Kitabı oku: «Der Fremde und die Schöne Frau»
Pavel Kohout
Der Fremde und die Schöne Frau
Roman
Aus dem Tschechischen von
Silke Klein
Saga
1
Wie soll man eine Geschichte erfassen, die sich erst aus dem Ei der Phantasie schält, um den Leser nicht weniger als den Erzähler zu ergreifen, dessen ähnlicher Bestandteil sie ist wie eine Frucht im Mutterschoß? Wie soll man sie erdenken, damit sie Frauen und Männer, Jung und Alt ergreift, die nicht mehr zu lesen gewohnt, sondern dem Fernsehen verfallen sind? Und wie soll man sie erzählen, damit sie sogar sechsmal wöchentlich als Fortsetzung in einer Tageszeitung erscheint, die früh oder mittags oder abends gelesen wird, in der Straßenbahn oder in der U-Bahn oder im Café oder im Lehrerzimmer oder im Bett, bei unterschiedlichem Wetter und veränderlichen Stimmungen?
Für den Autor gibt es nichts Besseres, als sich an die Art und Weise zu halten, wie auch ihm Märchen erzählt wurden: am Anfang zu beginnen und immer dort zu unterbrechen, wo der Handlungsverlauf verspricht, über Nacht nicht in Vergessenheit zu geraten, sondern auch am nächsten Tag wieder aus dem Gedächtnis aufzutauchen, angetrieben vom Volldampf der vertrauten Sprache, die ihre elementare Stärke spielen ließ. Versuchen wir es also, viribus unitis – mit vereinten Kräften des Schreibenden und der Lesenden!
Die Frau wurde von allen die Schöne Frau genannt, nicht weil der Vater Schön hieß, sondern weil sie – schön war. Bezaubernd schön auf Jugendbildern, überwältigend schön auf dem Gipfel ihrer Jahre, als ihr Reiz nach innen strahlte und sich dann nach außen widerspiegelte, verstärkt vom Licht der Seele. Sie war weise und liebenswert; wer ihr begegnete, trug die Erinnerung an sie wie einen Schutzschild unter den menschlichen Abschaum, von dem es von Jahr zu Jahr mehr auf der Welt zu geben scheint.
Die Schöne Frau wurde Mitte der dreißiger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts in Nordböhmen geboren, in einer großen Stadt, die hier leicht geheimnisvoll als S. bezeichnet werden soll, oberhalb eines schiffbaren Flusses, den wir hier aus denselben Gründen mit F. bezeichnen, in einem einstöckigen Haus auf dem kleinen Platz in der Mitte einer Straße, um die gleichzeitig ein neues Viertel gebaut wurde. Nach dem Ersten Weltkrieg hatte sich hier, auf einer ehemaligen Freifläche, wegen der Gottesmarter mit dem heiligen Johann von Pomuky schon immer Mukanka genannt, ein neuer Geist- und Geldadel angesiedelt, der zwei Sprachen sprach und dem dreifachen Glauben von Deutschen, Tschechen und Juden huldigte.
Der Vater der Schönen Frau war in dritter Generation praktischer Arzt, der in der großen Krise zwischen den Kriegen zusammen mit seiner jungen Frau Prag verlassen hatte. Im malerischen S. am F. pflanzte er einen Baum, baute ein Haus und zeugte die Schöne Frau. Seine Praxis im Erdgeschoss wurde in Scharen von Patienten besucht, die beide Sprachen sprachen und allen Bekenntnissen jenes Viertels angehörten, das die meisten Titel auf- und das höchste Steuervolumen vorzuweisen hatte. Jeder lüpfte vor jedem den Hut, und jede nickte jeder freundlich zu, obwohl man gerade um die schönste Robe im Modesalon auf dem Hauptplatz von S. kämpfte.
Das Ende der guten Zeiten kam schleichend, um dann in einer einzigen Oktobernacht des Jahres neunzehnhundertachtunddreißig hereinzubrechen, als S. aufhörte, zur Republik der sieben Nationalitäten zu gehören, und sich einem einzigen Reich in die Arme warf. Als Erste reisten ohne Aufforderung die Juden ab, denen das Schicksal ihrer Glaubensbrüder jenseits der Grenze reichte. Die Tschechen durften bleiben, sofern sie ihre Sprache aufgaben. Die zarte Mutter der Schönen Frau liebte sowohl die Sprache als auch S.; die Vertreibung nach Prag überlebte sie nicht lange.
Kurz nach dem Krieg kehrten die Schöne Frau und ihr Vater zurück. Das Haus glich einer entehrten Frau, so sehr war darin der Atem der Gewalttäter zu spüren, die es fast sieben Jahre geschändet hatten. Weder Juden noch Deutsche kehrten in das Viertel zurück, ihre Häuser und Villen besetzte das siegreiche tschechische Volk. Ihre Gesandten wechselten ein paarmal, bis sie alles mitgenommen hatten, was von Wert war. Dann waren für S. normale Zeiten gekommen.
Die wahren Einwohner zogen wieder ein, wie es ihnen die langsam wiedererstehende Industrie und Flussschifffahrt erlaubten. Die Praxis war voll von anderen Patienten mit denselben Leiden. Dann entschloss sich das Volk, eine einzige Partei herrschen zu lassen. Die machte aus Privatpraxen Gesundheitszentren und schickte einen jungen Gynäkologen her, der den Vater bewachen sollte. Allerdings war das ein Kommunist, der an Ideale glaubte, und ein fähiger Arzt; er erlangte das Vertrauen des älteren Kollegen und das Herz der Schönen Frau, obwohl sie aus Kadergründen nur Krankenschwester werden durfte.
Die Zeit war schneller als die Wellen des F., sie schwemmte Galgen hinweg, die wirre Erneuerung und den betörenden Frühling voller Hoffnungen, die sich als illusorisch erwiesen. In einer Augustnacht des Jahres neunzehnhundertachtundsechzig donnerten russische Panzer so schrecklich unter den Fenstern, dass die Schöne Frau, die zart war wie ihre Mutter, eine Fehlgeburt erlitt. Ihr Mann verlor mit dem Kind auch seine Ideale, doch er wollte nicht noch mehr verlieren, und so tauschte er sie gegen eine Funktion in der missratenen Partei, aus der er ehemalige Genossen ausschloss. Die Schöne Frau zog deshalb wenig später aus dem Parterre ins Obergeschoss zu ihrem Vater, der sich vor dem Schwiegersohn in die Frührente geflüchtet hatte, und als auch sie ein angeborener Herzfehler rettete, kaufte sie aus einem Tierheim einen Papagei frei, dem nach Jahrzehnten das Herrchen gestorben war. Ihr Mann trank sich ohne sie und seine Ideale im Parterre zu Tode. Seine neuen Genossen schlossen das Gesundheitszentrum.
Als auf dem Hauptplatz von S. der siegreiche November neunzehnhundertneunundachtzig mit Schlüsselrasseln eingeläutet wurde und das Volk sich aufmachte, den Kapitalismus aufzubauen, erhielt der Vater zwei niedrige Mietshäuser am Ende der Straße zurück, die er vor dem Krieg als Mitgift für seine Tochter gekauft hatte. Nun wollte er ihr nach den Jahren der Not das Leben versüßen, in das kein weiterer Mann trat. Das vorherige System hatte mit den Häusern wohl andere Absichten gehabt, die es jedoch vierzig Jahre lang nicht klärte; nachdem der letzte Mieter verstorben war, ließ es sie fast verfallen. Doch auch für die Ruinen bekam der Vater genug, um mit dem Wissen, die Schöne Frau abgesichert zu haben, friedlich sterben zu können, was ihm auf Jahr und Tag gelang.
Vorher ließ er noch die Praxis zu einer Essküche umbauen, damit sie später nicht so oft Treppen steigen musste, und die untere Wohnung erweitern, damit sie sie vermieten könnte. Kurz nach seinem Ableben zog dort Herr Hedvábný ein, ein geschiedener Professor, der einst, als sein Latein in Ungnade gefallen war, der Schönen Frau Russisch beigebracht hatte. Sie wollte nicht das einzige menschliche Wesen im Haus bleiben, und da ihr nicht die Verelendung drohte, nahm sie ihn fast nur für einen Handkuss auf.
Das neue Jahrtausend veränderte mit lautem Knall die alte Ordnung. Der Eigentümer der verfallenen Häuser verkaufte diese für das Zehnfache an die Gemeinde, die still baute, bis sie sich plötzlich mit Notunterkünften für Bürger rühmte, die man als »Nichtanpassungswillige« bezeichnete. Bald zogen dort drei Dutzend Familien ein, denen zu Hause wohl die Decke auf den Kopf gefallen sein musste, denn statt unter einer solchen hatten sie Tag und Nacht unter freiem Himmel gewohnt. Das Stimmengewirr und der Lärm der Radios drangen glücklicherweise nur bei Nordwind hierher, der nur selten wehte. Es waren allerdings Tamtams, die Gesinnungsgenossen von weither zusammentrommelten.
Es dauerte nicht lange, und das tschechische Ehepaar, das den Lebensmittelladen auf dem Platz übernommen hatte, wurde von einem Schwarm kleiner Menschen mit Mandelaugen abgelöst; das Schild ließen sie dran, doch ein Jahr später kauften sie auch das Nachbarhaus, aus dem und in das weitere kleine Menschen mit großen Koffern liefen. Die Pension, in der vor dem Krieg Touristen und danach ledige Gemeindebeamte genächtigt hatten, wurde zu einer Herberge für die Ukrainer, die die Kläranlage bauten. In der ehemaligen Apotheke bot ein Bosnier Kebap feil. Von der Gottesmarter verschwand der heilige Johann, der Dieb hinterließ dort nur seine stinkende Visitenkarte.
Dann kam jener erste Frühlingstag, an dem unsere Geschichte beginnt, als die Schöne Frau bei einem Blick aus dem Fenster mit Schrecken feststellte, dass hier wieder einmal und diesmal unumkehrbar ihre Welt im Untergang begriffen war.
2
Ortschaften sind wie Menschen, sie werden geboren, wachsen, strotzen vor Kraft, verfallen und gehen unter. S. erlebte nun zum zweiten Mal in der langen Geschichte einer Königsstadt einen allgemeinen Aufschwung, den jedoch nicht jeder Bürger begrüßte. Vielen reichte vollkommen, was sie überlebt hatten: die Vertreibung der Tschechen und Juden durch die Deutschen, die Rückkehr der Tschechen, die Vertreibung der Deutschen durch die Tschechen und das Fortbleiben der Juden, die Ankunft der Russen und ihren Fortgang. Den Zuzug weiterer Sprachen und Rassen, die hier nicht verwurzelt waren, verstand man an der Jahrtausendwende zuerst als vorübergehende Erscheinung. Als die Zeit zeigte, dass damit schleichend eine neue Umsiedlung der Stämme eingesetzt hatte, war es für eine erfolgreiche Gegenwehr zu spät.
Die Schöne Frau ertrug die Nichtanpassungswilligen leicht, denn durch die Straße wehte zumeist Wind aus Süden, der die Klänge der fremden Kulturen zum Fluss F. trug, der sie nach Deutschland spülte. Die Ukrainer störten sie nicht, denn im Stadtbus, der an der Ecke des kleinen Platzes hielt, standen sie artig an den Plätzen für Alte und Kranke und sprachen zudem eine Sprache, die hier nicht ganz fremd war, doch in der sie den Ortsansässigen nicht widersprechen konnten. Die seltsamen Speisen des Bosniers in der ehemaligen Apotheke kostete sie nicht, er hingegen grüßte sie trotzdem freundlich in einem gebrochenen Tschechisch. Am meisten spürte die Schöne Frau den Übergang des Kolonialwarengeschäfts in die Hand der kleinen Menschen, die wie Vögel redeten und die sie außerdem nicht unterscheiden konnte.
In den kleinen Laden, in dem sie in den Jahren, in denen sie dort ihre Einkäufe getätigt hatte, fast mit schlafwandlerischer Sicherheit den Platz jeder Mohrrübe kannte, setzte sie nie mehr ihren Fuß. Mit der Zeit gewöhnte sie sich daran, montags und freitags auf den großen Markt von S. zu fahren, wo das Einkaufszentrum zwar ständig den Ketten-Namen wechselte, sie aber dort immer bekam, was sie wollte, besser und billiger als früher in ihrem Viertel. Außerdem, wenn sie etwas vergessen hatte oder nicht kochen wollte, blieb ihr auch noch das gegenüberliegende Gasthaus, dessen Eingang eine uralte Markise mit der Aufschrift U Malešíka zierte.
Der erste Malešík hatte sich hier im ehemaligen Ausflugsrestaurant hinter der Stadt niedergelassen, kurz vor den Eltern der Schönen Frau. Bei ihm hatten sie zusammen mit dem Architekten über den Plänen des künftigen Hauses gesessen, der hatte ihr Lutscher geschenkt, wenn dort im Garten unter den Kastanien das sonntägliche Mittagessen endete, bei dem die deutsch-tschechisch-jüdischen Honoratioren sich grüßten. Der zweite Malešík kam nach dem Krieg zusammen mit ihrem Vater gleich nach den Panzern der russischen Befreier, um die Aufschrift Gasthaus Priebe zu beseitigen und das versteckte Schild wieder aufzuhängen; dreiundzwanzig Jahre später drohte er dann zusammen mit ihrem Vater und ihrem Mann stumm ganz ähnlichen Panzern, die die Schuld daran trugen, dass sie eine Fehlgeburt erlitt. Der Enkel Malešík ersetzte das hässliche Schild Speisekooperative durch das ursprüngliche und bestrafte in seiner Enttäuschung über die Samtene Revolution die Kommunisten gleich selbst: Er schenkte an sie nichts aus. Die Stadt lachte. Als er dann auch die Roma nicht bedienen wollte, bezog er von ihnen Kloppe und von der Stadt einen Bußgeldbescheid.
Nachdem er auch in letzter Instanz verloren hatte, machte er zu. Das Schild über dem Eingang jedoch ließ er hängen, dieses wurde für die belesene Schöne Frau zu jener Glühbirne aus Čapeks Stück über die Roboter, die das Licht der Hoffnung aufrecht erhält. Diese Hoffnungen wurden auch von Nachrichten genährt, die per Mundpropaganda vom Gastwirt eingingen, wenn er sich entschließen würde, anderswo zu beginnen, werde er das Familienunternehmen in S. nur in tschechische Hände geben, damit sich seine Vorfahren nicht im Grabe umdrehten. An jenem Frühlingstag, als sie morgens das erste Mal aus dem Fenster schaute, sah die Schöne Frau zwei Männer ins Gasthaus hineingehen, dessen Tür verlockend weit offen stand und den Blick auf den Korridor freigab.
»Valtr«, rief sie aus, »der Malešík hat wieder aufgemacht, ich muss kein Mittagessen kochen, ich geh gleich runter und sage das dem Herrn Hedvábný, heute laden wir ihn ein, was meinst du? ...«
Doch die Männer kamen gleich wieder zurück und trugen Metallleitern, die sie an die Mauer und an beide Enden des Schildes lehnten.
»Aber das sind doch zwei von den Ukrainern«, wunderte sie sich, »sie steigen immer an der Kläranlage aus, weißt du, warum die heute hier sind? Ach, es ist ja Sonntag, da verdienen die sich was hinzu, der Malešík bringt das Lokal auf Vordermann und hat richtigerweise bei der Markise begonnen, die hätte schon längst mal gewaschen werden müssen, meinst du nicht auch, Valtr?«
Sie presste das Gesicht ans Fenster, das sie wegen ihres Lieblings nicht öffnen konnte, und erblickte auf dem Fußweg ihren Nachbarn, der das Haus daneben bewohnte, das nach den Deutschen nun der Stadt gehörte.
»Herr Suchomel freut sich auch schon, er hat immer geunkt, der Malešík würde gegen gutes Geld auch an McDonald’s verkaufen, aber das würde er uns niemals antun, nicht wahr, Valtr, er hat es sich überlegt und schenkt jetzt an alle aus, es reicht doch, wenn er das Bier etwas teurer macht, die meisten Leute aus unseren Häusern müssen jeden Heller dreimal umdrehen und gehen woanders hin, stimmt’s?«
Sie blickte sich um. Ihr Liebling schlief. Sie wollte ihn keinesfalls wecken, und so ging sie auf Zehenspitzen zur ins Erdgeschoss führenden Treppe, als sie von einem mächtigen, langen Grollen aufgehalten wurde. Der wolkenlose Märzhimmel konnte keinen solchen Donner hervorgebracht haben, und so lief sie schnell zum Fenster zurück. Auch durch das Glas war zu hören, dass sich die Ukrainer auf den Leitern laut etwas vorwarfen und einer dem anderen die Schuld gab. Das alte, aus der Verankerung gelöste Aushängeschild musste einem aus der Hand gerutscht sein, und beim Aufprall hatte es dieses langgezogene, dröhnende Geräusch von sich gegeben. Es hatte auch Valtr geweckt, der verschlafen blinzelte, somit konnte sie sich gleich weiter bei jemandem beschweren.
