Kitabı oku: «Die Schlinge»

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Pavel Kohout

Die Schlinge

Roman

Aus dem Tschechischen von

Aleš Půda

Saga

Ebook-Kolophon

Pavel Kohout: Die Schlinge. Aus dem Tschechischen von Aleš Půda. © 2008 Pavel Kohout. Originaltitel: Smyčka. Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2016 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen 2016 All rights reserved.

ISBN: 9788711449042

1. Ebook-Auflage, 2016

Format: EPUB 3.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt und Ringhof und Autors nicht gestattet.

SAGA Egmont www.saga-books.com - a part of Egmont, www.egmont.com.

I. Frühling 1948

1

Sie war sich bewusst, dass sie auf das Treffen mit Jan zuerst sehnsüchtig, dann hoffnungsvoll und später nur noch mit Bedenken auf den Tag genau drei Jahre und drei Monate gewartet hatte, jetzt aber kam ihr jede weitere Minute unendlich vor.

Das Gesicht ihres Mannes riss sie aus ihren Gedanken. Sie konzentrierte sich auf die Leinwand und sah ihn mit seinen treuesten Verbündeten ins Prager Volkshaus hineingehen. Dazu sagte eine männliche Stimme, dass die bevorstehende Vereinigung der sozialdemokratischen Partei mit der kommunistischen aller Voraussicht nach mit der Unterstützung des Abgeordneten Felix Fischer stehe und falle. Er wurde als Minister in Beneš’ Exilregierung und als namhafter Kommentator der tschechischen Rundfunksendung ›London Calling‹ erwähnt, der sich von seinen Zuhörern in der Heimat den gesamten Krieg über mit den Worten »Gute Nacht und feste Hoffnung!« zu verabschieden pflegte.

Das Kino ›Eintracht‹ im Prager Stadtteil Dejvice gähnte an diesem sonnigen Mainachmittag vor Leere, die Zuschauerpärchen waren vermutlich in ebensolchen Logenplätzen versunken, wie sie selbst. Wie in ihrem geliebten Kino in Brünn, wo sie einst die unbeholfenen Zärtlichkeiten ihrer ersten Verehrer erfahren hatte, war man voneinander durch solide Wände getrennt. Und wie in dem Kino, das zusammen mit Dresden niedergebrannt war ... Sie lud Jan Soukup hierher nicht aus Sentimentalität, sondern aus Not ein. Die Kinos gehörten zu den seltenen Orten, wo sie ihr Seidentuch vom Kopf nehmen konnte, ohne dass irgendjemand ein Autogramm von ihr wollte.

Von dem Augenblick an, als Felix sie unerwartet gebeten hatte, ein Treffen für ihn mit Jan zu vereinbaren, ohne Aufsehen zu erregen, lebte sie in ständiger Anspannung. Es grenzte an ein Wunder, dass sie ihn die ganze Zeit lang in Prag nicht getroffen hatte, zumal er jetzt genauso bekannt war wie sie. Felix’ Anliegen versprach, sie von ihrer größten Furcht zu befreien: dass sie einander zum ersten Mal wieder vor anderen Leuten träfen und gezwungen sein würden, Belanglosigkeiten auszutauschen, die der Zeit, die sie zusammen verbracht hatten, nicht würdig wären. So abstoßend, und doch so wunderbar!

Sie brachte es nicht fertig, die Rolle der Schauspielerin abzulegen, und arrangierte so das heutige Treffen lange im Voraus. Sie darf sich nichts zuschulden kommen lassen, womit sie ihn verletzen oder gar beleidigen könnte. Aber sie darf auch all das nicht zulassen, was das unsichere Gleichgewicht bedrohen könnte, das sie nur mit Mühe gewonnen hat, nachdem sie erst zu spät erfuhr, dass er am Leben blieb. Sie wird also zuerst seine Hand nehmen und ihre Entschuldigung wiederholen, die sie ihm damals nur zu schreiben und an seine Mutter zu senden gewagt hat. Dann wird sie Felix’ Nachricht überbringen und Ort sowie Zeit verabreden. Daraufhin wird sie ihn bitten, vor ihm gehen zu dürfen. Und bevor sie die Loge verlässt, wird sie ihm viel Glück wünschen und ihm einen Kuss auf die Wange geben ...

Von der Leinwand schallten Kampflieder zweier Umzüge mit unterschiedlichen Fahnen. Hämmer und Sicheln wechselten sich mit roten Nelken ab. Eine männliche Stimme sagte dazu, dass der erste Mai 1948, der Tag der Arbeit, wahrscheinlich der letzte sei, den beide Linksparteien in diesem Land getrennt begingen.

Plötzlich rüttelte sie eine Berührung auf. Eine Hand legte sich sanft an ihren entblößten Hals. Sie fing an zu zittern. Streichelnde Finger besänftigten sie. Endlich sammelte sie ihre Kräfte und schaute auf. Jan stand dicht hinter ihrem Stuhl und sah sie an. Sie schaute ihn an und vergaß völlig, was sie sich zurechtgelegt hatte. Die schallende Marschmusik wurde von einem modischen Schlager abgelöst, der Hauptfilm begann. Nach einer Weile setzte sich Jan zu ihr und umarmte sie.

Es war genauso wie vor vier Jahren in Dresden. Sie begann ihn so zu küssen, als hätte sie all das nachholen wollen, was sie mit ihm verpasst hatte. Von der Leinwand plätscherte dazu ein seichtes Lustspiel, das noch während der deutschen Okkupation gedreht worden war. Er unterbrach die Umarmung, griff in seine Tasche und zeigte ihr einen Ring mit zwei Schlüsseln.

2

Jan Soukup liebte Kamila Nostitzová seit dem Moment, als er sie im brechend vollen Lucernasaal zum ersten Mal gesehen hatte. Und von da an konnte er Felix Fischer nicht leiden. Zuvor hatte er ihn respektiert als einen der besten Professoren, den ihm die philosophische Fakultät in seinem ersten Studienjahr anbieten konnte, ihn störte es eigentlich auch nicht, dass er Mitglied einer bourgeois gewordenen sozialdemokratischen Partei war, eine Zeit lang sogar ihr Abgeordneter, bevor ihn die Karlsuniversität anzog. Jan imponierte auch seine bezaubernde französische Ehefrau, mit der er ihn ab und an gemeinsam im Café Slavia sah.

Sozialdemokraten waren auch Jans Großeltern gewesen, aber schon der Vater und die Mutter hatten zu den Abtrünnigen gehört, die an die russische Revolution geglaubt und sich danach gesehnt hatten, dass die Diktatur des Proletariats auch die Tschechoslowakei aus den Fesseln der Bourgeoisie löse. Dass die Revolution mit einem Mal auch den Sohn vereinnahmte, den vorher eigene lyrische Versuche voll und ganz beschäftigt hatten, bewirkte jene Manifestation der Prager Antifaschisten, die für die Verteidigung der Republik gegen Hitler im Herbst 1937 eintraten.

Vor Ende der Abendvorstellung trat das Mädchen mit den kastanienfarbenen Haaren auf, das in einer gedämpften Altstimme Verse von Majakowskij rezitierte. Für Jan war dies bis dahin keine Poesie gewesen, eher eine eigentümliche Form der Agitation. Für ihn war Jessenin der König unter den Dichtern. Diese junge Frau, sichtlich reifer als Jan, hauchte ihnen durch die Art ihres Vortrags eine überzeugende Wahrhaftigkeit ein, sie erinnerte ihn an die Heldin des Bildes, das im Gang der Volksschule hing und die Französische Revolution auf den Barrikaden verkörperte. Der Lucernasaal donnerte, applaudierte und stampfte, aber Jan hörte eine bis dahin ungekannte Stille in sich. Er fühlte sich vor dem Taifun in dessen Auge geborgen.

Den Mädchen lief er nicht hinterher, sie suchten ihn selbst aufgrund seines maskulinen Äußeren, seines zuvorkommenden Gemüts und seines vielseitigen Talents. Nach den jungen Kommunistinnen waren es die Philosophinnen in bestickten Blusen, die züchtig ihren Busen verhüllten. Er schrieb ihnen Liebesgedichte, aber er wusste nur zu gut, dass diese Leidenschaft gekünstelt war. Im Lucernasaal entdeckte er die Liebe. Er kämpfte sich hinter die Kulissen, um sie wenigstens ansprechen zu können. Da führte sie sein verheirateter Professor Hand in Hand fort. Und Jan verspürte zum ersten Mal Hass.

Die Fakultätsaula wurde für ihn zur ersten Kampfarena, wo im Vorfrühling 1938 die Sprecher führender politischer Parteien in einer heftigen Diskussion, ob es die bedrohte Republik zu verteidigen gälte oder nicht, aufeinandertrafen. Felix Fischer war der Einzige, der nicht zum Krieg blies, sondern zur Besinnung mahnte. Der Student im zweiten Studienjahr Jan Soukup meldete sich zu Wort und beschuldigte ihn hitzköpfig, die Sozialdemokratie hätte sich im Gegensatz zu den Kommunisten geweigert, die seitens der Sowjetunion selbstlos angebotene Hilfe anzunehmen. Er erntete ähnliche Ovationen wie seine Liebe im Lucernasaal; jene entdeckte er hier am Rand der letzten Reihe und trug nun seinen Ringkampf vor ihr aus.

