Kitabı oku: «Ende der großen Ferien»

Yazı tipi:

Pavel Kohout
Ende der Großen Ferien

Roman

Ins Deutsche übertragen

von Georg Birno

Saga

Dieser erdachte Roman erzählt über Schicksale von zufällig zusammengescharten Menschen, die zur Sonnenwende 1983 ihrem Vaterland den Rücken kehren und sich in die freie Welt absetzen.

Ein bestimmtes Datum wurde gewählt, weil sich Fluchtbedingungen ständig verändern; weder die Zeit und die Schauplätze noch die Nationalitäten sollten jedoch darüber hinwegtäuschen, daß die Emigration weltweit ein Jahrhundertproblem darstellt, das in wechselnden Kulissen und Kostümen ähnliche Sorgen und oft auch Tragödien mit sich bringt.

Ich widme dieses Buch meinen Lieben und Freunden im ungewollten Exil, das von einem neuen Aufbruch der Demokratie in der Tschechoslowakei beendet worden ist, und insbesondere, als Dank für ihre entscheidende Mitwirkung, Jelena Kohout und Albrecht Knaus.

20. Juli 1990

P.K.

I
Anfang der grossen ferien
Der Tag davor

Montag, den 20. Juni 1983

1. Der Schauspieler

Von jedem ausgefallenen Haar

Nahm Abschied er

Als wär’s ein Freund

Auf Nimmersehn verreisend...

Diese Strophe aus einem plumpen Gedicht, das er gestern als sein letztes «Opus» in der Heimat fürs Radio aufgezeichnet hatte, schien sich ihm unauslöschlich eingeprägt zu haben. Obwohl er dagegen ankämpfte, wiederholte er es am Steuer wohl alle fünf Minuten aufs neue. Höchstens gelang es ihm, den Rhythmus zu zersetzen, die Worte aber drängten wieder und wieder auf seine Zunge.

Jeder seiner Psychiaterfreunde, von denen er als eine scheinbar starke Persönlichkeit in all den Jahren eine ganze Sammlung angelegt hatte, als sie sich an seinem Ruhm aufzurichten und nach einem Halt für ihre eigene Verwirrung suchten, hätte ihm gewiß verraten, was er bereits wußte: Der blöde Satz sprach sein Zentralproblem aus.

Milan Čech – nomen est omen – noch immer ständiges Mitglied des Nationaltheaters in Prag und ein Fixstern aller großen Serien des tschechischen Fernsehens, verließ nun doch für immer das verrückte Land, in dem er durch einen unglücklichen Zufall geboren wurde, um den Sternenhimmel des normaleren Teils der Welt zu stürmen.

Von einem einzigen unerläßlichen Stopp abgesehen, saß er bereits in der sechsten Stunde am Volant. Obwohl er vor Erregung nachts kaum geschlafen hatte und sich Dora als Chauffeur seinem ewigen Dazwischenreden zum Trotz völlig sicher war, gab er seit Prag das Steuer nicht ab, als läge gerade darin der Erfolg des Unternehmens. Jetzt wurde ihm langsam klar, die Sache zu weit getrieben zu haben. Seine letzte, wahrscheinlich überflüssige Absicherung war dieser Umweg über Komarom. Er wollte damit selbst dem wachsamsten Auge des Staates beweisen, daß er in der Tat über Südjugoslawien nach Bulgarien wollte. Als Dora einwandte, dies sei übertriebene Vorsicht, die ihnen nichts als hundert Kilometer schlechte Straße einbrächte, fuhr er sie an, wie er es gewöhnlich tat, wenn er seine eigenen Zweifel zum Verstummen bringen wollte.

Die Spannung zwischen den Eltern bewirkte, daß Petřík, im allgemeinen nur der Stumme dahinten, sich jetzt noch dazu unnatürlich versteifte, was seltsamerweise den Schauspieler noch zorniger machte: Er verspürte darin eine Verbocktheit, wie sie der Entfremdung vorauszugehen pflegt, doch er wußte sich keinen Rat. So schwieg auch er. Ab Bratislava herrschte Ruhe im Auto, und irgendwann mußte Dora eingeschlafen sein; sie reagierte selbst dann nicht, als man in das Gebiet etlicher riesiger Wasserbaustellen einfuhr, in denen sich ein wahres Labyrinth von Umleitungen auftat.

Der Stolz verbot ihm, sie zu wecken, um ihr unglaubliches Orientierungstalent zu Hilfe zu rufen, und so verirrte er sich bald hoffnungslos. Mit jedem Kilometer wuchs seine Verbitterung. Doras Teilnahmslosigkeit wie auch die Stumpfheit seines Sohnes, er will mit mir seit unserer Abfahrt überhaupt nichts zu tun haben! riefen in ihm ein zunehmendes Gefühl der Verlassenheit und des Unrechts hervor. Ich tu’s doch nur für sie! sagte er sich und erinnerte sich an seine Devise, mit der er seine ledigen Jahre verbracht hatte: Ich muß mir täglich nur einen Liter Wein und eine Semmel verdienen, zu einem Bett lädt mich schon jemand ein.

In diesem Winkel der Großen Schütt, offenbar zur Überflutung freigegeben, schien keine Menschenseele mehr zu hausen, er fuhr durch eine Mondlandschaft, in der nur immer neue Umleitungen zwischen Betondämmen eine monströse Zivilisation bezeugten. Endlich kapitulierte er, hielt an, ließ die Fensterscheibe herunter und versuchte sich zu orientieren. In den helleren Wolken hinter ihm erahnte er den Westen. Voller Bitterkeit entschloß er sich, zu wenden und weitere sechs Stunden an dieser Richtung festzuhalten. Er stellte sich vor, wie er die beiden Mitreisenden nach Mitternacht vor ihrer Prager Wohnung weckt und sagt, wie er es in einem dummen Schwank gesprochen hat.

«Mit euch gelangt man höchstens dorthin, wo man losmarschiert ist...»

In diesem Augenblick hörte er ihre Stimme.

«Na, endlich!»

Noch bevor er es schaffte, sich aufzuspielen, sah auch er vor sich, was sie, kaum aus dem Schlaf erwacht, bereits erblickt hatte: eine fast unleserliche Tafel, auf der durch den Schmutz die Inschrift Staatsgrenze 2 KM schimmerte.

Der Übergang, der zu ihrem Tor in die neue Welt werden sollte, diente hier vorwiegend dem kleinen Grenzverkehr. Jene berüchtigten technischen Einrichtungen, die die Grenze gegen die Welt der Kapitalisten schützen und deren drohende Dominanten die mammutartigen Hochsitze für Scharfschützen bildeten, lohnten hier nicht. Hier konnte man nur aus einem Käfig in den anderen flüchten, und das Lebensniveau, beiderseits tief abgesunken, ließ selbst die einst blühende Schmuggelei verdorren.

Der Offizier der Grenzwache, der ihre Reisepapiere zur Kontrolle mitnahm, machte jedoch die gleiche aufmüpfige Miene wie seine Kollegen bei den großen Passierstellen. Doch als sich der Fahrer absichtlich aus dem Fenster des Škodas hinauslehnte und der Mann das vom Böhmerwald bis zu den Tatrabergen bekannte Fernsehgesicht erkannte, verwandelte er sich rasch, bezaubert vom Flimmer eines unerreichbaren Lebens, in einen Heimatburschen ostslowakischer Kartoffelfelder, der er auch immer geblieben war.

«Sind Sie nicht...» fragte er, beinahe liebenswert naiv, er konnte sich davon doch von Amts wegen überzeugen aus den Papieren, die er in der Hand hielt, «nicht der...?»

«Sieht so aus», half der Fahrer wie gewohnt nach und grinste ihn an, für sich hinzufügend: Bolschewist du blöder!

Der junge Mann, den über das Mittelmaß nur die Uniform hinaushob, glaubte, eine Erscheinung vor sich zu haben.

«Du lieber Gott, Sie waren doch gerade im Fernsehn, es ist keine halbe Stunde her!»

Der Schauspieler dachte nach, was es sein könnte. Halb sieben! Was für Kinder?

«Als was kam ich?»

«Was meinen Sie?»

«Was ich darin spielte.»

«Den Prinzen doch...»

«Ach so!»

«Aber wie kommt es denn, daß Sie hier sind...» erst jetzt hat er im Paß den Namen nachgeblättert und fast feierlich ausgesprochen «Herr Čech?»

Der Schauspieler war es natürlich aus diesem verdammten Land gewohnt, sich mit jedem Idioten unterhalten zu müssen.

«Ach, das haben wir bereits im April gedreht», erklärte er geduldig, obwohl in ihm schon alles kochte, «und weil ich ab heute keine Proben mehr habe und nicht mehr spielen muß, springt für mich eine Woche Ferien mehr heraus!»

Er hat das mit jenem verschwörerischen Grinsen begleitet, mit dem die Tschechen und Slowaken jedem stolz erzählen, wie sie das nun mal wieder geschafft haben, das Regime reinzulegen, das eben ohne diese kollektive Schlitzohrigkeit längst vor die Hunde gegangen wäre.

Der Grenzverteidiger quittierte dies mit der üblichen Mischung von Neid und Bewunderung.

«Na ja, ihr Künstler, ihr wißt es schon zu richten! Und der Bub, der schwänzt halt die Schule, was?»

Er beugte sich zum Fahrer runter, als wollte er nur besser auf das stille Kind blicken, auf dem Hintersitz unter dem Gepäck fast vergraben; es war jedoch klar, daß er vor allem verstohlen die schöne Dora anschaute. Dem Schauspieler schlug aus seinem Mund Sauerkrautgeruch des Abendessens entgegen. Er erinnerte ihn an seine eigene endlose, wenn auch ziemlich fesche Wehrpflicht und an den ganzen Berg von militärischen und danach auch zivilen Schindereien, die er soeben hinter sich lassen wollte. Was geht dich das an, du Hanswurst, dachte er wütend.

«Er hat eine ärztliche Bescheinigung», sagte er und zwinkerte ihm zu. Auch diese Biedermannsart war einer der Tricks, zu denen in diesen Regionen Menschen, vor welchen sich in der übrigen Welt der Plebs beugte, greifen mußten, um sich der grenzenlosen Frechheit von Funktionären, Waffenträgern aller Sorten und, wenn man ordentliche Ware haben wollte, sogar von Obst- und Fleischhändlern zu erwehren. Nein, weg von hier, nichts wie weg!

Auch dieser Lakai des Regimes hat angebissen und schaute nicht so aus, als wollte er diesen Reisenden seine Macht zum Beispiel dadurch beweisen, daß er sie bis zum letzten Schräubchen und Slip durchsuchen läßt, um dann mit Siegesgeschrei die paar unchristlich hochbezahlten Devisen ans Licht zu holen. Im Gegenteil: Überraschenderweise zog er aus seiner grünen Bluse eine abgegriffene Brieftasche und aus ihr das Photo eines massigen Wesens weiblichen Geschlechts: Üppige Farben verliehen ihr das Aussehen einer Schlampe.

«Das ist die Resi», vermeldete er stolz, «meine Verlobte!»

«Aha...» sagte der Schauspieler und half sich mit einem Jux aus der Peinlichkeit, «möchten Sie sie mir geben? Für gewöhnlich erlaubt das die Gattin nicht, aber Sie können’s per Befehl schenken, stimmt doch?»

Der Waffenträger brauchte einen Augenblick, um das zu verarbeiten.

«Du lieber Gott, das nicht, ich hab’ nur dieses! Aber Sie könnten für sie darauf unterschreiben, ja?»

«Warum nicht», stimmte der Schauspieler zu, ließ aber noch nicht lokker, «nur erkläre ich hiermit, daß ich für Sie keine Alimente zahle, das haben nämlich mit mir schon drei andere probiert.»

«Na klar... Sie haben ja auch kein richtiges Paradiesleben, wie man glaubt...» plötzlich schien er ganz froh, in der eigenen Haut zu stecken, als er jetzt dem Schauspieler seinen Kugelschreiber gab, «ich werd’ Sie inzwischen abfertigen.»

Er verschwand in der Einheitsbaracke, und sie waren wieder allein. Einen knappen Kilometer vor ihnen schaute über die Maisfelder der ungarische Zoll herüber, ebenso menschenleer.

«O Himmel!» stöhnte der Schauspieler, als stünde er auf der Bühne, «gib, daß dies mein letztes Autogramm ist – in diesem beschissenen Land!»

«Petřík schläft nicht», sagte Dora.

«Um so besser! Kinder sollen hören, was ihnen die Eltern vermachen.»

«Für so was ist er vielleicht doch noch zu klein.»

«Und bleibt bis in den Tod blöd, wenn du mit ihm wie mit einem Mädel umgehst. Mir hat mein Vater vielleicht als erstes Wort gesagt, der Bolschewik wär’ eine Hure, und trotzdem habe ich fünfunddreißig Jahre gebraucht, um das Loch aus dem Käfig hier zu finden!»

Abergläubisch klopfte er sich schnell auf den Kopf und fügte hinzu.

«Mein Sohn muß es besser haben!»

«Dreh wenigstens das Fenster rauf...»

«Sei nicht ewig so ängstlich, er ist es ja auch schon! Hier gibt es doch keinen weit und breit.»

Dann ließ er das Reden und widmete sich dem Photo. Schrieb und grinste.

«Worüber lachst du so?»

Er führte es ihr vor. Für resi, die heissgeliebte, dass sie unsere verrückten stunden nie vergisst, malte er in seiner üblichen Versalschrift, Für immer ihr milan čech.

«Du bist verrückt geworden!»

«Der merkt nichts mehr. Er wird die ganze Bande hierherschleppen, um sich wichtig zu machen!»

Wie war ihr seine Angeberei zuwider, doch bald mußte sie seine Menschenkenntnis erneut bewundern: Wie aufs Stichwort marschierte aus der Baracke eine ganze Riege Uniformen an. Ihr Betreuer natürlich vorneweg.

«Hier, Milan», brüllte er, gab ihm beide Pässe und nahm das Photo an sich, «mach’s gut und bring uns ’ne Flasche bulgarischen Mastika, wenn du zurückkommst, wir übersehen dafür eure neuen Pelze! Abfahren!»

Er drückte bereits die Schalttaste der elektrischen Schranke, um die neue Bekanntschaft mit niemandem teilen zu müssen und dabei ihre Wackeligkeit zu verraten.

Der Schauspieler ließ den Motor an und trat das Gaspedal, als bräche er zu einer Rallye auf. Kaum hunder Meter weiter, nachdem er die Säule mit dem Hoheitszeichen der Tschechoslowakischen Sozialistischen Republik hinter sich gelassen hatte, bremste er heftig und lehnte sich aus dem Fenster.

«Ich hab’ deinen Kuli geklaut, Blödmann!» schrie er nach hinten.

«Waas...?» rief der Kerl, winkte sogar zum Abschied und joggte strebsam Richtung Ungarn.

Der Schauspieler wartete, bis der Offizier auf Hörweite herankam, und dann, ehe er das Gaspedal durchtrat, schrie er seinen letzten Gruß in die Heimat.

«Leckt mich!»

2. Der Korporal

Er schaute zu, wie die blendende orangefarbene Sonnenscheibe schnell hinter den Wall des Mischwalds auf dem Nachbarhügel sinkt, doch anstatt des Gefühls eines stillen Behagens, das diesen Augenblick früher begleitet hatte, stellte sich wieder der dumpfe Magenschmerz ein. Um ihn loszuwerden, atmete er die feuchte Vorabendluft tief ein, die nach frischem Heu roch, und ließ dabei im Fernglas die ihm liebsten Details im Blickwinkel des Wachturms herankommen: Buschgruppen, die niedrige Remise, verwilderte Birnbäume auf Rainen, die ihm als lebendige Denkmäler längst vergangener Zeiten vorkamen. Er, ein leidenschaftlicher Großstädter, der gern sagte, sein Moos sei der Asphalt und Schornsteine seien ihm die liebsten Bäume, begann ziemlich bald, diesen verlassenen Winkel Südmährens zu mögen, bis er ihm plötzlich ans Herz gewachsen war, um so überraschender, als es hier um eine vergewaltigte Landschaft ging, ihrer Natur beraubt, bevölkert höchstens von Halberwachsenen in Uniform, die eine schon seit langem sinnlos gewordene Aufgabe erfüllten: im Herzen Europas, das feierlich Verträge über gemeinsame Sicherheit und Zusammenarbeit unterschrieb, künstlich die Zeit der zerrissenen Wege und abgebrochenen Brücken zu verlängern. Obwohl er schon früher so gefühlt hatte, und er verheimlichte das kaum, galt er allgemein als ein guter Soldat, und er war es auch. Sein Charakter lehnte alle zu simplen Ansichten ab, sei es für oder gegen. Seit der Kindheit wollte er alles in der Welt selbst entdecken, wenn es ging persönlich, und zwang sich bis dahin, immer den möglichst objektiven Standpunkt zu vertreten. Darum war er auch zu einer Staatsmacht loyal, auf die er nach der Ausbildung den Eid geleistet hatte, obwohl die meisten ihrer Vertreter ihn abstießen. Armeen hat man auch auf der anderen Seite, warum sollten deren Politiker und Generäle besser sein. Übrigens, zum Militär hierzulande mußte man pflichtgemäß, und er hat sich diesen Elitedienst beim Grenzschutz nicht mit krummen Tricks erkauft. Er war, versteht sich, im Jugendverband, wollte sich in den legalen politischen Strukturen engagieren, weil ihm all die diversen Chartas wie Heimatvereine aus den Zeiten der nationalen Wiedergeburt erschienen waren, niemals aber nahm er sich ein Blatt vor den Mund, offensichtlich ein Grund dafür, warum er es zwei Jahre nacheinander nicht zur Hochschule für Ökonomie gebracht hat. Er ist keinen der üblichen Schleichwege gegangen, nie hat er die Miesepeter vom Stadtkomitee, die ihn wahrscheinlich auf dem Gewissen hatten, um etwas angebettelt, obwohl sie gewiß darauf gewartet haben. Er wich selbst vor Eltern und Brüdern nicht zurück, die er ehrlich mochte, als sie ihn davon zu überzeugen versuchten, daß Starrköpfigkeit zu gewissen Zeiten nur eine Art von Dummheit ist, und ein vernünftiger Kompromiß hat noch niemanden um seine Ehre gebracht. Für so was, sagte er, bliebe ihm Zeit genug, ebenso wie für Mädchen, die anscheinend nur das eine wollen. Gelassen ließ er sich einberufen, und in der Armee stellte man bald fest, wen man da vor sich hatte. Nicht einmal dort ließ er sich jedoch etwas einfallen, was er nicht unbedingt mußte; das war auch der Grund, warum man ihn, den hochgewachsenen, starken, wendigen und außerdem auch hübschen Jungen, den städtischen Jugendmeister in Karate, nicht mehr zum Offizier drängte, man freute sich, einen so tüchtigen Mann ganze zwei Jahre am Grenzzaun zu haben. Jetzt wurde er schon Unteroffizier, hatte einen Spezialkurs für Nahkampf absolviert; seinen dritten Hochschulantrag hat die Armee vorbehaltlos empfohlen, und so genoß er die letzten Wochen des Lebens in der freien Natur, die er für sich entdeckte und die ihm während der Zeit hier so vertraut wurde. «Ein Paradies fürs Auge...» fing er an, die tschechische Hymne zu verstehen, die ihm lieber war als die eigene slowakische, in der es nur so blitzte und donnerte.

