Kitabı oku: «Roman einer Nacht»
Paul Rosenhayn
Roman einer Nacht
Roman einer Nacht
© 1927 Paul Rosenhayn
Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2016 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen
All rights reserved
ISBN: 9788711592663
1. Ebook-Auflage, 2016
Format: EPUB 3.0
SAGA Egmont www.saga-books.com – a part of Egmont, www.egmont.com
I.
Der Herr und die Dame, die an dem kleinen Tischchen des Speisewagens saßen, blickten sich lächelnd in die Augen.
Die Dame war sehr schön. Sie mochte im Anfang der Zwanzig stehen; man stellte sich ihre Erschernung unwillkürlich in einem Salon der großen Gesellschaft vor, vielleicht in den Appartements eines Ministers. Sie war blond, das typische Blond der Dänin; mit jenem leisen weißlichen Hauch, den die herbe Seeluft des Nordens gibt. Ihre Augen, dunkelblau, groß, mit dem Ausdruck einer tiefen und gütigen Klugheit, wanderten durch den Raum. Der Wagen glitt federnd durch die Landschaft, über der schon das Gold des scheidenden Tages lag. Ein paar Gäste, die beim Mokka saßen, blickten interessiert hinüber; aber schon wandten sich ihre Augen von neuem dem Herrn zu, der ihr gegenüber saß.
Er war, schon auf den ersten Blick, in fast allen Dingen das Gegenteil seiner Begleiterin: Haar und Augen von dunklem Typ, im Blick jenes lächelnde Glimmen, das den Frauen gefällt — und das aus dem Hinterhalt der Gedanken zu kommen scheint.
Man konnte bei seinem Anblick an einen Mann denken, der eben aus Monte Carlo kam — und der vielleicht mit klugen und kühlen Berechnungen ein neues System erprobt hatte.
Mit Erfolg. Das Lächeln in seinen Augen war ein Siegerlächeln.
„In einer Stunde,“ sagte er mit einer Stimme, die gleichfalls seltsam dunkelgetönt war, „in einer Stunde sind wir in Kopenhagen.“
Die Dame nickte, und fast schien es, als ob sie erröte.
„Werden Sie am Bahnhof erwartet?“ fragte sie.
Er schüttelte den Kopf.
Der Kellner ging vorbei; er nahm die Sektflasche aus dem Kübel und füllte die beiden Gläser von neuem.
Die Tür öffnete sich; der Zugführer ging mit bedächtigen Schritten durch den Wagen. Er blickte, fast ohne den Kopf zu wenden, zu dem Paar hinüber; der junge Herr, der die Augen des Beobachtenden auf sich ruhen fühlte, sah auf; schon ging der Zugführer weiter. Wieder blieb er stehen, jenseits der kleinen Glastür; wieder wandte er den Kopf zurück. Die beiden dort drüben flüsterten miteinander; ihre Augen hatten sich zärtlich ineinander versenkt. Der Herr legte seine Rechte einen Moment lang auf die Hand der Dame; sie wandte unruhig den Kopf, aber alle ihre Bewegungen schienen von einer seltsam verhaltenen Zärtlichkeit.
*
Der Telegraphist rollte die Tür des Marconiraums zurück und lief über den Teppich des Korridors. Die Wagen schaukelten in den Kurven; er tastete sich haltsuchend vorwärts, in der Linken das kleine Telegramm-Kuvert.
In der Tür zum Speisewagen prallte er mit dem jungen Paar zusammen; mit einer flüchtigen Entschuldigung stürmte er weiter.
„Wo ist der Zugführer?“
Der Kellner deutete mit dem Daumen nach vorn.
Der Telegraphist riß die Gangtür auf; es war der direkte Wagen Paris—Oslo.
„Ein Telegramm, Herr Zugführer!“
„Für wen?“
„Für Sie.“
Der zuckte die Achseln und riß den Umschlag auf. Der Telegraphist sah dem Beamten verstohlen ins Gesicht, wie um den Eindruck zu erspähen, den die Depesche auf ihn machte. Aber der Gesichtsausdruck des Beamten veränderte sich nicht; der Marconimann wandte sich enttäuscht um und ging schlenkernd den Weg zurück, den er gekommen war.
Der Zugführer hielt das Telegramm nachdenklich in der Hand; er wandte den Kopf in der Richtung nach dem Speisewagen.
Eben ging grüßend ein Schaffner vorüber. Der Zugführer winkte ihn mit den Augen heran. „Ist das nun ein schlechter Scherz?“ fragte er.
Der Schaffner nahm die Depesche und las:
„Zug soll bei Blockstation dreiundvierzig halten.“
*
Die beiden, der Herr und die Dame, saßen sich von neuem gegenüber; in einem Abteil erster Klasse des Kontinent-Wagens. Die Dame hatte ein kleines elfenbeinernes Etui gezogen: russische Zigaretten.
„Wollen Sie nicht rauchen?“ fragte sie. In ihrer Stimme klang heimliches Lachen.
„Danke. Gern.“
„Sie dürfen mich nicht falsch beurteilen“, sagte sie leise. „Es ist das erstemal in meinem Leben. Noch nie habe ich mich auf der Reise in eine Unterhaltung mit einem fremden Herrn eingelassen.“
Er antwortete nicht; er machte lediglich ein Gesicht, so, als ob das, was die Dame sage, eine gewichtige Selbstverständlichkeit sei.
„Sie müssen es mir glauben“, fuhr die Dame fort. „Nur der Zufall hat es gefügt …“
„Ich bin sehr glücklich“, sagte der Herr. „Dieser Zufall hat sich sehr freundschaftlich gegen mich benommen.“
Sie schüttelte den Kopf. „In einer halben Stunde ist es zu Ende.“
„Wenn ich doch nur wüßte, wann der Zeitungsverkäufer auf dem Bahnhof von Gjedser Geburtstag hat“, sagte der Herr.
„Mein Gott, wie interessant!“
„Ich würde ihm ein herrliches Geschenk machen.“
„Das ist reizend von Ihnen“, sagte die Dame. „Sind Sie mit ihm verwandt?“
Er lachte. „Er hat mich für Ihren Mann gehalten. Das war die größte Schmeichelei, die man mir in meinem Leben erwiesen hat.“
„Sie müssen mir erlauben, Ihnen die zwei Kronen wiederzugeben.“
Er nickte düster. „Vorher müßten Sie mich töten.“
„Ich kann unmöglich annehmen, daß Sie für mich …“
„Sie scheinen es darauf abgesehen zu haben, gnädige Frau, alle meine Träume zu zerstören. Er hat Ihnen ein Magazin verkauft — er hat mir ein Magazin verkauft. Er hat uns für Mann und Frau gehalten …“
„… und hat die zwei Kronen, die mein Magazin kostet, voh dem Zehnkronenschein abgezogen, den Sie ihm gegeben haben.“
„War das nicht die herrlichste Idee, die ein Zeitungshändler haben konnte? Er hat unsere Gedanken eine Stunde lang um die gleichen Dinge kreisen lassen.“
„Woher wissen Sie das?“
Der Herr warf einen Blick auf das bunte Heft, das aufgeschlagen, Titelblatt und Schlußblatt nach oben, neben der Dame lag — und er zeigte mit der Hand auf ein zweites Heft, das genau wie jenes, Titelblatt und Schlußblatt nach oben, neben ihm lag. „Bitte: wie heißt die Novelle, die Sie lesen?“
Sie griff nach dem Buch und wandte es herum:
„Roman einer Nacht“ stand über der Novelle.
Der Herr nahm stumm sein Magazin, drehte es herum und hielt es der Dame unter die Augen.
„Roman einer Nacht“ las sie — und wieder, wohl gegen ihren eigenen Willen, errötete sie, so wie jemand errötet, der sich, in einer kleinen zärtlichen Intimität, plötzlich im Spiegel erblickt.
„Wir beide haben eine Stunde lang die gleichen Dinge gedacht“, fuhr der junge Herr fort. „Können Sie begreifen, welch ein glückliches Bewußtsein das für mich ist?“
„Sie meinen: weil die Situation der Novelle …?“
Er nickte. „Haben Sie nicht dasselbe gedacht, als Sie anfingen, diese Novelle zu lesen? Ist es nicht, als ob der Autor von uns beiden spräche?“
Die Dame nahm das Heft und überflog schweigend die ersten Zeilen.
Die Novelle begann mit folgenden Worten:
Roman einer Nacht
„In einem Abteil des Luxuszuges, der den Kontinent mit dem Norden verbindet, sassen ein junger Herr und eine junge Dame. Der Herr richtete zärtliche Blicke auf seine schöne Reisegefährtin, die seine stumme Bewunderung nicht zu bemerken schien. Plötzlich stand der junge Herr auf …“
Der dunkle Herr betrachtete lächelnd die blonde Frau, die vielleicht jetzt erst den seltsamen Zusammenhang begriff. Ein Abteil … des Luxuszuges, der den Kontinent mit dem Norden verband … ein junger Herr … eine junge Dame … der junge Herr zärtliche Blicke auf seine schöne Reisegefährtin richtend …
Sie hob den Blick; der Herr, der sie unverwandt angesehen hatte, ließ schuldbewußt seine Augen zur Seite gleiten; sie senkte den Blick wieder; schon fühlte sie von neuem seine stumme Bewunderung. Nein: mit dem Instinkt der Frau fühlte sie: das war mehr als Bewunderung: das war Verliebtheit, vielleicht sogar eine gewisse begehrliche Verliebtheit.
