Kitabı oku: «Vorgeschichte des politischen Antisemitismus»

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Die im Rahmen des Forschungsprojekts zum Antisemitismus des in die USA emigrierten Instituts für Sozialforschung entstandene geschichtswissenschaftliche Darstellung von Paul W. Massing über die Entstehung des politischen Antisemitismus im Deutschen Kaiserreich wurde erstmals 1949 in der Reihe Studies in Prejudice unter dem Titel „Rehearsal for Destruction“ veröffentlicht und 1959 in deutscher Übersetzung in der Europäischen Verlagsanstalt.

Das Buch wurde seinerzeit als richtungweisende Pionierstudie gelobt. Ihre Stärke liegt insbesondere darin, dass Massing die Entstehung des Antisemitismus in den politischen Kontext stellt, den Machtverhältnissen der Zeit nachgeht und die sozialen und ökonomischen Bedingungen einbezieht. Die Bedeutung seiner Studie zeigt sich auch darin, dass er herausarbeitet, wie sich das antisemitische Potential von der politischen Bewegung hin zu den Interessenverbänden des Bürgertums und Mittelstands verlagert und wie genau diese sozialen Klassen zu den entscheidenden Akteuren des Antisemitismus wurden.

Paul W. Massing (1902–1979), in der Pfalz geboren, wurde 1933 in Berlin als Kommunist verhaftet. (Über diese Zeit verfasste er unter dem Pseudonym Karl Billinger einen Erfahrungsbericht mit dem Titel „Schutzhäftling Nr. 880“). Nach seiner Entlassung aus dem Konzentrationslager emigrierte er in die USA. Von 1943 bis 1947 war er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Sozialforschung in New York, 1949 wurde er zum Professor für Soziologie an der Rutgers University, New Jersey, berufen.

Ulrich Wyrwa, Professor für Neuere Geschichte an der Universität Potsdam und fellow am Zentrum für Antisemitismusforschung der Technischen Universität Berlin.

Paul W. Massing

Vorgeschichte des
politischen Antisemitismus

Herausgegeben und mit einem

Nachwort von Ulrich Wyrwa


Titel der amerikanischen Originalausgabe:

»Rehearsal for Destruction« erschienen 1949 bei Harper&Brothers,

New York, in der Reihe Studies in Prejudice, herausgegeben von Max Horkheimer und Samuel H. Flowerman

E-Book (ePub)

© CEP Europäische Verlagsanstalt GmbH, Hamburg 2021

Alle Rechte vorbehalten.

Covergestaltung: nach Entwürfen von MetaDesign, Berlin

Motiv: Ausschnitt aus ‚Germania rüstet sich zur Weltausstellung in Chicago‘ aus der Satirezeitschrift ‚Der wahre Jacob‘ (1892, Nr. 156)

Signet: Dorothee Wallner nach Caspar Neher »Europa« (1945)

ePub:

ISBN 978-3-86393-582-5

Auch als gedrucktes Buch erhältlich:

Neuausgabe © CEP Europäische Verlagsanstalt GmbH, Hamburg 2021

Zu dem Vorwort zur deutschen Ausgabe von Theodor W. Adorno und Max Horkheimer wurde das Vorwort von Paul W. Massing zur amerikanischen Erstausgabe angefügt.

Ein Nachwort des Herausgebers beschließt die Neuausgabe.

Deutsche Erstausgabe übersetzt und bearbeitet von Felix J. Weil erschien als Band 8 der Reihe des Frankfurter Instituts für Sozialforschung:

© 1959 by Europäische Verlagsanstalt, Frankfurt a.M.

Print: ISBN 978-3-86393-123-0

Informationen zu unserem Verlagsprogramm finden Sie im Internet unter www.europaeische-verlagsanstalt.de

Inhalt

VORWORT VON MAX HORKHEIMER UND THEODOR W. ADORNO ZUR DEUTSCHEN ERSTAUSGABE

VORWORT VON PAUL W. MASSING ZUR AMERIKANISCHEN AUSGABE

IDie Liberale Ära (1871–1878)

IIDer christlich-konservative Gegenangriff (1879–1886)

IIIKonservativer Staat und soziale Demagogie

IVStoeckers Niedergang (1886–1890)

VDie Ära Caprivi (1890–1894)

VIDie völkische Bewegung

VIIZur Charakteristik des völkischen Antisemitismus

VIIIDer Niedergang des politischen Antisemitismus

IXNationale Sammlung und Antisemitismus

XDer Standpunkt der Sozialisten

XIMarxistische Politik

EXKURS: Der Fall Franz Mehring

XIIDie Sozialdemokratische Partei in der Ära des Imperialismus (1895–1914)

Eine Zusammenfassung

ANMERKUNGEN

REGISTER

NACHWORT ZUR NEUAUFLAGE VON ULRICH WYRWA

ANMERKUNGEN ZUM NACHWORT

Vorwort von Max Horkheimer und Theodor W. Adorno zur deutschen Erstausgabe

Mit dem Werk von Paul Massing über den politischen Antisemitismus im Kaiserreich bringen die »Frankfurter Beiträge zur Soziologie« erstmals eine Studie, die während der Emigrationsjahre im Institut für Sozialforschung an der Columbia-Universität zu New York entstand. Das Original erschien unter dem Titel »Rehearsal for Destruction« im Rahmen der »Studies in Prejudice«, die Max Horkheimer und Samuel Flowerman herausgaben. Dem American Jewish Committee, dessen Forschungsabtei lung damals mit dem Institut aufs engste zusammenarbeitete, ist für die Bewilligung des Drucks der deutschen Fassung zu danken. Ergänzt wird das Buch durch die hier entstandene soziologische Dissertation von Eleonore Sterling, welche die Vorgeschichte des deutschen politischen Antisemitismus noch weiter zurückverfolgt, bis zum Beginn des neunzehnten Jahrhunderts. Sie wurde im Verlag Chr. Kaiser, München 1956, unter dem Titel »Er ist wie du« veröffentlicht.

Zur Publikation des Massingschen Werkes bewog uns indessen nicht nur der Wunsch, die Kontinuität zwischen der amerikanischen Produktion des Instituts und seinen Forschungen in Deutschland seit 1950 hervorzuheben. Es dünkte uns an der Zeit, daß Untersuchungen, die sich auf spezifisch deutsches Material bezogen und die einem so zentralen Komplex wie der Vorgeschichte des Antisemitismus gelten, auch in Deutschland bekannt werden. Ohne Einsicht in diesen Komplex bliebe das Verständnis des kaum Vergangenen verbaut. Die Abwehr der Erinnerung an das Unsägliche, was geschah, bedient sich eben der Motive, welche es bereiten halfen.

Wahr ist, daß die Gabe der Erinnerung in der rasch sich ändernden Gesellschaft unter dem Zwang, zeitgemäßere Fähigkeiten zu entfalten, sich zurückbildet. Die Reflexion der Völker auf ihre Geschichte ist seit je der herrschenden Richtung gefolgt; heute bleibt ihnen zu solcher Reflexion keine Zeit. Ohne lohnende Funktion im Zweckzusammenhang der Gegenwart hat Vergangenheit, private wie historisch relevante, wenig Aussicht, im Bewußtsein zu erscheinen, sie ist »past history«, totes Kapital. Um Zinsen zu tragen, müßte es als Element sozialer Integration, als Instrument der Ausrichtung brauchbar, zumindest für einen Augenblick politisch passend sein. Das ist die Aussicht der Ermordeten, im Bewußtsein wieder aufzustehen, seien es Polen, Juden, Deutsche oder wer je in der Geschichte Freiwild war. Seit den ersten Nachkriegsjahren hat die Chance der geopferten Juden auf solches Eingedenken in Europa abgenommen und ist auf die Wenigen angewiesen, deren Wille zur richtigen Zukunft mit der Absage an die Wiederholung sich die Analyse des Vergangenen auferlegt. Massings Buch kann ihnen eine Hilfe sein.

Soweit heute auf den finstersten Aspekt des Nationalsozialismus, den mörderischen Rassenwahn, in Deutschland reflektiert wird, stellt er zumal dem traditionalistischen Kulturglauben als eine von außen bereitete Katastrophe sich dar; als wäre Hitler wie ein Dschingis Khan in das Weimarer Deutschland eingebrochen und hätte ein Fremdes, gänzlich Unvorhersehbares verübt. Noch die entsetzte Rede von dämonischen Kräften dient insgeheim der Apologie: was irrationalen Ursprungs sein soll, wird der rationalen Durchdringung entzogen und zu einem schlechterdings Hinzunehmenden magisiert. Denkt man an Wurzeln des totalitären Antisemitismus, so sind intellektuelle Wortführer wie Langbehn, Lagarde, Gobineau, allenfalls Chamberlain, das Wagnerische Bayreuth, schließlich Lanz von Liebenfels gemeint; selten die eigentlich politisch-soziale Sphäre. So kulturfremd nun aber auch in der Tat Hitler sich ausnimmt, so tief reichen doch die geschichtlichen Ursprünge seiner Untat. Sie stecken keineswegs bloß in den Theoremen einiger paranoider Querköpfe.

In den ersten Hetzblättchen aus den Tagen des Fries und jenes Jahn, der heute bei den Fronvögten der Ostzone in hohen Ehren steht, war schon der totalitäre Antisemitismus angelegt; schon ihre Sprache wollte auf den Mord hinaus, und auch Schichten, die sich als Elite oder als Fortgeschrittene fühlten, waren, wie in Massings Buch sich zeigt, nicht gegen jenes Potential gefeit. Es überlebt, und darum ist die Analyse des Antisemitismus heute, da er nach der Ausrottung der Juden nicht gar zu offen sich vorwagt, so dringlich wie je – und die Bedingungen für ihre Aufnahme mögen günstiger sein, als wenn offener Haß die Regung der Vernunft überschreit.

Keineswegs ist der totalitäre Antisemitismus ein spezifisch deutsches Phänomen. Versuche, ihn aus einer so fragwürdigen Entität wie dem Nationalcharakter, dem armseligen Abhub dessen, was einmal Volksgeist hieß, abzuleiten, verharmlosen das zu begreifende Unbegreifliche. Das wissenschaftliche Bewußtsein darf sich nicht dabei bescheiden, das Rätsel der antisemitischen Irrationalität auf eine selber irrationale Formel zu bringen. Sondern das Rätsel verlangt nach seiner gesellschaftlichen Auflösung, und die ist in der Sphäre nationaler Besonderheiten unmöglich. In der Tat verdankt der totalitäre Antisemitismus seine deutschen Triumphe einer sozialen und ökonomischen Konstellation, keineswegs den Eigenschaften oder der Haltung eines Volkes, das von sich aus, spontan, vielleicht weniger Rassenhaß aufbrachte als jene zivilisierten Länder, die ihre Juden schon vor Jahrhunderten vertrieben oder ausgerottet hatten. In der von Massing behandelten Periode war der Antisemitismus in Frankreich – dem der Dreyfus-Affaire und Drumonts – kaum weniger virulent.

Wer den totalitären Antisemitismus begreifen will, sollte sich nicht dazu verleiten lassen, dessen Erklärung einer gleichsam naturgegebenen Notwendigkeit gleichzustellen. Wohl sieht retrospektiv alles so aus, als hätte es so kommen müssen und nicht anders sein können. Man wird unter den Berühmten der deutschen Vergangenheit bis hinauf zu Kant und Goethe nur wenige nennen können, die von judenfeindlichen Regungen ganz frei waren. Aber indem man auf solche Universalität insistiert und die Fatalität des Geschehenen im Begriff nochmals wiederholt, macht man sie in gewissem Sinn sich selbst zu eigen. Den Spuren des heraufdämmernden Verhängnisses in der deutschen Vergangenheit ist allerorten auch deren Gegenteil gesellt, und die Weisheit, ex post facto zu dekretieren, was von vornherein das Stärkere gewesen sei, macht es sich allzu leicht, indem sie das Wirkliche als das allein Mögliche unterstellt. In Frankreich hatten einige der tapfersten Dreyfusards, wie Zola und Anatole France, in ihre Romane zuweilen Darstellungen von Juden eingefügt, die jenen Klischees ähneln, gegen deren Konsequenz sie sich einsetzten. Zur Erfahrung von Geschichte gehört auch das Bewußtsein des Nichtaufgehenden, Diffusen, Vieldeutigen.

Hier vielleicht trägt Massings Buch Entscheidendes bei. Es hilft, den Knoten des Zufälligen und Notwendigen, auf selber rationale Weise, zu entwirren. Während er das amorphe, immer gegenwärtige, aber auch nie ganz wahre Potential des Judenhasses in den Bevölkerungen visiert, ohne doch daraus die Katastrophe abzuleiten, trifft seine Forschung den Bereich, an dem sich erkennen läßt, warum jenes Potential sich durchsetzte. Er zeigt an den geschichtlichen Tatsachen mit großer Evidenz, daß im Bismarckschen Deutschland der Antisemitismus politisch manipuliert und, je nach der Forderung des Tages der damaligen Interessen, an- und abgestellt wurde. Jene spontanen Volkserhebungen des Dritten Reiches, die auf ein Signal wohlorganisiert aufflammten, haben ihre Vorform in den Bewegungen der Stoecker und Ahlwardt, über die man opportunistisch verfügte, und die man mit vornehm-konservativem Gestus ebensogut zur Ruhe und Ordnung verhalten wie gegen die Sozialdemokratie loslassen konnte. Ohne daß die Rezeptivität der Masse für derlei Reize verkannt würde, ist doch zugleich auch ihr Maß an Schuld relativiert: die nach Opfern schreien, offenbaren sich als Opfer selber, als von der politischen Macht hin- und hergeschobene Schachfiguren. Der Antisemitismus hat seine Basis in objektiven gesellschaftlichen Verhältnissen ebenso wie in Bewußtsein und Unbewußtsein der Massen. Aber er aktualisiert sich als Mittel der Politik: als eines der Integration auseinanderweisender Gruppeninteressen; als die kürzeste und ungefährlichste Art, von einer Lebensnot abzulenken, zu deren Beseitigung andere Mittel verfügbar wären.

Massing bleibt nicht bei dieser generellen These stehen; er behauptet sie nicht einmal. Aber an dem Material, das er in minutiöser soziologischer und historischer Arbeit zusammengebracht hat, leuchtet sie ein. Besonnene wissenschaftliche Objektivität läßt hinter sich, was irgend die polemische Phantasie auszumalen vermöchte.

Ganz besonderer Dank gebührt Dr. Felix J. Weil, dem treuen Freund des Instituts, dem es sein Dasein verdankt. Er hat nicht nur Massings Text ins Deutsche übersetzt, sondern unermüdlich an der Vorbereitung der Publikation mitgewirkt.

Frankfurt am Main

Sommer 1959

Max Horkheimer

Theodor W. Adorno

Vorwort von Paul W. Massing zur amerikanischen Ausgabe

Die vorliegende Studie befasst sich mit den historischen Vorläufern des nationalsozialistischen Antisemitismus im kaiserlichen Deutschland in der Zeit zwischen der Emanzipation der deutschen Juden und dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Damit soll ein Beitrag zum Verständnis der politischen Entwicklungen geleistet werden, die schließlich im Massenmord an den Juden als Teil der deutschen nationalen Politik gipfelten. Indem wir uns auf die politischen Aspekte des Antisemitismus im deutschen Kaiserreich, auf Machtprobleme, Gruppenprivilegien und Gruppenantagonismen konzentrieren, hoffen wir auch, das Verständnis des modernen Antisemitismus generell zu fördern.

Politischer Antisemitismus ist nicht an nationale Grenzen gebunden, dennoch nimmt er seine spezifischen Züge aus einem bestimmten nationalen Umfeld. Diese Studie zum politischen Antisemitismus im kaiserlichen Deutschland umfasst daher ein weites Feld, es reicht von den politischen Parteien, über religiöse und berufsständische Organisationen, die Regierung und Opposition bis hin zu Individuen und gesellschaftlichen Gruppen. Die Behandlung des Themas in einem so breiten Rahmen bringt erhebliche Schwierigkeiten bei der Auswahl und Bewertung mit sich. Es besteht die Gefahr, zu wenig und zu viel zu geben. Das komplexe historische Bild kann leicht verzerrt werden, wenn die Aufmerksamkeit auf ein einziges seiner Merkmale gerichtet wird. Es gab nicht nur Antisemitismus in Deutschland. Darüber hinaus mussten bedeutende und positive Phasen des intellektuellen, kulturellen und sogar politischen Lebens in Deutschland vernachlässigt oder ganz ausgelassen werden, wenn sie keinen Bezug zum spezifischen Problem zu haben schienen; es wurde nicht versucht, eine umfassende Darstellung der Zeit zu geben. Andererseits ist das Phänomen derart, dass es nicht aus dem gesellschaftspolitischen Gefüge des deutschen Lebens herausgelöst werden kann. Das Verständnis des deutschen Antisemitismus erfordert ein Verständnis der deutschen Gesellschaft.

Das moderne Deutschland war nie in der Lage, eine bürgerliche Gesellschaft nach dem Vorbild des westlichen Liberalismus zu entwickeln. Die Tatsache, dass Deutschland nie einen radikalen Bruch mit seiner feudalen Vergangenheit vollzog, war der wichtigste Einzelfaktor, der den Verlauf seiner Geschichte bestimmte. Lange nachdem England und Frankreich nationale Einheit, demokratische Regierungen und imperiale Besitzungen erreicht hatten, lange nachdem das Bürgertum zum Zentrum des kulturellen und wirtschaftlichen Lebens dieser Länder geworden war, blieb Deutschland wirtschaftlich rückständig und politisch unterentwickelt, mit einem Bürgertum, das zu schwach war, die Macht zu übernehmen und die Nation neu zu gestalten, wie es das französische und englische Bürgertum getan hatte. Während der gesamten Existenz des kaiserlichen Deutschlands blieben die alten aristokratischen Kreise an der Macht. Im Kampf um den Erhalt ihrer Position erhielten sie Unterstützung von den großen vorbürgerlichen Schichten zwischen Bürgertum und Arbeiterschaft, die die deutsche Soziologie gewöhnlich als den alten Mittelstand bezeichnet. Die alten aristokratischen Machthaber und der alte Mittelstand teilten eine Antipathie gegen den vom Bürgertum geförderten Liberalismus, und alle diese Schichten zusammen teilten die Angst vor dem Aufstieg der Arbeiterschaft. Der Antisemitismus wurde Teil der daraus resultierenden gesellschaftspolitischen Konstellation.

In der Geschichte des Antisemitismus in Deutschland vermischen sich daher auf merkwürdige Weise Elemente der Reaktion im herkömmlichen Sinne des Wortes mit Elementen der sozialen Rebellion. Die nationalistische Verherrlichung der deutschen Vergangenheit und die Ablehnung der „erwerbsorientierten“ oft als jüdisch stigmatisierten westlichen Gesellschaft1 sind mit dem Antisemitismus als Manifestation des gesellschaftlichen Protests verbunden. Bereits in der Zeit der preußischen ‚Befreiungskriege' gegen Napoleon wurde der Judenhass mit Idealen von Freiheit und Unabhängigkeit verbunden. Mit der demokratischen Revolution von 1848 kam es zum Aufflammen eines populären Antisemitismus.2 Ein Flugblatt, das damals in Baden kursierte, verkündete als Ziele der Revolution die Vernichtung der Aristokratie, die Vertreibung der Juden aus Deutschland, die Absetzung aller Könige, Herzöge und Fürsten und die Ermordung aller Regierungsbeamten. Es erklärte, dass „Deutschland ein Freistaat wie Amerika werden“ muss.3

Nicht selten fanden die Einebnung von Schlössern und die Plünderung von jüdischen Häusern gemeinsam statt. In den 1880er Jahren organisierte ein Sozialreformer die hessischen Bauern auf der Basis von Antisemitismus und ländlichen Genossenschaften, und in den 1890er Jahren trugen antisemitische Agitatoren den Kampf gegen den Landadel in das Territorium der Junker.

Die doppelte Natur des Antisemitismus als politisches Mittel und als verworrener Ausdruck sozialen Protests mag einige der populären Missverständnisse über seine Rolle in der modernen deutschen Geschichte erklären. Die herrschenden Gruppen haben das Instrument nicht ununterbrochen eingesetzt. Es gab Zeiten, in denen sie, und mit ihnen die Mehrheit des deutschen Volkes, die Judenhetze als unverantwortlich und ungehobelt ansahen und ihren Protest gegen die Verfolgung der Juden in anderen europäischen Ländern zum Ausdruck brachten. In den beiden Jahrzehnten vor dem Ersten Weltkrieg war der organisierte Antisemitismus in Deutschland auf dem Rückzug. Die Erinnerung an diese Jahre hat den Irrglauben begünstigt, dass der deutsche Antisemitismus vor dem Aufstieg der NS-Bewegung vernachlässigbar war. Tatsache ist, dass es in Deutschland Bewegungen gab, die den Kampf gegen Juden zum Hauptbestandteil ihrer Aktivitäten machten, lange bevor Hitler an die Macht kam. Gemessen an der Zahl ihrer Anhänger, ihrer organisatorischen Stärke oder ihrer politischen Vertretung erreichten die Antisemiten vor Hitler jedoch nie den Status großer politischer Parteien. Aber ihre Bedeutung kann nicht allein nach solchen Kriterien beurteilt werden. Sie hielten den Antisemitismus in der deutschen Kultur lebendig und verbreiteten ihn. Sie formulierten die rassistische Ideologie lange vor der Entstehung des Nationalsozialismus und halfen, den Weg für eine politische Allianz gesellschaftlicher Kräfte zu ebnen, die sich als tödlich für die deutsche Republik und katastrophal für die Welt erwies.

Dass der Antisemitismus zeitweise so unverkennbar eine Manifestation des sozialen Protests war, führte zu einer weiteren falschen Einschätzung seiner möglichen Funktion. Noch im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts waren liberale Historiker und sozialistische Autoren davon überzeugt, dass antisemitische Agitation nichts anders könne, als die politischen Interessen schlummernder gesellschaftlicher Gruppen zu wecken, die sich, einmal zum politischen Denken erweckt, bald den Kräften des Fortschritts anschließen würden. Die Auswirkungen der jüngsten Geschichte sollten die letzten Reste solcher Illusionen vertrieben haben.

Allerdings könnte das Pendel wieder zu weit ausgeschlagen haben. Die Ereignisse des letzten Jahrzehnts haben den Glauben bestärkt, Deutschland sei ein Einzelfall. Das war es sicherlich. Aber wir würden die Theorien der Nationalsozialisten über den deutschen ‚Volksgeist‘ ernster nehmen, als diese es selbst taten, wenn wir den Antisemitismus auf einen angeborenen deutschen Charakter zurückführen würden. Die Nationalsozialisten sahen an dem ‚einheimischen‘ Produkt genügend Möglichkeiten es zu exportieren.

Genauso wie der Antisemitismus eines Individuums komplexeste psychologische Funktionen haben kann, kann der politische Antisemitismus in einer Vielzahl von Konfliktsituationen dienen. Die Geschichte zeigt, wie er in der einen oder anderen Zeit von klerikal-feudalen Interessen gegen den säkularen Liberalismus, von Regierungen gegen die Opposition, von der Reaktion gegen die Arbeiterschaft, von imperialistischen Kräften gegen die Völker begehrter Gebiete oder auch vom nationalistischen Widerstand gegen ausländische Interventionen eingesetzt wurde. Aber die Geschichte zeigt auch die Kräfte, die sich ihm widersetzten, und die Umstände, die sein Wachstum behinderten. Jede fruchtbare Analyse des Phänomens muss daher konkret und sensibel für seine vielfältigen und oft widersprüchlichen Erscheinungsformen sein.

Das vorliegende Buch habe ich als Mitglied des Institute of Social Research, New York, geschrieben, und ich bin dem Direktor des Instituts, Dr. Max Horkheimer, zu großem Dank verpflichtet, der die Idee dazu hatte und mich während der gesamten Zeit des Schreibens beriet. Andere Mitglieder des Instituts, Dr. Leo Löwenthal, Dr. Friedrich Pollock, Dr. Felix J. Weil und Dr. Karl A. Wittfogel, haben das Manuskript in verschiedenen Stadien der Fertigstellung gelesen, und ich habe mich frei auf ihr Wissen und ihre Erfahrung gestützt. Dr. A. R. L. Gurland hat mir mit seiner strengen und konstruktiven Kritik sehr geholfen. Mit einem besonderen Gefühl der Verpflichtung danke ich Herrn Georg Fuchs für seine unermüdliche Hilfe. Seine Kenntnisse der deutschen Gesellschaft und Politik und seine Leidenschaft für das Verständnis der Entwicklung der jüngsten deutschen Geschichte waren eine ständige Quelle der Inspiration. Dr. John Slawson, Executive Vice-President des American Jewish Committee, und Dr. Samuel H. Flowerman, Direktor der wissenschaftlichen Abteilung des Komitees, bin ich dankbar, dass sie viel Geduld mit dem Zaudern des Autors gezeigt haben. Es ist mir ein Anliegen, auch Frau Lore Kapp und Frau Nina Rubinstein für die Unterstützung bei der Recherche und Frau Edith Kriss für die Vorbereitung des Manuskripts meinen Dank auszusprechen. Die Herren Herbert und William Poster bearbeiteten das Manuskript. Herr John I. Shields erstellte den Index. Herr Heinz Norden übersetzte die Dokumente I-XI und Frau Fiorella Haas vom American Jewish Committee das Dokument XII. Ich möchte ihnen allen für ihre Hilfe danken.

Paul W. Massing

Rutgers University

New Brunswick, New Jersey

15. September 1949

Aus dem Amerikanischen

von Ulrich Wyrwa

1Johann Gottlieb Fichte, Der geschlossene Handelsstaat, Tübingen 1800, S. 286: „Sie erfreut mehr die List des Erstrebens, als die Sicherheit des Besitzes. Diese sind es, die unablässig nach Freiheit rufen, nach Freiheit des Handels und Erwerbes, Freiheit von Aufsicht und Polizei, Freiheit von aller Ordnung und Sitte.“

2Karl Lamprecht, Deutsche Geschichte, 12 Bde., Berlin 1920–1922, Bd. 10, S. 481.

3Veit Valentin, Geschichte des Deutschen Revolution von 1848–1849, 2 Bde., Berlin 1930, Bd. 1, S. 344–5.

KAPITEL I
Die Liberale Ära (1871-1878)

Wie in anderen europäischen Ländern, so bildete auch in Deutschland der Kampf um die politische Emanzipation der Juden einen Teil des umfassenderen Kampfes zwischen den alten Feudalmächten und dem aufsteigenden Bürgertum. Erfolge und Mißerfolge der Juden in ihrem Ringen um bürgerliche Gleichberechtigung hingen aufs engste zusammen mit dem Schicksal des deutschen Liberalismus in seinem Streben nach Demokratie und nationaler Einheit. Das Emanzipationsgesetz selbst wurde erst 1869 vom Norddeutschen Bund angenommen. Aber schon in der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts hatte Deutschland auf seinem Wege zur Verstädterung und Industrialisierung den Juden wirtschaftliche, soziale und kulturelle Vorteile geboten, die ihnen in östlichen und südöstlichen Ländern Europas versagt blieben. Von 1816 bis 1848, also vom Ende der Napoleonischen Kriege bis zur Revolution, stieg die Zahl der jüdischen Bevölkerung von 300 000 auf 400 000. Jüdische Namen hatten Klang in Handel und Bankwesen, in Literatur und Politik. Eduard Simson, ein getaufter Jude und Professor der Rechte, wurde im Oktober 1848 Vizepräsident, im Dezember Präsident der Frankfurter Nationalversammlung. In der Periode der politischen Reaktion hingegen, die der Niederlage der Revolution folgte, sahen die Juden ihre bürgerlichen Rechte von fast allen deutschen Staaten wieder beschnitten.

Bismarcks Plan der Einigung Deutschlands unter dem König von Preußen machte politische Zugeständnisse und Garantien notwendig. Es galt, uralte Ressentiments und Beschwerden gegen das orthodox-protestantische, feudale Preußen zu überwinden. Die Katholiken im Süden, die Hannoveraner (»Annexionspreußen«) im Norden und die Liberalen im Westen verlangten Schutz vor Übergriffen des Staates. Bismarck konnte nicht hoffen, die so ungleichen Teile der Nation unter einen Hut zu bringen, ohne ihnen Gleichheit vor dem Gesetz zu gewähren und das Recht, sich an der Regierung zu beteiligen.

Im Zuge der notwendigen Konzessionen an den Liberalismus erreichten die deutschen Juden ihre Gleichberechtigung. Am 3. Juli 1869 wurden alle Juden im Norddeutschen Bund von jeglicher politischen Unterdrückung befreit. Das vom preußischen König als Bundespräsidenten verkündete und von Bismarck gegengezeichnete Gesetz erklärte:

»Alle noch bestehenden, aus der Verschiedenheit des religiösen Bekenntnisses hergeleiteten Beschränkungen der bürgerlichen und staatsbürgerlichen Rechte werden hierdurch aufgehoben. Insbesondere soll die Befähigung zur Teilnahme an der Gemeinde- und Landesvertretung und zur Bekleidung öffentlicher Ämter vom religiösen Bekenntnis unabhängig sein.«

Unter den süddeutschen Staaten hatte Baden 1862 die letzten Beschränkungen jüdischer Bürgerrechte aufgehoben, Württemberg 1864. Die bayrischen Juden errangen Rechtsgleichheit, als Bayern während des Krieges von 1870/71 dem Norddeutschen Bund beitrat.

Die geschichtlichen Umstände, unter denen in Deutschland die Emanzipation der Juden zustande gekommen war, übten einen nachhaltigen Einfluß aus auf ihre gesellschaftliche Stellung. Die konservativen Mächte hatten zwar die staatsbürgerliche Gleichberechtigung nur unter politischem Druck gewährt, erwarteten aber gleichwohl Dankbarkeit und Gehorsam für das, was sie lieber als einen Akt christlicher Großmut betrachteten. Die Bitterkeit ihrer späteren Anklagen gegen nicht-konservative Juden glich den Gefühlen eines Wohltäters gegenüber einem Undankbaren. Überhaupt behielt die Emanzipation, da sie nicht das Resultat einer revolutionären Veränderung gewesen war, den Charakter eines Gnadenaktes: die Durchführung des Emanzipationsgesetzes sagte die Wahrheit über seinen Ursprung. In Preußen zum Beispiel unterließ es die Regierung, die Beamtenlaufbahn jüdischen Bewerbern zugänglich zu machen; sie zog es vor, auf feudale Traditionen Rücksicht zu nehmen. Juden waren als Anwälte zugelassen, aber nur ausnahmsweise als Richter; als Lehrer in Schulen, aber nur selten als Universitätsdozenten. Ein ungeschriebenes Gesetz hielt sie fern von der Staatsverwaltung, dem aktiven Armeedienst und fast allen öffentlich-rechtlichen Stellungen, außer wenn sie durch die Taufe – manchmal auch durch Namensänderung – bekundeten, daß sie auf ihre konfessionelle Identität verzichteten.