»Mein Gott, er hat verkauft, bloß an wen? Im Zentrum kaufen sich wieder Deutsche ein, ein Deutscher würde uns auch nicht stören, wir beide können doch Deutsch, oder ...?«
Die Männer legten ihren Streit bei, verstummten, kletterten die Leiter herab, hoben das heruntergefallene Schild auf, klemmten es sich unter den Arm und trugen es im Gleichschritt über den Gang ins Lokal hinein. Die Leitern ließen sie stehen. Wenig später kamen sie mit einem genauso großen Gegenstand wieder, der mit einem Betttuch verhängt war.
»Valtr, der neue Eigentümer hat eine genauso große Markise machen lassen, damit er die ursprünglichen Haken nutzen kann, dass er so spart, gefällt mir gar nicht, er wird doch wohl nicht die Preisklasse herabsetzen ...?«
Gespannt verfolgte sie, wie beide Männer diesmal fast übervorsichtig das schwere Schild mit einer Hand anhoben, weil sie sich mit der anderen an der Leiter festhalten mussten. Sie stiegen vorsichtig nach oben, zogen das unten stehende Bein zum höher stehenden nach, bevor sie einen weiteren Schritt riskierten. Ganz oben ruhten sie sich einen Moment aus und zogen wiederum gleichzeitig die Ringe der Aufhängung über die alten Haken. Dann kletterte der Jüngere herab, während der andere oben blieb.
»Kannst du mir erklären ...?«, hub die Schöne Frau an, doch sie verstummte.
Aus dem Lokal kamen mehrere Frauen mit Lappen und Besen in der Hand und mit um den Kopf gebundenen Tüchern. Ein strammer Kerl und zwei schwarzhaarige junge Männer trugen Tabletts voller Colaflaschen. Ein dritter auch einen Kassettenrecorder, der eine Melodie spielte, die Wolfsgeheul ähnelte. Der Mann auf der Leiter zog langsam das Tuch weg. Auf dem Schild prangten eine blaue Moschee mit Minaretten und die goldene Aufschrift Istanbul.
»Um Himmels willen, die Muselmanen!«, rief die Schöne Frau aus, »was machen wir nur, Valtr??«
Er antwortete mit keinem der fünfunddreißig deutschen und tschechischen Wörter, die er konnte, weil er sich mit dem Schnabel gerade das Gefieder unter dem linken Flügel putzte.
3
»Ich werde wahnsinnig«, suchte die Schöne Frau in ihrer Verzweiflung weiter Trost bei ihrem Liebling Valtr, »jetzt noch Türken, wie ist das nur möglich, wer hat denn das erlaubt, verstehst du das, Valtr? Von heute ab sind wir auf dem Platz hier zusammen mit den Suchomels und Herrn Hedvábný die letzten Tschechen ... komm zu mir, lass mich nicht allein!«
Er hörte mit der Morgentoilette auf und antwortete mit einem mächtigen Flügelschlagen. Als er auf ihrer Schulter landete, sprach er mit seiner krächzenden Stimme, die sie über alles vergötterte.
»Rrrosa! Rrrosarrrosa! Rrrosarrrosarrrosa!«
Fast verliebt schloss sie die Augen und berührte leicht sein rauhes Gefieder.
»Ja, das bin ich, deine Rosa, und du bist mein wer? Na sag es, mein wer?«
»Valtrrr! Valtrrr! Valtrrr!«, kostete der Vogel den klangvollen Buchstaben aus.
»Was für ein Valtr? Na was für einer? Sag schon, ich will es hören!«
Der Papagei plusterte sich voller Stolz auf. Alle Federn sträubten sich.
»Herrrlicherrr Valtrrr! Herrrlich!«
»Ja, ganz herrlich, der herrlichste, und was noch ...? Na ...? Na ...!«
»Teuerrrr! Teurrrerrr Valtrrrr!«
»Ja, der teuerste, und? Na? Schäm dich nicht, gr ... gr ... gr ...? Na komm schon!«
»Grrraf! Grrraf Valtrrr! Valtrrr Grrraf!«
»Ja, mein herrlicher, teurer, artiger, großartiger Graf, Graf Valtr ...!«
Sie drückte ihn vorsichtig an ihr Gesicht und küsste ihn dann auf den Schnabel. Dabei beobachtete sie weiter bestürzt vom Fenster aus, wie dort fröhlich der Leichenschmaus für den alten Platz zelebriert wurde.
Das Gasthaus U Malešíka war wohl der Grundstein eines Bollwerkes gewesen. Als man es aus ihm herausriss, zerfiel es vollständig zu Quadern. Einige wurden gleich mit der Flut hinweggetragen, andere wiederum zu Rammklötzen, die in die Mauer geschlagen wurden, die vorher fast einhundert Jahre standgehalten hatte. Die am häufigsten auftauchenden Autos waren nun Umzugswagen. Die einen brachten enttäuschte Tschechen weg, aus den anderen stiegen gut gelaunte Männer, Frauen und Kinder, die einen Wirrwarr an Sprachen redeten, wie er einst den Turm zu Babel zum Einsturz gebracht hatte, doch S. sollte es vor dem Schicksal längst untergegangener Orte schützen, deren ursprüngliche Bewohner wegen Völlerei und Faulheit ausgestorben waren. Nach dem jüdischen und dem deutschen floss nun auch das tschechische Blut ab; die ewige Pumpe des Lebens ersetzte dies jedoch stark mit fremdem, um die abebbende Kraft der schnell alternden Stadt zu erneuern.
Die Schöne Frau erwarb auch dadurch allgemein Achtung, dass sie mit niemandem Kontakt pflegte, der sich ihr nicht vorstellte, was nunmehr nur wenige wagten; deshalb blieb sie auch etwas abseits des Verdachts, Tratsch zu verbreiten, doch sie erfuhr auch nie rechtzeitig, was sie hätte warnen können. Ein weiteres trügerisches Licht der Hoffnung aus Čapeks Stück wurde für sie eine Familie, die schon in zweiter Generation neben ihr wohnte; mehrere Jahre hatte sie versucht, das ehemals deutsche Haus von der Gemeinde zu kaufen, doch erst in diesem Jahr hatte die Direktorin der Bauabteilung zum Bakschischangebot genickt. Die Suchomels waren junge Leute mit drei kleinen Kindern, und das war ein Anker, auf den man sich doch verlassen konnte.
Die Freitage liefen für die Schöne Frau immer ganz besonders ab. Sie wusch Valtrs gläsernes Bad aus und schüttete ihm besonderes Futter in den Napf, das ein Elixier für Papageienleben sein sollte. Die Früchte der Balsamine kosteten ein Vermögen, doch sie hatte um Valtr umso größere Angst, je mehr Wörter er beherrschte. Der Leiter des Tierheims hatte ihr einst verraten, dass ihn der deutsche Antifaschist, der nach dem Krieg hierbleiben durfte und den Papagei erst kurz vor seinem Tod an das Heim abgab, geerbt hatte, bevor das tschechische S. zu einer uralten Stadt des ›Dritten Reiches‹ wurde. Valtr bekräftigte seine loyale Herkunft dadurch, dass zu seinen aufgeschnappten deutschen Wörtern nicht auch Heil und Hitlerrr gehörten. Bei der Schönen Frau erwachte in ihm der Patriot: nach und nach fand er an fünfundzwanzig tschechischen Wörtern Gefallen, und sie wollte verhindern, dass sein überanstrengtes Gehirn wie eine zu stark erhitzte Glühbirne zerbarst.
Auch am darauf folgenden Freitag versorgte sie ihn deshalb, verabschiedete sich für einen halben Tag und fuhr auf den Friedhof, um ihre beiden Gräber zu säubern. Die hatte sie für ihren Mann und ihren Vater an den jeweils gegenüberliegenden Enden gekauft, damit ihnen der alte zivile und menschliche Streit nicht auch noch die ewige Ruhe verdarb; auf zwei Bänken redete sie dann immer schweigend mit jedem von ihnen über etwas anderes. Vor der Endstation befiel sie diesmal die Angst, ob sie nicht zu Hause gleichzeitig Käfig und Fenster geöffnet hatte. Viele Jahre hatte sie bei jedem Lüften in der Angst gelebt, den aus der Wohnung entflogenen gefiederten Exoten drohten beim Eintauchen in eine unbekannte Natur die Schnäbel der heimischen Vogelrassisten. Von den tschechischen Spatzenproleten erwartete sie fast einen Märtyrermord.
Sie blieb also im Bus sitzen, der dieselbe Trasse zurückfuhr. Als sie auf dem kleinen Platz ausstieg, stockte ihr der Atem. Ihre Fenster waren geschlossen, doch vor dem Nachbarhaus stand ein Umzugswagen. Sie kam Schritt für Schritt näher in der naiven Hoffnung, dieser würde sich wie ihre häufigen Träume in Luft auflösen. Doch vor den beiden Kerlen, die an Gurten die Harfe zum Auto schleppten, auf der Frau Suchomelová zu Hause geübt hatte, lief ihr Mann und dirigierte sie ähnlich wie die Musiker des Stadtorchesters, das er leitete. Als er die Schöne Frau erblickte, sanken seine Arme herab, so als würde er bei einem Fehler abklopfen.
»Maestro ...«, stieß sie schließlich hervor, »Sie ... Sie ziehen weg?«
»Ja, gnädige Frau ... uns hat sich ... plötzlich eine Möglichkeit aufgezeigt ... und so ...«
»Aber Sie haben doch gesagt ... Sie und Ihre Frau haben doch behauptet, dass sie nie das Feld räumen ...«
»Ja ... das haben wir ... gesagt ... aber ... dann haben wir überlegt ... wir mussten überlegen ... dass ...«
Seine Frau kam mit Taschen voller kleiner Dinge aus dem Haus und blieb verwundert stehen.
»Eliška ... ich versuche gerade der Frau Doktor zur erklären, warum ...«
Die normalerweise nette Frau gab sich aufgrund ihres schlechten Gewissens übertrieben resolut.
»Hier gibt es nichts zu erklären, Frau Čechová, wir als Künstler sind sicher nicht fremdenfeindlich, das ganz gewiss nicht, aber unsere Kinder können hier – das wissen Sie ja selbst! – nicht mal mehr draußen spielen, ohne dass sie jemand beklaut oder anmacht, und Sie können wir ja auch nicht ewig belästigen!«
Die Schöne Frau hätte jetzt lieber bitterlich geweint, als sich herumzustreiten.
»Ihre Mädchen haben mich nie gestört, im Gegenteil, ich hatte alle drei sehr ...«
»Sicher würden Sie auch gehen, wenn das Haus nicht Ihnen gehören würde! Unseres hier konnten sie uns glücklicherweise nicht rechtzeitig verkaufen, und so haben wir erst einmal eine Wohnung im Zentrum gemietet. Da können Sie die Kinder ja auch weiterhin besuchen.«
»Und hier«, sagte ihr Dirigent, »haben Sie ja noch den Herrn Professor, nicht wahr!«
»Und vor allem Ihren Valtr!«, sagte die Harfenistin schon unter Tränen, »wir alle hier haben Sie sehr gern, nur deshalb wollten wir Ihnen diesen Abschied ersparen ...«
»Ja«, sagte die Schöne Frau, »danke, das war sehr rücksichtsvoll von Ihnen ...«
Und sie lief schnell ins Haus, um sich dort auszuweinen.
4
An diesem Tag fuhr die Schöne Frau nirgendwo mehr hin. Sie öffnete auch nicht mehr die Tür, nachdem der Umzugswagen abgefahren war und lange die Klingel schellte, als sich die Suchomels wahrscheinlich verabschieden wollten, wie es sich gehört. Für diesen Fall hatte sie vorher Herrn Hedvábný gebeten, ihnen zu öffnen und sie zu entschuldigen, sie habe sich hingelegt, weil ihr unwohl war, was verursachte, dass sie leider zu einer für die Abreisenden so ungelegenen Zeit zurückgekehrt war.
Es wehte ein Südwind, und so hörte sie die Kakofonie der Rufe und des Lärms der Nichtanpassungswilligen nicht, die wieder in Richtung Sachsen getragen wurde, und der Inhaber des Istanbul hatte schon vor geraumer Zeit ihrer Bitte entsprochen, das Wolfsgeheul, das er Musik nannte, nicht auf den kleinen Platz zu übertragen. Die Bitte überbrachte ihm von der Schönen Frau ebenfalls der Professor; er wagte es nicht, es ihr abzuschlagen, dann aber auch nicht zu verraten, dass er dem Türken mit der Polizei drohen musste und nun Angst vor seinen Jungs habe, die, wann immer er das Haus verließ, das gegenüberliegende Tor sperrangelweit öffneten, damit er sah, wie gekonnt sie im Hof Messerwerfen übten. Nach einer schlaflosen Nacht schrieb er dann in Panik einen Brief, in dem er nach vielen Jahren bei einer Person demütig Buße tat.
An diesem Tag wurde sich die Schöne Frau erst dank der Stille des quälenden Fehlens von Geräuschen bewusst, die sie früher gestört hatten. Auch bei Malešík hatte ab und zu bis in die Nacht hinein die Blasmusik gespielt, und auch der gefällige Klang der Harfe konnte nervtötend sein, wenn die Nachbarin eine ganze Stunde lang ein und denselben Akkord übte. Es fehlten ihr auch die quietschenden Streitereien der drei Mädchen, von denen sie manchmal Kopfschmerzen bekam. Dankbar war sie wiederum Herrn Hedvábný, der die Türken ruhiggestellt hatte. Warum, so fragte sie sich vorwurfsvoll, berechne ich ihm Miete, wenn all mein Eigentum der Staat erbt? Und Valtr!, berichtigte sie sich. Sie glaubte daran, dass er sie überleben würde, und so musste der Notar Julius Mádr, dessen Vater bereits ihrem Vater als Rechtsbeistand gedient hatte, ein Testament aufsetzen, in dem sie mit ihrem gesamten Vermögen das Tierheim bedachte, das sich verpflichtete, ihrem Liebling Valtrchen ein ruhiges Alter zu gewähren.
Dieser traurige Freitag schien ihr gerade dafür geschaffen zu sein, einen Vorschlag zu unterbreiten, wie sie auch den Professor für die Zeit nach ihr absichern könnte. Sie beschloss, eine Klausel im Testament zu erweitern: statt in einem Altenheim sollte er in der unteren Wohnung seinen Lebensabend verbringen, umsorgt von netten, weil gut bezahlten Pflegern. Sie entschloss sich, die ungeschriebene Ordnung ihres Hauses zu stören, und klopfte zu ungewöhnlicher Zeit an die Tür im Erdgeschoss, was ihr überwältigendes Angebot wiedergutmachen sollte.
Der Professor meldete sich auch auf das zweite Klopfen hin nicht, was sie so beunruhigte, dass sie aufschloss. Der alte Mann saß im Sessel, bekleidet mit einem schwarzen Anzug, eine Fliege um den Hals, an den Füßen Lackschuhe, so wie er zu Konzerten oder in die Messe ging und auch jedes Mal, wenn er ihr die Miete zahlte, dann überreichte er ihr mit einer Zeremonie eine Blume und küsste ihr die Hand. Die Schöne Frau bekam einen Schreck. So hatte ihr Mann ausgesehen, als sie ihn tot aufgefunden hatte, nachdem er drei Tage lang nicht über den Flur in die Praxis gekommen war und alle glaubten, er sei auf einer seiner Trinktouren. Doch er hatte sich selbst mit einer Gallone Whiskey hingerichtet, so als habe er noch den Eindruck eines Gentlemans bei der Frau hinterlassen wollen, die er geliebt und verloren hatte.
Der Untermieter aber stand sogleich überstürzt auf und erzählte verstört, so sitze er da, seit die Suchomels abgefahren seien, und er spreche sich Mut zu, um sie zu besuchen. Sie verstand, dass er sie angesichts des sich verschlechternden Umfeldes bitten wollte, ihm die Miete zu senken, und war froh, ihm zuvorzukommen, um ihm einen peinlichen Moment zu ersparen.
