Kitabı oku: «Die Henkerin»
Pavel Kohout
Die Henkerin
Roman
Deutsch von Alexandra
und Gerhard Baumrucker
Saga
Für Jürgen und Liza, die mich so viele Jahre überzeugten, dieses Buch müsse geschrieben werden, bis ich es schrieb!
PK
Personen, Schauplätze und Geschehnisse dieses Buches sind, leider, frei erfunden, dafür sind die historischen Informationen und die zitierte Literatur, gottlob, streng authentisch.
Wir leben in einer Welt, wo das Przewalskipferd beinahe schon ausgestorben ist. Wir werden immer häufiger Zeugen, wie die Monopolisierung auf der einen und die Kollektivierung auf der anderen Seite der Welt nicht nur kleine Gewerbetreibende und Landwirte vernichten, sondern auch freie Berufe, mit denen oft schon unersetzliche Erfahrungen der Menschheit verlorengehen.
Ich möchte meinen bescheidenen Text dazu beitragen, daß wir eines Morgens nicht in einer Welt ohne Scharfrichter aufwachen.
Pavel Kohout
Sázava, im August 1978
I
Am Gründonnerstag erwies sich, daß Lízinka Tachecí die Eignungsprüfung für das Konservatorium der dramatischen Künste nicht bestanden hatte.
Der Vorsitzende der Kommission, ein prominenter Mime, teilte ihrer Mutter Lucie voll ungeheucheltem Bedauern mit, die Jury habe erst nach stürmischer Diskussion so befunden, da auch wiederholte Versuche gezeigt hätten, daß ihre Tochter aufgrund ihrer Verschlossenheit sicherlich viel eher als Ärztin ihr Auskommen finden würde, als Wissenschaftlerin oder als Schriftstellerin.
Am Karfreitag offenbarte sich, daß Lízinka auch die Aufnahmeprüfung für die weiterführende Stufe des humanistischen Gymnasiums, von ihr auf dem Anmeldeformular an zweiter Stelle angeführt, nicht bewältigt hatte.
Der Direktor der Schule, ein eminenter Pädagoge, eröffnete ihrer Mutter voll unverhohlener Wehmut, das Kollegium habe erst nach hitziger Debatte befunden, da auch neue Tests erbracht hätten, daß ihre Tochter aufgrund ihres Aussehens gewiß viel eher als Fotomodell Karriere machen würde, als Mannequin oder als
1
Schauspielerin.
Als Dr. phil. Tachecí aus dem Büro heimkam, fand er nur seine Tochter vor. Sie saß im Eckwohnzimmer vor dem Fernsehgerät und betätigte die Schaltknöpfe. Drückte sie den einen, so schlugen zwei Männer verbissen mit den Fäusten aufeinander ein. Drückte sie den zweiten, so sang ein Kinderchor Volkslieder. Drückte sie beide zugleich, so erschien eine weiße, rauschende Fläche.
– Na, wie war’s? fragte Doktor Tachecí.
Lízinka zog, anderweitig eingenommen, die schmächtigen Schultern hoch.
– Wo ist Mama? fragte Doktor Tachecí.
Lízinka nickte in Richtung Schlafzimmer.
Doktor Tachecí ging in die Diele und drückte sacht die Klinke herunter. Es war zugeschlossen. Nach einer kleinen Weile klopfte er leise an. Nichts rührte sich. Nach weiterem Zögern fragte er seine Gattin schüchtern durch die Tür, ob sie Tee wolle oder etwas anderes.
Darauf stürzte Frau Lucie in die Diele heraus und schrie, sie wolle vor allem nicht mit einem Menschen zusammen leben, der seiner einzigen Tochter nicht zum Studium verhelfen könne. Dann schloß sie sich weinend im Bad ein.
Doktor Tachecí briet seiner einzigen Tochter das einzige noch vorhandene Ei – die anderen waren schon gefärbt und schickte sie, die zu zart und empfindsam war, um Zeuge der weiteren Ereignisse zu werden, ins Bett. Dann begann er an die Badezimmertür zu klopfen und besänftigende Worte zu äußern. Die Stille entsetzte ihn immer mehr. Er wußte nicht, wo das Gas abgeschaltet wurde, wußte jedoch, daß im Bad auch Rasierklingen und Tabletten waren. Er begab sich zum Telefon und blätterte zerquält im Teilnehmerverzeichnis. Mit seiner Familie verkehrte er nicht, Freunde hatte er keine, und die Polizei fürchtete er; unter dem Druck der Situation beschloß er, die telefonische Lebenshilfe anzurufen.
Der diensthabende Psychiater hörte sich seinen unzusammenhängenden Bericht an und fragte:
– Wie lange ist sie schon dort?
– Etwa zwei Stunden, sagte Doktor Tachecí.
– Macht sie das oft? fragte der Psychiater.
– Nein sagte Doktor Tachecí, gewöhnlich schließt sie sich im Schlafzimmer ein.
– Wo schlafen dann Sie? fragte der Psychiater.
– Gewöhnlich im Bad, sagte Doktor Tachecí.
– Dann schlafen Sie heute im Schlafzimmer, sagte der Psychiater, so können auch Sie es mal genießen.
– Entschuldigen Sie, sagte Doktor Tachecí, aber ich habe die begründete Befürchtung ...
– Entschuldigen Sie, sagte der Psychiater, aber ich habe heute zum drittenmal nacheinander Nachtdienst, ich würde selbst mit dem Bad vorliebnehmen. Glauben Sie, sie würde ans Telefon kommen?
– Ich glaube nicht, sagte Doktor Tachecí, ich dachte, ob Sie nicht hierher ...
– Schwerlich, sagte der Psychiater, ich muß am Telefon bleiben, in diesen Tagen drehen uns massenhaft Eltern durch. Haben Sie kein Stemmeisen?
– Was ist das? fragte Doktor Tachecí.
– Sie sind Philosoph? fragte der Psychiater.
– Philologe, sagte Doktor Tachecí.
– Aha, sagte der Psychiater, wie wär’s dann, wenn Sie ihr sagen, der Schulinspektor möchte sie sprechen?
– Entschuldigen Sie, sagte Doktor Tachecí, ich lüge grundsätzlich nicht.
– Herr Doktor, sagte der Psychiater, vielleicht ruft mich gerade jemand an, dem ich wirklich helfenkann. Solange Sie sich Grundsätze leisten können, ist Ihr Fall keineswegs hoffnungslos.
Doktor Tachecí legte langsam den Hörer auf. Da kam seine Frau aus dem Bad. Sie war festlich frisiert und ausdrucksvoll geschminkt, als ginge sie zu einem Ball. Ohne ihren Mann eines Blickes zu würdigen, zog sie ein goldenes Notizbüchlein aus der Handtasche, trat ans Telefon, wählte eine Nummer und wartete, mit dem Absatz aufstampfend. Dann fragte sie mit glockenheller Stimme:
– Oskar?
– Ja, sagte Oskar, wer spricht dort?
– Lucie, sagte Frau Lucie.
– Welche Lucie? fragte Oskar.
– Lucie Alexandrová, sagte Lucie Tachecí.
Doktor Tachecí stand vor dem Bad, schluckte.
– Lucie Alexandrová! sagte Oskar, ist ja phantastisch! Lucie!
– Was machst du, Ossi? fragte Frau Lucie, immer noch ledig?
– Versteht sich, sagte Oskar, und du immer noch verheiratet?
– Versteht sich, sagte Frau Lucie, ich dachte, ich könnte wieder einmal auf ein Gläschen bei dir vorbeikommen.
Doktor Tachecí sagte vom Bad her:
– Lucie ...
– Das wäre ja phantastisch, sagte Oskar, bloß ...
– Du bist nicht allein, sagte Frau Lucie.
– Versteht sich, sagte Oskar.
– Ich komme gern ein andermal, sagte Frau Lucie, heute brauche ich eher deinen Rat.
– Suchst du ein Auto? fragte Oskar, oder eine Wohnung?
– Nein, sagte Frau Lucie, ich habe eine Tochter.
– Gratuliere, sagte Oskar, suchst du einen Hort?
– Ich habe sie seit fünfzehn Jahren, sagte Frau Lucie.
– Was? Ja so, entschuldige. Das war also schon vor fünfzehn ...? Ist ja phantastisch!
– Man hat sie nicht in die höhere Schule aufgenommen, sagte Frau Lucie, sie schien ihnen entweder zu schön oder zu gescheit.
– Wozu braucht sie dann die höhere Schule? fragte Oskar.
– Ich will, daß sie etwas wird, sagte Frau Lucie, ich will nicht, daß es ihr so ergeht wie mir.
– Lucie ... sagte Doktor Tachecí vom Bad her.
– Höhere Schule, sagte Oskar, Herrschaft, wer wäre da ... Wer hat mir da ... Moment, da gibt es doch so eine Kommission ... Sekunde, Krümelchen ...
– Das hast du schon lange nicht mehr zu mir gesagt, sagte Frau Lucie.
– Was? Ja so, entschuldige, ich sag’s auch nicht zu dir.
– Schade, sagte Frau Lucie.
– Hat es eine Woche Zeit? fragte Oskar, bis ich aus den Bergen zurück bin? Wir könnten dann alles auf einmal erledigen.
– Kannst du mir wenigstens die Kommission nennen?
– Ja so, sagte Oskar, ich weiß schon. Städtische Berufsberatungskommission. Der Name des Vorsitzenden ist mir entfallen, aber du kannst dich ruhig auf mich berufen, ich habe ihm ein Hausboot besorgt.
– Dann beschränke ich mich einstweilen auf ein Danke, Ossi, sagte Frau Lucie, und geh, damit du dich nicht erkältest.
– Woher weißt du das? fragte Oskar.
– Versteht sich doch, sagte Frau Lucie, sag Krümelchen, deine Tante habe angerufen. Fröhliche Ostern, Ossi!
Sie legte den Hörer auf und die strahlende Miene zugleich ab. Vom Bad her ließ Doktor Tachecí sich vernehmen:
– Lucie, wer war das?
– Ein Mensch, sagte Frau Tachecí, der mich einmal heiraten wollte. Du gestattest?
Ihr Mann trat zurück, damit sie wieder ins Bad konnte.
– Warum rufst du ausgerechnet den an? fragte er.
– Das kann ich dir sagen, erwiderte seine Frau, wäre ich vor sechzehn Jahren nicht so strohdumm gewesen, dann wäre Lízinkas Vater heute
2
er!
– Schon möglich, ja sogar sehr wahrscheinlich, sagte trocken der Vorsitzende der Berufsberatungskommission, und es war vielleicht sogar jenes Hausboot, weswegen mein Vorgänger dieses Amt fristlos aufgeben mußte.
Für Frau Tachecí war dies der letzte Beweis, daß Lízinkas Sache unter keinem guten Stern stand. Schon am Dienstag nach Ostern war sie von der Benachrichtigung erschüttert worden, daß sie ordnungshalber erst am Donnerstag vorsprechen konnten. Oskar sumpfte in den Bergen herum, ihrem Mann konnte sie mit so etwas nicht kommen, sie hatte sich also aufs Bett gelegt und Erschöpfung vorgetäuscht. Dies hatte bei ihrem Temperament so viel Beherrschung erfordert, daß sie am Mittwoch einem Zusammenbruch nahe war. Nur die Liebe zu Lízinka und das Wissen, daß Doktor Tachecí sich im Amtsverkehr wie ein überführter Verbrecher benahm, hatten sie am Donnerstag abermals in den tristen Korridor vor den Raum getrieben, aus dem gedämpft das Weinen erfolgloser Schüler und das Geschrei gekränkter Väter drangen.
Erfahrung und Gewohnheit hatten sie gezwungen, sorgsam zu überlegen, wie sie und Lízinka sich am passendsten kleiden sollten. Das gesteckte Ziel riet zur Kaschierung sämtlicher Vorzüge, wie stets, wenn man sich mehr aufs Bitten denn aufs Fordern verlegen muß, und unbedingt immer dann, wenn man es mit einer Frau zu tun bekommt. Partner sollte jedoch ein Mann sein, überdies der Freund eines Mannes, der, wie sie wußte, weibliche Schönheit krankhaft vergötterte. Deshalb hatte sie auf die stärkste Karte gesetzt.
Sie trug ein enganliegendes, buntgemustertes Modellkleid aus Frankreich, das ihre schmale Taille, den vollen Busen und den schlanken Hals betonte. Für Línzinka hatte sie ein weißes, ärmelloses Minikleid gewählt, in einem Farbton, wie er dem Schnee vor Sonnenaufgang eignet.
Jetzt stellte sie bestürzt fest, daß ein Nonnengewand eher angebracht gewesen wäre.
Vorsitzender der Kommission war gegenwärtig ein Mann, der sich seiner undankbaren Funktion über Jahre hinweg angepaßt hatte wie ein mittelalterlicher Krieger der Rüstung. Sein kinnbärtiger Kopf, der auf dem robusten Körper saß, als bedürfe er keines Halses, erhöhte den Eindruck von Unverwundbarkeit. Die weißen Finger verrieten Frau Tachecí den Nichtraucher, die leicht miefige Kleidung den Junggesellen. Sie erkannte, daß er keinerlei Leidenschaften frönte, kein Schmiergeld brauchte und Frauen fürchtete.
Außer ihm war eine Sekretärin da, eine ältere, knochige Person, die sie beide scharf musterte, angewidert die Augen abwandte und auf ihrem Notizblock eine Reihe von Kreuzchen zu kritzeln begann. All dies sagte Frau Tachecí, daß sie sich hier für ihr gescheitertes Leben schadlos hielt, indem sie sich am Scheitern anderer weidete, zu dem sie kräftig beitrug.
Der Vorsitzende blickte nicht einmal auf. Er hatte schon allzu viele niedergeschlagene Gesichter gesehen, um sie unterscheiden zu können; bei dieser Massenabfertigung konnte er sich den Luxus der Anteilnahme gar nicht leisten. Nachdem er seinen Vorgänger mit dem einen Satz zu Grabe getragen hatte, deutete er mit dem Handrücken auf freie Stühle, schlug Lízinkas Akte auf und schüttelte ablehnend den Kopf.
– Konservatorium natürlich ... Gymnasium, natürlich, natürlich –
sagte er fast angeekelt,
– einfach um jeden Preis Abitur, ob es dazu reicht oder nicht. Also, kurzum, liebe Frau: Von den Schulen mit Reifeabschluß bleibt hier nur die höhere Musikschule für sichtbehinderte Jugendliche, aber davon kann bei ihr, wie ich dem ärztlichen Gutachten entnehme, leider keine Rede sein. Dem Abitur können Sie also adieu sagen, liebe Frau, und Gott danken. Wenn Sie und Ihr Mann –
fuhr der Vorsitzende der Kommission fort,
– sie wirklich lieben, dann trachten Sie danach, ihr eine Fachausbildung zu sichern, solange noch Zeit ist. Handwerk hat nach wie vor goldenen Boden, und aufs Konservatorium zu gelangen, ist einfach ein Kinderspiel, gemessen daran, auf eine Fachschule für Stewardessen oder Friseusen zu kommen. Schlagen Sie sich das also einfach aus dem Kopf und seien Sie froh! Warum soll ein so junges und gesundes Mädchen –
fuhr der Vorsitzende der Kommission fort, ohne den Blick zu heben,
– sein Leben mit Fönwellen verpulvern oder in der Luft verpuffen lassen, wenn ihr zum Beispiel so eine Fachlehranstalt für Gartenbau das ganze Jahr über festen Boden unter den Füßen und frische Luft bietet. Also?
– Aber sie ... ist kälteempfindlich ... sagte Frau Tachecí.
Der Überraschungsangriff hatte bewirkt, daß ihr nichts Besseres einfiel.
– Natürlich, sagte der Vorsitzende herablassend. Aber was tut’s! Es gibt interessantere Berufe, als bei Regen und Matsch Kohlrabi setzen und häufeln; wenn sie einfach wärmefreudig ist, dann weiß ich nichts Besseres als eine Fachlehranstalt für das Bäckereiwesen. Also?
– Sie verträgt auch keine Wärme ... sagte Frau Tachecí zutiefst deprimiert.
– Natürlich, natürlich, sagte der Vorsitzende befriedigt, weil er sich dem Ziel nahe wähnte, na, macht auch nichts. Warum soll sie winters wie sommers für ein paar Kröten um drei Uhr früh aufstehen, zumal ihr so eine landwirtschaftliche Lehranstalt mit dem Zweig Großmästereien automatisierte Arbeit bei Vollklimatisierung bietet. Und, wird sie nach Schulabschluß direkt auf dem Land eingesetzt, sogar Haus und Mitgift, was einfach praktisch auf einen Bräutigam hinausläuft. Also abgemacht?
Mit geübter Bewegung hielt er der Sekretärin Daumen und Zeigefinger hin, und sie legte in die Lücke dazwischen genauso mechanisch ein Formular.
– Großer Gott, sagte Frau Tachecí, einer Ohnmacht nahe, großer Gott, kann man sie denn zu Schweinen schicken?
Hätte sie geschrien, gedroht oder geweint, er hätte es gar nicht wahrgenommen, doch da sie mit sonderbar erstickter Stimme flüsterte, als sei der angerufene Allmächtige ebenfalls anwesend, hob der Vorsitzende unwillkürlich den Kopf – und erblickte Lízinka.
Lízinka hatte die ganze Zeit den Bleistift der Bürokraft beobachtet. Diese machte jedenfalls, wenn der Vorsitzende »natürlich« sagte, einen kleinen Strich. Wenn er »einfach« sagte, einen Punkt. Wenn sie fünf Striche oder Punkte gemacht hatte, verband sie sie durch eine Gerade und vollendete ein weiteres Kreuz. Nun schwebte die Bleistiftspitze in der Luft, und Lízinka wartete, wann sie aufsetzen würde.
Aber der Vorsitzende der Kommission schaute auf ihre schmächtigen Ellbogen und Knie, auf ihr noch kindliches und gleichsam durchsichtiges Gesichtchen, das in der Flut langer goldener Haare schier unterging, und da spürte er, wie ihn ein jäher Ansturm von Empfindungen und Erinnerungen aus dieser kargen Amtsstube fegte, seiner etablierten Kleider und Gewohnheiten entledigte und gegen den Strom von Funktionen und Sitzungen in die Gefilde naiver Unschuld trieb, und plötzlich hörte er auch die Stimme, die er längst verhallt geglaubt hatte: Die Madonna, sagte seine Mutter wie damals auf dem Wallfahrtshügel, den sie mit der Prozession eben erreicht hatten, knie nieder, Bub, das ist die heilige Jungfrau!
Er ließ die Hand mit dem Anmeldebogen sinken, obwohl er die vorgeschriebene Quote hätte erfüllen müssen, und wandte sich an die Sekretärin.
– Geben Sie mir, sagte er, den Ordner PST!
Die knochige Person riß den Blick von den Kreuzchen los und sah Lízinka noch einmal an, diesmal verdattert. Sie kannte ihren Chef und begriff nicht, was diese ungewöhnliche Wendung herbeigeführt haben mochte. Unwillig legte sie den Bleistift aus der Hand, ging zum Safe und reichte dem Vorsitzenden die Mappe mit der Aufschrift Papiere streng geheimer natur. Sie enthielt eine Liste spezieller Fachgebiete, die einige zentrale Institutionen ausgeschrieben hatten. Neben jeder Eintragung stand klipp, aber klar definiert, was vom Bewerber erwartet wurde.
Als Ehrenmann, der seinem Gewissen nur einmal untreu geworden war, als er seinen Gott verleugnen mußte, um dem Staat dienen zu dürfen, gedachte der Vorsitzende auch jetzt nichts Staatsschädigendes zu tun. Beim Durchgehen der Fachgebiete, die sowohl für Knaben als auch für Mädchen ausgeschrieben waren, schied er redlich alles aus, für die es Lízinka an Voraussetzungen, Bildung oder Klassenabstammung mangelte, wie etwa die Gebiete diplomatischer Kurier, Botschafter oder Abgeordneter. Erstmals zögerte er bei Gegenspionage, die gleich drei Schüler angefordert hatte. Noch eine Erinnerung huschte ihm durch den Kopf: an die fragile Greta Garbo in der Rolle der Mata Hari. Der Film riß jedoch, als er merkte, daß er sich schon in der Abteilung Geschlecht m befand. Er blätterte um. Sein Blick fiel geradewegs auf die Charakteristik, die den Teil Geschlecht w abschloß, und damit die gesamte Liste:
Spez. Fach humanit. Richtg. M. Abit.: Absolv. D. 9 JG. Grundschule (w). – Vertr. Erweckd. – Eign. F. Öff. Auftr. – Phlegm. Natur. – Sehr Angen. Äusseres. Dahinter eine Anmerkung in Klammern, die einzige dieser Art im Ordner PST: (Wie man ihr beim zahnarzt begegnen möchte!)
Der Vorsitzende blickte wieder auf. Selbst der strengste Richter in seinem Inneren konnte nicht leugnen, daß nichts an Lízinka den Erfordernissen widersprach. Im Gegenteil, er hatte noch nie ein Gesicht gekannt, zu dem er vom Zahnarztsessel aus, wo er schon so viele Qualen erdulden mußte, lieber emporgeblickt hätte. Einmal zur Überzeugung gelangt, im Einklang mit den Interessen der Gesellschaft zu handeln, entschloß er sich immer sehr rasch.
– Fräulein, fragte er Lízinka geradeheraus, möchten Sie nicht Vollstreckerin werden?
– Was ist das? fragte die Mutter, schnell die Fassung wiedererlangend.
Der Vorsitzende der Berufsberatungskommission vertiefte sich in die Liste.
– Ein Spezialfach der humanitären Richtung mit Abitur, sagte er nach kurzem Sinnen.
– Und was für eins in etwa? fragte die Mutter ganz unaggressiv, um das Flämmchen ihrer Hoffnung nicht auszublasen.
Er bemerkte erst jetzt, daß zu der Annonce ein Postskriptum gehörte: Bew. tel. zw. Gespr. Prof. Wolf 61460!
– Bewerber, übersetzte er, telefonieren zwecks Gesprächs mit Professor Wolf, siehe Rufnummer. Daraus geht einfach hervor, daß der betreffende Funktionär Ihnen die näheren Einzelheiten mitteilen wird. Ich muß allerdings wissen, ob Sie grundsätzlich einverstanden sind, damit ich Ihnen einen Laufzettel für ihn mitgeben kann. Also dann –
rief der Vorsitzende ungeduldig aus, da er der Miene seiner Sekretärin allmählich entnahm, daß er seinem Ruf untreu zu werden begann.
– Gärtnerin, Bäckerin, Mästerin oder ...
– Unbedingt, schrie Frau Tachecí, unbedingt
3
Vollstreckerin!
– Was ist das? fragte Dr. phil. Tachecí, nachdem seine Frau ihren Bericht abgeschlossen hatte.
Sie saßen im Wohnzimmer, über die Suppe gebeugt. Lízinka beobachtete die Oberfläche, in der sich ihr Gesicht spiegelte. Tauchte sie den Löffel ein, so runzelte sich das Gesicht wellenförmig, nahm sie den Löffel heraus, zerfloß es zum Rand des Tellers.
– Was soll es schon sein, sagte Frau Tachecí, ein humanitäres Fach mit Abitur.
– Was für eins denn ungefähr? fragte Doktor Tachecí ganz unmilitant, um nicht den Brand eines neuen Steites zu entfachen. Er stand auf, ging zum Bücherschrank und begann in einem Wörterbuch zu blättern.
– Vollstreckerin steht gar nicht da, sagte er nach einer Weile, nur vollstreckbar; Vollstreckbarkeit, w.; Vollstrecker; Vollstreckung; Vollstreckungsbeamter.
– Dann wird sie eben Gerichtsvollzieherin, sagte Frau Tachecí, um so besser!
– Die Charakteristik paßt allerdings eher auf ein Animiermädchen, sagte Doktor Tachecí.
– Lízinka, sagte Frau Tachecí, aufessen, Kindchen, und ins Bett, morgen mußt du zur Schule!
Kaum hatte die Tochter ihnen den Gutenachtkuß gegeben und hinter sich die Tür geschlossen, sprach die Mutter weiter, diesmal ohne Ausrufe und Tränen, was um so schwerer wog.
– Das einzige, was du für deine Tochter getan hast, sagte sie, war, daß du vor sechzehn Jahren meine Vertrauensseligkeit ausgenützt und mich in den Klee geworfen hast wie irgendein Dienstmädchen. Ich hatte keine Ahnung, daß ein Mensch mit einem akademischen Grad mir gleich beim erstenmal ein Kind machen würde, und vor allem habe ich geglaubt, er würde sich zumindest seiner annehmen. Aber du –
fuhr sie immer sachlicher fort, so daß Doktor Tachecí schnell begriff, wie kritisch die Situation war,
– genierst dich, aufzumucken, wenn dir der Straßenbahnschaffner auf einen Hunderter nicht herausgibt, geschweige denn, ein normales Schmiergeld zu geben, damit deine Tochter die Aufnahmeprüfung besteht. Das einzige, was du mir angeboten hast, als ihre Zukunft in Trümmern lag, war Tee. Und als ich ihr an deiner Stelle eine letzte Chance herausschlug, damit sie nicht Kühe weiden muß, da sagst du mir, ich mache sie zur Hure? Ich –
sie hob ein wenig die Stimme, wie um einem Einwand zuvorzukommen, den Doktor Tachecí sich erst gar nicht einfallen zu lassen getraute,
– weiß nicht, was eine Vollstreckerin ist, ich brauche es gar nicht zu wissen, mir genügt, daß sie das Abitur machen wird und anschließend gehen kann, wohin sie will. Und wenn du willst, daß sie dich weiterhin Vater nennt, dann rufst du morgen diesen Wolf an und machst einen Termin mit ihm aus. Und zu diesem Termin nimmst du wie jeder anständige Vater eine Flasche Kognak mit, und wenn er am Telefon Zicken macht, dann zwei, denn falls du das nicht schaffst –
fügte Frau Tachecí hinzu, und er erblickte verblüfft ein strahlendes Lächeln auf ihrem Gesicht,
gehe ich zu ihm und biete ihm alles, was ich zu bieten habe, als Mutter und als
4
Frau!
Am Freitagmorgen hatte Dr. Tachecí kaum hinter seinem Tisch in der Abbreviaturenerfassungsstelle der Akademie der Wissenschaften Platz genommen, als er die Rufnummer 61460 wählte.
– Ja bitte? sagte der Angerufene.
– Hallo, sagte der Anrufer, könnte ich bitteschön Professor Wolf sprechen?
– Wer spricht? fragte der Angerufene.
– Hier Doktor Tachecí, sagte Doktor Tachecí.
– Kenne ich nicht, sagte der Angerufene.
