Kitabı oku: «Go, Josephine, go»
Über dieses Buch
Frisch und frech erzählt Paula Charles ihr turbulentes Leben, das für viele schwarze Frauen in der Fremde gezwungenermaßen typisch ist.
Paula – das ist zunächst ein schwarzes, schüchternes Mädchen, das zur Großmutter auf die Karibikinsel St. Lucia zurückgebracht wird; zu ungewiß ist für die Mutter das Leben in London. Fünfzehn Jahre später steht Paula vor der gleichen Situation. Nachdem sie ihre Tochter einer fremden Obhut im fernen Afrika anvertraut hat, entschließt sie sich, in Deutschland einen Neuanfang zu wagen – und landet als Gogogirl namens Josephine in der Schweiz.
Mit unbestechlichem Blick, manchmal wütend und verletzt, manchmal ironisch und mit Witz, beschreibt sie ihre zermürbenden Tingeltouren durch die allgegenwärtige männliche Vergnügungswelt, die Zürcher Bars und die Lokale auf dem Land, die Launen der Bosse und Kunden, die Konkurrenzkämpfe unter den »Mädchen«. Sie weiß, daß ihr Körper ihr einziges Kapital ist, und begehrt dagegen auf, kämpft um Anerkennung und Liebe, um Respekt für ihre Persönlichkeit. Doch im Gogobusiness ist das ebenso illusorisch wie die Hoffung auf Karriere; der Ausstieg wird zum Neubeginn.
«Wer von ihr handfeste Erotik erwartet, wird allerdings ebenso enttäuscht wie Leser, welche die Autorin auf Grund von Hautfarbe, Geschlecht und Tätigkeit als ein von vornherein verdammtes Opfer der Gesellschaft beklagen möchten. Charles' Ton ist trocken und sachlich, selbstsicher, gelegentlich kalt: die gerade in ihren Härten glaubwürdige Verteidigung einer nie (an)erkannten Integrität.-» Neue Zürcher Zeitung Neue Zürcher Zeitung
«Von einer wütenden schwarzen Frau, die als Gogo-Girl zum Abschaum der Menschheit gezählt wurde, die sich nun schreibenderweise von den tausendfach erlebten Demütigungen zu lösen vermochte.»Tele

Foto Gertrud Vogler
Paula Charles, 1956 geboren in London, aufgewachsen in der Karibik auf der Insel St. Lucia und in London, Sängerin in einer Soulband, arbeitete als Gogo-Girl in der Schweiz und setzt sich für die Sache der Schwarzen in Zürich ein.
Paula Charles
Go, Josephine, go
Herausgegeben und aus dem Englischen übersetzt von Chudi Bürgi
Limmat Verlag
Zürich
Dieses Buch ist Michelle gewidmet
Ich danke meiner Schwester Diana, meiner Grossmutter,Alex und meinem verstorbenen Vater
Wer bin ich? In meinem Leben gab es viele Momente, in denen ich ein Buch schreiben wollte über diese Frage. Nur wusste ich in diesen Momenten gar nichts, ich wusste nur, es gab mich.
Aber etwas in mir war falsch, sehr falsch, ich verstand es nicht, konnte es nicht verstehen. Ich wollte an mein Innerstes, mein Eigentliches herankommen, aber ich konnte mir nicht helfen.
Ich vermute, ich wartete auf jemanden, der die Verantwortung übernehmen würde. Aber meine Freunde, meine Familie kannten mich nicht, für sie war ich mysteriös, verrückt, verwirrt, bescheuert, anmassend oder gar dramatisch; ich war entweder gut oder schlecht, aber nicht wirklich ich. Ich selbst hielt mich für die dümmste, beschissenste, untalentierteste Person, die je ihren Fuss auf die Erde gesetzt hatte. Ich wollte, dass alle mich liebten, deshalb spielte ich die Rollen, die von mir erwartet wurden; es war einfach zu Beginn, aber es wurde ernst, sehr ernst. Diese schüchterne, unsichere Person, die nie an sich glaubte, wurde eine Sängerin und eine Gogotänzerin und lebte ein Leben voller Zerstörung.
Ich beschloss, dieses Buch zu schreiben und mich dabei nackt auszuziehen. Das war hart. Ich fürchtete mich vor der Begegnung mit diesem andern Teil von mir. Beim Schreiben aber wurden Josephine und Paula eins.
St. Lucia
Anfang in London
Ich, Paula Annette Charles, wurde 1956 in einer warmen Julinacht im Park Royal Hospital in Paddington, London, geboren.
Meine Eltern waren ein halbes Jahr zuvor von der kleinen sonnigen Karibikinsel St. Lucia nach London gekommen. Auf der Überfahrt hatte mein Vater zu seiner Überraschung erfahren, dass Mutter mit mir schwanger war. Diesmal sollte er also nicht so leicht davonkommen. Ich habe Glück gehabt.
Vater war immer ein Frauenheld gewesen, überall im Dorf hatte er Kinder, was für viele schwarze Männer so normal ist wie Teetrinken. Natürlich waren Mutter und er auch nicht verheiratet, und er war zwanzig Jahre älter.
Sie stammte aus einer recht wohlhabenden Familie mit zehn Kindern, die Land und einen Rum-Shop besass. Sie habe zu Hause immer die schwersten Arbeiten machen müssen, sagte sie mir später einmal: den Hof wischen, Holz sammeln, auf die Kokospalmen klettern, ja sogar die Schweine füttern, was eigentlich die Arbeit der Jungs war, und sie habe nur abgetragene Kleider besessen. «Ich hasste meine Mutter. Sie war grausam zu mir.» Sie weinte, als sie das erzählte. Sie schien nicht zu bemerken, dass sie sich mir gegenüber nicht anders verhielt.
Mein Vater hatte eine gute Stellung gehabt. Er war im Staatsdienst gewesen, war «Aufseher», wie man das in St. Lucia nennt, das heisst, er war Vorsteher auf der Bananenplantage. Er wurde rausgeschmissen, Neid und Intrigen waren dabei im Spiel. Danach war er zu stolz, um noch länger im Land zu bleiben. Zusammen mit meiner Mutter und wenigen Habseligkeiten verliess er so schnell wie möglich St. Lucia. Ihr bezahlte die Familie einen Teil der Reisekosten; die Mutter war sichtlich froh, ihre ungeliebte Tochter loszuwerden – «sie wusch ihre Hände», wie man in St. Lucia sagt.
Ich weiss nicht viel darüber, wie meine Eltern ihre erste Zeit in London erlebt haben. Mum sprach nicht gerne davon, es war wohl zu schmerzhaft und zu beschämend. Jedenfalls, es war Winter und sehr kalt. Davon hatten sie in St. Lucia schon viel gehört – dass man zwei Mäntel übereinander tragen müsse und dass die Hände fast erfroren und die Strassen voll Schnee seien und der Atem vor Kälte dampfe. Doch dies beunruhigte sie nicht wirklich; was ihnen Sorgen machte, war, dass sie niemanden kannten und nicht wussten wohin.
Ich stelle mir vor, dass sie die erste Nacht in London auf einer Bank sitzend geschlafen haben. Aber ich werde nie wissen, wie sie sich durchgeschlagen haben in diesen Tagen und Nächten, und ob ihnen jemand weitergeholfen hat.
Sie hatten nicht mehr viel Geld, aber schliesslich fanden sie ein Zimmer, ziemlich schäbig, aber besser jedenfalls, als in Sommerkleidern im Schnee herumzulaufen. Mutter hat später mal erzählt, dass sie ihren Schlafrock als Mantel getragen habe, weil sie nichts anderes besass. Während Vater Arbeit suchte, blieb sie im Zimmer. Alleine auf die Strasse zu gehen, getraute sie sich nicht. Alles um sie herum machte Angst. Ich bin ziemlich sicher, wenn sie gewusst hätten, auf wieviel Hass und Schikanen sie stossen würden, wären sie sofort umgekehrt – falls sie noch Geld für die Rückreise gehabt hätten.
Es war damals schlimmer als heute: Für die Briten war es neu, dass die Schwarzen aus den Kolonien plötzlich Anspruch auf ihr Mutterland erhoben und dort leben und arbeiten wollten, wo scheint's die Strassen mit Gold gepflastert waren. Die Schwarzen wurden in England nicht willkommen geheissen, sie fanden keine Wohnung, wurden in Restaurants nicht bedient, und auf der Strasse mussten sie damit rechnen, angepöbelt, ja geschlagen oder gar getötet zu werden. Sie bekamen in den Spitälern und bei den Londoner Verkehrsbetrieben nur die übelsten Jobs. Diesen Rassismus hatten meine Eltern nicht erwartet, sowas kannte man auf St. Lucia nicht. Für jemanden, der das nicht kennt, ist es sehr beleidigend, als «Nigger», «Blackie» oder «Monkey» bezeichnet zu werden. Sie verstanden nicht, warum die Briten sie so sehr hassten; diese gebildeten Leute, die sich «zivilisiert» nannten, benahmen sich wie im Busch.
Vater fand Arbeit. In einer Arzneimittelfabrik machte er Tabletten. Er verdiente neun Schilling die Woche, was viel war, damals. Nachts studierte er medizinische Bücher, um später bei einem Apotheker arbeiten zu können. Seine Ausbildung entsprach nicht europäischem Standard, aber er war ein sehr intelligenter Mann. Diese akademische Seite habe ich nicht geerbt von ihm, eher schon seine Liebe zum Nachtleben, zu den Frauen und zum Rum, da bin ich fast wie er – bloss trinke ich nur halb soviel und ziehe Männer den Frauen vor. In der Fabrik arbeitete er sich rasch hoch, was ihn bei den andern Arbeitern unbeliebt machte. Er wurde ihr Boss. Er war ein schnell und hart arbeitender Mann, und er war ehrgeizig.
Dann fand auch meine Mutter eine Arbeit. In einem Snack-Shop putzte sie und wusch Geschirr. Mit dem gebratenen Zeugs, das sie da verkauften, fütterte sie uns. Es war ihr nicht erlaubt, weisse Kunden zu bedienen; der Besitzer wollte auch nicht, dass sie sich im Lokal zeigte, aus Angst, seine Kundschaft zu verlieren.
Noch immer konnte sich meine Mutter nicht daran gewöhnen, früh am Morgen in dem eisigen Zimmer aufzustehen und nach draussen zu gehen, wo es noch kälter war. Anfangs brachte Vater sie zur Arbeit. Er musste stark sein, wenn sie zitternd zusammenbrach; aber seine zukünftige Ehefrau auf einmal so schwach zu sehen, verletzte und demütigte ihn.
Mit ihrem ersten Lohn kaufte Mutter Vorhänge, Bettwäsche, Lebensmittel und einige Sachen für das Baby. Sie versuchte in dem miefigen Zimmer, das sie mit Pflanzen und Blumen verschönerte, nicht an St. Lucia zu denken, wo sie in einem Haus mit mehreren Zimmern gelebt hatte. Es gab keine Dusche, und die Toilette war ausserhalb. Waschen mussten sie sich im Abwaschbecken; heisses Wasser gab es nicht.
Mutter war eine grossgewachsene Frau, fast gleich gross wie Vater. Sie hatte eine schöne dunkle Haut. Sie war damals etwa einundzwanzig Jahre alt. Als sie eines Nachts Schmerzen bekam, dachte sie, es seien Magenkrämpfe. Sie war jung und naiv, Vater hatte da mehr Erfahrung, auch wenn er sich um die sechs Kinder, die er in der Karibik zurückliess, nicht viel gekümmert hatte. Ich bin ja glücklicherweise kein Bastard geworden; meine Eltern haben noch vor meiner Geburt geheiratet.
Er holte die Nachbarin von nebenan. Sie war eine Weisse, die einzige weisse Frau, die mit meinen Eltern sprach. Sie sagte: «Mary, du kommst in die Wehen, du musst sofort ins Spital.» Wann genau ich meinen Weg in die Welt gemacht hatte, weiss Mutter nicht mehr, so um Mitternacht, meinte sie.
Die Nachbarin wurde meine Patin. Sie hiess Ive, war schon Anfang Sechzig und hatte keine Kinder. «Sie war eine wundervolle Frau», sagte meine Mutter immer wieder. Sie hatte ein Herz aus Gold, und ich war ihr Augapfel. Wenn Mutter an der Arbeit war, passte sie auf mich auf. Das war eine grosse Erleichterung, denn Mutter konnte es sich nicht leisten, nicht arbeiten zu gehen.
Es war 1959, ich war drei Jahre alt und mein Bruder Ben zwei, als meine Eltern entschieden, dass sie nicht auf Dauer für uns sorgen könnten. Für viele Schwarze, die im Ausland Kinder bekamen, war es normal, dass sie diese zu ihren Eltern oder Schwestern nach Hause schickten. Ich denke, es ist für alle Eltern hart, sowas zu tun, ich habe das später selber erlebt.
Die Frage war, ob ihre Mutter uns aufnehmen würde, da Mum und sie ja nie gut miteinander ausgekommen waren. Im schlimmsten Fall war da noch Vaters Mutter; die lebte alleine.
Jetzt musste jeder Schilling zur Seite gelegt werden, nicht nur, um Sachen für uns zu kaufen, sondern auch für die Familie und Freunde zu Hause. Was von London kam, war wichtig, und wer in London lebte, war ein Star und musste das mit grosszügigen Geschenken beweisen.
Meine Mutter wechselte die Stelle, arbeitete im Krankenhaus. Da verdiente sie ein paar Schilling mehr, aber sonst war die Arbeit nicht besser. Zu dieser Zeit liessen sich viele Weisse nicht von Schwarzen berühren. Man bezeichnete sie als schmutzig, einige rannten gar vor ihnen weg oder weigerten sich, von ihnen etwas zu essen und zu trinken anzunehmen, sogar wenn sie todkrank waren. Freundlich lächelnd, mussten die schwarzen Frauen diese Beleidigungen über sich ergehen lassen.
In dieser Zeit hatten meine Eltern ein grösseres Zimmer gefunden, nicht weit vom alten Ort entfernt, an der Shurland Road. Dieses Zimmer wurde für viele Leute die erste Anlaufstelle in London, unter anderem für zwei meiner Onkel und Mutters jüngste Schwester. Sie hatten es besser als meine Eltern: Mutter nahm sie bei sich auf, bis sie Zimmer im obern Stock bekamen, sie gab ihnen zu essen und Taschengeld und half ihnen, sich in London zurechtzufinden. Es machte ihr Spass, von ihren Geschwistern Geschichten von zu Hause zu hören. Aber eigentlich hatte sich dort nichts verändert; sie kämpften immer noch um das bisschen Land, ihre Mutter trank immer noch und fluchte über ihre Tochter.
In London mussten die Geschwister versuchen, miteinander auszukommen. Doch bald fingen die Streitereien an, vor allem zwischen Mum und ihrem Bruder Run. Schon zu Hause hatten sie sich nicht gemocht. Er trank und brachte jede Nacht eine andere Frau nach Hause, was irgendwann zum Eklat führte. Der Streit war wüst, da wurde mit allem gekämpft, was sie zur Hand hatten, auch mit Messern.
Die Vorbereitungen für unsere Reise waren endlich abgeschlossen. Mutter ging mit Ben und mir aufs Schiff. Damals konnte ich nicht wissen, dass ich Vater nie wiedersehen würde. Ich erinnere mich, dass ich nur ungern ohne ihn wegfuhr.
Überfahrt mit Miss Sara
Wir waren zwei Wochen auf See. Eines Nachts brach auf dem Schiff Feuer aus. Der Kapitän war beunruhigt genug, um die Passagiere auf die Rettungsboote evakuieren zu lassen. Panik brach aus, alle schrien und stolperten übereinander, während der Kapitän über Lautsprecher zur Ruhe mahnte.
Meine Mutter hatte wahnsinnig Angst, weil sie nicht schwimmen konnte. Sie liess alles auf dem Schiff zurück, während die Europäer ihre Diamanten, ihr Gold und ihre Kleider aufs Boot mitzunehmen versuchten.
Irgendwie schafften sie es, das Feuer zu löschen. Die Boote konnten wieder an Bord gezogen und die Schwimmwesten versorgt werden. In dieser kurzen Zeit hatte die Hautfarbe keine Rolle gespielt.
Es gab eine auffällige Frau an Bord: eine weisse, blonde, sehr britische Frau. Die Haare hatte sie, mit viel Haarspray behandelt, am Hinterkopf hochgesteckt. Sie trug oft ein tief ausgeschnittenes rosa Kleid, das sehr kurz war und ihre Rundungen zeigte. Wenn sie vorbeistöckelte, zog sie alle Blicke auf sich. Die Männer in der Küche mit ihren schmutzigen Overalls rannten, das Fleischmesser noch in der Hand, zum Fenster, wenn sie vorbeiging, oder verbrannten sich aus Unachtsamkeit die Finger. Es war ein britisches Schiff mit viel ausländischer Besatzung. Diese Männer waren bereit, Miss Sara jeden Wunsch jederzeit zu erfüllen. Sie stritten sich, wer sie als erster haben dürfe. Sie wussten, was sie wollte; es war ja nicht das erste Mal, dass sie solche Angebote erhielten. Sara hatte es auf den dunklen, hübschen Spanierjungen abgesehen. Er war jung und noch unerfahren; sie war älter, so um die Dreissig.