»Sehr geehrter, lieber Herr Professor«, sagte sie, »dass ich Sie einfach so überfalle, wird wohl der Vorschlag entschuldigen, der Sie bitte nicht kränken soll, weil er von Herzen kommt. Nach all den Jahren, in denen unser Zusammenleben lediglich eine Vertragsbeziehung war, wird es durch das heutige Ereignis endgültig zu einer Goethe’schen Wahlverwandtschaft. Sie und ich sind ab diesem Moment auf unserem kleinen Platz so etwas wie Robinson und Freitag, nur der treue Valtr ist bei uns geblieben, der bei Ihnen genauso zu Hause ist wie bei mir. Es erscheint mir unmöglich, ja, unmoralisch, von Ihnen Miete zu nehmen, und wiederum notwendig, ja, unabdingbar, dass diese tschechische Insel, so unerwartet von einem fremden Meer umspült, ebenso die Ihre wie die meine ist. Deshalb möchte ich gleich morgen beim Freund der Familie, Doktor Mádr, die entsprechenden rechtlichen Schritte unternehmen.«
Sie erwartete nicht, dass Professor Hedvábný dankbar auf die Knie fallen würde, aber auch nicht, dass er sich wieder setzte, als hätte ihn ein schwerer Schlag getroffen. Ehe sie fragen konnte, betrachtete er sie mit gequältem Blick und erklärte es selbst.
»Sehr verehrte, teure Frau Rosa, was ich jetzt aus Ihrem Munde gehört habe, reicht für alle Orden, die mir das Leben nicht vergönnt hat. Die Jahre unter Ihrem Dach, wenn Sie schon das Gleichnis des Meeres verwendet haben, waren für mich ein Ankerplatz im sicheren Hafen, wo ich, vor dem Taifun versteckt, meine Wunden lecken durfte, die ich mir leider zumeist selbst zugefügt habe. An diesem Schicksalstag, ich würde ihn als dies irae bezeichnen, kann ich nicht anders, als Ihnen zu gestehen, dass ich heimlich zu Ihnen entflammt bin, seit ich Sie in meiner Klasse gesehen habe. Wenn Ihr heutiges königliches Angebot nicht gekommen wäre, hätte ich es nie gewagt, mich dazu zu bekennen, dass mich Ihre Schönheit und Weisheit bereits ergriffen haben, seit ich Sie zum ersten Mal vom Katheder aus in der ersten Bank rechts sah!«
Die Schöne Frau öffnete vor Schreck den Mund, doch er ließ sie nicht zu Wort kommen.
»Sie haben mir die Kraft gegeben, auch die russische Sprache zu unterrichten, als man Latein zur proletariatsfeindlichen Sprache erklärte. Sie waren für mich die prima inter aliis, dass ich sogar davon krank wurde, als Sie, de mortuis nihil nisi bene! einen Mann heirateten, der Sie nicht verdient hatte. Ich erlebte das Gribojedow’sche Gore ot uma, Wehe dem Verstand, solange ihre Verbindung andauerte, und als er dann plötzlich starb, habe ich meine Frau und meine Tochter verlassen, um für Sie frei zu sein. Für mich hat Ihr Vater diese Wohnung hergerichtet, darauf vertrauend, dass ich Sie nach ihm beschützen würde, was er Ihnen nicht mehr mitteilen konnte!«
»Aber ...«, wendete die Schöne Frau ein, er aber hob dramatisch die Stimme.
»Ja, sehr verehrte, teure Frau Rosa, Ihr Aber hat ins Schwarze getroffen! Trotz der vielen Jahre unter Ihrem Dach habe ich es nicht vermocht, tschort poberi, der Teufel soll mich holen!, auszusprechen, was ich Ihnen gegenüber empfinde, um nicht Gefahr zu laufen, dass mir unterstellt würde, ich wolle durch ein vorgetäuschtes Gefühl erlangen, was Sie mir heute selbst angeboten haben. Leider posdno! posdno! zu spät! denn inzwischen ist ein verzweifelter Brief meiner ehemaligen Gemahlin eingetroffen, ich solle zu ihr und unserer geschiedenen Tochter zurückkehren, die sich ohne mich mit ihrem Leben keinen Rat weiß. Da ich Ihr edles Angebot nicht vorhersehen konnte, habe ich versprochen, mich ihnen zu opfern, somit alea iacta est, die Würfel sind gefallen, der Rubikon ist überschritten ...!«
Und die Schöne Frau befielen Herzschmerzen, als sie diesen edlen Mann sah, wie er aus einfacher menschlicher Angst heraus so erbärmlich log.
5
Als die Schöne Frau vom Professor in den Salon zurückkehrte, verstand Valtr, der beleidigt war wie immer, als sie es ihm verwehrte, an ihrer Schulter herunterzurutschen, dass ihr etwas passiert war. Er hüpfte aus seinem Bad, wo er immer eine Weile zu schmollen pflegte, hängte sich an das Türchen und klopfte mit dem Schnabel an die Käfigstangen, dass er nach draußen wolle. Nachdem sie ihm geöffnet hatte, setzte er sich ihr auf die linke Schulter und knabberte zärtlich an ihrem Ohrläppchen. Dass sie in zwei Tagen die letzten menschlichen Stützen verloren hatte, auf denen der kleine Platz bisher dem fremden Elemente getrotzt hatte, lähmte sie.
»Rrrrosa ...«, krächzte ihr Liebling, wie er es gewohnt war, wenn seine Liebe von dunklen Gedanken überfallen wurde, »Rrrrum, soforrrrt, Rrrrosa!«
Normalerweise lachte sie, holte die Karaffe, und mit dem dritten Fingerhut kehrte die gute Laune zurück, die zu ihr gehörte wie ihr nicht alterndes Gesicht. Nun aber schüttelte sie den Kopf. Und obwohl der Abend noch jung und ausreichend lau für einen Spaziergang am Fluss war, wo sie auf andere Gedanken kommen könnte, trug sie Valtr zurück in den Käfig und machte sich bettfein.
»Wir gehen schlafen, mein Valterchen, heute will ich nicht trinken, nicht essen, nicht lesen, auch an gar nichts denken, so bleibt nur zu hoffen, dass mir etwas Angenehmes im Traum begegnet.«
Man muss erklären, warum die Schöne Frau, die so viele Bücher zu Hause hatte, dass sie sich neue nur in der öffentlichen Bibliothek auslieh, weil sie sonst keinen Platz mehr gefunden hätten, weder ins Theater, noch ins Kino ging und nach dem Tod des Vaters ihren Fernseher den Suchomels geschenkt hatte, damit sie einen zweiten für ihre Töchter hatten. Die Helden der Romane, die sie immer und immer wieder las, weil sie jedes Mal aufs Neue ihr Herz erfreuten wie Tolstois Anna Karenina, Stendhals Le Rouge et le Noir oder Čapeks Geschichten aus der einen und der anderen Tasche, wollte sie, wie sie sagte, nicht mit falschen Gesichtern sehen. Sie meinte damit die Gesichter berühmter Schauspieler, die, da sie mal hier und mal da eine der geliebten Figuren verkörperten, ihnen so ganz unverschämt Antlitz und Seele raubten!
Sie hatte einfach zu lesen begonnen, und alle, die sie in der Handlung faszinierten, traten wie aus dem Nebel zu ihr heran, zuerst als Silhouetten, die jedoch immer klarere Umrisse annahmen, bis sie sie wie lebendig aus unmittelbarer Nähe sah. Dies erregte sie umso mehr, als sich die Erscheinungen bei jedem neuen Lesen neu wiederholten, so wie sie von einem nichtsahnenden Kind zu einem jungen Mädchen, von einem erwartungsvollen Mädchen zu einer Frau und dann in dieser zum Verständnis fast aller Dinge gereift war, die ein sterblicher Mensch im Laufe seines Lebens verstehen kann. Die Figuren bevölkerten ihr freiwilliges Alleinsein, erlebten an ihrer Stelle, wofür ihr die Courage fehlte. Und den Rest besorgten die Träume.
Die Schöne Frau hatte spätestens in der Pubertät gemerkt, was sie schon unklar als Kind geahnt hatte: dass sie zwei Leben lebte. Eines mit echten Menschen am Tage, das andere, wenn sie las und schlief. Der Schlaf ließ sie fast alles, worüber sie gerade nachdachte, wonach sie sich sehnte und wovor sie sich am meisten fürchtete, so im Detail durchleben, dass sie in dieser unechten Wirklichkeit noch wach wurde, manchmal in Erleichterung, dass die schweren Enttäuschungen, schrecklichen Verluste und niederträchtiger Verrat nur Albträume waren, manchmal in Traurigkeit darüber, dass sich das schwindelerregende Glück nur als Phantom erwies.
Einst war in den Träumen vor allem ihre tote und deshalb immer noch junge Mutter zu ihr gekommen, mit der sie zärtliche Nähe erlebte, um die sie ihre Freundinnen umso mehr beneidete, weil ihr Vater sie bei aller Liebe eher wie einen Jungen abgehärtet hatte, als dass er sie ein bisschen gehätschelt hätte. Um ihn aber für all die Fürsorge und Liebe nicht zu verletzen, hatte sie ihm nie verraten, welche Enttäuschung es für sie gewesen war, wenn sie zum Frühstück statt von ihrer Mutter plötzlich von ihm geweckt wurde.
Sie träumte sich auch ihren Prinzen Jaromír herbei. Als sich dieser bolschewistische Aufseher, wie ihr Vater und sie ihn verstanden, den sie sogar noch unter ihrem eigenen Dach aufnehmen mussten, nachdem die Behörde das Haus als zu groß erachtet hatte, als alles andere, nur nicht als roter Kommissar erwiesen hatte, hielt auch er bald Einzug in ihre Träume. Sie konnte sich tagsüber in Erinnerung rufen, Menschen seiner Überzeugung hatten verhindert, dass sie studieren konnte, wonach sie sich gesehnt hatte, zu reisen, wohin sie wollte, und zu lesen, was sie mochte, dass sie den fortschreitenden Verfall von S. und des gesamten Landes auf dem Gewissen hatten; der Schlaf schien ihn und all das, was er vertrat, über Nacht reinzuwaschen.
Bevor er eine Assistentin gefunden hatte, arbeitete sie bei ihm als Aushilfe und konnte dabei nicht übersehen haben, was für ein guter Arzt er war und wie zuvorkommend er sich unterschiedslos gegenüber allen Patientinnen verhielt, oftmals besser als der Vater, der aus der Vergangenheit doch an eine andere Klientel gewöhnt war, die sich vor der Untersuchung wusch. Doktor Čech machte nicht wie so viele Freunde ihres Vaters, die ihren noblen Hut gegen eine Arbeitermütze eingetauscht hatten, »auf Kommunist«, sondern er wollte bei all seiner Eleganz aufrichtig einer sein, und sie bedauerte es fast, als man ihm eine eigene Kraft zuteilte, somit geriet er ihr mehr oder minder aus dem Blickfeld. Er blieb jedoch in ihren Träumen.
Er blieb – das war ein schwacher Ausdruck. Die Schöne Frau träumte bis dato in Episoden, die an gezeichnete Grotesken erinnerten, die einzigen Filme, die sie gelten ließ. Ihre Träume waren fröhlich, traurig, verrückt, schauderhaft, verliebt, sogar erotisch, doch kurz, sie entsprachen der medizinischen Erkenntnis, dass ein Traum ein paar Sekunden dauert, und hineingeschrieben wurde nicht mehr als die normalen Erlebnisse des Tages. Dann kam jene Nacht, in der sie einen unendlichen Roman träumte, und ihn erlebte sie eben mit diesem schönen jungen Mann, der schon ein Jahr lang direkt unter ihr schlief.
Es geschah am Ende eines lauen Sommerabends, als er ihren Vater und sie zum Abendessen zu den Malešíks einlud und später allein mit ihr unter dem Kastanienbaum sitzen blieb. Die Gäste verschwanden, auch Doktor Schön ging schlafen, doch sie beide bekamen vom Wirt eine neue Flasche mit der üblichen Bitte, anschließend das Licht zu löschen, das Tor abzuschließen und den Schlüssel in den Briefkasten zu werfen. Damals versuchte er, für einen Marxisten überraschend, sie von ihrer Unsterblichkeit zu überzeugen.
»Vor dem Tod, Rosi, müssen Sie sich nicht fürchten, weil es ihn nicht gibt! Alles, was wir gerade leben, scheint uns nur so. Ihnen Ihr Leben, mir das meinige, wir beide also träumen auch von uns beiden. Wenn wir zu Ende geträumt haben, erwachen wir in unserem ewigen Leben, das uns, wenn wir es wollen, wieder einen neuen Traum anbietet.«
Bei der Rückkehr nach Hause küsste sie ihn unter der Treppe das erste Mal. Es war zwar nur ein Gutenachtkuss, doch er kam daraufhin in ihre kleine Dachkammer, entjungferte sie zärtlich, befruchtete sie, brachte selbst ihr hübsches Mädchen zur Welt und fragte, ob sie noch ein weiteres Kind haben wolle, und als sie freudig zustimmte, schenkte er ihr einen genauso hübschen Jungen und zum Schluss noch ein wunderschönes Pärchen, und all diese wunderbaren Kinder liebten und achteten sie beide, und ihr Jaromír liebte und achtete auch sie, und dann waren sie alt und immer noch genauso verliebt und durch diese Liebe wahrhaft unsterblich ...
Dieser Traum aller Träume, den sie über Jahre zu träumen glaubte, bewirkte, dass sie ihn bald darauf heiratete, ihm ein totes Kind gebar, ihn wegen des Verrats seiner Ideale verließ, er sich vor Sehnsucht zu Tode trank und sie aufhörte, an ihre Träume zu glauben.
6
In dieser Nacht träumte sie von nichts. Am Morgen kamen zwei Frauen, angeblich Mutter und Tochter, die von den Waden bis zu den Schultern wie übervolle Mehlsäcke aussahen, um den Professor und seine Sachen abzuholen. Gegenüber der Schönen Frau verhielten sie sich so wie zu einer Bordellbesitzerin, doch ihr tat der Feigling leid, weil er wahrscheinlich bereits seinen tragischen Irrtum begriffen hatte und sich lieber den türkischen Messern ausgesetzt hätte. Es war jedoch, wie er sagte, posdno, zu spät! – seine Würfel waren auf ewige Zeiten falsch gefallen. Als das alte Vehikel um die Ecke quietschte, verbannte sie den Unglückseligen aus ihrem Kopf; ihre Mutter hatte sie mit ihrem Tod bereits als Kind eine Lebensweisheit der Erwachsenen gelehrt, dass das, was geschehen ist, man nicht ungeschehen machen kann, man muss es am besten abwerfen, wie den Ballast eines Luftschiffes.
Noch einen Tag zuvor hatte sie vor dem Einschlafen die Zeitung aufgeschlagen und sich die Adresse eines Maklerbüros eingeprägt, das darin die größte Annonce einnahm. Jetzt brachte sie im Bad ihre Augen in Ordnung, die aus Wehmut doch etwas feucht geworden waren, und überprüfte, ob sie für ihre Mission angemessen angezogen sei. Der Rock ihres Frühlingskostüms reichte bis zur Hälfte der Knie, und sie freute sich, dass sie es ruhig auch in diesem Jahr würde tragen können. So kleine Eitelkeiten halfen ihr über große Hindernisse.
»Valtr«, sagte sie auf der Treppe zu ihrem Liebling, der sich wie immer nicht bequemt hatte, ins Erdgeschoss hinabzufliegen, sondern ihre Schulter als Aufzug genutzt hatte, »liebes Valterchen, heute bist du zum ersten Mal ganz allein im Haus, ich schließe dich ordentlich ein, doch du musst mir versprechen, dass du niemandem öffnest, auch wenn er dieselbe Stimme haben sollte wie ich, versprichst du mir das?«
»Soforrrt, Herrr Karrrl!«, krächzte Valtr; manchmal kehrte er greisenhaft in seine Muttersprache Deutsch zurück, die er wahrscheinlich zusammen mit dem Futter von seinem ersten Herrchen aufgeschnappt hatte.
»Ich bin deine Rosa und ich verspreche dir dafür, dass ich einen Untermieter mitbringe, der nicht so ein Feigling ist wie der Herr Hedvábný und der weder Türken noch sonst jemanden fürchtet.«
»Rrrrosa, an die Arrrbeit!«, murmelte Valtr und flog auf den Küchenschrank, um zu schlafen.
Die Agentur hatte ihren Sitz auf der Hauptstraße und war größer als die Post in S. Die Schöne Frau holte sich am Eingang eine Nummer, konnte sich aber nicht näher umschauen, denn es blinkte schon über einer der gläsernen Kojen. Der ältere Angestellte war wohl eine Aushilfe aus Prag, denn er kannte sie nicht. Er fragte sie nach ihrem Namen, betrachtete mit geübtem Blick die Pläne und Fotos des Hauses und strahlte dann nur noch.
»Schön, sogar sehr schön, und wahrscheinlich gemütlich, gnädige Frau, loben muss ich auch die veranschlagte Miete, Hauseigentümer sind heute alle recht unverschämt.«
Er schaltete den Computer an und drehte den Monitor zu ihr, damit sie verfolgen konnte, was er tat.