Da hatte er schon längst ihre Ophelia gesehen, für die sie das Nationaltheater eingeladen hatte, und er wusste, dass Kamila Nostitzová, von einem verarmten Zweig eines berühmten Geschlechts abstammend, sein Schicksal war. Er arbeitete als Laufbursche, um sich die Eintrittskarten leisten zu können, und war bald in jeder Vorstellung. Er kämpfte mit Fischer um sie, indem er zu seinen weiteren Meetings kam und ihm zum Dauerrivalen wurde, den auch der berühmte Nebenbuhler ernst zu nehmen begann. Um sich vor Kamila nicht zu blamieren, eignete er sich gezwungenermaßen schnell eine verbale Noblesse an, die den übrigen jungen Kommunisten durch die Bank fehlte. Er begann eifrig alles zu lesen, was ihm in die Hände fiel. Mit Hilfe von Lehrbüchern für Autodidakten biss er sich mühselig durch die Grundlagen des Deutschen und des Russischen. Er besuchte Konzerte und Ausstellungen. Er wusste bald, dass das Vorbild seiner Angebeteten Delacroix gemalt hatte. Er hing eine Reproduktion davon in seinem Zimmer auf und stellte sich manchmal vor, wie er sich mit ihr der Liebe hingab ...

Die Schauspielerin tauschte zwischenzeitlich die Bretter des Nationaltheaters gegen eine Bühne ein, die zwar klein, aber vor allem durch die Person des Chefs berühmt war, dessen avantgardistische Regiearbeit einem den Atem raubte. In der letzten Inszenierung spiegelten die Montagues und die Capulets den Zwist zwischen den Tschechen und den hiesigen Deutschen wider, und Romeo und Julia waren ihre Opfer. Insbesondere Kamila, dieses Mal das zierliche Gegenteil einer Revolutionärin, war so ausgezeichnet, dass sie den Staatspreis bekam. Jan musste auch für billige Eintrittskarten lange anstehen. Im Geiste war er selbst ihr Romeo und badete im Schlussapplaus, als ob dieser auch ihm gebührte.

Es war nicht der Tag im Oktober 1938, an dem in München die Verstümmelung der Republik unterzeichnet wurde, der für ihn zu einem rabenschwarzen Tag wurde, sondern jener, an dem die Zeitungen die Nachricht brachten, dass der fünfzigjährige Felix Fischer sich scheiden ließ, um die fünfundzwanzigjährige Kamila Nostitzová zur Frau nehmen zu können. Ein Greis heiratete sie! Es schauderte ihn, und er verdrängte dabei völlig aus seinem Kopf, dass er selbst, beinahe fünf Jahre jünger, aus ihrer Sicht kaum der Pubertät entwachsen war. Er schloss sich vor seiner Mutter ein, betrank sich zum ersten Mal heimlich und weinte sich aus, aber er schrieb auch das erste Gedicht, wobei er sich sicher war, dass es genauso wahrhaftig war wie seine Tränen.

Dann trat Präsident Beneš zurück und flog nach London. Mitte März 1939 folgte ihm Professor Felix Fischer eilig nach und wurde zu seiner rechten Hand. Nahezu zeitgleich erteilte Hitler nämlich der freien Slowakei seinen Segen, Böhmen und Mähren stellte er unter sein Protektorat. Das Blatt der tschechischen Faschisten, ›Vlajka – Die Flagge‹, begann das linksgerichtete Theater wahllos anzugreifen. Nach dem Regisseur drohten sie am meisten Kamila, und Jan atmete innerlich auf, als die Inszenierung aus dem Repertoire genommen wurde.

Die letzte Demonstration erlebte er am 17. November desselben Jahres. Die Studenten gedachten eines Kommilitonen, den unweit des Wenzelsplatzes eine deutsche Gewehrkugel getroffen hatte. In der Nacht wurden einige ihrer Funktionäre verhaftet und noch im Morgengrauen erschossen. Weitere Hunderte wanderten zur Abschreckung ins KZ, und die Deutschen machten die tschechischen Hochschulen dicht, bis sich das Volk bessern würde. Jan hatte Glück. Er entkam der Säuberungsaktion, arbeitete wie sein Vater am Masarykbahnhof, der nun Prag-Mitte genannt wurde, schrieb Verse und dachte mit anmutiger Leidenschaft an Kamila Nostitzová.

Die Protektoratszeitungen schmähten Felix Fischer als einen der schlimmsten Landesverräter. Und bald vermeldeten sie, dass seine Ehefrau, die ehemalige Schauspielerin des eben aufgelösten Theaters, die Scheidung eingereicht hatte. Jans Mutter verurteilte dies. Sein Vater war der Meinung, dass die Eheleute sich nur zum Schein trennten, damit die Deutschen hier keine Geiseln hätten. Jans Stimmung hellte sich so weit auf, dass er sich sogar schämte. Die Suche nach ihr blieb allerdings erfolglos, aus der Gerüchteküche vernahm er bloß, dass Kamila ein Spielverbot hätte und wahrscheinlich in Mähren lebte.

Dann hatte er selbst genug Sorgen. Am Bahnhof stöberten die Deutschen eine Gruppe auf, die die Lebensmittelzufuhr an die Front sabotierte. Den letzten Akt des Widerstands stellte ein Waggon dar, der morgens unter einer schattigen Rampe hervor in die Augustsonne geschoben wurde. Zum Abend hin war das weite Umland von einem unerträglich gewordenen Gestank verpestet und von Fliegenschwärmen übersät. Sobald sie die Türen aufschoben, floss eine zähflüssige Lava ranziger Olmützer Quargeln heraus. Jans Vater wurde bei der Gestapo arg verprügelt und erlitt dabei einen Riss der Nieren. Aus dem Krankenhaus schickten sie ihn heim zum Sterben, und der Sohn begriff, dass er seiner am Boden zerstörten Mutter Halt geben musste.

Im Juli 1944, am Tag seines sechsundzwanzigsten Geburtstages, stellte ihm jedoch ein Polizist einen Einrückungsbefehl zum Totaleinsatz im Reich zu. Jan sorgte dafür, dass sich ehemalige Genossinnen aus der verbotenen Partei um seine Mutter kümmerten, und durchlitt zwei Nächte und zwei Tage in einem Zug, der Militärtransporten Vorfahrt geben musste. Umso erstaunter war er, als er in Dresden aussteigen durfte. Man munkelte, die Alliierten hätten beschlossen, dem prachtvollen Venedig an der Elbe den Bombenhagel zu ersparen.

Bei der Herstellung von Metalleinzelteilen für einen nicht näher bestimmten Zweck schufteten Männer und Frauen aus ganz Europa in der weiträumigen Fabrik zwölf Stunden täglich, sechs Tage in der Woche, am Sonntag aber durften sie aus den Barackenlagern in die Stadt gehen. Zum Boulevard dieser Sklaven der Neuzeit wurden die ausgedehnten Elbtalwiesen gegenüber dem Zwinger, von wo aus Canaletto das Schloss verewigt hatte. Seine Gemälde waren längst im Bunker, und wenn man vom gegenüberliegenden Ufer schaute, ersetzte sie das Stadtbild selbst. Schon am ersten Augustsonntag schlenderte Jan dort wie im Traum herum, er strich vorbei an einem sprachlichen Kunterbunt, nahm das überwältigende Panorama hinter dem Fluss wahr und versuchte eine Ausdrucksform zu finden, wie er jenes mit Worten malen könnte. Beinahe wäre er dabei über Kamila gestolpert.

Sie saß allein in der Nähe des schnell fließenden Wassers und sonnte sich.

»Verzeihen Sie«, fragte er vorsichtig, »sind Sie es ...?«

Es war offenkundig, dass sie nicht gerne gestört werden wollte, aber kaum hatte sie ihre Augen abgeschirmt, sprang sie auf wie eine Schülerin beim Eintreten des Klassenlehrers.

»Nein«, sagte sie und wiederholte es, »nein, nein ... Jan Soukup ...! Sie schickt mir doch der Himmel!«

Ihre Unterkünfte lagen Seite an Seite, sie waren durch eine Pforte im Maschendrahtzaun miteinander verbunden. Das beiderseitige Bedürfnis, über Gott und die Welt zu reden, war stärker als die Müdigkeit, sie saßen gewöhnlich auf einem Bretterstapel in einer abgelegenen Ecke, Stunde für Stunde, Abend für Abend. Nur ein einziges Mal kam zwischen ihnen eine Meinungsverschiedenheit auf.

»Ich wollte immer ein jüngeres Brüderchen haben«, sagte sie lächelnd, »und jetzt hat es Hitler mir gegeben!«

Jan reagierte merkwürdigerweise nicht, und sie stutzte. Sie schaute ihn fast entschuldigend an und lenkte schnell das Gespräch auf etwas anderes.

Am nächsten Sonntag gingen sie ins Kino in der Prager Straße. Es war wieder herrliches Wetter, und die Deutschen fielen entweder an der Front oder gingen vorher noch ein letztes Mal in der Elbe baden. Ein hinkender Mann führte sie in den verlassenen Zuschauerraum. Er hörte ihren Akzent heraus, begriff und fragte auf Deutsch.

»Totaleinsatz?«

»Ja ...«

»Von wo?«

»Aus Prag.«

»Ach ja«, er versank dabei in Träumerei, »die goldene Stadt ...«

Und er machte ihnen ein unerwartetes Angebot.

»Wenn Sie schon in der Prager Straße sind, dann öffne ich für Sie die Loge, fühlen Sie sich in ihr ein bisschen wie zu Hause!«

Jan umarmte Kamila, kaum dass das Licht erloschen war. Unmittelbar darauf küssten sie sich schon. Als Laken diente ihnen sein Hemd. Das berühmte »Frühlingserwachen« mit Kristina Söderbaum sahen sie nie.

Anstelle eines Bruders hatte sie von nun an einen Geliebten.

3

Auf dem Weg zu dem Mietshaus aus den dreißiger Jahren hielten sie sich im Taxi heimlich an den Händen, schwiegen dabei aber so hartnäckig, dass sie der Chauffeur, der Kamila dank ihres Kopftuchs nicht erkannte, für ein Scheidungspaar halten musste. Dann liebten sie sich auf der Couch, die sie nicht einmal mehr schafften auszuklappen, geschweige denn mit einem Laken zu beziehen. Sie sprach erst, nachdem sie aus ihrer Besinnungslosigkeit wieder zu sich gekommen war, und es klang fast schon verzweifelt.

