Kitabı oku: «Der Mann, den niemand sah - Thriller»
Paul Rosenhayn
Der Mann, den niemand sah - Thriller
ILLUSTRATIONEN VON MICHAEL BIRÖ
Saga
Der Mann, den niemand sah - ThrillerCoverbild/Illustration: Shutterstock Copyright © 1920, 2020 Paul Rosenhayn und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788726629392
1. Ebook-Auflage, 2020
Format: EPUB 3.0
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Die Geschichte eines rätselhaften Mordes
Paul Rosenhayns prachtvoller Roman, einer der besten und neuartigsten Detektivromane, ist mit vollendeter Kunst auf eine mysteriöse Mordaffäre aufgebaut. Die Frage, wer den Mord beging, ist hier nicht das unbekannte X eines ausgeklügelten Rechenexempels, wie in den herkömmlichen Detektivromanen, von denen sich Rosenhayns Buch übrigens auch darin unterscheidet, daß die Lösung, anstatt von einem, dem unsterblichen Holmes nachgebildeten Berufskombinator, von einem ebenso reizenden wie scharfsinnigen Mädchen herbeigeführt wird. Das Kriminalproblem ist ins Psychologische vertieft und die Handlung gewinnt an menschlichem Gehalt, ohne an Interesse zu verlieren.
1.
Die letzten Töne des Allegro moderato von Vieuxtemps zitterten durch den Saal.
Schon bei seinem Auftreten hatte ein begeistertes Händeklatschen dem verwöhnten Meister ein neues Zeichen seiner unerhörten Beliebtheit gegeben, und die seltsam schwüle Stimmung, die über seinem Vortrag lag, hatte sich im Laufe des Abends mehr und mehr verdichtet. Eine gleitende Welle schmeichelnder Erregung wogte und ebbte durch die Lauschenden, und aus flimmernden Blicken und verhaltenen Gesten wob sich ein fühlbarer Kontakt zwischen Podium und Zuhörerraum.
Peter van Diemen hatte geendet. Irgendwo, in einem fernen Winkel, regten sich schüchtern ein paar Hände — zögernd wie in andächtiger Scheu fielen andere ein — und eine Sekunde später brauste ein ohrenbetäubender Beifall durch den Saal.
Karin Nansen erwachte wie aus einem Traum. Sie blickte verwirrt um sich und wie eine ertappte Sünderin auf das blasse Gesicht ihrer Mutter — dann glitten ihre Augen nach rechts hinüber. Dort saß ihr Verlobter, der eifrig in den jubelnden Beifall einstimmte. Ihr Blick irrte zögernd zum Podium. Blumen flogen klatschend auf das Holz nieder. Sie zuckte zusammen. Peter van Diemen wandte langsam den dunklen Kopf, dessen scharfgemeißelte Züge sie in diesem Moment mehr als je an eine antike Statue gemahnten, und plötzlich glitt wieder ein Blick aus dem Auge des Meisters herüber in ihre Loge.
Es war kein Zweifel: er hatte sie bemerkt. Mehr als das — er war auf sie aufmerksam geworden. Das lächelnde Glimmen in seinen Augen, die sich wie in nachdenklichem Zögern langsam von ihr lösten, sagte es ihr. Sie hob wie unter einem Zwang die Hände, die nachlässig in ihrem Schoß ruhten. In diesem Augenblick wandte sich Holger Werling zu ihr herum. „Ich weiß nicht,“ sagte er mit einem tiefen Aufatmen, „ich fühle mich wie in einer Kirche.“ Sie nickte mechanisch, dann erhob sie sich.
Ein Scharren von Füßen entstand. Die große Pause hatte eingesetzt. Man drängte ins Foyer.
Karin erschien, zwischen ihrer Mutter und ihrem Verlobten gehend, als eine der letzten. Hie und da grüßte ein Bekannter: Holger Werling blieb einen Augenblick stehen, um ein paar Worte zu tauschen — meist Komplimente, die seiner jungen, schönen Braut galten — Karin hörte lächelnd mit ihrem seltsam abwesenden Gesicht die schmeichelnden Worte, die wie rieselndes Wasser an ihren Ohren vorüberglitten, deren Sinn sie mehr mit dem Gefühl als mit dem Verstand erfaßte.
Sie erkannte sich selbst nicht mehr. Ihre kluge und kühle Art, die Dinge und die Menschen zu betrachten, war von ihr abgefallen — fortgeweht wie ein dünner zweckloser Schleier — nun bebte eine tiefe melancholische Erregung in ihr, über die sich ihr scharfer Verstand vergebens Rechenschaft zu geben suchte.
Irgendwo ging eine Tür. Ein flüsterndes Raunen zitterte durch die Versammelten. Unterdrückte Ausrufe schwirrten herüber. Köpfe wandten sich: Peter van Diemen erschien. Er ging mit ruhigen, sicheren Schritten durch den schmalen Weg, der sich vor ihm bahnte. Man sah ihm an, daß er gewohnt war, der Gegenstand der allgemeinen Aufmerksamkeit zu sein. Grüßende Zurufe klangen: er nickt ein paarmal mit einer kurzen, leichten Verbeugung, die etwas unendlich Hochmütiges hatte: seine Lippen blieben fest geschlossen. Er hob kaum seine Augen, die kühl und sachlich geradeaus blickten.
Karin hatte den Kopf halb gewandt und sah ihm aus den Augenwinkeln entgegen. Ein Schwirren und Rauschen war um sie her: sie mußte an das Brausen des Meeres denken, dessen rhythmisches Auf und Ab vor ihren Ohren zu schwellen schien.
Plötzlich ging es wie ein siedender Schlag durch ihre Adern: Peter van Diemen hatte ihr ins Gesicht gesehen. Ganz deutlich. Es war kein Zweifel. Sie wandte mit einem Ruck den Kopf: sie fühlte plötzlich, daß ihre Füße schwer und unbeweglich waren, aber mit einem tiefen Aufatmen riß sie sich aus diesem unbegreiflichen Bann und setzte ihren Weg fort. Holger sah sie ein wenig erstaunt an.
„Hast du ihn nicht gesehen?“ fragte er harmlos lächelnd wie immer.
Sie schrak zusammen. Dann, in einer instinktiven Heuchelei, drehte sie sich wie erstaunt und fragend um. Dort ging er. Und plötzlich war wieder das unbegreifliche, heiße Gefühl in ihren Adern. Er wandte sich um, und wieder suchten seine Augen die ihrigen.
„Es ist das Bureau“, erläuterte Holger. Sie zuckte die Achseln und sah ihn fragend an.
„Das Bureau des Konzerthauses“, wiederholte er. „Sieh nur, wie sie alle auf die Tür starren. Ich wette, diese jungen Damen, die nach einem freundlichen Lächeln nach ihm haschen, glauben jetzt wunder, was für unerhörte künstlerische Dinge in jenem Zimmer vor sich gehen mögen. Und dabei wird es die einfachste und banalste Sache von der Welt sein. Irgendeine geschäftliche Angelegenheit — ein Vertragsabschluß oder etwas Ähnliches.“
Der zweite Teil des Konzertes war verhältnismäßig kurz: die Zigeunerweisen von Sarasate, ein paar schwermütige Lieder von Chaminade und zum Schluß Chopins Nocturno in Des-Dur.
