Kitabı oku: «Im Hintergrund der schöne Fritz»
Paul Oskar Höcker
Im Hintergrund der schöne Fritz
Roman
Saga
1
Wie, wann und wo er Marion kennengelernt hat, wie, wann und wo die kleine Mie (denn es sind zwei grundverschiedene Frauenzimmerchen, diese beiden Mariannen, die Bernts Schicksal bedeuten), das lässt sich wohl am besten darstellen, wenn man sich entschliesst, zuvor die Geschichte mit Paula zu erzählen. Bernt gegenüber kommt das einem kleinen Verrat gleich, weil er sich ja so’lächerlich viel Umstände gemacht hat, diese unschuldige Liebschaft zu verheimlichen. Lassen wir aber jede Rücksicht beiseite. Gerade diese fast knabenhafte Scheu ist nämlich für Bernt besonders bezeichnend, entspringt sie doch jenem peinlichen Sauberkeitsgefühl, das ihn von Kindheit an beherrscht hat.
Bernt war knapp 22 Jahre, als er Sibylle heiratete, die damals 19 zählte. In Sportkreisen hiess sie „der grosse Preis von Schlesien“. Die Kriegstrauung fand im letzten Frühjahr des Völkerschlachtens statt. Bei der Geburt des zweiten Kindes starb Sibylle. Das ist jetzt vier Jahre her. Und seit dem Tod seiner jungen Frau ist Bernt seines Lebens nicht wieder froh geworden. Die Arbeit wuchs, mit ihr die Verantwortung. Das Riesengeschäft seines Schwiegervaters, die Waggonfabrik in Heinersbach, hat sich in ungeahnter Weise entwickelt. Nun sind auch noch die Werke in der Neumark und in Stettin hinzugekommen. Bernt ist der gehetzteste Mitteleuropäer — sein Tag eine einzige Flucht. Auch die ganze Auslandsvertretung hat er sich aufpacken müssen, denn der alte Droeseke, ebenso geizig wie misstrauisch und eigenbrötlerisch, gönnt den Verdienst ja keinem Aussenseiter. So geht für Bernt seit Jahren das Hin und Her zwischen Büro und Haus, Lager- und Verladeplätzen und zwanzig, dreissig fremden Städten. Er hat keine Zeit für seine Kinder — er hat keine Zeit für sich selbst.
Und erst recht keine Zeit für Paula.
Aber Paula genügte es schon längst nicht mehr, ihn nur ab und zu einmal über Wochenend bei sich zu sehn, wenn er die Stettiner Werke besuchte. Gewiss, sie hatte sich eine nette kleine Wohnung in der Braungasse nehmen können, er beschenkte sie reichlich, schickte sie im Sommer ins Bad nach Schweden, und ihre Kolleginnen im Warenhaussalon beneideten sie alle um ihren freigebigen Kavalier. Aber hatte sie’s nötig, sich von ihm hier dauernd verstecken zu lassen? In diesem Klatschnest? Sie mit ihrem Schick, mit ihren hübschen Tanzbeinen? In Berlin konnte sie damit Karriere machen. Warum sperrte er sich dagegen, dass sie nach Berlin kam? Wollte er sich etwa wieder verheiraten und fürchtete, dass sie ihm dort im Wege sein würde? Er lachte sie aus: er denke nicht im entferntesten an eine zweite Ehe. Aber sie wusste doch, was für eine glänzende Partie er war — und dass in seinem ganzen Dunstkreis alle Schürzen in Bewegung gesetzt wurden, um ihn einzufangen. Schliesslich: lag es denn so ganz ausser jeder Möglichkeit, dass sie selbst —?
Und so fuhr sie eines Tages kurz entschlossen nach Berlin, um ein paar Wohnungen im Bayrischen Viertel zu besichtigen, deren Adressen ihr die Agentur besorgt hatte.
Bei dieser Gelegenheit kam sie in das kokette Nestchen, das Marion dort in der Münchner Strasse besass.
„v. Dette-Dubois“ stand auf dem kleinen Bronzeschild. Eine Jungfer in kurzem, schwarzem Seidenkleid und operettenmässig grosser weisser Haube öffnete. Marion war im Begriff, zu einem Tanztee zu gehn, steckte schon in ihrem kostbaren Breitschwanz, empfing das Fräulein aus Stettin aber sehr liebenswürdig und zeigte bereitwillig die ganze Wohnung, nannte auch gleich die erschreckend hohe Abstandssumme, die sie verlangen musste.
Paula spielte sich nicht als selbständige Grosskapitalistin auf, sondern erklärte der eleganten Wohnungsinhaberin sofort, dass die erforderlichen Mittel nicht von ihr, sondern von — nun, von einem Verwandten aufgebracht werden würden, nebenbei gesagt, einem Grossindustriellen aus dem schlesischen Fabrikadel. Die Drei-Zimmer-Wohnung mit Bad, Diele, Wintergarten, Fernsprecher und Fahrstuhl war entzückend, ganz das, was sie suchte und brauchte.
„Aber es muss sich rasch entscheiden“, sagte Marion, die Handschuhe überstreifend. „Ich will verreisen. Brauche Nervenruhe. Ich stehe am Schluss meines Scheidungsprozesses. Ein ganzes Jahr hindurch Termine. Das zermürbt. Natürlich liegen schon sehr viel Angebote vor. Auf die Wohnung, meine ich. Das können Sie sich ja denken.“ Sie stand schlank und gross und überlegen, ganz Weltdame, vor der kleineren und molligeren, jüngeren, aber auch unbedeutenderen Provinzialin, die voller Bewunderung war. Marion hatte grosse, hellgraue, lebhafte Augen; nach der Nasenwurzel zu standen sie etwas schräg. Die Nase war schmal und fein geschwungen, der Mund sinnlich, dabei spottlustig. Eine ganz moderne Knabenfigur hatte sie. Die pikant vom Hellen Teint abstechende Mephistokappe verdeckte das Haar. Ein Porträt von ihr, das noch ungerahmt auf der Staffelei stand, zeigte aber den charakteristischen blonden Etonkopf.
„Wenn ich gleich einmal telephonieren dürfte —?“ Paula gedachte Bernt jetzt am besten rasch zu überrumpeln.
„Bitte.“ Frau von Dette klingelte der Jungfer und liess die Bewerberin zum Apparat führen. Er befand sich nebenan im Schlafzimmer am Bett.
Paulas Augen schluckten die ganze Pracht dieses schwelgerischen Raumes gierig ein. Geradezu fürstlich, diese blauseidene Daunensteppdecke, diese Spitzenkissen. Und die Orchideen auf dem Fensterbrett. Die echten Teppiche. Das gehämmerte schwere Silber auf dem Putztisch. Tausend schöne und gediegene Dinge. „Kein Warenhaus-Tinneff!“ Paula besass Fachkenntnisse.
Während der Besuch drinnen am Fernsprecher verhandelte — ziemlich lang, ziemlich aufgeregt, zuletzt fast weinend, wenn auch immer nur in angestrengtem Flüsterton —, sass Marion an ihrem Schreibtisch und machte sich flüchtige Notizen. Eine Fernsprechnummer, ein paar Namen, nicht mehr.
Mit heissen Wangen kam Paula zurück. „Ich kann leider noch nichts Bestimmtes sagen. Ich hoffe aber heute abend ... Darf ich dann morgen früh anrufen, gnädige Frau?“
„Bitte. Lassen Sie nur Ihre Adresse hier, damit ich weiss ... Also Krusius. Paula Krusius, Stettin, Braungasse 24/II. Danke, gnädige Frau.“
„Eigentlich“ — Paula vollendete nicht. Sie verabschiedete sich ziemlich rasch.
Marion ging mit ihrem Notizenzettel zum Avparat und blätterte im Namenverzeichnis. Droeseke & Co. hatte Fräulein Paula zuerst verlangt. Und dann Herrn Olshagen. „Ach, Bernt, Bernt — ich muss dich sprechen ...“ Also Bernt Olshagen. Hier seine Privatwohnung: Herbertallee 37/39, Grunewald.
Nun war Marion im Bilde. Bernt Olshagen, der allmächtige Generaldirektor der Vereinigten Waggonfabriken Droeseke & Co. Und ein paar geschickte Fragen auf dem Teeempfang vervollständigten das Porträt.
Als Fräulein Paula am andern Morgen anrief und, etwas bedrückt, meldete, dass sie leider noch immer keine definitive Zusage geben könne, dehnte und reckte sich Marion noch ein Weilchen wie ein Kätzchen unter der blauseidenen Daunensteppdecke, dann griff sie nach dem Schallbecher und liess sich mit Droeseke & Co. verbinden. Nein, Herr Olshagen sei nicht mehr anwesend. Marion wusste die Sache sehr wichtig und dringlich zu machen und erfuhr: Herr Olshagen wolle verreisen, habe noch zu Hause zu tun, in der Mitropa am Bahnhof Zoo, vielleicht sei er auch auf der Rumänischen Gesandtschaft zu erreichen. In der Privatwohnung bekam sie Anschluss, im Augenblick, als Herr Olshagen das Haus verlassen wollte, um das Reisebüro aufzusuchen.
Ob sie wohl eine Auskunft über Fräulein Krusius aus Stettin bekommen könne? Ja, wegen des Wohnungskaufs. „Hier Frau von Dette-Dubois, Münchner Strasse 23.“
Höflich-kühle Ablehnung, etwas verwundert, aber in durchaus korrekter Form.
Marion bat um Entschuldigung. Es sollte keine Indiskretion sein. Aber sie stünde im Begriff, nach dem Süden überzusiedeln, und müsse rasch abschliessen. „Immerhin handelt sich’s um ein wertvolles Objekt ... Doch eine Vertrauenssache, nicht wahr ...?“
Ihr Ton war warm, offen, fast herzlich. Der Angerufene hörte sofort heraus, dass es sich um keine berufsmässige Wohnungsagentin handelte. Aber es widerspreche nun einmal seinen Gepflogenheiten, sagte er abwehrend, am Telephon irgendwelche geschäftlichen Verbindlichkeiten einzugehen. „Nichts für ungut, meine Gnädigste.“
„Bitte“, schloss Marion diese ihre erste Unterhaltung mit Bernt Olshagen, hängte den Hörer an und klingelte ihrem Mädchen. Sie wollte sich sofort anziehen, um zur Mitropa am Zoologischen Garten zu fahren.
Das ganze Büro dort war mit Wartenden angefüllt. Man sass und stand an Tischen und Pulten und blätterte in den Bäderprospekten und Kursbüchern. Es war Februar. Die Vergnügungsreisenden bestellten zumeist Bett- und Fahrkarten nach den Wintersportplätzen oder nach der Riviera.
Bernt hatte noch keinen bestimmten Plan. Viel vornehmen konnte er in der kurzen Zeit nicht. Zur Konferenz der Europäischen Waggonzentrale muss er spätestens zurück sein. Er braucht bloss ein paar Sonntage, ein bisschen Skisport, Freiheit von der Arbeitshetze, Ferien vom Ich.
„Olshagen, alter Junge, famos!“ rief ihn in seiner lärmenden Art Herr von Losse an, der baumlange Regierungsrat, der alle Welt kannte und dem alle Welt auswich. „Auch auf einen Urlaubstrip? Ich fahre nach St. Moritz. Kommen Sie mit?“
Bernts Reiseplan stand in derselben Sekunde fest, wenigstens insoweit, als er das Engadin ausschloss. „Nein, ich suche mir ein ganz stilles Plätzchen aus. Ich brauche Einsamkeit.“
„Aha, Zweisamkeit“, sagte der Baumlange und kniff das rechte Auge hinter dem Einglas zusammen. Er nahm an der Kasse seinen Schein in Empfang, schob die Zigarette in den Mundwinkel und winkte Bernt kordial zu. „Hals- und Beinbruch! Skiheil!“
Bernt blätterte ungeduldig in den Prospekten. Dann wandte er sich rasch dem Beamten zu, der gerade freigeworden war. „Haben Sie noch Bettkarte Erster für morgen abend nach Basel? Mit Anschluss nach Adelboden. Bitte, sehen Sie einmal nach.“
„Sofort, Herr Olshagen.“
In Reichsbahnkreisen war Bernt allgemein bekannt, hier auf dem Büro zudem ein häufiger Gast. Der Beamte schlug den Plan auf und bezeichnete die noch nicht vergebenen Plätze. Bernt wählte, liess sich die Karten ausfertigen, dankte dem Beamten, zahlte und ging. Das Auto erwartete ihn draussen.
Die schlanke junge Dame in dem kostbaren Breitschwanz hatte sich nun auch endlich schlüssig gemacht ... Adelboden! ... Und konnte sie denn noch für morgen abend einen Schlafwagenplatz bekommen? Natürlich Erster. Gut. Bitte. „Der Zug geht 20.15 vom Anhalter Bahnhof. Wagen 231, Platz 9 und 10.“ Marion nickte zufrieden und verliess das Büro in ihrem weichen Gang, eine feine Duftbahn hinter sich herziehend. Die Blicke aller Herren folgten ihr; die Nasen hoben sich und schnoberten in die Luft.
So kam Bernt zu Marions Reisegesellschaft auf seiner Winterferienfahrt nach Adelboden.
2
Ader es gibt noch unendlich viele Dinge zu erledigen, bevor ein so geplagter Geschäftsmann wie Bernt Olshagen endlich Rast in seinem Schlafwagenabteil findet.