»Du weißt, dass ich mich wegen dir scheiden lassen wollte! Aber ich konnte nicht ahnen, dass du diese Nacht überlebt hast, als ich nach dem Krieg gar nichts mehr von ihr gehört habe!«

»Ich habe mich dort im Krankenhaus erst nach einem halben Jahr erinnert, wer ich war.«

»Du wusstest auch, dass wir uns nur zum Schein haben scheiden lassen. Felix ließ diesen Akt dann wieder rückgängig machen. Du warst für mich gestorben, und ihn konnte ich wenigstens noch schätzen.«

»Hast du ihm gesagt, dass wir ein halbes Jahr miteinander gelebt haben?«

»Ich habe gesagt, dass wir uns zufällig getroffen haben und du mir dort zu überleben geholfen hast.«

Sie bemerkte, dass sie ihn damit verletzt hatte.

»Entschuldige, aber wozu wäre das gut gewesen? So schätzt er dich wenigstens weiterhin. Er war es, der mich zu dir geschickt hat.«

Ungläubig setzte er sich hin.

»Er hat dich geschickt, damit du hier mit mir ...?«

»Um Gottes willen, nicht deswegen! Die Sozialdemokratie ist gerade bis aufs Blut wegen des Zusammenschlusses mit den Kommunisten zerstritten!«

»Ja, aber was soll ich ...«

»Du bist in ihrem Zentralkomitee. Er möchte sich mit dir bald einmal diskret beraten.«

»Vor dem Krieg konnte er mich nicht einmal riechen!«

»Er glaubt, dass du dem Radikalismus abgeschworen hast. Angeblich hätten es ihm deine Verse gesagt. Er selbst hat mir die Sammlung gegeben, er ahnte nicht, dass ich sie gleich nach ihrem Erscheinen gelesen ... und mich dabei ausgeweint habe, Jan ...«

Er sah, dass sie vor Kälte zitterte, stand auf und legte ihr seinen Mantel um, den er aus den auf den Boden geworfenen Kleidern hervorzog.

»Und er hat nicht gemerkt, dass es um dich geht?«

»Du weißt, ich lüge nicht. Aber ich habe ihm erzählt, dass du dich dort in meine Freundin verliebt hättest, die nicht überlebt hat ...«

Und weiter wollte sie darüber nicht mehr sprechen.

»Könntest du vielleicht übermorgen am Nachmittag?«

Er nahm ihre Hände.

»Kommst du zu mir zurück?«

Sie antwortete, als hätte sie auf diese Frage gewartet.

»Jetzt geht es nicht mehr!«

»Warum denn nicht?«

»Er ist ... sehr gealtert ...«

»Na und?«

»Es gibt so etwas wie Solidarität ...«

Jan bekam Magenschmerzen, seit seiner Kindheit ein Warnsensor für seinen Seelenzustand.

»Hast du also mit mir geschlafen, nur damit ich ihm einen Rat gebe?«

Jetzt fuhr sie so schlagartig hoch, dass ihr der Mantel hinunterrutschte.

»Ich habe nicht aufgehört, dich zu lieben, wie du eben bemerken konntest.«

»Ich dich auch nicht, wie du bemerken konntest ... Aber wie geht es dann mit uns weiter?«

Nackt wie sie war, beugte sie sich zu ihrem Kostüm hinab und fischte aus seiner Tasche ein silbernes Zigarettenetui und ein Feuerzeug.

»Rauchst du immer noch nicht?«

»Immer noch nicht. Wie geht es weiter, Kamila?«

Sie zündete sich eine Zigarette an und widmete erst jetzt ihre Aufmerksamkeit dem gegliederten Raum, welcher mit Statuen und Gemälden auf Staffeleien überfüllt war.

»Wo sind wir?«

»Im Atelier eines Schulfreundes. Er gibt eine Ausstellung in der Schweiz, aber es sieht so aus, als ob er dort bleiben würde – nach den Ereignissen bei uns. Antwortest du mir?«

Aufgeregt zog sie an ihrer Zigarette und drehte sich zu ihm hin.

»Wenn du mir versprichst, dass du nichts in die Luft sprengst, dann will ich dich hier treffen, wann immer es geht. Ich fühle es, wie du es geschrieben hast!«

»Was?«

Die dunkle Altstimme rief ihm jenen Doppelvers ins Gedächtnis, der seine Sammlung ausklingen ließ.

Ich dank’ dir für die Liebe ohne Zwist.

Mein Leben lang werde ich wissen, dass du bist.

4

Unter der Woche konnten sie auf ihrem Bretterstapel, einem nicht allzu sehr besuchten Ort, höchstens Händchen halten. Am nächsten Sonntag wurden ihnen die Knie vor lauter Sehnsucht schon auf dem Weg ins Kino weich. Es regnete, und so war der Saal gefüllt. Als der bekannte Platzanweiser sie jedoch sah, gab er ihnen ein Zeichen, abzuwarten, bis er dem letzten Zuschauer einen Platz zugewiesen hatte. Dann führte er sie in seine Wohnung hinter dem Kino. Auf der Wäschekommode standen zwei Fotografien, auf denen junge Männer in Uniformen zu sehen waren. Zwei schwarze Schleifen waren um die Ecken gebunden. Der Vater rächte sich am deutschen Führer, indem er jetzt jeden Sonntag dessen Leibeigenen die verwaiste Wohnung überließ.

Einige blutjunge Mädchen, die Jan erobert hatten, bevor er Kamila traf, hatte er sich längst aus dem Kopf geschlagen. Und es schien, als hätte auch Kamila ihren Ehemann vergessen. Jan entdeckte zum ersten Mal seine Leidenschaft, sie entdeckte die ihre von neuem. Ganze einhundertdreiundsechzig Stunden in der Woche, ob sie wach waren oder schliefen, lebten sie im Geist auf jene fünf Stunden an den Sonntagen zu. Währenddessen redeten sie unentwegt über diese gemeinsame Zeit. Die ausbrechende Liebe löste die Hoffnungslosigkeit gänzlich auf, welche beide bereits das fünfte Jahr im Würgegriff hielt. Felix Fischer band Kamila nicht mehr an sich, sie war sich sicher, dass er sie verstehen würde. Er war wegen einer höheren Berufung von ihr gegangen, sie würde um eines stärkeren Liebesgefühls willen von ihm gehen.

In den Werkstätten mussten sie auch an Heiligabend nicht arbeiten. Im Kino spielte man nichts, aber der hinkende Mann wartete auf sie. Im Zimmer der verstorbenen Söhne fanden sie einen erleuchteten Christbaum, Nüsse, Äpfel und einen Weihnachtsstollen. Geschenke hatten sie keine, und so schenkten sie einander sich selbst. Dann schlug ihm Kamila vor, gleich nach dem Krieg zu heiraten.

»Und werden dich die Leute nicht auslachen, wenn ich viel jünger bin?«, fragte er unsicher.

»Sie werden mich beneiden, dass ich so anziehend bin!«

Die erste Katastrophe brach am 12. Februar 1945 herein. Jan wurde von Lkw-Motoren aufgeweckt. Man fuhr die Frauen in eine andere Fabrik, wohin man schon vorher einen Teil der Maschinen von der Front weg verlagert hatte. Er stand wie erstarrt am Drahtzaun, dessen Durchgang man versperrte, und versuchte vergeblich, wenigstens noch einen letzten Blick von Kamila zu erhaschen, bevor er zur Arbeit musste. Der unendliche Tag zehrte nur von der Hoffnung, dass womöglich nicht alle weggefahren waren. Am Abend war die benachbarte Baracke leer. In dieser Nacht konnte er vor lauter Verzweiflung nicht schlafen. Weder der klare Himmel noch der glitzernde frische Schnee vermochten ihn zu trösten. Danach begannen die Bomben noch vor den Alarmsirenen einzuschlagen.

Zunächst sah es nach einem Angriff auf die Industrieviertel aus. Stärker als sonst lebte die Legende auf, dass Dresden von der Liste der Ziele, die durch Flächenbombardements vernichtet werden sollten, gestrichen worden sei. Die Arbeiter sollten sich in Schutzbunker begeben, aber nicht alle gehorchten. Jan gehörte zu denjenigen, die geradewegs zur nicht weit entfernten Elbe losliefen. Den breiten und langen Überschwemmungsstreifen mussten die Flieger kennen, hierfür waren ihnen ihre Bomben bestimmt zu schade. Von der Stelle aus, wo er auf Kamila getroffen war, verfolgte er mit den Augen wie in einem Gruseltheater, wie ihm gegenüber die Semperoper und der Zwinger zerbarsten und einstürzten. Den lieblichen Pinsel Canalettos löste die grausige Farbpalette von Hieronymus Bosch ab.

Für die Mehrheit derer, die überlebt hatten, schmolzen diese zwei Tage der Bombardierung zu einer Nacht zusammen. Der Qualm, der aus den brennenden Häusern aufstieg, verdunkelte bald die Sonne. Er hüllte die Stadt in eine dichte zusammenhängende Rauchwolke ein, aus der es weiterhin Bomben regnete. Zum Uferkorso der Ausländer flüchteten sich auch Einheimische, hauptsächlich Frauen und Kinder, viele waren von Schrammen, Wunden und Verbrennungen gezeichnet. Auf der riesigen Fläche konnte man nur noch stehen. Tausende weinten hier, stöhnten oder schauten nur gedemütigt und stumm dem nicht endenden Verderben zu.