„Er muß sich beeilen,“ flüsterte Holger ihr zu, „er fährt noch heute nachts nach dem Süden.“
Sie horchte auf und wunderte sich selbst über den kühlen, gelangweilten Ton, in dem sie ihm zu antworten vermochte: „Woher weißt du das?“
„Ich hörte es von einem Bekannten. Der Portier im Rhodesia-Hotel hat vom Impresario Anweisung bekommen, die Rechnung bereitzuhalten.“
Die herbstliche Abschiedsstimmung, die über dem Saale lag, schluchzte durch die Töne des Nocturnos, das van Diemen mit Absicht gewählt haben mochte. Hier und da schimmerte ein Batisttüchlein — und auch Karin glitt unmerklich in ein seltsam wehmütiges Gefühl, das sie nie an sich gekannt batte. Was ging sie im Grunde jener Mann an! Sie hörte ihn zum zweitenmal in ihrem Leben: sie hatte nichts mit ihm gemein. Seine Existenz und seine Lebensführung lagen abseits von der ihrigen. In ihrem streng gehüteten Bürgerhause hatte man wenig Verständis und wenig Interesse für reisende Virtuosen. Es war etwas in ihrem gefestigten bürgerlichen Gefühl, das gegen diesen Mann dort oben sprach. Man hatte ihr von wilden und unbegreiflichen Liebesabenteuern erzählt, deren Held er gewesen war. Der Name einer jungen, schönen Prinzessin spielte eine Rolle darin. Er war sichtlich ein Mensch, der auf der Oberfläche der Dinge schwamm, dem der kräuselnde Schaum des Lebens ein angenehmer Sinnenkitzel sein mochte. Seine Unstetheit, sein Wanderleben waren ihr im letzten Grunde unverständlich und antipathisch. „Ein frivoler Genießer, nichts weiter“, und sie sah ihn fest und kühl an.
Und doch — in seinem Gesicht lag mehr als sorgloses Bohèmetum. Seine Augen waren halb geschlossen: erst jetzt sah sie, daß seine Wangen ein wenig eingefallen waren. Das Haar an seinen Schläfen war schon leicht ergraut, und in seinen regelmäßigen Zügen lag der Ausdruck einer fast feindlichen Reserviertheit.
Er hatte geendet. Und wieder erhob sich ein betäubender Beifallssturm, den er mit einem Lächeln quittierte. Seltsam — dieses Lächeln war alles andere als glücklich, eher geringschätzig, fast traurig.
„Willst du nicht applaudieren?“
Sie tat es, und fast in demselben Moment sah er in ihre Loge herüber. Dann verbeugte er sich und trat ab.
Das Auto, das Holger Werling bestellt hatte, stand schon knatternd und fahrbereit. Die drei stiegen ein: die beiden Damen nahmen im Fond Platz und Holger klappte den Rücksitz nieder. Ihre Augen irrten an ihm vorüber und glitten spähend durch die Scheiben — mit einem nachdenklichen, halb erwartungsvollen, halb niedergeschlagenen Ausdruck. Plötzlich zuckte sie zusammen.
Peter van Diemen trat aus dem Seitenportal.
Er sah sich suchend um, grüßte hier und da: dann fühlte sie plötzlich, daß er sie gefunden hatte. Seine Augen wurden einen Augenblick groß und weit, und durch den halbgeöffneten Mund schimmerte es wie das Lächeln eines Erkennens: er winkte einem Auto, das dort drüben am Rande des Bosketts stand und das sich dienstwillig in Bewegung setzte.
Das Fahrzeug der drei zog an und bog um das runde, inselförmige Trottoir. Karin, fast gegen ihren Willen, wandte sich und spähte durch das kleine Fensterchen.
Van Diemens Auto folgte ihnen.
2.
Eine sternenlose Mainacht lag über der Großstadt. Die Konturen der Häuser verschwammen in dem grauen Dämmer, das bleiern und mißmutig auf den dunklen Straßen lastete. Von irgendwo zitterten ein paar verwehte Töne herüber, fingen sich, spielten miteinander und zerflatterten in der schweren Vorfrühlingsluft.
Die Straßen wurden enger und belebter. Hier und da leuchteten Laternen durch den grauen Abend. Ein paar Transparente glühten auf, glitten vorüber und versanken wieder wie Meilensteine an endlosen Landstraßen.
„Du bist so einsilbig, Karin.“
Die Mutter nickte eifrig: „Du sprichst kein Wort. Was ist dir?“
Sie fuhr sich mit einer ungeduldigen Bewegung über die Stirn und schüttelte den Kopf: „Nichts. Was sollte mir wohl sein?“
„Fühlst du dich nicht wohl?“
„Der Abend hat mich ein bißchen angegriffen.“
Das Auto sauste um eine Kurve. Sie warf einen schnellen scheuen Blick durch das rechte Fenster — die unendliche Straße, die hinter ihnen lag, war still und leer. Zögernd atmete sie auf — dann, wie in einem seltsamen Zwiespalt, ging ihr ein nagender Stich durchs Herz.
Holger erhob sich.
„Was willst du?“
„Auf den Ball drücken. Er soll halten.“
„Warum?“
„Wir sind am Weinrestaurant ,Rokoko‘.“
Sie machte eine ungeduldige Bewegung.
„Ich mag nicht. Geh’ allein. Ich möchte heimfahren.“
Er zuckte mit den Schultern. „Wie du willst.“
„Laß dich nicht stören.“ In ihrer Stimme klang — sie bemerkte es mit unmutigem Staunen — wider ihren Willen eine leise Gereiztheit.
Er gab keine Antwort. Die Helle schwand allmählich. Hier und da noch ein einsames Paar, ein Dreheingang, der in dunst- und lärmerfüllte Räume blicken ließ, und dann wandte sich der Wagen zur Linken und schoß ratternd in eine Seitenstraße.
Wieder wandte sie den Kopf. Im nächsten Augenblick zuckte sie zusammen. Dort hinten, wo sich die drei Alleen kreuzten, tauchte ein Auto auf. Sie kannte es. Diese beiden Scheinwerfer mit ihrem mächtigen Lichtstrahlenbündel waren unverkennbar ...
Der Chauffeur stoppte. Die lange dunkle Häuserreihe lag schweigend wie im rechtschaffenen Schlaf gutbürgerlichen Frühzubettgehens. Kaum ein Licht flimmerte noch in den matten Fenstern, in denen dunkel und drohend die Schatten des kleinen Wäldchens irrten, das in fast fühlbarer Stelle gegenüber lag.
Holger lohnte den Chauffeur ab. Er nahm den Schlüssel, den Karins Mutter zog, und öffnete sorglich und galant die Gartentür. Er warf einen forschenden, fast ängstlichen Blick auf seine Braut, die mit schnellen Schritten dem Hause zuging. Dann sagte er, indem er ihr die Hand reichte: „Du bist verstimmt, Karin. Ich sehe morgen früh nach dir. Schlaf wohl.“
Sie nickte kurz und wandte sich mit einer halb schuldbewußten, halb unwilligen Gebärde zur Seite, als er sich ihr zögernd nähern wollte.