Mutter war nicht gerne auf See und konnte es kaum erwarten, bis wir wieder an Land waren. Sie war keine Mutter, die uns mit Liebe überschüttete, sie tat ihre Pflicht, und das war's. Es gab keine liebevollen Berührungen und erst recht keine Küsse, aber manchmal brachten wir sie zum Lachen. Vor dem Frühstück und Dinner wusch sie uns und zog uns sauber an. Mir band sie Schleifen ins Haar, was ich hasste. Ich war neugierig, aber schüchtern. Ich hatte grosse Augen, lächelte aber nur, wenn ich von Fremden Aufmerksamkeit erhielt. Wenn ich die anschaute, gab mir Mutter eins auf die Finger.
Saras Kabine war auf unserem Korridor. Ich begegnete ihr oft. Wenn sie zum Frühstück oder Dinner ging, streichelte sie meine Wangen mit ihrer sehr weissen Hand mit der geschmeidigen Haut. Einmal fragte ich sie: «Miss Sara, was ist das für ein feiner Duft?» Sie beugte sich zu mir und sagte mit ihrer samtigen englischen Stimme: «Das ist Christian Dior. Magst du es?» Ich nickte. «Du heisst Paula, nicht?» «Ja», antwortete ich und fühlte mich ungezogen, weil ich mit einer Fremden sprach. Mein Bruder stand in seinen ausgebeulten Shorts daneben – er heulte jeden Morgen, wenn er die anziehen musste. Er rief laut: «Und ich bin Ben!» Immer war er vorlaut und musste auf sich aufmerksam machen. Er hatte sehr schöne Zähne, klein und weiss. Miss Sara erhob sich, tätschelte mir beim Weggehen die gefetteten, geflochtenen Haare und tänzelte zu Männern und Tee.
Eines Nachmittags hatte uns Mutter rausgeschickt, sie wollte ein Nickerchen machen. Wir spielten im Korridor, mein Bruder sprang auf und ab und fiel immer wieder auf den Hintern, wenn er nach den Murmeln zu grapschen versuchte. Da hörte ich am Ende des Korridors Geräusche, ich wusste nicht, was es war. «Es weint jemand, Ben», sagte ich. Ich rannte den Korridor entlang zu Miss Saras Kabinentür, die halb offenstand. Ich sah einen Mann auf dieser Lady liegen, er machte Geräusche, ich schaute hin, lachte, die Hände vor dem Mund. Die beiden waren nass und bewegten sich sehr schnell, sie hatte ihre Beine in der Luft und hielt sich an seinen Haaren fest. «Fester», sagte sie. Ich drehte meinen Kopf von einer Seite zur andern. «Tiefer», sagte sie, und das Kajütenbett bewegte sich wild. Dann lautes Geschrei und Stille. Mein Bruder war nun auch herbeigerannt, wir standen in der Tür und lachten, da hörte sie uns. Sie stand auf, wickelte sich in ein Laken und kam auf uns zu. Ihre Haare sahen jetzt nicht mehr ordentlich aus, ihr Gesicht war rot und nass. Sie schien mir nicht mehr so hübsch zu sein, sie wirkte erschöpft und roch auch nicht mehr gut. «Geht weg», sagte sie und schloss die Tür vor unseren Nasen.
Wir stürmten lachend in Mutters Kabine. Sie war wütend, weil wir sie weckten, und hätte uns am liebsten geschlagen. «Nicht mal ein wenig schlafen kann man», sagte sie. Sie war fünfundzwanzig, fühlte sich aber viel älter. Zwischen ihren Vorderzähnen hatte sie einen schmalen Spalt.
Als wir zum Dinner kamen, sass Miss Sara schon an ihrem Tisch. Normalerweise war sie die letzte, die ihren Platz einnahm, weil sie noch an Deck herumtrödelte, an der Sonne lag, Bücher las oder aufs Meer starrend vor sich hinträumte. Sie roch wieder gut, das nahm ich von weitem wahr. Sie sah auch wieder hübsch aus, in einem weissen Häkelkleid, mit langen rotlackierten Nägeln und Lippenstift von hellerem Rot als sonst. Sie schaute uns nicht an, sprach mit andern Gästen und zündete sich in ihrem Zigarettenhalter eine Zigarette an. Ich zeigte mit meinen Händen auf sie und erzählte meiner Mutter: «Sie hat geschrien, und ein Mann lag auf ihr.» Ich versuchte, die Bewegung nachzumachen. Mutter verstand nicht, schlug mir auf die Hände: «Du sollst nicht mit dem Finger auf andere Leute zeigen», sagte sie und lächelte Miss Sara zu, die an einem bessern Tisch sass als wir. Er war mit Blumen schön dekoriert. Wir teilten den Tisch mit einem schwarzen Paar und dessen halbwüchsiger Tochter, einer Inderin und einigen andern Leuten von verschiedenen Karibikinseln.
Vaters St. Lucia
Mums Mutter weigerte sich, uns aufzunehmen. Dabei hatte Mum alles getan, um sich mit ihr gutzustellen, hatte ihr Sachen geschickt aus London und ihr auch das Geld zurückbezahlt, das sie für die Reise bekommen hatte – aber die Wunden waren nicht verheilt. Nicht mal wir, die Enkelkinder, die den ganzen Weg von London gekommen waren, konnten daran etwas ändern. Mum weinte und flehte, aber es war nichts zu machen.
Mum blieb nichts anderes übrig, als uns zu Vaters Mutter, zu «Gran», zu bringen. Die beiden Frauen waren sich nur einmal kurz begegnet, bevor meine Eltern damals aufs Schiff gegangen waren. Mum hatte keine Ahnung, wie Gran auf diesen «Gefallen» reagieren würde. Es gab kein Telefon, also musste Mum hinfahren und sie mit uns konfrontieren. Gran lebte in einem kleinen Dorf mit etwa hundert Einwohnern; es hiess Gadet. Alle kannten einander, nichts blieb dort lange ein Geheimnis. Weil wir aus London kamen, waren wir ein Ereignis. Nur wenige hatten Kinder in Übersee, höchstens auf den benachbarten Inseln. Alle wussten, dass wir kommen würden, aber sie dachten, wir wollten nur einen Besuch machen. Sie fanden es schon etwas eigenartig, die Frau mit den zwei kleinen Kindern, dem Kinderwagen und einem Koffer zu sehen. Meine Mutter schaute nicht allzu glücklich drein – aber nicht lange. Denn Vaters Mutter wusste, was Liebe ist, und sie war allein. Bis an ihr Ende war sie im Dorf sehr angesehen, vor allem, weil sie einen Sohn hatte, denn ein Sohn ist für die Frauen ein Geschenk Gottes. Sie war ausserdem ziemlich fromm und arbeitete hart.
Mutter mochte Gran nicht sehr; sie verdächtigte sie der Zauberei. Aber sie liess uns bei ihr und kehrte zu Vater nach London zurück.
Durch Granma habe ich einiges über meinen Vater erfahren. Er war ihr einziger Sohn, und sie liebte ihn sehr, auch wenn sie gar nicht glücklich war über sein Leben. Er sei nie erwachsen geworden, sagte sie, er habe nur spielen, trinken und Frauen lieben wollen.
Aber zu ihr war er immer gut gewesen. Am Wochenende brachte er ihr Esswaren aus der Stadt, manchmal auch ein Stück Stoff für ein Kleid und ein wenig weissen Rum, denn auch sie trank gerne von Zeit zu Zeit ein Glas. Manchmal zog er bei seinen Besuchen die alten Kleider an, die er bei ihr zurückgelassen hatte, ging Holz sammeln, holte Wasser, kochte und sprach von seiner Arbeit. Sie schimpfte mit ihm wegen seinem unsteten Leben, aber er lächelte nur, packte sie, während sie ihn mit allem, was sie zur Hand hatte, abzuwehren versuchte. Dabei musste sie das Lachen verbeissen; insgeheim liebte sie dieses Spiel und liebte sie ihn.
Das Dorfleben war nichts für ihn gewesen. Schon am frühen Nachmittag genehmigte er sich auf nüchternen Magen ein paar Gläser Rum. Es schmerzte Gran sehr, ihr einziges Kind sich so jung selbst zerstören zu sehen. Seine Arbeiter waren neidisch, die Frauen flogen auf ihn, auch wegen seiner Stellung, und machten ihm Probleme; sie wollten ihn nicht freigeben. Wenn er die üblichen Besuche bei seinen vielen Freundinnen machte, hörte er überall Klagen und Beschimpfungen: «Warum besuchst du deinen Sohn nie, Oliver!» «Warum kümmerst du dich nie um Giny!» Beschämt, mit hängendem Kopf und leeren Taschen ging er weg. Er wollte nie Kinder, er wollte nur Sex, und schon war wieder ein Baby unterwegs. Er fürchtete, diese Frauen könnten ihn eines Tages töten, sie hatten es auch einige Male versucht, mit Voodoo und Gift.
Zweimal die Woche war der Nachtclub sein Zuhause; nichts, ausser vielleicht eine hübsche Frau, konnte ihn davon abhalten. Er war höflich und respektvoll, wenn er nüchtern war, aber wenn der rauhe weisse Rum in seinem Blut floss, wurde er ein Monster. Meist trank er, bis er nicht mehr wusste, wo er war. Meine Mutter sagte einmal, es sei beschämend, einen erwachsenen Mann zu sehen, der sich wie ein Kind benehme – einen liebenswerten Mann sich so erniedrigen zu sehen.
Ich habe, wie meine Mutter, Vater sehr geliebt. Aber ich kannte ihn nicht. Als ich erfuhr, dass Vater so viel getrunken hatte, fühlte ich mich hilflos, ich wusste damals nicht, dass es eine Krankheit war. Das hat Auswirkungen auf mein späteres Leben gehabt. Ich machte Frauen für Vaters Trinkerei verantwortlich, ich traute ihnen nie und mochte sie nicht. Die meisten meiner Freunde sind Männer, mit ihnen komme ich besser klar.
Er starb einige Jahre nach unserer Ankunft in St. Lucia. Ich konnte nicht recht glauben, dass er tot war; irgendwie war ich überzeugt, dass er noch lebte. Es hiess, er habe sich zu Tode getrunken. Es ging auch das Gerücht, dass er mit einem langsam wirkenden Gift getötet worden sei.
In ihrem kleinen, aus Schindeln gebauten Haus lernte Granma mit Sechzig wieder, Mutter zu sein. Es war nicht einfach für sie, denn anders als Ben wollte ich immer zurück nach London, zu meiner Mutter. Gran wollte nicht, dass wir weggingen, nicht solange sie lebte. Ich war zu selbstsüchtig, um zu realisieren, wieviel meine Grossmutter opfern musste, um uns eine bessere Zukunft zu geben. Ich dachte, dass das Leben in London viel einfacher wäre und dass dort meine Träume wahr würden. Ich war gerne englisch, ich hasste es, barfuss im Dreck herumzulaufen.
Alle vierzehn Tage mussten wir Bananen verkaufen gehen, eine halbe Stunde zu Fuss, die Bananen auf dem Kopf. Der Schweiss floss an meinem jungen Körper herunter. Ich fürchtete diese Tage, denn ich erhielt nur dann einige Dollars für die Staude, wenn die Früchte die richtige Grösse hatten und keine Druckstelle. Sonst wurden sie zurückgewiesen, und ich war den Weg vergebens gegangen, hatte vergebens die ganze Woche zu den Früchten Sorge getragen.
Manchmal waren wir zu erschöpft, um die Bananen den ganzen Weg wieder nach Hause zu tragen – und sie zu essen, gekocht oder gebraten, war mir auch verleidet. So überliessen wir sie andern, die ein Transportmittel hatten. Die nahmen sie mit, kochten sie und verfütterten sie den Schweinen. Wenn wir ohne Geld und Bananen zurückkamen, sah ich jeweils den Schmerz und die tiefen Furchen in Granmas Gesicht.
Wann immer sie konnte, schickte uns Mutter Geld und manchmal ein Paket. Sie sandte uns alles, was ihr in den Sinn kam: Süssigkeiten, Puppen, Murmeln, Höschen, Schuhe, Strümpfe, Haarspangen, Seifen – aber genug war es nie. Grossmutter blieb arm. Hunger litten wir jedoch nie, weil da die beiden Tanten waren, die nebeneinander wohnten und einen kleinen Laden besassen. Die eine mussten wir «Auntie» nennen, obwohl sie nicht wirklich eine Tante war, sondern einfach eine gute Freundin von Gran. Sie hatte auch zwei englische Mädchen, und sie mochte uns sehr. Unserer richtigen Tante, einer Halbschwester meines Vaters, standen wir nie sehr nah. Sie grüsste uns, gab uns manchmal einen Keks, aber sie war ziemlich geizig. Sie hatte elf Kinder. Meine «falsche» Tante war älter und intelligenter; meine richtige Tante war nur Bäckerin.
Es gefiel mir, mit Auntie und den beiden Mädchen, die etwas älter waren, im Laden Kunden zu bedienen. Neben der Bartheke gab es eine Ecke mit Esswaren, wo gesalzener Trockenfisch oder je nach Saison auch frischer Fisch verkauft wurde, in gesalzenes Wasser eingelegtes Rinds- oder Schweinefleisch, Reis, Büchsenfleisch, Öl und Butter, die in einer grossen Plastiktonne fast schmolz.
Am schönsten war es, wenn in dem dunklen kleinen Dorf mit seinen zwei Laternen meine Gran alles stehen- und liegenliess, um, mit etwas Rum intus, zu den Trommeln zu tanzen. Niemand wollte die Samstagnacht im Rum-Shop verpassen. Kaum zehn Leute konnten in dem Laden stehen oder sitzen. Männer und Frauen tanzten zusammen und machten Musik mit Trommeln und Gitarre. Jemand führte den Blinden her; er war der einzige, der die Gitarre richtig spielen konnte. Die Lieder handelten von den Leuten im Dorf, von Liebenden, die heimliche Affären hatten. Die Betrogenen erfuhren manchmal erst durch die Lieder davon, und der Streit zwischen Mann und Frau ging los. Es gab ein Lied, das hatte nur zwei Zeilen: «Bumsen ist süss, aber Schwangersein gar nicht.» Das wurde natürlich in Patois gesungen, da klingt es viel hübscher.
Einmal im Monat war Tanznacht in der Dorfhalle, die für alles mögliche, Politik, Hochzeit, Versammlungen, benutzt wurde. Viele konnten sich den Eintritt nicht leisten, aber von ganz St. Lucia kamen die Leute. Ich ging auch hin, um meine Schulkameraden zu sehen und vor allem meine Boyfriends. Ich war etwa acht damals; ja, in diesem Alter hatte ich schon Liebe im Kopf.
Ich erinnere mich an einen Film. Es war der einzige Film, den ich in den zehn Jahren auf St. Lucia gesehen habe. Er hiess «Samson und Delila». Diese Delila war für mich die schönste Frau der Welt. Sie hatte einen wunderschönen Körper und wunderschöne Brüste. Sie war vollkommen, mit ihren schwarzen Haaren, sie war geheimnisvoll, und ich wollte sein wie sie, wollte, dass Männer meinetwegen den Kopf verloren.
Nachdem sie meine Heldin geworden war, konnte ich monatelang nicht richtig schlafen. Ich wollte Brüste wie sie, nur grösser. Ich hatte immer was übrig für grosse Brüste, nicht so gross wie eine ausgereifte Wassermelone, aber so, dass es eine Handvoll hergibt. Ich glaubte den Altweibergeschichten, die meine Freundinnen erzählten, und so gingen wir zum Fluss, versuchten Flusskrebse zu fangen und sie an unseren kleinen Brüsten zu reiben. Dann standen wir in einer Reihe über den Fluss gebeugt, um zu schauen, ob sie wuchsen.
Dabei wurden wir einmal von meiner Cousine Ilin beobachtet, die immer im falschen Moment auftauchte. Sie war älter als wir, hatte ein Kind und war wie üblich nicht verheiratet. Ihr Freund war ein Frauenheld, der sie nur gerade zum Liebemachen ein paarmal pro Woche besuchte. Sie war noch nicht so alt, ich weiss nicht, wie alt. Das Alter interessiert auch heute noch kaum jemanden in St. Lucia, das scheint eher eine europäische Krankheit zu sein.
Ilin war entrüstet, als sie uns sah, sie rief meinen Namen. Ich kriegte einen mächtigen Schrecken, zitterte am ganzen Körper vor Scham und begann zu weinen. Sie sagte höhnisch: «Was würde Grossmutter von all dem denken – Krebse an deinen Brüsten zu reiben, du schmutziges kleines Mädchen!» Ich hoffte, sie würde nichts erzählen, aber sie tat es doch.
Gran
Gran war oft im Spital, doch wusste ich nicht, wie krank sie war. Sie sprach nie über ihre Krankheit; nur wenige merkten, dass etwas nicht in Ordnung war. Sie ging kaum mehr irgendwohin, sogar der Kirchgang, den sie nie versäumen wollte, war zur Qual geworden.
