Kitabı oku: «Der Ruf aus dem Äther»

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Paul Rosenhayn

Der Ruf aus dem Äther

Roman

Saga

Der Ruf aus dem Äther

© 1924 Paul Rosenhayn

Cover image courtesy of Freepik.com

Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2016 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen

All rights reserved

ISBN: 9788711592601

1. Ebook-Auflage, 2017

Format: EPUB 3.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt und Ringhof und Autors nicht gestattet.

SAGA Egmont www.saga-books.com – a part of Egmont, www.egmont.com

I

„Sauternes!“ sagte Lars Oevelund. Bringen Sie Sauternes!“

Der Speisesaal war nicht sonderlich gross. Er war völlig in pompejanischem Rot gehalten, das wie dunkle, ruhige Flammen an den schlanken Säulen emporstieg. Das Orchester war nicht sichtbar; es mochte in einer der kleinen blumenbedeckten Logen der Galerie versteckt sein. Der Saal war erfüllt von jener sanften und zärtlichen Atmosphäre, die sich aus Duft, Musik und Flirt zusammensetzt, und das Gewoge der Sprachen, das in zerrissenen Intervallen durch den Raum klang, war völlig international.

„Man hört kaum ein dänisches Wort!“ lachte Griggs.

Ulsaker nickt.

Die andern nickten, und Ulsaker sagte:

„Das ist ein Glück. Es bedeutet für uns Kopenhagener, dass der Winter vorbei ist.“

Die hohen Glastüren pendelten auf, ein Schwarm neuer Gäste flutete herein. Feuchtschimmernde Pelze trugen den herben Duft des jungen Vorfrühlings da draussen wie eine fremde und feindselige Welle in den Saal.

„Da kommt der Sauternes“, sagte Kjelland.

Das Adagio der Geigen setzte ein; das Stimmengewirr im Saal verstummte, seltsam genug, auf einen Schlag.

„Welche fremdartige Harmonie“, flüsterte Ulsaker; „ich habe nie etwas Ähnliches gehört.“

Oevelund blickte hinüber: „Es ist die neue Oper von Pizzetti ‚Debora et Jaele‘.“

„Sie kennen doch alles!“

„Ich war zufällig in der Premiere: im Scala-Theater in Mailand; Toscanini dirigierte, das war, offen gestanden, der Grund, warum ich hineinging. Die Musik wird Ihnen Freude machen: Pizzetti hat eine völlig abwegige Art, die Singstimme in Gegensatz zum Orchester zu führen; auf der Bühne ein kontinuierliches Rezitativ, im Orchester unabhängig davon eine farbenreiche Tonfülle, die ständig mit der Singstimme kämpft.“

Kjelland hatte die Gläser gefüllt, und leise sagte er: „Es ist schade, dass wir die jüngeren Italiener so spät nach Kopenhagen bekommen. Ich habe weder Alfano noch Francesco Malipiero bisher auf der Bühne gehört. Dabei besitze ich fast alle ihre Opernpartituren und habe sogar ...“ Er verstummte plötzlich und wandte verwirrt den Kopf zur Seite.

Ulsaker blickte ihn an: „Was haben Sie, Kjelland? Sie sind blass geworden.“

„Nichts.“ Kjelland zuckte die Achseln, aber der befangene Ausdruck seiner Miene schien sich eher zu verstärken, während er mit einem Eifer, der in keinem rechten Verhältnis zur Sache stand, das Glas ergriff und an den Mund führte.

„Ich liebe Alfano“, sagte Griggs. „Ich kenne keinen Komponisten, der so charakteristisch orchestriert wie er. Er ist übrigens ausgesprochener Mystiker. Kennen Sie seine Oper ‚Don Juans Schatten‘? Wir hatten sie in New York im Metropolitan. Er bringt darin eine seltsame Neuerung: Chöre ohne Worte. Damit ruft er eine Stimmung hervor, wie ich sie noch kaum in einer Oper erlebt habe; diese Massenbewegung mit Gesang ohne Text gibt der Szenerie eine ganz bestimmte und völlig einheitliche Farbe, die augenblicklich wechselt, sobald sich das Tonbild ändert.“

„Expressionismus ins Musikalische übertragen!“ nickte Oevelund. „Sagten Sie etwas, Herr Kjelland?“

Der Gefragte fuhr zusammen und löste seine Augen gewaltsam von der Loge dort drüben.

„Welch eine schöne Frau!“ flüsterte Griggs. „Sicher eine Ausländerin.“

Ulsaker schüttelte den Kopf. „Nein, sie ist Dänin.“

„Sie kennen sie?“

Es schien, als ob Ulsaker einen zögernden Blick auf Kjelland werfe und als ob dieser die Achseln zucke.

„Ja, ich kenne sie oberflächlich. Es ist die Baronin Astrid Laurgaard, und der Herr an ihrer Seite ist der Kammerherr Kai Gandrup.“

„Hören Sie nur dieses wundervolle Stakkato“, sagte Kjelland.

„Es ist in der Tat sehr schön“, pflichtete ihm Griggs bei. Und mit einem verschmitzten Augenzwinkern setzte er hinzu: „Immerhin finde ich eine schöne Frau wie die dort drüben reizvoller als alle Pizzettis der Welt.“

„Ich bewundere Sie“, sagte Oevelund. „Ich hörte von Ihren vielen Patienten, die Sie in einer Weise betreuen, die sicher den ganzen Menschen in Anspruch nimmt. Und dazu ein so erschütterndes Gebiet, das Sie sich gewählt haben ... Der ständige Anblick der Krebskranken müsste, deucht mich, das Gefühl für das Schöne in der Welt zerstören — ja, allen Glauben an das Helle und Freundliche ersticken. Ich wenigstens kann mir nicht denken, dass ich meines Lebens jemals wieder froh würde, nachdem ich vielleicht fünf Minuten vorher den Anblick der lebendig Verwesenden gehabt hätte — die auf mich hoffen und denen ich dennoch keine Rettung bringen kann.“

Griggs stellte das Glas nieder. „Wohin sollte das führen, mein lieber Herr Oevelund, wenn wir Menschen, wenn wir Ärzte uns auf Anhieb unterkriegen lassen würden? Wer sagt Ihnen übrigens, das wir nicht helfen können?“

„Krebs ...!“

„Ich kann Ihnen von soundso vielen Fällen des Karzinoms berichten, deren Heilung geglückt ist. Und selbst wenn es nicht der Fall wäre: was gestern unmöglich war, kann morgen erreicht sein. Wir führen einen ständigen Kampf, wie der Soldat im Felde. Und wir holen die Kraft zu diesem Kampf aus der Überzeugung, dass wir endlich die Sieger sein werden. Aber der Sieg ist, wie überall, kein Dreh, den man plötzlich findet, er ist Kleinarbeit, die Ausdauer und Nervenkraft verlangt.“

Das Orchester hatte geendet; leiser, gewissermassen respektvoller Beifall setzte ein.

„Haben Sie unter Ihren Patienten“, begann Oevelund, „nicht einen Herrn Lumbye?“

„In der Tat.“

„Sie müssen zugeben, dass er unheilbar ist. Kein Gott kann ihn retten. Gleichwohl hat man seinen Wunsch, ihn in das Sanatorium des Doktors Griggs zu schicken, erfüllt. Denn Lumbye ist sehr reich. Aber Hand aufs Herz, Doktor: ihn werden Sie nicht heilen!“

„Wir sprechen unausgesetzt von mir“, lächelte Griggs, „und von meinen Angelegenheiten — die nicht einmal ausschliesslich meine Angelegenheiten sind. Ich denke, es gibt weit Interessanteres als diese traurigen Dinge. Ich will Ihnen sogar gestehen, dass ich mich in meinen Mussestunden mit Liebhabereien befasse, die nichts mit Medizin und mit Karzinomen zu tun haben. Gott sei Dank: nichts!“

„Radio!“ sagte Ulsaker.

„In der Tat. Ich sehe schon das spöttische Gesicht des Herrn Oevelund — denn hier sind wir an dem Punkt angelangt, wo uns Herr Oevelund tausend Dinge zu erzählen haben wird, von denen wir uns keinen Begriff machen.“

„Ich bitte!“ wehrte Oevelund ab.