Doktor Tachecí spürte, wie er rot wurde. Just solche herrischen Stimmen bewirkten, daß er sich beim Schlangestehen überholen und beim Wiegen übervorteilen ließ, daß er protestlos Gänseblut aß, das man ihm statt Gänseleber brachte, und widerspruchslos die Konfetti bezahlte, die man ihm statt Konfekt eingepackt hatte. Es fehlte nicht viel, und er hätte eine Entschuldigung gestammelt und aufgelegt. Doch die peinigende Vorstellung, dadurch ausgerechnet dieser Stimme seine vergötterte Frau auszuliefern, peitschte ihn zu unerhörtem Mut auf.
– Verzeihung, sagte er, ich rufe wegen meiner Tochter an.
– Welcher Tochter? fragte der Angerufene.
– Wegen meiner Tochter Lízinka, fuhr Doktor Tachecí fort und schloß die Augen wie beim Sprung in einen Abgrund, sie war gestern mit meiner Frau bei der Kommission, und man hat ihnen diese Nummer gegeben.
– Wie ist Ihre? fragte der Angerufene.
– 271425, sagte Doktor Tachecí gehorsam, Nebenstelle 15.
– Legen Sie auf, sagte der Angerufene, ich rufe zurück.
Ein Klicken verriet, daß er aufgelegt hatte. Doktor Tachecí tat ein gleiches und blieb sitzen, von der eigenen Courage gelähmt. Unmittelbar darauf öffnete er die Augen und sah ein, daß er nicht nur nichts erreicht hatte, sondern auch nicht wußte, wann man ihn anrufen würde, so daß er trotz seines Erfolgs zu Hause nichts würde mitzuteilen haben. Das Telefon schwieg. Blieb nur noch eines, nämlich erneut anzurufen, was über seine Kräfte ging. Aber sein wissenschaftlich funktionierendes Gehirn, gewöhnt, nur erwiesene Fakten zu verarbeiten, strahlte plötzlich ein lebendes Bild aus: Er sah seine Frau, nackt und begehrenswert, abermals ins Gras sinken, diesmal unter dem Gewicht eines fremden eroberungslüsternen Körpers. Er griff augenblicklich nach dem Hörer. Da klingelte der Apparat.
– Hier Professor Wolf, sagte die bekannte Stimme; sie klang jetzt freundlich, nahezu freundschaftlich. Verzeihung, ich mußte das erst überprüfen. Sie haben also eine Tochter. Würden Sie sagen, daß sie Vertrauen erweckt?
– Ich glaube, ja, sagte Doktor Tachecí. Sie hat jedes Jahr unter dem Weihnachtsbaum gesammelt.
– Ist sie für öffentliches Auftreten geeignet? fragte Professor Wolf.
– Ich denke schon, sagte Doktor Tachecí. Bei Schulfesten hat sie immer das Dornröschen gespielt.
– Darf ich daraus schließen, daß sie über ein angenehmes Äußeres verfügt? fragte Professor Wolf.
– Ich glaube, ja, sagte Doktor Tachecí.
– Und in etwa phlegmatischer Natur ist? fragte Professor Wolf.
– Ich glaube, ja, sagte Doktor Tachecí.
– Und ist sie, Herr Doktor, fragte Professor Wolf, ein Mädchen, dem man gern in einer unangenehmen Situation begegnen möchte, sagen wir beim Zahnarzt?
– Das weiß ich nicht, sagte Doktor Tachecí wahrheitsgemäß.
– Sie meinen nicht? fragte Professor Wolf beunruhigt.
– Ich weiß nicht, wiederholte Doktor Tachecí, ich war noch nie beim Zahnarzt.
– Da gratuliere ich Ihnen, sagte Professor Wolf erleichtert auflachend, Zahnärzte sind schlimmer als Mörder. Meiner ausgenommen. Sie schließen also nicht aus, daß Ihr Töchterchen beim Zahnarzt einen beruhigenden Eindruck machen würde?
– Das schließe ich gewiß nicht aus, sagte Doktor Tachecí.
– Das ist ja großartig, sagte Professor Wolf, großartig!
– Allerdings, sagte Doktor Tachecí, ist uns nicht ganz klar, um welchen Beruf es sich eigentlich handelt. Deshalb hat meine Frau mich gebeten, mich mit Ihnen zu treffen.
– Treffen müssen wir uns vor allem mit dem Fräulein Tochter, sagte Professor Wolf, um sie einer Prüfung zu unterziehen.
– Dürfte ich wissen, auf welchem Gebiet? fragte Doktor Tachecí, damit sie sich ein bißchen vorbereiten könnte ...
– Nicht nötig, sagte Professor Wolf, es handelt sich lediglich um einen psychotechnischen Test.
– Wohin sollen wir also mit ihr kommen? fragte Doktor Tachecí.
– Haben Sie ein Bad? fragte Professor Wolf.
– Ich glaube, ja, sagte Doktor Tachecí überrascht und korrigierte sich sofort, ja, bestimmt haben wir eins.
– Wir kommen lieber zu Ihnen, sagte Professor Wolf, im häuslichen Milieu wird sie sich wohler fühlen, und wir können alles in Ruhe besprechen. Paßt es Ihnen morgen um 14.30 Uhr?
– Morgen ist Samstag, sagte Doktor Tachecí.
– Wir arbeiten vornehmlich samstags, sagte Professor Wolf. Richten Sie der Frau Gemahlin eine freundliche Empfehlung aus, und das Töchterchen soll beruhigt schlafen. Wenn sie ein normales junges und gesundes Mädchen ist, dann schafft sie das mit einer
5
Hand.
– Und wenn es zwei sind? fragte Frau Tachecí. Wie willst du die Flasche teilen?
– Sie werden sie eben gemeinsam hier austrinken, sagte ihr Mann.
– Du hast phantastische Vorstellungen von Bestechung! sagte seine Frau.
Sie saßen im Eckwohnzimmer, zu qualvollem Warten verurteilt. Frau Tachecí rauchte nervös und zuckerte ab und zu den Marmorkuchen nach. Doktor Tachecí ging seine Alben durch und reinigte voll Sorgfalt häufig die Lupe. Lízinka beobachtete eine Fliege auf der Fensterscheibe. Schloß sie das rechte Auge, so erklomm die Fliege den Transformator. Schloß sie das linke Auge, so krabbelte die Fliege über den Feldweg. Ließ sie beide Augen offen und schielte ein wenig, so sah sie zwei Fliegen, dafür verschwammen Transformator und Feldweg.
– Wenn jemand zu mir sagt, wir kommen, dann frage ich, wer! sagte Frau Tachecí.
– Ich dachte, er spricht im Pluralis majestatis, sagte ihr Mann.
– Heilige Einfalt! sagte seine Frau. Mein Gott, möchtest du nicht endlich diese albernen Briefmarken lassen?
Nach der am Donnerstag gemachten Erfahrung hatte sie ein graues Sackkleid inländischer Erzeugung an, das Taille, Busen und Hals kaschierte.
– Verzeih, sagte ihr Mann überrascht, ich hatte keine Ahnung, daß dich das stört.
Er hatte den englischen, aus dem Nachlaß seines Vaters stammenden und umgearbeiteten Anzug an, den er seit Jahren zum samstäglichen Tee trug.
– Es stört mich erst seit ungefähr fünfzehn Jahren, sagte seine Frau. Lízinka, schiel nicht!
Lízinka hörte auf, die Fliege anzuschielen. Sie hatte einen langen Rock von der Farbe ihres Haars an und ein weißes Blüschen, das sich rührend über den winzigen Brüsten bauschte.
Frau Tachecí zuckerte den Marmorkuchen nach und zündete sich eine neue Zigarette an.
– Solltest du nicht weniger rauchen? fragte Doktor Tachecí besorgt.
– Das ist der einzige Luxus, den sich deine Frau leisten kann, sagte Frau Tachecí.
– Ich dachte nur, wenn er zufällig Nichtraucher sein sollte, sagte ihr Mann kleinlaut.
– Glaubst du? erschrak sie, drückte die Zigarette aus, öffnete beide Fensterflügel und half dem Rauch mit den Händen nach. Dabei warf sie einen Blick auf die Uhr.
– Eine Minute nach halb, sagte sie beunruhigt.
– Eine Minute vor halb, sagte ihr Mann beruhigend.
Von irgendwoher erklang das Zeitzeichen und gleichzeitig die leise Wohnungsklingel. Frau Tachecí ergriff den Aschenbecher und leert ihn zum Fenster hinaus.
Im Treppenhaus standen drei Männer. Sie hatten fast gleiche schwarze Raglanmäntel an, schwarze Hüte von klassischer Form und weiße Handschuhe. Der erste trug einen Strauß roter Rosen. Der zweite einen zylinderförmigen Gegenstand in Geschenkpapier. Der dritte eine Milchkanne und einen umfangreichen Koffer.
– Ich bin Professor Wolf, sagte der erste, zog den Hut und streifte die Handschuhe ab. Gnädige Frau, darf ich Ihnen die Hand küssen und diese kleine Aufmerksamkeit überreichen?
Er war ein stattlicher Sechziger mit tiefliegenden Augen, dessen schwarze Mähne und buschige, zusammengewachsene Brauen nur spärlich mit Grau durchsetzt waren. Er weckte Erinnerungen an aufgeklärte Landärzte aus verarmten Adelsgeschlechtern.
– Freut mich, Sie kennenzulernen, sagte Frau Tachecí mit ähnlich berückter Stimme wie damals, als sie zum erstenmal Doktor Tachecí begrüßt hatte. Sie roch an den Rosen und bedauerte heftig, nicht das Kleid vom Donnerstag angezogen zu haben. Unwillkürlich begann sie Lízinka zu beneiden.
– Gestatten Sie, sagte Professor Wolf, daß ich Ihnen meinen Stellvertreter, Dozent Schimssa, vorstelle.
– Dozent Schimssa, sagte Dozent Schimssa, verbeugte sich und überreichte Doktor Tachecí den zylinderförmigen Gegenstand, wir haben angenommen, Sie würden einen guten Kognak vorziehen.
Er war ein Altersgenosse von Frau Tachecí, ein mittelgroßer, wendiger Mann von athletischer Statur, die der kurze Haarschnitt noch betonte. Die Fältchenfächer in den Augenwinkeln verrieten, daß er oft und gern lachte.
– Das war doch nicht nötig, flüsterte Doktor Tachecí höchst verlegen. Zugleich wurde er auf den Dozenten eifersüchtig. Um all dies zu verbergen, stellte er die Flasche auf den Boden und beeilte sich, den dritten Mann von seinen Lasten zu befreien.
Er war ein beleibter Mensch unbestimmten Alters. Seine Augen verschwanden fast in dem fleischigen Gesicht, aus dem der zackige Rücken einer gebrochenen Nase aufragte. Das Ganze erinnerte an ein altes Schlachtfeld, in das sich das Gesicht ehemaliger Boxer zu verwandeln pflegt.
– Das ist Karli, sagte Professor Wolf, unser Gehilfe und Fahrer. Könnten Sie so freundlich sein und ihm das Bad zeigen?
– Ja, sagte Doktor Tachecí, natürlich, gewiß, selbstverständlich ...
Er öffnete die entsprechende Tür und betätigte den Lichtschalter. Der Mann namens Karli wartete respektvoll, bis der Doktor zur Seite trat, dann setzte er sein Gepäck neben der Wanne ab. Gleich darauf zog auch er den Hut, und im Vorzimmer erglänzte eine Glatze. Dienstbeflissen hob er die Flasche auf und reichte sie Doktor Tachecí.
– Karli, sagte Professor Wolf, wenn wir in fünfzehn Minuten noch nicht zurück sind, fährst du die Geräte weg, gehst nach Hause und holst uns punkt fünf Uhr ab!
– Zu Befehl, Chef, sagte Karli, blieb aber stehen, ohne den treuergebenen Blick von ihm zu wenden.
– Darfst dir dreißig Zentimeter von meinem abschneiden, sagte Professor Wolf gönnerhaft.
– Vielen Dank, Chef, sagte Karli und wandte sich an die anderen. Mein Kompliment, küß die Hand, Gnädigste.
Er setzte sich den Hut auf und salutierte. Seine riesige Hand flappte wie ein Elefantenohr.
– Dürfen wir ablegen? fragte Professor Wolf.
– Mein Gott, Emil, sagte Frau Tachecí, sei den Herren doch behilflich!
Doktor Tachecí stellte die Flasche wieder auf den Boden, aber sowohl der Professor als auch der Dozent waren schneller. Unter den Raglanmänteln trugen sie karminrote Sakkos von gleichem Schnitt. Auf dem rechten Ärmel und der linken Brustseite war das Staatswappen aufgenäht. Sie sahen aus wie Funktionäre einer Olympiamannschaft, was Frau Tachecí beruhigte.
– Sie müssen entschuldigen, gnädige Frau, sagte Professor Wolf, wir kommen geradewegs von der Arbeit. Aber wo ist eigentlich das Fräulein Tochter?
– Sie wartet im Wohnzimmer, sagte Frau Tachecí mit einem entschuldigenden Lächeln, sie hat Lampenfieber. Kein Wunder. Sie ist ja noch ein Kind.
– Wenn sie Ihnen nachgeraten ist, gnädige Frau, sagte Professor Wolf, dann braucht sie sich vor nichts im Leben zu fürchten. Könnten Sie uns freundlicherweise miteinander bekannt machen?
– Lízinka! rief Frau Tachecí.
Die Wohnzimmertür öffnete sich. Lízinka stand in ihrem Rahmen wie ein holdes altes Bild.
– Das ist unsere Lízinka, sagte Frau Tachecí voll glücklichem Stolz. Lízinka, das ist Herr Professor Wolf, und das Herr Dozent Schimssa.
Lízinka knickste artig. Professor Wolf und Dozent Schimssa sahen einander offenkundig erregt an. Sie wirkten wie Anwerber eines Profiklubs, was Doktor Tachecí beunruhigte.
– Emil, sagte Frau Tachecí, bitte die Herren doch weiter! Doktor Tachecí machte eine entsprechende Geste.
– Nein, nein, sagte Professor Wolf, wenn Sie freundlichst gestatten, gehen wir mit dem Fräulein zunächst
6
ins Bad.
– Was machen die dort mit ihr? fragte Doktor Tachecí schon zum drittenmal.
– Ich bitte dich, beruhige dich, sagte zum drittenmal seine Frau, du selbst hast mir gesagt, sie muß eine Prüfung ablegen.
– Werden Prüfungen denn im Bad abgelegt? fragte ihr Mann.
– Jedenfalls werden sie ohne Eltern abgelegt, sagte seine Frau.
– Dann hätten wir ja in die Küche gehen können, sagte ihr Mann.
– Sie wollten uns eben nicht stören. Dieser Professor sieht aus wie ein englischer Lord.
– Dafür sieht dieser Dozent aus wie ein Laffe.
– Genauso hast du ausgesehen, als ich dich kennengelernt habe.
– Aber nur ausgesehen! sagte ihr Mann.
– Leider! sagte seine Frau.
Durch zwei Türen war zu hören, wie im Bad Wasser floß.
– Sie füllen die Wanne, sagte Doktor Tachecí.
– Sie machen irgendeinen Versuch, sagte seine Frau.
– In der Wanne? sagte ihr Mann.
– Ihr habt diese Formel nicht gelernt? fragte seine Frau, wie das Gewicht des Wassers dem Gewicht eines Körpers gleich ist?
– Wir haben sie anders gelernt. Und nicht in der Wanne.
– Glaubst du vielleicht, die baden sie dort, oder was?
– Es sollte mich nicht wundern.
– Du kannst dir wohl nicht vorstellen, daß es Männer gibt, sagte seine Frau, die ein Mädchen nicht gleich beim erstenmal in den Klee werfen.
– Ich möchte dich erneut daran erinnern, sagte ihr Mann, daß es ein englischer Rasen war und daß ich dich zunächst in aller Form um Erlaubnis gebeten habe.
Durch zwei Türen hindurch erklangen aus dem Bad gedämpfte Schläge.
– Was schlagen sie dort? fragte Doktor Tachecí.
– Es ist ihnen etwas runtergefallen, sagte seine Frau.
– Das waren Schläge, sagte ihr Mann.
– Dann nageln sie dort eben was fest, sagte seine Frau.
– Hast du jemals in einem fremden Bad etwas festgenagelt?
Durch zwei Türen hindurch erscholl aus dem Bad ein unmenschliches Geräusch.
– Und was ist das? fragte Doktor Tachecí.
– Jemand lacht, sagte seine Frau.
– Jemand schreit! sagte ihr Mann. Ich gehe hin!
– Ich bitte dich, mach dich nicht lächerlich!
Das Geräusch schwoll an.
– Das ist doch ein Huhn! sagte Doktor Tachecí.
– Du bist ja übergeschnappt! sagte seine Frau.
Das Geräusch riß ab.
– Sag, was du willst, sagte Doktor Tachecí, das war ein Huhn!
– Um Gottes willen, wie käme ein Huhn in unser Bad? fragte seine Frau.
– Das frage ich mich ja gerade!
– Emil, ich bitte dich, befaß dich lieber eine Weile mit deinen Briefmarken. Für Lízinka geht es jetzt ums Ganze, und du machst hier Geschichten!
– Bitte, sagte ihr Mann, aber wenn sie dieses Ganze in unserem Bad verliert, dann klag dich selbst an! Ich wasche meine Hände in Unschuld.
– Solange ich dich kenne, tust du nichts anderes, sagte seine Frau. An dir gemessen, war Pilatus ein Dreckfink!
In diesem Moment war zu hören, wie sich die Badezimmertür öffnete. Männerstimmen erklangen, und gleich darauf öffnete sich auch die Wohnzimmertür. Auf der Schwelle standen Professor Wolf und Dozent Schimssa. Im Bad rauschte die Dusche.
– Meine Herren! sagte Doktor Tachecí, ich glaube es ist höchste Zeit, daß Sie uns reinen Wein einschenken!
– Das ist eben das Problem, sagte Professor Wolf finster. Frau Tachecí erbleichte.
– Wir haben nämlich glatt den Champagner vergessen, sagte Dozent Schimssa heiter.
Frau Tachecí begann zu strahlen. Professor Wolf trat vor die Eltern und drückte ihnen feierlich die Hand.
– Gratuliere. Gratuliere. Ihre Lízinka hat hervorragend bestanden. Nun, da kann man nichts machen, wir müssen eben mit Kognak darauf anstoßen.
Dozent Schimssa hatte die mitgebrachte Flasche schon aus dem Geschenkpapier gewickelt und ein Mehrzweckmesser gezückt.
– Ich habe es gewußt, sagte Frau Tachecí, ihre Rührung bekämpfend, Emil, ich hab’ es dir gleich gesagt!
– Meine Herren, wiederholte Doktor Tachecí in jähem Eigensinn, erfahren wir endlich ...
– Deshalb sind wir ja da, Herr Doktor, sagte Professor Wolf und legte ihm freundschaftlich die Hand auf die Schulter. Aber sollten wir nicht auf sie warten?
– Wo bleibt sie überhaupt? fragte Doktor Tachecí.
– Sie säubert die Wanne, sagte Professor Wolf, trinken können wir freilich auch ohne sie, da entgeht ihr nichts.
Frau Tachecí hatte inzwischen aus der Vitrine die Feiertagsgläser geholt, die Dozent Schimssa bis zum Rand mit Courvoisier füllte. Professor Wolf hob sein Gläschen mit so fester Hand, daß der Flüssigkeitsspiegel nicht einmal erbebte.
– Das Leben, sagte er, hat mir leider kein solches Glück beschieden wie Ihnen, Herr Doktor. Ich habe keine Kinder. Aber meine Arbeit hat mich befähigt, vieles zu verstehen. Deshalb kann ich mich in die Gefühle der Eltern hineinleben, deren einzige Tochter am ersten und zugleich entscheidenden Kreuzweg des Lebens steht. Ich trinke darauf, daß der Pfad, den sie heute einschlägt von schöpferischen Erfolgen und Freude am gelungenen Werk begleitet sein möge!
Er und der Dozent reckten sich, grüßten mit einem Senken des Kopfes und leerten die Gläser bis auf den Grund. Die gerührte Frau Tachecí schloß sich spontan an. Doktor Tachecí tat es ihnen gleich, obwohl das seinen Gewohnheiten zuwiderlief.
– Gestatten Sie, gnädige Frau, fragte Professor Wolf, daß wir uns setzen? Wir sind seit halb fünf auf den Beinen.
Frau Tachecí war entsetzt.
– Um Gottes willen! sagte sie, Emil, biete den Herren doch einen Stuhl an! Sagen Sie, meine Herren, haben Sie überhaupt etwas gegessen?
– Besten Dank für die Aufmerksamkeit, gnädige Frau, sagte der Professor und nahm am Tisch Platz. Essen und Trinken gab es mehr als genug, aber Arbeit doppelt soviel. Wieder das alte Lied vom Personalmangel!
– Denen haben Sie aber Bescheid gegeben! sagte Dozent Schimssa voll Bewunderung.
– Ich habe ihnen gesagt, sagte der Professor, das sei das gleiche, als wolle man von jemandem verlangen, den Hamlet zu spielen und dabei noch Kulissen zu schieben.
– Und auch noch Haare zu schneiden! ergänzte der Dozent.
– Ja, sagte der Professor entrüstet, es überläuft einen kalt, wenn man bedenkt, wie leicht ein paar Bürokraten und Verrückte die Menschheit der ältesten Traditionen berauben könnten. Allerhöchste Zeit –
fuhr er, schon wieder ausgeglichen, fort und bedeutete dem Dozenten, einzuschenken.
– daß sich anständige und einflußreiche Leute gefunden haben, die das begreifen. Bevor Lízinka ausstudiert hat, bleibt davon nur ein peinlicher Absatz in den Skripten.
– Sie hatten, fragte Frau Tachecí, irgendeine Probe?
– Probe, Premiere und zugleich letzte Reprise, sagte Dozent Schimssa.
– Und das lohnt sich?
– Je nachdem, sagte Dozent Schimssa grinsend, für uns drei hat es sich gelohnt, für zwei andere nicht. Also dann, auf deren Wohl!
Eine Bestätigung, daß er um einen Scherz nie verlegen war. Professor Wolf und Frau Tachecí stimmten in sein Lachen ein. Ehe er es sich versah, merkte auch Doktor Tachecí, daß er ein leeres Glas in der Hand hielt, das Dozent Schimssa abermals füllte.
– Meine Herren, sagte er zum drittenmal; er hatte beabsichtigt, sehr kategorisch zu sprechen, doch seinem Mund entrang sich nur ein Flüstern.
– Sie haben eine hübsche Wohnung, sagte der Professor anerkennend und trat an die Fenster, bloß die Umgebung ist ein bißchen unfreundlich.
Aus einem der Fenster waren nur die Fenster des Hauses gegenüber zu sehen, aus dem anderen das Feld hinter der Wohnsiedlung, wo ein keilförmiger Abladeplatz auslief, der von oben so aussah wie eine ausgeschlachtete Matratze.
– Das sage ich zu meinem Mann seit Ewigkeiten, sagte Frau Tachecí, ohne den bewundernden Blick von ihm zu wenden, solange Lízinka ein Kind war, hatte das seine Vorteile, doch nun, da sie heranwächst, ist es hier einfach zum Fürchten!
– Eine Frau versteht sich besser zu verteidigen als ein Mann, sagte der Dozent, Männer sind Feiglinge. Mit einer Frau werden manchmal erst vier fertig.
– Und wenn es tatsächlich vier sind?
– Dann kann sie nur noch beten, lächelte Dozent Schimssa.
– Ich, sagte Frau Tachecí, ließe solchen Kerlen die Haut bei lebendigem Leib abziehen.
Professor Wolfs Miene verdüsterte sich.
– Aber, aber! sagte er streng, wie kämen die denn dazu? Frau Tachecí stutzte.
– Ja, aber, sagte sie verwirrt, bringt eine Mutter denn ihre Tochter nur deshalb zur Welt, päppelt sie sie deshalb auf, damit sie dann von vier Strolchen straflos vergewaltigt wird?
– Ach so, sagte der Professor, und seine Miene hellte sich sofort auf, ich habe nicht gleich verstanden, wen Sie meinen. In dieser Hinsicht haben Sie natürlich recht. Die Strafe des Schindens war bei uns sogar schon einmal eingeführt, und zwar im sechzehnten Jahrhundert unter König Vladislav.
– Dann also auf König Vladislav! sagte Frau Tachecí, dankbar, daß die momentane Mißstimmung verflogen war.
– Auf König Vladislav! wiederholte zustimmend Professor Wolf und erhob sich, um mit ihr und ihrem Mann anzustoßen.
Doktor Tachecí trank mechanisch aus, Dozent Schimssa schenkte ihm mit anerkennendem Zwinkern wieder ein.
– König Vladislav, fuhr der Professor fort, war überhaupt ein interessanter Mann. Anno 1509 verurteilte er einen Missetäter dazu, aus der Kanone geschossen zu werden. Leider hat sich bei uns weder die eine noch die andere Strafe durchgesetzt.
– Ich, sagte Frau Tachecí, würde sie für solche wieder einführen!
Sie trank sonst ebenso selten, wie ihr Mann und kam gerade zu dem Schluß, das sei schade. Der Alkohol vervielfachte die Freude über den Erfolg der Tochter, und die Gesellschaft der beiden interessanten Männer setzte Gedanken frei, die an der Seite Doktor Tachecís in der Regel unausgesprochen blieben.
– Ich, fuhr sie fort, würde ihnen eigenhändig bei lebendigem Leib die Haut abziehen, und alle Mütter würden mir dafür die Hände küssen. Schade, daß ich kein Mann bin!
Ihr Mann hob zum Protest immerhin schlaff die Hand. Zufällig war es die Hand mit dem Glas. Der Professor hob sofort das seine, bis Glas an Glas klang.
– Richtig, Herr Doktor, sagte er bewundernd, da kann man nur auf das Wohl Ihrer Gattin trinken.
Doktor Tachecí stand auf, trank aus und setzte sich, ohne sich erklären zu können, warum. Die anderen blieben stehen.
– Gnädige Frau, sagte Professor Wolf, so denkt wohl jede normale Frau, aber kaum eine getraut sich, es auszusprechen. Es waren ja auch Frauen, die den harten Kern des ständigen Publikums vor der Guillotine bildeten, wie zeitgenössische Radierungen bezeugen. Doch selbst die Französische Revolution, die Exekutionen zu Volksfesten erhob, hat das allergrößte Unrecht nicht beseitigt; die Gleichberechtigung ist einer einzigen menschlichen Tätigkeit nicht zuteil geworden, und just der, bei der ein Mensch am meisten Mensch ist. Noch zweihundert Jahre lang, bis –
Professor Wolf verlor allmählich seine kühle Gemessenheit und begann einem romantischen Dichter zu ähneln,
– zum heutigen Tage, blieb das Privileg der gesetzlichen Vergeltung unlogischerweise dem Manne vorbehalten. Der Frau wurde nicht nur verwehrt, in den Strafvollzug ihre Kaltblütigkeit und Gewitztheit einzubringen, sie durfte überdies, wenn sie selbst ihr Leben verwirkt hatte, den Tod nicht aus weiblicher Hand empfangen. Welche Ungerechtigkeit und –
Professor Wolf suchte einen Moment lang nach dem richtigen Wort,
– Rückständigkeit in einer Zeit, da Frauen Raumschiffe lenken und Kriege führen. Um so größer soll unsere Freude sein, daß wir vier es sind, die als erste den Anbruch einer modernen Ära begrüßen dürfen. Dank sei den Aufgeklärten, die diesem Gedanken ihr ganzes Leben geweiht haben ...