Doch dann schlug auch hier ein Blitz ein.

Nach achtzehn Monaten, in denen hier nur die Hufe des Hochwilds den glattgeeggten Ackerboden des Sicherheitsstreifens stempelten, hat es in der ersten Mainacht gerade im Abschnitt seiner Kompanie einen Fluchtversuch gegeben. «Der Störer» hat wirklich Alarm ausgelöst, und die hochgedrillte Militärmaschinerie war ihm im Handumdrehen auf der Spur, griff nach seinem Nacken. Dann machte der Jüngling die letzte Dummheit seines kurzen Lebens. Statt sich zu ergeben und sich die drei Jahre aufbrummen zu lassen, die bei guter Führung halbiert werden konnten, stand er auf, gewiß durch den Schrei seiner Jäger verblödet, das Hundegebell und die leckenden Zungen der Scheinwerfer, und ist direkt auf die österreichische Grenze zugerannt. Nicht einmal so wäre er ihnen entwischt, es hat ihn überdies der Stacheldrahtzaun erwartet, und vielleicht wäre er schließlich vor dem Fluß zurückgeschreckt, noch immer angeschwollen nach dem Sturzregen im April. Zum Unglück jedoch kreuzte gerade Oberleutnant Scherg seinen Weg. Sein Name war auch seine Visitenkarte, unterschiedslos hetzte er hier alle, als versuchte er seinen ewigen Frauenfrust, sie konnten seinen beißenden Schweiß nur schwerlich ertragen! mit Kraftmeierei auszugleichen, die ihm das Gefühl, ein Mannsbild zu sein, wieder verschaffte. Er lief einem Rekruten nach, der soeben aus dem Ausbildungskamp angekommen war, ohne die geringste Ahnung, wie es hier in Wirklichkeit zugeht, und brüllte ihm ins Ohr wie von Sinnen.

«Schieß, Himmelherrgott, schieß!»

Da zischten bereits die Leuchtraketen ringsumher hoch, und der Nachthimmel blühte mit weißen, grünen, blauen und orangen Girlanden auf, sie markierten Schießsektoren. Der Rekrut hat nachtwandlerisch reagieren müssen, denn gleich darauf hat Scherg losgelegt.

«Los, Feuer, Kruzitürken, sonst kommst du vor den Kadi!»

So pumpte er ihn von hinten mit Blei voll, schoß auf fünfzig Meter das Magazin explosiver Geschosse leer, wonach man dann den armen Teufel zum Kübelwagen in der Plane tragen mußte und die Reste erst bei Tagesanbruch einsammeln konnte. Er hat genug für zehn abbekommen. Während der Untersuchung hat sich Scherg feige verteidigt, er habe nur zum Warnschuß kommandiert, der Grünschnabel hätte das doch wissen müssen, und falls er bei der Schulung gepennt haben sollte, sei das doch sein Problem! Natürlich hat den Leutnant keiner gefragt, warum er denn nicht selbst geschossen hat, er hielt doch seinen Neun-Kaliber in der Hand! Aber es sollte noch schlimmer kommen. Als der Schütze, die Hose voller Angst, zum Regiment gebracht wurde, hat jeder fest damit gerechnet, der Mann kriegt wenigstens zwei Wochen Bau, statt dessen hat ihnen abends der Kommandantvertreter einen Helden eingeliefert, den die Bonzen, bevor sie ihn mit Bier vollaufen ließen, für den Mord mit einem Lobvermerk und einer Woche Urlaub belohnten. Er trat ihn an, sobald er seinen Rausch ausgeschlafen hatte, und der Korporal hatte bereits zehn andere im Visier, die ebenso dringend nach Hause zu ihrer Alten mußten und sich nun im klaren waren, wie das am schnellsten zu deichseln sei. Sie waren jetzt fähig, ganz ohne Warnung selbst auf Heidelbeeren- und Pilzsammler loszuballern, die sich ab und zu bis in die äußere Schutzzone verirrten. Scherg, den man, weil er sich von dem Malheur so distanzierte, bei dem Lobspenden ausgelassen hatte, wollte nun das Versäumte nachholen und gab in der Offizierskantine, wenn er sich wieder einmal besoffen hatte, diverse Schreiereien von sich, es habe sich damals um eine geheime Richtlinie gehandelt, die er kannte, und deswegen habe er das Kommando gegeben.

Das schlimmste daran war, daß ihm der Korporal glaubte.

Erst dann befiel ihn die Angst, und die meldete sich immer wieder mit chronischen Magenschmerzen. Die Landschaft, an der er Gefallen fand, vor allem ihrer weichen Arglosigkeit wegen, begann ihm wie eine Falle vorzukommen, auch ihm, ihrem Beschützer, gestellt. Er hörte nicht auf, darüber nachzudenken, wie er sich selbst in einer solchen Lage verhielte. Natürlich hätte er zuerst in die Luft geschossen, dessen war er sich sicher, aber was wäre, wenn der Angsthase weiterliefe? Ihn nicht zu treffen, mit Absicht? Auf die Entfernung und mit der tollen Knarre? Wer sollte ihm hier auf den Leim gehen? Scherg wäre jedenfalls der Letzte. Auf die Beine zielen – leicht gesagt, doch es klappt nur im Schießstand, im Terrain reicht es, wenn einer der beiden stolpert. So hätte er ihn wahrscheinlich weniger durchlöchert, doch sicher mit dem gleichen Ergebnis. Die zweite Möglichkeit bot nur der Divisionsankläger an, und der Korporal bezweifelte nicht, daß er von Scherg während der Ermittlungen in die Pfanne gehauen würde, der hat hier doch seine unbeugsame Starrköpfigkeit am schlechtesten vertragen. Und obendrein hätten die niederschmetternden Kaderbegutachtungen ihn total fertiggemacht, von den Bratislaver Jugendverbandsonkeln freudig ausgestellt. Alles in allem würde dabei dasselbe herausspringen, was auch der Trottel für versuchte Republikflucht bekommen haben könnte, wäre er nicht in Panik geraten. Auch wenn der Korporal ein Gottloser war, die Eltern, gläubige Kommunisten, haben alle Söhne für die Partei erzogen, da fehlte nur er noch als Benjamin! hat er seit jener Nacht im stillen wiederholt gesagt: Mein Gott, verkünde wenigstens deinen flüchtenden Christen, sie sollten diese Kompanie meiden, solange ich bei ihr mir die Beine in den Bauch stehen muß, sonst wüßte ich ehrlich nicht, was ich anfangen würde... In diese trüben Gedanken fiel das Gerassel des Feldtelefons ein. Er verließ das Fernrohr, durch das er ohnehin seit langem nichts mehr wahrnahm, und griff nach dem Hörer.

«Die Wolke hier, ich höre.»

«Die Sonne. He, paß auf, bald kriegst den Sheriff! Ende!»

Der Kamerad in der Kompaniezentrale schaffte es nur knapp abzuklingeln, da sah der Korporal bereits den Geländewagen, wie er mit dichtem Staubschleier hinter sich aus dem Wald auf ihn zuraste. Der Hauptmann fuhr selbst und winkte ihm zu, er solle oben bleiben. Als er bremste, blieb er am Steuer sitzen und sprach ihn an, während sich die Staubschleppe langsam legte.

«Tono, das Staatsgut möchte morgen die Wiese vor dem Felsen drüben runternehmen, die haben wieder neue Leute gekriegt, überprüfte, heißt es, doch ich will keine neue Scheiße haben. Du hast das Kommando, hol dir noch einen dazu, und kannst den ganzen Tag in der Sonne fünfzehn machen!»

Dem Korporal schien, man hätte ihm in den Magen getreten. Ein totaler Blödsinn fiel ihm ein: Und was, wenn man mir keinen Christen schickt, sondern einen Heiden, den der Himmel nicht warnt? Jesus, was dann?

3. Der Alchimist

Er hob den Finger zur Klingeltaste und wünschte sich dabei, sie wären nicht zu Hause, denn er wußte genau, wie es ausgehen wird. Aber wo sonst könnten sie zu dieser Stunde sein? Die Kleine mußte bald zu Bett, und Zdena schien noch keinen neuen Partner zu haben; in den seltenen Gesprächen, die sie am Telephon führten, kam sie ihm ebenso wehleidig vor wie letztes Jahr, als sie endlich begriffen hatte, daß ihre Ehe auseinanderging. Ich könnte mir den sinnlosen Ausflug sparen! überlegte er sich, wenn bei den Kreuzungen ein Rot nach dem anderen fiel, doch fuhr er weiter, quer durch ganz Prag, und jetzt schellte er bereits.

Erst Kinderrufe, dann schlurfende Schritte und das Klappern im Guckloch. Endlich machte ihm die Tochter auf. Sein Blick fiel auf die ausgelatschten Schlappen und den uralten Hausrock mit Papageien, den er einst, sie war noch ledig und man wohnte gemeinsam, ihr aus Paris mitgebracht hatte. Ihre fettigen Haare, sicher tagelang nicht gewaschen, und das aschgraue, ungeschminkte Gesicht machten das traurige Bild vollkommen. Wie immer hob in ihm das schlechte Gewissen eine Mitleidswelle empor. Und wie immer sorgte Zdena dafür, daß sie schleunigst wieder abebbte.

«Na, so was!» sagte sie zu dem Mädchen, das hinter ihr im Nachthemd stand, «der Opa persönlich hat den Weg zu uns gefunden, na, da staunen wir, nicht wahr, Zuzi?»

So wichtig war ihm diese Begegnung, daß er sich beherrschte und zu lächeln versuchte.

«Ich glaubte, ihn niemals verloren zu haben... Grüß dich, Zdena, grüß dich, Zuzilein...»

Es gelang ihm, sie beide zu küssen. Daß die Tochter nicht zurückzuckte, wie so oft, um ihm klarzumachen, wie die raren Zeichen seiner Zuneigung sie vielmehr erschreckten, hielt er bereits für ein gutes Omen, doch sie hat ihm sofort einen ihrer Kratzer versetzt.

«So begrüß doch den Opa schön, Zuzi, und frag ihn, was er dir mitgebracht hat!»

«Opilein», kürzte das Kind den Auftrag ab, «hast du was mitgebracht?»

Am liebsten wäre er in die Erde versunken, daß es ihm ausgerechnet heute nicht einfiel, doch er hat sich zu diesem letzten Versuch erst vor einer Stunde durchgerungen, als die Geschäfte schon zu hatten. Zdena sah doch seine leeren Hände, und es war von ihr darum noch ungerechter, als er den beiden immer etwas anschleppte, zugegeben, aus dem Ausland vorwiegend Kleinigkeiten, aber mehr war bei den bescheidenen Spesen eben nicht drin: Er führte zwar oft Delegationen an, doch solange ihn die Partner nicht zu einem ordentlichen Essen einluden, lebte er sogar in guten Hotels von Brötchen, Wurst und Dosenbier, die er an den sich verbeugenden Türhütern vorbei im Aktenkoffer ins Zimmer schmuggelte.

«Entschuldige, Zuzilein», sagte er demütig, «heute habe ich es tatsächlich nicht geschafft, morgen fliege ich fort, und bis jetzt war ich in der Arbeit...»

«Tja, der Opa flog immer so herum, weißt du», erklärte die Tochter der Enkelin, «drum hat er schon für mich keine Zeit gehabt.»

Sie strafte ihn auch noch mit dieser Anrede, die ihm, wie sie wußte, tief zuwider war. Er zwang sie sogar einst, jetzt schämte er sich für solche Eitelkeit, ihn «Karel» zu nennen. Mit «Papa» trotzte sie seiner Entscheidung, die Mutter und sie zu verlassen wegen einer der vielen austauschbaren, meist gefärbten Blondinen, die es endlich geschafft hatte, ihn so weit zu bringen. Als er sie dann sogar heiratete, verlor die Tochter an ihn drei Jahre kein einziges Wort. Dann nahm sie ihn wieder in Gnaden auf, weil er sich wenigstens um sie beide anständig kümmerte, und vor allem, weil das tolle Frauchen inzwischen mit einem Jüngeren verschwand, der noch dazu Devisenausländer war. Ausschlaggebend wurde, daß er damals für seine Bitte um Versöhnung ausnahmsweise überzeugende Worte fand.

Er durfte sogar seine Tochter zum Standesamt führen, und bei der Hochzeitstafel, die er als anständiger Brautvater natürlich ausgerichtet hatte, saßen alle mal wieder zusammen. Dann jedoch hat auch die Tochter der Ehemann verlassen, und sie kehrte ihre ganze Bitterkeit gegen den Vater, als wäre er der wirkliche Urheber dieses Verrats. Sie hörte auf, ihn direkt anzureden, sprach zu ihm nur über die Kleine, grundsätzlich in der dritten Person.

«Zdena!» flehte er sie an, «ich muß dich dringend sprechen. Darf ich wenigstens rein?»

«Aber gewiß doch...» sagte sie, durch diesen Ton überrascht.

Auch er konnte sich nicht darauf besinnen, diesen Wunsch je geäußert zu haben, dem er selbst so oft kein Gehör gab, als seine erste Frau oder die Tochter mit ihm das ziemlich abgedroschene Thema noch einmal erörtern wollten, er solle sie doch nicht verlassen. Er hat jedoch mit dem Staunen der Tochter gerechnet und es in seine Überlegungen einkalkuliert. Er hoffte, wenn auch schwach, daß Zdena ihren Schützengraben verläßt, den sie vor allem gegen ihn ausgehoben hatte, und bietet ihm an, was eigentlich? wenn nicht gerade Liebe, so doch einiges Verständnis. Und würde sie das tun, hatte er sich auf dem Weg hierher geschworen, werde ich auf alles andere husten, springe aus diesem Zug, ehe er mich dorthin führt, von wo es keine Rückkehr mehr gibt. Bald bin ich doch fünfzig! und ich kann mir an den Fingern abzählen, was mir früher oder später auch mit Gerda bevorsteht, obwohl sie mir heute jedesmal in den Armen zu sterben pflegt und schwört, nie einen Besseren gehabt zu haben. Übrigens, kann ich mit Sicherheit ausschließen, daß dabei nicht Geld auch eine Rolle spielte? Für diesen big deal kriegt sie doch bestimmt eine Provision!

Solche Gedanken schossen ihm durch den Kopf, als er geistesabwesend die Enkelin befragte, wie sie sich im Kindergarten fühlt, und ihr Geplapper, gleichermaßen gierig und wirr, beim anderen Ohr rausgehen ließ, während Zdena in der Küche ihm einen Türkischen kochte, das erste Zeichen einer Gunst? oder bloß eine Atempause, um sich inzwischen gegen mich zu wappnen?

Doch sie machte sogar den Fernseher im Zimmer an und erlaubte der Tochter, die Abendnachrichten anzuschauen; ihn lud sie in die Küche ein, damit ihn das Kind nicht störte, die Nervosität des Vaters kannte sie nur zu gut.

«Wieder mal ’nen Korb gekriegt?» verkniff sie sich nicht.

Er überging das und versuchte, die Barriere zu durchbrechen.

«Ich möcht’ mich mit dir beraten...»

«Du mit mir?»

Ganz und gar auf seine Worte konzentriert, rührte er sinnlos lang im Kaffee herum.

«Zdena, du kannst über mich denken, was du willst, doch du weißt gut, mir lag schon immer etwas an dir!»

«Wissen tu’ ich’s nicht, sonst wärst du bei der Mutter geblieben.»

«Ach, bitte, sprich mit mir nicht wie ein Backfisch, du hast doch deine eigene Erfahrung hinter dir!»

«Jawohl, daß das Beispiel Schule macht.»

«Willst du damit sagen, er hätte dich meinetwegen sitzenlassen?»

«Nein, das nicht...» sagte sie leise und wirkte plötzlich so alt und erbärmlich, daß es ihm eng ums Herz wurde, «worüber also wolltest du mit mir...»

«Ich habe ein Angebot bekommen...» begann er ganz allgemein undeutlich, weil ihm erstaunlicherweise bis jetzt nicht einfiel, was und wie er ihr mitteilen will und vor allem darf, «ein tolles. Jemand will mich endlich beschäftigen und bezahlen, wie ich es verdiene.»

Sie schaffte es sogar zu lächeln.

«Wie Mutter immer sagte, für Bescheidenheit könntest du nicht bestraft werden.»