„Keine falsche Bescheidenheit! Ich habe Ihr Werk über die Möglichkeiten der Radiowelle gelesen; ich will Ihnen sogar das Geständnis machen, dass ich es bei mir trage; draussen im Mantel.“

Eine glückliche Röte überglänzte Oevelunds Gesicht. „Das freut mich aufrichtig.“ Und als jemand dazwischen lachte, fuhr er, ein wenig verwirrt, fort: „Nicht aus Eitelkeit, weiss Gott nicht. Aber es ist ein glückliches Gefühl, wenn man sich in Gedankenkontakt weiss.“

„Wie herrlich!“ seufzte Kjelland. „Dies wird ein technischer Abend.“

Griggs lachte: „Haben Sie keine Angst, Herr Kjelland. Es ist das Besondere des Themas ‚Radio‘, dass es in gerader Linie über das Technische hinausführt.“

„Nanu?“

„Das klingt vielleicht paradox, aber jede Erkenntnis ist, glaube ich, paradox. Sie brauchen sich nicht verzweifelt nach der Musik umzusehen, meine Herren, das Thema ist schon erledigt. Nur so viel darf ich Ihnen sagen: das Technische, der Apparat, die Maschine sind, wenn nicht alles täuscht, nur die Eierschalen, die dem jungen Kücken, genannt ‚Radio‘, noch anhaften, das Körperliche, aus dem es hervorgegangen ist und das es langsam im Begriff ist abzustreifen. In zwanzig Jahren werden wir per Radiowelle sprechen — ohne Telephon und ohne Kondensator und ohne Batterie, versteht sich, von Gehirn zu Gehirn.“

Oevelund blickte auf. „Das klingt nach Jules Verne.“

Der unsichtbare Kapellmeister gab das Anfangszeichen; eine feine, silbrige Musik erfüllte kosend den Raum.

„Scriabine!“ sagte Oevelund.

„Ja!“ bestätigte Kjelland. „Es ist die dritte Etüde von Scriabine.“

„Ich sehe,“ staunte Griggs, „wir sind ein Kongress von Musiksachverständigen.“

Ulsaker lachte: „Kjelland hat keine Ahnung von Musik; die dritte Etüde von Scriabine ist das einzige, was er kennt.“ Und indem er sich einen Ruck gab, um dem strafenden Blick Kjellands auszuweichen, setzte er hinzu: „Diese Etüde ist nämlich das Lieblingsstück der Baronin Laurgaard, die dort oben sitzt — und ich bin sicher, dass sie es ist, die es bestellt hat.“

„Baronin Laurgaard“, wiederholte Griggs, indem er den Blick auf Kjelland heftete. „Sie kennen sie also?“

Kjelland sah bös an Ulsaker vorbei. „Flüchtig“, sagte er schliesslich in gleichgültigem Ton.

„Wenn ich eigennützig wäre, würde ich Sie bitten, mich ihr vorzustellen. Sie ist in der Tat eine der schönsten Frauen, die ich bis heute gesehen habe.“

„Nichts wäre leichter als das, Herr Doktor“, sagte Kjelland, der unverwandt zur Loge hinaufsah. „Aber Sie werden wenig Freude daran haben. Die Baronin Laurgaard ist eine völlig empfindungslose Frau.“

Oevelund schürzte die Lippen, als ob er ein Lachen nur mit Mühe unterdrücke. „Ich glaube, es ist ein wenig kühn, von den intimsten Angelegenheiten einer Frau so ... wie soll ich sagen ... so diagnostisch zu reden. Ich habe gefunden, dass die temperamentvollste Frau auf den ersten Blick fast immer das Gegenteil schien. Denn es liegt auf der Hand: je kultivierter sie ist, desto mehr wird sie gelernt haben, ihre Gedanken und ihre Wünsche zu verbergen. Und nicht nur das: das wahre Temperament, ich möchte sagen: das echte Temperament einer solchen Frau will aufgesucht sein — es ist nicht da, es vibriert unter dem Aufklingen einer verwandten Saite. Um aber all diese geheimnisvollen Dinge, die wie halbe Töne zwischen Seelischem und Körperlichem schwingen — um alles dies erspüren zu können, bedarf es, glaube ich ...“

Eine kleine Pause entstand. Es war ungewiss, ob Oevelund das Wort suchte oder ob er aus irgendeinem bestimmten Grunde verstummte. Da sagte plötzlich Ulsaker mitten in die Gedankengänge der anderen hinein:

„Herr Kjelland war mit Astrid Laurgaard verlobt.“

Alle wandten sich zu Kjelland herum. Er war blass geworden, und während er unbeweglich in sein leeres Glas blickte, runzelten sich seine Brauen.

„Das ist freilich etwas anderes“, sagte Oevelund mit einer Stimme, in deren leisem Ton, vielleicht gegen seine Absicht, eine gewisse Schonung lag.

„Es ist nicht richtig, was Ulsaker Ihnen da erzählt. Ich war mit Astrid Laurgaard nicht verlobt. Aber ich kann nicht leugnen — dass ich den Wunsch hatte. Wir sind Jugendgespielen, Astrid und ich, und niemand auf der Welt steht ihr näher als ich — sie selbst hat es mir gesagt. Sie müssen deshalb zugeben, Herr Oevelund, dass ich ein gewisses Recht habe, hier, wie Sie sich ausdrücken: diagnostisch zu reden. Astrid hat mir erklärt, sie habe niemand auf der Welt lieber als mich. Dennoch sitzt sie mit einem Manne dort oben, mit dem sie verlobt ist ...“

„Eine Vernunftangelegenheit?“ fragte Griggs.

„Das ist ausgeschlossen. Dazu kenne ich die Baronin wirklich zu genau. Im übrigen ist sie reich; eine Veranlassung zu einer Konvenienzheirat liegt weiss Gott nicht vor.“

Griggs sah hinauf. Die beiden dort oben sahen sich in die Augen und lächelten — jenes zärtliche Lächeln, das seit Anbeginn der Welt die Begleitmusik junger Liebe ist.

Auch Kjelland sah nach oben. Nun traf sich sein Blick mit dem des Arztes.

„Vielleicht bedarf es dieses Umweges über den Kammerherrn Gandrup ...“

„Ich verstehe Sie nicht.“

„Vielleicht kehrt sie jetzt zu Ihnen zurück?“

Kjelland lachte nervös. „Ich sehe, Sie kennen die Frauen nicht. Und besonders: diese Frau nicht.“

„Ich kenne sie in der Tat nicht — aber ich glaube kaum, dass das viel zu bedeuten hat. Ja, ich glaube: je mehr wir uns über die Frauen den Kopf zerbrechen, um so mehr rücken sie von uns ab. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass die Frauen nicht ergründet, sondern genommen sein wollen.“

„Ich weiss nicht, wo Sie Ihre Erfahrungen gesammelt haben, mein lieber Herr Doktor Griggs — aber ich kann Ihnen sagen, dass Ihre Weisheit auf Astrid Laurgaard bestimmt nicht zutrifft.“

„Mag sein. Man soll nichts verschwören.“ Wieder blickte Griggs zur Loge hinauf — es mochte ein Zufall sein, dass im selben Augenblick Astrid Laurgaard den Kopf zu ihm herumwandte und ihn mit einem kurzen, betroffenen Blick ansah.

„Wie spät haben Sie’s?“ fragte Griggs.

Ein wenig erstaunt zog Kjelland die Uhr. „Dreiviertel Zwölf.“

„Was bekomme ich, wenn die Baronin Laurgaard — sagen wir: um eins ... nun, wohin soll sie kommen?“

„Ins Schreibzimmer des Hotels“, schlug Oevelund scherzend vor. „Dort ist um eins kein Mensch.“

„... also gut: ins Schreibzimmer des Hotels kommt?“

„Sprechen Sie im Ernst?“ fragte Kjelland und machte runde Augen.

„Aber ja.“

„Kennen Sie die Baronin?“

„Sie wissen selbst, dass ich sie nicht kenne.“

„Sie wollen also mit ihr sprechen?“

„Sie werden bis um eins mit mir zusammenbleiben und sich auf diese Weise überzeugen, dass ich nicht mit ihr sprechen werde.“

„Und Sie halten das, was Sie eben gesagt haben ...“

Mit einer leichten Ungeduld im Ton unterbrach ihn Griggs: „Sie können auch irgendeinen beliebigen anderen Ort und eine andere Zeit bestimmen.“

Kjelland sah ihn an: „Gut. Sagen wir um halb eins.“

„Er kann es vor Ungeduld nicht länger aushalten!“ lachte Ulsaker.

„Um halb eins: in der Lounge.“

„Gut. Sie werden also um halb eins die Baronin Laurgaard in der Lounge dieses Hotels erwarten.“

„Und wenn sie nicht kommt?“ warf Ulsaker dazwischen.

