Kitabı oku: «Die Einfälle der heiligen Klara»

Yazı tipi:

Pavel Kohout
Die Einfälle der heiligen Klara

Roman

Deutsch von Alexandra Baumrucker

Mit Illustrationen

von Karel Havlíček

Saga

Für Jelena,

die mir erlaubte, nach Motiven ihres Drehbuchs, mit dem sie einst die Prager Filmhochschule absolvierte, diesen Roman zu schreiben, in welchem ich, allen Grenzwächtern zum Trotz, schon jetzt nach Böhmen zurückkehre.

PK

I

Der Unterschied zwischen Geschichten, die sich zugetragen haben, und solchen, die sich nicht zugetragen haben. – Besitz von Phantasie und Gedächtnis verboten! – Was ist besser: halbe Wahrheit oder halbe Lüge? – Die Lawine gerät ins Rollen: Pythagoras kommt mit dem Sheriff. – Was würde geschehen, falls die Klasse unisono »Setzen!« riefe? – Ausnahmslos hervorragend ... – Ein epochaler Erfolg oder ein globaler Betrug? – Ein Glück, daß Folterung an Schulen gesetzlich verboten ist.

Wie soll eine Geschichte erzählt werden, die sich nie zugetragen hat?

Zu diesem Zweck hat die Natur Wesen erschaffen, die von ihr mit Papier und Phantasie bedacht wurden: die Schriftsteller. Mittels Phantasie und Papier sind sie imstande, eine beliebige Geschichte, die sich nie zugetragen hat, so fesselnd darzustellen, daß sie oft überzeugender klingt als Geschichten, die sich tatsächlich zugetragen haben.

Aber wie soll dann eine Geschichte erzählt werden, die sich tatsächlich zugetragen hat?

Für diesen Zweck hat die Natur Geschöpfe hervorgebracht, die von ihr mit Papier und Gedächtnis ausgestattet wurden: die Chronisten. Mittels Gedächtnis und Papier sind sie fähig, eine Geschichte, die sich zugetragen hat, so eingehend zu schildern, daß sie mitunter ebenso überzeugend klingt wie Geschichten, die sich nicht zugetragen haben.

Doch wie soll mit einer Geschichte verfahren werden, die sich zugetragen hat, obwohl sie sich nie hätte zutragen dürfen?

Dieses Zwecks eingedenk hat die Natur Exemplare erzeugt, die von ihr mit Macht ausgerüstet wurden: die Zensoren. Kraft ihrer Macht können sie jede Geschichte verbieten, sowohl eine, die sich zugetragen hat, als auch eine, die sich nicht zugetragen hat; diese als Ausgeburt einer blühenden Phantasie, jene als Produkt eines trügerischen Gedächtnisses.

Wehe der Phantasie, die vom Gedächtnis beschnitten wird! Wehe dem Gedächtnis, das von der Phantasie verbrämt wird! Aber dreimal wehe dem guten Gedächtnis und der regen Phantasie, wenn beide von der Macht geknebelt werden! Es gibt Zeiten, in denen der Besitz von Phantasie und Gedächtnis ebenso strafbar ist wie der Besitz von Waffen.

Wie soll in solchen Zeiten mit einer Geschichte verfahren werden, über die sich Schriftsteller, Chronist und Zensor in die Haare geraten, einer Geschichte, so wahr, als hätte sie sich niemals zugetragen, so aufregend, weil sie sich tatsächlich zugetragen hat, und so gefährlich, weil sie im Interesse der Macht sich nie hätte zutragen dürfen?

Soll man sie durch Phantasie verharmlosen und ihr so Biß und Stachel nehmen? Sie mit Gedächtnis befrachten und so der eitlen Macht zu nahe treten? Oder sie lieber gar nicht erzählen?

Wie wäre es denn damit: Ein bißchen das Auge des Gedächtnisses zudrücken, ein bißchen die Zügel der Phantasie schleifen lassen, einfach so, damit das Gewissen des Autors nicht zu nagen beginnt und die Wölfe der Macht zu nagen aufhören – und die fabelhafte Geschichte ganz bleibt?

Wird Wahrheit etwa zu Lüge, wenn eine Karla zur Klára wird? Möge die Wahrheit nie eine größere Einbuße erleiden als die Verschiebung dreier Laute! Tut es ihr Abbruch, wenn vom Namen der Stadt nur der Buchstabe S übrigbleibt? Besser eine halbe Wahrheit als eine halbe Lüge!

Und darum, liebe kleine Klára aus der Stadt S., steh auf und wandle, du Kind des Vaters Traum und der Mutter Wirklichkeit; falls jemand dich erkennt, wird er es durch nichts beweisen können.

Zum Schluß dieser Geschichte wird der Untergang einer Stadt vorausgesagt. Doch selbst die vernichtendste Lawine beginnt mit der unmerklichen Bewegung eines lächerlichen Eiskristalls.

Häuptling Tikal, der, von Brož abgesichert, nach dem Klingeln noch blitzschnell auf den leeren Korridor hinausgeschlüpft war, um eigenhändig mit dem Dietrich die Mädchentoilette zuzusperren, riß die Augen auf, schnellte wie ein Hase herum und stürzte in die Klasse mit dem Ausruf:

– Alarmstufe eins! Der Pythagoras kommt mit dem Sheriff!

Soweit das Gedächtnis der neunjährigen Grundschule in S. zurückreichte, war dergleichen erst ein einziges Mal vorgekommen: als vor Jahren fast die gesamte 9. Klasse bei einer Schulaufgabe eine Fünf geschrieben hatte und derselbe Mathematiklehrer, schon damals mit Bürstenhaarschnitt, denselben Direktor, schon damals mit Glatze, mitgebracht hatte, um seiner Warnung Nachdruck zu verleihen.

Sämtliche zweiundvierzig Mädchen und Jungen der Klasse 8 a saßen im Nu auf ihren Plätzen, es herrschte eine Stille, so unverhofft und erregend, wie wenn im Fernsehen der Ton ausfällt. Einundvierzig Blicke, gespannt wie Flitzbogen, durchquerten den Raum. Sie trafen an der dritten Bank am Fenster zusammen. Dort saß ein graziles Mädchen mit langem Haar von der Farbe reifer Kastanien und leicht schrägstehenden Augen von der Form und Farbe ungeschälter Mandeln.

Indes, was wiegt Mädchenschönheit, wenn wir vierzehn sind und unser mannhaftes Herz vor Unmut bebt?

Na warte! dachte Tikal stellvertretend für alle, du kannst was erleben! Diese Gemeinheit wirst du bitter büßen!! Er nahm sich vor, ihr gleich nach dem Pausenklingeln einen Prager Fenstersturz zu bereiten, wobei der Inhalt der Schultasche nicht in den Gang zwischen den Bänken gekippt wird, sondern aus dem Klassenfenster in die Nesseln.

Die Tür. Alle Köpfe fuhren herum, und zweiundvierzig junge Körper schnellten zur Begrüßung hoch. Der kleine dicke Direktor Plavec und der große magere Professor Brunát kamen ins Klassenzimmer hereinmarschiert wie ein Komikerpaar aus dem Stummfilm.

Aber kann man sich kaputtlachen, wenn die Schulaufgaben mitgebracht werden?

Der Mathematiklehrer trat vors Katheder. Der Direktor blieb an der Tür, stieg aufs Podium. Der Größenunterschied zwischen den beiden verringerte sich nur um weniges. Die Klasse hielt Ausschau, wer von ihnen das Zeichen zum Setzen geben würde. Erstaunlicherweise gab es keiner. Beide betrachteten die Klasse schweigend.

Tikal wurde das Gefühl nicht los, daß im Gegenteil die beiden der Aufforderung harrten. Er stellte sich vor, was geschähe, wenn die Klasse unisono »Setzen!« riefe. Würden sie in Lachen ausbrechen? Oder zur Polizei laufen? Oder vor Schreck gehorchen?

Aber die Klasse stand, stumm und starr, wie gefügige Tiger unter der Peitsche von Dompteuren. Und dann wandte der Direktor sich an den Mathematiklehrer.

– Bitte, Herr Kollege!

Alle blieben stehen, und das war noch unheimlicher. Brunát stieg aufs Podium; er wurde um noch einen Kopf größer und hielt mit einer Hand den Stoß Hefte hoch, während er mit der anderen auf sie zeigte.

Tikal konnte sich des Gefühls nicht erwehren, er werde sie nach der Klasse schleudern. Er stellte sich vor, wie die blauen Hefte raketengleich die wehrlosen Schüler niedermähen, während der Lehrer irre lacht. Was dann? Zum Fenster hinaus in die Nesseln springen, oder sich auf ihn stürzen und ihn unschädlich machen? Darf ein Schüler mit einem Lehrer kämpfen, selbst mit einem der Sinne beraubten?

Aber der Mathematiklehrer sprach mit einer Stimme, die vor feierlicher Erregung zitterte.

– Meine lieben Schüler ... Es ist etwas Außergewöhnliches geschehen ... Zum erstenmal in der Geschichte unserer Schule, vielleicht sogar in der Geschichte des Schulwesens, ist eine Mathematikarbeit ausgefallen wie folgt: Ausnahmslos –

er schüttelte den Stoß Hefte, der wie ein Lebewesen reagierte, indem er das Gebiß weißer Heftseiten bleckte

– hervorragend!

Ein eigenartiger Laut wurde vernehmbar. Die Klasse hatte vor Verblüffung nach Luft geschnappt.

– In den zweiundvierzig Arbeiten findet sich in keinem der fünf Beispiele auch nur ein einziger Fehler. Alle –

seine Stimme versagte vor Empörung, er mußte schlucken und Atem holen, um weitersprechen zu können

– sind richtig. Man könnte sagen, sie seien alle gleich richtig. Bitte, Genosse Direktor ...

Er verbeugte sich hölzern, legte den Stoß Hefte aufs Katheder und stieg vom Podium. Der Direktor trat vor die Tafel. Er war so auf seine Mitteilung konzentriert, daß er sich ebenfalls unbewußt verbeugte.

– Meine lieben Schüler, ich sollte euch also im Namen der gesamten Lehrerschaft gratulieren und ein derart glänzendes Ergebnis dem Unterrichtsministerium mitteilen. Ja, vielleicht sollte ich es auch euren Eltern und der Öffentlichkeit bekanntgeben und in der Aula eine Feier veranstalten, um euch sämtlichen Jahrgängen als Beispiel vorzuhalten!

Ein anderer Laut wurde vernehmbar. Die Klasse begann vor Begeisterung zu raunen.

– Doch zuvor müssen wir uns eine Frage stellen!

Seine Stimme veränderte sich bis zur Unkenntlichkeit. Er und der Mathematiklehrer bekamen plötzlich eiskalte Augen wie Detektive.

– Wurde hier nicht –

sein Zeigefinger zitterte über dem Stoß Hefte wie über einer Zeitbombe

– ein unglaublich dreister, geradezu globaler Betrug verübt?

In der Klasse breitete sich Grabesstille aus, während in sämtlichen Gemütern eine Höllenmaschine tickte.

– Meine lieben Schüler! Ich will dem Schuldigen Gelegenheit geben, freiwillig ein Geständnis abzulegen. In diesem Fall wären Kollege Brunát und ich bereit, das Ganze als dummen Scherz aufzufassen, als einen Bubenstreich, der unter uns bleibt. Nun? So ein Angebot werdet ihr doch nicht ausschlagen, hab ich recht?

Tikal überzeugte sich durch einen Seitenblick, wie die Situation in der dritten Bank am Fenster aussah. Das mandeläugige, kastanienhaarige Mädchen schaute den Direktor gelassen interessiert an. Dafür verriet ihre pummelige Nachbarin höchste Beunruhigung; ihr Kinn zitterte, als hielte sie nur mühsam die Tränen zurück.

Das krampfhaft freundliche Lächeln auf dem Gesicht des obersten Pädagogen der Schule erlosch jäh. Er schlug mit der Faust auf den Stoß Hefte, und seine Stimme knatterte los wie ein Colt; sie bestätigte die Richtigkeit seines Spitznamens.

– Na schön! Dann versuchen wir’s anders. Genosse Brunát, rufen Sie den Schulwart! Einer nach dem anderen zu mir!

Tikal stellte sich ein feuchtes Kellergewölbe vor, von züngelnden Fackeln geschwärzt. Auf schräger Leiter festgeschnallt ein Jüngling in Fetzen: Tikal. Der Direktor befragt ihn, der Schulwart dreht die Winde, der Mathematiklehrer brennt ihn mit glühenden Eisen.

Tikal verspürte tiefe Erleichterung darüber, daß er in einem Jahrhundert lebte, in dem Folterung an Schulen gesetzlich verboten ist.

II

Woran man einen anständigen Bürger erkennt. – Denunziation als Unterrichtsfach. – Vierzig Verhöre und ... – Hilft eine lebhafte Phantasie beim Rechnen? – Die Tochter eines Polizeibeamten muß den anderen ein Vorbild sein. – ... und ein Verrat! – Ist es möglich, daß Mandelaugen abgebrüht lügen können? – Nicht nur Betrug, sondern auch Einbruch! – Jeder hat andere Einfälle.

Es gibt Länder, deren Regierung behauptet, jeder anständige Bürger müsse wenigstens einmal im Leben im Knast gesessen haben. Diese Behauptung ist berechtigt, sofern die Zahl der Bürger, die nicht im Knast gesessen haben, nicht einmal zur Bildung der Regierung ausreicht, in der dann eben auch Knastbrüder sitzen müssen.

Unbedingt gilt jedoch für fast alle Länder, daß gegen jeden anständigen Bürger zumindest einmal im Leben ermittelt wird. Auch darauf werden die künftigen Bürger von der Schule vorbereitet. Will sagen, daß den praktischen Übungen in diesem Fach viel mehr Zeit gewidmet wird als etwa dem Unterricht in Empfängnisverhütung.

In den Ermittlungsstunden, ob nun vom Verlust des Klassenbuchs oder vom Rauch in der Knabentoilette veranlaßt, wird alles eingeübt und abgefragt, womit der Schüler in Berührung kommen und was man von ihm im praktischen Leben erwarten wird: geschicktes Herauswinden und hartnäckiges Abstreiten, väterlicher Zuspruch, der in existentiellen Druck mündet, Denunziation als mildernder Umstand und Geständigkeit als Hauptbeweis für die eigene Schuld.

Die Ermittlung in Sachen des epochalen Erfolgs der Klasse 8 a fand im Direktorzimmer statt. Der Mathematiklehrer rief einen nach dem anderen in alphabetischer Reihenfolge und ohne Ansehen des Geschlechts herein. Schulwart Coufal gab auf dem Korridor acht, daß keine Absprachen stattfanden. Seine Lunge gierte unentwegt nach Nikotin, so daß er immer wieder Patrouillengänge um die Ecke des Korridors vortäuschte, um an der Zigarre ziehen zu können, die hinter der Büste eines Volkstumsbarden versteckt war.

Absprachen erübrigten sich. Alle wußten, daß die Gefahr erst ganz am Ende des Alphabets lauerte. Um Bašus bis Tikal bangte keiner.

– Bašus,

sagte Direktor Plavec, hinterm Schreibtisch sitzend, genau unter dem Bild des Präsidenten der Republik, der bedeutungsvoll irgendwohin ins Abseits schaute, als wollte er damit Plavecens Autorität unterstreichen,

– du hast es doch nicht nötig, zu schwindeln, du ganz gewiß nicht, hab ich recht?

Er duzte die Schüler grundsätzlich, damit sie um so eher begriffen, daß er ihr zweiter Vater war.

Bašus nickte bescheiden. Er war ein ernster Knabe mit starker Brille, und in seiner Freizeit verifizierte er daheim die Richtigkeit der Formeln, die Einstein zur Relativitätstheorie geführt hatten. Mathematiklehrer Brunát nahm ihn seit einiger Zeit lieber nicht mehr dran.

– Ich würde fast glauben,

fuhr der Direktor geradezu freundschaftlich fort und neigte den scharfgespitzten Bleistift, der bis dahin auf Bašusens Brust gezielt hatte,

– daß du ihnen das ausgerechnet hast, wenn’s nicht einhundertzwanzig Beispiele wären. Einhundertzwanzig Spickzettel schreiben, das zahlt sich für niemanden aus, was meinst du?

Bašus zuckte höflich die Achseln.

– Also, weißt du was davon oder nicht?

Bašus schüttelte bedauernd den Kopf.

Der Direktor hatte keinen Grund, ihm nicht zu glauben, aber ebensowenig, ihm zu glauben. Beides gab er ihm zu verstehen.

– Nun, ich danke dir. Du kannst gehen, einstweilen.

– Batková!

rief der Mathematiklehrer auf den Korridor hinaus.

Bašus nahm auf der Schwelle die Brille ab, um seiner Mitschülerin aufmunternd zublinzeln zu können.