«Nur», wehrte er sich, «wenn jemand in diesem rückständigen Land es noch versteht, kompliziertes Laborglas in Spitzenqualität herzustellen, dann bin ich es.»

«Das kann wahr sein», gab sie nach und fügte freundlicher hinzu, «lange habe ich doch gedacht, du wärst ein Alchimist! Und es stimmt ebenfalls», hat sie das sofort mit einem Giftpfeil ausgeglichen, «man hat dich sehr schlecht bezahlt, gemessen an den Alimenten, die du uns geschickt hast.»

«Ich hab’ immer geschickt, war ihr gebraucht habt!«

«Entschuldige, ich möchte dich nicht weiter unterbrechen...»

Er rührte weiter in seinem Kaffee.

«Und deswegen bin ich auch hier. Es war vor allem die Arbeit, die mich euch wegnahm, glaub mir! Die Weiber... waren meine Schwäche, doch habe ich noch immer zurückgefunden, das Glas aber – das ist meine wahre Liebe! Von dem weiß ich zehnmal mehr, als man mich hier zeigen ließ. Nehme ich den Job, werde ich auch darum glücklich sein, weil ich dir und dem kleinen Zuzilein reichlich entgelten kann, was ich euch schuldig blieb, wie du meinst.»

«Aha? Das klingt ganz interessant.»

«Die Sache hat aber einen Haken.»

«Alles hat einen. Mußt du deswegen wieder mal heiraten?»

«Warum sollte ich müssen», fragte er verblüfft.

«Na, wenn dich draußen mal nicht eine reiche Witwe haben möchte, damit du ihre Glashütte übernimmst!»

Nicht zu fassen, daß sie die Witwe erraten hat. Mit dem anderen lag sie leider daneben.

«Es geht jetzt nicht um meine, wie du es gern nennst, Techtelmechtel, sondern um den Job, der in der Tat im Ausland sein soll.»

«Na und, dort bist du doch unentwegt.»

«Nun, würde ich annehmen, müßte ich auf Dauer übersiedeln.»

Sie wurde aufmerksamer.

«Du meinst also auswandern?»

«Ja.»

«Und wohin?»

«Je nachdem, wo mich die Firma brauchen würde», sagte er zunächst vage, je weniger sie weiß, um so besser für sie, auch für den schlimmsten Fall; dann jedoch wurde er präziser, «wahrscheinlich in Asien.»

«Und das würden dir die Unseren erlauben?» fragte sie mißtrauisch, «du bist doch so was wie ein Geheimnisträger, oder nicht?»

«Mag sein», wich er aus, «wie du aber siehst, man läßt mich dennoch in den Westen. Bei uns, du weißt doch, kann man sich alles richten.»

«Und wie willst du die schmieren?» forschte sie nach, «pauschal oder in Prozenten? Hoffentlich bleibt da für uns noch was übrig.»

Er wußte, sie spielt nur ihr Spiel, geldgierig war sie nicht, die Spielregel hat ihr die Mutter beigebracht mit ihrer Kampfparole: Was er uns nicht gibt, schnappen sich seine Hurenweiber! Zdena wollte nichts von ihm, niemals. Und wenn er dann fragte, was er ihr mitbringen soll, bestellte sie immer etwas für die Mama, damit sie sich endlich einen Mann anlacht! Dazu hatte er natürlich keine Lust, und so kaufte er für die Tochter, was ihm seine Reisekollegen empfahlen, die sich besser auskannten. Nie hat er was davon an ihr gesehen, bis sie ihm endlich sagte, er solle lieber, wenn es schon sein müsse, etwas für die Kleine mitbringen, für sie habe er nun einmal kein Auge.

«Zdena», bat er sie jetzt, «laß das Sticheln, du meinst das sowieso nicht ernst.»

«Und ob ich das meine!» sagte sie plötzlich unerwartet hart, so daß es ihn um so mehr verletzte, «denn viel mehr als etwas Geld hast du mir nie gegeben. Und wenn du mich tatsächlich ernsthaft fragen willst, ob ich dich entbehren werde, so sage ich dir, wie ich das fühle: Falls du irgendwo landest, wo der Pfeffer wächst, und ich weiß, daß du auf dieser Halbkugel einfach nicht mehr stattfindest, käme es mir natürlicher vor als jeder deiner Besuche, bei denen du ja nur an die Zeit denkst. Nein! bitte, unterbrich mich nicht, solange ich den Mut habe, dir das zu sagen. Ich bin schließlich erwachsen, ich glaube, seit dem Augenblick, in dem du mir verboten hast, dich ‹Papa› zu nennen. Gut, ich gebe zu, das mit der Mutter habe ich übertrieben, es war vielmehr nur ein pubertärer Trotz, ab und zu verstand ich sogar, daß du es mit ihr nicht aushalten konntest, so wie ich jetzt selbst manchmal helle Momente habe und beinahe begreife, warum es mit mir genauso ausging. Frauen sind Weibchen oder Raubkatzen, der Unterschied besteht darin, daß die Raubtiere sogar ihren Wurf auffressen, wenn er sie stört. Mutter und ich, wir sind beide nun mal Weibchen, die gewillt sind, eigene Ambitionen für ein Familienleben aufzugeben. Schon daß der Mann auf die Jagd geht, ertragen wir kaum, das muß ihn zum Aufstand provozieren. Doch wie du zu verfahren? so niveaulos, so brutal, daß jeder unser Elend sieht und sich daran weidet? Weiber zu haben, die uns menschlich nicht einmal bis zur Gürtellinie reichen, na, bitte: Vielleicht sind die gut im Bett! Aber uns öffentlich zu brüskieren, das macht man einfach nicht! Der größten Schlampe, entschuldige, aber das weißt du inzwischen selber, hast du durch die Scheidung von der Mama und eure Hochzeit direkt ein Diplom ausgestellt, das sie nur deswegen haben mußte, um uns zu degradieren, dich hat sie dann wie einen kleinen Studiker sitzenlassen. Ich lehnte es ab, mit dir zu reden, jawohl, bei dir hat es aber drei Jahre gedauert, was die meisten Väter über Nacht begreifen, mir einen Kuß zu verpassen und zu sagen, was du so spät gesagt hast: Ich bin vielleicht ein Saukerl, aber dich, meine Tochter, dich mag ich! Darum habe ich dich auf der Stelle gebeten, mir Geleitschutz zu geben bei meinem Schicksalsschritt zu jenem Herrn, der dir so ähnlich war, daß ich ihn an deiner Statt zu lieben anfing. Keine Angst, ich werde dir nicht vorwerfen, du hättest mir das damals nicht ausgeredet, denn du hattest keine Chance. Was mir aber dabei nicht entging, als er mich sausenließ, war deine, ich sage nicht etwa Zufriedenheit, das nicht, wohl aber eine Art Genugtuung, daß ich nun endlich dich begreifen werde.»

«Zdenka, das glaubst du doch selber nicht...»

«Einen Moment mal, ich bin gleich fertig! Natürlich glaube ich es, nur du bist nach wie vor nicht imstande, vor dir selbst etwas zuzugeben, denn ehrlich zu sich selber zu sein, das tut am meisten weh. Ich habe es dir heute an der Tür fast geglaubt, du möchtest dich mit mir tatsächlich beraten. Nur wolltest du mir verkünden, daß du jetzt auf mich total pfeifen willst, und falls ich das absegne, blätterst du wieder mal leicht was hin, um ein reineres Gewissen zu haben.»

Er war entsetzt.

«Das denkst du von mir?»

«Was sonst? Würde ich dir näherstehen als der Job, wie du es nennst, hättest du ihn gleich abgelehnt, mir davon gar nichts erzählt, damit ich nicht bis ans Lebensende mit dem Vorwurf leben muß, ich hätte dir so eine Chance verdorben! Verstehst du denn tatsächlich nicht, daß du mit mir hier Gefühlserpressung treibst? Oder noch schlimmer, ein Schmierentheater aufführst, weil du gar nicht dahin willst, aber ich soll dir bis ins Grab dankbar sein?»

Niedergeschlagen schüttelte er den Kopf und dachte.

«Nein, das hat keinen Sinn...»

In der Tat sagte er das laut. Seltsamerweise beruhigte sie sich.

«Ja, da hast du recht», sagte sie, «jedenfalls heute nicht und mit Sicherheit nicht in diesem Punkt. Bleibe am besten dabei, was du dein ganzes Leben lang gemacht hast: Tu, was du willst.»

«Also gut», griff er nach einem Satz, den wiederum sie nie ausstehen konnte, «überlassen wir das Denken den Pferden, die haben die größeren Köpfe.»

Er stand auf. Sie fühlte nun offenbar das Bedürfnis nach einem versöhnlichen Schluß.

«Trinkst du deinen Kaffee nicht aus?» fragte sie, «genug umgerührt ist er.»

Alles in ihm versteifte sich jedoch, er fühlte sich ganz wie aus seinem unzerbrechlichsten Glas und legte endlich den Löffel auf die Untertasse.

«Er ist schon kalt.»

«Soll ich einen neuen machen? Wird gleich fertig...»

«Nein, danke, eigentlich bekommt er mir abends nicht.»

«Danach bist du immer am sichersten eingeschlafen», erinnerte sie sich unwillkürlich.

«Bin nicht mehr zwanzig», verriet er ihr und gedachte seiner Eltern, die sie als Kleines so liebten; nach der Scheidung hat sie sie nimmer besucht, nicht einmal zu ihrem Begräbnis ging sie. Bitter fiel ihm ein: Soeben hast du, mein Töchterlein, entschieden, daß mein Grab am anderen Ende der Welt liegen wird. Doch immer noch stand er da, denn er wußte nicht, wie man für immer geht. Selbst dabei half sie ihm.

«Wenn es dir nichts ausmacht, lass’ ich die Zuzi im Wohnzimmer, sie regt sich bei dir immer so auf.»

«Gewiß, laß sie nur...» er war bereits an der Tür, «also, verzeih mir...»

«Verzeih du...»

Er war wieder gefaßt, sogar ein Lächeln gelang ihm.

«Bon, so verzeihen wir uns also gegenseitig.»

Dann hat sie ihm den letzten Schlag versetzt.

«Adieu, Papa», sagte sie zu seinem Rücken hin, «du hast nicht einmal gefragt, ob ich nicht vielleicht mit möchte.»

Und schloß die Tür.

Ziemlich lange hatte er Leere im Kopf. Er setzte sich in sein Auto und wartete, als würde sie nachkommen. Er zog aus der Brusttasche den Dienstreisepaß, betrachtete das Photo eines Mannes, der ihm bekannt vorkam, dessen Identität ihm jedoch entschwand, er las wieder und wieder: Ing. Karel Markalous, aber das half ihm nicht weiter. Nach einer Weile startete er und widmete sich ganz dem Fahren.

Das erste, was ihm in den Sinn kam, war einer der wenigen Sätze, die ihm aus der Geschichtsstunde geblieben waren, dem einzigen nichttechnischen Fach, das ihm Spaß machte. «Die Würfel sind gefallen.» Dabei ist ihm gleich klargeworden, daß er mit einer an Sicherheit grenzenden Wahrscheinlichkeit durch diese Straßen nie mehr fahren wird. Aus einem plötzlichen Impuls dirigierte er seinen lieben Renault, der bald dem Staat anheimfallen sollte, auf einem Umweg zum Hradschinplatz, um noch einmal von der Burgrampe aus Prag zu sehen. Gerade gingen die Lichter an. Kaum hatte er angehalten, fiel ihm ein, daß er sich schon morgen mit Gerda lieben wird, und eine plötzliche Sehnsucht hat allen Schmerz verscheucht.

«Ein Saukerl», dachte er trotzig, «das hat auch seine guten Seiten.»

4. Die vier Zufallsbekannten

Die Pianistin hat wie auf Dornen warten müssen, bis sich das laute Mädchen endlich entschied, welche ihrer allesamt fürchterlichen Blusen es zum Abendbrot überziehen würde, sich die Haare noch einmal hochtoupiert und das Gesicht übergeschminkt hat, als ginge sie zu einem Ball. Erst dann durfte auch sie so tun, als müßte sie ihr Äußeres in Ordnung bringen. Und bat die Zimmergenossin, eine hochtoupierte Kaufhausverkäuferin, die sie zum erstenmal heute morgen gesehen hatte, ihr da unten einen Tischplatz zu sichern. Erst dann konnte sie blitzartig die nächtliche Flucht vorbereiten.

Wie sie sich das augedacht und auch ihm ins Gedächtnis eingeprägt hatte, hoffentlich sitzt er bereits am Tisch, damit die gleichzeitige Verspätung keine Aufmerksamkeit erregt! hängte sie auf den Kleiderbügel ein paar abgewetzte Sachen, die sie opfern wollte. Über das Waschbekken legte sie die Reservezahnbürste und ein halbes Dutzend minderwertiger Cremes, wodurch die Szene perfekt war. Alles wirklich Wertvolle befand sich in ihrer Handtasche und dem Koffer, den sie unauffällig an der Tür abstellte. Es genügte, den Mantel vom Haken zu nehmen und weg... wenn das Mädchen, so hoffte sie, schon schläft. Daß er nicht verschlafen wird, dessen war sie sich sicher, sie bangte nur, daß es vor lauter Aufregung nicht ihr passiert.

Das kleine oberösterreichische Hotel war bei aller Schlichtheit sagenhaft sauber, mit vielen weitaus teureren, aber schlechteren in Böhmen nicht zu vergleichen. Das tat ihr wohl, als sie hinunterging. Solange sie hier konzertieren durfte, kam sie in große Städte, in denen Komfort nichts Überraschendes hatte. Das Niveau dieses kleinstädtischen Betriebs, den sich die tschechische Reisegesellschaft für ihre ziemlich billige Busfahrt leisten konnte, wirkte aufmunternd, er erschien ihr wie ein letztes Zeichen dafür, daß sie für sie beide richtig entschieden hatte.

Die Reisegruppe mußte sie nicht erst suchen, aus dem ersten Stock hörte sie einen Lärm, typisch für jeden Tschechenhaufen, sobald er die Alltagsbindungen wegwirft und sich in eine Zufallsgemeinschaft verwandelt. Sie jedoch ging nicht dem Geräusch nach, sondern in die Gegenrichtung. Der Eingangsraum, als Rezeption verwendet, war leer, auf der Theke lag eine Tastenbox mit der Inschrift Klingeln. Sie drückte und hoffte, daß keiner der Landsleute sich hierher verirrt. Sie hatte Glück, als unmittelbar darauf ein nettes Mädchen erschien, dem es nichts ausmachte, daß es offensichtlich beim Essen gestört würde. Nach all den verlorenen Jahren durfte die Pianistin nun ihr Deutsch testen, auf das sie einst so stolz war: Sie hatte den besten aller Lehrer dafür – die Liebe...

«Entschuldigen Sie, bitte, ist hier Telephon...?»

Es amüsierte sie, daß auch die andere sich um korrektes Deutsch bemühen mußte, aufgewachsen in oberösterreichischer Mundart.

«Natürlich, Sie können hier, ich schalte nur den Zähler ein.»

Sie tat das und wollte gleich wieder weg. Die Pianistin fragte schnell:

«Bleibt das Haus nachts offen? Wenn wir hinaus möchten...»

«Ihr Reisebegleiter hat die Schlüssel für alle schon geholt.»

Die Tür konnte sie also vergessen. Es gab hier aber auch ein Fenster, und das ging direkt auf den Stadtplatz. Für ihn waren die zwei Meter ein Witz! Sie wählte die Rufnummer, die sie auswendig gelernt hatte, und freute sich auf Margrits stürmischen Jubel, nachdem sie ihr die sensationelle Neuigkeit mitgeteilt haben würde, man könne sie um zwei Uhr nachts vor der hiesigen Kirche für immer abholen, sogar mit einem viel jüngeren Liebling, wie ihn gerade Margrit ihr einst empfohlen hatte. Die Freundin meldete sich jedoch bloß von einem rauschenden Gerät.

«Konzertagentur Prohaska. Sie haben Pech, weil ich gerade eben unterwegs bin, doch vielleicht auch Glück, falls ich in Ihrem Interesse reise. Rufen Sie nächsten Montag wieder an, ich freue mich schon heute darauf!»

Zuerst erschrak sie, als hätte sie entdeckt, daß sie auf einer leeren Insel gestrandet war. Erst, als das andauernde Rattern des Zählers zu ihrem Gehirn durchgedrungen war, legte sie auf und konnte wieder logisch denken. Na und? Was soll’s? Auch Margrit könnte nichts anderes tun, als sie beide gleich morgen ins Flüchtlingslager zu bringen, wo jeder, wie bekannt, ausnahmslos das Fegefeuer der amtlichen Formalitäten passieren mußte. War das nicht sogar besser, gleich allein zu zweit anzufangen, ohne fremde Hilfe? Gewinnt damit nicht das Ganze einen tieferen und deshalb dauerhafteren Wert? Wird sich vor allem er nicht besser fühlen?

Der Zähler zeigte sechs zwanzig. Verschwenderisch legte sie ein Zehnschillingstück auf die Theke und folgte zum letztenmal den heimatlichen Stimmen, um Václav durch das verabredete Zeichen mitzuteilen, nun gelte seine Ersatzlösung.

Durch die geätzte Mattglastür trat sie in das Vereinszimmer. In Zigarettenqualm gehüllt, saßen dort Männer, Bierröte im Gesicht, die ihre gute Laune erklärte. Ihn hat sie gleich erblickt, obwohl er fast verdeckt wurde von dem ausladend herumfuchtelnden Mann, der sie den ganzen Tag lang an jemanden erinnerte. Jetzt wußte sie es: an den seligen Komiker Fernandel, den dieser Schuft von Ilja so liebte, der Teufel soll ihn holen! Eben hat er sein Pferdegebiß gefletscht und gewiehert wie ein Roß. Dabei lehnte er sich nach hinten, bis er fast vom Stuhl kippte, so daß ihre Augen sich nun unbeschattet mit denen von Václav treffen konnten.