„Werden Sie dann Ihren ausgezeichneten Pommery ...“

„Nichts von Pommery“, schnitt ihm Kjelland das Wort ab. „Ich muss Sie bitten, Astrid Laurgaard nicht zum Gegenstand einer Wette zu machen.“ Er wandte sich an Griggs: „Wenn das ... wenn Ihre Prophezeiung misslingt, was ich, offen gestanden, erwarte, so betrachte ich die Angelegenheit als erledigt, und ich glaube, ich brauche keinen der Anwesenden besonders zu bitten, darüber zu schweigen.“

Griggs nickte. „Dennoch möchte ich Ihnen, wenn ich so sagen darf, einen Preis vorschlagen. Nichts Konkretes, nichts, weder Pommery noch Chablis. Wenn meine Prophezeiung eintreffen sollte — mit anderen Worten, wenn die Baronin um halb eins in die Lounge kommen sollte —, so erbitte ich von Ihnen eine Gegenleistung. Nämlich: es könnte sein, dass ich Ihnen in nächster Zeit — vielleicht noch in dieser Nacht — Dinge sagen werde, die auf den ersten Blick unglaubwürdig erscheinen. Wenn also meine Vorhersage eintreffen sollte, so bitte ich um Ihren Glauben auf Vorschuss.“

„Ich meine,“ sagte Oevelund, „gegen diesen Kreditantrag ist nichts einzuwenden.“

„Denken Sie etwa an Hypnose?“ fragte Kjelland. „Dann will ich Ihnen gleich sagen: ein Versuch am untauglichen Objekt. Ich war mit Astrid zweimal auf hypnotischen Séancen, einmal mit Magnussen, einmal bei Schrenck-Notzing. Beide haben festgestellt, dass die Baronin Laurgaard kein Medium ist.“

„Das trifft sich ausgezeichnet. Ich kann auch nicht hypnotisieren.“

Ulsaker machte plötzlich ein belustigtes Gesicht und wies nach oben. Der Portier hatte die Garderobe gebracht, und eben rannte ein flinker Boy am Tisch der vier vorbei und rief dem Kollegen an der Drehtür zu: „Ein Auto für die Herrschaften in Loge drei!“

Die vier sahen sich an. Oevelund erhob sich und ging schlendernd zum Ausgang. Gespannt folgten ihm die Blicke der andern.

„Sie sind abgefahren“, sagte er, als er nach einer Weile zurückkam. „Frederiksbergallee 85.“

„Das ist die Adresse der Baronin.“

„Nun, Herr Doktor Griggs ...?“

Der Gefragte unterhielt sich eben mit dem Kellner über eine komplizierte Küchenangelegenheit.

„Das gibt einen glänzenden Ulk!“ sagte Ulsaker.

Griggs zog das Fazit aus der Konferenz mit dem Kellner: „Also geschwind eine ‚Passetoutgrain‘.“

Unschlüssig blickte Kjelland von Griggs zu den andern, von den andern zu Griggs. „Wollen wir nicht gehen ...?“

„Das wäre recht schade.“ Griggs deutete mit dem Kopf in der Richtung, in der der Kellner mit dem verheissungsvollen Auftrag verschwunden war. „Passetoutgrain, und dazu 1905er, ist keine alltägliche Angelegenheit. Und im übrigen, wenn ich empfindlich sein wollte, so würde ich jetzt sagen: wir hatten, wenn ich nicht irre, ein kleines Abkommen getroffen. Aber ich sage es nicht.“

Ulsaker fasste in die Smokingtasche nach dem Zigarettenetui. „Wenn ich unhöflich sein wollte, würde ich“ — er sandte einen bezeichnenden Blick nach der Drehtür, durch die das Paar verschwunden war — würde ich sagen ... aber ich bin nicht unhöflich. Dazu ist mir Ihre Gesellschaft viel zu lieb, auch ohne Passetoutgrain, abgesehen davon, dass ich von dieser Marke heute zum ersten Male höre. Womit nicht gesagt sein soll, dass mir Ihre Gesellschaft mit diesem fabelhaften Wein nicht doppelt angenehm wäre! Überhaupt, ich glaube, Herr Doktor Griggs, in Weinfragen sind Sie kompetenter als in bezug auf die Frauen.“

„Ich besitze keine Spur von Ehrgeiz auf diesem Gebiet, Herr Ulsaker. Ich habe, das werden Sie mir glauben, in Amerika und in Europa eine Unzahl Frauen kennengelernt, so verschiedenartig, wie die Weine von Kalifornien und die Wässer von Vichy — aber ich gebe zu, dass das kein unbedingtes Recht gibt, mich als Experten zu fühlen.“

Kjelland, dessen Mienen den Ausdruck einer verschlossenen Gleichgültigkeit angenommen hatten, machte eine ablehnende Handbewegung, als ihm Ulsaker das geöffnete Etui anbot: „Die Frau ist ein Rätsel, das kein Sachverständiger der Welt lösen wird.“

„Sie müssen mir schon erlauben“ — Oevelund bediente sich statt seiner — „Sie müssen mir schon erlauben. Ihnen zu widersprechen. Es ist eine der übererbten Weisheiten, die sich vom Vater auf den Sohn und vom Sohn auf den Enkel fortgepflanzt haben, dieses Axiom von der Sphinx im Weibe. In Wirklichkeit steckt dahinter nichts als die Denkfaulheit der Männer.“

„Nanu?“ sagte Ulsaker.

„Wenn eine Frau, eine halbwegs verständige Frau einen Mann liebt, so ist das erste, was sie tut, dass sie den Charakter und die Eigenschaften des geliebten Mannes zu verstehen sucht. Sie trachtet sich in ihn hineinzudenken, sie möchte seine Liebhabereien und seine Abneigungen kennenlernen, sie befreundet sich mit seiner Eitelkeit, sie beschäftigt sich mit seinen Launen. Um einen banalen Ausdruck zu gebrauchen: sie stellt sich auf ihn ein. So lernt sie, halb mühevoll, halb spielend, wie sie ihn zu behandeln hat, wie sie ihn ‚nehmen‘ muss — und bald, wenn sie ein bisschen Schlauheit besitzt, spielt sie auf ihm wie auf einer Violine. Haben Sie jemals gehört, dass ein Mann derartiges täte?“

„Ich würde für eine Frau, die ich liebe, in den Tod gehen“, sagte Kjelland.

„Das sagen Sie, lieber Herr Kjelland, in dem schönen Gefühl — ich will damit Ihren Mut nicht anzweifeln —, dass es von diesem Weintisch bis zum In-den-Tod-Gehen eine unendlich lange Strecke ist, mit der man im Ernst nicht zu rechnen braucht. In Wahrheit kommt es im Leben kaum auf diese grossen Taten an, schon darum nicht, weil die Gelegenheit zu grossen Taten eine viel zu seltene ist. Das haben die Frauen viel besser begriffen als wir. Und darum möchte ich mit einer blamablen Erfahrung nicht hinter dem Berge halten: dass wir Männer nämlich viel zu selbstherrlich, sagen wir schon: zu arrogant sind, um den Versuch zu machen, uns auf die Frau einzustellen wie die Frau auf uns. Kein Mann macht Anstalten, die Eigenart seiner Frau zu verstehen; weder ihre Launen, noch ihre Tugenden, noch ihre Schwächen interessieren ihn. Er nimmt sie einfach als etwas hin, was nun einmal da ist und was man deshalb ertragen muss — oder geniessen kann, je nachdem. Er fasst alle diese Faktoren zusammen in die bequeme Formel von dem grossen Rätsel Weib — und jeder Versuch, das Rätsel zu lösen, die Frau zu verstehen, erstickt von vornherein in der Überzeugung von ihrer Unergründlichkeit. Das ist unendlich bequem, gestehen Sie’s nur ein, meine Herren, und obendrein gibt es dem Idol eine weitere reizvolle Distanz, die die Frau um so anziehender macht, je verliebter wir in sie sind.“

„Das klingt nett, wie alles Paradoxe“, sagte Griggs beifällig. „Aber das ist alles. Ich zum Beispiel bin der Meinung, dass ein Mann sein Idol durchaus nicht in Distanz zu sich selbst bringen will, wenn er verliebt ist — dass er im Gegenteil den Wunsch hat, es von seinem Postament herunterzuziehen.“