Sie, die Heilerin, hatte vielen Kindern das Leben gerettet, aber sich selber konnte sie nicht helfen. Ich wusste nicht, wie sie heilte, ich sah nur, dass neugeborene und etwas ältere Babys zu ihr gebracht wurden. Sie benutzte keine Medizin, keine Tabletten, nur ein besonderes Fett, das beim Erhitzen zu Öl wurde und nach Muskat roch. Sie verrieb es auf dem Bauch der Babys und schloss dabei die Augen. Wir konnten sie nicht fragen, warum sie das tat, wir durften die Küche auch nicht betreten, wenn die Prozedur stattfand. Ich sehe sie noch vor mir, wie sie immer im selben Stuhl sass und das Ritual wiederholte.
Eines Tages besuchten wir Gran im Krankenhaus. Das kam selten vor, weil es keine Fahrgelegenheit gab. Ben und ich waren aufgeregt, nicht nur weil wir Gran besuchten, sondern weil wir in einem Auto fahren und das Dorf für einen Tag verlassen durften. Für mich wurden dann drei Tage daraus, denn als wir ankamen und ich Gran sah, kreideweiss, wo sie doch eine rothäutige Frau ist, da fühlte ich mich auf einmal komisch und bekam Angst. Ich habe Krankenhäuser nie gemocht; der Geruch bringt mir den Magen durcheinander. Mir wurde übel und schwindlig, und als ich wieder zu mir kam, fand ich mich in einem Spitalbett wieder. Ich hatte das eigenartige Gefühl, dass Gran sanfte Magie auf mich ausübte. Und heute denke ich auch, dass sie etwas von ihren magischen Kräften an mich weitergegeben hat.
In den Tagen, da ich mit ihr zusammen war, habe ich sie zum ersten Mal – und vielleicht zum letzten Mal – richtig wahrgenommen. Ich war etwa zehn damals. Ich war schüchtern und rannte vor allen und allem davon. Ich lebte in meiner alten Welt, wollte zurück nach London. Granma fand, ich sei herzlos und würde sie nicht so lieben wie mein Bruder. Aber sie wusste, dass ich ehrlich und sanft war. Sie war eine starke Frau, religiös, mit magischen Kräften, und ich war das komplette Gegenteil. Ich war wild, wild auf Jungs auch. Sie sagte einmal zu mir, ich würde eine jamet werden, ein Mädchen, das mit allen Jungs im Dorf was haben würde, sehr irdisch, mit nichts als Sex im Kopf. Sie brachte es nicht direkt in diesen Zusammenhang, aber ich glaubte zu verstehen, was sie meinte. Im Grunde genommen konnte sie Mädchen nicht ausstehen, sie fand, sie seien schmutzig und eitel und brächten nur Babys nach Hause. Sie verhehlte nicht, dass sie Jungs vorzog; ich war nie so gut wie Ben.
Granma lag auf ihrem Krankenbett. Sie sah müde und ausgelaugt aus. Ihre Hände und Füsse waren von der harten Arbeit gezeichnet, wie von einem Gitter. Sie beschwerte sich nie, borgte nie etwas, erwartete nie Mitleid. Diese Art von Stolz, vermute ich, erwartete sie auch von mir. Sie lag da und schaute mich an. Ihre langen schwarzen, zu Zöpfen geflochtenen Haare waren grau geworden. Sie trug ein Spitalhemd über ihrer sehr hellen, faltigen Samthaut – ein richtiges Nachthemd hatte sie sich nicht leisten können. Sie hatte ja immer nur für uns gelebt, und ich hatte es nicht verstanden. Ich sah sie jetzt als schwache, zerbrechliche Frau, die mich auf ihre Art liebhatte. Sie war sehr besorgt, was mit uns geschehen würde.
Einer meiner älteren Brüder, der Sohn einer der vielen Frauen meines Vaters, kam sie besuchen. Er war einer ihrer Lieblingsenkel, und ich liebte ihn auch. Bevor ich mit ihm wegging, sagte sie zwei Dinge zu mir: «Paula, du bist die ältere. Wenn ich nicht mehr da bin, dann geh mit Ben zur Familie deiner Mutter und nicht zu meiner Schwester. Und passt aufeinander auf! Ihr habt nur euch.» Tränen liefen mir übers Gesicht, auch mein älterer Bruder musste sich zusammenreissen, um nicht zu weinen.
Gran blieb eine weitere Woche im Spital. Jetzt, wo ich sie um mich haben wollte, schien es Jahre zu dauern, bis sie sich wieder gut genug fühlte, um nach Hause zu kommen. Der ältere Bruder brachte uns zur Schule, und Ilin kochte für uns. Das ganze Dorf half uns, aber ich hasste es, alleine mit meinem Bruder in Grans Haus zu schlafen.
In der Schule unterrichtete einer meiner Halbbrüder. Er war nicht sehr oft da, weil er viel in die andern Teile der Insel reiste, aber wenn er da war, war es keineswegs lustig für mich. Alles, was ich tat, war falsch, und er hatte das Recht, mich nach Lust und Laune zu prügeln. Es kommt mir vor, als sei ich die ganze Schulzeit hindurch nur verprügelt worden. Ben war gut in der Schule, und das wurde von ihm auch erwartet – weil er ein Junge war. Von mir, einer «Englischen» aus einer gebildeteren Familie, wurde natürlich auch erwartet, dass ich mehr Hirn hatte als andere; das setzte mich ziemlich unter Druck. Ich fühlte mich immer als schwarzes Schaf, weil ich oft die altmodischen Wertvorstellungen nicht respektierte und nicht verstand.
Als Gran wieder zu Hause war, freute sich das ganze Dorf; sie war ja eine Mutter für alle, wusste immer Rat, wenn es in den Familien Probleme gab. Sie war jetzt ans Bett gefesselt und konnte kaum etwas tun. Andere mussten für sie kochen, und sie war sehr von mir abhängig. Ich fühlte mich freier, weil sie mich nicht mehr erwischen konnte, wenn ich spät von der Schule kam oder an Schulparties ging, um Freunde zu treffen. Sie lag im Bett oder im Schaukelstuhl und glaubte immer noch, sie könne mich verprügeln. «Bevor ich sterbe, werde ich dich noch kriegen!» sagte sie einmal und machte dabei ein richtig hexisches Gesicht. Junge, hatte ich Angst! Sie hatte das Gefühl, dass ich ihr immer etwas verheimlichte, dass ich viele Fehler hatte und zu verschlossen war für ein Kind.
Granma litt noch einige Monate, aber sie klagte nie. Viele Nächte konnte ich nicht schlafen, hörte sie stöhnen und wimmern. Manchmal raffte sie sich zu einem Spaziergang im Garten auf oder zu einem Bad.
Wir badeten in einer silbernen Wanne, die draussen stand. Wir mussten drei-, viermal zum Fluss gehen, um sie zu füllen. Dann schnitten wir etwas Hibiskus, aus dessen Blättern wir seifigen Schaum machten. Man musste die Blätter etwa eine halbe Stunde reiben, und man bekam wunde Hände davon. In Europa kannst du das Zeugs teuer kaufen, aber für uns war es etwas Alltägliches; das Bad war sehr erholsam, und nachher duftete man frisch.
Nacktheit war nichts Unanständiges, auch nicht etwas zum Anstarren. Es war ganz natürlich für mich, mit meiner Gran zu baden, wenn auch nicht immer angenehm, weil die Wanne zu klein war. Wir bedeckten uns nicht, wenn kleinere und grössere Kinder zusammen waren; wir kamen gar nicht auf die Idee, dass etwas daran falsch sein könnte.
Auch die Wäsche wurde vor dem Haus gemacht, und wenn Gran guter Laune war, gingen wir zum Fluss. Es brauchte Stunden, um nur ein Kleid zu waschen. Alle waren mit nackten Brüsten am Fluss, es wurde getratscht, eine richtige Waschparty. Einige brachten ihren Lunch mit. Alle konnten die Kleider und Panties der andern begutachten; man trug handgemachte Unterhosen, die wie Long Johns aussahen. Die Wäsche wurde auf dem Gras ausgebreitet und von Zeit zu Zeit wieder angefeuchtet. Manche spuckten auf die Wäsche, weil sie glaubten, sie werde dadurch seifiger. Und mit Hilfe der natürlichen Kraft der Sonne wurde die Wäsche weiss, verschwanden die letzten Flecken.
Mutters St. Lucia
Eines Nachts, als ich auf den Kleiderfetzen, die unser Bett waren, schlief, hörte ich plötzlich Stimmen nebenan – Weinen, Reden, Schreien –, und dann sah ich Tanten, Freundinnen und ältere Leute auf uns zukommen. Sie sagten: «Granma ist gestorben.» Ich weiss nicht, warum sie es gewusst hatten und wie sie hergekommen waren, ohne dass ich sie gehört hatte. Ich war wie betäubt, wusste nicht, ob ich weinen oder lachen sollte. Das einzige, was ich wahrnahm, war, dass jemand mich in den Armen wiegte.
Dass Granma tot war, schien unmöglich. Es schmerzte mich, dass ich nicht bei ihr gewesen war, um ihre letzten Worte zu hören. Man erzählte mir, sie habe meinen und Bens Namen gerufen. Ich fand es gemein, dass man uns nicht geweckt hatte.
Ein bisschen war ich auch erleichtert, dass es vorbei war, doch ich wusste, was als nächstes kommen würde: Schon begannen sich alle um Grans Wertsachen zu streiten. Sowas wie ein Testament kannte man nicht. Diese Leute, für die Gran immer ein gutes Wort gehabt hatte, kämpften um Dinge, die eigentlich uns gehörten – die Möbel meines Vaters, der goldene Ring und die Gläser, die sie kaum je benutzte, waren ihre einzigen Besitztümer, die sie für wertvoll hielt, sonst waren da nur ein paar Dollars, die sie immer in ein Tuch knüpfte.
Gran besass auch Land, aber bis heute haben Ben und ich nie Anspruch darauf erhoben; es gab zuviel Schwarze Magie, und wir wollten nicht von diesen Leuten in den Wahnsinn getrieben werden. Es waren ja auch sie, die Gran getötet haben. Man hat mir erzählt, dass Gran mit einer grünen Schlange im Magen gestorben sei. Ihr Stuhl hatte eine seltsame grünliche Farbe, und sie musste ständig auf die Toilette.
Für mich war klar, dass Mutter uns nun holen musste. Wir blieben noch einige Wochen in Grans Haus, aber in dem Haus spukte es, es war unheimlich, und während Tagen war da dieser eigenartige Geruch. Was die Leute im Dorf mit Grans Leiche gemacht haben, weiss ich nicht; uns sagten sie nur, man habe sie begraben.
Es ist Brauch in St. Lucia, das Haus einer Toten auszufegen. Als sie sich bei uns an die Arbeit machten, wusste ich, dass ich jetzt schnell überlegen musste, ich musste mich rühren, sogar die Bäume sahen aus wie tot, alles war tot, da war keine Fröhlichkeit mehr, und Granmas Stimme, die mich gerufen hatte, wenn ich mit meinen Freunden zu weit vom Haus weggegangen war, war verstummt. Der ganze Ort machte mich krank, und ich wollte für immer weit weg rennen. Jedesmal, wenn ich ein Flugzeug am Himmel sah, begann ich zu weinen. «Flugzeug, bitte, bring mir meine Mutter», bat ich. Ich fühlte mich alleine und heimatlos. Granma würde nicht wiederkommen; sie war für immer gegangen.
Ich erinnerte mich deutlich an ihre Worte: «Geh zur Familie deiner Mutter.» Ich wusste nicht, wie ich dieses Versprechen halten konnte, denn alle wollten ein Stück von uns. Grans Schwester, eine nette Tante ohne Kinder, nahm uns in Obhut, und ich wusste, dass es ihr grösster Wunsch war, uns bei sich zu haben. Aber wir gingen ihr schnell auf die Nerven; sie hatte keine Ahnung von Kindererziehung, sie konnte nicht mal meine Haare flechten und fühlte sich als Versagerin. Ben lachte sie aus. Er war zu dieser Zeit ein schwieriger Junge, wollte nicht gehorchen und stellte dauernd Unfug an.
Wir blieben nur so lange bei Grans Schwester, bis Auntie Elle, Mums Schwester, sich bereit erklärte, uns aufzunehmen. Ich war glücklich. Wenigstens würde ich dort schon etwas näher bei Mum sein.
Ich war verblüfft, dass Auntie Elle neun Kinder hatte, aber sie waren wohlhabend. Ich war erst zweimal dort gewesen, einmal, als Mums Mutter starb. Granma hatte die Familie nicht gemocht; sie waren Städter, hielten sich für etwas Besseres.
Wir wurden wie Dienstmädchen behandelt. Sie liessen uns schuften wie Esel. Nach einigen Monaten begann ich mich deprimiert zu fühlen. Ich hasste das Kochen, Putzen, Waschen und das Bügeln, was ich nie vorher gemacht hatte. Ich hatte Granma immer bitten müssen, dass ich auch waschen durfte; hier war es meine tägliche Arbeit.
Ein Mädchen, das ich hasste, war Cilla. Sie war gemein und grausam. Wenn ich tat, was sie mir befahl, durfte ich mit ihr in die Stadt gehen – nur um zuzuschauen, wie sie mit ihrem Boyfriend schmuste. Und Auntie Elle durfte ich nichts erzählen. Cilla war drei Jahre älter als ich und besser gebildet. Sie machte immer Bemerkungen über mein Aussehen, nannte mich Glühbirne, weil ich immer alles sah.
Hier konnten uns alle schlagen, es gab keine Kontrolle. Eines Tages war mein Bruder wieder mal in Form und wollte auf niemanden hören. Cillas nächstjüngere Schwester Mandy befahl ihm, den Hof zu wischen. Als er sich weigerte, warf sie ein grosses Messer, eine Machete, nach ihm. Es hätte ihn fast am Fuss getroffen. Da rastete ich aus, brüllte, bis ich keinen Ton mehr herausbrachte, und begann auf sie loszuschlagen. Ich war keine gute Kämpferin, sie gewann. Aber einige meiner Wörter trafen auch.
Obwohl Mandy zwei Jahre älter war als ich, schimpfte Auntie mit mir. Ich war das schwarze Schaf. Ich erwartete nichts anderes. Sie hatten eine grosse Plantage, die eigentlich allen Nachkommen der Grossmutter gehörte, aber ich durfte nicht mal eine Kokosnuss pflücken.
Auntie Elle war eine widerliche Person. Sie war unglaublich dick, und das einzige, wozu sie fähig war, war schlafen, essen und auf dem Balkon hocken und den Leuten zuschauen, die vorbeigingen – dies zwölf Monate im Jahr. Auntie Elle hatte nie wirklich gearbeitet. Sie verliess sich auf ihren Mann, die Kinder, die Arbeiter auf der Plantage und auf Dienstboten, wie Ben und ich es nun waren. Wenn es zwischen ihre Balkonsitzungen passte, raffte sie sich auf, um in der Stadt etwas für besondere Anlässe einzukaufen. Aber nie hat sie uns, den Kindern ihrer Schwester, etwas aus der Stadt mitgebracht.
Ihr Mann war fast nie zu Hause, er verbrachte soviel Zeit wie möglich mit jüngeren und schlankeren Frauen. Zu uns war er freundlich; er brachte uns ins Dorf, damit wir die Tanten und Schulfreunde besuchen konnten. Ich vermisste diese sehr, aber es war schwierig, sie ausserhalb der Schule zu treffen, denn sie lebten in verschiedenen Dörfern.
Ich hatte kein eigenes Bett und musste bei einem der Mädchen schlafen. So schlief ich manchmal bei Mandy, die sich nichts dabei dachte, wenn sie meine Brüste berührte und sie zu küssen versuchte. Es brachte mich ganz durcheinander und machte mich wütend, doch ich konnte mich nicht wehren. Ich lebte ja in ihrem Haus, schlief auf ihrer Matratze. Sicher, ich war auch neugierig, wollte mehr über Sex herausfinden, aber nicht auf diese Art, das war nicht richtig. Sie versuchte mich überall zu berühren, sogar an den Geschlechtsteilen. Es widerte mich an, aber insgeheim dachte ich auch, ich sei vielleicht selber schuld. Und ich dachte mit Angst an die Konsequenzen; wenn meine Mutter das erführe, würde sie mich womöglich nicht mehr holen kommen. Ich machte Mandy klar, dass sie das nicht wieder tun dürfe. Trotzdem hat sie es wieder versucht, und diesmal wehrte ich mich.
Ich hatte aber nichts dagegen, wenn Jungs mich anmachten. Ich wollte ja herausfinden, wie die Leute «es» machten, war neugierig und auch ziemlich reif für mein Alter, mit meinen Brüsten. Auch Mum begann sich damals Sorgen zu machen, wie ich erfuhr; es gab viele Mädchen, die schon mit vierzehn ein Kind hatten. Von der Freundin ihres Bruders, einer Weissen, hatte sie erfahren, dass ich schon fast eine Frau sei.
Ich betete, dass Mum uns holen lassen würde. Auf dem Weg von der Schule nach Hause ging ich stets bei der Post vorbei und fragte nach Briefen aus London. Meistens wurde ich enttäuscht. Selten mal erhielt ich einen Brief, den ich aber nicht öffnen durfte, sondern nach Hause bringen musste. Über das, was drin stand, erzählten sie uns, was sie wollten. «Alles in Ordnung», sagte Cilla. «Sie hat ein wenig Geld geschickt.» Einmal fand ich einen Brief von meiner Mutter mit einem Foto meiner jüngsten Schwester. Ich fand, sie gleiche mir, und fragte mich, ob ich sie wohl je sehen würde. Ich wusste, dass meine Mutter zum zweitenmal geheiratet hatte; er war Jamaikaner, hatte sie mit vier Kindern sitzengelassen und war nach Amerika gegangen. Und ich wusste auch, dass sie eine grössere Operation hinter sich hatte und kaum mehr einen Löffel heben konnte.