Wenn auch seine Erregung, das wußte sie, größer war als ihre, denn ihn erwartete noch zusätzlich eine ganz unbekannte Welt, strahlte sein asketisches Gesicht jene innere Ruhe aus, die sie bereits damals, bei seinem ersten Besuch, bezaubert hatte. Indem sie so tat, als suchte sie das Mädchen, das ihr einen Stuhl freihalten sollte, kämmte sie sich die Haare mit der Linken. Linkshänder war er, so erfuhr er, daß es nach ihm gehen soll.

Die Verkäuferin sah sie gleich. Sie sprang auf und setzte sich in dem Lärm mit ihrer Stimme und wilder Gestik mühelos durch.

«Hier! Heda, hallo, hierher!!»

Sie atmete auf. Sie fürchtete schon, dieses Weib hat sich vielleicht davongemacht. Die drei Blödmänner, zu denen sie sich nun absichtlich hinsetzte, um sie allesamt für ihre Sache zu gewinnen, waren, wie sie soeben mit Schrecken erkannte, in einem solchen Fall imstande, die ganze Gruppe mit Gewalt in den Bus zu stopfen und noch nachts in Budweis abzuliefern. Der Reiseleiter hat sich gleich beim ersten Treff am frühen Morgen als «verdientes Parteimitglied» vorgestellt und tat auch weiter so, als käme er direkt aus der Klapsmühle. Selbst die Pinkelpause hat er mit dem Ruf begleitet, sie müßten alle wachsam bleiben, und als der Bus im ersten österreichischen Dorf an vollgestopften Schaufenstern vorbeifuhr, griff er nach dem Mikrophon und grölte, sie sollten auf die Errungenschaften stolz sein, die in der Heimat wieder auf sie warteten.

Der zweite Knacker war um so schlimmer, als er das Mikrophon überhaupt nicht aus der Hand ließ, und wenn sie ausstiegen, blökte er weiter in eine Blechtüte. Es war ein Lehrer in Rente, aber er verlangte immer, daß man ihn mit «Genosse Lektor» ansprach. Auf der Platte saß ihm ein schlecht haftendes Toupet mit Lockenwelle, die Taschen quollen über von Broschüren, aus denen er unentwegt ganze Seiten über die Arbeiterbewegung in Österreich herunterleierte. Es war zum Verzweifeln.

Der Dritte im Bunde war der Busfahrer, vermutlich zugleich der Spitzel, der auf sie aufpaßte. Seine gut hundertzwanzig Kilo hatten ihre Bleibe vor allem in seinem Bierwanst. Das hinderte ihn kaum, sich für einen unwiderstehlichen Verführer zu halten. Unentwegt pfiff er vor sich hin und blinzelte wie verstohlen all den Frauen zu, die solo mitfuhren. Ihr persönlich hat er seine Gunst bedeutet, als er ihren Leinenkoffer im Gepäckraum nach oben schmiß, damit deine Robe nicht zerknautscht wird, wenn wir aufbrechen, im Prater das Tanzbein zu schwingen, Genossin! Oh, du meine Omi, das war der Gipfel!

Wenn sie sich trotzdem zu diesen Typen hinsetzte, hatte das seinen guten Grund. Nie hätte sie gedacht, daß fünfzig Erwachsene sich das gefallen ließen wie dieser Verein. Die Bezeichnung «Thematische Fahrt» hielt sie wie alle anderen für den üblichen Vorwand, in die Welt losziehen zu dürfen. Daß sie aber beim ersten Ausflug in den Westen, der ihre ganzen Ersparnisse verschlang, per Schub von einem Museum ins andere befördert wurde und das gleiche Geschwafel anhören mußte wie zu Hause, nahm ihr den Glauben an die Menschheit. Angestrengt suchte sie nach einem Verbündeten, bis sie ihn in der Indianerin fand.

So nannte sie für sich dieses Weib, das inmitten der geschmacklos aufgetakelten Muttertypen selbst in dem einfachen, aber eleganten Sommerkleid geradezu exotisch wirkte, auch dank der gewaltigen Make-up-Schicht, die sicher ihre Falten zuklatschte. Auf jeden Fall sah sie für ihre vierundvierzig, die Verkäuferin warf an der Grenze ein schnelles Auge auf die Liste in der Hand des Reiseleiters, ganz passabel aus, vor allem dank ihrer Figur. So gut sogar, daß sich in sie sowohl der Dauerquatscher wie auch der Schnüffelbauch verknallt hatten. Deshalb hängte sie sich an sie und konnte leicht an den gemeinsamen Zimmerschlüssel gelangen. In der Schar ausgedörrter Glucken und überfälliger Mastgänse war auch der Indianerin keine bessere Wahl geblieben.

Nur darum ging es der Verkäuferin: schnellstens die Wiener Boulevards zu erreichen, von denen sie so viel gehört hatte, und ihren Plan auszuführen. Nein, sie war nicht auf den Kopf gefallen wie die Behämmerten, die so hastig abgehauen waren, kaum daß sie das erstemal dem Käfig entflogen, um dann in Flüchtlingslagern dahinzusiechen und mit Kerlen unterzugehen, die gerade zur Hand waren. Sie hatte die Klügeren vor Augen, die sich zunächst einen richtigen Mann geangelt und ihn um den Finger gewickelt hatten, so daß er ihnen durch die Hochzeit die Welt zu Füßen legte; das verschaffte ihnen die Möglichkeit der steten Rückkehr zu Muttilein, na, und auch zu den tschechischen Jungs natürlich, die ihnen selbst das bißchen ersetzten, was sie durch den Heimatwechsel entbehrten.

Die Verkäuferin stand im Briefwechsel mit einer alten Busenfreundin, in Australien verheiratet, die ihr einmal zwar abgetragene, aber noch immer so kühne Modellkleider geschickt hatte, daß man da nur zu Hause reinschlüpfen konnte, wenn man nicht vom erstbesten Bullen als Spionin oder Nutte kassiert werden wollte. Das wahrlich leuchtende Beispiel aber war für sie Jarina Jiráková. Die stinknormale Göre, mit der sie einmal einen Gemeinschaftsurlaub in der Dedeärr durchgealbert hatte, hatte sich gleich im Anschluß den vielleicht reichsten aller Amerikaner ergattert, dem Hotels, Spielkasinos und Wolkenkratzer gehörten. Die alten Jiráks folgten der Tochter, noch ehe die Zurückgebliebene sich die Adresse verschaffen konnte.

Darum war sie ausgereist und hatte nun diese Indianerin nötig, die gewiß in allen Sprachen brabbeln konnte, als sie sich durch ganz Europa klimperte; die wird sie zur Wiener Hauptpost bringen, wo Telephonbücher liegen sollen, für überallhin. Jarina Climb! Von denen kann es in Nijork nicht so viele geben, als daß sie nicht ausfindig zu machen wäre. Und die hundert Mark, die sie schwarz gewechselt und in den BH genäht hatte, die müßten für ein Gespräch langen, in dem sie erklärt, um was es ihr geht. Daß Jarina auch diesmal die Kurve kriegt und ihr nach Budweis einen Freier schickt, so ausgewählt, daß er auf sie fliegen würde, daran zweifelte sie nicht. Und wenn er dann weich landet und erlebt, wie eine echte böhmische Buchtel schmeckt, beißt er nie mehr in etwas anderes rein.

«Na, sieh mal!» rief der Lehrer freudig aus, als sich die Pianistin zu dem letzten Vorspeisenteller setzte, «ich hatte schon Angst, ein Kapitalist hätte Sie zu was Besserem entführt!»

Der Fahrer grinste und räumte die Mundhöhle frei, die eben ein Schnitzel mampfte.

«Und ich wiederum dachte, es hätte Sie die Sudetenrache erwischt!»

Als sie nicht verstand, machte er es ihr klar.

«Man kriegt es hier manchmal busweise, es kommt von der Vollmilch. So rächt man sich an uns für den Abschub der Fritze nach dem Krieg.»

«Und was soll das sein?» fragte sie unbeholfen.

«Ganz normal, mit Verlaub, heißt es Schieteritis!»

Er lachte laut. So was Plumpes! dachte sich sogar die Verkäuferin und warf auf die Indianerfrau einen Verschwörerblick, der, was sie erfreute, zur Kenntnis genommen wurde. Die Pianistin stand im Brennpunkt des Interesses beider Verehrer.

«Er wollte schon Ihre Vorspeise wegputzen», verpetzte der Lehrer den Rivalen, «doch ich habe es ihm nicht erlaubt!»

«Hätte ich es gewollt», sagte der Fahrer kampfentschlossen, «so könnte mich keiner daran hindern, ich aber zum Glück», fügte er großzügig hinzu, «wollte nicht!»

Wüßte sie nicht, daß es nicht möglich war, könnte sie den Zweikampf der beiden ausgedienten Platzhirsche für eine Farce halten, die sie lächerlich machen sollte. So aber fiel ihr ein, daß sie in letzter Zeit tatsächlich gut aussieht. Es hat ihr geschmeichelt; sie brauchte ein bißchen weibliches Selbstbewußtsein, gerade jetzt, wenn sie den doppelten Salto mortale riskieren wollte.

«Ich danke Ihnen», sagte sie also zu den beiden und machte sich, obwohl sie gar keinen Appetit hatte, an den kalten Aufschnitt, um diesem Geschwafel zu entgehen. Nur noch diese Stunde, ermunterte sie sich, und ich habe es hinter mich gebracht, in Ewigkeit Amen.

«Ich wollte gerade den Genossen hier vorschlagen», eröffnete die Verkäuferin ihren Versuch, «wir könnten doch morgen früh direkt nach Wien fahren, oder? Die Museumser haben wir heute genug genossen, nicht, Genossen, oder wie denkt ihr darüber?»

Sie hing an der Pianistin mit geradezu flehentlichen Augen, so daß diese begriff, warum sie mit diesem Trio infernale tafeln mußte. Es war eigentlich das letzte, was sie noch wollte, doch ehe sie die Kleine enttäuschen konnte, tat es der Reiseleiter selbst.

«Genossin... Karhánková, nicht wahr?»

«Havránková!»

«Ach ja... Du mußt kapieren, daß die Mehrheit hier an anderen Sachen interessiert ist als nur an Kaufhäusern. Wir machen eine Studienfahrt auf den Spuren der Gewerkschaftsbewegung!»

«Aber ich arbeite doch in einem Kaufhaus, dort ist die Bewegung auch.»

Das Mädel ist klüger, als es aussieht, dachte sich die Pianistin. Daß sie und Václav die gleiche Reise bekommen hatten, sie durch Bestechung, er dank seiner Frau, lag jedoch gerade an der Reizlosigkeit der Ziele.

«Dann solltest du dir eine andere Reise kaufen!» das verdiente Mitglied beharrte auf seinem Standpunkt.

«Ja, und welche denn? Die besseren waren alle, ehe sie noch in die normalen Reisebüros kamen.»

«Willst du damit etwa andeuten, da sei irgendein Schmu im Spiel, Genossin Varhánková?»

«Havránková! Das wollte ich nicht, aber warum lassen Sie nicht wenigstens darüber abstimmen, wer morgen direkt nach Wien möchte?»

«Das Abstimmen ist nicht dazu da, die Beschlüsse der Mehrheit zu verändern.»

«Wann ist hier was beschlossen worden?»

Die schrille Stimme der Verkäuferin, mit der sie offenbar auch die gängigsten Informationen von sich gab, war sogar in diesem Gelärme klar zu hören. Von den Nachbartischen drehten sich ihnen die Köpfe zu, die Augen verrieten gespanntes Interesse. Der Reiseleiter schien in seinem Element zu sein und antwortete mit der Donnerstimme eines geschulten Massenredners.

«Darüber hat jeder von uns abgestimmt, auch du, eben durch den Kauf dieser Reise!»

In der still gewordenen Gaststube fragte jemand.

«Wann geben die uns eigentlich unsere Pässe zurück?»

Die Pianistin spitzte die Ohren. Mit den Pässen ginge alles wesentlich einfacher. Sollten sie soviel Glück haben? Diese Hoffnung hat der Reiseleiter gleich ausgelöscht.

«Keine Angst, Genossen, jetzt hat sie die hiesige Polizei. Es heißt, zur Anmeldung. Warum wirklich, wird man uns kaum sagen, hier sind wir nicht bei uns zu Hause, sondern im Westen, wo es von Geheimdiensten nur so wimmelt. Darum, Genossinnen, laßt die Pässe auch danach besser bei mir.»

Darauf hat keiner gemuckst, und es wurde der Schweinsbraten aufgetragen; mit dem Geklimper der Bestecke wurden auch die Stimmen wieder lauter. Die Verkäuferin begriff, daß der Widerstand in dieser Herde keinen Sinn hat, nachdem ihr nicht einmal die Indianerin beisprang. Die aber würde sie, wenn man nur so kurz in Wien sein soll, noch viel dringender brauchen. Um nichts zu vermasseln, machte sie sich mit Appetit ans Essen.

Der Mann hatte graumelierte Haare wie Stacheldraht, eine krumme Nase, und das ganze Gesicht war wie zerknautscht. Beim Essen schlürfte und schmatzte er, beim Sprechen spuckte er, aber immerhin verstand er Witze zu erzählen, er schüttelte einen nach dem anderen aus dem Ärmel, bis sich der Tisch vor Lachen bog. Bei den Pointen lächelte selbst der Gärtner, obwohl sie ihm meist geschmacklos und grob vorkamen: Er saß neben dem Erzähler und sollte mit ihm ein Doppelzimmer gerade in dieser Nacht teilen, was dem unschuldigen Mitschläfer allerlei Unannehmlichkeiten bereiten konnte. So wollte er ihm wenigstens diese Freude machen.

Der Gärtner war ein tiefgläubiger Mensch. In seinem Glauben lag auch seine Kraft: Weil er sich nur vor Gott fürchtete, hatte er vor niemandem auf der Welt Angst. Daß er dennoch nicht, nicht einmal für seinen Glauben, auf die Barrikaden ging, war keine Äußerung von Schwäche, sondern von Demut. Er hielt sich nicht für so wichtig, als daß er die Sorgen seiner Nächsten vermehren wollte, solange ihn niemand dazu zwang, seinen Glauben aufzugeben.

Er bedurfte dafür keiner sichtbaren Symbole, er war einfach ein Christ, das wußte er und mußte es nicht vorführen. Es fiel ihm also nicht schwer, die Besuche in der Ortskirche einzustellen, als ihn Věras Vater so dringend darum bat. Er hatte sich auch mit der standesamtlichen Trauung abgefunden. In allem war er der Sohn seiner Eltern, schlichte Gärtnersleute, die ihr Inneres Christus geweiht hatten und glaubten, ihm durch ein Leben in Wahrheit und Anstand besser zu dienen, als sich für ihn in der Arena von Löwen in Stücke reißen zu lassen.

Zu diesen zählte auch Věras Vater, und ein Christ in der Familie tat ihm geradezu weh. Nur daß er bei dem Ruf der Tochter nicht allzu wählerisch sein konnte. Daß sie zu guter Letzt noch einen so fleißigen und gutaussehenden Mann ergattern würde, war an sich schon ein Wunder, also versöhnte sich der Vater damit, daß er, Hauptmann der öffentlichen Sicherheit, einen Schwiegersohn aus einer bigotten, katholischen Sippschaft bekommen sollte. Er hat es von den Kameraden bei der Staatssicherheit erfahren, nachdem er ihn dort vorsichtshalber durchleuchten ließ; der künftige Eidam hatte zum Glück nicht einen einzigen Ritzer auf dem Kerbholz, was irgendwelche Aktivitäten betraf. Als er kam und um Věra anhielt, redete der Brautvater in Uniform mit ihm Klartext. Der junge Mann war so verknallt, daß er hoch und heilig versprach, sich von den Schwarzröcken fernzuhalten.

Heute wußte der Gärtner, daß er damals mehr versprochen hatte als nötig. Andeutungen seiner Umgebung entnahm er bald, daß fast jeder schon vor ihrer Hochzeit etwas mit Věra gehabt hatte. Doch ein Bestandteil seines Glaubens, so seine Überzeugung, war die Pflicht zu verzeihen, und zu den biblischen Geschichten, die ihn am meisten ergriffen haben, gehörte die von Maria Magdalena. Er mochte Věra, deshalb galt für ihn nur ihr gemeinsames Leben. Sie waren aber immer weniger zusammen, nachdem es sich ergeben hatte, daß sie keine Kinder bekommen würden, und sie wieder in das Büro der Baugenossenschaft zurückging. Mit der Zeit bekam er spitz, daß die «Prämien», die ihr Normalgehalt weit überstiegen, Belohnungen für Manipulationen der Wohnungszuteilungsliste darstellten, und er machte sich zunehmend Sorgen um sie.

«Und was ist dabei?» scherzte sie anfangs, «bei euch heißt es Ablaß, bei uns Schmiergeld, wenn man da anfangen würde, jemanden einzusperren, müßten längst alle sitzen. Außerdem ist mein Vater ein Bulle.»

Später fing sie an, ihn auf eine Art zu quälen, die ihn besonders traf.

«Eigentlich bist du ein Scheinheiliger», sagte sie, als sie sich gerade am heftigsten liebten, «anstatt zu beten, bumst du mich andauernd!»

Sie verursachte, mit Absicht, wie er heute glaubte, seine sich steigernde Unlust, sie zu umarmen. Sie war übrigens immer weniger zu Hause, die abendlichen «Baustellenkontrollen» wurden immer häufiger, was spinnst du? die Genossenschaftsmitglieder müssen tagsüber arbeiten! Auch Partys gab’s jetzt häufiger, wir müssen doch die Lieferanten motivieren! Er war bald überzeugt, daß sie ihn betrügt, doch vielmehr schmerzte ihn das Bewußtsein, daß sie ihn verabscheute. Auf der Leiter der Menschen, mit denen sie zu tun hatte, befand sich ein Gärtner auf der niedrigsten Sprosse, nicht einmal gut genug fürs Malochen: Beim Städtebau gab es für Grün weder Platz noch Geld.