Der Kellner erschien mit dem Burgunder. „Ich werde selbst einschenken.“

„Es mag solche Männer geben“, pflichtete Oevelund bei, während er mit liebevoller Andacht die Gläser füllte. „Aber ich glaube, dass sie in der Minderzahl sind — und bestimmt gehören die wirklichen Künstler im Reich der Liebe nicht zu ihnen. Der echte Mann ist, wo es sich um die Frau handelt, immer ein halbes Kind. Unkompliziert ... primitiv; wundersüchtig.“

Kjelland stellte das geleerte Glas klirrend auf den Tisch und sagte trocken: „Es ist halb eins!“

Griggs zog die Uhr. „Es ist sechs Minuten vor halb eins, Sie können also bequem bis um halb eins in der Lounge sein.“

Die andern wurden aufmerksam. „Sprechen Sie eigentlich im Ernst, Griggs?“ erkundigte sich Oevelund, halb erstaunt, halb belustigt „Wollen wir wirklich ...?“

Griggs leerte mit todernstem Gesicht sein Glas und setzte es kopfschüttelnd nieder. „Sind mir eigentlich Kinder? Wir haben in aller Ruhe und in voller Nüchternheit ein Abkommen getroffen. Was um alles in der Welt soll uns eigentlich hindern, dies Abkommen durchzuführen?“

„Nun, Griggs“ — auch Oevelunds Stimme wurde um einen Schatten sachlicher —, „da Sie mich danach fragen, so will ich Ihnen darauf antworten. Wir alle betrachten darum das Abkommen als gegenstandslos, weil sich inzwischen die Voraussetzungen für das Gelingen unseres Unternehmens von Grund aus geändert haben.“

„Sie sprechen von der Baronin?“

„Ich bin so frei. Da sie nach Hause gefahren ist ... also, kurz und gut, ich bin der Meinung, dass uns allen die frische Nachtluft zuträglich sein wird.“

„Dass die Baronin nach Hause gefahren ist, kann doch im Ernst kein Hindernis sein“, sagte Griggs freundlich. „Denn was sollte sie hindern, hierher ins Hotel zurückzukehren? Vielleicht ihr Verlobter? Ich nehme an, dass er sich vor der Tür ihres Hauses von ihr verabschiedet haben dürfte.“

„Natürlich!“ beeilte sich Kjelland beizupflichten.

Ulsaker warf einen Blick auf die Zahlenkolonnen, die der Kellner auf Griggs Geheiss soeben addierte. „Sie sehen, Herr Doktor Griggs, wir haben den Wunsch, Ihnen ein Fiasko zu ersparen. Seien Sie nicht eigensinnig, lassen Sie’s gut sein.“ Und indem er mit einer kreisenden Handbewegung auf die Flaschenbatterie wies, erhob er sich. „Gute Nacht!“

Die vier gingen, von Direktor und Oberkellner eskortiert, dem Ausgang zu. Der Boy trieb die Drehtür wie einen Kreisel an.

Eine häubchengeschmückte Garderobiere erschien aus einem Winkel der Halle. Da sagte Griggs:

„Wo ist die Lounge?“

Die drei drehten sich wortlos zu ihm herum. Die Garderobiere wies irgendwohin, den Korridor hinunter, dorthin, wo ein paar spärliche Glühlampen in dunkle, fremde Gänge wiesen.

Kjelland ging mit entschlossenen Schritten die wenigen Stufen hinauf.

Aus dem Innern des Hauses kam, gedämpft und wie aus weiter Ferne, Musik und Lachen. Schwer und drückend lag die Luft über dem niedrigen Gang. Hier und da zweigten Türen ab, Glastüren, die zu unbekannten Räumen führten; Lichter blinkten verschlafen durch das leere Dunkel. Jeder Schritt schien die Trennung zu unterstreichen, die sich hier vollzog: zwischen den lichterfüllten Räumen dort hinten und dem schlafenden Hause, zu dem diese Treppen führten.

Ein Dienstbeflissener kam verschlafen hinter einer Statue hervor; ein Schalter klickte, gebliches Licht floss über die vier.

„Zur Lounge? Bitte, hier.“

Der Raum war lichtlos. Der Boy, gähnenden Protest im Gesicht, drehte den Kontakt.

„Sie ist nicht da“, sagte Kjelland.

„Es ist zwei Minuten vor der Zeit; Sie verlangen ein bisschen viel.“

Griggs sah sich um. „Wollen wir ins Bibliothekzimmer gehen? Es liegt vis-à-vis.“

Kjelland setzte sich unbehaglich in einen Korbsessel, so dass er den übrigen den Rücken drehte. Die drei schlossen die Tür hinter ihm, und eben trat Oevelund ins Bibliothekzimmer, als Ulsaker mit heiserer Stimme flüsterte:

„Sie kommt!!“

Die drei blickten den Korridor hinunter: die Dame, die dort schnellen Schritts die Stufen emporstieg, war die Baronin Laurgaard.

Alle blickten auf Griggs, der von der allgemeinen Erregung nichts zu spüren schien. Er drängte Ulsaker ins Bibliothekzimmer hinein; die andern folgten.

Die Baronin, ein wenig bleicher als vorhin, verlangsamte den Schritt. Sie blickte durch die Scheibe der erleuchteten Lounge; einen Augenblick blieb sie zögernd stehen. Aber schon war Kjelland ihrer ansichtig geworden. Er erhob sich. Während er fassungslos auf die Tür zuging, trat sie ein.

„Mein Gott“ — Oevelund fasste sich an die Stirn —, „bin ich denn ... bin ich denn ...? Das ist ein Wunder, das ist Hexerei! Die Baronin hat vor unseren Augen das Haus verlassen — und sie ist zurückgekehrt, wie Sie es uns prophezeit haben ... ich muss wohl sagen: wie Sie es ihr befohlen haben.“ Er fasste den Arzt bei den Armen: „Was bedeutet das, Griggs? Sind Sie ein Zauberer? Sie müssen es uns sagen. Sie müssen es uns erklären!“

Griggs blickte durch das Glas der Tür hinüber in die Lounge. Dort drüben standen Kjelland und Astrid sich gegenüber; er hatte ihre Hand in die seine genommen; er streichelte sie zärtlich und sprach, sichtlich stockend und verwirrt, auf sie ein. Sie hörte ihm zu, mit einem nachdenklichen und suchenden Lächeln, und während er sprach, wanderten ihre Augen hinüber zu der Glastür, auf der der Blick des Arztes ruhte.

„Ich will es Ihnen erklären“, sagte Griggs. „Aber nicht hier. Kommen Sie mit mir, in meine Wohnung. Dort wollen wir darüber sprechen.“

II

„Nun?“ fragte Oevelund.

Doktor Griggs zog den Stöpsel aus dem Kontakt, der seltsam kontrastierte mit dem italienischen Renaissancestil des Raumes. Das Summen des siedenden Wassers verstummte; dunkelbrauner Trank floss in die gläserne Maschine. Griggs füllte die Tassen und präsentierte fremdartiges Gebäck.

Kjelland stand die ganze Zeit unbeweglich gegen die Tür gelehnt. Der Duft des starken Mokkas, der das Zimmer erfüllte, lockte ihn an den Tisch. Er nahm die Tasse, trank sie in einem Zuge leer, und indem er sie klirrend auf den Untersatz stellte, wandte er sich plötzlich zu Griggs herum: „Astrid kennt Sie in der Tat nicht, Herr Doktor Griggs.“

Der Arzt sah ihn verwundert an.

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„Um es offen zu sagen,“ fuhr jener, ein bisschen verwirrt, fort, „ich hatte etwas Derartiges angenommen. Sie müssen das begreifen: man sucht den nächstliegenden Weg. Den geläufigsten. Ich hatte mir eine Art Erklärung gebildet: ich nahm an, es bestünde in Wahrheit irgendeine Beziehung zwischen Ihnen und der Baronin — eine zufällige natürlich, eine völlig unverfängliche —, und es sei Ihnen so durch einen Zufall, durch eine belanglose Kombination bekannt geworden, dass meine ... dass die Baronin Astrid aus irgendeinem Grunde um halb eins in die Lounge kommen würde. — Geben Sie mir eine Zigarette!“

Er griff nervös in die Dose, die Griggs aus der hochbeinigen Truhe nahm. „Nichts von alledem trifft zu. Ich habe Astrid über jede Einzelheit gefragt — warum sie hier sei, wie sie es ermöglicht habe, allein zurückzukehren — nach alledem habe ich mich erkundigt. Und, ich sagte es schon, auch danach, ob sie Sie kenne.“

Er rieb das Zündholz an, unter den Händen erlosch es ihm. Griggs reichte ihm seine brennende Zigarette.