Ein Schatten fiel plötzlich über das Buch.
Sie hob den Kopf; der Herr war aufgestanden.
Erstaunt folgte sie ihm mit den Augen. Er ging zur Tür und zog die Vorhänge vor.
Während er zurückkehrte, sah sie ihn fragend, wie mit einem leichten Kopfschütteln, entgegen.
„Warum tun Sie das?“
Der Herr stand einen Augenblick stumm vor ihr, so, als ob er auf diese Frage keine Antwort wisse. Der kleine Raum zitterte im leisen Takt der Räder, wie in einer sanften und streichelnden Melodie. Jenseits der Fenster lagen schon die Schatten des jungen Abends; die grünen und roten Lichter der Semaphore glitten vorüber; in rhythmischem Auf und Ab rasten Telegraphendrähte vorbei. Alles klang zusammen wie zu einer weichen und lockenden Melodie; die bläuliche Dämmerung — die Lichter der Stadt, die zusehends wuchsen; und dieser klingende, klirrende Zug, der ihn und sie in eine Nacht hineintrug, erfüllt von erregenden Geheimnissen.
Ein glückliches Lächeln trat in sein Gesicht. Sie sah ihm forschend in die Augen; aber wie unter der suggestiven Gewalt seiner Gegenwart begann auch sie zu lächeln. Er beugte sich zu ihr nieder; sie ließ es geschehen, indem sie, vielleicht um ihm den Ausdruck ihres Gesichts nicht zu zeigen, den Kopf ein wenig senkte. Er schob das Magazin zur Seite und setzte sich neben sie. In stummer Zärtlichkeit nahm er ihre Hand und legte sie an seine Wange; das Magazin glitt auf den Fußboden. Er küßte ihre Hand mit einer scheuen, fast kindlichen Gebärde; langsam wandte er sich zu ihr herum, ihren Blick suchend.
Sie sah mit einer schnellen, unruhigen Bewegung auf ihre rechte Hand, an der ein goldener Trauring blitzte; mit einem leisen Seufzer drehte sie den Kopf. In ihre dunklen Augen trat ein Ausdruck wie ein huschender Schatten — es schien, als ob sich in diesem Moment der Kontakt zwischen den beiden Menschen lockere. Aber von neuem fühlte sie den Druck seiner Hand, den heißen und werbenden Blick seiner Augen. Unschlüssig sah sie auf die dunklen Bäume, die draußen vorüberglitten. Am Horizont tauchten die fernen Türme der Stadt auf — wie eine Mahnung, daß diese Fahrt, diese Stunde, dieser Rausch bald zu Ende sein würde; sie fühlte, wie ihr Herz zu pochen begann; aus dem Takt der Räder hörte sie ein Flüstern; in einer beklommenen Ahnung mochte sie fühlen, daß es das Rauschen ihres eigenen Blutes war. Sie schloß die Augen; er preßte sie an sich; zärtlich schmiegte sie ihre Wange an die seine.
„Ich liebe Sie!“ flüsterte er leise, fast unhörbar; nur mit dem Gefühl begriff sie den Sinn seiner Worte. Noch immer hielt sie ihre Augen geschlossen.
„Ich liebe Sie!“ stammelte er. „Ich werde in Kopenhagen bleiben, solange Sie es mir erlauben. Ich muß Sie wiedersehen!“
Sie antwortete nicht, mit keinem Wort, mit keiner Bewegung. Aber ihre stumme Regungslosigkeit dünkte ihn eine zärtliche Bejahung. Er preßte ihr Gesicht in seine Hände und küßte sie; mit einem leisen Seufzer ließ sie es geschehn. Während er zärtliche und irre Liebesworte stammelte, schmiegte sie sich an ihn; sie legte schweigend die Arme um seinen Hals, schweigend sah sie ihm in die Augen. Der tiefe und leidenschaftliche Ernst seines Blickes verwirrte sie vollends; sie fühlte die heiße Flamme, die auf sie überschlug, die sie einhüllte und die ihren Körper und ihre Sinne verzehrte. Wie in einer stummen Antwort auf eine leidenschaftliche Frage nickte sie; sie schloß die Augen, und während sie stockenden Atems zärtliche Worte flüsterte, küßte sie ihn wieder.
*
Die Glocke der Blockstation 43 hämmerte viermal durch den Abend: bimbam, bimbam, bimbam, bimbam; das Uhrwerk schnarrte auf; zum zweiten Male ging es: bimbam, bimbam, bimbam.
Der Wärter lief aus dem Hause. Rasselnd zog er das Uhrwerk auf. Dann löste er den Sperrhaken der Seiltrommel; drüben an der Kreuzung der Chaussee ging der Schlagbaum nieder.
Ein klingendes Geräusch kam von drüben, von den Flügeln des Semaphors. Erstaunt blickte der Wärter hinüber; vor seinen Augen stellte sich der Arm auf „Halt“; das rote Licht flammte auf.
Der Wärter blickte ratlos den Schienenstrang hinunter; schon kam aus der Ferne das leise Geräusch des sich nähernden Kontinental-Zuges. Er wandte den Kopf nach rechts; nirgends war etwas zu sehen, was das Haltesignal erklärte.
Die Hupe eines Autos gellte durch den Abend. Auf der Landstraße nach Kopenhagen tauchten die Lichtbündel zweier Scheinwerfer auf; der Wagen sauste bis hart an die geschlossene Schranke heran. Es war ein offenes Auto mit dunkelgrün lackierter Karosserie; vorn am Führersitz wehte die Staatsflagge.
Drei Herren stiegen aus; sie blickten dem herannahenden Zuge entgegen, der seine Geschwindigkeit angesichts des kategorischen „Halt!“ zusehends verminderte; einer von ihnen ging an die Seiltrommel und begann den Schlagbaum aufzuwinden.
Der Blockwärter trat hinzu; der Herr sagte, ohne sich in seiner Arbeit stören zu lassen:
„Polizei!“
Die Köpfe der Passagiere tauchten an den Fenstern auf; der Zug hielt. Eine Tür ging auf; in ihrem Rahmen stand die breitschultrige Gestalt des Zugführers. Die drei stiegen ein. Ihr Chef zog eine Legitimation; salutierend legte der Zugführer die Hand an die Mütze.
„Paßrevision!“ sagte der Chef der drei; und während ihm der Bahnbeamte verständnislos ins Gesicht sah, setzte er hinzu:
„Politische Polizei. Wir suchen einen Russen. Vielfacher Mörder.“
Der kleine Trupp setzte sich in Bewegung. Der Blockwärter gab irgendeine Meldung ins Telephon; fast augenblicklich erschien das grüne Licht am Signalmast; der Schlagbaum begann langsam vorüberzugleiten. Leises Rollen setzte ein: der Zug hatte die Fahrt wieder aufgenommen. — — —
„Und hier,“ sagte der Zugführer, indem er auf die verhängten Fenster eines Abteils deutete — „und hier: hier sitzt ein Herr mit einer Dame, die beiden fallen mir schon seit Gjedser merkwürdig auf.“
Er wies auf den schimmernden Seidenvorhang und wandte sein entrüstetes Gesicht den dreien zu: auf der Seide zeichnete sich die Silhouette von zwei Köpfen ab, die sich küßten.
Der Führer der drei schob krachend die Tür zurück und riß die Vorhänge auseinander.
„Die Pässe bitte!“
Die Dame, die der Tür am nächsten saß, knipste das Handtäschchen auf. Der Kontrollbeamte war einen Schritt ins Abteil getreten; die beiden andern und der Zugführer sahen neugierig hinein. Die Dame reichte das Paßbüchelchen herüber. Während der Beamte die Blätter durch die Finger gleiten ließ, kamen fremdartige Stempel zum Vorschein der Beweis einer langen internationalen Reise. Er drehte das Heft herum und schlug das Titelblatt auf. Er las den Namen der Besitzerin …
In diesem Augenblick erlebten die drei, die draußen standen, ein seltsames Schauspiel: vor ihren leibhaftigen Augen verwandelte sich ein schnaubender fährtewitternder Büttel in einen lächelnden Untertan. Ein Jagdhund, der hachelnd vor dem Bau des gehetzten Wildes stand, wurde in einer einzigen Minute zu einem kleinen, weißen, zärtlichen Lamm.
Er klappte das Buch zu, gab es mit einer tiefen Verbeugung zurück, trat auf den Korridor hinaus und rollte mit einer behutsamen und schonenden Gebärde die Tür langsam in das Schloß zurück, in das sie schnappend einklinkte.
„Nanu“, sagte der Zugführer.
Jener winkte nur kurz mit dem Zeigefinger und ging den Korridor hinunter; gehorsam folgten ihm die drei. Am Ende des Wagens, in der Ausbuchtung der Tür, blieb der Führer stehen.