Er litt darunter, und weil er in jenen Jahren auch die beiden Eltern verlor, blieb ihm außer Gott nur noch sein Beruf, und um so mehr hing er an ihm. Als Gärtner für das ehemals Rosenhainsche Schloß Klíčov gesucht wurden, ein verlorener Posten in den Wäldern, wohin niemand wollte, legte er sich ein Motorrad zu und nahm an; schon damals ging er gewissermaßen ins Exil.

Dort hat ihn an einem verregneten Samstag eine Besucherin angesprochen, die er wegen ihrer Kapuze nicht einmal richtig sehen konnte. Er wußte selbst nicht, warum er ihr versprach, am Sonntag die Hecke ihres nicht weit entfernt liegenden ehemaligen Bauernhauses zu stutzen. Er kam, schnitt und hörte dabei den ganzen Tag zu, wie sie Klavier spielte. Bei der Jause erklärte sie ihm knapp, sie halte sich bloß in Form, weil sie schon im vierten Jahr nicht auftreten dürfe. Das nahm ihn für sie ein, dazu entdeckte er bei sich ein Bedürfnis nach Musik, von dem er vorher keine Ahnung hatte. Als sie ihm sein Geld gab, fragte er scheu, ob er den Rest nicht ein anderes Mal erledigen könnte.

Heute nacht sollte er sich mit dieser Frau, die er vor einem Jahr noch nicht einmal kannte, gegen alle Gesetze versündigen; er war glücklich, daß sich kein göttliches darunter befand. Er war Věras Vater dankbar, daß er ihnen die kirchliche Heirat untersagt hatte. Seine einzige, aber um so schwerere Sorge bestand aus einem Hindernis, das er erst heute entdeckt hatte, obwohl er es hätte voraussehen können: Er verstand hier niemanden.

Als er vorhin das Zeichen auffing, daß es mit ihrer Freundin nicht geklappt hatte und somit seine Ersatzlösung dran war, traf ihn die Einsicht, daß seine Sprachunkenntnis ihm mehr zu schaffen machen würde als geahnt und er auch der zweiten Frau, die er je liebte, lästig fallen und sie verlieren könnte. Die vor ihm liegende Aufgabe war federleicht, überstieg aber trotzdem seine Kräfte. Es hat ihn so bedrückt, daß er seinen Nachbarn zuerst überhörte.

«Ich frage», wiederholte der Mensch, «schnarchst du bereits hier?»

«Nein, nein...»

Sie beide blieben allein am Tisch. Tschechen haben es sich schon längst abgewöhnt, die Nächte durchzumachen, denn der Tag war verdammt lang. Er schaute zu ihr hin. Offenbar hat sie nur darauf gewartet, denn sie stand sofort auf, das Mädchen folgte ihr. Der «Lektor» und der Fahrer versuchten vergeblich, sie zu überreden.

«Machen wir noch einen kleinen Gesundheitsbummel?» fragte den Gärtner sein Tischgenosse und stieß ihn freundlich an, «ein Bierchen vom Faß auf meine Rechnung?»

Ehe er abzulehnen vermochte, begriff er, daß ihm das sogar helfen könnte.

«Sprechen Sie Deutsch?» fragte er.

«Mit Händen und Füßen! Null Problem! Geh’n ma?»

Er war so ein Typ, der alles kann und alles weiß und jeden duzt und zufolge dem, was er am Tisch alles verzapft hatte, auch Koch und Magier zugleich, also höchstwahrscheinlich ein harmloser Schwafler, jedenfalls keiner, vor dem man auf der Hut sein müßte.

«Aber gern», sagte er; wenn einer seine Maß hat, wird er auch gut schlafen.

«Na, prima», freute sich der Nachbar und stand auf, «ich bin ein gewisser Pepa, Josef Strniště, die beste Friedensware, Ia Qualität! Der beste Beweis: Ich habe ein halbes Jahrhundert und die halbe Welt mit diesem Schrecknamen gemeistert.»

«Rada... Václav.»

«Also, Václav, auf geht’s!»

«Genossen!» rief der Reiseleiter ihnen nach, «um zehn ist Zapfenstreich, dann ist die Bude zu!»

«Um zehn horchen wir schon seit einer Stunde an der Matratze», versicherte ihm Strniště.

«Und die Koffer, gepackt, vor dem Frühstück an die Rezeption!»

Als sie auf den Stadtplatz traten, schlug die Uhr erst acht, aber weit und breit kein Mensch. Wie bei uns, dachte sich der Gärtner, nahm jedoch gleich wahr, wie hell, sauber und irgendwie gemütlich es hier war. Sein Begleiter seufzte lustvoll.

«Komm mal her, nun guck dir das an, das gibt’s doch nicht...» er lief um einen blauen Minibus herum, auf dessen Frontscheibe innen ein Zettel mit Zahlen klebte, «zehntausend, das ist doch geschenkt!»

«Für unsereinen ist das eine Million», wandte der Gärtner ein.

Der andere schien vor seiner eigenen Begeisterung zu erschrecken.

«Na ja... legen wir’s lieber in Bier an, und wo?»

Die Richtung durfte der Gärtner bestimmen.

«Was steht da dran?» fragte er im Gäßchen hinter der Kirche vor einem Haus, das dem gesuchten am meisten ähnlich war.

«Pfarramt...»

«Und darunter?»

«In Notfällen klingeln. Mensch, willst du dich taufen lassen?»

Darüber lachte er noch, als sie die gegenüberliegende Gaststätte ansteuerten. Der Gärtner drehte sich zu der Tür um, durch die er mit Lída sechs Stunden später in ein zweites Leben treten sollte. Daß es eben diese war, gab ihm das Vertrauen zurück.

Josef Strniště hatte nur ein Stehbier im Sinn. Selbst als man sie in dieser Spelunke höflich an einen Tisch komplimentiert hatte, wollte er sich nicht mehr als eine Halbe genehmigen. Die letzte Sauferei in diesem Land vor vielen Jahren war schuld daran, daß er sich in Linz im Bahnsteig irrte. Statt in Wien wachte er wieder in Budweis auf, leider ausgerechnet an dem Tag, als der neue Oberkommunist Husák erklärte, die Heimat ist kein Taubenschlag, wo jeder beliebig raus- und reinfliegen kann.

Die drei Maß Bier mit drei doppelten Kurzen haben ihm bald drei Jahre und drei Monate eingebracht, von denen man ihm aufgrund guter Führung drei Tage erlassen hat, um ihm nicht noch einen Weihnachtskarpfen spendieren zu müssen. Als er damals in die frostige, aber herrliche Luft hinaustrat, hat er sich geschworen, daß ein einziges Bier jetzt seine Norm sein wird, solange er nicht den Paß eines Landes besitzt, für das die ganze Welt ein Taubenschlag ist. Von diesem Traum war er noch hübsch weit entfernt, aber er trank dieses halbe Bier nun bereits dreißig Kilometer östlich von Linz und mußte nur noch einen kleinen Zaubertrick hinlegen, um, wie man militärisch sagt, das erste Etappenziel zu erreichen; viel später als gewollt, aber immerhin.

Er beäugte seinen schweigsamen Landsmann, aus dem er nur den Beruf herausbekommen hatte, doch war er sich ziemlich sicher, dieser Langweiler kann doch kein Spitzel sein. Obwohl dies die bekannte Krankheit war, unter der im Tschechenlande jeder litt, hatte auch er das Gefühl, das Auge des Regimes ruhe stets auf ihm, und das unerwartete Ausreisevisum für drei Tage nach vierzehn Jahren könne eine neue Falle sein, die selbst in Österreich zuschnappen würde, wohin es für Stasi und KGB nur ein Katzensprung war.

Mit seinem politischen Profil und seiner Visage leider so leicht bemerkbar, wollte er nicht den geringsten Verdacht erregen, bis daß er übermorgen hinter die Mauern des berühmten Lagers gelangen würde, wo im Gegensatz zu anderen die Freiheit nicht endet, sondern erst recht beginnt.

«Also dann», sagte er und hob das Glas mit dem letzten Schluck Bier, um mit der Pfütze von Limonade anzustoßen, die sich der Schweiger überraschenderweise bestellt hatte, «damit wir die kapitalistische Hölle überstehen und heil in unser heimatliches Paradies gelangen!»

5. Der Zahnarzt und seine Frau

Schläfst du, Terka?» flüsterte Doktor Čierniak plötzlich in der Dunkelheit, er hat sich ehrlich bemüht einzuschlafen, aber seine Nervosität war stärker.

«Nein...»

«So schlaf doch, morgen müssen wir beide absolut fit sein.»

«Auch du kannst nicht...»

«Irgendwie bin ich wieder hellwach geworden... Hör mal, hast du den Keller richtig abgeschlossen?»

«Ja, doch.»

«Hast du dich davon überzeugt?»

«Ich war noch mal drunten, schlaf jetzt!»

«Also gute Nacht...»

«Dir auch...»

Es raschelten Kissen, die er sich zurechtrückte, da er nur auf der kühlen Seite einschlafen konnte.

«Terka?»

«Ja?»

«Soll ich das Surfbrett nicht doch zu uns reinholen?»

«Lieber nicht, die Kinder würden sich fragen...»

«Hast recht... Ich möchte schon einen Tag älter sein...»

«Wir werden doch alle... Schlaf doch, es kann nichts passieren, vor allem du mußt fit sein!»

«Ja, ja...»

«Also gute Nacht.»

«Dir auch...»

Eine Weile Stille.

«Vielleicht soll ich doch noch nachsehen, ob im Keller alles in Ordnung...»

«Bohdan, ich bitte dich! Du weckst nur die Magda. Du weißt, wie leicht sie jetzt schläft.»

«Höchste Zeit, daß es mit dem Bengel ein Ende nimmt.»

«Natürlich. Wie wär’ das, wenn du eine Tablette nehmen würdest, Schatz?»

«Da bin ich morgens wie verblödet.»

«Dann versuch mal einzuschlafen.»

«Na gut, also, gute Nacht...»

«Dir auch!»

Dann hörte sie seinen Seufzer. Sie wußte, was ihn bedrückt. Sie ließen hier nicht nur ihre alten Eltern, Verwandte, Bekannte und Erinnerungen zurück, sondern auch ein nicht unbeträchtliches Vermögen, das, wenn sie nicht auffliegen wollten, nur teilweise in Werte umzusetzen war, die sie mitnehmen konnten. Dennoch waren sie felsenfest überzeugt, daß sich das Unternehmen reichlich auszahlen würde. Sie ließ sich wieder vernehmen.

«Bohdan...!»

«Ja...»

«Ich möchte dir nur sagen, wie ich dich bewundere...»

«Ach, nein», sagte ihr Mann, «Terinka, ich tu’s doch nur den Kindern zuliebe.»

Er war ihr jedoch für diese Worte tief dankbar. Er spürte, wie der Druck in seiner Brust langsam nachließ, und glaubte, nun doch noch einschlafen zu können.

6. Die Minderjährige

Magda, ihre Tochter, hockte im gleichen Augenblick auf den kalten Fliesen des Badezimmers, wohin sie in der Dunkelheit gekrochen war, als sie mit Sicherheit annehmen konnte, ihr blöder kleiner Bruder schläft. Die Pubertät, die ihn soeben gepackt hatte, drohte ihn zu einem noch schlimmeren Wachhund werden zu lassen als den Vater. Unterwegs nahm sie ganz leise vom Gang das Telephon mit. Solange die Schnur sich nicht irgendwo verknotete, reichte sie bis an die Badewanne. Er wartete auf den Anruf im Arbeitszimmer seines Vaters, das eine Polstertür hatte, und sie erzählten einander in diesen mitternächtlichen Gesprächen bereits im dritten Monat, was sie, wenn sie sich tagsüber trafen, nicht auszusprechen wagten. Das heutige dauerte am längsten und hatte so viele Schichten gehabt, daß es Magda an das Hörspiel erinnerte, in dem sich zwei kennengelernt, verliebt, verheiratet und getrennt haben, alles per Draht, ohne sich je gesehen zu haben. Obwohl sie sich zum letztenmal nachmittags um fünf im Park an der Donau geküßt hatten, schien es ihnen wie vor Zeiten gewesen zu sein. Aber noch schlimmer: Als Ewigkeit kamen ihnen die nächsten vier Wochen vor, in denen sie sich nicht einmal hören konnten. Vor ihm stand das Ferienpraktikum in Bardějov, während auf sie die Dosenfutterfahrt wartete, wie sie die Familientouristik zu den Kapitalisten nannte; sie dauerte immer so lange, bis auch die letzte Blutwurstkonserve aufgebraucht war. Dank der Patienten ihres Vaters aus der Staatsbank und aus der Paß- und Visaverwaltung konnte sie Jahr für Jahr stattfinden. Heuer stand Sizilien auf dem Programm, worauf sich Magda noch zu Weihnachten riesig freute. Damals konnte sie nicht ahnen, daß sie sich inzwischen in den schönsten Jungen verlieben würde, den es je in Bratislava gab. Gabo war gertenschlank und so blond, wie sie es am liebsten hatte. Ein toller Tänzer und einfach die Nummer eins in allem. Leider auch darin, wie er den Mädchen den Kopf verdrehte. Sein zweites Jahr Medizinstudium ging zu Ende, auf sie wartete das Abitur erst im nächsten Frühjahr. Außerdem war sie noch immer Jungfrau, nicht etwa mangelnder Interessenten wegen, sondern aus irgendeiner Trotzhaltung. Als in der Klasse das Rennen losging, wer schneller und wer mehr, entschied sie sich, absichtlich die letzte zu sein. Dies war es erstaunlicherweise, worauf Gabo flog. Und sie begriff mit Hilfe irgendeines sechsten Sinns, mit angeborener Intelligenz und aus diverser Lektüre, daß sie ihn nur dann total an sich binden und festhalten kann, wenn sie ihm verweigerte, so lange es nur ging, was ihm die anderen im Schnelldienst boten. Ausgedacht, durchgehalten und bislang gewonnen! Nur daß sich eine panische Angst ihrer eben jetzt bemächtigte, sie sollten auseinandergehen, ohne ein klares Wort und ohne ein physisches Band, das sie über Zeit und die Entfernung hinweg zusammenhalten könnte. Und so quälte sie sich, während sie absichtlich über andere Dinge sprach, und war eifersüchtig auf die unbekannten Krankenschwestern im entfernten Bardějov, die ihr den unbefriedigten Liebsten leicht abspenstig machen könnten.

«Magduška!» flüsterte er plötzlich so heftig, daß sie erschrak, sein Vater sei in sein Zimmer gekommen und sie müßten, ohne Abschied, auflegen, jedoch fuhr er nach einer kleinen Pause fort, «weißt du was? Ich sag’ dir jetzt für die Reise, was noch keine, aber echt keine von mir gehört hat, ja?»

«Ja...» sie wurde plötzlich heiser, vor Aufregung ganz trocken in der Kehle.

«Willst du?»

«Ich will...»

Dann hörte sie es aus seinem Mund.

«Ich liebe dich...»

Sie schwieg.

«Es sieht so aus, als ob ich mich in dich total verknallt habe.»

Sie spürte, wie die Tränen über ihre Wangen rannen, und lächelte die Badewanne an, die im Dunklen weiß blitzte.

«Ich bin direkt verrückt nach dir, glaub mir.»

«Ja...»

«Und du...?»

Warte, mahnte sie sich, halte aus, sag nichts, und du gewinnst alles!

«Ich auch...» sagte sie doch.

In der Leitung war kein Ton. Auch zum zweitenmal hielt sie nicht durch.

«Bist du noch da?»

«Ja», meldete er sich, «so geht es uns beiden gleich.»

«Na, fein...» sagte sie, etwas Besseres fiel ihr nicht ein.

«Ja, mehr als fein. Nur weiß ich nicht, wie ich das hier durchstehen werde.»

«Du fährst ja nicht in die Wüste», munterte sie ihn auf, doch fühlte sie dabei einen Stich in der Herzgegend, «du findest da einen ganzen Harem vor. Krankenschwestern... und dann die Zigeunerinnen.»

«Magduška, ich schwöre dir...»

«Schwöre lieber nicht», sagte sie schon wieder klug, «wir sind doch beide freie Menschen», und für sich fügte sie hinzu: bisweilen! Es hat gewirkt.

«Ich möchte dich nur bitten», sagte der eroberte Eroberer demütig, «daß du mir das mit der Freiheit nicht übertreibst. So frei bist du nämlich gar nicht mehr!»

«Aha... das wußte ich nicht.»

Alles sang in ihr. Und er zappelte immer stärker im Netz.

«Dann weißt du’s jetzt.»

«Ja, jetzt weiß ich’s.»

«Und versprichst du’s mir?»

«Was?» mit Absicht verstand sie nicht.

«Daß du wartest!»

«Worauf...?»

«Auf mich! Ich möchte dein... erster sein!»

Die richtigen Worte flogen von ganz allein auf ihre Zunge.

«Warten, das mußt du, ich kann nur zurückkommen.»

«Ich werde von jetzt an nichts tun, nur noch warten! Doch du, komm zurück, so, wie du bist, ja...?»

Ihr neuer Sinn, der immer besser funktionierte, sagte ihr, dies sei der beste Augenblick aufzuhören.

«Ja», lachte sie, «aber ich bin eine Hexe, weißt du? Ich erfahre gleich alles! Wenn du nicht wartest, so wie du eben bist, brauchst du auf mich auch nicht mehr zu warten. Ahoj, Gabriel Babraj!»