Das zweite bis vierzigste Verhör lief, von Abweichungen abgesehen, in denselben Bahnen.

– Batková,

sagte Direktor Plavec, den Bleistift auf sie gerichtet, den er jedoch sofort senkte, als er bemerkte, daß der Mädchenbrust neuerdings ein weiblicher Busen entsprossen war,

– gib zu, ich kenne dich lange genug, um über dich Bescheid zu wissen. Die Beispiele muß dir jemand gegeben haben!

– Wirklich nicht ...

behauptete die Batková.

– Tikal,

sprach Direktor Plavec, nach einer Stunde schon heiser geworden,

– ich weiß, du hast eine lebhafte Phantasie, aber beim Rechnen hat sie dir nie viel genützt. Du mußt das abgeschrieben haben!

– Ehrlich nicht ...

beteuerte Tikal.

Dabei kippte ihm so merkwürdig die Stimme um, daß es ihn kalt überrieselte. Er hatte immer gedacht, radfahren und lügen verlerne man nicht.

Aber die Direktor deutete nur zum vierzigstenmal resigniert mit dem Bleistift auf die Tür.

– Urbanová!

rief der Mathematiklehrer auf der Schwelle.

Tikal beeilte sich. Als er an der Urbanová vorbeikam, war er weit genug von Brunát entfernt, um drohend flüstern zu können:

– Daß du bloß keinen Pieps machst!!

Da dies auch die anderen flüsterten, ergab sich ein menschenunähnliches Gezisch, von dem Grauen ausging.

Das pummelige Mädchen aus der dritten Bank stolperte in das Direktorzimmer. Die Klasse schaute ihr voll banger Vorahnung nach. Man kannte sie gut, sie und ihren Vater.

Ebensogut kannten sie der Direktor und der Mathematiklehrer. Sie blickten einander an und wußten: jetzt oder nie.

– Urbanová!

hub der Direktor streng an, und die scharfe Spitze des Bleistifts zielte ohne Scheu auf ihre Brust, die stufenlos in ein rundliches Bäuchlein überging,

– du als Tochter deines Vaters kannst doch nicht so eine Lumperei decken! Also heraus damit! Wer hat da alles seine Hand im Spiel? Wir wissen’s ohnehin schon!

Der klassische Trick aller Ermittler verfing jedoch erstaunlicherweise nicht. Die Urbanová entsann sich der einundvierzig Gesichter, die ihrer auf dem Korridor harrten. Sie raffte sich zu verzweifeltem Widerstand auf.

– Ich weiß nicht ... Ich hab’s ausgerechnet ...

– Behaupte von mir aus, du hättest Amerika entdeckt. Jedenfalls glaube ich dir das eher, als daß du diese Beispiele allein ausgerechnet hast!

– Vorgestern hab ich den ganzen Abend dran herumgerechnet!

Der Mathematiklehrer verließ seinen Platz an der Tür und sprang auf sie zu, mit der Energie des erfolgreichen Jägers. Aus seiner ganzen Höhe dröhnte er auf sie herab.

– Ah! Jetzt haben Sie sich verplappert! Wie konnten Sie vorgestern abend wissen, welche Beispiele ich Ihnen gestern morgen aufgeben würde?

Er siezte die Schüler grundsätzlich, damit sie merkten, daß sie es nicht mit ihrem Onkel zu tun hatten.

Die Urbanová verlor vor Schreck die Sprache und bewegte lautlos die Lippen.

– Also, paß auf,

ließ der Direktor sich vernehmen und stand auf, um seinen Worten mehr Gewicht zu verleihen,

– fassen wir zusammen. Zweiundvierzig fehlerlose Arbeiten, und vierzig Mitschüler haben hier vor dir behauptet, es ist ein Zufall. Wenn du als einzige jetzt einen Betrug zugibst – und den hast du zugegeben! –, dann bist du auch als einzige dafür verantwortlich, hab ich recht? Ich rufe jetzt deinen Vater an, der soll die Befragung selbst weiterführen.

Die Urbanová ächzte.

– Nein! Nein, bitte nicht ...

Polizeihauptmann Urban war allgemein als Mann und Vater bekannt, der strengstens auf die Einhaltung der Gesetze achtete und noch strenger auf die Erziehung seiner Tochter. Dies entsprang der Überzeugung, die Tochter eines Polizeibeamten müsse allen anderen ein Vorbild sein. Die Striemen, welche die Hinterbacken der Urbanová nach jedem Vergehen, nach jedem Zeugnis zierten, waren das einzige, was ihr in der Klasse eine kurzlebige Sympathie verschaffte. Ansonsten stand sie im Ruf einer Heulsuse und Petzerin.

– Andernfalls,

ging der Direktor zum Angriff über,

– sagst du uns nun klipp und klar, wie’s gewesen ist! Also??

Er stand jetzt unmittelbar neben dem Präsidenten. Der Urbanová flimmerte es vor den Augen. Der Präsident schaute zwar ins Abseits, aber er hörte alles. Sie begriff, ihm durfte man nicht ins Gesicht lügen. Aber sie dachte auch an die draußen und jammerte los.

– Die werden nicht mehr mit mir reden ...

– Warum werden sie nicht mehr mit dir reden?

– Wir haben geschworen ...

Die beiden Pädagogen tauschten vielsagende Blicke. Die Jagd neigte sich dem Halali entgegen. Der Direktor tönte wieder väterlich.

– Aber Urbanová! Ein erzwungener Schwur zählt doch nicht. Und wenn du Angst hast, dann schwören wir dir beide, der Genosse Brunát und ich, daß niemand es von uns erfährt. Schau, wir verhören jetzt noch die Zimová, und dann geben wir einfach bekannt, wir hätten’s von Anfang an gewußt! Na also, Urbanová, wer hat euch die Beispiele verraten?

Auf dem nahen Staatsgut fingen die Hähne an zu krähen. Die Urbanová schniefte kurz und ward zur Verräterin.

– Die Zimová ...

Das war der letzte Name, den sie erwartet hatten.

– Die Zimová?

wiederholte der Direktor ungläubig.

– Aber die Zimová konnte doch nicht ...

hielt der Mathematiklehrer mitten im Satz inne.

Die Freude über den Blattschuß wechselte mit Enttäuschung. Statt einer wilden Bestie hatte man ein Kaninchen erlegt. Der Direktor faßte sich.

– Dann fragen wir sie eben!

Eingedenk seines Schwurs nickte er der unglücklichen Urbanová huldvoll zu.

– Schon gut. Warte draußen.

– Zimová!

rief an der Tür der Mathematiklehrer. Er konnte nicht verhindern, daß es feierlich klang.

Zum Direktorzimmer schritt das grazile Mädchen mit dem kastanienfarbenen Haar und den mandelförmigen Augen, verfolgt von den vierzig Paar anderen.

Daß diese Stecken sie tragen! wunderte sich Tikal wie immer. Gleich darauf wunderte er sich abermals, nämlich daß er ihr nicht mal in Gedanken ein Bein gestellt hatte, wie bei jeder Gelegenheit seit der ersten Grundschulklasse, sondern ihr Schreiten mit einer nebulosen Beklommenheit verfolgte.

Wie schade, daß die strahlendsten Sekunden unseres Daseins im Dunkel der Unwissenheit verdämmern! Binnen einiger Minuten war Tikals Kindheit zu Ende gegangen. Ohne Warnung hatte das Mannestum gleich zwei seiner Organe befallen, die Stimme und das Gefühl. Jene vermittels Bruch, dieses vermittels Liebe.

Aller Blicke verlagerten sich auf die Urbanová, die sich um ein Lächeln bemühte. Es fiel kläglich aus.

– Du, hör mal,

fragte Brož, als Häuptling Tikal es seltsamerweise unterließ,

– wieso warst du so lange da drin?

Von der Ecke des Korridors her näherte sich eilig der Schulwart und rief:

– Während der Ermittlungen wird nicht geredet!

Brož erwiderte hinter Tikals Rücken:

– Während der Ermittlungen wird nicht geraucht.

Coufal hielt inne. Sein Haupt umschwebte ein Wölkchen von Zigarrenrauch. Er sah aus wie ein gekränkter Heiliger.

– Wer hat das gesagt?

Hinter Bašusens Rücken sagte Tikal, der schon wieder zu sich gekommen war:

– Niemand.

– Drum eben!

– Setz dich,

sagte der Direktor zur Zimová; er war entschlossen, sie einfach zu überrumpeln.

– Denk mal an, wir wissen schon alles. Leugnen ist zwecklos.

Das Mädchen hatte nichts dergleichen vor. Sie sah ihn mit ihren leicht schrägstehenden Augen an, in denen kein Schatten von Angst oder Nervosität zu erkennen war.

Ist es möglich, wunderte sich der Direktor, daß solche Augen so abgebrüht lügen können? Herrgott, seufzte er im Geiste, als Pädagoge kommt man sein Leben lang nicht aus dem Staunen heraus. Aber halt, mein Mädchen, dir erteile ich eine Lektion! Er zielte mit dem Bleistift auf ihre eher küken- als mädchenhafte Brust.

– Die Beispiele hast du ihnen gegeben, jawohl, du, meine liebe Zimová, und ausgeplaudert hat es dein Mitschüler –

fügte er tückisch hinzu

– fällt dir vielleicht ein, welcher?

– Bitte, die Urbanová,

sagte das Mädchen, als antwortete sie an der Tafel auf die leichteste aller Fragen.

Die beiden Männer stutzten. Der Mathematiklehrer hatte das Gefühl, der Vorteil der Überraschung schwinde dahin, und unternahm rasch einen neuen Ausfall.

– Und wollen Sie hier vielleicht behaupten, sie hat sich das ausgedacht?

Die Zimová schwenkte ihren Unschuldsblick zu ihm hinüber.

– Bitte, das will ich nicht.

Jesus, an wen erinnert mich das, kramte der Direktor im Gedächtnis, und schon wußte er’s. Er entsann sich, mit welch überzeugender Entrüstung seine junge, vergötterte Frau voriges Jahr bestritten hatte, einen Eduard Hakl zu kennen, dessen Liebesbrief sich doch in seiner Tasche befand. Aus ihren Augen war die gekränkte Unschuld auch nicht gewichen, als er ihr den Brief gezeigt hatte, so daß er bis heute nicht sicher war. Und so fängt alles an! Er verhärtete sich.

– Was du willst oder nicht willst, meine liebe Zimová, ist uns herzlich egal. Du wirst uns erklären müssen, wie du dir die Beispiele verschafft hast. Denn –

und er fuhr sein schwerstes Geschütz auf

– der Genosse Brunát hatte sie im Lehrbuch angekreuzt, und das hatte er bis gestern früh in seinem Tisch im Lehrerzimmer!

Der Mathematiklehrer klingelte unheilverkündend mit dem Schlüsselbund vor ihrem Gesicht, obwohl er selbst nicht wußte, was er damit erreichen wollte.

– Hier sind die Schlüssel!

– Was du also getan hast,

der Direktor erhob sich abermals und nahm die Hilfe des Präsidenten in Anspruch,

– ist nicht nur Betrug, sondern es läuft auf Einbruch hinaus!

Beide Pädagogen waren überzeugt, jetzt müsse sie aber endlich losheulen und mit der Wahrheit herausrücken. Sie indes heulte mitnichten los und sagte, quasi entschuldigend, als wollte sie ihnen die Freude nicht verderben:

– Aber ich hab nirgendwo eingebrochen.

– Nein??

ereiferte sich Brunát und rasselte mit den Schlüsseln.

– Bitte, nein.

Der Direktor hatte von sämtlichen Weibern die Nase voll, angefangen bei der Zimová, bis zu seiner Gattin.

– Zimová! Ich kenne dich seit acht Jahren, aber ich hätte nie geglaubt, daß du so lügen kannst!

– Bitte, ich lüge nicht.

Der Direktor brüllte los.

– Hast du ihnen die Beispiele nun gegeben oder nicht??

– Bitte, ja.

– Könntest du uns also erklären, wie du an sie herangekommen bist?

– Bitte, ja.

– Dann erklär’s uns!!

– Bitte, mir ist das eingefallen.

– Was ist dir eingefallen?

– Mir ist eingefallen, welche Beispiele wir aufbekommen.

Soviel Frechheit verschlug ihnen den Atem. Der Direktor meinte bissig:

– Also, das wäre mir nie eingefallen. Aber dafür fällt mir etwas anderes ein. Habt ihr zu Hause Telefon?

III

Stadt S. versus Fluß S. – Ein Fluß, töpfchenweise aufgefüllt. – Die Schlüssel zur Stadt mitsamt dem Tor gefällig? – Revolutionärer Mönch und imperialistischer Teufel. – S/S. – Eine Katze als Bote. – Zwei Paar Kuhaugen. – Unser Mädel hat eine Eins bekommen? Da muß etwas faul sein. – Dieser Schoß ist jungfräulich. – Sollte dir wieder etwas einfallen, dann sag’s ruhig weiter! – Die Polizei weint nicht, darf aber staunen.

Die Stadt S. liegt am Fluß S. Seit uralten Zeiten ereiferten sich die Bürger der Stadt und die Anwohner des Flusses über die Streitfrage, ob der Fluß nach der Stadt benannt war oder umgekehrt. Es erinnerte an die mittelalterliche Polemik, was zuerst da war: die Henne oder das Ei.

Die Bürger der Stadt behaupteten, es sei der wegen seiner unerschrockenen Krieger, geschickten Glasbläser und aufgeklärten Geistlichkeit berühmte Ort S. gewesen, der dem unbedeutenden, unschiffbaren und daher namenlosen Wasserlauf seinen Sinn und folglich auch seine Benennung verliehen hatte; erst danach und lediglich dadurch sei das Rinnsal zur Kenntnis genommen, in Landkarten verzeichnet, mit Gehöften und Ferienhäusern gesäumt, befischt und schließlich reguliert worden, nach Ansicht der Bürger der Stadt völlig überflüssigerweise, da jeder Anwohner des Flusses verpflichtet gewesen sei, täglich ein Töpfchen Wasser hineinzuschütten, damit er überhaupt floß.

Die Anwohner des Flusses behaupteten, es sei der wegen seiner kühnen Flößer, fleißigen Fischer und aufgeklärten Geistlichkeit berühmte Fluß S. gewesen, der dem bedeutungslosen, weltabgeschiedenen und daher völlig unbekannten Nest seine Daseinsberechtigung und folglich auch seinen Namen verliehen hatte; erst danach und nur deswegen sei es entdeckt, der Öffentlichkeit zugänglich gemacht, bewohnt, in den Territorialplan aufgenommen und mit Wällen umgeben worden, laut Meinung der Anwohner des Flusses ganz entbehrlicherweise, denn kaum wurde das neuerliche Eindringen fremder Heere in Böhmen kundgetan, hätten sich die Bürger der Stadt in den Feldern postiert und den Eroberern mitsamt den Schlüsseln vor lauter Eifer auch das ausgehängte Stadttor überreicht.

Als aufgeklärte Geistlichkeit galt sowohl der einen als auch der anderen Seite der Mönch Clarinus, welcher der Sage nach den Teufel aus einer Höhle am (!) Ufer vertrieben und im (!) Fluß ertränkt hatte, so daß beide Seiten zu Recht Anspruch auf ihn erhoben. In der Zeit knapp vor Klára Zimovás Geburt wurde die Erwähnung der Geistlichkeit vorübergehend unterlassen, und zwar im Zusammenhang mit der revolutionären Umwandlung der Gesellschaft. Der Kreisausschuß erstellte später für die Schulen der Stadt und des Flußgebietes einen einheitlichen Text, in welchem statt des Mönchs die fortschrittliche Intelligenz gefeiert und statt des Teufels der Imperialismus verurteilt wurde. Da Großmütter und Mütter den Kindern die Legende jedoch weiterhin im Originalwortlaut erzählten, wurde gleichzeitig der völkischen Tradition und dem Prestige des Regimes Achtung gezollt.

Es soll nicht unerwähnt bleiben, daß sich in der Stadt und im Flußgebiet ortsüblicherweise die Abkürzung S. an der S., weiterverkürzt zu S. a. d. S. und schließlich zu S/S, eingebürgert hatte. Eine ganze Reihe von Briefen und Ansichtskarten S/S-Gebürtiger, die als Touristen, Sportler, Geheimdienstler oder Emigranten nach einer der zahlreichen Okkupationen die Welt durchstreiften, war – mit dieser Anschrift versehen, wiewohl versehentlich ohne Angabe des Landes nach Hause gesandt – in den Archiven der britischen Admiralität geendet, denn dort bezeichnet man mit der Abkürzung S/S jedwedes steam ship, also Dampfschiff.