„Wißt ihr, wer das war?“ Er warf einen furchtsamen Blick auf das Abteil am Ende des Wagens. „Der Polizeipräfekt von Kopenhagen mit seiner Frau!“
Einer seiner Untergebenen erlaubte sich zu erwidern:
„Aber Sie haben doch bloß ihren Paß gesehen!“
Ungeduldig antwortete der andere:
„Sie werden nie schlußfolgern lernen, Sörensen! Der Paß lautete auf den Polizeipräfekten und seine Frau.“
„Aber, wer sagt Ihnen,“ beharrte Sörensen eigensinnig auf seinem Gedankengang, „daß dieser Herr nun unbedingt der Polizeipräfekt sein muß?“
„Mein Gott!“ stöhnte der Chef. „Mein Gott! Sie haben doch selbst gesehen, daß die beiden sich geküßt haben! Glauben Sie, die Frau des Polizeipräfekten küßt sich mit einem fremden Manne? Noch dazu in der Eisenbahn?“
„Tja,“ sagte Sörensen, „das verstehen Sie natürlich besser. Ich meine nur: es soll ja auch Frauen geben, die auch mal mit einem fremden Manne …“
„Aber keine Frauen von Polizeibeamten!“ belehrte ihn der Vorgesetzte. „Wo ist die drahtlose Station, Zugführer?“
*
Das Telephon klingelte. Der Minister nahm selbst den Hörer ab.
„Anruf von L-Zug 7: kurz vor Kopenhagen. Mit Voranmeldung: der Herr Minister persönlich.“
„Am Apparat.“
„Ich gebe Bericht über die Durchsuchung des Zuges.“
„Haben Sie ihn gefunden?“
„Nein, Herr Minister. Wir haben alle Pässe revidiert — er war nicht im Zuge.“
„Sie sind ein …“ Wütend knallte der Minister den Hörer auf die Gabel. „Er ist ein Esel!“ vollendete er, indem er sich zu dem Herrn herumwandte, der neben seinem Schreibtisch stand.
„Jawohl, Herr Minister“, sagte der.
„Herr Präfekt!“ Der Wütende richtete sich auf und stützte sich mit beiden Händen auf die Kante des helleichenen Schreibtisches. „Herr Polizeipräfekt!“
„Jawohl, Herr Minister.“
„Es ist keine Frage: mit diesem Zuge ist er gekommen. Das bedeutet, daß wir in dieser Nacht mit einem neuen Verbrechen zu rechnen haben. Alles steht für uns auf dem Spiel; wahrscheinlich werden wir in diesen sieben Stunden etwas erleben, was Kopenhagen noch nicht gesehen hat. Sie haben es für richtig gehalten, Ihre unfähigsten Beamten auf die wichtigste Mission zu entsenden, die es in diesem Augenblick gibt. Ich danke Ihnen aufrichtig, Herr Präfekt.“
„Ich habe drei Beamte an den Zug beordert“, sagte der Belobte.
„… die alle drei nichts entdeckt haben.“
„Allerdings.“
„Wenn in dieser Nacht etwas passiert, Herr Präfekt — und es wird etwas passieren, so wahr ich Minister bin — ich sage: wenn in dieser Nacht etwas passiert: ein Verbrechen — ein Attentat — ein Befreiungsversuch — so sind wir beide erledigt. Sie und ich, Herr Präfekt. Wissen Sie, was das bedeutet?“
„Ich weiß es, Herr Minister“, sagte der Präfekt.
„Das freut mich. Ich wünsche Ihnen eine angenehme Nacht.“
*
„Warum —“ Die Dame wandte sich lächelnd zu ihrem Begleiter herum, der neben ihr den Bahnsteig entlangschritt. „Warum bleiben Sie einen halben Schritt hinter mir?“
Der dunkle Herr warf einen schnellen Blick auf den livrierten Chauffeur, der drei helle Lederkoffer balancierend vor ihnen herschritt.
„Nun?“
Der Hauptbahnhof war erfüllt von Menschen, von Lärm, von Geschrei. Eben ging der Chauffeur durch die Sperre; der Schaffner, der die Uniform kennen mochte, grüßte kollegial und wandte den Kopf erwartungsvoll dem Perron zu; er legte die Hand an die Mütze.
„Werden Sie von Ihrem Gatten erwartet?“
Die junge Dame zuckte die Achseln. „Es ist möglich. Mein Mann hat viel zu tun.“
„Ich habe,“ begann der Herr zögernd, „ich habe eine Verabredung …“
„Ich nehme Sie im Auto mit in die Stadt.“
Die beiden traten ins Freie hinaus. Drüben hielt der Wagen; der Chauffeur stand am geöffneten Schlag.
Der junge Herr blieb stehen. „Es ist sehr gütig, gnädige Frau. Welchen Weg fahren Sie?“
„Durch die Vesterbrogade.“
„Das ist schade: ich muß rechts herum: nach der Glyptothek.“
„Wie Sie wollen.“
Der Herr ergriff die Hand der blonden Frau und blickte ihr stumm ins Gesicht.
„Mein Mann würde kaum etwas dagegen haben.“
„Ich werde kommen“, sagte er leise. „Früher als Sie denken, werde ich bei Ihnen sein.“
„Wollen Sie mich nicht ans Auto geleiten?“
Er zog die Uhr. „Seien Sie mir nicht böse — es geht nicht.“
„Steht so viel auf dem Spiel?“
Er zog die Hand der jungen Frau an die Lippen.
„Ja“, sagte er, indem er sich aufrichtete. „Es steht viel auf dem Spiel.“
Sie wandte sich herum, mit einem kurzen, ein wenig indignierten Gruß. Er blieb einen Moment lang stehen, vielleicht unschlüssig, vielleicht im plötzlichen Gefühl einer begangenen Unhöflichkeit, vielleicht eines begangenen Fehlers. Im Innern des Autos flammte eine Lampe auf; im gleichen Augenblick wandte sich der Herr zur Rechten und verschwand im Menschengewühl, das in unablässigem Strome dem Innern der Stadt zuflutete.
„Warum ist mein Mann nicht gekommen?“ Sie legte die Hand auf den Türgriff.
„Der Herr Präfekt,“ sagte der Chauffeur, immer mit jener schonenden halblauten Stimme; „der Herr Präfekt ist heute sehr gehetzt, gnädige Frau. Er hat in aller Eile diese Blumen in den Wagen gelegt, dann ist er wieder abgefahren. Man sucht jemanden. Etwas mit Politik. Ein ganz schwerer Fall.“
„Was hat mein Mann damit zu tun?“
„Ich weiß es nicht genau, gnädige Frau.“
Die junge Frau zog den Schlag zu; augenblicklich ging die Hupe des Autos. Der Schutzmann, der dienstbereit gefolgt war, gab ein Signal; der Wagen glitt in den dämmernden Abend hinein.
Sie wandte den Kopf zur Rechten, das heimatliche Bild schien ihr neu und ungewohnt; neu in seinen herben nordischen Konturen, die sie erst jetzt, nach den Eindrücken einer langen und abwechslungsreichen Reise, recht begriff. Sie blickte hinüber, angezogen von irgend etwas, was sie fühlte, nicht sah.
An der Ecke der Helgolandsgade stand ihr Reisebegleiter; er blickte dem Wagen entgegen, verstohlen, dennoch mit einem unverkennbaren gespannten Interesse. Sie zog den Kopf zurück, ohne eigentlich zu wissen warum. Schämte sie sich für ihn? Er hatte erklärt, er müsse zur Rechten, nach der Glyptothek. Warum hatte er gelogen?
*
Eben fiel die Gartentür hinter ihr zu, als ein zweites Auto vorfuhr. Es war das Dienstauto der Staatspolizei; ihr Mann stieg aus und kam mit eiligen Schritten hinter ihr her. Er schien ihr nervös, ganz gegen früher fiel ihr seine Zerstreutheit auf. Dennoch, das fühlte sie deutlich, war er froh über ihre Rückkehr; er drückte ihre Hand und preßte sie, wie es seine Gewohnheit war, zärtlich gegen seine Wange.
Aus dem Arbeitszimmer kam das Schrillen des Telephons. Er seufzte auf und nahm den Hörer ab; sie trat zögernd hinter ihm ein. Eben hörte sie, wie er sagte:
„Alle Bahnhöfe besetzen — alle Flugstationen sperren — alle Autostraßen, die zur Stadt hinausführen, unter Bewachung stellen! Ich bin die ganze Nacht telephonisch zu erreichen — der geringste Vorfall ist mir sofort zu melden!“
Die Zofe erschien.
„Der Herr Präfekt denken doch daran, daß die Herrschaften heute abend zum Ball eingeladen sind?“
Er wandte sich seufzend herum. „Du wirst müde sein, Schatz.“
„Ich?“ Sie schüttelte lächelnd den Kopf. „Müde?“
„Nun — von der langen Reise …“
„Ist das Bad bereit?“
„Gewiß, gnädige Frau.“
„Ich bin nicht müde“, sagte sie, schon in der geöffneten Tür. „Nicht im geringsten. Übrigens: was für ein Ball ist das? Und bei wem?“
Aber in diesem Augenblick klingelte das Telephon, und der Präfekt, der ärgerlich eine gleichgültige Meldung entgegennahm, konnte die Frage nicht mehr beantworten.
