum Schaden Anderer diente, war List mit ihren gemeinsamen Leitsätzen vereinbar. Ama hatte durch geschickten Einsatz von Worten einen Streit verhindert. Wer weiß, wozu dieser Kontakt noch gut sein mochte … Große Landtiere und Menschen hatten, was ihre Körper betraf, häufig sehr viele Gemeinsamkeiten. Und ihre Schwester war weise genug, Tränke mit Bedacht einzusetzen.
Der Bauer führte sie durch ein hölzernes Tor auf den Innenhof des Gehöfts. Neben dem großen Backsteinbau, der das Wohnhaus darstellte, waren eine Scheune mit angeschlossenem Geräteschuppen und ein Viehstall zu erkennen. „Willkommen auf Gut Neuhausen“, rief er, sich umdrehend. „Mein Name ist übrigens Hans. Wie darf ich Sie denn nennen?“
Ama stoppte den Wagen, stieg vorsichtig hinunter und nannte dem Bauern ihre Namen. „Sus, gibst du unserem Zugtier bitte nochmal Wasser und Futter?“
„Oh, das ist nicht nötig“, kam es aus Hans’ nordischem Mund. „Da vorn ist eine Tränke und ich hol gerade noch einen Heuballen aus der Scheune.“
Nun sprang auch Sus vom Kutschbock, führte das Gespann zur Tränke und arretierte dann die vorderen Räder. Anschließend kletterte sie in die Fahrhütte und holte ihre Tasche mit der Kräutersammlung heraus, die sicher bald gebraucht werden würde. Als sie wieder hinabsteigen wollte, kam ein junger, ebenfalls langer Bursche aus dem Backsteinhaus, ging auf Hans zu und fragte: „Moin Papa, haben wir Besuch?“
„Moin Klaas. Zwei fahrende Frauen, die sich Heilerinnen nennen“, erwiderte Hans kurz angebunden. „Sie wollen sich Erna und Molly mal ansehen.“
Klaas zog die Augenbrauen hoch und entgegnete dann traurig: „Meinst du wirklich, da ist noch was zu machen …“
„Weiß nicht, mien Jung. Aber allens ist besser als aufgeben, oder?“, stellte Hans leicht resigniert fest. Zwei Lasttiere zu verlieren war für einen kleinen Hof im Küstenland fast ein Todesurteil. Die Höfe des Fleckens unterstützten sich zwar gegenseitig, aber anderen erging es zurzeit auch nicht besser. Der eine hatte eine Kuh aufgeben müssen, beim anderen war einer der beiden Söhne nach Harmania übergesiedelt, wieder ein anderer Hof war vom Sturm schwer in Mitleidenschaft gezogen worden … Wenn nicht bald etwas Glück über diesen Landstrich kam, konnten die meisten Familien hier einpacken.
Ama war inzwischen auf die beiden Männer zugeschlurft. „Seien auch Sie gegrüßt“, sprach sie zu Klaas. „Finden wir Ihre Patienten im Stall dort?“
„Kommen Sie“, stieß Hans hervor und ergänzte, zu Klaas gewandt: „Wenn du mit dem Ackerwagen so weit bist, geh bitte aufs Vorderfeld und mach mit dem Pflug weiter, ja? Ich habe Maron dort angespannt gelassen, er ist vernünftig und läuft nicht weg.“ Er führte Ama mit Sus im Schlepptau in die Scheune in den hinteren Bereich. Dort erkannten die Frauen im dämmerigen Tageslicht, welches durch die hohen Öffnungen in den Wänden fiel, zwei Lasttiere, von denen eines schlaff auf dem Boden lag und das andere mit stark gekrümmtem Rücken über einen Heuspender gebeugt war.
Sus wisperte Ama zu: „Hast du gehört, sie geben ihren Tieren Namen!“
Mit leiser Stimme erwiderte die Angesprochene: „Das zeugt bei Landwirten von einem großen Herzen. Jedoch wohnt tiefe Trauer darin und hat ihr Licht verdunkelt, und zwar nicht nur das in den Menschen. Komm und sieh selbst.“
Sus brauchte gar nicht näher an die Tiere heranzugehen, um zu erkennen, dass eines von ihnen dem Tode nah war und das andere mit großen Schmerzen kämpfte. Rasch stellte sie die Tasche auf den Boden und öffnete sie unter Hans’ niedergeschlagenen Blicken, um ein paar Tüten mit Kräutern herauszuholen. Ama schlurrte währenddessen auf das liegende Tier zu, hockte sich hin, legte ihre rechte Hand auf seinen Bauch und fragte: „Ist dies Erna?“
„So ist es“, erwiderte Hans deprimiert.