Dennoch bedeutete die politische Emanzipation der Juden nicht nur einen moralischen Erfolg. In Politik und Kunst, in Journalismus und Wissenschaft, als Anwälte, Bankiers, Geschäftsleute und Schriftsteller begannen sie, einflußreiche Positionen einzunehmen. Derselbe Eduard Simson, der als Präsident der Frankfurter Nationalversammlung im April 1849 Friedrich Wilhelm IV. vergeblich die Wahl zum Kaiser angeboten hatte und 1867 Präsident des Norddeutschen Reichstages geworden war, überreichte im Dezember 1870 in Versailles dem König von Preußen, Wilhelm I., die Kaiserkrone (1)*. Zwei hervorragende liberale Abgeordnete, die Bismarck in seinen politischen Bestrebungen unterstützten, waren ungetaufte Juden: Ludwig Bamberger und Eduard Lasker. Bismarcks persönlicher Finanzberater, der 1866 mitgeholfen hatte, den Krieg gegen Österreich zu finanzieren, war ein jüdischer Bankier, Gerson von Bleichröder. Selbst ein Historiker wie Dubnow, der die Erfolgsaussichten der jüdischen Assimilation im allgemeinen als sehr gering einschätzt, beurteilt die Umstände, unter denen deutsche Juden während dieser Jahre lebten, als günstig. Er schreibt:

»Nach der Konsolidierung des Reiches hatte es den Anschein, als ob das Gespenst der Judenfrage aus dem geeinten Deutschland endgültig verscheucht sei. Es war dies die Zeit, da die Juden in die höchsten deutschen Kreise Zutritt fanden und auf allen Gebieten des wirtschaftlichen Lebens festen Fuß faßten. Bei dem Bau von Eisenbahnen, der Gründung von Fabriken und der Errichtung von Handelshäusern spielte das jüdische Kapital eine führende Rolle. Die jüdische Intelligenz kam in den freien Berufen sowie in den den Juden zugänglichen Zweigen der Staatsverwaltung zur Geltung.«2)

Diese Erfolge errangen die deutschen Juden in einer Zeit wirtschaftlicher und nationaler Aufwärtsbewegung. Eine bisher nicht gekannte Hochkonjunktur schien die Behauptung zu rechtfertigen, daß ungehemmter wirtschaftlicher Liberalismus die Interessen aller fördere. Schnell wurde der für den liberalen Kapitalismus notwendige gesetzgeberische und verwaltungstechnische Apparat aufgebaut. Die Gewerbeordnung von 1869 hatte bereits das Prinzip der Gewerbefreiheit statuiert. Nachdem durch die »Aktiennovelle« von 1870 alle hemmenden Vorschriften aufgehoben waren, konnten sich die Aktiengesellschaften frei entfalten. Die Reichsmünzgesetze von 1871 und 1873 führten den Goldstandard ein und spornten die deutsche Geschäftswelt an, ihre Position auf dem Weltmarkt zu verbessern.

Der Optimismus der deutschen Unternehmer, der schon mit den schnellen Fortschritten der chemischen und Montanindustrie, der Eisenbahn, des Bankwesens und des Außenhandels ins Kraut geschossen war, kannte nach dem siegreichen Kriege von 1870/71 keine Grenzen mehr. Die unerwartet schnelle Bezahlung der französischen Kriegsentschädigung von fünf Milliarden Goldfranken gab dem Selbstvertrauen Deutschlands, und besonders dem des deutschen Bürgertums, neue Nahrung. Von 1866 bis 1873 stieg der industrielle Verbrauch von Roheisen auf über das Doppelte. Während des Jahres 1872 wurden in Preußen zweimal soviel Aktiengesellschaften gegründet wie in der ganzen Periode von 1790 bis 1867, darunter 49 Banken und 61 Unternehmen der chemischen Industrie. 1871 entstand die Deutsche Bank, 1873 die Dresdner Bank.

Es war die Blütezeit des freien Unternehmertums in Deutschland. Ungeahnte wirtschaftliche Möglichkeiten schienen nur darauf zu warten, ausgenutzt zu werden. Noch nie war es so leicht gewesen, schnell reich zu werden, und wer nur konnte, stürzte sich in Börsengeschäfte. Die Ideologien für diese »Gründerzeit«, die Max Wirth in seiner »Geschichte der Handelskrisen«3) anschaulich dargestellt hat, wurden von den beiden liberalen Parteien geliefert, der Fortschrittspartei (4) und den Nationalliberalen; diese waren, unter dem Hannoveraner Rudolf von Bennigsen, Bismarcks zuverlässigste Verbündete (5).

Die Weltmarktkrise von 1873 traf dieses optimistische, vorwärtsstrebende, wild spekulierende Reich wie ein Blitzschlag. Ein Börsenkrach, der viele schnell erworbene Vermögen zusammen mit einer Unzahl kleiner, mühsam errungener Spargroschen auslöschte, leitete den wirtschaftlichen Zusammenbruch ein; er entwickelte sich zu einer der längsten und schwersten Krisen in der Geschichte Deutschlands6). Im wirtschaftlichen Drunter und Drüber der nächsten sechs Jahre wurden das Ansehen und die Aussichten des deutschen Liberalismus, um die es ohnehin wegen der verspäteten wirtschaftlichen und verwirrten politischen Entwicklung des Landes nie sehr gut stand, tödlich geschwächt. Der ökonomische Rückschlag wirkte sich unmittelbar auch auf die Stellung der Juden aus. Der ganzen liberalen Bewegung wurde jetzt der Prozeß gemacht; die Bezeichnung »Liberaler« galt als Schimpfwort. Für die Feinde der neuen Ära verkörperte sich der Liberalismus in der Fortschrittspartei und der Nationalliberalen Partei, und beide wurden als »jüdisch« gebrandmarkt.

An diesem Wendepunkt in der Entwicklung der jungen Nation waren die beiden stärksten politischen Gegner der Bismarckschen Reichspolitik die Altkonservativen (7) und die Zentrumspartei (8). Die Konservativen sahen ihre führende Stellung von den Reformen, die der Reichskanzler im Interesse der nationalen Einigung hatte einführen müssen, bedroht. Mit der katholischen Hierarchie war Bismarck in einen erbitterten Kampf um die Vorherrschaft des Staates über die Kirche verwickelt. Die Konservativen und das Zentrum suchten nach Verbündeten, und es war nur natürlich, daß sie sich an diejenigen Gesellschaftsschichten wandten, die am meisten unter der plötzlichen Wirtschaftskatastrophe litten und schon begonnen hatten, ihren Enttäuschungen und Beschwerden in Ausbrüchen gegen Bismarck und den »jüdischen Liberalismus« Ausdruck zu geben.

Einer der ersten Wortführer der Unzufriedenheit war Wilhelm Marr, ein Journalist, der zu Beginn der Wirtschaftskrise eine Broschüre unter dem Titel veröffentlichte: »Der Sieg des Judenthums über das Germanenthum – Vom nicht-confessionellen Standpunkt aus betrachtet. Vae Victis!«9) Es war nicht Marrs erste Publikation dieser Art. Zehn Jahre vorher hatte er, »indigniert über die Folgen der Judenemanzipation«, deren Anfänge er schon vor der 48er Revolution zu sehen glaubte, seine erste antisemitische Schrift veröffentlicht, den »Judenspiegel« (10). Seine zweite Broschüre war ein sensationeller Erfolg. Zwischen 1873 und 1879 erlebte sie zwölf Auflagen. Sie ist ein ungewöhnlich interessantes Dokument für das Studium der Geschichte des deutschen Antisemitismus und der modernen faschistischen Agitation überhaupt.

Marr lehnt es ausdrücklich ab, die jüdische Religion anzugreifen: »Es liegt einmal in der Menschennatur, daß sie die Vorsehung, die Religion, immer behelligt, wenn sie Dummheiten oder Niederträchtigkeiten begehen will. Man hat sich fast noch nie in Kriegen gegenseitig erwürgt, ohne zuvor hüben und drüben Götter oder unsern Herrgott anzurufen und ihnen oder ihm die Ehre der Bundesgenossenschaft aufzudrängen, und so mußten denn auch Gott und die Religion herhalten bei allen Judenverfolgungen …11) Er betrachtete es als »blödsinnig«, den Juden die Verantwortung für die Kreuzigung Christi aufzuladen, für »einen Vorgang, welchen bekanntlich die römischen Autoritäten, dem Geschrei eines jerusalemitischen Pöbels feige nachgebend, in Szene gesetzt hatten … Gegen jede ›religiöse‹ Verfolgung nehme ich somit die Juden unbedingt in Schutz.«12)

Nicht weniger bemerkenswert ist Marrs Charakterisierung der Juden. »Hoch begabt«, »stark«, »von staunenswerter Zähigkeit und Ausdauer« gehören zu den Eigenschaften, die er ihnen zulegt. Er benutzt Argumente der liberalen Verteidigung und der jüdischen Selbstverteidigung, um soziale Stellung und wirtschaftliche Rolle der Juden im Mittelalter zu erklären: »Von oben offiziell gedrückt, konnten sie sich nach unten hin realistisch schadlos halten. Das Volk durfte nicht murren zu dieser seiner Ausbeutung durch die Großen, bei der das Judentum den Makler machte.«13) Populärer Haß sei so auf die Juden abgelenkt worden, wie er in voller Übereinstimmung mit der Sündenbocktheorie schreibt: »Den ›Großen‹ kamen solche gelegentlichen Judenhetzen gar nicht ungelegen. Wurden doch die Juden dadurch in Abhängigkeit und Maklerwillfährigkeit gehalten und durften sich nicht beikommen lassen, als ›Courtage‹ die Emanzipation ihres Volkes zu fordern.«14) Marr scheint den höchsten Grad der Objektivität zu erreichen, wo er die Gültigkeit der Behauptung, Juden seien Revolutionäre, einer Prüfung unterzieht. Natürlich sind sie das, argumentiert er, aber »daß die Juden die Revolution von 1789 wie die 1848er Revolution froh begrüßten, daß sie sich eifrig daran beteiligten, wer kann es ihnen verargen? ›Juden, Polen und Literaten‹ hieß das conservative Schlagwort im Jahre 1848. Nun ja, drei unterdrückte Potenzen! Die Glücklichen und Zufriedenen revoltieren nicht in dieser Welt.«15)

Indem Marr die gewöhnlich von Antisemiten vorgebrachten Anklagen gegen die Juden zurückweist, gibt er dem »jüdischen Problem« eine neue Wendung. Es geht ihm darum, ein altes Stereotyp zu zerstören: die Juden sind gar nicht eine kleine schwache Minderheit – sie sind eine Weltmacht! Sie sind viel stärker als die Germanen! Seine Verbeugung vor den Tugenden der Juden läuft darauf hinaus, ein neues Bild von ihnen als dem furchtbarsten Gegner zu schaffen: durch ihre rassischen Eigenschaften waren sie in der Lage, »1800 Jahre lang der abendländischen Welt den siegreichsten Widerstand« zu leisten, »im 19. Jahrhundert die erste Großmacht des Abendlandes in der Gesellschaft« und »heute der socialpolitische Diktator Deutschlands« zu werden, und das alles »ohne Schwertstreich, im Gegenteil, politisch verfolgt durch die Jahrhunderte hindurch.«16)

Einem Gegner solchen Kalibers gegenüberzustehen, ist eine Sache von Tod oder Leben, und in einem solchen Kampf, meint Marr, ist es nutzlos, die Schuldfrage aufzuwerfen. »Die welt- und kulturgeschichtlichen Ereignisse haben das Judentum in das Abendland hineingeschleudert. Dasselbe fand ein ihm fremdartiges Element vor und war selbst diesem Element fremdartig.« Deswegen wäre es unsinnig, den einzelnen Juden zu hassen: Marrs Antisemitismus ist totalitär. Er greift das Judentum als Gruppe an, nicht seine einzelnen Mitglieder. Das jüdische Volk, so beharrt er, ist rassisch fixiert; es kann weder sich ändern noch geändert werden. Friedlich und gleichberechtigt neben ihm zu leben, ist unmöglich wegen seiner überlegenen Eigenschaften. Die Alternative heißt »wir oder sie«, und so müssen beide Seiten im Kampf um ihre Existenz alle zur Verfügung stehenden Mittel benutzen. »Ein weltgeschichtliches ›Fatum‹« habe es gewollt, daß Juden und Germanen »gleich Gladiatoren der Kulturgeschichte« einander in der Arena gegenüberstehen. Das Individuum, das sich auf dieser oder jener Seite findet, hat keine andere Wahl, als zu seiner Gruppe zu stehen, sei es im Angriff, sei es in der Verteidigung. Und da es nur den Befehlen des Schicksals folgt, kann es für seine Taten nicht verantwortlich gemacht werden.

Die Stunde sei spät, mahnt Marr. Der germanische Staat befinde sich in schneller Auflösung und verfüge nicht mehr über die physische und intellektuelle Kraft, sich zu »entjuden«. Mit der Pseudo-Resignation, die für den Geist und Stil seiner Broschüre charakteristisch ist, sieht er die Niederlage der Germanen voraus: »Zäher und ausdauernder als wir, waret Ihr [Juden] die Sieger in diesem Völkerkrieg, den Ihr ohne Schwertstreich geführt habt, während wir Euch massakrierten und verbrannten, aber nicht die sittliche Kraft besaßen, Euch auf Euch selbst und den Verkehr unter Euch anzuweisen.«17) Marr läßt jedoch in seiner Konstruktion von Untergang und geschichtlicher Tragödie noch ein Türchen offen: möglicherweise könne ein letzter verzweifelter Gegenstoß Europas gegen das Judentum unternommen werden, »vielleicht – aber nur sehr vielleicht!« unter russischer Führung (18). In Deutschland werde wahrscheinlich eine »Katastrophe«, eine »Explosion« stattfinden, bevor das Germanentum sich ergibt: »die empörte Volksleidenschaft«, der »Ingrimm gegen die Verjudung der Gesellschaft« drängen danach19). Das allgemeine Pogrom, schicksalhaft und unkontrollierbar, wird hier angekündigt.

Es existiert wenig zuverlässiges biographisches Material über diesen Vorläufer des deutschen Rassen-Antisemitismus (20). Indessen geben Form und Substanz der Beweisführung eine Reihe von Aufschlüssen über den Autor.

Die konkreten Argumente, mit denen Marr seine unheilvollen Orakel unterbaut, stammen vom Schreibtisch eines erfolglosen Journalisten. Die großen Zeitungen, die liberalen Blätter, veröffentlichen nichts von ihm. Immer wieder beklagt er sich darüber, daß die Presse in jüdischen Händen sei und alle schäbig behandele, die es nicht mit dem »jüdischen Liberalismus« hielten21). Die düstersten Prophezeiungen fließen unmittelbar aus der persönlichen Kränkung. Das jüdische Monopol an der Tagespresse, »das Resultat des Dreißigjährigen Krieges, den das Judentum seit 1848 offiziell mit uns geführt hat«, mache es unmöglich, publizistisch an Deutschlands politischem Leben Anteil zu nehmen. In »Neu-Palästina«, wie er Bismarcks Reich nannte, sei mit der Emanzipation die Fremdherrschaft gesetzlich anerkannt worden. Ihren Agenten sah er in der Nationalliberalen Partei, zu der die Juden strömten, »weil hier der Geist der Verjudung …, die Prinzipienlosigkeit am weitesten vorgeschritten war. Rein erhalten von der Verjudung hat sich bis jetzt nur die ultramontane Partei. Die conservative Regierungspartei dagegen wimmelt von semitischen Elementen, denn zwei Drittel unserer offiziösen Literaten sind durch Juden vertreten.«22) Marr mag nicht Unrecht gehabt haben mit seiner Behauptung, er sei zugunsten jüdischer Konkurrenten aus dem deutschen Journalismus hinausmanövriert worden. Ebenso nahe liegt die Annahme, daß die aufblühende liberale Presse von ihren Mitarbeitern Leistungen verlangte, denen er sich nicht gewachsen zeigte. Wie dem auch sei, seine Anklage wäre wohl als ein Zeichen von Verfolgungswahn betrachtet worden, hätten seine eigenen Erfahrungen nicht in vielen anderen ein Echo gefunden. Er formulierte den Protest bestimmter Gruppen, die sich im neuen Reich nicht mehr zu Hause fühlten. Es waren, allgemein gesprochen, vorkapitalistische Schichten, die ihre gesellschaftliche Stellung und kulturelle Tradition bedroht sahen und, wie immer in solchen Fällen, ihr Schicksal mit dem der ganzen Gesellschaft identifizierten. »Die ganze Gesellschaft«, sagt Marr, sei in ihren Anschauungen korrumpiert, jeder »Idealismus« sei »aus der Gesellschaft hinausgedrängt«, »das Talent« zum »prasselnden Virtuosentum« und »die Kupplerin Reklame zur Göttin der öffentlichen Meinung gemacht« worden23).

Marr spricht jedoch nicht für alle Gegner der Bismarckschen Politik und der neuen kapitalistischen Gesellschaft. Er verschmäht es, die Errungenschaften der modernen Wissenschaft den Dogmen der katholischen Religion zu opfern, kann auch, wie er sagt, keinen Geschmack daran finden, sich »mit den protestantischen ›Muckern‹« zu verbinden, sondern zählt sich zu den »ehemaligen Radikalen«, die jetzt in das Lager jener Kräfte getrieben werden, die das »verjudete›liberale‹ Deutschland« als »reaktionär« zu bezeichnen pflege24). Die Sozialdemokratische Partei erscheint ihm als »der rohe, brutale, aber vollständig unbewußte Protest gegen die realistische Verjudung der Gesellschaft« und überdies von allem Anfang an von Juden beherrscht, »wie denn ja auch der Stifter der deutschen Sozialdemokratie, Lassalle, ein Semit war«25). Deutschland könne sich besonders schlecht gegen die jüdische Invasion wehren, weil »das Gefühl einer deutschen Nationalität, geschweige eines deutschen Nationalstolzes, in den germanischen Ländern nicht existierte«26).

Marr grenzt sich also ab gegenüber anderen kritischen Gruppen und Kräften; er wurzelt weder im Katholizismus noch im protestantischen Konservatismus, erst recht nicht in der sozialistischen Arbeiterbewegung. Er zählt sich zu einer Elite Deutschlands, die aufgrund ihrer Bildung, Begabung und Hingabe an den nationalen Gedanken zur politischen Führung des Reiches berufen sei, aber beiseite stehen müsse, verdrängt von den »Juden und Liberalen«. Die Resignation, die er zur Schau trägt, kann kaum verbergen, wie tief ihn das Bewußtsein durchdringt, Männer von seinem Schlage seien die einzig legitimen Anwärter auf Macht und Ehre im neuen Deutschland. Selbst wenn er sich den Gegnern der gegenwärtigen Reichspolitik anbietet, zeigt er noch, daß er nicht einer von ihnen ist: »Wer uns hilft aus dem Verderben, der hat uns.«27)

Kaum hatte Marr mit seinem »Sieg des Judenthums über das Germanenthum« den ersten Schuß abgefeuert, als ein weiterer Angriff erfolgte. 1874 veröffentlichte die Gartenlaube, die beliebteste literarische Zeitschrift des Mittelstandes, eine antisemitische Artikelserie »Der Börsen- und Gründungsschwindel in Berlin«, die 1876/77 auch als Buch herauskam und viel Aufsehen erregte. Der Verfasser war Otto Glagau, ein talentierter politischer Journalist, der sein Vermögen in Gründerzeitspekulationen verloren haben soll (28). Er gab konkreter als Marr den Beschwerden jener Gruppen des alten Mittelstandes Ausdruck, deren wirtschaftliche und gesellschaftliche Stellung auf dem Spiel stand – der Handwerker, kleinen Unternehmer, Gewerbetreibenden, unteren Beamten und Bauern. Glagau bezichtigte jüdische Abgeordnete, besonders Lasker und Bamberger, der Verantwortlichkeit für Gesetze, durch welche Handel, Börse und die großen Unternehmen auf Kosten von Handwerk und Landwirtschaft begünstigt wurden. Seine Ansichten über Judentum, Liberalismus, Manchestertheorie, die moderne Bourgeoisie, politische Parteien überhaupt und die Rolle der großen Staatsmänner zeigen außergewöhnliche Verwandtschaft mit der späteren Gedankenwelt des Nationalsozialismus. Wir finden hier dieselbe Kritik an liberaler Wirtschaftsfrömmelei und konservativer Engstirnigkeit, dasselbe Werben um die Industriearbeiter und die Forderung nach sozialen Reformen, die fünfzig Jahre später typische Bestandteile der faschistischen Propaganda wurden. In der Beschreibung des kapitalistischen Systems benutzt Glagau jene unverkennbar marxistische Terminologie, die später bei den »linken« Nazis gängig wurde.

»Unter dem ökonomischen Liberalismus kann sich ein tüchtiger und behäbiger Handwerkerstand nicht behaupten, er wird von der Großindustrie erbarmungslos verdrängt; ebenso verdrängt der Großhändler den Kleinhändler, verschwindet mehr und mehr der Bauernstand und wird verschlungen von dem Großbesitz. Wie einst im alten Rom, so zerfällt auch im neuen Deutschen Reich der kräftige Mittelstand, und es wächst lawinenartig das besitzlose Capital.«29)

»Das Manchestertum ist die Midaslehre vom Gelde, es will alles in Geld verwandeln, Grund und Boden, Arbeit und Menschenkraft; es feiert den Egoismus, das völlig ungebundene Walten der rohen Selbstsucht, und verwirft Gemeinsinn, Humanität und alle sittlichen Prinzipien; es predigt das Streben nach unbedingter Herrschaft des Capitals, den krassen Materialismus. Sein Grundsatz ist das berüchtigte ›Laissez faire et passer‹ … Die erste Forderung des Manchestertums ist daher: unbeschränkte Gewerbefreiheit und Freizügigkeit; damit glaubt es für den Arbeiter alles getan zu haben, aber wie dieser begriffen hat, ist es nur die Freiheit, sich die Beschäftigung und den Ort zu wählen, wo er verhungern mag. Gerade Freizügigkeit und Gewerbefreiheit versorgen den Fabrikherrn mit einem unversiegenden Strom von wohlfeilen Arbeitskräften, indem sie das platte Land entvölkern, die Städte aber überfüllen.«30)

»Das Judentum ist das angewandte, bis zum Extrem durchgeführte Manchestertum. Es kennt nur noch den Handel, und auch davon nur den Schacher und Wucher. Es arbeitet nicht selber, sondern läßt Andere für sich arbeiten, es handelt und spekuliert mit den Arbeits- und Geistesprodukten Anderer. Sein Zentrum ist die Börse … Als ein fremder Stamm steht es dem Deutschen Volk gegenüber und saugt ihm das Mark aus. Die soziale Frage ist wesentlich Gründer- und Judenfrage, alles übrige ist Schwindel.«31)

Die Schichten, die Glagau verteidigt, waren bisher nicht fähig gewesen, eine selbständige politische Organisation aufzubauen. Handwerker hatten es während und nach der 48er Revolution versucht, aber ihre Bestrebungen waren vereinzelt und erfolglos geblieben. Glagau erwähnt lobend ihre »sozialistische« Werbearbeit und bedauert, daß es ihnen, im Gegensatz zu den Arbeitern, nicht gelungen sei, sich zu organisieren. Daß der kleine Mittelstand Schwierigkeiten hat, sich für eine systematische politische Aktion zusammenzuschließen, ist eine weithin beobachtete Tatsache. Seine Zwischenstellung zwischen Kapital und Arbeit und seine verschieden gelagerten sozialen wie Ökonomischen Interessen erschweren die Zusammenarbeit auf lange Sicht. Solche Gruppen neigen dazu, nach einem Führer zu suchen, der nicht auf die Unterstützung der bestehenden politischen Parteien angewiesen zu sein scheint. In Zeiten akuter Spannung machen sie gern den Bonapartismus zu ihrem politischen Ideal. Die Sehnsucht nach dem starken Mann, dem »ehrlichen Makler«, der über Klassen und Parteien steht, und die Vorstellung von einem »unpolitischen« Staat durchzog die politischen Träume des deutschen Mittelstandes von Bismarck bis Hitler. Später wurde es der deutschen Gesellschaft zum Verhängnis, daß sie nicht in der Lage war, das politische Potential dieser Gruppen rechtzeitig zu erkennen und zu leiten. Der Liberalismus hatte ihnen nichts anderes zu bieten als die Weisheit des erfolgreichen Konkurrenten; die Konservativen nichts als das Lob ihrer moralischen Tugenden; die Sozialisten schoben sie, als von den »Gesetzen des Kapitalismus zum Untergang verurteilt«, beiseite. Erst dem Nationalsozialismus gelang es, sie politisch zu organisieren.

Die Verwandtschaft der Wirtschaftsphilosophie des Antisemitismus im neunzehnten Jahrhundert mit der des Nationalsozialismus liegt auf der Hand. Der Begriff »raffendes Kapital« zum Beispiel, der so prominent in der frühen Wirtschaftstheorie des Nationalsozialismus auftrat, war von den antisemitischen Schriftstellern der siebziger Jahre schon allgemein benutzt worden. Glagau, der Wortführer des Mittelstandes, gebrauchte ihn. Adolf Stoecker, der Vertreter des christlichsozialen Antisemitismus, betonte einige Jahre später, daß er ja nur das »mobile« Kapital, das »Börsenkapital« bekämpfe. »Marx und Lassalle«, sagte er, »haben das Problem nicht nach der Börse, sondern nach der Industrie hin gesucht, die Industriellen für alle sozialen Mißstände verantwortlich gemacht und den Haß der Arbeiter auf sie gelenkt. Unsere Bewegung korrigiert das in etwas: Wir zeigen dem Volk die Wurzeln seiner Not in der Geldmacht, dem Mammonsgeist der Börse.«32) In ähnlicher Weise stellte im Dezember 1893 der antisemitische Abgeordnete Liebermann von Sonnenberg im Reichstag fest, er und andere Antisemiten hätten gar nichts gegen jüdisches Kapital als solches oder gegen Kapital an sich einzuwenden. Man müsse unterscheiden zwischen »schädlichem und nützlichem Kapital«. Nützliches Kapital sei angelegt in der Landwirtschaft und »in der gesamten Industrie«, in »redlichem Handel« und »in dem Sparvermögen, das das Ergebnis eines an Arbeit reichen Lebens darstellt«. Schädliches Kapital sei das, »welches sich, ohne wirkliche Arbeit zu leisten, ins Ungemessene vermehrt« durch »Lug und Trug und Schwindel. Dieses Kapital finden wir an der Börse, und daß dieses Kapital meist ein jüdisches ist, dafür können wir doch nichts.«33)

Die Vorstellung von produktivem und unproduktivem Kapital war keine Erfindung der deutschen Antisemiten. Sie stammt aus der katholischen Wirtschaftsphilosophie, liegt der Wirtschaftstheorie der deutschen Romantik zugrunde, wurde von Proudhon theoretisch ausgearbeitet und von den deutschen Proudhonisten übernommen. Im Kommunistischen Manifest verspottet Marx die Konstruktion als den ideologischen Grundstein sowohl des »aristokratischen« wie des »wahren« Sozialismus.

Ein festes Einkommen und ein »gerechter Lohn für ehrliche Arbeit« waren von jeher die ökonomischen Ideale des deutschen städtischen und ländlichen Mittelstandes gewesen. Diese Schichten fürchteten und haßten die Dynamik der kapitalistischen Wirtschaft, ihre Mobilität und ihre Spekulation. Besonders das Geldkapital, Kapital in seiner abstraktesten und anonymsten Form, galt ihnen als Symbol für den unmoralischen, wucherischen und unheimlichen Charakter des Systems, dessen gefährlichsten Agenten sie in der Hochfinanz sahen. Je weniger sie deren Arbeitsmethode kannten und persönlichen Kontakt mit der Finanzwelt hatten, desto mysteriöser und drohender erschien sie ihnen. Diese ganze Sphäre empfanden sie als etwas eminent Jüdisches. Das Stereotyp vom jüdischen Zwischenhändler, Bankier und internationalen Finanzmann–»alles Schwindler« – zog seine Nahrung sicherlich aus den Legenden, die sich um mittelalterliche jüdische Geldgeschäftspraktiken gesponnen hatten; auch wußte man um den traditionell hohen Anteil der Juden an Handel und Zwischenhandel. Aber die Langlebigkeit des Stereotyps beruht vermutlich auf wirklichen wirtschaftlichen Gegensätzen, die sich in der Unterscheidung zwischen »jüdischem« (finanziellem) Kapital und »deutschem« (industriell-landwirtschaftlichem) Kapital Luft machten. Dem Geschmack des Mittelstandes war diese Zweiteilung wie auf den Leib geschnitten, gab sie doch Gelegenheit, an der bestehenden Ordnung zu nörgeln, ohne ihre Grundlage, das Privateigentum, anzutasten. Antisemitische Agitatoren ließen sich nie die Gelegenheit entgehen, Antikapitalismus dieser zweigleisigen Art auf ihre Fahnen zu schreiben. Er barg nicht die Gefahr, die Anhänger des Antisemitismus den herrschenden Gruppen zu entfremden, im Gegenteil: er förderte die Pseudosolidarität des christlichen Staates und führte später dem Mythos der Volksgemeinschaft neue Nahrung zu. Wie groß die psychologische und taktische Wirkung einer derartigen Differenzierung war, hat keiner besser beschrieben als Hitler. Als er zum ersten Mal Gottfried Feder über die »Brechung der Zinsknechtschaft« sprechen hörte, wußte er »sofort, daß es sich hier um eine theoretische Wahrheit handelt, die von immenser Bedeutung für die Zukunft des deutschen Volkes werden würde. Die scharfe Scheidung des Börsenkapitals von der nationalen Wirtschaft bot die Möglichkeit, der Verinternationalisierung der deutschen Wirtschaft entgegenzutreten, ohne zugleich mit dem Kampf gegen das Kapital überhaupt die Grundlage einer unabhängigen völkischen Selbsterhaltung zu bedrohen.«34)

Die Angriffe auf »jüdischen« Finanzschwindel, durch welche sich die Reaktion auf den großen Krach von 1873 Luft schaffte, müssen im Lichte dieser tieferen ökonomischen und weltanschaulichen Auseinandersetzung gesehen werden. Es machte wenig Eindruck, als der jüdische Abgeordnete Lasker, der Führer der Liberalen, im Preußischen Abgeordnetenhaus (am 14. Januar und 1. Februar 1873) und im Reichstag (am 4. April 1873) Alarm schlug und enthüllte, daß mehrere konservative Abgeordnete höchst zweifelhafte Aktiengeschäfte unterstützt hatten. Unter den von Lasker genannten Personen befand sich Geheimrat Hermann Wagener, ein Führer der Gruppe, die sich um die Kreuzzeitung (35) scharte; er war ein Freund Adolf Stoeckers und später Förderer der antisemitischen Christlichsozialen Partei. Lasker vermochte es nicht, die Juden vor der Anschuldigung zu bewahren, den geschäftlichen Zusammenbruch verursacht zu haben; vielmehr sah man in seinen Reden einen von der jüdischen Gruppe gestarteten Versuch, die Verantwortung auf die Konservativen abzuwälzen. In der rapiden kapitalistischen Umgestaltung der deutschen Gesellschaft war Teilnahme der Konservativen an Spekulationsschwindeleien sicherlich kein genügender Grund, die neue Ära als ein Produkt des Konservatismus erscheinen zu lassen. Im Gegenteil, die Zeit gehörte dem kapitalistischen Fortschritt. Er hatte neue Gesetze und eine neue Geschäftsmoral gebracht, die sozialen Gegensätze vertieft, die politischen und religiösen Spannungen verschärft. Gerade durch diese Veränderungen aber konnte sich die soziale Stellung der Juden verbessern. In einer solchen Atmosphäre fanden die Behauptungen von Glagau und anderen Antisemiten, der Statistik zufolge seien 90 Prozent der Spekulanten Juden, williges Gehör.

Den Antisemitismus von Publizisten wie Marr und Glagau – die Liste der Agitatoren ließe sich leicht erweitern, ohne daß dabei wesentlich neue Einsichten zu gewinnen wären – nahm die öffentliche Meinung als einen Ausdruck privater Überzeugung zur Kenntnis, ohne ihn noch mit politischen Organisationen in Verbindung zu bringen. Das änderte sich 1875. Der Antisemitismus wurde in dem Augenblick eine Angelegenheit der Politik und der politischen Strategie, als zwei politisch repräsentative Blätter ihn auf ihre Fahnen schrieben: die Kreuzzeitung, das Sprachrohr der preußischen Konservativen und des orthodoxen preußischen Protestantismus, und die Germania, das Zentralorgan der Zentrumspartei.