*
Draußen, hinter den Fenstern der Villa, lag nordischer Nebel. Der Präfekt war abgerufen worden. Das Zimmer, wohlig durchwärmt, war erfüllt von einem fremdartigen Duft, der sie seltsam einschläferte. Die Zofe huschte herein; die junge Frau wies auf das Heft, das auf dem kleinen Schreibtisch lag.
„Der Herr Präfekt hat eben telephoniert“, sagte die Zofe, während sie ihr das Magazin hinüberreichte. „Es könne noch lange dauern. Wenn es der gnädigen Frau recht ist, möge sie vielleicht allein zum Ball fahren; der Herr Präfekt werde kommen, sobald es der Dienst erlaube.“
„Es ist gut“, sagte sie mit einer ärgerlichen Handbewegung; die Zopfe verschwand.
Das Magazin knisterte in ihrer Hand; sie überblätterte es. Hier war der Kniff; von selbst schlug sich die Seite auf.
Roman einer Nacht
las sie an diesem Tage zum soundsovielten Male. Die aufgeschlagene Stelle lautete:
„Niemand aber wusste, dass der bescheidene junge Mann, der von Zeit zu Zeit in den Kopenhagener Hotels auftauchte, kein anderer war als der geheime Beauftragte Fedor Sokoloff — bis es eines Tages der Behörde auffiel, dass sein Erscheinen jedesmal mit einem geheimnisvollen Attentat zusammentraf. Von da an beobachtete man den Fremden und stellte fest, dass er unter verschiedenen Namen reiste.“
Im Hause schlugen Türen. Ein Schritt kam über den Korridor. Die Tür ging auf. Es war ihr Mann.
„Du bist noch nicht im Frack?“ fragte sie, gegen ihren eigenen Willen ein wenig ungeduldig.
„Nein“, sagte er nervös. „Ich kann dich nicht begleiten. Du mußt allein auf das Kostümfest fahren.“
„Was um Gottes willen gibt es eigentlich? Warum bist du heute in so entsetzlicher Eile — und in so entsetzlicher Stimmung?“
Er zuckte die Achseln. „Ich muß dir etwas gestehen: meine Stellung steht auf dem Spiel.“
Bestürzt sah sie ihm ins Gesicht. „Deine Stellung“, wiederholte sie, sich aufrichtend.
„Die Beamten haben versagt. Der Mann, den wir suchen, ist aller Wahrscheinlichkeit nach mit dem Kontinental-Zug gekommen.“
„Mit meinem Zuge?“
„Ich habe alle Abteile durchsuchen lassen. Alle Pässe sind revidiert worden.“
Sie sah nachdenklich zu Boden.
„Alle Pässe“, sagte sie leise. „Alle Pässe …“
„Es ist nicht unmöglich, daß heute nacht etwas passiert. Ein Mord. Irgend etwas, was verhütet werden muß. Leider wissen wir weder einen Namen noch haben wir ein Bild. Du wirst begreifen … unter diesen Umständen … wenn sich etwas ereignet, und ich fürchte es fast, bin ich erledigt.“
„Ich werde lieber daheim bleiben.“
„Nein.“ Er ging auf sie zu und nahm ihre Hand. „Ich möchte dich bitten, nicht zu Hause zu bleiben. Es macht mich nervös — ich habe das Gefühl, daß alles auf mich blickt — das macht meine Hand unsicher. Bitte fahre allein. Wenn du nicht zu müde bist.“
Sie schüttelte den Kopf. „Ich weiß es noch nicht. Ich bin ein bißchen unruhig geworden; du wirst es verstehen.“
„Auf alle Fälle werde ich im Laufe der Nacht, wenn auch nur für ein paar Minuten, auf den Ball kommen. Je besser du dich amüsierst, desto leichter, möchte ich sagen, ist mein Gewissen. Ich muß auf die Präfektur. Leb’ wohl.“
Sie blickte sinnend auf die Tür, die sich hinter ihm schloß. Eine Unruhe hatte sie erfaßt, die sie sich selbst nicht recht erklären konnte. Sie kannte ihren Mann — sie wußte, daß er von einer zähen Tüchtigkeit war, die selten ihr Ziel verfehlte. Jedesmal war es so: immer, vor jedem schwierigen Unternehmen, glaubte er eine Stunde lang, diesmal werde es schief gehen, und jedesmal hatte er seine Aufgabe gelöst. Es war etwas anderes, was auf dem Grunde ihrer Gedanken aufklang. Ihre Blicke glitten hinüber zu dem weißen Buch, das auf der Chaiselongue lag, mit seiner schimmernden Glätte, die das matte Licht der Seidenlampe spiegelnd zurückwarf. Irgendwo standen unausgesprochene Dinge gegeneinander, berührten sich zu einem Zusammenklang, den sie nur mit dem Gefühl, nicht mit dem Verstand begriff.
Plötzlich klingelte das Telephon, das auf dem Schreibtisch stand. Sie fuhr verstört zusammen; mit bebender Hand nahm sie den Hörer ab.“
„Raten Sie einmal, wer hier ist“, kam eine lachende Stimme aus der Membran.
„Sie?“ fragte sie ungläubig; sie fühlte, daß etwas wie Angst in ihr aufstieg.
„Ich bin frei; es ging schneller, als ich gedacht hatte. Wann darf ich Sie sehen?“
Sie holte tief Atem. „Wo sind Sie?“
„Im Hotel.“
Ihr Herz begann zu klopfen. Leise fragte sie:
„Welche Antwort erwarten Sie von mir?“
Flüsternd kam es zurück:
„Eine Antwort, die mich glücklich macht.“
Sie hörte das seltsame Beben in seiner Stimme — und jäh schlug die heiße Flamme in ihr Blut.
„Und wenn ich Nein sage?“ fragte sie unsicher.
„Sie dürfen nicht Nein sagen.“
„Wir wollten auf einen Ball gehen; mein Mann ist abgerufen worden.“
„Darf ich kommen?“
„Wollen Sie mich auf den Ball begleiten?“
„Ich darf bis zum Morgen mit Ihnen zusammen sein?“
„Sie dürfen kommen und mich abholen.“
Sie legte, wie um sich selbst zu überrumpeln, den Hörer auf die Gabel und trat verwirrt ans Fenster. Die Straße lag im Dunst des fröstelnden Abends; der Nebel hatte sich gelockert, Lichter blinkten aus der Ferne, von farbigen Kreisen umzittert. Dieser Abend, fühlbar anders als die Nächte des Südens, bedrückte und erregte sie zugleich. Alle Dinge waren von einer zärtlichen und drohenden Tiefe; sie fühlte die Schatten, die jenseits ihrer Gedanken standen, schneller begann ihr Blut zu jagen. Merkwürdig: ein anderes bäumte sich auf gegen den Zwang, der von außen kam wie die Ausstrahlung einer fremden und gefährlichen Macht. Hier waren Dinge am Werk, die sie zugleich liebte und fürchtete — aus tiefem Dunkel krochen sie heran.
Mit einer unmutigen Bewegung wandte sie sich der Lampe zu. Aus ihrem sonnenfarbenen Licht tropfte es beruhigend auf sie nieder, beruhigend und tröstend. Entschlossen warf sie sich in die Polster zurück; von neuem nahm sie das Buch:
„Fedor Sokoloff war der klügste und rücksichtsloseste von allen Emissären, die der Partei dienten. Er hatte das Unglaubliche erreicht: während einer Reise im Kontinental-Zug hatte er die Bekanntschaft der Frau des Polizeipräfekten zu machen gewusst. Ihr Name öffnete ihm die Salons der Stadt — sie selbst führte den interessanten Ausländer in ihre Kreise ein. Man wusste nicht recht: bestanden zwischen den beiden zärtliche Beziehungen …?“
Betroffen las sie den Inhalt dieser Sätze zum wiederholten Male. Konnten Zufall und Wirklichkeit so seltsam durcheinander spielen? Hatte der Autor dieser Novelle ein Erlebnis vorausgeahnt, das noch nicht Existenz besaß, als er es niederschrieb? Waren diese Dinge aus rein kombinatorischer Spielerei geschaffen — oder lag ein unbegreifliches Erfassen zukünftiger Geschehnisse auf ihrem Grunde? Die Figuren dieser Erzählung waren Fleisch und Blut geworden. Die Ereignisse griffen ineinander, ballten sich zu einem Konflikt, den sie dumpf erfühlte, der um sie kreiste, während sie das dünne Heft in ihrer Hand hielt; aus Gedanken und Gefühlen, aus unbekannten Tiefen stieg es herauf. Das Buch begann ihr unbegreifliche Angst einzuflößen; sie wollte es fortschieben — sie vermochte es nicht. Unter einem unerklärlichen Zwang las sie weiter …
II.