»Ich habe hier mehrere solvente Interessenten für eine gute Untermiete, alle Ihre Klasse, Gnädigste, ausländische Developer oder einheimische Topmanager!«
Dabei tippte er blind auf der Tastatur, weil seine Augen an ihr hingen. Wenngleich er eine Frau im späten Alter sah, verfiel er ihrem Zauber wie so viele vor ihm. Er verglich sie mit seiner jungen Frau, und sein Verstand konnte vor Traurigkeit die Finger nicht mehr befehligen. Da sie an ähnliche Reaktionen gewöhnt war, lächelte sie nett, und er vergegenwärtigte sich, dass er nicht wusste, was er schrieb, dass er schon zu lange schwieg und vielleicht sogar rot geworden war. So begann er schnell zu sprechen.
»Ja, Topmanager ... und Topdev ... und überhaupt Top ... also ... entschuldigen Sie, ich ... ich habe noch keine Objektadresse eingetragen ... wo liegt die Immobilie eigentlich?«
Es kam ihm zupass, seinen roten Kopf in den Unterlagen vergraben zu können, doch nun erbleichte er.
»Das ist doch wohl nicht ... das kann doch nicht sein ... einen Moment, gnädige Frau ...«
Er tippte ein paar Sekunden gezielt, und auf dem Monitor erschien ein bunter Stadtplan von S., auf dem sich ein weißer Pfeil bewegte. Die Kreise wurden enger, bis der Pfeil in einer rot eingefärbten Zone stehen blieb. Der Makler sah jetzt aus wie ein Arzt, der seinem Patienten eine bösartige Krankheit mitteilen muss.
»Das ist ... das ist leider ... gnädige Frau, Sie belieben in Kleinasien zu wohnen?«
Als ihm ihre verwirrten Augen sagten, dass die reizende Dame keine Ahnung hatte, klärte er sie auf.
»Unsere Gebiete sind nach der Verkäuflichkeit der Immobilien eingefärbt, grün sind die gefragtesten, über blau und gelb bis hin zu rot, den unverkäuflichen. Als Kleinasien bezeichnet man hier in der Branche das dunkelrote Gebiet, und das ist, gnädige Frau, eben Ihres ...«
»Entschuldigen Sie!«, endlich kehrte ihr das Blut in den Kopf zurück und damit auch die Sprache, »all diese Häuser auf unserem Platz und in den angrenzenden Straßen wurden in der ersten Republik von Bankiers, Anwälten, Künstlern und anderen Zelebritäten errichtet, auch mein Vater war ein bekannter Arzt!«
Er wollte Mitleid zeigen, doch er musste unbarmherzig sein, auch mit einem netten Tonfall zerstörte er die Hoffnung.
»Das ... war einmal, gnädige Frau, schauen Sie, ich mache Ihnen einen Ausdruck ... das sind die Angebote aus Ihrer Umgebung, die schon monatelang nicht weggehen. Es sei denn, was ich Ihnen empfehlen würde, dass Sie das Haus verkaufen und sich ein anderes woanders suchen. Das Problem ist dann aber immer noch der Preis, doch bei vernünftigen Vorstellungen finde ich sicher jemanden ... gerade vor einer Woche hat sich hier ein Levantiner gemeldet, dass er sich gern unter die Seinen einkaufen würde!«
Sie schaute ihn prüfend an, als könne sie in seinen Augen Ironie finden, doch er war sichtlich bereit, alles für sie zu tun, damit sie ihn wertschätze.
»Verraten Sie mir«, sagte sie, »bin ich hier wirklich in meinem Böhmen?«
Um sie zu beruhigen, rief er mit dem Finger auf dem Bildschirm eine weitere Spalte mit Namen und Zahlen auf.
»In dieser Datei, schauen Sie, gnädige Frau, habe ich wiederum viele erfolgreiche Leute von hier, die schon so viel verdient haben, dass wir für sie teure Immobilien in Kroatien, Spanien, Portugal und sogar in Florida suchen! Wir Tschechen sind im ehemaligen Osten die Zweitplatzierten hinter den uneinholbaren Russen, die jetzt gerade den Rest von Karlsbad aufkaufen, um etwas zu haben, wo sie von Las Vegas aus übers Wochenende hinfliegen können.«
Als sie ihre Unterlagen ordnete, um sie wieder einzustecken, zitterten ihr die Hände. Und als sie sich erhob, stand auch er auf, um sich nicht im Sitzen zu verabschieden. Dabei fügte er hinzu:
»Früher hat man diese Erscheinung Völkerwanderung genannt, heute nennt man sie Globalisierung ...«
Zurück fuhr sie wie im Trance. Als sie vor dem Haus ihren Schlüssel lange nicht in der Handtasche finden konnte, bemerkte sie, dass sie beobachtet wurde. Die Vietnamesen unterbrachen den Verkauf, der Bosnier stand neugierig neben seinem Grill, die Türken im Hof des Gasthauses hörten mit dem Messerwerfen auf, und die kleinen Roma warteten mit dem Abstoß ihres Lumpenballs vor dem Tor, dessen rechte Stange der Abfallcontainer und die linke die ehemalige Gottesmarter ohne den geklauten Johann bildeten. Nachdem sie endlich mit dem hervorgefischten Schlüssel aufgeschlossen hatte, flüsterte sie mit Dante:
»Lasst, die ihr eintretet, alle Hoffnung fahren ...«
7
Auf den Friedhof ging sie erst am darauffolgenden Freitag, doch dafür wollte sie länger dort sitzen, um ihre beiden Toten für den Besuch zu entschädigen, den sie beim letzten Mal hatte abbrechen müssen, als der dramatische Exodus der Tschechen vom kleinen Platz kulminiert hatte. Sie setzte sich zuerst auf die kleine Bank am linken oberen Ende des Areals gegenüber dem einfachen Grabstein mit der vergoldeten Aufschrift MUDr. Otomar Schön und den Lebensdaten 1907–1992. Ihre Mutter Ludvíka hatte ihr Vater während des Krieges in Prag auf dem Vyšehrad bestattet, und bei seiner Rückkehr nach S. hatten seine Tochter und er beschlossen, sie nicht aus dem Grab ihrer Eltern zu entführen.
Für die Schöne Frau war die Mutter eine stumme Erinnerung, die nur durch Schwarzweißaufnahmen aufgefrischt wurde. Doch sie war ihr so ähnlich, dass sie an ihr Weiterleben in ihrem eigenen Körper glaubte. Wenngleich sie schon fast ein halbes Jahrhundert älter war, als es das Schicksal ihrer Mutter vergönnt hatte, spürte sie deren Jungsein in sich und war ihr auf ewig für diese wunderbare Gabe dankbar. Doch sie hatte lange Zeit nichts, worüber sie mit ihr hätte sprechen können, alles Gute und Böse hatte sie seit ihrem Tod nur mit dem Vater geteilt.
»Grüß dich, Papa«, sagte sie im Geiste wie all die Jahre seit seiner Beerdigung, wenn sie die Grabpflege beendete, »Valtr grüßt dich auch und ich entschuldige mich, dass ich dich eine Woche lang habe warten lassen, weißt du, letzten Freitag hat sich unser Leben von Grund auf verändert, ohne Vorwarnung sind die Suchomels weggezogen, und auch Herr Hedvábný hat uns verlassen, er hatte so viel Angst vor dem fremden Element, dass er zu seiner fürchterlichen Frau geflohen ist, vor der er sich jahrelang bei uns versteckt hat, ich wollte einen Ersatz finden, damit Valtr und ich nicht allein dort wohnen, doch man hat mir gesagt, dass kein Tscheche zu uns ziehen wolle und unser Haus deshalb seinen Wert verloren hat, ja, Papa, der nette Ort, den du mir hast umbauen lassen, damit ich einen ruhigen Lebensabend habe, ist ohne Krieg von Asien erobert worden, das uns wohl so liebt wie die Hornisse eine Wespe, Papa, was sollen wir nur tun??«
»Rosalein«, sagte der Vater zärtlich, »auf meinen Verstand konntest du dich verlassen, solange es um Dinge ging, die ich kannte, ich wusste, was zu tun war, wenn uns wie immer mal wieder die Deutschen überfallen hätten, mit den Türken habe ich schon lange nicht mehr gerechnet, und mit den Asiaten, wie ich zugebe, überhaupt nicht.«
»Danke, Papa«, darauf die Schöne Frau, »ich frage noch den Jaromír, und wenn auch er mir nicht raten kann, werde ich das irgendwie selbst klären, schlimmstenfalls überzeuge ich mich davon, dass Doktor Julek Mádr Valtrs Zukunft zuverlässig abgesichert hat, und lege mich dann hierher zu dir, ich hab, sage ich dir ehrlich, von allem langsam die Nase voll!«
Als sie in die rechte untere Ecke des Friedhofs kam, setzte sie sich auf die kleine Bank gegenüber dem Grabmal mit der versilberten Aufschrift MUDr. Jaromír Čech und mit den Lebensdaten 1928-1975.
»Grüß dich, Jaromír«, sprach sie, »es tut mir leid, dass ich vor einer Woche nicht hier war, aber Valtr und ich haben hässliche Dinge erlebt, die Suchomels sind vom Platz fortgezogen und von uns der Herr Hedvábný, er hat wegen all dieser neuen Barbarenvölker einen solchen Schreck bekommen, dass er lieber zu seiner Familie zurückgekehrt ist, vor der er jahrelang ausgerissen ist, was ich verstanden habe, als sie ihn holen kam, ich habe geglaubt, dass ich für die Wohnung, in der ich mit dir gewohnt habe und du auch gestorben bist und die Papa dann so schön wieder emporgebracht hat, einen dankbaren Mieter finde, doch Irrtum, Tschechen haben dort Angst, ich langsam auch, und das Haus verkauft sich angeblich nicht mal für einen Bruchteil des Preises, ich weiß nicht, was ich tun soll, und Papa auch nicht.«
»Rosi«, sagte ihr Mann, »ich hatte Angst, als du letzte Woche nicht gekommen bist, dass du mich für immer verstoßen hast, und nun bin ich glücklich, dass deine Güte weiter andauert, ich weiß nur allzu gut, wer daran schuld ist, dass du jetzt alles allein durchstehen musst; wenn mir nicht ein böser Dämon eingeflüstert hätte, dass ich in dieser ekelhaften Partei bleiben soll, in die die Übeltäter von jenem Abfallhaufen der Geschichte zurückgekehrt sind, auf den wir Unschuldige geschickt haben, würde ich mich bis heute in deiner Liebe sonnen und du hättest in mir eine Stütze, doch es hilft kein Was-wäre-wenn, die Toten wissen das am besten, aber weil du mich nicht verlässt, verlasse ich dich auch nicht, geh nach Hause, Rosi, und schreib kein Testament, sondern weil du so schön schreiben kannst, hänge am Haus ein gut lesbares Plakat auf, dass du eine preiswerte Wohnung vermietest, damit dich der, den ich für dich finde und dir schicke, nicht so lange suchen muss, lauf, meine Seele, lauf und habe mich dafür wieder gern, auch wenn ich nur ein Feigling war.«
»Ich danke dir, Jaromír«, sagte die Schöne Frau darauf, »ich weiß zwar nicht, wen die Schritte zu uns nach Kleinasien führen sollten, aber ich versuche es auf jeden Fall, das nächste Mal erzähle ich dir, was daraus geworden ist, und falls nichts, dann werde ich meinen angeborenen Herzfehler aktivieren und zu euch kommen, tschüss.«
Auf dem Weg kaufte sie sich zwei Zeichenblätter, falls eines nicht gelänge, doch gleich das erste wurde gut – Möblierte wohnung preiswert zu vermieten! Als sie es an das Tor des Vorgartens hängte, verspürte sie einen Schlag im Rücken. Sie drehte sich um und sah, wie ein von ihr abgeprallter Ball fortrollte. Die kleinen fußballernden Roma an der geschändeten Gottesmarter standen da wie versteinert, auch die türkischen Jugendlichen, die im Hofe Messer warfen und die Vietnamesen mit ihrem Gemüse und der Bosnier am Kebap. Sie wollte aufschreien und schreien und schreien, doch ihre Stimme hatte mehr Verstand als sie, sie begriff, dass sie hier lächerlich klingen würde, und so blieb sie lieber in der Kehle.
Kaum hatte sie die Haustür hinter sich zugeschlagen, landete Valtr auf ihrer Schulter, um bequem ins Obergeschoss hinaufzufahren. Sie streichelte sein gesträubtes Gefieder und klagte.
»Die zwei auf dem Friedhof haben gut reden, doch was bleibt uns Lebenden, mein kleiner Liebling?«
»Rrrrum!«, krächzte Valtr, aus ihrer bebenden Stimme ihren Seelenzustand ablesend.
Gehorsam goss sie sich ein Gläschen ein und trank in kleinen Schlucken. Da klingelte unten blechern die Klingel. Sie war so in Gedanken versunken, dass sie es nicht wahrnahm.
»Wenn ich dich nicht hätte, wüsste ich, wie es weitergeht, ich habe keine Freude mehr am Leben, weißt du? Meine einzige Sorge wäre, ob ich mich zu Papa oder zu meinem Mann legen sollte. Ersteren habe ich mehr gebraucht, der andere braucht mehr mich. Was erwartet mich denn noch in dieser entfremdeten Gegend? Doch solange du hier bist, muss ich auf dich achtgeben, mein Liebster!«
»Schrrreck, Rrrrosa!«, krächzte ihr Liebling und tauchte seinen Schnabel in ihren Rum.
Sie trank ein zweites Glas und überhörte auch das zweite Läuten. Valtr begann wütend mit den Flügeln zu schlagen, bis sie, als sie sich wieder ein Glas eingoss, erschrak. Sehr gelungen ahmte er das Klingelgeräusch nach. Deshalb hörte sie es beim dritten Mal selbst.
»Wer kann das nur sein ...?«
»Herrr Karrrl, Herrr Karrrl!«, freute sich Valtr und wollte ihn zusammen mit ihr begrüßen.
»Dein Herr Karl erwartet dich sicher im Himmel. Jetzt bleibst du erst mal hübsch hier.«
Sie zeigte auf den Käfig. Er segelte beleidigt davon und war sehr verärgert.
»Krrruzitürrrken! Valtrrr Grrraf!«
Sie eilte die steile Treppe hinab, als es wieder lange klingelte. Durch das Guckloch in der Tür erblickte sie einen fremden Mann.
8
Sie öffnete nur, so weit es die Sicherheitskette zuließ. Der Fremde war etwas älter als sie, noch ein recht stattlicher Mann. Das Gesicht mit dem mächtigen, aber gepflegten Schnurrbart war fest, die dunklen Augen unter der schwarzen Mähne ohne graue Strähnen strahlten innere Kraft aus. Er trug einen dunklen, etwas abgetragenen Anzug, auf dem Kopf einen breiten Hut und in der Hand eine altmodische Aktentasche, was es ihr erlaubte, ihn einzuordnen. Jaromír hatte für sie einen ehemaligen Versicherungs- oder Staubsaugervertreter auferstehen lassen, wie sie sie noch aus ihrer Kindheit vor dem Krieg kannte. Der Fremde bestätigte ihr dies mit einer Frage auch selbst.
»Guten Tag, Madame, erlauben Sie, dass ich Sie einen kleinen Moment belaste?«
Sein Tschechisch war so altmodisch wie die Aktentasche, und sie entgegnete energisch, aber höflich, wie es ihr der Vater beigebracht hatte, der meinte, jedes Geschöpf habe eine verletzliche Seele.
»Ich kaufe nichts mehr, denn ich habe alles, und versichert bin ich auch gegen alles.«
Da war sie sich schon sicher, dass er kein Tscheche war, und konnte sich einen ironischen Seitenhieb nicht verkneifen.
»Wenden Sie sich lieber an Ihre eigenen Leute, hier in der Gegend wohnen mehr als genug davon!«
Sie schlug ihm die Tür vor der Nase zu und musste lachen, wie ernst sie Jaromírs Versprechen genommen hatte, das sie sich doch auf dem Friedhof selbst ausgedacht hatte. Doch ehe sie an der Treppe angekommen war, klingelte es wieder, diesmal sogar dreimal scharf. Sie dachte einen Augenblick nach, doch dann zwang sie ihr plötzliches Gefühl der Enttäuschung, die Tür erneut bis zum Kettenanschlag zu öffnen, um dem Störenfried etwas Gepfeffertes entgegenzuschleudern. Doch der Fremde hatte in der Zwischenzeit seinen breitkrempigen Hut abgenommen und zeigte entschuldigend auf ihn.
»Verzeihen Sie mir meine Unhöflichkeit von vorhin, bei uns zu Hause sind wir es nicht gewohnt, den Hut zu lüpfen.«
Sie verstand dies allerdings als Routinetrick eines gewieften Handelsreisenden.
»Mein Herr, ich habe Ihnen doch schon sehr deutlich gesagt, dass ich überhaupt nichts brauche!«
»Aber ich biete Ihnen doch überhaupt nichts an, Madame, ich will doch nur bei Ihnen Unterkunft ...«
Und er zeigte auf das Plakat, das sie vor einer Weile aufgehängt hatte. Sie war verwirrt.