Jan sah, wie der neunzig Meter hohe Dom, die Frauenkirche, wie eine Nuss barst, und die vordere Hälfte in Trümmer zerfiel. Dann wurde in der Luft ein Feuerwerk an Phosphorbomben abgebrannt. Hunderte von ihnen fielen auf den Fluss, der zu brennen anfing. Die Brandherde vereinigten sich, und der Luftstrom, durch die Explosionen verursacht, blies sie auf und verwandelte die gesamte Elbe in einen riesigen Rost. Das Flammengezüngel zuckte bis weit hinter die Ufer auf und verbrannte die zusammengepferchten Leute wie Fliegen. Das Geschrei aus tausenden Kehlen wuchs an und ging in Gebrüll und Heulen über. Körpermassen wälzten sich zurück vom Fluss, weiteren Bomben entgegen.

Jan stolperte über zu Tode Getrampelte und strengte sich an, selbst nicht anderen unter die Füße zu fallen. Sogar in diesem Wahnsinn spürte er ein stilles Glück, dass Kamila hier nicht mit ihm um ihr Leben kämpfte. Mit unzähligen anderen rannte er zwischen frischen Trümmern in Richtung Dresdner Neustadt, während die Hämmer am Horizont zur Abwechslung einmal in der Südstadt gellend einschlugen. Er sah schon den Fuß der verschneiten Hügel, aber da bekam auch der Norden der Stadt eine neue Portion an Eisen und Feuer. Der von der Asche verrußte Schnee war das Letzte, was Jan sah, bevor er in Dunkelheit versank.

Er kam im Krankenhaus der Stadt Bautzen zu sich. Dass er keine Papiere bei sich getragen und der Sanitätstrupp ihn für einen Deutschen gehalten hatte, war seine Rettung gewesen. Als er zu sich kam, hatten die Russen bereits die Befehlshoheit übernommen und suchten gerade unter den Verwundeten nach SS-Leuten. Zum zweiten Mal rettete er sich selbst, indem er aus dem bewusstlosen Zustand heraus irgendetwas auf Tschechisch faselte. Er hatte keine ernsten Verletzungen davongetragen, aber er wusste nicht, wer er war. Im August nahm ihm eine russische Armeeärztin Blut ab. Die bekannte Sprache und die raue Stimme gaben ihm sein Gedächtnis zurück. Zunächst kamen ihm Verse von Majakowskij in den Sinn. So erinnerte er sich an Kamila. Und durch sie fand er zu sich selbst zurück.

Das zerrüttete Europa erschwerte die Kommunikation. Erst nach einem Monat meldete sich seine überglückliche Mutter auf sein Schreiben hin, aber die Frage, ob sie wüsste, wie es um die Schauspielerin Nostitzová stehe, ließ sie unbeantwortet. Er beschwichtigte sich, sie habe es wohl in der überschwänglichen Freude vergessen, da er ihr vorher wegen der deutschen Zensur nichts über sie geschrieben hatte, und er belagerte die örtlichen Kommunisten, damit sie ihm als Genossen halfen. Sie waren ein kleines Häufchen, die meisten gerade aus den KZs oder aus dem Exil zurückgekehrt, und sie hatten genug eigene Schwierigkeiten mit schuldbeladenen Landsleuten. Dennoch richteten sie es ein, dass ihn ein propagandistisches Kommando der Sowjets mitnahm, das nach Prag verlegt werden sollte.

Er gewann die Russen, mit denen er sich recht gut verständigen konnte, für sich, weil er das Brudervolk vertrat, das auf sie so sehr, so viele Jahre gewartet hatte. Sie begeisterten ihn wiederum damit, indem sie ihn auf die Idee brachten, eine ähnliche Agitationsgruppe innerhalb der erneuerten kommunistischen Partei zu gründen. Da näherten sie sich schon Prag, und Jan freute sich nur noch auf Kamila. Bis ihm die Mutter die Augustausgabe einer aufgehobenen Zeitung zeigte. Er las, dass der berühmte Heimkehrer aus dem Exil, der Philosoph und Abgeordnete Felix Fischer sowie die vielbewunderte Patriotin, die Bühnenkünstlerin Kamila Nostitzová, die beide gleichzeitig für ihre Treue zum Vaterland durch den Präsidenten der Republik Edvard Beneš ausgezeichnet wurden, ihre Scheidung, durch allseits bekannte Umstände erzwungen, wieder aufheben ließen und erneut zusammenlebten.

Zum Weinen fühlte er sich schon zu alt. Um nicht wahnsinnig zu werden, ehe seine Rehabilitation abgeschlossen war und er in der Lage gewesen wäre, sein Studium wiederaufzunehmen, begann er von neuem Verse zu schreiben. In der Nacht über sie und am Tag über die Gefühle eines Menschen, der aus einem blutigen Tunnel in einen blauen Tag hervortrat. Das Abschiedsgedicht für die Sowjetarmee, die Befreierin, welche gerade die Tschechoslowakei verließ, wurde in der Zeitung ›Rudé právo – Das rote Recht‹ abgedruckt. Drei Tage später kam bei seiner Mutter ein verzweifelter Brief von Kamila für ihn an. Ein halbes Jahr nach dem Fliegerangriff und drei Monate nach Kriegsende hatte sie aufgehört, daran zu glauben, dass er die schreckliche Nacht in Dresden überlebt haben konnte. Sie bat ihn, das zu verstehen und über alles Gras wachsen zu lassen.

Er dachte darüber nach, neben dem Studium im neuen Jugendverband zu arbeiten, aber das Zentralbüro der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei wollte ihn für sich haben. Nach dem Vorbild der Gruppe, mit der er nach Prag gekommen war, gründete er einen »Kulturkader« kämpferisch ›Kulka – Die Kugel‹, genannt, bei dem sich haufenweise junge Künstler meldeten, um der Partei bei den Wahlen im Mai 1946 zum Sieg zu verhelfen. Lange bemühte er sich zudem, vergleichende Literaturwissenschaft zu Ende zu studieren, aber dann schaffte er es nicht mehr. Was er zu Ende brachte, weil er es um jeden Preis wollte, war die Gedichtsammlung »Ohne dich«. Die herbe Lyrik, die den Rezensionen zufolge durch die Finsternis des Protektorats gestrahlt hatte, wurde von den Kritikern und der Leserschaft begeistert aufgenommen. Jene, für welche er sie verfasst hatte, meldete sich abermals nicht.

Schon lange glänzte sie wieder auf der Bühne und neuerdings auch im Film. Jan schaute sich nichts davon an. Er war froh, dass er nach dem Luftangriff auch ihren Verlust überlebt hatte und es ihm gelungen war, nicht verrückt zu werden. Daher ging er auch allen öffentlichen Veranstaltungen aus dem Wege, bei denen die Gefahr bestand, dass sie sich treffen könnten. Er bemühte sich hartnäckig, seine innere Leere mit allerlei Betätigungen auszufüllen. Nach dem Beschluss des Zentralbüros wurde er Leiter des Feuilletons von ›Rudé právo‹, der im Land meistgelesenen Tageszeitung der Nachkriegszeit. Und auf dem Parteitag wurde er in einer offenen Abstimmung stellvertretend für die Künstler in das Zentralkomitee gewählt. Schon wieder schwirrten die Mädchen um ihn herum. Nach den Philosophinnen waren es nun Mädchen aus dem Jugendverband, die Blauhemden trugen, welche sie sich enger nähten, damit ihre Brüste hervortraten. Er war umso mehr gefragt, weil er allen Interessentinnen zufolge unerreichbar erschien.

Im dramatischen Februar 1948, als Klement Gottwald Jans Auffassung nach in genialer Art und Weise die Politiker der demokratischen Parteien und selbst Präsident Beneš schachmatt setzte, pflegte Jan sogar im Zentralbüro zu schlafen. Damals wurde er zum Liebling des Parteipropagandachefs, Richard Teringl, der bald darauf ins Politbüro der Partei berufen wurde und an der geplanten Fusion mit der Sozialdemokratie arbeitete. Die Linke sollte im Land nie mehr in zwei konkurrierende Lager gespalten sein.

Jan entschied sich, eine Zeit lang mit der Lyrik aufzuhören. Er erkannte, dass der Dichter in solch umstürzlerischen Zeiten nicht wie Jessenin, sondern wie Majakowskij schreiben musste. Seine Agitationsverse nannte er ›Kampfstrophen‹, und das ›Rudé právo‹ veröffentlichte sie jetzt beinahe jede Woche. Beim landesweiten Wettbewerb für künstlerisches Volksschaffen war er der meistrezitierte Autor. Er bemühte sich, alle Briefe zu beantworten, aber dann begrüßte er es, dass sein Chefredakteur ihm neben der Sekretärin auch einen Assistenten zuteilte, dessen maschinengeschriebene Briefe er nur noch unterschreiben musste. Man bot ihm eine Wohnung in einer Villa im Nobelstadtteil Střešovice an, die irgendein frischgebackener Emigrant hinterlassen hatte, aber er war mit seiner Mutter einer Meinung, dass beide sich nie von den Genossen im proletarischen Karlín entfremden wollten.

Schon schien es ihm, aus dem Gröbsten heraus zu sein, als von Kamila ein Schreiben mit einer Kinokarte zu ihm nach Hause kam.

5

Das Gebäude des Tschechoslowakischen Rundfunks in der großen Straße, während der ersten Republik nach dem General Foch, unter den Deutschen nach dem Marschall Schwerin benannt, und die man jetzt für alle Ewigkeit zu Ehren des Generalissimus Stalin umgetauft hatte, wurde bisher von streng bewaffneten Milizionären, selbstverständlich Kommunisten, bewacht. Der Ausweis von ›Rudé právo‹ verschaffte ihm sowohl Ansehen als auch Zutritt zur Halle, wo sich ein beißender Geruch von frischem Putz verbreitete.

Gerade wurden die Narben beseitigt, die der Lufttorpedo hinterlassen hatte, mit dem ein deutsches Turbinenflugzeug im Mai 1945 die Zentrale des Prager Aufstands getroffen hatte. Eine Delegation junger und älterer Männer in Militärkleidung wartete dort bereits auf ihn. Stolz führten sie ihm zwei nagelneue Uniformen vor, deren Aufschläge ein Hundekopf zierte.