In einer nicht gezeichneten Artikelserie, die unter dem Namen »Ära-Artikel« notorisch wurde, begann im Juni 1875 die Kreuzzeitung einen heftigen Angriff auf »die Finanz- und Wirtschaftspolitik des neuen deutschen Reiches«, die »auf unbefangene Beurteiler den Eindruck reiner Bankierpolitik« mache36). Als Schuldige wurden die Männer um Bismarck bezeichnet, darunter sein Finanzberater Bleichröder. Nicht nur, daß Bismarcks »regierender Bankier« ein Jude sei, beanstandete das Blatt; die Polemik richtete sich gegen die ganze nationalliberale Ära, die auf nichts anderes hinauslaufe als auf eine »von und für Juden betriebene Politik und Gesetzgebung«. Die Juden beherrschten, hieß es, durch Lasker und Bamberger die Nationalliberalen, durch die Nationalliberalen das Parlament und durch die nationalliberale Presse das deutsche Volk; diese Politik müsse ins Verderben führen. Die einflußreiche Stellung der Juden im öffentlichen Leben Deutschlands, drohte die Kreuzzeitung ganz offen, werde nicht unangetastet bleiben, sobald die christlich und national gestimmten Deutschen erst einmal den Charakter der von den herrschenden Gruppen betriebenen »Judenpolitik« durchschaut hätten (37).

Im Sommer 1875 nahm die Germania den Kampf auf und verstärkte die Anklagen der Kreuzzeitung in einer Serie antisemitischer Artikel von meisterhafter Demagogie38). Das Blatt stichelte gegen Bismarck durch den Abdruck einer Rede, die er im ersten Vereinigten Landtag von 1847 gegen einen Gesetzesentwurf zur Judenemanzipation gehalten hatte; Bismarck erklärte damals, er gönne den Juden alle Rechte, »nur nicht das, in einem christlichen Staat ein Obrigkeitsamt zu bekleiden«39). Die Germania durchsuchte die deutschen Klassiker, Goethe, Herder, Kant und Fichte, nach antijüdischen Äußerungen und begann damit ein Studium, das einige Jahrzehnte später von Theodor Fritsch im »Handbuch der Judenfrage« und schließlich vom nationalsozialistischen »Institut zur Erforschung der Judenfrage« weiterbetrieben wurde. Einige Germania-Artikel machten auf die berufliche Verteilung der Juden aufmerksam; in den »produzierenden Schichten« seien sie nur spärlich vertreten, sehr zahlreich dafür in »lukrativen Geschäften«, wo sie auf Kosten der christlichen Bevölkerung Reichtümer ansammelten; »ganz horrende Mißverhältnisse« bestünden im Anteil von christlichen und jüdischen Schülern an höheren Lehranstalten. Die Regierungskampagne gegen die katholische Kirche, Bismarcks »Kulturkampf«, interpretierte das katholische Blatt einerseits als Feldzug der Juden gegen Rom, unternommen aus Rache für die Unterdrückung des Judenstaates in Palästina vor 1800 Jahren, andererseits als ein Ablenkungsmanöver, das den Juden erlaube, ungestört das deutsche Volk zu beschwindeln und auszubeuten.

Die Germania ließ es jedoch nicht mit einer Kritik bewenden, sondern entwickelte ein eigenes Programm für eine »Emanzipation der Christen von den Juden«. Sie war zu vorsichtig, gesetzliche Maßnahmen gegen die Juden zu empfehlen – erlebten doch die Katholiken gerade am eigenen Leib die Wirkung einer ihnen feindlichen Gesetzgebung. Statt dessen appellierte das Blatt an die wirtschaftliche Solidarität der Christen, popularisierte Schlagworte wie »Kauft nicht von Juden!« oder »Leiht nicht von Juden!« und empfahl die Gründung von Sparkassen und Kreditanstalten als einen Schritt zur wirtschaftlichen Befreiung vom jüdischen Wucher.

Nach dem gemeinsamen Angriff der beiden führenden Blätter des konservativen und katholischen Lagers nahm die »Anti-Kanzler-Liga« den Kampf gegen den »jüdischen Liberalismus« auf. Die von Katholiken und Konservativen gegründete Liga, der einflußreiche Aristokraten beider Konfessionen angehörten, genoß das Wohlwollen des kaiserlichen Hofes. Unter Joachim Gehlsen veröffentlichte sie ein Blatt, das sich sarkastischerweise zuerst Deutsche Eisenbahnzeitung nannte – der Bau von Eisenbahnen war eine der »Gründer«-Industrien, worin Vermögen gewonnen und verloren worden waren–und später Deutsche Reichsglocke. Bismarck beschwert sich in seinen Memoiren darüber, daß der Kaiser zwar die Zusammenarbeit mit ihm in dieser Zeit nie abgelehnt, aber doch täglich die Reichsglocke gelesen habe, ein Blatt, das »ausschließlich davon lebte«, ihn zu verleumden. Vom Königlichen Hausministerium seien nicht weniger als dreizehn Exemplare für den preußischen und andere Höfe bezogen worden. Die Liga zeichnete auch verantwortlich für eine Anzahl von Büchern und Broschüren, gespickt mit heftigen Angriffen auf Bismarck und die Juden, zum Beispiel Rudolph Meyers »Politische Gründer und die Korruption in Deutschland« (1877), Joachim Gehlsens »Aus dem Reiche Bismarcks« (1894) und von demselben, ohne Verfasserangabe, »Das kleine Buch vom großen Bismarck« (1877). Der Eisenbahnzeitung galten die Juden als Bismarcks »Kulturkämpfer«, die nach dem uralten Prinzip »teile und herrsche« einen Kampf gegen die Katholiken provoziert hätten. Bei der Judenfrage, schrieb der ungenannte Verfasser eines Artikels – wahrscheinlich war es Rudolph Meyer (40) – gehe es um Leben und Tod des deutschen Volkes; sie könne erst nach der Beseitigung von Bismarck und seinem jüdischen Regierungssystem gelöst werden41).

Es gab sowohl kulturelle als auch politische Gründe für dieses merkwürdige Bündnis von Konservativen und Katholiken. Bismarck hatte den »Kulturkampf« begonnen, um die politische Macht des Katholizismus zu beschneiden. In der 1870 konstituierten Zentrumspartei fürchtete er eine Mobilmachung gegen den Staat, das heißt gegen sein Reich, das auf der Vorherrschaft der protestantischen preußischen Monarchie beruhte. Der Kanzler und die Nationalliberalen betrachteten den politischen Katholizismus als die Seele der »großdeutschen«, pro-österreichischen, anti-preußischen Opposition gegen Bismarcks »kleindeutsche« Lösung der Einigung Deutschlands unter Führung Preußens mit Anschluß Österreichs. »Nationalgesinnte« Kreise mißtrauten dem politischen Katholizismus auch deshalb, weil der Zentrumsführer Ludwig Windthorst ein treuer Freund des Königs von Hannover war, dessen Land sich Preußen 1866 einverleibt hatte.

Als Bismarck mit der Hilfe des liberalen Bürgertums die Macht der katholischen Kirche im Reich einzuengen begann, konnte der orthodoxe Protestantismus leicht die Gefahren dieser Politik für seine eigene Stellung erkennen. Der Kulturkampf wuchs sich zu einer prinzipiellen Auseinandersetzung zwischen geistlicher und weltlicher Autorität aus.

Gegnerschaft zu Bismarcks Politik allein konnte jedoch kaum die unmittelbare Ursache für den gemeinsamen konservativ-katholischen Angriff auf die Juden gewesen sein. 1875, als die antisemitische Kampagne begann, stand der Kulturkampf schon in seinem vierten Jahr. Ebensowenig läßt sich der politische Angriff als eine spontane Reaktion auf den Wirtschaftszusammenbruch erklären. Der große Krach lag schon etwa zwei Jahre zurück. Nur weil die aufgespeicherten Spannungen durch drängende politische Ereignisse und Erwägungen freigesetzt worden waren, konnten sie sich in der Kampagne entladen.

Die Wahlen vom Januar 1874 hatten den Nationalliberalen – »der Partei Bismarcks und der Juden« – einen außerordentlichen Sieg gebracht. Die Zahl ihrer Reichstagssitze konnten sie von 119 (von insgesamt 382) auf 152 (von 397) erhöhen. Auch die Fortschrittspartei hatte sich gut gehalten und ihre 45 Mandate um 4 vermehrt. Die Konservativen aber waren empfindlich geschlagen worden. Ihr Prozentsatz an Wählerstimmen fiel von 14 auf 7, die Anzahl ihrer Reichstagsmandate von 54 auf 21. Am erstaunlichsten aber hatte das Zentrum abgeschnitten. Trotz der Kulturkampfagitation gelang es ihm, seine Reichstagsmandate von 58 auf 91 zu erhöhen. Der Katholizismus war jetzt die einzige größere politische Kraft, mit der die sehr geschwächten Konservativen sich verbünden konnten. Von ihnen kam die Initiative für den Angriff auf den »jüdischen Liberalismus«; die antisemitischen Artikel in der Kreuzzeitung erschienen vor denen in der Germania. Hier zum ersten Mal in der Geschichte des modernen Reichs zeigte die »kleine, aber mächtige Partei«, wie die Konservativen gern sich selbst nannten, daß sie vor keiner politischen Koalition zurückschreckte, wenn es um die Verteidigung ihrer traditionellen Vorrechte ging.

Entsprechende Gründe dürften auch bei dem Entschluß des Zentrums mitgespielt haben, sich an der antisemitischen Kampagne zu beteiligen. Zwar konnte es als die Partei einer religiösen Minderheit kaum hoffen, gleich den Konservativen die Stimmen des Mittelstandes zu gewinnen. Aber es durfte sich andere politische Vorteile von dem Angriff auf die »Juden und Liberalen« erwarten. Wenn es dem Zentrum gelang, die Nationalliberalen, die im Reichstag Bismarck am eifrigsten förderten, zu schwächen, so war die Fortsetzung des Kulturkampfes für den Kanzler viel schwieriger geworden. Außerdem hing der Einfluß des Zentrums im Reichstag weitgehend davon ab, ob die Notwendigkeit einer Mehrheitsbildung die Linke oder Rechte dazu zwang, sich um eine Koalition mit den Katholiken zu bemühen. Obwohl die Zahl der Zentrumsmandate im Reichstag beträchtlich angestiegen war, hatten die Wahlen von 1874 dennoch die taktische Lage der katholischen Partei geschwächt, denn die Linke war stark genug geworden, um auf ihre Unterstützung verzichten zu können. Fortschrittler und Nationalliberale hatten mit 201 von insgesamt 397 Sitzen eine bequeme Mehrheit. Es lag im Interesse des Zentrums, durch ein Bündnis mit der jetzt stark geschwächten Rechten ein besseres Gleichgewicht herzustellen.

Solche politischen Erwägungen waren aller Wahrscheinlichkeit nach von Bedeutung, als das Zentrum beschloß, an dem antisemitischen Feldzug teilzunehmen. Aber der Grad von Feindseligkeit, die ausgesprochene Leidenschaft der Germania-Artikel, läßt noch auf tiefere Beweggründe schließen. In der Heftigkeit des antisemitischen Ausbruchs kam auch die Erbitterung einer Gruppe zum Ausdruck, die ihre eigene Position mit der einer anderen Minderheitsgruppe verglich. Die Juden, die bis vor kurzem als Parias gegolten hatten, kraft des Gesetzes Staatsbürger zweiter Klasse gewesen waren, schienen binnen weniger Jahre in den Brennpunkt des öffentlichen Lebens gerückt zu sein, eng verbunden mit der Regierungspolitik und dem Reichskanzler selbst. Die Katholiken dagegen fanden sich offiziell verfolgt und von vielen Seiten angegriffen. »Welch’ ein Vergnügen jetzt dieser Kulturkampf für die Juden ist!«, bemerkte der katholische Schriftsteller Constantin Frantz verächtlich im Jahre 1874. »Sie haben alle Veranlassung, ihn nach Möglichkeit anzuschüren und nach Kräften mitzukämpfen. Auch wird man ihnen die Anerkennung nicht versagen, daß sie dabei wirklich ihren Mann stehen. Aber sie wissen auch, wofür sie kämpfen, weil sie in der Kirche ganz richtig das Bollwerk des Christentums erkennen. Was können sie mehr wünschen, als die Zerstörung dieses Bollwerks? Das Christentum als bloß geistiges Prinzip, hoffen sie, wird sich dann in den allgemeinen Kulturbrei einstampfen lassen.«42)

Daß den Katholiken die »Juden und Liberalen« ein Dorn im Auge waren, hatte seine guten Gründe. Die Liberalen hatten seit der Gründung des Reichs bereitwillig an einer undemokratischen Regierung teilgenommen und sich in der Freundschaft des Kanzlers gesonnt. Prominente Juden wie Lasker waren an dem parlamentarischen Kampf für die antikatholische Gesetzgebung von 1873 eifrig beteiligt gewesen. Dem berühmten Pathologen Rudolf Virchow, einem der Begründer der Fortschrittspartei und Befürworter der Bismarckschen Katholikenverfolgung, wurde die zweifelhafte Ehre zuteil, den Begriff »Kulturkampf« prägen zu dürfen. Die Berliner liberale Presse, mit der viele Juden verbunden waren, hatte einen Kreuzzug gegen Konservative und katholische »Reichsfeinde« geführt und geholfen, das Prädikat »ultramontan« zu einem der populärsten Schmähworte der Zeit zu machen, zu einem Begriff, in dem sich liberale Aufklärung gegen katholisches Dogma mit nationalistischer Feindseligkeit gegen eine Autorität verband, die ihren Sitz ultra montes hatte, nämlich im Vatikan.

Die antisemitische Agitation des katholischen Lagers endete jäh und unter merkwürdigen Umständen. Ein katholisches Blatt in der Provinz, die Schlesische Volkszeitung, hatte mit dem Nachdruck der Germania-Artikel begonnen, unterbrach aber die Reihe plötzlich und veröffentlichte am 2. Oktober 1875 eine Erklärung, in der es sich von dem Inhalt der Artikelserie lossagte43). Haß gegen die Juden sei unvereinbar mit christlicher Nächstenliebe, stellte das Blatt fest und fragte sich, ob die Germania nicht der Kreuzzeitung in die Falle gegangen sei; der Verfasser der Germania-Artikel könne sehr wohl Hermann Wagener sein, ein Vertrauter Bismarcks, und die Anregung sei möglicherweise direkt vom Kanzler gekommen, der auf diese Weise eine Änderung seiner Politik vorbereiten wolle. Ob die Schlesische Zeitung mit dieser Vermutung recht hatte, läßt sich kaum feststellen. Wawrzinek44) nimmt an, daß die Germania-Artikel von Joseph Cremer stammten, der später einer der Führer und Bismarcks Agent in Adolf Stoeckers antisemitischer Berliner Bewegung wurde. Ob jedoch von oben inspiriert oder nicht, die Artikel taten ihr Werk: zwei ehemalige politische Opponenten stießen auf einen gemeinsamen Feind. In der antijüdisch-antiliberalen Kampagne fanden sich katholische Gegner des Preußentums und protestantisch-konservative Antikatholiken zusammen.

Von der liberalen Geschichtsschreibung ist das heftige Aufflammen von politischem Antisemitismus in den katholischen Kreisen der siehziger Jahre oft als eine bedauerliche Episode in einer sonst harmonischen Beziehung zwischen zwei Minderheitsgruppen betrachtet worden, als ein faux pas der gereizten Kirche, den sie schnell wieder korrigiert habe. Eine solche Erklärung dürfte kaum genügen. Die Zentrumspartei war dabei, eine exponierte strategische Stellung im Reichstag zu beziehen, die sie von 1879 bis zum Ende der Weimarer Republik nicht wieder verlieren sollte. Als eine konfessionelle Partei, deren Mitglieder sich aus allen sozialen Klassen rekrutierten, war sie in der Lage, politische Bündnisse mit der Rechten und der Linken einzugehen, ohne befürchten zu müssen, ihre Anhänger könnten ihr davonlaufen. Als Bismarck Ende der siebziger Jahre den Kulturkampf abbrach, gewährten ihm die Katholiken als Gegenleistung bedingte parlamentarische Unterstützung. Die nationalliberale Ära war vorbei; mit ihr erlosch der stärkste Anlaß für Antisemitismus in den katholischen Reihen (45).

Die Strategie der Katholiken den Juden gegenüber hatte also wohl ebensowenig etwas mit christlichen Prinzipien zu tun wie die der protestantischen Konservativen. In erster Linie waren es politische Erwägungen, von denen sich der Katholizismus leiten ließ. Daß seine Beziehung zu den Juden im weiteren Verlauf der deutschen Geschichte nicht unfreundlich war, beruhte auf anderen Faktoren als auf dem christlichen Glauben an die Brüderlichkeit der Menschen (46).

In seinem Vorhaben, Deutschland zu einigen und zu einer modernen Großmacht zu entwickeln, war Bismarck gezwungen gewesen, sich auf den Liberalismus zu stützen, nicht aus innerer Neigung, sondern weil die immer noch halbfeudale preußische Aristokratie seinen Plänen lauwarm gegenüberstand. Schon in den siebziger Jahren jedoch wurde es immer klarer, daß es auf die Dauer kaum möglich sein werde, das Reich mit einer liberalen Mehrheit zu regieren, ohne dafür drastische Änderungen in der Machtstruktur des Staates in Kauf nehmen zu müssen. Schon seit der Reichsgründung standen die nivellierenden Tendenzen von Handel und Industrie in scharfem Konflikt mit den ständischen Interessen der preußischen Aristokratie und Monarchie. Das Staatsgefüge konnte diese Spannungen nicht eliminieren, sie lagen in ihm selbst begründet (47).

Während seiner ganzen Kanzlerschaft war es Bismarcks Bestreben, zu verhindern, daß die konstitutionelle Regierungsform unter liberalem und sozialistischem Druck von der parlamentarischen abgelöst werde. Das allgemeine und gleiche Wahlrecht, eine notwendige Konzession an den Liberalismus, beschwor ständig diese Gefahr, und des Kanzlers Abhängigkeit von den Nationalliberalen verstärkte sie noch. Die Liberalen gewährten ihre Unterstützung nicht ohne Gegenleistung. Sie drängten auf Liberalisierung des Staatsapparates und auf Demokratisierung der Verwaltungslaufbahn, die immer noch weitgehend ein Monopol des Land- und Dienstadels war. Sie betrieben eine Wirtschaftspolitik, die wachsende Opposition hervorrief und die Führung der Regierungsgeschäfte komplizierte. Es tat der Stellung des Kanzlers als eines »ehrlichen Maklers« zwischen Vertretern gegensätzlicher Interessen nicht gut, daß er in Abhängigkeit zu einer einzelnen Partei geraten war. Angesichts seiner Position und der politischen Aufgaben, die er sich gesetzt hatte, mußte ihm daran liegen, daß sich im Parlament keine ständigen Mehrheiten gruppierten.

Die von der Wirtschaftskrise hervorgerufenen sozialen und politischen Spannungen ließen bald eine neue Gefahr am politischen Horizont auftauchen, die es Bismarck noch schwerer machte, seinen Kurs einzuhalten. Im Mai 1875 vereinigten sich in Gotha die beiden Hauptorganisationen der sozialistischen Arbeiterschaft – der von Lassalle 1863 in Leipzig gegründete Allgemeine Deutsche Arbeiterverein und die von den Anhängern von Karl Marx, insbesondere Wilhelm Liebknecht und August Bebel, 1869 in Eisenach gegründete Sozialdemokratische Arbeiterpartei – zur Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands (48). In den Wahlen von 1874 hatten die beiden Richtungen zwar erst neun Reichstagssitze erhalten, und ihrer Ideologie nach war die neue Partei scharf gegen die Grundsätze des bürgerlichen Liberalismus gerichtet, in der parlamentarischen Praxis aber spielte sie doch die Rolle eines Verbündeten der linken Liberalen; beide erstrebten eine parlamentarische Regierungsform. Bismarcks vordringlichste Aufgabe wurde es jetzt, seinen Obrigkeitsstaat gegen den Einbruch einer gefährlichen Koalition zu verteidigen; seine politische Strategie zielte darauf ab, die Liberalen zu schwächen und die Sozialisten zu unterdrücken.

Sozialgesetzgebung und Schutzzollpolitik, so hoffte der Kanzler, würden es der Regierung ermöglichen, sich die von der Krise verursachte allgemeine Unzufriedenheit zunutze zu machen. Staatseingriffe sollten die liberalen Vorkämpfer des Freihandels in Verlegenheit setzen und schwächen, dagegen Macht und Ansehen des christlichen Staates stärken und den Sozialdemokraten den Wind aus den Segeln nehmen. Zur Durchführung seiner Absicht aber brauchte Bismarck die Unterstützung einer ihm wohlgesinnten Reichstagsmehrheit, die er in diesem Falle nur von den Konservativen und Katholiken erhoffen konnte. Die Grundlagen für eine Koalition der beiden Parteien waren im Laufe der antisemitisch-antiliberalen Kampagne gelegt worden. Daß Bismarck persönlich dabei aufs heftigste angegriffen worden war, trübte nicht seinen Blick für die Möglichkeiten, die sich aus der Neugruppierung ergaben.

* Sämtliche Anmerkungen befinden sich am Schluß des Buches, S. 229 ff. Die hochgestellten Ziffern, z. B. 2), beziehen sich auf reine Quellenangaben, die in Klammern gesetzten, z. B. (4), auf sachliche Anmerkungen, die dem besseren Verständnis des Textes dienen. (Anm. d. Bearbeiters.)

KAPITEL II
Der christlich-konservative Gegenangriff (1879-1886)

In den Jahren stockender Wirtschaftsentwicklung und gesellschaftlicher Malaise zwischen 1874 und 1878 setzte sich im neuen Reich eine verwickelte soziale und politische Umorientierung durch. Das Elend der großstädtischen Massen und ihre zunehmende Entfremdung von Kirche und Staat erregte allgemeine Besorgnis; die »soziale Frage« wurde zum Thema der Zeit, zu einem Gegenstand endloser Diskussionen in Presse und Predigt. Überall war der Schrei nach »Reformen« zu hören, Reformvereine aller Art schossen aus dem Boden. Der Zentral-Verein für Sozialreform, angefeuert von dem evangelischen Pfarrer Rudolf Todt, lenkte die Aufmerksamkeit auf das Elend von vernachlässigten städtischen und ländlichen Gruppen und verlangte Abhilfe durch die Regierung. Die Gewerbetreibenden riefen nach »Steuer- und Gesetzreformen«, die Industriellen verlangten »Schutz der nationalen Arbeit«. Der 1873 gegründete Verein für Sozialpolitik war die Organisation der Reformer an den Universitäten, denen ein nationalliberaler Journalist, H. B. Oppenheim, den Spitznamen »Kathedersozialisten« anhängte. Nicht der Sozialismus hatte sie zusammengeführt – sie gehörten den verschiedensten politischen Richtungen an – sondern die ihnen gemeinsame Ablehnung des »Manchestertums« der Nationalliberalen und die Besorgnis über die sozialen Folgen des entfesselten Kapitalismus. Im Verein für Sozialpolitik fanden sich solch hervorragende akademische Lehrer wie Gneist, Roscher, Schmoller, Brentano, Knapp, Conrad und Adolph Wagner zusammen.

Die Programme dieser neuen Reformbewegungen und -organisationen zeigten oft deutliche Spuren von Antisemitismus; sogar bei den Kathedersozialisten konnte man sie finden. Wagner, einer ihrer bekanntesten Führer, war ein persönlicher Freund von Adolf Stoecker und übernahm für einige Jahre das Amt eines Ehrenvorsitzenden von Stoeckers Christlichsozialer Partei und die Präsidentschaft des Stoeckerschen Evangelisch-Sozialen Kongresses. Es war wohl nicht reiner Zufall, daß der Verein für Sozialpolitik in einer seiner ersten Studien das Problem des ländlichen Wuchers aufgriff; der vorgelegte Bericht hob die Rolle der Juden bei dieser Geißel der Bauernschaft hervor.

In einer Schrift des Königl. Stadtgerichtsrats C. Wilmanns trat die enge Verbindung von mittelständischer Sozialreform und Antisemitismus offen zutage. In »Die ›goldene‹ Internationale und die Notwendigkeit einer sozialen Reformpartei« befürwortete Wilmanns die Aufhebung der Macht des »Geldkapitals« gegenüber Landwirten, Handwerkern und kleinen Industriellen, und zwar sollte das durch eine neue Finanzpolitik erreicht werden. Er trat besonders für ein neues Landrecht ein. Es sollte das römische Recht ersetzen, das er als ein für eine freie Bauernschaft verderbliches Stadt- und Sklavenrecht bezeichnete. Seine Ansichten von der Notwendigkeit neuer Rechtsinstitutionen, welche »den Bedürfnissen und dem Charakter des Deutschen Volkes entsprechen«49), wurden später von den Rechtsphilosophen des Nationalsozialismus wieder aufgegriffen.

Alle diese Reformvorschläge zielten im wesentlichen darauf, das Vertrauen des Arbeiters in den Staat wiederherzustellen und die Position des kleinen Mittelstandes zu festigen. Der Widerhall, den die Bestrebungen der Reformer hervorriefen, war jedoch bei den beiden ungleich strukturierten gesellschaftlichen Schichten sehr verschieden.

Die Industriearbeiter hatten begonnen, das herrschende System mit steigendem Selbstvertrauen herauszufordern und durch ihre eigenen beruflichen, politischen und kulturellen Organisationen am Leben der Nation teilzunehmen. Sie erwarteten eine Verbesserung ihrer Lage aus eigener Kraft, nicht vom Wohlwollen eines Staates, der sich weigerte, die Herrschaft des Parlamentes anzuerkennen. Die entmutigten, entwurzelten und unorganisierten Mittelstandsgruppen dagegen waren nicht gewöhnt, auf sich selbst zu stehen; sie setzten ihre Hoffnung auf die Führung »starker Männer«.

Bis in die sechziger Jahre hatte sich der kleine Mittelstand den oberen Schichten des Bürgertums, die dem christlich-konservativen Staat noch immer feindlich gegenüberstanden, angeschlossen und die liberalen Bestrebungen unterstützt. Vom Liberalismus enttäuscht, unter starkem wirtschaftlichen Druck, begannen sie jetzt mehr und mehr, beim Staate Schutz und Gönnerschaft zu suchen. Ihrer Sache nahm sich ein Heer von Wortführern an, Geistliche und Professoren, Kurpfuscher und Besessene, verbitterte Journalisten und reaktionäre Romantiker. Ein evangelischer Pfarrer, Adolf Stoecker, war der erste, dem es gelang, die vielfältigen Klagen und Hoffnungen dieser Schichten zu kanalisieren. Er gab ihnen einen Namen, ein Ziel und eine politische Organisation (50).

Stoecker stammte selbst aus einer sehr bescheidenen Mittelstandsfamilie. Sein Vater hatte das Schmiedehandwerk gelernt, war ins Heer eingetreten und erwarb sich nach siebenundzwanzig Jahren Dienstzeit das Amt eines Gefängnisinspektors. Unter großen Entbehrungen brachten die Eltern es fertig, den 1835 geborenen Sohn durch Gymnasium und Universität zu schleusen. Er studierte Theologie, erwarb seinen Lebensunterhalt zuerst als Hauslehrer in ostpreußischen Adelsfamilien und wurde dann, nach den üblichen Anfangsstellungen in kleinen Gemeinden, Militärpfarrer. In Metz, bald nach der Annexion von Elsaß-Lothringen, fiel dem kaiserlichen Hof der patriotische Eifer des Divisionspfarrers auf; 1874 wurde er als Hof- und Domprediger nach Berlin berufen.

Seit seiner frühen Jugend hatte Stoecker eine Schwäche für den alten preußischen Adel, der für ihn die Gesellschaft verkörperte, in welcher sich christliche Tugenden und politische Prinzipien, persönliche und öffentliche Lebensführung ideal verbanden. Bei der Aristokratie glaubte er noch die Werte zu finden, die ihm alles bedeuteten: Liebe zum Vaterland, Ehre, Pflicht, Gehorsam und nicht zuletzt das Bewußtsein, daß der dem Adel zukommende Anspruch auf politische Herrschaft eine Verantwortung dem Volk gegenüber einschloß.

Stoeckers Amt und Persönlichkeit machten ihn zum rechten Mann für die Aufgabe, die er sich gesetzt hatte: die unteren Volksschichten in den christlich-konservativen Staat zurückzuführen. Als Hofprediger schien er auch für seine politische Tätigkeit die Billigung höchster Stellen zu finden. Durch seine engen Beziehungen zur Kreuzzeitung erhielt er Einfluß auf die angesehensten Gesellschaftskreise, und als Leiter der Berliner Stadtmission, der Wohlfahrtspflege der evangelischen Kirche, kam er in unmittelbare Berührung mit der großstädtischen Armut. Er war ein glühender Patriot (51), ein hervorragender Redner und unermüdlicher Arbeiter, von dem sein einstiger Schüler, der spätere Pazifist Hellmut von Gerlach, sagte, daß man ihm gegenüber nicht gleichgültig bleiben konnte: man mußte ihn hassen oder lieben52). Binnen weniger Jahre schmiedete Stoecker aus den Beschwerden des Mittelstandes, aus der Furcht vor der Sozialdemokratie und dem Haß gegen das »jüdische« Kapital eine machtvolle Bewegung.

Ein Brief, den Stoecker zur Rechtfertigung seiner sozialen und politischen Agitation 1878 an den Kronprinzen Friedrich schrieb (aber erst 1907, zwei Jahre vor seinem Tode, veröffentlichte), gibt uns einen ausgezeichneten Einblick in seine Beweggründe:

»… was mich trieb, war die Verzweiflung um mein armes Volk, das ich in den Abgrund rollen sah, und die Liebe zu den Seelen, die ich retten wollte … Seit beinahe zehn Jahren widme ich der sozialen Frage ein reges und ununterbrochenes Studium. In Berlin ergriff mich das Bewußtsein der Notwendigkeit, daß etwas geschehen müsse, um das Volk vom Abgrund zurückzurufen. Ich fand, daß Leute, die sich zur Kirche hielten, mit denen ich in freundschaftlicher Beziehung stand, dennoch mit den Sozialdemokraten stimmten, weil sie in dieser Partei die Vertretung ihrer Arbeiterinteressen erblickten. Da habe ich dann unter Gebet und Flehen den Entschluß gefaßt, mitten hinein in die Sozialdemokratie zu gehen, den wilden Stier bei den Hörnern zu fassen und mit demselben zu ringen … Seit fünfzehn Jahren ist das sozialistische Element der Köder, mit welchem die Arbeiter um ihren Glauben wie um ihren Patriotismus betrogen worden sind. Will man an ihre Herzen heran, so muß man die sozialen Dinge mitbesprechen.«53)

Stoecker nahm wirklich »den wilden Stier bei den Hörnern« in einer Massenversammlung, die in der Geschichte seiner Berliner Bewegung eine ähnliche Rolle spielt wie die erste Hitlersche Massenversammlung in München in der Geschichte der Nazibewegung (53a). Als Hauptredner war ein gewisser Emil Grüneberg angekündigt. Diesen Grüneberg, einen ehemaligen Schneider, hatte der Geschäftsführer der Berliner Stadtmission als einen augenscheinlich bekehrten Sozialdemokraten zu Stoecker geschickt. Stoecker, der für seinen Feldzug gegen die Sozialdemokratische Partei nach geeigneten Helfern suchte, nahm Grüneberg gern in Dienst, obwohl er über seinen zweifelhaften Charakter und seine Vorstrafen Bescheid wußte. Nach dem Polizeibericht war Grüneberg als sozialistischer Agitator Wohlhabende um Geld angegangen und aus der Sozialdemokratischen Partei ausgeschlossen worden; zweimal saß er im Gefängnis, zuerst wegen Majestätsbeleidigung, dann wegen Bettelei. Aber das hinderte den Hofprediger nicht, sich seiner zu bedienen (54). »Ohne einen Mithelfer aus den Arbeiterkreisen hätte ich die Sache nicht anfangen können«, bemerkte Stoecker nachträglich55).