Es ging die Geschichte um, sie wolle uns zurück, weil wir nun gross genug seien, um auf die vier Kinder aufzupassen. Aber in diesem Moment konnte mich das kaum kümmern – ich wollte nur weg von diesem schrecklichen Ort.
Eines Tages kam endlich der Brief, der mein Leben änderte. Auntie rief mich zum ersten Mal seit Monaten zu sich. Wir hatten kaum Kontakt, ausser «Guten Morgen, Auntie», «Gute Nacht, Auntie», oder wenn sie etwas von uns wollte. Mit einer etwas traurigen Stimme las sie uns den Brief vor; ich fühlte mich sofort ganz englisch.
Es war mir völlig egal, was sie jetzt noch mit uns machten, solange ich nur fähig war, aufs Schiff zu gehen. Im November 1968 war es soweit. Aunties Mann brachte uns zum Hafen, sie und ihre Kinder kamen nicht mit. Alle taten so, als ginge alles ganz normal weiter. Junge, waren die kalt! Als ich dabei war, St. Lucia für immer zu verlassen, begann ich zu weinen. Ich hatte Angst. Ich wusste nicht, was mich auf der andern Seite der Welt erwartete. Ich heulte ganze Eimer voll, gab alle möglichen Geräusche von mir. Mein Bruder, der nie hatte weggehen wollen, schnauzte mich an: «Warum hältst du nicht dein grosses Maul, Paula!» Er war ein harter Junge in diesem Alter, er hasste es, mich weinen zu sehen, weil ich so schrecklich aussähe, mit verschwollenen Augen und einem Gesicht wie ein aufgequollener Pfannkuchen.
London
Mutters neue Familie
Meine neue Familie bestand aus drei Mädchen und einem Jungen. Zwei der vier, der Junge und ein Mädchen, waren taub.
Beth, die älteste, war hübsch. Sie war Mutters Augapfel, die ideale Tochter, wie sie alle gerne hätten – intelligent, offen, nüchtern. Sie war frech und mutig, gar nicht der schüchterne Typ; sie wusste schon als Kind, was sie wollte. Ich dagegen war sehr scheu, behielt meine Probleme für mich und wusste nie, was ich wollte.
Beth und ich waren uns als Kinder nie sehr nahe, wir sind es auch heute nicht, aber jetzt respektieren wir einander. Ehrlich gesagt: Ich war sehr eifersüchtig auf sie, weil sie von Mutter soviel Aufmerksamkeit bekam. Mutter zog sie ins Vertrauen, schon als sie noch ganz klein war, und machte immer Bemerkungen darüber, wie gut sie spreche, wie klug sie sei und dass sie versuchen müsse, an einem Schönheitswettbewerb teilzunehmen. Sie werde im Leben bestimmt weit kommen und Karriere machen. Von mir sprach sie nie, und wenn doch mal mein Name fiel, dann sehr negativ. Sie hielt Beth für viel klüger als mich, obwohl ich sechs Jahre älter war. Immer sprach sie von ihrer hellhäutigen Tochter. Das ist eine Krankheit vieler westindischer Eltern: Wenn du dunkelhäutig bist, bist du abgeschrieben.
Meine zweite Schwester, Trica, ist taub. Sie ist ein Schatz. Für mich ist sie innerlich und äusserlich schön. Sie hat die strahlendsten Augen, ehrlich und sanft. Man merkte nicht sofort, dass sie taub war; viele Leute begannen mit ihr zu reden, als könne sie hören. Sie liebt Mode und schnelle Autos. Sie arbeitet im Büro und hat einen wunderschönen Sohn und einen guten Mann, der nicht taub ist. Sie ist wirklich meine Freundin, lächelt immer und benutzt ihre Behinderung nie als Ausrede. Sie raucht nicht und trinkt nicht. Sie will immer alles wissen und mag es nicht, wenn sie sich von etwas ausgeschlossen fühlt – was manchmal etwas lästig ist.
Trica ruft mich von Zeit zu Zeit an, um mir Guten Tag zu sagen. Dann trifft es mich jeweils hart, dass sie taub ist, denn ich kann sie hören, aber, so sehr ich mich bemühe, sie mich nicht. Ich kann nur zu mir selber sprechen, und es bricht mir das Herz. Aber irgendwie schafft sie es mit ihrem schönen Lächeln, gegen diese harte Welt anzukämpfen.
Kenny, das dritte Kind, ist auch taub, ich kann es noch immer nicht glauben. Er ist schick und aufgeschlossen für alle Modetrends, trägt gerne teure, elegante Kleider und hätte am liebsten jeden Monat ein neues Auto. Er ist der schwierigste Junge, dem ich je begegnet bin, sehr eigensinnig und verzogen. Er hat, angetrunken, sechs Autos kaputtgefahren. Obwohl er sehr unter seiner Taubheit leidet, beklagt er sich nicht. Früher sagte er jeweils, wir seien nicht seine Familie, aber das gehört wohl zum Mannwerden. Manchmal benutzt er seine Taubheit, um sich Schwierigkeiten zu entziehen, darin ist er sehr geschickt. Trotz allem mag ich ihn; er kann ein sehr lieber Junge sein, wenn er will.
Meine jüngste Schwester ist mein Liebling. Diana ist eines der redlichsten Kids, das ich kenne, vif und tüchtig. Sie ist elf Jahre jünger, aber sie hat sich um mich gekümmert, als ich völlig fertig war. Sie hat nie an mir gezweifelt, hat fest und unbeirrt zu mir gestanden, hat mir Kraft gegeben. Es gibt keine Worte, um zu sagen, wie sehr ich sie liebe – fast alle Kleider und Schuhe, die ich habe, sind von ihr, teure Sachen, aber es reute sie nie. Dafür wollte sie, dass ich mit ihr überallhin mitging, wenn ich aus der Schweiz nach London kam, zum Beispiel mit ihr und ihren Freundinnen in die Teenie-Disco.
Ich ging aus London weg, als sie elf war, ich habe sie nicht aufwachsen sehen. Mit vierzehn hatte sie ihren ersten Teilzeitjob. Damals lud ich sie für eine Woche in die Schweiz ein. Eines Abends brachte ich sie zu Bett, spielte die grosse Schwester, wie ich es früher getan hatte. Bevor ich wegging, fragte sie: «Pau, kannst du mir etwas Geld dalassen?» Ich wollte mich nicht wie eine Mutterhenne aufführen, wie ich es manchmal tat, deshalb sagte ich nichts und gab ihr Geld. Als ich in dieser Nacht von der Arbeit nach Hause kam, war es ein ziemlicher Schock, sie gleichzeitig mit mir aus einem Taxi steigen zu sehen, in meinem besten Kleid; ich dachte ja, sie sei längst am Schnarchen. «Diana, was um Himmelswillen machst du so spät noch draussen?» Sie sagte: «Paula, ich bin erwachsen. Es ist nicht mehr wie früher.» «Aber du bist in der Schweiz!» erwiderte ich. «Ja und? Ich kann nicht verloren gehen, dafür brauchte ich ja das Geld – fürs Taxi.» Ich war erst Mitte Zwanzig, aber ich fühlte mich wie eine alte Frau. Die Zeiten hatten sich wirklich geändert.
Jetzt ist sie so alt wie ich damals. Sie ist noch selbständiger geworden. Sie weiss genau, was sie will, und wer ihr falsch kommt, wird bekämpft, bis sämtliche Knochen gebrochen sind. Sie hat ein Auto, wohnt in einem der besten Quartiere von London und hofft, bald ein eigenes Geschäft aufmachen zu können. Sie ist eine stolze Frau, die nie auf einen Mann wartet. Ja, meine kleine Schwester macht es besser als ich.
Dass ich als letztes auf Mutter zu sprechen komme, mag verwundern. Sie würde das typisch finden: «Für meine Kinder bin ich immer die letzte, die drankommt oder von etwas erfährt.»
Ich hatte so davon geträumt, bei meiner Mutter zu sein, aber dieser Traum war zum Alptraum geworden. Es war alles ganz anders, jetzt, wo wir endlich in England zusammenwaren und die Karibik weit weg. Sie war sehr impulsiv und streng. Sie musste es sein, denn sie war das Rückgrat der Familie, war Mutter und Vater in einem. Jeden Tag erinnerte sie uns daran, wie stark sie sei – «wie ein Pferd». Das schüchterte uns ein. Da war nichts Weiches, nur Härte und Brutalität, und das hat mich geprägt. Ich war die Älteste und musste stets für alle Prügel und allen Zorn herhalten. Was habe ich nicht alles versucht, um sie zufriedenzustellen. Aber nichts, was ich tat, war ihr gut genug. Ich sprach nicht so gut Englisch wie die anderen, die in England aufgewachsen waren, ich konnte kein englisches Essen kochen, wusste nicht, wie man einen Staubsauger benutzt oder wie man mit Leintüchern ein Bett macht – in der Karibik war es zu heiss für Leintücher. Mutter wollte meine Probleme nicht verstehen, vielleicht schämte sie sich auch, weil ich so verdammt naiv war.
Sie erwartete von mir, dass ich sofort mit allem zurechtkam. Wenn Verwandte oder Bekannte vorbeikamen und sich erkundigten, wie es mit mir gehe, war ihre Antwort: «Sie kann nicht kochen; das einzige, was sie kann, ist putzen.» Immer hörte ich, dass ich dieses nicht könne und jenes nicht. Immer hiess es, ich sei dumm. Mit meinem Selbstvertrauen ging es bergab. Ich begann sogar zu stottern, wegen meinem schlechten Englisch. Ich ging nicht gerne einkaufen und vermied es, mit jemandem zu sprechen, damit sie ja meinen St.-Lucia-Akzent nicht hörten, auf den ich vorher so stolz gewesen war. Und niemand war da, der mit mir Patois gesprochen hätte. Meine Mutter, vermute ich, schämte sich, Patois zu sprechen, schämte sich überhaupt, aus St. Lucia zu stammen.
In der Schule ging es auch nicht besser. Im Zeugnis stand, ich sei launisch, zu still und unkonzentriert. Ich musste die Schule in Wood Green Punkt vier verlassen und auf den Bus rennen, damit ich um halb fünf zu Hause in Tottenham war, um mich um meine kleine Schwester zu kümmern. Auf dem Tisch lag eine lange Liste, worauf stand, was ich für den Rest des Tages zu tun hatte – waschen, bügeln, kochen. Kochen musste ich immer, wenn Mutter an der Arbeit war. Und alles musste tadellos sauber sein; sie war eine reinliche Frau, und sie war noch reinlicher geworden, seit ich ihr zur Hand war.
Sie arbeitete damals Schicht, als Busschaffnerin bei den Londoner Verkehrsbetrieben, manchmal bis ein Uhr früh. Sie arbeitete hart, aber ich musste den Preis dafür bezahlen. Ich fühlte mich schuldig für alles, was in ihrem Leben falsch lief. Sie sagte immer, wenn wir nicht gewesen wären, hätte sie die interessantere, aber schlechter bezahlte Arbeit als Krankenschwester im Spital behalten können. Es schien, als müssten wir ihr dankbar dafür sein, dass sie uns geboren hatte. Ihre Freunde und Freundinnen machten ihr immer Komplimente, weil sie, allein mit sechs Kindern, nicht durchgedreht war, und wir sähen ja so gut aus. Sie wollte dann immer, dass wir das auch zu hören bekamen, und wiederholte es uns noch und noch.
Sie hatte ein Temperament, schlimmer als ein Vulkan. Daneben wurde ich scheu, still und ängstlich. Ich war nie so voller Leben wie die andern; sogar Ben hatte es besser. Ich war unglücklich, fühlte mich wie im Gefängnis. Weglaufen konnte ich nicht, dafür war es zu kalt, und wie sollte ich mich auch mit meinem Akzent ernähren. Vielleicht konnte sie einfach nicht akzeptieren, dass sie schon eine fünfzehnjährige Tochter hatte, die langsam eine Frau wurde und eigene Freunde und Boyfriends haben wollte. Sie vertrat eine strengere Moral als Granma, wohl weil sie mir altersmässig näher war und noch mithalten wollte. Nur selten durfte ich ausgehen. Über Sex konnte ich auch mit niemandem sprechen, das galt als schmutzig. Dabei wollte ich nicht wirklich mit einem Mann schlafen, ich wollte nur mehr darüber wissen. Wenn ich schon über Sex sprechen könne, sagte meine Mutter, dann sollte ich auch fähig sein, für mich selbst zu sorgen. So hat sie mich verunsichert. Vielleicht hat sie mich auf ihre eigene Art geliebt, doch ich fühlte mich nie geliebt oder gewollt.
Ich kriegte für beinahe alles Schläge. Sie schlug mit allem, was ihr in die Hände kam – mit Kochtöpfen, Besenstiel, Gürtel, Schuhen –, und sie schlug hart. Ich war ein liebes Kind, wenn ich aber genug hatte, wurde ich bockig und versuchte auf meinem Standpunkt zu beharren, selbst mit blutigen Schrammen am Arm, die ihr Gürtel hinterliess. Ich zitterte dabei, war eigentlich ein Feigling, aber manchmal musste ich mich wehren.
Einmal, an einem Samstag, ging sie zur Arbeit, und ich musste, wie üblich, das Haus mit den vier Schlafzimmern putzen, das wir von der Stadt bekommen hatten; ich musste die Wäsche von acht Personen waschen, bügeln und die Kleinen bei Laune halten. An diesem Tag kamen Freunde zu Besuch, und ich hatte die Nase voll. Ich wollte nicht mehr arbeiten, war erschöpft, wollte einfach nur mit meinen Freunden schwatzen und spielen. Ich hatte das, seit ich aus St. Lucia gekommen war, nicht mehr gemacht.
Damals steckte Beth in einer Phase, wo sie es auf Schmuck abgesehen hatte. Während ich mit meinen Freunden in der Küche sass, hatte sie oben Mutters bestes Stück – eine Halskette, für die sie lange gespart hatte – anprobiert und zerbrochen. Ich war starr vor Schreck, als sie mit den Teilen in die Küche kam, und meine Freunde machten es mir auch nicht leichter, indem sie sich ausmalten, welchen Ärger es geben würde. Ich blickte um mich: Fast nichts hatte ich erledigt. Gerade das Bügeln wäre wichtig gewesen, für die Kirche am nächsten Tag und die Schule am Montag. «Paula», sagte ich mir, «das musst du jetzt durchhalten, jetzt gibt's kein Kneifen.» Irgendwann war genug, ich war kein Sandsack, auf den man ständig losschlagen konnte. Beth hätte es besser wissen müssen, aber natürlich, sie war was Besonderes, sie war die Sahne. Mutter war blind für ihre Fehler; bezahlen musste ich.
Mum kam nach Hause, wie immer gestresst und aggressiv. Sie sah in die Gesichter ihrer Kinder und wusste, was los war. Sie verlor keine Zeit damit, sich Erklärungen anzuhören, und begann auf mich einzuschlagen. Zum ersten Mal versuchte ich mich zu verteidigen. Ich war nicht mehr bereit, wie eine Idiotin dazustehen und vor meinen Freunden beschimpft zu werden. Hatte ich denn nicht auch das Recht, etwas falsch zu machen, wie sie und alle andern! Ich war doch einfach ein Kind, dass sich aus der Abhängigkeit befreien wollte. Sie erdrückte mich, sie, eine grosse Frau, rundlich, man könnte sagen, dick, und ich dagegen klein und fein, ich konnte nicht mal jemanden kneifen. Aber an diesem Tag hatte sie mich zum Äussersten getrieben. Ich wollte zurückschlagen, ich weinte, aber nicht aus Selbstmitleid, sondern weil mir alles egal war. Jetzt konnte passieren, was wollte, auch dass ich plötzlich auf der Strasse stand und nicht wusste wohin. Sie warf meine Freunde aus dem Haus und schrie, ich solle mit Bügeln beginnen. Ich kreischte sie an, was ich noch nie gemacht hatte, und sagte, sie solle es doch selber machen. «Du nützst mich nur aus, Mum», sagte ich. «Für alles in diesem Haus muss ich den Kopf hinhalten.» Eigentlich bluffte ich ja nur, aber ich musste mir vor mir selber Respekt verschaffen.
Ich fiel die Treppe hinunter, als sie mich schlug und mich stiess. Ich verstauchte mir den Arm. Sie war völlig ausser sich, ich dachte, die bringt mich um, und das alles wegen Beth und Mums Schmuck. Sie sagte, ich solle sofort ihr Haus verlassen. Das sagte sie jeden Tag einmal, aber diesmal tönte es ernst. Und ich wollte um keinen Preis dortbleiben, wollte unbedingt weg, irgendwohin. Ich wollte noch ein paar Jahre leben.