Jan wurde in eine Sendung des Armeerundfunks eingeladen, die der Entstehung einer neuen Militäreinheit, dem Grenzschutz, gewidmet war. Sie belehrten ihn im Voraus, dass diese Verbände den Eid der vormaligen Choden, der sogenannten Hundsköpfe, leisten würden, die jahrhundertelang die tschechische Grenze vor Eindringlingen geschützt hatten. Ohne ein Honorar zu beanspruchen, versprach er, einige Verse zu schreiben, welche die Rekruten für ihre Zugehörigkeit zu solch berühmten Vorgängern mit Stolz erfüllen sollten. In Begleitung von Offizieren der politischen Hauptverwaltung, die sich ihm wie einem General gegenüber verhielten, wurde er in ein Studio geführt, während sich die übrigen neugierig in einen kleinen Regieraum zwängten, der durch dickes Glas abgetrennt war.

Der leitende Redakteur, ein junger Leutnant, gestand Jan schon auf dem Weg dahin, wie sehr er ihn als Dichter schätzte. Jan begriff, dass er über die Sammlung ›Ohne dich‹ sprach. Er freute sich, dass ihn sein Bewunderer nun auch anders, nicht nur als Autor von Liebeslyrik kennenlernen sollte. Man setzte ihn vor ein Mikrofon, und kaum war nach der Aufschrift Ruhe das rote Lämpchen angegangen und die schrille Erkennungsmelodie der Sendung zu Ende, ergriff der Gastgeber das Wort.

»Ehre der Arbeit! Zu Ihnen spricht der tschechoslowakische Rundfunk, unsere Armeeredaktion. Genossen Soldaten, Unteroffiziere, Offiziere und Generäle, die heutige Übertragung, die eine neue Gattung unserer Streitkräfte begrüßen und sozusagen auch taufen soll, wollen wir feierlich mit Poesie einleiten. Am Mikrofon ist Genosse Jan Soukup, das jüngste Mitglied des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei und ein Redaktionsmitglied ihres Presseorgans, den die Bewunderer seiner Gedichte zu Recht als Roten Mácha bezeichnen. Genosse Soukup, sei uns herzlich willkommen hier und ergreife bitte das Wort.«

Jan entfaltete währenddessen ein Blatt Papier mit Gedichten, das er aus seiner Hemdtasche zog, aber die erwartungsvollen Gesichter hinter dem Regieglas legten ihm nahe, auch ein paar kurze Worte zu sagen.

»Genossen, die ihr für die Republik Waffendienst leistet, wenn ich irgendetwas in meinem Leben bedauere, dann das, dass mir der Münchner Verrat es nicht vergönnt hat, für die Freiheit des Landes in den Reihen unserer Armee zu kämpfen. Danach erlaubte es mir das Alter nicht mehr, aber umso eher fühle ich mich verpflichtet, euch wenigstens mit Versen in eurem anspruchsvollen Dienst beizustehen. Die folgenden seien gerade denjenigen unter euch gewidmet, die ihr das historische Abzeichen der ersten Beschützer unserer Souveränität, den Hundskopf, an euren Aufschlägen tragt.«

Daraufhin rezitierte er schon auswendig. Er bemühte sich, seine Kampfstrophen immer flott zu schreiben, nicht aus Bequemlichkeit, sondern weil er wollte, dass sie nicht gekünstelt wirkten und dieselbe Energie in sich trugen, mit der er geladen war, wenn er sie schuf. Auch dieses Gedicht beinhaltete absichtlich Stellen, die sich an die primären Sinnesorgane richteten, mit welchen die Mehrheit der einfachen Wehrpflichtigen vom Lande und aus den Proletariervierteln ausgestattet war. Unter diesen war Jan aufgewachsen, und er wusste, dass Lyrik ihnen meilenweit fernlag. Dabei wollte er nicht Majakowskijs Form nachahmen, sondern dessen sparsame und einfache Schlagkraft übernehmen.

Es folgten neue und wieder neue Bilder, sehr konkrete und sehr mannigfaltige, um eine möglichst hohe Anzahl unsichtbarer Zuhörer zu erreichen, die er beim Schreiben jedoch unmittelbar physisch wahrzunehmen versuchte. Er pflegte authentische menschliche Gesichter für sie einzusetzen, die er bei Dichterlesungen mit seinen Lesern traf. Jetzt fand er den lebenden Widerhall in den Gesichtern hinter dem Glas, derer sich sichtliche Ergriffenheit bemächtigte. Dem Mädchen am Regiepult sagte er die letzte Strophe direkt in die Augen.

Er kam zum Ende. Die Offiziere und die Tontechnikerin klatschten hinter dem Regieglas wie aus einem seltsamen Aquarium heraus lautlos Beifall. Um so mehr fiel Jan auf, dass ihm der Leutnant, wohl selbst ein Dichter in den Anfängen, eher verlegen dankte. Aber er nahm es ihm nicht übel. Der Mann war fünf Jahre jünger, und sein Bewusstwerdungsprozess würde im Sozialismus sicherlich schneller vonstatten gehen als Jans eigener während des bürgerlichen Regimes. Er lud ihn freundlich zur kommenden Sitzung des Kulturkaders ein.

Die Straßenbahn fuhr ihm vor der Nase weg, deshalb kam er in die Redaktionsbesprechung fünf Minuten zu spät, was er bei anderen und bei sich schon gar nicht ausstehen konnte. Die Pünktlichkeit war ihm angeboren, seine Eltern lachten immer wieder über ihn, er würde anstelle des Herzens einen Wecker in sich tragen. Der Chefredakteur Hudeček unterbrach seine Entschuldigung mit der nie entbehrlichen Pfeife im Mund.

»Du brauchst dich nicht ... Honza, wir haben dich hier bei uns angehört.«

Er zeigte auf einen großen Rundfunkempfänger unter dem Emblem von ›Rudé právo‹ und applaudierte ihm kurz Beifall. Die übrigen schlossen sich an. Sie mochten Jan, da er trotz seines Ruhmes kameradschaftlich und aufopferungsvoll geblieben war. Der Chef lehnte sich in seinen Sessel zurück und fuhr fort.

»Falls der historische Zusammenschluss der Linken noch im Juni dieses Revolutionsjahres stattfinden soll, wie es der Genosse Gottwald vorhat, muss die politische Verlobung binnen vierzehn Tagen erfolgen, um sich darauf noch verantwortungsvoll vorbereiten zu können. Während unsere Partei sie wie ein Mann befürwortet, sind die Sozialdemokraten immer noch zwiegespalten. Es sieht so aus, als hätte Genosse Fierlinger die Mehrheit hinter sich, aber das Zünglein an der Waage ist Professor Fischer, allen hierzulande aus dem Londoner Rundfunk und als rechte Hand von Präsident Beneš wohlbekannt. Also, Genossen, ich verbiete euch Ressortleitern ausdrücklich jegliche Art von Provokationen, Invektiven und Schlägen unter die Gürtellinie! Die würden sich nur gegen uns selbst richten! Verstanden?«

Zu ihrem bejahenden Brummen fügte er mit einem bedeutsamen Lächeln hinzu:

»Echte Kerle wissen sich die Ordnung in der Familie doch nach der Hochzeit zu verschaffen!«

Alle Beteiligten lachten verschwörerisch. Der Chef hatte gerade verständlich die Parteistrategie ausgelegt.

Jan hörte dies alles mit Anspannung. Es fiel ihm ein, dass er wenigstens Hudeček über das bevorstehende Treffen mit Felix Fischer informieren sollte. Rechtzeitig erinnerte er sich noch an Kamilas Wort ›diskret‹.

6

Das neoklassizistische Haus, am Kai zwischen dem Nationaltheater und dem Gebäude des Künstlervereins Mánes gelegen, gehörte zu den stolzen Patrizierbauten aus der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts. Der mit Edelholz verkleidete Fahrstuhl war nur ein wenig kleiner als Jans Zimmer in der Karlíner Wohnung. In der dritten Etage öffnete ihm eine ältere Hausdame in Schürze, als käme sie aus einem Singspiel der tschechischen Wiedergeburtsepoche. Sie ging leicht in die Knie und trippelte vor ihm in den Salon, wo sie ihn mit einem weiteren Knicks der anwesenden Gesellschaft übergab und verschwand.

Das geräumige Zimmer wurde von einer Schiebetür geteilt, die durch das kunstvoll gestaltete Muster des Musselinglases undurchsichtig war. Das vierteilige Fenster des Eingangsbereichs erinnerte an eine längliche Postkarte vom Petřín, Strahov und Hradschin. Vom runden Tisch erhoben sich drei Männer, die er gut kannte, entweder persönlich oder aus den Zeitungen und Filmwochenschauen, und grüßten ihn mit einer leichten Verbeugung. Der schlanke und hochgewachsene Fischer sah mit seinen sechzig Jahren immer noch sportlich aus, nur die grau werdenden Haare hatten ihn verändert. Kamila hat übertrieben, dachte er sich eifersüchtig.

»Ich freue mich, dass ich Sie endlich wiedersehe!«

»Es freut mich auch, Herr Fischer ...«

»Wir können uns doch auch ohne Fusion mit Genosse anreden, nicht wahr? Und einander duzen!«

»Das stimmt ...«

Fischer stellte ihm einen Siebzigjährigen mit Brille und danach noch einen robusten Mann in den Fünfzigern vor.

»Genosse Pýcha ist der Begründer der Sozialdemokratie ...«

»Ich weiß. Freut mich sehr ...«

»Und Genosse Laštovička ist wie ich stellvertretender Vorsitzender.«

»Aber erst der zweite ...!«, verbesserte ihn der Jüngste in der Runde.

Während Jan ihnen die Hände schüttelte, öffnete Fischer die Durchgangstür einen Spalt weit und rief in die benachbarte Raumhälfte.