Und legte auf. Dann trug sie das Telephon auf Zehenspitzen in den Gang, um die Spuren zu verwischen, und kehrte wie gewöhnlich ins Badezimmer zurück. Sie machte Licht und trank genüßlich direkt aus dem Wasserhahn.

Dabei stellte sie fest, daß sie sich plötzlich furchtbar, aber furchtbar! auf Sizilien freute.

7. Dora und ihre Lieben

Sie war bereits vor geraumer Zeit aufgewacht, als er irgendwo heftiger bremsen mußte, ließ es sich jedoch nicht anmerken. Sie liebte die Augenblicke, in denen sie ihn beobachten konnte, ohne daß er es merkte. Einmal verriet sie es ihm, und er wunderte sich: Ob sie nicht daran genug hat, wenn sie ihn auf der Bühne sieht? Natürlich sagte sie ihm nicht, daß sie auf ihn immer dann am meisten eifersüchtig war, wenn er in fremde Kleider und Schicksale schlüpfte, wo ihr von ihm nichts mehr gehörte.

Hätte ihr jemand vor zehn Jahren gesagt, sie würde sich von früh bis spät mit der Frage quälen, ob sie geliebt werde, würde er bei ihr sorgloses Lachen ausgelöst haben, für das sie alle um so mehr mochten, als es ihre fast unirdische Schönheit menschlich machte. Mit ihrem klaren Antlitz und dem streng geknoteten dunklen Haar schien sie den großen Frauen des tschechischen Risorgimento ähnlich. Dora glaubte damals, sie sei geboren, um geliebt zu werden. Weil sie aber auch von guter Natur war, mißbrauchte sie das nicht, quälte nicht ihre zahlreichen Verehrer, spielte nicht mit ihnen; sie wußte sie davon zu überzeugen, daß sie sie achte, selbst wenn sie nicht mit ihnen schlafen wollte. So wurden sie nicht zu Feinden, sondern zu Kameraden.

Den Vater hatte sie so früh verloren, daß es sie noch nicht verletzen konnte, und die Mutter hat ihn erfolgreich ersetzt: Bei aller Liebe wurde sie auch zu einer Autorität für sie. Ich habe mich daran gewöhnt, gab Dora einst Milan zu, in jeder Situation einen Schirm über mir, unter mir ein Netz und vor mir jemanden zu haben, der mir rät, wie und wo den Fuß hinzusetzen. Doch begann sie daran erst bei ihm zu leiden, denn anders als die meisten Halbwaisen hat sie dank der Mutter eine heitere und harmonische Jugend verbracht.

Das erste, was zwischen die beiden trat, war die Augustnacht 68, als sie als eine der ersten in Prag vom Motorenlärm russischer Flugzeuge und Panzer geweckt wurde. Sie wohnten in der Nähe des Flughafens und kriegten die Okkupation aus erster Hand mit. Doch während Dora in gerechtem Zorn entflammte, weil sie, wie ihre ganze Schule, dem scheuen Pierrot die Daumen hielt, den Millionen, obwohl er der höchste Politiker des Landes war, Saschenka nannten, atmete die Mutter beinahe auf. Der Verlauf des turbulenten gesellschaftlichen Prozesses, «Prager Frühling» genannt, erfüllte sie mit steigender Angst, dadurch könnte alles zunichte gemacht werden, wofür Generationen gekämpft hatten.

Doras Familie konnte man mit Recht eine kommunistische Dynastie nennen. Der Großvater, ein berühmter Anwalt der Armen, bezahlte dafür mit seinem Leben unter dem Fallbeil der Nazis; so fühlten sich seine beiden Kinder verpflichtet, die Worte des alten Arbeiterliedes in die Tat umzusetzen, «Wenn wir alle fallen sollten, stehen neue Kämpfer auf». Sie traten bereits in den ersten Nachkriegstagen in die Partei ein, und nach ihren eigenen Worten «folgten wir ihr, wohin immer sie uns schickte». Da sie aber des Vaters Aufrichtigkeit geerbt hatten, wählten sie den Weg des stärksten Widerstands, auf dem Knochenarbeit und Konflikte sie erwarteten.

Ihr Name Javor hat Gewicht gehabt und sie beide das notwendige Quentchen Glück, so daß ihnen manches gelang. Die Mutter wurde Leiterin der Personalabteilung eines großen Verlagshauses, das als erstes mutig damit begann, moderne Weltliteratur herauszubringen. Der Onkel, ein Arzt, Mitglied des Stadtkomitees der Partei, bemühte sich erfolgreich, den Sumpf im Gesundheitswesen auszutrocknen. Ein tragisches Ende nahm allein Doras Vater, Mutters Liebe und Kommilitone aus gemeinsamem Jurastudium. Er leistete gerade seinen Grunddienst, als die heimische Armee ein Kontingent nach Korea zur Kontrolle der Demarkationslinie des Waffenstillstands entsenden mußte. Er hatte den Parteiauftrag angenommen, zog die maßgeschneiderte Uniform eines falschen Leutnants an und trat gleich beim ersten Inspektionsgang auf eine echte Mine. Von ihm blieb nur ein schmales Bändchen Gedichte, ebenso aufrichtig wie später peinlich, als sich die besungene Zeit als eine Epoche der Lüge und des unschuldig vergossenen Bluts erwies.

Doch die Gegenwart bemühte sich, das schlimmste Unrecht gutzumachen, Dora wirkte wie ein Sonnenkind, und niemandem wäre eingefallen, sie für die Vergangenheit mitverantwortlich zu machen, die auch das Siegel ihres Familiennamens trug. Sie kam als erste darauf zu sprechen, als die Mutter die Richtigkeit der politischen Erneuerung bezweifelte. Dora, tief getroffen von den Tag für Tag enthüllten Ungeheuerlichkeiten, begangen unter dem Banner der gerechtesten aller Revolutionen, fragte sie, ob nicht auch sie sich schuldig fühle. Nein! erklärte die Mutter kategorisch, höchstens betrogen. Dora sollte sich in ihrer Wohnung und ihrem Leben umsehen, da finde sie nichts, was nicht ehrlich erworben worden sei. Ihr Großvater und Vater bezahlten ihre Überzeugung mit dem Leben, und die Idee, für die sie gefallen sind, ist so lebendig und notwendig wie früher, die Mehrheit der Menschen dieser Welt stirbt doch noch immer an Hunger! Dora sollte sich umschauen und betrachten, wer am meisten nach Demokratie ruft!

Sie gehorchte und sah eine ganze Reihe Typen, die der Mutter recht gaben, doch die Sympathie für Dubček, mit seinem entwaffnenden, scheuen Lächeln und seinem natürlichen Anstand, wuchs in ihr, und der Einmarsch der fremden Armeen, Deutsche darunter, schrie zum Himmel. Die Mutter erlebte, wie ihre Argumente versagten, und hat damals zum erstenmal ein Machtwort gesprochen.

«Du gehst mir zu keinen Demonstrationen mehr! Du bist eine dumme Fünfzehnjährige, die jeder an der Nase herumführen kann, und darum bleibst du daheim. Wenn du mal achtzehn bist und es verdauen kannst, kannst du deinen Namen ändern lassen!»

Für Dora war auch Friedfertigkeit bezeichnend, ein Kaninchen ist im Vergleich mit dir ein Tiger! pflegte Milan zu sagen, anfangs eine Liebeserklärung, erst später ein Vorwurf, mit dem er auch ihr scheues Kind erziehen wollte. Bis jetzt aber mußte Dora um nichts kämpfen, alles hat ihr Lächeln in Ordnung gebracht oder die Mutter geregelt. Darum hat sie auch damals stumm nachgegeben und dachte das Ihre dabei. Die Begeisterung des berühmten Jahres ist übrigens schneller verraucht, als sie aufgeflammt war, und Dora konnte nur staunen, wie die lautesten Erneuerer in ihrer Klasse plötzlich Hals über Kopf den neuen Machthabern hinten hineinkrochen. Da hat die Mutter unbestreitbar recht behalten. Sie selbst ging wieder einmal den schwierigsten aller Wege.

Da sie an dem Prozeß, der nunmehr Konterrevolution hieß, nicht teilgenommen hatte, gehörte sie automatisch zum «gesunden Kern» der Partei, der von der Schraube der Repressionen nicht erfaßt wurde. Mit Hilfe des Namens, der wieder Klang hatte, versuchte die Mutter diesmal, die Ausschreitungen der Gegenseite zu verhindern. Noch ehe Dora das richtig einschätzen konnte, lernte sie Milan Čech kennen.

Eine Klassenkameradin vom Sprachinstitut, die er vernaschen wollte, bekam von ihm zwei Karten für den «Hamlet», und sie lud die von allen geliebte Dora ein, um ihre tolle Errungenschaft vorzuführen. Dora hatte das Stück schon vorher gelesen und gesehen, aus anderen Vorstellungen kannte sie auch den Darsteller, den Senkrechtstarter der Nachaugustära. Sein wie zerstreut wirkender Hamlet, außerstande, die uferlose Brutalität menschlichen Machtstrebens zu begreifen, sprach sie an wie bisher kein Mensch in ihrem Leben; sie hatte das Gefühl, er betrete direkt ihre Seele.

Obwohl sie von geselligem Wesen war, mied sie Premierenfeiern, sie wollte sich den Eindruck nicht damit verderben, daß sie Personen eines guten Stücks entzaubert sieht. Diesmal ging sie gerade deswegen hin. Sie wollte sich bestätigen lassen, daß zwischen dem Helden und seinem Darsteller Welten liegen und ihre Verzauberung ausschließlich dem Dänenprinzen galt.

Die Feier war schon längst feuchtfröhlich geworden, nur er kam und kam nicht. Doras Freundin Lada hat seinen Kollegen geglaubt, eine neue hätte sie ausgebootet, die ihn in seiner Garderobe abgefangen hat. So lag sie beschwipst kurz darauf in den Armen des Horatio. Dora verließ gerade den Club, als er eintrat, bleich wie der Tod. Ohne Hintergedanken fragte sie ihn, ob sie ihm irgendwie helfen könne.

«Bitte, bitte, ja», antwortete er, sobald er sie wahrnahm, «könnten Sie mit mir irgendwo eine Weile schweigen?»

Sie verstand das als Aufforderung, ihn in Ruhe zu lassen, doch er war schon mit ihr am Weggehen und wischte mit einer Handbewegung den Beifall weg, der jetzt zu seinen Ehren aufbrauste. Draußen hakte er sich bei ihr ein und führte sie zu seinem gelben kleinen Fiat um die Ecke.

«In allen Kneipen ringsherum sitzen jetzt diese fürchterlichen Leute, die alles auf der Welt in einen Brei zerkauen. Fahren wir ein bißchen durch die Luft, ja?»

Er brachte sie auf den Vyšehrad, sie machten einen Rundgang durch die verlassenen Schanzen der alten Festung, und er erzählte ihr von den Seinigen, die dort hinter der Friedhofsmauer lagen. So erfuhr sie, daß den Namen Čech eine andere berühmte Dynastie führte, von der sie noch nie etwas gehört hatte, obwohl sie seit Generationen die Bau- und Bürgermeister der Prager Bezirke Vinohrady und Vršovice stellten. Dann kletterten sie ein bißchen waghalsig den Felsen hinab zu dem Horymír-Sprung, wo er sein Sakko ausbreitete und ihr vorschlug, sich neben ihm zu lagern und ihren Kopf auf seinen Arm zu legen. So, während über ihnen die Sternenuhr langsam weiterlief, schilderte er ihr, wie er nach vergeblichen Versuchen, Architektur zu studieren, was ihm als «Millionärssöhnchen» nicht gelang, vor Verzweiflung bei einer Schmiere landete und bis zum Ende seiner Tage in Klattovy versauert wäre, hätte es da nicht eine gewisse Ähnlichkeit mit einem von den Deutschen hingerichteten Parteihelden gegeben, über den gerade ein Film gedreht werden sollte.

«Sobald ihr mir einen Kommunisten liefert, der dem Fučík nur halb so ähnlich sieht, kriegt er die Rolle!» erwiderte der Regisseur und Staatspreisträger listig auf die heftigen Einwände der ewigen Kaderreferenten, «bis dahin hat sie der Čech».

Er durfte spielen, und es ist ein ganz anständiger Film entstanden, der jedoch vor allem deshalb ein Erfolg wurde, als sich herumgesprochen hatte, daß darin ein junger, sie soll entschuldigen, daß es so eitel klingt, aber so war es eben! Gerard Philippe spielte; auch Dora hat es damals so gehört, sich den Film aber gerade deswegen nicht angeschaut. Nach einem Jahr übernahm ihn das Nationaltheater, was ihm, gab er vor ihr zu, so in den Kopf stieg, daß er eines Nachts da oben die Friedhofsmauer überkletterte und seinen Ahnen aus seiner ersten Rolle rezitierte, woran sie ihn heute glücklicherweise hindere.

Vieles hat er von sich preisgegeben in dieser Nacht seines Triumphs, und ihr gefiel, daß er von sich selbst kritisch zu erzählen wußte, und auch, daß er die Situation nicht zu anderen Vertraulichkeiten ausnutzte, die das Einzigartige der Nacht nur zerstört hätten. Er schlief für eine Weile neben ihr ein, und sie verliebte sich offenbar währenddessen: Sie wurde unglücklich bei der Vorstellung, ihn bald wieder zu verlieren.

Als er sie mit seinem gebrauchten Fünfhunderter vor das Haus fuhr, nahm er ihre Hand in die seine und sagte.

«Dora, ich habe bis heute keine Frau getroffen, die gleichzeitig so schön, so gescheit und so gutherzig wäre. Und darum möchte ich Sie, noch bevor die schlechten Kritiken erscheinen, schnell fragen: Möchten Sie mich nicht heiraten?»

Sie faßte das als Scherz auf und erwiderte im gleichen Ton, sie würde, falls die Kritiken tatsächlich schlecht sein sollten... Sie schlief mit dem Gefühl ein, daß dieses theatralische Kompliment die einzige Taktlosigkeit war, die ihm unterlaufen ist, leider... Am übernächsten Morgen kam ein Brief, in dem er seine Frage wiederholte, wie er schrieb, in gebührender Form. Sie gab ihn verwirrt der Mutter zu lesen und war unangenehm überrascht, wie eben diese Worte deren Unwillen erregten. Sie versuchte vergeblich, ihr zu erklären, die Rückkehr zu alten Manieren sei eine Reaktion der Jungen auf die Ära der verlogenen Volksbiederkeit.

«Ein Herrschaftssöhnchen!» so urteilte die Mutter, «aufgeblasen, verwöhnt und egoistisch. Halt ihn dir vom Leib, sonst zahlst du schrecklich drauf.»

Vom Leib aber hielt sie seltsamerweise er, obwohl sie ihm bald nichts verweigert hätte. Bereits beim zweiten Rendezvous erklärte er ihr, warum er sie erst in der Hochzeitsnacht lieben möchte.

«All die Mädchen und Weiber, die mich für sich ausgesucht haben», erklärte er, als hätte er über sie auf der Bühne ein Todesurteil zu fällen, «waren nur bessere Flittchen. Du bist eine Königin! Dich habe ich für mich ausgesucht, und darum mußt du wissen, daß es da für mich einen Unterschied gibt.»

Dieser Satz hat sie in den siebten Himmel gehoben, als höchste Auszeichnung, die er ihr verleihen konnte. Erst später, in Situationen, in denen die gleichen Worte die Nichtigkeit seiner Untreue beweisen sollten, wurde daraus eine immer peinlichere Phrase.

Obwohl sie seinen Besuch bei ihrer Mutter lange mit ihm geprobt hatte und er versprach, sich dabei noch klassenbewußter zu benehmen als der selige Fučík selbst, kam es dennoch bereits nach einer halben Stunde zum Streit. Die Schuld lag eindeutig bei der Mutter, die alle ehemaligen Bürgermeister der Prager Gemeinden Lakaien kapitalistischer Blutsauger nannte.

«Gnädige Frau», erwiderte er, sich aus dem jungen Kommunisten in Büchners Camille Desmoulin unter der Guillotine verwandelnd, «meine Leute haben dieser Stadt gewiß besser gedient als die Ihren, die hierher Tyrannen, Henker und Panzer gerufen haben.»

Nach ihrer wütenden Tirade, die er höflich zu Ende angehört hat, gab er ihr mit der Eleganz eines Mercutio, den er bereits in Klatovy spielte, den letzten Stoß, als er sich erhob, sich verbeugte und sagte.

«Alles, was ich noch bei Ihnen einklagen könnte, verblaßt vor dem Geschenk, das Sie Böhmen und mir mit Dora gemacht haben.»

Er küßte Doras Hand und ging.

«Was für ein Recht hat er», schrie die Mutter noch lange danach, «in unserem Nationaltheater aufzutreten?»

Als Dora begriff, daß die Mutter dabei war, zum erstenmal ungerecht zu handeln, verwandelte sie sich vom Kaninchen zum Tiger, für dieses eine Mal.

«Wenn ihr es damals auch noch so gut gemeint haben solltet, Mami, eure Wahrheit hat eine Unmenge Menschen ins Unglück gestürzt. Schadet sie jetzt auch ihm, wirst du nie mehr von mir hören.»

Sie versöhnten sich freilich, aber der Zustand früherer Vertraulichkeit kehrte nicht wieder ein. Zur Hochzeit kam die Mutter, sprach über nichts und wieder nichts mit der Elite des tschechischen Schauspielertums, der sie nicht verzieh, wie feige sie in der Krisenzeit die Partei verließ; sie begrüßte sich freundlich mit den überraschend alten Eltern des Bräutigams, die Jahrzehnte der Ungnade zu einem mit allem versöhnten Rentnerpaar plattgewalzt haben und die nun über den unerwarteten Erfolg ihres späten Sprosses mehr Furcht als Freude empfanden. Zu Milans Premieren ging sie grundsätzlich nicht. Eine Wiederannäherung bewirkte erst Petřík, ihr Peterchen.