Auf der Strasse stiess ich mit meinem «Stiefvater» zusammen, der an diesem Tag eine andere Schicht hatte als Mutter. Ich erzählte ihm, was geschehen war, und er sagte, ich solle zurück ins Haus kommen. «Mum will mich nicht», sagte ich, «vielleicht in ein paar Wochen oder Monaten, wenn sie sich beruhigt hat.» Er wusste, dass ich recht hatte. «Aber was willst du tun? Es ist ein rauhes Klima da draussen, Paula, und du bist erst fünfzehn. Es treiben sich Jäger rum.» Ich verstand nicht, was er meinte, aber er konnte auch nicht viel tun ausser versuchen, mit Mum zu sprechen. Dass das nicht viel nützen würde, wussten wir beide.
Mr. Jonny
Die kleinen Kinder nannten den «Stiefvater» Onkel, wir nannten ihn Mr. Jonny. Mit uns war er anständig, aber er hatte auch seine schlechten Seiten. Er hatte viele Frauen, und einmal hat er sich an mich herangemacht, langte mir an die Brust. Mum hätte bestimmt behauptet, ich sei schuld, ich hätte ihn verführt. Er versuchte es nie wieder, aber es erschütterte mich. Er schaute mich oft so komisch an, doch ich vertraute ihm, weil er immer grosszügig und freundlich zu mir war. Er gab mir Taschengeld, log manchmal für mich und schützte mich vor Schlägen. Er half mir auch, als ich Probleme mit den Augen hatte und in die Augenklinik musste und Mum sich weigerte, mir Geld dafür zu geben.
Mr. Jonny und Mum hatten sich in der Tottenham Garage kennengelernt. Bevor Mum dort zu arbeiten begann, hatte sie eine Zeitlang von Sozialhilfe leben müssen, weil ihr zweiter Ehemann sie ohne Geld und mit vier Kindern im Alter von zwei bis acht im Stich gelassen hatte. Sie hasste es, von Sozialhilfe abhängig zu sein. Sie hatte ihren zweiten Mann sehr geliebt, vielleicht sogar als einzigen, während sie für ihn nur eine von vielen Eroberungen gewesen war.
Mr. Jonny war sechs Jahre jünger als sie. Ihre Männer schienen immer jünger zu werden – mein Vater war ja noch zwanzig Jahre älter gewesen. Mr. Jonny rauchte Gras, und wir fanden nach und nach heraus, dass er überall Kinder hatte. Von den vielen Frauen nahm er vermutlich Geld und nützte sie aus. Er hatte keinen Respekt vor Frauen. Manchmal rief er mich, wenn er nach der Arbeit im Badezimmer mit einer kleinen Bürste seine Hände schrubbte. «Paul», sagte er, so nannte er mich, und deutete auf seine Hände. «Die werde ich heute nacht wohin legen und mich wie im Himmel fühlen.» Er liess ein dreckiges Lachen hören. «Paul, diesmal ist es ein weisser Fisch.» Ich erfuhr, dass er alle möglichen Frauen hatte, schwarze, weisse, gelbe. «Mit weissen Frauen kommt man besser klar, wenn's ums Bett geht, Paul.» «Warum, Mr. Jonny?» Er mochte es, wenn ich Interesse zeigte. «Sie wollen nur Sex. Es interessiert sie nicht, was du sonst machst, solange sie mit dir Spass haben. Und ausserdem empfinden sie anders, und ihre Haare sind lang und fein. Schwarze Frauen sind immer schwierig und gestresst.» «Aber nicht alle!» sagte ich; da ich selber langsam eine Frau wurde, musste ich uns verteidigen. «Nein, Paul, ich meine nicht alle und dass ich mit keiner von ihnen schlafen könnte. Aber sie sollten einfach lernen, Arbeit und Familie für eine Weile zu vergessen und mal loszulassen.»
Während ich ihn in dem kleinen Badezimmer stehen sah, fragte ich mich, was er wohl mit meiner Mutter machte. Ob er sie je heiraten würde, mit all den Kindern? Es schien nicht wahrscheinlich, sie hatten immer Streit, manchmal schlug er sie, und er sagte selten etwas Nettes zu ihr. Einmal nahm er uns mit zum Hide Park Corner, wo wir picknicken wollten. Mum hatte einen grossen flaumigen weissen Mantel angezogen, in dem sie aussah wie ein Bär. «May, was denkst du eigentlich, wo du hingehst», schimpfte er. «Du siehst schrecklich aus in diesem weissen Ding, zieh es aus!» «Du bist verdammt frech, Jonny», sagte sie. «Es hat mich ein Heidengeld gekostet.»
Mr. Jonny war kein grosser Mann, er hatte einen Bierbauch und einen schönen spitzen Afro, der so spitz war, dass man aufpassen musste, nicht gestochen zu werden. Sein Afro war sein ganzer Stolz, er ging an die Decke, wenn einer mit einem unförmigen Afro oder mit Löchern drin zu ihm kam. Immer hatte er irgendwelche phantastischen Autos, von denen niemand wusste, wo er sie herhatte, sie verschwanden so schnell, wie sie aufgetaucht waren.
Als Mr. Jonny Mum sitzenliess, lebte ich nicht mehr in London, und Ben war auch ausgezogen. Mum sagte, er habe alles für sich genommen, was sie zusammen erarbeitet hatten, das Haus und die Möbel. Sie war mit vier Kindern wieder mal heimatlos und konnte wieder von vorne beginnen.
Sister Mandy
Wie ich nun auf der Strasse stand, beschloss ich, zum Kloster zu gehen, zu Sister Mandy. Wir hatten sie kennengelernt, als aus unserem Haus unsere Schuluniformen und andere Sachen gestohlen worden waren. Mum nahm mit der Kirche Kontakt auf. Sie hatte keine Wahl, sie musste ihren Stolz ablegen und akzeptieren, dass sie diesmal nicht zurechtkam und nicht stark war «wie ein Pferd». Sie meldete der Schule, dass unsere Uniformen gestohlen waren und wir uns keine neuen leisten konnten. Eines Tages klingelte es an der Tür, und ein Priester brachte uns einen Sack voll Kleider. Wir akzeptierten zum ersten Mal Wohltätigkeit. Da sah ich meine Mutter zusammenbrechen. Sie schämte sich. Ihr Stolz war ihr letzter Strohhalm gewesen, und jetzt sollten ihre Kinder abgelegte Sachen tragen müssen. Vor uns war sie eine gebrochene Frau.
Ich war froh, dass ich wieder etwas anzuziehen hatte, aber es war mir, ehrlich gesagt, auch ein wenig peinlich. Nicht mal bei Grossmutter hatte ich solche Sachen tragen müssen. Aber dies war ein anderes Land, mit einem anderen Lebensstil. Beth wollte die Sachen nicht anrühren, sie waren ihr nicht gut genug. Ich musste mehr davon nehmen, weil ich, fand Mutter, ja auch arbeiten gehen könnte. Dabei war ich die ganze Zeit damit beschäftigt, für das Haus und ihre vier Kinder zu schauen! Bis heute habe ich niemandem erzählt, dass ich damals Kleider von der Wohltätigkeit annehmen musste. Was würden meine Freunde sagen! Ich würde wohl ausgelacht. Aber noch heute gebe ich all meine alten Sachen den wohltätigen Organisationen. Ich finde, es ist eine gute Art, Menschen zu helfen, und man weiss ja nie, wann man selber froh ist darum. Wie reich man auch immer ist, man kann morgen schon alles verlieren.
Sister Mandy arbeitete an meiner Schule, der St.-Thomas-Schule, wo sie für ziemlich alles verantwortlich war. Es gab zwar einen Schulleiter, aber Sister Mandy nahm ihm das meiste ab. Die Mädchen und auch die Jungs gingen mit ihren Problemen zu ihr. Sie übernahm sogar den Unterricht, wenn ein Lehrer abwesend war. Sie hatte durch die Kirche von unserer Situation erfahren, lernte unsere Familie persönlich kennen, kam von Zeit zu Zeit vorbei, um nach uns zu schauen, und half mit Geld von der Kirche aus. Sie war eine intelligente Frau, nicht aufdringlich, aber gescheit, mit einem sanften, sympathischen Lächeln. Ich erfuhr, dass wir nicht die einzigen waren, die in solchen Krisen Hilfe suchten, aber sie gab mir das Gefühl, etwas Besonderes, ein gutes Mädchen zu sein. Es bedeutete mir viel, jemanden wie sie zu kennen. Sie wurde eine richtige Mutter für mich. Ich war vorher nie einer Nonne begegnet; in der Karibik schien es nur Priester zu geben. Sie war eine Weisse, recht hübsch in ihrem langen schwarzen Kleid mit der weissen Halskrause und dem schwarzen Schleier. Ihre spitzen Schuhe hatten viele Familien gesehen. Beim Sprechen bewegte sie die Zehen auf und ab. Sie kaute ihre Nägel. Sie konnte frech sein, war nicht steif, munterte mich immer wieder mit einem Scherz auf. Sie brachte Situationen ins Lot, wo ich es nie für möglich gehalten hätte. Aber ich wäre nie auf die Idee gekommen, dass sie auch eigene Probleme haben könnte. Wie sollte eine Nonne Probleme haben!
Ich war ziemlich durcheinander, als ich an diesem Abend beim Kloster ankam. Ich wusste nicht, ob es richtig war, was ich tat, immerhin störte ich sie ja in ihrem Leben. Aber sie hatte immer gesagt: «Paula, Darling, wenn du Probleme hast, komm zu Sister!»
Das Kloster war ein grosses Gebäude, ich glaube an der St. Anns Road. Es wirkte friedlich und warm, und ich wünschte mir, ich könnte für den Rest meines Lebens dort bleiben. Zumindest hoffte ich, dass sie mich für ein paar Tage aufnehmen würde. Ich klingelte. Eine ältere Nonne öffnete. Sie war nicht sehr freundlich und kaute irgendwas; vermutlich waren sie gerade beim Essen. Sie sagte, ich solle im Wartezimmer warten. Ich fühlte mich sehr unwohl. Vielleicht war ich doch zu weit gegangen. Vielleicht hatte Sister Mandy eben doch eine Fünftagewoche und am Wochenende frei und wollte nicht belästigt werden. Ich fror, ich wartete, es schien Stunden zu dauern, bis sie kam, aber es waren nur Minuten. Ich sass da, verzweifelt, sah aus wie ein naives Ding, das nicht viel spricht und immer tut, was man ihm sagt. Ich war kaum je ungehorsam, weil ich Angst hatte, man könnte mich dann nicht mehr leiden. Ich war immer willig zu arbeiten, es war mir nie zuviel. Aber ich wollte nicht ausgenutzt werden.
Sister betrat den Raum, und schon begann ich zu weinen. Das war das Einfachste, was ich tun konnte. Meine Mutter störte das, sie fand, ich tue ja nur als ob, dabei war es meine Art, Spannungen zu lösen; ihre Art war das Dreinschlagen. Sister zog einen Stuhl heran, setzte sich vor mich hin und nahm meine Hände. Sie wartete etwas beunruhigt auf meine Geschichte. Ich spürte, sie fühlte sich hilflos und hätte am liebsten mitgeweint, wollte aber auch nicht zu sehr hineingezogen werden. Sie ermunterte mich, mich auszuweinen, und fragte, ob ich Tee wolle. Ich sagte ja, einfach um Zeit verstreichen zu lassen. Ich wollte nicht nach Hause.
Nachdem sie meine Geschichte endlich erfahren hatte, fragte sie: «Was ist mit Mutter? Würde sie mit mir reden?» «Vielleicht, Sister», sagte ich, «aber sie hat mir befohlen, das Haus zu verlassen, und sie sagte dreimal, sie hasse mich.» «Aber Paula, Liebes, Mummy war ärgerlich und hat viele Dinge gesagt, die sie nicht wirklich meinte. Das passiert uns doch allen, das weisst du, auch mir, Darling.» Sie drückte meine Hände. «Sieh, Paula, ich kann dich nicht hierbehalten, so sehr ich es auch möchte. Ich muss dich zurückbringen.» Mein Herz sank. Mutter würde ihr von der schmutzigen Wäsche erzählen und über mich herziehen, und Sister würde ihr glauben, dass ich eine Lügnerin sei. Ich konnte Sister nicht bitten, mich bei sich zu behalten, ich war nun mal nicht ihr Problem, sie konnte nicht mehr tun. Und trotzdem fühlte ich mich verraten. Wie dumm ich doch gewesen war – zu glauben, sie könne die ganze Welt bewegen. Sie war doch nicht so vollkommen, wie ich gedacht hatte; jetzt liess auch sie mich im Stich.
Sister hoffte, dass Mum auf sie hören würde. Andernfalls würde ich in ein Heim gebracht. Wir klingelten an der Tür. Ich hatte wahnsinnig Schiss. Was würde Mum vor Sister tun? Mich einfach ins Haus zerren und der armen weissen Frau die Tür vor der Nase zuschlagen? Oder uns beiden befehlen, sofort ihren Vorgarten zu verlassen? Sister tröstete mich, während ich am ganzen Körper zitterte und einer Ohnmacht nahe war. Mutter öffnete die Tür. Sie sah gar nicht so wütend aus, sogar ein bisschen erleichtert und nicht wirklich überrascht, Sister zu sehen. Insgeheim wusste sie, dass ich anders als andere Kinder mit solchen Sachen umging, irgendwie vernünftiger. Aber sie wollte mich nicht akzeptieren. So sehr ich ihr gefallen und sie zufriedenstellen wollte – sie stiess mich weg. Ich wollte nur ihre Liebe, aber ich war nicht, was sie wollte. Ich war böse, hinterlistig und «bobo», das heisst «dumm» in Patois.
Sie bat Sister Mandy herein und führte sie in die Küche, wo die Kinder vor dem Secondhand-Schwarzweiss-Fernseher sassen. Sister begann sofort Mum zu erzählen, wie leid mir alles täte, und dass ich halt in der Pubertät wäre und dass es für Teenager schwierig sei, mit ihren Eltern zurechtzukommen, weil sie fänden, die ältere Generation sei altmodisch. «Wir haben das ja auch erlebt, nicht wahr, Mrs. Hilly!» Mum gab keine Antwort. Ich stand neben Sister. «Ich akzeptiere nun mal keine Frechheiten, weder von Paula noch von einem andern Kind», sagte Mutter dann, und Sister antwortete schnell: «Ich bin sicher, Paula wird jetzt ein braves Mädchen sein. Paula, sag deiner Mummy, dass dir leid tut, was passiert ist! Geh, gib ihr einen Kuss!»
Damit war sie zu weit gegangen. Ich war wütend auf Sister, weil sie das von mir verlangte. Wie sollte ich Mutter küssen, es gab keine entsprechenden Gefühle zwischen uns. Und ich wusste nicht mal, wie man das macht, denn in unserem Haus gab es keine Küsse. Mutter hat mich niemals auf die Wange geküsst oder mich umarmt. Als Älteste schien ich das nicht zu brauchen, aber auch den Jüngeren zeigte Mum ihre Liebe nie so. Jetzt sollte ich sie also küssen, ihr Fleisch zum ersten Mal berühren! Ich fühlte mich miserabel und betrogen. Mein Stolz wurde gebrochen. Ich musste kriechen, und Mum schien es zu geniessen. Sie war ja die Stärkere, ich brauchte sie, nicht sie mich. Und nun musste ich sie bitten, mich wieder in ihrem Haus aufzunehmen. Das war nicht meine Absicht gewesen, aber Tatsache war, dass ich nirgends hin konnte und nicht wusste, wie für mich selber sorgen.
Mutter sass auf einem sehr alten Sofa. Ich beugte mich hinunter, um sie zu küssen, und versuchte, vor den andern Kindern, die Worte «Es tut mir leid» hervorzustossen. Das war der schlimmste Moment meiner Jugendzeit, ich werde ihn nie vergessen.
Mutter sprach danach kaum mit mir, wir wussten tief drinnen beide, dass es nicht gut kommen würde. Ich hatte eine richtiggehende Abneigung gegen sie. Ich machte, was man mir befahl, und versuchte, die Situation nicht zu verschlimmern. Am Montag ging ich wieder zur Schule, ich fühlte mich verändert, irgendwie erwachsener und ein wenig klüger geworden. Ich traf Sister wieder. Sie wusste, dass ich nicht mochte, was sie mich hatte tun lassen. Aber es war wohl der einzige Weg, um mir verstehen zu geben, wie hart das Leben draussen war. Es war mein drittes Jahr in London, und ich wusste nichts über dieses Land.
Sie führte mich in ein leeres Klassenzimmer. Ich schwieg. Sie fragte: «Was geht in dir vor, Paula? Komm, du kannst doch Sister erzählen.» Ich sah sie ganz ernst an und sagte: «Sister Mandy, ich möchte Nonne werden.» Mir war es wirklich ernst. «Paula», sagte sie, mit rotem Gesicht. «Du bist jung, du willst der Wirklichkeit entfliehen und meinst, als Nonne wäre alles leichter.» Sie schüttelte mitleidig den Kopf. Ich hatte gedacht, sie würde erfreut sein, aber sie sagte: «Darling, hör zu: Du musst zuerst herausfinden, wie das Leben draussen ist, erst dann kannst du entscheiden. Ich weiss, dass du viele Probleme hast und unter einem Kulturschock leidest, aber versuch die Dinge zu nehmen, wie sie sind. Geh, geniesse das Leben! Besuche mich in zehn Jahren wieder, dann kannst du mir sagen, ob du immer noch Nonne werden willst.» Als wir den Raum verliessen, hielt sie mich an den Schultern: «Mach dir keine Sorgen, Paula, es wird schon gut werden.»