„Sie hat nie Ihren Namen gehört — sie kann nicht erklären, warum sie ins Hotel zurückgekommen ist. Der Kammerherr hat sich vor ihrer Wohnung von ihr verabschiedet, sie ist die Treppe hinaufgegangen und hat ein paar Minuten gewartet. Dann hat sie der Zofe erklärt, sie habe ihr Handtäschchen, das einen wichtigen Brief enthalte, im Restaurant Français vergessen. Die Zofe sei natürlich erstaunt gewesen und habe sich erboten, für ihre Herrin den Brief zu holen; sie habe abgelehnt und sei auf die Strasse zurückgegangen. In der Vesterbrogade habe sie ein Auto angerufen.“

„Aber warum?“ fragte Oevelund kopfschüttelnd. „Was für eine Absicht hatte sie denn eigentlich?“

„Ja — das ist das merkwürdigste: darüber konnte sie sich selbst keine Rechenschaft geben. Ich habe sie natürlich darüber eindringlich befragt, und erst im Verlaufe meiner Fragen ist ihr die ganze Widersinnigkeit ihres Tuns so recht zum Bewusstsein gekommen. Seltsamerweise sagte sie mir: bis zu dem Moment, da sie in der Vesterbrogade ins Auto gestiegen ist, habe sie sich allen Ernstes eingeredet, sie müsse die Tasche mit dem Brief aus dem Restaurant Français holen. Dann, als das Auto wandte, sei ihr plötzlich eingefallen, dass das alles Täuschung wäre, völliger Unsinn; weder sei sie im Restaurant Français gewesen noch habe sie irgendwo eine Tasche und einen Brief vergessen. Schon habe sie die Hand nach dem Stopball ausgestreckt — mit unwiderstehlicher Gewalt habe etwas in ihrem Unterbewusstsein ihren Arm gelähmt. Es habe sie ins Hotel d’Angleterre gezogen — sie sagte: so, genau so müsse es sein, wenn ein Nachtwandler dem Mond entgegengehe. Ich dachte natürlich an Hypnose — aber sie lächelte darüber.

„Und dann fragten Sie sie nach Doktor Griggs?“ erkundigte sich Ulsaker gespannt.

„Ja. Ich stiess auf völliges Nichtverstehen. Allerdings erinnerte sie sich, Griggs gesehen zu haben, nachdem ich ihn ihr beschrieb. Aber das war alles; sie konnte nicht einmal sagen, ob er blond oder dunkel sei.“ Kjelland drehte den silbernen Ausguss der Maschine, um seine Tasse aufs neue zu füllen. „Das Weitere ist an Ihnen, Herr Doktor. Sie müssen uns erklären: Welche Macht ist Ihnen verliehen? Wie brachten Sie es fertig, die Baronin Laurgaard zu einer bestimmten Stunde an einen bestimmten Ort zu dirigieren?“

Griggs lehnte sich zurück und warf einen Blick auf das Halbrund des Plafonds, dessen Facetten sich in unendlicher Vielheit bis in die dämmernden Winkel fortsetzten.

„Sie werden sich des Gesprächs erinnern, das wir vor zwei Stunden hatten. Ich sagte Ihnen, dass ich Ihnen etwas zeigen würde, was sich mit den uns bekannten Gesetzen der Physik nicht erklären lasse — dass Sie einen kurzen Blick werfen sollten in ein Land, das Ihnen fremd ist. Ich glaube, ich habe mein Versprechen erfüllt.“

„Natürlich“, sagte Oevelund.

„Nun muss ich Sie daran erinnern, dass wir einen kleinen Vertrag geschlossen haben. Für den Fall nämlich, so lautete unser Abkommen, dass es mir gelingen werde, Ihnen ein Rätsel zu zeigen — Sie hatten sogar die Liebenswürdigkeit, von einem Wunder zu sprechen, Herr Oevelund —, für diesen Fall also wollten Sie mir Ihren Kredit einräumen für weitere Dinge, die ich Ihnen vielleicht schildern kann, die ich indessen nicht, wie den Vorfall von heute abend, ohne weiteres unter Beweis zu stellen vermag. Dieser Moment ist jetzt gekommen.“

„So sehr ich begierig bin, von weiteren Wundern zu hören,“ sagte Ulsaker, „so bin ich doch noch neugieriger, zuvor die Erklärung für das Erlebnis von vorhin zu hören.“

„Das eine ergibt sich aus dem andern“, antwortete Griggs mit einer beruhigenden Handbewegung. „Um es Ihnen ganz offen zu sagen: ich gehe ein bisschen zögernd an das Thema heran, denn es bedeutet nicht mehr und nicht weniger als einen Einbruch in eine fremde Domäne, und zwar in die des Herrn Oevelund. Wir sprachen über Ihr Buch, Herr Oevelund, und die Rede kam auf die Gehirnwelle. Sie haben das Thema beiseitegeschoben, was ich recht bedauerte; denn meine Studien, meine Versuche haben mich zu Entdeckungen geführt, an denen der kühlste Realist nicht vorübergehen kann. Ich glaube, Sie sind rein technisch eingestellt — das mag es mit sich gebracht haben, dass Ihre Arbeiten die Maschine als den Kernpunkt des Fortschritts einkalkulieren — während ich als Arzt, ich möchte fast sagen: ohne es zu wollen, mehr psychologisch orientiert bin. Sie kalkulieren in Ihre Schlussfolgerungen die alleinseligmachende Maschine ein als Kern, als Verkörperung menschlicher Geistesarbeit; ich betrachte sie als ein Übergangserscheinen: als das Körperliche, das zerfallen muss, sobald der Geist es überwunden hat.“

„Ich sehe dafür keinen Anhalt.“

„Ich glaube, wir können diesen Gang der Dinge auf allen anderen Gebieten verfolgen: dass das Äusserliche abblättert und zugrunde geht, und dass der Sinn der Dinge triumphiert. Jedenfalls habe ich mich mit Versuchen beschäftigt, die darauf hinausliefen, radiotechnisch den Apparat zu überwinden. Die Versuche sind, glaube ich, geglückt.“

„Alle Wetter!“ sagte Ulsaker.

„Ich beschäftige mich seit zwanzig Jahren mit dem Rätsel der Aetherschwingungen. Inzwischen hat man gelernt, drahtlos zu telegraphieren und zu telephonieren. Meine Versuche sind nun, ich sagte es schon, in einer besonderen Richtung gegangen, und ich habe Ergebnisse, zum Teil Anfänge von Ergebnissen, die das eine beweisen, was Sie mir wahrscheinlich auch ohnehin glauben würden: dass die Radiowelle in ihren Möglichkeiten kaum zum tausendstel Teil erkannt ist. So viel kann ich aber heute schon sagen: Die Entdeckung der Aetherwelle ist wohl die grösste Tat, die bis heute auf der Erde vollbracht wurde.“

„Oho!“

„Sie ist deshalb die grösste, weil sie mit allem, was wir mit irdischen Massstäben messen oder vergleichen können, völlig bricht. Alle Dinge, die bis heute entdeckt oder erfunden sind, sind eigentlich nichts als eine Beschleunigung des längst Dagewesenen. Wo man früher mit der Postkutsche zwei Stunden brauchte, fährt man jetzt mit der Eisenbahn zehn Minuten. Wo man früher mit optischen oder akustischen Anstrengungen sich auf eine Meile Distanz verständigen konnte, tut man dies heute um das soundso Vielfache. Aber alle diese Erweiterungen sind rechnerisch messbar; sie sind begrenzt und endlich. Sie sind ferner in jedem Fall nichts als eine Verbindung von einem Punkt zu andern; praktisch genommen: von einem Menschen zum andern.“

„Darf ich Sie einen Moment unterbrechen?“ räusperte sich Kjelland.