Auf das seltsam verschlossene Kind übertrug sie alle Liebe, die sie früher für die Tochter empfand. Milan sah das nicht gern, und seine Ausfälle gegen die Schwiegermutter haben längst jegliche Eleganz eingebüßt. Je mehr sich die Streitigkeiten mit Dora häuften, die er selbst provozierte, ich kann deine waidwunden Augen nicht mehr ertragen! um so verletzender wurde das Vokabular, mit dem er ihr bewies, woher sie wohl diese völlige Unempfindlichkeit hatte gegenüber den «innersten Antrieben eines Künstlers, der täglich in das Tiefste des menschlichen Seins hinabsteigt», wie er es kurz davor in einem Interview formulierte.

Dennoch, allen Eskapaden mit Kolleginnen und Verehrerinnen zum Trotz, liebte er sie offensichtlich über alles. Während der neuneinhalb gemeinsamen Jahre kniete er dreimal vor ihr und hat echt geweint, als er sie beschwor, ihn nicht zu verlassen, er könne vielleicht ohne gelegentliche Sinnesverwirrungen Theater nicht spielen, doch ohne sie könnte er überhaupt nicht leben, Untreue ist etwas wie ein Schnaps im Stehen, du bist ein feierliches Gefolge! Und er war es, der sie darum bat, Petřík für ein paar Tage bei der Mutter zu lassen, und schleppte sie dann Nacht für Nacht, ja sogar zwischen den Proben, durch die Kneipen und über die Hügel rings um Prag wie am Anfang ihrer Liebe.

Jeder neue Verrat hat sie dann um so mehr getroffen.

Der letzte so tief, daß sie bereits ihre Koffer gepackt hatte und sich die Kraft zumutete, den schlimmsten Weg anzutreten: Zurück zur Mutter, die sie vor ihm gewarnt hatte.

«Du hältst mich hier nur noch aus Eitelkeit!» mit diesem einen Satz machte sie Schluß mit ihm, «und das ist gemein!»

Er brauchte eine ganze Nacht, bis er ihr verächtliches Schweigen durchbrach. Wie immer schloß er die Wohnung ab und nahm die Schlüssel an sich, bis er sicher sein konnte, die Herrschaft über sie wieder gewonnen zu haben. Diesmal kam er ihr mit einem ganz neuen Vorschlag: Er lebe hier in der Gefangenschaft eines Stereotyps! er wiederholte dieses Wort unentwegt, als hätte er es soeben entdeckt, sein Leben bewege sich in einem abgeschlossenen Kreis und so stürze er immer wieder in die gleiche Falle.

Überdies deprimiere es ihn, in der ewigen Lüge zu leben: Gerade wollte man es von ihm schriftlich haben, daß er für die Kandidaten der Nationalfront stimmen wird, es würde genügen, wenn er ein paar unschuldige Sätze über Frieden und Kinder unterschreibt, die ein Journalist für ihn zusammenbastelt, Sie waren doch damals, es klang drohend! so plötzlich erkrankt, als die Künstler den Protest gegen die verräterische Charta 77 unterschrieben, höchste Zeit also, sich wenigstens jetzt zum Sozialismus zu bekennen! Zum Kotzen, aber wenn er ablehnt, verliert er die wenigen klassischen Rollen und wird nur noch jede Scheiße spielen müssen. Nein! er ist dafür, auch ihretwegen, sich von alldem mit einem Schlag zu befreien: Weg nach Amerika!

Jawohl! Sein ganzes Leben lang lernte auch er Englisch, ganz für die Katz, jetzt könnte es das Pfund sein, das ihm Zinsen bringt. Er ist im Christusalter, wo man entweder bis zum Tod unter dem Kreuz bleibt, oder man rafft sich zu einer Tat auf. Im tschechischen Theater kann er nicht mehr werden als die Nummer eins, also bleibt ihm nichts anderes übrig, als sich auf den Weltbühnen zu versuchen, was so manche heimische Schauspieler probierten, aber keiner hat es geschafft. Er aber, mit ihr gemeinsam! er schafft es, ja mehr noch: Diese Aufgabe wird sie beide zwingen, zu den Quellen ihrer Beziehung zurückzukehren, während Petřík in einem freien Land heranwächst.

So redete er und bat und bettelte, und nach langer Zeit weinte er wieder, bis sie die Koffer auspackte, vor allem aus Rücksicht auf Petřík, den Milan nicht einmal zur Schule gehen ließ und der mucksmäuschenstill in seinem Zimmer saß... ein Kaninchen ist im Vergleich mit ihm ein Tiger, dachte sich Dora mit zärtlicher Wehmut und kapitulierte von neuem. Diese verrückte Idee nahm sie ebensowenig ernst wie seine anderen Versprechungen und schöpfte neue Kraft für die nächste Runde.

Dann aber erschien der Artikel, dem er schließlich zustimmte, leider gerade dann, als man einige kritische Künstler in den Knast schickte. «Ich gehe zur Wahl», schrieb man für ihn, «damit mein kleiner Sohn ein glückliches Leben im Sozialismus führen kann.» Die Sympathien, deren er sich bislang fast uneingeschränkt erfreute, verkehrten sich über Nacht in Spott und Zorn, er bekam ins Theater einen Stoß anonymer Briefe, und unbekannte Stimmen weckten ihn und auch Dora nachts aus dem Traum, um ihn trotz ihrer Geheimnummer als kommunistische Sau zu beschimpfen. Dora sah ihn zum erstenmal wirklich leiden.

Sich erfolgreich zu wehren ging nur auf eine Art, die ihn im Handumdrehn auf die schwarze Liste gebracht hätte. Damals klammerte er sich an seinen Fluchtgedanken als einzige Rettung. Und Dora, die fast dreißig Jahre lang die Heimat und die Geburtsstadt beinahe wie die Luft wahrnahm, die man überall atmen kann, erschrak plötzlich, ob sie nicht Geborgenheit gegen einen Trug im Labyrinth der Welt eintauschten.

Je näher der Tag ihrer Abreise «nach Bulgarien» kam, um so mehr wurde ihr bewußt, daß ihr die stillen Winkel der Gäßchen, der Blick aus dem Fenster, Geräusche, Gesichter, der Sonnenuntergang hinter dem gegenüberliegenden Dach, die Überfülle von Details, die sie früher kaum beachtet hatte, gefährlich ans Herz wuchsen; jetzt kamen sie ihr wunderschön vor, einzigartig und fast unentbehrlich. Dies alles, sagte sie sich, ist die Bühne, die uns formte, Milan und mich, keine wechselnde Scheinkulisse, sondern ein festes System von Wahrnehmungen, dem verdanken wir unser Denken und Empfinden. Wie wird sich ohne das alles Petřík entwickeln...?

Milan klammerte sich an die Vorbereitungen dieses Unternehmens mit verbissener Leidenschaft, so wie er sich in die schwierigsten Rollen stürzte. Während er zur Täuschung der Umgebung sich von Kollegen die Adressen von Privatzimmern in Bulgarien besorgte, dorthin schrieb und sogar eine Anzahlung schickte, büffelte er Tag und Nacht Englisch mit einem Walkman, der ihm die Lektionen ins Ohr trichterte. Ab und zu wechselte er die Kassetten, um Neugierige mit klassischer Musik irrezuführen. Er ließ im Kino keinen amerikanischen oder englischen Film aus, studierte die Technik berühmter Kollegen, deren Duktus und Gestus, wie in früheren Zeiten hielt er dabei Dora im Arm, drückte sie bei eindrucksvollen Szenen an sich und flüsterte dann beschwörend.

«Und doch sitze ich da nicht auf der Ersatzbank.»

Anders als bei den Theaterproben, wenn er sich ihr durch die immer näher kommenden Premieren mehr und mehr entfremdete und fast unzurechnungsfähig wurde, erlebte Dora diesmal, wie er sich beruhigt und zu ihr zurückkehrt, wie er wieder zu einem Ratgeber wird, zum Partner und Freund, zur Stütze und Liebe.

Darum erhob sie keinen Einwand, darum belästigte sie ihn mit keiner ihrer Sorgen und weiblichen Ängste. Sie dachte darüber nach, wie man mit drei Koffern Sommersachen möglicherweise auch durch den Winter kommen könnte, sie lernte zu Englisch auch noch Deutsch, überschüttete das Kind mit übermäßiger Zuneigung und versuchte, die Angst zu unterdrücken, ohne ein Abschiedswort, das sie nicht riskieren durfte, ihre Mutter bald verlassen zu müssen.

Um dies zu bewältigen, nahm sie all ihr Vertrauen zusammen und setzte es auf ihn.

So sah sie nun sein Profil in der matten Spiegelung der Instrumente im Armaturenbrett, der Wagen entführte sie vom Unerträglichen ins Ungewisse, sie hörte einer leichten Vormitternachtsmusik zu, wie sie mit einem Rauschen der Ferne nach wie vor von Prag ausgestrahlt wurde, und wünschte sich, dieser Augenblick möge nie enden. Seine Augen, durch Hunderte von Kilometern ermüdet, haben den Ausdruck ständiger Wachsamkeit verloren und sahen verwundbar aus... wie damals im Hamlet, erinnerte sie sich. Als hätte alle Trauer der Jahre sie plötzlich zugeschüttet, verspürte sie eisiges Erschrecken. Was erwartet uns? Da trat er heftig auf die Bremse.

«O nein...» sagte er, statt sich zu entschuldigen, fast flüsternd.

Dem Škoda saß auf der engen südungarischen Straße, die sich da vor ihnen nach Westjugoslawien bog, eine riesige Eule gegenüber. Unbeweglich, mit spähenden Augenschlitzen, die direkt auf sie gerichtet waren. Irgendwie sah sie wie ein Polizist aus, der gerade den Verkehr stoppt.

«Was ist das...?» sagte der Schauspieler, verstummte aber gleich.

Ein paar Meter hinter dem Vogel begann eine Herde Wild die Straße zu überqueren. Zwischen den Ricken stolperte ein Zug Kitzen auf Wakkelbeinchen dahin.

«Petřík, schläfst du?»

Das Kind hat sich sofort gemeldet.

«Nein, Papi.»

«Siehst du es?»

«Ja...»

«Schau doch, du siehst das vielleicht nie wieder! Ein wahrhaftiger Sommernachtstraum!»

«Ja, Papi...»

Der immer wie verscheucht klingende Ton des Sohnes, der ihn so oft reizte, denn er sehnte sich nach einem Kumpel, wie er selbst es war, hat ihn in diesem Augenblick seltsamerweise berührt. Es wurde ihm klar, daß er sein Kind aus vertrauter Umgebung ins Unbekannte fährt, von dem auch er nur eine papierene Vorstellung hat. Das ferne Prag hat ihm zum letztenmal geholfen, als es jetzt die Nationalhymne brachte. Er schaltete ab, ohne einen giftigen Kommentar, den er schon auf der Zunge hatte, er spürte, daß das seltsame Genre dieser Szene keine Plumpheit verträgt. Dem Jungen wollte er jedoch eine Freude machen.

«Weißt du, was ich dir versprechen kann, Petřík?»

«Nein...»

«Die längsten Ferien von allen deinen Kameraden. Freust du dich?»

«Ja, Papi...»

Als letztes erschien auf der Straße ein majestätischer Hirsch, vielleicht ein Sechzehnender. Er verharrte in der Mitte der Fahrbahn und schüttelte herausfordernd den Kopf gegen die Scheinwerfer. Der Fahrer hupte kurz. Daraufhin streckte sich das Tier, und aus seiner Kehle drang ein Ton, der sich von der Hupe wie die Posaune von der Klarinette unterschied. Die Eule flatterte unter schwerem Flügelschlag in die Dunkelheit. Der Hirsch gab ihnen nur noch einen abschätzigen Blick und verschwand mit einem langen, anmutigen Satz im Wald.

Der Schauspieler lachte endlich, zum erstenmal seit diesem Morgen, und fuhr wieder an.

Dora wandte sich nach links und stützte ihren Kopf zwischen der Polsterung der Vordersitze ab. So konnte sie mit der Linken Petříks Finger fassen und die Rechte auf Milans Knie legen.

Meine Liebsten, flüsterte sie ihnen unhörbar zu, meine Lieben, ihr seid die Heimat, die mit mir reist.

II
Das schmale tor zur weiten welt
Der Tag

Dienstag, den 21. Juni 1983

1. 01.40

Der Gärtner ist mit einem Wecker im Kopf auf die Welt gekommen. Schon die Eltern staunten darüber, daß es genügte, abends eine Uhrzeit zu nennen, und der Junge erwachte beinahe auf die Minute pünktlich. Obwohl er gestern schon um drei Uhr früh aufgestanden war, als er sich entschied, direkt von Klíčov zum Treffpunkt zu fahren, damit er Věra nicht unbeholfen anlügen mußte, wurde er auch jetzt wach wie gewollt: zwanzig vor zwei. Wie Lydia hat er vermutet, die ganze Reisegruppe befinde sich zu dieser Stunde in tiefem Schlaf. Sein Mitschläfer bestätigte das. Er lag auf dem Bauch, einen Kissenknebel im Mund und atmete sausend durch die Nase.

Geräuschlos in die Kleider zu schlüpfen war die Sache eines Augenblicks. Die Tür, das wußte er seit gestern, knarrte ein wenig. Er öffnete beim nächsten Schnarcher, trug rasch, wie er das am Abend ausprobiert hatte, den Koffer samt Stuhl auf den Gang und stellte die Lehne unter die Klinke, um sie zu sperren. Er lauschte. Das Führertrio im Nebenzimmer schlief ebenfalls fest. Er hob den schweren Koffer und eilte die Treppe hinunter.

Auch die Pianistin hatte keine Probleme. Ihre laute Zimmergenossin bot ihr gestern an, sie könnte ihr nachts gern auf dem Kopf herumtanzen, sie schlafe wie ein Ziegelstein. Die Decke, unter der sich ihr toupierter Kopf verkrochen hatte, verriet in der Tat durch nichts, daß darunter ein Lebewesen steckte. Die Pianistin war so aufgeregt, daß sie nicht einmal einnicken konnte: Sie schlug die Zeit tot auf eine altbewährte Art, die ihr über die Wahnsinnsnächte hinweggeholfen hatte nach dem Verlust von Ilja, als sie am stärksten der Gashahn lockte.

Auch heute wählte sie eine passende Komposition, Beethovens «Pathétique» in c-Moll, die Tonart der Schicksalssymphonie, und sie ließ vor der Netzhaut die Klavierpartitur ablaufen. Nach all den Jahren, als sie sieben Tage die Woche zehn und mehr Stunden täglich übte, brauchte sie weder Noten noch Tasten und Pedale, nicht einmal Finger und Fußgelenk mußte sie bewegen, und dennoch spielte sie. Und war sie mit einer Stelle unzufrieden, wiederholte sie sie zum Umfallen oft, bis sie ihrer Vorstellung nahekam.

Als sie zu Ende war, ertönte stürmischer Beifall, wie ihr Gehör ihn bei dem letzten Konzert, das sie im Prager Rudolfinum noch geben durfte, dem Gedächtnis eingeprägt hatte. Sie schaute auf die Uhr: viertel zwei. Jede ihrer Bewegungen war überlegt, drei Minuten reichten, um sich anzuziehen und sich mit Koffer, Mantel und Stuhl auf den Gang hinauszuschleichen. Sie blieb also liegen und starrte das leuchtende Rechteck eines fremden Fensters an, teilnahmslos wie ein Papier ohne Botschaft.

Die letzten Jahre erschienen ihr, als stünde sie auf einer Felsebene, von allen Seiten durchweht. Der Wind der Enttäuschungen und Befürchtungen legte sich erst, als sie endlich den Panzerbalken passierte, geschmückt mit den Farben einer Nation, die ihn schon lange nicht mehr bedienen durfte. Den ganzen Tag über, während dem sie mit ihrem Liebsten nur verstohlen Blicke wechseln konnte, lebte sie in einem seltsamen Zustand der Gefühls- und Sinnenstarre. Als der Gärtner bei ihr zum erstenmal arbeitete, erklärte er ihr, Bäume kann man auch im Sommer verjüngen an bestimmten Tagen, an denen der Saft in ihnen zum Stillstand kommt. So fühlte sie sich jetzt selbst. Als hätte man in ihrem Leben eine Pause eingelegt, die Gönner und Kritiker hätten den Saal verlassen und ihr erlaubt, auf verdunkelter Bühne Atem zu holen.

Sie ahnte es: Sobald sie jetzt aufsteht, wird sie zum Spielball der Elemente, um so schlimmer, daß sie mit ihnen keine Erfahrung hat. Gerade darum hat sie die letzten Minuten zwischen den Stürmen ausgekostet. Liegend schwebte sie über ihrem Schicksal und schöpfte die Hoffnung, einmal ebenso weich wie auf diesem Bett auf dem neuen Planeten zu landen, wo sie all das vorfände, was der alte ihr verwehrte.

Um ein Uhr vierzig, fünf Minuten früher, als sie sollte, stand sie auf, zog sich an, trug den Koffer hinaus und kam zurück, um den Stuhl zu holen, mit dessen Lehne sie die Türklinke festkeilte. Vielleicht ganz überflüssig, das Mädchen schien aus der Welt zu sein.

Das Treffen ging vonstatten, wie es sonntags im Bauernhaus vereinbart wurde, wohin er unter dem Vorwand, heuen zu müssen, ausnahmsweise am Tag gekommen war. Seitdem sie die Flucht vorbereitet hatten, erschien er nur selten und erst am späten Abend; er versteckte seine Jawa im Jungholz vor diesem ehemals deutschen Dorf, das nach der tschechischen Armee Prager Urlauber besetzten, und kroch durch das Loch herein, das er sich in die Hecke geschnitten hatte. Und verschwand noch vor Morgengrauen.