Im Korridor trennten wir uns, sie ging nach rechts und ich nach links in meine Klasse.
Es gab Gerüchte, dass sie eine Affäre mit dem Schulleiter hatte. Mir gingen alle möglichen Phantasien durch den Kopf – wie wohl ihre Haare und ihr Körper aussahen, ob sie wirklich wild war unter ihrem Schleier, was sie trug unter dem schwarzen Kleid und wie sie mit dem Schulleiter Liebe machte…es war unglaublich, was mir alles durch den Kopf ging. Wenn sie das gewusst hätte! Aber das mit dem Schulleiter wollte ich nicht glauben, sie war doch eine Nonne, und als Nonne musste sie rein und ohne Fehler sein. Dabei schien es gar nicht so unwahrscheinlich: Im Kochunterricht erzählte sie uns von ihren Weekends in Schottland, wo sie jeweils tanzen gehe und zum Kilt die Haare offen trage, schön frisiert.
Sandy
Nach zwei Jahren als Junior und zwei Jahren High-School musste ich St. Thomas verlassen, ich hatte nicht viel gelernt. Ich war die Dunkle in der Klasse und die, die am schlechtesten reden konnte. Ich sprach nur wenig, hatte wegen meiner Schüchternheit viele Probleme, und die Klasse schien über mich zu lachen.
Wir waren zwei schwarze Mädchen. Die andere hiess Janet, sie war gross und dick, mit einem schrecklichen Afro und einem eigenartigen Kopf – ihre Lippen so dick wie Autoreifen. Alles war irgendwie aus der Form geraten, ihre Beine unten sehr dünn, aber von den Schenkeln an aufwärts so dick, dass sie sie kaum auseinanderhalten konnte.
Sie war in London geboren und hatte ihr ganzes Leben dort verbracht. Sie kannte sich aus und hatte keine Angst, in einer Klasse mit nur Weissen zu sein. Sie passte gut auf mich auf und machte den andern klar, dass sie mich in Ruhe lassen sollten, auch wenn sie nicht in der Nähe war. Ich mochte sie sehr, sie war meine beste Schulfreundin und wirklich lustig. Wenn ich traurig war, und das war ich meistens, hob sie ihren Rock, zeigte mir ihren fetten Arsch und brachte mich zum Lachen. Ich konnte ihr auch erzählen, was zu Hause los war, sie verstand mich.
Zum Schulabschluss gab es ein Konzert, ich sang mit meinem Bruder. Es gab noch andere Musiker und Schauspieler, aber mein Bruder war mit seinen Elvis-Songs der Star der Show; seine Stimme war genau wie die von Elvis. Er hasste meine Stimme, aber ich mochte seine. Er schämte sich oft wegen mir. Er war schneller als ich in allem, hatte sogar schon einen englischen Akzent.
Ich konnte singen, und ich liebte es. Insgeheim wollte ich ein Star werden, Erfolg haben. Ich sang mir das Herz aus dem Leib an diesem letzten Schultag. Ich trug einen billigen blauen Pullover, zu dessen Kauf Mr. Jonny etwas beigesteuert hatte, mit Blumenmuster und silbernen Tupfen. An den Ärmeln war er von einem Gummi zusammengezogen. Zusammen mit einfachen blauen Hosen, die so eng waren, dass sie mir zwischen den Beinen schmerzhaft einschnitten, war dies meine beste Ausstattung. Ich hasste sie; die andern Musiker sahen viel besser aus, aber es war gut, aus der Uniform rauszukommen – für immer. Ich fühlte mich gut, ich schwebte über dem Mond vor Freude. Bald würde ich frei sein, mein Leben verdienen und bei Mutter ausziehen.
Nun, der erste Versuch wegzukommen scheiterte kläglich. Ich wollte zu Janet ziehen, ihre Mutter war einverstanden. Ich packte heimlich meine Sachen, während meine Mutter an der Arbeit war. Aber ausgerechnet an diesem Tag kam sie früher nach Hause und sah mich mit dem Koffer. Sie schlug mich windelweich. «Wer zum Teufel denkst du eigentlich, dass du bist?» schrie sie. «Warum habe ich dich und Ben nur holen lassen! Ich hätte dich in St. Lucia verrotten lassen sollen! Den ganzen Tag renne ich im Bus rauf und runter, nur um euch allen ein besseres Leben zu bieten, und alles, was ich dafür kriege, ist deine Frechheit.» Sie zerrte mich an den Haaren, während meine Brüder und Schwestern daneben standen und kreischten. Sie wollte mich fertigmachen, warf mich auf den Boden und schrie: «Such dir sofort eine Arbeit! Du denkst wohl, es sei leicht da draussen. Du meinst, ich käme ohne dich nicht zurecht. Ich hab schon Schlimmeres erlebt als das. Ich kann für meine vier Kinder sorgen, wir schaffen es, glaub mir. Dein bisschen Hilfe hat nichts geändert. Geh und verdien dein Geld und sieh selber, wie das ist! » Als sie in die Küche ging, um zu kochen, taumelte ich in mein Zimmer. Ich heulte und tat mir sehr leid.
Mit sechzehn fand ich einen Job, nicht weit von zu Hause. Ich verdiente neun Pfund netto die Woche, das reichte damals, 1972, ziemlich weit. Ich war froh, dass ich jetzt für meinen Lebensunterhalt aufkommen konnte. Mutter musste das nicht mal fordern, ich wusste, dass ich meinen Teil bezahlen musste, wenn ich weiter unter ihrem Dach leben wollte. Aber ich fühlte mich noch immer nicht frei und verdiente nicht genug, um mir ein eigenes Zimmer zu leisten. Ich war nur ein Junior, eine kleine Bürohilfe ohne Schuldiplom, und musste all das machen, was andere nicht machen wollten, meistens Tee kochen.
Einige Monate später zog ich dann doch zu Janet. Ich hinterliess einen Zettel auf dem Kühlschrank, auf dem ich Mutter mitteilte, dass ich endgültig ausziehen würde. Meinen Geschwistern sagte ich, dass sie die Hausarbeit jetzt selber machen müssten. Ich glaube nicht, dass sie wirklich begriffen, sie waren noch sehr klein, Beth war elf und Diana fünf.
Ich blieb drei Monate bei Janet. Ihre Mutter mochte mich nicht sehr, sie fand, eine, die arbeitete, sei kein guter Umgang für ihre Tochter, die noch zur Schule ging. Sie wusste nicht, dass Janet schon mit Männern geschlafen hatte, als ich noch mit ihr in der Schule war, und dass sie mich zu überreden versucht hatte, es auch zu machen. Aber ich war immer noch Jungfrau.
Janets Mutter wollte, dass ich gehe. Was nun? Ich wusste nicht weiter. Meine Mutter liess mir durch die Geschwister ausrichten, dass sie nichts mit mir zu tun haben wolle; zurück konnte ich also nicht. Ich ging zu Sister Mandy. Ich erklärte ihr meine Situation, und ihr einziger Vorschlag war, in ein Wohnheim zu gehen. Ich muss zugeben, ich fand, das sei unter meiner Würde. Kam ihr nichts Besseres in den Sinn? Wohnheime waren meiner Meinung nach nur für schlechte Mädchen und Ausreisserinnen. Sie sagte, es sei billig und ein nettes sauberes Haus, von einer alten Dame geleitet. Ich hatte keine andere Wahl.
Es liess sich ganz gut an im Wohnheim, und ich fühlte mich frei. Aber ich hatte Angst vor den Mädchen. Es waren wohl Diebinnen unter ihnen und solche, die mit Messern umzugehen wussten. Junge, wenn meine Mutter geahnt hätte, wo ich wohnte, sie hätte wirklich nichts mehr mit mir zu tun haben wollen! Ich wusste nicht, wie mit den Mädchen sprechen, und wenn ich sie im Aufenthaltsraum sah, merkte ich, dass sie bestimmt mehr Probleme hatten als ich; aber sie sprachen kaum über ihre Vergangenheit. Ich spürte, dass sie mich nicht sehr mochten, weil die wenigen Sachen, die ich von zu Hause mitgenommen hatte, Stil hatten im Vergleich zu ihrem Zeugs. Ich war siebzehn, unschuldig, unerfahren, ziemlich hübsch und immer sauber angezogen. Meine Kleider waren modisch, ich hatte Geschmack. Für sie war ich ein Snob, man stelle sich das vor! Sie hatten nichts, keine Mutter, keinen Vater; sie waren durch viele Heime gegangen und hatten in Familien gelebt, aber niemand wollte sie.
Nach ein paar Wochen kam ein neues Mädchen, ein verrückter Kerl, immer aufgedreht und fröhlich. Sie belebte das Haus, lachte immer, war die Lauteste. Sie wurde meine Freundin. Niemand ausser mir beachtete sie. Ich vermute heute, die Mädchen wussten mehr als ich. Sie kannten diese Art Mädchen. Ich war frischgebacken und musste es auf dem harten Weg lernen; sie wollten dem Snob nicht sagen, was sie wussten. Sandy war kaum je im Heim, sie kam nur, um ihre Kleider zu wechseln und etwas zu essen, dann zog sie wieder los. Ich wollte herausfinden, was draussen war, das sie so glücklich aussehen liess, wollte an ihrem aufregenden Leben teilhaben.
Sie war sehr gut gekleidet und wusste, wie man die besten Autos stoppt. Einmal fragte sie mich, ob ich mit ihr ausgehen wolle, da sie gesehen hatte, dass ich am Wochenende nirgends hinkonnte. Ich freute mich sehr, sie war hübsch genug, um mit ihr auszugehen, und die Zeit verging schnell, ich mochte das. Ich war nicht sicher, ob ich ihr trauen konnte, aber sie verstand es, mir zu schmeicheln. Ich glaube, sie mochte mich. Wir hatten viel Spass, und das war wichtig. Noch nie war ich so happy gewesen, seit ich nach London gekommen war, ich lernte neue Orte kennen und traf interessante Leute.
Sie machte mich mit ihrer afrikanischen Familie bekannt. Das waren die ersten Afrikaner, die ich kennenlernte; ihre traditionellen Werte waren noch stärker als die meiner Mutter. Sandy war die Älteste und gab den andern kein gutes Beispiel. Ihr Vater wollte nichts mehr mit ihr zu tun haben. Er war ein gebildeter Mann ohne Arbeit, mit vier Kindern und einer Frau, die alle Drecksarbeit machte und von Sozialhilfe lebte, weil ihr Mann sich weigerte, eine Arbeit anzunehmen, die unter seiner Würde war. Er war nach London gekommen, um zu studieren, aber er fiel durch die Examen und schämte sich dann zu sehr, in sein Land zurückzukehren, wo sie ihn nicht brauchen konnten. So blieb er in London, vertat sein Leben und versuchte seinen Kindern das beizubringen, was er verpasst hatte. Ich hatte Angst vor ihm; er war untersetzt, hellhäutig, gut gebaut und sah sehr brutal aus.
Sandy lehnte alles ab, was er ihr beibrachte. Sie lebte, wie sie wollte, schlief, wo es sich ergab. In seinen Augen war das eine Schande. Aber damals kannte ich sie noch nicht gut. Ich war zwar ein Jahr älter als sie, aber zu naiv, um zu merken, was los war; sie hat sich deswegen sicher über mich lustig gemacht. Ich stellte fest, dass sie nicht arbeitete, aber immer Geld hatte; wir waren viel zusammen, doch hatte sie immer noch irgendwelche privaten Dinge zu erledigen. Sie wollte alles haben, bloss nicht dafür arbeiten.
Im Wohnheim hatten sie eines Tages genug von uns, und wir zogen in ein Einzelzimmer in einem Bed and Breakfast an der Baker Street, das ich bezahlte. Wir schliefen abwechslungsweise am Boden, wegen ihren Männern. Ich hasste sie deswegen, sie war so leichtfertig. Ich hatte meine Jungfräulichkeit noch immer nicht verloren, und es brachte ihr nicht viel, mit einem naiven Ding wie mir herumzuziehen. Aus dem Bed and Breakfast mussten wir ausziehen, als das Bett unter ihr, die kaum grösser ist als ich, und ihrem einsneunzig grossen Lover zusammengekracht war. Danach schliefen wir jede Nacht woanders, meist bei Freunden von Sandy, die ziemlich älter waren als sie. Es machte mir Mühe, wie ein Tramp jede Nacht woanders zu verbringen; ich fühlte mich verloren und einsam.
Einmal übernachteten wir bei einem alten Mann. Sandy sagte, er sei nett, er habe ihr viel geholfen. Ich glaubte ihr alles, ich weiss nicht warum. «Pau», sagte sie, «hör auf, dir Sorgen zu machen, man! Take it easy.» Er schien ihr wirklich geholfen zu haben, aber als Belohnung wollte er mit zwei Mädchen gleichzeitig schlafen. Ich hatte mich noch nie so schmutzig und schäbig und getäuscht gefühlt. Ist es wirklich das, was ich vom Leben will, fragte ich mich. Es war eine schöne Wohnung in West London, und ich hatte keine Wahl, weil ich kein Geld hatte. Ich hatte eben eine Arbeit aufgehört und die neue an der Dover Street noch nicht angefangen. Er sagte, er wolle in der Mitte schlafen, und ich sagte läppisch, er dürfe mich nicht berühren, womit er einverstanden war, damit ich mich besser fühlte. Er wollte, dass wir mit nacktem Busen schliefen. Ich wurde nervös, als er mich fragte: «Paula, hast du es noch nie gemacht?» Ich wollte nicht prüde wirken, aber ich wollte auch nicht lügen. Sex ist etwas, worüber ich nie spreche, es ist zu peinlich und zu schmutzig; nur Männer reden darüber. Ich versuchte ihm klar zu machen, dass ich es noch nie gemacht hatte und dass ich es nicht mit einem widerlichen alten Mann wie ihm tun würde – das letztere sagte ich nicht, aber so dachte ich. Er sagte, wenn ich mein Oberteil nicht ausziehe und er meine Brüste nicht berühren dürfe, müsse ich auf dem Sofa schlafen, oder er würde mich rauswerfen. Ich war völlig durcheinander. «Ich habe nicht vor, Obdachlose aufzunehmen. Sandy, was für Mädchen bringst du hierher!» sagte er ärgerlich. Ich begriff immer noch nicht, dass ich der Preis für das Bett war.
Am Morgen verlangte er, dass ich meinen BH ausziehe, was ich die ganze Nacht nicht getan hatte. Ich fragte ihn warum. Sandy sagte: «Nun komm schon, Paula, hör auf, alles zu verderben, es ist einfach. Er will nicht mit dir schlafen, er will nur deine schönen Brüste sehen, während er frühstückt.» Ich musste mich beinahe übergeben; sie, um zu beweisen, dass es keine grosse Sache sei, zog ihren BH aus. Ich wollte schon zeigen, dass ich frei war, aber nicht so, das war zu viel auf einmal. Ich wollte aufschreien und weglaufen, aber ich brauchte Sandy, und schliesslich tat ich es, um ihr zu gefallen. Ich fühlte mich wie ein Dreck, während der sehr dunkle glatzköpfige Mann hastig sein Frühstück verschlang. Eigelb rann ihm über die Lippen, und er wischte es mit seinen fettigen Händen weg. Nachher sprach ich den ganzen Tag kein Wort mit Sandy.
Im grossen und ganzen genoss ich diese Zeit aber dennoch. Ich war achtzehn, fühlte mich frei und unabhängig. Noch war es mir nicht so wichtig, als Frau akzeptiert zu werden, aber die Fische bissen an, ich hatte meine ersten Boyfriends. Nur, ehrlich gesagt, hatte ich schrecklich Angst vor dem Sex, ich fürchtete, ich könnte versagen, und es könnte schmerzhaft sein. Sandy hatte keine Zeit, mir mehr darüber zu erzählen, sie fand, ich solle es einfach mal machen, die Chancen wahrnehmen und aufhören, eine Schwanzneckerin zu sein.
Schliesslich war ich bereit, es zu versuchen. Aber weder dem ersten noch dem zweiten meiner Boyfriends gelang es, meine Nabelschnur zu durchtrennen – so nannte ich die Entjungferung. Ich war verkrampft und zu eng, es tat schrecklich weh. Und eigentlich wollte ich mich verlieben wie im Film, Streicheln, Küssen, Händchenhalten und den Sonnenuntergang betrachten, aber das war nicht ihre Art. Nach diesen gescheiterten Versuchen hatte ich keine Eile, es wieder zu probieren.
Damals begann meine Arbeit unter den vielen langen Nächten zu leiden. Ich kam immer halb im Schlaf zur Arbeit und schlief am Schreibtisch weiter. Ich war jeweils so müde, dass ich kaum das Papier sah.
Durch Sandy lernte ich viele Afrikaner kennen, vor allem Studenten. Einige waren nett, andere nicht. Ehrlich gesagt: Damals mochten wir Westindians die Afrikaner nicht, wir fanden, sie hätten keine Manieren und seien keine angenehme Gesellschaft. Die Afrikaner ihrerseits fanden, wir seien nicht besonders intelligent. Wir gingen oft an afrikanische Parties, ich mochte ihre Musik und Kultur, sie hatte mehr Roots. Die Frauen akzeptierten mich nicht richtig, ich hatte keinen dicken Arsch wie sie, und meine Haare waren feiner, ihre stachlig. Auch Sandy hatte einen grossen Hintern. Sie sagte mir einmal, es sei nigerianische Tradition, dass Kinder Pferde reiten, um einen solchen Hintern zu kriegen. Ich war nicht sicher, ob sie mich auf den Arm nahm. Der Hintern ist ihre Schönheit, den Männern gefällt es, ins Fleisch zu greifen und ihn auf und ab gehen zu sehen. Für sie war ich nicht gut geformt, zu flach.