Die Geräusche der Straße verebbten. Abendwind tat sich auf; deutlich hörte sie das Rauschen der Bäume jenseits der Fenster.
„Sie werden schon kahl“, dachte sie seufzend. Mit einem fröstelnden Gefühl setzte sie hinzu: „Jetzt flanieren die Menschen auf den Pariser Boulevards, und das Licht der Bogenlampen leuchtet durch das Sommergrün.“
Das unbehagliche Gefühl wuchs und wuchs; sie war nicht eigentlich körperlich abgespannt, aber die Empfindlichkeit ihrer Nerven war übersteigert, so, als ob alles in ihr durchtränkt wäre von jenem rätselhaften Erfühlen unkörperlicher Dinge, das die hellsichtige Gabe des Nordländers ist. Sie war losgelöst von den Dingen, die sie umgaben; mit dem Unterbewußtsein begriff sie die kreisenden Gedanken, die aus der Ferne zu ihr herüberfluteten: wie die Wellen eines drahtlosen Senders.
Das Buch knisterte in ihrer Hand.
Merkwürdig: sie wußte genau, daß in diesem Augenblick durch die Vesterbrogade ein Auto fuhr, dessen Ziel ihr Haus war. In diesem Auto — es war eine Limousine — saß ein Herr. Ein junger Herr. Sie kannte diesen Herrn, sie fühlte es an dem Klopfen ihres Herzens. Jetzt huschte das Licht einer Laterne flackernd über seine Züge: er war es.
Nun bog der Wagen um die Ecke …
Ein Hupensignal zerriß die Stille; sie fuhr zusammen. Knatternd kam es heran; knirschend stoppte ein Wagen.
Sie fühlte, wie ihre Unruhe stieg; eine Glocke ging; Türen schlugen. Jemand klopfte.
Sie antwortete nicht; sie fühlte, daß ihre Stimme zittern würde.
Zum zweiten Male klopfte es; dann ging behutsam die Tür auf.
Auf der Schwelle stand ihr Reisebegleiter aus dem Coupé; er war in Frack und Frackmantel. In der Rechten hielt er einen Strauß Marschall-Niel-Rosen. Sie richtete sich auf; er ging schweigend auf sie zu, legte die Blumen zu ihren Füßen, beugte sich über sie und küßte ihre Hand.
„Mein Mann ist noch nicht zurück“, sagte sie leise, nur um etwas zu sprechen.
Er lächelte und schüttelte den Kopf. „Das Mädchen sagte mir, er habe befohlen, nicht auf ihn zu warten.“
Sie sah mit einer Befangenheit, über die sie sich selbst keine Rechenschaft geben konnte, an ihm vorüber; er verstummte. Irgend etwas lag zwischen ihnen — vielleicht die Erinnerung an jene Zärtlichkeiten — das Bewußtsein eines gemeinsamen Geheimnisses — vielleicht eine Art Scham; aber während sie ihm scheu in die Augen sah, ergriff sie von neuem die suggestive Welle, die von ihm ausging — von neuem fühlte sie sich in seinem Bann. Sie ließ einen Blick über seine Erscheinung gleiten; er gehörte zu den Männern, die für den Frack geschaffen scheinen. War es das veränderte Licht — war es die Ermüdung der Reise — fast schien er ihr in den wenigen Stunden älter geworden: reifer, gefestigter. Und ernster. Von neuem spürte sie den leichten Rausch, der sie vorhin in seiner Gegenwart ergriffen hatte — das prickelnde Glück des Bewußtseins, mit ihm allein zu sein.
„Ich habe den Wagen warten lassen“, sagte er.
„Das war nicht nötig“, antwortete sie lächelnd. „Die Villa des Staatsrats Krentz liegt schräg gegenüber.“
***
Im Nebel fing sich rötliches Licht der Laternen, die das Gerichtsgebäude flankierten; rötliche Kreise schimmerten, ohne die Straße recht eigentlich zu erhellen. Lastendes Schweigen lag über dem Menschengewimmel, das in schwärzlichen Kolonnen den Häuserblock belagerte. Die Fenster der Rückfront waren lichtlos; nur im Torweg schimmerten spärliche Flammen. Schwere Schatten lagen über den Mauern, die den Hof in konzentrischen Kreisen von der lebendigen Stadt trennte; jenseits der dunklen Portale stand grelles Licht, das in unsichtbare durch Mauerführungen symmetrisch abgezirkelte Quadrate fiel. Das Haus schien in einem heimlichen und gefahrvollen Leben zu vibrieren; seltsam feindselig war alles, durchtränkt von der feuchten Kühle des schweigenden Nebels. Irgendwo ging ein Glockensignal; irgendwo öffneten und schlossen sich Türen. Dann hörte man einen Augenblick erregtes Murmeln, dazwischen eine scharfe und durchdringende Stimme. Aber die Türen fielen zu, und wieder stand der schweigende Block gegen den dunklen Himmel. — — — —
Der Vorsitzende strich sich den weißen Spitzbart mit einer kurzen Bewegung seiner Rechten, einer Bewegung, die von kühler Härte war; während er den Kopf hob und zu der jungen Angeklagten hinüberblickte, schlossen sich seine Augen halb; sein nachdenklicher, von Argwohn erfüllter Blick heftete sich auf ihr blasses Gesicht.
„Diese Dinge“, sagte er mit seiner leisen aber scharf akzentuierten Stimme, „sind so seltsam, so unglaublich und zugleich so ineinander verschachtelt, daß wir, um ein ungetrübtes Bild von dem Verbrechen, von seinen Wurzeln und von seinen Auswirkungen zu erhalten, alle Einzelheiten hören müssen. Der Herr Polizeipräfekt selbst hat den Fall bearbeitet; er hat mit unendlicher Mühe Stein für Stein dieses verzwickten Geduldspiels zusammengetragen. Ich habe Sie persönlich bitten lassen, Herr Präfekt,“ wandte er sich zur Linken, „um von Ihnen selbst die Dinge zu erfahren, in deren Mittelpunkt dieser rätselhafte Mord steht. Die Zeugen, deren Bekundungen uns einige Lücken ausfüllen sollen, sind ohne Ausnahme zur Stelle; der Namensaufruf hat es ergeben. Darf ich Sie bitten, Herr Präfekt, uns genau zu erzählen, was Sie von diesen merkwürdigen Dingen wissen?“
Plötzliche Stille trat ein. Die junge Angeklagte wandte sich mit einer zögernden und angstvollen Gebärde zu dem Mann, der sich drüben, wenige Schritte von ihr, langsam erhob. Es schien, als ob sie versuchte, in seinem Gesicht zu lesen; aber es war von völliger Undurchdringlichkeit, und niemand hätte sagen können, ob das, was man jetzt hören würde, eine Anklage oder eine Entlastung — ein Schuldig oder ein Unschuldig sein würde.
Man vernahm einen Moment das Scharren von Füßen. Mit einem schnappenden Geräusch schloß sich eine Tür; die Angeklagte zuckte nervös zusammen.
Die Augen von hundert Menschen hefteten sich auf den Präfekten, der sich mit ruhiger Gelassenheit erhoben hatte. Er war im schwarzen Mantel. Darunter schimmerte die weiße Krawatte des Frackanzugs.
Die junge Angeklagte betrachtete ihn mit nervöser Neugier. „Warum ist er im Frack?“ dachte sie. „Er ist der einzige, der im Frack ist. Wie ein Scharfrichter. Oder ist dieser Vortrag, den er jetzt halten will, nur ein kleines Intermezzo für ihn, und er fährt von hier aus in ein Weinrestaurant, in dem lachende und glückliche Menschen sind? Vielleicht mit einer Frau, im Abendkleid, im Decolleté? Zu einem Liebesabenteuer?“
Sophus Andersen, der Polizeipräfekt, zog ein kleines Notizbuch. Er hatte ein unbehagliches Gefühl, während er es aufschlug; obwohl er nichts tat als seine Pflicht, obwohl er wußte, daß er keinen Schatten zu schwarz malen würde, verfolgte ihn dennoch der verzweifelte Blick der jungen, schönen Angeklagten dort drüben. Sie war etwa im gleichen Alter mit seiner Frau — sie hatte zärtliche, junge Augen. Ihre Manieren waren die der guten Gesellschaft; ja, man erkannte deutlich, daß sie aus einer kultivierten Welt kam. Sie tat ihm leid; niemand in diesem Saal ahnte, wie sehr er sie bemitleidete. Die Dinge um sie herum waren von so undurchdringlicher Rätselhaftigkeit, daß eigentlich niemand sagen konnte, wie ihr realer Kern beschaffen war. Fast erfüllten ihn diese Zweifel mit Freude.
„Sie werden mir erlauben, Herr Präfekt,“ sagte der Vorsitzende, „daß ich Sie nach denjenigen Dingen frage, die ich chronologisch und prozessual in einer gewissen Reihenfolge — ich möchte fast sagen: in mein Begriffsvermögen — einordnen möchte.“
„Ich bitte darum, Herr Präsident.“
„Sie haben alle Einzelheiten im Kopf?“
„Ja. Ich habe das meiste im Kopf.“
„Und das übrige?“
„Ich habe mir einige Notizen gemacht.“
„Sehr gut.“
„Über manche der Fragen werden Ihnen am besten die Zeugen Auskunftg eben können.“
„Hat der Herr Staatsanwalt besondere Wünsche?“ wandte sich der Vorsitzende zur Rechten.