Die Hausdame beschwert sich über die Kinderschwester: sie ist wieder erst um fünf Uhr früh nach Hause gekommen. Es bedarf einer ernsten Verwarnung und der Androhung fristloser Entlassung. Der kleine Klaus hat 37, 9. Der Arzt war da, hat eine Magenverstimmung festgestellt, es sei nichts Ernstliches. Freilich, wenn das Fieber über Nacht steigt, so will Bernt die Reise aufgeben. Sibylle soll morgen ihre kleinen Schulfreundinnen aus dem Privatzirkel zur Schokolade bei sich sehn. Im Gartensaal ist ein Karussell aufgebaut; die Kinder sollen auch tanzen. Hoffentlich werden es bei Klaus nicht Masern, denn dann müsste ja alles abgesagt werden. Sibylle hasst die Hausdame, die eine solche Katastrophe auch nur in Erwägung ziehen kann. Aus dem Geschäft wird angerufen, die Vertreter der rumänischen Ostbahnen sind da, sie haben Vollmacht und müssen heute noch abgefertigt werden. Am besten, man lädt die Herren zum Abendessen ins Hotel Adlon. Das wird natürlich Paula nicht verstehen können, die ihn bestimmt im Exzelsior erwartet ... Und ein paar dringliche Ferngespräche gibt’s mit Heinersbach, mit Stettin und Neu-Dalchow ... Dazwischen die peinliche Auseinandersetzung mit der Schwippschwägerin Adi, die wieder einmal, recht überflüssiger Weise, von Heinersbach herübergeautelt ist, um in seinem Hause „nach dem Rechten zu sehen“. Adi ist die Tochter von Droesekes Bruder, Witwe des Freiherrn v. Tross, des ehemaligen Leibkürassiers und Rennreiters. Reich, geizig, gelbblond, fader Teint, aber kess, von jener gemachten Forschheit, wie sie ehemals in Gardekreisen bei Damen, die von draussen hereinkamen, beliebt war. Enge Stimmritze, berlinernder Stalljargon. Immer aufgeregt und absprechend, ewig voller Entrüstung über Dienstboten und Geschäftsleute. Wenn sie helfen kommt, gibt’s jedesmal Krach im Hause, denn sie steckt ihre spitze Nase in alles, versucht auch ihn zu schulmeistern. Dabei hat sie lang genug die zähe Absicht verfolgt, ihn zu heiraten, obwohl sie drei Jahre älter ist als er. Die Hausdame hat ihm erklärt: sie kündigt, wenn die Frau Baronin in seiner Abwesenheit etwa wieder die Regierung hier im Hause an sich reissen will. Schauderhafte Aufgabe, das in milder Form der nichtsahnenden Adi beizubringen. Sie hat das stärkste Talent, sich überall unbeliebt zu machen. Auch Klaus, das folgsame Bübchen, ist nur unartig, solang Tante Adi im Hause weilt. Sibylle ist zu gerissen, um sich’s mit Tante Adi zu verderben: wenn man Tante Adi schmeichelt, erreicht man ja alles von ihr ... Nun, Bernt kann ihr nicht schmeicheln ...
Und nun das Allertollste, was einem Staatsbürger passieren kann: er hat für den Reisetag um elf Uhr vormittags eine Vorladung vors Amtsgericht erhalten. In einer Vormundschaftsangelegenheit. Die Sekretärin erinnert ihn daran, sonst hätte er den Termin versäumt.
Wenigstens braucht er auf dem trostlosen Korridor des Amtsgerichts nicht zu warten und wird sogleich aufgerufen. Diese Amtsgebäude mit ihrer Kurellabrustpulverfarbe hasst er. Und ebenso diese staubigen Aktenbündel, diese grauen Bürogesichter, diese eingeschlossene Luft in den überheizten Räumen. Warum man ihm das antun müsse, ausgerechnet ihm, der kaum Musse finde, sich mit seinen eigenen Kindern zu beschäftigen? Da gebe es in seiner Villenstrasse Dutzende von behäbigen Rentiers, die ein solches Ehrenamt doch mit viel grösserer Wonne und Sorgfalt ausüben könnten ... „Wie sind Sie bloss auf mich verfallen, Herr Amtsgerichtsrat?“
Der lederfarbene Herr mit der Stahlbrille schlägt das tütenblaue Heft auf. „Es handelt sich um die Hinterbliebenen eines Angestellten aus Ihrem Büro, der vor kurzem verstorben ist. Es hält so schwer, Herr Olshagen, für all die armen Menschenkinder den richtigen Vormund zu finden. Auf der Liste stehen Sie längst. Nun las ich in der Aufnahme, dass Sie dem Manne das Gnadenvierteljahrsgehalt bewilligt haben, nahm also an, Sie waren mit ihm zufrieden, wissen auch etwas Bescheid über die Verhältnisse, unter denen er seine Kinder zurückgelassen hat. Es sind Zwillinge, Mädchen, fünf Jahre alt. Der Verstorbene war sechs Jahr in Ihrem Büro als Modellzeichner tätig. Heimsöth. Peter Heimsöth.“
„Möglich. Aber gesehen hab’ ich ihn nie. Wissentlich nickt. Das Zeichenbüro hier arbeitet unter dem Diplom-Ingenieur Wessel, der wird ihn natürlich genau gekannt haben. Auf Wessels Vorschlag ist gewiss auch das Geld angewiesen worden.“ Er überfliegt die Papiere, die ihm der Amtsgerichtsrat hinschiebt. „Richtig, ich habe die Zuschrift selbst unterzeichnet. Ja, aber bedenken Sie, Herr Amtsgerichtsrat, die Firma beschäftigt im ganzen neunzehntausend Arbeiter, Angestellte und Beamte. Übrigens muss der Mann doch auch von einer Sterbekasse bedacht worden sein, nicht?“
„Das ist alles restlos verbraucht. Die lange Krankheit, Rückstände, Beerdigungskosten. Die Schwester des Toten war in der vorigen Woche bei mir. Die Not scheint dort gross zu sein. Das junge Ding hat wohl etwas übertriebene Hoffnungen, macht sich einen falschen Begriff von den Funktionen eines Vormunds, jedenfalls war sie sehr beglückt davon, dass der hohe Chef persönlich mit dem Ehrenamt betraut worden ist.“
Bernt lächelt. „Zunächst ein grundlegender Irrtum, denn der hohe Chef bin nicht ich. Und zweitens ein Beweis dafür, dass sie den Seniorchef der Firma durchaus unrichtig einschätzt. Droeseke in Heinersbach ist nichts als eine Rechenmaschine und belastet sein Gemüt niemals mit Sentimentalitäten. Können ja sehen, ob sich noch etwas von der Firma herausschlagen lässt. Immerhin, wenn der Mann sechs Jahre auf dem Werk gearbeitet hat und Wessel mit ihm zufrieden war ... Ich lasse mir noch berichten ... Ob ich mir die Kinder mal ansehen will? Aber selbstverständlich. Nur bin ich gerade im Begriff, für zehn Tage auf Reisen zu gehn. Ich habe mir die kurze Frist sauer verdient. Sie haben kaum eine Vorstellung davon, was alles auf mir herumklaviert. Und wer ist der Gegenvormund, Herr Amtsgerichtsrat?“
„Habe ich gar nicht erst ernannt. Das ist nur gesetzliche Vorschrift, wenn sich’s um die Verwaltung grösserer Vermögen handelt. Aber das Heimsöthsche ist leicht zu übersehen: Plus minus null. Nähere Verwandte sind ausser Heimsöths Schwester nicht vorhanden, bloss von seiten seiner Frau ein paar entfernte Tanten in Dänemark. Heimsöth habe sich in seiner Not einmal um Unterstützung an sie gewandt, berichtete mir seine Schwester, aber es sei niemals eine Antwort erfolgt. Ich darf Sie also verpflichten, Herr Olshagen ... Hier sind die Papiere; die Ausfertigung erhalten Sie durch die Gerichtsschreiberei.“
Händedruck. Abgemacht. Um eine Ehrenlast reicher verlässt Bernt das Gebäude mit dem Schutzanstrich gegen Lustempfindungen und gibt seinem Chauffeur die Adresse der Zwillingsfamilie. Es ist irgendwo in der Drehe von Schmargendorf.
Richtige Kleineleutgegend. Grossberliner Provinzialwesten, wo er am geschmackverlassensten ist. Ein Haus mit wüsten Orgien in Stuck. Angeklebte Säulenimitationen, aufgepappte Spitzkugeln über den Fenstersimsen. Im engen Hof werden Teppiche geklopft, ein Leiermann spielt, und es riecht aus allen Wohnungen nach Sauerkohl, denn es ist Donnerstag.
„Wohnt hier Heimsöth?“ fragt er eine teppichklopfende Walküre.
„Nee, der is dot, der Heimsöth. Als wie seine Kinder, det sind die Zwillinge da in die Ecke. Da gehn Sie man Quergebäude drei Treppen rechts bei das Fräulein, wo die Schwester von is.“
„Das ist die Tante Mie!“ ruft eine Fünfjährige aus der Hofecke, wo der krumme Schneemann steht.
Bernt sieht ein kleines Plaidbündel, das im Schnee auf und nieder hüpft. Eine rote Nase guckt oben heraus, ein Paar vergissmeinnichtblauer Augen mit strohblonden Brauen und Wimpern. Der wollene Schal ist kreuzweis um die winzige Gestalt herumgewickelt, auch um die Oberarme, was die Bewegungsfreiheit einigermassen einschränkt. Ein zweites Bündel, etwas dicker, mit noch röterer Nase, die stark läuft, und ebenso vergissmeinnichtblauen, ebenso strohblond bewimperten Augen, hüpft im Hintergrunde mit. Das Paar übernimmt nun die Führung. „Wollt ihr erst eure Pfoten abkratzen!“ ruft die Walküre ihnen nach. Die Zwillinge trampeln ein Weilchen auf dem Schabeisen herum und kichern. „Kroppzeug!“ Draussen im Hof geht das Klopfen weiter.
Unendlich lange drücken die Zwillinge an der Flurtür zwei Treppen rechts mit ihren roten Fäustchen den Klingelknopf nieder, beide gemeinsam. „Ich hab’ zuerst geklingelt“, sagt die eine. „Nein ich“, die andere.
Auf das Sturmzeichen kommen rasche, leichte Schritte näher, die Tür geht auf, und die kleine Mie erscheint. „Mein Gott!“ seufzt sie, als sie den fremden Herrn sieht. „Von der Steuer?“
„Olshagen. Der Amtsgerichtsrat Seyb schickt mich. Ich bin zum Vormund der Kinder ernannt worden, Fräulein Heimsöth.“
„Ach, von Droeseke und Koh! — Kinder, so macht doch Platz und lasst den Herrn eintreten. Bitte sehr, ach, das ist furchtbar freundlich, ich wäre natürlich ebenso gern selbst ... Dagmar, wo hast du dein Taschentuch? Ingrid, so hör doch bloss mit Klingeln auf.“
„Ich hab’ zuerst!“ triumphiert das dickere Plaidbündel. „Zuerst — und zuletzt!“
„Ja doch, ja doch ... Entschuldigen Sie, Herr Olshagen.“
Es kann sich ja nur um eine Blitzvisite handeln. Bernt will einen Blick in die Wohnung werfen. Die Zwillinge müssen ihm ihre roten kleinen Pfoten geben, nachdem sie einer mehr symbolischen Reinigung unterzogen sind. Also das ist Dagmar und das ist Ingrid. Solang sie die Plaidumschnürung tragen, kann man sie unterscheiden — die dickere ist Ingrid, weil sie das dickere Plaid bekommen hat —, aber in ihren groben schwarzen Kleidchen ähneln sie einander erschreckend. Schönheiten sind sie gerade nicht, die Zwillinge. Richtige Semmelköpfe.
Und nun die kleine Mie. Einen grösseren Gegensatz kann man sich kaum denken. Grosse, dunkelblaue Augen, schmales Köpfchen, dunkelbraunes Haar, Bubikopf, halbverschnitten. Der Teint auffallend dunkel. Fein gezeichnete, dunkle Brauen hat sie. Eine klare, schöne Stirn. Die Lippen sind schmal, der Mund ist unsinnlich. Im ganzen aber wirkt ihr Figürchen sehr hübsch. Und sie hat noch das Kinderstrahlen in den Augen.
„Also das ist nun euer Herr Vormund, Dagmar und Ingrid.“
„Na, und wie heisst der neue Onkel?“ fragt Bernt gemütlich onkelhaft, indem er sich tief zu den kleinen Semmelblonden hinunterneigt.
„Du bist Herr Droeseke und Koh!“ sagt Dagmar. Und Ingrid plappert es nach.
Es riecht nicht nach Sauerkohl und Armut hier, mehr nach Seife. Nach billiger Seife, freilich. Die kleine Mie hat ein grosses Scheuerfest abgehalten. Die Wohnung ist blitzsauber. Es hängen auch keine Öldrucke an der Wand, sondern schmalgerahmte Zeichnungen und Aquarelle. Werke des toten Modellzeichners, aus der Zeit, als er noch Künstlerträumen nachhing. Gerade keine grossen Talentoffenbarungen sind’s, sie halten sich etwa auf der Höhe eines gewissenhaften Zeichenlehrers.
Die kleine Mie erstattet Bericht, etwas ängstlich, sie verschluckt sich ein paarmal vor lauter Respekt. Ja, die drolligen Farbengegensätze in der Familie Heimsöth, danach wird sie oft gefragt. Ihr Bruder Peter ist ganz blond gewesen. Auch dessen Frau. Die Heimsöths waren immer in Holstein ansässig. Da gab es eine blonde und eine brünette Linie. Eine der vier Urgrossmütter stammte aus Spanien, aber welche, das weiss die kleine Mie selbst nicht mehr.