– Dank sei Ihnen, Herr Professor! warf Dozent Schimssa ein.
– Nein, nein, Kollege, sagte Professor Wolf bewegt, aber kategorisch, wir sind nur die Schiffsjungen toter Kapitäne. Sie haben das Ziel bestimmt, uns ist es nur vergönnt, vom Mastkorb aus ›Land!‹ zu rufen. Unser Beruf hat zum erstenmal in der Geschichte eine würdige Stätte gefunden, wo er sich unter den gleichen Bedingungen entwickeln kann wie viel, viel jüngere Berufe. Mehr noch: Nach dem 21.Januar 1790, als die französische Nationalversammlung die Exekutionsgleichheit deklarierte, wird der heutige Tag in die Geschichte eingehen als der Tag, an dem die Gleichheit der Vollstreckungsbeamten eingeführt wurde. Hier haben wir sie! –
rief er herzlich aus, als sich die Tür öffnete und Lízinka eintrat, den blassen Teint von der überstandenen Anspannung rosig überhaucht,
– hier ist sie, unsere zukünftige erste Vollstreckerin und aller Wahrscheinlichkeit nach die erste
7
Henkerin der Welt!
Die letzten Worte hörte Frau Tachecí nicht mehr, weil sie sie gar nicht zu hören brauchte. Von Rührung überwältigt, ging sie auf ihre Tochter zu, umarmte sie und drückte ihr Gesichtchen an den vollen Busen.
– Du mein Lízikind, sagte sie unter Tränen, mein Goldschatz, du ahnst ja nicht, wie glücklich ich bin!
Professor Wolf bedeutete Dozent Schimssa, erneut die Gläser zu füllen.
– Na, Herr Doktor, sagte er, das ist doch ein Grund zum Trinken!
Doktor Tachecí begann zu lachen.
– Das ist gelungen! sagte er, das ist Ihnen gelungen! Das ist Ihnen aber wirklich gelungen!
Er lachte immer lauter, bis er einen Schluckauf bekam. Obwohl sich sein Gesichtsausdruck nicht veränderte, sah es aus, als weinte er.
Dozent Schimssa ging auf ihn zu, offenbar in der Absicht, ihm den Rücken zu klopfen. Doch der Professor war schneller. Er hielt seine Hand fest und sagte warnend:
– Nicht, Kollege, lieber nicht ...
Schimssa warf unwillkürlich einen Blick auf die eigene Hand, deren scharfe Kanten die Karateausbildung verrieten, und nickte verstehend. Dorktor Tachecí schluchzte und weinte vor Lachen. Endlich merkte er, daß ihm der Erstickungstod drohte, und er versuchte aufzustehen. Er wartete, bis der schwankende Raum sich stabilisierte, dann konzentrierte er sich darauf, durch den Engpaß zwischen den zwei karminroten Sakkos in die Diele zu gelangen.
Einen Moment lang verwirrte es ihn, daß er sich in einer Winterlandschaft voller rodelnder Kinder befand, bevor ihm klar wurde, daß er die Stirn an den Rahmen eines Bildes gelehnt hatte. Er schloß die Augen und schob den Kopf weiter, bis er die Wand des Ganges spürte, die ihn sicher wie ein Schienenstrang ins Bad führte.
Dort zog er das Jackett aus und hängte es dicht neben den Kleiderhaken. Dann schob er die Krawatte sorgfältig bis auf den Rücken, um sie nicht naß zu machen, beugte sich über die Wanne und drehte tastend den Hahn der Dusche auf. Als der kalte Wasserstrahl ihn wohltuend ins Genick traf, öffnete er die Augen. Er erblickte ein anderes Bild, diesmal ein Stilleben, eine ›nature morte‹ mit Huhn und Karpfen. Während ihm das Wasser über die Krawatte in die Hose rann, versuchte er sich angestrengt zu erinnern, wer es gemalt hatte und wie es in die Badewanne gekommen war. Schließlich begriff er: Das war kein Bild, sondern wirklich.
8
ein toter Karpfen und tatsächlich ein geschlachtetes Huhn.
– Hinaus! rief Doktor Tachecí, als er wieder auf der Schwelle des Wohnzimmers erschien. Aus Haaren, Hemd und Hose tropfte Wasser, ansonsten sah er erstaunlich nüchtern aus. Lízinka saß artig auf dem Stuhl ihrer Mutter, die das Hochzeitskaffeeservice auf den Tisch gestellt hatte und nun den Marmorkuchen anschnitt.
– Um Gottes willen, Emil, sagte Frau Tachecí entsetzt, wieso ... Was hast du da in der Hand?
– Ein Huhn, sagte ihr Mann, schweig! Sie sind Professor? fragte er Wolf.
– Allerdings, Herr Doktor, sagte Wolf.
– Was für ein Professor? fragte Doktor Tachecí.
– Ich bin der Professor der Exekutionswissenschaft Wolf, und dies ist der Dozent der Exekutionswissenschaft Schimssa.
– Ihr seid Henker! sagte Doktor Tachecí zürnend.
– Unsere Diplome, Herr Doktor, sagte Professor Wolf würdevoll, sind ebenso gültig wie das Ihre.
– Ihr seid Henker! rief Doktor Tachecí, und kommt von der Arbeit!
– Emil, besinn dich! rief seine Frau.
– Sei still! schrie ihr Mann. Und Sie wagen mir vorzuschlagen, meine Tochter soll Menschen morden?
Professor Wolf erhob sich. Jetzt ähnelte er weder einem Landarzt noch einem romantischen Dichter. Der Farbe seines Sakkos entströmte Blutgeruch. Er drohte in der nächsten Sekunde zu explodieren, und das Staatswappen verlieh seinem Zorn übermenschliches Format.
Doktor Tachecí erschrak jedoch nicht. Er war im kritischen Moment endlich zum Vater herangereift, und die Verteidigung des eigenen Nachwuchses flößt größere Kräfte ein als das Staatsinteresse. Obwohl er sich noch nie mit jemandem geschlagen hatte, war er bereit, auf den Widersacher mit dem toten Huhn einzudreschen.
Wolf war ein zu guter Psychologe, um dies nicht zu merken. Er besann sich anders und strebte zum Bücherschrank.
– Sie gestatten? fragte er kurz; und ohne eine Antwort abzuwarten, nahm er das zweite von acht Büchern heraus, deren Rücken ein weithin sichtbares Ganzes bildeten.
– Ich könnte eine Reihe von Koryphäen meines Berufes zitieren, sagte er dann, aber ich beschränke mich auf diejenigen, die Sie anerkennen, Herr Doktor. Alexander Dumas würden Sie gewiß nicht beschuldigen, es auf die Seele Ihrer Tochter abgesehen zu haben. Überzeugen wir uns also, was er auf Seite 381 des zweiten Teils der ›Drei Musketiere‹ sagt: »Als sie das Flußufer erreichten, näherte sich der Henker Milady und fesselte sie an Händen und Füßen. Da brach sie das Schweigen, indem sie ausrief: ›Ihr seid niederträchtige, gemeine Mörder, es bedarf eurer zehn, um eine einzige Frau zu überwältigen!‹ – ›Sie sind keine Frau‹, sagte Athos eisig, ›Sie sind nicht einmal ein Mensch, sondern ein Dämon, der Hölle entkommen, den wir der Hölle wieder zurückgeben!‹
– ›Ach, edle Herren‹, sagte Milady, ›bedenkt, daß derjenige von euch, welcher mir ein einziges Haar krümmt, zum Mörder wird!‹ – ›Der Henker kann töten, ohne deshalb ein Mörder zu sein‹, sprach der Mann im roten Mantel, wobei er an sein breites Schwert schlug. ›Das ist der letzte Richter, das ist –
Professor Wolf klappte das Buch zu und stellte es an seinen Platz zurück,
– alles!‹« Sie sind aber Theoretiker, Herr Doktor, und können einwenden, die Romangestalt bringe lediglich die Meinung des Verfassers zum Ausdruck. Streifen Sie einmal alle Emotionen ab und folgen Sie mir aufs Gebiet der Wissenschaft. Sie haben den Ausdruck ›Henker‹ gebraucht, um Ihrer Verachtung freien Lauf zu lassen. Und doch sollte gerade dieser altüberkommene Ausdruck gerade Ihnen ein Beweis sein, daß der Henker als Sendbote längst vergangener Kulturen in unsere Geschichte eintritt. Die neuzeitliche Genese der Funktion erhellt wohl am besten aus der Schrift ›Zum Ursprung von Richtern und Scharfrichtern‹ von Rudolf Rauscher, Pierwsza drukarnia Lwów, 1930, wo gesagt wird, ich zitiere: »Ihr Ursprung fällt bei uns ins 13. Jahrhundert. Sie waren accusatores publici, von König Przemysl Ottokar II. aus alten Adelsgeschlechtern bestellt, die nach und nach auch zu Richtern und Scharfrichtern wurden.« Gewiß ist es Ihnen nicht entgangen, Herr Doktor, daß sie in dreieiniger Gestalt die gesamte Justiz darstellen, und zwar um hundert Jahre früher, als aus der ersten juristischen Hochschule der erste Doktor der Rechte hervorging. Nichtsdestoweniger bleibt für Sie wie für die verbrecherische Milady der Henker oder amtlich »Scharfrichter« oder neuerdings »Vollstrecker« nichts als ein Mörder. Welch gegenteilige Haltung vertritt dagegen Ihr Kollege Joseph de Maistre, wenn er in seinen ›Soirées de Saint Pétersbourg ou Entretiens sur le gouvernement temporel de la Providence‹ schon 1821 die berühmte Studie über den Henker verfaßt, ich zitiere zumindest ein Bruchstück: »Die Resultante dieses schrecklichen Prärogativs« – ein Prärogativ ist –
erläuterte Professor Wolf, an Lízinka gewandt,
– jedes Vorrecht eines Herrschers, das die Mitentscheidung des Volkes ausschließt, zum Beispiel bei der Bestrafung eines Schuldigen, seine Resultante ist also, ich zitiere weiter: »... die unerläßliche Existenz eines Menschen, dazu bestimmt, ein Verbrechen durch Strafen zu ahnden, welche die menschliche Gerechtigkeit festgesetzt hat; und dieser Mensch tritt tatsächlich überall auf, ohne daß man zu erklären vermöchte, wie; denn der Verstand findet in der Natur des Menschen kein Motiv, das imstande wäre, ihn zur Wahl dieses Berufes zu bewegen. Was ist das für ein unerklärliches Wesen, das jedem angenehmen, einträglichen, ehrbaren, ja ehrlichen Beruf einen solchen vorzieht, der seinesgleichen foltert und zu Tode bringt? Sind dieser Kopf, dieses Herz so beschaffen wie die unserigen? Enthalten sie nicht etwas Eigentümliches und unserer Natur Fremdes? Was mich betrifft, so zweifle ich nicht daran. Es ist äußerlich so beschaffen wie wir; wird so geboren wie wir; aber es ist ein Ausnahmewesen, für das es in der Menschenfamilie eine besondere Bestimmung geben muß. Es ist erschaffen wie –
fuhr Professor Wolf fort,
– die Welt«, Ende des Zitats. Ich entschuldige mich für geringfügige Ungenauigkeiten, die im übrigen höchstens in der Syntax zu finden sein werden, denn das war mein Habilitationsthema, und ich müßte es bald zur Kenntnis Ihrer –
sagte Professor Wolf, an Frau Tachecí gewandt,
– Lízinka bringen. Eine besonders schöne Passage schildert die Beziehung des Scharfrichters zu seiner Arbeit, ich zitiere: »Er trifft auf einem öffentlichen Platz ein, den eine wimmelnde Menge bedeckt. Man bringt ihm einen Giftmischer, einen Vatermörder oder einen Frevler: Er ergreift ihn, streckt ihn, bindet ihn an ein waagerechtes Kreuz, hebt den Arm: Da entsteht eine entsetzliche Stille, man hört nichts als das Knirschen der Knochen, die unter der Barre splittern, und das Wehklagen des Opfers ... Es ist fertig: Sein Herz hämmert, jedoch vor Freude; er applaudiert sich, er sagt sich insgeheim: Keiner rädert besser als –
fuhr Professor Wolf fort,
– ich.« Nach dieser suggestiven Schilderung komponiert de Maistre die weltbekannte Apotheose, die zum Lebenscredo eines jeden Henkers werden sollte, und die ich deshalb bei jeder Prüfung –
sagte Professor Wolf, an Lízinka gewandt,
– abfragen werde. Ich zitiere: »Alle Größe, alle Macht, aller Gehorsam der Welt beruht auf dem Scharfrichter; er ist der Schrecken und das Band der menschlichen Gesellschaft. Man entferne diesen unbegreiflichen Faktor aus der Welt; im selben Moment verwandelt Ordnung sich in Chaos, Throne stürzen, die Gesellschaft verschwindet. Gott, der Schöpfer der Souveränität, ist auch der Schöpfer der Strafe: Er hat unsere Erde auf diese beiden Pole gegründet und läßt die Welt um sie kreisen.« Sie, Herr Doktor –
sagte Professor Wolf ohne jeden Anflug von Vorwurf oder Hohn, an Doktor Tachecí gewandt,
– sind sicherlich, wie es sich für Sie geziemt, ein Anhänger der These Jean Jacques Rousseaus, daß der Mensch von Natur aus gut ist, aber von der Gesellschaft verdorben wird, auf der der gesamte sogenannte europäische Humanismus fußt. Nicht zufällig erschien bereits 1764, also nur zwei Jahre nach der Erstausgabe des ›Contrat social‹ von Rousseau, in Monaco das berühmt-berüchtigte Pamphlet des Cesare Beccaria, ›Dei delitti e delle pene‹, was soviel heißt wie ›Über Delikte und Strafen‹ – übersetzte Professor Wolf, an Frau Tachecí gewandt,
– das mit Hilfe einer gewaltsam logischen Konstruktion nachweist, daß das menschliche Leben nicht zu den Gütern gehört, über die die Gesellschaft verfügen darf, und als erstes die Abschaffung der Todesstrafe vorschlägt. Jedoch, wie Goethe sagt, »grau, teurer Freund, ist alle Theorie, und grün des Lebens –
zitierte Professor Wolf, an Lízinka gewandt,
– goldner Baum«! La Révolution, die Rousseaus Theorie von einer neuen Gesellschaft verwirklicht hat, kam nach und nach ohne Marat, ohne Danton und Robespierre aus, ja auch ohne Rousseau, nicht jedoch ohne den Mann, der eine jahrhundertealte Gesellschaft in drei Jahren praktisch ausgerottet hat, und das war der Citoyen Charles Sanson, in der Revolutionszeit Henker von Paris. Er ist der Held der bekannten ›Mémoires pour servir à l’histoire de la Révolution Française‹, die er sogar als Autor signierte, obwohl sich später herausgestellt hat, daß er sein Aushängeschild einem literarischen Anfänger mit dem nichtssagenden Namen Honoré –
fuhr der Professor fort,
– de Balzac geliehen hatte. Mit ihm beginnt eine prachtvolle Porträtgalerie von Scharfrichtern, die nicht nur der Schotte Walter Scott um Meisterwerke erweitert hat, sondern auch der Tscheche Karel Hynek Mácha, dessen Romanfragment ›Der Henker‹ den Helden sogar als den letzten Sproß des Königsgeschlechts der Przemysliden präsentiert. »Er war groß, schlank«, schreibt Mácha, »das schwarze Kraushaar, von keiner Kappe gebändigt, bedeckte die ganze Stirn bis zu den dichten Brauen, unter denen zwei flammende Augen aus der Tiefe hervorfunkelten; das übrige Gesicht war von schwarzem Barte bewachsen. Über der schwarzen Gewandung wehte ein roter Mantel, und quer über seinen Rücken hing ein breites –
zitierte Professor Wolf, und Frau Tachecí schien es, als beschreibe er seine eigene Fotografie aus der Studentenzeit,
– Schwert mit langem Heft.« Übrigens glaube ich, daß Karel Krejčí in seiner Studie ›Das Symbol von Henker und Verurteiltem in Máchas Werk‹ irrt, wenn er die Zusammenziehung des Typs König mit dem Typ Henker als Zeichen einer zerrütteten Gesellschaftsordnung begreift. Im Gegenteil: Im zweischneidigen Oxymoron ihrer gegenseitigen Anrede »König Henker!« und »Henker König!« klingt abermals die de Maistresche Polarität beider fundamentalen gesellschaftlichen Funktionen an. – Dies ist die Betrachtungsweise verantwortungsbewußter Künstler, die in den genialen Werken von Franz Kafka und Pär Fabian Lagerkvist kulminiert, der völlig zu Recht mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wurde. Dies ist das wirkliche Bild des Henkers, und falls es einzelne gegeben haben sollte, die seiner nicht würdig waren, so gibt Ihnen das als Wissenschaftler nicht das Recht, alles geringzuschätzen, was Tausende von ehrlichen Henkern generationenlang für Vaterland und Menschheit geleistet haben. Denn Hand aufs Herz –
fuhr Professor Wolf fort, an Doktor Tachecí gewandt, und in seiner Stimme schwang zum erstenmal feine Ironie mit,
– nicht jeder Absolvent der philosophischen Fakultät wird ein Schopenhauer, nicht wahr, Herr Doktor, und so mancher von ihnen endete rechtens durch die Hand des Henkers, den wiederum jedes halbwegs seriöse Konversationslexikon hervorhebt. Stellvertretend für alle zitiere ich zumindest Meyers Neues Lexikon, Leipzig 1964, Stichwort ›Scharfrichter‹: »Person, die berufsmäßig die vom Gericht ausgesprochene Todesstrafe an dem Delinquenten in der gesetzlich vorgeschriebenen Form vollstreckt.« Das und nichts anderes sollte auch Ihre Tochter tun. Es ging also nicht darum –
fuhr Professor Wolf fort, an Doktor Tachecí gewandt, und in seiner Stimme schwang zum erstenmal ein leichter Vorwurf mit,
– daß sie Menschen mordet, sondern daß sich ihr das wohl ausgefeilteste und unbedingt populärste Gebiet menschlicher Betätigung erschließt, das unermeßlich älter ist als Medizin, Rechtswissenschaft, von der Philosophie ganz zu schweigen. Ich, hier der Kollege –
fuhr Professor Wolf fort, an Dozent Schimssa gewandt,
– und die anderen Pädagogen hatten die Absicht, ihr das reiche Wissen zu übermitteln, das, wie schon meine kleine Improvisation angedeutet hat, zu den Grundlagen der Zivilisation gehört. Wir wollten ihr auch unsere reichen Erfahrungen aus der Praxis übermitteln, damit das ›capital punishment‹, wie die Engländer so treffend sagen, die Haupt-Strafe, nicht zur Erwerbstätigkeit von Dilettanten wird, sondern wieder zur Domäne der besten Söhne und jetzt auch der besten Töchter ihrer Zeit. Falls Sie, Herr Doktor –
fuhr Professor Wolf fort, an Doktor Tachecí gewandt,
– ein echter Humanist sind, dürfen Sie nicht die Augen vor der Tatsache verschließen, daß bei jeder größeren Aktion, sei es nun eine lokale Revolution oder ein Weltkrieg, eine Menge Leute von Personen hingerichtet werden, für die Hängen einfach Hängen bedeutet. Es ist jedoch, glauben Sie mir, ein ziemlich großer Unterschied, ob der Strang Ihnen perfekt das Genick bricht oder Sie eine Viertelstunde langsam erwürgt, bis Sie sich zu Tode zappeln. Heute zum Beispiel hat Kollege Schimssa so geschickt gearbeitet, daß der Amtsarzt den Tod des ihm Anvertrauten schon nach achtundzwanzig Sekunden feststellen konnte.
– Sie waren um drei Sekunden besser! sagte Dozent Schimssa bewundernd.
– Übrigens steht nirgends –
fuhr Professor Wolf rasch und mit der Noblesse eines von Eitelkeit freien Mannes fort,
– geschrieben, daß sie hinrichten muß. Vielleicht widmet sie sich nach dem Abitur der Theorie. Doch selbst wenn sie aktive Henkerin werden sollte, kann niemand von ihr verlangen, daß sie jemanden etwa mit Zangen reißt oder aufs Rad flicht. Sie wird ausschließlich Strafen vollstrecken, die heute in der zivilisierten Welt gesetzlich verankert sind. Läßt man das Erschießen außer acht, das aus alter Tradition den Soldaten vorbehalten ist, so sind dies in Europa alles in allem die Garrotte, die Guillotine und der Strang. Amerika ist etwaigen Henkerinnen schon entgegengekommen, als es begann, durch Elektrizität und Gas hinzurichten, denn beides ist den Frauen –
fuhr Professor Wolf fort, an Frau Tachecí gewandt,
– aus jeder modernen Küche vertraut. Es kann behauptet werden, daß der Scharfrichter heutzutage seine Arbeitskleidung viel seltener in die Reinigung gibt als ein Arbeiter den Overall. Und das ist alles –
fuhr Professor Wolf fort, an Doktor Tachecí gewandt,
– was ich zu Ihrer Bemerkung anmerken wollte, und nun –
sagte er, an Dozent Schimssa gewandt und mit einem Blick auf die Uhr, die fünf Minuten vor fünf anzeigte,
– gehen wir. Nein, nein, gnädige Frau –
fügte er noch hinzu, als er sah, wie Lízinkas Mutter Atem holte, um ihn vielleicht weniger fundiert, aber um so temperamentvoller zu unterstützen,
– der Herr Gemahl hat unbestritten das Recht, meine Argumente in Ruhe zu überdenken und sie entweder so leicht zu finden, daß eine wissenschaftliche Kontroverse sich erübrigt, oder aber so gewichtig, daß er um die Aufnahme Ihres Töchterchens schriftlich ansucht. Denn wir, Herr Doktor, haben wiederum unbestritten das Recht, aus der Flut von Bewerbern diejenigen auszuwählen, denen es auch an gutem Hinterland nicht mangelt. Zahlreiche verdiente Scharfrichter würden wer weiß was dafür geben, damit wir ihre Sprößlinge aufnehmen. Wenn wir jedoch dem überholten Brauch des Familienbetriebs ein Ende bereiten und auch den Kindern von Sprachwissenschaftlern eine Chance geben wollen, dann müssen wir die Gewißheit haben, daß wir dieser Konzeption zu einem vollen Erfolg verhelfen können. Wir dürfen nicht riskieren, daß ausgerechnet die erste Henkerin der Welt unter dem Unverständnis des eigenen Vaters leidet. Wenn sie auch noch von solchen Problemen belastet sein sollte, müßte sich ja jeder Delinquent bestens bei ihr bedanken. Gestatten Sie also, daß wir uns jetzt –
Professor Wolf küßte Frau Tachecí die Hand und lächelte Lízinka aufmunternd zu,
– verabschieden.
Dann bot er Doktor Tachecí freundschaftlich die Hand.
– Oh, Verzeihung, sagte er, nahm ihm das tote Huhn aus der Rechten und reichte es Frau Tachecí.
– Nach so viel Spannung, sagte er, wird die Familie ein ausgiebiges Abendessen sicher nicht verschmähen. Die Vorspeise finden Sie in der Badewanne.
– Sie werden sich doch, sagte Frau Tachecí mit belegter Stimme, nach alledem unseretwegen nicht in Unkosten stürzen!
– Aber was für Unkosten denn, gnädige Frau! sagte Professor Wolf, es gibt da den schönen alten Brauch, daß Todeskandidaten ihr letztes Essen, die sogenannte Henkersmahlzeit, beim Scharfrichter bestellen. Der hat dann Anspruch auf alles, was übrigbleibt.
– Und ihre Augen sind immer größer als der Magen, sagte Dozent Schimssa fröhlich, weil es gratis ist, lassen sie ganze Berge auffahren, und dann vergeht ihnen der Appetit. Darf ich unsere Sachen aus dem Bad holen?
Doktor Tachecí schaute entkräftet zu, wie seine Frau Professor Wolf in den Raglanmantel half. Dozent Schimssa zog sich dankend allein an. Beide Gäste gingen über die Taktlosigkeit des Gastgebers mit einem verständnisvollen Lächeln hinweg. Der Professor verbeugte sich formvollendet.
– Wir sind nicht gewöhnt, auf Wiedersehen zu sagen, sagte er, aber in diesem Falle können wir nicht umhin, wenigstens ›auf gute Zusammenarbeit‹ zu sagen.
– Entschuldigen Sie, sagte Frau Tachecí, mein Mann hat es nicht so gemeint.
Lízinka knickste artig.
– Ach, sagte Dozent Schimssa, das Gepäck in der Hand, einen Moment!
Er setzte die Milchkanne ab, kniete sich vor den Koffer und öffnete ihn. Zwischen Haken, Hämmern und Riemen lag ein eingerolltes Hanfseil. Er schnitt mit seinem Mehrzweckmesser etwa dreißig Zentimeter ab und überreichte sie dem Mädchen wie eine Blume.
– Als Glücksbringer, Fräulein, sagte er galant, es ist noch warm!
Seine Geste war so suggestiv, daß Lízinka fast daran geschnuppert hätte.
Dann legten die Gäste den weißen Handschuh an den schwarzen Hut und gingen.
Bevor ihre Schritte im Treppenhaus verhallten, so daß sie noch Geräusche aus der Wohnung hören mußten, begab Frau Tachecí sich mitsamt dem Huhn ins Schlafzimmer, schlug die Tür zu und drehte den Schlüssel herum. Doktor Tachecí blieb mit der Tochter allein.
Nun hatte er sie völlig in der Sphäre seines intellektuellen Einflusses, aber die Kraft, die ihn vor kurzem noch befähigt hatte, zum erstenmal im Leben eventuell auch physisch zu kämpfen, hatte sich restlos verflüchtigt. Er raffte sich nur zu einem auf: Er faßte Lízinka am Kinn, und ihre Kinderaugen blickten zu ihm empor.
– Lízinka, flüsterte er innig, wir zwei waren immer Verbündete und haben einander nie belogen. Sag mir jetzt, aber aufrichtig, könntest du wirklich Menschen hinrichten?
Lízinka zog aufrichtig die schmächtigen Schultern hoch.
– Lízinka, sagte Doktor Tachecí bestürzt, möchtest denn du, meine Tochter, wirklich lieber Henkerin werden als, sagen wir eine anständige Bäckerin oder Gärtnerin?