»Liebling, Genosse Soukup ist hier!«

Kamila kam in Alltagskleidung heraus, aber dennoch elegant, und gab Jan herzlich die Hand.

»Jan! Ich bin unheimlich froh, dass ich dich hier bei uns zu Hause sehe!«

»Ich auch ...«

Sie meisterte die Sache perfekt. Nur mit Mühe konnte er glauben, dass das dieselbe Frau war, die er so oft leidenschaftlich in seinen Armen gehalten hatte. Fischer umarmte beide spontan.

»Kamila hat mir erzählt, wie großartig du dich im Reich um sie gekümmert hast. Entschuldige bitte, dass ich dir erst heute dafür danke. Ich werde bis an mein Lebensende in deiner Schuld stehen.«

Jan brachte einen Satz heraus, der ihm angemessen erschien.

»Es war mir eine Ehre, Ophelia und Julia gleichzeitig dienen zu können.«

Sie gab den Männern einen Wink, wieder Platz zu nehmen, und forderte Jan in gleicher Weise auf, sich mit einem der bereitgestellten Getränke zu bedienen. Danach verabschiedete sie sich.

»Felix, unserer Stáňa habe ich lieber frei gegeben. Und mich entschuldigen Sie jetzt bitte, ich muss meinen Text lernen.«

Jan fühlte, dass er noch etwas sagen sollte, um natürlich zu wirken.

»Wen sollst du spielen?«

»Lady Macbeth. Ich überlebe keine meiner Rollen! Kommst du diesmal endlich zu meiner Premiere?«

»Sehr gerne.«

Sie ging weg, zog aber die Durchgangstür nicht ganz zu. Die Angst in ihm, er könnte seine Rolle nicht erfolgreich spielen, löste sich wieder. Die Männer setzten sich hin.

»Nehmen Sie auch einen Whisky?«, fragte Fischer.

»Verzeihung, aber ich trinke nicht ...«

»Ganz nach Ihrem Belieben.«

Fischer schenkte ihm Fruchtsaft ein. Schweigend und angespannt stießen sie an.

»Genosse Soukup«, sprach der Gastgeber, und auch Pýcha und Laštovička hingen an seinen Lippen, als würden sie einen vorgefassten Text kontrollieren, »wir beide haben vor dem Krieg, als du Sprecher der Jungkommunisten warst, mehr als eine Auseinandersetzung ausgetragen, aber schon damals hattest du einen Sinn furs Fair Play. Manches hört nicht auf, uns zu trennen, aber eines verbindet uns immer noch: der Glaube an den Sozialismus als Zukunft für die Welt. Empfindest du es auch so?«

Er nickte.

»Nun, ich möchte auch dank deiner Fürsorge um Kamila ganz offen sein. Wir drei hier haben ein großes Problem. Wir befürchten, dass der geplante Zusammenschluss eurer Partei mit der unsrigen eine Falle sein könnte.«

»Eine Falle ...?«

»Bei euch haben jetzt Leute die Oberhand, die mit Gottwald aus Moskau gekommen sind. Und wie es mit der Sozialdemokratie in der UdSSR ausgegangen ist, ist ja hinlänglich bekannt. Um nicht weiter auszuholen: Sie ist einfach von der Bildfläche verschwunden! Auch du warst bei unseren damaligen Disputen der Meinung, dass eine verstärkte Kritik aus den eigenen Reihen an die Stelle der bourgeoisen Opposition treten müsste, damit sich keine Usurpatoren der Revolution bemächtigen können.«

Er konnte dies bestätigen.

»Du bist zum Dichter und Journalisten deiner Partei geworden, du hast einen guten Draht zu ihrer Führung. Können wir denn den Zusagen immer noch vertrauen, dass wir bei uns in der Tschechoslowakei tatsächlich einen eigenen Weg gehen werden, der unseren demokratischen Traditionen entspricht?«

Jan war offenkundig verwundert.

»Nun, natürlich ... Unser Zentralkomitee ist doch ...«

»... ein genauso formales Plenum wie das unsrige. Entschuldige, aber zurzeit entscheidet doch bei euch das Politbüro über alles und alle! Kann ich dein ...«

Er schaute seine Gefolgsleute fragend an. Beide nickten. Er wandte sich wieder zu Jan.

»Kann ich dein Wort haben, dass du unser Gespräch direkt und ausschließlich den obersten Genossen, denen du selbst vertraust, dolmetschen wirst? Es soll der gemeinsamen Sache dienen.«

»Ja ...«

»Wir drei vertreten den starken Parteiflügel, der im Falle schwacher Garantien eine Vereinigung nicht zulassen wird. Wir wollen die Sicherheit haben, dass wir uns auch danach noch genügend Unabhängigkeit bewahren können, damit wir, falls es nötig sein wird, eure genossenschaftliche Opposition bilden können. Dass der Begriff ›Demokratie‹ nicht mit dem Namen unserer Partei verschwindet, sondern auch mit in eure Partei übergeht, wie ihr es uns im Februar diesen Jahres verbindlich zugesichert habt, als ihr die Rechten nicht ohne uns schachmatt setzen konntet. Könntest du, und vor allem willst du derjenige sein, der uns hilft, das herauszufinden und ... zu garantieren?«

Erst jetzt bemerkte er, dass Kamila die Schiebetür so offen gelassen hatte, dass genau nur sie beide sich sehen konnten. Sie schaute ihn unverwandt aus ihrem Schaukelstuhl an, ihr Textbuch hatte sie auf dem Schoß und die Arme genau so hinter ihrem Kopf verschränkt, wie wenn sie sich mit ihm liebte. Er riss seinen Blick von ihr.

»Natürlich ... Ich werde alles tun, was ich kann ...«

7

Dieser Anblick blieb auf seiner Netzhaut haften. Er vergaß den Fahrstuhl und ging zu Fuß nach unten, um seine Erregung abzubauen. Als er aus dem Haus trat, näherte sich die Siebzehn zum Nationaltheater, er hätte sie mühelos erreichen können. Er widerstand dem und entschied sich, zu Fuß in die Redaktion zu gehen, um sich unterwegs darüber klarzuwerden, was er ihnen versprochen hatte und was er tatsächlich machen konnte. Sich mit Hudeček beraten? Er war sein Chefredakteur, aber jeder wusste, dass der Posten eine Belohnung für den mährischen Kreisagitator der Vorkriegszeit war, welcher mit Klement Gottwald verschwägert war. Teringl! fiel ihm ein, ja, er würde sich mit Teringl beraten, das Ganze war immerhin sein Ressort ...

Im gleichen Augenblick überholte ihn ein schwarzer Tatra und bremste am Gehsteig dicht vor ihm scharf ab. Der Beifahrer schlug die Tür so heftig auf, dass Jan beinahe gegen sie geprallt wäre und rief laut.

»Honzik!!«

Er wurde unsicher, schaute sich Jan forschend aus der Nähe an, rief aber sogleich weiter.

»Du bist doch Honzik Soukup aus der Roten Einheit oder nicht?«

Da hatte er sich schon aus dem Auto gequetscht und schüttelte Jan kräftig die Hand.

»Ja und ich bin doch Kája! Ehre der Arbeit! Wohnst du immer noch bei deiner Mutter in Karlín?«

Jan wusste immer noch nicht, mit wem er sprach. Aber der Mann kannte ihn ganz sicher, und er selbst hatte stets achtgegeben, dass keiner der vielen Leute, die ihn ansprachen, jemals denken könnte, er sei hochmütig geworden.

»Ja ...«

»Also auf, steig ein!«

»Aber ich gehe noch ...«

»Wohin du auch willst, wir setzen dich dort ab! Du wirst mich doch nicht hängen lassen, ich will dich den Genossen hier zeigen!«

Er öffnete auch noch die Hintertür und drückte ihn hinein, so dass der dritte Mann, der dort saß, weiterrücken musste. Jan hatte schon mehr als einen Überfall von dieser Art überlebt, wo unbekannte Genossen ihn eine Weile lang für sich in Beschlag genommen hatten, um mit ihm woanders prahlen zu können. Das Auto fuhr los und überquerte jene Kreuzung hinter dem Café Slavia in Richtung Rudolphinum. Der Mann, der Jan überredet hatte, bekam seinen Mund nicht zu, während seine beiden Mitfahrer nicht nur schwiegen, sondern überhaupt nicht zuzuhören schienen. Jan kannte sich darin umso weniger aus, je mehr er feststellen musste, dass die Informationen des unbekannten Genossen aus der Jugendzeit zutrafen.

»Honzik war bei allen Reibereien mit den Faschos und der Polente unser roter Kommissar in Karlín, und obendrein konnte er jeden Reaktionär wegfegen mitsamt dem alten Fischer, der die Massen nur so mit Sozigeschwafel verblödete. Das Einzige, womit ihm Fischer je die Butter vom Brot nehmen konnte, war, dass er ihm den Fang wegschnappte, und der, Genossen, war kein geringerer als die schöne und berühmte Schauspielerin Kamila Nostitzová. Eine Bombe hätte Honzik im Reich gegen Kriegsende beinahe umgebracht, aber irgendwie hat sie ihm sein Hirn auch noch so zurechtgerückt, dass er heute nicht nur ein bekannter Poet ist, sondern auch Redakteur im ›Rudé právo‹ und sogar Mitglied im Zentralkomitee unserer Partei, falls ihr es nicht wisst, womit wir ihn also dienstlich fahren, nicht wahr Honzik? Oder soll ich dich jetzt eher mit Genosse anreden?«

Jan wurde es mittlerweile unangenehm und zudem merkte er, dass sie unerwartet vor dem Rudolphinum zur Brücke nach Klárov abgebogen waren.