„Haben Sie einen Beruf, Fräulein Heimsöth?“
„Noch nicht. Ich wollte studieren, Medizin. Letzten Herbst Hab’ ich das Abiturium gemacht. Aber da starb meine Schwägerin, und gleich darauf legte sich Peter. Da ist unser letztes Geld draufgegangen. Ich möchte jetzt Röntgenschwester werden. Der Sanitätsrat Werner will mir dazu verhelfen. Aber das geht doch nur, wenn ich die Kinder unterbringen kann. Wir hoffen immer noch, dass Herrn Werners Freund, Doktor Hesslein, der das Kindersanatorium in Büsum leitet, Freiplätze für sie bekommt. Das wäre ja fein. Aber sie sind so schrecklich plebejisch gesund, sagt der Doktor und lacht dabei. So ganz zum Lachen ist es aber gar nicht. Halbe Freiplätze, das ginge wohl zu machen, meint er, auch so. Aber das kostet 62 Mark den Monat je Kopf.“
„Je Kopf, so so.“
„Au, ist das teuer!“ sagt Dagmar, um die Pause auszufüllen. Und darauf beginnt Ingrid so zu lachen, dass sie husten muss. Dagmar ist sofort eifrig dabei, ihr den Rücken zu klopfen, Ingrid klopft zurück, und unter unbändiger Heiterkeit entsteht eine kleine Keilerei.
Es ist ein Bild ungetrübten Familienglücks. Aber Bernt ist beeilt, kann nicht länger daran teilnehmen. Er lässt sich noch von Fräulein Heimsöth ein paar Adressen geben, macht sich Aufzeichnungen, verspricht, von sich hören zu lassen, und lässt ein kleines „Patengeschenk“, wie er sich ausdrückt, für die Zwillinge zurück: je fünfzig Mark.
„Mein Gott, das kann ich ja gar nicht annehmen“, sagt die kleine Mie entsetzt, aber strahlenden Auges.
„Es ist auch gar nicht für Sie bestimmt, Fräulein Heimsöth. Schaffen Sie an, was die Kinder am dringendsten brauchen. Für ein halbes Jahr, denke ich, wird die Firma Ihnen wohl noch die Sorge abnehmen; ich stelle einen Antrag an die Zentrale in Heinersbach. Inzwischen sind Sie dann ja wohl selbst so weit ... Na, auf Wiedersehen, kleine Dagmar ...“
„Das ist doch die Ingrid!" ruft Dagmar in komischer Entrüstung. „Onkel Droeseke und Koh, das musst du nu aber lernen!“
„Ich verspreche dir’s feierlich!“
Husch, ist der interessante Besuch wieder weg. Die kleine Mie hat Tränen in den Augen, aber zum erstenmal seit langer, langer Zeit sehen die Zwillinge ihre Tante wieder richtig vergnügt. Nein, was wird heute in der aufgeregten Zwillingsfamilie noch gelacht und gespielt und gesungen. Dieses Fest für die Kinder: sie bekommen Wintermäntelchen, brauchen nicht mehr in die grässlichen Plaids eingewickelt zu werden! Und neue Stiefelchen und Fausthandschuhe gibt’s!
Bernt hat im Verlauf dieses Tages kaum eine Minute, um sich der Begegnung mit Mie zu erinnern. Bloss ein paar Sätze in Sachen Heimsöth diktiert er auf dem Büro für die Zentrale. Und hofft im stillen, dass Direktor Schrötter dort die Geschäfte ohne weiteres in Ordnung bringt und den Betrag von Jahresbeginn an ins Pensionskonto einsetzt, denn wenn er erst umständlich dem Seniorchef darüber Vortrag hält ...
*
Aber all die Abhaltungen haben ihn nun um die fällige Aussprache mit Paula gebracht. Paula hat da und dort angerufen, dringlich, immer wieder. Auch mehrmals in der Wohnung. Die Hausdame berichtet ihm, die Baronin habe sie vom Telephon fortgeschickt und lange mit der Dame allein verhandelt.
„Eine Dame aus Stettin wollte dich sprechen, Bernt, sehr eilig und sehr dringlich“, sagt Adi in ihrem harten, gequetschten Gardeton. „Ein Fräulein Krusius. Wollte aber zuerst den Namen durchaus nicht nennen. Sonderbar.“
Nun bleibt Bernt — es ist im kleinen Salon — kerzengerade vor ihr stehen. „Warum sonderbar, Adi? Es wird Paula gewesen sein. Die hat doch keine Ursache, sich dir vorzustellen. Denn du würdest sie ja doch nicht kennen wollen.“
„Paula? Ach so, das ist deine kleine Freundin?“
„Sie war es. Bis heute.“
„Bis heute?“
„Ja. Ihre erste Indiskretion bringt uns natürlich auseinander.“
„Ekelhaft!“ sagt Adi und streift an ihm vorüber zur Tür. „Keine Stunde bleibe ich länger in deinem Hause.“
„Ich mache nicht den Versuch, dich zu halten, Adi.“
„Das ist also der Dank. Auch noch Weibergeschichten. Ich ahnte es aber längst.“
„Nur eine Bitte habe ich an dich. Sei so gütig, Adi, und weihe Onkel Droeseke in meine Verderbtheit ein, noch bevor ich nach Heinersbach komme. Ich kann mich dann dort in meinem Bericht knapper fassen. Und dir macht es ja auch wohl mehr Vergnügen als mir.“
Adi ist dicht an der Tür stehengeblieben. „Ich werde Onkel kein Wort sagen, wenn du mir versprichst, Bernt ... Überhaupt, wer und was ist diese Paula? ... Sich so wegzuwerfen. Ach, Bernt, ich meine es doch gut mit dir. Und mit Sibylle und Klaus erst recht ... Aber bilde dir nur nicht etwa ein, Bernt ... Ach, das wäre ja zum Lachen. Etwa Eifersucht? Phantastisch. Nein, ich mag dich gar nicht mehr sehen, verstehst du. Natürlich begleitet sie dich, deswegen hast du ja bloss diesen plötzlichen Urlaub genommen. Na, viel Vergnügen. Nicht mal richtig Deutsch sprechen kann sie. Ein Barmädchen oder so was, vielleicht eine Masseuse. Furchtbar unkompliziert seid ihr doch, ihr Herren der Schöpfung. Na, adieu, Bernt.“
„Adieu." Einen Augenblick starrt er vor sich hin, dann hebt er den Fernsprecher ab und lässt sich mit dem Hotel Exzelsior verbinden.
Endlich ist Paula am Apparat.
„Ich wollte mich nur noch von dir verabschieden, Paula. Jawohl, endgültig, Paula. Nein, wiedersehn werden wir uns kaum mehr. Ich kann dich nicht daran hindern, nach Berlin zu ziehen, nein, gewiss nicht. Aber zwischen uns muss es jetzt aus sein ... Nachweisen dir, was denn, wieso? ... Nein, nein, lediglich ein paar Indiskretionen, die mir nicht gepasst haben. Kleinlich, sagst du? Die grosse Liebe? Aber ich habe dir doch niemals vorgeheuchelt, liebe Paula, dass du die Erfüllung meines Lebens seist. Und du warst ja auch viel zu geschmackvoll, um mir eine Leidenschaftskomödie vorzuspielen. Wir waren für eine Ballstrecke gute Tanzkameraden, nicht wahr? Nun lass uns ohne hässliche Szene auseinandergehen. Ich schicke dir dasselbe auf dein Bankkonto, was du im letzten Jahr dort gehabt hast. Es brächte dich weiter, Paula, du verbrauchtest das Geld in Stettin. Aber das ist meine Privatmeinung. Nein, bitte, keinen letzten Abschied. An der Bahn schon gar nicht. Ich hasse Perrongespräche. Nun gar ... Aber behalte mich in leidlichem Andenken, Paula ... Um Gotteswillen, Paula, am Telephon weinen ...“
3
Im glattlaufenden Schlafwagen geht der Schaffner von Tür zu Tür und weckt. Es beginnt zu dämmern. In dreiviertel Stunden ist man in Basel.
Bernt balanciert schon vor dem Spiegel und rasiert sich. Er hat wie tot geschlafen. Aber ausgeruht sieht er nicht aus. Sein Bild missfällt ihm. Er wird im Mai dreissig Jahr — und sein Gesicht ist doch schon recht zerknautscht. Da er viel Sonnensport treibt, täglich mit den Kindern im Dachgarten oben auf der Villa turnt, selbst im Winter bei Schnee, ist er durchtrainiert, schlank, fast mager. Und seine Haut ist gesund bräunlich. Aber die Schläfen sind eingefallen und lassen ihn älter erscheinen. Nun ist auch sein Haaransatz zurückgetreten, die Stirn sehr hoch, man könnte schon beinahe von einer Glatze sprechen, so dünn ist die blonde Haarschicht oben. Vorbildlich gesund sind seine weissen, festen Zähne. Der Zahnarzt, von dem er sich und die Kinder kontrollieren lässt, schmeisst ihn stets mit humoristischer Entrüstung aus dem Sprechzimmer hinaus. Den Spiegel benutzt er nur beim Rasieren, das sind also auch die einzigen Minuten, wo er sich mal ins Auge sieht. Die Farbe seiner Augen ist im Pass braun angegeben, aber in Wirklichkeit ist sie braungrün schillernd. Besondere Kennzeichen? In seinem Elternhaus (er ist früh Waise geworden) hiess er der „fröhliche Bursch“; nach einer Björnson-Novelle hatte ihn seine Mutter so genannt, weil er so gern und so herzlich lachte. Aber wie all seine Altersgenossen, die im ersten Semester der Technischen Hochschule standen, als der Krieg ausbrach, hat er das Lachen zeitig verlernt. Flandern und Galizien! Rasch wurde er zum Offizier befördert. Im Flammenwerfertrupp holte er sich im Dezember 17 die dritte Verwundung. So kam er ins Heimatslazarett, im Mai 18 zur Nachkur ins Heilbad. In Wiesbaden lernte er Droeseke und Tochter kennen. Verliebt, verlobt, Kriegstrauung. Sofort ging’s wieder hinaus. Aber unmittelbar danach reklamierte ihn sein damals sehr mächtiger Schwiegervater für die kriegswichtige Fabrik. Als der Umsturz begann, leitete er das Berliner Büro. Die kleine Sibylle war noch in Schlesien geboren. Im Jahre 19 kaufte Droeseke dem jungen Paar die schöne Grunewaldvilla. Die grosse Sibylle hat das Glück darin ja nicht lang erlebt ... Und sie haben so gut zu einander gepasst. Gerade weil Sibylle das glückliche Gegenteil ihres Vaters war, des geizigen, schrulligen Mannes, der das Leben hasst und nur das Geld liebt ... Was haben sie doch oft gelacht, als junges Paar, wenn es ihnen einmal gelungen war, Papa Droeseke zu beschummeln ... Sibylle konnte ja ein solcher Kindskopf sein, so ausgelassen, und Gesichter schneiden, nein, woher hatte sie das bloss ...? Weder ihr Töchterchen noch Klaus haben auch nur eine verschwindende Ähnlichkeit mit ihr. Eigentlich ähneln sie beide ihrem Grosspapa, äusserlich und innerlich. Schade ...
Der Schlafwagenschaffner bringt die bestellte Tasse schwarzen Kaffee. Bernt nimmt zwei Schlucke und verzichtet auf den Rest. Das Handgepäck ist fertig gemacht. Er zündet sich eine Zigarette an und tritt auf den Gang. Eine schlanke junge Dame im kostbaren Breitfuchs steht am Gangfenster und blickt in den grauen Morgen hinaus. „Muss ich in Basel umsteigen nach Adelboden?“ fragt sie den Schaffner. Nein, sie könne im Zug bleiben bis Frutigen, aber hier in Basel würde der Schlafwagen abgehängt, es sei Aufenthalt genug, wegen der Zoll- und Passrevision.
Der Zufall bringt sie dann in dem neuen Schweizer Wagen zusammen; er hat nur dieses eine Abteil erster Klasse. Und es ergibt sich, dass sie beide in Frutigen den Zug verlassen werden. Das Postauto habe unmittelbar Anschluss nach Adelboden, versichert der Schweizer Schaffner. „Aber es wird Nacht werden, bis man dort ankommt?“ fragt die Reisende etwas unbehaglich. Sie kenne Adelboden nicht, erklärt sie dem Fahrtgenossen, wisse daher nicht, wo man dort am besten unterkomme. Bernt ist das Grand Hôtel empfohlen worden; er hat sich telegraphisch ein Zimmer vorausbestellt. „Gewiss ist der Hausdiener an der Bahn, Sie können dann gleich erfahren, ob noch Platz im Hause ist oder wo sonst.“
Bernt freundet sich unterwegs nicht gern an. Er bleibt auf der Weiterreise zurückhaltend. Die Mitreisende ebenso. Aber es ergibt sich, dass sie viel gereist ist. In Zürich und München weiss sie gut Bescheid. Sie ist durchaus Lady, auch offenbar die Begleitung einer Jungfer gewohnt. Sie brauche ein zweites Zimmer für ihre Bedienung, die in ein paar Tagen nachkommen soll, sagt sie in Frutigen dem Hausdiener vom Adelbodener Grand Hôtel. Oh, es gebe Platz genug oben, die Hauptsaison sei doch jetzt vorbei ...