Einen Atemzug lang blieb er stehen und sah ihr nach. Ihre schlanke Gestalt mit dem seltsam elastischen, kaum hörbaren Gang verschmolz mit der grauen Front des dunklen Hauses. Ein klickendes Geräusch des Schlüssels — und durch die Tür, die sich nun öffnete, quoll es wie tiefe Finsternis hervor. Ein unbehagliches Gefühl legte sich schwer und beklemmend auf den Einsamen, der unwillkürlich die Augen schloß. Dann seufzte er, fast ohne zu wissen warum, wandte sich und ging zur Rechten die Straße hinunter.
In dem grauen Hause flammte schneidend ein Fenster auf. Er blickte verwirrt empor, und ein freundliches Lächeln ging über seine Züge. Er wußte: das war Karins Fenster. Einen Augenblick sah er ihre Silhouette. Dann näherte sie sich dem Fenster, und mit einem Rasseln ging die Jalousie nieder. Das Licht erstarb, und sein geblendeter Blick wanderte einen Moment hilflos durch die dunkle Nacht.
Von der andern Seite, dort, wo die dunkle Allee mündete, kam ein rhythmisches Knattern, das sich schnell näherte. Eine silberne Lichtflut schoß schwankend auf dem feuchten Asphalt voraus, glitt in einer zitternden Kurve spielerisch über die graue Front der Häuser und hielt dann mit einem scharfen Ruck plötzlich an.
Holger Werling ging langsam über die Straße dorthin, wo die undurchdringlichen Schlagschatten der Bäume lagen. Er konnte sich keine Rechenschaft darüber geben, aber er hatte das Gefühl — nein, er wußte, daß irgend etwas Feindliches in diesem Augenblick in sein Leben getreten war. Er starrte auf das schwärzliche Gefährt, dessen lärmendes Knattern wie ein fremder frecher Ton in diesem stillen Dunkel wirkte. Er lehnte sich an einen Baumstamm und beugte sich vor. Dann plötzlich stieß er einen leisen Ruf der grenzenlosen Bestürzung aus. — Aus dem Auto stieg Peter van Diemen. — — —
Karin hatte das Licht gelöscht und stand, durch die halbgeöffnete Jalousie spähend, am Fenster. Der Rhythmus des Viertaktmotors drang wie eine aufreizende Melodie zu ihren Ohren herauf.
„Wie unvorsichtig,“ so dachte sie einen Moment lang, „so fängt man es nicht an, wenn man heimliche Liebeswege geht.“ Sie mußte fast über sich selbst lächeln und über die nüchternen Erwägungen, die ihr durch den Kopf gingen. Dieser Mann war entweder ein Stümper oder aber — ein rücksichtsloser Freibeuter.
Van Diemen ging unhörbar, mit langsamen, zögernden Schritten die Straße hinunter und blickte mit halbgewandtem Gesicht an den Fenstern der Häuserreihe entlang. Im Schein der Laterne sah sie deutlich sein bleiches Gesicht und seine Augen, die nun groß und flackernd waren. Dieser Mann, der dort unten ging — der kannte sie nicht. Er wußte weder ihren Namen noch ihre Wohnung. Die Dinge lagen in ihrer Hand. Wenn dieses Zimmer dunkel blieb, hatte Peter van Diemen ihre Spur verloren. Noch in dieser Nacht sollte er weiterreisen. Und wenn sie morgen früh erwachen würde, dann wäre alles nur wie ein lächelnder Traum gewesen.
Er kehrte um. Wieder zitterte das blaue Licht über sein Gesicht. Und plötzlich kam es wie ein stockendes Mitleid über sie. Der Mann, der dort unten ging, war ein anderer als der, den man vor einer Stunde auf dem Podium umjubelt hatte. Jener war ein verwöhnter Liebling aller, ein von den Frauen Verhätschelter, von der Natur und vom Schicksal Begnadeter — der hier zu ihren Füßen schritt, war ein heimatloser Wanderer, der von Stadt zu Stadt irrte, wie einer, der etwas suchte und es nie fand. Sie furchte die Stirn. Hinter seinen lächelnden Triumphen ahnte sie die Tragik des Unsteten. Eine plötzliche Angst erfaßte sie. Dort, ganz in der Nähe seines Autos war er wieder angelangt; ein Zeichen von ihm, und im nächsten Moment würde er davonsausen in die weite, lockende, trügerische, unbegreifliche Welt. Das durfte nicht sein. Sie mußte ihn sprechen, ihm irgend etwas sagen, etwas Tröstliches, etwas Klärendes. Sie mußte den Klang seiner Stimme hören. Hastig eilte sie ins Zimmer zurück, fast wie um sich selbst zu überrumpeln, nahm ein Tuch, schlang es um den Kopf und huschte die Treppe hinunter.
Das leise Knicken des Schlosses ging durch die stille Nacht.
Peter van Diemen hielt plötzlich in seiner Wanderung inne, er blickte hinüber, und sie fühlte fast mehr als sie sah: seine Augen weiteten sich und der Ausdruck seines Gesichtes wurde hell, fast glücklich. Er kam mit schnellen Schritten über die Straße, trat auf sie zu und nahm den Hut ab. Sie blickte ihn an, als erwarte sie eine Anrede — ein Wort — eine Erklärung.
Er schwieg.
„Ich bin gekommen,“ sie holte tief Atem, und sie fühlte, wie jedes Wort sich widerwillig, fast schmerzhaft aus ihrer Brust löste, „ich bin gekommen, um Ihnen zu sagen... um Sie zu bitten...“ und plötzlich fuhr sie ganz schnell und kühn fort: „Um Sie zu bitten, meinen Frieden nicht zu stören.“
Er sah sie unverwandt an, noch immer schweigend, ohne ein Lächeln, ohne eine Bewegung. Endlich nickte er nur langsam. Es war ihr, als ob er eine Schattierung bleicher wurde, aber seine Lippen blieben geschlossen.
Sie fühlte, wie sie unsicher wurde. Ein seltsamer Mensch war das. Die Situation war in seiner Hand. Sie war gekommen — gehorsam wie ein verliebtes Kammerkätzchen, war hinuntergeeilt in dem Moment, da er, der Herrlichste von allen, erschienen war. Nun stand sie vor ihm mit einem innerlichen Zittern, das er ahnen, fühlen, wissen mußte. Ein paar Worte von ihm konnten die Brücke schlagen von der Ungeschicklichkeit dieser Situation hinüber zu irgend etwas bürgerlich Banalem. Er hatte ein Abenteuer gesucht — hier hatte er es — und er schwieg. Dieser Mensch war doch anders als die Männer, die ihr bisher begegnet waren. Anders als Holger...
Holger! Sie atmete tief auf und sagte dann, wieder mit festem, fast hartem Ton:
„Ich bin mit einem andern verlobt...!“
Wieder sah er sie an. Wieder nickte er, und plötzlich hörte sie den Klang seiner Stimme. Sie schrak fast zusammen.