Lízinka senkte aufrichtig
9
bejahend das holde Köpfchen.
II
Am 1. September früh um Viertel vor acht schloß Doktor Tachecí, der vorn saß, die Augen und versuchte sich zu suggerieren, das Portal, dem das Taxi sich näherte, gehöre zur philosophischen Fakultät.
Frau Tachecí schwelgte in Erinnerungen an ihren ersten Gang zur höheren Töchterschule. Sie sah sich mit Dauerwellen, auf hohen Stöckelschuhen, in engem, kariertem Rock und knappem Pulli, der ihre schon damals heranreifende Weiblichkeit betonte. Sie mußte jedoch zugeben, daß die Tochter, obwohl eher das Gegenteil von ihr, keinen geringeren Zauber ausstrahlte. Sie versuchte sich in ihre Gedanken einzufühlen und kämpfte gegen die eigene Ergriffenheit an.
Lízinka
10
beobachtete den Taxifahrer. Bog er nach links ein, so ließ er die rechte Hand nach links mitlaufen. Bog er nach rechts ein, so griff er mit der linken Hand bis zur rechten über und drehte mit beiden. Fuhr er geradeaus, so hielt er die rechte Hand am oberen und die linke am unteren Rand des Lenkrads.
Der September war trocken, aromatisch und sonnig, allem haftete noch der sanfte Atem der Ferien an. Das Gebäude mit den von Gitterwerk zerteilten Fenstern und dem gepanzerten Tor, das sich wie eine Ziehharmonika öffnete, steuerte eine dunkle, disharmonische Nuance bei. Der Taxifahrer hielt während der ganzen Fahrt den Blick auf den Rückspiegel geheftet und schaltete plötzlich die Scheinwerfer ein, weil er das aberwitzige Gefühl hatte, eine Prinzessin zu kutschieren. Als er vor dem Gefängnis hielt, fragte er verwirrt:
– Wen besuchen Sie da drin?
– Unsere Tochter kommt hinein, sagte Frau Tachecí stolz. Der Mann schaute Lízinka noch einmal an und fragte verstört:
– Wieviel hat man ihr aufgebrummt?
– Ein Jahr, sagte Frau Tachecí hochmütig; dann erschrak sie ob dieser Indiskretion und verstummte.
– Diese Hunde! sagte der Taxifahrer. Sie ist ja noch ein Kind!
Dann entsetzte er sich über die eigene Courage und fuhr davon. Der Wachtposten studierte eingehend Lízinkas Personalausweis und Passierschein. Dann sagte er:
– Und Sie beide?
– Wir sind die Eltern, sagte Doktor Tachecí, und wir dachten ...
– Das gewöhnen Sie sich lieber ab, sagte der Wachtposten, doch darin äußerte sich eher langjährige Routine als persönliche Feindseligkeit, und kehren Sie um!
Darauf drückte er einen Klingelknopf und trommelte mit den Fingern auf dem Pistolengriff. Doktor Tachecí fand, er sollte die Tochter nun an die Hand nehmen und mit ihr aus Leibeskräften zur Straßenbahnhaltestelle laufen. Dann sah er im Geiste seine Unterschrift auf dem Gesuch um Aufnahme und ließ den Kopf hängen.
– Lízinka! sagte Frau Tachecí feierlich, geh, mein Mädchen, und lerne, damit du uns recht viel Freude machst!
Sie entsann sich ihrer Mutter auf der Schwelle der höheren Töchterschule und machte Lízinka ein Kreuz auf die Stirn. Auch der Wachtposten verspürte den Wehmutshauch der Kindheit und wandte sich ab. Lízinka hob die Wange, und Doktor Tachecí gab ihr erschöpft einen Kuß.
– Na, Gott befohlen! sagte
11
der hübsche, aber merkwürdig blasse Junge. Er sprang vom Fensterbrett herunter und starrte sie bewundernd und verwundert an.
– Das bist du? fragte er, das Mädchen, das bei uns mitmachen soll?
Lízinka nickte.
Mich trifft der Schlag, sagte er fassungslos, überquerte den Korridor, und öffnete eine Tür und rief:
– Leute, sie ist da!
In dem weiten Raum mit einer Tafel, sieben Arbeitstischen, einem menschlichen Skelett und mehreren Vitrinen, der sich nur durch die Gitter vor den Fenstern von einem Naturkundekabinett unterschied, spielten fünf Jungen Schinkenklopfen. Vier davon droschen mit je zwei ausgestreckten geschlossenen Fingern abwechselnd aufs Hinterteil des fünften ein, der die Ellbogen auf die Knie gestützt hielt und vorläufig vergeblich zu erraten versuchte, wer ihn eben geschlagen hatte, um abgelöst zu werden. Die Vorstellung verlief wie unter Altersgenossen üblich.
– Ahoj! sagte der gutmütig aussehende Dicke; Bund und Schritt seiner Jeans waren mit geblümtem Stoff besetzt, was komisch wirkte. Ich bin der František.
– Ahoj! sagten zwei Jungen gleichzeitig, wir sind Petr und Pavel.
Sie waren Zwillinge, in Aussehen und Kleidung einander zum Verwechseln ähnlich; die Scheitel im glatten schwarzen Haar waren jedoch auf verschiedenen Seiten gezogen.
– Ahoj! sagte der vierte, ich heiße Albert.
Das herrliche kastanienbraune Haar, das ihm bis zu den Schultern reichte, und die großen Augen, richtige Rehaugen, bewirkten, daß man erst nach längerer Zeit seines Gebrechens gewahr wurde: Er hatte einen Buckel.
Der fünfte Junge verharrte noch immer in gebückter Haltung, mit dem Rücken zu ihnen. In Erwartung weiterer Schläge schnaufte er vor Aufregung und merkte nichts von dem Gespräch.
– Verflixt noch mal, sagte er ungeduldig, wird’s bald?
– Simon, sagte František, du zeigst deinen Hintern einer Dame. Aber so lernt sie dich wenigstens von deiner besseren Seite kennen.
Der Junge drehte sich um. Er war ein baumstarker Kerl mit lächerlich kleinem Kopf, der, kahlgeschoren, wie er war, einem größeren Tennisball glich. Als er Lízinka erblickte, bekam er Kulleraugen und sperrte den Mund auf.
– Bete, Simon, röhrte Albert mit unerwartet tiefer Stimme, der Engel des Herrn ist gekommen, um dich zu strafen für alle Katzen, denen du den Hals umgedreht hast!
Der Muskelprotz sank krachend auf die Knie und verbarg das Gesicht in den Händen, die größer waren als der Kopf.
– Gnade! schrie er mit überkippender Stimme.
Darauf erscholl jungenhaftes Gelächter aus fünf Kehlen.
– Du bist ein schönes Rindvieh! sagten Petr und Pavel.
Er spreizte die Finger und blickte Lízinka mit tränenfeuchten Augen mißtrauisch an.
– Und ich bin Richard, sagte der Junge, der sie hereingeführt hatte. Ahoj!
Sein gewinnend bleiches Antlitz, das einem Hirten auf einem bukolischen Gobelin wohl angestanden hätte, überzog sich rasch mit Blutröte, der ersten, wie er sich bewußt wurde, die nicht von dem tückischen Leiden verursacht war, sondern von ganz gewöhnlicher Verlegenheit, in deren Gefolge sich Wohlbefinden, Glück und die Freuden der Jugend wieder bei ihm einstellten ...
Da öffnete Dozent Schimssa die Tür und machte Platz, um Professor Wolf den Vortritt zu lassen.
– Hals- und Beinbruch, flüsterte er ihm fröhlich zu.
Wolf spuckte sich in die Hände und ging ans Werk. Die ersten drei hängte er selbst, aber je niedriger die ehemalige Funktion
12
des Betroffenen, desto heftiger sein Widerstand. Den vierten mußten schon drei Gehilfen festhalten, aber das Ruck-Zuck gelang ihm trotzdem erst nach dem dritten Versuch. Zwar würde ihm niemand einen Vorwurf machen, wenn er diesem hier nach altem Brauch einfach die Beine wegstieß und ihn nach bestem Können ersticken ließ! Aber um diese Zeit hatte er schon begonnen, sein Fach systematisch zu studieren, und seine Exzerpte aus der Literatur füllten bereits das fünfte Heft; der Ruf, der immer häufiger und in einem Ausmaß an ihn erging, das selbst die schönste Kunst zum Handwerk machte, wuchs sich allmählich zur Berufung aus.
Als sie das Gestell mit dem vierten in die Sargkammer schoben, wo die Kunden, um den Betrieb nicht aufzuhalten, für den Amtsarzt »heranreiften« – der Fachjargon hatte, wie in jedem Beruf, so auch hier, Fuß gefaßt –, und das erste Gestell, vom Arzt freigemacht, auf den Hängeboden zurückbrachten, richtete der Professor das Wort an den blutjungen Gehilfen, der sich – Karli ausgenommen – wiederholt am geschicktesten angestellt hatte und überdies nie den sprühenden Humor verlor, den Wolf am Arbeitsplatz so bedauernswert selten antraf. Eben erst, als der vierte mit übermenschlicher Kraft seinen Adamsapfel zum zweitenmal befreit hatte und trotz des Knebels unangenehmes Gekreisch von sich gab, hatte dieser Knabe, der den halb Abgefertigten an den Haaren gepackt hielt, dessen Kopf herumgerissen und ihm ins Ohr geschrien:
– Pepi, benimm dich!
Wolf hatte aus nächster Nähe gesehen, wie die Todesangst in den Augen für den Bruchteil einer Sekunde kindlichem Staunen wich. Für ebenso lange erschlaffte auch der Hals, und das genügte Wolfs geübten Fingern, die richtige Stelle zu finden und den Griff auszuführen, auf den der vierte nur noch mit der Entleerung des Darms reagierte. Wolf mußte sich eingestehen, daß der junge Mann mehr psychologisches Einfühlungsvermögen bewiesen hatte als er selbst, der schon gewähnt hatte, es mit den größten Henkern der Kulturgeschichte aufnehmen zu können. Vielleicht war es eine Art Buße, daß er sich, als der Gefängnisdirektor den fünften aufrief, mit einer Frage an ihn wandte.
– Willst du ihn allein abfertigen?
In den fröhlichen Augen blitzte Argwohn auf, doch gleich darauf füllten sie sich mit Dankbarkeit und Glück. Der Junge schlug sich mit der rechten Hand auf den linken Bizeps und sagte mit heller Stimme:
– Aber immer, Meister. Wenn ich mir nur meine eigene Schlinge knüpfen dürfte?
– Wäre es nicht besser, ihn zu reißen? fragte Wolf zweifelnd. Am liebsten hätte er sein Wort zurückgenommen.
– Das wäre ihm gegenüber unfair, sagte der Junge zu seiner Überraschung, denn aufs Ruck-Zuck versteht sich keiner besser als Sie, Meister. Aber für mein Schischli garantiere ich.
– Was ist das? fragte Wolf verständnislos.
– Die Schimssa-Schlinge, sagte der Junge grinsend, so heiße ich nämlich.
– Heute können wir nicht herumexperimentieren, sagte Wolf streng, der gehört zur ersten Garnitur; wenn er sich losreißt, könnte es Stunk geben.
– Meister, sagte Schimssa eindringlich, ich hab’s drüben an den Abgefertigten ausprobiert, es ging wie geschmiert! Diese Offenheit überzeugte, und außerdem befand sich der fünfte, der nahezu hereingetragen werden mußte, sichtlich in einem apathischen Dämmerzustand. Und Wolf überschritt, ohne sich dessen vorläufig bewußt zu sein, seinen Rubikon und wuchs zum wahren Meister heran: Er wurde zum Mentor. Es konnte nicht ausbleiben, daß er sich unwillkürlich der klassischen Aufforderung bediente:
– Walte deines Amtes!
Dann schaute er zu, wie der Junge mit den Fingern flink die Höhe des letzten Halswirbels des fünften maß, um dann aus dem Hanfseil blitzschnell eine ungewöhnliche Schlinge mit exzentrischem Knoten zu knüpfen.
– Hopp, mit ihm auf den Bock! sagte er fröhlich zu den Gehilfen. Noch hatten sie den fünften nicht hochgehoben, da warf er ihm geübt die Schlinge über den Kopf und zog sie so zu, daß der Knoten unter dem linken Ohr hervorragte wie eine dicke Kokarde.
– Und ab die Post! fügte er hinzu und trat nach dem Dreifuß. Ein Knacken erscholl, als knallte ein Lineal. Der fünfte gab nur einen lauten Furz von sich, und als die Halswirbel nachgaben, dehnte er sich fast bis zum Boden; und ohne das geringste Zappeln schwankte er leicht am sich drehenden Strang. Aus der Gruppe der Zeugen ertönte dünner Applaus. Wolf sah aus dem Augenwinkel, daß auch der Doktor applaudierte. Trotz aller angeborenen Großmut kostete er zum erstenmal den bitteren Geschmack der Eifersucht und begriff sofort: Dieses Talent mußte für immer bei ihm bleiben, um ihm nie Konkurrenz machen zu können.
Ein intensiver, brennender Schmerz im Schoß weckte ihn, und gleich darauf, als er merkte, wieviel es geschlagen hatte, mußte er sich verdammt zusammennehmen, um diese
13
Hure nicht umzubringen. Gott mochte wissen, woher man sie zu diesen Abenden herbeischaffte, immer neue und wieder neue lüsterne Gesichter, und ausgerechnet er – der Teufel mochte wissen, welcher dunkle Instinkt sie sein Amt herausspüren ließ – reizte sie bis zur Unberechenbarkeit auf. Je entschiedener er sie abwies und übersah – er wußte, er war geradezu krankhaft monogam, konnte es aber nicht ändern –, desto hartnäckiger verfolgten sie ihn. Diese hier hatte sich nicht gescheut, bei ihm einzudringen, um ihn auch ohne sein Wissen zu besitzen, und ihm war klar, wenn er sie verdrosch, würde er ihr nur zusätzliche Wollust bereiten, deshalb schmiß er sie schlicht und einfach hinaus.
Er warf einen Blick auf den Rokokonachttisch, wo neben einer Fotografie seiner Frau der Wecker stand. Erst halb zwei, aber er wußte, er würde nicht mehr einschlafen, und so trat er auf die Terrasse hinaus. Die Wiese senkte sich vom Jagdschlößchen zum Seeufer, wo noch das Feuer flackerte und Stimmen klangen. Er konnte sich ausrechnen, wer das war, und beschloß, das zu regeln, wozu er am Abend zu müde gewesen war.
Wolf hatte den Einfall gehabt, die bis dahin mit effektloser Elementarität durchgeführten Vollstreckungen auf einen bis zwei Tage in der Woche zu konzentrieren und mit Erholungspausen zu durchsetzen, nicht nur für den Vollstrecker, sondern auch für die Richter, Staatsanwälte, Verteidiger von Amts wegen und anderen Beamten, deren Teilnahme an Exekutionen zu ihrem Arbeitssoll gehörte. Natürlich hatte er seitens zahlreicher Interessenten tatkräftige Unterstützung gefunden, vor allem glücklicherweise diejenige des Doktors, wenngleich der dann – Wolf schrieb das seiner allzu hohen Position zu – keinen Gebrauch davon machte. Bald war auch ein passendes Gebäude ausgemacht worden, ein ehemaliges Jagdschlößchen und nachmaliges exklusives Hotel der Bourgeoisie, der konfiszierte Besitz eines der ersten Hochverräter, eben von einer Sondereinheit geräumt und ideal gelegen: fast unmittelbar vor den Toren der Metropole und zugleich im militärischen Sperrgebiet. Durch die »Aktion Schlößchen« hatte Wolf sich selbst bewiesen, daß er nicht nur ein gottbegnadeter Organisator, sondern auch der geborene Diplomat war: Sie brachte ihm viel Sympathie ein und ermöglichte es ihm, regelmäßig all jene gemeinsam anzutreffen, die er brauchte.
Deshalb konnte er jetzt, da in seinem Metier der erste ernstzunehmende Konkurrent aufgetaucht war, die nächtliche Wiese mit dem Gefühl eines Spielers überqueren, der einen Royal Flush in der Hand hält. Die Septemberluft war verhältnismäßig kühl, doch ihm, dem knapp Vierzigjährigen, vor Saft intellektueller und physischer Kräfte geradezu Überquellendem, war eher heiß. Daher ging er barfuß, den Tau genießend, und nackt, nur ein Handtuch um die Lenden geschlungen, nicht etwa aus Prüderie, sondern weil er wußte, daß völlige Nacktheit selbst den bedeutendsten Menschen des letzten Quentchens Würde beraubt. Deshalb empfand er es als das größte Manko, daß er es nicht einmal in dieser günstigen Zeit durchgesetzt hatte, entkleidete Delinquenten geliefert zu bekommen. Irgendein Idiot aus dem Institut für Rechtspflege hatte gegen ihn eine ganze Enzyklika verfaßt, mit Chroniken und alten Stichen dokumentiert, wo er nachwies, die Grenze zwischen Barbarei und Zivilisation bilde eben jenes Stoff-Fetzchen, das bei der Vollstreckung die Schamteile verdeckt. Leider! hätte er damals am liebsten aufgeschrien, gibt es noch die Grenze zwischen Männern und Hosenscheißern, die zwar jedem x-beliebigen den Strang verpassen, aber dann in Ohnmacht fallen, wenn der Gehängte einen fahren läßt! Natürlich hatte er nicht aufgeschrien, er war bereits zu der weisen Erkenntnis gelangt, es sei ersprießlicher, beleidigt zu werden, aber hinzurichten, als umgekehrt. Er hängte sie also weiterhin in leinenen Kutten, ohne jemals das unangenehme Gefühl loszuwerden, daß sie dadurch menschlichen Wesen mehr ähnelten als nötig. Er hatte zumindest durchgesetzt, daß sie ihm nicht mit Namen, sondern mit Nummern gemeldet wurden, doch auch dann ging er ihnen ohne Fisimatenten direkt an den Hals, um sie sofort nicht mehr als Ganzes wahrnehmen zu müssen. Das brachte ihm das Renommee eines phantastischen Könners ein, doch er, ungewohnt, sich etwas vorzumachen, wußte sehr wohl, daß er eine Achillesferse hatte. Und als er sah, wie dieser Jüngling Schimssa den komplizierten Knoten knüpfte und den Kunden dabei vom Scheitel bis zur Sohle musterte wie ein Schlächter, der wohlgefällig ein Schwein betrachtet, da wußte er noch genauer: Sieh, sein Paris, den Bogen erhoben!
Wolf verabscheute diese ganze pseudohumanistische, hellenistische Kultur, die als ihre Paradenummer den Selbstmord durch Leeren des Schierlingsbechers eingeführt hatte. Um so weniger war er bereit, dem ersten Grünschnabel das Feld zu räumen, der zufällig einen besseren Knoten zu knüpfen verstand. Sein brillant funktionierendes Gehirn hatte sofort einen Plan entwickelt, den er jetzt in die Tat umsetzen wollte.
Seine Ahnung hatte ihn nicht getrogen. Auf Klappstühlen saßen hier händchenhaltend die beiden, denen die Bewunderung der gesamten Öffentlichkeit galt: Staatsanwalt und Pflichtverteidiger, Prominente großer Prozesse, die der Epoche in der Rangliste der Geschichte eine Spitzenposition sicherten. Doch auch diese Männer von ehernen bürgerlichen Prinzipien hatten eine Schwäche, die sie menschlich machte. Sie waren ein Liebespaar und liebten einander so sehr, daß der Verteidiger, tief in die Augen des Partners blickend, in zwei Fällen noch vor dem Staatsanwalt für die Todesstrafe plädiert hatte.
Auch heute hatten sie die schönen Hetären den anderen überlassen und dafür ein romantisches Zusammensein zu zweit eingetauscht. Wolf störte sie nicht, im Gegenteil, sie schätzten diesen athletischen Mann, der ihrem gemeinsamen Werk so präzis die Krone aufsetzte und sie überdies oft durch seinen Intellekt überraschte. Obwohl sie ihn unter Umständen kennengelernt hatten, die für ihn höchst mißlich waren, hatten sie als erste seine Qualitäten entdeckt. Seither empfanden sie für ihn längst mehr als bloße Sympathie, ja sie hatten einmal sogar versucht, ihn für ihre Gefühlseinstellung zu gewinnen und ihm einen festen Platz in ihrer Gemeinschaft anzubieten. Wolf, trotz seiner Monogamie bis ins innerste Mark ein Mann und deshalb jeder Abnormalität abhold, war natürlich viel zu klug gewesen, um direkt abzulehnen. Er hatte ihnen in einer vorgetäuschten Beichte, die nach aufreizendem Geheimnis roch, eröffnet, er sei wie so viele Scharfrichter sexuell andersartig; zwar maskiere er das aus gesellschaftlichen Gründen – er sagte nicht: wie sie, aber sie verstanden schon –, brauche in Wirklichkeit jedoch weder die Partnerschaft einer Frau noch die eines Mannes: zum Geschlechtsakt werde ihm jede Vollstreckung, die, wie sie sehen könnten, wenn diese blöden Kutten nicht wären, zum Schluß den gesamten Vitalapparat der Delinquenten mobilisiere, eo ipso auch den sexuellen. Ihr Höhepunkt, ergänzte er vertraulich, sei dann ebenfalls der seine.
Das fesselte sie ungemein, sie duzten ihn seit jener Nacht und machten ihm nie wieder intime Anträge, obwohl er ihnen nach wie vor gefiel. Auch jetzt sahen sie ihn gern, er war eigentlich der einzige, vor dem sie sich nicht verstellen mußten, und schließlich brennt jede Liebe, selbst die absonderlichste, darauf, gesehen und beneidet zu werden.
– Willkommen, Friedrich, sagte der Staatsanwalt, schöne Nacht, nicht?
– Trinkst du einen Kognak mit uns, einen echten? fragte der Verteidiger und schickte sich an, ihm einzuschenken.
– Laßt euch nur nicht stören, sagte Wolf.
Er wußte, sie würden ihm auch für diese kleine Aufmerksamkeit Dank wissen. Er bückte sich nach der Flasche, die im Riedgras einer exotischen Blüte glich, und trank direkt daraus. Dann brachte er bedächtig, doch unerschütterlich sein Anliegen vor.
– Demnächst, sagte er, brauche ich hier ein Zimmer mehr. Ginge das?
– Willst du deine Alte mitbringen? lachte der Verteidiger.
– Diesen Jungen, sagte Wolf.
Das warf sie fast von den Stühlen.
– Du hast ..., stotterte der Verteidiger.
– Du willst dir hierher ..., stotterte der Staatsanwalt.
– Wer ist es? fragten beide drängend.
– Der mit dem Knoten, sagte Wolf, ich glaube, er hat auch euch gefallen.
Obwohl er die Reaktion erwartet hatte, überraschte ihn deren Heftigkeit.
– Der mit dem Hühnerkopf? rief der Verteidiger aus.
– Hast du seinen Teint gesehen? rief der Staatsanwalt aus.
– Du hast dich auf Grünzeug umgestellt? riefen beide aus, und Haß schwang darin mit.
– Freunde, sagte Wolf mit einem reizenden Lächeln, ich brauche diesen Schimssa nicht fürs Bett, sondern für die Arbeit.
Die Spannung löste sich, aber das Mißtrauen war noch nicht verflogen.
– Du hast gesagt, du willst ihn herbringen, sagte der Verteidiger.
– Ja, sagte Wolf, aus guten Gründen. Sagt mir, Freunde, meint ihr, daß unser Kampf sich dem Ende zuneigt und die Gesellschaft uns bald nicht mehr brauchen wird?
– Was fällt dir ein? wunderte sich der Staatsanwalt. Jeder Tag bringt uns neue Enthüllungen, wenn ich Banalitäten nicht scheute, würde ich sagen, daß an jedem Hals, den du abwürgst, neun neue Köpfe nachwachsen. Ich weiß nicht, wie es um dich steht, Mirda –
fuhr der Staatsanwalt fort, an den Verteidiger gewandt,
– ich jedenfalls bin überzeugt, daß die Anschläge auf die Friedensbemühungen unseres Volkes den Charakter eines Eisbergs haben, sichtbar ist kaum ein Zehntel, und auch da sind wir noch lange nicht durch, daraus –
fuhr der Staatsanwalt fort, an Wolf gewandt,
– geht logisch hervor, daß wir eigentlich erst am Anfang stehen, so daß du, Friedl, wirst von Glück reden können, wenn man dich dereinst in Pension gehen läßt, ich sehe, daß Mirda mir zustimmt, und wenn der Willi –
fuhr der Staatsanwalt fort, zu dem noch erleuchteten Fenster gewandt, von wo das wollüstige Stöhnen des genannten Richters wie das Krächzen eines Nachtvogels erklang, und faßte die Hand des Verteidigers fester,
– nicht jedesmal beweisen wollte, daß er immer noch imstande ist, all diese verschwitzten Nymphchen zu bumsen, und das stille Spiel der Sinne und des Intellekts vorziehen würde, wie wir und du es tun, dann müßte auch er dir das bestätigen!
Wolf hatte die ganze Zeit über versonnen die Kognakflasche herumgedreht, über deren dunkelgrünes Glas der Widerschein der erlöschenden Flammen hinzuckte, und das Lächeln umspielte immer noch seine Lippen.
– Und was geschieht, fragte er nun, wenn ich Grippe bekomme?
– Du? rief der Verteidiger. Da bekommt eher ein Ochse einen Herzinfarkt!
Im Dämmer leuchtete ein Gebiß auf, als der Staatsanwalt dieses treffende Beispiel seines Freundes würdigte. Wolf aber, ansonsten fast ängstlich auf Konformität bedacht, stimmte in seine Fröhlichkeit nicht ein.
– Ich frage im Ernst, sagte er.
– Im Ernst? fragte der Staatsanwalt, dann will ich dir im Ernst antworten. Wir warten einfach, bis du kuriert bist. Deine Kundschaft wird uns verzeihen, jedenfalls habe ich bis jetzt noch niemanden kennengelernt, der dich bestürmt hätte!
Nun konnte der Verteidiger sich über die Schlagfertigkeit des Freundes freuen.