Die Männer, die in den Eiskellersaal kamen, um Grüneberg zu hören, waren größtenteils Sozialdemokraten. Unter ihnen befand sich der Reichstagsabgeordnete Johann Most, einer der besten Redner der Partei und bekannt für seinen streitbaren Atheismus56). Die Sozialdemokraten bemächtigten sich sogleich der Versammlungsleitung, gewährten aber Redefreiheit. Grünebergs frömmelnde Plattheiten erregten nur Gelächter. Die Versammlung war nahe daran, statt zur Wiege der Christlichsozialen Arbeiterpartei ihr Grab zu werden. Da ergriff Stoecker das Wort. Seine Rede zeigte sofort, daß er auch eine feindselige Zuhörerschaft aufmerksam machen konnte. Er sprach zunächst von seiner eigenen niedrigen Herkunft; obwohl er jetzt den hohen Rang eines Hofpredigers habe, sei er doch selber aus der Welt der Arbeit gekommen und kenne ihr Elend. Dann beschrieb er die unheilvollen Auswirkungen der wirtschaftlichen Depression auf das Leben der Arbeiter und griff den Kapitalismus an, »diese Herrschaft der schrankenlosen Konkurrenz und des krassesten Egoismus«, die »von Krisis zu Krisis« führe. Als Abhilfe verlangte er soziale Reformen: Fürsorge für Arbeitsunfähige, Beschränkung der Frauen- und Verbot von Sonntagsarbeit. Schließlich drängte er die Arbeiter, seiner neuen Organisation beizutreten:

»Ich denke dabei an eine friedliche Organisation der Arbeit und der Arbeiter; ist diese geschaffen, dann kann man gemeinsam beraten und erstreben, was not tut. Aber das ist Ihr Unglück, meine Herren, Sie haben Ihren Sozialstaat im Kopfe. Und wenn man Ihnen die Hand bietet zu Verbesserungen, wenn man Ihnen helfen will, dann weisen Sie das höhnisch zurück und sagen: Wir sind mit nichts zufriedenzustellen, wir wollen den Sozialstaat. Damit verfeinden Sie sich die anderen Klassen, und der Haß verdirbt alles.

Ja, meine Herren, Sie hassen Ihr Vaterland. Aus Ihrer Presse glüht dieser Haß schrecklich heraus. Und das ist schlecht; das Vaterland hassen, das ist, wie wenn einer seine Mutter haßt. Auch haben Sie dazu keinen Grund. Gewiß ist auch bei uns nicht alles, wie es sein sollte; wir sind eben auf der Erde und nicht im Himmel. Aber dazu hat Ihnen das deutsche Reich das allgemeine Stimmrecht aus freien Stücken gegeben, damit Sie in Frieden mit den andern beraten und beschließen, was zum Besten dient. Nicht dazu dürfen Sie Ihr Recht mißbrauchen, daß Sie auf Zertrümmerung Ihres Vaterlandes sinnen, das ist unvernünftig und undankbar. Aber Sie hassen auch das Christentum, Sie hassen das Evangelium von der Gnade Gottes. Man predigt Ihnen Unglauben, man lehrt Sie den Atheismus und Sie trauen den falschen Propheten …«57)

Ein Sozialdemokrat, der sich auf dieser Versammlung zu der neuen politischen Anschauung bekehrte, schrieb später seine Eindrücke nieder. Die Zuhörer, berichtete er, wurden unruhig während Stoeckers Rede, bewahrten aber Disziplin und ließen ihn ausreden. Dann begann Johann Most unter wildem Beifall eine heftige Ansprache, in der er das Christentum angriff und die Geistlichkeit der Unterwürfigkeit vor den Ausbeutern bezichtigte.

Mit großer Mehrheit nahm die Versammlung einen Beschluß an, der die »christlichsozialen« Vorschläge zurückwies. Er lautete:

»In Erwägung, daß ein fast 1900 Jahre währendes Christentum nicht im Stande gewesen ist, das Elend, die äußerste Not der überwiegenden Mehrheit der Menschheit zu lindern, geschweige denn ihnen ein Ende zu machen; in fernerer Erwägung, daß die heutigen Diener der Kirche keine Miene machen, das seither von ihnen beobachtete Verfahren zu ändern; in schließlicher Erwägung, daß selbst jede wirtschaftliche Errungenschaft, sei sie groß oder klein, völlig ohne den gleichzeitigen unbeschränkten Besitz politischer Freiheit wertlos ist, und selbst bei Erfüllung des christlichsozialen Programms die Sache beim alten bleibt, dekretiert die Versammlung, daß sie lediglich und allein von der sozialdemokratischen Partei eine gründliche Beseitigung aller herrschenden politischen und wirtschaftlichen Unfreiheiten erhofft, und daß es ihre Pflicht ist, mit allen Kräften für die Lehren dieser Partei einzutreten und dafür zu wirken.«58)

Stoecker ließ sich durch den anfänglichen Mißerfolg nicht entmutigen, sondern fuhr fort, eine Reihe wöchentlicher Versammlungen einzuberufen; schließlich wurde »auf dem Boden des christlichen Glaubens und der Liebe zu König und Vaterland« seine Partei organisiert. Sie lehnte die Sozialdemokratie als »unpraktisch, unchristlich und unpatriotisch« ab, befürwortete »eine friedliche Organisation der Arbeiter, um in Gemeinschaft mit den anderen Faktoren des Staatslebens die notwendigen praktischen Reformen anzubahnen«, und sah ihr Ziel in der »Verringerung der Kluft zwischen reich und arm« und in der »Herbeiführung einer größeren ökonomischen Sicherheit« (59).

War das Programm der neuen Partei auch zusammengestückelt, so hatte es doch seine innere Logik. Es mußte radikal genug sein, um Arbeiter von der Sozialdemokratie wegzulocken, durfte sich aber andererseits wichtige Mächte in Staat, Regierung und Wirtschaft nicht zu Gegnern machen. An peinlichem Befremden und offener Warnung vor den Folgen seiner Tätigkeit fehlte es Stoecker nicht; er klagte oft über die mangelnde Einsicht seiner konservativen Freunde. Das sensationelle Ereignis, daß ein Hofprediger am Getümmel politischer Agitation teilnahm, mußte natürlich mancherlei Kritik hervorrufen. Die Würde des Thrones drohte in Mitleidenschaft gezogen zu werden, und die evangelische Kirche fürchtete, man könne sie in kritischen sozialpolitischen Fragen auf eine Stellungnahme festlegen, die nicht mit der Billigung konservativer Kreise rechnen durfte. Außerdem betrachteten die Konservativen die Gründung dieser neuen Partei als Verletzung ihrer traditionellen Interessen.

Um das Mißtrauen seiner konservativen Freunde zu beschwichtigen, mußte Stoecker ihnen vor Augen führen, welch bedrohliche Folgen die Einführung des Systems der allgemeinen, gleichen und geheimen Wahlen im Reich mit sich bringen könne. In Preußen war seit der Gegenrevolution 1849/50 der überwiegende Einfluß der Konservativen immer noch zweifach gesichert, durch die feudale Zusammensetzung der oberen Kammer des Landtages – des Herrenhauses – und durch das indirekte »Drei-Klassen-Wahlrecht« zum Abgeordnetenhaus (60).

Wollten aber die Konservativen ihren Einfluß außerhalb Preußens ausdehnen und ihre Macht im Reich befestigen, wo das gleiche Wahlrecht für die männliche Bevölkerung herrschte, so gab es dafür nur einen Weg: die Partei des landbesitzenden preußischen Adels, der Hofkreise, der Armee und der protestantischen Hierarchie mußte eine Massenpartei im Reich werden. Das erforderte manche Konzessionen, die den eingefleischten Konservativen mit ihrer tiefverwurzelten Abneigung gegen demokratische »Pöbelherrschaft« höchst widerwärtig waren. Aber selbst wenn sie sich bereit gefunden hätten, ihrer Partei ein demokratischeres Gesicht zu geben, wäre es den Konservativen nicht leicht gefallen, die neue Rolle als Freunde der unteren Stände zu spielen. Die Erinnerung an 1848 und die nachfolgende Reaktionszeit war noch zu lebendig. Stoecker bestand daher auf der Bildung einer eigenen Organisation, die zwar in Freundschaft und Bündnis mit den Konservativen operieren, aber doch unabhängig bleiben sollte in ihrem Bestreben, der Sozialdemokratie eine christliche Arbeiterpartei entgegenzustellen und ein Sammelbecken für die »wertvollen Elemente in der Welt der Arbeit« zu bilden.

Die Beziehungen zwischen Stoecker und den Konservativen waren nicht unähnlich denen, wie sie ein halbes Jahrhundert später in der »Kampfzeit« zwischen Hitler und den Deutschnationalen bestanden. Um politisch zu gedeihen, brauchte die Christlichsoziale Arbeiterpartei ebensosehr Bewegungsfreiheit wie die National-Sozialistische Deutsche Arbeiterpartei. Es mußte ihr erlaubt sein, die privilegierten Schichten zu kritisieren und im Namen der Unterdrückten zu sprechen. Als »Anhängsel der konservativen Fraktion« konnten die Christlichsozialen keinen Erfolg haben. Die Arbeiter verlangten eine unabhängige Organisation zur Verteidigung ihrer Interessen. Wollte Stoecker dieses Versprechen geben, so mußte er die Freiheit haben, soziale Forderungen zu vertreten, auch wenn sie gegen Vorrechte verstießen, welche die Konservativen zu verteidigen entschlossen waren. Konflikte dieser Art sind unvermeidlich, wo ein Agitator zwei divergente politische Richtungen verkoppeln will. In den dauernden Reibungen und dem steten Mißtrauen, zu denen sie führen, drücken sich die objektiven Gegensätze der Kräfte aus, die der Agitator zu einigen unternommen hat.

So paradox es klingen mag, es war das Verlangen nach Demokratisierung des Staates, das bei der in Deutschland vorherrschenden Gesellschaftsschichtung dem politischen Antisemitismus den größten Antrieb gab. Die Feinde der Demokratie mußten sich schon damals demokratischer Methoden bedienen, um die alte Machtstruktur aufrechtzuerhalten. Der von der Aristokratie verachtete und gefürchtete städtische »Pöbel« war ein Machtfaktor geworden, soweit politische Entscheidungen von allgemeinen Wahlen abhingen. Man konnte die Organisierung der Massen nicht länger einfach dem Liberalismus oder Sozialismus überlassen. Stoecker erkannte das deutlich. Am 1. April 1881 sagte er in einer öffentlichen Versammlung in Stuttgart:

»Es gibt konservative Schichten, die sind so vornehm kühl, daß sie meinen, es schicke sich nicht, in Volksversammlungen hineinzutreten und da im Staube des Schlachtfeldes Kämpfe auszufechten … Wir haben den Gegnern die Positionen des Volkslebens überlassen; nun stehen sie auf den Höhen mit dem ganz groben und feinen Geschütz der Presse, der Volksversammlungen ausgerüstet; und wir müssen eine Stellung nach der anderen erst wieder zurückerobern … Was gerade den Konservativen fehlt, das sind große, das ganze Volksleben umfassende, anregende, bewegende Gedanken. Die anderen Parteien haben solche Gedanken gehabt; der Nationalliberalismus hatte die nationale Einheit, er hatte den großen Begriff der persönlichen Freiheit … Die Einheit haben wir, und der Freiheit mehr als zuviel. Auf dem Boden der Freiheit suchen wir heute wieder mehr Ordnung herzustellen, heute werden es andere als jene liberalen Gedanken sein, die unserem Volk eingehaucht werden müssen. Ich glaube, sie bewegen sich um diese beiden Worte ›christlich und sozial‹«.61)

Die Demokratisierung des Staates erhöhte gleichzeitig die Chancen, als Gegenmaßnahme gegen die demokratische Mehrheitsherrschaft eine Massenbewegung von rechts organisieren zu können. Der anonyme, von Rang und Stand unabhängige Stimmzettel erschien nicht nur der Aristokratie als ein Ausdruck sozialer Gleichmacherei. Daß bei den Wahlen die Stimme eines Arbeiters, eine Sozialdemokraten, eines Juden, eines arbeitslosen Taugenichts ebensoviel gelten sollte wie die Stimme achtbarer Leute – die von Beamten, Lehrern, Gewerbetreibenden und Landwirten – war auch standesbewußten Mittelstandsgruppen unerträglich. Sie weigerten sich, die peinliche Tatsache hinzunehmen, daß das industrialisierte Deutschland ihnen nicht mehr die Stellung einräumte, deren sie sich in den idyllischen Zeiten der Kleinstaaterei erfreuen durften. Über die Minderung ihres gesellschaftlichen Ansehens konnten sie sich mit defensiven Ideologien trösten; der Verlust der wirtschaftlichen Sicherheit jedoch ließ sich nur durch politischen Druck kompensieren. Voraussetzung dafür war politische Organisierung. Die Konservativen, die sich nach Massenunterstützung umsahen, trafen auf Mittelstandsgruppen, die ihrerseits darauf drängten, »in die Politik zu gehen«.

In der ersten Phase seiner politischen Laufbahn hatte Stoecker offen den Kampf gegen die Sozialdemokratie als die Hauptaufgabe seiner Partei bezeichnet. In dem oben erwähnten Brief an den Kronprinzen Friedrich von 1878 schrieb er:

»Wir stehen eben vor der Wahl. Ich denke nicht daran, einen Sitz im Reichstag zu erhalten, aber ich denke, wir werden in den drei Wahlkreisen, in denen die Sozialdemokraten mächtig sind, soviel Arbeiterstimmen absplittern, daß die Sozialdemokratie nicht siegt. Sollten wir diesen Erfolg haben, so würde jeder die Richtigkeit unserer Aktion anerkennen müssen.«62)

Stoeckers Hoffnungen sanken, als die Wahlen mit einer völligen Niederlage der Christlichsozialen Arbeiterpartei endeten. In ganz Berlin erhielten Stoeckers Kandidaten weniger als 1500 Stimmen, die der Sozialdemokraten dagegen 56000. Der Versuch, die revolutionäre Organisation der Arbeiter durch eine konservativ-klerikale zu ersetzen und das Berliner Proletariat wieder mit Kirche und Staat zu versöhnen, war gescheitert.

Damit trat Stoeckers Bewegung in eine neue Phase. Ihr Programm enthielt zwar weiterhin die Forderung nach arbeiterfreundlichen Sozialreformen, aber die Partei nahm nach 1878 sehr schnell einen anderen Charakter an: »christlichsozial« wurde gleichbedeutend mit »antijüdisch«. Mit dem Angriffsziel der Partei wandelte sich auch ihre politische Anziehungskraft. 1881 verschwand das Wort »Arbeiter« aus ihrem Namen; sie nannte sich jetzt einfach Christlichsoziale Partei und gestand damit, daß der Angriff auf die Sozialdemokratie mißlungen war. Stoeckers Partei setzte sich fast nur noch aus Angehörigen des kleinen Mittelstandes zusammen.

Stoecker hatte die Versöhnung von Staat und Proletariat vor Augen gehabt; durch systematische Staatsintervention sollte das Verhältnis zwischen Kapital und Arbeit menschlicher gestaltet werden; dafür hätten die Arbeiter die Autorität des christlichen Staates anzuerkennen. Weltanschaulich richtete sich dieses Programm gegen den Wirtschaftsliberalismus. Einige seiner Forderungen, wie Börsensteuer oder Wiedereinführung von Gesetzen gegen Wucherei, ließen erkennen, daß es den Liberalismus mit jenen wirtschaftlichen Übeln identifizierte, die man jüdischen Geschäftsmethoden zuzuschreiben pflegte. Solange Stoecker sich jedoch hauptsächlich an die industrielle Bevölkerung wandte, stand der Antisemitismus nicht im Vordergrund seiner Agitation. In der Parteiliteratur fanden sich in der Anfangsphase der Bewegung nur gelegentlich Äußerungen prinzipiell antisemitischen Charakters. So hieß es in einem Flugblatt, das Stoecker während des Wahlkampfes 1878 verteilte:

»Wir achten die Juden als unsere Mitbürger und ehren das Judentum als die untere Stufe der göttlichen Offenbarung. Aber wir glauben fest, daß ein Jude weder in religiöser noch in wirtschaftlicher Hinsicht ein Führer deutscher Arbeiter sein kann. Die Christlich-soziale Arbeiterpartei schreibt das Christentum auf ihre Fahne …«63)

Wer um die Arbeiter warb, durfte sich nicht auf eine offen antisemitische Agitation einlassen. Seit die Sozialdemokratie ihren Anhängern einhämmerte, daß es gleichgültig sei, ob ihre Ausbeuter jüdische oder christliche Kapitalisten seien und daß eine Judenhetze nur antirevolutionäre Zwecke verfolge, waren den Arbeitern antisemitische Demagogen verdächtig. Tatsächlich hatte der ungehemmte Antisemitismus seiner eigenen Parteigänger Stoecker häufig in Verlegenheit gesetzt, und er mußte ihre Ausbrüche auf seinen Parteiversammlungen mehr als einmal eindämmen. Erst am 19. September 1879, als die Aussichtslosigkeit des Versuchs, die Sozialdemokratie zu schwächen, offenbar geworden war, startete er seinen ersten unverbrämten antisemitischen Angriff mit einer Rede über »Unsere Forderungen an das moderne Judentum« (64).

Die Rede verschlug dem politischen Leben Berlins den Atem. Stoeckers Agitation bekam neuen Auftrieb, seine schwache Partei erwies sich plötzlich als eine Kraft, mit der man rechnen mußte. Von 1879 bis in die Mitte der achtziger Jahre hielt die sogenannte Berliner Bewegung, mit Stoecker als ihrem hervorragendsten Führer, die Hauptstadt in Aufruhr. Ihr Gedankengut war ein Gemisch aus christlichsozialen, konservativen, orthodox-protestantischen, antisemitischen, sozialreformerischen und staatssozialistischen Elementen. Das Konservative Zentralkomitee wurde ihr Hauptquartier; Handwerker, Büroangestellte, Studenten, untere Beamte, kleine Geschäftsleute und andere Mittelständler stellten den größten Teil ihrer Anhängerschaft.

Das Ziel, das Stoecker sich gesetzt hatte, trieb ihn dazu, den Antisemitismus zum Mittelpunkt seiner Agitation zu machen. Zwar war es ihm mißlungen, die Sozialdemokratische Partei zu verdrängen oder ihre Wählerschaft zu spalten, aber die Regierung hatte sich dieser Bedrohung auf ihre eigene Weise entledigt. 1878 war die Sozialdemokratie für gesetzwidrig erklärt worden; sie konnte nur noch unterirdisch weiterarbeiten. Der politische Liberalismus war jetzt der Hauptgegner, und im Kampf gegen »jüdischen Liberalismus« gab es keine bessere Waffe als Antisemitismus. Hinzu mag gekommen sein, daß Stoecker aus Furcht, von anderen Agitatoren überflügelt zu werden, den antisemitischen Kurs einschlug. Sein Freund und Biograph Oertzen stellt fest: »Die Notwendigkeit des Kampfes [gegen die Juden] ergab sich aus dem überschäumenden Interesse, das er erweckte. Tausende von Zeitungsartikeln, hunderte von Broschüren, ungezählte starke Bücher wurden verfaßt, um die [jüdische] Frage zu erörtern und klare Ziele herauszuarbeiten.«65)

Stoecker selber betrachtete sich nie als Antisemiten; sein erklärtes Ziel war, die Flamme des Christentums in den Herzen seiner Anhänger zu schüren und seine Bewegung auf den Felsen des christlichen Glaubens zu gründen, nicht auf den Haß gegen die Juden. Am 23. September 1880 schrieb er dem Kaiser:

»Im übrigen habe ich in allen meinen Reden gegen das Judentum offen erklärt, daß ich nicht die Juden angreife, sondern nur dies frivole, gottlose, wucherische, betrügerische Judentum, das in der Tat das Unglück unseres Volkes ist.«66)

Offenbar aber lockten seine antijüdischen Attacken und seine mittelständlerischen Forderungen mehr Zuhörer an als der christliche Inhalt seiner Reden (66a). Stoeckers Biograph Frank ermittelte aus Polizeiakten, wie stark der Besuch verschiedener seiner Veranstaltungen war67):


DATUM THEMA BESUCHERZAHL
5. März1880 König Hiskia und der Fortschritt 1000
9. April1880 Die Judenfrage 2 000
30. April1880 Ist die Bibel Wahrheit? 500
24. September 1880 Die Judenfrage 2 000
19. November1880 Das Dasein Gottes 1000
17. Dezember1880 Das Alte und Neue Testament 700
21. Januar1881 Das Handwerk einst und jetzt 2 500
28. Januar1881 Die Sünden der schlechten Presse 3 000
4. Februar1881 Die Judenfrage 3 000
11. Februar1881 Obligatorische Unfallversicherung 3 000

Wie tief die öffentliche Meinung aufgerührt war von dem Kampf gegen die Juden, geht aus der zeitgenössischen Literatur hervor. Wawrzinek stellt in seiner Studie »Die Entstehung der deutschen Antisemitenparteien (1873–1890)«68) eine Bibliographie von über fünfhundert Büchern, Broschüren und Artikeln aus jener Zeit zusammen, die sich ausschließlich mit der »Judenfrage« beschäftigen. Was sich in diesen Jahren in Berlin ereignete, wirkt wie ein Vorspiel zu dem, was fünfzig Jahre später geschehen sollte. Zwei Berichte – einer aus christlicher, der andere aus jüdischer Feder – mögen das politische Klima der Reichshauptstadt veranschaulichen. 1885 schrieb ein Berliner Mitarbeiter der Christlichen Monatsschrift in Barmen:

»Welche Wendung in Berlin vor sich gegangen ist, kann nur derjenige würdigen, der die Stadt zehn Jahre nicht gesehen und plötzlich wieder hineinversetzt wird. Er würde schon staunen, wenn er in ein kleines bescheidenes Restaurant eintritt und hier den ›Reichsboten‹ nicht bloß ausgelegt, sondern auch von dem kleinen Handwerker und Arbeiter begierig gelesen findet. Er müßte, bei den Erinnerungen an ehemals, wo man in diesen Kreisen das reaktionäre Blatt samt seinem Leser zur Tür hinausgeworfen hätte, sich geradezu an die Stirn fassen, ob er nicht träumt. Er würde dasselbe tun müssen, wenn er die Zeitungsfrau in das Hintergebäude drei oder vier Treppen hoch das ›Deutsche Blatt‹ tragen sieht. Ist denn da oben unter dem Dach nicht mehr die exklusive Domäne der ›Volkszeitung‹? Woher der Eindringling? Nun, er kommt von Stoecker und keinem anderen. Er hat die Umwandlung bewirkt. Der Fremde, der zehn Jahre lang Berlin nicht gesehen hat, sieht plötzlich gegen Abend das Gedränge in den Straßen eines Stadtviertels immer dichter werden. Er läßt sich vom Strom mit fortreißen und kommt in eine konservative Wahlversammlung. Tausende sind versammelt, Tausende müssen aus Mangel an Platz draußen zurückgehalten werden. Alle Stände sind vertreten, vom Arbeiter hinauf bis zum Offizier in Zivil und bis zu dem auf einer Tribüne hinter einer Säule sich nur schlecht verbergenden Minister. Es geht ein lebhaftes Geflüster durch die des Redners harrende Versammlung. Mit einemmal wird es still, dann atemlos still und dann wieder stürmisch laut. Hofprediger Stoecker ist in den Saal getreten, und ein donnerndes Hoch aus den Tausenden von Kehlen, ein Hoch, das nicht enden will, empfängt den populärsten Mann Berlins, einen Hofprediger! Der Fremde denkt nach, er verweilt mit seinen Gedanken bei jener konservativen Versammlung, die er vor zehn Jahren besucht hatte. Er hat davon noch die Empfindung einer Krankenstube. Vornehmer war die damalige Versammlung, aber klein und gichtbrüchig. Wer hat dieses Wunder vollbracht?«69)

Der andere Bericht stammt von dem nationalliberalen Reichstagsabgeordneten Bamberger; als er 1883 von einer mehrmonatigen Auslandsreise nach Berlin zurückkehrte, schrieb er angeekelt in sein Tagebuch:

»Gleich in den ersten Tagen hörte ich im Vorübergehen zweimal gemeine Äußerungen über Juden, ohne daß damit eine Absicht auf mich im Spiele war, sondern nur weil mein Ohr sie erhaschte. Einmal waren es sogar Arbeiter. Jetzt, nach längerem Aufenthalt, ist man wieder aguerri. Ich sage, man muß nicht hinaus, damit der Gestank nicht weicht, wenn man einmal die Nase voll hat. Lüftet man sich, so muß man das Experiment von neuem durchmachen.«70)

Warum fand Stoeckers Agitation gerade um diese Zeit so großen Widerhall? Gründe für die Dynamik des Antisemitismus können nur in der Dynamik der Gesellschaft gefunden werden. 1870 war ganz Deutschland freihändlerisch71). In erster Linie war Preußen damals bestrebt, Beschränkungen des Binnenhandels aus dem Wege zu räumen und die dafür notwendige Einheitlichkeit der Gesetzgebung zu erreichen. Jeder Schritt zur wirtschaftlichen Einheit Deutschlands bedeutete einen preußischen Sieg im Kampf um die »kleindeutsche« Lösung.

Als Großproduzenten von Exportgetreide traten die preußischen Konservativen natürlich für Freihandel ein. »Der Schutzzoll ist der Schutz gegen die Freiheit der Inländer, da zu kaufen, wo es ihnen am wohlfeilsten und bequemsten scheint, also ein Schutz des Inlandes gegen das Inland.« Diese typisch manchester-liberale Gesinnung vertrat im Oktober 1849 ein Junker vor dem preußischen Abgeordnetenhaus – es war Bismarck72). Wie überall führte auch in Deutschland die Industrialisierung zu erhöhtem Verbrauch von Konsumgütern, also zu steigenden Getreide- und Bodenpreisen. Die Preissteigerung Anfang der siebziger Jahre veranlaßte Agrarier, mehr Land unter den Pflug zu nehmen und Verarbeitungsbetriebe anzugliedern. Die dafür nötigen Investitionen verschafften sie sich durch Aufnahme von Krediten. Dann brach der Markt zusammen. In anderen europäischen Ländern und in Übersee war es nicht anders; auch in den Vereinigten Staaten wurden die Landwirte von ihren Gläubigern – den Bankiers der Ostküste – bedrängt und mußten den Staat um Intervention bitten, aber ihre Beschwerden gegen »Wall Street« hatten nicht den antijüdischen Unterton, der die Beschuldigungen der deutschen Landwirte gegen die »Börsenmächte« charakterisierte.

Teilweise war das Fallen der Getreidepreise durch die Industriekrise in Deutschland verursacht, teilweise aber auch durch die Überflutung des ungeschützten deutschen Marktes mit amerikanischem und russischem Weizen. In Deutschland wie überhaupt in Mittel- und Westeuropa herrschte in der Landwirtschaft die intensive Bodenbearbeitung. Um die Mitte des Jahrhunderts hatten wissenschaftliche und technische Fortschritte diesem Verfahren weiteren Aufschwung gegeben. Die hohen Preise für landwirtschaftliche Erzeugnisse führten zu neuen Investitionen, um den Bodenertrag zu steigern. Seit den siebziger Jahren mußte die intensive Bebauungsweise mit der extensiven Methode in Konkurrenz treten, die sich auf den grenzenlos erscheinenden Flächen freien Landes in Übersee entwickelt hatte. Eisenbahn und Dampfer ermöglichten es jetzt, die amerikanische Ernte zu konkurrenzfähigen Preisen nach Europa zu werfen. Deutschland begann, Getreide einzuführen. Hatten die konservativen Grundbesitzer anfangs nur zögernd nach Schutzzollpolitik gerufen, so taten sie das seit der Mitte der siebziger Jahre mit steigendem Nachdruck.

In der Industrie fand eine ähnliche Entwicklung statt. Durch die Einverleibung von Elsaß-Lothringen war Deutschland in den Besitz von profitablen, technisch fortgeschrittenen Industrien gelangt. Die dortige Textilindustrie zum Beispiel verfügte über mehr als einhalbmal so viele Baumwollspindeln und über fast die gleiche Zahl mechanischer Webstühle wie das ganze Reich73). Deutschland hatte auch Eisenerzvorkommen in Lothringen und Kalilager im Elsaß erworben, beide von größtem Wert für die Entwicklung der deutschen Schwerindustrie. Damals glaubte man so fest an die Vorteile des Freihandels, daß die Meistbegünstigungsklausel in den Friedensvertrag mit Frankreich aufgenommen wurde. Um seinen internationalen Handelsverpflichtungen nachkommen zu können, hob Deutschland 1873 den Einfuhrzoll für Roheisen, Schrott und Schiffbaumaterial auf. Der Zoll, der auf Halbfabrikaten und Maschinen lag, wurde ermäßigt, nach vier Jahren sollte er ganz wegfallen. Diese Freihandelspolitik fand die Unterstützung der Konservativen. Einer von ihnen erklärte 1873 im Reichstag: »Nächst dem Brot und Fleisch ist nichts wichtiger als freies Eisen.« Im selben Jahre nahmen mehrere hundert landwirtschaftliche Vereinigungen an einer Riesendemonstration teil, die gegen die Beibehaltung des Zolles auf Roheisen protestierte74).

Kaum erst war die deutsche Schwerindustrie fähig geworden, mit der von Großbritannien, ihrem überlegenen Rivalen in Europa, zu konkurrieren (75), als die Engländer sich durch die internationalen Stagnationstendenzen veranlaßt sahen, in den ungeschützten deutschen Markt einzudringen. Die erhöhte Konkurrenz überzeugte daraufhin manchen eingefleischten Manchesterliberalen, daß eine »nationale« Handelspolitik an die Stelle des international orientierten Freihandels treten müsse. Der Ruf nach neuen Zöllen auf Eisen- und Stahlprodukte gesellte sich den Stimmen der bedrängten Landwirte zu.

Ohne gegenseitige Unterstützung konnten weder die Getreide produzierenden Junker noch die Schwerindustrie hoffen, die Schutzzollgesetzgebung durchzusetzen. Zwar wünschten die Industriellen niedrige Preise für Nahrungsmittel und die Agrarier niedrige Preise für Industrieprodukte, aber schließlich mußten beide Gruppen sich überzeugen, daß ein Kompromiß unumgänglich war. Um ihrer eigenen Interessen willen unterstützten die Agrarier die Schutzzollforderungen der Schwerindustrie, und die Schwerindustrie ihrerseits förderte der Landwirtschaft genehme Zolltarife. 1878 war mit der Annahme eines neuen Zolltarifs die kurze Ära des Freihandels beendigt und zugleich der Grundstein gelegt für das politische Bündnis zwischen Schwerindustrie und Großagrariern, das fortan Deutschlands wirtschaftliche und soziale Entwicklung lenken und seine auswärtige Politik entscheidend beeinflussen sollte.

Schutzzöllnerische Wirtschaftspolitik gab es nicht nur in Deutschland, aber in keinem anderen Industrieland zeitigte sie so drastische politische Folgen. Der Zusammenbruch der Freihandelsidee untergrub das Prestige des politischen Liberalismus, der ja mit den Freihandelsparteien eng verbunden war. Konservative Tendenzen konnten ihren Einfluß in dem Maße vergrößern, in dem der Obrigkeitsstaat seine Macht erweiterte. Der politische Druck, den die Anhänger des Schutzzolls auf die Regierung ausübten, störte den Reichskanzler wenig, obwohl er sich selber einst zu den Prinzipien des Wirtschaftsliberalismus bekannt hatte. Niemals ließ sich Bismarck durch ideologische Neigungen oder politische Verpflichtungen von seinem eigentlichen Ziel, dem Ausbau der zentralisierten Reichsgewalt, ablenken. Wo es um dieses Ziel ging, scheute er vor nichts zurück. 1866 hatte er die preußischen Konservativen vor den Kopf gestoßen, indem er den König von Hannover entthronte und damit die geheiligten Rechte der Dynastien in Frage stellte; 1872 hatte er die ostpreußischen Junker verstimmt, indem er mit einer neuen Kreisordnung ihre alten Vorrechte in der ländlichen Selbstverwaltung aufhob; er hatte seine Gegner gedemütigt, indem er einen »Pairsschub« vornahm, das heißt fünfundzwanzig neue Mitglieder des Herrenhauses vom König ernennen ließ, um sein Reformgesetz durchzusetzen; er hatte konservative kirchliche Kreise verärgert, indem er hohe katholische Würdenträger einsperren ließ, als er zu der Überzeugung gekommen war, daß die Sonderinteressen der katholischen Kirche die Reichsautorität bedrohten. Während all dieser Jahre waren die Liberalen dem Kanzler treu geblieben, voller Jubel über jeden Schritt, mit dem er die Einheit des Reiches und die Zentralisierung der Regierung förderte. Dennoch gab es ein Spannungsfeld: selbst während der Jahre engster Zusammenarbeit führten die Liberalen einen stillen Krieg mit Bismarck um die Struktur der zentralistischen Regierung, um die Frage der autokratischen oder parlamentarischen Herrschaftsform.