Unheimlich schön ist die nächtliche Fahrt bergauf im Postauto auf den beschneiten Serpentinen, die sich längs des Tals emporschrauben. Der Scheinwerfer beleuchtet nur immer einen kleinen Ausschnitt aus der schneeverzauberten Welt. Mehrere hundert Meter geht es ununterbrochen steil empor. Zuweilen tut sich der Blick in jähe dunkle Schluchten auf, die links oder rechts von der Poststrasse abstürzen. Der mächtige Kasten rollt über Brücken, passiert kleine Gebirgsdörfer. Alles ist dick verschneit.
Im Hotel klingt Tanzmusik aus der Halle. Das übliche Bild: Ladys in Abendtoilette, Gents im Smoking. Meistens Engländer und Holländer, berichtet die Empfangsdame. Die Ankömmlinge haben reichlich Auswahl unter hübschen Zimmern. Es ist alles gut durchgeheizt und sehr behaglich.
Eine kleine Stunde später sitzt Bernt, frisch umgezogen, an seinem Tischchen im sonst leeren Speisesaal beim Essen. Auch die Reisegefährtin erscheint. Sie hat nur eine kleine schwarze Abendtoilette ausgepackt, aber ein kostbarer handgestickter Seidenschal gibt ihr Relief. Vom Menü wählt sie bloss eine Kleinigkeit aus. Die Empfangsdame kommt und erkundigt sich nach weiteren Wünschen. Hauptsorge der Neuangekommenen ist: kann sie gleich morgen früh einen gewandten Skilehrer bekommen? Ja, gewiss, das ist der junge Berner, der in der Halle als Eintänzer tätig ist. Auch Bernt bedarf seiner, wenigstens bei der Besorgung der Bretter, denn er hat für den kurzen Ausflug seine Ski nicht mitgenommen. Also stellt hernach in der Halle die Hotelbesitzerin den Sport- und Tanzlehrer den Ankömmlingen vor. Ein Sportgespräch beginnt. Und sie vermittelt auch die Bekanntschaft der Reisegefährten, wobei die Namen genannt werden.
„Olshagen?“ fragt Marion. „Etwa aus Berlin-Grunewald?“ Sie ist leicht verdutzt und lächelt dann. „Oh, ich entsinne mich ... Nein, ist das drollig!“ Und als die Wirtin ins Büro abgerufen wird, erzählt sie ihm eine kleine Begegnung, die sie vor ein paar Tagen mit einer reizenden jungen Dame aus Stettin gehabt hat.
Bernt hat noch immer die knabenhafte Angewohnheit, zu erröten, wenn er in Verlegenheit gerät. Marion bemerkt es und lacht herzlich. Sie hat ein wohliges, etwas rollendes Lachen. „Nein, Sie brauchen nichts von mir zu befürchten, Herr Olshagen, ich bin verschwiegen wie ein Kalifengrab. Und jedenfalls — haben Sie keinen schlechten Geschmack bewiesen.“
„Ich bin völlig entwaffnet. Aber nachdem sich’s nun einmal so getroffen hat, gnädige Frau, müssen Sie schon ein übriges tun und mir den Besuch der jungen Dame etwas eingehender schildern. Ich war nämlich doch stark überrascht von dem Anruf.“
Sie setzt sich auf einen kleinen Schaukelstuhl am Backsteinkamin, wippt ein wenig und blickt lustig zu ihm auf. „Paula ist so nett! Nein, ist sie nicht?“
Nun lacht er auch. „Paula ist eine rechte kleine Provinzialin. Bei ihrem ersten Schritt aufs Berliner Pflaster blamiert sie mich in so haarsträubender Weise.“
„Vor wem? Vor mir doch nicht? Ach, Herr Olshagen, wenn eins sich blamiert hat, dann bin ich’s. Ich war der Tolpatsch, ganz allein ich. Jetzt tut mir’s tatsächlich leid. Aber diese Wohnungsgeschichte hat mir natürlich schon viel Kopfzerbrechen gemacht. Ich hab’ es nun meiner Jungfer überlassen, mit einem der Bewerber abzuschliessen. Es ist Verlass auf ihr Urteil. Aber vielleicht wird es doch ein Reinfall. Und Paula wäre so glücklich gewesen ... Nein, aber nun kein Wort mehr davon ... Übrigens hat mir die Art, wie Sie mich am Telephon abblitzen liessen, doch sehr gefallen.“
„Ich hoffe, dass ich nicht unhöflich war.“
„Durchaus nicht. Korrekt waren Sie. Diplomat in jeder Silbe. Sind Sie’s von Beruf, Herr Olshagen?“
„Nein, ich bin Geschäftsmann. Sehr gehetzt, muss ich wohl sagen. Es hat sich gerade in den letzten Tagen viel zusammengedrängt. Da wird man nervös, vielleicht auch ungerecht.“
„Sehen Sie, nun tut’s Ihnen doch leid, dass Sie Paula so lieblos behandelt haben ... Nein, nein, nein, ich fange nicht mehr davon an.“ Sie steht auf und nickt ihm zu. „Jetzt muss ich Kräfte sammeln für morgen früh. Um zehn Uhr meine erste Skilektion. Sicher werde ich mich wie der dumme August im Zirkus anstellen. Und dann ist die Reihe zu lachen an Ihnen.“
„Ich hoffe das Schlimmste — um mich rächen zu können.“
Amüsiert von dem kleinen Geplänkel trennen sie sich.
Bernt geht noch einmal ins Empfangsbüro und liest ihren Namen. Frau v. Dette-Dubois. Er hat sie unterwegs fliessend Französisch sprechen hören. Aber Ausländerin ist sie nicht. Ihr Gepäck ist umfangreich, alles sehr gediegen, mit den Hotelzetteln erster Fremdenstationen bekleistert. Ihre Toilette ist kostbar, alles verrät Geschmack, besonders künstlerisch ist der wenige Schmuck, den sie trägt.
Sie hat der Empfangsdame erklärt, dass sie sich für länger als fünf Tage nicht binden möchte. Vielleicht führe sie gleich zum Genfer See hinunter, wenn sie dem Skisport keinen Geschmack abgewinnen könne. Zunächst wartet sie aber ihre Jungfer hier ab.
Es wäre schade, wenn er die nette Gesellschaft gleich wieder verlieren sollte.
*
Aber keine Sorge, er verliert sie nicht.
Am ersten Morgen ist Marion der Mittelpunkt des Interesses auf dem ganzen Übfeld. Sie steckt in einem praktischen Sportkostüm, in dem sie wie ein schlanker Junge von sechzehn Jahren wirkt. Die Sportmütze steckt sie bald in die Tasche. Auf ihren blonden Scheitel scheint die Sonne. In wenigen Stunden ist ihr Gesicht, ihr Hals rotgebrannt. Sie entwickelt einen fabelhaften Eifer. Niemand will glauben, dass dies ihre erste Lektion sei. Jedenfalls ist sie sehr begabt für den Sport. Bernt übt sich zuerst ein bisschen ein, unternimmt ein paar Aufstiege auf die nächsten Abhänge, fällt, wälzt sich im Schnee und kommt dann dampfend und gut gelaunt die Strasse durch den Wald vom Känzli abgefahren, die Stöcke schwingend. Schon von weitem erkennt er den blonden Etonkopf seiner Reisegefährtin.
„Skiheil!“ grüsst er. „Skiheil!“ gibt sie zurück. „Oh, Herr Olshausen, ich bin nun schon dreimal den Übhügel abgefahren, ohne zu purzeln. Ich bin mächtig stolz. Aber ich glühe auch schon wie ein Backofen.“
Der Berner Lehrer lobt sie sehr. Nur der Schnee sei schon so arg weich. Die Luft sei auch föhnig. Wahrscheinlich gebe es einen Umschlag.
„Tauwetter?“ fragt Bernt entsetzt.
„Aus Spiez und Thun und Frutigen wird schon Regen gemeldet heute vormittag.“
„Wehe Ihnen!“ droht Bernt. Besorgt hält er Umschau. Ein Wolkenkranz lagert am Horizont. Von den Dächern der Heuschober tropft es. Die Sonne schmort den Schnee.
„Heute nachmittag muss es noch halten,“ sagt Marion, „das ist das Berner Oberland mir schuldig.“ Eifrig nimmt sie ihre Übungen wieder auf, Bernt leistet ihr Gesellschaft.
Immer weicher wird der Schnee. Die Hotelgäste ziehen ermüdet ab, ein Trupp nach dem andern. Da und dort hört man auch schon den Gong zum Lunch rufen. Aber Marion übt noch immer weiter. Bernt bewundert ihre Ausdauer. Er ist schon etwas erschöpft und setzt sich auf seinen Ski in die Hocke. Endlich hat auch sie genug. Sie verabschiedet ihren Lehrer und kommt zu Bernt, seinem Beispiel folgend. Aber da sie die Ski nicht ganz horizontal ausgerichtet hat, gerät sie ins Rutschen. Er will ihr helfen, doch das duldet sie nicht, weil es nicht sportgemäss sei. Sie zwingt es dann auch.
„Fabelhaft selbständig!“ erkennt er an.
Nun sitzt sie in der Bratsonne nahe bei ihm. Das ganze Schneefeld ist leer geworden. Aus dem Dorf klingt das Juchzen der Kinder, die an dem Abhang eine waghalsige Kurvenbahn für ihre Rodel ausprobieren. Die Luft ist so warm geworden, dass man beim Sprechen nur noch ganz kleine Atemfähnchen sieht.
„Ich muss ja auch selbständig sein,“ sagt sie, „in allem. Hab’s nur leider viel zu spät gelernt. Wie alle Frauen. Ich sagte es Ihnen wohl noch nicht: ich kämpfe jetzt schon seit einem Jahr um meine Freiheit.“
„Oh — ein Scheidungsprozess?“ fragt er, unwillkürlich die Stimme etwas senkend, obwohl sie hier ganz allein sind.
Sie hat ihre Schienbeine mit den Armen umklammert, stützt das Kinn auf die Knie und blickt über das weite Tal hin. „Viel durchgemacht hab’ ich. Ich hab’ Zeiten erlebt — na, ich hätte nicht gedacht, dass ich noch einmal selig wie ein Kind in der Sonne sitzen und mich so meines Daseins freuen würde.“
„Das tun Sie also jetzt?“
Sie nickt heftig. „Die Aussicht, frei zu werden. Endlich, endlich. Und sein Leben neu geschenkt in der eigenen Hand haben. Ach, und es dann festhalten für immer, nie mehr, nie mehr abhängig werden. Ihr Männer wisst ja gar nicht, wie gut ihr’s habt. Ihr könnt euch eine nette kleine Paula nehmen, für ein fröhliches Weilchen, und sie dann wieder in die Ecke stellen, wenn’s euch nicht mehr passt. Für uns Frauen aber ist es gleich Schicksal.“
„Für alle?“
Sie zuckt die Achseln. „Vielleicht für Paula nicht. Aber das Risiko einer Ehe ist doch viel gefährlicher für uns als für euch. Am gefährlichsten das einer Liebe. Es kann die Vernichtung bringen.“
„Also haben Sie Ihren Mann sehr geliebt?“
„Sehr.“
„Lieben ihn noch?“
„Ich weiss nicht. Er ist nicht etwa ein Bösewicht. Nein, nein. Ein Taugenichts vielleicht. Aber man möchte doch immer noch die Hand über ihn halten, damit er sich nicht ganz verliert.“
„Das ist ein schwerer Konflikt.“
„Aber er panzert einen gegen neue Gefahren, und das ist gut so.“
„Neue Gefahren?“
„Nun ja, wenn man noch ein bissel jung ist.“ Sie lacht fast trotzig vor sich hin. „Man könnte ja vielleicht das Unglück haben, sich noch einmal zu verlieben. Aber inzwischen ist man dann gottlob so weise geworden, so abgeklärt ... Unsinn, ich will jetzt meinen Lunch haben, den habe ich mir redlich verdient, und es ist grausam von Ihnen, Herr Olshagen, mich in so abgrundtiefe Gespräche zu verwickeln, über die man sein Schweizer Pensionsfrühstück vergisst!“ Sie ist wieder frisch und lebhaft, richtet sich mit Hilfe der Stöcke auf, und gemeinsam schlurfen sie dann durch den weichen Schnee der triefenden Dorfstrasse dem Hotel zu.
4
Diese Frau ist ihm ein Erlebnis.
Es ist nicht der landläufige Flirt, der sie zusammenbringt. Darüber ist Marion hoch erhaben. Aber sie freut sich über die Sportkameradschaft, die er ihr widmet. Da die Sonne den Schnee hier im weiten Talkessel unheimlich schnell zur Schmelze bringt, muss man zwei-, dreihundert Meter höher steigen, auf die Berglehnen, die gegen die Südsonne geschützt sind. Das werden strapazenreiche Aufstiege für eine Anfängerin wie Marion. Bernts Begleitung gibt ihr Sicherheit. Zweimal bleiben sie den ganzen Tag unterwegs und machen eine köstliche Mittagsrast in einer für Wintersportgäste geöffneten Alpenwirtschaft. Man liegt auf Liegestühlen in der Sonne, in wollene Decken verpackt, die man bald wieder wegstrampelt, pafft Zigarettenwölkchen in die stille Luft, trinkt guten Kaffee und plaudert.