– Ich hoffe, sagte Wolf, ihr faßt es nicht als impertinente Belehrung auf, wenn ich euch an ein Ereignis erinnere: Im Herbst 1899 blieb plötzlich das Herz des Wiener Bürgers Selinger stehen. Die Geschichte hätte keine Notiz davon genommen, wäre da nicht ein alarmierendes Faktum gewesen: Der kleine Blutstropfen, der die Koronararterie verstopft hatte, brachte es mit sich, daß der damals mächtigste Staat Europas ohne –
fuhr Wolf fort und blickte den Staatsanwalt vielsagend an,
– Scharfrichter dastand. Der Verlust war um so tragischer, als unmittelbar zuvor mehrere Delinquenten das Leben verwirkt hatten und Nichteinhaltung der Frist nach den damaligen pseudohumanitären Gesetzen letztlich zur Umwandlung der Strafe in lebenslänglichen Kerker geführt hätte; außerdem war es kein Geheimnis, daß es eben die zahlreichen Begnadigungen waren, mit denen der senile Kaiser Franz Joseph Selingers Gesundheit unterhöhlt hatte. Zur Erledigung eines der dringlichsten Fälle, der Hinrichtung der Kindsmörderin Juliane Hummel, wurde deshalb zu Neujahr 1900 der wichtigste Anwärter auf das freigewordene Amt, der damals noch legendäre Prager Henker Wohlschläger, berufen. Durch sein Verdienst begann jedoch das eben erst ausgeschlüpfte Jahrhundert, das dem Scharfrichteramt die Achtung des Staates und die Sympathien der Volksmassen wiederzugeben versprach, mit einem –
fuhr Wolf fort und blickte den Verteidiger vielsagend an,
– ungeheuren Skandal. Wohlschläger brachte die sogenannte ›Delinquententoilette‹ mit, wie er sein kompliziertes Riemensystem nannte, buchstäblich ein Geschirr, das der Hummel angelegt wurde, er führte es ihr sogar zwischen den Beinen hindurch! »Sie war«, ich zitiere einen Augenzeugenbericht, »verschnürt wie ein Schlachtopfer, und allein ihr Anblick war eine unerhörte Beleidigung für die Würde der Justiz.« Der eitle Wohlschläger fertigte sie selbst ab, um auch die Wirtschaftlichkeit seiner Erfindung zu dokumentieren, und der Exitus sollte durch das Eigengewicht der Hummel herbeigeführt werden. Dieses genügte jedoch nicht, und so kam es zu der beispiellosen Situation, daß die offene Falltür sowohl das helfende Ruck-Zuck als auch das Erwürgen durch Ziehen an den Beinen verhinderte. »Die Hummel«, ich zitiere aus der damaligen Presse, »erstickte unter gräßlichen Krämpfen, begleitet von unmenschlichem Röcheln, nahezu 45 Minuten lang, so daß viele der amtlichen Zeugen ohnmächtig wurden. Wir nahmen«, ruft der Autor, »nicht an einer Exekution teil, sondern an einer Abschlachtung von Gesetzes wegen!« Wohlschläger mußte mit dem ersten Zug abreisen, und die schwerste Strafe machte ihre schwerste Stunde durch, als die Zensur sogar Artikel freigab, die ihre sofortige Abschaffung verlangten. Glücklicherweise –
fuhr Wolf fort und blickte nunmehr beide vielsagend an,
– war ihr das Glück in diesem schicksalhaften Moment hold, da sich unverhofft der Wiener Cafetier Josef Lang meldete, wohnhaft in Simmering, Geystraße 5, den sein aufgeklärter Vater anno 1868 zur letzten öffentlichen Hinrichtung in Wien mitgenommen hatte. Das schöne Wetter, der Andrang des sonntäglich herausgeputzten Publikums, allüberall Wurstverkäufer, Drehorgelspieler und andere Attraktionen, das feierliche Zeremoniell und vor allem die Hinrichtung des Raubmörders Ratkay als solche, noch durch das klassische Herabstoßen von der hohen Leiter, machten auf den dreizehnjährigen Knaben einen unauslöschlichen Eindruck; er fühlte sich schon damals für diese erhabene Aufgabe vorbestimmt. Als er dann am 27. Februar 1900, als reifer Mann, das Dekret entgegennimmt, das ihn zum k. k. Scharfrichter für »die Erzherzogtümer Österreich ob und unter der Enns, die Herzogtümer Salzburg und Steiermark, die gefürstete Grafschaft Tirol mit Vorarlberg, die Herzogtümer Kärnten und Krain, die Markgrafschaft Görz und Istrien mit Triest, das Herzogtum Schlesien, das Königreich Dalmatien, das Königreich Galizien und Lodomerien mit dem Großherzogtum Krakau sowie das Königreich Kroatien und Slavonien« ernennt, empfindet er die gleiche Last der Verantwortung wie sein Monarch. Und als er am 3. März 1900 zu seiner ersten Amtshandlung, der Hinrichtung des Zigeuners Held antritt, denkt er in erster Linie an die anwesende Sachverständigenkommission, angeführt von Professor Haberda, in dessen Gesicht noch die Todeskrämpfe der Hummel nachzucken. »Ich wünsche, Lang«, hat er am Vorabend kompromißlos zu ihm gesagt, »daß es für ihn in längstens einer Minute erledigt ist!« Die Literatur wimmelt von Schilderungen der letzten Nacht von Verurteilten, jeder Schriftstellerneuling vergießt eine Träne über das aus der menschlichen Gesellschaft ausgestoßene Individuum, aber wo –
rief Wolf aus und blickte visionär vor sich hin,
– ist der neue Shakespeare, der die erste Nacht eines Scharfrichters beschreibt? Wie er mit den Gehilfen unermüdlich bald diesen, bald jenen Griff probt, wie er sich alle berühmten Fehlschläge ins Gedächtnis ruft, zum Beispiel den faux pas von – wiederum! – Prag, wo man einen gewissen Václav Slepička in die Versenkung hinabließ, ohne ihm den Kopf in die Schlinge gesteckt zu haben, so daß er sich beide Beine brach und erst nach erfolgter Heilung gehängt werden konnte. Solche Autoren gibt es nicht, und auch hier muß schließlich der Scharfrichter selbst einspringen, so etwa Lang, der später – ich zitiere nach Dorfer und Zettel – diese klugen Worte schreibt: »Einmal hab ich so ein Buch gelesen, da war der Mensch, wie wenn er durchsichtig wär, aber schön bunt war des, und da war alles drauf abgebildet, auf der einen Seiten die Muskeln, auf der anderen Seiten die Innereien, der Magen, Speiseröhre, Luftröhre und so, richtig schön war des. Da sieht man erst, was der Mensch für ein Meisterwerk is, wie weise die Natur is, daß so ein kompliziert gebauter Mensch auch richtig funktionieren kann. Und dann hab ich denken müssen: Siehst, Peppi, und du, du hast das Recht, die Macht und das Können, dieses Wunderwerk der Natur außer Gang zu setzen.« – Dann bricht also der Morgen an, ein trüber für den Zigeuner Held, aber ein strahlender für Josef Lang, als er vor Professor Haberda hintritt, die Vollstrekkung des Urteils melden und bescheiden hinzufügen darf: »In fünfundvierzig Sekunden.« Nun kann selbst der strenge Haberda nicht anders, als ihm auf die Schulter zu klopfen und zu sagen: »Bravo, Lang!« Da ahnt er noch nicht, daß Josef Lang wenig später in Rovereto den vierfachen Mörder der Großrubatscher in zweiundvierzig Sekunden abfertigen wird und kurz danach in Lemberg den Theodor Bibierski in glatten vierzig, was auf Jahre hinaus europäischer Rekord bleibt, bevor –
fuhr Wolf mit nicht geringer Bescheidenheit fort,
– eine neue Generation von Scharfrichtern auch diesen Rekord bricht. Ungebrochen ist indessen das Andenken an den Mann, der sich seinen ehrlichen Beruf in sein Messing-Türschild eingravieren ließ und schließlich für den Wiener Gemeinderat kandidierte mit der Empfehlung, er »erfreut sich der Sympathie des ganzen XX. Bezirks und verfügt außerdem über die nötige Zeit«. Diese Geschichte habe ich euch erzählt, Freunde, um euch daran zu erinnern –
sagte Wolf und blickte jetzt dorthin empor, wo von Osten nach Westen langsam, aber unerbittlich die blauschwarze Sommerkarte des Himmels vorüberzog,
– daß der Herzinfarkt auch Scharfrichter nicht verschont. Und sollte er eines schönen Tages bei mir anklopfen, was wird dann aus euren wunderschönen Plänen?
– Da ist ja noch Karli ... sagte der Staatsanwalt verunsichert.
– Karli, sagte Wolf mehr bedauernd als verächtlich, ist ein Typ, der seinen Zug um fünf Jahrhunderte verpaßt hat, den kann ich mir als Provinzhenker vorstellen, der seinen Kunden beim Köpfen eher zu Tode drischt. Nein, nein, dadurch –
fuhr Wolf fort und stand auf, um seinen Worten größeren Nachdruck zu verleihen,
– wird unser Problem nicht aus der Welt geschafft, ganz zu schweigen von der Möglichkeit, daß dieser Eisberg plötzlich zur Gänze emportaucht. Dann entgleitet vielleicht alles unseren Händen, wenn auch Kreis- und Bezirksjustizbehörden ihren Anteil fordern, und wer soll das alles schaffen? Wollt ihr Henker per Inserat suchen? Was für ein Niveau werden die haben? Und was wird das Ausland dazu sagen?
Dann herrschte Stille, unterbrochen nur vom Rufen eines Käuzchens und dem Gekreisch der Konkubinen des Richters, die ein übers anderemal einen von ihm herbeigeführten Orgasmus vortäuschten. Wolf wußte mit dem Fingerspitzengefühl eines Apothekers, daß jede zusätzliche Silbe die Kraft seiner Mitteilung geschwächt hätte. Er trank noch einmal lange, stellte die leere Flasche zwischen die Stengel des Riedgrases und fügte liebenswürdig hinzu:
– Gute Nacht.
– Warte! rief der Staatsanwalt, genau wie Wolf es vorausgesehen hatte, wenn du schon A gesagt hast, mußt du auch B sagen! Wenn dich der Schlag trifft, dann reißt uns dieser Bengel auch nicht heraus, ich möchte nicht miterleben, wie er das allein schaffen soll!
– Nicht nur Weise, entgegnete Wolf, mit dem Präzisionsgefühl eines Apothekers Ironie verabreichend, sondern auch Scharfrichter fallen nicht vom Himmel. Dem Karli die primitivsten Begriffe etwa aus der Physiologie oder gar der Psychologie beibringen zu wollen, hieße Perlen vor die Säue werfen. Wohingegen dort –
fuhr Wolf fort und deutete mit dem Finger ans andere Ufer des Sees, wo über dem Wald wie leichter Dunst der Lichtschein der nahen Großstadt hing,
– der Junge es vollauf verdient, schon jetzt einen erfahrenen Lehrer zu bekommen, damit er nicht von der Pike auf beginnen muß wie wir.
– Soviel wir wissen, lachte der Verteidiger, hast du von der Laterne auf begonnen!
Die letzte Flamme erlosch, die Feuerstelle gloste matt, und der Mond, aus dem Schloßpark emporgestiegen, glich einem türkischen Richtschwert; selbst in dieser schlechten Beleuchtung war zu sehen, wie Wolf erbleichte.
– Mirda, sagte der Staatsanwalt rasch und grub die Nägel in die Handfläche des Verteidigers, bis dieser schwach aufstöhnte, sei nicht böse, Liebes, aber Späße sind jetzt unangebracht. Wie stellst du –
fuhr der Staatsanwalt an Wolf gewandt fort,
– dir das praktisch vor?
Die Kunst, selbst eine nach Vergeltung schreiende Beleidigung zu schlucken, gehört zum Rüstzeug jener Persönlichkeiten, die entschlossen sind, die Welt zu verbessern. Ohne die unendliche Geduld eines unbekannten spanischen Mönchs, eines talentierten französischen Arztes und eines ruhmreichen amerikanischen Erfinders wäre die Welt bis zum heutigen Tag ohne Garrotte, Guillotine und elektrischen Stuhl. Wolf beherrschte diese Kunst vollendet. Die Stichflamme sengender Wut blieb seinen Gesprächspartnern ebenso verborgen wie das Pulsieren des Blutes unter der Haut. Er stellte sich nur mit eiskalter Wonne vor, daß ihm einmal die launische Frau Historie diese beiden feisten Schlemihle als ansehnliche Pakete zustellen würde, die nicht länger den Duft teurer Parfums um sich verbreiteten, sondern den Gestank von Fäkalien und Harn, jene unsichtbare Flagge, von der Angst am menschlichen Körper gehißt; wer würde es dann einem Scharfrichter von Weltklasse verdenken, wenn er in zwei Fällen zu Experimentierzwecken auf sein barmherziges Ruck-Zuck verzichtete und nicht einmal Schimssas wirkungssicheren, genickbrechenden Knoten anwandte, sondern sie vorsichtig und sacht aufhängte wie Christbaumschmuck, damit sie während der endlosen Sekunden beim leichten Hin- und Herschwanken mit hervorquellenden Augen und rasch anschwellender Zunge, die zwar noch die Luft durchläßt, aber keinen Ton mehr, Zeit fanden, con sordino mit vorübergehend aufgepeitschten Sinnen des kurzen Verweilens am Feuer und des Scherzworts über die Laterne zu gedenken.
– Praktisch, sagte Wolf ebenso liebenswürdig wie vorhin, stelle ich mir vor, daß wir ihn nicht zweimal wöchentlich nach Vereinbarung bestellen, sondern fest verpflichten.
– Und kannst du mir verraten, fragte der Staatsanwalt abweisend, was er den Rest der Woche machen soll?
– Du erinnerst mich, Olda, antwortete Wolf und dosierte mit der Vorsicht eines Apothekers sein Gift, an die Leute, die den Schauspieler fragen, was er tagsüber tut. Vor drei Jahren schien es noch ganz in Ordnung zu sein, daß der oberste Scharfrichter des Staates auf der Lohnliste als Chauffeur fungierte und Vollstreckungen ihm vermittels eines Koeffizienten als Kilometergeld angerechnet wurden. Es war ja euer Gremium, das über die eigene Nasenspitze hinausgesehen und mir den Status eines selbständigen Referenten mit Sonderprämien verliehen hat. Allerdings ändert keine bürokratische Charge etwas daran, daß ich Henker bin und bleibe und mein sogenannter Sekretär Karli mein Gehilfe oder meinetwegen auch Knecht bleibt, denn nur Putzfrauen lassen sich Raumpflegerinnen titulieren, wir aber werden nie jemandem zum Gespött werden. Sagt also auch ihr B und bewilligt mir einen Lehrling, der in keinem Henkerhaus gefehlt hat, denn das Scharfrichteramt ist kein Handwerk wie etwa die Metzgerei, sondern eine Wissenschaft mit eigenen Gesetzen und Zweigen, eigenen Klassikern und Erfindern und nicht zuletzt mit eigener Literatur.
– So etwas wie ›Die Denkwürdigkeiten‹ von Henri Sanson? fragte der Verteidiger beflissen, die habe auch ich gelesen.
– Die Memoiren der französischen Kollegen, sagte Wolf herablassend, und ebenso die tschechischen ›Erinnerungen der Henkersfamilie Mydlář‹ würde ich dem Schimssa nicht weniger verschämt anbieten als einem Philosophiestudenten die Fibel. Schimssas Studienplan, und ich betone gleich –
fuhr Wolf fort, nunmehr völlig Herr der Lage,
– nur auf dem Gebiet der Literatur, wobei ich Jurisprudenz, Anatomie und andere Hauptfächer auslasse, würde anfangs enzyklopädische Werke umfassen, von der grundlegenden Arbeit des Cesare Beccaria ›Über Delikte und Strafen‹ vom Ende des 18. Jahrhunderts bis zum zweibändigen Werk ›Die Strafe‹, Verfasser von Hentig, auf das die gegenwärtige Generation schwört, später eine Reihe von Studien zum Thema, wie etwa ›Die Pfählung‹ von Siegmund Stiassny, Kershaws ›La Guillotine‹ oder Rolphs ›Hanged by the Neck‹, und schließlich wissenschaftlich orientierte und deshalb unerläßliche Schriften wie beispielsweise Schlabows ›Archeologitscheskoje obsledovanije dvuch trupov is balot‹, also ›Die archäologische Untersuchung der zwei Moorleichenfunde‹. Einen selbständigen Studienzweig würde die kritische Analyse jener Bücher bilden, die ich ironisch »Libri anti-henkeri« nenne, verfaßt von moralisch defekten Graphomanen wie Camus und anderen Gegnern der Todesstrafe. Stellvertretend für viele genügt es, die ›Maria Stuart‹ des Herrn Stefan Zweig aufzuschlagen, und schon brodelt einem ein Text entgegen, der amoralisch, beleidigend, dekadent und frech ist, mit einem Wort –
fuhr Wolf fort und kniff die Augen zusammen, um die von seinem fotografischen Gedächtnis projizierte Passage deutlicher zu erkennen,
– jüdisch: »Niemals kann – und hier lügen alle Bücher und Berichte
– die Hinrichtung eines lebenden Menschen romantisch und rein ergreifend sein. Immer wird der Tod durch das Henkerbeil zum gräßlichen Schrecknis und zur niedrigen Schlächterei. Der erste Hieb des Scharfrichters hat schlecht getroffen, nicht durch den Nacken ist er gefahren, sondern stumpf auf das Hinterhaupt. Ein Röcheln, ein Stöhnen bricht erstickt aus dem Munde der Gemarterten, aber nicht laut. Der zweite Schlag fährt tief in den Nacken und läßt das Blut grell aufspritzen. Aber erst der dritte löst das Haupt vom Rumpf. Und abermalige Gräßlichkeit: als der Henker das Haupt an den Haaren aufheben und zeigen will, faßt er nur die Perücke, und das Haupt löst sich los. Wie eine Kegelkugel rollt und poltert es blutüberströmt auf den Bretterboden, und da der Henker es jetzt abermals faßt und aufhebt, erblickt man – gespenstiger Anblick – das einer alten Frau mit eisgrau geschorenem Haar ...
Noch eine Viertelstunde lang zucken konvulsivisch die Lippen, die zu übermenschlich gewaltsam die Angst der Kreatur in sich verpreßt, und die Zähne schlagen gegeneinander ... Und schon wollen inmitten des gelähmten Schweigens die Knechte die dunkle Last wegtragen, da löst ein kleiner Zwischenfall das fahle Entsetzen. Denn im Augenblick, da die Henker den blutüberströmten Rumpf aufheben, um ihn ins Nachbarzimmer zu schaffen, wo er einbalsamiert werden soll, rührt sich etwas unter den Kleidern. Unbemerkt von allen, war ihr kleiner Lieblingshund der Königin nachgeschlichen und hatte sich gleichsam in Angst um ihr Schicksal an ihren Körper gedrückt. Jetzt springt er vor, überströmt und naß von dem vergossenen Blut. Er bellt und beißt und keift und kläfft, er will von der Leiche nicht weichen. Mit Gewalt suchen ihn die Henker wegzureißen. Aber er läßt sich nicht fassen und nicht locken, wild springt er die fremden, großen schwarzen Bestien an, die ihn mit dem Blut seiner geliebten Herrin so brennend –
zitierte Wolf zu Ende und öffnete die Augen,
– verwundet.« Ähnliche Pamphlete, durch Säuberung öffentlicher und Konfiszierung privater Bibliotheken gewonnen, würde mein Schüler studieren, wissenschaftlich widerlegen und zum Schluß –
fuhr Wolf fort, als er spürte, wie sein Enthusiasmus sich auf die beiden übertrug,
– verbrennen, was zur üblichen Sollerfüllung der Scharfrichter gehörte, wodurch die Theorie gewaltlos in die Praxis überginge. Im Lehrplan würde auch Entspannungsliteratur nicht fehlen, sofern der Autor sich und sei es partiell, aber fundiert mit den durchgenommenen Themen befaßt, so etwa die Bibel, wo eine ganze Palette klassischer Hinrichtungsarten recht anständig beschrieben wird. So –
fuhr Wolf fort und mußte sich erstmals nach langer Zeit anstrengen, seine metallische Stimme nicht vor Ergriffenheit beben zu lassen,
– wäre das schmale Profil endgültig überwunden, somit auch der neuralgische Punkt unserer Justiz, und außerdem würden wir einen Beruf, den das Mittelalter kulturlos vor die Stadtmauern verbannte und der auch bei uns keine Publizität genießen darf, im Gegensatz zu jedem Hanswurst –
fuhr Wolf fort und konnte es nicht verhindern, daß zumindest sein abgehärtetes Herz zu hämmern begann,
– vom Theater, wieder dort einreihen, wohin er von Anfang an gehört: in die Familie der humanitären Wissenschaften.
– Mensch, Friedl, sagte der Staatsanwalt fast flüsternd, als ihm die Durchdachtheit, Reichweite und Folgenschwere dieser Konzeption aufging, was du hier vorschlägst, ist eigentlich eine Universität!
Aus dem Schwarm der Perseiden, auch Laurentiustränen genannt, löste sich, vom kosmischen Flug zermürbt, eine Schnuppe und starb, blendenden Glanz versprühend, eines langsamen Todes. Wolf machte sich bewußt, daß dieser widerliche Schwule eben genauso blendend seine fixe Idee formuliert hatte und daß sie nunmehr in Erfüllung gehen würde.
Er hob den rechten Fuß und verlagerte den Schwerpunkt seines Körpers über die Schwelle
14
des Klassenzimmers. Es war, als bliebe in diesem Sekundenbruchteil die Zeit stehen, und er wurde mitten im Schritt in das lebende Bild um Lízinka hineingezogen; selbst noch unbemerkt, ließ er den durchdringenden Blick von Gesicht zu Gesicht schweifen, während er Namen, Lebenslauf und Charakterzüge seiner künftigen Schüler rekapitulierte:
František (15), ebenso gutmütig wie dick, IQ an der unteren Durchschnittsgrenze, trotz seiner Obesität anstellig; Hobby: Gewichtheben; Vater: beliebter Gefängnisaufseher, dessentwegen Rückfalltäter sich auf den Knast freuten; hatte ein paarmal Kunden auf den Hängeboden zu Wolf gebracht und selbst um Aufnahme des Sohnes ersucht, wobei er erstaunlicherweise von dem gleichen Gedanken ausging, daß es sich um einen Beruf wie jeden anderen handelte, der eine Ausbildung verlangte; die Aufnahme war deshalb zugleich eine Belohnung für den sittlichen Idealismus des Vaters, der nicht nur auf die Interessen des Sohnes, sondern auch auf diejenigen der Gesellschaft bedacht war.
Die Zwillinge (15), eineiig und nur durch den Scheitel unterscheidbar, den die Grundschullehrer sich ausbedungen hatten; übereinstimmender IQ mittlerer Norm; Hobbies: Bergsteigen und Segeln, also Arbeit mit Seil und Knoten; Väter: ein Bezirksrichter in K. (de jure) und ein Bezirksprokurator in K. (de facto); Petr und Pavel, von Dozent Schimssa durch irgendwelche Beziehungen ausfindig gemacht, hatten bei der Prüfung die Vivisektion eines Hundes zwar dilettantisch, aber mit solchem Elan absolviert, daß Wolf nicht nein zu sagen vermochte.
Albert (16), sein Favorit; Vater: ein sadistischer Mörder, den Wolf einen Monat vor der Geburt des Jungen exekutiert hatte; Mutter: hatte als einziges seiner Opfer die Vergewaltigung überlebt, als bigottes Bauernmädchen die Schwangerschaftsunterbrechung abgelehnt, das bucklige Kind jedoch als Strafe Gottes angesehen und sich im Stall die Pulsadern aufgeschnitten. Wolf griff in das Leben seiner Kunden grundsätzlich nie länger ein, als für die wenigen Sekunden, in denen er es ihnen nahm, aber hier hatte er eine Ausnahme gemacht, die sein pädagogisches Talent bestätigte: Er hatte von fern verfolgt, wie der Junge in Kinderheimen tapfer gegen sein Schicksal ankämpfte, den bösen Streich der Natur wettzumachen, widmete er sich geradezu asketisch der Körperertüchtigung; der Buckel wurde zwar nicht kleiner, doch bald wagte niemand mehr, über ihn zu lachen: der kleine Bucklige hatte stählerne Muskeln. Nachdem Wolf sich über IQ (101) und Hobby (Säbelfechten und Geschichte) informiert hatte, faßte er einen bestimmten Plan, und Albert war praktisch ohne Prüfung aufgenommen worden.
Diese vier waren ungefähr genauso alt wie Lízinka. Blieben noch zwei ältere.
Simon (19) war in der sechsten, siebenten und achten Klasse (IQ 17) durchgefallen; die Wiederholung der neunten wurde ihm aufgrund von Interventionen und Protesten erlassen; protestiert hatten die Lehrer, denen er für jede erteilte Fünf strangulierte Katzen an die Türklinke hängte; interveniert hatten einflußreiche Repräsentanten der Justiz, aber auch der Historiographie: Simon stammte als einziger von Henkern ab; sein Urgroßvater war der berühmte Karl Huß (aus dem einfach »s« hatte er ein »ß« gemacht, um nicht für einen Nachkommen des Reformators gehalten zu werden; seine Nachkommen machten es umgekehrt, um nicht für Schergen der Antireformation angesehen zu werden), der nach dem unseligen Dekret Josephs II. Feldscher und Kustos der Antikensammlung des Fürsten Metternich geworden war; zu seinen Freunden gehörte auch J. W. von Goethe, der sich mit ihm vor allem über den ursprünglichen Beruf unterhielt; der Vater hingegen hatte Simons Personalakte anfangs insofern belastet, als er sein Amt, noch vom demokratischen Staat verliehen, im Sold der Okkupanten (diesmal mit »ss«) ausgeübt hatte, wofür er nach der Okkupation vor Gericht gestellt worden war; auch ihn hatte der berühmte Vorfahr gerettet – der Justizminister war Historiker – sowie der Verteidiger, der eine vom Henker Mydlář, einem aufrechten Tschechen und Protestanten, vor der Hinrichtung der siebenundzwanzig böhmischen Standesherren anno 1621 gemachte Niederschrift vorgelegt hatte: »Und hätt ich mich auch widersetzet, meine blutige Pflicht zu thun, hätten dan nit wol zehen andere Meister-Scharfrichter sich gefunden, so an meiner Statt ohn Bedenken die Execution vollzogen? Nicht ein Stund länger wär die Vollbringung dieser Execution hinausschoben worden und außer dem, wer weisz, wie grausam fremde Henker verfahren wären mit die unglücklich Böhmischen Herren und hätten womöglich durch Ungeschicklichkeit den letzten Augenblick von dero Leben ihnen vergället.« Am Beispiel des Doktors Jesenius, dem als Intellektuellen laut Urteil vor der Enthauptung die Zunge ausgerissen werden mußte, was Mydlář besonders sanft tat, hatte der Verteidiger bewiesen, daß sich in ähnlichen Situationen die Anwesenheit eines Landsmanns und Glaubensbruders als wahrer Segen erweist; trotzdem hatte sein Mandant lebenslänglich bekommen und mußte fast fünf Jahre absitzen, bevor man ihn unter Ausnutzung einer Amnestie (mit einem einzelnen »s« aber mit sämtlichen Gliedern und Rechten) in den Ruhestand bugsiert hatte. Indem Wolf Simon nach außen hin nur der erwürgten Katzen wegen aufnahm, machte er in aller Stille das Unrecht wieder gut, das am gesamten Scharfrichtertum verübt worden war: Selbst barbarische Völker hatten nie den Mann gestraft, der nicht zufällig der Arm der Gerechtigkeit genannt wurde; sie fällten höchstens den Kopf, der diesem Arm den Befehl erteilt hatte. Überdies hatte Wolf auch einen triftigen persönlichen Grund.