Eine schwerwiegende Konzession an demokratische Forderungen war dem Kanzler 1867 abgerungen worden, als er mit den Nationalliberalen über die künftige Reichsverfassung verhandelte, nämlich das Recht des Reichstages, die Regierungsausgaben zu bewilligen. Man konnte es Bismarck nicht vergessen, daß er sich 1862 im »Verfassungskonflikt« mit dem preußischen Landtag kurzerhand über die Ablehnung seines Haushaltsplanes hinweggesetzt und vier Jahre lang ohne Etatbewilligung regiert hatte. Nach der Reichsgründung stellte sich bald heraus, wodurch des Kanzlers autokratische Hand zurückgehalten wurde: er brauchte eine Reichstagsmehrheit, die seiner Heeresvorlage zustimmte.

Es war schon zu Reibungen zwischen Bismarck und seinen nationalliberalen Freunden gekommen, als er 1869 eine Anleihe forderte, um die Flotte des Norddeutschen Bundes auszubauen. Ein Kompromiß beendete diesen Konflikt, und 1871 stimmten die Nationalliberalen dafür, daß der Reichstag, wie Bismarck wünschte, den Heeresetat auf vier Jahre im voraus genehmigte. 1874 mußte wieder eine Entscheidung getroffen werden; die Nationalliberalen waren zwar bereit, die von der Regierung beantragten zusätzlichen Ausgaben zu bewilligen, Bismarck jedoch verlangte ein »Äternat«, das heißt eine Blankoermächtigung der Regierung für Heeresausgaben auf unbestimmte Zeit. Dem Reichstag sollte nur das Recht verbleiben, die Stärke der Friedensarmee gesetzlich festzulegen, um dann innerhalb dieser Grenzen alle Ausgaben dem Ermessen der Regierung zu überlassen. Die Annahme dieses Vorschlags durch die Nationalliberalen hätte dem Parlament sein wichtigstes Vorrecht genommen: die jährliche Kontrolle des Staatshaushaltes, wozu nicht einmal der rechte Flügel des deutschen Liberalismus bereit war. Statt dessen wurde ein neuer Kompromißvorschlag ausgehandelt: das »Septennatsgesetz« erteilte dem Kanzler die Ermächtigung, die er dem Reichstag auf immer abzuzwingen versucht hatte, in abgeschwächter Form auf sieben Jahre. Diese Vorausgenehmigung wurde mit 224 gegen 146 Stimmen angenommen. Des nationalen Prestiges wegen hatten viele Fortschrittler, die Nationalliberalen aber ohne Ausnahme dafür gestimmt.

Das Septennat – es wurde 1880 erneuert – bedeutete einen Sieg für Bismarck, aber der Kampf um seine Annahme hatte wieder den Sprung im Unterbau des Reiches bloßgelegt: die Unvereinbarkeit des Prinzips des Obrigkeitsstaates mit dem der Mehrheitsherrschaft, ein Gegensatz, der sich auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens zeigte. Jede Äußerung gegen die Staatsautorität, sei es in der Kunst, der Politik, der Erziehung oder den Sozialwissenschaften, wurde als Bedrohung des Regimes angesehen. Besonders die liberale und sozialistische Presse ging dem Kanzler gegen den Strich und erregte leidenschaftlichen Haß in allen konservativen, christlichsozialen und »national gesinnten« Kreisen, denen die ganze »jüdische Journaille« als Nährboden autoritätsfeindlicher Gesinnung galt. Kritik an der Obrigkeit mußte als umstürzlerisch und unpatriotisch verdammt werden.

Dennoch weigerte sich der Reichstag 1874 und 1876, Gesetzesvorlagen des Kanzlers zuzustimmen, mit denen er die sozialdemokratische Presse zum Schweigen bringen wollte. Schnell war die junge sozialistische Arbeiterbewegung angewachsen, trotz aller Hindernisse, die ihr die Regierung in den Weg legte. Ende der siebziger Jahre schon mußte der Bismarcksche Staat in der Sozialdemokratischen Partei seinen wichtigsten und gefährlichsten Gegner sehen. Einer der Hauptgründe des Kanzlers für den Kurswechsel in seiner Innenpolitik war sein Entschluß, sich dieser revolutionären Bedrohung zu entledigen. Aber solange die beiden liberalen Parteien, Fortschrittler und Nationalliberale, sich gegen jede Ausnahmegesetzgebung sträubten, konnte Bismarck sein antisozialistisches Programm nicht durchsetzen. Der Widerstand der Liberalen mußte gebrochen werden.

Bismarck gelangte zum Ziel mit Hilfe eines politischen Zwischenfalls, bei dem es ihm meisterhaft gelang, sich die wirtschaftliche Unzufriedenheit, kulturelle Erbitterung und politische Furcht, die im deutschen öffentlichen Leben lauerten, zunutze zu machen. Am 11. Mai 1878 verübte der Klempnergeselle Hödel, ein Halbirrer, der kurze Zeit der Christlichsozialen Partei angehört hatte, jetzt aber von der Polizei als Sozialdemokrat bezeichnet wurde, ein mißglücktes Attentat auf Kaiser Wilhelm I. Das war die Gelegenheit, auf die Bismarck gewartet hatte. Als der Kanzler von dem Mordanschlag unterrichtet wurde, soll er triumphierend ausgerufen haben: »Jetzt haben wir sie.« »Die Sozialdemokraten, Durchlaucht?«, wurde er gefragt. »Nein«, antwortete er, »die Liberalen.«76)

Sofort brachte der Kanzler im Reichstag eine Gesetzesvorlage ein, die auf das Verbot der Sozialdemokratischen Partei hinzielte. Die Liberalen, glaubte er, könnten es sich jetzt, wo es um die Bestrafung einer »Mörderpartei« ging, nicht mehr leisten, für die Unverletzlichkeit von Bürgerrechten einzutreten. Aber er hatte sich verrechnet. Die Vorlage wurde abgelehnt, mit den Stimmen der meisten Nationalliberalen. Drei Wochen später verübte ein Anarchist, Nobiling, ein zweites Attentat auf den Kaiser; dieses Mal wurde der Monarch ernstlich verletzt. Die öffentliche Entrüstung war groß. Obwohl der Reichstag erst am 10. Januar 1877 gewählt worden war, löste Bismarck ihn sofort wieder auf und schrieb Neuwahlen aus. Jede Opposition wollte er in einer patriotischen Kampagne für »König und Vaterland« ersticken; alle Kräfte, die ihm im Wege standen, galten als Vaterlandsfeinde, als umstürzlerische Internationalisten, als Freunde und Beschützer von Mördern; die liberalen Elemente in der Beamtenschaft wurden eingeschüchtert; es sei ein Schaden für das Land, ließ der Kanzler verlauten, wenn so viele Anwälte, Beamte und Gelehrte – »Männer ohne produktive Berufe« – im Reichstag säßen.

Die Kampagne »gegen den roten Terror« führte zur Auslöschung der liberalen Reichstagsmehrheit in den Wahlen vom 30. Juli 1878. Die Nationalliberalen, die schon 1877 von 152 Abgeordneten auf 127 gefallen waren, brachten es nur noch auf 98 Sitze, die Fortschrittler auf 26 gegenüber 35 im Jahre 1877 und 49 im Jahre 1874. Die Konservativen dagegen erhielten 59 Mandate, während sie 1877 nur 40, 1874 sogar nur 21 hatten erringen können; die Mandate der Freikonservativen stiegen von 33 bzw. 38 in den vorigen Wahlen auf 56. Die Zentrumspartei konsolidierte ihre früheren Erfolge; sie behielt ihre 93 Sitze von 1877; schon 1874 waren es 91 gewesen (77). Jetzt konnte die Regierung auch mit den Konservativen und mit dem Zentrum regieren.

Die entmutigten Nationalliberalen gaben ihren Widerstand auf. Als Bismarck eine neue, nodi schärfere Gesetzesvorlage gegen die Sozialdemokratie einbrachte, stimmten sie für die Ausnahmegesetzgebung und halfen mit, das »Gesetz wider die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie« vom 21. Oktober 1878 durchzubringen. Dieses berüchtigte »Sozialistengesetz« erklärte die Partei für gesetzwidrig und ermächtigte die Polizei zur Auflösung »sozialdemokratischer Vereine« – nämlich der Partei-Ortsgruppen – und von »Vereinen, in denen solche Bestrebungen zutage treten«; Gewerkschaften, Arbeiterclubs und praktisch alle sonstigen Organisationen waren damit der Polizeiwillkür ausgeliefert. Den Anhängern der Sozialdemokratie wurde Presse- und Versammlungsfreiheit genommen; die Polizei war befugt, »Agitatoren« (das heißt alle, in denen sie eine Gefahr für Ruhe und Ordnung sah) aus den Großstädten auszuweisen. Das Aufstellen von Wahlkandidaten blieb den Sozialisten jedoch gestattet, das Abhalten von Wahlversammlungen auch, aber nur in Anwesenheit der Polizei.

Viermal wurde das ursprünglich bis zum 31. März 1881 befristete Gesetz verlängert, jedesmal mit den Stimmen der Nationalliberalen. In ihrer Hoffnung, sich durch Zustimmung zum Sozialistengesetz die Gunst Bismarcks wieder erkaufen zu können, sahen sie sich jedoch schwer getäuscht. Sie hatten ihren politischen Feinden nur einen neuen Beweis dafür geliefert, daß es nicht mehr möglich war, gegen den Nationalismus, gegen bedingungslose Treue zu Kaiser und Reich, zu opponieren. Die konservativ-monarchischen Kräfte konnten ihre Ernte einbringen.

Kaum hatte Bismarck die Sozialdemokratie aus dem Wege geräumt, als er sich anschickte, den Liberalismus vollends niederzuringen. Die Regierung begann eine systematische Konsolidierung der Staatsverwaltung und eine Reorganisierung des Beamtentums, aus dem alle »unzuverlässigen«, das heißt alle liberalen Elemente entfernt wurden; besonders das Heer sollte vor Ansteckung durch den Liberalismus geschützt werden78). Die Konservativen aller Richtungen und das Zentrum–Bismarcks neue Reichstagsmehrheit – nahmen die Vorlage für eine neue Wirtschaftsund Sozialgesetzgebung an. Ideologisch und wirtschaftlich einigte diese Politik die Kräfte, die unter der Autorität von Thron und Altar einen »christlich-nationalen Staat« wünschten. Der Liberalismus, in die Enge getrieben durch die manipulierte Angst vor der sozialistischen Revolution, hatte ausgespielt. Sein rechter Flügel, die Nationalliberalen, war seitdem stets bereit, sich auf die Seite der herrschenden Macht zu schlagen, falls diese ihn überhaupt als Partner akzeptieren wollte. Die zusammengeschrumpfte Fortschrittspartei – »Vorfrucht der Sozialdemokratie« hatte Bismarck sie genannt79) – kam als Teilnehmer an einer parlamentarischen Mehrheit sowieso nicht in Frage.

KAPITEL III
Konservativer Staat und soziale Demagogie

Der Antisemitismus hatte gute Dienste geleistet, als es galt, politischen Katholizismus und preußischen Konservatismus zusammenzukoppeln, schwankende Liberale einzuschüchtern und nationalistische Instinkte zu entfesseln. Seine Wortführer konnten sich jetzt auf gute Beziehungen zur Staatsautorität berufen; wenn diese auch lässige Vorbehalte machte, kam ihr die Judenhetze doch recht gelegen. Der politische Antisemitismus wurde respektabel, weil es sich immer deutlicher zeigte, daß die Regierung ihm den Rücken stärkte. Eugen Richter, der Führer der Fortschrittspartei, sagte am 12. Januar 1881 im Reichstag:

»Die Bewegung fängt an, sich an die Rockschöße des Fürsten Bismarck zu hängen, und wenn er sie gleich ablehnt und in seiner Presse die Überschreitungen mitunter tadeln läßt, so fährt sie doch fort, sich an ihn anzuschmiegen und sich auf ihn zu berufen, gleichsam wie lärmende Kinder ihren Vater umdrängen.«80)

In Wilhelm I. fand Stoecker einen wohlwollenden Monarchen; er wußte die Anstrengungen seines Hofpredigers für Thron, Altar und nationalen Staat zu würdigen, wenn ihn auch Stoeckers öffentliche Agitation unangenehm berührte. Fürst Hohenlohe, damals deutscher Botschafter in Paris, bemerkte nach einem Besuch beim Kaiser am 29. November 1880:

»Der Kaiser billigt nicht das Treiben des Hofpredigers Stoecker, aber er meint, daß die Sache sich im Sande verlaufen werde, und hält den Spektakel für nützlich, um die Juden etwas bescheidener zu machen.«81)

Des Kaisers Besorgnis galt wohl weniger den Gefahren, die Stoeckers Agitation für die Juden barg, als vielmehr denen, die sie womöglich durch eine Aufwiegelung der Massen heraufbeschwören könnte. In seiner Unterhaltung mit dem Botschafter gab er jener Furcht Ausdruck, die einen Konservativen immer befällt, wenn er sich sozialer Agitation gegenübersieht, sei sie nun revolutionärer oder demagogischer Art. Andererseits war er von Stoeckers Verehrung angetan und hörte viel Gutes über den Hofprediger von dessen Freunden unter den hohen evangelischen Würdenträgern und der preußischen Aristokratie. Der Kaiser schwankte und spürte die Gefahren nur dunkel; Bismarck dagegen war sich ihrer völlig bewußt. Das zeigte sich eindeutig in den Folgen von Stoeckers Angriff auf Bleichröder.

Um die sozialdemokratischen Angriffe gegen Kirche und Staat abzuwehren, hatte Stoecker auf einer Massenversammlung am 11. Juni 1880 Bleichröders Namen in die Debatte geworfen. Sozialdemokraten unter den Zuhörern, so berichtete Stoecker später, »schmähten die christliche Kirche und Geistlichkeit, daß diese nichts für die Arbeiterwelt getan habe. Die jüdische Tendenz war unverkennbar. Daraufhin rief ich ihnen zu, sie möchten nicht bloß von uns, sondern auch von den Juden Hilfe fordern, z. B. von Herrn Bleichröder, der habe mehr Geld als alle Pastoren zusammen.«82) Eine Woche darauf beschwerte sich Bleichröder in einem Brief an den Kaiser über den Zwischenfall und die christlichsoziale Agitation im allgemeinen. Der im Archiv des Kaiserlichen Geheimen Zivilkabinetts von Frank gefundene Brief ist ein interessantes Zeitdokument, nicht zuletzt deswegen, weil er zeigt, wie sehr der jüdische Bankier sich mit Staat und Thron identifizierte. Bleichröder wies auf die revolutionären Gefahren hin, die Stoeckers politische Tätigkeit in sich trage. Von sozialdemokratischer Agitation unterschiede sie sich einzig dadurch, daß sie »gefährlicher, weil praktischer« sei. Die ganze Sache könne nur auf eine Revolution hinauslaufen.

»Majestät«, schrieb er, »ich zittere nicht vor diesem letzten notwendigen Ereignis, wenn der Agitation nicht rechtzeitig Einhalt geboten wird. Ich versuche mich darauf vorzubereiten, so schweren Herzens ich das Vaterland auch meiden würde … Ich weiß, daß die hohe Staatsgewalt in der letzten und höchsten Katastrophe zu meinem Schutze kommen wird. Aber ich glaube annehmen zu dürfen, daß der Versuch einer Gewalt gegen mich, der in den Reden des Herrn Hofpredigers Stoecker und Genossen gegen mich heraufbeschworen wird, nicht vereinzelt stehen bleiben könnte, daß er vielmehr nur der Anfang des Unglücks einer furchtbaren sozialen Revolution sein müßte.«83)

Der Kaiser sandte den Brief an Bismarck; der gab ihn an den zuständigen preußischen Minister, Robert von Puttkamer84), weiter mit dem Aufträge, die Sache zu untersuchen und geeignete Schritte gegen Stoecker vorzuschlagen. Als naher Freund Stoeckers nahm Puttkamer sich mehrere Monate Zeit, bevor er dem Kanzler einen Entwurf unterbreitete, den dieser am 16. Oktober 1880 ablehnte. Wie Frank einer Kopie im Archiv des Evangelischen Oberkirchenrats entnahm, begründete der Kanzler seine Ablehnung mit folgenden Worten:

»Ich kann der Gesamtauffassung Ew. Exzellenz nicht unbedingt beitreten. Die Tätigkeit des Hofpredigers Stoecker bleibt meines Erachtens auch dann eine bedenkliche, wenn die von ihm veranstalteten Versammlungen ihren tumultuarischen Charakter verlieren sollten. Die Tendenzen, welche er verfolgt, decken sich in mehreren Punkten mit denjenigen der anderen Sozialdemokraten. Ew. Exzellenz erlaube ich mir in dieser Beziehung auf die Rede aufmerksam zu machen, welche Herr Stoecker vorgestern in der Generalversammlung des Zentralvereins für Sozialreform gehalten hat. Er bezeichnete hier die Intentionen der Regierung als ungenügend und als das zu erstrebende Ziel die ökonomische Sicherstellung der Arbeiter in Fällen der Arbeitslosigkeit; er fordert die Normalarbeitszeit und die progressive Einkommensteuer. Daß letztere nur eine verhältnismäßig sehr geringe Erhöhung der jetzigen Einkommensteuer bedeuten würde, sollte er wohl wissen; seine Zuhörer aber wissen es nicht. Wenn er die Normalarbeitszeit verlangt, so arbeitet er auf den Ruin unserer Industrie zugunsten ihrer Konkurrenten in England, Belgien, Frankreich usw. hin, und wenn er die ökonomische Sicherstellung des Arbeiters in Fällen der Arbeitslosigkeit fordert, so muß er sich klar sein, daß dieses Ziel ein faktisch unerreichbares ist. Er regt unerfüllbare Begehrlichkeiten auf.

Was speziell die Judenfrage betrifft, ist es ein Irrtum, wenn angenommen wird, daß die reichen Juden bei uns einen großen Einfluß auf die Presse ausüben. In Paris mag dies anders sein. Nicht das Geldjudentum, sondern das politische Reformjudentum macht sich bei uns in der Presse und in den parlamentarischen Körperschaften geltend. Die Interessen des Geldjudentums sind eben mit der Erhaltung unserer Staatseinrichtungen verknüpft und können der letzteren nicht entbehren. Das besitzlose Judentum in Presse und Parlament, welches wenig zu verlieren und viel zu gewinnen hat und sich jeder politischen Opposition anschließt, kann unter Umständen auch zu einem Bündnis mit der Sozialdemokratie, einschließlich Stoecker, gelangen. Gegen dieses richtet sich auch die Agitation des Herrn Stoecker nicht vorzugsweise; seine Reden sind auf den Neid und die Begehrlichkeit der Besitzlosen gegenüber den Besitzenden gerichtet.«85)

Bismarcks Sohn Herbert schrieb am 21. November 1880 dem Geheimrat Tiedemann, einem hohen Regierungsbeamten, sein Vater nehme viel mehr Anstoß an den sozialistischen als an den antisemitischen Tendenzen der Stoeckerschen Agitation.

»Auch gegen Bleichröder hetzt Stoecker nicht etwa, weil er Jude, sondern weil er reich ist. Für meine Beurteilung des Stoeckerschen Treibens sind namentlich die Versammlungsreden maßgebend, in welchen er den Arbeitern auf Kosten der wohlhabenden Klassen goldene Berge verspricht, vermittels der einzuführenden progressiven Einkommensteuer usw.… Wenn Stoecker sich bloß gegen die Ausschreitungen und das Überwuchern des Judentums in Presse und Parlament gerichtet hätte, würde Bleichröder keine Veranlassung gehabt haben, die Hilfe Seiner Majestät gegen seine Agitation anzurufen, und man hätte ihn gewähren lassen können: das Gefährliche ist aber die kommunistisch-sozialistische Tendenz der Stoeckerschen Aufreizung.«86)

Beide Bismarcks waren dafür, Stoeckers Partei unter Berufung auf das Sozialistengesetz für ungesetzlich zu erklären.

Soweit aber wollte wiederum der Kaiser nicht gehen. Er beendigte die Angelegenheit durch eine Mitteilung an den Hofprediger, worin er ihn tadelte, daß er in seinen an sich wohlmeinenden Bestrebungen Exzesse nicht vermieden habe. Der Kaiser sprach sein Bedauern darüber aus, daß Stoecker Begehrlichkeiten, zu deren Befriedigung auch er kein Mittel kenne, mehr erregt als beruhigt habe. Er habe die Aufmerksamkeit der Masse auf die Reichtümer Einzelner gelenkt und soziale Reformen vorgeschlagen, die über das Regierungsprogramm hinausgingen. Im ganzen aber blieb die kaiserliche Ermahnung schonend und entmutigte den Hofprediger nicht.

Während die Regierung noch die Bleichröder-Affaire beriet, hatte eine neue antisemitische Kampagne begonnen. Im Herbst 1880 machten sich Bernhard Förster, Max Liebermann von Sonnenberg, Ernst Henrici und andere antisemitische Führer der Berliner Bewegung daran, Unterschriften für eine Petition an den Reichskanzler zu sammeln. Ziel dieser sogenannten »Antisemitenpetition« war »die Emanzipation des deutschen Volkes von einer Art Fremdherrschaft, welche es auf die Dauer nicht zu ertragen vermag«87). Die Unterzeichner verlangten Verbot oder wenigstens Einschränkung der Immigration ausländischer Juden; Ausschluß der Juden von allen Regierungsstellen; beschränkte Zulassung von Juden bei den Gerichten, besonders als Richter; Ausschluß der Juden von Lehrerstellungen in Volksschulen; Verringerung jüdischer Lehrkräfte an höheren Schulen und Universitäten; Wiedereinführung des separaten Zensus für die jüdische Bevölkerung. Im April 1881 wurde die Petition mit etwa einer Viertelmillion Unterschriften Bismarck überreicht.

Im November 1880–die Unterschriftensammlung war noch im Gange – hatte die Fortschrittspartei im Preußischen Landtag eine Interpellation eingebracht; die Regierung wurde ersucht, eine Erklärung darüber abzugeben, welche Haltung sie gegenüber den Bestrebungen einnähme, jüdische Staatsangehörige ihrer bürgerlichen Rechte zu entkleiden. Es kam zu einer Debatte, die sich über mehrere Sitzungen hinzog. Der Vizepräsident des preußischen Ministerrats gab die kurze Erklärung ab, die Verfassung garantiere die Gleichheit aller Konfessionen, und die Regierung beabsichtige nicht, eine Änderung der gesetzlichen Stellung der Juden zuzulassen. Die Antisemiten schlossen daraus, die Regierung sei über die Interpellation ungehalten, und fühlten sich ermutigt, ihre Unterschriftensammlung nun erst recht fortzuführen.

Gegen Ende des Jahres 1880 schien die antisemitische Agitation im öffentlichen Leben Berlins zu dominieren. Eduard Bernstein beschreibt in seiner »Geschichte der Berliner Arbeiterbewegung« die damalige Lage:

»Es war wie eine Sturzwelle judenfeindlicher Reaktion. Eine ganze Presse, die ihr Ausdruck gab, schoß ins Leben. Antisemitische Flugschriften und Schimpfblätter wider alles, was jüdisch oder jüdischer Sympathien verdächtig war, wurden in Massen verbreitet; sie predigten gesellschaftliche Ächtung der Juden, und diese Ächtung wurde auch verschiedentlich in verletzender Form in die Tat umgesetzt … Mit Rüpelszenen, wie sie Berlin zuvor nicht gekannt, wurde, nachdem am 30. Dezember 1880 eine große Antisemitenversammlung in der Bockbrauerei durch Reden der B. Förster, E. Henrici, Ruppel, Liebermann von Sonnenberg und anderer Führer der Bewegung bearbeitet worden war, in der Silvesternacht 1880/1881 das neue Jahr eingeläutet. Organisierte Banden zogen in der Friedrichstadt vor die besuchteren Cafés, brüllten, nachdem allerhand Schimpfreden gehalten worden, taktmäßig immer wieder »Juden raus!‹, verwehrten Juden oder jüdisch aussehenden Leuten den Eintritt und provozierten auf diese Weise Prügelszenen, Zertrümmerung von Fensterscheiben und ähnliche Wüstheiten mehr. Alles natürlich unter der Phrase der Verteidigung des deutschen Idealismus gegen jüdischen Materialismus und des Schutzes der ehrlichen deutschen Arbeit gegen jüdische Ausbeutung.«88)

Im Juni 1881 wurde der Reichstag aufgelöst, nachdem die liberale und sozialistische Opposition die Regierungsvorlage für eine obligatorische Unfallversicherung zu Fall gebracht hatte. Im darauffolgenden Wahlkampf erreichte der organisierte Antisemitismus einen Höhepunkt. Stoecker schreibt über die Stimmung der Wahlkampagne:

»Mit Naturgewalt brach sich die Überzeugung Bahn, daß die Hauptstadt des Deutschen Reiches nach den großen kriegerischen Siegen nicht in demokratischen jüdischen undeutschen Händen bleiben dürfe. Ein freudiges Arbeiten und Agitieren begann bei reich und arm, bei vornehm und gering … Zu dem in Hunderten von Volksversammlungen gesprochenen Wort kam das gedruckte hinzu. Der ›Reichsbote‹89) hatte schon das erste Aufflammen der christlich-sozialen Sache mit Freuden begrüßt, seitdem den Kampf mit seiner Teilnahme begleitet. Die ›Kreuz-Zeitung‹ verhielt sich einen Augenblick kritisch, stellte sich aber bald in die Reihen der Freunde. So war im Grunde alles, was sich in Berlin konservativ oder antifortschrittlich nannte, vereinigt und wirkte begeistert zusammen. Das Konservative Zentralkomitee, das viel geschmähte, viel gefürchtete C. C. C. kommandierte im Kampfe: Mit Gott für Kaiser und Reich.«90)

Am Vorabend der Wahl ließ Stoecker ein Flugblatt verbreiten, worin es hieß:

»Seit vier Jahren stehe ich in dem öffentlichen Leben von Berlin und bekämpfe offen und frei die Übermacht des Kapitals, unredliche Spekulation, schnöde Ausbeutung der Arbeit, großen und kleinen Wucher. Ich betrachte die Ansammlung des mobilen Kapitals in wenigen, meist jüdischen Händen als eine drohende Gefahr und als eine der Hauptursachen des sozialdemokratischen Umsturzes. Aber nicht bloß der Herrschaft des Mammons, auch den Revolutionsgelüsten der Sozialdemokratie, den unpraktischen und unerfüllbaren Versprechungen eines sozialistischen Volksstaates habe ich mich entgegengestellt und betont, daß die soziale Revolution überwunden werden müsse durch die gesunde soziale Reform auf christlicher Grundlage. Diese Reform steht gegenwärtig, von der starken Hand der Regierung angefaßt, als die größte Aufgabe der Gegenwart vor uns. Die Mitarbeit daran ist heute der wahre Fortschritt. Aber der Berliner Fortschritt, der sie mit allen erlaubten und unerlaubten Mitteln verhindern will, ist der Rückschritt … Will Berlin an der Spitze der sozialen und nationalen Bewegung bleiben, so muß es dem Fortschritt den Abschied geben … Herr Professor Virchow hat das Judentum verteidigt und für russische Wucherjuden (91) einen Aufruf unterschrieben … Ein fortschrittlicher Aufruf nennt ihn den Vertreter der Kultur und den Kandidaten der gebildeten Welt. Ich will keine Kultur ohne Deutschtum und Christentum; deshalb bekämpfe ich die jüdische Übermacht.«92)

Stoecker war es inzwischen gelungen, nicht nur Ladenbesitzer und Handwerker um sich zu scharen, sondern auch Offiziere und Beamte, Lehrer und Akademiker in freien Berufen – jene gebildeten Mittelstandsschichten, die sich immer stärker entfalteten, bisher aber wenig Interesse für die Konservative Partei bekundet hatten. Jetzt entstanden konservative Bürgervereine, und der 1881 gegründete Verein Deutscher Studenten gewann schnell an Einfluß. Die akademische Jugend, die bis 1848 liberalen und demokratischen Idealen gehuldigt hatte, dann aber in politische Gleichgültigkeit verfallen war, erwärmte sich langsam für die Idee des »nationalen« Staates. Die christlichsozialen Hilfstruppen der Konservativen waren eine Kraft geworden, auf die man im Kampf gegen die Liberalen nicht mehr verzichten konnte. Es gab sogar Anzeichen dafür, daß Bismarck die Christlichsoziale Partei anders einzuschätzen begann. Für Stoecker persönlich hatte er zwar noch immer nichts übrig und vermied es, mit ihm zu sprechen. Aus politischen Gründen schien es jedoch ratsam, Stoeckers Bewegung gegenüber eine weniger feindselige Haltung einzunehmen; offizielle wie auch private Äußerungen Bismarcks während dieser Periode zeigen, daß er sein Verhalten entsprechend geändert hatte.

In einer Kabinettssitzung am 14. November 1881 erklärte der Kanzler, er sei »nur gegen die fortschrittlichen, nicht gegen die konservativen Juden und ihre Presse«93). Am 26. November sagte er seinem Landwirtschaftsminister, »die Judenhetze sei unopportun gewesen, er habe sich dagegen erklärt, aber weiter nichts dagegen getan wegen ihres mutigen Eintretens gegen die Fortschrittler«94). Noch am 2. April desselben Jahres hatte er im Reichstag versichert, er habe nichts mit der antisemitischen Bewegung zu tun95); am 14. Oktober aber ließ er seinen Sohn Wilhelm wissen, daß er die Wahl Stoeckers für sehr wünschenswert halte. Graf Wilhelm von Bismarck hatte vor einer konservativen Wahlversammlung in Berlin Ausführungen gemacht, die eine Debatte in der Presse hervorriefen. Der Kanzler ermahnte deshalb seinen Sohn, sich in Zukunft vorsichtiger auszudrücken:

»Wenn Du sprichst, so müßtest Du allerdings Stoecker unterstützen, weil sein Gegner Fortschrittler ist: aber die Identifizierung mit Stoecker paßt der Regierung nicht, und es wird nie Glauben finden, daß Du etwas anderes als Regierungsmeinung aussprichst. Stoeckers Wahl ist dringend zu wünschen: einmal als Nichtwahl des Gegners, dann weil er ein außerordentlicher, streitbarer, nützlicher Kampfgenosse ist, aber sobald man für ihn eintritt, indossiert man der Wirkung nach alles, was er früher gesagt hat, resp. alle anderen Antisemiten, und das kann doch en bloc nicht von mir kontrasigniert werden.«96)

Einige Tage vor der Wahl, am 5. November 1881, gestattete der Kanzler einer Zeitung, eine private Äußerung von ihm zu zitieren, nämlich, »die Juden tun, was sie können, um mich zum Antisemiten zu machen«97). Der Artikel berichtete auch, der mutige Kampf Stoeckers und der Berliner Bewegung gegen die Fortschrittspartei fände durchaus die Billigung des Kanzlers, der seine anfängliche Abneigung gegen Stoecker überwunden habe und jetzt aufrichtig die Tapferkeit und Begabung dieses Redners bewundere; falls es zu einer Stichwahl zwischen dem liberalen Kandidaten und Stoecker komme, werde Bismarck offen für den letzteren stimmen. Nach den Wahlen soll der Kanzler gesagt haben:

»Ich wollte erst diese Agitation für Stoecker als Antisemit nicht, sie war mir unbequem und ging zu weit. Jetzt aber freue ich mich darüber, daß der Hofprediger gewählt ist. Er ist ein tätiger, furchtloser, standhafter Mann und hat ein Maul, das nicht tot zu machen ist.«98)

Es ist bezeichnend für die damalige öffentliche Meinung in Deutschland, daß sowohl der organisierte Antisemitismus wie auch seine liberalen Gegner sich auf Äußerungen stützten, die der allmächtige Reichskanzler im Laufe seiner langen politischen Tätigkeit irgendeinmal getan hatte. Ob Bismarck wirklich ein Freund oder ein Feind der Juden war, ist viel diskutiert worden. Eingehend hat man seine offiziellen Reden und privaten Unterhaltungen, die Briefe und Memoiren seiner Freunde wie die seiner Feinde daraufhin untersucht. Otto Jöhlingers Buch »Bismarck und die Juden«99) enthält eine gründliche Zusammenstellung solchen Materials, nur hat der Verfasser das Thema recht apologetisch behandelt. Der eigentliche Kern der Kontroverse, der politische Aspekt, kommt bei ihm wie auch in den meisten anderen Fällen zu kurz.