Schade, heute abend trifft Marions Jungfer ein, die den komischen Namen Hansi führt. Dann werden sie nicht mehr so viel allein sein können. Marion erzählt offenherzig aus ihrem Leben. Es ist sehr bunt und wechselreich gewesen. Sie stammt aus Strassburg. Ihr Vater war der bekannte Kunsthistoriker an der Universität. Sie hat als blutjunges Ding die Goldschmiedekunst erlernt, als richtiger Lehrling, war auch ein paar Semester auf der Kunstgewerbeschule in München und hat dann eine Werkstätte in Zürich eingerichtet, die sehr rasch gute Aufträge bekam: die Firma Dubois & Hasse. Ihr Kompagnon Hasse, ein junger Architekt (er ist im letzten Jahr bei dem Drahtseilbahnunglück ums Leben gekommen), war der Geldgeber, denn das Vermögen ihrer Eltern war damals durch die Inflation kläglich zusammengeschrumpft. Auch nach ihrer Verheiratung ist sie noch immer für die Werkstatt tätig gewesen. Sie kann nicht ohne Arbeit leben. Und neue Entwürfe machen ihr Freude. Das Geschäft ist jetzt freilich nicht mehr so lukrativ wie früher, weil der Geschmack schlechter geworden ist und die reichen Leute von heute lieber protzig gefasste Brillanten als künstlerisch verarbeitete Halbedelsteine kaufen. Aber die Einnahmen haben sie doch noch immer über Wasser gehalten. Sie hat ja auch ihren Mann damit durchbringen müssen. Das ist jetzt gerade die grosse Schwierigkeit: bei der Scheidung auch diese Lösung durchzusetzen. In der ersten Verliebtheit hat sie leichtsinnigerweise ihren damaligen Bräutigam als stillen Teilhaber eingesetzt. Hasse war ausser sich gewesen. Natürlich nicht nur aus geschäftlichen Gründen. „Ich taumelte damals hin und her, wusste selbst nicht Bescheid über mich und war sehr unglücklich. Hasse hat ein Semester lang in München die Studentenbude mit mir geteilt. Da haben wir uns viel gezankt.“
„Nicht geliebt?“ wirft er ein, aufgestachelt, von ihrer entwaffnenden Offenheit immer wieder fast erschreckt.
„Auch geliebt. Gewiss. Was man so Liebe nennt, wenn die Frauensinne noch nicht eigentlich erwacht sind. Er hatte dann Glück mit seinem Hochhaus-Entwurf für St. Louis und reiste nach Amerika. Ich sollte Nachkommen. Aber da geriet Fritz in meine Lebensbahn, und nun war ich nicht mehr Herrin meines Willens. Wir kannten uns schon als Kinder. In Strassburg, ich war ein Backfisch, himmelte ich ihn immer wieder an, wenn er als Kadett auf Ferien kam. Wir Backfische schwärmten alle für ihn. Die ganze II und III der Höheren Mädchenschule. Ein wunderhübscher, frecher Bengel war er. Als Offizier hat er wohl nicht allzuviel getaugt. Er ist erst siebzehn ins Feld gekommen. Beim Zusammenbruch hat er dumme Geschickten gemacht. Von all dem erfuhr ich erst später. Als er im November achtzehn nach München kam, traf ich ihn. Ich war gleich wieder ebenso verschossen in ihn wie als Backfisch. Gelernt hatte er nichts. Er ist in allem der kleine Kadett geblieben. Ich nahm ihn nach Zürich ins Geschäft. Die Arbeit passte ihm ja nicht, aber er hatte immer Ideen für Neugründungen. In meinen Augen war damals alles herrlich, was er sagte und was er tat. Ich glaube, ich war noch eitler auf ihn, als er selbst es war. Ja, es ist verrückt, was in so einem Mädchenherzen herumtoben kann. Er ist ja auch heute noch der Beau, nach dem sie alle gucken. Seine schlanken, schönmanikürten, aristokratischen Hände, die nicht tätig sein können, weil sie eben viel zu vornehm dazu sind. Besonders hübsch sieht er zu Pferde aus. Sport versteht er. Eine Zeitlang war er Eintänzer auf Tanzdielen. Hatte er Geld, dann kümmerte er sich nicht um mich. Ging’s ihm schlecht, dann kam er an. Und ich war sofort wieder bezaubert.“
„Und damals haben Sie ihn geheiratet?“
„Ich glaubte damals, ich müsste ihn heiraten, auf jeden Fall, es war teils Furcht, teils Hoffnung. Er war auch gleich bereit. Wir sind aufs Standesamt gegangen, nach Berlin gezogen — das Kind kam nicht lebend zur Welt —, und er war eine Zeitlang der denkbar beste, liebste, zarteste Ehemann. Er half mir oft durch seinen gewählten Geschmack, sein sicheres Urteil. Und er besorgte den geschäftlichen Verkehr mit Zürich. Das erforderte Gerissenheit damals. Und war viel wert. Denn von den Schweizer Franken konnte man eine Weile fürstlich leben.“
„Sonst tat er nichts?“
„Agenturgeschäfte da und dort. Pferdeverkäufe. Immer ist er auf dem Sprung, ein ganz grosses Geschäft abzuschliessen. Er hat manchmal fabelhafte Erfolge gehabt. Auch Spielerglück hat ihm oft geholfen. Da halfen ihm denn auch natürlich leichte Weiberchen, den Gewinn zu verzehren. Schliesslich musste ich einen Entschluss fassen. Wie mich’s durchgerüttelt hat, den Mut und die Stärke aufzubringen, um mich von ihm zu trennen ... Der Prozess war furchtbar, in allen einzelnen Stadien. Und ich will und muss jetzt von Berlin fort, denn solange er mich so bequem erreichen kann, hofft er noch immer.“
„Er hofft — auf Ihr Mitleid?“
„Ja. Und baut auf seinen Scharm.“
„Hm. Ist also noch immer unwiderstehlich?“
Sie hebt die Schultern und lässt sie mutlos sinken. „Manchmal könnte ich mich darum hassen. Ich bin wirklich nicht eingebildet, kenne meine Fehler ganz genau, aber ich weiss doch, dass ich wertvoller bin als er und zu schade für ihn. Das sage ich mir immer wieder vor, um den letzten Rest von Mitleid aus dem Herzen herauszureissen. Aber ich fürchte mich doch recht vor der Zukunft.“
Er liegt längst nicht mehr auf seinem Liegestuhl, sondern sitzt bei ihr, nahe bei ihr, in wirklicher Ergriffenheit, und nimmt nun ihre beiden Hände und drückt sie sanft. Es ist etwas rührend Kameradschaftliches in dieser Geste. Sie schliesst die Augen. Langsam rinnt eine Träne über ihre braungebrannte Wange.
„Sie sind viel zu jung, Frau Marion, als dass Sie in diesem Kampf nicht Siegerin bleiben sollten“, sagt er dann, indem er sich erhebt und über die sonnige Alm blickt.
Die vertrauliche Anrede ist ihm unwillkürlich über die Lippen gekommen. Er bereut sie fast, da sich nun sogleich ein trotziges, fast bitteres Lächeln auf ihrem Antlitz zeigt. „Sagen Sie nur ja nicht, Herr Bernt Olshagen: Ihre goldene Jugend, meine teure Frau Marion, wird Ihnen ja bald eine neue Liebe bescheren. Grässlich kitschig wäre das. Und ich hasse alles Pastorale. Denken Sie denn, ich würde noch einmal im Leben für Ehe oder Liebe zu haben sein? Oder gar für eine so überflüssige Liebelei wie die mit Hasse? Sich nehmen lassen wie einen Bonbon? Nein, ich habe alle Dummheiten, die man machen kann, endgültig hinter mir. Gott sei Dank. Amouren können mir kein Unglück mehr bringen. Und auch kein Glück.“
„Ich glaube, ich sprach gar nicht von Liebeserlebnissen. Aber, mein Gott, das Leben liegt vor Ihnen doch noch so gross und weit da, dass dieser Kummer, diese Verzweiflung, diese Not von heute Ihnen später einmal ganz winzig erscheinen wird.“
„Ja, freilich, ein grosses Schicksal kann einen überrennen.“
„Eben.“
Der Schatten des kegelförmigen Hütli hat den sonnigen Almplatz erreicht und frisst sich weiter und weiter. Nun liegt schon die Bank, auf der das Kaffeegeschirr steht, im kalten Tiefblau. „Aufstehen, aufstehen!“ ermuntert sich Marion. Aber sie verzieht lachend das Gesicht dabei, denn der ganze Körper tut ihr weh. Sie ist heute wohl ein dutzendmal gefallen, und die Schneedecke liegt nur noch dünn über den Baumwurzeln. Zum Heimweg wollen sie frei über den Abhang abfahren, nicht die holprige Schurre an der Waldgrenze nehmen. Es ist für Marion ein neues, gewagtes kleines Abenteuer. „Morgen hat ja doch die ganze Schneeherrlichkeit ein Ende. Es ist sehr schade. Wahrscheinlich lasse ich Hansi gleich noch heute abend die Koffer packen.“
„Um nach dem Genfer See zu fahren? Fahnenflüchtig werden, so schnell? Das wäre schlechte Kameradschaft, Frau Marion.“
„Ich kann Ihnen doch nicht zumuten, mitzukommen, lieber Freund. Jetzt, wo Sie in die Abgründe meines Lebens so tiefe Einblicke getan haben. — Nein, nein, es ist viel besser, wir verleben unsere Rekonvaleszenzen allein, ein jedes für sich. Sie können mich von Fritz nicht ganz gesund machen, und ich kann Sie von Paula nicht heilen.“
„Das haben Sie nun schon gründlich besorgt, Frau Marion.“
„Wirklich?“ Sie hockt im Schnee und bindet ihre Ski fest. „Aber bilden Sie sich nur ja nicht ein, dass ich Ihnen nun auch gleich Ersatz bieten würde.“
„Ganz so vermessen ist meine Phantasie nun doch nicht.“
„Wollen wir einen Pakt schliessen, Herr Bernt Olshagen? Kameradschaft, ja sogar Freundschaft, gut. Aber sobald Sie merken, Sie verlieben sich in mich, dann schicken Sie mir einen netten Blumengruss zum Abschied und türmen.“
„Hm. Die Möglichkeit, dass umgekehrt Sie sich in mich verlieben können, wird gar nicht erst erwogen, Frau Marion?“
Eine Weile blickt sie ihn voll an. Ihre Augen haben allen Spott verloren. Es ist auch um ihren Mund ein weicherer Zug. „Eine Frau wie ich verliebt sich nicht mehr. Ich sagte Ihnen ja: mein grosses Unglück hat mich gegen kleinere Unfälle gefeit. Aber herzlich gut könnte ich Ihnen wohl werden, Bernt Olshagen. Sie sind ein seelisch sauberer Mensch. Trotz Paula und trotz — na, gewiss haben Sie doch noch manch andere Dummheit auf dem Gewissen. Aber gerade weil ich Sie in den paar Tagen schätzen gelernt habe, soll ein guter Klang zwischen uns bleiben. Keine törichte Verliebtheit, deren man sich hinterher schämen müsste. Handschlag. Bitte. Und Pupille. Ach, Sie sehen mich ja gar nicht an.“
„Würden Sie mich missverstehen, wenn ich Sie trotz allem bitte: lassen Sie mich mitkommen nach dem Genfer See?“
Sie nimmt seine beiden Hände und hebt ihr Gesicht zu ihm empor. Fast flehend sieht sie ihm in die Augen. „Aber bitte: nicht einander quälen!“ Ihre Stimme schwankt ein wenig.
Er muss schlucken, indem er ihr’s verspricht. Die Kehle ist ihm trocken und eng geworden. Glut erfüllt ihn, Glut.
Der Platz liegt jetzt in tiefem Schatten. Höchste Zeit, im Schnee abzufahren. Er sucht die geeignete Stelle aus und macht ihr’s vor. Sie fällt oft, die Tour wird noch eine anstrengende Strapaze für sie. Die letzte Strecke im Tal zeigt sich besonders eklig, denn mit Sonnenuntergang ist leichter Frost eingetreten. Auf der Kammstrasse liegt Glatteis. Aber beider Stimmung ist gut. Etwas Junges ist in sie gefahren. Dampfend kommen sie im Hotel an. Die Sterne funkeln schon am blauschwarzen Samthimmel.
Und da ist nun Hansi, die sehr gewandte Jungfer, und betreut ihre Herrin auf Schritt und Tritt. Schade. Man rückt dadurch wieder ein Stückchen voneinander ab.
*
Eine ganze Nacht und einen ganzen Tag regnet’s. Die Dorfstrasse schwimmt. Die bekannten ältesten Leute können sich einer so schauderhaften Saison nicht entsinnen. Aber die jüngeren Hotelgäste nehmen das Wetterpech nicht allzu tragisch. Die Nachmittage gehören jetzt dem Teetanz, und für die Abende werden die grössten Überraschungen vorbereitet. Heute hier ein Maskenball, morgen drüben in der Bernina ein spanisches Fest, überall die Tanzbar mit Konfettiwerfen, mit Gasballons, Puppen, Fächern, Kastagnetten, Papierhüten, seidenen Manteaus ... Und die Spielbank wird eröffnet, das Pferdchenspiel ... Das Hotelleben ist jetzt plötzlich viel lustiger geworden, die Abende dehnen sich bis in den Morgen, weil man vom Sport nicht ermüdet ist, die Gesellschaft schliesst sich zusammen, der Flirt lebt auf ...
Manche Naturfexe machen trotz Schneematsch und Regen meilenweite Spaziermärsche in die Umgegend. Man sinkt freilich auf den verschiedenen Strassen bis über die Knöchel ein. Marion trägt für dieses Sudelwetter die hellgelben Rohrstiefel, die fast bis in die Kniekehle reichen.