Als das Telefon klingelte, hatte Mutter Zimová alle Hände voll zu tun. Auf dem Tisch ruhte umgekehrt ein Stuhl, an jedem seiner Beine war der Zipfel einer Serviette befestigt, und unter der Serviette stand ein Topf; Mutter Zimová passierte die ersten Himbeeren dieses Jahres und filterte den Saft durch die Serviette. Ihre Hände waren bis zu den Ellbogen so rot, als steckten sie in Handschuhen.

Sie blickte sich nach der Großmutter um. Oma Zimová saß in ihrem Sessel, auf der einen Seite weiße Wolle, auf der anderen Seite braune Wolle. Die braune Wolle verstrickte sie. Den grauen Kopf schräg gehalten, betrachtete sie den dunklen Fernsehschirm und lächelte. Mutter Zimová erriet, daß sie an den Opa dachte. Oma Zimová dachte ausschließlich an den Opa. Seit er voriges Jahr gestorben war, wiederholte sie sich im Geiste ihr ganzes mit ihm verbrachtes Leben, Minute um Minute. Eben tanzte sie Mazurka auf dem Slawenball.

Mutter Zimová bereitete es ziemliche Mühe, den Hörer so zu ergreifen, daß sie ihn möglichst wenig verschmierte. Dann fragte sie altväterlich:

– Hallo? Wer dort?

– Hier Direktor Plavec,

krächzte es aus dem Hörer,

– ich hätte gern mit Herrn Zima gesprochen.

– Ich passiere gerade Himbeeren,

antwortete Frau Zimová.

Den Direktor verblüffte diese Antwort. Es dauerte einen Augenblick, bis er, leicht aus dem Konzept gebracht, abermals anhub.

– Aber ich hätte gern den Genossen Zima ...

– Der ist in der Werkstatt. Aber Sie können vorbeikommen, er macht’s Ihnen gleich.

In dem Moment erinnerte sich der Direktor glücklicherweise, daß Zima eine kleine Autoreparaturwerkstatt leitete. Er kannte sich wieder aus.

– Hier Plavec, der Schuldirektor. Es wäre nötig, daß er sofort in die Schule kommt, es geht um Ihre Klára. Richten Sie’s ihm aus?

Mutter Zimová sagte entschuldigend:

– Aber wo ich gerade die Himbeeren passiere ...

Sie fragte nicht einmal, worum es ging. Plavec kam zu Bewußtsein, daß er in all den Jahren weder sie noch ihren Gatten in der Schule gesehen hatte. Zugegeben, das Mädel hatte gute Noten, und auch ihr Betragen hatte bis heute nichts zu wünschen übriggelassen, aber trotzdem: Eltern sollten sich nach ihren Kindern erkundigen kommen, schon aus Achtung vor den Pädagogen. Gereizt sprach er weiter.

– Könnten Sie nicht wen zu ihm schicken? Es ist wirklich sehr dringend!

– Also, dann schick ich die Líza hinüber.

– Seien Sie so freundlich!

schloß der Direktor scharf und legte auf; irgend etwas ging ihm nicht aus dem Kopf, und deshalb wandte er sich an die Zimová.

– Du hast eine Schwester?

– Bitte, nein.

– Und wer ist Líza?

– Bitte, unsere Katze.

Der Direktor sperrte den Mund auf, aber da bemerkte er den Blick des Mathematiklehrers und klappte ihn wieder zu. Er wollte keine dummen, läppischen Fragen stellen.

– Tsch, tsch, tsch!

machte Mutter Zimová; das weiße Wolleknäuel neben der Großmutter stand auf und dehnte sich.

– Kschtz! Sag dem Papa, er soll herkommen.

Die weiße Katze schrumpfte ein, als hätte man die Luft aus ihr herausgelassen. Dann stieß sie sich ab, streckte sich und sprang in einem langsamen, fließenden Bogen aus dem Fenster. Sie schritt, sich im Schatten der Rosen haltend, würdevoll am Haus entlang. Das schwere Tor der Werkstatt stand nur einen Spaltbreit offen; um hindurchzugelangen, mußte sie sich fast so dünn machen wie ein Blatt Papier. In der Werkstatt war keine Menschenseele zu sehen, nur ein halbes Dutzend auseinandergenommener Autos. Die weiße Katze ging zu einem uralten Praga, setzte sich neben die Hinterachse und miaute zweimal.

– Gleich, Líza,

ertönte es unter dem Wagen hervor,

– bin schon unterwegs!

Der Direktor wollte überhaupt keine Fragen mehr stellen, um die Klinge seiner Mission nicht von kindischem Geschwätz abstumpfen zu lassen. Die Uhr auf der Pfarrkirche schlug fünf. Er forderte Brunát auf:

– Schicken Sie die anderen nach Hause. Bis auf die Urbanová.

Der Mathematiklehrer öffnete die Tür, und der Tonfall seiner Stimme verriet alles.

– Die ganze Klasse kann nach Hause gehen. Nur die Urbanová bleibt.

Er verschwand. Vierzig Kehlen gaben einen Laut von sich, als knurrte ein riesiges Tier. Vierzig Paar Augen stellten die Urbanová an den Pranger.

– Du blöde Ziege,

sagte Tikal halblaut,

– wenn sich herausstellt, daß du gepetzt hast ...

Das pummelige Mädchen brach in Tränen aus und setzte sich mit einer unerwarteten Gewandtheit, wie sie die Angst gebiert, treppab in Bewegung. Die anderen rannten trampelnd hinterdrein.

– Urbanová!

schrie Schulwart Coufal; damit hatte er seiner Pflicht Genüge getan und ging zum Volkstumsbarden, um seine Zigarre zu holen.

Wie ist die Zeit zu überbrücken, die uns vom Höhepunkt der Jagd trennt, wenn die Beute enthäutet ist und der Kopf als Trophäe feierlich über der Tafel der Sieger aufgerichtet wird?

Der Direktor zog gewaltsam die Spannung hinaus. Er setzte sich an seinen Tisch, machte ein äußerst strenges Gesicht, warf gelegentlich einen Blick auf die Uhr, trommelte gelegentlich mit den Fingern. Der Mathematiklehrer ließ sich im Sessel für hohe Besucher und Pädagogen nieder. Er machte ein finsteres Gesicht, warf gelegentlich einen Blick auf die Uhr, rasselte gelegentlich mit den Schlüsseln. Klára Zimová saß auf dem Stuhl für Eltern und Schüler, genauso ruhig, als wäre sie im Kino.

Schließlich ertönte ein Klopfen.

– Herein!

Als niemand eintrat, sprang der Direktor hinter dem Schreibtisch hervor und riß die Tür auf. Wut wurde von Schrecken abgelöst. Auf der Schwelle stand ein Mann, noch größer als Brunát. Doch Brunát war spindeldürr, Zima hingegen muskelbepackt. Er hatte seinen ölverschmierten Overall an und hielt die riesigen Hände auf dem Rücken versteckt.

– Ich bin einfach gleich so gekommen ...

Der Direktor schilderte ihm den Fall viel zurückhaltender, als er beabsichtigt hatte. Nicht aus Feigheit; die Kleine begann ihm leid zu tun. Wenn diese Pranken einmal zuschlugen ...

– Vielleicht hatte sie Angst vor uns,

schloß er versöhnlich,

– vielleicht sagt sie Ihnen eher die Wahrheit. Na, Klára, wie war das also?

Sie schaute vertrauensvoll ihren Vater an und begann in der Kindersprache, deren Sätze keinen Anfang und kein Ende kennen:

– Der Genosse Professor hat gesagt, es werden Beispiele aus dem Rechenbuch sein, und da hab ich es nach dem Unterricht aufgeschlagen, um nachzusehen, und da ist mir eingefallen, das werden diese fünf sein, und die Urbanová hat mich gefragt, was ich glaube, daß wir aufbekommen, und da hab ich’s ihr gesagt, und die Urbanová hat gefragt, wieso ich das weiß, und da hab ich ihr gesagt, es ist mir so eingefallen, und dann ist der Tikal dazugekommen, und die Urbanová hat ihm dasselbe gesagt, was ich ihr gesagt hab, und der Tikal hat mich gefragt, ob ich das hundertprozentig weiß, und da hab ich gesagt, ja, und er hat’s dem Brož gesagt, und der Brož dem ...

Als erster verlor der Mathematiklehrer die Nerven.

– Zimová! Im Rechenbuch stehen einhundertzwanzig Beispiele! Bitte, überzeugen Sie sich selbst!

Das galt dem Vater, dem er das aufgeschlagene Lehrbuch hinhielt. Zima zog verschämt die Hände zurück.

– Ich hab mich nicht richtig gewaschen ...

Der Direktor sagte eindringlich:

– Zimová! Du wirst doch deinen eigenen Vater nicht anlügen!

– Aber ich lüge nie,

sagte das Mädchen, als wäre ihre Geduld unerschöpflich.

Der Direktor appellierte an die letzte Instanz.

– Genosse Zima! Sie sollten ihr ins Gewissen reden!

– Aber sie lügt nie,

sagte der Vater, als wollte er ein eigensinniges Kind beschwichtigen.

Er tauschte mit der Tochter einen liebevollen Blick, und der Direktor stellte bestürzt fest, daß der Riese die gleichen schrägen Mandelaugen hatte wie sie. In dieser Größe strahlten sie so etwas wie wehrlose Unbeholfenheit aus. Woran erinnerten sie ihn ganz stark? Eine Kuh! dachte er. Der Ochse und sein Kalb! Er verlor jeglichen Respekt vor ihm.

– Zimová, geh mal kurz hinaus!

Sie stand auf, machte eine Verbeugung und ging auf den Korridor. Der Direktor deutete gebieterisch auf den freien Stuhl, und nachdem Vater Zima sich bedrückt gesetzt hatte, richtete er an ihn – auch im Namen des Präsidenten – streng das Wort.

– Es ist schön, Genosse Zima, wenn die Eltern ihren Kindern glauben, aber was zuviel ist, ist zuviel! Aufgrund unserer gesamten pädagogischen Praxis können ich und mein Kollege –

er meinte allerdings Brunát, aber es wirkte, als meinte er den Präsidenten.

– behaupten: So ein Zufall ist total ausgeschlossen. Wenn wir’s recht bedenken, dann ergibt sich: a) Die ganze Klasse hat nur jene fünf Beispiele ausgerechnet, die Genosse Brunát in seinem Buch angekreuzt hatte, und b) Ihre Tochter gibt zu, daß sie es war, die den Mitschülern diese Beispiele angegeben hat. Ergo: Wie hat sie das herausbekommen? Es ist doch im Interesse ihrer gesamten Weiterentwicklung, daß sie uns das sagt. Das meinen Sie doch auch, hab ich recht?

Zima hatte die ganze Zeit über schüchtern genickt.

– Es bleibt also nichts anderes übrig, als daß Sie selbst sie fragen, und zwar mit allem Nachdruck!

Zima hörte auf zu nicken und sagte verlegen:

– Aber sie hat’s doch schon gesagt ...

– Was?

– Na, daß es ihr eingefallen ist.

Direktor Plavec brüllte gar nicht pädagogenhaft:

– Aber das ist doch absoluter Blödsinn!!

Die Zimová wartete unterdessen auf dem Korridor: Die tiefstehende Sonne drängte sich an die Quadrate der Fensterscheiben; auf dem Fußboden des Korridors zeichneten sich jedoch merkwürdigerweise Rauten ab. Sie versuchte, über sie hinwegzuhüpfen, ließ es aber plötzlich bleiben und trat neugierig ans Geländer. Gleich darauf schlug im Erdgeschoß eine Tür zu, und Schritte wurden laut. Dann erschien in der Treppenbiegung ein schlanker Mann in der Uniform eines Polizeibeamten. Klára lächelte zufrieden und grüßte artig.

– Guten Tag.

– Grüß dich, Klárka,

sagte der Polizeibeamte,

– ich bitte dich, was geht hier ...

In Kláras Augen flackerte Angst auf. Sie rief:

– Vorsicht!

Er blieb stehen.

– Wieso?

– Damit Sie nicht ausrutschen ...

– Ich? Warum sollte ich ausrutschen?

Sie zuckte verwirrt die Achseln.

Welche Verantwortung, wenn man Vater ist! Welche Sorge, wenn man Vater einer Tochter ist! Welche Plage, wenn man Vater einer Tochter ist, an der die Pubertät rüttelt! Der Polizeibeamte hatte auch so eine daheim, und er hätte über ihre Hirngespinste wissenschaftliche Werke verfassen können, wenn er Zeit gehabt hätte. Seiner Věra hätte er schlicht eine gelangt. Klára lächelte er nur mitleidig zu und ging wortlos weiter. Er griff in dem Moment nach der Klinke des Direktorzimmers, als die Tür aufflog und der Mathematiklehrer kläffte:

– Urbanová!

Beide erschraken.

– Puh!

machte der Polizeibeamte.

– Pardon ...

stotterte Brunát,

– ich rufe eben Ihre ...

– Mein Mädel,

erklärte der Polizeibeamte und schloß die Tür hinter sich,

– kommt verheult angerannt, angeblich ist ein Malheur passiert, da hab ich ihr gleich eine gelangt, als Vorschuß, und nun möchte ich fragen, wie viele ich ihr nachliefern soll. Hat sie ein Ungenügend geschrieben?

– Nein, im Gegenteil, aber es geht gar nicht um sie,

sagte der Direktor Plavec und reichte ihm die Hand,

– sei mir gegrüßt, Karel, das hier ist Herr Zima, Genosse Zima, das ist Hauptmann Urban, falls Sie ihn nicht ...

– Ich kenne ihn ...

Nach der Gewohnheit von Männern, die eine militärische Grundausbildung als einfacher Soldat genossen haben, nahm Zima respektvoll Haltung an, ein ganz klein wenig geduckt, damit er den um so viel Ranghöheren nicht um so viel überragte.

Hauptmann Urban reichte ihm erfreut die Hand.

– Ah! Da bin ich aber froh! Unser Mädel und Ihr Mädel sind doch Banknachbarinnen! Also, um was geht’s denn?

Direktor Plavec setzte es ihm in allen Einzelheiten auseinander. Der Polizeibeamte machte lange eine skeptische Miene. Plötzlich merkte er auf:

– Unser Mädel hat eine Eins bekommen? Da muß also wirklich etwas faul sein. Wo ist der Schlüssel, und wo ist der Tisch?

Er hockte sich davor, schweigend eingekreist von den Vorigen sowie von einigen anderen Pädagogen, die sich im Lehrerzimmer noch auf den morgigen Unterricht vorbereiteten. Mit Kláras Hilfe war auch Schulwart Coufal gefunden worden; sie war, ohne zu überlegen, in den Turnsaal gelaufen, wo er auf dem Stapel aufgehäufter Matten dann und wann ein Schläfchen zu machen pflegte. Der Hauptmann untersuchte eingehend das Schloß. Dann fragte er Brunát:

– Haben Sie noch einen Schlüssel?

– Nein.

– Sie auch nicht?

Das galt Coufal, der eben schlaftrunken überlegte, wo er seine Zigarre vergessen hatte. Man mußte die Frage wiederholen.

– Nein ...

– Dann ist alles klar.

– Was ist klar, Karel?

fragte der Direktor ungeduldig.

– Dieser Schoß ist jungfräulich.

– Wie bitte?

– Verzeihung,

entschuldigte sich der Hauptmann,

– dieses Schloß hat niemand gewaltsam geöffnet.

– Ja, aber wie ist sie dann an die Beispiele gekommen?

fragte der Mathematiklehrer zerquält.

Da aller Blicke auf ihm ruhten, sagte Vater Zima seelenruhig:

– Es ist ihr eingefallen ...

Stille. Dann sprach das älteste Mitglied des Lehrerkollegiums, der Naturkundelehrer Látal, dem es die Treue zu den altmodischen Idealen einer überholten Demokratie verwehrt hatte, Direktor zu werden, dessen Meinung hier jedoch seit jeher mehr galt als diejenige Plavecens.

– Ich finde, man sollte keine Affäre daraus machen. Hier der Kollege Brunát sucht zu Hause neue Beispiele heraus, die Kinder schreiben das morgen einfach noch mal, und wer gestern geschummelt hat, kann baden gehen.

Damit war der Fall für ihn erledigt. Unterwegs zum Kleiderständer, wo als letztes Banner der alten Zeiten ein dunkelblauer, breitkrempiger Hut hing, wie ihn der erste Präsident der Republik getragen hatte, sagte er streng zum Schulwart:

– Coufal, bringen Sie mir endlich das Naphthalin ins Kabinett, sonst muß ich demnächst statt der Vögel die Motten drannehmen!

Er setzte den Hut auf, öffnete die Tür und nahm ihn galant wieder ab. Auf der Schwelle stand eine junge Dame, die Brust wie ein antiker Harnisch, das Haar wie ein goldener Helm.