Man kann leicht nachweisen, daß die persönlichen Beziehungen des Kanzlers zu Juden wie auch sein allgemeines Verhalten ihnen gegenüber freundlich waren; natürlich wahrte er stets aristokratische Distanz. Als er einmal im Gespräch mit einem Freund auf die Ursache der antisemitischen Bewegung zu sprechen kam, bemerkte er, es sei eine Tatsache, daß Juden anderen Bevölkerungselementen im Geschäftsleben überlegen seien100). Damit erkannte er nur eine Fähigkeit an, von der er–dank Bleichröder–selbst profitierte, die er aber nicht allzu gerne sich selber nachsagen lassen wollte, obwohl er außerordentliches Talent für die Verwaltung seiner privaten Geschäftsangelegenheiten zeigte. In jenem Gespräch fügte er hinzu, diese Tatsache und ihre Folgeerscheinungen könnten nicht geändert werden, ohne zu Methoden wie denen der Pariser Bartholomäusnacht zu greifen; daran aber dächten nicht einmal die wildesten Antisemiten. Bismarck sprach als ein Aristokrat, der sich über rein geschäftliche Angelegenheiten der Konkurrenzwirtschaft nicht ernstlich aufregen kann. Die bereitwillige Anerkennung jüdischer Begabung für gewisse Berufe war weit verbreitet im kaiserlichen Deutschland und keineswegs auf konservative Kreise beschränkt. Diese Anerkennung fand ihre genehme Kehrseite in der Überzeugung, für bestimmte andere Berufe seien Juden durchaus ungeeignet, nämlich für solche, deren Angehörige sozusagen von Natur aus hof- und satisfaktionsfähig zu sein hatten (100a).

Es kommt in unserer Betrachtung weniger auf Bismarcks persönliche Neigungen und Abneigungen an als auf die Beweggründe seiner politischen Handlungen. Ihm das Hochkommen des konservativ-klerikalen Antisemitismus zur Last zu legen, wie es einige Geschichtsforscher getan haben, wäre ebenso falsch, wie ihn davon freizusprechen, den politischen Antisemitismus als einen willkommenen Verbündeten in seinem Kampf gegen Liberale und Sozialisten geduldet und oft genug gefördert zu haben. Bismarck muß als der erste große Manipulator des Antisemitismus im modernen Deutschland betrachtet werden, und zwar gerade deswegen, weil er weder rassische noch religiöse Vorurteile gegen Juden hatte und die Juden als solche gar nicht sein Ziel waren, als er die antisemitische Agitation unterstützte.

Nach 1881 begann Bismarck, sein Interesse an Stoecker zu verlieren. Trotz der offiziellen und inoffiziellen Förderung, die den Konservativen zuteil wurde, und trotz der Unterdrückung der Sozialdemokratischen Partei hatten die Wahlen den Antisemiten nicht den erwarteten großen Sieg gebracht. Aber es ging auch ohne sie. Im neuen Reichstag gab es eine Mehrheit, die willens war, die Regierung in ihrem Programm zu unterstützen. Das lag hauptsächlich an dem Zerfall der Nationalliberalen Partei. Ihr linker Flügel unter Bamberger und Forckenbeck, der gegen den neuen Kurs der Regierung war, fiel ab und konstituierte sich als Liberale Vereinigung. Die »Sezessionisten«, die später, 1884, zur Fortschrittspartei stießen und mit ihr eine neue Organisation bildeten – die Freisinnige Partei – errangen im Reichstag von 1881 siebenundvierzig Sitze, zwei mehr als die Nationalliberalen, die jetzt auf den fünften Platz zurückgefallen waren, während sie im Reichstag von 1874 die stärkste Fraktion gebildet hatten.

In Berlin jedoch durfte sich die antisemitische Bewegung über den Ausgang der Wahl freuen. 1878 hatten die Konservativen nur 14 000 Stimmen erhalten, gegenüber 86 000 fortschrittlichen und 56 000 sozialdemokratischen; 1881 aber brachten sie es auf 46000 gegen 89000 fortschrittliche und 30 000 sozialdemokratische Stimmen. Stoecker selbst wurde gewählt–zwar nicht in Berlin, aber in dem streng protestantischen Wahlbezirk Siegen in Westfalen. Von 1881 bis 1908, mit Ausnahme der Wahlperiode 1893 bis 1898, war er im Reichstag und von 1879 bis 1898 auch im preußischen Abgeordnetenhaus. In beiden Parlamenten schloß er sich sofort der konservativen Fraktion an.

Die Jahre 1881 bis 1884 können als die Zeit des größten Stoeckerschen Triumphes angesehen werden. Die kaiserliche Botschaft, mit der Bismarck sein Sozialreformprogramm dem neugewählten Reichstag vorlegte, mußte dem christlichsozialen Führer als ein persönlicher Sieg erscheinen. Die Regierungsvorlage, stellte er fest, »ist nach der einen Richtung hin, als Programm der Sicherung der Arbeiter-Existenz auf Grund von christlich gedachten Korporationen, nahezu die Erfüllung der christlich-sozialen Hoffnungen«101). Den Text der Botschaft, der emphatisch von den »sittlichen Fundamenten des christlichen Volkslebens« sprach, pries Stoecker als den Beginn einer neuen kulturellen Entwicklung, als einen der Höhepunkte in der Geschichte des sozialen Gedankens. Die geistige Einheit zwischen seiner Bewegung und der staatlichen Autorität schien hergestellt zu sein.

Eine anerkennende Geste von Allerhöchster Stelle ließ auch nicht auf sich warten. Im Frühling 1882 machte der Kaiser der Berliner Bewegung seine Aufwartung, indem er am Vorabend seines Geburtstages Stoecker und einigen von dessen Mitarbeitern eine Audienz gewährte. Dr. Cremer, Professor Dr. Adolph Wagner und der Berliner Kaufhausbesitzer Rudolf Hertzog(102) waren anwesend. Stoecker hielt eine Ansprache und verlas eine Gratulationsadresse.

»Da sagte unser Kaiser«, berichtet Stoecker, »der in seiner schlichten königlichen Rede den Nagel so oft auf den Kopf trifft: ›Wenn das vergangene Jahr den Herrscher des autokratischsten Landes, den russischen Kaiser, und den Präsidenten des freiesten Volkes, der aus der Wahl dieses Volkes hervorgegangen ist, das Leben gekostet hat, wer ist dann noch sicher?‹«103)

Solange diese Interessengemeinschaft mit der Regierung andauerte, war Stoeckers Stellung so stark, daß auch einige peinliche Vorfälle sie nicht ernstlich erschüttern konnten. Einer davon war ein Skandal, den er 1883 in London durch zwei Reden hervorrief, die Bismarck in Wut brachten und den Kaiser ungnädig stimmten. Stoecker hatte der Einladung zu einer Luther-Gedenkfeier in London Folge geleistet und dort in zwei öffentlichen Versammlungen über die Sozialreformbewegung und seine Christlichsoziale Partei gesprochen; die liberale Stadt war aufgebracht. Unter dem Druck der öffentlichen Meinung zog der Lord Mayor die schon erteilte Erlaubnis für einen Vortrag im Mansion House, seiner amtlichen Residenz, zurück; die Veranstaltung mußte anderswo abgehalten werden. Deutsche Sozialdemokraten, vom Sozialistengesetz ins Exil getrieben, kamen in großer Zahl und sprengten die Versammlung. Stoecker mußte durch eine Hintertür fliehen. Der »Sozialdemokrat« berichtete darüber:

»Unsere Genossen waren hergekommen, nicht um zu diskutieren, sondern um Herrn Stoecker und in seiner Person Bismarck, seinem Patron, und den regierenden Klassen Deutschlands ihren Haß und ihre Verachtung in möglichst unzweideutiger Weise kundzugeben, auf die Mundtotmachung unserer Genossen in Deutschland zu antworten.«104)

Nicht weniger peinlich gestaltete sich ein Beleidigungsprozeß, den Stoecker 1884 gegen eine Berliner Zeitung anstrengte; sie hatte während der Wahlkampagne unter dem Titel »Hofprediger, Reichstagskandidat und Lügner« einen Artikel erscheinen lassen, in dem Stoecker unter anderem des Meineids bezichtigt wurde. Auf Monate hielt der Prozeß Berlin und ganz Deutschland in Spannung; er gestaltete sich zu einer politischen Niederlage für Stoecker, obwohl der angeklagte Redakteur schließlich wegen Formalbeleidigung zu einer Gefängnisstrafe von sechs Monaten, herabgesetzt auf drei Wochen, verurteilt wurde. Da er als Jude einer Konfession angehöre, die der Nebenkläger Stoecker dauernd angegriffen hatte, wurden ihm mildernde Umstände zugebilligt. Das Gericht erklärte ausdrücklich:

»Derjenige müßte seinen Glauben und den seiner Väter nicht lieb haben, der schließlich nicht tief gereizt und innerlich empört würde, wenn er Angriffe sieht und wieder sieht auf seinen Glauben und die Gleichberechtigung seines Glaubens, zumal wenn diese Angriffe von einem Geistlichen kommen.«105)

Zwei hervorragende Rechtsanwälte, einer von ihnen selbst ein Jude, vertraten den Angeklagten; für die Atmosphäre der Verhandlung war es bezeichnend, daß der vorsitzende Richter sich wiederholt versprach und den Nebenkläger – Stoecker – als Angeklagten bezeichnete. Bald darauf wurde Stoecker wirklich zum Angeklagten, als ihn ein liberaler Gegner in seinem Wahlbezirk wegen Verleumdung vor Gericht brachte. Er kam mit einer Geldstrafe davon.

An Propagandamaterial gegen Stoecker fehlte es also nicht. Seine politischen Gegner ließen sich die Gelegenheit nicht entgehen, die Prozesse nach Kräften auszuwerten. Der Vorsitzende der Fortschrittspartei begrüßte nach dem gegen den Redakteur angestrengten Prozeß dessen Anwälte in einer öffentlichen Erklärung, in der es hieß:

»Die antisemitische Bewegung konnte durch nichts besser charakterisiert werden als durch die gerichtliche Feststellung der sittlichen Qualitäten ihres Hauptführers.«106)

Die liberale Presse begrüßte die Gerichtsentscheidung mit der größten Genugtuung; sogar die Konservative Korrespondenz, das halboffizielle Organ der Konservativen Partei, brachte einen unfreundlichen Artikel über Stoecker, und selbst der kaiserliche Hof, der sich von öffentlichen Auseinandersetzungen solcher Art fernzuhalten pflegte, sah sich schließlich gezwungen, Stellung zu nehmen. »Seine Majestät waren darauf hingewiesen worden«, daß Volksaufwiegelung unvereinbar sei mit dem Amte eines Hofpredigers, dessen »politisches Treiben geeignet sei, auf Allerhöchstdieselbe zu reflektieren«, wie aus den Akten des Kaiserlichen Zivilkabinetts hervorgeht107). In der Tat trug sich der alte Wilhelm I. ernstlich mit dem Gedanken, Stoeckers Rücktritt von seinem Amt zu verlangen, als dieser durch einen hochgestellten Bewunderer gerettet wurde, Prinz Wilhelm, den späteren Kaiser Wilhelm II. In einem handschriftlichen vierseitigen Brief an den Kaiser vom 5. August 1885, den Stoeckers Biograph Frank im Preußischen Hausarchiv später einsehen und inhaltlich wiedergeben, aber nicht textgetreu veröffentlichen durfte108), meldete der Prinz seinem Großvater, die Juden hätten den Prozeß absichtlich herbeigeführt, um Stoecker eine Falle zu stellen; als Beweismaterial für die Heimtücke der jüdischen Presse fügte er Zeitungsausschnitte bei. Er wußte auch zu berichten, das deutsche Volk sei über dieses jüdische Manöver sehr erbost, und man habe ihn selbst gebeten, seinen Großvater über den Hintergrund der Intrige aufzuklären. Gestützt und getrieben von Sozialdemokraten und Fortschrittlern – schreibt der Prinz – hätten die Juden es unternommen, Stoecker zu vernichten; es sei bedauerlich, daß das Judentum durch seine Presse im deutschen Reich genügend Macht errungen habe, um sich auf einen solchen Anschlag einlassen zu können. Er habe sich entschlossen, dem Kaiser zu schreiben, nachdem er erfahren habe, daß die Juden sogar am kaiserlichen Hof Einfluß besäßen.

Dann geht der Brief dazu über, Stoeckers Verdienste um die Sache der Monarchie zu preisen. Der Prediger habe gewiß manche Fehler, aber er sei der beste Förderer der Hohenzollernmonarchie und ihr mutigster und angriffslustigster Vorkämpfer unter dem Volke; in Berlin allein habe er den Sozialdemokraten und der Fortschrittspartei 60 000 Arbeiter abspenstig gemacht. Schließlich hob der Brief noch Stoeckers Anstrengungen für die Wohltätigkeits- und Sozialbestrebungen hervor, wodurch er die Sympathien Augusta Viktorias, der Gattin des Prinzen, gewonnen habe. Die Prinzessin machte sich den Appell ihres Gemahls zu eigen; sie flehte den Kaiser an, sie nicht eines ihrer besten Mitarbeiter auf dem Gebiete praktischen Christentums zu berauben. Der Prinz hatte Erfolg: der Kaiser erneuerte nur seine Warnung, Stoecker solle in Zukunft seine soziale und politische Tätigkeit mehr mit den Erfordernissen seiner hohen Stellung in Übereinstimmung bringen.

Aber Stoeckers Stern war im Sinken. Die ihm von oben gezeigte Gunst verebbte, als sich der Kurs der Regierungspolitik wieder einmal änderte. Zur selben Zeit ging die Führung des politischen Antisemitismus in die Hände von Männern über, die nicht von Traditionen eingeengt waren, auf die der Hofprediger Rücksicht nehmen mußte. Ein neuer Typ von Antisemitismus begann sich auszubreiten, frei von christlicher oder konservativer Färbung und oft im Gegensatz zu den Interessen der Kirche und der Junker. Das Zentrum der neuen Bewegung lag nicht mehr in Berlin, sondern in den Provinzen, besonders in Sachsen, Westfalen und Hessen.

KAPITEL IV
Stoeckers Niedergang (1886-1890)

Um die Mitte der achtziger Jahre war die Politik der kaiserlichen Regierung auf zwei Hauptziele gerichtet: auf die Erwerbung von Kolonien und die Verstärkung der Armee. Die Zentrumspartei, die seit einigen Jahren der Regierungskoalition angehörte, zögerte, sich das Regierungsprogramm zu eigen zu machen. Bismarck brauchte zur Rückendeckung eine neue parlamentarische Mehrheit. Die Nationalliberale Partei hatte sich, nach ihren großen Verlusten und der Abspaltung ihres linken Flügels (1880), unter der Führung von Johannes Miquel reorganisiert und war nun darauf bedacht, sich mit dem Kanzler wieder gut zu stellen. In ihrer »Heidelberger Erklärung« vom 23. März 1884 proklamierte sie ihre Zustimmung zu Bismarcks Wirtschafts-, Militär- und Außenpolitik. Sie werde, hieß es in der Erklärung, »unablässig für die Erhaltung einer starken deutschen Heeresmacht eintreten und kein notwendiges Opfer scheuen, um die Unabhängigkeit des Vaterlandes allen Wechselfällen gegenüber sicherzustellen«109). Die Partei befürwortete auch nachdrücklich die Fortsetzung des Kampfes gegen die Sozialdemokratie. Die Unterzeichner der Heidelberger Erklärung »werden bereitwillig der Reichsregierung die zur Abwehr staatsgefährlicher Umtriebe erforderlichen Machtmittel gewähren und erachten deshalb die Verlängerung des Sozialistengesetzes für dringend geboten«.

Reumütig und mit reorganisiertem Parteiapparat wurden die Nationalliberalen genau zu dem Zeitpunkt wieder regierungstreu, als Bismarck ihre Unterstützung am dringendsten brauchte. Sie gingen ein enges Bündnis mit den beiden konservativen Parteien ein, den Deutsch- und den Frei-Konservativen, und bildeten das sogenannte »Kartell«. Es wurde das parlamentarische Rückgrat der Regierung für das nächste Jahr und bewies seine Stärke in der »Kartell-Wahl« von 1887. Diesmal war der Reichstag aufgelöst worden, weil er dem Verlangen der Regierung, das Militärbudget wieder auf sieben Jahre im voraus zu bewilligen, nicht nachgegeben hatte110). Die Freisinnigen – so nannten sich die Fortschrittler seit ihrer Verschmelzung mit dem ehemaligen linken Flügel der Nationalliberalen – und das Zentrum waren bereit, den Heeresetat zu erhöhen, aber nur auf drei Jahre. Es war der Versuch, die parlamentarische Kontrolle über das Militär wenigstens in Spuren zu bewahren, ein schwaches Echo jenes Kampfes zwischen den Liberalen und Bismarck im Verfassungskonflikt von 1862–66. Auch diesmal setzte Bismarck seine Forderung durch. Zwanzig Jahre zuvor war ein siegreicher Krieg nötig gewesen, um die liberalen Kräfte zu spalten. Diesmal reichte schon die Kriegsdrohung. General Boulanger war französischer Kriegsminister geworden, und eine antideutsche kriegsfreundliche Gruppe gewann größeren Einfluß auf die Politik Frankreichs. Deutschlands Beziehungen zu Rußland waren zweifelhaft. Die verstärkte Propaganda für deutsche Kolonialforderungen hatte die deutsche öffentliche Meinung stark gegen England aufgebracht. »Das Vaterland ist in Gefahr!« wurde die Wahllosung der Kartellparteien. Die Einberufung der Reservisten für Wintermanöver gab der Kampagne der »Angstwahlen« die Atmosphäre eines unmittelbar bevorstehenden Kriegsausbruchs. So gelang es den drei »staatserhaltenden« Parteien des Kartells, mit 220 von 397 Reichstagssitzen eine ausreichende Mehrheit zu gewinnen. Die Freisinnigen verloren mehr als die Hälfte ihrer Mandate von 1884: von 67 blieben ihnen nur 32. Auch die Sozialdemokratie wurde durch die nationalistische Stimmung geschwächt: ihre Sitze verringerten sich von 24 auf 11. Dagegen konnten die Nationalliberalen ihre Sitze fast verdoppeln (51:99). Beim Zentrum allein änderte sich nichts: von den 99 Mandaten, die es 1884 errungen hatte, verlor es nur eins. Aber das Zentrum vermied einen ernstlichen Kampf gegen die Militärvorlage schon deswegen, weil der Papst Bismarcks Aussöhnung mit dem Katholizismus nicht gefährden wollte. Die Zentrumsabgeordneten enthielten sich der Stimme. Noch im Jahre 1887 konnte so Papst Leo XIII. den Kardinälen mitteilen, der Kulturkampf sei vorüber, und ein Jahr später, als der junge Kaiser Wilhelm II. zu einer aktiven Kolonialpolitik aufrief – »für die Abschaffung der Sklaverei« und um der christlichen Kultur willen – schwenkte das Zentrum zur Kolonialpolitik des Kartells um.

Stoecker geriet durch die Kartellbildung in eine schwierige Lage. Es war wichtig für die neue Koalition, Reibungen unter den Teilnehmern zu vermeiden. Die Nationalliberalen jedoch, die vor nicht so langer Zeit noch als die »Partei der Juden« bekannt waren, wußten, daß sie von Freisinnigen und Sozialdemokraten wegen ihres Bündnisses mit einer Partei, die Stoecker deckte, angegriffen werden konnten. »Wir müssen uns davon frei machen«, schrieb der nationalliberale Führer Rudolf von Bennigsen an Miquel, »daß eine Unterstützung des Stoeckerschen antisemitischen Demagogentums uns durch die Gegner noch weiter angehängt wird.«111) Vorsicht und Mäßigung in antisemitischer Agitation waren jetzt unumgänglich, um Konservative und Nationalliberale beieinander zu halten. Stoeckers Bewegung lag als Hindernis auf dem Wege der neuen Verbindung.

Die Norddeutsche Allgemeine Zeitung, Bismarcks Sprachrohr, forderte am 23. September 1885 Stoecker mit scharfen Worten auf, die Tätigkeit der christlichsozialen Bewegung auf das Gebiet der kirchlichen Wohlfahrtspflege zu beschränken. Die Konservativen wurden merkbar vorsichtiger in der Auswahl von Wahlkandidaten und unterließen es, notorische Antisemiten für Berlin aufzustellen.

Stoeckers enge Verbindung mit den Konservativen wurde jetzt auch für die Christlichsoziale Partei eine schwere Belastung. Er war im preußischen Landtag und im Reichstag zu einem Wortführer der Konservativen geworden. So war die Christlichsoziale Partei durch ihren Vorsitzenden in all die politischen Gefahren verstrickt worden, die sich aus der Art und Weise ergaben, wie Bismarck mit Parteien und Parteigruppierungen umsprang. Einerseits profitierte sie von den Vorteilen, die sich aus der Unterstützung der Regierung durch die Konservativen ergaben, andererseits aber mußte sie, wenn die Konservativen gegen Bismarck auftraten, alle Nachteile einer Oppositionspartei in Kauf nehmen. Das konnte angehen, solange die Konservativen das Bündnis mit den Antisemiten nicht als Hindernis für eine vorteilhaftere politische Verbindung empfanden. Das gerade taten sie jetzt. Die konservativ-nationalliberale Allianz bedeutete den Untergang für die Berliner Bewegung als einer Koalition antiliberaler und antisemitischer Gruppen. Nur der unentwegte Kreuzzeitungsflügel polemisierte gegen das Kartell und trat für eine Zusammenarbeit der Konservativen mit dem Zentrum ein. Gestützt auf diese rechte Opposition konnte Stoecker weiterhin Bismarcks »Politik der Mitte« angreifen. Die Christlichsoziale Partei aber fand sich in einer ausweglosen Situation: solange die Regierung sich auf die Nationalliberalen stützte, eine der beliebtesten Zielscheiben für Stoeckers antisemitische Attacken, und solange das Kartell zusammenhielt, blieb der Partei nichts anderes übrig, als die Regierung selber zu bekämpfen. Aber »eine Oppositionspartei unter Führung eines Hofpredigers war … in Preußen ein unmöglicher Gedanke«112).

Noch mehr kompromittierte sich Stoecker, als er in eine Intrige gegen Bismarck verwickelt wurde; sie stand unter Graf Alfred von Waldersees Führung, der damals stellvertretender Chef des Generalstabes und Generalquartiermeister der Armee war. Bismarck hatte Waldersee im Verdacht, auf die Kanzlerstellung zu aspirieren und sich bei Prinz Wilhelm, dem Thronfolger, einzuschmeicheln. Auf Anregung des Prinzen lud Waldersee im November 1887 eine Anzahl Würdenträger ein, die darüber beraten sollten, wie Gelder für die Berliner Stadtmission aufgebracht werden könnten. Prinz und Prinzessin Wilhelm, Stoecker, der preußische Innenminister von Puttkamer und andere Minister, Hofleute und führende Konservative waren anwesend. Waldersee sprach über die Dringlichkeit, »anarchistische« Tendenzen mit geistigen und materiellen Mitteln zu bekämpfen; die Mission müsse ein Sammelbecken werden für alle diejenigen, die treu zum König hielten und patriotischen Idealen huldigten. Er regte an, aus allen Teilen des Reiches ein Komitee zur Förderung der Mission zusammenzurufen und unter das Patronat des Prinzen zu stellen. Mit Wärme ging der Prinz auf diesen Vorschlag ein, denn er sei besorgt über die geistige Verkommenheit der Berliner Massen und über die Kräfte sozialer Zerstörung, die nur durch christliche und soziale Gesinnung überwunden werden könnten.

Die liberale und regierungsfreundliche Presse zog sofort die politischen Folgerungen aus der Zusammenkunft und griff den Kreis um Waldersee als einen ehrgeizigen klerikal-konservativen Klüngel an, der versuche, den künftigen Kaiser für seine eigenen Zwecke einzuspannen.

»An demselben Abend brach in Berlin und Wien der Sturm los«, schrieb Stoecker später darüber. »Was die Berliner Juden aus Furcht vor Strafe nicht den Mut hatten, zu sagen, das sagten die Wiener; es war ein schlimmes Treiben … aber … gefährlich war es nicht. Was ging diese Fremdlinge, die Feinde unseres Glaubens, ein christliches Hilfswerk an? Man konnte ihre boshaften Äußerungen verachten und tat es auch. Da mit einem Male hörte man ein Pfeifen wie das eines herannahenden Föhns im hohen Gebirge. Die ‚Norddeutsche Allgemeine Zeitung' warf sich mit einem wilden Artikel auf die Christlich-Sozialen … Jetzt schrieb das offiziöse Blatt: die christlich-soziale Partei sei einseitig konfessionell und überhaupt keine politische Partei; sie sei das tote Gewicht der Berliner Bewegung, mit dem sich die Kartellparteien nicht amalgamieren sollten; nicht sie sei der Sauerteig der Berliner Bewegung, sondern der Antisemitismus allein. – Dieser Artikel war das Signal zum allgemeinen Angriff. Von wem er ausging, konnte nicht zweifelhaft sein …«113)

Bismarck erklärte später, weder er noch sein Sohn sei der Verfasser dieses und der darauf folgenden Artikel in der Norddeutschen Allgemeinen gewesen114). Aber wie ernst er die intime Zusammenkunft des Prinzen mit Waldersee und Stoecker nahm, zeigen seine Memoiren. Im dritten Band seiner »Gedanken und Erinnerungen«, in dem er seine Beziehungen zu Prinz Wilhelm beschreibt, befaßt sich das erste Kapitel fast nur mit der Waldersee-Angelegenheit und dem daraus entstandenen Briefwechsel mit dem Prinzen über Stoecker. Er riet dem Prinzen dringend ab, die Schirmherrschaft über die Mission zu übernehmen, und »sich vor der Thronbesteigung schon die Fessel irgendwelcher politischen oder kirchlichen Vereinsbeziehungen aufzuerlegen«115). Diese Auseinandersetzung legte den Keim für die Entfremdung zwischen dem Kanzler und dem künftigen Herrscher.

Hinter jener dringenden Warnung Bismarcks lag mehr als persönliche Rivalität mit Waldersee. Zwar sollte der Hieb auf Stoecker gewiß Waldersee als möglichen Kanzler des Prinzen Wilhelm ausschalten; es ist bekannt, wie eifersüchtig und mißtrauisch Bismarck gegen Persönlichkeiten war, in denen er potentielle Nachfolger argwöhnte, wie schonungslos er sie aus dem Wege räumte. Aber hier ging es um ernstere Fragen. Der alternde Staatsmann beobachtete mit steigender Besorgnis und Gereiztheit jede neue Entwicklung, von der die noch ungefestigte Struktur des Reiches bedroht werden könnte. Würde sie dem wachsenden Druck innerer Konflikte standhalten? Würde sein Regierungssystem, das zwar nicht parlamentarisch, aber auch nicht gegen solche Konflikte geschützt war, allen Gefahren widerstehen? Bismarcks Vertrauen in seine eigene Fähigkeit, die Zukunft des Reiches zu sichern, mag unbegrenzt gewesen sein, aber seine Macht war es nicht.

Die Stellung des Reichskanzlers war entscheidend geschwächt durch ihre strikte Abhängigkeit vom Kaiser. Da Bismarck die Parteien von oben herab zu behandeln pflegte, konnte er sich auf keine von ihnen unbedingt verlassen. Er war auch nicht der anerkannte Wortführer irgendeiner bestimmten sozialen Gruppe. Die besonders im Ausland verbreitete Annahme, er sei vor allem der Vertreter seiner eigenen Kaste, der Junker, gewesen, ist völlig abwegig. Selbst die preußische Armee blieb nur so lange ein williges Werkzeug in seiner Hand, als er das uneingeschränkte Vertrauen des Königs besaß. Wilhelm I. war allerdings völlig auf seinen Kanzler angewiesen. Solange der Kaiser lebte, durfte Bismarck hoffen, durch geschicktes Manövrieren oder, falls nötig, durch Verfassungsbruch die undemokratische Struktur des Reiches bewahren zu können. Aber sobald einmal der ehrgeizige junge Wilhelm II. Kaiser sein würde, bestand die Gefahr eines tiefen Konflikts zwischen Regierung und Reichstag, der dem jungen Staat zum Verhängnis werden könnte. Im Kartell wollte Bismarck eine repräsentative und dauernde Verbindung aller staatstreuen Kräfte schmieden, auf denen sein Reich beruhte: Aristokratie, Armee, Beamtenschaft und gemäßigt liberales, aber nationalgesinntes Bürgertum. Vereinigt sollten sie stark genug sein, die Sozialdemokraten in Schach zu halten und die Schritte des jungen Kaisers zu lenken. Das Kartell war die Voraussetzung für eine stabile Regierung. Als Bismarck es durch Stoeckers Oppositionsgruppe innerhalb der Konservativen gefährdet sah, schlug er mit aller Macht zurück. Er warnte den Prinzen:

»Es gibt Zeiten des Liberalismus und Zeiten der Reaktion, auch der Gewaltherrschaft. Um darin die nötige freie Hand zu behalten, muß verhütet werden, daß Ew. Hoheit schon als Thronfolger von der öffentlichen Meinung zu einer Parteirichtung gerechnet werden. Das würde nicht ausbleiben, wenn Höchstdieselben zur inneren Mission in eine organische Verbindung treten, als Protector.«116)

Bismarcks Autorität und die Erregung, die Waldersees Schachzüge allenthalben hervorgerufen hatten, veranlaßten den Prinzen, die Mission fallen zu lassen. Mit Sorge sah Stoeckers Kreis, wie der Kanzler den künftigen Kaiser für seine Kartellpolitik gewann. »Es hat seitdem jede persönliche Berührung des Hofes mit der Stadtmission und ihrem Leiter aufgehört. Beide sind seitdem in gewissen hohen Kreisen vervehmt«, klagte Stoeckers ergebener Biograph117).

Im März 1888 starb Wilhelm I. Friedrich III., sein schwerkranker Sohn, auf dessen liberale Gesinnung die Freisinnigen so große Hoffnungen gesetzt hatten, und dem der Ausspruch zugeschrieben wird, die antisemitische Bewegung sei »die Schmach des Jahrhunderts«, regierte nur drei Monate lang. Er war entschlossen, der antisemitischen Agitation ein Ende zu bereiten, und stellte den Fall Stoecker gleich bei der ersten Zusammenkunft seines Kronrates zur Debatte. Da Kaiser und Kanzler sich einig waren, schien Stoeckers Schicksal besiegelt. Aber wiederum kamen politische Erwägungen dazwischen. Bismarck gelang es, den Kaiser davon abzubringen, Stoecker ohne weiteres aus seinem Amt als Hofprediger zu entfernen. Zum dritten Male wurde entschieden, Stoecker bedingungslos zwischen seinem Amt und seiner politischen Tätigkeit wählen zu lassen.