Ich fühlte mich ein wenig anders, all diese Mädchen studierten, ich arbeitete. Sie gingen in Schulen wie Eton und Oxford und lebten in den besten Quartieren von London. Ich war aber stolz, unter solchen Leuten zu sein, ich lernte von ihnen, was ich in der Schule verpasst hatte. Sandy war auch eine Aussenseiterin unter diesen Leuten. Sie hatte grossen Respekt vor ihnen und verhielt sich anders als sonst.
Ich verliebte mich in einen Mischling, halb nigerianisch, halb weiss. Das war, als ich arbeitslos war; man hatte mich bei einem angenehmen Job rausgeworfen, weil sie genug hatten von meinen Entschuldigungen und meinem Krankfeiern. Nun, es machte mir nichts aus, hatte ich doch so mehr Zeit fürs Vergnügen. Das Nachtleben nahm mich in Beschlag.
Ich hatte Al durch Sandy kennengelernt. Er war sehr schön, ein ruhiger Typ, und es machte den Anschein, als könne ihn keine Frau von seinen Studien ablenken. Er ging fast nie aus, studierte fürs Handelsdiplom. Ich versuchte nicht zu zeigen, dass ich ihn mochte. Dieses Mal wollte ich begehrt werden, und er liess sich Zeit. Aber ich hatte Vertrauen zu ihm, wollte ihm nur nahe sein.
Ich besuchte ihn oft, aber er nahm mich nicht recht zur Kenntnis. Ich konnte ihn einfach nicht festhalten, ich hatte nur meine Gedanken an ihn, meine Tagträume. Er tat kaum etwas anderes, als in seine Bücher zu starren, bis ich ihm eines Abends sagen musste, dass ich ihn wollte. Es brauchte viel Überreden, um ihn ins Bett zu kriegen. Es wurde ein Desaster. Irgendwie ging es nicht, er dachte an seine Studien, und ich dachte daran, wie ich so etwas nur hatte tun können, und ob er mich noch respektieren würde. Ich dachte, etwas müsse falsch sein mit mir. Ich wollte jetzt einen Mann, um mit ihm zu leben; ich war erst achtzehn und fühlte mich alt.
Mum hatte ich einige Monate nicht gesehen. Ich wünschte mir aber noch immer, wir könnten Freundinnen sein. Einmal besuchte ich sie mit Sandy. Sie liess sich auch durch Sandys Vermittlungsversuche nicht leicht erweichen, erlaubte mir aber immerhin, meine Geschwister zu besuchen, wann immer ich wollte. Sie sagte, sie sei immer noch verletzt. Sie habe mir zwar vergeben, aber sie könne nicht vergessen. Was zum Teufel will diese Frau von mir, dachte ich. Sicher, ich hatte meine Fehler, aber westindische Eltern wollen nie zugeben, dass sie auch Fehler machen.
Als wir weggingen, wurde die stets fröhliche, übermütige Sandy auf einmal ganz ernst. Sie sagte, ich müsse die Initiative ergreifen; es sei wichtig, mit der Mutter auszukommen. «Eines Tages wirst du deiner Mutter dankbar sein. Glaub mir, Paula, sie tat ihr Bestes für dich, sie gab dir Werte mit. Schau dich an, man, du siehst aus wie ein Snob», witzelte sie. «Aber im Ernst, Pau, du bist gut erzogen worden. Sehe ich etwa so aus, wo ich doch sogar einen Vater habe. Die Antwort ist einfach: Nein! Ich sage dir, ich kann die Unterschiede sehen.» Dass Sandy so sprach, überraschte mich, aber ihre Worte liessen mich kalt. Sie sagte: «Vielleicht suchst du die unmögliche Liebe, vielleicht bist du darum zu den Typen so kühl und gibst ihnen und dir keine Chance. Sowas wie perfekte Liebe gibt es nicht, deine Mutter konnte sie nicht geben, und niemand sonst kann es. Du musst durch all die Schmerzen, die Liebe mit sich bringt, hindurch und lernen, dass das, was du willst, nicht immer das ist, was du bekommen kannst.» Sie trat ihre Zigarette aus und sagte: «Wir müssen den Zug noch erreichen.»
Ich fand einen neuen Job als Telefonistin, aber ich hatte nicht genug Geld für ein Zimmer. Sandy schlug vor, dass wir wieder zu einem ihrer Männer ziehen könnten, der viel älter war als wir. Die beiden sprachen Yoruba miteinander, eine der vielen Sprachen ihres Landes, und ich verstand kein Wort. Wir zogen ein, doch ich wusste, dass es so nicht weitergehen konnte. Sandy und ich wollten einfach nicht das Gleiche, ich hatte genug von ihrem Stehlen, und es gehörte sich nicht, dass zwei Mädchen mit einem Mann lebten, ich wollte da raus. Ich fühlte mich wie eine Nutte. Kein Mann würde mich nach all dem noch wollen, dachte ich. Wie konnte ich jemand Anständigen finden, wenn alle wussten, dass ich mit einem Mädchen wie Sandy herumzog.
Tony
Tony mochte ich zu Beginn nicht sehr, er war unverschämt und schien ziemlich verdorben. Das erste Mal, als ich ihn traf, sprach er nur von Bananen – ist ja klar, was er meinte. Ich mochte seinen Freund Bote besser, aber da ich Tony zuerst kennengelernt hatte, fand ich, ich müsse bei ihm bleiben, sonst würden alle denken, ich sei ein Flittchen. Tony war eigentlich ein sehr weicher und sanfter Typ, er war der erste Mann, der meinetwegen Tränen vergoss. Ich glaube, er liebte mich sehr, aber ich konnte damit nichts anfangen. Ich mag grosse Männer, er war der kleinste, mit dem ich je gegangen bin, eins achtzig. Ich mag sie stark, will sie aber auch um den Finger wickeln können; doch zu lieb sollten sie auch nicht sein. Es gab nichts, was er nicht für mich getan hätte. Seine Freunde sagten: «Wenn du mit seiner Sucht nach Harold-Robbins-Büchern und seiner Liebe für Clint-Eastwood-Filme umgehen kannst, bist du akzeptiert.» Er war Vollzeitstudent, studierte Bankwesen und Computer, sein Vater bezahlte. Doch er ging kaum ins College. Er war drei Jahre älter als ich und nicht modisch, hatte aber einen schönen schlanken Körper. Tony hasste Sandy, und es gefiel ihm nicht, wie ich mit ihr lebte. Er sagte, wenn ich ein wenig Stolz hätte, würde ich da raus. Er wollte, dass ich zwischen ihr und ihm wähle.
Ich wählte ihn und zog mit ihm in ein Haus, das seinen Eltern gehörte, die in Nigeria lebten. Ich war bereit, mit ihm mein Leben zu verbringen, obwohl ich ihn nicht so sehr liebte wie er mich, aber ich fand, ich könne nicht von ihm weg. Er hatte mich in seinen Fängen.
Seine Freunde machten sich immer lustig über ihn, dass er von einer so winzigen Frau verführt worden sei. Er wollte nirgendwohin ohne mich. Er war es, der zu guter Letzt meine Nabelschnur durchtrennte, wie ein sanfter Riese. Er nahm mich, und ich wollte mehr und mehr. Aber er glaubte nie, dass er der erste gewesen war. Er sprach zärtlich in mein Ohr, sagte, ich solle ihn anschauen und alles andere vergessen; es war etwas unbequem, aber nicht unerträglich. Ich war froh, als es vorüber war. In dieser ersten Nacht wurde ich schwanger. Jetzt sass ich mit Tony fest, und er machte es mir schwer, mit ihm zu leben. Entweder würde er mich töten oder sich selber etwas antun, drohte er.
Es war ein Schock zu merken, dass ich schwanger war. Er fand, sein Leben sei zerstört. Er sagte, ich müsse entscheiden, aber er möchte lieber, dass ich es loswerde. Er wisse nicht, wie er das seinem Vater beibringen solle, er müsse studieren, und wir seien viel zu jung. Ich arbeitete weiter als Telefonistin an der Tottenham Court Road und hoffte, es sei falscher Alarm gewesen. Ich wollte nicht sein Leben verderben und war auch nicht sicher, ob es eine gute Idee war, zusammenzuleben, wo ich doch erst achtzehn war.
«Tony», sagte ich einmal im grossen halbdunklen Doppelzimmer zu ihm, «du musst nicht mit mir zusammenbleiben, wenn du nicht willst.» «Du denkst, das sei einfach», sagte er. Er lag auf dem Bett und qualmte drauflos. «Denkst du, es sei einfach für mich, das zu sagen, Tony? Ich habe mir nur überlegt, wie du am besten wegkannst. Lass mich alleine, Tony.» Tony lag immer nur im Bett und las und träumte, er öffnete kaum die Vorhänge, war verschlossen und empfindlich, du konntest kaum an ihn rankommen. Er war mit sich selbst weit weg.
Am Morgen war mir übel. Wir mussten ausziehen, weil das Haus verkauft wurde. Er entschied, wir sollten zu seiner Cousine gehen, die auf der andern Seite von London lebte. Sie war Studentin und die Familiensprecherin. Sie und ich mochten einander nicht, aber sie musste uns aufnehmen, bis wir etwas fanden. Sie machte ihm jeden Tag Vorwürfe, vermutlich wegen seinem Studium. Dann raffte ich mich auf, machte einen Test und brachte ihn zum Apotheker. Ich fühlte mich miserabel, dennoch ging ich zur Arbeit. Dort rief mich meine Mutter an, die ich lange nicht gesehen hatte und auch nicht sehen wollte. Ich war geschockt, dass sie herausgefunden hatte, wo ich arbeitete. Ich zitterte und schwitzte – diesmal würde sie ihre Hände wirklich waschen, dachte ich, und irgendwie war es mir scheissegal.
Sie fragte, wie es mir ginge. Obwohl ich mich jetzt mehr unter Kontrolle hatte, platzte ich gleich heraus damit, dass meine Brüste schmerzten und mir am Morgen schlecht sei. Ich erwartete, dass sie den Hörer aufhängen würde, wartete geduldig auf das Geschrei in der Leitung. Es war eine Weile still, dann sagte sie trocken: «Nun, Paula, du musst wissen, dass du schwanger bist, und wie auch immer, du bist achtzehn, du bist nicht minderjährig.» Später ist mir klar geworden, dass sie sich freute; nun musste ich herausfinden, wie hart es ist, Kinder zu haben. «Da ist nichts dran, weswegen man sich schämen muss.» Sie fragte, von wem, und ich erwartete wieder, dass sie losschreien würde, denn sie mochte die Afrikaner nicht. Ich sagte: «Von einem Nigerianer.» Es gefiel ihr nicht, aber sie sagte, es sei meine Sache, was ich mit dem Baby machen wolle. Es schien das erste Mal, dass wir verständig miteinander reden konnten. Sie sagte, sie sei in ein viel kleineres Haus umgezogen, aber hübsch und ruhig. «Es hat nicht viele Schwarze dort», sagte sie. Sie klang nicht sehr glücklich.
Als ich nach Hause kam, sagte mir Tony traurig, der Test sei positiv. Ich begann zu heulen, ich hasste ihn für das, was passiert war. «Ich bin die mit dem grossen Bauch», schrie ich. Mein ganzer Körper würde ruiniert sein, und er wäre fein raus. Es schien klar, dass ich das Baby behalten musste, weil wir kein Geld für eine Abtreibung hatten. Auch hatte ich Angst davor und wusste, dass es gegen die Religion war. Ich war in der achten Woche, da war es für mich schon geformt. Wir überlegten, es auf Hinterzimmerart zu machen, wie viele Nigerianerinnen; für die war das wie Teetrinken. Meine Brüste wurden riesig und schmerzten, ich war in Tränen über diese riesigen Melonen, ich mochte den Geruch von Essen nicht, alles ging mir auf die Nerven. Ich ging nicht zur Arbeit und erzählte denen gar, dass ich schwanger war und bei dieser Hitze nicht kommen mochte. Ich beschloss, die Arbeit aufzugeben. Da ich noch nicht lange dort war, konnte ich keine Mutterschaftsbeihilfe erwarten.
Ich raffte mich auf und ging ins Krankenhaus, um herauszufinden, ob sie das Baby wegmachen würden. Es gab eine lange Warteliste, und meistens versuchen sie, dich zu überzeugen, es zu behalten. Sie stellten mir viele Fragen und sahen keinen Grund, weshalb ich das Kind nicht behalten konnte. Sie sagten, ich könne Zeit gewinnen, wenn ich es privat machen lassen würde, ich sagte, das sei hoffnungslos, weil ich kein Geld hätte. Die Frau zuckte die Achseln und rief nach der nächsten. Ich ging weinend weg mit dem Gefühl, dass mein Leben zu Ende sei.
Nun sass ich also mit einem Mann fest, in den ich nicht verliebt und der zu schwach war, wo ich mir doch so sehr einen starken Mann wünschte. Der Druck wurde zu gross; kein Geld, die Religion, die mein Verhalten verurteilte, und meine Mutter, die nun triumphieren konnte – sie hatte ja schon immer gesagt, dass ich als Nichts enden würde.
Eines Tages entschied ich, Schluss zu machen. Ich schluckte eine Menge Kopfwehtabletten und versuchte mich in der kleinen Küche zu vergasen, wollte nicht nur mich zerstören, sondern auch mein Kind. Niemand war zu Hause, ich dachte lange über mein Leben nach und fand, es habe keinen Sinn mehr. Ich hatte meine Zukunft zerstört, hatte keinen Beruf, hatte nichts gelernt, war nichts – ja, meine Mutter hatte recht. Warum hatte ich nicht verhütet! «Jetzt ist es zu spät, Paula», sagte ich mir, «du hast den Schaden angerichtet, bist wie alle andern schwarzen Mädchen, die mit vielen Babys in einer Sozialwohnung enden! – Nein!» Ich schrie, schlug meinen Kopf an die Wand im Wohnzimmer und heulte. Ich fand die Tabletten schnell, schluckte sie mit Wasser, kniete mich vor den Herd, legte den Kopf hinein und wartete auf den Tod.
Tony und seine dicke Cousine fanden mich auf dem Boden. Ich weiss nicht, was geschah. Ich erwachte im Spital wieder, wo mir der Magen mit einem langen Schlauch ausgepumpt wurde. Ich verbrachte eine Woche dort, weil sie herausfinden mussten, ob das Baby in Ordnung war. Tony war wütend auf mich, weil ich so verrückt tat und ihn beschämt hatte. Er spürte, dass er auch schuld war. Später dachte ich, dass ich nicht wirklich hatte sterben wollen; ich hatte nur um Hilfe geschrien.
Kurz danach besuchte ich Mutter und brachte Tony mit. Die Kinder waren recht angetan von ihm. Mutter begann sogleich über alte Zeiten zu reden, worauf ich nicht gefasst war. Ich schäumte innerlich vor Wut, sagte aber nichts. Obwohl sich Mutter nichts anmerken liess, wusste ich, dass sie ihn nicht mochte, er war kein Westindischer. Wir gingen spät abends weg, zu einer Party. Ich hatte Mutter gesagt, dass ich das Baby wohl behalten würde.
Am nächsten Tag nahmen wir den Zug nach Bristol, um Tonys Bruder zu besuchen, der Arzt war. Wir wollten ihn fragen, ob er das Kind wegmachen könnte. Er hatte drei wunderschöne Kinder mit seiner hellhäutigen jamaikanischen Frau, und da kamen wir also, um ihn zu bitten, unser Baby zu töten. Er konnte es nicht glauben. Wir sagten: «Okay, wenn du es nicht tun willst, brauchen wir Geld und eine Wohnung.» Er war bereit, dem Vater zu schreiben, ihm unsere Situation zu erklären und um Geld zu bitten. Er sorgte sich nicht wirklich um Tony, sondern um mich. Tony mochte seinen Vater nicht, und sein Bruder sagte: «Tony, unser Vater wird das nicht leichtnehmen, sei auf das Schlimmste gefasst.» Die beiden hatten nicht dieselbe Mutter. Tony wusste, dass seine Mutter das akzeptieren würde, sie war die vierte Frau des Vaters, und sie lebten in Nigeria alle zusammen in separaten Häusern auf einem Gehöft.
Es war Tonys Mutter, die den Brief öffnete, und sie sagte, sie wolle Vater noch nichts davon erzählen. Sie schrieb, dass sie mir keine Vorwürfe mache und ich das Baby behalten solle. Sie schrieb mir wie eine Mutter, obwohl wir uns nie treffen sollten. Tony sandte ihr Fotos, weil sie es wünschte, und sie mochte, was sie sah, und sagte mir, ich solle mir keine Sorgen machen. Sie sandte uns durch Freunde, die nach London kamen, sogar gebratenes Fleisch. Ich glaube, ich mochte sie auch.