„Bitte.“

„Nehmen Sie mir die Frage nicht übel: Was hat das mit der Baronin Laurgaard zu tun?“

Griggs lachte. „Sie werden gleich sehen. Sie müssen überhaupt entschuldigen, wenn ich hier langweilig und doktrinär spreche; aber Sie wissen, der erste Teil eines Experimentalvortrags besteht immer aus theoretischen Darlegungen, über die das Publikum sich ärgert. Wir werden gleich bei der Baronin Laurgaard angelangt sein. Aber Sie müssen mir erlauben, vorher noch ein wenig theoretisch zu bleiben. Die Radiowelle ist allgegenwärtig. Sie kümmert sich weder um Herkunft noch um Ziel; sie fällt im gleichen Augenblick in die hunderttausend Antennen der Welt. Und hier ist der Punkt, der die Wendung bedeutet. Charakteristisch für die Kultur der Alten war, dass der Fortschritt, die Wissenschaft, das Geheimnis der Clique war — gewöhnlich das Reservat der Priesterkaste. Die Radiowelle ist darum modern im besten Sinne, weil sie ihrem ureigensten Wesen nach Allgemeingut ist; sie offenbart sich zur gleichen Zeit dem Dalai-Lama in Tibet und dem Bauern in Kanada. Ich möchte mich zu der Behauptung versteigen die Radiowelle bedeutet in Wahrheit das Ende des Mittelalters, wenn ich so sagen darf: die Eroberung der Welt durch den demokratischen Gedanken.“

Ulsaker strich sich liebevoll die Stelle, an der Leute, die nicht glatt rasiert sind, einen Schnurrbart tragen. Nur Kjelland sah von der Seite, dass er auf diese Weise ein Gähnen verbarg.

„Ich sagte es schon: je tiefer wir in den Wesenskern einer Materie eindringen, desto einfacher, ich möchte sagen, desto nackter zeigt sie sich. Mit jeder Prämisse, die mir gelang — Sie brauchen keine Angst zu haben, Herr Ulsaker, ich werde Ihnen nichts Technisches mehr erzählen —, mit jeder Neuentdeckung habe ich die Schlacken des Physischen eine nach der andern beseitigen können. Also, um gleich zur Endstation zu kommen: es gibt eine letzte und feinste Möglichkeit, Radiowellen zu senden und zu empfangen — ohne Sendegerät, ohne Empfangsapparate. Ich sagte es schon: eine Welle von Gehirn zu Gehirn.“

Oevelund hatte sich in seinem Sessel aufgerichtet und die Augen mit der Hand beschattet. „Wenn aber weder so noch so ein Apparat in Frage kommt — wie erzeugt man diese Wellen und wie empfängt man sie?“

„Sie kennen die Fähigkeit mancher Menschen, durch Kontraktion ihrer Muskeln elektrische Ströme zu erzeugen. Ich habe mich immer für die Dinge interessiert, die abseits von der zünftigen Wissenschaft laufen — oder sagen wir schon, die dem Erfahrungsarchiv der Wissenschaft voraus sind. Ich kenne hundert Fälle, in denen sich Sterbende im Augenblick ihres Todes an fernen Orten gezeigt haben. Sie sind so einwandfrei bezeugt, dass kein Unvoreingenommener im Ernst zweifeln kann. Man hat versucht, diese Erscheinung okkultistisch zu deuten — ich glaube, dass es dieses Umwegs gar nicht bedarf. Vielleicht gibt es die Möglichkeit einer Energiekonzentration, aufgepeitscht durch das Bewusstsein: dies ist dein letzter Augenblick, die der Durchschnittsmensch im allgemeinen nicht besitzt. Sie kennen die Fähigkeit mancher Menschen, einen Blick zu fühlen, der sie von rückwärts trifft. Nun, ich nehme mir die Freiheit, diese Kraftübertragung — denn es kann nichts anderes sein — radiotechnisch auszulegen. Man konnte die Empfänglichkeit für diese Radiowellen ungefähr vergleichen mit der Begabung eines spiritistischen Mediums; und ebenso die Fähigkeit, diese Wellen zu erzeugen. Daraus geht schon hervor, dass diese Fähigkeit eine ziemlich seltene ist, eine an einzelne Individuen gebundene.“

„Wenn ich recht verstehe,“ sagte Oevelund, „so hätten Sie an sich die Entdeckung gemacht, dass Sie imstande sind, diese Gehirnwellen zu erzeugen und auszusenden. Und ferner hätten Sie die Baronin Laurgaard als ein befähigtes Medium erkannt, die Wellen aufzunehmen.“

„Ja.“

„Sie müssen entschuldigen, wenn ich hier noch nicht ganz mitgehe. Ihre eigene Begabung zu sondieren, dazu hatten Sie Zeit, soviel Sie wollten. Wie aber sind Sie zu der Entdeckung gekommen, dass die Baronin ...“

„Das will ich Ihnen sagen. Sie können sich denken: wenn man sich so intensiv mit einem Thema beschäftigt, so hat man unausgesetzt den Wunsch, es in die Praxis umzusetzen. Als ich heute die Baronin zum erstenmal sah, fiel mir ein Ausdruck in ihren Augen auf, der mich an meine Gehirnwellentheorie denken liess — warum, kann ich Ihnen nicht erklären. Fast ohne es zu wollen, machte ich das Experiment: ich konzentrierte meine Gedanken auf die junge Dame dort oben und sandte ihr den Wunsch hinüber, sie möge aufstehen und den Platz wechseln.“

„Und sie tat es?“ fragte Kjelland.

„Sie tat es. Im selben Augenblick, als ich den Wunsch „hinübertelegraphiert“ hatte, stand sie auf und bat ihren Begleiter, den Platz mit ihr zu tauschen. Da erkannte ich, dass die Baronin „radiomedial“ begabt ist ... so proponierte ich Ihnen die Wette — oder wie Sie es sonst nennen wollen.“

Kjelland stand auf. Er ging mit unruhigen Schritten drei-, viermal durchs Zimmer.

„Wenn ich Ihnen eine Antwort auf all das geben soll, was Sie uns da erzählt haben, so muss ich sagen: Sie haben mich überzeugt — und muss Ihnen zugleich erklären, dass ich skeptischer geworden bin als je. Was heisst das: Wellentelegraphie ohne Apparate? Wo ist die Grenze? Ist das überhaupt noch Technik oder ist das Nervenkrankheit? Wie soll der Sterbliche es anfangen, die Maschine zu überwinden, den Apparat zum alten Eisen zu werfen — an was soll er sich halten? Woher soll er wissen, dass er, gerade er die — wie sagen Sie so schön —, die radiomediale Begabung besitzt? Und wenn alles das, was Sie uns sagen, richtig ist — ist das im Ernst ein Fortschritt, was Sie uns da malen? Ich bin während Ihrer Erklärungen von dem einen Gedanken nicht losgekommen: dass Sie einer technischen Entwicklung zusteuern, die drauf und dran ist, das Schicksal der Welt einem begabten Verbrecher in die Hände zu geben ...“

„Selbst wenn es so wäre,“ antwortete Griggs, „so können wir beide kaum etwas daran ändern. Sie sprechen gerade so, als ob Sie mich verantwortlich machen wollten für eine Sache, die ich doch schliesslich nicht erfunden, sondern nur entdeckt habe. Die vorhanden ist, ob wir sie nun begrüssen oder verwünschen.“

„Verzeihung!“ Kjelland warf einen schnellen Blick auf die Uhr. „Es ist halb drei — und was wir heute erlebt haben, ist gerade genug. Es ist zu begreifen, dass man mit den Nerven fertig ist. Hundert Fragen gehen mir im Kopf herum, und sie sollen Ihnen nicht erspart bleiben.“

„Ich bitte darum“, sagte Griggs gemütlich.

„Aber das, was ich eben gesehen habe — also kurz und gut, alles das muss ich erst einmal überschlafen. Kommen Sie mit, meine Herren?“

Im Scharren der Füsse fragte Griggs halblaut, Oevelund ein wenig auf die Seite ziehend:

„Sind Sie noch frisch?“

„Gewiss.“

„Ich möchte Ihnen etwas sagen. Ihnen allein.“

„Man wird es als unhöflich ...“

Griggs blickte in die Runde. „Wollen Sie einen Blick in das Letzte tun? Wollen Sie mit mir einen Spaziergang in das Unerhörte machen?“

„Ja“, sagte Oevelund. „Wie wär’s mit morgen?“

„Was ich jetzt sage, wird Sie in Erstaunen setzen: es muss heute nacht sein.“

„Nanu?“

„Wir würden sonst eine ganze Woche verlieren.“

„Ich müsste mich an irgendeiner Ecke von den Herren verabschieden ...“

Griggs nickte. „Achten Sie darauf, dass Sie spätestens fünf Minuten vor drei zurück sind. Falls Ihnen dies nicht gelingt, brauchen Sie nicht mehr zu kommen.“

„Diese Nacht wird immer rätselhafter!“

„Wir sind einmal im Zuge!“ lachte Griggs.