»Na ... hier aber ... hier ist doch keine Gemeinschaftsherberge ...«
»In der will ich eben nicht mehr verbleiben, weshalb ich eine solide Untermiete suche.«
»Das ist allerdings ... ich denke nicht, dass Sie ... es ist nicht gerade eine billige Wohnung ...«
»Wie viel kostet sie?«, fragte er einfach, so als sei er gekommen, um sich eine Kinokarte zu kaufen.
Es gab kein Entrinnen. Sie musste antworten. Zumindest schob sie es mit der nächsten Frage hinaus.
»Sie sind ... sind ... Sie sind direkt in unserer Stadt tätig ...?«
»Ja, schon lange, ich bin Polier, wissen Sie?«, und als er sah, dass sie es nicht verstand, erklärte er es, »ich bin Vorarbeiter bei einer großen Baufirma. Habe festes Gehalt. Darf ich die Wohnung sehen? Madame, Sie brauchen sich vor mir nicht ängstigen, alle hier sehen doch, dass ich bei Ihnen klingelte!«
Sie blickte hinter ihn. Die Erwachsenen und die Kinder auf dem kleinen Platz schauten schon wieder neugierig hierher. Es war ihr auf einmal peinlich, dass sie mit ihm in der Tür verhandelte, und so forderte sie ihn auf einzutreten.
Trotz allem fühlte sie sich nicht wohl in ihrer Haut, als sie ihn über den unteren Flur führte und die Wohnung aufschloss, in der jahrelang Herr Hedvábný gelebt hatte. Der Fremde aus einem bisher noch unbekannten Land überraschte sie dann das erste Mal, als er auf der Schwelle stehen blieb und höflich an den Türrahmen klopfte, ehe er eintrat. Mit einer kurzen Erklärung zeigte sie ihm die Kochnische, öffnete die Tür zum Schlafzimmer und dann auch zum Bad mit Toilette. Dort berührte er die Spülkette und fragte.
»Darf ich einmal ...?«
Als sie wieder überrascht nickte, zog er fast feierlich an der Kette und verfolgte erfreut das Wasser, wie es schnell in die weiße Schüssel schoss. Dann drehte er sich zu ihr um.
»Dies ist fürwahr eine hübsche Wohnung. Kann ich sie also mieten?«
»Sie wissen doch immer noch nicht, wie viel sie kostet!«, wandte sie ein, immer verwirrter.
»Das weiß ich nicht, aber ich ahne, dass der Preis davon abhängt, ob Sie mich hier wollen oder nicht.«
Die Schöne Frau erschrak, dass ihr Gesichtsausdruck verraten haben mochte, was sie dachte.
»Wie meinen Sie das, ob ich Sie hier will oder nicht ...?«
»Bisher war das bei mir immer so, wo ich persönlich vorstellig war. Heute lief ich zufällig an Ihrem Haus vorbei, aber früher habe ich verschiedene Wohnungsfirmen und auch Inserate ausprobiert. Jede Wohnung war zu haben, solange man mich nicht gesehen und gehört hatte. Aber ich verstehe das und bin auch gar nicht böse. Bei uns daheim hätten Tschechen dasselbe Problem. Die Menschen sind einfach so. Alles, was anders ist, schreckt.«
»Woher kommen Sie?«, fragte sie, weil sie der seltsame Mann faszinierte.
»Eigentlich von nirgendwo. Ich bin Kurde, und Kurden haben vier Orte, wo sie zu Hause sind, die Türkei, den Iran, den Irak und Syrien, also keine Heimat, aus jedem werden sie Knall auf Fall, wie Sie sagen, in den nächsten geschickt. Und wenn sie alles ausprobiert haben, bleiben sie, wohin der Zufall oder die Gelegenheit sie brachte.«
»Und ... und sind Sie ...«, sie brach ab, beendete dann aber den Satz, »Moslem?«
»Wie man bei Ihnen sagt, jein!« Sein Lächeln ließ Zähne wie Reißzähne aufblitzen, – »ich bin gläubig, damit Allah es sieht und nicht sein Personal, das oft meint, an seiner Statt das Reich zu verwalten, in dem Gläubige Leibeigene sind ... so heißt das doch, oder?«
»Ja ... und wie kommt es, dass Sie so gut Tschechisch sprechen?«
»Ich wollte nicht immer der Blöde bleiben, und so habe ich es vom ersten Tag gelernt. Für Ausländer sind die Kurse hier kostenlos, warum also sollte ich meine Abende in Kneipen leben?«
Die Schöne Frau schüttelte über alles, was sie gehört hatte, nachdenklich den Kopf.
»Haben Sie denn keine Familie?«
»Nein ... ich bin schon sehr lange Witwer.«
»Aber Kinder haben Sie doch? Oder Enkel?«
»Die sind ...«, er suchte angestrengt nach einem Wort, »entsetzlich weit weg.«
Im selben Atemzug wechselte er das Thema.
»Eben weil ich allein bin, möchte ich meine Zeit mit Lernen verbringen, und das geht in der Gemeinunterkunft nicht, die Leute streiten sich dort und rauchen und ... waschen sich nicht. Deshalb suche ich schon lange eine Untermiete, wie Ihr Aushang verspricht, und bin bereit, anständig dafür zahlen, solange es in meiner Macht steht. Sagen Sie mir nun, wie viel mich das hier kostet?«
Endlich war ihr Gedanke gereift, der ihr schon lange auf den Lippen lag.
»Und sind Sie hier ... danach muss ich leider fragen! Sind Sie legal bei uns?«
»Natürlich, Madame! Sonst hätte ich es doch überhaupt nicht gewagt, Sie zu belasten!«
Als hätte er darauf gewartet, öffnete er die Aktentasche und zog daraus Papiere hervor, doch da erschien ihr ein Gespräch im Stehen bereits würdelos. Wenn dieser Mann nicht aus der Totenwelt gekommen war, dann doch dank ihrer fixen Idee, die durch den Zufall Wirklichkeit geworden war und den man nicht wegwerfen durfte. Sie hörte sich zu ihm sagen:
»Gehen wir doch hinauf in den Salon ...!«
9
Auf der Treppe beschleunigte sie den Schritt, und so kam sie rechtzeitig, um die Karaffe mit dem Rum wegzustellen. Sie wollte nicht, dass dieser solide aussehende Mann einen schlechten Eindruck von ihr bekam. Dann setzte sie sich an den altertümlichen Tisch, bot ihm einen Stuhl an und schaute die Papiere durch, die er aus der Aktentasche genommen und bereitwillig wie einen Fächer vor ihr ausgebreitet hatte. Obenauf lagen zwei Briefe mit Stempeln.
Die Ausländerpolizei in Prag bestätigte, dass Herr ... der ungewöhnlich klingende Name entfiel ihr gleich wieder ... geboren am elften Dezember neunzehnhundertdreißig in ... den Namen des Ortes voller Umlaute übersprang sie gleich ... über eine zweimal verlängerte, zeitlich begrenzte Aufenthaltsgenehmigung verfügt, die immer noch gültig ist. Die Aktiengesellschaft Hejkal and Hejkal teilte to whom it may concern, was die Schöne Frau als englische Form der Anrede aller, die etwas betreffen sollte, kannte, mit, dass Herr ... den Namen überflog sie wieder nur ... ihr ständiger Mitarbeiter sei, der die verantwortungsvolle Funktion eines Vorarbeiters auf dem Bau eines Multifunktionszentrums in S. zur vollen Zufriedenheit der Firmenleitung ausübe und sich des Vertrauens aller erfreuen dürfe, bei denen er um eine Untermiete ersuche, Ing. Unterschrift unleserlich, aber irgendwie im Unterbewusstsein bekannt.
Der Fremde hatte inzwischen den Käfig entdeckt und spitzte die Lippen zu einem unhörbaren Pfeifen. Valtr beobachtete ihn sehr konzentriert aus seinem Bad. Der Mann wiederholte die Aufforderung. Valtr versuchte seinen Schnabel ebenso zu spitzen, was ihm allerdings nicht gelang, dafür aber ahmte er sehr gelungen den stummen Ton nach. Nach einem weiteren leisen Signal sprang er sogar vom Bad auf die Schwelle der geöffneten Käfigtür herab. Hätte dies die Schöne Frau gesehen, hätte sie der Verdacht beschleichen müssen, dass sich hinter ihrem Rücken zwei Verschwörer zusammengetan hatten.
Sie nahm dieses Spiel nicht wahr. Sie las zu Ende und war trotz ihrer Zweifel entschlossen. Wenngleich sie wusste, dass diesen Mann hier kaum der verstorbene Jaromír geschickt haben konnte, war ihr klar, dass sie jetzt nicht mehr Nein sagen konnte, wenn sie sich nicht vor sich selbst schämen wollte. Abbringen konnte ihn nur noch der Preis, der für den Vorgänger sehr barmherzig gewesen und der für die Verhältnisse des Nachfolgers hoffentlich zu hoch war. Sollte er selbst entscheiden! Sie stand also auf, ging zum Sekretär, nahm ein Heft aus der Schublade, in das sie all die Jahre sämtliche Zahlungen des Herrn Hedvábný eingetragen hatte, und legte es dem Fremden vor.
»Damit Sie wissen, dass ich keinen Unterschied mache: Diesen Betrag hat mir monatlich der tschechische Untermieter gezahlt, der gerade ausgezogen ist. Mit dem normalen Frühstück wären das auch für Sie noch einmal tausend Kronen mehr.«
»Nein, nein!«, der stattliche Mann schien vor Schreck kleiner geworden zu sein, »ich komme auch ohne ...«
»Ich zwinge Sie keinesfalls dazu«, beeilte sich die Schöne Frau zu sagen.
Sie war sich sicher, dass er sich endlich verabschieden würde. Doch er zog ein kleines Notizbuch mit einem Stift aus der Tasche und rechnete etwas, wobei er tonlos die Lippen bewegte. Endlich blickte er auf.
»Auch so ist das recht ... viel ...! Wenn ... wenn Sie, Frau Čechová, nenne ich Sie richtig? Wenn Sie etwas mit Preis unten gehen, kann ich Ihnen vielleicht helfen.«
»Wobei ...?«, das unerwartete Angebot überraschte sie.
»Vielleicht bei allem. Ja, das Leben hat mich gelehrt, mich in vielen Arbeiten auskennen, ich beherrsche, wie Sie hier sagen, neunerlei Handwerk, das die zehnte Not vertreibt.«
»Ach so ...«, endlich hatte sie einen guten Grund, den Besuch zu beenden, ohne dass die Ursache bei ihr gelegen hätte, »wissen Sie, ich muss Barzahlungen den Vorrang geben, wie das, Sie sehen es hier, auch ihr Vorgänger getan hat. Also leider ...«
Er aber reagierte darauf sofort mit einer energischen Bewegung seines Stiftes im Notizbuch.
»Nein, nein, das ist in Ordnung. Ich habe die Colas gestrichen. Ich werde Wasser trinken, es ist mehr gesund und gleich geht die Rechnung auf. Ich nehme die Wohnung ohne Frühstück, doch die Miete zahle ich im Voraus. Abgemacht?«
Er streckte ihr die Hand hin, zog sie aber sofort zurück und entschuldigte sich von neuem.
»Ich habe wieder vergessen, dass bei Ihnen eine Frau die Hand reichen muss. Ich kenne hier noch wenige, wissen Sie? Im Prinzip überhaupt keine, die haben Fremde von dem Teil der Welt, woher ich komme, nicht sonderlich gerne. Also schlagen wir ein oder soll ich irgendetwas unterschreiben?«
»Aber ich ...«, sogar mit einer kleinen Lüge ging sie in ihre nächste Position, »für den Fall, dass meine Verwandten hier einziehen wollen, gebe ich meinen Mietern nur eine einmonatige Kündigungsfrist ...«
»Da habe ich überhaupt keine Angst«, rief er aus, »Sie werden sicher mit uns zufrieden sein!«
»Mit uns ...?« Sie verstand nicht, »sind Sie denn hier nicht allein ...?«
»Das wollte ich gerade noch sagen. Ich habe so ein hübsches Tierlein, mein Enkel hat es mir als Glücksbringer geschenkt ... In der Gemeinschaftsunterkunft lieben es alle, es wird denen fehlen, sicher wird es auch Ihnen gefallen!«
»Einen Moment!«, sie wollte sich nicht weiter einlullen lassen, »was für ein Tier?«
»Ein kleines, schönes und für mich sehr teures. Ein Kater aus Persien ...«
Er hatte wahrscheinlich schon begriffen, dass das ein Problem sein würde: die Schöne Frau bekam einen richtigen Schreck.
»Aber ich habe doch einen Papagei, sehen Sie denn das nicht?«
»Doch ...«, versuchte er sie zu überzeugen, »also mögen Sie Tiere ...«
Doch für Sie war bereits alles entschieden. Jaromír war schuld, dass sie sich vor Traurigkeit über seinen Verrat des in anderer Weise verlassenen Valtrs angenommen hatte, Jaromír hatte kein Recht, ihr jetzt seinen Mörder zu schicken. Endlich hatte sie einen guten Grund, diesen seltsamen Besuch zu beenden.
»Das ist absolut ausgeschlossen! Mein Valtr hat im Leben keine Katze gesehen, sicher würde er vor Angst sterben! Außerdem ist er es gewohnt, im ganzen Haus herumzufliegen!«
»Alibaba tut ihm nichts, ich gebe Ihnen darauf mein ehrliches Wort! Er hat weder bei uns noch hier irgendeinem Vogel ein Haar gekrümmt!«
Doch sie hatte schon ihr Heft zugeklappt, den Fächer seiner Dokumente zusammengelegt, war aufgestanden und drängte sie ihm zusammen mit der Aktentasche auf, die er bei seinem Eintreten artig auf einen freien Stuhl gestellt hatte.
»Es tut mir sehr leid, Herr ... Herr ... ach, das ist doch jetzt egal. Außerdem habe ich selbst schon immer Angst vor Katzen, ja, umso mehr kann ich Valtr verstehen, und ich muss Sie bitten, in unserem Land, wenn Sie hier leben wollen, neben, ihnen bereits bekannten Bräuchen auch das Recht jedes Hauseigentümers anzuerkennen, nur denjenigen aufzunehmen, den er auch will. Bitte ...!«
Auch der Fremde stand auf und wirkte so zerknirscht, dass er ihr fast schon wieder leid tat. Sie musste sämtlichen Willen zusammennehmen, um unerbittlich vor ihm her zur Treppe zu eilen, die nach unten führte. In diesem Moment bekam sie sogar Angst vor seiner Kraft, er folgte ihr jedoch ohne Widerspruch. Sie trat auf die erste Stufe, als sie ohne Vorwarnung, entweder aus Aufregung oder wegen des Rums, das Gleichgewicht verlor und böse bis ins Erdgeschoss stürzte. Ihr Schrei verschmolz mit dem Krächzen des Papageis, der in einem verlangsamten Flug ihren steilen Fall verfolgte.
»Rrrosa, Schrrreck! Schrrreck Rrrosa! Rrrosarrrosa!«
10
Dieses Bild prägte sich der Schönen Frau so ein, dass es sie bis in die Bewusstlosigkeit begleitete: Ihr Liebling Valtr, so klein und zerbrechlich, verlassen, ohne Hilfe auf der groben Schulter des dunklen Fremden, der zum absoluten Herrn über ihre Wohnung geworden war. Mit dem Gefühl verzweifelter Ohnmacht fiel sie also in die Umnachtung. Als sie wieder aufwachte, beugte sich das runde Gesicht einer Krankenschwester in weißer Tracht über sie, doch auch die Verzweiflung kehrte zurück.
»Polizei«, stieß sie hervor, »war die Polizei schon da? Wenn nicht, rufen Sie sie!«
»Sie sind im Krankenhaus, Frau Čechová, Sie sind bei uns in Sicherheit. Was soll die Polizei hier?«
»Sie muss einschreiten! In meiner Wohnung ist ein Fremder geblieben. Vielleicht hat er mich schon ausgeraubt!«
»Beruhigen Sie sich, Sie haben das nur geträumt. Unser Herr Chefarzt – Sie kennen sich wohl recht gut – hat Ihnen ein Schmerzmittel gespritzt, damit Ihnen nichts weh tat, als wir Sie beim Röntgen hin und her bewegten. Sie hatten wirklich Glück, es sind nur Prellungen. Ein paar Tage werden Sie noch hier bleiben, zwei Wochen zu Hause herumhumpeln, dann können Sie wieder über Pfützen springen.«
»Aber ich muss sofort nach Hause! Ich weiß doch gar nicht, was mit Valtr ist!«
»Ach, der ist mit Ihrem Ausweis zurückgekehrt, und darin haben wir auch einen Vermerk gefunden, dass Sie Anspruch auf Klasse haben. Sie sind also hier, und er wartet seit geraumer Zeit auf dem Gang, bis Sie aufwachen.«
»Wer wartet?«, immer noch kam sie sich benebelt vor, weil sie die Schwester nicht verstand.