„Einem andern verlobt“, wiederholte er, wie unter dem Bann ihrer Stimme. „Ich dachte mir’s. Denn ich bin es gewohnt, zu spät zu kommen.“
Sie senkte den Kopf. Eine Antwort drängte sich ihr auf die Lippen, aber sie biß die Zähne zusammen, und fast gegen ihren Willen fuhr sie in derselben abweisenden Tonart fort: „Und nun möchte ich gehen.“
Wieder nickte er. Wenn dieser Mann ein Routinier war — hier ließ ihn seine Routine im Stich. Er hätte irgend etwas sagen können, was auf ihr Mitleid, auf ihr weibliches Tröstungsbedürfnis spekulierte — etwas von einem Zaungast des Lebens — eine jener Phrasen, die jedem zu Gebote stehen mochten, der nächtliche Wege ging. Er hatte hundert Möglichkeiten — und er ergriff nicht eine von ihnen.
Sie wandte sich langsam zur Seite. Ihre Augen irrten verstohlen über sein Gesicht. Sie sah, daß er den Blick zu Boden gesenkt hatte. Ein trauriger, fast harter Ausdruck lag auf seinen Zügen, wie eine schmerzhafte Resignation. Und plötzlich wandte sie sich zu ihm herum und sagte leise, mit weicher, mitleidvoller Stimme, indem sie ihm scheu die Hand reichte:
„Es tut mir leid.“
Er hob den Kopf. Ein glückliches Staunen flimmerte in seinen Augen auf. Langsam beugte er sich nieder und küßte ihre Hände. Sie blieb wie gelähmt stehen, unfähig, sich ihm zu entziehen; dann, mehr schuldbewußt als vorwurfsvoll, riß sie ihre Hände zurück und stürzte ins Haus.
Er stand ohne sich zu rühren immer auf demselben Fleck und sah mit seinem seltsam verlorenen Blick auf die dunkle Tür, die sich hinter ihr geschlossen hatte. Dann, nach einer langen Pause, wandte er sich herum — —
„Lump!“
Vor ihm stand Holger Werling.
Der Virtuose sah ihn mit einem abwesenden Blick an — ohne Staunen, ohne Zorn — schweigend, fast als ob er ihn verstanden habe. Dann wollte er seinen Weg fortsetzen. Holger Werling packte ihn beim Handgelenk — er ließ es widerstandslos geschehen.
Außer sich vor Schmerz und Eifersucht griff Holger Werling nach seinem Hals.
Plötzlich straffte sich die Gestalt des Peter van Diemen, er streckte seine rechte Hand aus und schleuderte jenen mit einer einzigen, fast nachlässigen Bewegung zu Boden. Dann ging er mit ruhigen, sicheren Schritten, wie einer, der einen lästigen Störer abgewehrt hat, auf sein Auto zu und rief dem Chauffeur einen Befehl zu.
Gleich darauf sauste der Wagen davon — in der Richtung zur Stadt.
Karin hatte den Kopf an die Stäbe der Jalousie gepreßt und starrte auf die Straße. Was sich dort unten abspielte — sie hatte es verschuldet. Ihr Verlobter mußte an ein geheimes verbrecherisches Einverständnis zwischen ihr und jenem Mann glauben, und er war in seinem guten Recht, wenn er ihn zur Rede stellte. Sie kannte Holgers jähzorniges Temperament. Die Schmach, die ihm hier widerfahren war, würde wie ein Makel auf seiner Seele brennen. Eine Katastrophe, das wußte sie, war unvermeidlich.
Holger hatte sich taumelnd erhoben. Er starrte dem Auto nach, das eben in die lichtlose Allee einbog, dann ging er mit festen, schnellen Schritten in jener Richtung davon, in der das Fahrzeug verschwunden war.
Sie wußte, was das bedeutete. Holger kannte van Diemens Adresse: Rhodesia-Hotel. Er selbst hatte es ihr gesagt. Sie mußte versuchen, das Unglück zu verhüten. Sie konnte nicht untätig in ihrem Zimmer bleiben in dieser stillen und trostlosen Nacht, in der ein furchtbares Ungewitter heraufzog. Holger hatte die Gewohnheit, seinen Browning bei sich zu führen.
Es flimmerte vor ihren Augen. Sie war schuldig — sie mußte handeln, es galt, ein Unglück zu verhindern. Sie war es Holger schuldig, sich selbst — dem andern... Sie mußte irgend etwas tun. Mit fliegenden Pulsen riß sie den Ankleideschrank auf, nahm ihren Hut.
Der verschlafene Kutscher der einzigen Droschke an dem kleinen Vorstadtbahnhof machte ein erstauntes Gesicht. Sie gab ihm eine Banknote, über deren Größe er fast erschrak. „Rhodesia-Hotel,“ rief sie, „so schnell Sie können.“
Der Nachtportier sah sie befremdet an. „Ja, Herr van Diemen ist zu Hause. Aber er hat Besuch.“
„Besuch?“ Sie nickte schwer. „Ich muß zu ihm — auf der Stelle.“
Der Portier zuckte die Achseln und winkte einen Boy herbei. An dessen Seite ging sie über die teppichbelegten Treppen hinauf in die erste Etage. Die schwüle Luft des großen menschenerfüllten Hauses legte sich schwer und drückend auf ihre Lungen. Der Boy mit seinem verschlafenen Kindergesicht, der verdrießlich vorangeschritten war, machte vor Zimmer Nr. 64 halt und klopfte. Dann ging er mit verdrossener Miene den endlosen Korridor zurück und verschwand in die unteren Räume.
Niemand antwortete. Durch die geschlossene Doppeltür kam kein Laut. Man mochte das Klopfen kaum gehört haben. Sie pochte zum zweitenmal, und während sie fiebernd wartete, fühlte sie, wie eine wahnsinnige Angst plötzlich durch ihre Pulse jagte. Sie legte die Hand auf die Klinke. Die Tür war unverschlossen.
Die zweite Tür schimmerte weiß im zittrigen Strahl der einsamen Korridorlampe. Sie riß sie auf und trat ein.
Das Zimmer war dunkel. Seltsam — der Portier hatte ihr ausdrücklich gesagt, daß van Diemen Besuch habe. Und wieder schoß ihr das Blut jählings empor. Aus der undurchdringlichen Finsternis schien es wie ein fremder heißer Atem ihr entgegenzuströmen. Eine beklemmende Spannung preßte sich auf ihre Brust. Das Schweigen, das über diesem Zimmer lag, war eisig und unbegreiflich. Nichts rührte sich. Kein Schritt, kein Flüstern, kein Laut kam durch diesen Raum.
Draußen auf dem Korridor huschten hastig leise Tritte vorüber, deren Takt in dem weichen Läufer fast starb. Irgendwo zitterte ein Klingelsignal durch die Luft. Fern klappte eine Tür — dann plötzlich wieder diese entsetzliche Stille, die sich langsam wie die schweren Schwingen eines dunklen Vogels über das Zimmer legte.
Sie tastete mit der zitternden Hand nach dem Schalter, der sich knipsend drehte. Plötzlich stieß sie einen Schrei aus. In der Mitte des Zimmers, die starren Augen auf sie gerichtet, stand ihr Verlobter.