Ein blonder, glattrasierter jüngerer Herr, der auf den ersten Blick den Eindruck einer gewissen lächelnden Bonhomie erweckte, stand auf. Sein unbefangenes Gesicht veränderte, seltsam genug, auf der Stelle den Ausdruck: es wurde sozusagen konzentriert; ein paar scharfe Falten legten sich zwischen Nase und Mund, ein glimmendes Licht trat in seine Augen.
„Ich möchte bitten,“ sagte er mit einer Stimme, deren merkwürdige Tonlosigkeit vielleicht darauf berechnet war, den Laien über Wichtig und Unwichtig im Unklaren zu lassen, „ich möchte den Herrn Präfekten bitten, sich mit seinen zweifellos sehr interessanten Ausführungen noch eine kurze Zeit gedulden zu wollen.“
„Ich habe nichts dagegen, Herr Staatsanwalt“, sagte der Vorsitzende.
„… und an erster Stelle die Zeugen zu vernehmen, die uns über die Vorgeschichte Näheres erzählen können.“
„Leider ist die Vorgeschichte kaum festzustellen gewesen, Herr Staatsanwalt.“
„Mit Vorgeschichte meine ich, richtiger ausgedrückt: die Konstellation der Dinge, aus der heraus sich der Mord ergeben hat. Vielleicht wird uns diese Stellung der Menschen und der Tatsachen zueinander, wenn wir sie im lebendigen Zusammenhang hören, ein Stück weiterbringen.“
„Der Herr Staatsanwalt hat recht“, entschied der Präsident. „Ich darf Sie bitten, Herr Präfekt, solange im Saal zu bleiben.“
„Ich beantrage“, begann der Staatsanwalt von neuem, „die Vernehmung des Herrn Axel Poulsen.“
„Wer ist das?“
„Der Direktor des Grand Hotel.“
„Herr Direktor Poulsen!“
Der Gerichtsdiener öffnete die Tür; der Aufruf hallte durch den Korridor; ein Herr im Cutaway, von hoher, repräsentabler Erscheinung, glattrasiert, mehr Engländer als Däne, trat ein.
„Herr Poulsen,“ sagte der Vorsitzende, „ich brauche Sie kaum mit den Dingen bekannt zu machen, über die Sie uns hier informieren sollen. Immerhin will ich kurz rekapitulieren: wir möchten von Ihnen wissen, was Ihnen von der Angelegenheit Marfa Ermolieff b kannt ist. Fräulein Marfa Ermolieff ist, das ist das traurige Resultat dieser seltsamen Vorgänge, unter die schwerste Anklage gestellt worden, die das Gesetzbuch kennt: unter die Beschuldigung des Mordes. Was wissen Sie uns darüber zu sagen?“
Direktor Poulsen warf einen fragenden Blick hinüber zu der jungen Angeklagten, die ihn aufmerksam, mit einem seltsam mitleidigen Gesichtsausdruck, betrachtete. Sein frisches Epikuräergesicht leuchtete bei ihrem Anblick unmerklich auf.
„Ich begreife noch immer nicht, Herr Präsident, wie Fräulein Ermolieff … um die Wahrheit zu sagen: ich kann beim besten Willen nicht glauben, daß sie eines Mordes …“
Der Staatsanwalt unterbrach ihn. „Ich darf den Herrn Zeugen darauf aufmerksam machen, daß ein solches Werturteil unangebracht ist.“
„In der Tat, Herr Direktor,“ sagte der Vorsitzende, „auch ich muß Sie bitten, nur zu sagen, was Sie wissen — nicht was Sie glauben. Und vor allem: keine Schlußfolgerungen zu ziehen.“
„Gewiß, Herr Präsident“; eine leichte Indignation klang aus der Stimme des Zeugen.
Marfa Ermolieff lächelte.
Es war vor etwa sechs Wochen, als eines Abends — es war zwischen neun und zehn Uhr — ein Gast vor unserm Hotel vorgefahren kam und ein Appartement verlangte.“
„Damit wir uns auch in unwichtigen Dingen recht verstehen: ein Appartement ist …“
„Ein Appartement besteht aus Wohnzimmer, Schlafzimmer und Badezimmer.“
„An diesem Gast fiel Ihnen irgend etwas auf?“
„Ja. Verschiedenes. Das erste, was uns auffiel, war die Zeit, zu der er kam: weder kommt um diese Zeit ein Eisenbahnzug in Kopenhagen an, noch war ein Schiff eingetroffen.“
„Vielleicht hatte er die Reise im Auto gemacht?“
„Nein. Er kam in einer Mietsdroschke.“
„Haben Sie sich eine Meinung darüber gebildet, woher er kam?“
„Ich hatte fast den Eindruck, als ob er aus einem andern Hotel kam.“
„Aus einem andern Hotel … Warum sollte er das getan haben?“
Der Direktor machte eine nachdenkliche Handbewegung. „In unserm Beruf erlangt man eine gewisse Menschenkenntnis. Es wäre nicht unmöglich, daß er auf diese Weise vielleicht seine Spur verwischen wollte.“
„Hm. Wäre es nicht denkbar, daß er etwa im vorigen Hotel Schulden gemacht hätte?“
„Den Eindruck hatte ich nicht. Zufällig sah ich, daß er einen großen Barbetrag mit sich führte.“
„Bei welcher Gelegenheit bemerkten Sie das?“
„Er öffnete die Brieftasche, als er dem Portier den Gepäckschein gab.“
„Ließ sich aus der Herkunft des Gepäcks nichts Näheres ermitteln?“
„Nein. Das ist es eben: das Gepäck war in Kopenhagen aufgegeben worden. Als Handgepäck. Und zwar eine halbe Stunde vorher. Der Bahnbeamte schüttelte den Kopf, so verwundert war er darüber.“
„Woher wissen Sie das alles? Ich vermute, daß Sie das Gepäck nicht selbst geholt haben, Herr Direktor.“
Herr Poulsen lächelte. „Der Ankömmling war auch dem Personal aufgefallen; der betreffende Hausdiener fühlte sich verpflichtet, mir davon zu erzählen.“
„Das sieht in der Tat fast aus, als ob Herr …“
„Bruno Riedinger …“
„… als ob Herr Bruno Riedinger den Wunsch gehabt hätte …“ Der Vorsitzende warf einen Blick in die Akten. „Wie waren die Initialen, die in der Wäsche des Toten gefunden wurden?“
„B. R.“ sagte Poulsen.