– Ergebenster Diener, Madame!

sprach Látal und dienerte tatsächlich, ließ sie passieren, erwiderte freundlich den artigen Gruß der wartenden Klára und strebte zur Treppe.

Pallas Athene blickte den Direktor fragend an. Woher kenne ich die nur, überlegte der fieberhaft. Da öffnete sie den Mund:

– Albert, wo bleibst du? Wir kommen schon wieder zu spät.

Er erkannte seine Gattin, die sich das Haar hatte färben lassen. Er war momentan außerstande, sich darüber Gedanken zu machen. Er spürte, daß zum Fall Zimová noch etwas gesagt werden mußte, und zwar von ihm selbst. Frau Plavcová entschuldigte sich bei den anderen durch ein Lächeln.

– Ich möchte wenigstens einmal den Anfang eines Films sehen!

Der Direktor erblickte das Mädchen auf dem Gang, und plötzlich sah er auch das Ende der Sache vor sich. Er ging hinaus, die anderen folgten in seinem Sog.

– Klára ... Ich kann’s noch immer nicht glauben, aber es ist nun mal so, daß ich keine Beweise habe. Morgen meldest du der Klasse, daß die Turnstunde ausfällt, weil ihr eine neue Arbeit schreibt.

Dann gewann der Zweifel die Oberhand, und er fügte ironisch hinzu:

– Und sollte dir wieder etwas einfallen, dann sag’s ruhig weiter. Wenn sie dich dann ums Schulhaus jagen, werde ich mit Vergnügen zuschauen!

– Unserer Věra sagst du aber nichts,

sagte Hauptmann Urban, schon im Gehen salutierend,

– ich werde dafür sorgen, daß sie’s büf ...

Er sprach nicht zu Ende. Den Blick auf die anderen gerichtet, hatte er unachtsam die erste Stufe betreten, glitt aus und rutschte krachend bis zum Treppenabsatz.

Die Männer eilten ihm trampelnd nach. Der Direktor rief:

– Karel! Ist dir etwas ...

– Nein ...

Immer noch platt auf allen vieren wie ein Frosch, starrte der Polizeibeamte das Mädchen an, das oben stehen geblieben war. In seinen Augen spiegelte sich nicht Schmerz, sondern Staunen.

IV

Was sich tut, wenn sich nichts tut. – Die Ähnlichkeit zwischen einer Geschichte und Quark. – Warum man ausgerechnet die eigene Frau geheiratet hat. – Haben sie ihn schon erwischt? – Ablehnung von Hellseherei hemmt die Entfaltung des Denkens. – Kann man vor Wut sein Englisch vergessen? – Dieser Mensch kommt mir nicht ins Haus! – Der Einfluß eines schamlosen Nachthemds auf eine Mathematikarbeit. – Schlimmstenfalls fragst du die Klára ...

Es ist Mode geworden, den Helden einer Geschichte nur dann Aufmerksamkeit zu widmen, wenn sich in der Geschichte gerade etwas tut. Zumal die dramatischen Künste frönen dieser Unart, der dann auch die Prosa verfällt; weder auf der Bühne noch auf der Leinwand geschieht es jemals, daß die Helden stundenlang auf dem Klo Zeitung lesen, ganze Abende stumpfsinnig auf den Fernsehschirm starren oder einfach im Bett liegen, ohne wer weiß was zu tun. Auch in der Prosa gibt es kaum noch einen Autor, der sich zu schreiben traut, daß sich sogar auf dem Höhepunkt einer Krise mitunter nichts Erwähnenswertes tut: Da denkt er sich lieber aus, daß irgend jemand sich irgend etwas Bedeutungsvolles denkt.

Wenn die eben erst gemolkene Milch stockt, dann tut sich auch nichts. An der weißen Oberfläche hat sich eine Schicht abgesetzt, so trügerisch unbewegt wie ein Theatervorhang, hinter dem die Dekoration gewechselt und die Handlung ein Stück vorangetrieben wird. Dann genügt es, den Topf ein wenig anzustoßen, der Vorhang reißt, und auf der Bühne erscheinen Quark und Molke.

Indes: Hat man uns nicht gerade das vorenthalten, was ein Naturwunder von einem Taschenspielertrick unterscheidet?

Wenn die eben erst exponierte Handlung reift, dann tut sich oft noch weniger, obwohl sich währenddessen der Lauf der Dinge und deren Kulmination anbahnen. Dann genügt es, in die stehenden Gewässer einen Kiesel des Geschehens zu werfen, und wie vom Blatt, genau nach Lehrbuch, setzen Kollisionen, Krisen, Peripetien und Katastrophen ein.

Freilich: Hat man uns nicht gerade um das beraubt, was das wirkliche Leben über ein Schattenspiel hinaushebt?

Folgen wir nicht dem Beispiel der Faulpelze, Dummköpfe oder Arschkriecher, die lediglich Feuersbrünste, Morde und Bürgermeisterwahlen in die Gemeindechronik eintragen, so daß nach einem halben Jahrhundert kein Mensch mehr feststellen kann, wer in der Gemeinde die schönsten Beine hatte, was zwar nicht alle, aber auch nicht wenige umwälzende Ereignisse erhellen würde. Lernen wir aus den eigenen Tagebüchern, in denen sich verzweifelt oft der Satz »Heute nichts Besonderes« breitmacht, so daß wir nach Jahren zwar genau wissen, wann uns wer welchen Zahn gezogen hat, aber vergeblich herumrätseln, was uns veranlaßt hat, aus so vielen besseren Möglichkeiten ausgerechnet die eigenen Ansichten, den eigenen Beruf und die eigene Frau auszuwählen.

Daher: Behalten wir die Akteure auch an dem Abend im Auge, da die eben erst in Gang gebrachte Geschichte wieder zum Stillstand kommt und alle sich noch als unwissende Reisende darin befinden, die weder von Eisenbahn noch Flugzeug transportiert werden, sondern vom Planeten selbst.

An jenem Abend saß, wie an jedem Abend, die Familie Zima vor dem Fernsehgerät. Auf der Herdplatte erkaltete der Himbeersaft, und die Küche duftete wie ein mittäglicher Garten. Auf dem Bildschirm hatte ein Komiker den unglücklichen Liebhaber abgelöst, und dem Publikum kamen die Tränen jetzt vor Lachen. Auch die Zimas lachten mit.

Der Vater hatte die großen Hände im Schoß liegen. Klára streichelte die weiße Katze. Die Großmutter strickte und dachte an den Opa: Auf dem Heimweg vom Slawenball waren sie bis zur Torbogeneinfahrt des vornehmen Hauses im Prager Stadtteil Vinohrady gelangt, wo sie in Dienst stand. Der Opa setzte ihr begeistert auseinander, das siegreiche revolutionäre Proletariat werde in Kürze auch ihr Joch beseitigen, und die Oma hoffte erregt, er werde ihr noch vorher einen Kuß geben. Mutter Zimová, die sich endlich vor das Fernsehen hingesetzt hatte, kramte ständig abwechselnd in beiden Schürzentaschen. Nach einer Weile fragte Vater Zima:

– Was suchst du, Mama?

– Ach, die Brille ...

antwortete Mutter Zimová.

Der Komiker machte den nächsten Witz, und Eltern und Tochter lachten aufs neue los. Dann drehte sich die Mutter zur Tochter um:

– Dir fällt auch nicht ein, wo sie sein könnte, Klárinka?

– Im Saft,

sagte die Tochter.

– Im Saft?

wunderte sich die Mutter,

– was macht die Brille im Saft?

Sie stand auf, ging zum Herd, rührte mit einer Schöpfkelle im erkalteten Saft und erstöberte etwas. Ein seltsamer Gegenstand kam zum Vorschein; von allen bekannten Gegenständen glich er ausschließlich einer in Himbeersaft gekochten Brille.

– Sie war drin!

rief die Mutter und spülte sie unter der Wasserleitung ab.

– Na also, hurra!

sagte Vater Zima.

– Dankeschön, Klárinka!

sagte die Mutter, als sie, die Brille auf der Nase, wieder vor dem Fernseher Platz nahm.

– Schon gut, Mama,

sagte Klára Zimová und stimmte in das Lachen ihrer Eltern über einen weiteren gelungenen Witz ein.

Die Großmutter küßte den Opa aus eigenem Antrieb und entfloh, schamentbrannt, in die Gegenwart. Forschend betrachtete sie den Bildschirm und erkundigte sich:

– Haben Sie ihn schon erwischt?

Die Antwort erfolgte, wie üblich, unisono:

– Das ist schon was anderes, Oma!

Am selben Abend, fast gleichzeitig, saßen Tikals im Wohnzimmer. Es geschah selten, daß sie so dasaßen, denn der Vater hatte oft im Krankenhaus Dienst, in letzter Zeit sogar um so öfter, als er die neue Schwester Dušková, ebenso bildhübsch wie unerfahren, vor den Zudringlichkeiten der übrigen Ärzte bewahren mußte; heute hatte Schwester Dušková dienstfrei, und so konnte er sich der Familie widmen. Frau Tikalová räumte den Tisch ab, und Doktor Tikal schlug interessiert eine englische Fachzeitschrift auf. Darin befand sich ein Aufsatz über die nichtoperative Heilung von Meniskusschäden, den er unbedingt lesen mußte.

– Papa,

fragte Tikal junior, daheim keine Spur von Häuptling,

– wie wird man Hellseher?

– Was ist das für eine blöde Frage?

– Kann man sich dazu ausbilden lassen?

– Ja. Im Zirkus. Läßt du mich eine Weile lesen?

– Wie kannst du das sagen!

sagte vorwurfsvoll Frau Tikalová. Sie kam eben aus der Küche zurück und zündete sich eine Zigarette an. Den sich häufenden emotionalen Rückziehern ihres Gatten trachtete sie ein gesteigertes intellektuelles Übergewicht entgegenzusetzen.

– Zum Beispiel dieser Hanumann? Kürzlich stand in den »Kuriositäten aus aller Welt« etwas über ihn geschrieben!

– Du meinst wohl Hanussen!

sagte Doktor Tikal ätzend. Die endlose Polemik, die seine Frau aus krankhafter Eifersucht mit ihm führte, ging ihm gleich aus zwei Gründen auf die Nerven: weil sie zu Recht eifersüchtig war und weil sie sich nicht einmal die allereinfachsten Namen merken konnte.

– Wenn du weißt, wie er heißt, dann weißt du auch, daß er ein berühmter Hellseher war,

verkündete Frau Tikalová, deren Übergewicht in letzter Zeit durch das untrügliche Gefühl gesteigert wurde, ihr Gatte habe sich wieder mal mit einem Weibsbild eingelassen.

– Ich weiß nur das, wovon ich mich selbst überzeugt habe. Und das möchte ich gern auch meinem Sohn einimpfen.

Er begann aufs neue mit der Lektüre des ersten Absatzes. Seine Frau setzte sich ihm kampfeslustig gegenüber.

– Wer eine Möglichkeit nur deshalb ausschließt,

sagte sie und überlegte, ob es wieder eine Patientin war oder eine seiner Kolleginnen,

– weil es der Wissenschaft noch nicht gelungen ist, sie aufzuhellen, der hemmt die Entfaltung des Denkens!

Ihr Tonfall ließ Doktor Tikal aufhorchen. Sollte sie von der Existenz der bildhübschen Schwester Dušková bereits Kenntnis erlangt haben? Sicherheitshalber gab er sich äußerst versöhnlich.

– Aber ich will doch nichts hemmen! Ich sage nur meine persönliche Meinung, nichts weiter. Meiner Ansicht nach ist jegliche Hellseherei entweder ein Trick oder ein Schwindel. Darf ich jetzt diesen Artikel zu Ende lesen? Ich muß morgen einen Fall entscheiden.

Er begann zum drittenmal mit der Lektüre des ersten Absatzes.

– Seltsam!

sagte Frau Tikalová und brach ab. In dem Moment hatte sie die Erleuchtung durchzuckt, sie könnte sich den Monatsdienstplan verschaffen: Sollte sie dem Personal angehören, mußte sich die Unbekannte durch einfachen Vergleich mit den Dienstzeiten des Gatten glatt aussondern lassen. Jawohl, dem Herrn Doktor Tikal würde über kurz oder lang nichts anderes übrigbleiben, als wieder einmal zu Kreuze zu kriechen, sich durch reichliches Lösegeld freizukaufen und, was die Hauptsache war, längere Zeit leisezutreten! Der künftige Triumph schwang schon jetzt in ihrer Stimme mit.

– Seltsam,

wiederholte sie,

– daß du’s fertigbringst, nach dem Artikel irgendeines englischen Scharlatans einen Menschen aufzusäbeln, und gleichzeitig schimpfst du auf den Hanussík, mit dem sich die größten Schriftsteller befaßt haben, etwa dieser ... Wie heißt er doch ...?

– Erstens,

sagte Doktor Tikal nun wieder gereizt, weil er sich eben genau ausgerechnet hatte, daß seine Frau von der erst vor knapp einem Monat erfolgten Einstellung der neuen Schwester in der entlegenen Inneren keinen blassen Schimmer haben konnte,

– hieß der Kerl Hanussen, zweitens ist Professor Applebaum kein Scharlatan, sondern der größte Orthopäde Europas, drittens säble ich niemanden auf, sondern operiere, und viertens lese ich diesen Artikel eben deshalb, damit ich morgen vielleicht nicht operieren muß!

– Was ereiferst du dich? Wenn du deinem Sohn etwas einimpfen willst, dann lern erst mal diskutieren. Wenn man will, kann man sich auch überzeugen lassen. Ich zum Beispiel habe mich überzeugen lassen. Noch bevor ich dich kennengelernt habe, da gab’s bei uns in der Nähe eine sehr bekannte Wahrsagerin, eine gewisse ... Nun, der Name tut nichts zur Sache, und die hat mir prophezeit, ich heirate einen Arzt und bekomme einen Jungen. Wie erklärst du dir das?

– Ihre Fehlprognosen hast du wahrscheinlich mittlerweile vergessen.

– Ich habe zufällig ein sehr gutes Gedächtnis!

– Besonders für Namen!

– Du merkst dir vielleicht ein paar Namen, aber dafür bist du nicht imstande, deinem Sohn die einfachsten Fragen zu beantworten!

– Ich habe ihm geantwortet!

– Du hast gesagt, er soll zum Zirkus gehen!

– Ich habe nicht gesagt ... Ich habe gesagt ...

Doktor Tikal stellte fest, daß er sich ums Verrecken nicht erinnern konnte, was er gesagt hatte, und ging in die Luft.

– Herrgott, und hat dir die Hexe auch gesagt, wer dich nach mir heiratet?

In heiligem Zorn, vom Bewußtsein der bislang unbefleckten Unschuld gesteigert, ergriff er die Zeitschrift, knallte die Tür zu, riß sich einen Knopf vom Schlafanzug ab und warf den Wecker herunter. Er atmete auf, als er endlich wohlbehalten im Bett lag, und schlug die Zeitschrift wieder auf. Als er den ersten Absatz zum sechstenmal las, stellte er fest, daß er vor Wut sein Englisch vergessen hatte.

Tikal junior, der bis dahin schweigend dem Wortgefecht der Eltern zugeschaut hatte, mit dem Kopf pendelnd wie beim Tennis, murmelte, er habe noch zu lernen, und begab sich in seine Bude. Nach dem Verarzten einiger Schrammen, die er mittags beim siegreichen Zweikampf mit dem Häuptling der 8 b hinter der Schule abbekommen hatte, widmete er sich der Literatur. Es handelte sich jedoch nicht um den für Mutters Auge angefangenen »Letzten Mohikaner«, sondern um die »Vollkommene Ehe«, während des Abendessens aus der verschlossenen Abteilung des väterlichen Bücherschranks entwendet. Einige der abgebildeten Organe erregten ihn zunächst. Dann erfaßte ihn Beklommenheit und schließlich Widerwillen. Er löschte das Licht aus und versuchte, sich im Dunkeln die Mandelaugen der Klára Zimová zu vergegenwärtigen.

Frau Tikalová weinte noch eine Zeitlang im Eßzimmer. Doktor Tikals rechtschaffene Empörung hatte sie in Zwiespalt versetzt. Sie weinte beim Gedanken, ihn diesmal zu Unrecht der Untreue verdächtigt zu haben, und zugleich beim Gedanken, er sei ihr diesmal auf raffiniertere Weise untreu als je zuvor. Schließlich beschloß sie, sich direkt bei ihm Trost zu holen. Sie demolierte die Pyramide auf ihrem Kopf und barg den Gatten unterm Zelt ihres unvergleichlichen Haars, wie nur sie es hatte und wie er es am liebsten hatte. Doktor Tikal schlief schon, und ihre Liebkosungen drangen mitten in einem Traum von der bildhübschen Schwester Dušková zu ihm durch.