„Sus, könntest du mir bitte die Mischung mit dem Beißkraut und dem Ziegennagel bringen?“, kam es leise aus Amas Mund.
Sus verstand. Auch sie hatte es gesehen – für Erna gab es nichts mehr zu tun. Molly jedoch … Nachdem sie ihrer Freundin das Gewünschte übergeben hatte, griff sie nach dem Beutel mit den Silbergarbenblüten. Das allein würde zwar nicht ausreichen, jedoch mithelfen. Sie öffnete den Verschluss und streute vorsichtig einige Handvoll der Blüten über das Heu, welches Molly gerade fraß. Dann ging sie neben ihr in die Hocke und legte ihre Hände ebenfalls an den Bauch des Tieres. Ein großer Sturm schien darin zu wüten. Er riss an den Eingeweiden und drückte die Wirbelsäule mit schmerzhafter Gewalt nach oben. Schwarze Wolken rasten im Kreis um ein Zentrum herum.
Sus erfasste im Geiste ihr inneres Licht, fühlte anschließend in ihre Füße und ließ sie sich mit dem Boden vereinigen. Dann verankerte sie ihr Licht darin. Helles Leuchten strahlte aus der Erde heraus durch die Beine in ihren Körper und vereinigte sich mit ihrem eigenen, bis sie ganz mit dem hellen Schein der Erde verschmolzen war. „Große Mutter, du kennst meine Bitte … ich danke dir“, murmelte sie leise vor sich hin. Dann sandte sie das Strahlen durch ihre Hände in Mollys Bauch. Sanft beleuchtete es das Auge des Sturmes. Nach und nach schien das wütende Zerren darin nachzulassen. Sus nickte, streichelte den Bauch des Tieres mit ihren Händen und ließ das helle Gleißen wieder in die Erde zurückfließen. Was geschehen durfte, war geschehen.
Nachdem sie ihre Augen wieder geöffnet und sich erhoben hatte, sah sie Ama über Ernas Kopf gebeugt, welchen sie an der Oberseite mit beiden Händen umfasst hatte. Ein paar Stängel Ziegennagel hingen Erna noch aus dem Maul, sie rührte sich nicht mehr.
Ama erhob sich mit Tränen in den Augen und sprach mit erstickter Stimme: „Es tut mir so leid. Hier kamen wir zu spät. Aber sie hatte keine Schmerzen mehr.“
Hans nickte stumm. Er hatte seit einiger Zeit auf diesen Moment gewartet und war vorbereitet gewesen. Etwa eine Mittelzeit später sagte er mit leiser Stimme: „Es war nicht umsonst. In den letzten Tagen hat sie sich manches Mal ziemlich gequält. Dass sie so sanft gegangen ist, dafür durften Sie nun sorgen.“
Sus schritt langsam mit vor dem Bauch gefalteten Händen zu den beiden hin. „Auch mir tut es leid“, fügte sie hinzu.
Stumm standen die drei eine Weile da, bis sie auf einmal ein Wiehern hinter sich vernahmen. „Na, willst du auch mittrauern?“, fragte Hans und richtete seinen müden Blick auf Molly, die die ganze Zeit über nicht zu fressen aufgehört hatte. Nun jedoch schaute sie mit großen, friedlichen Augen zu ihnen hin und drehte sich, um zu Erna zu gehen und sie mit der Nase anzustupsen. Dann richtete sie sich wieder auf und schritt langsam auf Hans und die beiden Frauen zu. Es dauerte einige Kurzzeiten, bis Hans begriff, dass ihre übertriebene, krampfhafte Rückenbeugung verschwunden war. Vor ihm stand ein Lasttier in natürlicher Haltung, aufrecht und wohlbehalten, und schnaubte zum Gruß.
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