Das Licht schoß schneidend durch den Raum. Sie schloß stumm die Augen und taumelte gegen die Wand, beide Hände wie abwehrend von sich ausgestreckt.
Auf dem Boden lag, tot, mit einer Schußwunde in der Brust, Peter van Diemen. — —
3.
Sie fühlte, wie ihr Atem aussetzte, und einen Moment schien es, als ob alles um sie herum anfing, sich in einem unendlichen Wirbel zu drehen. Sie öffnete erschreckt die Augen. Ganz deutlich sah sie die Bilder an den Wänden, die Verzierungen der Möbel, die schnörkeligen Linien auf dem Teppich — alles zog sich unmerklich zu grinsenden Fratzen zusammen, die mit verkniffenen Augen auf sie starrten. Sie sprang auf und stürzte durch das anliegende Zimmer hinaus auf den Flur.
„Hilfe! Mord!“
Der Ruf gellte schreiend durch die Korridore. Er brandete empor über die hohen Treppen und schlug an das Ohr der Schläfer. In den Winkeln und Ecken verfing er sich — er brach sich Bahn durch die dunklen Säle und die schweigenden Hallen.
„Mord!“
Es wurde lebendig. Ein paar Angestellte vom Nachtdienst, der Portier, ein Kellner erschienen. Karin sah ihnen, blaß und zitternd an die Pfosten gelehnt, entgegen und deutete stumm nach innen. Der Portier sah sie mit einem bedenklichen Blick an und stürzte ins Zimmer. Die anderen folgten ihm.
Plötzlich fiel ihr Holger ein. Er war verloren. Verloren durch ihre Fassungslosigkeit.
Gleichviel — hier gab es keine Rücksichten mehr, keine Bedenken, keine Gefühle. Vor dieser einen grausigen unerhörten Tat schwanden alle menschlichen Beziehungen, vor der nackten Realität dieses Geschehnisses stoben Haß und Liebe davon wie fremde Kleinlichkeiten. Sie ging den anderen nach und trat ins Schlafzimmer. Holger Werling war verschwunden. Sie sah sich erstaunt um und nickte, fast ohne es zu wissen. Das Fenster stand offen.
„Wer hat es getan?“ fragte der Portier mit heiserer Stimme, und ohne eine Antwort abzuwarten, setzte er hinzu: „Wer war der Herr, der bei ihm war?“
Sie blickte ihn an. Dann, fast gegen ihren Willen, sagte sie, indem sie die Achseln zuckte: „Ich weiß es nicht. Ich kenne ihn nicht.“
„Wir müssen Herrn de Coster benachrichtigen“, fuhr der Portier fort. „Wo ist Herr de Coster?“
„Auf Zimmer 36“, sagte ein Kellner.
„Wir müssen ihn holen.“
Eben wollten zwei der Männer das Zimmer verlassen, als die Tür sich öffnete. Auf der Schwelle stand ein junger Herr im Pyjama, der bleich und fassungslos ins Zimmer starrte.
„Herr de Coster,“ sagter der Portier, „etwas Furchtbares ist geschehen. Herr van Diemen ist ermordet worden.“
Der Impresario trat näher. Er ging auf den Toten zu, blickte ihm ins Gesicht, und die Blässe seines Antlitzes ging in ein entsetztes Grün über.
„Mein Gott,“ stammelte er, „wer hat das getan?“
„Wir wissen es nicht. Ein Herr war hier; dann kam diese junge Dame. Als ich heraufkam, war der Herr verschwunden.“
„Sie müssen ihm begegnet sein.“
„Nein,“ der Portier wies auf das Fenster, „er ist entkommen.“
Der Impresario richtete seine Augen auf Karin. „Sie müssen es wissen“, sagte er heiser. „Wer war der Herr? Was wollte er hier? Sie müssen ihn kennen.“
Sie schüttelte den Kopf.
„Ich werde die Polizei benachrichtigen“, sagte der Portier, und indem er sich mit fast drohendem Gesichtsausdruck zu Karin herumwandte, sagte er mit harter Stimme: „Sie bleiben hier.“
Dann eilte er hinunter ins Parterre.
Der Korridor war mit Menschen erfüllt. Sie quollen lautlos aus dem Dunkel. Ein Murmeln, das sich verstärkte und zu einem Brausen anschwoll, brandete vor Karins Ohren. Man achtete kaum auf sie. Die Masse drängte hinein in das Zimmer des Toten.
Karin und der Impresario waren von der Menschenflut hinausgedrängt worden auf den Korridor. Er hatte das Gesicht abgewandt, aber sie fühlte, wie er sie finster und feindselig von der Seite betrachtete. Plötzlich kam ihr das Entsetzliche ihrer Lage zum Bewußtsein. Sie selbst in diesem Hotel — bei van Diemen — welche Erklärung sollte sie dafür geben? Selbst wenn sie versuchen würde, es zu erklären — welcher Mensch auf der Welt würde ihr das Erlebnis dieser Nacht glauben? Sie war kompromittiert, aufs furchtbarste hineingezogen in eine Skandalaffäre. Sie mit van Diemen in ein und demselben Hotelzimmer, und van Diemen ermordet, und weiter — jedes Wort, das sie sprach, um sich zu rechtfertigen, würde die Schlinge zuziehen, die um Holger Werlings Hals lag. Sich retten, hieß ihn ausliefern. In wenigen Minuten würde die Polizei da sein. Dann würde man von ihr Aufklärung verlangen. Was hatte sie mitten in der Nacht bei jenem fremden Manne gewollt? Ihre Dringlichkeit, ihre Eile waren dem Portier sicher aufgefallen, Er hatte ihr gesagt, daß ein Besucher da sei. Er hatte sicher gemerkt, daß eben die Anwesenheit dieses Dritten sie zu solch großer Eile angetrieben hatte. Dieser Dritte war der Mörder. Und sie hatte gewußt, daß er Mordabsichten hatte — ihre Hast hatte es bewiesen; sie mußte also wissen, wer jener Dritte war. Man würde ihr nicht glauben — man würde ihr nicht glauben.
Und ihre Mutter! Der Morgen dämmerte bereits — ihr Ausbleiben mußte in kurzer Zeit entdeckt werden. Sie war verloren, von einer entsetzlichen Katastrophe betroffen, vernichtet. Aus einer galanten Tändelei war eine furchtbare Tragödie geworden.
Sie trat auf de Coster zu. „Mein Herr,“ sagte sie mit leiser Stimme, „lassen Sie mich frei.“
Er sah sie an, erstaunt, ungläubig, ohne ein Wort zu erwidern.