Auf welch verschlungenen Pfaden das Glück doch die Menschen erreicht!

Am selben Abend, etwas später, nach dem psychologischen Film heimgekehrt, zu dessen Anfang sie noch zurechtgekommen waren, dessen Ende jedoch beide nicht befriedigt hatte – Herrn Plavec nicht, weil dem älteren, seriösen Mann die junge Ehefrau abspenstig gemacht wurde; Frau Plavcová nicht, weil der Liebhaber keine seriösen Absichten hatte –, berichtete der Direktor bei der gewohnten Partie Canasta von den Ereignissen in der 8 a. Die Partie zur Guten Nacht hatte im dritten Ehejahr Frau Plavcová eingeführt. Weniges war ihr so unerträglich wie Canasta, aber seit dem vorvorigen Jahr zog sie das Spiel Plavecens Annäherungsversuchen vor. Jetzt überlegte sie, ob sie eine Partie vorschlagen sollte, damit er endlich müde wurde, oder gleich Migräne vorschützen. Sie dachte auch voll Unbehagen an den Film und voll Argwohn an Richard.

– Und das muß ausgerechnet bei der Wachablösung geschehen,

seufzte der Direktor sorgenschwer,

– stell dir vor, heute hat mir der Vorsitzende Karas unter dem Siegel der Verschwiegenheit verraten, daß man das im Bezirkssekretariat ausgekocht hat!

Frau Plavcová dachte gerade daran, wie Richard ihre neue Tönung gefallen würde; sie reagierte geistesabwesend.

– Wen hat man ausgekocht?

Er wußte, daß Schule und Politik sie unsäglich langweilten, und war hoch erfreut, daß sie ihn jetzt überhaupt wahrnahm. Er begann ihr die geplante Rotation der Kader zu schildern, in deren erfolgreichem Verlauf ihn die Zentrifugalkraft zum Kreisschulinspektor emporheben könnte.

Während er einen Rosenkranz von Namen und Titeln herunterbetete, legte sie mechanisch Karten ab und stellte sich die Frage, die sie sich seit dem Moment stellte, als ihre Freudin ihr den letzten Brief überbracht hatte: ob Richard sie tatsächlich binnen einer Woche verführen würde. Schon hatte sie einen Besuch bei ihrer Mutter angekündigt, sich ein Alibi besorgt und eine Tönung machen lassen, mit der sie sich noch begehrenswerter dünkte. Es brauchte nur noch die dumme Scheu überwunden zu werden, die all ihren herbeigesehnten Verehrern Einhalt geboten und sie selbst schließlich gezwungen hatte, mit dem schmachtenden Plavec vorliebzunehmen.

– ... und infolge alles dessen, jetzt halte dich fest,

steigerte der Direktor seine Mitteilung und legte dramatisch eine Pause ein, als wollte er ihr den Mörder bekanntgeben,

– bekommen wir einen neuen Stadtsekretär, unser Lebeda hat sich den Weg direkt ins Bezirksbüro geebnet, und an seinen Platz kommt der Fuchs vom Kreisbüro, den kennst du doch, hab ich recht?

Frau Plavcová vernahm von der ganzen Mitteilung nur diesen Namen. Sie hatte keine Ahnung, in welchem Zusammenhang er eben gefallen war. Sie entsann sich augenblicklich, wie ihr Mann letztes Jahr im Frühling den Brief Eduard Hakls gerade an dem Tag im Wäscheschrank entdeckte, als sie endlich dessen ehrbaren Absichten geglaubt und sich entschlossen hatte, seine Geliebte zu werden, wozu ihr dann der Mut vergangen war. Sie überlegte in höchster Panik, ob sie in Ohnmacht fallen oder ein Geständnis ablegen sollte. Sie stammelte mit letzter Kraft:

– Was für ein Fuchs?

– Na, der von der Partei! Wir haben ihn doch letztes Jahr in Bulgarien kennengelernt!

– Ich habe keine Ah-...

– Aber ja! Wo er hinter jeder Schürze her war und zum Schluß sogar auf dich gesponnen hat!

Frau Plavcová war es, als durchbohrte er sie mit den Augen. Fieberhaft überlegte sie, ob er mit übersinnlichen Kräften begabt war oder mit Hilfe staatlicher Kräfte fremde Briefkästen kontrollierte. Der weibliche Instinkt drängte sie zum Risiko.

– Ah!

machte sie gedehnt und offensichtlich angeekelt,

– dieser widerliche Seladon?

– Ich würde das nicht so streng auffassen ...

– Letztes Jahr hast du’s streng genug aufgefaßt.

Der Direktor breitete die Arme aus.

– Letztes Jahr, letztes Jahr! Mir ist es darum gegangen, daß er das Dekorum wahrt, aber daß du ihm gefallen hast ... Mich freut es doch, wenn du wem gefällst, Puppilein!

Er setzte sich zu ihr, um sie zu umarmen. Sie legte die Karten weg.

– Ich hab auf einmal scheußliches Kopfweh.

– Schon wieder?

sagte Plavec enttäuscht, hielt sich jedoch zurück, denn er hatte noch etwas auf dem Herzen. Vorsichtig fing er an:

– Ich weiß, es wird dir wenig Freude machen, aber wir müssen den Fuchs so bald wie möglich zum Abendessen einladen ...

Diese Vorstellung erfüllte sie mit echtem Schauder.

– Um Himmels willen!

– Puppilein, begreif doch ...

– Nein! Das begreife ich nicht!

– Ich verstehe dich vollkommen, aber hie und da muß man eben zurückstecken, wenn man weiß, worum es geht. Einen Abend lang wirst du’s schon aushalten, und er wird sich jetzt nichts herausnehmen, ein Parteisekretär kann sich keinen moralischen Makel leisten. Also, was meinst du?

verlegte er sich aufs Bitten,

– tust du’s für mich? Du tust es ja auch für dich, hab ich recht?

Es war ihr nun klar, daß er nicht die geringste Ahnung hatte, aber ihre Haltung gegenüber Fuchs änderte sie sicherheitshalber nicht.

– Also gut, aber wir gehen in ein Restaurant. Dieser Mensch kommt mir nicht ins Haus!

Als schließlich dann aus dem Bad die Dusche zu hören war, schloß Frau Plavcová leise die Dielentür und eilte zum Telefon.

Am selben Abend, fast gleichzeitig, klingelte in der Wohnung des Kollegen Brunát das Telefon. Frau Brunátová, schon in einem reizenden Nachthemd neuesten Schnitts, das aus Paris mitzubringen sie ihre Kusine angefleht hatte, hob ab. Sieben Jahre Ehe, das waren für Frau Brunátová sieben Jahre wechselhaft erfolgreichen Ringens mit ihrer hartnäckigen Rivalin gewesen – der Mathematik. Das Nachthemd hatte sie just als allerneueste Waffe angelegt.

– Bitte?

sagte sie,

– bist du das? Ich hör dich kaum, kannst du nicht etwas lauter ... Ach so, verstehe ... Was? Meiner arbeitet ...

Sie warf einen Blick auf den Schreibtisch. Der Mathematiklehrer saß im Schlafrock mit dem Rücken zu ihr und schenkte ihr nicht die geringste Aufmerksamkeit. Beruhigt nahm sie das Gespräch wieder auf.

– Nein, überhaupt nicht, sag schon ... Was du nicht sagst!

Im Hörer ertönte rasches Krächzen. Frau Brunátová drückte ihn dichter ans Ohr.

– Du brauchst nicht zu schreien, ich höre dich.

Das Krächzen nahm an Lautstärke ab, doch schwangen Beklommenheit und Unsicherheit darin mit. Es klang in einer verzweifelten Frage aus.

– Goldkind,

sagte die Brunátová ratlos,

– da bin ich überfragt ...

Ihr Mann schnaubte ungeduldig. Sie erschrak.

– Vielleicht ruft die Schneiderin dich an!

ergänzte sie rasch, um die Freundin nicht aller Hoffnung zu berauben.

– Was für eine Schneiderin?

kam es verständnislos aus dem Hörer.

– Na, die für dich näht, Herrschaft ...

Frau Brunátová seufzte bedeutungsschwanger

– ... von wem reden wir denn? Also, gute Nacht. Ich rufe dich morgen früh an!

Noch bevor sie auflegte, hatte sie ein Märchen für den Gatten fertig. Aber als sie zu ihm trat, wurde sie gewahr, daß es sich erübrigte. Brunát säuselte leise durch die Lippen, während seine Hand mit dem scharfgespitzten Bleistift über dem Lehrbuch kreiste, um den vier bereits angekreuzten Beispielen ein fünftes hinzuzufügen. Die Entscheidung war offensichtlich quälend: Schon hielt der Bleistift inne, um eine Nummer aufzuspießen, da zuckte er gleich darauf zu einem anderen Beispiel hinüber, wie um einen unsichtbaren Widersacher zu täuschen.

Frau Brunátová empfand plötzlich Mitleid. Auch wenn sie oft eifersüchtig darauf war, so mochte sie eigentlich doch seine wissenschaftliche Verbohrtheit, die ihn zwar immer wieder von ihr entfernte, ihm jedoch eine rührende Jungenhaftigkeit bewahrte. Wie sie so hinter ihm stand, drückte sie sich mit voller Brust gegen seinen Nacken und umschlang sacht mit linden Händen seinen Hals.

Brunát klappte jäh das Lehrbuch zu und brüllte:

– Schau mir da nicht hinein!

Sie war dermaßen erschüttert, daß sie zu stottern anfing.

– Ich sch-schaue doch g-gar nicht ...

– Also, was willst du?

– Na, erlaube mal ...

Er starrte ihr gewagtes Nachthemd an, dessen Kaumvorhandensein auch noch mit Durchsichtigkeit konkurrierte, und in seinem überreizten Sinn keimte ein Verdacht auf. Drohend sprach er ihn aus:

– Hör mal ... Oder bist das etwa du?

– Was?

– Bist du das, die’s ihnen zuträgt?

– Ich bitte dich, warum sollte ich so etwas tun?

Dieses Nachthemd regte ihn auf. Warum nur trug seine Frau ein so schamloses Nachthemd? Ein Kurzschluß gebar einen weiteren teuflischen Gedanken.

– Hat dich etwa einer von diesen Knaben bezirzt?

– Also, du bist wohl ... Du bist wohl übergeschnappt!! Die sind doch erst vierzehn!

– Vielleicht hat einer von ihnen einen feschen Vater!

Frau Brunátová hatte sich mehr als einmal gewünscht, ihr Mann möge wenigstens ein einziges Mal im Leben eine Eifersuchtsszene hinlegen, sie eine Zeitlang anbrüllen oder sogar irgendwas zertrümmern, aber diese himmelschreiende Verleumdung verschlug ihr den Atem.

– Jan, wenn es einen Gott gibt,

sprach sie in gerechtem Zorn,

– dann wird er dich dafür strafen!

Er hörte, wie sie sich im Schlafzimmer einsperrte, spürte, daß er sie wohl gekränkt hatte, aber er konnte sich nicht helfen: Solange der rätselhafte Vorfall nicht zufriedenstellend geklärt war, stand jeder unter Verdacht. Er glaubte fanatisch an Zahlen, das Irrationale wies er schlichtweg von sich. Ich kriege dich! drohte er im Geiste dem unbekannten Übeltäter. Dann kam ihm eine geniale Idee.

– Weißt du, was?

wandte er sich laut an den Übeltäter,

– das machen wir ganz anders!

Er nahm einen Gummi und radierte alle vier im Lehrbuch angebrachten Merkzeichen aus – fast zerrieb er dabei das Papier.

Anschließend zog er einen Block aus dem Schreibtisch und schnitt mit der Schere hastig, aber fein säuberlich kleine Quadrate aus.

In derselben Nacht, viel später, blickte Hauptmann Urban in der Küche auf seine verheulte Tochter herab. Er war nur im Trainingsanzug, aber die Verräterin Urbanová hatte vor ihm noch mehr Angst als ein ertappter Räuber.

– In fünf Stunden nur sieben Beispiele!

rief er aus und haute auf den Tisch, auf dem sich eine Halde mit durchgestrichenen Zahlen bekritzelter Papiere türmte.

– Das versteh ich niiie ...

blökte seine Tochter.

– Bist du denn total verblödet?

Ich glaube, jaaa ...

– Du bist nicht dumm,

grollte der Vater,

– du bist nur stinkfaul! Aber merk dir eins! Wenn du das verpatzt, komm mir nicht unter die Augen!!

– Ich geh da nicht hiiin ...

– Was?

– Ich tu mir was aaan ...

Bevor er dazu kam, ihr noch eine zu kleben, erschien in der Küche seine Gattin. Mit Lockenwicklern sah sie aus wie eine Frau von einem anderen Planeten. Sie schritt um ihren Mann herum und trocknete mit mütterlicher Hand die töchterlichen Tränen.

– Na, komm, Věruška,

sprach sie besänftigend,

– wasch dich mal schön, und dann ab in die Heia.

– Entschuldige mal,

protestierte der Vater,

– es bleiben ihr noch hundertdreizehn Beispiele!

– Na eben!

entgegnete die Mutter kategorisch. Sie war weit und breit die einzige, die vor Urban keine Angst hatte: Sie kannte den Zustand seiner Wäsche, seines Körpers und seiner Seele besser als er, und er ordnete sich ihr unter wie seinen Vorgesetzten.

– Also, hopp,

sie gab der Tochter einen Schubs,

– guter Rat kommt über Nacht.

Und kaum außer Urbans Hörweite, flüsterte sie noch:

– Schlimmstenfalls fragst du wieder die Klára!

V

Justiz in der Klasse und Klassenjustiz. – Das Marterprogramm. – Věra, das war eine Sünde! – 15,32,51,65 und 99. – Der Bruder des Direktors auf dem Lokus. – Ein Mathematiklehrer trägt keine Insekten in den Taschen mit sich herum. – Die Klasse wird so liegen, wie Bašus sie bettet. – Die grundsätzliche Bedeutung des Punktes. – Ein glücklicher Zufall soll nur verdienten Bürgern begegnen. – Zeig mir, was du da hast! – Kein Ingenieur unter dem Fenstersims. – Wer hat nicht abgegeben?

Eines ließ Hauptmann Urban sich nicht nehmen: wie immer an kritischen Tagen die Tochter bis vor die Schule zu begleiten, um sicherzugehen, daß sie die Schule nicht schwänzte, und um sie obendrein bis zum letzten Moment erziehen zu können. Urban war ein anständiger, fleißiger Mann mit Durchsetzungsvermögen, er hatte sich Rang und Funktion von der Pike auf und ohne Protektion erarbeitet, da er schon in jungen Jahren das Wörtchen »unmöglich« aus seinem Wortschatz gestrichen hatte. Unterwegs nannte er der Tochter zahlreiche belehrende Beispiele aus Geschichte, Literatur und eigenem Leben, bemüht, in ihr die Überzeugung zu verwurzeln, daß Schularbeit sich am leichtesten mit unerschütterlichem Selbstvertrauen, gesundem Ehrgeiz und heiterem Gemüt bewältigen läßt.

Die Urbanová greinte heute ausnahmsweise nicht, daß seine Begleitung sie zur Zielscheibe allgemeinen Gespötts mache, sondern nickte fügsam und blieb mit ihm sogar bis zum ersten Klingelzeichen vor dem Schulgebäude stehen, damit möglichst viele Mitschüler den uniformierten Vater sahen. Sie ahnte, daß dieser Freitag ein schwarzer werden würde, und wäre heilfroh gewesen, wenn sie auch in der Klasse Polizeischutz genossen hätte.

O Jugend, wie grausam, aber auch gerecht vermagst du den Verrat an der gemeinsamen Sache zu bestrafen! Wie einfach und verständlich sind deine Gesetze, wie unbestechlich und unabhängig ist dein Gericht, wie wirkungsvoll deine unblutige Strafe! Auf diese Weise wird die Bestie Verrat an der Kette gehalten, und lassen Hasenfüße oder Hundsfötter sie frei, so werden sie für ihre Hasenfüßigkeit respektive Hundsföttischkeit mit schlagfertigem Wort und treffsicherer Hand entlohnt und obendrein öffentlich als hasenfüßig respektive hundsföttisch angeprangert.

Weiß Gott, wenn Völker in ihre Klassenkämpfe die Grundsätze ihrer Schulklassen einbrächten, dann würden sich nicht so viele Diktatoren auf ihrem Rücken austoben, und Okkupanten würden um sie herumschleichen wie genäschige Kater um die verschlossene Speisekammer. Wie schade, daß diese Justiz am Schultor endet; gleich dahinter werden Tyrannen und Vaterlandsverräter als Stützpfeiler von Recht und Anstand proklamiert und mit Orden, Ämtern und Gütern belohnt.