»Na, Ihr Mann. Er ist Slowake, nicht wahr? Aber er spricht sehr gut Tschechisch. Wir waren alle gespannt auf ihn, weil Sie im Schlaf immerzu seinen Namen gerufen haben, aber jetzt wundern wir uns nicht mehr. Ein toller Kerl! Passt prima zu Ihnen ...«
Einen Anflug von Neid unterdrückte die beleibte Schwester mit einer Frage. »Ich kann ihn also reinlassen, nicht wahr! Damit Sie sich etwas freuen ...«
Schon stand sie in der Tür und antwortete sich eigentlich selbst. Die Schöne Frau ahnte schon schwach, wer eintreten würde, doch der Anblick des Fremden überraschte sie trotzdem. Den Mantel, den Hut und auch die Aktentasche hatte er offensichtlich auf dem Gang gelassen, dafür hielt er ein dickes Buch in der Hand, aus dem ein Lesezeichen herausschaute. Über seinem Handrücken konnte sie den ungewöhnlichen Titel lesen: Anatomie.
»So, Herr Čech«, sagte die Schwester, »nun ist es soweit, hier haben Sie Ihre schöne Gattin wieder, aber drücken Sie sie nicht allzu sehr, das könnte ihr weh tun.«
Mit diesen Worten war sie verschwunden. Neben Verzweiflung verspürte die Schöne Frau nun plötzlich ein starkes Unwohlsein, somit fauchte sie statt eines Grußes den Fremden gleich an.
»Wo sind meine Schlüssel? Sie müssen sie doch haben. Oder haben Sie das Haus nicht abgeschlossen?«
Er hielt den Bund jedoch in der anderen Hand und reichte ihn ihr schnell.
»Doch ... man hat mich nicht früher zu Ihnen gelassen ... ich habe gewartet, bis Sie aufwachen.«
Sie griff nach den Schlüsseln, als habe er sie ihr gerade entrissen, und sprudelte ihre Hauptsorge hervor.
»Und was ist mit Valtr? Ist er in Ordnung? Ist er in diesem Chaos nicht aus dem Haus entkommen?«
»Wer ...?«, fragte er, so als habe er von seiner Existenz keine Ahnung.
»Mein Valtr ...«, erschrak sie, erneut beschlich sie ein Verdacht, »ist ihm was passiert?«
»Niemand ist im Haus gewesen«, sagte er verschreckt, »ich habe alles dort durchgesucht ...«
Endlich begriff sie, dass dieser Name so wie die Schwester auch ihn in die Irre führte.
»Mein Papagei doch! Sie haben ihn doch gesehen! Ist er nicht weggeflogen, als man mich rausgetragen hat?«
»Das ist also Valtr?! Nein, bevor man Sie geholt hat, habe ich ihn in den Käfig zurückgebracht, Wasser nachgefüllt, auch Futter, und den Salon lieber abgesperrt, damit er sich in dem Chaos nicht verliert. Und als mir hier die Dame in Weiß sagte, dass man Sie hierbehalten wird, bin ich zurückgegangen, um zu schauen, ob eventuell in der Küche nichts angeschaltet ist. Tut mir leid, dass ich ohne Ihre Erlaubnis dort war ...«
Ihre Panik verflog, und das Unwohlsein wich dem Gefühl, dass sie ihm wohl eher danken sollte.
»Das haben Sie ... das haben Sie alles gut gemacht, auch das mit dem Ausweis, und ich bin Ihnen sehr verbunden, Herr ... wie heißen Sie nochmal?«
»Nennen Sie mich ruhig Kemal, das ist für Tschechen einfacher.«
Sie erinnerte sich an eine Wendung, die er bei seinem Besuch mehrmals verwendet hatte.
»Das gehört sich bei uns nicht, dazu kennen wir uns zu wenig.«
»Ja, entschuldigen Sie, ich habe wieder etwas vergessen ...«
»Gut, also Kemal ... das ist sicher der Vorname. Und weiter?«
»Kemal Ötcölan. Jedes o mit Umlaut, mein Großvater war Türke.«
»Ich verstehe ... dann danke ich Ihnen aufrichtig, Herr Etschelan.«
»Keine Ursache, eigentlich war es meine Schuld.«
»Wieso Ihre? Ich bin gestolpert und selbst gestürzt!«
»Sogar bei uns soll ein Mann vor der Frau die Treppe unter gehen, eben damit er sie auffangen kann. Aber ich habe es nicht gewagt, weil Sie gerade so gewütet haben.«
»Ich habe gewütet?«
»Nein, nein! Sie waren wütend! Diesen Fehler mache ich sehr oft.«
»Das weiß ich nicht mehr. Warum war ich ...?«
»Wegen meinem Alibaba ... weil Sie keine Katzen mögen.«
»Na, so was. Wahrscheinlich hat mich genau deshalb der Herrgott bestraft.«
»Das wäre nicht gerecht von ihm, weil Sie Vögel mögen ... und auch Fremde. Mit mir haben Sie geredet, als wäre ich ein Tscheche, das werde ich Ihnen nicht vergessen. Aber ... ich habe auf dem Gang noch etwas, halten Sie bitte aus!«
Er eilte fort, war aber einen kurzen Moment später mit ihrer Einkaufstasche zurück. Darin lagen auf dem sorgfältig zusammengelegten Morgenmantel Pantoffeln, in einer durchsichtigen Tüte, in der sie normalerweise Gemüse im Kühlschrank aufbewahrte, lagen eine Zahnbürste und Zahnpasta, in einer weiteren zwei Äpfel, die sie sich am Morgen für das abendliche kalorienarme Abendessen zurechtgelegt hatte. Sie schaute auf die unerwartete Ausstattung und wusste nicht, was sie sagen sollte. Er schon.
»Wenn etwas fehlt, kann ich noch mal bei Ihnen vorbeischauen, also ... wenn Sie mir vertrauen.«
»Nein, nein ... also ... doch, ich vertraue Ihnen, aber ich habe jetzt wirklich alles. Noch einmal vielen Dank, und ich wünsche Ihnen bei uns viel Glück.«
»Und ... haben Sie schon jemanden, der sich in der Zwischenzeit um Ihren Vogel kümmert?«
Nun schaute sie ihn an und spürte, wie ihr Herz höher schlug. Sie hätte natürlich Doktor Mádr anrufen können, damit er eine seiner Sekretärinnen schickte, um nach Valtr zu sehen, doch gleich stellte sie sich die Reaktion dieser aufgetakelten Blondinen vor, wenn er sich ihnen auf die Frisur setzen würde. Die erschrockene Frau Suchomelová hatte ihn beim ersten Mal mit ihren vom Harfenspiel harten Fingern so energisch weggescheucht, dass er eine Woche lang nicht fliegen konnte. Ihr Liebling hatte also keine andere Hoffnung zu überleben als diesen Fremden.
11
Der letzte Eindruck, der sie in ihre Bewusstlosigkeit begleitet hatte – das Bild Valtrs auf der Schulter des Fremden –, erhielt plötzlich eine umgekehrte Bedeutung. Sie hatte ihn doch immer einsperren müssen, wenn Herr Hedvábný mit der Miete kam, und nie konnten sie ungestört ein Gläschen trinken, weil der beleidigte Liebling ohne Unterlass pfiff und krächzte. Die Suchomels ertrug er insofern, als er sich ihnen jedes Mal auf den Kopf setzte, diesen mit dem Schnabel abklopfte und gleich wieder auf den Käfig flog, so als habe er Pässe abgestempelt. Diesem Fremden aber war er vertrauensvoll auf die Schulter gesegelt und dann auch sitzen geblieben, als er sie doch hätte wiedererwecken sollen. Wollte er ihm damit ein Alibi geben, dass er nichts für ihren Unfall konnte?
Doch sie vergegenwärtigte sich, dass sie keine andere Wahl hatte. Es war Freitagabend, und aus der Zeit, als sie ihren Vater noch herfuhr, wusste sie, dass man übers Wochenende grundsätzlich nicht entlassen wurde. Sie war entschlossen, gleich am Montagmorgen zurückzukehren, doch so lange war Valtr in all den Jahren noch nie allein geblieben, für längere Zeit hatte sie ihn nur zurückgelassen, wenn sie auf den Friedhof fuhr, um mit ihrem Vater und ihrem Mann zu sprechen. Außerdem hatte sie genug für heute, und die Müdigkeit zwang sie, über ihren Schatten zu springen. Sie nahm das Angebot mit einer Frage an.
»Wenn Sie morgen bei ihm vorbeischauen könnten? Damit er ein paar menschliche Worte hört.«
»Jederzeit!«, der Fremde lebte auf, »morgen und übermorgen arbeiten wir auf dem Bau nicht, da kann ich bei Ihnen vorbeigehen, wie es Ihnen recht ist ... oder wie es Ihnen gefällt?«
»Eher wie es Ihnen recht ist ...«, die Kräfte verließen sie, doch sie wollte ihn verpflichten, damit ihr Liebling möglichst viel davon hatte, »Sie könnten also auch zweimal vorbeigehen?«
»Es wird mir eine Freude sein, denn Valtr ist ein sehr schöner Vogel und spricht auch sehr gut.«
»Sogar deutsch«, sagte sie, und ihr fiel ein, ich bin stolz darauf, so als wäre ich seine Mutter ...
»Na, das ist faszinant, umso mehr freue ich. Könnte ich vielleicht um acht Uhr früh und dann nach vier Nachmittag?«
»Das wäre ideal. Und könnten Sie danach auch noch hier vorbeikommen?«
»Aber natürlich, wann immer es Ihnen beleibt ... ist das richtig, wie ich das sage?«
»Wie es Ihnen beliebt oder passt ... Inzwischen frage ich erst einmal jemanden aus der Familie.«
Ihre Familie bestand schon lange nur aus Valtr. Nun dachte sie sich eine aus, damit der Fremde nicht auf die Idee kam, im Haus zu machen, was er wollte. Doch gleich schämte sie sich wieder für diesen Verdacht. Auch die Oberschwester hielt ihn für einen Mann, der ihr Gatte sein könnte! Die Zeiger der Uhr im Zimmer eilten auf die Acht zu. Sie gab ihm die Schlüssel zurück und staunte über sich selbst, wie sie sie zum ersten Mal jemandem anvertraute, den sie gar nicht kannte, dazu noch auf die Fürsprache eines Papageis hin!
Erst als er gegangen war, machte sie sich klar, dass sie außer dem Namen, den sie nicht einmal richtig aussprechen konnte, nichts von ihm wusste, weder die Adresse seiner Unterkunft noch den Namen der Firma, bei der er arbeitete. Doch als sie einschlief, wieder seinetwegen in einem besseren Zimmer mit Fernseher, überraschte es sie, dass sie auch das erste Mal um Valtr keine Angst hatte ...
Die Nacht aber tat das ihrige. Die beruhigenden Injektionen ließen in ihrer Wirkung nach, und die Prellungen schmerzten. Auf den geliehenen Krücken schaffte sie es mit Müh und Not zur Toilette, und ihr Körper teilte ihr bei jedem Schritt mit, dass dies nicht so schnell vorbei sein würde. Der Samstag zog sich unerträglich lang hin, und nach dem Mittag bemächtigte sich ihrer ein neuer Zweifel. Eigentlich hätte es sie trösten können, denn wenn er ein Hallodri gewesen wäre, wäre er nicht schon gestern hier aufgetaucht. Doch was, wenn er nur noch nicht genügend Kumpels aufgetrieben hatte, um das Haus leer zu räumen? Sie sah im Geiste die Möbel und das gute Geschirr aus der Aussteuer ihrer Mutter und begann fast, es zu beweinen, als dieses Gefühl von einer weitaus schlimmeren Vorstellung überlagert wurde. Wer weiß, ob ihr Valtr überhaupt noch lebte?
Sie bedauerte, dass die Schwester vom Vortag keinen Dienst hatte, diese hätte sie sicher bitten können, bei ihr zu Hause vorbeizuschauen. Die von heute, ein Mädel mit modisch gepiercter Lippe, war grantig wie früher zu sozialistischen Zeiten gewesen, sie gab ihr auch in der besseren Kategorie zu verstehen, dass es für sie ein blöder Aprilscherz sei, wenn sie am ersten lauen Tag des Jahres eine alte Oma bedienen musste, die obendrein noch so schön war, wie sie es nie sein würde.
Um fünf war die Schöne Frau so weit, dass sie trotzdem den Anwalt Mádr zu Hause stören wollte. Gerade als sie unter Schmerzen den Morgenmantel anzog, um zum Automaten in der Halle zu humpeln, hörte sie ein zaghaftes Klopfen. Sie erstarrte und wartete. Nichts. Sie schlurfte also zur Tür und öffnete. Auf der Schwelle stand der Fremde mit einer Rose.
»Entschuldigen Sie, Frau Čechová, aber ich war bei Ihnen nie im Krankenhaus, und gestern hat mich zu Ihnen die Frau in Weiß gebracht, so habe ich es nicht gewagt selbst einzutreten. Jetzt ist mir peinlich, dass Sie sich bemühen mussten ... sage ich das jetzt richtig?«
»Ja«, antwortete sie, und der Schreck verflog, »setzen Sie sich, wie geht es Valtr?«
Dann hörte sie, schon wieder ganz wie eine stolze Mutter, den begeisterten Bericht des Fremden, ihr Liebling habe sich am Morgen und auch jetzt gleich auf seine Schulter gesetzt und geredet und geredet wie ein Fremdenführer, sagte der Fremde, doch oft eben auch deutsch, also habe er ihn nicht verstanden und es ihm damit vergolten, dass er einige Worte in seiner Sprache zu ihm gesagt habe und den Eindruck hatte, dass er sie wiederholte. Sie kannte Valtrs leises Säuseln, wenn er ein Wort, das ihm gefiel, im Schnabel zu zerkauen schien, so glaubte sie dem Fremden alles, und ihre Angst löste sich auf. Sie stellte die Rose in das Glas, aus dem sie die Zahnbürste herausgenommen hatte, und kam gern auf das Angebot zurück, er werde den Besuch bei Valtr morgen und übermorgen wiederholen, und versicherte ihm, am Montag wäre sie schon wieder daheim.
Dass dies ein Irrtum war, brachte ihr am Sonntag der Chefarzt bei, der hereinschaute, um sich als jener junge Mann in Erinnerung zu rufen, der vor vierzig Jahren bei ihrem Vater in der Praxis ein Praktikum absolviert hatte.
»Sicher haben Sie damals gespürt, dass ich mich in Sie verliebt habe, doch Sie werden kaum wissen, wie sehr ich unter der Feststellung gelitten habe, dass ich gegen Ihren Mann keine Chance hatte!«
Sie gab ihm gegenüber jedoch überhaupt nicht zu, dass sie das nicht bemerkte, weil es unzählige solcher Verehrer gegeben hatte, darunter jedoch nur einen Jaromír. Und der Chefarzt überraschte sie mit der Nachricht, sie müsse hier bleiben, solange sie nicht wieder vollständig auf den Beinen war. Als sie dies am Abend ganz zerknirscht dem Fremden mitteilte, hatte sie den Eindruck, dass er noch nie eine bessere Nachricht vernommen hatte.
»Nur am Montag habe ich später Schluss, aber dafür bleibe ich umso längster ... entschuldigen Sie, das bringe ich auch durcheinander, länger. Und ich gehe heute noch einmal bei Valtr vorbei, um es ihm erklären, er versteht sehr gut!«
Als ihr der Chefarzt am Freitag den Krankenhausaufenthalt übers Wochenende verlängerte, sagte sie zu dem Fremden:
»Und sind Sie sich ganz, also wirklich gänzlich sicher, dass ihr Räuber dem Valtrchen auch keine einzige Feder krümmt ...?«
12
Einziehen konnten der Fremde und sein Tier erst, wenn sie von der Schönen Frau persönlich im Haus empfangen würden, was sich noch um ein Weilchen verzögerte. Die blauen Flecken waren zwar schon bunt geworden und verblichen langsam, parallel zu ihnen nahmen auch die Schmerzen ab, doch der Chefarzt schüttelte bei der Visite immer noch beunruhigt den Kopf. Bald glaubte sie, es sei zu einer schweren Komplikation gekommen und er wolle sie nicht deprimieren. Als ihr jedoch ein Bote dreizehn rote Rosen von einem unbekannten Spender ins Zimmer brachte, verstand sie: dieser Mann, inzwischen Witwer, hatte sich zum zweiten Mal in sie verliebt.