Der letzte von den Jungen, Richard (17) – er hatte zwei Jahre im Sanatorium verloren, war aber wieder völlig fit –, verfügte über so gut wie sämtliche Vorzüge: einen anständigen IQ, vielseitige Interessen, eine hochgewachsene, schlanke und durchtrainierte Gestalt, als hätte der bekannte Diskuswerfer seine Mutter geschwängert, und war zu allem Überfluß der Sohn eines Fleischers! Und doch verdankte ausgerechnet er seine Aufnahme einzig und allein
15
Lízinka Tachecí.
Der Zufall, der auf dem Welttheater und im privaten Bereich so oft Regie führt, war auch der Urheber einer Begegnung, die viele Jahre nach dem Erlöschen des nächtlichen Lagerfeuers vor dem Jagdschlößchen stattfand. Die Kunden, damals von Wolf am Vorabend exekutiert, waren längst für unschuldig befunden und posthum rehabilitiert worden. Falls er zu Recht erwartet hatte, sich auch jene vornehmen zu dürfen, die den Irrtum verschuldet hatten, so wurde er schmerzlich enttäuscht; sie hatten sich einfach aus dem Staub gemacht, und niemand – höchstens die Hinterbliebenen – forschten ihrem Verbleib nach. Die Welt – wie auch Meldungen aus dem Ausland vermuten ließen – war mit einemmal geradezu pedantisch engstirnig, von der Todesstrafe wurde nachgerade im gleichen Ton gesprochen wie von Geschlechtskrankheiten; da mußte einer schon Weib und Kinder zu Tode prügeln und deshalb unter der arbeitenden Bevölkerung des Bezirks einen Aufruhr entfesseln, damit man ihm widerstrebend die Hanfkrawatte verordnete. Wolf, Schimssa und Karli arbeiteten mitunter nur einmal im Quartal, und daß sie ihren Platz im System weiterhin behaupten konnten, verdankten sie ausschließlich der Unterstützung geheimer Sympathisanten im Justiz- und im Polizeiapparat. Aber wie lange noch? Vor Augen stand ihnen der eben erfolgte Rücktritt von Albert Pierrepoint, der einst mit vierundzwanzig Jahren nach seinem Vater und seinem Onkel königlicher Scharfrichter von Großbritannien geworden war. Obwohl er 433 Kunden und 17 Kundinnen auf dem Konto hatte – davon siebenundzwanzig an einem einzigen Tag abgefertigte Kriegsverbrecher –, mußte er mit seiner Demission einer schmählichen Entlassung im Gefolge des geplanten Gesetzes über die Abschaffung der Todesstrafe zuvorkommen. Es ist deprimierend, lesen zu müssen, wie dieser Gigant, der »lächelnde Gentleman«, der die Zigarre nur während einer Vollstrekkung weggelegt und auch dem achtfachen »Säuremörder« John Haigh das Genick gebrochen hatte, plötzlich eifrig verkündete: »Die Todesstrafe schreckt niemanden ab«, und »die innere Stimme, eine Stimme von oben, die mir einst gebot, diese Arbeit zu verrichten, sagt mir nun – genug!«
Über all dies sann Wolf in der Straßenbahn nach, die ihn zu einem der treuesten Freunde fuhr. Wolf kannte weder dessen Beruf noch richtigen Namen, doch daß er seit Jahren mit Sondergenehmigung indes ohne Sonderauftrag, immer wieder auf dem Hängeboden erschien, zeugte von der Wichtigkeit und Stabilität seiner Position. Eine von Wolfs Maximen lautete, nie Dingen nachzuforschen, die geheim bleiben wollten; seine Hand hatte schon so manchen Hals stranguliert, dessen Besitzer zuviel gesprochen hatte. Privat vermutete er in dem von allen ›Doktor‹ genannten Mann den Sekretär einer bedeutenden Persönlichkeit, und somit bedeutender als diese, denn Persönlichkeiten lösten einander damals so häufig ab wie die Figuren einer Turmuhr, während er blieb. Oft verschafften sich durch Protektion oder Bestechung potentielle Nekrophile Zutritt zu den Vollstreckungen. Wolf hatte begonnen, den Doktor in anderem Licht zu sehen, als dieser einmal an ihn herangetreten war.
– Wissen Sie, Meister, hatte er zu Wolf gesagt, ich bin für den Fortschritt und deshalb ein Anhänger der reinen Strangulation; Schimssas Schlinge kommt meiner Ansicht nach eine ebenso elementare Bedeutung zu wie einst der Dampfmaschine im Verkehrswesen. Aber Ihr Ruck-Zuck, das ist schlankweg etwas so Einfaches und Geniales wie das Rad selbst.
Solche Rede konnte freilich nicht unerwidert bleiben. Wann immer der Doktor erschien, durften die Kunden sicher sein, von Wolf persönlich bedient zu werden und rascher abgefertigt zu sein, als sie gewahr wurden, wie ihnen geschah. Der Doktor geizte nicht mit Bewunderung, und die Beziehung der beiden Männer vertiefte sich. Schimssa, mit Leib und Seele dem Sport ergeben, hatte glücklicherweise eingesehen, daß es, wie im Fußball, auch bei den Hängern keine Schande ist, die Ersatzbank zu drücken, wenn der Stammspieler, dem er außerdem so viel verdankte, ein solches Format besaß. Denn dieser hatte selbstlos durchgesetzt, mit Schimssas Aus- und Fortbildung amtlich betraut zu werden. Dieser Aufgabe hatte er sich mit solcher Akribie gewidmet, daß der strebsame Junge so rasch wie den Kinderschuhen der Psychologie des primitiven Henkers entwuchs – zu dem er sich vor seiner Bekanntschaft mit Wolf gut und gern entwickelt hätte –, und an die Grenze des Denkens vorstieß, hinter der sich die weite Geisteswelt wahrer, dieses Namens würdiger Scharfrichter öffnet. Er begriff, daß jemanden am Hals aufzuhängen recht oder schlecht fast jeder fertigbringt, ausgenommen vielleicht ein paar Intellektuelle; die Kunst beruhte darin, jemanden so aufzuhängen, daß dabei die gesamte Kulturgeschichte der Menschheit bis hin zur wissenschaftlich-technischen Revolution aufschien, denn andernfalls hätte der Kunde berechtigt fragen können, warum er zur Strafe nicht gleich gebraten und aufgefressen wurde.
Bald zeigte sich, daß der Doktor über genauso weitreichende und fundierte Kenntnisse verfügte wie Wolf. Zwar fehlte ihm Wolfs ungeheure Praxis, was allerdings von seiner Kenntnis pönologischer Statistiken aufgewogen wurde, für die sich selbst ein Computer nicht hätte zu schämen brauchen. Wolf, der sich jede Jahreszahl laut vorsagen mußte, um sie zu behalten, bewunderte und beneidete den Doktor aufrichtig wegen der Bravour, mit der er, seine Worte mit den schnellen Zügen einer Füllfeder begleitend, wie ein Fernschreiber Ziffern und Prozente auswarf.
– In Frankreich, diktierte und schrieb er, als sie darüber diskutierten, wie oft die Nachfrage nach Scharfrichtern das Angebot überstieg, was sich Dilettanten zunutze machten, wurden allein 1944 wegen Kollaboration 10519 Personen hingerichtet, davon 8348 ohne ordentlichen Prozeß. Angaben aus der Erklärung des Justizministers Martinaud-Delplas.
– Schrecklich, sagte Wolf, aber es muß darauf hingewiesen werden, daß ein solcher Bedarf auch Talente weckt, die andernfalls verschüttet blieben ...
– In den USA, diktierte und schrieb der Doktor, als sie darüber diskutierten, wie umgekehrt ein Plus an Scharfrichtern die nationale Disziplin festigt, betrug der Anteil der Lynchjustiz an der Gesamtheit der Hinrichtungen noch im ersten Jahrzehnt unseres Jahrhunderts 92,5 Prozent, erst danach ist die Tendenz fallend. Fortlaufende Tabellen führen nichtsdestoweniger an, daß in den Jahren 1900 bis 1944 in den Staaten nur wenig mehr Personen gelyncht als von fachmännisch geschultem Personal gesetzmäßig hingerichtet wurden. Die Angaben entstammen von Hentigs Buch ›The Criminal and his Victim‹, New Haven 1948.
– Abstoßend, hatte Wolf damals gesagt, besonders dann, wenn man sich vorstellt, daß dieses fachmännisch geschulte‹ Personal nur einen Schalter betätigt. Ich möchte wissen, was geschieht, wenn der Strom ausfällt!
– Gewiß, hatte der Doktor damals lebhaft gesagt, aber stellt das Problem sich nicht umgekehrt? Hat man eine so primitive Vollstreckung nicht etwa deshalb gewählt, weil nicht einmal die Massenbasis der Lynchjustiz dem Land ein Talent geschenkt hat, das mit Ihrem vergleichbar wäre? Mein Gott, was ist das für ein Niveau, wenn der New Yorker Elliot vor der Elektrokution die Spannung so bemißt, daß auf dem Stuhl ein Klumpen Rindfleisch gebraten wird? Siehe Seite 42 seiner Memoiren!
Das einzige Gebiet, auf dem die Kenntnisse beider Männer gleichwertig waren und zweifellos die Grenzen des Menschenmöglichen erreichten, war die pönologische Belletristik. Später, als auch Schimssa am geselligen Beisammensein teilnahm, bedauerte dieser immer wieder, daß er die Diskussionen nicht auf Band aufnehmen konnte. Diese Duelle hätten jedem Fernsehquiz mehr Glanz verliehen als das ewige fade Gefasel über Perlen der Architektur oder Opernarien.
– »Hier ist«, zitierte der Doktor aus dem Gedächtnis, »das Schafott. Seine Beine werden schwach und steif, ihm ist übel. Ringsherum Menschen. Geschrei und Lärm. Tausende von Gesichtern und Augen. Er muß das ertragen und vor allem den Gedanken: Da sind Tausende, die nicht umgebracht werden, du aber wirst hingerichtet.« Autor, Werk und Held?
– Wie, entgegnete Wolf lächelnd, soll man nicht den Autor kennen, der das teuflische Glück hatte, eine ähnliche Szene persönlich zu erleben, wenngleich nicht bis zum Ende: Dostojewski, ›Der Idiot‹, Fürst Myschkin.
– Touché! rief der Doktor.
– Aber welcher Träger des Nobelpreises für Literatur hat in Versform den Verlauf einer öffentlichen Hinrichtung in Indien eingefangen? fragte Wolf.
– »They are hangin’ Danny Deever«, zitierte der Doktor lächelnd, »they are marchin’ of ’im round, they ’ave ’alted Danny Deever by ’is coffin the ground!« Wer sollte den Nobel-Laureaten des Jahres 1907 nicht kennen, den Verfasser des ›Dschungelbuches‹, Rudyard Kipling?
– Touché! rief Wolf.
Manchmal waren die Fragen so raffiniert, die Antworten aber trotzdem so genau, daß der Junge sich die gleiche Frage stellte wie ein Theatereleve, der Sir Laurence Olivier aus nächster Nähe betrachtet: Soll ich nicht lieber Briefträger werden?
– Was ist, fragte Wolf listig, ein Schwedentrunk?
– Ihre Frage, sagte der Doktor lächelnd, könnte ich mit dem Hinweis ablehnen, daß das Wüten der Soldateska des schwedischen Generals Banér nicht ins Gebiet des Exekutionswesens fällt. Weil aber der Schwedentrunk zur Zeit der Hexenprozesse dann ins peinliche Recht einging, soll Ihnen der Chronist antworten: »Sie banden –
zitierte der Doktor und schrieb diesmal mit dem Finger in die Luft,
– alsdann die armen Sünder, von welchen sie wollten deren verstecktes Geld herauslocken, und warffen selbige auf den Rücken und flößten selbigen mit eyn Trichter Jauche inn Mund, bis zalreych daran ersticket seyn und eyn gräßlich Tod fannden.«
– Touché! rief Wolf.
– Exempla, ergänzte der Doktor nur noch bescheiden am Rande, trahunt: Unter den Urteilen der böhmischen Stadt Nimburg findet man anno 1606 eine unglaubliche Strafe, die »erlitten der Mensch Jan Špička alldieweil er sich an einer Mähre vergangen«, was nicht näher erläutert wird. Dafür wurde er »bei lebendigem Leibe ausgeweidet, das Gemächte ihm ums Maul geschlagen, die Eingeweide all ins Hemd geknotet und sämtlich an den Galgen gehänget.« Der schlichte Leser kann Beifall klatschen, aber der Wissenschaftler muß sich wundern, wie es in einem Nest wie Nimburg so viel Phantasie geben konnte; dann liest er Janssens ›Geschichte des deutschen Volkes‹, II. Teil, Seite 506, und siehe da: die gleiche Strafe ereilte zwei Jahre früher in Braunschweig den Juristen Brabant, der beschuldigt worden war, es mit dem Teufel zu halten. Irgendein Schlaumeier aus Nimburg kam offenbar des Weges und verkaufte die Idee dann zu Hause als eigenen Einfall. Aber –
fragte der Doktor verschmitzt,
– wo findet man in der klassischen Literatur den kuriosesten letzten Wunsch eines Kunden vor der Vollstreckung?
– Plutarch schreibt in seinem ›Sulla‹ über den römischen Feldherrn Carbo, der von Pompejus zur Enthauptung verurteilt worden war. Der Scharfrichter hob schon das Schwert, als Carbo bat, noch einmal rasch –
ergänzte Wolf und entblößte lächelnd sein prachtvolles Gebiß,
– Wasser lassen zu dürfen.
Auf diese erhebende Erinnerung richtete Wolf nun sein ganzes Sinnen, um seine Wut zu bändigen. Er war wütend, weil er den Sommersonntag in der glühenden Stadt verbringen mußte, da man das Schlößchen längst in ein Erholungsheim für Werktätige und dann in ein exklusives regierungseigenes Jagdschlößchen verwandelt hatte, und weil die Hitze in der Straßenbahn ihn beinahe umbrachte, denn Anspruch auf einen Wagen hatte er nur am Tag einer Exekution und nachts darauf. Und so gab ihm allein der Umstand, daß der Doktor nach langer Zeit wieder einmal in den Vorführraum der Zeichentrickfilmer geladen hatte, den er – offenbar kraft seiner Funktion – sonntags öfter benutzen durfte, etwas von seiner guten Laune zurück.
Als ihm jemand auf die Schulter klopfte, wurde er sich augenblicklich bewußt, daß er vergessen hatte, einen Fahrschein zu lösen. Als sei eben dies der sprichwörtliche Tropfen, der das Faß zum Überlaufen bringt, erfaßte ihn tiefe Depression. Zu seinem Erstaunen stand hinter ihm aber ein kahlköpfiger, zahnloser Greis in durchgeschwitztem Hemd, einem Kontrolleur völlig unähnlich.
– Verfeihung, fragte er stark mümmelnd, find Fie nicht fufällig der Friedrich?
– Ja, antwortete Wolf verwirrt.
Er hatte sich sofort gefaßt und wollte sich gegen diese Vertraulichkeit verwahren, aber der Gnom verbaute ihm jede Chance.
– Friedrich! rief er aus, und umarmte ihn stürmisch, was treibft du denn die ganfe Feit?
Die anderen Passagiere, halbtot vor Hitze, beachteten sie kaum, aber Wolf kam sich trotzdem vor wie im grellen Scheinwerferlicht einer Bühne. Es deprimierte ihn zusätzlich, daß er außerstande war, diesen Menschen irgendwo einzuordnen. Ein ehemaliger Mitschüler? Ein Kamerad aus seiner Militärzeit?
– Allef in fönfter Ordnung? fragte der Mann und mußte es zweimal wiederholen, bevor Wolf begriff, daß der Konsonant »f« den Reibelaut »s« sowie manch anderen Laut ersetzte.
– Danke, antwortete Wolf vorsichtig, es geht. Und bei dir.
– Ich bin fon in Rente, antwortete der Mann, du nicht?
– Leider, antwortete Wolf ausweichend, fehlt es mir noch an Jahren.
– Wiefo? wunderte sich der Mann. Dir rechnet man ’f doch doppelt, nicht? Oda haben die Feine auch daf fon geftrichen?
– Na ja, antwortete Wolf unbestimmt; er wußte schon, daß der Mann ihn aus der Branche kennen mußte. Ein Aufseher? Den hätte er sich gemerkt. Vielleicht ein Sargträger, die beachtete er kaum.
– Und die Frau Gemahlin? erkundigte er sich, um dem dünnen Eis zu entrinnen.
– Diefe Hure? fragte der Mann, die hab’ ich hinaufgefmiffen! Dafür ift die Flávinka ihrem Vata nachgeraten.
– Wer? fragte Wolf.
– Na, meine Tochta, mümmelte der Mann stolz. Ef hat fwar einige Frierigkeiten gegeben, aba flieflich ift fie doch auf die Uni gekommen.
– Welche Fakultät? fragte Wolf.
– Juf, natürlich! mümmelte der Mann glücklich, während die Straßenbahn kreischend bremste. Fie ift auch fon bei Gericht, vielleicht winken ja glücklichere Feiten!
– Ich muß leider schon aussteigen, sagte Wolf, entschlossen, die zwei noch verbleibenden Stationen lieber zu Fuß zurückzulegen.
– Fade, sagte der Mann bedauernd, wer weif, wann wia unf wiedafehen. Haben fie dir wenigftenf die Fule gegeben?
– Welche Schule? rief Wolf jäh erleuchtet.
– Na, die Ekfekufionffule! rief der Mann, während die Straßenbahn ruckhaft anfuhr.
Im selben Moment schienen seinem kahlen Schädel schwarze, fettige Haare zu entsprießen, ein Raubtiergebiß füllte die eingesunkenen Wangen auf, und zwischen den Lippen, sinnlich wie eh und je, zuckte die eroberungslüsterne Zunge, die so freigebig Liebe und Tod ausgeteilt hatte.
– Willi! rief Wolf, aber der ehemalige Richter hörte ihn nicht mehr.
– Quidquid agis, prudenter agas, sagte der Doktor, als er ihm Black
16
Label über die Eiswürfel goß, die laut klirrten, was du beginnst, beginne es klug. Diese Burschen haben ein bißchen übertrieben und zahlreiche unserer Probleme auf dem Gewissen. Wer hat sie gezwungen, Stricke zu bescheren wie Ostereier? Auch hier gilt: Weniger wäre mehr gewesen.
Der Sportler Schimssa war von seinem Wochenendhaus herübergelaufen; von dort waren es knappe zwanzig Kilometer, Puls und Atem hatten wieder normale Werte erlangt.
– Wenn ich bedenke, sagte er leise, da er in ihrer Gesellschaft seine Scheu nie loswurde, was für ein Mannsbild der Richter Willi war, dann werde ich ganz melancholisch. Warum hat man damals nicht auch ihn abfertigen lassen? Wer hat etwas davon, wenn er frei ist wie eine abbruchreife Ruine? Wird die junge Generation noch das gleiche Engagement aufbringen, wenn sie sieht, was der Welt Lohn ist? – Ein zahnloser Richter, sagte der Doktor, während er ihm Grapefruitsaft über die Eissplitter goß, die leise knisterten, ist besser als ein kopfloser. Sollten er und die anderen trotz der allgemeinen Empörung im Staatsinteresse als Beweis dafür verschont werden, daß ius regit aut errant, das heißt, daß das Recht regiert, auch wenn es sich irrt –
fuhr der Doktor fort, während er sich in das Grübchen zwischen rechtem Zeigefinger und Daumen eine Prise frisch gemahlenen Pfeffers und ein wenig Salz streute,
– dann mußte dafür gesorgt werden, daß sie nicht gleich an der erstbesten Laterne hängen bleiben, womit ich auf nichts –
sagte der Doktor rasch mit einem um Entschuldigung bittenden Blick auf Wolf,
– anspiele. Man ging also von der wissenschaftlichen Feststellung aus, daß der hervorstechendste Charakterzug unseres Volkes eine Kombination von Neid und Sentimentalität ist. Das bedeutete, alles abzubauen, was das Niveau der sozial schwachen Schichten übersteigt, also Autos unangemessener Marken oder Mätressen unangemessenen Alters. Dadurch wird das Moment des Neides eliminiert und andererseits wohlwollendes Mitgefühl hervorgerufen, wie es bei uns Stürze –
fuhr der Doktor fort, während er ein bißchen frisch ausgepreßten Zitronensaft auf den Pfeffer und das Salz träufelte,
– aller Art begleitet. Die kosmetische Chirurgie, die normalerweise häßliche Personen in schöne verwandelt, funktioniert hier umgekehrt, um den resultierenden Eindruck zu verstärken. Ich möchte wetten, daß die Glatze Ihres Freundes allwöchentlich vom Friseur erneuert wird und daß er sich die Zähne künstlich herausbrechen ließ; mit der schönen Prothese prunkt er nur in speziellen –
fuhr der Doktor fort, während er mit der linken Hand in ein Gläschen weißen Tequila und in ein zweites roten Sangrita eingoß, – Hoteleinrichtungen, wo ähnlich Betroffenen einoder zweimal pro Jahr die vorenthaltenen Genüsse unter dem Deckmantel eines Kuraufenthaltes ersetzt werden. Übrigens, ist Ihnen die Tatsache nicht Antwort genug, daß sein Amt von seiner eigenen Tochter übernommen wurde? Zum Wohl! –
fügte er hinzu, leckte die Mischung aus Zitrone, Pfeffer und Salz vom Handrücken, trank aus beiden Gläsern und mixte das komplizierte mexikanische Getränk auf der Zunge.
– Aber, wandte Schimssa schüchtern ein, Armut und Verkommenheit, wenn auch künstlich, sind eben doch eine Strafe für Diensteifer. Wird die vom Vater belehrte Tochter nicht Laxheit auf ihr Panier schreiben? Steckt nicht gerade darin des Pudels Kern, warum wir kaum noch eine Arbeitsmöglichkeit haben?
– Das Fräulein Tochter, antwortete der Doktor, noch immer die Geschmacks- und Aromamischung am Gaumen feinschmeckerisch auskostend, soll einstweilen ihr Richteramt ruhig wie eine Kindergärtnerin ausüben, weil von ihr aufgrund der internationalen Lage, die diverse Rücksichten erfordert, niemand etwas verlangt. Sobald sie Anweisung erhält, wird sie mit Knast und Strang nur so um sich werfen, bis der Papa vor Stolz platzt, wenn nicht –
fügte der Doktor hinzu, während er eine Zigarre der Marke ›Winston Churchill‹ anbot, die Wolf dankend annahm und Schimssa dankend ablehnte,
– vor Neid.
Schimssa sprang auf, um mit dem Feuerzeug, das er nur zu diesem Zweck gekauft hatte, zunächst ihm und dann Wolf dienlich zu sein. Dabei erkühnte er sich, zu sagen:
Und falls sie nicht will? Die heutigen jungen Leute quasseln dauernd von Gewissen, und Gewalt darf jetzt nicht einmal für eine gute Sache angewendet werden! Wie soll man sie Mores lehren?
– Ein Russe, sagte der Doktor, anständiger Schriftsteller, auch Nobelpreisträger, aber ein so militanter Gegner der ›smjertnoj kaznji‹, daß ich vor Zorn seinen Namen vergessen habe, hat nichtsdestoweniger einen Satz geäußert, der zum fundamentalen Lehrsatz jeder modernen Macht werden sollte: »Früher haben sie uns mit glühenden Eisen gefoltert, jetzt foltern sie uns –
zitierte der Doktor, mit dem glühenden Ende seiner Zigarre die Wörter gleichsam in die Luft einbrennend,
– mit kalter Münze.« Hatte die Generation der Väter die Rolle des eisernen Besens entweder aus ehrlicher Überzeugung auf sich genommen oder aus Angst, daß jeder, der nicht mahlt, selber zermahlen wird, so dürfte die Generation der Söhne und Töchter, die umständehalber weder an etwas glaubt noch etwas fürchtet, dies für ein höheres Gehalt oder niedrigere Steuern auf sich nehmen, für eine größere Wohnung oder kleinere Scherereien wegen des Studiums der Kinder und so ähnlich, worauf es ankommt, ist, daß bei allen Demokratie- und Liberalisierungen die weitblickende Staatsführung sich – wenn sie nicht vorübergehend die Aufmerksamkeit der aufgebrachten Öffentlichkeit darauf lenkt – einen festen Punkt zurückbehält, und dieser ist nichts anderes als –
lächelte der Doktor,
– der Galgen, aber ich will Sie nicht mit Vorträgen langweilen, da wir nach längerer Pause zwei einmalige Streifen zur Verfügung haben – ebenfalls bezeichnend, daß die Zustellung wieder funktioniert! –, die Sie als Experten –
fügte der Doktor hinzu und schnalzte mit den Fingern, das übliche Zeichen für den Vorführer, nunmehr anzufangen,
– gewiß fesseln werden.
Ins Dunkel, wo der Motor des Vorhangs surrte, der die Leinwand enthüllte, schoß eine Lichtgarbe aus der Projektionskabine. Wolf war angenehm gespannt, und da auch der Whisky eben die Nervenzentren erreichte, spürte er plötzlich, wie die Verbitterung der letzten Monate einer gewissen Hoffnung wich. Sie hatten in diesem Vorführraum nicht wenige PF gesehen; die Abkürzung, von manchen Europäern statt des langen »pour féliciter« auf Neujahrsglückwunschkarten geschrieben, kündete ihnen »pönologische Filme« an. Dem Doktor waren offenbar Archive zugänglich, und er führte seinen beiden Freunden alles vor, was für sie von praktischer Bedeutung sein oder theoretische Erwägungen auslösen konnte. Es handelte sich um Aufnahmen höchst unterschiedlichen Niveaus, sowohl in pönologischer als auch in filmischer Hinsicht. Hinter der Kamera hatten meist Amateure gestanden, die überdies heimlich arbeiteten, aus der Aktentasche oder dem Knopfloch, so daß die Filme häufig unter- oder überbelichtet, unscharf und selbstverständlich stumm waren. Ein alter Streifen aus China oder aus Japan, wo ein halbnackter, bezopfter Mann routiniert Soldaten oder Kulis köpfte, die man ihm wie Baumstämme auf einem Holzbock zurechtlegte, war so zeitraffend gedreht, und die Mitwirkenden bewegten sich so geschwind, daß sie sich den Film öfter als Groteske vorführen ließen.