Weit mehr als die neue Schulaufgabe verursachte der Urbanová die Vorstellung des Spießrutenlaufens eine Gänsehaut, das ihr nicht erspart bleiben würde, selbst wenn sie fünf Väter in Polizeiuniform hätte. Sie wünschte sehnlichst, zu ihrer Bank möge ein Tunnel führen.

Sie bangte durchaus zu Recht. Das empörte Kollektiv plante, der Verräterin Martern ersten Grades, zutreffend »höllische« genannt, angedeihen zu lassen. Unter anderem standen ihr bevor:

Verweigerung brüderlicher Hilfe an der Tafel (verantwortlich: Bašus) und in der Bank (Kollektivhaftung),

Auskippen der Schultasche, auch »Kassensturz« geheißen, vor dem Unterricht (verantwortlich: Brož) und »Prager Fenstersturz« danach (verantwortlich: Ehrenberger),

unbemerktes Schwärzen einer oder mehrerer Backen mit Ruß (zu besorgen, einschließlich des Rußes, von der Slámová),

Zukleben des Russischlehrbuchs für die 8. Klasse mit Sardellenpaste (Tikal),

Einsperren in der Mädchentoilette (Tikal),

vorübergehende Entwendung der Füllfeder, deren Entleerung und anschließende Füllung mit Ketchup (Dušek),

gewaltsame Abnahme eines Schuhs und Verbergen desselben hinter der Box der Schulsprechanlage (Dušek und Ehrenberger),

heimliches Ersetzen des Pausenbrotes in der Serviette durch eine tote Ratte (mit der Besorgung und Durchführung betraut: Šefrna),

in der Turnstunde Dresche mit dem Medizinball beim Gruppenspiel (alle),

während der Turnstunde sogenanntes gordisches Verknoten sämtlicher Wäsche- und Kleidungsstücke (Javůrková),

auf dem Heimweg geschickte Anbringung eines Zettels mit der Aufschrift »Achtung, böser Hund« auf dem Rücken (Tikal),

und schließlich, ins Schülerbuch eingeschmuggelt, das Hauptmann Urban täglich aufmerksam studierte, die Fotografie eines Korporals mit der gefälschten Widmung: »Věra, das war eine Sünde! Dein Karli« (ebenfalls Tikal).

Das reichhaltige Programm blieb auf den Kassensturz beschränkt. Kaum hatte sich der an der Tür lauernde Brož ihrer Schultasche bemächtigt und im Laufschritt deren Inhalt längs des Podiums bis zum Fenster verstreut, während Ehrenberger, von Dušek abgeschirmt, versuchte, ihr einen Schuh abzustreifen, kreischte die Verräterin Urbanová schrill:

– Laßt mich in Ruhe, und ich verrate euch was!

Jahrhundertealter Schülerinstinkt zwang alle, der Information Gehör zu schenken, mochte es sich auch nur um eine Finte handeln. Sie hielten die Urbanová jedoch sicherheitshalber fest; die Slámová, die ihr laut Programm scheinbar zu Hilfe eilen sollte, wickelte den echten, hausgemachten Ruß aus.

– Rück heraus damit!

rief Tikal.

– Statt Turnen schreiben wir eine neue Mathe-Arbeit!

Die Klasse erstarrte zu Stein.

– Was quasselst du da ...

fuhr Tikal sie an, aber in seinem Inneren tickte der Instinkt wie ein Wecker und sagte ihm, daß es stimmte.

Brož warf der Urbanová ihre leere Tasche zu, Ehrenberger den Schuh. Sie stoben in ihre Bänke, um den Zustand ihrer Spickzettel zu überprüfen; dann dämmerte ihnen, daß sie statt derer heute Turnhosen und -leibchen mitgebracht hatten. Bis auf Bašus wurden alle von Panik erfaßt.

– Jesusmaria,

jammerte die Batková, womit sie die Stimmung der überwältigenden Mehrheit ausdrückte,

– na, das gibt ein Waterkloo!

In dem Moment betrat die Zimová die Klasse. Tikal bemerkte sie als erster.

– Klárka!

schrie er auf, wobei er unbewußt, ähnlich wie gestern abend vor dem Einschlafen im Geiste, zum erstenmal laut eine Koseform ihres Namens verwendete,

– der Pythagoras läßt die Arbeit wiederholen!

– Ich weiß,

antwortete sie, begrüßte freundlich die Urbanová, hockte sich neben sie und half ihr beim Aufklauben der verstreuten Schulausrüstung.

– Hör mal,

Tikal beugte sich, einer Eingebung folgend, zu ihr herab,

– du hast nicht zufällig das Buch da?

– Doch, hab ich.

– Und könntest du nicht mal kurz reinschauen? Vielleicht fällt dir wieder ein, was er uns aufgibt ...

Die Urbanová schnauzte er an:

– Glaub nur nicht, daß die Sache für dich erledigt ist!

Voll Abscheu kickte er das Bleistiftetui weg, nach dem sie eben die Hand ausstreckte, und schaltete wieder auf Klára um.

– Wie haben wir’s? Probierst du’s? Keine Angst, wenn’s schiefgeht, nehm ich’s auf meine Kappe!

fügte er gentlemanlike hinzu.

Klára zuckte die schmalen Schultern.

– Warum nicht? Der Genosse Direktor hat’s mir erlaubt.

– Was??

Das war ihnen eindeutig zu hoch, aber der Zeitdruck gestattete nicht, sich jetzt damit aufzuhalten.

– Also, mach schon!

Sie setzte sich aufs Podium, griff in die Schultasche und kramte das Rechenbuch hervor. Ringsum schloß sich hermetisch der Kreis ihrer angespannt schnaufenden Mitschüler. Sie schlug die Seiten mit den Beispielen auf.

– Fünfzehn,

verkündete sie.

– Jemand muß mitschreiben!

befahl Tikal.

– Warte!

rief die Slámová. Sie grapschte nach einem Bleistift und einem zusammengefalteten Papier, aus dem in einem dünnen Rinnsal der Ruß herausrieselte.

– So, jetzt!

– Fünfzehn ...

– Hab ich!

– Zweiunddreißig ...

– Weiter!

– Los, Klára!

– Einundfünfzig ...

– Hör mal, weißt du das genau?

– Sei still, du störst!!

– Wie kann sie das wissen??

– Stopft ihm das Maul!!

– Au, loslassen ...

– Rasch, Klára!

– Fünfundsechzig ...

– Leute, dabei wird mir ganz ...

– Ruhe, verdammt noch mal!! Klára, noch eins ...

– ... und neunundneunzig.

Stille trat ein. Kláras ruhige Gewißheit wirkte so ansteckend, daß niemand mehr seine Zweifel laut werden ließ; die Illusion von Zauberei wurde sofort von der nüchternen Erwägung verdrängt, daß Klára das alles doch nur direkt von Brunát erfahren haben konnte.

Tikal nahm die Organisation in die Hand.

– Bašus, mach schon, ich steh Schmiere! Was du jetzt nicht schaffst, erledigst du nach Geo!

Er bezog am Türspalt Posten, während Bašus nach dem Lehrbuch und der Kreide griff. Gewandt schrieb er das erste Beispiel an die Tafel. Vierzig Augenpaare diktierten es den Händen, die Zahlenreihen, Zahlenkolonnen und Vorzeichen auf Papierschnitzel kleinstmöglichen Ausmaßes kritzelten.

Die Urbanová verfrachtete ihr Eigentum in die Bank und schloß sich nach kurzem Zögern an. Aber Tikal hatte die Augen überall.

– Urbanová! Du drehst dich um und schaust dir Bildchen an! Und wenn du wieder quasselst, flüstern wir deinem Alten, daß du dich mit diesem Korporal herumtreibst!

– Mit was für einem Korporal?

kreischte die Urbanová,

– ich kennen keinen Korporal!!

– Aber bevor das heraus ist, prügelt er dich windelweich!

Sie mußte ihm recht geben. Also drehte sie sich lieber um und starrte hinter Tränen auf die vergilbte Tafel mit der Darstellung anorganischer Kristalle.

Nachdem Schulwart Coufal, Zigarre im Mund, um 10.35 Uhr die große Pause abgeklingelt und die Schülerschaft Hof und Korridore geräumt hatte, verließ das Lehrerzimmer als letzter Professor Brunát, abermals den unheilverkündenden Stapel Schulaufgabenhefte unterm Arm, begleitet von Direktor Plavec persönlich, der ihm auf dem Weg treppauf halblaut keuchend die letzten Instruktionen erteilte.

– Hauptsächlich müssen Sie jedweden Kontakt unterbinden. Keiner darf sich auch nur räuspern. Schließen Sie die Fenster, damit niemand etwas hinauswirft. Ich möchte wetten, die haben sich das Märchen nur ausgedacht, um irgendeinen bärtigen Trick zu kaschieren. Ich, zum Beispiel, hatte –

sagte er vertraulich

– immer, wenn eine Mathe-Arbeit geschrieben wurde, meinen Bruder, der schon Ingenieur war, auf dem Lokus versteckt. Einer von uns hat’s ihm hingebracht, und ein anderer hat’s nach einer Weile zurückgebracht –

noch nach einem halben Jahrhundert grinste er triumphierend

– auf Spickzetteln. Und wie war’s bei Ihnen, Kollege?

Sie waren schon fast an der Tür der 8 a angelangt, aber dennoch hielt der Mathematiklehrer baß erstaunt inne. Er starrte den Direktor mit einem Blick an, in dem sich Subordination und Verachtung miteinander vermengten.

– Ganz normal, Genosse Direktor,

sagte er würdig,

– ich habe alles ausgerechnet ...

– Aha,

machte der Direktor und wechselte rasch das Thema,

– dann Hals- und Beinbruch. Ich halte hier Wache.

Er bezog die Position im Türrahmen der Knabentoilette.

Zweiundvierzig Leiber schnellten zum Gruß empor. Brunát gewährte nickend Sitzerlaubnis und wartete schweigend, bis die Hefte verteilt waren. Zufrieden gewahrte er aus den Augenwinkeln, daß auch bekannte Größen à la Tikal, Brož, Dušek und Ehrenberger noch nie dagewesene Nervosität an den Tag legten. Allein Klára Zimová beobachtete er nicht einmal aus den Augenwinkeln. Die Verteilung war beendet. In der Klasse machte sich Grabesstille breit. So, forderte er den unbekannten Widersacher auf, nun zeig, was du kannst! Laut indes gebot er:

– Fenster schließen! Wer sich umdreht oder wispert, gibt sein Heft bei mir ab und erhält ein Ungenügend. Bašus! Kommen Sie her und nehmen Sie die Brille ab!

Bašus erhob sich entgeistert, trat aufs Podium und wandte ein:

– Ohne Brille sehe ich nichts ...

– Darum geht’s ja!

sagte der Mathematiklehrer und legte die Brille des Schülers aufs Katheder,

– eben darum geht es. Und jetzt greifen Sie mir in die Tasche!

Bašus erstarrte, und nicht als einziger.

– Genosse Professor ...

– Nur unverzagt, Bašus. Was Sie darin finden, ist für Sie. Also, was wird es wohl sein, nun?

Endlich tastete Bašus nach der Sakkotasche des Pädagogen und fingerte schüchtern darin herum. Unsicher sagte er:

– Blättchen ...

– Oho,

sprach Brunát ironisch,

– nun sagen Sie bloß noch, ich hätte Insekten darin!

Bašus hatte sich endlich zurechtgefunden.

– Papierschnitzel ...

– Richtig. Und wieviel mögen es wohl sein, was meinen Sie?

– Ich weiß nicht.

– Dann denken Sie nach, zerbrechen Sie sich, Bašus, ein bißchen den Kopf. Mathematik ist keine Milchmädchenrechnung, sondern vor allem Logik!

– Ich weiß es nicht ...

– Dann will ich’s Ihnen sagen. Es sind genau einhundertundzwanzig, ebensoviel wie Beispiele in unserem Lehrbuch. Sie ziehen jetzt fünf davon brav heraus, dann setzen Sie sich die Brille auf und lesen uns die Nummern vor. So ist es am gerechtesten, was meinen Sie?

Die Klasse starrte ihn mit stummem Grauen an. Einzig Tikal vermochte den Blick von ihm zu wenden und auf die dritte Bank zu heften. Klára lächelte scheu vor sich hin, aus Verlegenheit, wie ihm schien. Er spürte, wie die Luft im Klassenzimmer sich mit Unwillen schwängerte, und dachte ans Ende der Unterrichtsstunde: Wer stellt ihr als erster ein Bein? Brož? Dušek? Ehrenberger? Oder Šefrna? Und wie verhält sich ein Häuptling, der ihr sein Wort verpfändet hat? Sein Wort einem Mädchen? Schon vernahm er das Huronengelächter, aber schon stürzte er sich auch auf sie, um ihnen zu zeigen, wer hier das Sagen hatte, allein gegen vier und doch überlegen, nämlich im Bewußtsein des Rechts, und hauptsächlich unter dem bewundernden Blick der mandelförmigen ...

– Nun, frisch drauflos! Es ist ja ohnehin egal!

Tikal war mit einem Ruck wieder wach.

In Bašusens kurzsichtigen Augen spiegelte sich die Anstrengung, mit der er die zusammengefalteten Zettel aus der Tasche fischte. Schließlich war er beim fünften angelangt.

– Legen Sie alle aufs Katheder,

rief Brunát; im Bewußtsein seiner erdrückenden Vormachtstellung war er nun die Liebenswürdigkeit selbst.

Bašus brachte dies erst nach einmaligem Verfehlen des Katheders zustande. Dann setzte er sich die Brille auf und schaute abermals den Mathematiklehrer an, um sich zu vergewissern, daß dieser nicht scherzte.

– Nur zu,

ermunterte ihn der Professor,

– wie Sie sie betten, so werden sie liegen. Wer etwas gelernt hat, wird Ihnen sicher nicht böse sein.

Bašus faltete also den ersten Zettel auseinander und las vor:

– Fünfundsechzig ...

Die Klasse stöhnte. Brunát hielt es für schiere Verzweiflung. Mit geradezu bösartiger Wonne, die ihn überraschte, die er jedoch der Ungeheuerlichkeit des Betrugs anlastete, nahm er Bašus den Zettel ab und hielt ihn den Vorderbänklern vor die Nase wie der Conferencier einer Fernsehlotterie.

– Fünfundsechzig!

wiederholte er schadenfroh,

– zufrieden? Also, was haben wir als nächstes?

– Zweiunddreißig ...

las Bašus vor.

Die Klasse ächzte.

– Zweiunddreißig, jeder sieht es! Weiter?

– Einundfünfzig ...

Die Klasse schnappte nach Luft.

– Bitte sehr,

demonstrierte der Professor,

– einundfünfzig. Weiter!

– Fünfzehn ... Die Klasse hielt die Luft

an.

– Fünfzehn,

verkündete Brunát marktschreierisch,

– wenn’s beliebt! Und schließlich? Na?

– Sechsundsechzig,

las Bašus vor.

Der Klasse blieb die Luft weg. Verzweifelt vorwurfsvolle Blicke zuckten zur Zimová.

O Gloria, dein wahrer Name ist Wankelmut! Was zählt’s, dies Feuerwerk erfüllter Prophezeiungen, wird es am Schluß von eines Irrtums schnödem Furz entweiht?

Das herrliche Wunder erhielt den nüchternen Anstrich des Zufalls. Schade, bedauerte auch Tikal, es hätte den Alten so schön auf die Palme bringen können ... Aber gleich darauf tat ihm Klárka leid, und er sandte ihr einen aufmunternden Blick hinüber.

– Zufrieden?

ergötzte sich Brunát und nahm Bašus den letzten Zettel aus der Hand,

– sechsunds ...

Da stutzte er und reichte Bašus das weiße Quadrat zurück.

– Warum ist da wohl ein Punkt, Bašus?

– Was für ein ...

Bašus starrte das Quadrat verständnislos aus der Nähe an.

– Nehmen wir an,

sagte Brunát großmütig,

– Sie hätten ihn übersehen, denn sonst müßte ich meinen, sogar Sie, Bašus, fürchten das Beispiel Nummer – wieviel?

Er stellte den Zettel auf den Kopf und zeigte ihn der Klasse.

– Neunundneunzig!

rief die Klasse in begeistertem Unisono.

Klick. Direktor Plavec hob den Kopf. Der Zeiger der elektrischen Uhr am Treppenaufgang informierte ihn, daß seit dem Beginn der Unterrichtsstunde neunundzwanzig Minuten verstrichen waren. Die anfängliche Spannung war einer wohligen Schläfrigkeit gewichen. Na bitte, dachte er, es verläuft normal. Brunát verteilt Zweier, Dreier und Vierer, würzt das Ganze mit einem sporadischen Einser oder Fünfer, und das Rätselraten hat ein Ende. Beim Abendessen mit Fuchs ergibt das eine gelungene Anekdote. Warum haben wir uns damit überhaupt so abgeplagt? Jede Woche errät irgend jemand irgendwo sämtliche Richtigen im Lotto oder Toto.