Ihr Glück war, dass die rundliche Schwester den Chefarzt vergötterte und unter seinem Verhalten litt, deshalb nickte sie erleichtert auf die Frage der unschuldigen Konkurrentin, ob sie ihr nicht zur Flucht verhelfen könne. Damit sie keine deutliche Schuld daran hatte, wartete sie listigerweise, bis die ewig miesepetrige junge Kollegin mit der gepiercten Lippe den Dienst übernahm, brachte unauffällig die Kleidung der Schönen Frau in die Kammer der Putzfrauen und wachte auf dem Gang, als sie sich umzog. Die Flüchtige verschwand dann in der Zeit, da der schwierige Verehrer zu Mittag aß, und hinterließ für ihn beim Pförtner einen Brief.
»Sehr geehrter Herr Chefarzt, ich danke Ihnen aufs Herzlichste für die herausragende Behandlung und Ihre liebevolle Betreuung. Sie haben mich so bemerkenswert schnell wieder auf die Beine gebracht, dass ich vorzeitig auf eigenen Wunsch gehe, um mein Bett für andere Patienten frei zu machen, die Sie jetzt mehr brauchen als ich. Hochachtungsvoll Ihre Rosa Čechová, ehemals Schönová.«
Das von der Oberschwester gerufene Taxi wartete an der nächsten Ecke, und wenige Minuten später stieg sie auf dem kleinen Platz aus. Ihr Herzklopfen raubte ihr wieder den Atem, als sie leise aufschloss, um Valtr nicht aufzuschrecken, der zu dieser Zeit niemanden erwarten konnte. Sie legte ihre Tasche ab und blickte sich um. Durch die offene Tür schaute sie in die Küche, die sie unordentlich verlassen hatte und die jetzt vor Reinheit schier strahlte. Ihr gestrenges Auge fand nicht einmal auf den lackierten Treppen einen Staubrest, der sich dort normalerweise nach nur einem Tag absetzte. Sie stieg lautlos nach oben, fast tänzelnd Schritt für Schritt, drückte die Klinke zum Salon geräuschlos nieder wie in Zeitlupe und öffnete in ähnlicher Weise die Tür. Ihr Liebling Valtr saß reglos auf seiner Stange und sah auf den ersten Blick aus wie ausgestopft. Als sie jedoch verschreckt auf ihn zulief, flog er ihr aus dem Käfig entgegen, kreiste über ihrem Kopf, als wolle er sie mit einem Heiligenschein umkränzen, und krächzte wiederholt.
»Allahu akbarrr, Rrrosa, Allahu akbarrr!«
Sie verstand, dass er in der Sprache des Fremden redete, doch sie war erleichtert: gerade damit hatte er dessen Zuzug direkt gesegnet. Deshalb schmiedete sie gleich am nächsten Tag das Eisen, solange es heiß war, als sie sich zu einem anderen ihrer langjährigen Bewunderer begab.
»Rosa, Rosa, Rosa!«, schwärmte Dr. Mádr junior, als er ihr die Hand küsste.
»Genauso ruft mich mein Papagei«, lachte sie, »nur kann er kein Zungen-R.«
»Was verschafft mir die Ehre, dich sehen zu dürfen? Oder bist du einfach nur so gekommen? Das wäre mein schönstes Geburtstagsgeschenk!«
»Du hast Geburtstag?«, erschrak sie, »entschuldige, dass ich dir nicht gratuliert habe!«
»Den hab ich doch erst im Dezember, weißt du das nicht mehr? Ich hab da zum zweiten Mal um deine Hand angehalten, und nachdem du mich wieder zurückgewiesen hast, habe ich mein traurigstes Weihnachtsfest erlebt. Ich sag das nur, damit du weißt, dass ich mich über einen Zufallsbesuch bis Weihnachten freuen würde!«
»Julius!«, sagte sie, »hör auf, du Charmeur, und mach dir nichts vor, du solltest mir bis an dein Lebensende die Hände küssen, dass ich es dir ermöglicht habe, eine Frau zu finden, die alles für dich tut und deine Wünsche von den Augen abliest und du auch weiterhin mein liebster Mádr bleibst.«
»Besser als nichts«, stieß er hervor, »und was führt dich hierher, du meine ewige Liebe?«
»Mein Untermieter«, sagte die Schöne Frau, »ich muss einen Mietvertrag aufsetzen.
»Nanu!«, wunderte sich der Anwalt, »ich hatte den Eindruck, dass auch der Herr Professor Hedvábný heimlich in dich verliebt ist, was hat er denn ausgefressen, dass du dich absichern willst?«
»Er ist weggezogen. Er ist lieber zu seiner schrecklichen Familie zurückgekehrt, vor der ihn mein Vater in unserem Haus versteckt hat, als neben Türken zu wohnen.«
»Wozu brauchst du dann mit ihm einen Vertrag?«, wunderte sich der Anwalt weiter.
»Mit ihm nicht. Ich bekomme einen neuen Untermieter, und der will einen Kater mitbringen. Und wie du weißt, habe ich schon immer Furcht vor Katzen.«
»Das weiß ich, denn ich habe dir damals feierlich geschworen, meine Julinka deinetwegen zu meiner Mutter zu geben, und trotzdem war es für die Katz!«
»Das hast du nett gesagt«, lachte die Schöne Frau, »ich habe wirklich deine Katze und dich gerettet, ich bin nämlich für zarte Naturen wie die deine ein nur schwer erträgliches Weib, weißt du? Nun, und jetzt will ich in den Vertrag aufnehmen, dass sein Kater grundsätzlich nicht aus der unteren Wohnung ins Haus darf, damit er meinen alten Papagei nicht aufscheucht!«
»Warum holst du dir so jemanden denn dann überhaupt ins Haus?«
»Weil ich festgestellt habe, dass ich keinen ordentlichen Untermieter mehr bekomme.«
»Was ist denn das für ein Quatsch?«, entgegnete er, doch gleich darauf wusste er Bescheid, »ach ja, du wohnst ja ...«
»Ja, in Kleinasien. Du kennst die Bezeichnung unseres Viertels auch? Und hast mir nichts gesagt?«
»Entschuldige, Rosa, irgendwie habe ich nicht daran gedacht, dass du ein Problem bekommen könntest! Umso besser, dass du so schnell jemand Neues gefunden hast. Und ist er bis auf diesen Kater annehmbar?«
»Bis jetzt sieht es so aus. Vor allem aber passt er jetzt ins Umfeld, denn er ist Kurde.«
»Was ist er?« Doktor Mádr verstand nicht gleich.
»Kurde. Nie gehört? Die Kurden leben in Syrien, im Irak, im Iran und auch in der Türkei.«
»Und vor allem in Kurdistan, nee?«, versuchte er sich zu erinnern, »ich hab das mal in so einem Buch von Jules Verne gelesen oder war das von Karl May? Ja, wird wohl von dem gewesen sein. Und was sucht der hier bei uns?«
»Er arbeitet schon mehrere Jahre hier auf dem Bau, momentan an dem großen Multiirgendwas hinterm Bahnhof.«
»Das ist ja toll«, sagte der Anwalt, »dass die Kurden jetzt auch schon eigene Architekten haben, was?«
»Er ist kein Architekt«, antwortete die Schöne Frau, »sondern Polier.«
»Polier??«, erschrak er, »na warte mal, das ist doch ... so ne bessere Schaufel, nee?«
Die Schöne Frau spürte, dass ihr Mádr mächtig auf die Nerven zu gehen begann.
»Soweit ich weiß, ist das ein Vorarbeiter. Und die Firma hat ihm beste Empfehlungen gegeben.«
»Trotzdem ... und worüber willst du mit dem quatschen? Kann er wenigstens Tschechisch?«
»Dir könnte er garantiert was beibringen!«, holte sie ihn auf den Boden zurück. »Kannst du also den Vertrag aufsetzen?«
13
Doktor Mádr schlug ihr vor, den Fremden in sein Büro einzuladen, um selbst mit ihm den Mietvertrag abzuschließen. Sie war ihm dankbar, dass er das übernahm, und gleichzeitig gespannt, wie der Nachfolger von Professor Hedvábný auf ihn wirken würde. Er rief bereits zwei Tage später an, um zu melden, dass der Vertrag unterschrieben sei, und er schlug vor, ihr ihn gern selbst zu übergeben, am besten bei einem Abendessen im Grandhotel, wo sie schon lange nicht mehr miteinander gewesen seien.
»Das ist lieb von dir«, lobte sie ihn, doch weil sie keine Lust hatte, eine neue Runde ewiger Brautwerbeversuche zu eröffnen, fragte sie, »und deine Frau kommt mit?«
»Nein ...«, bekannte er verwirrt, »sie ist zu ihrer Mutter gefahren, und ich dachte ...«
»Julius!«, sagte sie, »weißt du, dass ich manchmal ganz hübsch von dir träume?«
»Nein ...«, freute er sich, »nun, Rosa, das macht mich glücklich ... also ...«
»Dann verdirb es mir bitte nicht!«, bat sie, »und schick es mit der Post.«
»Na gut ...«, meinte er resigniert, »auch so ist das besser, als wenn ich dir nicht mal im Traum erscheine ...«
Endlich kam sie zur Sache.
»Na und?«, wollte sie wissen, »war er für dich als Untermieter annehmbar?«
»Ach doch ...«, entgegnete er, »auch wenn mir sein Tschechisch komisch erscheint, dir nicht? Und seine Kleidung ist ein bisschen des modes, doch letztendlich wirst du ja nicht mit ihm herumpromenieren!«
Die Schöne Frau hörte darin unterdrückte Eifersucht. Die nächsten beiden Tage wartete sie nur, weil sie die untere Wohnung in Ordnung brachte, kaum dass der Professor ausgezogen war. Seine zwei Weiber wollten sie anscheinend dafür bestrafen, dass sie jahrelang mit ihm wohl auch seine Rente gefangen gehalten hatte. Was sie nicht brauchten, ließen sie liegen, von den ausgetretenen Pantoffeln bis zu den einzelnen Socken, die der Professor wahrscheinlich aufbewahrte, falls sie sich später einmal zum Ergänzen eignen würden.
Doch eigentlich war sie ihnen für diese Verwüstung dankbar. Zumindest musste sie nicht an die beste Zeit ihres Lebens denken, die sie hier in der ursprünglichen Garçonniere zusammen mit Jaromír verbracht hatte, ehe er sich immer mehr von ihr entfremdete. Damit wurden nicht nur die paar Dutzend Quadratmeter gekehrt, geschrubbt und gebohnert, sondern auch die Jahre, die sie sich so schön erträumt und die ihr Mann so fürchterlich in den Dreck getreten hatte.
Am Samstag stand sie also mit Valtr auf der Schulter und auf einen leichten Stock gestützt hinter der Gardine des Salons und blickte auf den kleinen Platz. Der Fremde hatte schon mehrmals unter Beweis gestellt, eine Uhr im Kopf zu haben, und so musste sie auch keine Minute länger warten. Als es auf dem Turm der Pfarrkirche zwei geschlagen hatte, tauchte ein Kombitaxi auf und hielt vor dem Haus.
Die Schlüssel holte sich der Mieter beim Anwalt ab, den er gebeten hatte, ihr auszurichten, sie solle ihm den Einzug überlassen und sich nicht erst hinunterbegeben. Sie war jetzt umso froher, als das Leben auf dem kleinen Platz erneut stillstand. Die Romakinder hörten auf, an der ausgeraubten Gottesmarter mit Lumpenbällen zu spielen, die jungen Türken im Hof des verfremdeten Gasthauses U Malešíka stellten das Messerwerfen ein, die Vietnamesen im ehemals tschechischen Lebensmittelgeschäft, der Bosnier in der verschwundenen Apotheke und weitere Neuzuzügler beobachteten den Fremden, der vom Beifahrersitz ausstieg.
»Da haben wir sie«, sagte die Schöne Frau ihrem Liebling und spürte nach Jahren, dass sie Lampenfieber bekam, »und du glaubst wirklich, dass das mit denen klappt? Und wenn nicht, dann ist es deine Schuld, du hast ihn mir doch empfohlen!«
Doch gleich schwieg sie wieder und stierte hinunter, denn das Erste, was der Mann mit Namen Kemal tat, war, dass er sich zu den Zuschauenden umdrehte und sich vor ihnen mit der Hand auf der Brust nach drei Seiten verbeugte, was die meisten erwiderten. Daraufhin drehte er sich zum Haus um, schaute zu ihrem Fenster hinauf und verneigte sich noch tiefer. Wenngleich er sie durch die Gardine nicht sehen konnte, dankte sie ihm mit Kopfnicken und hatte das Gefühl, dass Valtr dasselbe tat.
Sie musste an den chaotischen Umzug von Professor Hedvábný und die Verwüstung denken, die sie danach wegräumen musste, ehe sie es wagte, einen Nachfolger zu suchen. Der Fremde hatte sein Hab und Gut in zwei Koffer und auf ein halbes Dutzend Paletten gepackt, alles durchdacht gelagert und mit Riemen verschnürt. Zwei Kisten enthielten unterschiedlichstes Küchengerät, die dritte Teller und Gläser, sicherheitshalber durch Zeitungen voneinander getrennt, damit sie nicht durch Erschütterungen zu Bruch gingen, die anderen zwei waren mit Handtüchern, Bettwäsche und Kleidung bestückt, die letzte enthielt sogar lauter Bücher! Die Schöne Frau konnte sich nicht genug wundern. Auch Valtr fehlten die Worte.
Während der Taxifahrer aufs Autodach gestützt rauchte und keine Anstalten machte zu helfen, wobei er deutlich die Abneigung eines Einheimischen gegenüber den neuen Barbarenvölkern in diesem Viertel zum Ausdruck brachte, trug der Fremde die offensichtlich schweren Gegenstände nacheinander ins Haus, kehrte in regelmäßigen Intervallen zurück und beschleunigte nie seinen Schritt. Der Schönen Frau fiel plötzlich auf, dass er nicht nur viel Kraft hatte, sondern diese auch sehr gut einzuteilen vermochte; auch in dieser eintönigen und sicher ätzenden Bewegung lag eine Ruhe, die ihm Würde verlieh.
»Ein seltsamer Mensch ...«, sagte sie nach einer langen Weile zu Valtr.
»Allahu akbarrr!«, antwortete er ihr und fügte aus seinem alten Wortschatz hinzu, »Krrruzitürrrken!«
Die Koffer und die Kisten verschwanden, der Fremde beugte sich mit dem größten Teil seines Körpers in den Wagen und zog einen Weidenkorb mit einem Gitter hervor. Die Schöne Frau verstand.
»Das ist er! Das ist sicher der Räuber, Valtr. Aber keine Angst, mein Liebling, in dem Vertrag, den Julius aufgesetzt hat, steht klar, dass Geringfügiges ausreicht, dann müssen beide sofort wieder aus dem Haus!«
»Rrrrosa, Rrrrosa, Valtrrrr Grrraf!«, sagte ihr Liebling darauf und erfreute sie damit sehr.
Der Fremde trug den Korb im gewohnten Tempo ins Haus, kehrte zurück und zog die Brusttasche hervor. Der Taxifahrer nannte ihm mit einem unveränderlich verächtlichen Gesichtsausdruck anscheinend den Preis und schaute anschließend ungläubig auf den Geldschein, den er bekam, während der Kunde die Tasche bereits wieder verstaut hatte und kein Interesse am Wechselgeld zeigte. Das Trinkgeld musste so ungewöhnlich gewesen sein, dass sich endlich auch der Tscheche ehrerbietig verneigte. Dann sprach ihn der Fremde erneut an, und der Chauffeur half ihm nun bereitwillig beim Ausladen des letzten Gepäckstücks, das noch im Wagen geblieben war. Beide strengten sich an, als der eine aus dem Wagen und der andere aus dem Koffer eine überlange Spindel herausschoben, die durch festes Packpapier verhüllt wurde.
»Mein Gott«, stöhnte die Schöne Frau, »Valtr, das kann doch nichts anderes sein als eine Mumie ...«
Etwas Ähnliches dachte wohl auch der gesamte Platz. Auf alle machte dies gewaltigen Eindruck.
14
Nachdem das Gütertaxi abgefahren war und der Fremde die Haustür hinter sich zugezogen hatte, flog Valtr sofort wieder in seinen Käfig, und die Schöne Frau hatte den Eindruck, als sei unter dem Fenster das verschlafene Königreich Dornröschens aus dem gleichnamigen Märchen zu neuem Leben erwacht. Die kleinen Roma prügelten sich um den Lumpenball, die türkischen Jugendlichen setzten das Messerwerfen fort, und die Erwachsenen gingen ihrer Wege. Sie selbst schickte sich an, den neuen Untermieter zum vereinbarten Treffen zu empfangen, den ihr doch sicher Jaromír vom Himmel aus verschafft hatte, und sie verstand anfangs nicht, warum es ausgerechnet ein Kurde sein musste. Doch langsam gestand sie Jaromír zu, dass er wohl seine Gründe dafür gehabt hatte. Seit sie diesen Fremden kannte, war ihm nur ein einziger Fehler unterlaufen: er hatte vor ihr den Hut nicht abgenommen. Dafür hatte er sich dann ausreichend entschuldigt.