Das Rollen eines Wagens kam durch den dämmernden Morgen. Ihre Augen suchten die seinen. „Ich bitte Sie, mein Herr,“ sagte sie flüsternd, mit einem verzweifelten Ton in der Stimme, „lassen Sie mich fort, ich flehe Sie an.“
Er schüttelte den Kopf. „Unmöglich. Selbst wenn ich es wollte... Sie müssen hier bleiben, denn die Polizei braucht Sie.“
„Ich vermag nichts zu sagen.“
„Sie müssen wissen, wer jener Mann gewesen ist.“
„Ich weiß es nicht. Wirklich nicht.“
„Was wollten Sie denn hier?“
„Das kann ich Ihnen nicht erklären. Ich bitte Sie nur, mir zu glauben,“ setzte sie dringlicher hinzu, als sie sein ironisches Lächeln sah — „es war nichts Unrechtes, was mich hierher getrieben hat. Kein galantes Abenteuer.“
Er spitzte den Mund: „Möglich.“
„Ich schwöre es Ihnen: es ist so, wie ich Ihnen sage. Glauben Sie mir, mein Herr.“ Sie warf einen Blick über ihre Gestalt. „Ich gehöre der guten Gesellschaft an. Der Skandal bedeutet meinen Tod,“ und ihre Stimme sank zu einem Flüstern — — „ich habe eine Mutter.“
Unten im Hause gingen Türen, Füße scharrten, lautes, kommandogewohntes Sprechen klang drohend herauf, kam langsam näher.
„Ich bitte Sie,“ ihre Augen füllten sich mit Tränen, „um alles in der Welt, mein Herr, lassen Sie mich fort.“
Er sah sie an. „Wer sind Sie?“ fragte er.
Sie öffnete mit zitternder Hand ihr Täschchen und nahm eine Visitenkarte heraus, und indem sie ihre Hand auf die seine legte, setzte sie nochmals hinzu: „Retten Sie mich!“
Er zuckte die Achseln. Dann, nach einem langen stummen Blick in ihr angsterfülltes Gesicht, ging er an eine Seitentür, schloß sie auf und sagte finster: „Gehen Sie!“
Der jähe Übergang von der Todesangst zum Gefühl des Befreitseins warf sie fast zu Boden. Ihre Knie versagten den Dienst — sie war nahe daran, umzusinken. Wie ein seliges Jauchzen zitterte es durch ihre Brust, dann plötzlich rissen die nahenden Schritte der Kommenden sie in die Gegenwart zurück.
„Ich danke Ihnen“, flüsterte sie leise. Dann stürzte sie durch die geöffnete Tür die kleine Nebentreppe hinunter, durch die frisch und lebendig der herbe Morgenduft hereinstrich.
4.
Der frische Morgenwind, der, von den Düften junger Frühlingsblüten erfüllt, kühl und klar von Norden herüberkam, hatte das Gewölk der Nacht vertrieben. Ein strahlend blauer Himmel lag über den Birken des kleinen Wäldchens, und die Sonne spiegelte sich warm und freundlich in den Tautropfen, die auf den Gräsern und Blättern blitzten. Die seltsame Klarheit der Landschaft schien sich ins Unendliche auszudehnen, und der Hauch der leichten Morgennebel dort drüben, wo sich das Gelände in sanfter Wellung bis zum Horizont zog, ging allmählich in silbernen Dunst über. Ein leuchtendes Blau lag auf allen Häusern der kleinen Parkstraße, das die Gegenstände bis ins Innerste zu durchtränken schien und allen Dingen einen seltsam klaren und durchsichtigen Glanz verlieh.
Es klopfte an Karins Zimmer. Sie erhob sich verstört aus dem unruhigen Schlaf, in den sie gesunken war, blickte um sich, und sah verwirrt auf das Licht, das durch die gelben Vorhänge hereinflutete. Dann ging sie zur Tür. Ihre Mutter stand auf der Schwelle. „Kind,“ sagte sie lächelnd, „das nenne ich einen gesunden Schlaf! Es ist halb zehn, und du bist noch immer nicht zum Frühstück gekommen.“
Sie strich sich verwirrt über die Stirn. „Ich muß in die Stadt“, sagte die Mutter. „Das Frühstück steht bereit. Zieh’ dich an und geh’ hinaus in den schönen Morgen. Es wird dir gut tun. Geh’ in die Sonne — hörst du?“ Sie nickte zerstreut und schloß wieder die Tür.
Die Schritte verhallten auf der Treppe; gleich darauf ging die Haustür. Sie wusch sich und zog sich hastig an. Dann ging sie hinunter.
Im Wohnzimmer stand das Frühstück bereit. Die Ereignisse der letzten Nacht brannten ihr wie ein drückender Traum im Gehirn. Das alles kam ihr jetzt unwirklich vor — so, als ob es nie geschehen wäre. Van Diemen tot — Holger ein Mörder — sie selbst mit genauer Not einer beschämenden verzweifelten Situation entronnen, dank der Gnade eines Menschen, der ihr ein Fremder war. Wieder strich sie sich über die Stirn. Wie nun, wenn das alles nichts als ein furchtbarer Traum gewesen wäre? Ein wirres und graues Gespenst der Nacht, das vor der lächelnden Sonne geflüchtet war, vor der alle Dinge sich in Klarheit und Reinheit auflösen mußten?
Sie fuhr zusammen. Es klingelte. Sie ging zur Tür und öffnete. Vor ihr stand der Mann, an den sie eben gedacht hatte — van Diemens Impresario.
Seine Miene war ernst, sein Gesicht bleich. Sie trat einen Schritt zurück.
„Es tut mir leid,“ sagte er mit leiser schonender Stimme, „daß ich schon am frühen Morgen den Frieden Ihres Hauses stören muß. Aber Sie werden begreifen, daß mir keine Wahl bleibt. Das furchtbare Ereignis von heute nachts — — — “.
Sie nickte: „Nehmen Sie Platz.“
Er schien die Aufforderung zu überhören. „Ich komme mit einer Bitte. Ich habe Sie — es ist mir peinlich, Sie an eine — hm — an eine erwiesene Wohltat zu erinnern — aber Sie werden mich verstehen: van Diemen stand mir nahe wie ein Bruder. Nicht das allein — auch materiell gesprochen: sein Tod zerstört meine ganze Karriere. Ich hatte alle Dispositionen für eine große Tournee getroffen und in die Vorbereitungen, die Propaganda, größere Kapitalien gesteckt. Also kurz und gut, alle Recherchen, die bisher angestellt worden sind, laufen in einem Punkt zusammen, verdichten sich auf ein bestimmtes Ziel: das ist der fremde Herr, der in dieser Nacht kurz vor Ihnen van Diemen besucht hat. Sie haben ihn gesehen. Nicht das allein — Sie haben ihn aller Wahrscheinlichkeit nach gekannt.“
Sie schüttelte den Kopf.