Ungleich trister war es freilich, Amateure vor der Kamera sehen zu müssen. Wie sollte man die Aufnahmen aus dem Kongo vergessen, wo eine Seele von Mensch seinen Landsleuten nicht nur mit unappetitlicher Trägheit den Kopf abschnitt, sondern auch mit einer zahnlückigen Säge und unbekümmert darum, wie diejenigen aussehen würden, die sie festhielten. Daran hatte Wolf erkannt, daß die Entwicklungsländer selbst in diesem Bereich Hilfe brauchten. Das schwankende Niveau änderte also wenig daran, daß die Vorführungen bedeutende Impulse mit sich brachten. Sie hatten die saubere und präzise, vielleicht sogar allzu pedantische Arbeit der alliierten Kollegen in Filmen der Kennzeichnung TS/NT (Top Secret – Nuremberg Trial) bewundert, hatten mit einem odentlichen Schluck das »Werk« eines anonymen Pfuschers von jenseits der Pyrenäen hinunterspülen müssen, der mit blödem Lächeln hinter seinem notabene unverhüllten Kunden stand und die Schraube der Garrotte millimeterweise zuzog, um länger gefilmt zu werden, während dem vor ihm Sitzenden die Zunge schon bis zum Bauch herabbaumelte wie eine Krawatte. Sie hatten die vieldiskutierte Elektrokution der Alice Ferris gesehen, die bis zu 25 000 Volt aushielt und sich dann jäh in eine Negerin verwandelte, sowie die berühmte öffentliche Hinrichtung des deutschen Primators von Prag, Pfitzner, wobei Tausende von Tschechen ihre Kinder auf die Schultern hoben, damit sie die Wiedergeburt des Humanismus mit eigenen Augen sehen konnten. Auch jetzt warteten sie interessiert, womit sie überrascht werden sollten.
Auf der Leinwand erschien das Emblem Die deutsche wochenschau.
– Das hier, sagte der Doktor, und in seiner Stimme schwang Entdeckerstolz mit, ist eine stumme Kopie, was ihren ungeheuren Wert nicht schmälert. Das Original war höchstwahrscheinlich mit einem Kommentar des Reichsfilmintendanten Fritz Hippler unterlegt, der den Streifen auf Befehl des Führers herstellen ließ.
Der Vorspann wurde von einer Einstellung abgelöst, die ein Tischchen mit einer Flasche Kognak und mehreren Gläsern ins Bild brachte.
– Zeit des Geschehens, fuhr der Doktor fort, und in seiner Stimme schwang Erzählerfreude mit, August 1944, Schauplatz des Geschehens auf den ersten Blick eine Nische in einer gemütlichen Weinstube und –
fuhr der Doktor fort, während die Einstellung mit dem Tischchen von der Einstellung auf eine Deckenlaufschiene mit beweglichen Haken abgelöst wurde,
– die Idylle eines Fleischerladens, in Wirklichkeit jedoch die zentrale Vollstreckungskammer des Berliner Zuchthauses Plötzensee.
Die Einstellung mit den Haken wurde von der Einstellung auf eine kleine Tür abgelöst, durch die mehrere Männer in Talar, Uniform oder Zivilkleidung eintraten, der Kamera gegenüber stehenblieben, den rechten Arm vorstreckten und etwas riefen.
– Heil Hitler! rief der Doktor mit dem Pathos der Vertreter von Partei, Staat und Wehrmacht, die er synchronisierte, während diese sich Kognak einschenkten, mit den Gläsern der Kamera zuprosteten, die Hacken zusammenschlugen und ex tranken – nichts sonst konnten die Erwählten rufen, denen es oblag, den Schlußpunkt hinter das Attentat vom 20. Juli zu setzen, und zwar im Bewußtsein, daß der Führer in seinem Vorführraum noch am selbigen Abend ihr Bemühen würdigen würde. Schließlich war es seine schöpferische Idee, die er – siehe ›Ein Drama des Gewissens‹, Herder Bücherei, Heft 96 – in seinem Befehl an den Scharfrichter zum Ausdruck gebracht hatte: »Ich will, daß sie erhängt werden, aufgehängt wie Schlachtvieh!«
Die Männer auf der Leinwand sahen sich plötzlich um. Der rasche Kameraschwenk erreichte die Tür gerade noch rechtzeitig, um den nackten Mann mittleren Alters zu erfassen, der, von Aufsehern angetrieben, zur Tür hereinstolperte, die Hände mit Draht am Körper festgebunden.
– Der fehlende Kommentar, fuhr der Doktor, schon wieder sachlich, fort, macht es uns leider unmöglich, den Namen dieses Helden zu erfahren –
fuhr der Doktor fort, sich auf den Zivilisten beziehend, der den Nackten mit einem Griff packte, wodurch er sich augenblicklich als Scharfrichter mit großer Praxis verriet,
– aber seine Leistung errichtet ihm ein Denkmal, dauerhafter denn Erz.
Wolf und Schimssa wußten seit den ersten Metern schon selbst, daß sie die Ehre mit einem wirklichen Künstler hatten, den sie sich nicht zum Konkurrenten gewünscht hätten. Wie ein Zauberer knüpfte er am Hanfseil die Trag- und die Würgeschlinge, wie ein Dirigent gab er seinen Gehilfen das Zeichen zum Einsatz, den ersten auf den Schemel zu heben und gleichzeitig die Schlingen am Haken und am Hals zu befestigen, und schließlich begann er wie ein Bildhauer dessen Totenmaske zu modellieren, indem er mit der Präzision eines Automaten den Schemel millimeterweise umkippte, damit der Strang das Gewicht des Körpers grammweise übernahm und der Kunde ohne Bekleidung und Kapuze gezwungen war, dem prominenten Betrachter dieses Films sein Ende von A bis Z vorzuführen, einschließlich der physiologischen Reaktionen, die es ermöglichten, den exakten Moment des Abgefertigtseins mit dem bloßen Auge zu bestimmen. Dann stemmte der Vollstrecker sich einfach mit seinem ganzen Gewicht gegen den Abgefertigten und sandte ihn mitsamt dem Haken über die Laufschiene zur anderen Seite des Raumes. Darauf trank er ein Gläschen Kognak, das ihm ein jüngerer Gehilfe reichte, und spitzte die Lippen, wobei der Doktor zur Erklärung einen Pfiff ausstieß; der nackte zweite wurde zur Tür hereingetrieben. Mit dem Feingefühl eines Fernsehreporters, der weiß, wann er dem Zuschauer soufflieren und wann er das Bild sprechen lassen muß, enthielt der Doktor sich nun des Kommentars. Nur das Surren des Vorführgeräts untermalte das restliche, in einer einzigen durchgehenden Einstellung gefilmte Schauspiel. Wolf und Schimssa, die selbst einmal einen Kandidaten hatten zweimal bearbeiten müssen, konnten deshalb nicht umhin, im Geiste den Hut vor der Perfektion dieses Trios zu lüften. Mit unerschöpflichem Humor – wie schade, daß es ihnen ohne Ton verwehrt blieb, die Scherze zu würdigen, die auch die Zeugen erheiterten – sorgte der Chef dafür, daß Gesicht um Gesicht in fast gleichen Intervallen sämtliche Stadien des Erstickens durchlief. Penis um Penis hob sich, um dem Leben den letzten Gruß zu entbieten, und sobald er erschlafft vom Exitus kündete, wurde sein Besitzer wie ein Grubenhund die Laufschiene entlanggeschickt, bis er an den Vorgänger stieß. Jede Nummer endete mit einem Gläschen Kognak, dabei fiel die nächstfolgende keineswegs langsamer oder nachlässiger aus. Was Wunder, daß Wolf und Schimssa, aber auch der Doktor, der den Streifen schon kannte, das erlebten, was dem Publikum wirklich großer Konzerte zu widerfahren pflegt: Sie hatten den Eindruck, es ginge weiter, obwohl das letzte Bild mit den acht Stück hängenden menschlichen Schlachtviehs, von den Gehilfen rasch seitlich zur Kamera gedreht, damit sie dem Führer nicht die hervorgequollene Zunge herausstreckten oder gar den bemachten Hintern entgegenreckten, schon längst erloschen war, und nur die weiße Fläche vor ihnen flimmerte.
– Acht, sagte der Doktor endlich, während er ihnen das Leuchtzifferblatt seiner Armbandstoppuhr vor Augen hielt, Strangulationen, und alle finden in einer Kassette Platz! Allein das beweist, daß die einzelnen Nummern durchschnittlich nicht dreißig Minuten, wie jeder annehmen würde, sondern dreißig Sekunden gedauert haben. Wenn wir nicht wüßten, daß für diese Show eine ganz brutale, langwierige Schlächterei vorgeschrieben war, so erschiene mir diese rasche Art von »slow hanging« als ein riskantes Spiel und all diese Obszönitäten als dessen unumgänglicher Bestandteil; der Mann war ein Fan seiner Kunden, wie einst Ihr Favorit Mydlář, und falls die Archive seinen Namen nicht preisgeben, verdient er es, nach dem Vorbild großer Persönlichkeiten der bildenden Kunst, in die Lehrbücher einzugehen als unbekannter –
fügte der Doktor hastig hinzu, als auf der Leinwand ein Emblem mit den Buchstaben I.R.T.C. erschien,
– Meister, aber heben wir uns die Bewertung bis zum Schluß auf, denn die Video-Aufzeichnung aus Bagdad ist ein abschrekkendes Pendant zum vorhergehenden Streifen.
Der Vorspann wurde von einer Einstellung abgelöst, die drei Stühle von unterschiedlichem Alter, Ursprung und Zweck ins Bild brachte.
– Zeit des Geschehens, sagte der Doktor, und in seiner Stimme schwang die Erregung des Fachmanns mit, Winter 1963, Schauplatz des Geschehens auf den ersten Blick eine Dekoration für Ionescos ›Stühle‹ oder –
fuhr der Doktor fort, während die Einstellung mit den Stühlen von der Einstellung auf einige Notenpulte abgelöst wurde, auf denen Maschinenpistolen von unterschiedlichem Kaliber und unterschiedlicher Fabrikation lagen,
– ein anderes Stück eines anderen absurden Autors, in Wirklichkeit jedoch das Musikaufnahmestudio der Iraq Radio Television Corporation.
Die Einstellung mit den Pulten wurde von einer Einstellung auf eine Gruppe von Männern in Militäruniformen abgelöst, die sich zwischen abgelegten Instrumenten hindurchwanden, über Kabelstränge stolperten, der Kamera gegenüber stehenblieben, die Hacken zusammenschlugen und einen Schrei ausstießen.
– Sieg! rief der Doktor gleichzeitig, während die Männer aus dem Bild gingen, bis auf einen, der nervös begann, einen Text in kaum verständlich kehliger Sprache in die Kamera zu verlesen. Was sonst konnten diese eben berufenen Revolutionsführer rufen, denen es oblag, die frisch abberufenen Revolutionsführer kaltzumachen, und zwar in dem Bewußtsein; daß das ganze Volk dank des Fernsehens im selben Moment ihr Heldentum würdigte.
Der Mann auf der Leinwand hatte ausgeredet und blickte seitwärts. Der rasche Kameraschwenk erreichte die Stühle: Dort waren inzwischen drei gedunsene Männer in zerrissener Uniform mit elektrischem Leitungsdraht festgezurrt worden; ihre Augen, zwischen Striemen eingesunken wie Bergseen, waren offen, schienen aber ins Jenseits zu blicken.
– Das soeben verlesene Urteil, fuhr der Doktor fort, und in seiner Stimme schwang wieder die Nüchternheit des Historikers mit, gibt uns die Möglichkeit, zu identifizieren, »who is who«, so daß wir uns mit den Zuschauern der Direktübertragung freuen dürfen, auskosten und vergleichen zu können, wie sich der große und einzige Führer der irakischen Revolution Abd Al Karim Kasim, sein berühmter Mitkämpfer, Präsident des höchsten Militärgerichtshofs, Oberst Mahdavi, und der hervorragende Soldat und Patriot, Kommandeur der Operationstruppen, Scheich Taha, mit ihrer Hinrichtung abfinden. Indes, der Mensch denkt, und irgendein Trottel lenkt!
Ein Geräusch ertönte, das wie Osterrasseln klang. Die drei Männer stützten das Kinn aufs Schlüsselbein. Wäre das verspätete Projektil nicht gewesen, das Tahas Schädel durchschlug, so daß Blut hervorsprudelte wie ein Rinnsal im Rasen, dann hätten selbst Wolf und Schimssa nicht begriffen, was da eigentlich geschehen war.
– Eine derartige buchstäblich historische Gelegenheit zu haben und sie dann so, mit Verlaub, rief der Doktor, und in seiner Stimme schwang die Empörung des betrogenen Fans mit, zu verscheißen! Alle auf einmal abzufertigen, ohne Kommando oder wenigstens einen Hinweis des Ansagers, sich die Überblendung auf das Erschießungspeloton entgehen zu lassen, sich ein so attraktives Milieu auszudenken und sie dann anzuschnallen, daß sie nicht einmal zucken, auch den Ton durch schlecht eingestellte Mikrophone zu verhunzen und den Trick nicht anzuwenden, ohne den heutzutage nicht einmal die Übertragung des Fußballspiels AC Dunghausen gegen FC Katzenhofen auskommt, die Wiederholung in –
fuhr der Doktor fort, in den Lichtkegel über seinem Kopf die senkrecht aufragende gestreckte Rechte und die waagerecht darangelegte Linke hochhaltend, um vermittels des Schattenkreuzes auf der Leinwand dem Vorführer mitzuteilen, er sei entlassen,
– Zeitlupe, das ist eine skandalöse Unterschätzung sowohl des Mediums Fernsehen als auch des Exekutionswesens. Wen nimmt es dann wunder, daß dieses schöpferische Experiment nie mehr wiederholt worden ist, obwohl weltumspannende Fernsehgesellschaften gleichzeitig ein Heidengeld für alle möglichen künstlerischen Surrogate zahlen wie etwa die Guillotinage in Lelouchs Film ›La vie, l’amour, la mort‹. Womit –
fuhr der Doktor fort und schenkte Wolf noch einen Whisky ein,
– wir bei dem Paradoxon angelangt wären, daß das Prachtwerk der Filmproduzenten, das Rekordeinnahmen erzielen und sämtliche Preise kassieren würde, unter sieben Siegeln liegt, während ein dilettantisches Machwerk vermittels anderer Verleihe um die Welt geht. Welches Wasser auf die Mühlen all jener, die mit ihrem Geschrei über die Wirkungslosigkeit der Todesstrafe dauernd die Luft verpesten und auf diese Weise niedrigste Triebe von der Kette lassen, die oftmals zu ihrem Verbot führen, was –
fuhr der Doktor fort und schenkte Schimssa noch einen Saft ein,
– uns summa summarum verdrießen kann, aber nicht deprimieren darf, wenn wir erst einmal begriffen haben, daß hier gemeinsam mit Irrtümern etwas völlig Neues entsteht, das uns einmal genauso beeindrucken wird wie das erste Auto oder das erste Grammophon!
Stille trat ein, in der nur der Motor des Vorhangs ertönte, der die Leinwand wieder verhüllte. Der Doktor schaute jedoch noch immer vor sich hin, wie gebannt von einem Anblick, der den anderen verborgen blieb.
– Aber, wandte Wolf ein, was vermögen ein paar vereinzelte Raufbolde in einer Zeit, in der in Europa das Gespenst des Humanismus umgeht? Was vermögen aufgeklärte, aber isolierte Eliten, wenn kein Jahr vergeht, ohne daß wieder eine Regierung dem moralischen Terror von Schriftstellern und anderen deklassierten Elementen nachgibt und die Top-Strafe abschafft, obwohl gerade sie die treibende Kraft der Geschichte ist und ohne sie selbst die fortgeschrittensten Nationen noch wie die Affen auf den Bäumen hocken würden?
– Nur nicht, der Doktor erwachte zum Leben, so daß aus dem meditierenden Philosophen wieder der begeisterte Diskutierer und unermüdliche Organisator wurde, das Kontinuitätsbewußtsein verlieren, also vor allem nicht den Glauben an die erneuernde Kraft unverdorbener Kommunen! Was tut’s, daß ein paar degenerierte Regierungen ihre besten Scharfrichter zu Frührentnern machen, wenn gleichzeitig die neue Regierung eines wenig entwickelten, jedoch offensichtlich progressiven Landes ihre Vorgänger im Fernsehen hinrichtet? Wenn eine andere Regierung innerhalb eines noch weniger entwickelten, aber offensichtlich progressiveren Archipels eine Million schuldbeladener Bürger auf einen Schlag hinmachen läßt, wenngleich, zugegeben, auf ziemlich primitive Weise nach dem System »kill as kill can«? Siehe, ex oriente lux, das die europäische Finsternis erhellt. Und wir sind verpflichtet, schon heute alles zu tun, um es mit unseren Erfahrungen für weitere Aktionen von morgen zu kultivieren!
– Wie, fragte Wolf verständnislos, können wir in dieser Misere, da wir selbst auf dem letzten Loch pfeifen, die Verhältnisse am anderen Ende der Welt verbessern?
– Bier, sagte der Doktor lächelnd.
Wolf und Schimssa schauten ihn voll unverhohlener Befürchtung an.
– Bier, wiederholte der Doktor mit ausgeglichener Stimme, die bewies, daß er nicht an Geistesgestörtheit litt und ihnen weiterhin erhalten bleiben würde, war jahrhundertelang das traditionelle Erzeugnis zweier europäischer Regionen. Ist es gegenwärtig ein Getränk, das Buschmänner wie Eskimos trinken, dann keineswegs durch Verdienst irgendwelcher Regierungen oder der UNO, sondern einiger böhmischer und bayerischer Bierbrauer, die ihre Liebe zum Bier, ihr Talent und ihre Kräfte in den Dienst der durstigen Menschheit gestellt haben. Na schön, Sie haben neuerdings weniger Kunden. Dafür um so mehr Zeit und Energie! Nun denn: Weiht beides einstweilen dem großen Werk der Propagierung! Wir brüsten uns mit Landsleuten, die unser Glas oder unsere Käselaibchen in der Welt berühmt gemacht haben. Aber unsere Heimat ist vor allem eine Wiege der Pädagogik. Warum sollten es nicht abermals unsere Leute sein, von uns in fachlicher und ideeller Hinsicht präpariert, nach deren Know-how die Führer schwarzer, gelber und vielleicht auch gesprenkelter Revolutionen auf allen Kontinenten rufen werden! Wer will uns heute noch ein Volk von Musikanten nennen, da Musikfestivals in jedem, mit Verlaub –
rief der Doktor, und in seiner Stimme schwang der Enthusiasmus des unerschütterlichen Parteigängers mit,
– Scheißloch veranstaltet werden? Warum soll man uns nicht das Volk der geschicktesten, gebildetsten und humansten Scharfrichter nennen?
– Aber da, flüsterte Wolf und mußte erstmals nach vielen Jahren dagegen ankämpfen, daß seine metallische Stimme nicht vor Aufregung versagte, müßten wir eine Schule eröffnen ...
– Na und, fragte der Doktor, als überreichte er ihnen bereits die Schlüssel zum neuen Schulgebäude,
17
– warum nicht?
– Gott, sagte Schimssa plötzlich, Gott, sieh dir das an!
– Gott, wiederholte Wolf seinerseits, wo ist denn das ausgeschlüpft?
Direkt auf sie zu kam eine jener Schwarzhaarigen von spezifisch südländischer Provenienz, bei denen man kaum abzuschätzen vermag, ob sie fünfzehn oder dreißig sind. Ungeachtet der Tatsache, daß eben erst der letzte Schnee geschmolzen war und die Sonne den Bäumen nur mühsam die ersten Knospen entlockte, trug sie ein Sommerkleid aus bedrucktem Batist, das so viel enthüllte wie irgend möglich: lange, kräftige, unbestrumpfte Beine, braungebrannte Arme und vor allem prachtvoll gewölbte Brüste; durch das anschmiegsame Gewebe war deutlich auch das Dreieck des Schoßes auszumachen. Hinter ihr kreisten kreischend Möwengeschwader, und es schien, als näherte sich da der leibhaftige Frühling.
Es war früh am Nachmittag, aber Wolf und Schimssa saßen schon seit fast drei Stunden an ihrem Lieblingstisch im Café ›Sparta‹. Fast drei Jahre waren seit dem Sommerabend in dem stickigen Vorführraum vergangen, wo der Doktor die historische Frage artikuliert hatte. Seine Voraussage, allerdings von zuverlässigen Informationen gespeist, hatte sich bald zu bewahrheiten begonnen. Die goldenen Zeiten der Massenexekutionen waren bisher zwar nicht wiedergekehrt, weil die prüde Ablehnung politischer Prozesse immer noch anhielt, aber der kritische Punkt war überwunden, und die Stabilisierung zeigte sich in der härteren Beurteilung krimineller Delikte. Die verantwortlichen Funktionäre – Wolf und Schimssa witterten dahinter die ameisenhafte Pionierarbeit des Doktors – hatten endlich begriffen, daß Vollstreckungen sich auf die Bevölkerung heilsam auswirken: Der einfache Bürger spürt die feste Hand der Regierung sowie den Wert seiner eigenen Unbescholtenheit; die politische Opposition, und sei sie noch so legal, weiß aufgrund ihrer Intelligenz, daß über die Anwendung der Todesstrafe, solange sie gesetzlich verankert ist, eine Macht bestimmt, die dadurch den Preis der Loyalität diktiert.
Der Aufschwung des Metiers hatte zahlreiche andere Verbesserungen im Gefolge. Bei zunehmender Kundenzahl entfiel das Feilschen um Prämien, Dienstwagen, die Reste der Henkersmahlzeit oder gar um das traditionelle Recht auf den Verkauf des verwendeten Strangs. Es wäre nur natürlich gewesen, wenn Wolf und Schimssa sich nach so vielen mageren Jahren mit offenen Armen den Freuden des Lebens zugewandt hätten. Neunundneunzig vom Hundert ihrer Kollegen hätten das gewiß getan. Sie mitnichten. Wolfs wahre Beziehung zu seinem Beruf hatte ein Vierteljahrhundert zum Kristallisieren gebraucht; hatte ihn zu den Höhen der Professionalität und in die Tiefen der Philosophie geführt. Schimssa war zwar viel jünger, aber nicht umsonst sein Schüler.
Wolf hatte keine Kinder. Die einzige Frau, die er je geliebt hatte und von der er sich welche gewünscht hätte, erlitt eine Fehlgeburt, als er ihr im Austausch für ihr süßes Geheimnis das seine verriet; seither war Markéta unfruchtbar. Was Wunder, daß er seine brachliegende Vaterliebe frühzeitig auf Schimssa übertragen hatte. Und was Wunder, daß der Waisenknabe Schimssa, der nur die unpersönliche Fürsorge von Kinder- und Soldatenheimen gekannt hatte, ihm dies mit einer Zuneigung vergalt, die der Sohnesliebe in nichts nachstand und an Intensität nichts zu wünschen übrig ließ, weil sie nie von den üblichen familiären Querelen getrübt werden konnte und weil er für Wolfs Kunst und Vorhaben tiefste Bewunderung hegte.
Dieses Vorhaben, einst beim Herabstieben der Perseiden aufgekeimt und mit ihnen zusammen vorübergehend erloschen, bekam nun allmählich grünes Licht. Die ungeheure Chance brachte allerdings auch eine ebensolche Verantwortung mit sich. Wolf hatte seit jeher die ketzerische Ansicht vertreten, daß die vielgerühmte Guillotine das Metier in Wirklichkeit nur entwertete. Diesen überdimensionierten Krauthobel konnte jeder beliebige Primitivling bedienen, und jeder Primitivling nützte das auch weidlich aus. Ist es nicht bezeichnend, daß die Franzosen mit diesem famosen Patent nicht weiter kamen als bis auf die eigenen Teufelsinseln? Daß sogar die Nazis in ihrem Märchenreich, wo die Bürger in Scharfrichter und deren Kunden aufgeteilt wurden, Beil und Block vorzogen, bis es an fähigem Personal mangelte? Um wieviel großartiger als eine tote Maschine war das Projekt einer lebendigen Schule, nicht etwa eines Ausbildungskurses, der Serienhandwerker ausspie, sondern einer echten »alma mater carnificium«, deren Absolvent allem begegnet sein würde, was das Exekutionswesen aller Epochen und Kontinente der Menschheit gebracht hatte, und überdies gelernt haben sollte, seine gesamte schöpferische Individualität zu entfalten! Nur das konnte sich – Wolf zufolge – als Sprungbrett erweisen, von dem aus das Metier sich emporschwingen mußte, um sowohl der eigenen glorreichen Tradition, als auch den steigenden Bedürfnissen der Zeit gerecht zu werden.
Die Grundsatzentscheidung war bald gefallen. Schon gegen Ende des Herbstes konnte der Doktor seinen Freunden eine Nachricht übermitteln, die für sie eine ebenso epochale Bedeutung besaß wie ehedem für die amerikanischen Physiker die Zustimmung zum Bau der Bombe. Sie waren intelligent genug, nicht zu fragen, wer dieses Ja erteilt hatte, da sie sich schließlich auszurechnen vermochten, wer die Vollmacht, die Finanzen und auch die Möglichkeit hatte, die neue Institution sowohl nach oben, als auch nach unten zu verheimlichen; das war nämlich die erste conditio sine qua non, die der kluge Wolf freilich einkalkuliert hatte und von deren Notwendigkeit er auch den ehrgeizigen Schimssa zu überzeugen verstand.
Am selben Abend lud er ihn zum erstenmal in seine Wohnung ein, wohin er sonst niemanden mitbrachte, denn nie sollte der Trubel der Welt bis dorthin vordringen; wie bedauerte er, einmal nicht konsequent gewesen zu sein: andernfalls hätte er jetzt das Wunder der Verwandlung seiner Kleinen – der Embryo war schon so weit entwickelt gewesen, daß eine Geschlechtsbestimmung möglich war – in ein Mädchen miterlebt. Wolfs Frau, immer noch attraktiv, obwohl die Zeit und die Sehnsucht unerfüllter Mutterschaft ihr Gesicht gezeichnet hatten, hatte ihnen einen kalten Imbiß bereitgestellt. Sie tanzten ein bißchen, tranken etwas mehr und genossen das Beisammensein; Wolf machte Schimssa sogar das Angebot, ihn inoffiziell zu duzen.
Auf Feiertage folgen Wochentage. Sie waren um so trister, als eine zweite Bedingung die ursprünglichen Pläne grausam durchkreuzte. Der unbekannte, entscheidende Faktor – sie hatten sich zusammen mit dem Doktor angewöhnt, ihn Investor zu nennen – verweigerte strikt das Hochschulstatut und verlangte sogar, die komplette Ausbildung müsse in einem einzigen Schuljahr stattfinden. Ein paar Tage lang durchlebte Wolf eine Krise und war fast entschlossen, den schönen Traum einer verschandelten Wirklichkeit vorzuziehen; und erstaunlicherweise war es Schimssa, der mithalf, sie zu überwinden. Sei seine Ausbildung denn nicht, so argumentierte er, obwohl buchstäblich aus dem Ärmel geschüttelt, in weniger als drei Jahren erfolgt, bis auf ein paar Bücher ohne Requisiten, und dann gleich am Kunden? Es genüge ja, dozierte er mit dem Bleistift in der Hand, wie dem Doktor abgeschaut, den freien Samstag abzuschaffen und eine Intensivschulung vom ersten September bis zum letzten Juni zu organisieren, von morgens bis abends, und die Effektivität werde sich im Vergleich zu gängigen Schulen verdreifachen.