Das unangenehme Gefühl, dass unter ihrem Dach ein Mensch aus einer fremden Welt wohnen sollte – und mit ihm noch ein Kater! –, war immer noch nicht abgeklungen, doch musste sie seine Eigenschaften wertschätzen, die so gar nicht tschechisch waren, dafür aber positiv. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass ein Tscheche, den sie nicht kannte, so zuverlässig und opferbereit gewesen wäre wie er. Natürlich!, brachte sie sich in Erinnerung, es ging ihm um seinen eigenen Vorteil, er hätte nie bei ihr zur Untermiete einziehen können – und darüber hinaus noch mit einem Kater! –, wenn er ihr nicht in allem entgegengekommen wäre.
Doch es war noch weitaus mehr in ihm als nur Entgegenkommen und Anstand! Es waren die Bilder nicht verschwunden, wie höflich hatte er sich vor den Nachbarn und vor ihr verbeugt, wie würdevoll war er mit der schweren Last den Weg entlanggeschritten, und wie reichlich hatte er den Mann entlohnt, der ihm vorher so hochmütig die kalte Schulter zeigte. Nachdem sie alle Pros und Contras abgewogen hatte, musste sie anerkennen, dass die Vorzüge überwogen. Nun musste man nur noch sehen, was es mit dem verdammten Kater auf sich hatte ...
Als der Fremde eine Stunde später klopfte, wartete er erneut, bis er hereingerufen wurde. Er hatte sich umgezogen und seine Cordhosen und seinen dünnen Rollkragenpullover gegen den dunklen Anzug eingetauscht, in dem er das erste Mal gekommen war. Doch es verschreckte sie, dass er den Korb mitbrachte.
»Ich denke, dass ich mir Ihren ... Ihr Tier lieber bei Ihnen unten angeschaut hätte ...«
»Sie brauchen keine Angst um Valtr zu haben«, sagte er wissend, »aber wenn Sie wollen, schließen Sie den Käfig.«
Sie hörte gern auf ihn und sah dabei, dass ihr Liebling reglos auf der Schaukel saß, den Kopf dem Korb zugewandt und in einer Spannung, die normalerweise mit seinem angestrengten Bemühen einherging, ein neues Wort zu lernen. Der Fremde benahm sich nun plötzlich wie ein Zauberer. Er stellte den Weidenkorb auf den Tisch neben Valtrs Käfig, öffnete die Gittertür, schnalzte und sagte:
»Alibaba ... hörst du mich? Komm raus! Na komm ...!«
Aus dem Korb drang kein Geräusch, auch zitterte er durch keine noch so geringe Bewegung. Der Fremde beugte sich hinab und sprach ruhig ein paar Worte in einer unbekannten Sprache. Wenig später lugte schnell ein kleiner Kopf mit schrägen grünen Augen aus dem Korb hervor. Dahinter schob sich ein graublauer Rumpf mit einem mächtigen Kragen und einem festen Hinterteil hervor. Als er ganz draußen war, betrachtete der Kater den Fremden und miaute schwach. Die Schöne Frau wollte wissen:
»Was haben Sie ihm da gesagt? Was für eine Sprache war das?«
»Ich habe ihn in meiner Muttersprache gebeten, Ihren Vogel zu mögen. Und er hat es mir versprochen.«
Der Kater streckte erhaben seinen Rücken und wirkte dabei wie ein kleiner Löwe. Der Fremde schlug vor:
»Wollen Sie nicht ihn streicheln? Das mag Alibaba sehr und vergilt es mit Achtung.«
»Um Gottes willen, nein ...!«, fast schrie sie auf, »ich kann nicht, schauen Sie doch, was für Gänsehaut ich habe!«
Er zeigte auf den Käfig, und sie staunte. Valtr saß nicht auf der Schaukel, sondern hing wie immer in den Käfigstangen, wenn er sie nachdrücklich rief, dass sie ihm die Tür öffnen sollte. Diesmal erstarrte sie wieder vor Angst, als sie den Kater beobachtete, dessen dichtes Fell eher an einen Panzer erinnerte; er hörte auf, sich zu dehnen, und näherte sich mit dem faulen Schritt eines Raubtiers dem Käfig, so dass ihn nur noch die Drähte von ihrem Liebling trennten. Und Valtr wich trotzdem kein Stück zurück und sprang auch nicht auf seine Schaukel, um auf sicheren Abstand zu gehen, sein Schnabel berührte fast die Nase des Katers. Die Schöne Frau konnte weder reden noch sich bewegen.
Dann miaute Alibaba leise. Und Valtr, weiter an die Käfigstangen gepresst, dass seine Flügelspitzen herausschauten, antwortete mit einem Krächzen, das sie als Liebesgeräusch bezeichnete, weil er genau so reagierte, wenn sie ihn zärtlich auf den Schnabel küsste.
»Sehen Sie?«, strahlte der Fremde, »sie mögen sich beide auf Anschlag sehr gern!«
»Herr Etschelan«, beruhigte und versicherte sie sich gleichzeitig, »in den wenigen Tagen haben Sie sicher gemerkt, dass Valtr das einzige mir nahestehende Wesen ist. Legen Sie wirklich für Ihren Kater die Hand ins Feuer?«
»Gnädige Frau Čechová«, sagte er, als würde er schwören, »ich gebe für Alibaba meinen Kopf. Doch damit Sie sich beruhigen, verspreche ich bei Allah, dass er nur durch das Toilettenfenster meiner Wohnung nach draußen geht und auch, wie vertraglich vereinbart, andere Räume des Hauses nicht betritt, es sei denn ... es sei denn, Sie ändern Ihre Meinung und es wird Ihnen gefallen!«
»Ich habe Ihnen gesagt, dass ich nichts gegen Katzen habe, sondern eher sie was gegen mich.«
»Da hatten Sie wahrscheinlich Pech, dass Sie bisher die richtigen nicht getroffen haben.«
»Aha ...«, sie verstand das als vergeblichen Versuch, sie zu trösten, »und welche sind die richtigen?«
»Katzen sind eigen darin, dass im Unterschied zu Hunden, Pferden und anderen Haustieren sie nicht der Mensch aussucht, sondern sie den Menschen. Ein Hund hört auf jeden, ein Pferd dient jedem, eine Katze aber sucht einen Charakter, der dem ihren ähnlich ist. An Ihnen sind bisher die erhabenen vorbeigezogen. Solche wie Alibaba.«
Die Schöne Frau, die die ganze Zeit durch das Gitter Valtrs Köpfchen gekrault hatte, blickte den Kater an. Er saß aufrecht da, gestützt auf die langen Vordertatzen wie ein Denkmal.
»So streicheln Sie ihn doch«, wiederholte der Fremde eindringlich, »gleich werden Sie es erleben.«
Es kam ihr dumm vor, sich erneut herauszureden, umso mehr, als von der Gänsehaut nichts mehr zu sehen war. Sie führte also ihre Hand vom Kopf ihres Lieblings zum graublauen Rücken und hatte den Eindruck, sie habe Watte berührt, die einem leichten Druck wich, ehe sie verstand, dass sich der Kater lang machte und leicht zu zittern begann. Dabei drang das leise Geräusch einer alten Nähmaschine zu ihr. Er schnurrte.
»Er hat Sie angenommen«, sagte der Fremde, »hat in Ihnen ein Wesen gefunden, das zu ihm gehört.«
Er hypnotisiert mich wohl, dachte sie bei sich, sie beide! Schnell wechselte sie das Thema.
»Was war denn das für ein großer Gegenstand, den Sie zuletzt ausgeladen haben? Ich will mich ja nicht in Ihre Privatangelegenheiten mischen, ich frage nur als neugierige Frau.«
»Ich habe das schon ausgepackt, um es Ihnen vorzuführen. Darf ich Sie nach unten tragen?«
»Keinesfalls!«, protestierte sie, »ich bin in Ordnung und muss trainieren!«
»Dann aber gehen Alibaba und ich vor Ihnen, damit wir Sie auffangen!«
Er schnalzte. Der Kater sprang elegant vom Tisch und lief mit aufgestelltem Schwanz vor ihnen her wie ein Fahnenträger, der eine Prozession anführt.
15
Innerhalb von nur einer Stunde hatte der Fremde die untere Wohnung so einwohnen können, wie es Professor Hedvábný in all den Jahren nicht gelungen war. Die Koffer und Kisten hatte er irgendwohin gezaubert, in dem verglasten Geschirrschrank ihrer Mutter erblickte die Schöne Frau eine ansehnliche Sammlung von Tassen und Tellern, die wohl in Tschechien gekauft worden waren, deren Muster jedoch bei etwas gutem Willen an den Orient erinnerten. Das frisch aufgehängte und eingeschichtete Geschirr in der Küche berichtete davon, dass es einem fleißigen Koch diente, auf dem Nachttisch im Schlafzimmer neben dem sorgfältig gemachten Bett mit eigener Bettwäsche lag das Lehrbuch, dass sie schon im Krankenhaus bei ihm gesehen hatte, die anderen Bücher waren sorgfältig nach der Größe im Regal geordnet.
Die geheimnisvolle Sache, die etwa so groß war wie sie, stand vor der hinteren Wand des Wohnzimmers, vom Packpapier befreit, das bereits verschwunden war und vielleicht genauso sorgfältig irgendwo in den verstauten Koffern lagerte, nun war das Ding mit einem ähnlichen Stoffüberwurf bedeckt, mit welchem Frau Suchomelová ihre Harfe schützte. War das etwa eine Standuhr? Sie wollte nicht erneut Neugier zeigen, und so sprach sie ihm zuerst Anerkennung aus.
»Sie haben es zu schätzen gewusst, dass ich Sie wie einen Tschechen behandelt habe. Ich unterscheide die Menschen anders als nach ihrer Herkunft. Der Tscheche, der vor Ihnen hier gewohnt hat, sogar ein Professor für Latein und Russisch, könnte sich, was Ordnung betrifft, eine Scheibe von Ihnen abschneiden.«
»Ich wurde zu Hause dazu erzogen«, sagte der Fremde, »ich hatte sechs Geschwister, und meine Mutter musste sehr streng sein, um die Familie und Haushalt schaffen. Aber ich habe Sie hergebeten und biete Ihnen gar nichts an ... bitte, setzen Sie sich und warten Sie eine Weile, ich bin – wie Sie sagen – einszwei zurück.«
Er eilte in die Küche. In diesem Moment setzte sich Alibaba, der vorher jeden seiner Schritte nachgeahmt hatte, hin und schaute sie regungslos an. Als würde er auf mich aufpassen, dachte die Schöne Frau und blickte lieber wieder auf den geheimnisvollen Gegenstand. Irgendein Musikinstrument aus seiner Heimat? Mein Gott, würde er hier etwa auch üben? Die Harfe der Nachbarin war ihr manchmal auf die Nerven gegangen, sie würde sich ausbedingen müssen, dass ... Der Fremde war zurück, auf einem Tablett brachte er zwei Gläser herein, dazu eine halbvolle Flasche und eine Karaffe Wasser.
»Darf ich Ihnen bissel Arrak eingießen? Sie kennen ihn vielleicht als Ouzo oder Pernod.«
»Ich dachte, der Islam verbietet Alkohol ...«
»Ich habe Ihnen doch gesagt, dass ich Allahs demütiger Diener sein will, aber nicht Leibeigenster seiner Diener. Übrigens trinke ich schon das zweite Jahr an dieser Flasche, immer nur, wenn ich feiere.«
»Haben Sie Geburtstag?«, fiel ihr ein, und sie dachte sogleich über ein geeignetes Geschenk nach.
»Ja, das habe ich!«, freute er sich, »aber nicht, wie Sie möglich meinen, sondern eher bilderhaft!«
»Sie wollten sagen bildlich?«
»Ja, genau, bildlich! Heute wurde mir meine Seele neu geboren!«
In der Zwischenzeit goss er in beide Gläser einen Fingerbreit gelbe Flüssigkeit und füllte die Gläser bis zum Rand mit Wasser auf. Der Inhalt wurde weiß wie Alabaster und roch stark nach Anis.
»Ich danke Ihnen sehr, Frau Čechová, und Ihrem Valtr, für mich und für meinen Alibaba und für meine Mutter und meinen Vater und alle Schwestern und Brüder und deren Kinder, die sich jetzt sicher mit mir freuen, wo immer sie gerade sind. Es ist das erste Mal in den unzähligen Jahren, dass ich ein Zimmer für mich alleine habe, wenn ich eine soldatische Zelle nicht mitzähle – aber das ist jetzt weit! Ich werde versuchen, Ihnen jede Minute verstehen zu geben, wie sehr ich es schätze.«
Als er sich tief vor ihr verbeugte, sprang ihm der Kater von hinten geschmeidig auf den Rücken und umarmte ihn, so sah es aus, als verneigten sich beide. Darauf trank ihr der Fremde zu, stellte das Glas ab und ging zusammen mit dem Kater zu dem Paket. Er führte anschaulich vor, dass aus dem Überwurf Schnürsenkel hervorschauten.
»Ich habe meine große Rarität für Sie zum Enthüllen vorbereitet. In der Unterkunft musste ich sie in der Wohnung des Verwalters aufbewahren, denn sonst hätte sie dem ersten betrunkenen Abend meiner Mitbewohner nicht getrutzt. Sie brauchen nur leicht zu ziehen.«
Die Schöne Frau hatte es von Jugend an von ihrem Vater und ihrem Mann gelernt zu trinken. Ersterer konnte es gut, der Zweite hatte es später vergessen. Sie kam nach ihrem Vater und betrank sich nie. Der eine Schluck stark verdünnten Arraks aber hatte sie nun leicht betäubt, mein Gott, was geht da in mir vor?, hat mir dieser Mann hier etwas ins Glas getan? Doch gleich schämte sie sich wieder für diese Dummheit. Das nächste Mal eben Achtung bei Anis, Rosa ... sie zog an den Schnüren und schrie auf.
Der herunterrutschende Überwurf gab kurz hintereinander einen Schädel, ein Gerippe und Haxen frei. Vor ihr stand der Tod.
Die Schöne Frau schaute ihm aus der Nähe in die eingefallenen Augenhöhlen, und Furcht befiel sie, wie sie sie lange nicht gekannt hatte, in einem Kurzschluss musste sie daran denken, dass Jaromír ihr den Untermieter bei einer seltsamen Gedankenübertragung auf dem Friedhof versprochen hatte, hatte er wirklich zusammen mit dem Fremden Gevatter Tod ausgeschickt, der sie nun zu ihm bringen würde? Ich bin noch nicht vorbereitet!, protestierte sie verzweifelt und hätte den Tod vielleicht umgerissen, wenn sie nicht die Stimme des Fremden gehört hätte, der ihren Aufschrei wahrscheinlich als Staunen und Lob verstanden hatte.
»Ist sie nicht schön? Als Frau, die sie einst war, habe ich sie Eva genannt, diese, wie wir wissen, ist in allen unseren Religionen zu Haus!«
»Aber wozu brauchen sie sie?« Sie kam wieder zu sich und wollte ihre Panik überdecken.
»Als Sie von dem Herrn vor mir in der Wohnung sprachen, auch mein Vater war einst im Iran unter dem Schah Professor, aber für Medizin.«
»Ach nein? Mein Vater war hier praktischer Arzt. Und das war seine Praxis!«
Der Fremde betrachtete die Wände, als könne man immer noch Spuren finden.
»Das habe ich nicht geahnt ... das ist toll ... so ein Raum wird mir Flügel geben!«
»Aber warum ...«, sie begann die Frage und beendete sie nicht, weil sie es nicht wagte.
»Warum ich«, er verstand, »nur ein Arbeiter blieb? Eben weil ich Kurde bin. Zuerst haben Perser meine Familie vertrieben, als sie meinen Vater erschossen, dann Iraker, die die Kurden nicht bei sich wollten, und dann auch Türken. An zwei Universitäten konnte ich mich nur einschreiben. Aber genug davon, nun hat mich Ihr Land angenommen, Ihre Stadt und vor allem Sie.«
Sie betrachtete das Gerippe und erschrak von neuem.
»Ist das etwa jemand ... irgendjemand von Ihren ...«
Jetzt verstand er und erschrak nicht weniger als sie.
»Wie können Sie das denken? Dieses Skelett hat der Antiquarier hier zusammen mit einem aufgelösten Schulkabinett gekauft und von ihm dann ich für nur zwei Monatsgehälter. Und wozu ich es brauche? Ich wollte immer Arzt werden, und das möchte ich noch schaffen. Haben Sie nicht gesagt, dass ich gut Tschechisch spreche? Nun möchte ich noch Medizin studieren!«
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