Die Zimová kam ihm in den Sinn. So ein phantastischer Zufall, und begegnete einem Backfisch bei einer dämlichen Rechenaufgabe! Warum lachte das Glück niemals, nicht einmal von fern, ihm, der sich so um Schule und Stadt verdient gemacht hatte? Mit ein bißchen Glück hätten er und Puppilein längst in der Kreisstadt ansässig sein können, und sie hätte nicht immer wie ein Schulmädel hinfahren müssen, zu ihrer Mutter ... Er vermeinte wieder zu hören, wie sie den neuen Sekretär einen Seladon nannte, und ihm wurde warm ums Herz. Er bekam Lust, sie anzurufen und ihr ein paar nette Worte zu sagen. Abermals blickte er auf die Uhr: Wenn sie hätten schummeln wollen, hätten sie viel früher damit anfangen müssen.

Aber er harrte aus. Jahrhundertealter Instinkt ist kein Vorrecht der Schüler, er ist auch Pädagogen zu eigen. Gleich darauf wurde er belohnt: Langsam bewegte sich die Klinke der 8 a. Mit einer Behendigkeit, die man ihm niemals zugetraut hätte, verschwand Direktor Plavec in der Knabentoilette.

Aus dem Klassenzimmer kam Tikal und schlenderte lässigen Schritts ebendorthin. Er betrat das Reich der porzellanenen Wandschüsseln, begann vor sich hin zu pfeifen und öffnete den Reißverschluß.

– Halt!

dröhnte es da hinter seinem Rücken.

Er brach vor Schreck fast zusammen.

– Umdrehen!

Er drehte sich um, die Hand im Reißverschluß.

– Los, herzeigen!

– Was ...

– Na, was du da hast!

Tikal wurde knallrot. Der Direktor wurde zum Glück gleich darauf deutlicher.

– Also, her mit den Beispielen!

– Mit welchen Beispielen?

Der halbgeöffnete Hosenlatz legte für Tikal Zeugnis ab. Der Direktor stutzte, aber er gab sich nicht geschlagen.

– Und wem hast du da gepfiffen?

– Niemandem ...

– Niemandem? Na, dann wollen wir doch mal nachsehen, wie so ein Niemand aussieht!

Er fing an, eine Tür nach der anderen aufzureißen und aus einer Kabine in die andere zu rennen. Zum Schluß öffnete er, seiner Jugenderinnerungen eingedenk, auch noch das enge Fenster und beugte sich über den Sims hinaus, als könnte darunter, zwei Stockwerke über dem Gehsteig, jemandes Ingenieur-Bruder hängen. Tikal fand mittlerweile Zeit, sich in Ordnung zu bringen, und beobachtete ihn, stumm vor Verblüffung. Schließlich kam der Direktor zum Stillstand und fauchte wütend:

– Also, was machst du hier?

– Bitte, ich mußte mal ...

– Hast du denn so viel Zeit?

– Ich bin schon fertig ...

Direktor Plavec ließ ihn stehen, durcheilte den Korridor und platzte, ohne anzuklopfen, ins Klassenzimmer. Das erste, was er sah, war der Stoß Schulaufgabenhefte auf dem Katheder. Die Klasse sprang mit Gerumpel auf. Der Direktor winkte, als verscheuchte er eine Fliege. Die Klasse blieb stehen. Kollege Brunát hatte den wilden Blick des Wachpostens, dem man den Munitionszug geklaut hat.

– Fertig?

erkundigte sich Plavec mit erstickter Stimme.

Der Mathematiklehrer brachte nur ein Nicken zustande.

– Alle?

hauchte der Direktor.

Brunát räusperte sich, aber die Stimme versagte ihm gleichwohl.

– Haben alle abgegeben?

krächzte er.

– Nein!

ertönte eine unbekannte Knabensolostimme.

Der Direktor witterte einen Rettungsring.

– Wer hat nicht abgegeben?

fragte er hoffnungsvoll.

Alle Köpfe wandten sich zur dritten Bank. Dort, neben der mitleidsvoll-machtlosen Klára Zimová, rechnete, strich und, vor allem, flennte die arme Verräterin Urbanová.

VI

Historie ohne Berücksichtigung der Gegenwart. – Treffer und Volltreffer. – Minirad für Maxi-Reinfall. – Glanz und Elend der Schulbänke. – Ein Dorf mit Vorstadt. – Wer bringt Schornsteinfegern Glück? – Davon erzählt man Urban lieber nichts! – Eine anständige Frau näht ausschließlich am Vormittag. – Wie soll man einem Schwindel auf die Spur kommen, wenn die Flüche angeschossener Männer erschallen? – Die Unwahrscheinlichkeit der Wahrscheinlichkeit. – Haben sie sich schon gekriegt? – Bitte, die Schule brennt!

Am selben Freitag, fast gleichzeitig, brach in der Glashütte die Mittagspause an.

Die Glashütte der Stadt existierte länger als die Stadt selbst, jawohl, wissenschaftliche Nachforschungen, Gemeindechronik und mündliche Überlieferung nährten die Vermutung, daß schon damals, als der Gletscher sich aus diesem lieblichen Landstrich zurückgezogen hatte, Nomadenstämme hier einen Eingeborenen antrafen, der aus Feuer und Sand blankes Glas zauberte. Die Glashütte hatte ganze Generationen von Stadtbewohnern geprägt, zunächst von Proletariern, dann von Revolutionären und schließlich von Funktionären, die sie zu nie dagewesener Blüte brachten, als sie die Zahl der Glasbläser verdoppelten und die Zahl der Beamten verzehnfachten, damit kein Einwohner von S/S seinem Broterwerb in der Fremde nachgehen mußte, sondern die Früchte der siegreichen Revolution daheim genießen konnte, unter ihrer väterlichen Obhut.

Das riesige Verwaltungsgebäude überschattete obendrein sinnigerweise das gotische Kloster, wo ein Glasmuseum eingerichtet worden war, um den peinlichen Abschnitt der vorrevolutionären Historie endgültig abzuschließen und vergessen zu machen, diesen störenden Schatten auf der Schönheit der glücklichen Gegenwart, mit der die unaufgeklärten Vorfahren nicht gerechnet hatten. Der Zustrom neuer Bewohner, größtenteils im gestärkten Hemd und auf den hohen Stöckeln Jungvermählter zum Stadttor hereingekommen, als das örtliche Potential dem dynamischen Bedarf nicht mehr genügte, verursachte auch die fieberhafte Errichtung vorfabrizierter Nistplätze, denen die öffentlichen Einrichtungen hoffnungslos nachhinkten. Die sich vor dem Krieg auf zwölf belaufenden Gastwirtschaften wurden bei Anbruch der neuen Ära feierlich auf drei reduziert, um den Dämon Alkohol zu bändigen. Dabei wurde leider der erzieherische Einfluß des gesellig-gesitteten Umtrunks vergessen, so daß jetzt nächstens Dutzende von Bürgern in der Stadt randalierten, die sich daheim besoffen hatten. Urbans Leute identifizierten sie allesamt als Glasschmelzer und -bläser und brachten sie, statt hinter Gitter, zu Bett, damit sie morgens bei der Schicht nicht fehlten. Das neue Kulturhaus, das stark an einen Silo erinnerte, genügte nicht einmal mehr als Kino, so daß das gesamte gesellschaftliche Leben sich werktags mittags in der riesigen Kantine der Glashütte abspielte, wo sich praktisch die ganze Stadt verköstigte.

Wie an jedem anderen Werktag reihten sich vor dem Ausgabeschalter auch an diesem Freitag Direktoren und Angestellte auf, Meister und deren Gehilfen, städtische Handwerker, die mit einer Hand, und betriebseigene Sportler, die mit beiden Füßen für die Glashütte arbeiteten. Viele davon hatten einen Sohn oder eine Tochter in der 8. Klasse. Während die Köchinnen ihnen Tomatensuppe, Schweinsbraten, Knödel, Kraut und Apfelstrudel auf die Teller kippten, blinzelten sie einander zu und tauschten verschwörerisch Informationen.

– Hat’s dir dein Junge erzählt?

– Du meinst, das von Zimas Mädel?

– Ja.

– Ja, hat er.

– Zum Brüllen, was?

– Ihr redet von der Zimaschen Klára, ja?

– Na ja.

– Wie konnte die Kleine das wissen?

– Hat’s angeblich erraten.

– Das ist ein Treffer!

– Was ist ein Treffer?

– Wir reden von der Klára Zimová.

– Ach so, na ja. Weißt du, was ich denke?

– Keine Ahnung.

– Die könnte die Lottozahlen ausknobeln.

– Ach so, na ja!

– Das könnte sie doch.

– Das wäre dann erst recht ein Treffer!

– Was wäre ein Treffer?

– Wir reden von der kleinen Zimová.

– Daß sie die Lottozahlen ausknobeln könnte.

– Na ja, na klar!

– Aber die hätte dann wahrscheinlich nur der Zima drauf.

– Na klar, das ist wahr.

– Aber einen Versuch wär’s wert, oder?

– Weiß Gott, das wär’s!

– Und wenn’s auch noch hinhaut?

– Also, das wär ein Volltreffer!

– Na und ob!

Am selben Tag, etwas später, begleitete Klára Zimová auf dem Heimweg ausgerechnet die, welche gestern an ihr Verrat geübt hatte. Das Erlebte in all seiner Unglaublichkeit hatte bewirkt, daß die 8 a nach dem Schlußklingeln auseinandergestoben war wie ein Schwarm Spatzen. Die Urbanová hatte ihrs weg, auf Vorrat, und gegenüber Klára empfand man eine seltsame Scheu. Man wußte nicht so recht, was man zu ihr sagen sollte.

Einzig Tikal verspürte nicht übel Lust, ihr seine Bewunderung auszudrücken, aber das konnte er sich nicht erlauben. Seine Mannen harrten ihres Häuptlings, um mit ihm gemeinsam das Unerhörte und dessen Folgen durchzugehen: Sie stellten sich vor, wie Pythagoras eben die Hefte aufschlägt, und alle zusammen empfanden neben der Schadenfreude zu ihrer Überraschung so etwas wie Mitleid.

Die Urbanová vermochte ihre Tränen nur bis zur nächsten Straßenecke herunterzuschlucken. Dann flennte sie auf vollen Touren los.

– Heul nicht ...

besänftigte die Zimová. Die Storchenbeine paßten sich dem Schritt der anderen an, und die großen, schrägstehenden Augen blickten voll aufrichtiger Anteilnahme auf die Freundin.

– Wirst sehen, die Buben werden dich schon in Ruhe lassen!

– Ach was, die Buben,

schluchzte die Urbanová,

– aber mein Vater! Ich hab ja nur zwei Beispiele geschafft, und beide bestimmt daneeeben ...

– Dein Vater tut dir nichts.

– Von wegen tut mir nichts, da, schau her!

Die Urbanová ließ die Schultasche los, hob den Rock bis zum Höschen und bückte sich auch noch, damit Klára um so besser die Striemen neueren Datums erkennen konnte. Einen vorbeigehenden älteren Herrn, dem es nicht zu Bewußtsein kam, daß die beiden jungen Damen noch Kinder waren, hätte fast der Schlag getroffen.

– Weißt du, was der mir am Montag antuuut?

– Er verspricht dir etwas,

sagte die Zimová unbestimmt.

– Er hat mir schon ein paar Ohrfeigen versprochen, und die kriiieg ich auch ...

– Ach wo,

beschwichtigte die Zimová,

– er verspricht dir ein Fahrrad.

Die Urbanová glaubte, sie hätte sich verhört.

– Was für ein Fahrrad?

– Du darfst dir eins aussuchen. Vielleicht ein Minirad. Du weißt schon, so ein winziges, was dir so gefällt.

Das war eine dermaßen ausgefallene Idee, daß der Urbanová fast die Augen herausfielen und sie zu weinen vergaß.

– Für diesen Reinfall verspricht er mir ein Fahrrad? Wieso?

– Ich weiß nicht,

sagte die Zimová, als wäre sie von der Frage höchst überrascht.

– Warum sagst du’s dann?

– Ach, weißt du, das ist mir nur so eingefallen.

Mehr vermochte sie ihr beim besten Willen nicht zu erklären. Und doch hatte sie es erreicht, daß nach der Trennung an der Brücke ein Hoffnungsschimmer ihrer Mitschülerin auf dem Leidensweg nach Hause heimleuchtete.

Es ist Brauch, den Ort zu lieben, wo wir geboren wurden. Allerdings: Diese Liebe fällt uns nicht immer als Geschenk in den Schoß. Im Gegenteil: Der Geburtsort wird, sofern wir dort versauern müssen, alsbald zur fadenscheinigen Kulisse eines Stücks, das tagtäglich gespielt wird, nachmittags für Kinder und abends für Erwachsene. Die Gassen des Heimatortes verweigern unseren kindlichen Spielen schon früh ihre Ecken und Winkel und werden zum Weg erster Pflichten, erster Enttäuschungen und erster Ängste. Wir gehen sie entlang, um dorthin zu kommen, wohin wir nicht wollen: in die Schule, wo uns Plackerei erwartet, und nach Hause, wo uns Langeweile empfängt.

Und überall ringsum wartet die wunderschöne Welt, voll von Abenteuern und Freudenfesten, die ohne uns stattfinden. Wären wir doch schon dort, hätten wir doch schon das Ankertau gekappt, das uns an die Schulbank fesselt, in Reichweite von Mutters Kommando und Vaters Riemen!

Jahre vergehen. Eines Tages kehren wir in den Heimatort zurück, um jemandem die Augen zuzudrücken oder auch nur um aufzuatmen. Statt Orden und Ruhm hat uns das Leben Runzeln und Rüffel zugedacht, statt eines Pferdes, mit Schätzen beladen, führen wir plärrende Kinder und eine abgehärmte Frau an der Hand.

Und überall ringsum lauert die abscheuliche Welt voll von Gewalt und Fallstricken, die für uns gelegt sind. Könnten wir doch in die alte Schulbank flüchten, harrten unserer dort doch wieder, als schrecklichster der Schrecken, eine Fünf in Rechnen und ein paar hinter die Löffel! Vom Heimatort aus ist es am weitesten zu Sorgen, Alter und Tod.

Doch unsere jungen Damen zählten kaum vierzehn Lenze, verbracht in der heimatlichen Umarmung der Stadt S., und daher ist es kein Wunder, daß sie nicht vor Rührung über deren Schönheit in Tränen ausbrachen. Die Urbanová schleppte sich mit dem Schritt eines Todeskandidaten zur neuen Siedlung. Sie schleppte auch ihre Sorge mit. Klára hingegen, ihrer Last ledig, begann dahinzuhüpfen. Sie war froh, eine Zeitlang die Fragerei los zu sein.

Unbeschwert hüpfte sie über die alte Eisenbrücke, unter der hindurch sie alljährlich zur Kirmes ging, passierte achtlos die St.-Klara-Kirche, wo sie seit der Taufe nie mehr gewesen war, und bog zu der Stätte ab, die schon zu Zeiten, als das Dorf S. sich eben erst entschloß, um das Stadtrecht zu kämpfen, »In der Vorstadt« geheißen hatte. Hier gab es mehrere stille Gäßchen mit einstöckigen Einfamilienhäusern und ganz am Ende, fast schon am Waldrand, die Autowerkstatt des Kommunalbetriebs. Im Giebelfenster eines Häuschens mit Spitzdach sonnte sich die weiße Katze.

Auf dem Randstein vor der Gartenpforte sonnten sich zwei Schornsteinfeger. Daneben stand, auf seinem Ständer, ein Motorrad.

Als die Zimová ihrer gewahr wurde, hüpfte sie fröhlich auf einem Bein und faßte sich an einen Knopf. Dann fiel ihr ein, daß sie erst am Abend wieder eine Uniform zu Gesicht bekommen würde, und ließ den Knopf wieder los. Wer sich an einem Knopf festhält, sagte sie sich, kann nicht gut Melone essen.

Da erhob sich auch schon der erste Schornsteinfeger, der wie ein Lehrling aussah, und richtete das Wort an sie.

– Ahoj, Klári, kennst du mich noch?

– Ahoj,

sagte Klára,

– und woher?

– Ich bin der Rudi von den Trejtnars, du weißt schon, mein Alter ist der Schwager vom Vetter deiner Tante Anka.

– Ach so, also dann kenn ich dich wohl doch. Ahoj.

– Ahoj,

wiederholte der Lehrling und fuhr fort, während der zweite Schornsteinfeger, der wie der Meister aussah, die Motorradtasche aufknöpfte,

– schau mal, wir haben ein Stück Melone bekommen, da haben wir es dir mitgebracht.