Der Hoteldiener hat schwere Arbeit, in das feine Leder dann wieder Grund zu bringen.
Die Wetterberichte am Schwarzen Brett des Kurvereins und der Poststation werden studiert. Man telephoniert mit Montreux, mit Lugano, mit dem Oberengadin. Eine Dame aus dem Grand Hôtel hat mit ihrem Sohn gesprochen, der im Erziehungsinstitut in Zuoz untergebracht ist. Dort oben haben sie noch immer den köstlichsten Wintersport: viel Schnee auf den Abhängen, bei Tag Sonne, bei Nacht Frost, seit Wochen schon, ohne jede Störung.
Aber Marion hat keine Freude mehr am Winter. Sie hat sich die warmen Sportanzüge übergetragen. Es lockt sie, ihre hübschen, duftigen, hellen Frühjahrskostüme auszupacken. Auf dem Quai von Montreux, heisst es, gehen die Damen jetzt mittags schon ganz sommerlich.
Also auf zum Genfer See!
Marion hat es leichter als Bernt, ihre Adresse zu verändern. Ihre Post ist nie umfangreich. Nur mit der Züricher Firma, Dubois & Hasse, steht sie in regelmässigem Briefverkehr. Aber Bernt muss Berlin benachrichtigen, Heinersbach, Stettin. Und die Berichte von Zuhause müssen umgeleitet werden. Ein halber Tag vergeht damit, auf dem Postbüro die telephonischen Anschlüsse abzuwarten.
Die Hausdame ist am Fernsprecher im Grunewald so voller Eifer, alle ihre Beschwerden auf einmal vorzubringen, dass sie sich kaum verständlich machen kann. Ihre ganze Art ist ihm längst unausstehlich. Dann kommen die Kinder an den Apparat. Sibyllens helle Stimme trägt sehr gut, der Kinderbass von Klaus gelangt nur als matt kitzelndes Geräusch hierher. Sie sind beide gesund, gottlob, und freuen sich darüber, dass Tante Adi in ihrem Auto wieder abgefahren ist. Über die Hausdame schweigen sie, denn sie steht neben ihnen.
„Das ist nun die fünfte Hausdame, seitdem ich Witwer bin“, sagt er hernach zu Marion. „Ich hatte eine ehemalige Lehrerin, eine verwitwete Exzellenz, eine Bürgermeisterstochter, eine Pfarrerswitwe und jetzt eine frühere Pensionsinhaberin. Ob sie zwanzig sind oder fünfzig, hübsch oder garstig, temperamentvoll oder abgeklärt: heiraten wollen sie mich alle. Rettungslos. Es ist zum Verzweifeln.“
„Es wird Ihnen letzten Endes auch nichts anderes übrigbleiben, lieber Freund. Wenn wir erst wieder in Berlin sind, dann helfe ich Ihnen mitsuchen und auswählen.“
„Unterstehen Sie sich.“
„Sie werden’s gar nicht merken.“
„Glauben Sie, ich bin so leicht zu verführen? Ich denke, ich habe mich die vier Jahre hindurch tapfer genug gewehrt.“
„Kunststück, wo Paula Ihnen so liebereich über alle Anfechtungen hinweggeholfen hat. Oder wollte auch die gute Paula letzten Endes von Ihnen geheiratet sein?“
„Wer kann in diese schwarzen Frauenherzen hineinsehen.“
„Ich traue allen Frauen das Schwärzeste zu.“
Er spricht mit ihr über viele Dinge, die er bisher nur immer ganz allein hat durchdenken müssen. Es sind darunter auch richtige Hausfrauensorgen. Gegen die Hausdame, die jetzt in der Herbertstrasse das Heft in der Hand hat, muss er einen steten Kampf führen, weil sie in ihren Ansichten über Ernährung, Kleidung und sportliche Betätigung der Kinder ganz unglaublich rückständig ist: für dick einmummeln, in Wolle verpacken, viel Fleischnahrung und so weiter — und die Kinder bleiben dabei überzart, ewig anfällig. Er ist ja leider nur so wenig in Berlin. Wenn er ein paar Tage mit den Kindern zusammen sein kann und er sie schon frühmorgens in den Dachgarten heraufpfeift, um mit ihnen zu turnen, auch ein bisschen zu toben, dann kommen sie immer fröhlich angerannt und sind gleich wie ausgewechselt.
Marion kann zuweilen auch ganz bürgerlich sein und herzlich teilnehmen an solchen häuslichen Sorgen. Ihr Element ist das freilich nicht. Sie spottet lieber, reizt Widerspruch heraus. So ist’s auch im Fall der Zwillingsfamilie. Bernt hat einen glückstrahlenden Brief von der kleinen Mie bekommen. Die Firma Droeseke & Co. hat ihr noch für ein halbes Jahr das Gehalt ihres verstorbenen Bruders ausbezahlt. Nun kann sie also ihre beiden Nichten in Büsum unterbringen. Bernt möchte das junge Ding am liebsten ins Haus nehmen. Als junge Tante für die Kinder, gleichviel; wenn irgend jemand, so ist die kleine Mie in so einer Vertrauensstellung denkbar. Marion lächelt natürlich wieder ihr spöttischstes Lächeln. „Sie wird Sie genau so rettungslos heiraten wollen wie die andern, lieber Freund.“
Das streitet er ihr energisch ab. „Sie ist ja noch ein halbes Kind, trotz ihrer einundzwanzig Jahre.“
„Wetten wir?“
Er muss herzlich lachen. „Der Versuch ist nicht weiter gefährlich.“
Am Nachmittag, mitten im Packen, fällt ihm der kleine Disput wieder ein. Er stellt sich die kleine Mir als Hausmütterchen in der Herbertstrasse vor. Sie wird schon aus Heller Dankbarkeit seinen Anordnungen folgen. Repräsentieren kann sie nicht, braucht sie auch nicht. Ist die jetzige Hausdame etwa eine würdige Repräsentantin? Er wird die Hausdame entlassen und zum Ersten die kleine Mie engagieren.
„Da macht wieder einmal einer einen dummen Streich!“ zitiert Marion, als er ihr berichtet, dass er den Brief abgeschickt hat.
„Was haben Sie nur gegen das arme kleine Ding?“
„Das will ich Ihnen sagen: Sie sind immer so gerührt, wenn Sie von der schrecklichen Zwillingsfamilie erzählen. Und ich hasse Sentimentalitäten fast ebensosehr wie jeden Armeleutgeruch.“
„Von beiden werden Sie wohl nichts merken, Frau Marion, wenn Sie meinem Haus die Ehre Ihres Besuchs geben.“
„Hab’ ich Ihnen das etwa schon versprochen?“
„Ich will doch meine Wette gewinnen. Sie müssen sich davon überzeugen, dass die kleine Mie die erste ist, die keine schwarzen Heiratsabsichten hat.“
„Um was wetten wir eigentlich?“
„Überlegen Sie. Ich halte jeden Einsatz.“
Dann sitzen sie wieder im Postauto und fahren durch Regen und Schneematsch nach Frutigen hinunter. Die Reise nach Montreux ist umständlich, aber in ihrem letzten Teil sehr lohnend. Der Himmel wird von Stunde zu Stunde lichter. Hinter Gstaad bricht die Sonne durch. Als sie von Caux aus zum See hinunterfahren, liegt das Rundbild im Zauber eines unvergleichlich schönen Sonnenuntergangs vor ihnen. Die Schneegruppe der Dent du Midi jenseits des Sees hält die Glut, nachdem die Sonne im westlichen Seezipfel hinter Genf hinabgesunken ist, noch lange fest. Von Gold geht das Farbenspiel der vielgezackten Wand in Purpur und Violett über.
Sie sitzen am Fenster, schweigend, vertieft in den Anblick. Unwillkürlich haben sie einander die Hand gegeben. „Oh, Hochzeitsreisende!“ sagt ein älterer Herr, der in Les Avants die Wagentür öffnet, und zuckt diskret zurück.
Nun fahren sie beide auseinander. „So halten Sie Ihr feierliches Gelübde?“ sagt Marion in gespielter Entrüstung. „Sie kompromittieren mich ja.“
„Hab’ ich etwa gelobt, das zu vermeiden? Ich habe mich bloss verpflichtet, mich nicht in Sie zu verlieben.“
„Es scheint Ihnen bei malerischen Sonnenuntergängen schwer zu werden. Ich werde ein andermal Vorsorge treffen müssen. Wo steckt auch nur wieder Hansi? Ist sie etwa schon im Komplott mit Ihnen?“
*
Im Kurhotel bekommen sie Zimmer auf demselben Flügel, aber in verschiedenen Etagen. Marion hat sich ein ganzes Etablissement genommen: Schlafzimmer mit Bad, Kammer für die Jungfer und Salon mit einer grossen Veranda, auf der man in der Sonne schmoren kann, wenn nicht gerade die „Bise“ weht.
Bernt kompromittiert sie nun tatsächlich in ganz unverantwortlicher Weise. Die Winterpensionäre, die jeden Kurgast genau kennen und alle Ankömmlinge haarscharf abtaxieren, sind sehr bald darüber unterrichtet, dass der Herr von Nr. 377 die meiste Zeit des Tages und des Abends der Dame von Nummer 173—175 widmet. Sie machen zusammen Ausflüge im Privatauto des Hotels oder zu Fuss, sie nehmen zusammen den Nachtischmokka auf der Veranda der Dame, sie besuchen die Tanztees in den verschiedenen Hotels, sie soupieren nicht im grossen Speisesaal, sondern im Wintergarten, kurz, sie sind unzertrennlich und kümmern sich um keinen fremden Menschen, der Herr ist abends zu Besuch im Salon von Nr. 173—175, wie lang, wie spät, das kann man ja nicht wissen, kurz, sie scheinen sehr glücklich miteinander zu sein, es ist ein Skandal ...
Aus der Kurliste erfährt man die Namen. Verschiedene Deutsche aus Industrie- und Handelskreisen kennen den Herrn auch persönlich. Aber er hat ihnen noch keine Gelegenheit gegeben, ihn anzusprechen. Ganz abwesend blickt er über sie hinweg, wenn er sich an der Seite der schönen jungen Frau befindet. Es ist Herr Bernt Olshagen von der Firma Droeseke & Co. Grosse Nummer im europäischen Waggonbau. Die Dame scheint eine Französin zu sein. Aus der Jungfer ist nicht allzuviel herauszubekommen; sie ist in Diskretion bereits geübt. Eine Züricherin will wissen, dass Mme. Dette-Dubois die Inhaberin des Juweliergeschäfts Dubois & Hasse sei. Eine Strassburgerin will sich ihrer aus ihrer Mädchenzeit entsinnen als der Tochter des Kunsthistorikers Dubois von der Universität. Eine rassige Person, ohne Frage. Verheiratet? Unvermählt? Witwe? Geschieden? Natürlich geschieden.
Vom Kurhaus flattert der Hotelklatsch lustig weiter. Man hat in diesen faulen Frühlingswochen am Genfer See ja so blutwenig anderes zu tun, als ein bisschen Menschenkunde zu treiben. Und es gibt tausend Kanäle, die das Geplätscher weiterleiten. So erreicht es auf irgendeinem Tausendmeilenweg schliesslich auch das Herrenhaus von Heinersbach in Schlesien.
Und die Freifrau von Tross kommt mit dem Brief einer Freundin, die sich in Beauregard in Montreux aufhält, aufgeregt zu Onkel Edu, dem Seniorchef, und berichtet triumphierend über den neuesten Exzess von Bernt Olshagen. Wahrscheinlich ist diese Person, mit der er sich da im Kurhotel unmöglich macht, niemand anders als jenes Fräulein Paula aus Stettin. Sein langjähriges Verhältnis, das nicht einmal richtig Deutsch sprechen kann. Die armen Kinder! In der Herbertstrasse geht dabei alles drunter und drüber. Sie hat aus der Nachbarschaft Dinge erfahren ... Aber natürlich verhindert man dort jede regelrechte Aufsicht. Und was wird aus dem Geschäft? Ist denn noch Verlass auf einen solchen Mann? Was sagen die anderen Direktoren dazu? Kann Bernt in Berlin einfach alles stehen und liegen lassen? Nun geht fein eigenmächtiger Urlaub schon in die dritte Woche. Da muss doch endlich mit energischer Hand eingegriffen werden. Etwa nicht?
Za, tatsächlich, es sind schon mehrere Stockungen eingetreten. Vor allem müsste jetzt der Abschluss mit den Rumänen getätigt werden. Alles ist längst vorbereitet, aber gewisse mündliche Vereinbarungen sind zu berücksichtigen ...
Bernt Olshagen erhält einen telephonischen Anruf um den andern. Aus Heinersbach und aus Berlin. Er ist nicht immer erreichbar. Da hagelt’s denn Telegramme. Das wichtigste und dringendste: Sonnabend ist die Konferenz der Europäischen Waggonzentrale — er soll den Vorsitz führen!
Nun erwacht er aus dem traumhaft schönen Schlendrian. Verstört, tiefe Falten auf der braunen Stirn, kommt er mit einem Packen von Depeschen in ihren Salon. „Ich soll heimreisen. Plötzlich gebärden sie sich alle, als sei meine Gegenwart dort unersetzlich.“
Sie kennt nun schon die ungeheure Macht, die sie über ihn ausüben kann.