Jemand flüsterte im Zuhörerraum:
„Der Präsident scheint die Akten nicht gelesen zu haben.“
Hinter der vorgehaltenen Hand wisperte sein Nebenmann:
„Absicht. Er stellt sich dumm.“
„Hier ist die Meinung aufgetaucht,“ fuhr der Vorsitzende fort, „daß Ihr Gast unter falschem Namen gereist sei. Die Initialen in der Wäsche scheinen aber zu bestätigen, daß er tatsächlich Bruno Riedinger geheißen hat.“
„Darf ich ein offenes Wort sprechen?“
„Bitte.“
„Ich bin überzeugt, daß der Name Bruno Riedinger falsch war. Trotz der Initialen.“
„Riedinger ist ein deutscher Name. Machte Ihr Gast den Eindruck eines Deutschen?“
„Nein. Er hatte einen ausgesprochen slawischen Akzent.“
„Was geschah also weiter, nachdem dieser Gast, der sich Bruno Riedinger nannte, bei Ihnen Wohnung genommen hatte?“
„Er verlangte Zimmer mit Ausblick auf den Kongens Nytorv.“
„Also ein anspruchsvoller Herr.“
„Auch uns schien es zunächst so. Eines Tages machten wir indessen die Entdeckung, daß er aus einem ganz anderen Grunde die Appartements mit Ausblick auf den Kongens Nytorv gewählt hatte.“
„Nämlich?“
„Eines Morgens ging er über den Korridor. Das Zimmer 15 war eben frei geworden. Die Fenster standen offen; das Zimmer mündet auf eine kleine, enge Seitenstraße; vom Fenster des Hotelzimmers blickt man in die Fenster eines gegenüberliegenden Pensionats. An diesem Morgen nun wurde eben, als Herr Riedinger an dem Zimmer Nr. 15 vorüberging, die Tür geöffnet; das Zimmermädchen wollte den Teppich kehren. Dadurch war einen Moment lang ein Durchblick — sagen wir schon ganz offen — von den Zimmern des gegenüberliegenden Pensionats auf den Korridor geschaffen, den gerade Herr Riedinger passierte. Im Moment nun, da Herr Riedinger dies bemerkte — da er also sah, daß man ihn von drüben sehen konnte — sprang er mit einem Satz zurück, hinter die Tür.“
„Daraus schlossen Sie …?“
„… daß Herr Riedinger Grund hatte, sich verborgen zu halten: daß er den Ausblick auf den großen freien Platz nur gewählt hatte, damit man ihn nicht beobachten könne.“
„Er schien also Verfolger zu fürchten?“
„Den Eindruck hatten wir alle.“
„Erhielt Herr Riedinger Besuch?“
„Ja. Den Besuch eines Herrn, der uns gleichfalls auffiel.“
„Was fiel Ihnen an ihm auf? Seine Kleidung? Sein Benehmen?“
„Nein, Herr Präsident. Weder seine Kleidung noch sein Benehmen. Lediglich sein Blick. Er hatte einen Ausdruck im Auge, dem ich nur ein einziges Mal in meinem Leben bei einem andern Menschen begegnet bin: bei dem Dichter Ernst Toller, den ich vor einiger Zeit bei einer Premiere im Theater sah.“
„Ein unheimlicher Blick?“
„Nicht eigentlich. Eher der Blick eines Fanatikers.“
„Konnten Sie erfahren, was dieser Besucher mit Herrn Riedinger zu besprechen hatte?“
„Wir haben alles versucht, Herr Präsident. Sobald jemand in die Nähe kam, hörten die beiden auf zu sprechen.“
„Haben Sie sich irgendeine Meinung gebildet, was der fremde Besucher wohl von Herrn Riedinger wollte?“
„Wir haben uns auch darüber den Kopf zerbrochen; das Interesse für den seltsamen Gast war nun einmal geweckt. Wir hatten den Eindruck, daß jener fremde Besucher von Herrn Riedinger etwas haben wollte. Etwas sehr Wertvolles. Vielleicht eine große Summe Geldes.“
„Woraus schlossen Sie das?“
„Der Fremde bemühte sich auffällig um Riedinger; er behandelte ihn mit großer Auszeichnung, so wie man jemanden behandelt, den man in gute Stimmung versetzen will.“
„Schien es, als ob das Geschäft — um irgendein Wort dafür zu prägen — zwischen Herrn Riedinger und jenem Fremden zustande gekommen sei?“
„Nein, Herr Präsident. Ich glaube, daß die Chancen des fremden Besuchers gut standen; da kam etwas Unerwartetes dazwischen.“
„Fräulein Ermolieff?“
„Ja, Herr Präsident. Fräulein Marfa Ermolieff.“
„Erzählen Sie.“
Der Direktor sah ein wenig unruhig nach der Tür. „Ich muß gestehen, Herr Vorsitzender, daß ich über diesen Punkt nicht so ganz orientiert bin. Ich war zufällig an jenem Abend, als Fräulein Ermolieff einzog, nicht im Hotel.“
„Wer kann uns darüber Auskunft geben?“
„Mein Oberkellner Hansen.“
„Rufen Sie ihn herein, Gerichtsdiener. Und Sie können gehen, Herr Poulsen.“
Durch die sich öffnende Tür trat Herr Hansen ein: mit den kurzen, schnellen und geräuschlosen Schritten des Kellners.
„Können Sie uns Näheres über den Einzug des Fräulein Ermolieff ins Grand Hotel sagen?“
„Gewiß.“
„Fräulein Ermolieff kannte den später ermordeten Herrn Riedinger nicht?“
„Nein.“
„Woher wissen Sie das?“
„Herr Riedinger stand zufällig in der Halle, als Fräulein Ermolieff ins Hotel kam. Ich stand neben der Rezeption. Fräulein Ermolieff ging an Herrn Riedinger vorüber, dem ich eben Briefe reichte. Die beiden kannten sich nicht; sie sahen aneinander vorüber wie Leute, die sich fremd sind.“ „Konnte das nicht vielleicht Verstellung gewesen sein?“
Der Kellner sah dem Vorsitzenden ins Gesicht. „Das wäre … ich glaube es zwar nicht, Herr Präsident … aber unmöglich wäre es natürlich nicht.“
„Oder, um eine zweite Version zu erwägen: vielleicht kannte Herr Riedinger das Fräulein Ermolieff nicht — wohl aber Fräulein Ermolieff den Herrn Riedinger? Vielleicht war sie in dieses Hotel gezogen, um in seiner Nähe zu sein?“
„Es wäre möglich.“
„Welche Zimmernummer hatte Riedinger?“
„Nummer Sieben.“
„Und Fräulein Ermolieff?“
„Nummer Vierundzwanzig.“
„Äußerte sie irgendwelche Wünsche betreffs ihres Zimmers?“
„Sie verlangte ein Zimmer im ersten Stock.“
„Wir kommen jetzt zu der entscheidenden Wendung“, sagte der Vorsitzende. „Aus den Akten geht hervor, daß Herr Riedinger drei Tage nachdem Fräulein Ermolieff ins Grand Hotel eingezogen war, ihre Bekanntschaft gemacht hat.“
„Ja, Herr Präsident.“
„Wissen Sie vielleicht, wie die beiden bekanntgeworden sind?“
„Ich selbst weiß es nicht. Aber ein Boy unseres Hotels hat es zufällig miterlebt.“
„Er soll hereinkommen.“
Der junge Page trat an die Schranke, zugleich schüchtern und stolz über die Wichtigkeit seiner Mission, mit den wissenden Augen des Frühreifen.
„Du sollst uns Auskunft geben über Herrn Riedinger und über Fräulein Ermolieff. Du warst doch dabei, als die beiden sich kennen lernten?“
Der Junge, durch das unerwartete Du ein bißchen gekränkt, schürzte die Lippen. „Ja“, sagte er kurz.
„Du mußt uns alles erzählen, was du davon weißt. Deine Aussage ist sehr wichtig.“
Im Gefühl seiner wiedererlangten Würde richtete sich der Jüngling auf. „Ich bin Liftboy im Grand Hotel.“
„So so. Und eines Tages kam vermutlich Herr Riedinger und stieg in den Fahrstuhl?“
„Nein. Fräulein Ermolieff kam.“
„Ohne Herrn Riedinger also?“
„Sie stieg ein. Wir wollten eben abfahren — oder vielmehr: wir fuhren schon. Ich legte eben den Schalthebel herüber — da kam Herr Riedinger eilends aus der Halle. Der Fahrstuhl war schon in Bewegung; ich bedeutete Herrn Riedinger durch einen Wink, daß ich gleich zurückkommen würde; da sagte Fräulein Ermolieff: ‚Sie müssen halten. Der Herr soll nicht warten.‘ So dirigierte ich den Fahrstuhl zurück, öffnete die Tür und ließ Herrn Riedinger eintreten.“
„Nun bedankte er sich wohl?“
„Er hatte gesehen, daß es Fräulein Ermolieff gewesen war, die sich so höflich benommen hatte. Er zog den Hut und sprach ein paar freundliche Worte zu der Dame.“
Der Staatsanwalt machte ein Zeichen.
„Bitte, Herr Staatsanwalt.“
„In welcher Sprache unterhielten sich die beiden?“
„Auf Dänisch“, gab der Junge Auskunft.
„Dann stiegen die beiden“, fragte der Vorsitzende weiter, „im ersten Stock aus?“
„Ja.“
„Hast du sie weiter beobachtet?“
„Gewiß. Ich stand in der geöffneten Tür und sah ihnen nach. Herr Riedinger geleitete Fräulein Ermolieff bis ans Zimmer Vierundzwanzig. Dort wohnte sie nämlich.“
„Ging sie gleich hinein?“
„Nein, Herr Präsident. Die Zwei mußten wohl eine sehr interessante Unterhaltung haben. Fräulein Ermolieff lächelte, einmal hörte ich sie auflachen; an ihrer Tür blieben sie stehen. Ein paar Minuten später wurde von unten geklingelt; ich mußte ins Parterre fahren. Ungefähr eine halbe Stunde später sah ich Herrn Riedinger und Fräulein Ermolieff zusammen die Treppe herunterkommen und in den Speisesaal gehen.“
„Hast du sie später wiedergesehen?“
„Ja. Von diesem Augenblick an waren sie immer zusammen. Zweimal hat Herr Riedinger ein Auto bestellt; sie sind zusammen ausgefahren. Einmal nach Skodsborg, dann noch ein zweitesmal; wohin weiß ich nicht.“
„Fräulein Ermolieff,“ sagte der Vorsitzende mit seiner dunklen Stimme, in deren Tiefe immer eine versteckte Rüge zu klingen schien — „Fräulein Ermolieff: wäre es nicht an der Zeit, daß auch Sie uns ein paar Worte der Erklärung gäben?“
Schweigen legte sich über den Saal; hundert Köpfe wandten sich der Angeklagten zu, die bleich, fast anteillos auf ihrer Bank saß; nur ihre glänzenden, dunklen Augen verrieten ihre innere Unruhe.
„Sie haben von der ersten Stunde an auf alle Anklagen geschwiegen. Glauben Sie im Ernst, daß Ihnen diese Taktik zum Vorteil gereichen wird?“
Die junge Russin blickte an dem Präsidenten vorbei ins Leere und schüttelte langsam den Kopf.