– Ja! sagte Wolf eines Tages und spürte gleichzeitig, wie ihn aller Zweifel verließ und das gewohnte Selbstvertrauen nachrückte, dieser unermüdliche Antrieb seiner heiteren Tatkraft. Dazu beigetragen hatten allerdings auch die Botschaften, mit denen der Investor die Einschränkungen kompensierte. Da war vor allem das Versprechen, die Lehranstalt werde außer den erforderlichen Mitteln für Gehälter, Stipendien und Gerätschaften auch ein anständiges Dach über dem Kopf erhalten, und zwar bei einer größeren Institution, damit sie sich, wie der Doktor sagte, in der Menge verlor. Und ferner das nicht minder wichtige Versprechen, daß trotz des nur einjährigen Studiums, notabene außerhalb des Ressorts des Ministeriums für Schulwesen, die Schüler nach erfolgreichem Besuch nebst erfolgreicher Meisterprüfung nicht nur den Lehrbrief, sondern auch das Abiturzeugnis erhalten würden.
Wolf und Schimssa waren sich vollauf bewußt, daß sie das dem Doktor zu verdanken hatten. Während er einerseits durch geduldiges Argumentieren ihre Forderungen herabschraubte, schien er andererseits alle unermüdlich zu überzeugen, die dem Projekt Segen und Geld geben mußten. Das Ergebnis war deshalb ungeachtet aller Einschränkungen kein jämmerlicher Torso, sondern ein respektabler und hoffnungsvoller Kompromiß, der die Tür zu weiteren Entwicklungen offen ließ. Jetzt, da Wolf sein Selbstvertrauen zurückgewonnen hatte, war er überzeugt, daß schon der Erfolg des ersten, eigentlich des nullten Jahrgangs, die Skepsis des Investors ausräumen und den Weg zum unverändert gesteckten Ziel ebnen mußte. Deshalb wählte er das Motto für das Schulwappen so, daß es später die große Aula einer Universität schmücken konnte: Ohne denken kein henken!
Damals spielte sich eine Episode ab, die in den Annalen der Schule weniger bedeutete als ein Scharmützel im Logbuch eines Schlachtschiffs, die jedoch dokumentierte, wie anspruchsvoll beide geistigen Väter an jedes Detail herangingen; man konnte ihr entnehmen, was für einen Typ von Absolventen sie der Gesellschaft zu liefern gedachten. Es war abermals Wolf, der auf die logische Idee kam, der Wahlspruch der künftigen »alma mater« müsse auch in der Muttersprache der Gebildeten formuliert werden.
– Ich würde allerdings nicht sklavisch übersetzen, sagte er zum Doktor, sondern einen der berühmten Leisten verwenden, für unseren Zweck nur leicht abgewandelt. Beispielsweise würde »Zuerst leben, dann philosophieren!« unter Verwendung von »denken« und »henken« die Wechselbeziehung zwischen beidem großartig folgendermaßen zum Ausdruck bringen: Primum est cogitare, deinde strangulare!
– Hübsch, sagte der Doktor, aber man merkte, daß seine Gedanken wie Radarstrahlen in jene Gehirnwindungen drangen, wo er seit seiner Studentenzeit die Zellen mit den Lateinbeständen eingelagert hatte, wirklich hübsch. Wäre indes das Muster »Wie du säst, so wirst du ernten« nicht präziser? Ut cogitaris, ita strangulabis!
– Großartig, freute sich Wolf, doch da arbeitete sein Gehirn bereits auf vollen Touren, unbestritten großartig! Mir fällt nur soeben die berühmte Weisheit ein: ›Wenn du Frieden haben willst, mußt du zum Kriege rüsten!‹; zwar verlieren wir die Wörter »para bellum«, die sogar zum Markenzeichen von Armeepistolen wurden, aber die Variante wird dadurch nur um so prägnanter: Si vis strangulare, cogita!
– Bravo! Gratuliere! applaudierte der Doktor, setzte das Duell jedoch fort, nicht etwa aus Eitelkeit, sondern weil er sich angewöhnt hatte, jedem Gedanken nachzuspüren wie ein Jagdhund, bis das Problem, wie er lächelnd zu sagen pflegte, »verbellt« war, wenn wir aber schon den Weg lapidarer Apostrophe einschlagen wollen, warum dann nicht gleich à la »Teile und herrsche!«: Cogita ut strangulares!
Und Wolf vermochte nur überwältigt zu nicken; dieser Vorschlag war phänomenal.
Gegen Ende des Frühlings konnte der Doktor dem Investor ausrichten, beide Bedingungen seien akzeptiert, und eine letzte, willkommene mitbringen: Gegen Ende des Winters Vorlage eines genauen Lehrplans für das Probejahr, Entwurf der Aufstellung des Lehrkörpers und Zusammensetzung der Klasse sowie Voranschlag des Etats. Deshalb saßen sie nun, wie täglich außer sonntags, hinter dem Panoramafenster des Cafés ›Sparta‹, das sie vor einem Jahr gewählt hatten, um sich in der freiwilligen Klausur nicht allzu isoliert zu fühlen. Einstweilen hatten sie jedoch sommerliche Platzregen herbstliches Nieselwetter und sämtliche Schneefälle des Winters unbeachtet vorübergehen lassen und ebensowenig Tausende von Straßenbahnen, Hunderttausende von Kraftfahrzeugen und Millionen von Gesichtern wahrgenommen, die während der ganzen Zeit auf dem riesigen Tierkreis des Lebens an ihnen vorbeidefiliert waren. Umgeben von Stößen von Büchern und Notizen, bewaffnet mit Lineal, Radiergummi und Farbstiften, erstellten sie, über steife Quartbögen gebeugt, den Lehrplan, der ihrer Überzeugung nach in die Lesebücher würde eingehen müssen.
Die Kellner hielten sie zunächst für Pädagogen der benachbarten Schauspielschule und titulierten sie dementsprechend: Wolf mit »Herr Professor«, Schimssa mit »Herr Dozent«; und sie übernahmen diese Funktionen aus einem gewissen Aberglauben heraus in die Aufstellung. Nachdem die Ober erst einmal begriffen hatten, daß die beiden nicht etwa aus Knauserigkeit tagelang bei einer einzigen Tasse Kaffee saßen, sondern aus Arbeitswut, hier in eine Debatte vertieft, dort ins intensive Verfassen von Übersichtsplänen, begannen sie sich selbst um sie zu kümmern; zunächst wie um komische Käuze, dann wie um Stammgäste und schließlich wie um Familienangehörige. Der Schichtdienst sorgte für Abwechslung auf der Speisekarte, und manchmal brachten ihnen die Serviererinnen sogar hausgemachte Leckereien.
Dank einer unglaublichen Selbstzucht gelangten sie noch vor dem Winter aus Nacht und Nebel – sie konnten sich ja an kein Vorbild, kein Muster halten – zur ersten Konzeption, und dann ging es mit Riesenschritten vorwärts. Da hatten sie sich bereits klargemacht, daß die tödliche Krankheit der Pädagogik »Uferlosigkeit« heißt, und beschlossen, ihr Gebäude auf vier Tragpfeilern zu errichten:
Der erste sollte das klassische Exekutionswesen sein. Dieser zweifellos theoretische Gegenstand wurde nicht nur deshalb aufgenommen, weil darin die Idee einer wissenschaftlichen Anstalt vorherrschte, sondern weil Wolf der Überzeugung war, daß ohne dessen Kenntnis kein Scharfrichter fachliche oder menschliche Dimensionen gewinnen konnte. Es verstand sich von selbst, daß er die einschlägigen Vorlesungen halten würde. Daran anknüpfen sollte das moderne Exekutionswesen, von Schimssa gelesen, ebenfalls mehr theoretischer Natur, unter Einbeziehung zwar zeitgenössischer, jedoch in anderen Regionen praktizierter Vollstreckungsarten; es versprach denjenigen Schülern eine solide Grundlage zu vermitteln, die – wie der Doktor es sich erträumte – im Rahmen kultureller Abkommen für den Export arbeiten würden. Als zwei Hauptfächer waren Hängen und Foltern vorgesehen. Hier sollten die Schüler eine allumfassende Vorbildung genießen, um bereit zu sein, sämtliche anspruchsvollen Aufgaben zu erledigen, die ihnen die Gesellschaft stellen würde. Das Fach Hängen wollte, seiner größeren Erfahrung halber, Wolf lesen. Um das Fach Foltern bewarb sich überraschenderweise Schimssa selbst. Im Rahmen der Qualitätsanhebung des Unterrichts, so kamen sie überein, sollte Wolf bei Schimssa Gastvorlesungen über peinliches Recht, Schimssa bei Wolf über Strangulation halten, also über ihr jeweiliges Steckenpferd.
Am Silvesternachmittag erblickte der »Übersichtsplan des Jahreslehrplans«*) das Licht der Welt. Im Kreuzworträtsel der Unterrichtsmonate und Lehrgegenstände erschien wie unter Röntgenbestrahlung das ideale Rückgrat des Gesamtprojekts. Ein Blick darauf mußte dem Fachmann verraten, daß es, trotz Wolfs Ablehnung der hellenistischen Kultur – für das Exekutionswesen eine finstere Epoche! –, aus dem Idealen der Kalokagathia erwuchs und einen harmonischen Akkord von Leib und Seele anschlagen sollte. Wolf war entschlossen, gegen das Fachidiotentum ins Feld zu ziehen, das in den Scharfrichterhäusern der Vergangenheit seinen Platz gehabt haben mochte, da es Amateuren erfolgreich den Zutritt zum Metier verwehrte, seither jedoch längst zur Beschwörungsformel der Konservativen geworden war: Gegen die gebildeten Vollstrecker neuen Schlages wetterten ja am lautesten jene Nichtskönner, die nie gelernt hatten, ordentlich ein Genick zu brechen. Wolf und auch Schimssa wollten den Schülern klarmachen, daß es ihnen zwar nichts nützen würde, den gesamten von Hentig (›Die Strafe‹, ›Über den Ursprung der Henkersmahlzeit‹, ›Der Gangsten‹) zu kennen wie das Einmaleins, wenn sie nicht henken konnten wie geschmiert; daß hinwiederum bei gleicher Leistung derjenige die bessere Note und deshalb auch eine bessere Plazierung erhalten würde, der den kompletten von Hentig auswendig kannte. Also wurde die Doppelreihe der Grundfächer um acht Nebenfächer erweitert, um das Rückgrat der Schule in ein nervliches und gastrisches System zu betten, damit aus der Schule ein lebendiger Organismus würde.

Tab. 1

Tab. 2
Der Jahresplan hatte zwar die meiste Mühe gemacht, war aber zugleich der bündigste. Als höchst kompliziert erwiesen sich die »Monatslehrpläne«*, insgesamt zehn, die sie gleich am Neujahrstag in Angriff nahmen, als ihnen wahrhaft nur noch eine Galgenfrist blieb. Hierbei genügte es nicht mehr, in das Kästchen am Schnittpunkt März/klassisches hinrichtungswesen nur Besondere vollstreckungsmethoden II – Exotica einzutragen, sondern man mußte das gesamte Pensum auf mindestens vier Blöcke aufteilen, damit für die einzelnen Wochen vorgeplant werden konnte. Es mußte entschieden werden, ob die »Exotica« einfach andere Kulturkreise erfassen oder auch die Problematik unterentwickelter Länder aufzeigen sollten.
– Falls wir die erste Alternative akzeptieren, hatte Wolf damals überlegt, während am Nebentisch die Studentinnen der Schauspielschule vor der Prüfung mutmaßten, welcher der Examinatoren sich am ehesten bezirzen ließe, dann fallen unter den Begriff »Kulturelles« auch ganz primitive Formen, wie etwa die Vollstreckung mittels des sogenannten Hinrichtungsbaumes, des Upasbaumes, von dem Kerl Petržílka in den ›Gärtnerblättern‹ anno 1907 sagt: »Wird nun –
zitierte Wolf, während am Nebentisch einige Rentner Mineralwasser bestellten, um gratis die Tagespresse lesen zu können,
– über jemanden, das Todesurteil verhängt, dann fragt ihn der Richter, ob er durch die Hand des Henkers sterben oder ein wenig Saft vom Upasbaum zapfen möchte. Der Verurteilte wünscht meist letzteres, da er eine gewisse Hoffnung auf Rettung darin erblickt. Mögen sie auch noch so vielfältige Vorkehrungen treffen, so fallen doch neun von zehn, sobald sie das Laub berühren, vom Baum –
fuhr Wolf fort, während vom Nebentisch die alten Männer von der Kellnerin vertrieben wurden, die dort Pädagogen der Schauspielschule unterbringen wollte,
– und sind tot.« Für einen Kulturmenschen ist die Wahl zwischen einem erfahrenen Vollstrecker und einem scheußlich klebrigen Gewächs einfach undenkbar. Wählen wir hingegen Alternative Nummer zwei –
fuhr Wolf fort, während am Nebentisch die Pädagogen darüber diskutierten, welche der Examenskandidatinnen sich am leichtesten herumkriegen ließe,
– berauben wir die Schülerschaft um die echten Exotica hochentwickelter Zivilisationen, die der Ausfeilung vollstreckerischer Finessen die gleiche Aufmerksamkeit gewidmet haben wie der Gastronomie, ob ich als Beispiel nun die berühmte kaiserlich-chinesische Vollstreckung vermittels Wasser herausgreife, das in regelmäßigen Intervallen auf den fixierten Nacken des Kunden tropft, oder –
fuhr Wolf fort, während am Nebentisch alte Frauen Limonade bestellten, um billig über ihre Krankheiten plaudern zu können,
– die berühmt-berüchtigte Massenvollstreckung der Azteken, wobei die Spanier vor dem Altar Schlange standen, wo ihnen mit einem Steinmesser bei lebendigem Leibe das Herz herausgeschnitten wurde, oder –
fuhr Wolf fort, während am Nebentisch die Greisinnen vom Kellner vertrieben wurden, der dort eine lustige gemischte Gesellschaft aus der Schauspielschule installieren wollte,
– um auch unser, die Früchte der technischen Revolution nutzendes Jahrhundert zu erwähnen, die in Japan beliebte Vollstreckung mittels Lokomotive, in deren Heizkessel nicht nur Kohlen verfeuert wurden, sondern auch –
beendete Wolf den vielstündigen Vortrag, während auf dem Nebentisch schon die Stühle lagen und Pädagogen und Studentinnen aufbrachen, um sich von der Richtigkeit ihrer Tips zu überzeugen,
– Bolschewiken.
Dabei waren weder Wolf noch Schimssa Schwätzer. Jede ihrer Diskussionen, übrigens der Keim zu Skripten, ergoß sich zwar wie ein vom Monsunregen geschwellter Fluß über die gesamte Problematik, kehrte dann aber gehorsam ins Bett des Plans zurück. Das Dilemma war gelöst, noch bevor abkassiert wurde: Um die Grenze zwischen den Entwicklungsstufen sichtbar zu machen, sollten die ersten drei Märzwochen den echten Exotica aus anderen Zivilisationssphären gewidmet sein, und in der letzten die »Anomalia«, womit Wolf diplomatisch das Wort »Primitiva« ersetzte, durchgenommen werden. So sollten die Studenten auch etwas über das unendlich anstrengende, in Asien geübte Schinden erfahren, wobei die Haut unbeschädigt bleiben mußte, sowie über die einfachen afrikanischen Vollstreckungen mittels Elefant, Termiten, hochschnellender Palme oder herabschnellendem Bambus.
Bei dieser Gründlichkeit benötigten Wolf und Schimssa für einen Monatslohn mehrere Tage, und dabei bedeutete jede noch so geringe Verspätung, daß der Start sich um ein volles Jahr hinauszögern würde. Daher waren sie ehrlich verzweifelt, als sie Ende Januar einen Anweisungsschein für gleich zwei Kunden erhielten. Da benützte Wolf zum erstenmal die Geheimnummer und rief am Abend den Doktor an. Trotz der späten Stunde meldete sich eine äußerst strenge Sekretärin, und Wolf mußte sich erst mit dem verabredeten Codewort als »Vorsitzender« deklarieren, ehe sie ihn weiterverband. Falls er es einrichten könne, brachte Wolf sein dringendes Anliegen vor, daß die zwei warteten, bis das eine fertig war, seien er und Schimssa gewillt, für deren verlängerten Aufenthalt in der Todeszelle aus eigener Tasche aufzukommen. Ein so selbstloses Angebot konnte der Doktor nicht ungehört verhallen lassen, und infolgedessen gelang es ihnen, die Monatslehrpläne sogar früher fertigzustellen als vermutet: schon am 20. Februar.
Demgegenüber klappte es mit den Wochenlehrplänen*, vor denen sie sich am meisten gefürchtet hatten, wie am Schnürchen. Zu verdanken war dies der perfekten, in den vorangegangenen Etappen so sorgfältig ausgearbeiteten Themenaufteilung. Idee und Arbeitsmethode der Schule erfüllten bereits die Funktion einer selbsttragenden Konstruktion, an der man risikolos verschieden schwere Fertigbauteile aufhängen konnte. Zweiundvierzig Bogen füllten sich erfreulich. Den überzähligen mit der laufenden Nummer 17 behielt Wolf großzügig den Weihnachtsferien vor, nachdem Schimssa ihn überzeugt hatte, daß es der Sache nur förderlich sein würde, wenn die Kinder, wie sie sie schon vertraulich nannten, ohne sie zu kennen, das schöne Fest der Menschlichkeit genauso genießen durften wie ihre Altersgenossen. Er überredete Wolf sogar, das gesamte Schüler- und Lehrerkollektiv eine Silvesterfahrt ins Gebirge unternehmen zu lassen, am besten gemeinsam mit irgendeiner normalen Schule. Sei es etwa nicht gut, den Kindern das Elitegefühl auszutreiben, das die Studenten der Schauspielschule zur Schau trügen? Sei es etwa nicht nötig, in ihnen Generationszusammengehörigkeitsgefühl heranzuzüchten, damit sie ihren künftigen Kunden mehr Verständnis entgegenbrachten?
Wolf gefiel dieser Enthusiasmus, der verriet, daß Schimssa mental mehr zu den Jungen gehörte. Er tat ihm den Gefallen gern, weil der Planungsverlauf seine Zweifel zerstreut und ihm sogar beachtliche Reserven aufgedeckt hatte. Und so verblüffte er Schimssa durch den Vorschlag, die Wiederholung des wöchentlichen Lehrstoffs schon in den Freitagsblock einzubauen und den Samstag Ausflügen vorzubehalten. Studienfahrten, fügte er lächelnd hinzu, als er sah, wie Schimssa in die Knie ging, und erläuterte ihm, wie er sich das vorstellte: Die Klasse fährt an einen der mit dem durchgenommenen Thema verknüpften Orte, von denen es in der Heimat nur so wimmelt, sei es nun ein berühmter Galgenberg, der moderne Vollstrekkungsraum einer Bezirksstrafanstalt oder eine andere interessante Lokalität. Unterwegs können die Kinder Sport treiben, und die Pädagogen erhalten Gelegenheit, sie aus einer anderen Perspektive kennenzulernen als ex cathedra. Schimmsa war begeistert, und seine Beziehung zu Wolf wurde inniger, ohne daß sie allerdings die Grenzen überschritt, die sowohl Respekt als auch Subordination diktierten.
Sie waren einfach glücklich und fruchtbar, diese Tage Ende Januar, und das Kaffeehauspersonal, das längst zu der Erkenntnis gelangt war, daß diese fleißigen Männer nicht zu den Müßiggängern aus der Schauspielschule gehörten, sondern zu den führenden Vertretern der benachbarten Akademie der Wissenschaften, spürte das und bemühte sich, ihnen Störungen fernzuhalten. Es errichtete um sie einen Wall aus Tischen mit Reserviert-Schildern, was ebenso rührend wie überflüssig war: Sie nahmen die Welt, in der sie lebten, längst nicht mehr wahr; sie weilten mit sämtlichen Sinnen bereits in der Welt, die aus diesen beschriebenen Papieren erst erstehen sollte. Sie planten Exkursionen, diskutierten über die Einrichtung von Kabinetten, ersannen kulturelle und sportliche Unternehmungen, stießen auf die Frage der Mittagspause und somit der Verpflegung, lösten hundert und ein Problem, hatten aber bei alledem das Gefühl, über den Berg zu sein. Das zweiundvierzigste Blatt duftete nach dem Heu des nächsten Sommers und trug die Überschrift Abitur- und meisterprüfungen. Sie paraphierten es am 1. März.

Tab. 3
Anschließend machten sie sich an die »Tagespläne«. Selbst nach Abzug von Exkursionen, Sonntagen, Weihnachten und Prüfungszeit verblieben noch 279 Unterrichtstage und zehnmal so viele Unterrichtsstunden; jede davon mußte mit genau dosiertem Inhalt ausgefüllt werden und garantiert erfolgreich ablaufen. Das bedeutete, 2790mal Fragen fast detektivischen Charakters zu beantworten: was, wie, wer und wo, woher und wohin, desgleichen womit. Diese zwar mechanische Aufgabe – die, wie Wolf es nett ausdrückte, eher gutes Sitzfleisch als einen guten Kopf erforderte – erwies sich jedoch als recht kompliziert, da die ersten Unbekannten dem Projekt ihre Aufwartung machten: die externen Mitarbeiter.
Der Doktor hatte sich schon früher ihren Vorschlag zu eigen gemacht und beim Investor durchgesetzt, den Schülern einige marginale Spezialgebiete per Fernstudium nahezubringen. Davon versprach man sich vor allem eine Beschränkung des Kreises der Eingeweihten, denn die Pädagogen der zuständigen Fachschulen, die in der Freizeit auf eigenem Boden unterrichteten, würden für ein angemessenes Honorar ihre Routinearbeit verrichten, ohne die Zusammenhänge auch nur zu ahnen. Es war bereits ausgemacht, daß zur Bedingung für die Aufnahme in die Höhere Lehranstalt für Exekutionswesen – so der endgültige Name der Schule – ein schriftliches Schweigegelübde seitens der Schüler und Eltern abgelegt werden sollte, die bei Nichteinhaltung eine strenge Bestrafung zu gewärtigen hätten. Zwecks völliger Geheimhaltung mußten jedoch auch organisatorische Voraussetzungen geschaffen werden: Als ebenso gefährlich wie Indiskretion mochte sich simple Unachtsamkeit erweisen. Der Name der Schule wurde deshalb so gewählt, daß die Abkürzung Höhle auch »Höhere Lehranstalt für Ernährungswissenschaft« bedeuten konnte. Unter diesem Decknamen sollten die Schüler ambulant Nebenfächer studieren und sich Verwandten, Freunden, Behörden und dergleichen präsentieren. Der wachsame Doktor kalkulierte sogar mit ein, daß man sie früher oder später irgendwo auffordern würde, etwas zu kochen, und er setzte durch, daß Wolf unter »Sonstiges« auch ein kulinarisches Minimum einplante.

Tab. 4
Noch ein Problem erhob sich. Da Wolf und Schimssa die ideelle, juristische und materielle Verantwortung für das gesamte Institut tragen, in zwei Hauptfächern unterrichten und zudem ihren Beruf ausüben sollten, um nicht das Schicksal jener Wissenschaftler erleiden zu müssen, die den Kontakt mit dem Leben verloren haben, konnten sie nicht noch zusätzlich Requisiten aus den Kabinetten herbeischaffen oder das Gelände abschließen. Die Tagespläne mußten also unbedingt zumindest dem Schulwart und den eingeweihten qualifizierten Mitarbeitern ausgehändigt werden. Hierbei drohte nun die reale Gefahr des Verlustes, und sei es durch höhere Gewalt. Vorbeugen konnte man nur mit Hilfe von Chiffren.*) Als sie die erste, für den Doktor, suchten, nahm Schimssa einen Bleistift und begann Umstellungen vorzunehmen. Dabei kam zunächst Rot heraus, gleich beim nächsten Versuch aber Kord. Nach wochenlanger intellektueller Plackerei stellte sich eine spontane Reaktion ein: Schimssa lachte wie ein Kind, und Wolf sekundierte ihm fröhlich. Der aufgeschreckte Kellner, gewöhnt, ihnen in regelmäßigen Intervallen Kaffee oder Grenadine zu servieren – zu ihrer Klausur gehörte auch Abstinenz – eilte herbei, um zu fragen, ob die Herren etwas wünschten.
Sie wünschten französischen Cognac und wünschten ferner, dieser möge für immer das ekelhafte rosa Wasser ersetzen, woraufhin das Personal überzeugt war, sie hätten eben eine Entdeckung gemacht, die ihnen den Staatspreis eintragen mußte. Von Stund an war es, als hätten sie eine anstrengende Fußwanderung beendet und glitten auf den Flügeln des Erfolges dahin. Unter Lachsalven führten sie die Liste der Abkürzungen zu Ende und stürzten sich auf den Stundenplan. Obwohl es sich um komplizierte Verknüpfungen der einzelnen Stoffe, um Übergänge zwischen den Objekten und Verschiebungen der Pädagogen und Lehrmittel handelte, bewältigten sie spielend bis zu dreißig Tagen pro Tag, so daß sie am 20. März zur Mittagsstunde buchstäblich einen Eisenbahnfahrplan vor sich hatten, der gewährleistete, daß sie mit ihren Schülern auf die Minute pünktlich und auf den Zentimeter genau die Endstation erreichen würden.

Wie Läufer, die ungeachtet ihrer Erschöpfung aus Freude über den Sieg noch eine Runde laufen, nahmen sie sich unverzüglich die letzte Folge vor: Wen sie eigentlich ausbilden und woher sie die Auszubildenden nehmen sollten. Sie spürten, daß sie einen jener kostbaren Lebenstage durchlebten, da kein Maler den Pinsel und kein Dichter die Feder weglegt, um Gott nicht zu versuchen. Sie waren bereits früher übereingekommen, daß die Klasse keine Serienprodukte, sondern verschieden profilierte Persönlichkeiten hervorbringen sollte. Sieben, ergänzten sie nun. Diese Zahl, weder zu groß noch zu klein und darüber hinaus mit einer gewissen magischen Tradition behaftet, repräsentierte ein leicht zu handhabendes Kollektiv und versprach schlechtestenfalls ein brauchbares Fünfergespann. Danach gingen sie von beiden Richtungen aus: von idealen Typen und von konkreten Namen.
Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.