Bismarcks Intervention für Stoecker kam nicht etwa aus einer plötzlichen Sympathie für seinen bisherigen Widersacher. Er wollte Stoecker beseitigen, aber nicht durch einen aufsehenerregenden Gewaltstreich, aus dem die Freisinnigen, seine alten Gegner, die schon seit langem die Entlassung des Hofpredigers verlangt hatten, Nutzen ziehen könnten. Für Bismarcks Zwecke war es ausreichend, Stoecker von der Politik fernzuhalten. Die Entscheidung des Kronrates wurde Stoecker erst im Frühjahr 1889 mitgeteilt, als Wilhelm II. schon den Thron bestiegen hatte. Stoecker entschied sich für sein Hofpredigeramt.

Das Abkommen, das er nach einer Unterredung mit einem Vertreter des Kaiserlichen Hofes selbst entwarf, hatte folgenden Wortlaut:

»Da Se. Majestät eine Tätigkeit, wie ich sie bisher im politischen Leben Berlins ausgeübt habe, mit dem Amte eines Hofpredigers für unvereinbar halten, ist es selbstverständlich, daß ich dieselbe aufgebe, so lange Se. Majestät mir dies Amt anvertrauen. Nach den gemachten Erfahrungen habe ich auch zunächst jede Freudigkeit verloren, den öffentlichen Kampf gegen den Umsturz auf politischem, sozialem und religösem Gebiete in der bisherigen Weise fortzusetzen. Es hat deshalb für mich unter den gegenwärtigen Verhältnissen keine Schwierigkeit, sondern entspricht meiner Neigung, den politischen Parteikampf überhaupt für mich wie für die christlich-soziale Partei einzustellen. Ich werde diesen Teil meiner Tätigkeit anderen überlassen und meine Vorträge nach Thema, Inhalt und Ton so einrichten, daß sie Seiner Majestät keinen Anstoß geben können. Ich werde, wenn ich öffentlich zu reden habe, nur religiöse, patriotische und soziale Gegenstände besprechen, und die letzteren nur so weit behandeln, als sie unter den Gesichtspunkt des Christentums, der Kirche und der Inneren Mission fallen. Sollte ich später von Gewissens wegen mich veranlaßt sehen, im Interesse des Vaterlandes oder der Kirche den Kampf wieder aufzunehmen, so werde ich Sr. Majestät davon pflichtmäßige Mitteilung machen und Allerhöchstderselben alles weitere untertänigst anheimstellen.«118)

Stoecker ließ sich in seiner Entscheidung von mehreren Gründen leiten. Das Kartell, glaubte er, habe bald abgewirtschaftet, ein offener Konflikt mit dem Kaiser aber könne auf seine Freunde und Förderer rückschlagen und ihre Kräfte brachlegen.

»Ein erfolgreicher agitatorischer Kampf gegen den Umsturz ist in Deutschland nicht möglich ohne die freudige Mithilfe der christlich-sozialen und starkkonservativen Kreise, die jetzt zurückgestoßen sind.«119)

Von nun an wurden Stoeckers Schritte scharf überwacht. Seine kirchlichen Vorgesetzten verweigerten ihm die Erlaubnis, im Ausland Vorträge zu halten. Bei verschiedenen Gelegenheiten wurde er verwarnt wegen Äußerungen, die nach kirchlicher Ansicht dem Geiste des Abkommens zuwiderliefen. Aber trotz der Spannungen mit Kirche und Regierung waren seine politischen Aussichten durchaus nicht hoffnungslos. Die Zeit schien für ihn zu arbeiten. Seine Warnung, die »Umstürzler« könnten nicht durch die einzige Waffe, die den Mittelparteien zur Verfügung stand, die nationale Idee, besiegt werden, begann sich zu bewahrheiten. Im Februar 1890 wurde das Kartell in den Reichstagswahlen vernichtend geschlagen. Nur ein gutes Drittel der Reichstagssitze verblieb den drei Kartellparteien; die Nationalliberalen gingen von 99 auf 42 Mandate zurück, die Deutschkonservativen von 80 auf 73, die Frei-Konservativen von 41 auf 21. Die Freisinnigen aber gewannen mehr als das Doppelte, 67 statt 32 Mandate, und die Sozialdemokraten verdreifachten ihre Sitze, von 11 auf 35. Das Zentrum war mit 106 statt 98 Mandaten zur stärksten Fraktion geworden. Die Angstpropaganda hatte ihre Zugkraft verloren. In den Großstädten hatten die Industriearbeiter ihren Protest gegen die steigenden Lebenshaltungskosten, eine Folge der Schutzzollpolitik, zum Ausdruck gebracht. In Berlin übertraf die Zahl der sozialdemokratischen Wahlstimmen die jeder anderen Partei. Ein weiteres Ansteigen der Sozialdemokratie schien unvermeidlich, denn am 1. Oktober 1890 lief das Sozialistengesetz ab, dessen Verlängerung die neue Reichstagsmehrheit – Zentrum, Freisinnige, Sozialdemokraten, 208 von 397 Abgeordneten – abgelehnt hatte120).

Das Ende des Ausnahmegesetzes ist interessant. Bismarck hatte beim neuen Reichstag den Entwurf für ein nicht mehr befristetes Gesetz eingebracht, das die Sozialdemokratie noch stärker unterdrückte. Die Nationalliberalen waren gewillt, für ein unbefristetes, aber milderes Gesetz zu stimmen, den Konservativen war es nicht streng genug. Bismarck hätte zweifellos eine Einigung zwischen den beiden Gruppen erreichen können, unterließ jedoch den Versuch dazu. Delbrück121), Luckwaldt122), Herkner123) und andere Historiker sind der Meinung, Bismarck habe die Ablehnung seines Gesetzentwurfes erwartet und gewünscht, weil er den jungen Kaiser davon überzeugen wollte, daß die Unterdrückung der Sozialisten durch Gesetz nicht mehr möglich sei, es bliebe nur die Außerkraftsetzung der Verfassung – die Wiedergutmachung des »größten Fehlers seines Lebens«, der Gewährung des allgemeinen, gleichen, direkten und geheimen Wahlrechts – und die Unterdrückung der Sozialdemokratie durch Waffengewalt. Aber der Kaiser lehnte den Plan ab, wie auch einen letzten Versuch Bismarcks, die Koalition von Konservativen und Zentrum wieder ins Leben zu rufen. Im Gegensatz zum Kanzler war Wilhelm II. davon überzeugt, die Massen der Industriearbeiter durch erweiterte soziale Gesetzgebung zurückgewinnen zu können.

Die Arbeiterschutzgesetzgebung hatte schon seit längerem zu prinzipiellen Meinungsverschiedenheiten zwischen Wilhelm und Bismarck geführt. Bismarck war in seinen Erwartungen, durch soziale Gesetzgebung sich die Sympathien der Arbeiter gewinnen zu können, schwer enttäuscht worden. Statt sich dankbar zu zeigen, hatten die Arbeiter sozialdemokratisch gewählt. Was der Kanzler und seine Freunde als einen Akt der Großmut ansahen, bezeichnete die Sozialdemokratie als widerwillig gegebene und unzulängliche Teilerfüllung ihrer berechtigten Ansprüche. Daß gar manche der prominenten Sozialistenführer, wie Paul Singer, Juden waren, ließ sie doppelt undankbar erscheinen. Und als nun gerade zu der Zeit, da Bismarck den innerpolitischen Knoten nur noch durchhauen zu können glaubte, der erst siebenundzwanzig Jahre alte Kaiser auf den Rat seines ehemaligen Erziehers Hinzpeter, aber, wenigstens indirekt, wohl auch unter Stoeckers Einfluß, Bismarck erklärte, er wolle den Arbeitern helfen, nicht aber auf sie schießen lassen, kam es zum Bruch. Im März 1890 erzwang der Kaiser Bismarcks Rücktritt, formell wegen einer Meinungsverschiedenheit über Bismarcks Befugnisse als Preußischer Ministerpräsident, in Wirklichkeit, weil eine Verständigung über die Lösung der »sozialen Frage« zwischen ihnen unmöglich geworden war.

Vorsichtig zunächst, und dann immer kühner, brach Stoecker nun aus der ihm auferlegten politischen Zurückgezogenheit aus. Schon 1889 hatte er eine Zeitung gegründet, Das Volk, die das offizielle Organ der Christlichsozialen Partei werden sollte. Aus ihren Artikeln sprach die Hoffnung auf ein gewaltiges Wiederaufleben der Stoeckerpartei nach Bismarcks Abtreten. Der Redakteur der Zeitung führte am 1. Mai 1889 in einer Berliner Rede aus:

»Die Seele des öffentlichen Lebens ist bei uns der Reichskanzler. Er ist jetzt 74 Jahre alt. Ein hohes Alter! Nach den Tagen der Erschlaffung kommen wieder Tage der Fieberhitze im Volksleben. Solche Tage stehen uns bevor, von dem Augenblick an, wo der Reichskanzler nicht mehr das öffentliche Leben beherrschen wird. Der gemäßigte Liberalismus wird dann die Früchte der jetzigen Politik heischen. Gewährt man sie ihm, so wird man zu den Zuständen der siebziger Jahre zurückkehren. Gewährt man sie ihm nicht, dann wird der demokratische Liberalismus sein Haupt erheben. Wir aber müssen auch auf dem Platz sein. Wir müssen dem Nachfolger des Reichskanzlers vorarbeiten und für die Bewegung sorgen, die wert ist, Gegenstand der Volkssehnsucht zu sein … Wenn Hofprediger Stoecker erkennt: jetzt ist wieder der Zeitpunkt zum Eingreifen gekommen, so wird er auch eingreifen und nicht nach Rücksichten, nach seinem Amt fragen, sondern nur nach der Bewegung.«124)

Nun war Bismarck gegangen und der Kaiser zur Politik der Versöhnung mit den Industriemassen zurückgekehrt. Mit Jubel begrüßten Stoecker und seine Anhänger die Morgenröte einer neuen Ära. Bald nach den Wahlen von 1890 trat die Christlichsoziale Partei aktiv hervor. Die neue kaiserliche Botschaft mit der Ankündigung der Erweiterung des Sozialreform-programmes machte die Diskussion der »sozialen Frage« wieder respektabel. »Die schwere Hand, welche auf der Entwicklung der sozialen Reform lag, drückt nicht mehr«, schrieb die Kreuzzeitung vom 19. März 1890. Stoecker konnte triumphieren: »Die Welt ist über Nacht christlichsozial geworden.«125) Drei Tage nach Bismarcks Sturz nahm er im preußischen Landtag wieder an einer Debatte über Antisemitismus teil; auch während der Zeit der kaiserlichen Ungnade war man nie so weit gegangen, ihn zur Niederlegung seiner Landtags- und Reichstagsmandate zu veranlassen. Am 2. Oktober 1890, einen Tag nach Ablauf des Sozialistengesetzes, schrieb Das Volk, Bismarck, Stoeckers Feind und der Schöpfer des Gesetzes (das, nebenbei bemerkt, Stoecker immer gutgeheißen hatte), sei nun zum Schweigen gebracht, aber Stoecker halte »wie in den Tagen der lebhaftesten Agitation gewaltige Versammlungen ab«126).

Dann trat etwas ganz Unerwartetes ein. Bevor noch ein Monat verstrichen war, wurde Stoecker gezwungen, seinen Amtsrücktritt zu beantragen, dem der Kaiser sofort stattgab. Als Prinz hatte Wilhelm II. den Hofprediger vor Bismarcks Zorn bewahrt und öfters gezeigt, wie sehr er den Erzfeind des Liberalismus persönlich schätzte. Als Kaiser erzwang er Stoeckers Rücktritt ohne das kleinste Zeichen des Bedauerns. In den Memoiren Wilhelms findet sich ein Hinweis auf seine Beweggründe, obwohl Stoecker dort nur einmal flüchtig erwähnt wird. In der Erörterung seines Verhaltens zu den verschiedenen politischen Parteien unterstreicht Wilhelm seine guten Beziehungen zu den Nationalliberalen und seine Versuche, sie näher an die Konservativen heranzubringen.

»Ich habe oft darauf hingewiesen, daß die Nationalliberalen reichstreu und daher kaiserlich gesinnt, also durchaus als Bundesgenossen für die Konservativen zu begrüßen seien. Ich könne und wolle im Reiche nicht ohne sie, keinesfalls gegen sie regieren … Aus diesem Grunde habe ich z. B. auch den Hofprediger Stoecker – einen auf sozialem Gebiete in seiner Missionstätigkeit glänzend bewährten Mann – aus seinem Amte entfernt, weil er in Süddeutschland eine demagogische Hetzrede gegen die dortigen Liberalen gehalten hatte.«127)

Dieser Hinweis bezieht sich auf einen Parteitag der Badischen Konservativen, wo Stoecker die Notwendigkeit betont hatte, gegen Sozialismus und Liberalismus zu kämpfen; dabei hatte er es auch an einem Angriff auf die Juden nicht fehlen lassen:

»Über die Judenfrage will ich nicht viel sagen, um Israels Eitelkeit nicht noch mehr zu reizen. Aber so gut es erlaubt ist, über alles andere zu reden, Gott und Monarchie, Thron und Altar, Besitz und Eigentum herunterzureißen, warum soll man nicht auch auf die Gefahr hinweisen dürfen, die im Judentum liegt. Das finde ich keineswegs liberal, und ich für meinen Teil werde von dieser Wunde reden, bis sie geheilt ist, denn ein Haus, ein Volk, ein Herr, ist unsere Losung!«128)

Warum gab dieser kleine Seitenhieb dem Kaiser Anlaß zu so strengen Gegenmaßnahmen, während er doch vor wenigen Jahren noch Stoeckers weit aufreizendere Angriffe auf Juden und Liberale gedeckt hatte? Persönlicher Ehrgeiz und politische Erwägungen hatten den Kaiser veranlaßt, das Kartell zu stützen und ihm womöglich eine breitere Grundlage zu schaffen. Er mußte Bismarcks Entlassung rechtfertigen. Nichts hätte die Weisheit seines Entschlusses, den Eisernen Kanzler loszuwerden, besser bewiesen, als der Erfolg einer Koalition, die sich von dem regierungsfreundlichen Flügel der Konservativen bis zum Zentrum erstreckte, mit den Nationalliberalen in der Mitte. Der neue Kaiser sah sich als der autokratische, aber wohlwollende Herrscher einer geeinten Nation, die er zu größerem Ruhm führen wollte. Eine Verbindung mit dem sehr umstrittenen Stoecker konnte er sich nicht länger leisten, wenn er die Unterstützung von Parteien wollte, die als unversöhnliche Feinde des Hofpredigers galten.

Nach seiner Entlassung aus dem Hofdienst widmete sich Stoecker mit ganzer Kraft der antiliberalistischen Agitation. Er dehnte sie jetzt sogar auf Kreise aus, die sich zu rein politischer Tätigkeit in der Christlichsozialen Partei nicht entschließen konnten. Für solche Leute gründete er eine neue Organisation, den Evangelisch-Sozialen Kongreß, der sich die Förderung der sozialen Reformen zum Ziel setzte. Der Kongreß, unter dessen Mitgliedern so hervorragende Gelehrte waren wie der Theologe und Kirchenhistoriker Adolf Harnack, der Volkswirtschaftler Adolph Wagner, der Historiker Hans Delbrück und der Soziologe Max Weber, nahm die Arbeit des Vereins für Sozialpolitik wieder auf, jener akademischen Organisation, die es fast zwanzig Jahre vorher unternommen hatte, Regierung und Staat die sozialen Gefahren des Manchesterliberalismus vor Augen zu führen.

KAPITEL V
Die Ara Caprivi (1890-1894)

Für die öffentliche Meinung Deutschlands bedeutete Bismarcks Rücktritt und die Ernennung des Generals Graf Leo von Caprivi zum Reichskanzler und Preußischen Ministerpräsidenten einen Wendepunkt in der Geschichte des Reiches. Die Zukunft der Nation erschien umwölkt und unsicher. Die wirtschaftliche Lage stimmte nicht sehr optimistisch. Der industrielle Unternehmungsgeist hatte nachgelassen, und in der Landwirtschaft sah es nach Krise aus. Der amerikanische Kontinent mit seiner riesigen landwirtschaftlichen Produktion war ein Konkurrent geworden, mit dem man auf die Dauer rechnen mußte. Die ganze Struktur des ländlichen Deutschland, die extensive Wirtschaft der halbfeudalen Großbetriebe wie der intensivere Bauernbetrieb schienen auf dem Spiel zu stehen.

Die politischen Aussichten im Innern waren kaum weniger bedrohlich. Das Problem, wie man sich gegenüber der revolutionären Arbeiterbewegung verhalten und was man von ihr erwarten solle, brannte Regierungsbeamten, Bürgern und Junkern auf der Seele. Als 1878 das Sozialistengesetz verkündet worden war, hatte es die Partei auf 437 158 Stimmen gebracht. Jetzt war sie mit 1 427 323 Stimmen nach elfjähriger Unterdrückung wieder auferstanden, unversöhnlicher denn je und entschlossen, für »die Summe von Niedertracht und Gemeinheit …, die Not und Verzweiflung«129), die das Gesetz über sie gebracht hatte, abzurechnen. Staat, Kirche und Kapital, Konservative und Liberale, hatten zusammengearbeitet, die sozialistische Arbeiterschaft ihrer demokratischen Grundrechte zu berauben. Sie konnten schwerlich die Drohung vergessen haben, die ihnen die Sozialisten zugerufen hatten: »Wehe denen, über deren Häupter sich einst der Haß und all die Wut entladen wird, die durch dieses infame Gesetz erzeugt und angesammelt wird.«130) Die Angst vor einem Bürgerkrieg steigerte sich angesichts des Gespenstes eines äußeren Krieges. Es war keine Übertreibung, als ein sozialistischer Schriftsteller damals bemerkte, daß mit Bismarck das Gefühl der Sicherheit geschwunden war, mit dem die deutsche Bourgeoisie auf die politische Lage des Reiches geschaut hatte.

Die ersten Jahre der Herrschaft Wilhelm II. standen im Zeichen der Mäßigung. Die parlamentarische Konstellation war einem solchen Kurs des Kompromisses nicht ungünstig. Die Freisinnigen und die jetzt wieder legale Sozialdemokratie waren zwar noch Gegner des Staates, aber ihre Opposition gegen Caprivi hatte nichts von der Bitterkeit ihrer Gegnerschaft gegen Bismarck. Zentrum und Nationalliberale unterstützten die Regierung, und sogar die meisten Konservativen standen, wenigstens anfänglich, auf ihrer Seite.

Der neue Kanzler versuchte, Deutschlands auswärtige Beziehungen – vor allem die mit England – zu verbessern und die Spannung in Europa zu mildern. In seiner inneren Politik ging er ebenfalls behutsam vor. Der Arbeiterschaft bot er durch Ausweitung der Sozialgesetzgebung eine Versöhnungspolitik an, wie der Kaiser es wünschte. 1891 bewilligte der Reichstag Maßnahmen zur Regelung der Sonntagsruhe, des Arbeitstags für weibliche Arbeitskräfte und Jugendliche, ein Verbot der Kinderarbeit in Fabriken und ähnliche Bestimmungen. Gestützt auf eine Koalition von Zentrum und Liberalen konnte Caprivi auch die Reform der ländlichen Selbstverwaltung für Preußen fortführen, die Bismarck schon viele Schwierigkeiten bereitet hatte. Durch die Landgemeindeordnung von 1891 wurden die Vorrechte der Junker weiter beschnitten.

Am klarsten zeigte sich die Richtung des »neuen Kurses« in Caprivis Wirtschaftspolitik. Zur Förderung von Industrie und Handel und um Deutschlands führende Stellung in Zentraleuropa zu stärken, schloß er zwischen 1891 und 1894 mehrere Handelsverträge mit europäischen Staaten ab, die auf einer »gemäßigten« Zollpolitik beruhten und als der Verzicht auf die »Hochschutzzollpolitik« betrachtet wurden. Mehr als irgendeine andere Maßnahme der Caprivi-Regierung beeinflußten diese Handelsverträge die Haltung der Fraktionen im Reichstag: zum ersten Male stimmten die Sozialdemokraten für eine Regierungsvorlage. Mit ihren Stimmen wurden die Verträge gegen eine starke konservative Opposition angenommen.

Die Konservativen, die dem neuen Kanzler gegenüber eine abwartende Haltung eingenommen hatten, gingen nun zum Gegenangriff über. Schon die neue Landgemeindeordnung in Ostpreußen hatte die Junker gegen die Regierung aufgebracht. Nicht weniger war die Geistlichkeit verärgert worden durch die Ablehnung eines Schulgesetzes, das der konservative preußische Kultus- und Unterrichtsminister eingebracht hatte. Der Entwurf wollte den Kirchen die Aufsicht über den Religionsunterricht in den preußischen Volksschulen übertragen. Die Öffentlichkeit protestierte so scharf gegen diesen Versuch der Konservativen und der Katholiken, die Kontrolle des Schulwesens in die Hand zu bekommen, daß der Minister, Graf Robert von Zedlitz und Trützschler, im März 1892 zurücktreten mußte. Caprivi hatte die Vorlage des Gesetzentwurfs nicht verhindert und sah sich nach der Niederlage gezwungen, das Amt des preußischen Ministerpräsidenten abzugeben. Die öffentliche Auseinandersetzung über christliche und liberale Schulpolitik bot natürlich die beste Gelegenheit für antiliberale und antisemitische Angriffe von konservativ-klerikaler Seite. Die Regierung wurde scharf angepackt, weil sie die Segel gestrichen habe »vor dem Sturm im Tintenfaß der liberalen Redaktionen«, wie Stoecker sich ausdrückte. Was werde sie erst tun, rief er aus, »wenn einmal ein ernstes Revolutionsgeschrei das Land durchtobt?«131) Die Außenhandelspolitik der Regierung brachte den siedenden Topf der Konservativen zum Kochen.

Caprivi hatte die von Bismarck 1879 begonnene Schutzzollpolitik zwar gemäßigt, aber sicherlich nicht aufgegeben. Der Einfuhrzoll auf Getreide zum Beispiel wurde von fünf Mark per 100 Kilo auf drei Mark, die Rate vor 1879, erniedrigt. Aber gerade während der Zeit, da die Handelsverträge unterzeichnet wurden, 1891 bis 1894, drückte die Agrarkrise auf die Getreidepreise. 1891 kostete die Tonne Roggen im Hafen von Danzig noch 208 Mark, 1894 nur noch 110. Die Folgen der durch Caprivis liberalisierte Außenhandelspolitik verschärften Agrarkrise zeigten sich deutlich in einem Strukturwandel der Konservativen Partei.

Während Bismarcks Regierung kam die Opposition der Konservativen hauptsächlich von seiten des orthodoxen rechten Flügels, mit der Kreuzzeitung als seinem Sprachrohr. Bismarck war stark genug gewesen, mit der Rebellion in der Partei fertigzuwerden, nicht nur wegen seines großen staatsmännischen Talents, sondern weil sein Name, seine ganze Laufbahn, sein persönliches wie politisches Leben den preußischen Konservativen eine Garantie dafür boten, daß er das parlamentarische System verhindern werde, trotz aller Konzessionen, die er den liberalen und demokratischen Kräften zu machen für notwendig hielt. Solange Bismarck das Ruder in der Hand hielt, das wußten die Konservativen, bestand keine Gefahr, daß das Parlament die Oberhand bekäme, »der Pöbel« zur Macht gelange. Bei Caprivi, einem Berufsoffizier ohne politische Erfahrung, waren sie dessen nicht mehr sicher. Er hatte ihrer Meinung nach allzu schnell dem Druck des Liberalismus nachgegeben und, was schlimmer war, seine Handelsverträge mit den Stimmen der Sozialdemokraten durchgesetzt. Die Tatsache, daß der neue Kanzler bereit war, die Sozialdemokratie für einen Sieg über die Konservativen zu benutzen, verhieß nichts Gutes für die Zukunft. Offenbar zielte der »neue Kurs« der Regierung letzten Endes auf die Ausschaltung von Aristokratie und Kirche; es stand zu erwarten, daß die revolutionären, atheistischen Sozialdemokraten und die liberalen Geldsäcke die Verbündeten und schließlich die Herren der Regierung würden.

Vor Caprivi war die Konservative Partei eine lose Organisation gewesen, die mehr durch ungeschriebene Standeskonventionen zusammengehalten wurde als durch einen aktiven Parteiapparat unter zentralisierter Führung. Sie hatte keine Ortsgruppen mit bezahlten Funktionären; Komitees von Standespersonen, meistens Adeligen, besorgten alles. Wo es wenige adelige Gutsbesitzer gab wie im Westen und Süden Deutschlands, hatte die Partei oft gar keine organisierte Vertretung. Nach Bismarcks Abtreten konnten die Konservativen nicht mehr die Regierungspartei schlechthin bleiben. Die Caprivi-Regierung hatte sich als ein Gegner erwiesen, den man bekämpfen und vernichten mußte, bevor seine Politik zum Untergang der konservativen Gesellschaft und aller ihrer Werte führte. Da jedoch Kaiser und Kanzler mit den Kräften des Liberalismus und der Revolution zusammenarbeiteten, konnten sogar Ultrakonservative nicht an »direkte Aktion« denken, das heißt, an Verfassungsbruch und Bajonettregierung. Die Schlacht mußte im Parlament ausgefochten werden. Mehr als je brauchte jetzt die Konservative Partei den »kleinen Mann«. Eine Massenbewegung von rechts, unter konservativer Führung, das war das Gebot der Stunde. Ein Agitator wie Stoecker mit seiner dynamischen Anziehungskraft mußte jetzt wieder zu einem unschätzbaren Aktivposten werden. Volle konservative Unterstützung war auch für Stoecker die beste Gewähr, die Einbuße an Ansehen wettzumachen, unter der er leiden mußte, seit Wilhelm II. ihn kurzerhand hinausgeworfen hatte. Heinrich von Treitschke, bis 1890 ein Gegner der Stoeckerschen Agitation, beurteilte die Lage ganz richtig, als er in einer Wahlrede für einen antisemitischen Kandidaten am 14. Februar 1890 sagte: »Man mag ihn immerhin einen Demagogen nennen. Bei dem heutigen Stimmrecht muß man mit den Mitteln gemeinverständlicher Beredsamkeit wirken.«132)

Die rechtsradikale Gruppe unter den Konservativen gewann durch die Opposition der Partei gegen die Caprivi-Verwaltung großen Einfluß. Ihr Führer war Wilhelm von Hammerstein, Mitglied des Preußischen Landtags seit 1876 und des Reichstags seit 1881, der als Leiter der Kreuzzeitung seit 1881 soviel journalistisches Talent und politische Geschicklichkeit entwickelt hatte, daß er aus einem Standesblatt für den Provinzadel ein machtvolles politisches Organ schaffen konnte. Hammerstein, ein erklärter Antisemit, war seit langem Stoeckers Freund und Förderer gewesen. Diese beiden Männer wurden nun in die Führung der Konservativen Partei emporgetragen und errangen ihren ersten Erfolg in dem Parteibeschluß, einen Reichsparteitag einzuberufen, der ein neues Programm ausarbeiten sollte.

Der letzte Parteitag war 1876 abgehalten worden. Preußische Konservative hatten stets eine aristokratische Abneigung dagegen, ihre Angelegenheiten in der Öffentlichkeit eines Parteitags zu verhandeln. Sie zogen vor, Politik »en petit comité«133) zu machen. Auch jetzt versuchten die altmodischen Junker einen Parteitag zu vermeiden. Noch im Mai 1892 hatte die konservative Landstagsfraktion beschlossen, die Revision des Parteiprogramms zu verschieben, mit der Begründung, es werde sehr schwierig sein, eine richtige Formulierung der Stellung der Partei zur Judenfrage zu finden. Im August 1892 gelang es dann der Hammerstein-Stoecker-Gruppe, mit der Hilfe von antisemitischen Anhängern in Stoeckers Wahlkreis, die westfälischen Konservativen dahin zu bringen, der Berliner Parteileitung ein Ultimatum zu stellen: entweder berufe die Parteileitung einen Parteitag ein oder die Provinzorganisationen würden einen Aufruf auch ohne Berliner Zustimmung erlassen. Die Führung gab nach. Im Dezember 1892 trat die Versammlung in den Tivolisälen in Berlin zusammen. Über eintausend Delegierte waren anwesend, darunter auffallend viele Angehörige des Mittelstandes. »Es war kein Parteitag im schwarzen Frack und weißen Glacéhandschuhen, sondern im Rock. Es war die Konservative Partei unter der Geltung des allgemeinen gleichen Wahlrechts …«, stellte Stoecker mit Genugtuung fest134).

Der frühere Beschluß der gemäßigten Konservativen, die Revision des Parteiprogrammes der Judenfrage wegen zu verschieben, hatte es klar gemacht, daß politischer Antisemitismus ein zentraler Punkt der Tagesordnung sein werde. Für Hammerstein und Stoecker war es von größter Dringlichkeit, die Partei auf ein offen antisemitisches Programm festzulegen. Die Führung des politischen Antisemitismus begann Stoeckers Händen zu entgleiten und drohte, antikonservativ zu werden. Bei den Kartellwahlen von 1887 hatte die Wählerschaft in Boeckel den ersten Antisemiten in den Reichstag entsandt, der es nicht nur ablehnte, sich der konservativen Fraktion anzuschließen, sondern auch scharf gegen die ausbeuterischen Rittergutsbesitzer auftrat; seinen traditionell konservativen Wahlkreis hatte er mit antikonservativer und antijüdischer Agitation erobert. Außerdem war 1889 in Bochum ein Antisemiten-Kongreß zusammengetreten, ohne daß Stoecker auf ihn Einfluß gewinnen konnte. Der Abfall der »radikalen« Antisemiten von der Konservativen Partei war also schon in vollem Gange. Die Reichstagswahlen von 1890 hatten den radikalen Elementen weiteren Gewinn gebracht, und in einer Nachwahl mitten in der Junkergegend, die gerade zwei Wochen vor der Tivoliversammlung stattfand, war es einem antikonservativen Antisemiten gelungen, seinen konservativen Gegenkandidaten zu schlagen. Bauern und Mittelständler, die einzigen Gruppen, aus denen eine Massenbewegung von rechts entstehen konnte, begannen unter dem Einfluß der radikalen Antisemiten sich vom Konservatismus zu entfernen. Auf der Tivoliversammlung kamen die Konservativen zu der Überzeugung, daß sie es sich nicht leisten konnten, dieser neuen antisemitischen Welle fernzubleiben. Als im November 1892, entgegen allen Erwartungen, zweimal soviel Stimmen für den antikonservativen Antisemiten Ahlwardt abgegeben wurden wie für den konservativen Kandidaten, lenkte die Keuzzeitung vom 29. November 1892 mit großem Nachdruck die Aufmerksamkeit der Partei auf dieses Ereignis: »Der Antisemitismus, der einst in der Berliner Bewegung die Brücke gebildet« habe, auf welcher »der Übergang von der liberalen zur konservativen Partei sich vollzog«135), könne für die Interessen der Konservativen wieder benutzt werden, falls die Partei die Führung im Kampf gegen das Judentum übernehme.