„Ich werde ein Auto nehmen und um das Häuserkarree herumfahren.“

„Das wird fünf Minuten in Anspruch nehmen, nicht länger.“

„Vorausgesetzt, dass ich ein Auto erwische.“

„Es lohnt sich, Herr Oevelund. Um drei Uhr in dieser Nacht wird es geschehen.“

„Was denn eigentlich? Sie machen mich weiss Gott neugierig!“

„Das kann ich Ihnen mit zwei Worten nicht sagen. Aber ich kann Ihnen verraten: diese Nacht um drei Uhr werden Sie das Wunder erleben, auf das die Menschheit wartet, solange die Welt besteht!“

III

Oevelund hatte sich von Ulsaker und Kjelland am Rondell verabschiedet und war, fast ohne auf den Weg zu achten, um den Block der Häuser und Gärten herumgegangen. Die Kälte hatte zugenommen: eine frische, sternenklare Nacht lag über Kopenhagen. Zu seinen Füssen knirschte Frühlingsfrost; funkelnd breitete sich der Himmel über ihm aus. Dort drüben im Westen stand in majestätischem Glanz der Abendstern — und aus weisslichen Wolken trat die silberne Scheibe des Mondes. Er bedeckte die Konturen der Häuser und die frühlingskahlen Äste der Bäume mit tropfendem Licht, das wie klingende Blütendolden auf die dunkle Erde niederrann. Die weiten Flächen des kahlen Karrees waren erfüllt von diesem rauschenden Silber, das den Einsamen unwiderstehlich in seinen hellen Rhythmus einspann.

Dort drüben leuchteten Griggs’ Fenster. Er bog in die Strasse ein. Nun rief und lockte das klingende Licht dort hinter ihm schwächer und schwächer, je mehr er sich dem Hause näherte.

Er blickte hinauf. Dort, gerade über Griggs’ Hause, stand der Abendstern.

Das Treppenhaus wurde hell: Griggs stand wartend an der Haustür.

Seltsam, auch die übermüdete Stimmung des Herrenzimmers war geschwunden. Durch die weitgeöffneten Fenster kam reine Nachtluft, und kühl und klar schaute die strenge Täfelung der Facetten auf den Ankömmling.

„Wenn es Ihnen recht ist,“ sagte Griggs, „führe ich Sie gleich ein Zimmer weiter.“

Die eine der Breitseiten des Zimmers war eingenommen von einer Bibliothek von ungewöhnlichen Ausmassen. Ihr gegenüber standen Regale mit Retorten, Flaschen und Phiolen — undeutlich sah man drohende Totenköpfe auf schwarzen Etiketts, und einige Flaschen waren durch besondere Vorrichtungen dem Unberufenen hermetisch verschlossen.

An der dritten Wand, vis-à-vis dem Fenster, stand der Radioapparat.

„Alle Wetter!“ sagte Oevelund. „Mit dem Apparat reichen Sie bis Amerika. Haben Sie Lizenz?“

Griggs lachte: „Ich hoffe, Sie werden mich nicht verraten!“

„Und dieser Verstärker? Was für ein System ist das? Ich kenne es nicht.“

„Eigenes System.“

„Sie wollen mir also irgend etwas Drahtloses zeigen?“

Griggs ging ans Fenster und schloss die Vorhänge. „Ja“, sagte er. „Und zwar etwas, was ich Ihnen nur in dieser Nacht und um diese Stunde und Minute zeigen kann. Sie werden sofort begreifen, warum. Und Sie müssen auch erfahren, warum ich es Ihnen allein zeige. Es geht mir hier“ — eine ganz leichte Verlegenheit trat in Griggs’ Züge —, „ich möchte fast sagen, wie einem jungen Mädchen, das von seinen letzten Gedanken und seinen intimsten Gefühlen sprechen soll. Ja, genau so geht es mir. Wir sind hier an der Stelle angelangt, an der das Verstandesmässige sich scheidet von dem Glauben an das Wunder, von dem ganz naiven und einfältigen Kinderglauben. Denn darüber, lieber Oevelund, brauche ich Ihnen wohl kaum noch etwas zu sagen: dort, wo wirklich Neuland dämmert, dort ist es nichts mit unsrer Zivilisation. Dort hört Klugheit und Technik und Mathematik auf — im günstigsten Falle können uns alle diese Dinge vielleicht auf unserem Wege begleiten, scheu und furchtsam wie kleine wachsame Hunde — niemals aber können sie uns führen. Sie mögen diese Worte aus der überreizten Stimmung dieser Nacht erklären — ich kann Ihnen sagen, dass sie völlig ernst gemeint sind. Nicht das Wissen entscheidet, nein, das Glauben ist es, was uns zur Erkenntnis führt. Das Wissen ist gut, ein gewissenhafter Chronist. Wissen — Gewissen ... merken Sie den gemeinsamen Sinn?“

„Ich habe ähnliches empfunden“, sagte Oevelund.

„Dann werden Sie begreifen, warum ich Sie gebeten habe, allein zu kommen: ich wollte mein junges Kind nicht durch die Blicke skeptischer Lebemänner profanieren lassen. Können Sie sich zu dem Entschluss aufraffen, lieber Oevelund, einmal nicht analytisch vorzugehen, sondern die Dinge von aussen hereinzuholen? Nicht, um sie zu erkennen, sondern um sie als Geschenk des Himmels in Empfang zu nehmen? Mathematik und Phantasie müssen zusammengehen, um diese Synthese zu ermöglichen. Und nicht nur das: sogar die Religion müssen Sie zu Hilfe nehmen. Dort, wo sie an einer bestimmten Stelle zusammenfliesst mit dem kosmischen Gedanken.“

Oevelund sah Griggs ins Gesicht. „So habe ich Sie nie gesehen.“

„Das liegt nicht an mir, sondern an der Situation.“ Er zog die Uhr. „Ich muss mich eilen; es sind nur noch elf Minuten. Die Menschen rechts und links, denen ich das zeigen würde, was Sie gleich sehen werden, teilen sich in zwei Teile: die eine Hälfte — die kleinere — würde unter der Wucht des Unfassbaren zusammenbrechen. Dazu ist, meine ich, im Ernst kein Anlass. Die andere würde meine Verkündung mit heulendem Hohn beantworten — das ist der weitaus grössere Teil der Menschheit. Zu keiner von beiden Arten kann ich sprechen, das werden Sie begreifen. Sie sind der einzige, Oevelund ... nun ja, der einzige, der, wie soll ich sagen, den nötigen Horizont hat, um mir zu folgen.“

Griggs ging an den Akkumulator und schaltete die negative Klemme ein. Hell leuchteten sechs Audionlampen auf.

Verwundert zog Oevelund die Uhr. „Erwarten Sie um diese Zeit eine Radiobotschaft?“

„So unwahrscheinlich es klingt: ja. Und zwar eine sehr merkwürdige.“ Griggs warf einen flüchtigen Blick auf den Kalender mit den Clarence-Underwood-Bildern. „Es war heute vor vierzehn Tagen. Sie müssen wissen, ich beschäftige mich mit dem Problem der kurzen Welle: ich habe Versuche mit Dreissig-Zentimeter-Wellen und mit Fünfundzwanzig-Zentimeter-Wellen gemacht — ich habe ein Häuschen in Marienlyst, wo ein kleiner Sender arbeitet. Meine letzten Versuche liefen darauf hinaus, die Welle noch weiter zu verkleinern; ich brauche Ihnen nicht auseinanderzusetzen, welche technischen Vorteile die kleine Welle hat: Funkverkehr Europa — Amerika mit der Taschenbatterie! Also kurz und gut: dieser Apparat war auf die Zehn-Zentimeter-Welle eingestellt. Es war also heute vor vierzehn Tagen nachts um drei Uhr, als der Melder des Apparates anschlug. Das war eine so befremdliche Tatsache, dass ich mit einem Satz aus dem Bett sprang. Denn Sie wissen, dass man nirgends auf der Erde mit der Zehn-Zentimeter-Welle telegraphiert — der Meldeapparat war aber auf die Zehn-Zentimeter-Welle — ich bin mit Absicht von so pedantischer Genauigkeit, Sie werden gleich sehen, warum — eingestellt. Ich schaltete das Licht ein und nahm die Hörer. In der Tat lief eine Depesche ein.“

„Also doch!“

„Sie dauerte genau viereinhalb Minuten. Das merkwürdige aber war, dass es keine Morsezeichen waren, die ich erhielt.“