Michelle, meine Tochter
Wir fanden eine hübsche Wohnung mit einem Schlaf- und einem Wohnzimmer. Sie war sehr teuer, hundert Pfund im Monat. Wir hatten nicht viel Geld, aber mit etwas Unterstützung von seiner Familie und mit meinem Sozialhilfegeld kamen wir zurecht. Er fand dann eine Arbeit in einer Computerfirma, was ihm sehr half.
In dem Haus, das einem Juden gehörte, wohnte auch Lain, eine Frau aus Barbados in einer winzigen Wohnung. Sie war neun Jahre älter als ich und wie eine grosse Schwester. Sie hatte einen Sohn in Barbados und ein dreieinhalbjähriges Mädchen. Sie brachte mir Stricken bei, lehrte mich einige ihrer Gerichte kochen. Damals wohnten noch zwei Freunde bei uns, was ziemlich lästig war, weil ich immer ihren Dreck wegräumen musste.
Eines Nachts hatte ich Schmerzen, und es kam Blut. Tony rief Lain herbei, die Krankenschwester gewesen war. Sie hiess uns die Ambulanz rufen, da ich Probleme bekommen könnte. Ich ging, ohne etwas mitzunehmen; so früh hatte ich das Baby nicht erwartet.
Tony kam nicht mit, er sagte, er habe Angst. «Vielen Dank», sagte ich, «soviel machst du dir also aus mir!» und dachte: Junge, du wirst mich verlieren. Die Schmerzen waren schlimm, als wir im Krankenhaus ankamen, ich glaubte zu sterben. Ich hatte Glück, dass ich ein Bett bekam, denn die Ärzte und Schwestern waren im Streik. Eine junge Schwester kümmerte sich um mich und lenkte mich mit Reden ab, eine andere gab mir eine Spritze, damit das Fruchtwasser abging. Sie erklärten mir all das, was ich in der Mütterberatung hätte lernen sollen. Die ganze Nacht hatte ich Wehen. Am Morgen kam Tony, weil er dachte, das Baby sei schon da, ging aber bald wieder, um in Bristol Geld abzuholen, das für uns angekommen war. Die Wehen dauerten lange, und sie brauchten die Zange. Ich erwachte dann von einem dünnen Schrei, der mich störte. Ich hatte ein Babygirl.
Kurz darauf kam Mum. Sie sagte, sie hätte ein eigenartiges Gefühl gehabt und dann von Tony erfahren, dass ich hier war. Ich hatte nicht gewollt, dass Mutter Bescheid wusste. Sie nahm das neugeborene Baby in ihre grossen Hände. Sie sagte, sie habe allerlei bestellt, vom Flaschenwärmer bis zum Kinderbettchen. Ich sagte, wir brauchten nichts, und wir würden ein gebrauchtes Bettchen kaufen. Da wurde sie unter ihrer dunklen Haut ganz rot. «Hör, Paula, kein Kind von meinem Blut wird im Bettchen einer andern Person schlafen, nie, solange ich lebe!» Ich sagte nichts und liess ihr ihren Willen, aber ich mochte die Idee nicht. Ich fiel zurück in den schlimmsten Schlaf, den ich je gehabt habe. Manche Leute sagen, der Schlaf nach der Geburt sei der schönste Schlaf; für mich war er ein Horror.
Der Wunsch von Tonys Mutter war also wahr geworden: Sie hatte vier Söhne, aber keine Tochter. Ich hatte nie ein Mädchen gewollt, ich schaute es mir nicht mal richtig an, es interessierte mich nicht. Das Baby schrie, aber ich nahm es nicht auf. Die Schwester kam, nahm sie und sagte: «Komm zu Mummy.» Ich bekam Hühnerhaut – wie konnte sie es wagen, sowas zu sagen. «Miss Charles, Sie müssen das Baby stillen.» Ich sagte, ich würde ihr lieber die Flasche geben, ich fühle mich wie eine Kuh. Sie sagte: «Miss Charles, wissen Sie, wie viele Mütter froh wären, sie hätten soviel Milch wie Sie. Machen Sie schon, Liebes, Sie schaffen das schon, seien Sie nicht so schüchtern.» Ich war ausser mir vor Scham. Ich hasste die verdammte Sache so sehr und beschwerte mich jedes Mal, wenn ich es tun musste. Die Schwester passte auf, dass ich keine Fütterung ausliess.
Ich vermute, ich hatte Angst vor dem Baby. Als es einen Tag alt war, sah es schon aus wie eine Woche alt, mit strahlenden Augen. Es schien zu wissen, wer ich war, liess nie die Augen von mir. Ich erschrak und legte es schnell zurück in sein Bettchen.
Ihr Vater kam mit seinen Freunden zu Besuch, ein breites Lächeln im Gesicht. Alle schienen stolz zu sein, lachten und hatten ihre Freude an dem Baby. Sie waren wie kleine Jungs, reichten es herum. Auch am ersten Tag, als ich mit dem Baby zu Hause war, stritten sich die Jungs darum, wer es baden und füttern dürfe, sie hatten ein Spielzeug. Mutter sandte uns alles, was wir brauchten, ich musste fast nichts kaufen.
Ich gewöhnte mich nur langsam an das Weinen in der Nacht. Alles machte mich ziemlich fertig, ich wurde depressiv. Auch Tony fühlte sich genervt, weil er in seinem Alter schon durch ein Baby angebunden war. Er war zweiundzwanzig, ich neunzehn. Er fühlte sich nicht mehr so frei wie seine Freunde, fühlte sich alt und fand, enge Jeans seien nichts mehr für ihn. Wir kamen immer weniger zurecht. Fast immer war er weg, und wenn er da war, stritten wir. Ich liess mich auf die Warteliste für Sozialwohnungen setzen, denn unsere Wohnung wurde zu teuer. Wir waren mit der Miete im Rückstand und mussten schnell ausziehen.
Das Sozialamt fand für mich ein Bed and Breakfast, aber um Tony kümmerten sie sich nicht. Das brach mir das Herz, und ich nahm ihn mit in mein Zimmer. Er ging arbeiten, während ich mit Michelle zu Hause blieb. Es war deprimierend. Ich fühlte mich niedergeschlagen und liess es an Tony aus, wenn er nach Hause kam. Monatelang assen wir nicht richtig, und das Baby litt. Zu dieser Zeit begann ich an Al zu denken, aber ich sagte nichts, denn Tony war extrem eifersüchtig. Er hatte mich oft eingeschlossen; ich wollte nicht, dass das wieder passierte.
Das Baby ging mir auf die Nerven, und ich fand, Tony sei ein unbrauchbarer Mann. Alles musste ich selber machen. Ich beschloss meinen Stolz wegzustecken und Mutter zu fragen, ob ich bei ihr bleiben könne, bis ich die städtische Wohnung bekäme. Sie hatte nichts dagegen und war sehr erfreut, dass ich Tony loswerden wollte. Ich hatte schon einige Male versucht, Tony zu verlassen, aber ich fand, ich müsse ihm noch eine Chance geben. Meine Familie machte das Ganze noch schwieriger, weil sie ihn nicht mochte. Ich war hin und her gerissen.
Eines Tages kam Tony von der Arbeit nach Hause und sah mich meine Taschen packen. Ich sagte ihm, dass ich ihn verlasse. Es brach mir das Herz zu sehen, was ich ihm antat. Er sagte: «Geh, ich weiss, dass du sie mir vorziehst.» Er wollte, dass wir zusammenblieben, sagte, er hätte Pläne für unsere Zukunft, und jetzt das. Er war verletzt, kämpfte mit den Tränen. Ich nahm meine Tochter, zwei schwere Koffer und ihren Buggy. Ich wusste nicht, wie ich nach Hause kommen sollte, ich hatte nicht genug Geld für den Bus. Es war warm in dieser Nacht, und mein Baby, das jetzt sechzehn Monate alt war, hatte Hunger. Ich war müde und verzweifelt, sass auf den zwei Koffern, meine Tochter auf den Knien, an der Bushaltestelle, die ich lange gesucht hatte. Da hielt eine behinderte Autofahrerin neben mir und fragte, wohin ich wolle. «Nordlondon», sagte ich und begann zu weinen. Sie sagte, sie würde mich auf halbem Weg absetzen, und ich bedankte mich. Den Rest der Reise legte ich mit dem Bus zurück.
Ich traf Tony weiterhin, wegen Michelle. Es war schmerzlich für mich, ihn zu sehen. Er tat mir leid, weil ich wusste, wie sehr er mich liebte, aber ich war zu hilflos. Er folgte mir jeden Tag nach der Arbeit und wollte mit mir reden. Einmal klingelte er an der Tür und sagte meiner Mutter, er habe das Recht, seine Tochter zu sehen. Es war nicht mein Haus, also musste ich zusehen, wie Mutter und er um das Baby kämpften, bis auf die Strasse hinaus. Er ging weg. Ich wusste, dass Mutter nicht um das Baby gekämpft hatte, sondern um mich; sie wollte nicht, dass ich mit Tony zusammen war.
Al besuchte mich einmal abends nach der Arbeit. Ich war aufgeregt und wegen Michelle etwas verlegen. Er sah gut aus, und ich fragte mich, was zum Teufel mich denn dazu gebracht hatte, diesen Typ zu verlassen. Er schaffte es spielend, so zu tun, als ob nichts passiert sei. Er hatte Freude an Michelle, und ich küsste ihn auf die Lippen. Mutter hatte etwas zu essen vorbereitet. Sie mochte ihn, sie fand, er sei sehr schön. Wir assen zusammen mit Michelle, die ihre Hände in seinen Teller streckte, eine Handvoll Kohl packte und auf den Boden schmiss. Al sprach nicht viel, wir gaben einander Küsschen, und er sagte, er wolle in Kontakt bleiben.
Ich zog in eine Sozialwohnung mit zwei Zimmern in Camberwell Green. Ich hatte keine Möbel. Die Sozialhilfe gab mir etwas Geld; es reichte für ein Secondhand-Bett und gebrauchte Stühle. Mutter gab mir eine Uhr und ein Stück Teppich, das gerade die Mitte des Wohnzimmers deckte. Ich nähte Vorhänge. Ich kaufte einen Kochherd auf Kredit und mietete, sobald ich eine Arbeit hatte, einen Fernseher.
Sandy hatte mich einmal besucht, um das Baby zu sehen. Irgendwie mochte ich sie nicht mehr; ich wollte sie aus den Augen haben. Durch sie hatte Tony herausgefunden, wo ich wohnte. Er kam vorbei und verlangte die paar Pfund, die ich hatte. Ich war dumm genug, sie ihm zu geben. Er hatte kaum je etwas für Michelle gekauft, und ich nahm ihm das übel.
Ich schrieb seiner Mutter nach Nigeria und fragte sie, ob sie Michelle zu sich nehmen könnte. Sie schrieb, sie würde es gerne tun. Ich versuchte so sehr, Michelle zu behalten, aber arbeitslos sein und von Sozialhilfe leben zehrte an den Kräften. Mehr als zwei Monate war ich arbeitslos und sah mich meine Tochter schlagen und hasste mich dafür. Zwanzig war ich jetzt und gebunden. Ich musste meinen Stolz wegstecken und nahm meinen ersten Zimmermädchen-Job an, in einem piekfeinen Hotel, wo regelmässig Tennisspieler abstiegen; da verdiente ich etwa achtundzwanzig Pfund die Woche, nur wenig mehr als die Sozialhilfe, aber ich fühlte mich besser. Meine Tochter kam in die Kinderkrippe, die im Haus gegenüber war.
Ich begann jeden Penny für die Reise meiner Tochter zu sparen. Ich wusste nicht wirklich, was ich machte, ich wusste nur, dass ich nicht so, wie ich wollte, für meine Tochter sorgen konnte. Und ihr Vater provozierte mich, weil er immer noch in mich verliebt war.
Einmal kam er, als gerade Al zu Besuch war. Er sagte, er hole seine Messer und Gabeln, da sah er den Männermantel in der Garderobe. Er schrie: «Wem gehört dieser Mantel?» Ich sagte: «Al ist hier.» Tony hatte von ihm gehört, ihn aber nie getroffen. Er packte mich am Hals, drückte zu und sagte: «Du dreckiger Bastard!» Er wusste, wie sehr ich dieses Wort hasste. Er liess mich los und ging in mein Schlafzimmer, suchte Spuren. Ich ging ihm nach und forderte ihn auf, das Zimmer zu verlassen. Er stiess mich aufs Bett, versuchte mich zu würgen. Ich konnte mich losreissen, er verletzte mich, mit Tränen in den Augen, indem er sagte: «Du billige Hure, du Dirne, du dreckiger Bastard.» Ich versuchte nicht zu weinen, als seine Fingernägel sich in meine Haut gruben. Al rief nach mir und fragte, ob ich okay sei. Da warf mich Tony auf den rosa Nylonüberwurf, sagte nochmal «Bastard», ging durchs Wohnzimmer, wo er Michelle Adieu sagte, und schlug die Türe zu.
Ich erzählte Al, was passiert war. Er fragte, warum ich ihn denn nicht gerufen habe. «Ich weiss, wie Tony ist, ich wollte keinen Streit zwischen euch.» Al fragte: «Ist er eifersüchtig auf mich?» Ich sagte, er sei auf alle in meiner Nähe eifersüchtig. Ich setzte mich auf Als Knie, versuchte ihn daran zu hindern weiterzureden und küsste ihn. Ich wusste, dass er ein klein wenig eifersüchtig wurde. Wir küssten und küssten. Ich wollte Al, und Al wollte mich. Ich legte das Baby schlafen, und wir gingen ins Bett und machten zum ersten Mal richtig leidenschaftlich Liebe, es war toll.
Ich wollte nicht, dass Al wieder ginge, aber ich wusste, dass er nicht über Nacht bleiben würde. Er musste seine Sachen packen, um nach Schottland zu fahren. Er sagte, ich müsste mich daran gewöhnen, er sei kaum je zu Hause, sei viel auf Geschäftsreisen, seine Firma bezahle ihm seine Ausbildung, und er müsse die Chance nützen. Er wollte der beste Buchhalter werden, und dafür musste er einen Preis bezahlen. Ich war nicht sicher, ob ich damit umgehen konnte, aber er war ein freier Mann und machte mir klar, dass seine Arbeit und sein Studium zuerst kämen. «So, Paula, lerne nur gleich zu Beginn, dass du von jetzt an an zweiter Stelle kommst.» Er zog seine Hose an und ging.
Mutter kam einige Male zu Besuch, einmal mit einer nicht richtigen Tante von mir, die nie gearbeitet hat, weil sie krank war. Ich mochte sie sehr. Ich bot ihnen Tee an, wir plauderten und lachten. Mutter kritisierte mich nicht. Sie fragte nach Al, und ich sagte, er sei weg. Sie wollte Michelle übers Wochenende zu sich nehmen, ich war einverstanden. Wir holten sie in der Krippe ab, und sie liessen mich alleine, ganz alleine fürs Wochenende. Ich verbrachte die meiste Zeit am Fenster, hoffend, dass Al mich überraschen würde. Aber da war kein Al, er war weit weg in Schottland, vielleicht hatte er dort eine andere Frau, die ihn in Form hielt. Ich wollte weinen, wechselte in der Nacht vom Wohnzimmerfenster zum Schlafzimmerfenster und hoffte immer noch, er würde kommen und mir Gesellschaft leisten. Erst um drei Uhr morgens legte ich mich schlafen.
Ich wechselte in ein anderes Hotel, das «Strand Palace». Es war ein angenehmes Klima dort, und die meisten Zimmermädchen waren nett. Ich fand dort auch für eine Freundin Arbeit; sie hiess Sally und wohnte im selben Haus wie ich. Sie war sehr mager und war mit einem Rasta zusammen, der nur von Gras lebte und am Samstagabend mit Musikmachen ein paar Pfund verdiente. Sie galt als hartes Mädchen, und es empfahl sich, nett zu ihr zu sein. Sie hatte einen Sohn, der etwas älter war als Michelle. Wir kamen miteinander aus, einfach weil ich jemanden zum Reden brauchte, und ich war neu in der Gegend. Aber sie war nicht so gebildet wie ich, und ich auch nicht sehr, so kann man sich vorstellen, worüber wir sprachen: Kinder, Herbs – das war der Name ihres Mannes – und wie sehr sie sich ein zweites Kind wünschte, obwohl sie kaum genug hatte für ihren Sohn. Sie war ein Jahr älter als ich.
Wir gingen zusammen zur Arbeit, und ich half ihr mit all den komplizierten Formularen, die sie ausfüllen musste. Sie konnte kaum lesen, obwohl sie in England geboren war und ihr ganzes Leben dort verbracht hatte. Wir halfen einander mit den zwölf Zimmern, die wir putzen mussten, und hatten es lustig. Aber ich traute Sally nicht, sie war eine Schlange, und sie mochte mich nicht sehr. Solange ich kein Auge auf ihren Boyfriend warf, kamen wir miteinander aus.
Ich musste mich nun entscheiden, was mit Michelle werden sollte, und ich bekam Angst. Ich wollte meine Tochter nicht wegschicken. Ich ging mit dem Baby zu meiner Mutter, liess es für eine Weile bei Beth und ging mit meiner Mutter spazieren. Ich wollte herausfinden, ob nicht sie das Kind zu sich nehmen könnte.
Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.