Die Wiederaufnahme eines aggressiven Antisemitismus im konservativen Parteiprogramm, dies verdient festgehalten zu werden, war reiner Opportunismus. Die antisemitische Bewegung der frühen neunziger Jahre entsprang nicht altkonservativem Boden. Die fanatischen Antisemiten waren, wie der Tivolikongreß deutlich zeigte, nicht unter den Junkern zu finden. In dem Entwurf für ein neues Parteiprogramm, den die Führer der alten, gemäßigten Parteimehrheit ausgearbeitet hatten, stand noch der Satz: »Wir verwerfen die Ausschreitungen des Antisemitismus.« Nach einer scharfen Debatte ließ der Parteitag den Satz fallen. Bürgerliche Delegierte vor allem sprachen gegen den »gemäßigten« Wortlaut. Ein Rechtsanwalt aus Westfalen sagte:

»Wir sind den Opportunismus satt, der die aktuelle Kraft der konservativen Partei seit Jahren gelähmt hat! Eine gewisse Richtung der Partei hat es sich zur Aufgabe gesetzt, das Kind [den Antisemitismus] gewissermaßen in der Geburtsstunde zu ersticken … Der Satz ist eine Hintertür, gewissermaßen ein Diener vor dem Judentum, er kann dem konservativen Programm die Spitze abbrechen.«136)

Ein hochgestellter Adeliger verteidigte den umstrittenen Passus; man könne nicht gleichzeitig konservativ sein und den Radau-Antisemiten Ahlwardt wählen. Mit stürmischen Oho-Rufen wurde er unterbrochen. Ein Rechtsanwalt erklärte: »Ich halte mich für ebenso konservativ wie der Vorredner und habe in der Stichwahl Ahlwardt gewählt. Weiter habe habe ich Ihnen nichts zu sagen!«137)

Ein nichtadliger Stoecker-Anhänger aus Sachsen prägte das Wort, die Partei müsse »demagogisch im guten Sinne« werden. Graf Otto von Manteuffel, der Vorsitzende der Landtags- und Reichstagsfraktion und Präsident des Parteitags, gab dem Standpunkt der Junker mit charakteristischem Zynismus Ausdruck, als er in einer Rede in Berlin, ein halbes Jahr nach dem Parteitag, sagte: »Die Judenfrage war nicht zu vermeiden, wollte man nicht den demagogischen Antisemiten den vollen Wind der Bewegung überlassen, mit dem sie einfach an uns vorbeigesegelt wären.«138)

Das am 8. Dezember angenommene revidierte Programm der konservativen Partei enthielt unter anderen Grundsätzen und Forderungen die folgenden:

»Staat und Kirche sind von Gott verordnete Einrichtungen; ein Zusammenwirken beider ist die notwendige Vorbedingung zur Gesundung unseres Volkslebens.

»Die konfessionelle christliche Volksschule erachten wir für die Grundlage der Volkserziehung und für die wichtigste Bürgschaft gegen die zunehmende Verwilderung der Massen und die fortschreitende Auflösung aller gesellschaftlichen Bande.

»Wir bekämpfen den vielfach sich vordrängenden und zersetzenden jüdischen Einfluß auf unser Volksleben.

»Wir verlangen für das christliche Volk eine christliche Obrigkeit und christliche Lehrer für christliche Schüler.

»Wir wollen die Monarchie von Gottes Gnaden unangetastet erhalten wissen und bekämpfen, bei gesetzlich gesicherter bürgerlicher Freiheit für alle und bei wirksamer Beteiligung der Nation an der Gesetzgebung, jeden Versuch, die Monarchie zugunsten eines parlamentarischen Regimentes zu beschränken.

»Einer gewissenlosen Presse, welche durch ihre Erzeugnisse Staat, Kirche und Gesellschaft untergräbt, ist nachdrücklich entgegenzutreten.

»Hochhaltung von Christentum, Monarchie und Vaterland, Schutz und Förderung jeder redlichen Arbeit, Wahrung berechtigter Autorität, das sind die obersten Grundsätze, welche die Deutsche Konservative Partei auf ihre Fahne geschrieben hat.«139)

Im wirtschaftlichen Teil verlangte das Programm Schutzzölle für Landwirtschaft und Industrie, »Beseitigung der Bevorzugungen des großen Geldkapitals«, Schutz des Mittelstandes durch die Einführung von Gewerbeerlaubnisscheinen und die Stärkung von Zünften und Genossenschaften. »Redlicher Handel und Gewerbebetrieb ist zu schützen durch Beschränkung und Beaufsichtigung des Hausierhandels und der Abzahlungsgeschäfte, sowie durch die Beseitigung der Wanderlager und der Wanderauktionen.«

Hellmut von Gerlach, damals noch Antisemit und Mitarbeiter Stoeckers, schrieb später über die Ereignisse auf dem Tivoli-Parteitag, wo er eifrig hinter den Kulissen mitgearbeitet hatte:

»Die Aufnahme des Antisemitismus in das Programm der konservativen Partei war der größte moralische Erfolg, der für ihn denkbar war. Bisher offiziell vertreten nur von einzelnen Parteisplitterchen, wurde er nunmehr legitimer Besitz einer der größten Parteien, der Partei vor allem, die dem Throne am nächsten steht, die die wichtigsten Stellen im Staate besetzt. Der Antisemitismus war hart an die Grenze der Hoffähigkeit herangerückt.«140)

Auf der Tivoli-Tagung begann die Massenbewegung von rechts, deren Erfolge bald alle Erwartungen übertrafen. Aber es war nicht die antisemitische Ideologie, die der Bewegung soviel Auftrieb gab. Zur Zeit des Parteitags veröffentlichte ein bekanntes Landwirtschaftsblatt in Schlesien einen ganz ungewöhnlichen Vorschlag, wie man der Not der Landwirte steuern könne. Der Verfasser, ein dort ansässiger Landwirt, riet seinen Lesern, das zu tun, was die Sozialdemokraten täten, nämlich eine entschlossene Haltung der Regierung gegenüber einzunehmen. Gegen Caprivis Vernachlässigung der landwirtschaftlichen Interessen könne man durch Appelle und Bittgänge nichts ausrichten.

»Ich schlage vor …, daß wir sie [die Regierung] unsere Macht fühlen lassen … Wir müssen aufhören zu klagen … Wir müssen schreien, daß es das ganze Land hört; wir müssen schreien, daß es bis in die Parlamentssäle und Ministerien dringt – wir müssen schreien, daß es bis an die Stufen des Thrones vernommen wird! Aber wir müssen, damit unser Geschrei nicht wieder ungeachtet verhallt, gleichzeitig handeln. Wir müssen handeln, indem wir aufhören, was wir bisher immer für selbstverständlich hielten, für die Regierung in unseren Bezirken die Wahlen zu machen; wir müssen alle Ehrenämter ablehnen … Wir müssen … Interessenpolitik treiben … Denn nur dadurch, daß wir rücksichtslose und ungeschminkte Interessenpolitik treiben, kann vielleicht die Existenz der heutigen Landwirte … gerettet werden.«141)

Der Notschrei dieses schlesischen Landwirts zündete in ganz Deutschland und löste eine machtvolle Bewegung aus, die sich die politische Organisierung agrarischer Interessen zum Ziel setzte. Im Februar 1893 war die Vorbereitungsarbeit soweit gediehen, daß Einladungen zur Gründungsversammlung eines »Bundes der Landwirte« und ein Programmentwurf ausgeschickt werden konnten142). Die Verfasser des Programms verschwendeten keine Worte an ideologische Verbrämungen. Der erste Artikel verlangte »genügenden Zollschutz für die Erzeugnisse der Landwirtschaft und deren Nebengewerbe«, der zweite, daß die Regierung »keine Handelsverträge mit Rußland und anderen Ländern« abschließt, die zu einer Verminderung der Zölle auf landwirtschaftliche Importe führen. Mit der Forderung, die Produktenbörse unter strenge Regierungsaufsicht zu stellen, trat der Bund unter die Fahnen des Antisemitismus. Schließlich erklärte er sich geradeheraus gegen die bestehende Arbeiter-Sozialversicherung und verlangte ihre Revision.

Der Tivoli-Parteitag hatte noch, unter Stoeckers Führung, gegenüber den Problemen der industriellen Arbeiterschaft Zurückhaltung gewahrt. Das Tivoli-Programm beschränkte sich auf die Feststellung, die Konservativen scheuten keine Anstrengung, »für die Besserung der Lage der Arbeiter, unter erheblicher Belastung der Arbeitgeber« einzutreten. Man wollte die Arbeiterschaft daran erinnern, daß Bismarcks Sozialversicherungsgesetz mit den Stimmen der Konservativen gegen die Opposition der Liberalen angenommen worden war. Obwohl der Bund der Landwirte die vom Parteitag geübte Vorsicht in den Wind schlug, begrüßte Stoecker sein Erscheinen auf der politischen Bühne. Kaum war der Programmentwurf veröffentlicht, als er erklärte, auf einer gesunden Landwirtschaft, aus Großgrundbesitz, mittleren und kleinen Landwirten bestehend, beruhe die Existenz Preußens. In jedem Falle sei es besser, sagte er am 28. Februar 1893, wenn Mitglieder der alten Adelsfamilien auf den ostpreußischen Rittergütern sitzen, als wenn »Kohn und Itzig als Hypothekenbesitzer einrücken und das Volk mit ihren umstürzlerischen Gedanken verderben«143). Um Junker und Bauern für den Kampf gegen den Liberalismus einigen zu können, ignorierte Stoecker die Absicht des Bundes, das Sozialversicherungsprogramm, den Hauptpunkt der christlichsozialen Politik, anzugreifen – ein Programm, das einst in einer kaiserlichen Botschaft feierlich verkündet und von Stoecker als die Morgenröte eines neuen Humanismus begrüßt worden war.

Der Bund der Landwirte mit seinem antiliberalen, antisemitischen und arbeiterfeindlichen Programm wurde zum Hauptorganisator der Massenbewegung von rechts. Bismarck lieh ihm sein Prestige; für ihn war der Bund ein Instrument, das ihm in seiner Fehde mit Wilhelm II. und Caprivi gute Dienste leisten konnte. Sein Sohn Herbert übernahm den Posten des Vize-Präsidenten. Bald geriet die tatsächliche Leitung des Bundes in die Hände von Konservativen, die alle Großagrarier, wenn auch nicht immer Junker waren. Um die Jahrhundertwende zählte der Bund fast eine Viertelmillion Mitglieder. Mehr als die Hälfte davon hatten ihren Wohnsitz westlich der Elbe, also in Gegenden, wo bisher die preußischen Konservativen schwach gewesen waren. Die Verbindung mit dem Bund der Landwirte machte es den Konservativen möglich, ihren Einfluß bis nach Bayern und dem Rheinland auszudehnen und die Konservative Partei in eine gutorganisierte Massenpartei, die sich über das ganze Reichsgebiet erstreckte, zu verwandeln. Endlich waren sie in der Lage, die politische Kluft zwischen Junker und Bauer und zwischen Preußen und Süd- wie Westdeutschland zu überbrücken. Das programmatische Ziel des Bundes, der Zusammenschluß aller Agrarinteressen, war im Grunde illusionär, da Groß- und Kleinbetriebe, extensive und intensive Bebauungsmethode, Futterproduktion und Veredelungswirtschaft schließlich nicht die gleichen, sondern oft widerstreitende Interessen haben. Trotzdem gelang es dem Bund in erstaunlichem Maße, die widerstreitenden Tendenzen zusammenzuschweißen. Eine Art berufsständisches Bewußtsein verhinderte auch hier die Trennung kulturell-sozialer und rational-ökonomischer Erwägungen.

Man sollte glauben, die Konservative Partei hätte für diese Machterweiterung ihre politische Seele opfern müssen. Wie konnte sie fortan gegen den »materialistischen Liberalismus« donnern, ohne daß ihr das Wort »Schutzzoll« entgegengehalten würde? Wie konnte sie die Ideale des christlichen Staates aufrechterhalten, wenn sich diese Ideale in der politischen Wirklichkeit in Forderungen nach staatlichem Schutz des Großgrundbesitzes verwandelten, dessen Kosten Konsumenten und Steuerzahler zu bestreiten hatten? Dennoch tat ihr die Verwandlung von einer Herren-Partei, die hauptsächlich mit Weltanschauungsfragen befaßt schien, in eine Massenorganisation, die spezielle wirtschaftliche Interessen vertrat, kaum Abbruch. Das ganze politische Leben Deutschlands machte zu jener Zeit einen ähnlichen Übergang durch. Die materiellen Interessen der Gesellschaftsgruppen brachen allmählich durch die ideologischen Verhüllungen durch. Die großen nationalen und liberalen Forderungen des Bürgertums hatten sich teils erfüllt, teils verflüchtigt. Mit allgemeinen Idealen konnte man Parteiprogramme nicht länger durchsetzen.

Die Tendenz zur sozialen und ökonomischen Ausrichtung der politischen Gruppen hatte sich seit den späten siebziger Jahren immer kräftiger durchgesetzt. Maximilian Harden schrieb im April 1893 in der Zukunft:

»Die alten Namen bleiben, im achtundvierziger Sinne aber war, mit geringen Ausnahmen, alles liberal geworden und das konservative Bestreben, das neue Gebäude des Reiches erhalten zu sehen, war … auch allen gemein. Seitdem kann man für die Parteinamen konservativ, nationalliberal, freisinnig getrost die Vertretungen des Grundbesitzes, der Industrie und des beweglichen Kapitals setzen, ohne sich darum zu bekümmern, daß pastorale und professorale Einflüsse da oder dort noch sich geltend machen.«144)

Harden unterließ es, zwei Hauptgruppen – die Sozialdemokratie und die katholische Zentrumspartei – in dieser Identifizierung von wirtschaftlichen und politischen Gruppen zu erwähnen. Aber das Beispiel dieser beiden Parteien dürfte ihn kaum widerlegen. Die Sozialdemokratie hatte sich von Anfang an als eine Klassenpartei erklärt und dadurch die Umwandlung der bürgerlichen Parteien nur beschleunigt. Das Zentrum wurzelte zwar in religiösem Boden und war daher am ehesten in der Lage, der allgemeinen Tendenz zur Reorganisierung des politischen Lebens nach Wirtschaftsinteressen Widerstand zu leisten, aber es wurde durch die agressiven Forderungen des Bundes der Landwirte doch ernstlich bedroht. Der Historiker der Zentrumspartei, Karl Bachem, selber ein prominenter Reichstagsabgeordneter, beschrieb, wie schwer es der Parteileitung wurde, die ländlichen Anhänger zusammenzuhalten angesichts der lauten Agitation des Bundes gegen die von der Regierung vorgeschlagenen Handelsabkommen mit Rußland und Rumänien145). Das Zentrum war bereit gewesen, die Regierung zu unterstützen, aber die Kampagne des Bundes hatte sich als so wirksam erwiesen, daß nur einige der Zentrumsabgeordneten für die Verträge stimmten und eine große Anzahl dagegen. Eine wirtschaftliche Frage beschwor im Zentrum die Gefahr einer Spaltung!

Ihre erste Prüfung erlebte die Massenbewegung von rechts einige Monate nach der Gründung des Bundes der Landwirte. Die Regierung wollte die Friedensstärke der Armee erhöhen, da das Heer die alljährlich wachsende Zahl von Dienstpflichtigen nicht mehr voll zur Ausbildung übernehmen konnte. Eine politische Annäherung zwischen Rußland und Frankreich lieferte das Gefühl einer Bedrohung von außen, das immer in Erscheinung zu treten pflegte, wenn eine Heeresverstärkung zur Diskussion stand. Freisinnige, Sozialdemokraten und das Zentrum waren gegen die Armeevorlage, obwohl Caprivi versucht hatte, die bittere Pille schmackhafter zu machen durch Herabsetzung der Dienstzeit von drei auf zwei Jahre. Der Kanzler mußte entweder der Opposition nachgeben oder den Reichstag auflösen in der Hoffnung, durch die Neuwahlen eine regierungsfreundlichere Mehrheit zu erlangen.

Caprivi entschied sich für die Neuwahl, obwohl die politischen Verhältnisse der Regierung ungünstig waren. Das ländliche Deutschland stand in voller Auflehnung gegen die Außenhandelspolitik des Reichskanzlers. Bismarck, das Symbol so vieler nationaler und internationaler Siege, tat das Seine, das Ansehen Caprivis durch Angriffe auf das »persönliche Regiment« des Kaisers zu untergraben. Die Nationalisten gewannen Oberwasser. Sie warfen Caprivi vor, durch Herabsetzung der Dienstzeit die Sicherheit des Reiches zu gefährden. Der Antisemitismus loderte auf wie nie zuvor; die radikal antisemitischen Agitatoren stürmten durch die Provinzen von Hessen bis Ostpreußen und eiferten gegen Juden, Junker und kaiserliche Beamte. Die Sozialdemokraten konnten wieder einmal voll Zuversicht einen überwältigenden Erfolg an der Wahlurne erwarten.

Die Wahlen von 1893 waren von besonderem Interesse wegen der neuen Parteiverbindungen in den Stichwahlen. Der Bund der Landwirte machte seine Unterstützung eines Kandidaten davon abhängig, daß dieser das Programm des Bundes annahm. So verpflichtete er nicht nur konservative, sondern auch manche nationalliberale Kandidaten auf eine antisozialistische und antisemitische Linie. In Wahlkreisen, in denen ein Sozialdemokrat führend in die Stichwahl kam, bildete sich nicht selten eine geschlossene Front von den Antisemiten bis zu den Nationalliberalen, die den Gegner besiegte. In der Ausgabe vom 26. Juni 1893 sagte der Vorwärts, das Zentralorgan der Sozialdemokratie:

»Daß die konservative und die nationalliberale Partei auf den Antisemitismus gekommen sind, ist die schönste Illustration kapitalistischer Natur, und es ist nur logisch, daß die Antisemiten auf bürgerlicher Seite die Führung in dem Kampfe des Kapitalismus mit dem Sozialismus übernommen haben.«

Die Wahlkampagne zeigte auch, daß die Antisemiten – sei es der Bund der Landwirte, Stoeckers Christlichsoziale Partei oder eine der unabhängigen radikal antisemitischen Gruppen – in den ländlichen Gegenden und kleinen Städten mehr Zugkraft besaßen als die Konservativen. Ein Kandidat der Christlichsozialen, der mit den kombinierten Stimmen der Antisemiten und der Konservativen in den Reichstag gewählt wurde, ein Professor Huepeden, schrieb Jahre später über die Arbeitsteilung, die sich zwischen den beiden Parteien entwickelte:

»Die konservative Partei trug die Kosten des Wahlfeldzuges und die antisemitische Partei stellte die Redner für die Bearbeitung der Ortschaften; sie verfügte namentlich über die eifrige Jugend.«146)

Eine ähnliche Arbeitsteilung ergab sich eine Generation später zwischen Deutschnationalen und Nationalsozialisten.

Die Antisemiten und die Sozialdemokraten, die extremen Flügel der Opposition gegen die »Politik der Mitte«, errangen die größten Erfolge in den Wahlen. Die Antisemiten, zwar zahlenmäßig noch immer eine kleine Partei, gewannen einen Stimmenzuwachs von über 450 Prozent (147). Stoecker selbst war allerdings nicht wiedergewählt worden, war aber noch preußischer Landtagsabgeordneter. Die Antisemiten zogen mit 16 statt 5 Abgeordneten in den Reichstag ein und waren so zum ersten Mal stark genug, eine eigene Fraktion zu bilden (für die eine Mindestzahl von 15 Abgeordneten erforderlich war). Damit hatten sie das Recht erworben, Vertreter in die Kommissionen zu entsenden und Gesetzesentwürfe einzubringen, was den »Wilden«, den fraktionslosen Abgeordneten, nicht gestattet war.

Die Sozialdemokratie erhielt in den Wahlen 1 786 700 Stimmen, fast dreimal soviel wie 1887 und 300000 mehr als 1890; die gefährlichste Oppositionspartei der kaiserlichen Regierung hatte alle »staatserhaltenden« Parteien weit hinter sich gelassen. Gegenüber dieser niederschmetternden Tatsache war es kaum mehr ein Trost, daß die bestehende »Wahlkreisgeometrie« die Sozialdemokraten stark benachteiligte. Mit ihren eindreiviertel Millionen Stimmen gewannen sie nur 44 Mandate, während die Konservativen, mit etwa einer Million Stimmen, 72 Sitze im Reichstag erhielten, einen weniger als 1890 (148).

Das Zentrum, mit ungefähr anderthalb Millionen Stimmen, verlor zwar 12 Mandate gegenüber 1890, war aber mit 96 Sitzen immer noch die stärkste Fraktion. Die Nationalliberalen erreichten die Wählerzahl der Konservativen. Sie gewannen 11 Sitze, so daß sie jetzt 53 Mandate besaßen. Die Freisinnigen erlitten die schlimmsten Verluste. Wie gewöhnlich hatten sie sich über die Frage der Heeresverstärkung nicht einigen können. Vor der Wahl kam es zur Spaltung. Die Minderheit unter Heinrich Rickert war für Caprivis Gesetzentwurf und nannte sich »Freisinnige Vereinigung«. Die Mehrheit unter Eugen Richter war dagegen; sie nahm den Namen »Freisinnige Volkspartei« an. In der Wahl erhielten sie 13 bzw. 24 Mandate, zusammen also 37, gegenüber 67 drei Jahre zuvor. Von diesem Verlust sollten sie sich nicht wieder erholen (149).

Der neue Reichstag nahm die Heeresvorlage an, aber es war ein Pyrrhussieg für Caprivi. Die Gegner des Entwurfs waren nur um 16 Stimmen schwächer. Caprivi verdankte die Annahme des Gesetzes der Polenpartei, die damals 19 Abgeordnete im Reichstag hatte. Sie war die politische Vertretung der Bevölkerung polnischer Herkunft. Bismarcks »Kulturkampf« hatte auch die polnischsprechende, größtenteils katholische Bevölkerung in Ostpreußen und Posen getroffen. 1872 waren mit dem Schulaufsichtsgesetz die Volksschulen dem Einfluß der polnischen Geistlichkeit entzogen, 1873 Deutsch als Unterrichtsfach und 1876 als alleinige Amtssprache eingeführt worden. Durch diese »Germanisierungsmaßnahmen« wurden die polnischsprechenden Bauern in Posen, bisher gute preußische Untertanen, in eine nationale Oppositon gedrängt, die sich bald auch unter den »Kaschuben« in Westpreußen und den oberschlesischen »Wasserpolaken«, wie die preußischen Eindeutscher sie nannten, ausbreitete. Das Ergebnis der Germanisierungsbestrebungen war die Polenpartei. 1886 begann Bismarck, sie aktiv zu bekämpfen, indem er durch die mit Staatsmitteln ausgestattete »Ansiedlungskommission« und durch Verwaltungsschikanen »polnische« Grundbesitzer dazu brachte, ihr Land zu verkaufen, das er dann mit deutschen Kolonisten besiedeln ließ.

Dieser Politik wollte Caprivi ein Ende bereiten, stieß aber auf Widerstand beim Kaiser und auf offene Feindseligkeit bei Bismarck und dessen Freunden (150). Das Groteske an der politischen Situation lag darin, daß die Caprivische Heeresvorlage nun von diesen polnischen »Reichsfeinden« gerettet wurde – von Elementen also, die der deutsche Nationalist als vermutliche Landesverräter im Kriege und als ein unzivilisiertes Pack im Frieden betrachtete. Die Schwäche der Regierung, die gesteigerte Unabhängigkeit des Reichstags und die stets wachsende Tendenz zur Parlamentsherrschaft waren nur zu deutlich sichtbar geworden.

Des Kaisers Beziehungen zu Caprivi kühlten sich bald ab. Eine »Kanzlerkrise« folgte der anderen. Wilhelm II., der seine Regierung in der Illusion angetreten hatte, von Gottes Gnaden zum Herrscher über eine geeinte und der Hohenzollerndynastie treu ergebene Nation berufen zu sein, war der endlosen, so gar nicht heldenhaften Aufgaben der sozialen Versöhnung müde. Sein Hauptziel der inneren Politik schien von der Verwirklichung weiter entfernt als je: die industriellen Massen sperrten sich nach wie vor hartnäckig gegen die erhoffte Bekehrung zu Thron und Altar. Statt dessen schlossen sie sich immer enger an die Sozialdemokratie an, die auch weiterhin revolutionäre Absichten kundtat. Die Politik der Mäßigung, die dem Kaiser vorschwebte, erschien ihm immer nutz- und aussichtsloser. Zum Bruch mit Caprivi im Jahre 1894 kam es wegen desselben Konfliktes, der auch zu Bismarcks Entlassung geführt hatte: die Bedrohung des Staates durch die sozialistische Arbeiterbewegung. Die Gefahr, die von einem parlamentarischen Regierungssystem zu erwarten stand, wuchs mit den gewaltigen Fortschritten, die der Partei der Revolution schon unter dem bisherigen System möglich waren. Staat und Gesellschaft konnten offenbar nur erhalten werden, wenn die »Kräfte des Umsturzes« unterdrückt wurden.

Diesmal aber spielte sich der Konflikt mit vertauschten Rollen ab. Der Kaiser begünstigte jetzt, was er 1890 dem Kanzler verweigert hatte: den Staatsstreich. Angespornt wurde er von den Königen von Sachsen und Württemberg, vom preußischen Ministerpräsidenten Eulenburg, von den Konservativen um Hammerstein, von hochgestellten Offizieren und Industriellen, von dem kurz vorher gegründeten, ultranationalistischen Alldeutschen Verband und von dem nicht weniger streitbaren Bund der Landwirte – ein Gemisch von Cliquen, Gruppen, Parteien und Individuen, die von gemeinsamem Haß und gemeinsamer Furcht beseelt waren. Ihre Feinde sahen sie im parlamentarischen System, in Liberalismus und Sozialismus.

Eine schnell aufeinanderfolgende Reihe von Wahlen und Reichstagsauflösungen sollte, so hofften sie, ein für allemal demonstrieren, wie widersinnig die verfassungsmäßige Regierungsform geworden sei, und so die Nation auf den Staatsstreich vorbereiten. Mit der Idee des Staatsstreichs spielte man damals viel und gern. Hellmut von Gerlach berichtet über eine Sitzung, in der ein konkreter Plan diskutiert wurde. Ende 1894 hatte Hammerstein führende Konservative zusammengerufen, um sie für die sofortige Ernennung Eulenburgs zum Reichskanzler und die Abschaffung des allgemeinen Wahlrechts durch Verordnung des Bundesrates zu gewinnen. Das wäre natürlich eindeutiger Verfassungsbruch gewesen, der zu Kämpfen mit den Arbeitern führen mußte. Eulenburg und Hammerstein rechneten offenbar auf Unterstützung durch das Heer, was voraussetzt, daß sie sich des Kaisers sicher fühlten. Aber sie wollten sich auch der Hilfe anderer konservativer Kräfte versichern. Stoecker, der unter den Anwesenden war, sprach mit Vorsicht für den Plan, einige andere Teilnehmer dagegen konnten nicht gewonnen werden151). Die Drohung mit dem Staatsstreich und der Armeerevolte wiederholte sich bei größeren politischen Krisen und war mit daran schuld, daß die ängstliche demokratische Opposition immer mehr Konzessionen an Nationalismus und Militarismus machen zu müssen glaubte.

Die Staatsstreichpläne kamen nie zur Ausführung. Das lag wohl in erster Linie daran, daß der Kaiser weder die Persönlichkeit besaß noch die Autorität genoß, deren es für ein so gefährliches Wagnis bedurft hätte. Außerdem ließ sich Caprivi nicht dafür gewinnen. Als der Kaiser vor der Entscheidung stand, entweder Verfassungsbruch zu begehen, was er nicht wagte, oder mit einer unwillkommenen Parlamentsmehrheit zu regieren, die er sich lieber vom Leibe halten wollte, versuchte er als Ausweg die Strategie des Eisernen Kanzlers nachzuahmen. 1878 hatte Bismarck die Attentate auf Wilhelm I. benutzt, eine politische Krise herbeizuführen, die er dann mit der Unterdrückung der Sozialdemokratie und der Schwenkung von der liberalen zur konservativ-katholischen Mehrheit lösen konnte. Im Juni 1894 wurde Sadi Carnot, der Präsident Frankreichs, ermordet und eine Reihe anderer anarchistischer Gewaltakte in Frankreich begangen. Der Kaiser packte die Gelegenheit beim Schopf und forderte energische Maßnahmen gegen die umstürzlerischen Kräfte in Deutschland; der Preußische Ministerpräsident Eulenburg, der seine Fähigkeiten zur Zeit des Sozialistengesetzes bewiesen hatte, sollte dem Landtag angemessene Gesetzentwürfe zum Schutze von Reich, Monarchie, Kirche und Familie vorlegen. Eulenburg aber wollte eine solche Gesetzgebung zuerst im Reich, das heißt, von Caprivi im Reichstag eingebracht haben. Caprivi, der gegen derartige Gesetze prinzipielle Bedenken hatte und nur zu genau wußte, was des Kaisers und Eulenburgs Absichten waren, leistete Widerstand.

Der Kaiser gab nicht nach. Da er beim Reichskanzler für seine Pläne wenig Interesse fand, wollte er sie zu einer Sache des Volkes machen. Im September 1894, in einem der ersten seiner unverantwortlichen oratorischen Ausbrüche, rief er seine Untertanen zum Schutze der Religion, der Moral und der gegebenen Ordnung gegen die Parteien des Umsturzes auf. Einige Wochen darauf, in einer anderen Rede, zerstörte er Caprivis Politik der Versöhnung mit der polnischen Minderheit. Caprivis Feinde nutzten die Kluft zwischen Kaiser und Kanzler aus. Bismarck beeilte sich, die neue Politik Wilhelms ausdrücklich gutzuheißen. Eulenburg schickte eine Delegation des Bundes der Landwirte zum Kaiser, um dessen Wünsche nach einer Regierung der starken Hand und nach einer neuen Gesetzgebung der Unterdrückung zu schüren. Auch die Nationalliberalen wollten nicht beiseite stehen und hatten schon auf dem Parteitag in Frankfurt im September 1893 die Wiederaufnahme des Kampfes gegen Sozialisten und Polen gefordert. Auf der Grundlage der kaiserlichen Ansprachen entwarf Eulenburg eine »Umsturzvorlage« von solcher Schärfe, daß bei Durchführung des Gesetzes die bestehenden Gerichte und Gefängnisse nicht ausgereicht hätten, um mit der zu erwartenden Anzahl von Gesetzesbrechern fertig zu werden152).

Caprivi versuchte immer noch, einen Kompromiß zu erreichen. Er wollte die Befugnisse der Verwaltung durch strengere Gesetze gegen Vereinigungen, Versammlungen und staatsfeindliche Presse stärken. Er war bereit, die bürgerlichen Freiheiten einzuschränken, aber nicht sie abzuschaffen.

Der Kaiser mußte sich zwischen Caprivi und Eulenburg entscheiden, als die Minister der Bundesstaaten nach Berlin berufen wurden, um die Umsturzvorlage zu beraten. Ihre Warnung vor zu scharfen Maßnahmen, die zum Bürgerkrieg führen könnten, kühlte Wilhelms Begeisterung für den Eulenburgplan merklich ab. Die Entlassung beider Gegenspieler, Caprivis und Eulenburgs, schien ihm nun der einzige Ausweg aus der unhaltbaren Lage, die er selber herbeigeführt hatte. Am 26. Oktober 1894 traten beide zurück. Damit war die utopische Phase der Herrschaft Wilhelms II. zu Ende, der Traum von der sozialen Monarchie, vom patriarchalischen Obrigkeitsstaat. Zum Nachfolger Caprivis und Eulenburgs berief der Kaiser den fünfundsiebzigjährigen Fürsten Chlodwig zu Hohenlohe-Schillingsfürst. Unter Hohenlohe – wenn auch nicht auf sein Betreiben – entwickelte sich die Politik der Unterdrückung im Inneren und der Abenteuer im Äußeren, die den wilhelminischen Imperialismus kennzeichnet. Die konservativ-reaktionären Kräfte in Preußen und die einstmals liberale Bourgeoisie fanden sich in dem Bestreben, die Arbeiterbewegung zu vernichten, das allgemeine Reichs-Wahlrecht abzuschaffen und mit der »sentimentalen Philanthropie« der Sozialreform Schluß zu machen. Der neue Kurs fand seine Verkörperung in dem Stahlindustriellen Stumm-Halberg, der zum intimen Kreis des Kaisers gehörte. Seine Rolle als Scharfmacher gegen die Arbeiterorganisationen trug der Kanzlerschaft Hohenlohes den Beinamen »die Ära Stumm« ein.

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