„Vielleicht atmosphärische Störungen? Oder Erdströme?“

„Dafür waren die Zeichen wiederum zu deutlich abgegrenzt. Das war keine Beiläufigkeit, keine Störung — das war ein Anruf. Aber, ich wiederhole es: ich konnte kein Wort entziffern.“

„Wie klangen denn die Zeichen?“

„Ich muss jetzt etwas Merkwürdiges sagen: sie klangen ungefähr so, als wenn jemand mit einem Griffel auf einer Schiefertafel zeichnet — aber diese Zeichen hatten fraglos bestimmte Intervalle und einen deutlich erkennbaren Rhythmus. Viereinhalb Minuten nach drei war das Telegramm zu Ende.“

„Hm. Was taten Sie nun?“

„Um es Ihnen offen zu sagen“ — Griggs schüttelte den Kopf —, „die Störung mitten in der Nacht hatte mir den Schlaf verscheucht; ärgerlich und in der Nachtkühle frierend, steckte ich mir eine Zigarette in Brand und gähnte verdrossen den Apparat an, der mich um meine schöne Nachtruhe gebracht hatte. Ich habe ein bisschen mit dem Herzen zu tun, wie wir alle, die wir geistig zu viel arbeiten — ohne einen Whisky konnte ich mich auf eine schlaflose Nacht gefasst machen. Ich muss zu meiner Ehre sagen, dass der Arzt und der Alkoholiker einen minutenlangen erbitterten Kampf miteinander ausfochten; aber der Alkoholiker ging siegreich durchs Ziel, und ich holte mir einen Black-and-White aus dem Likörschrank nebenan.

Der Whisky lief mir glühend durch die Kehle; dazu eine neue Zigarette: ich fühlte das Rieseln der beginnenden Müdigkeit in den Gliedern und machte eben die Tür hinter mir zu, als der Melder zum zweitenmal ging.“

„Doktor!“

„Um Ihnen die Wahrheit zu sagen: mir ging ein Gefühl durch die Nerven, das vielleicht ganz entfernt an Furcht erinnerte. Was bedeutete dieser neue Anruf? Wer sandte diese Welle in den Aether? Diese Welle, an der die Eroberungsgelüste der Technik bis heute ohnmächtig abgeprallt waren?“

„Und dann?“

„Genau die gleiche Depesche lief zum zweitenmal ein. Genau viereinhalb Minuten lang: ein Kratzen, als wenn man mit einem Griffel auf einer Schiefertafel Konturen zeichnet. Unverständlich vom ersten bis zum letzten Zeichen — dennoch zweifellos ein Anruf, der Sinn und Absicht hatte.“

„Konnten Sie sich nicht bei den korrespondierenden Grossstationen Gewissheit verschaffen?“

„Das erste, was ich tat, war, dass ich meine Diktiermaschine an den Apparat rollte: so, dass ich beim nächsten Anruf — denn ich rechnete damit, dass die Depesche zum drittenmal kommen würde — die Zeichen auffangen konnte.“

„Und kam sie?“

„Nein. Wenigstens nicht in jener Nacht. Am andern Morgen setzte ich mich nun in der Tat mit verschiedenen Grossstationen in Verbindung. Ich schilderte möglichst ausführlich den aufgefangenen telegraphischen Anruf und beschrieb die Zeichen; natürlich vergass ich nicht, auch die ungebräuchliche Wellenlänge, zehn Zentimeter, zu erwähnen.“

„Was antwortete man Ihnen?“

„Niemand hatte diese Depesche erhalten. Lingby und Reykjavik hatten allerdings atmosphärische Störungen bemerkt, aber die Zeit stimmte nicht überein.

Nun wissen Sie selbst, lieber Oevelund, dass ich sozusagen noch einen Beruf habe. Dreissig schwer Krebskranke sind keine Kleinigkeit, zumal, wenn man es Ernst nimmt mit seinem Beruf und wenn man die Menschen liebt. So ging mir die Depesche von Sonnabend nacht wohl noch ein paarmal durch den Kopf, aber endlich vergass ich sie im Drange der Geschäfte. Bis ...“

„Sie sind wieder angerufen worden?“

„Heute vor acht Tagen um drei Uhr in der Nacht kam die Depesche zum drittenmal. Genau dieselben kratzenden Zeichen — auch in der Reihenfolge gleich. Wollen Sie sie hören? Ich habe sie im Parlographen aufgefangen.“

Griggs ging an den Diktierapparat und nahm den Sprechschlauch. „Hier, wollen Sie, bitte, einfach ...“

Er kam nicht dazu, den Satz zu vollenden. Denn in diesem Augenblick ertönte hell und schneidend der Melder des Radioapparates.

„Jetzt werden Sie sie in natura hören“, sagte Griggs. Oevelund blickte ihn an; er sah, dass Griggs blass geworden war.

Die beiden nahmen die Kopfhörer. Ein schrilles und kreisendes Knacken kam aus der Membrane.

„Blicken Sie auf die Uhr!“ flüsterte Griggs.

Das Knacken hörte plötzlich auf. Im Augenblick schien es, als ob eines jener magnetischen Gewitter, die jeder Telegraphentechniker kennt, über Skandinavien dahingebraust sei — dann setzte ein feines, fernes Summen ein, und plötzlich schien der Apparat erfüllt von kreisenden, scharrenden und zitternden Konturen.

„Ist es dieselbe Depesche?“ fragte Oevelund leise.

„Dieselbe.“

Die Botschaft veränderte sich unausgesetzt in ihren einzelnen Ausdrucksformen, ohne dass die Hörenden im Grunde beschreiben konnten, worin ihre Variierung bestand. Eine unaufhörliche Bewegung schien durch die Zeichen hindurchzufluten, schien sie zu durchbohren, mitzureissen, sie rhythmisch aneinanderzubinden und in bestimmte Intervalle zu zerstreuen. Deutlich erkannte man gewaltsame Cäsuren, die sich in unverkennbaren Regelmässigkeiten wiederholten, aber die einzelnen Zeichen der Depesche schienen nicht eigentlich zwischen diesen Pausen zu liegen, sie schienen sie vielmehr in einem unfassbaren Tempo zu umkreisen.

Langsam wurden die Zeichen matter, die Intervalle grösser — die Impulse ferner. Dann, mit einem letzten, deutlich vernehmbaren Mollton, der an den Ausklang eines Harfenstakkatos erinnerte, verstummte der Apparat.

Oevelund blickte auf die Uhr. Sie zeigte viereinhalb Minuten nach drei.

Griggs streifte die Kopfhörer ab und sah Oevelund gespannt an. Auch in Oevelunds Gesicht malte sich ausgesprochene Erregung. Er legte den Bügel mit jener Überordentlichkeit, die völlige Geistesabwesenheit ausdrückt, auf die Holzplatte nieder und ging gedankenverloren ans Fenster.

Eine Pause entstand, in der Stille dieser Nacht fast körperlich fühlbar. Die Blicke der beiden begegneten sich, irrten auseinander, wanderten über die schweigsame Maschine dort an der Wand.

„Steht der Apparat auf Welle zehn Zentimeter?“

„Ja.“

„Sie haben also mit anderen Worten dreimal hintereinander genau die gleiche Botschaft empfangen?“

„Genau die gleiche.“

„Es ist wohl anzunehmen, dass Sie dieselbe Antwort von den Grossstationen erhalten, die man Ihnen die beiden anderen Male gegeben hat: dass man nichts dergleichen vernommen hat.“

„Das ist so sehr wahrscheinlich, dass ich vermutlich gar nicht erst anfragen werde.“

Oevelund ging auf Griggs zu, mit dem Gesicht eines Untersuchungsrichters, der ein Geständnis erzwingen will.

„Ich kenne Sie zu genau, Griggs, um nicht zu wissen, dass Sie sich eine Erklärung gebildet haben. Heraus damit! Sie haben mich so viel Unbegreifliches glauben gelehrt, dass ich Ihnen den Kredit, den ich Ihnen sowieso vertragsmässig schulde, bereitwillig erweitere. Was halten Sie von diesem Anruf?“

Griggs tat einen langen und tiefen Atemzug. Er ging an den Apparat und löste die negative Klemme; die Lampen erloschen. Fast aufatmend wandte er sich zu Oevelund herum:

„Ja. Ich will es Ihnen sagen: ich halte diesen Anruf für eine Botschaft von einem anderen Planeten!“

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