„Sie haben sich geweigert, mir den Grund zu nennen, der Sie ins Hotel Rhodesia geführt hat. Sie müssen zugeben, daß diese Weigerung zum mindesten befremdlich ist. Sie sind eine junge Dame der Gesellschaft, und es ist sicher kein leichtfertiges Abenteuer, das Sie zu dem Entschluß bringen konnte, mitten in der Nacht einen fremden Mann in seinem Hotel zu besuchen. Wenn Sie hingefahren sind, so hatten Sie sicher einen Grund dafür, der außerhalb alles Materiellen liegt. Es gibt eigentlich nur eine einzige Erklärung für Ihr Kommen: Sie wollten van Diemen warnen. Sie wußten, daß sich irgend etwas Schreckliches ereignen würde, und Sie wollten dieses Schreckliche verhüten. Es gab nur zwei Menschen, die dies zu Erwartende betraf: der eine von diesen beiden war van Diemen — der andere war jener Fremde, den Sie nicht zu kennen behaupten. Es ist von vornherein ausgeschlossen, daß etwa van Diemen die Quelle war, aus der Ihr Wissen stammt. Denn Sie kannten van Diemen nicht.“
„Woher wissen Sie das?“
„Ich weiß es — das muß Ihnen genügen. Ich kenne van Diemens Privatverhältnisse und ich kenne alle, die er kannte. Sie habe ich bisher nie gesehen. Wie gesagt, van Diemen scheidet aus. Es bleibt also nur jener Fremde. Von diesem müssen Sie erfahren haben, was bevorstand — was Herrn van Diemen bevorstand. Und das, was Sie von ihm erfuhren, war eben so drohend und so gefährlich, daß Sie sich zu einem Schritt entschlossen, der Ihren ganzen Ruf aufs Spiel setzte.“
Sie zuckte die Achseln.
„Ich kann begreifen,“ fuhr er, ein wenig wärmer werdend, fort, „wie schwer es Ihnen sein muß, mir offen und ehrlich die Wahrheit zu sagen. Der, von dem ich spreche, steht Ihnen vielleicht nahe. Aber Sie müssen bedenken, daß ich als Sachwalter eines Mannes vor Ihnen stehe, an dem eine furchtbare Freveltat verübt worden ist, die einzige, die wir kennen, die keine Macht der Erde wieder gutmachen kann. Ich appelliere an Ihr Gerechtigkeitsgefühl — an Ihr Mitleid. Fühlen Sie nicht selbst, daß das Blut Peter van Diemens zum Himmel schreit?“
Sie schloß einen Moment die Augen und sank in einen Stuhl.
Er trat auf sie zu: „Jener andere,“ fuhr er ruhig fort, „hat Ihre Rücksichtnahme sicher nicht verdient. Er ist ein Mörder — — —“
„Nein — — nein!“ schrie sie auf.
„Er ist ein Mörder! Man hat seinen Revolver am Tatort gefunden. Können Sie es mit Ihrem Gewissen vereinbaren, einen Mörder zu schützen?“
Sie blickte auf: „Man hat — — — seinen Revolver — — —?“
„Ja. Die Polizei hat ihn im Besitz. Ich versichere Ihnen: kein Mensch wird Ihren Namen erfahren. Sie brauchen keine Minute lang zu befürchten, daß man Sie mit dieser Affäre in Verbindung bringen wird. Keine Zeitung soll Ihren Namen nennen, kein Mensch in dieser Stadt spöttisch oder höhnisch von Ihnen sprechen. Dafür habe ich gesorgt — das sollten Sie bedenken.“
Sie nickte: „Ich danke Ihnen von ganzem Herzen.“
„Und ich sage Ihnen nochmals: nun ist die Reihe an Ihnen, zu sprechen, damit der Gerechtigkeit kein Hindernis mehr im Wege steht.“
Die Treppe herauf kamen Schritte.
Sie zuckte zusammen: „Meine Mutter“, sagte sie tonlos. „Wie soll ich Ihren Besuch erklären ...?“
Er zuckte die Achseln: „Irgendein Vorwand wird sich finden lassen. Es tut mir leid, aber meine Anwesenheit hier in diesem Hause ist, weiß Gott, keine müßige. Also nochmals: ich bitte Sie, ich flehe Sie an: wer war dieser Mann?“
Sie erhob sich. „Ich weiß es nicht“, sagte sie mit fester, ruhiger Stimme. „Ich kann Ihnen seinen Namen nicht nennen.“
Die Tür öffnete sich; sie blickte scheu und nervös zu Boden.
Jan de Coster richtete seine Augen auf die Tür.
Dann hörte sie, wie aus weiter Ferne, seine Stimme: „Also das ist der Mann, den Sie nie in Ihrem Leben gesehen haben?“
Sie wandte sich verwirrt herum und stieß einen Schrei aus.
Holger Werling stand vor ihr.
„Sie haben mich belogen“, sagte Jan de Coster kalt. „Dies ist der Besucher von heute nachts; der Portier hat ihn mir beschrieben. Sie haben es sich selbst zuzuschreiben, wenn ich jetzt alle Rücksicht fallen lasse. Auf Sie — und auf jenen.“
Und indem er eine spöttische Verbeugung machte, nickte er: „Ich lasse Sie mit diesem unbekannten Herrn allein.“ Dann öffnete er die Tür, warf sie hinter sich zu und ging mit festen Schritten die Treppe hinunter.
Holger stand einen Augenblick stumm und horchte auf den verhallenden Tritt.
„Karin,“ sagte er leise, „ich muß dir etwas sagen.“
Sie schrak zusammen und sah ihn mit Augen an, in denen ein grenzenloses Staunen flimmerte — fast, als ob sie seine Anwesenheit längst vergessen hätte.
Er bot ihr die Hand. „Lass dir vor allem —“
„Nein — — nein!“ schrie sie auf. „Geh’, geh’ auf der Stelle. Lass mich allein.“
„Ich mußte dir doch erklären...“
Sie stampfte mit dem Fuße auf: „Ich will, daß du mich verläßt. Sprich kein Wort mehr. Geh’.“
Er zuckte hilflos die Achseln.
Seine Augen wanderten flackernd hin und her: „Karin...“
Sie öffnete die Tür. Dann, als ob er, der noch immer auf einem Fleck stand, zögernd, staunend, ungewiß — als ob er längst das Zimmer verlassen hätte — öffnete sie mit ruhigem Gesicht die Tür, die zum Nebenzimmer führte und verschwand.
Sein gläserner Blick haftete wie festgebannt auf einem hellen Fleck in dem Lack der Tür, wie auf einer unbegreiflich rätselhaften Entdeckung.
Sein Atemzug ging keuchend durch die Lungen, und er hielt den Mund halb geöffnet, wie jemand, der verwundert einem unerhörten Rätsel nachgrübelt.
Es waren kaum zwei Minuten vergangen, als die Tür sich wieder öffnete und Karin in Hut und Jackett erschien. Sie ging an ihm vorüber, ohne von ihm Notiz zu nehmen — als ob sie ihn nicht sähe. Er wandte sich mechanisch nach ihr um und sah ihr mit irrem Lächeln nach, als sie in den dämmerigen Korridor hinaustrat und gleich darauf die Treppe hinunterschritt.
Das Zufallen der Haustür, das mit dumpfem Krach durch das Haus lärmte, ließ ihn nervös auffahren. Er sah sich im Zimmer um, als ob er Abschied nähme von den hundert Dingen, von denen jedes einzelne ihm eine Geschichte bedeutete, weil es mit ihr zusammenhing. Dann tat er einen schweren tiefen Seufzer und ging mit den harten trostlosen Schritten eines alten Mannes die Treppe hinunter.
Als das Auto in die lange graue Straße einbog, tat Karin einen kleinen Schrei: dort vorn ging er.