Gerade waren sie im Begriff, das kleine Gepäck zur Dampfschifflände vorauszuschicken, um zu folgen, sobald das Schiff sichtbar wird. Der Ausflug nach Evian-les-Bains! Unbändig hat er sich darauf gefreut. Er ist taumelig gewesen in allerlei Erwartungen. Es ist nun wieder ein gottgeschenkter Frühlingstag heute. Der See tiefblau, der Himmel seidig, die Alpenriesen tragen Neuschnee, die gekreuzten weissen Fischersegel schweben vor leichtem Lenzwind auf dem Wasser, es riecht nach Narzissen und Veilchen, die Welt hier ist so jung und fröhlich ...
„Heimreisen. Es ist auch wirklich höchste Zeit, lieber Freund“, sagt sie und sieht ihn seltsam prüfend an. „Wann geht Ihr Zug? Ich glaube. Sie können den Frankfurter Express noch erreichen, wenn Sie sich sputen.“
„Ich habe nicht die Absicht, mich zu sputen. Papa Droesekes Unruhe teile ich nicht. Warum drängen Sie auch noch?“
„Ich dränge aus ernsten Gründen, die mir erst in dieser Minute so recht klar geworden sind.“
„Das Schicksal der Waggonfabrik macht Sie plötzlich so besorgt, Marion?“
„Nein, Bernt. Wichtigeres. Das meinige.“
Nun steht er in ihrem Salon an der offenen Verandatür, durch die das Sonnenlicht hereinflutet, dicht vor ihr und nimmt ihre Hände, vereinigt sie in den seinen und presst sie. „Marion, wir fahren nach Evian. Der heutige Tag gehört noch mir. Wenn ich morgen abreise, komme ich zur Konferenz noch immer zurecht.“
„Nein, ich will nicht mehr. Das war ein Ruf gerade zur rechten Stunde.“
Auf dem Liegestuhl ist das kleine Handgepäck aufgebaut. Nur zwei Köfferchen, die Handtasche und die Pelzjacke. Hansi soll nicht mitkommen nach Evian. Nach langen, langen Bitten hat er’s erreicht, dass sie den Ausflug allein mit ihm machen wird. Kein Wort darüber, wie und wo sie drüben übernachten werden. Aber aus matter Abwehr, matt scherzenden Unklarheiten, matten Drohungen hat er das nahende Glück herausgehört. Es schreit in ihm vor Verlangen, diese ganze Zeit des halben Gewährens und jähen Zurückweichens ist eine süsse Qual gewesen, die nun ihr Ende erreichen muss.
„Marion,“ sagt er schluckend, mit enger, trockener Kehle, „es ist schade um jeden Tag, um jede Stunde. Komm mit. Drüben sind wir frei. Hier lauern tausend Augen.“
„Vielleicht brauche ich die gerade. Bernt, Sie haben mir versprochen ... Nein, nein, diese Warnungen kommen gerade zurecht. Ich war ja auch schon im Begriff, mich ganz zu verlieren.“
Nun reisst er sie an sich, sucht ihren Mund. Aber sie wirft den Kopf zurück und wehrt sich.
Fernher, von Villeneuve, klingt das Glockenzeichen des Dampfers, der sich nach Territet in Bewegung setzt. In zwanzig Minuten ist er an der Lände von Montreur.
„Ich habe das Menschenmöglichste geleistet, Marion, um mein Versprechen zu halten. Du weisst nicht, was ich gelitten habe.“
Sie macht sich frei und eilt zur Verandatür. Mit den erhobenen Armen, in die sie das Gesicht presst, wirft sie sich an den Türpfosten. „Du sprichst nur von dir, Bernt. Mir war es vielleicht noch schwerer.“
„Marion —!“
„Was willst du aus mir machen?“ sagt sie fast tonlos. „So geht es doch nicht, so geht es doch nicht! Du darfst mich nicht herabwürdigen, Bernt! Ich bin nicht Paula!“
„Meine Frau bist du, Marion! Herrin, Königin, Göttin, was du willst!“
Plötzlich wirft sie sich herum und blickt ihn schweratmend an. Tonlos sagt sie: „Küsse mich, Bernt. Ich habe dich sehr, sehr lieb. Ich weiss das jetzt erst, wo ich dich verlieren soll.“
„Du sollst mich doch nicht verlieren, Marion —!“ Unter heissen, wilden, fast schmerzenden Küssen stammelt er’s. Hingegeben hängt sie in seinen Armen.
Katzengleich, auf leisen Sohlen, ist Hansi eingetreten und hat das Handgepäck vom Liegestuhl ausgenommen, um es dem draussen wartenden Etagenportier zu übergeben. Bernt hört und sieht nichts. Ein Sturm geht durch ihn, macht ihn atemlos, sein Herz klopft laut, keine Silbe kann er sprechen, sein Mund vermählt sich dem ihren, er fühlt ihren schlanken, weichen Körper, ihre Wärme, saugt ihren Duft ein.
Aber Marions immer wachen Sinnen entgeht auch in diesen Sekunden kein äusserer Vorgang. Sie hat gross die Augen aufgeschlagen, als Hansi das Gepäck aufnimmt, und sie tauscht einen kurzen Blick des Einverständnisses mit ihr, mitten in der Umarmung, mitten im Kuss, und ein Lächeln macht ihre Lippen noch weicher, noch gewährender.
Durch die Stille über dem Wasser ein neues Schiffszeichen. Und der Ruf des Bootsmanns: „Territet!“ Eine Wolke von aufgescheuchten Möwen huscht an der Veranda vorbei. Man hört ihr Kreischen erst, als sie schon hundert Meter weiter sind.
Wie aus einem fremden Leben kehrt Bernt in die Wirklichkeit zurück. „Komm, Marion, komm!“
Sie küsst ihn noch einmal. „Geh voran, Bernt“, flüstert sie. „An Bord treffen wir uns ... Oh, das Gepäck ist schon weg. Hansi muss es abgeholt haben ... Du, ob sie uns gesehen hat?“
„Du lässt mich nicht umsonst auf dich warten —? Marion! Bestimmt?!“
„Ja, ja, nein, nein, bestimmt. Du wilder Mensch! Du! Ach, ich hab’ ja solche Angst vor Evian!“
Sie wollen darüber beide lachen, aber wieder fliegen sie einander in die Arme und küssen sich, bis sie ins Taumeln geraten.
Wenige Minuten später verlässt Bernt das Hotel. Ein Page hat ihm die Handtasche abgenommen und folgt ihm damit auf dem Fusse zur Dampferstation.
Im Augenblick, als der „Rousseau“ am Quai anlegt, erscheint Marion in ihrem flotten fliederfarbenen Complet. Ihre Jungfer bringt den Pelz, der Etagenportier trägt die beiden Handkoffer, ein Page die Tasche, den Entoutcas und die Reisedecke.
Das Schauspiel einer Dampferlandung gilt hier immer als amüsante Unterbrechung des faulen Kurlebens. Auf den Hotelbalkons steht man einzeln und in Gruppen und beobachtet den Ab- und Zugang. Manche benutzen den Krimstecher dazu.
Marion weiss, dass sie wieder einmal den Mittelpunkt des Interesses bildet. Aber sie gibt auf dem Landungssteg ihrem Freund ganz freimütig die Hand und setzt sich mit ihm sogleich ans Heck des Schiffes, das in der vollen Sonne liegt, offen allen Blicken.
„Sie folgen uns nun, die tausend Augen, denen wir entfliehen wollten“, sagt sie und nickt einer flüchtigen Hotelbekannten zu, die ihr vom Quai aus mit dem grünseidenen Sonnenschirm nachwinkt.
„Ich sehe sie nicht. Ich sehe nur dich. Die Welt ist für mich versunken. Liebste, Liebste —!“
5
In Dr. Hessleins Kindersanatorium hat der Zuwachs durch die Zwillinge ordentlich neues Leben gebracht. Besonders Dagmar ist hier in Büsum sehr schnell beliebt geworden. Man sieht es dem knallgesunden kleinen Apfelgesicht gar nicht an, dass in dem Kindergehirn dahinter eine so unermüdliche Phantasie arbeitet. Die Märchen, die sie im Kindergarten in Schmargendorf gehört hat oder neuerdings von Tante Mie, sind ihr lebendiges Gut. Sie kann sie auswendig, Wort für Wort, während Ingrid noch Schwierigkeiten hat, auch nur dem Gang der Handlung zu folgen. Auch eine Unmenge Kinderlieber, Gedichte und Verse beherrscht sie. In den ersten Tagen hat sie noch unter der fremden Umgebung gelitten, ebenso wie Ingrid. Beiden Kindern fehlte hier plötzlich die Mutter. Seit Wochen fragten sie zum erstenmal wieder nach ihr. „Warum ist die Mammi nicht auch hergefahren?“ „Warum ist sie im Himmel?“ „Warum hat das der liebe Gott so gewollt?“ „Aber der liebe Gott muss doch nicht immer seinen Willen haben, Tante Mie!“ Das ihm ganz neue Strandleben hat dann auf das flachsblonde Pärchen ablenkend eingewirkt. Da gibt es ungeahnte Dinge. Das furchtbar grosse Meer, das man abends noch rauschen hört, wenn man im Bett liegt, so dass man glaubt, es kommt einem nach und die Treppe herauf. Und am andern Morgen ist es gar nicht mehr da. Da glänzt der nackte Meeresboden in der Sonne. Die ganze Kindergesellschaft legt Schuh und Strümpfe ab, die Kinderschwestern auch, auch Tante Mie, und dann patscht man blossfüssig auf dem Meeresboden ganz weit hinaus und kann kleine Muscheln sammeln. Krabbenfischer ziehen mit Netzen an den Prielen entlang, den Gerinnseln zwischen den Watten. Es riecht nach Tang und Fischen, und die Lippen schmecken salzig. Aber nachmittags kommt dann das Meer wieder rauschend bis an den Strand gesprungen. Und dahinter ist der Deich, von dem man sich hinunterkullern lässt. Und ein Sandplatz ist da, auf dem man mit Formen spielen und Festungen bauen kann.
Mie will nach Berlin zurück. Sie zeigt Herrn Dr. Hesslein, der rasch ihr Vertrauter geworden ist, den Brief von Herrn Olshagen. Eine solche Stellung, in solchem Hause! Sie weiss gar nicht, wodurch sie diesen Antrag verdient hat. Natürlich schreibt Herr Olshagen, es könne nur ein Versuch sein, sie solle erst einmal zur Probe eintreten. Aber das Glück wäre ja riesengross: sie bekommt das Gehalt der bisherigen Hausdame, und wenn sie tüchtig spart, kann sie damit die Zwillinge vor dem Waisenhaus bewahren.
Es hat gar nicht den Anschein, als ob die Zwillinge sich hier sehr einsam fühlen werden, wenn Tante Mie sie verlassen muss. Aber Dr. Hesslein meint, auf Grund langjähriger Erfahrung, immerhin sei es besser, sie gehe ohne letzten Abschied.
So hat sie denn bloss vor der Abfahrt den Kindern je eine Tüte Bonbons an den Strand mitgebracht. Mit der Kinderschwester studieren sie hier kleine Reigen ein. Dagmar hat die Sache sofort begriffen und dirigiert die etwas plumpere und phlegmatischere Ingrid sehr gewandt durch schwesterlich wohlwollende Püffe. Nun spielen sie das schöne Spiel „Häslein in der Grube“. Ingrid ist der Has, aber dass sie am Schluss des Liedchens umpurzeln und tot sein soll, als Has, das begreift sie so rasch denn doch nicht. Da muss Dagmar sie schleunigst aus der Sandgrube herausziehen und für den dramatischen Höhepunkt an Ingrids Stelle den Has selber spielen. Aber sofort hüpft sie wieder zu den Lebenden zurück und führt den Massentanz rund um die Grube wieder an. Inzwischen trollt sich Ingrid zu den beiden Zuckertüten und futtert, futtert, futtert. Darin hat sie eine Riesenausdauer. Stillvergnügt sitzt sie da und stopft sich das Mäulchen voll. Als Dagmar endlich nach ihr sehen kommt, auch nach ihrer Zuckertüte, ist nichts mehr vorhanden von all der Herrlichkeit. Aber nicht, dass Dagmar nun ein Geschrei anfinge. Nein, sofort ist sie mitten in einem neuen Märchenspiel. „Ei, wer hat von meinem Tellerchen gegessen?“ fragt sie mit der hohen, Hellen, verwunderten Stimme Schneewittchens. Und Ingrid muss sich als Zwerg verstecken. Dagmar macht ihr’s rasch vor.
„Sie ist das lebhafteste von all unseren Kindern,“ sagt Dr. Hesslein, als Mie sich verabschiedet, „aber sie macht uns dabei die geringste Mühe. Eigentlich ersetzt sie mir zwei Aufsichtsschwestern, weil sie eine ganze Kompanie zu beschäftigen weiss. Vielleicht muss ich Ihnen noch Gehalt für die drollige kleine Kruke zahlen, Fräulein Heimsöth. Wie?“
Mie lacht. Sie kann ihre Rückfahrt leichten Herzens antreten. Die Zwillinge sind hier offenbar in guten Händen.
Aber vor ihrem Stellungsantritt hat sie doch eine höllische Angst. Mehr jedenfalls als vor dem Abiturium, wo sie vom Mündlichen befreit war. Am Monatsersten soll sie sich in der Herbertstrasse draussen in der Villenkolonie Grunewald melden. Herr Olshagen will selbst zugegen sein und sie mit seinen Kindern bekannt machen, hat er ihr geschrieben.