– Ich weiß,

sagte Klára,

– und darf ich Sie mal anfassen?

– Aber sicher,

sprach der Meister geradezu ehrerbietig und wickelte aus der Zeitung ein grünes Schiffchen mit rötlichem Deck,

– nur zu, dafür sind wir schließlich da.

Klára faßte ihn an und fragte:

– Und wer bringt eigentlich den Schornsteinfegern Glück? Auch Schornsteinfeger?

– Manchmal,

antwortete fachmännisch der Meister,

– aber nur, wenn sie zu zweit sind und gleich hinter ihnen zwei Offiziere daherkommen. Hauptsächlich aber bringen uns Nonnen Glück und überhaupt Jungfrauen, und am allermeisten –

er verbeugte sich ein bißchen übertrieben

– solche Jungfräulein wie du.

– Wie ich?

wunderte sich Klára,

– ich soll Schornsteinfegern Glück bringen?

– Hör mal,

bekannte der Sohn des Schwagers des Vetters ihrer Tante erregt Farbe,

– wir haben gerade bei Bašusens gefegt, und der Herr Meister hier möchte dich gern was fragen ...

Am selben Tag, noch später, drängte sich das gesamte Pädagogenkolleg der neunjährigen Schule in S. um einen Tisch im Lehrerzimmer, als liefe dort ein Hasardspiel um Besitz oder Leben ab. Inmitten der schweigenden Gruppe saß jedoch nur Professor Brunát und fuhr mit dem Rotstift eine Zahlenkolonne entlang. Als er die letzte Zahl erreichte, klappte er das Heft zu und legte es auf den Stapel zu seiner Linken. Dann hob er schlaff den Kopf und schaute seine Kollegen mit Augen an, in denen eine stumme Frage stand, wie sie ein Schwerkranker an seinen Arzt oder an Gott richtet.

Der Direktor, ihm gegenübersitzend, knabberte während des Korrigierens die ganze Zeit nervös an den Fingernägeln. Er begann mit dem Daumen, und sobald er mit dem kleinen Finger fertig war, kam die andere Hand dran. Jetzt, eben beim linken Ringfinger angelangt, merkte er, daß alle ihn ansahen. Wie stets in ähnlichen Situationen forschte er unauffällig, was für ein Gesicht Kollege Látal machte; obwohl er ihm schon längst um ganze Pferdelängen von Rang- und Gehaltsklassen voraus war, hatte er bis heute das gleiche Gefühl wie weiland als klapperdürrer, kraushaariger Schüler: Látal weiß alles.

Der alte Mann stand unmittelbar hinter Brunát. Seine Miene war undurchsichtig, doch von seiner außergewöhnlichen Gemütsverfassung zeugte der Umstand, daß er, soweit Plavec sich entsann, zum erstenmal seinen legendären breitkrempigen Präsidentenhut, dem er seine Karriere geopfert hatte, ungezogenerweise im Zimmer aufbehielt. Den Blick auf ihn gerichtet, sprach der Direktor in der Gewißheit, diesmal keiner Einwände gewärtig sein zu müssen:

– Da kann man nichts machen, das ist doch ein Fall für Urban ...

Kollege Látal deutete mit dem knochigen Finger auf das einzige Heft, das abseits vom großen Haufen lag.

– Aber davon,

sagte er warnend,

– erzählt man ihm lieber nichts!

Am selben Abend stellte die altmodische Handvermittlung eine Telefonverbindung zwischen den Wohnungen Plavec und Brunát her.

– Bist du schon allein?

fragte die eine Frauenstimme.

– Du auch?

fragte die andere Frauenstimme.

– Eben sind sie weg. War deiner auch so aufgeregt?

– Zum Glück. Wenigstens hat er nicht gemerkt, wie aufgeregt auch ich bin.

– Was du nicht sagst! Also sag schon ...

– Was soll ich dir sagen ...

– Spann mich nicht auf die Folter!

– Heute geht’s nicht ...

Was die eine andeutete, begriff die andere sofort: Heute saß die alte Nováková in der Vermittlung. Während die Staatssicherheit, wie sie von ihren Ehemännern wußten, nur manchmal mithörte, hörte die Nováková, wie die ganze Stadt wußte, immer mit. Obwohl ein Meer von Zeugen existierte, denen sie es selbst hingerieben hatte, fand sich seit Jahren kein einziger Funktionär, der ihre Versetzung gefordert hätte: Niemand wußte, was sie von einem wußte. Die Stadt hatte sich daran gewöhnt und darauf eingestellt: Vertrauliche, verschwörerische und verliebte Gespräche wurden ohne Hemmungen nur geführt, wenn Beran, von Flaschen umstellt, Dienst hatte; sein vom Bier ausgelaugtes Hirn behielt auch die kürzeste Information längstens eine Minute.

– Also, wann sehen wir uns??

erkundigte sich ungeduldig die Brunátová. Von der Umklammerung durch Zahlen, die sie nicht verstand, und der aufreibenden Liebe zu einem Sonderling, der sie nicht verstand, suchte sie Ablenkung in der seelischen Anteilnahme an den erregenden Aventüren ihrer Freundinnen.

– Sobald es geht,

antwortete ungeduldig die Plavcová; sie nahm ihren ganzen Verstand zusammen, um auch unter den gegebenen widrigen Umständen ihr Problem durchsprechen zu können.

– Sag mir bitte, wie sieht’s bei euch am Montag aus?

– Wo bei uns?

– Na, bei euch zu Hause!

– Warum ...

– Könnte ich mich da mit der Schneiderin treffen?

– Bei uns? Wieso bei uns?

Der Plavcová stiegen fast die Tränen hoch.

– Mein Mann mag meine Schneiderinnen nicht!

– Meiner kann sie nicht mal riechen ...

Der Plavcová stieg fast die Galle hoch.

– Großer Gott, ich meine die Schneiderin, von der gestern abend die Rede war! Die Schneiderin, die dir geschrieben hat, daß sie für mich nähen will!

Der Brunátová ging endlich ein Licht auf.

– Jesus, ich weiß schon! Verzeih!

– Macht nichts ... Glaubst du, es ginge?

Die Brunátová bemühte sich, ihre lange Leitung durch Eifer wettzumachen.

– Sei so gut, warte eine Sekunde –

im Hörer Geraschel

– ich seh im Terminkalender nach, nein, am Montag haben wir nichts vor.

Der Plavcová ging allmählich die Geduld aus.

– Und könntet ihr nicht doch etwas vorhaben?

– Zum Beispiel?

– Ins Kino gehen oder so ... Damit ich in Ruhe anprobieren kann!

– Jesus, das ist schwierig, Jan geht nur zu Vorträgen ... Aber warte eine Sekunde, sei so gut –

im Hörer abermals Geraschel

– ich seh im Stundenplan nach. Wie wär’s mit vormittag? Bis drei ginge es problemlos.

Die Plavcová saß wieder in der alten Falle. An ihrer Seele nagte der Erzfeind – die Scham. Einst hatte sie geglaubt, sie würde sie mit Hilfe des ersten Liebhabers vertreiben; das war jedoch ihr Mann gewesen, und der hatte ihr auch noch die seinige aufgebürdet.

– Aber –

zweifelte sie

– kann denn eine Frau, die zum erstenmal näht, am Vormittag ...?

– Eine anständige Frau,

verkündete die Brunátová überzeugt,

– näht ausschließlich am Vormittag!

Am selben Abend, etwas später, saß die Familie Zima wieder einmal vor dem Fernsehgerät. Aus dem Apparat erklang Hufetrappeln, Schüsseknallen und Todesröcheln. Sie schauten indes so friedfertig hin, als knisterte vor ihnen ein Kaminfeuer. Der Vater bewahrte die großen Hände im Schoß, die Zimová streichelte die weiße Katze, und die Mutter schälte Äpfel zum Einkochen; und obwohl sie blindlings drauflosschälte, löste sich die Schale in gleichbleibend breitem Streifen wie ein rotgelbes Schlänglein.

Die Großmutter strickte fleißig, aber sie lächelte nicht. Sie sorgte sich, ob sie sich durch den Kuß in der Einfahrt nicht Opas Achtung verscherzt hatte, und außerdem graute ihr vor der Möglichkeit, davon ein Kind zu bekommen. Sie war entschlossen, sich etwas anzutun.

Als die Klingel zum erstenmal ertönte, reagierte keiner von ihnen. Erst nach dem dritten Klingeln beugte sich die Mutter vor, rückte die Brille zurecht und blickte forschend auf den Bildschirm. Die Banditen waren zeitweilig abgeschlagen und galoppierten in respektvoller Entfernung von der Postkutsche dahin.

– Wer klingelt bei denen?

wunderte sich die Mutter.

– Das ist wohl eher bei uns,

beruhigte sie der Vater.

Die Mutter lehnte sich wieder bequem zurück. Die Klingel ertönte zum viertenmal.

– Das ist wahrscheinlich für Klárinka,

sagte die Mutter.

– Höchstwahrscheinlich,

stimmte der Vater zu.

Klára schenkte ihnen keine Aufmerksamkeit, denn die Banditen kamen wieder bedrohlich näher.

Das fünfte Klingeln hörte überhaupt nicht mehr auf, so als wäre jemand am Klingelknopf eingeschlafen.

– Machst du auf?

fragte die Mutter.

– Warum denn nicht,

sagte der Vater. Zuerst hob er die riesigen Hände, dann erhob er sich zur Gänze.

Draußen war es noch hell, aber in der Stadt erstrahlten schon die Fenster, und im Vorgarten schlossen sich die Rosen. Vor dem Haus parkte ein Polizeifahrzeug, an der Gartenpforte standen Direktor Plavec und Professor Brunát in Begleitung von Hauptmann Urban.

– Grüße Sie, Herr Zima,

sagte Urban und nahm den Finger vom Klingelknopf,

– ist Ihre Tochter zu Hause?

– Aber ja,

sagte der Riese entgegenkommend.

– Wir müssen sie was fragen.

– Wegen der Zahlen, nicht wahr?

Der Hauptmann verstand es auf seine Weise und sprach kompromißlos:

– Genau! Da muß endlich Licht in die Sache.

Als sie in die Küche kamen, stand Klára auf wie im Klassenzimmer; der Unterschied bestand nur darin, daß sie die weiße Katze streichelte. Vater Zima bot den anderen am Küchentisch Platz an. Die Mutter erwiderte freundlich den Gruß und blieb vor dem Fernseher sitzen. Der Vater setzte sich so, daß er über die Gäste hinweg das Gerät im Auge behalten konnte. Die Großmutter nahm niemanden wahr; sie hatte ihre Sorgen.

Sie hatten sich den Empfang anders vorgestellt. Hauptmann Urban vermißte das aus Delinquentenfamilien und seinem eigenen Heim vertraute Bild: Das Kind zittert vor Angst, die Mutter ringt die Hände, der Vater löst den Gürtel. Auch Plavec und Brunát fühlten sich nicht besser: Es ist schwierig, einem Schwindel auf die Spur zu kommen, wenn ringsum die Flüche angeschossener Männer erschallen. Letztlich waren sie eben doch nur zu Besuch hier.

– Nun, Klára,

hub der Direktor an, so streng es nur ging,

– heraus mit der Wahrheit: Hast du da die Hand im Spiel?

– Bitte in welchem?

erkundigte sich die Zimová artig.

– Hier, Urbans Věra hat eingestanden, daß du die Beispiele wieder im voraus bekanntgegeben hast!

– Bitte, Sie haben gesagt, ich darf es ihnen sagen ...

– Zimová,

explodierte der Direktor, beherrschte sich jedoch nach einem Seitenblick auf Vater Zima,

– Klárka, es geht doch nicht darum, daß du’s weitergesagt hast, sondern darum, wie du’s erfahren hast!

Und als er sah, wie das Mädchen den Mund aufmachte, schnitt er ihr noch schnell das Wort ab:

– Nur erzähl mir, um Gottes willen, nicht mehr, daß es dir eingefallen ist!

Die Zimová erzählte es also nicht.

– Nun also,

bedrängte er sie ungeduldig,

– wie war’s in Wahrheit?

Die Zimová schwieg. Ihn packte die Wut, Vater hin, Vater her.

– Soso, du sprichst also nicht mit uns?

– Und was sollte ich, bitte, sagen?

– Wie du draufgekommen bist, daß es just diese fünf Beispiele sein werden! Der Genosse Professor hat sie schließlich vor euch allen auslosen lassen!

– Ja, freilich,

konnte Brunát sich nicht länger zurückhalten,

– ich habe sie schließlich ...

– Moment!

unterbrach ihn der Direktor scharf, als ginge es darum, wer von den beiden das Klassenbuch stibitzt hatte,

– einer nach dem anderen! Klára, ich mache jeden Spaß mit, aber was zu weit geht, geht zu weit! Stell dir vor, der Genosse Kreisschulinspektor erfährt von der Sache, oder der Genosse Bezirksinspektor, oder gar die Genossen vom Ministerium ...

Er schaute sie an, so ernst es ging.

– Kannst du dir das vorstellen?

Auch sie schaute ihn sehr ernst an.

– Bitte, nein,

sagte sie mit einer Stimme, die ihn ob ihrer Arglosigkeit denn doch ergriff.

Er schickte sich an, es ihr väterlich auseinanderzusetzen.

– Da kämen dann nicht mehr ich und der Genosse Professor und, hier, der Genosse Urban, sondern gleich der Staatsanwalt. Ein Schulzeugnis ist ein amtliches Dokument, und für so einen Betrug gibt es nicht mehr nur eine schlechte Note in Betragen, sondern Freiheitsstrafen, hab ich recht?

– Jesusmaria!

stöhnte die Mutter, und der Direktor frohlockte, weil er endlich jemanden vom Ernst der Lage überzeugt hatte.

– Schau doch, Pepi,

fuhr sie fort und wandte den Kopf vaterwärts, während sich ihren Fingern weiterhin ein goldrotes Band entschlängelte,

– die kriechen da hinein!

Der Anführer der Banditen wechselte bei vollem Galopp zum Führer des Pferdegespanns hinüber, und die Damen in der Postkutsche schrien vor Entsetzen auf.

Plavec unterdrückte das glühende Verlangen, aufzuspringen und den Fernseher einfach abzudrehen. Er bezwang sich jedoch abermals und versuchte, wenigstens den Vater zu ernster Rede zu veranlassen.

– Genosse Zima,

drang er auf ihn ein,

– Sie sollten ihr ins Gewissen reden!

– Aber gern. Und wie?

– Ich will Ihnen sagen, wie das auf mich wirkt,

sprach der Direktor geradezu pathetisch, denn er spürte, dies war seine letzte Chance,

– auf mich wirkt das so, als hätten die sich das alles ausgedacht! Wie ich das sehe, aus jahrelanger Erfahrung als Pädagoge, wird sich am Ende herausstellen, daß einer von denen, was weiß ich, einen Sender unter der Bank versteckt hatte, und ein anderer hat’s irgendwo ausgerechnet und ihnen zurückgefunkt, und Ihre Tochter deckt das Ganze mit diesem Ammenmärchen!

Urban sah ihn entgeistert an, als sähe er ihn zum erstenmal.

– Das ist doch Blödsinn!

verkündete er respektlos, aufgrund seiner jahrelangen Erfahrung als Polizeibeamter,

– wissen Sie, was für einen Krach diese Dinger machen?

Plavec schoß einen wütenden Blick auf ihn ab: Hier ging es ums Ganze, und der Kerl fing an, Schulungsvorträge zu halten! Um es auszubügeln, verschärfte er seine Attacke.

– Dann soll mir das Ihre Tochter gefälligst erklären!

– Was denn?

fragte der Vater; die Arglosigkeit in der Stimme hatte die Tochter offenbar von ihm geerbt.

– Mein Gott, wie sie draufgekommen ist!!

Die Zimová schaute gehorsam von einem zum anderen und streichelte unablässig die Katze. Da drehte sich zu aller Erstaunen die Mutter um und meinte freundlich:

– Aber sie hat’s Ihnen ja schon erklärt.

– Wieso??

– Es ist ihr eingefallen.

Plavec blieb die Sprache weg. Ist das wirklich Arglosigkeit, überlegte er fieberhaft, oder himmelhohe Durchtriebenheit? Augenblicklich sprang Brunát in die Bresche. Er stand auf und schritt unerschrocken dem Hufgeklapper, dem Kugelhagel entgegen.

– Zweimal fünf Beispiele?

rief er, gestützt auf die bewährte Autorität der Wissenschaft, – von hundertzwanzig? Haben Sie schon mal was von Wahrscheinlichkeitsrechnung gehört?

– Nein,

bekannte die Mutter,

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Litres'teki yayın tarihi:
05 mayıs 2025
Hacim:
290 s. 1 illüstrasyon
ISBN:
9788711461365
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