»Das sicher nicht ... aber ich gehe noch in die Redaktion, ich steige hier in die Straßenbahn um ...«

»Ach wo, das kommt gar nicht in Frage!«

»Wieso denn ...?«

»Weil mir gerade eingefallen ist, dass ich dich dringend jemandem vorstellen muss, der mir nie und nimmer vergeben würde, wenn ich dich einfach so davonziehen lasse!«

»Aber ich möchte wirklich ...«

»Immer mit der Ruhe! Du wirst angenehm überrascht sein, stimmt’s, Genossen?«

Sein Nachbar wie auch der Fahrer nickten zustimmend. Der weiterhin unbekannte Kája quasselte und quasselte. Jan begann hastig zu überlegen. Eine Entführung? Die Reaktionäre drohten schon mehrere Wochen lang mit Gewalttaten, aber warum sollte er das erste Ziel sein? Das Gefängnis in Ruzyně!, schoss es ihm blitzartig durch den Kopf, er ist verhaftet worden! Aber sofort verwarf er diese absurde Idee wieder. Langsam beruhigte es ihn, dass ihm der Redselige weitere Komplimente machte. Sie hatten ihn offenbar aufgegriffen, um ihn den Genossen auf irgendeiner Sitzung vorzustellen und es dann ordentlich zu begießen. Aber wie hatten sie ihn gefunden ...?

Hinter dem runden Platz in Dejvice bogen sie an dem modernen Gymnasium nach rechts ab und fuhren ins Areal der ehemaligen Erzbischofskollegs. Der Fahrer hupte. Jan erinnerte sich, dass die Deutschen ’39 die Studenten von hier vertrieben hatten, aber er ahnte nicht, wer hier jetzt residierte. Die Milizionäre, die ihnen sofort das Tor öffneten und sie gleich danach durchwinkten, deuteten dies aber an. Das Auto blieb im nächsten Hof stehen.

»Endstation!«, verkündete fröhlich der laute Mann, »Honzik, aussteigen!«

Sein Nachbar war schon draußen. Jan quetschte sich also auch heraus und schaute sich um.

»Wo sind wir ...?«

»Das wirst du gleich erfahren«, versprach ihm sein angeblich alter Kamerad, »also bis dahin Ehre der Arbeit!«

Der Wagen wendete mit einem Schleudern und verschwand in der Gegenrichtung.

Jan sah den Mann, der übriggeblieben war, verwirrt an. Dieser war schon dabei, den nächstgelegenen Hauseingang zu öffnen. Sie stiegen das breite Treppenhaus des Gebäudes hinauf, welches menschenleer zu sein schien. Jan war sich schon sicher, dass sich alle hiesigen Genossen im Saal befänden, wo ihn alsbald ein Applaus empfangen würde. Er fürchtete sich nicht. Er hatte eine Reihe von Versen auswendig parat, genauso wie die, die er am Morgen im Rundfunk vorgetragen hatte.

Die Tür unmittelbar gegenüber dem Treppenhaus im zweiten Stock bestätigte ihn darin. Dicht vor ihr strich er sich gewohnheitsmäßig durch die Haare und atmete tief durch. Er wird nicht den dummen Honzik spielen! Sie würden nicht ihn, sondern er würde sie drankriegen, sobald er dort als Mensch eintreten würde, den man nicht aus der Fassung bringen konnte! Der Begleiter klopfte an, öffnete jene Türe, gab Jan den Vortritt und machte hinter ihm gleich wieder zu. Er selbst blieb draußen. Und Jan kam aus dem Staunen nicht mehr heraus.

Der große, vornehm tapezierte Raum war spartanisch eingerichtet mit einfachsten staatseigenen Möbelstücken. Es stand hier nur ein gewöhnlicher Schreibtisch, drei miteinander verbundene Konferenztische, ein Kanzleischrank und ein altertümlicher Safe. Hinter dem Schreibtisch unter den Porträts von Stalin und Gottwald saß ein hagerer Mann in Zivil, mittleren Alters, mit scharf geschnittenen Gesichtszügen. Auch ohne Uniform wirkte er wie ein hoher Offizier. Er war in eine dünne Broschüre vertieft und hob seinen Kopf nicht, als er mit sichtlicher Freude zu rezitieren begann.

Er las Jans feurige Wahlkampfverse, die zusammen mit ähnlichen Werken weiterer junger Dichter vom Kulturkader herausgegeben worden waren. Dann legte er die Broschüre zur Seite, schnellte auf wie eine Feder, ging um den Tisch herum und drückte mit beiden Händen Jans Rechte.

»Genosse Soukup! Du bist der Erste unter den jungen tschechischen Poeten, der beschlossen hat, aus seinen Versen eine Waffe im Kampf für den Kommunismus zu schmieden. Und ich danke dir von mir aus und auch im Namen der ganzen Partei. Bitte, setz dich.«

Er zeigte auf die schlichten Stühle am Konferenztisch. Über diesem hing eine Weltkarte an der Wand, wo die kommunistischen Länder einschließlich der Tschechoslowakei rot markiert waren. Jan setzte sich. Er war aufgeregt. Das ganze Vorspiel bekam allmählich einen tieferen Sinn, als den, den er sich zuvor vorzustellen imstande gewesen war. Der Mann ging zum Schrank.

»Wodka?«

»Danke ... ich trinke nicht.«

»Zigarette?«

»Ich rauche auch nicht ...«

Der Mann nickte ihm beinahe lobend zu, kehrte zurück, setzte sich aber nicht an die Stirnseite des Tisches, sondern Jan direkt gegenüber, und schaute ihm so ganz tief in die Augen.

»Wer so viel erlebt hat, wer so viel schreibt und wer sich so viel engagiert wie du, Genosse Soukup, dem muss ich nicht erklären, dass unsere Partei gerade jetzt Organe braucht, die die zarten Setzlinge des Kommunismus schützen. Eines davon leite ich, und deshalb habe ich eine so ungewohnte Methode für deine Einladung gewählt. Die Partei schätzt dich so sehr, dass sie dir ihr außerordentliches Vertrauen kundtun möchte: dir eine Möglichkeit zu geben, für sie nicht nur mit Worten, sondern auch mit Taten zu kämpfen, und das an einer Front, die man nicht sehen kann, obwohl gerade dort entschieden wird, ob unsere junge Revolution siegen oder versiegen wird. Verstehst du nun?«

Jan wurde bewusst, dass er gleichermaßen nickte und den Kopf schüttelte. Der Mann lächelte verständnisvoll, erhob sich und zog aus seinem Schreibtisch ein Formular heraus, das er vor ihn legte. Jan las, und der Mann erklärte ihm gleichzeitig:

»Das ist die Verpflichtung und der Schwur für einen geheimen Mitarbeiter der Staatssicherheit, die wir momentan aufbauen wollen. Wir bieten sie lediglich eingefleischten, sattelfesten Genossen an. Es entsteht eine Elite der Partei, die, lass mich das in deiner Art sagen, die hehre Aufgabe hat, ihre Reinheit zu wahren und die Klassengerechtigkeit durchzusetzen, nachdem die bourgeoise zugrunde gegangen ist. Wir haben schon einen konkreten Auftrag für dich. Falls du allerdings ...«

Mit seinen Augen wies er auf das Papier. Jan versuchte es erneut zu lesen, aber vor lauter Aufregung nahm er den kurzen Text kaum wahr. Er kannte einige Burschen aus Karlín, die sogar ein paar Jahre jünger waren und die sich unlängst von einem Tag auf den anderen von ausgelassenen Gassenjungen in selbstbewusste Männer gewandelt hatten. Vorher hatten sie zu ihm beinahe mit Ehrfurcht aufgeschaut, und plötzlich war es so, als hätten sie jeglichen Respekt vor ihm verloren. Er ahnte, dass ihre Arbeit für die Partei sie derart verändert hatte, aber er wusste nicht, was für eine es war. Jetzt hörte er die Erklärung. Er verstand, dass er in diesem Augenblick unter die Auserwählten kam, und war davon so überrumpelt, dass er nicht normal denken konnte. Er kaschierte dies mit einer Frage.

»Soll ich das unterschreiben?«

»Nur, wenn du mit jedem einzelnen Wort einverstanden bist!«

»Aber selbstverständlich! Ich fühle mich dadurch ... ja, geehrt!«

»Das habe ich auch gesagt, als mich die Partei angesprochen hat. Deshalb muss ich darauf bestehen, dass du dir das ordentlich durchliest.«

Er versuchte es. Noch immer konnte er sich nicht auf die Wörter und umso weniger auf die Sätze konzentrieren, aber der Sinn der ganzen Sache schien ihm klar zu sein. Eine Weile tat er noch so, als würde er lesen, um nicht der Oberflächlichkeit bezichtigt zu werden. Schließlich beschloss er, dass es genug sei, zog einen Füllfederhalter heraus und setzte seine Unterschrift darunter. Der Mann stand zufrieden auf und streckte ihm über den Tisch seine Hand entgegen.

»Ich gratuliere dir, Genosse Soukup!«

Auch Jan erhob sich. Nach einem festen Händedruck setzten sie sich wieder.

»Dein Führungsoffizier wird jener Genosse sein, der dich zu mir gebracht hat, aber meine Tür steht dir immer offen. Ich werde dir auch deinen ersten Auftrag erteilen, und du wirst gleich sehen, wie maßgeschneidert er für dich ist. Eigentlich führst du ihn schon aus.«

Er verstummte, und Jan konnte sich nicht zurückhalten zu fragen.

»Was für einen?«

»Du sollst für die kommende Massenpartei den Genossen Fischer retten!«

Jan traute seinen Ohren nicht.