Die Hauptsorge, die Vermietung ihrer Wohnung, hat ihr der Sanitätsrat Werner abgenommen. Ein junges Ehepaar zieht bei ihr ein, ein Assistent von ihm mit seiner jungen Frau. Es ist Aussicht vorhanden, dass sie ihr die Wohnung abkaufen; das ergäbe ein Kapital, mit dem die Zwillinge für lange Zeit vor aller Not geschützt wären. Vorläufig kann sie ihr bisschen Eigentum noch in der Wohnung lassen, sie bereitet nur den Reisekorb und den Handkoffer für ihren Einzug im Grunewald vor.
Als sie in der Herbertstrasse anlangt und bei dem Gärtner, der im Torgebäude wohnt, vorspricht, erlebt sie ihre erste Enttäuschung. Der Gärtner weiss gar nichts von ihrem Eintritt, und Herr Olshagen sei überhaupt noch nicht da. Es habe grossen Krach in der Villa gegeben, berichtet die Frau des Gärtners, die schwatzlustig hinzukommt. Die Baronin sei jetzt wieder im Haus. „Na, da könn’ Se was erleben, Frollein! Das is ’ne Kusine zu unsern Herrn. Aber sie is der reine Teufelsbraten, is se! Leute kujonieren und eklig auf die Pfennige ... Da kommt sie ebent an, ick drücke mir ... Freifrau von Tross heisst sie, aber man muss Baronin auf ihr sagen, verstehen Sie?“
Ziemlich scheu begibt sich die kleine Mie durch die Einfahrt zum Portal, vor dem ein rotlackiertes Auto steht. Die Baronin kommt die Freitreppe herunter und spricht sehr aufgeregt auf den Chauffeur ein. Plötzlich unterbricht sie sich und fasst die Fremde scharf ins Auge.
„Wer sind Sie? Sind Sie Fräulein Heimsöth? Sie sollten doch vorher hier anrufen, damit man weiss ... Das sind ja heillose Zustände hier ... Haben Sie Ihre Zeugnisse mitgebracht? Wo waren Sie zuletzt in Stellung? Man muss sich doch erkundigen. Und wieso hat man Ihnen neunzig Mark bewilligt? Sie sind doch höchstens achtzehn Jahr? Wo sind Ihre Sachen? Sie müssen sich gleich umziehen, der kleine Klaus hat sich den Fuss verletzt, er muss im Bett liegenbleiben. Ich habe eine Fahrt in die Stadt, muss eine neue Kinderschwester engagieren. Alles ist ausser Rand und Band hier. Sie verstehen doch Krankenpflege?“
Die kleine Mie weiss nicht, welche Frage sie zuerst beantworten soll. Mit etwas unsicheren Knien steht sie vor der aufgeregten Dame. Das wichtigste erscheint ihr, der Wahrheit gemäss zu versichern, dass sie im letzten Herbst, als sie ihr Abiturium gemacht hat, bereits zwanzig Jahre alt war.
„Das Abiturium haben Sie gemacht? Aber um Gottes willen, was soll man hier mit dem Abiturium anfangen? Das ist nun wieder echt Bernt, der ganze Bernt. So kommen Sie schon endlich ins Haus, Fräulein Heimsöth, ich kann Sie doch nicht hier auf der Treppe in Ihren ganzen Pflichtenkreis einweihen. Wenn Frau von Drugilav aus der Nachbarvilla mich vorgestern nicht dringlich in Heinersbach angerufen hätte, dann hätte es hier noch Mord und Totschlag geben können. Eine solche Gewissenlosigkeit wie die Ihrer Vorgängerin, wissen Sie, die sollte sich was schämen, die Person. Ich habe sie fristlos entlassen, die Kinderschwester auch, und da mag sich der Gesindeschlichtungsausschuss auf den Kopf stellen ... August, wo stecken Sie denn? Nein, jetzt ist keine Zeit, Silber zu putzen, August, legen Sie alles hin und kommen Sie her. Hier ist Fräulein Heimsöth. Die Sachen kommen mit der Paketfahrt? Na, da werden Sie lange warten können. Hätten Sie doch wenigstens für die erste Nacht ... Aber man muss hier eben immer für alle anderen denken, von allein geschieht hier nichts, nichts!“
Es geht durch eine weite Halle, die ganz mit Teppichen ausgelegt ist, über eine breite, bequeme Treppe ins erste Stockwerk. Hier liegen die Schlafzimmer. Tante Adi führt die Spitze des Zuges, der Diener August beschliesst ihn, in der Mitte, wie eine Arrestantin, die kleine Mie.
*
Tante Adi hat die Angewohnheit, die Türen mit militärisch festem Druck, der einem besitzergreifenden Schlag gleichkommt, zu öffnen. Die beiden Kinder, die, mit Bilderbüchern beschäftigt, in dem hübschen, Hellen Schlafzimmer von Klaus sitzen, fahren schreckhaft zusammen, als plötzlich wieder Tante Adi, die sie schon längst auf der Autofahrt glaubten, ins Zimmer hereinfegt.
„Also das ist Fräulein Heimsöth. Sie bleibt jetzt bis auf weiteres hier. Dass ihr mir keine Dummheiten macht, bis ich zurückkomme. Sibylle, komm her und gib Fräulein Heimsöth artig die Hand. Das gehört sich so. Klaus, du rührst dich nicht, sonst fängt dein Fuss wieder an zu bluten. Also, ich bitte mir aus ... Möchten Sie nicht lieber Hut und Zacke und Handschuhe ablegen, Fräulein Heimsöth? Schliesslich sind Sie doch nicht zu einem feierlichen Teebesuch hier, sondern wollen Pflichten übernehmen, nicht wahr? Ich bin in längstens einer Stunde zurück. August, wenn aus Montreux angerufen wird, dann müssen Sie sich noch melden, denn Fräulein Heimsöth weiss noch nicht Bescheid ... Auf Wiedersehen, Kinder!... Am besten, Sie machen gleich Licht, Fräulein Heimsöth, die Kinder verderben sich ja sonst die Augen. Immer ein bisschen Denksport treiben.“
Wie eine Wetterwolke, die sich entladen hat, entschwebt Tante Adi wieder.
Ein Weilchen bleibt es still im Zimmer. Dann wirft sich Sibylle rücklings auf die Chaiselongue, auf der sie mit dem Buch in der Hand gesessen, und lacht, schüttet sich aus vor Lachen. Und Klaus richtet sich in seinem Bett auf, nervös geworden durch all die Unruhe, und beginnt jämmerlich zu weinen.
Die kleine Mie ist selbst noch fassungslos, aber sie weiss doch mit Kindern umzugehen, und so setzt sie sich zunächst einmal ans Bett des kleinen Klaus und erzählt ihm eine drollige Geschichte von einem furchtbar possierlichen Dackel, der lernen sollte, über die Fussbank zu springen ... Klaus ist noch ein bisschen unwirsch, aber er muss dann doch lachen. Ob die Sache wirklich wahr sei?
„I wo,“ sagt Mie, „die hat mir bloss meine kleine Nichte erzählt, die Dagmar, der lustige Zwilling.“ Das Interesse von Klaus für den lustigen Zwilling Dagmar reicht eben hin, um noch ein paar weitere Döntjes aus Büsum anzubringen.
Inzwischen ist Sibylle näher herangekommen. Sie ist blond und schmal, zählt etwas über acht Jahre und hat ein blasses, altkluges Gesicht. Ziemlich dreist mustert sie die neue Erscheinung. Sie hat die Hände im Rücken gekreuzt und wippt auf und nieder. „Sollst du unsere neue Mama werden?“ fragt Sibylle, und es liegt eine schneidende Kälte in ihrem Ton.
„Um Gottes willen, Kind, wie kommst du auf so was?“
„Tante Adi hat gesagt: uns bleibt das auch nicht erspart.“
„Sibylle, das hast du gewiss missverstanden.“
„Nein. Klaus war dabei. Aber der begreift das ja noch nicht. Ich sage dir nur, Fräulein, ich will keine neue Mama haben. In unserem Zirkel die Erna hat eine neue Mama bekommen, und zu ihrer richtigen Mama darf sie jetzt nur noch zu Weihnachten und an ihrem Geburtstag. Und die neue Mama trägt jetzt all den Schmuck, den ihre richtige Mama getragen hat.“
Mie will ablenken. „Die Zwillinge, von denen ich Klaus erzählt habe, die haben gar keine Mama mehr.“
„Wer trägt dann jetzt ihren Schmuck?“
„Sie hat wohl nie welchen gehabt, Sibylle, ihre Mama.“
„Ach, dann sind das wohl arme Leute? Aber wie kommen die ins Seebad? Dort ist es doch teuer. Was kostet da die Pension in Büsum? Papa war mit uns im Herbst in Harzburg. Da musst’ er für mich dasselbe zahlen wie für eine Erwachsene. Rasendes Geld. Vierzehn Mark. Und dann noch Trinkgeld.“
Sie spricht nur über Geld, über Schmuck, über Kleider. Klatscht ein Langes und ein Breites über die Hausdame und die Kinderschwester. Die hatten sich doch früher immer gezankt, die beiden, aber wo die neuen elektrischen Leitungen hier in der Villa angelegt wurden, da lernten sie zwei Männer kennen, und mit denen sind sie gegangen, es waren Brüder, und vorvorige Nacht haben sie heimlich das Haus verlassen, um mit ihnen einen Maskenball mitzumachen. Aber August, der Diener, hat es gemerkt und ist noch um zehn Uhr zu Frau von Drugilav hinübergegangen ... „Klaus wollte Wasser haben und hat geklingelt, aber niemand ist gekommen, weil doch alle fort waren und die Köchin oben in der Dachkammer schläft und nie etwas hört, aber ich hab’ es gleich gehört und bin auf die Treppe gelaufen und habe gerufen ...“
Und nun will auch Klaus davon erzählen. Er weiss freilich nicht alles mehr so richtig. Beim Suchen nach der Klingel hat er das leere Glas vom Nachttisch geworfen, und wo er Sibylle hat rufen hören, da wollte er auch ins Treppenhaus und mitrufen. Aber da ist er in die Glasscherben getreten. Zuerst hat er gar nichts gespürt, es war bloss so komisch feucht. Dann haben sie aber Licht gemacht, und da war alles blutig. „Da, man sieht es noch auf dem Teppich. Siehst du’s?“
„Er hätte sich verbluten können“, nimmt Sibylle wieder auf. „Aber dann ist Frau von Drugilav gekommen und hat den Arzt gerufen und hat mit Heinersbach gesprochen. Das ist das Dumme, dass wir nun gleich wieder Tante Adi auf dem Halse haben. Aber wenn Papa zurückkommt, fährt sie bestimmt ab, denn der kann sie gar nicht ausstehen. Magst du sie leiden, Fräulein?“
„Ich kenne sie ja noch kaum, Sibylle. — Nun hab’ ich bisher aber nur von dir gehört, was du alles zu tadeln weisst, Sibylle. Sag mir doch auch mal, ob du jemand gern hast! Hast du deinen Papa etwa nicht lieb?“
„Ach doch, ja. Aber bloss keine neue Mama möcht’ ich, nein, bloss nicht.“
„Und der Grosspapa?“
Sibylle nickt. „Zu meinem Geburtstag hat er mir ein goldenes Armband geschenkt. Jutta Preuss ist Juwelierstochter, die hat es taxiert. Sehr nobel. Aber Grosspapa ist ja auch sehr reich. Erna sagt, ihr Vater hat gesagt, er zahlt die höchsten Steuern in ganz Schlesien. Nein, Grosspapa mag ich sehr gern.“
Die kleine Mie sitzt wortlos dabei. Sie fühlt ihr Herz wie einen schweren Klumpen. Das ist das Haus von Herrn Bernt Olshagen, und das sind seine Kinder. Und sie ist von ihm gerufen worden, um ihm Haus und Kinder zu hüten. Wie kann sie das? Diese Welt hier ist ihr ja so fremd.
Am liebsten möchte sie gleich wieder gehen. Aber sie ist Herrn Olshagen zu so grossem Dank verpflichtet, sie muss bleiben. Es gibt hier doch auch eine Aufgabe zu erfüllen. Gibt es denn in diesem reichen Hause ein einziges Wesen, das es wirklich gut meint mit Herrn Olshagen? Belogen, betrogen wird er von den Angestellten, missverstanden von der Verwandtschaft, wohl auch nicht wirklich geliebt von den eigenen Kindern.
Später sieht sie im Musiksalon das Bild von Frau Olshagen. Es muss wohl, der Mode nach, im Jahr vor der Geburt von Klaus gemalt worden sein. Lange steht sie vor dem zarten Pastellbild. Eine stille, vornehme, aber bewusste, stolze Frau. Schlank und schmal, langschädlig, überzüchtet, durchsichtig, so wie ihre beiden Kinder. Aber Sibylle hat dabei doch noch einen fremden Zug, der ihr wenig gefällt. Ihr Hochmut ist ganz aufs Materielle gestützt. In dem Antlitz des Grossvaters, des hakennasigen Herrn Droeseke, dessen Ölporträt im Herrenzimmer in schwerem Goldrahmen hängt, ist dieser Ausdruck der vorherrschende. Geld, Geld und wieder Geld, anderes gibt es für ihn nicht. Das haben sie ihr übereinstimmend gesagt: der Sanitätsrat Werner, der Amtsgerichtsrat, andere auch. Und haben sich des Todes gewundert, als seine Firma ihr noch das grosse Gnadengeschenk für die Zwillinge machte. Niemand andrem hat sie das zu verdanken als Olshagen. Er ist also doch anders als sie alle.
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