„Es ist möglich, daß manches zu Ihren Gunsten sprechen würde — wenn Sie dieses Schweigen brächen. Was soll also dies merkwürdige Verhalten? Wollen Sie sich etwa interessant machen? Eines Tages werden Sie bitter bereuen, daß Sie nicht zur rechten Zeit begriffen haben, um was es ging. Nämlich um Ihren Kopf, Fräulein Ermolieff! Gefallen Sie sich in der Rolle der beleidigten Königin, die es unter ihrer Würde hält, sich zu verteidigen? Das wäre eine Torheit, Fräulein Ermolieff! Sie stehen im Kampf mit der Justiz — und die Justiz ist die Stärkere in diesem Kampfe.“
Die Angeklagte machte eine Handbewegung.
„Sagen Sie, was Sie auf dem Herzen haben; jedes Wort von Ihnen wird ein williges und freundliches Gehör finden.“
„Ich kann nur sagen,“ antwortete die junge Angeklagte, mit einem leicht russischen Akzent in ihrer Stimme, „daß es mir aus verschiedenen Gründen nicht möglich ist, eine Erklärung zu geben.“
Dem Präsidenten schwoll die Zornesader. „Ich verlange von Ihnen eine klare Antwort auf die Frage: bekennen Sie sich schuldig oder nicht.“
Die Angeklagte erhob sich. Mit leiser Stimme sagte sie:
„Ich kann auf diese Frage keine Antwort geben, Herr Präsident.“
Gemurmel erhob sich; der Präsident zuckte resigniert die Achseln; aus den Augenwinkeln blickte er hinüber zum Staatsanwalt, der, immer mit seinem undurchdringlichen Lächeln, eine Notiz in seine Akten machte.
„Ich kann Sie natürlich nicht zwingen. Aber ich mache Sie darauf aufmerksam, daß Sie die Folgen, die sich aus Ihrer Weigerung ergeben, auf sich nehmen müssen.“
Wieder blickte er erwartungsvoll zu Marfa Ermolieff hinüber; aber sie neigte nur stumm den Kopf.
„Ich darf also den Herrn Polizeipräfekten bitten, uns nunmehr mit den Dingen bekannt zu machen, die sich nach seinen Feststellungen um den Mord gruppieren.“
Der Präfekt erhob sich von der Zeugenbank und trat an die Barriere. Er mochte um die Fünfzig herum sein; obwohl groß und breitschultrig, machte er den Eindruck eines Gelehrten. Der Blick der Angeklagten glitt über seine Erscheinung, blieb auf seinem Gesicht haften — in seinen Augen schien sie die Antwort auf eine unausgesprochene Frage zu suchen.
„Ich darf um die Erlaubnis bitten, Herr Präsident,“ begann der Präfekt, und es schien, als ob er mit einer leisen Schüchternheit kämpfte, „in dieser Sache von der Gepflogenheit des reinen Protokollstils abzusehen. Die einzelnen Prämissen der Sache Ermolieff sind, ich kann es unbedenklich sagen, so außerordentlich differenziert, daß ihnen mit Schwarz und Weiß, mit Ja und Nein nicht ohne weiteres beizukommen ist. Ich selbst habe, das muß ich offen gestehen, mir, auch rein privat, bis heute kein abschließendes Urteil bilden können — und gerade, um auch das Gericht in dieser Hinsicht in seinen eigenen Erwägungen völlig unbeeinflußt zu lassen, halte ich es für das Richtige, wenn in meinen Darlegungen auch sozusagen halbe Töne aufklingen.“
„Wir wünschen uns nichts Besseres, Herr Präfekt“, antwortete der Präsident.
„Ich darf also kurz rekapitulieren —“, die Stimme des Vortragenden festigte sich; „am 29. August stieg im Grand Hotel ein Gast ab, der sich Bruno Riedinger nannte. Er bezog das Zimmer Nummer Sieben, mit Ausblick nach dem Kongens Nytorv. Er war im Besitze bedeutender Barmittel. Trotz seines deutschen Namens hielt man ihn für einen Russen. Er bekam mehrfach Briefe — wie man sich zu erinnern glaubt, aus Rußland. Er war von höflichen, etwas kühlen Umgangsformen; sichtlich hatte er den Wunsch, ungestört zu sein. Aus verschiedenen Anzeichen durfte der Schluß gezogen werden, daß Herr Riedinger irgendeinen Verfolger fürchtete — oder aber auch der umgekehrte Schluß: daß er irgend jemand verfolgte, und daß er aus diesem Grunde nicht bemerkt zu werden wünschte.“
„Sehr gut“, sagte der Präsident.
„Da in der Zeit zwischen neun und zehn weder ein Eisenbahnzug noch ein Schiff in Kopenhagen ankam — da er außerdem in einer Droschke vorfuhr — so liegt die Möglichkeit, ich darf wohl sagen: die Wahrscheinlichkeit vor, daß er vorher an anderer Stelle in Kopenhagen gewohnt hat — und daß er aus irgendeinem Grunde, der ein wichtiger, der aber auch ein belangloser sein kann, das Domizil gewechselt hat. Wir haben alles versucht, um seine frühere Wohnung festzustellen — es ist uns nicht gelungen, darüber Näheres zu erfahren.“
„Und der Chauffeur der Autodroschke?“ fragte der Präsident.
„Wir haben selbstverständlich nach ihm gesucht — und haben ihn gefunden. Er wartet draußen.“
„Er soll hereinkommen.“
Ein Mann in der Mitte der Dreißig, in Chauffeurlivree, trat an die Schranke.
„Ich heiße Alf Stenersen und bin Besitzer einer Autodroschke, die ich selbst fahre.“
„Sie wissen, um was es sich handelt, Herr Stenersen. Können Sie sich entsinnen, daß Sie am 29. August einen Passagier in der Zeit zwischen neun und zehn Uhr abends zum Grand Hotel gefahren haben?“
„Gewiß“, antwortete der Gefragte.
„Sie wissen vielleicht, daß Ihr Fahrgast im Grand Hotel ermordet worden ist, und daß wir nicht wissen, wer er eigentlich war und woher er kam. Es ist daher von Wichtigkeit, von Ihnen zu erfahren, wo Ihr Fahrgast eingestiegen ist.“
„Er rief mich an: ‚Fahren Sie die Gothersgade hinauf.‘ Ich fuhr bis zur Dronning-Louise-Brücke und sah mich nach meinem Passagier um. ‚Fahren Sie geradeaus weiter.‘ Ich fuhr also die Norrebrogade hinauf. Wieder hielt ich: am Assistents Kirkegaard. Dann bedeutete er mir, ich solle zur Rechten einbiegen; wir fuhren also an den Gebäuden des Altersheims vorbei, immer weiter bis zum Blegdamsfeld. Als wir das Triangle erreicht hatten, gleich hinter der Nazarethkirche, stoppte ich den Wagen; mein Passagier wurde mir ein bißchen unheimlich. Er wies zur Rechten, und ich fuhr die Österbrogade hinunter. Dann ging das Spiel von neuem los; am Boulevard erkundigte ich mich, wohin die Fahrt weiter gehen solle, er bedeutete mir: geradeaus — endlich befahl er mir, durch die Bredgade nach dem Grand Hotel zu fahren.“
„Was haben Sie sich bei diesem Kreuz- und Querfahren gedacht? War das ein reicher Herr, der eine Laune hatte?“
„Ich glaube nicht, Herr Präsident“, sagte der Chauffeur und schüttelte den Kopf. „Wenn ich es ganz offen sagen darf: eher glaube ich, daß der Herr seine Spur verwischen wollte — daß vielleicht irgendwo ein Verfolger hinter ihm her war.“
„Und woraus schließen Sie das? Es kommt doch wohl öfter vor, daß Fremde eine Rundfahrt um Kopenhagen machen.“
„Er hat sich während der Fahrt ein dutzendmal umgesehen — ich bemerkte, daß in seinen Augen ein ängstlicher Ausdruck war.“
„Die Hauptfrage haben Sie noch nicht beantwortet: ‚Wo stieg Ihr Fahrgast ein?‘“
„Ja —“, der Chauffeur blickte vor sich hin und sagte nachdenklich:
„Das ist nun das Merkwürdigste von allem. Eingestiegen ist er vor dem Grand Hotel.“
Im Zuhörerraum entstand eine deutlich fühlbare Bewegung.
„Haben Sie noch etwas zu bemerken?“
„Nein, Herr Präsident.“
„Führte Ihr Passagier Gepäck mit sich?“
„Nein, Herr Präsident.“
„Also, Herr Präfekt,“ wandte sich der Vorsitzende wieder zur Rechten, „wir wissen nun — zum mindesten können wir es annehmen — daß Herr Riedinger gewichtige Gründe hatte, niemanden wissen zu lassen, woher er kam.“
„Oder“, sagte der Präfekt mit einer Verbeugung, „vielleicht liegen die Dinge so: er wollte niemanden wissen lassen, daß er in Kopenhagen war.“
„Ausgezeichnet. Konnten Sie etwas über jenen Besucher mit den fanatischen Augen in Erfahrung bringen.“
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