»Den Genossen ...«

»Ja, Felix Fischer, den du lange schon kennst, wie wir wissen, den großen Mann der Sozialdemokratie. Den wird die künftig vereinte Linke als einen ihrer führenden Köpfe brauchen!«

»Und wie soll ich ihn ... vor was soll ich ihn ...«

»Genosse Fischer hegt einige Bedenken gegen den Zusammenschluss, und einige Leute in seiner Partei haben Angst, dass sein Nein die Mehrheit unter den Sozialdemokraten beeinflussen würde. Daher mangelt es auch nicht an Stimmen, die sein Verschwinden fordern.«

»Wie bitte?«

»Ja, es ist an der Zeit, sich bewusst zu machen, dass der Krieg noch nicht zu Ende ist. Für den Westen hat der Nationalsozialismus nur eine stellvertretende Zielscheibe geboten, sein tatsächlicher Feind ist die Sowjetunion und von jetzt an auch alle Länder, die zusammen mit ihr gerade zu jenem Stern aufgebrochen sind, den du besingst.«

Er zeigte auf die Broschüre, die auf seinem Schreibtisch lag.

»Daher mobilisieren sie von neuem Deutsche, und darum bezahlen sie auch bei uns ihre Judasse, um die Bildung einer Einheitspartei zu verhindern.«

»Aber Genosse Fischer ...«

»... ist ein kritischer, aber ehrbarer Geist, eine Legende, die uns für die Nachwelt erhalten bleiben muss, und deshalb darf er sich nicht mit Abtrünnigen, wie es zum Beispiel Pýcha oder Laštovička sind, einlassen. Vorerst wird er zu ihnen gezählt, und daher ist er auch ernsthaft in Gefahr.«

»In welcher Gefahr ...?«

»Wir haben leider Anzeichen für eine physische Bedrohung.«

Jan war geradezu entsetzt.

»Um Gottes willen, dann greifen Sie ein! Es existiert doch so etwas wie eine Parteidisziplin!«

»Bei uns schon. Aber nicht bei denen!«

Jan verstand wieder nichts.

»Wer will ihn eigentlich ...«

»Seine Leute eben! Junge hitzige Sozis, die schon längst die historische Notwendigkeit unserer Vereinigung begriffen haben und die deren Gegner für bezahlte Feinde halten. Nur, diese Radikalen haben wirnicht unter Kontrolle, weil – wir sind ja noch nicht vereinigt, verstehst du? Also sind wir es paradoxerweise, die den Genossen Fischer vor ihnen schützen wollen. Und wir, damit bist du gemeint!«

»Aber wie ...?«

»Du warst heute bei ihm. Welchen Gesamteindruck hast du von ihm?«

»Wie Sie ...«, er verbesserte sich, »wie du schon sagtest, Genosse, er ist kritisch, aber verantwortungsbewusst.«

»Was wollte er von dir?«

»Ich habe ihm versprochen, dass ich es mit jemandem aus der Parteiführung bespreche. Ich habe mein Wort gegeben!«

Jan war darauf gefasst, gleich bedrängt zu werden, so schaute der Mann ihn an. Stattdessen vernahm er einen milden Ton.

»Ich verstehe. Aber vielleicht komme ich dem mit einer Botschaft aus dem Politbüro zuvor, die du Fischer gleich verbindlich weiterleiten kannst. Zusammen mit der Bekundung von Respekt seiner Person gegenüber ist es die dringliche Empfehlung, dass er jetzt – kannst du mir folgen? – jetzt, wo die drückende Mehrheit bei den Sozis ohnehin für einen Zusammenschluss ist, dass er im Interesse seiner Sicherheit wie auch seiner Aufgaben, die auf ihn in der Einheitspartei warten, hör mir gut zu! die Einladung nicht ausschlägt, die für ihn dank glücklicher Umstände auf dem Weg ist, und für eine Weile Vorlesungen an der Universität in Wien hält. Wann kannst du es ihm vertraulich übermitteln?«

»Morgen Abend ...?«

»Hervorragend. Das wär’s also vorerst ... ach! Für unseren Kontakt musst du auch einen Decknamen haben, der echte soll nur deiner Poesie vorbehalten bleiben. Welchen legst du dir zu?«

Da Jan auf die Schnelle nichts einfiel, schlug jener ihm mit wissendem Lächeln vor.

»Wie wär’s denn mit Kamil?«

8

Er sagte es ihr im Atelier am Nachmittag des folgenden Tages, als sich der Puls bei beiden etwas beruhigt hatte. Die Couch hatte er diesmal aufgeklappt, bevor sie kam, und mit einem sauberen Betdaken von zu Hause bezogen. Kamila, noch ganz entblößt, richtete sich bestürzt und erschrocken auf.

»Und das sagst du mir erst jetzt?«

Auch Jan, ebenso nackt, setzte sich auf.

»Mir war unheimlich nach dir. Ich hatte Angst, dass du gleich die Lust verlieren würdest ...«

Sie fischte wieder ihr Etui irgendwo heraus, zündete sich eine Zigarette an und gestand dann erst.

»Du hast wohl Recht.«

»Ich denke, dass auch sie Recht haben«, sagte Jan, »in der gegebenen Situation, sowie sie mir ein Genosse geschildert hat, der sie wirklich gut kennt, ist es für deinen Mann vorerst eine annehmbare Lösung.«

Sie rauchte schnell und auf Lunge, wie immer, wenn sie sich den Kopf über etwas zermarterte. Dann fragte sie ihn ganz direkt.

»Das hast du aber nicht nur deshalb eingefädelt, damit wir zwei zusammen sein können?«

»Also, Kamila ... wie kannst du so etwas ...«

Das Blut stieg ihm ins Gesicht, und sie merkte, dass sie ihn nicht bloßstellte, sondern beleidigte. Sie drückte ihre Zigarette in einem Blumentopf aus und umarmte ihn.

»Bitte, verzeih mir!«

Aber die Lust hatte sie nun schon verloren. Sie griff nach ihrer Wäsche.

»Er muss das sofort erfahren ...«

Weiter sprach sie nur noch pragmatisch.

»Ich werde sagen, dass du mich nach der Probe abgeholt hast!«

In dem großen Doppelzimmer an der Kaianlage rauchte sie kräftig weiter, als Jan ihrem Mann am runden Tisch erzählte, was er für mitteilbar hielt. Er bat um Verständnis, keine Quelle verraten zu dürfen, versicherte ihm aber, dass er diese Nachricht absolut ernst nehmen könne. Felix Fischer erhob sich nach einer Weile und begann umherzugehen, als ob er an der Fakultät mit Studenten diskutieren würde.

»Eigentlich ist das ja eine Verbannung!«

Hierzu schwiegen die beiden anderen.

»Zudem ist sie so durchschaubar zeitlich festgelegt, dass ich meinen Parteitag verpassen sollte. Das verbietet mir die Moral!«

»Dein Hauptberuf ist es, Vorlesungen abzuhalten«, entgegnete Kamila, »und vielleicht bist du ja tatsächlich gefährdet.«

»Um Himmels willen, warum sollte ich das sein? Ich führe eine normale innerparteiliche Diskussion, ich prüfe das Für und Wider, um dazu beizutragen, die richtige Lösung zu finden.«

»Nur hat die ja schon eine beträchtliche Mehrheit gefunden, und jemand von euren Leuten sieht dich anders ...«

Er überhörte sie und blieb vor Jan stehen.

»Mir kommt das eher wie ein nachrichtendienstliches Spiel vor! Dir nicht?«

Wiederum antwortete sie ihm.

»Die prestigeträchtige Wiener Universität kann das doch nicht vorspielen! Aber sei es nun Zufall oder ein Akt der Solidarität, sie kamen zur rechten Zeit, sieh es also als Wink des Schicksals. Felix! Die Fusion ist doch eine ausgemachte Sache, auch ohne dich!«

»Umso weniger begreife ich daher, warum jemanden eine gegenteilige Meinung stören sollte!«

Da er weiterhin von oben auf ihn herabschaute, fühlte sich Jan genötigt, zu antworten.

»Vielleicht geht es irgendjemandem darum, dass der Beschluss eures Parteitags einstimmig ausfällt.«

»Das ist doch eine Phobie von euch Kommunisten! Aber wir sind die Sozialde-mo-kra-tie, und den Grundsatz, dass Demokratie gleich Diskussion ist, wollen wir auch in den zukünftigen Bund mit euch einbringen. Gerade die Meinung der Minderheit verschafft dem Sieg der Mehrheit Vertrauen!«

Im anderen Teil des Salons begann das Telefon zu klingeln. Der Professor wollte automatisch hingehen, aber Kamila kam ihm zuvor.

»Lass dich nicht stören ...«

Kaum war sie verschwunden, ließ sich Fischer dicht neben Jan nieder, legte ihm vertraulich den Arm um den Hals und fragte eindringlich.

»Genosse Soukup ... oder darf ich auch Jan sagen?«

»Sicher ...«

»Von wem ist diese Nachricht?«

»Sie ist die Reaktion darauf, was ich für euch in Erfahrung bringen sollte ...«

»Von wem?«

»Ich habe mein Wort auch dort gegeben ...«

»Und ist sie aus eurem Politbüro?«

»Ja ...«

»Aus dem ... nicht aus dem Moskauer Lager?«

Jan hatte nie gelernt zu lügen.

»Gewiss war darin eine deutliche Hochachtung Ihnen gegenüber und die Sorge um Sie enthalten ...«

»Sollte mir diese Warnung etwa nur Angst einjagen, um mich lächerlich zu machen?«

»Mir kam sie aufrichtig vor ...«

Fischer fragte nicht weiter. Nach wie vor hatte er jedoch seinen Arm auf Jans Nacken, als Kamila zurückkam.

»Genosse Laštovička ...«

»Nun, was ist denn ...?«

»Genosse Laštovička ist von einem Auto angefahren worden ... Er war auf der Stelle ...«

Sie sprach nicht zu Ende. Fischer ließ langsam seinen Arm von Jans Schultern gleiten und schaute ihm unverhohlen vorwurfsvoll in die Augen.

»Auch schon bei uns!?«

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₺332,23
Yaş sınırı:
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Hacim:
230 s. 1 illüstrasyon
ISBN:
9788711449042
Yayıncı:
Telif hakkı:
Bookwire
İndirme biçimi:

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