Sie drückte auf den Ball. Der Chauffeur hielt. Sie warf ihm flüchtig einen Betrag zu, der die Taxe weit überschritt und eilte mit kleinen schnellen Schritten vorwärts.
Er war fast am Portal angelangt, als sie ihn einholte.
„Herr de Coster,“ keuchte sie, noch ganz erschöpft vom hastigen Lauf, „was wollen Sie tun?“
Er sah sie kaum an — nur so ganz flüchtig von der Seite. Dann zuckte er die Achseln: „Meine Pflicht.“
Sie legte die Hand auf seinen Arm, als ob sie seinen Schritt hemmen wollte.
„Tun Sie es nicht“, sagte sie in bittendem Ton.
Er blickte sie ruhig an und machte sich langsam, indem er seinen Arm am Körper hinabgleiten ließ, von ihrer Berührung frei.
Sie standen vor dem Portal. Ihre Augen irrten angstvoll in das graue drohende Haus, aus dessen steinernen Korridoren die Schritte von vielen hundert Füßen kamen, die in hartem und feindseligem Ton zusammenklangen. Treppen, links und rechts, breit und praktisch und gefühllos, zweigten ab und mündeten auf dunkle Türen. Er wandte sich herum und setzte den Fuß auf die unterste Stufe.
„Sie dürfen nicht“, schrie sie. „Sie dürfen nicht hinein, Herr de Coster. Um keinen Preis.“
Sein Blick glitt spähend zu ihr herum. Es schien ihr, als ob in den Tiefen seiner Augen ein tröstliches Licht aufflimmere. Wieder hob sie ihre Hände, die weiß und kalt waren, und ergriff die seinen.
„Sie dürfen nicht“, sagte sie leise, mit einer matten und mutlosen Stimme, über die sie selbst erschrak.
„So, so, ich darf nicht“, wiederholte er endlich, halb scherzend, halb spöttisch. „Wissen Sie auch, was es ist, was Sie da von mir verlangen?“
Sie sah ihn an, erstaunt, fragend.
„Nicht mehr und nicht weniger als die Begünstigung eines Verbrechens. Wer einen Mörder kennt, hat nach dem Gesetz die Pflicht, ihn den Behörden anzuzeigen.“
Sie zuckte die Achseln.
„Es wird Sie wahrscheinlich wenig kümmern, ob ich mich in Ungelegenheiten bringe — ob ich, was vielleicht noch schwerer wiegt, jede Pflicht der Pietät gegen meinen armen Freund in den Wind schlage. Das alles wird Ihnen höchst gleichgültig sein, denn Ihnen kommt es nur darauf an, den Täter zu retten — den Mann, den Sie lieben.“
Sie schüttelte eisig den Kopf. „Ich liebe ihn nicht mehr. Es ist alles aus zwischen ihm und mir.“
Ein fremder Ausdruck trat in seine Augen: ein unruhiges heißes Glimmen.
„Und wenn ich mich nun entschließen würde . . .“
Ein Strahl der Freude ging wie eine jähe Welle über ihr Gesicht.
„Ich wüßte nicht, wie ich Ihnen danken könnte“, sagte sie leise, mit zitternder Stimme.
Er nickte: „Es könnte sein, daß ich Sie beim Wort nähme, Fräulein Karin.“
„Tun Sie es. Meine Dankbarkeit wird keine Grenzen kennen.“
„Sie reden aus dem Überschwang der Stimmung heraus.“
„Nein“, sie faßte nach dem Herzen und schloß die Augen.
„Ich werde nicht vergessen, was Sie für mich getan haben — und — —“
„Und — —?“
„Und“, sie atmete tief und sagte mit abgewandtem Gesicht: „und ich werde nie vergessen, was ich Ihnen eben versprochen habe.“
Er reichte ihr die Hand.
„Dort kommt ein leeres Auto. Ich habe noch verschiedene wichtige Besorgungen. Leben Sie wohl, Fräulein Karin.“
Sie nickte, ohne ein Wort zu erwidern.
Das Auto sauste mit de Coster davon. Sie stand lange vor dem grauen düsteren Gebäude, aus dem noch immer in einem einzigen trostlosen Takt das geschäftige Klappern unsichtbarer Füße ertönte, und sie sah dem Wagen nach, der eben um die Ecke bog. Dann raffte sie sich zusammen. Sie warf noch einen ängstlichen und bekommenen Blick auf das dunkle Tor und auf die grauen, sauber gescheuerten Stufen, dann, mit einer kurzen entschlossenen Wendung ging sie die Straße hinunter in das bunte Treiben des geschäftigen Vormittags hinein.
Es mochte fast drei Stunden später sein, als Karin heimkehrte. Die Mutter sah ihr verwundert entgegen, mit einem bestürzten und traurigen Ausdruck in den Augen.
„Um Gottes willen“, ihre Stimme zitterte, und sie wies auf ein Zeitungsblatt, das vor ihr lag: „Van Diemen ist in der letzten Nacht ermordet worden.“
Karin nickte: „Ich weiß es, Mutter.“
„Von dem Täter hat man keine Spur.“
Sie schüttelte bestätigend den Kopf.
Die alte Frau sah ihr mit ruhigen hellen Augen ins Gesicht, mit einem merkwürdig forschenden Ausdruck — mit einem Blick, in dem eine stumme und durchbohrende Frage lag. Karin fühlte diesen Blick schmerzhaft durch ihren Körper dringen, und sie senkte endlich verwirrt die Augen. Sie versuchte, einen gleichgültigen Gedanken zu fassen — es gelang ihr nicht. Sie sagte sich, daß dies alles eine Täuschung sein müsse, daß ihre bis zur Unerträglichkeit angespannten Nerven ihr Angsterscheinungen vorgaukelten, von denen im Ernst keine Rede sein konnte. Sie hob die Augen wieder. Nein, immer noch ruhte der fragende Blick ihrer Mutter auf ihrem Gesicht.
„War irgend jemand hier?“ fragte sie endlich leichthin, aber sie merkte, wie ihre Stimme zitterte.
Die Mutter erhob sich. Dann, indem sie die Tür öffnete, sagte sie mit einer fremden, tiefen Stimme: „Ein Blumenkorb ist für dich abgegeben worden.“
Karin erschrak. Die Mutter stellte einen umfangreichen Korb auf den Tisch und nahm die Stecknadeln aus dem Seidenpapier. Ein dichter kleiner Wald von Teerosen leuchtete aus der Umhüllung hervor.
„Von wem?“ fragte Karin halb erstaunt, halb schuldbewußt.
Die Mutter zuckte die Achseln: „Es liegt ein Brief daneben.“
Karin riß das Kuvert auf. Zögernd nahm sie die Karte in die Hand, die darauf lag, zögernd ließ sie einen scheuen Blick hinübergleiten zu ihrer Mutter, die scheinbar interesselos am Fenster stand. Wieder sah sie, obwohl die alte Frau den Kopf halb zur Seite gewandt hatte, die Augen ihrer Mutter wie in einer drohenden finsteren Frage auf sie gerichtet. Sie schrak fröstelnd zusammen und drehte die Karte herum.
„Jan de Coster“ stand darauf.
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