Sie hat immer zu den Manipulierten gehört, frei war sie nur am Klavier, doch in dieser Beziehung mußte sie den Taktstock übernehmen, er war zu unsicher und gehemmt. Als sie es endlich glaubte, daß er ihr mit Leib und Seele verfallen sei, als sie die Zweifel überwand und sich für ein doppeltes Abenteuer entschied, ihr Leben mit einem vierzehn Jahre jüngeren Mann zu verbinden und mit der Flucht ins Ausland auch die letzte Sicherheit aufzugeben, ergriff sie die Initiative.

Wenn es sein mußte, konnte sie kühl denken. Das schwächste Glied ihres Plans blieb noch immer, seine Frau auszuschalten. Der Gärtner mußte für beide um ein Visum ersuchen und dem Schwiegervater andeuten, daß er Věra zum Geburtstag überraschen will. Es dauerte einige Abende, bis Lydia ihn überzeugte, darin keine Lüge zu sehen, bei der er gefährlich errötet wäre, sondern einen Akt der Notwehr gegen einen Menschen, der für ihn jahrelang «Überraschungen» parat hatte. Hat er ihr nicht etwa erzählt, wie seine Frau ihn jahrelang der Unfruchtbarkeit bezichtigte, ehe er per Zufall erfuhr, sie habe sich noch vor ihm nach drei Abtreibungen sterilisieren lassen?

Noch gestern, als er vor dem Bus die Gattin wegen Krankheit ungeschickt entschuldigte, starb sie vor Angst, das Unternehmen könnte bereits an der Grenze scheitern. Nein, über sie konnte man nichts wissen, im Garten rief sie ihn fälschlich «Herr Krůta!», doch es hätte gereicht, wenn sich der Polyp vor der Tochter verplappert oder sich von ihr verabschieden wollte. Die zwei Stunden, bevor sie den Zoll erreichten und abgefertigt wurden, waren schrecklich. Wäre mein Haar nicht schon gefärbt, sagte sie sich, ich wäre schlankweg grau geworden!

Dann also fuhren sie glücklich los, die Spannung in ihr ließ jedoch nicht nach; ich trage in mir, beschimpfte sie sich, den schäbigen tschechischen Hang zum Kapitulieren, mit dem die Politiker von rechts wie von links das einstige Volk der Hussiten angesteckt und verdorben haben! Sie hatte in der Tat Angst, der Staat könnte sie mit Hilfe einer seiner schmutzigen Tricks selbst von hier noch zurückholen, sollten sie sich vorzeitig verraten. Sicherheit sah sie erst hinter dem Tor einer Anlage für Flüchtlinge, die sich auf das Wort «Asyl» öffnete. Dorthin war es noch weit, der entscheidende Sprung wartete noch auf sie. Er maß lächerliche zwei Meter, sollte jedoch lebenslang Folgen haben.

Es freute sie, wie Václav handelte, er übernahm jetzt gänzlich das Kommando. Schnellte ihr treppauf entgegen, nahm auch noch ihren Koffer und eilte mit beiden lautlos nach unten, als wären sie leer. Er warf sogar einen Blick hinter das Pult der nicht besetzten Rezeption und fand, was sie dort nie gesucht hätte: einen Stoß tschechoslowakischer Pässe. Die ihren herauszufinden dauerte keine halbe Minute, es gelang ihm noch, ihr siegesbewußt zuzulächeln, als er bereits das Fenster öffnete.

Er stellte die Koffer auf das Fensterbrett und sprang hinab. Gewöhnt, von den Ästen ins Gras herunterzuspringen, schlug er dabei mit den Nägeln seiner Wanderschuhe Funken aus dem Bürgersteig. Der Aufprall erscholl auf dem Stadtplatz wie ein Kanonenschuß.

«Schnell!» befahl er laut, es spielte jetzt keine Rolle mehr.

Nach und nach schob sie die Koffer über das Sims zu seinen Händen hinunter. Als er sie beide auf das Pflaster gestellt hatte, warf sie den Mantel nach samt Handtasche und kletterte selbst auf das Fensterbrett. Als bliebe die Zeit für sie stehen: Ruhig schaute sie auf die angestrahlten Portale der Renaissancehäuser, mitleidlos zerschnitten durch die modernen Ladenfenster, Geschmack, dachte sie sogar, könnten sie von uns noch lernen! auf die bunten Beete glänzender Autokarosserien und auf den Kirchturm, der unter den Nachtwolken segelte, die gewaltigen Uhrzeiger standen sieben vor zwei... da fehlt nur noch der Text Gruss aus..., sie verfiel in seltsame Euphorie.

«Mach doch, spring!»

Er stand darunter mit geöffneten Armen, und ihr kam noch in den Sinn, daß sie mit diesem Bild ziemlich gut sterben könnte. Vielleicht deshalb stieß sie sich ab und sprang so sorglos, so riskant, als hätte man da unten einen Federberg aufgehäuft. Ihr Liebster hat sie ebenso sicher und weich mit seinen starken Händen aufgefangen und auf den Boden gestellt, der nun für sie beide zur neuen Heimat werden sollte.

Der gelernte Koch, später der Zauberei verfallen, um seine herrlich wendigen Hände zu beschäftigen, bevor sie ihn zu fremden Taschen oder Safes verführen würden, lernte den leichten Hasenschlaf im Knast. Mit ihm in der Zelle schmorte ein Amokläufer, reif für die Klapsmühle; wann immer er sich in den Kopf setzte, man habe ihn gelinkt, versuchte er Mithäftlinge im Schlaf zu erwürgen. Und weil er kräftig war, half nur die Abwehr im Augenblick der Attacke.

Er wußte also, daß sich sein Kompagnon angezogen hat und aus dem Zimmer fortging, nur maß er dem keine Bedeutung bei: Die Toilette lag auf dem Gang. So versank er wieder in tiefere Gewässer des Schlafs. Nicht einmal der donnernde Krach von draußen sagte ihm etwas, erst die Rufe haben ihn aus dem Bett ans offene Fenster befördert. Er lehnte sich hinaus, riß die Augen noch rechtzeitig auf und sah, wie der durchtriebene Gärtner die fallende Frau auffing. Ein Blitzblick zur Tür: Der zweite Koffer fehlte.

Er geriet in Panik. Ventre Saint Gris! nicht mit der Konkurrenz zu rechnen, man sollte sich selbst eine herunterhauen! Er hätte sich nicht träumen lassen, daß dieser Niemand ein gerissener Komödiant ist. So blieb ihm nichts übrig, als die eigenen Siebensachen zusammenzupacken und ebenfalls raus aus dem Nest, bevor das Netz der Vogelfänger fällt. Angezogen war er in zehn Sekunden, das konnte er noch aus der Legion. Dabei schaute er rasch hinaus, um festzustellen, wohin die beiden verschwinden. Er erblickte sie in der Mündung der kleinen Gasse, die zu der Kirche führte. Darum also fragte mich der Halunke aus! Na gut, man nimmt dort auch einen Dritten auf! Er griff nach der Türklinke – und erstarrte.

Er rumpelte und drückte, umsonst! Hat ihn der Schuft hier eingesperrt? Dabei steckte doch der Schlüssel im Schloß! Verdutzt drehte er sich um wie eine Taube, bis er es herausbekommen hat: Der zweite Stuhl war weg. Der Scheißkerl! Und nun? Die drei Krüppel von nebenan wären imstande, eine Fahndung auszurufen... Moment! warum tigere ich so herum? Wir sind doch in Österreich! Ohne Paß jedoch, und vor allem: Er vermißte alles, was er vor einer Durchsuchung im Bus versteckt hatte, sozusagen im Schatten des Leuchters. Wie immer kam ihm in der Not eine Idee. Er begann an die Wand zu schlagen, hinter der in einem besseren Appartement, sogar mit Klo, die Busbonzen schliefen.

«Hallo», rief er, «hallo, Genosse Reiseleiter! Hallooo!»

Die uralten Wände waren noch nicht in den Genuß von Abdichtungen gekommen. So weckte er das halbe Hotel. Von nebenan kamen verwirrte Stimmen.

«Ans Fenster!» schrie er durch die Mauer, «macht das Fenster auf! Das Feensteeer!»

Schon klirrte im Nebenzimmer Fensterglas. Er beugte sich hinaus und sah den Reiseleiter samt dem Lehrer, der, da sein Toupet im Schlaf verrutscht war, aussah, als habe er ein drittes Ohr.

«Was ist los...? Was geht hier vor?»

«Sie sind verduftet.»

«Was...?»

«Was, was! Abgeschwirrt! Kurve gekratzt! Fliege gemacht! Futschikato! Merde, weg sind sie, abgesprungen, abgehauen, ich hab’ sie gesehen.»

Die beiden von nebenan wurden jetzt von der speckigen Brust des Busfahrers beinahe aus dem Fenster weggedrückt.

«Wer?»

«Rada, der Gärtner, und mit ihm irgendein Weibsstück.»

«Wer war das?»

«Weiß ich nicht.»

«Das Hotel», der Reiseleiter bereitete sich sein Alibi vor, «ist doch abgeschlossen...!»

«Sie sind vom Fenster heruntergesprungen. Mit Koffern!»

Der Chauffeur hat seinen wahren Beruf nicht verleugnet. Er duzte ihn sogar.

«Der Rada, der wohnt doch mit dir zusammen!»

«Ja.»

«Wie konntest du ihn laufen lassen?»

«Er hat mich eingesperrt, diese Ratte, bevor er verduftet ist! Ich sitze hier fest!»

Dafür dankte er jetzt dem Himmel. Über und unter ihm öffneten sich die Fenster.

«Genosse Kozel», rief der Lehrer bereits aus der Tiefe des Zimmers, «Genossen, rein in die Hose, wir müssen sofort Maßnahmen ergreifen.»

In die Szene klang mit vier hellen und zwei dunklen Schlägen die volle Stunde. Von allen Leuchtschriften blieb als einzige die am oberen Ende des Stadtplatzes übrig: Gendarmerie. Hier roch der Busfahrer seine Verbündeten.

«Wir übergeben das der Polizei. Die muß sie doch herausrücken!»

«Hast du spitzgekriegt, wohin sie rannten?» fragte der zermarterte Reiseleiter den eifrigen Informanten.

Strniště wußte noch aus dem Knast, daß der Judas am schlimmsten endet. Er hat seine Rolle erfolgreich gespielt, und darum hat er jetzt auf den unteren Teil des Platzes gezeigt.

«Dort! Dort! Eine Karre hat auf sie gewartet.»

«Was für eine?» fragte der Busfahrer, schon im Parka, «hast du dir das Kennzeichen notiert?»

«Nein, aber es war ein schwarzer Mercedes.»

«Na ja, dann war es der CIA», sagte der Spitzel routiniert, «die können wir vergessen!»

Als sie das Geschrei vom Hotel her hörte, verlor sie die Nerven und fing an zu laufen. Weil sie, seitdem sie zusammen waren, Absätze trug, um ihn durch ihre ansehnlichen Beine von den Falten um die Augen abzulenken, kam sie jetzt ins Stolpern. Er kriegte es mit der Angst.

«Liduška, spiel nicht verrückt!»

«Sie sind hinter uns her...»

«Sie können uns doch nichts anhaben! Du brichst dir noch das Bein.»

Atemlos erreichte sie das Gäßchen an der Kirche. Die Fußgelenke trugen sie fast nicht mehr, sie hat die Schuhe abgestreift, hielt sie fest und eilte auf Strümpfen weiter. Er hatte keine dritte Hand, so bemühte er sich, sie wenigstens mit Worten zu stützen.

«Das hätten wir geschafft, Liduška, beruhige dich doch!»

Links sah er das Beisl, in dem er abends mit dem Mann saß, der nun die Strafexpedition gegen sie zusammentrommelte. Rechts lag das Pfarrhaus. Er knallte die Koffer auf den Boden, er hatte selbst genug, und drückte die Klingel. Er hob den Kopf zum Kirchturm empor, ehe er begriff, daß er das engelartige Bimbam selber auslöste. Er glaubte nicht, daß dies jemanden wecken könnte, und so schellte er erbarmungslos weiter, bis er im Haus Schritte hörte. Dann faßte er Lída um die Schulter und drückte sie an sich.

Sie zitterte wie in einem Anfall von Schüttelfrost. Ihre Zähne klapperten. Er war kein guter Tröster, traute seiner Fähigkeit nicht, Gefühle in Worte zu kleiden. Seit dem Tag, als sie ihn mit der Musik bezauberte, hat er ihre intellektuelle Überlegenheit anerkannt. Er begriff natürlich, daß er sie als Mann für sich gewonnen hat, schon in der ersten Nacht vergaß er, sich je mit Věra geliebt zu haben, erst mit dieser Frau entdeckte er die Seligkeit der Leidenschaft. Sie schien wie er zu fühlen, stöhnte in seinen Armen, wie sie es bisher noch nie erlebte, schwor sie ihm. Als sie sich jedoch anzog, fand er sie wieder unerreichbar; er verstand nicht, warum sie sich mit ihm abgeben sollte.

Erst jetzt, als ihr Kopf an seiner Brust lag, höher reichte er nicht, und ihren schlanken Körper, dem sie durch Gymnastik und Hungerdiät seine Mädchengestalt zu bewahren suchte, ein Krampf schüttelte, begriff der Gärtner, daß er es ist, der ihrem Geist in der Not Kraft verleihen soll. Das hat ihn ermutigt.

Die massive Tür öffnete sich, eine alte Frau erschien, so kantig und mächtig, daß sie den Rahmen ausfüllte. Mit dem grauen Kopf voll ragender Haarwickel war sie ein prachtvolles Exemplar von Pfarrhausköchin. Forschend musterte sie das Paar mit Augen, die rasch wach werden konnten.

Die Pianistin kam wieder zu sich, ich bin ein Stehaufmännchen! sagte sie gern, wirft mich eine Ohrfeige nieder, bin ich so schnell wieder auf, daß ich mir die zweite selbst von der gleichen Hand hole. Sie machte einen Schritt auf die Frau zu.

«Bitte, entschuldigen Sie die späte Störung, wir sind...»

«Eben geflohen?»

«Ja!»

«Aus einer Busgruppe?»

«Ja...»

«Nun, kommt herein! Na, bitte schön! Ihr braucht ganz sicher einen Kaffietschko!»

Noch nicht gewöhnt, in der Umzingelung einer fremden Sprache zu leben, wurde ihnen verspätet bewußt, daß sie ihre Muttersprache hörten. Lydia staunte.

«Sie sind Tschechin?»

«Budweiser Ecke, aber nur von Mutterseite. Der Vater war Ungar und seine Eltern Serben. Ich bin... na, wie sagt man bei euch, Gehacktes?»

«Faschiertes...»

«Jawohl! Ein echtes österreichisches Laberl. Nur herein! Der Herr Pfarrer zieht sich schon an.»

Sie nahm ihr den Mantel aus der Hand und ging die breite Treppe voraus. Lydia erinnerte es hier an ehrwürdige Privatpensionen, die Margrit Prohaska ihr auf ihren Tourneen besorgte, nur daß anstelle eines Hausdieners ihr Liebhaber die Koffer trug. Der Salon in der Etage roch angenehm nach einer Mischung von altem Stoff und Wachs, hier müssen oft Kerzen gebrannt haben. Jetzt hat sie ein Lüster willkommen geheißen.

«Keine Angst vor dem Herrn Pfarrer», sagte die alte Frau, «er ist noch jung, versteht den lieben Herrgott mehr als die Welt. Aber wir werden es schon packen...!»

Hochwürden, durch die andere Tür kommend, ähnelte eher einem Studiosus aus alten Heimatfilmen. Die betonte Ernsthaftigkeit seines Auftretens verriet seine Jugend nur um so mehr. Nachdem er beiden die Hände sanft gedrückt und auf die Lehnstühle mit den gestickten Kissen gezeigt hatte, setzte er sich ihnen gegenüber, legte die Hände zusammen und lauschte, während in der Küche Geschirr klapperte, verschlafen dem Bericht von der Flucht; ständig nickte er dazu. Lydia hatte sich vor Ermüdung auf das Wichtigste beschränkt.

«Hat man euch drüben verfolgt?» fragte er dann.

«Ja. Ihm», sie zeigte auf den Gärtner, «hat man verboten, in die Kirche zu gehen, und ich habe seit langer Zeit keine Möglichkeit mehr bekommen zu konzertieren.»

Er machte eine so skeptische Miene, daß sie gereizt hinzufügte.

«Es gibt auch gewöhnliche Situationen, die ein Mensch unter normalen Umständen löst, indem er das Land wechselt. Und wenn man es nicht darf, muß er manchmal flüchten!»

«Welche Situationen haben Sie im Sinn...»

«Die persönlichen.»

«Ach so...» er schaute den Gärtner an, «durfte etwa Ihr Herr Sohn nicht studieren?»

Sie spürte ihr Erröten.

«Er ist ein Gärtner. Im Gegenteil, er hatte eine glänzende Stelle auf einem Schloß, und er ist nicht mein Sohn... so alt bin ich wieder nicht!»

Keiner hat gelacht. Der Pfarrer, weil er nicht begriff, Václav, weil er nicht verstand.

«Was sagt er?» fragte er in der Pause.

Er ahnte nicht, daß dies der Satz ist, den er von diesem Augenblick an immer wird wiederholen müssen. Sie wollte jedoch das Gespräch nicht komplizieren und antwortete darum ausweichend.

«Er interessiert sich...»

Verlegen lächelte er den Pfarrer an. Der suchte lieber nach einem anderen Thema.

«Wo haben Sie so gut Deutsch gelernt?»

«Wer gewohnt ist, Noten zu lernen, kommt auch bald mit Vokabeln zurecht. Und ich habe hier ziemlich viel gespielt.»

Sie erinnerte sich an Johann Christopher, der sie dazu brachte, deutsch zu schreiben...

«Seltsam, daß Sie so verschiedene Berufe haben, Sie und Ihr Mann.»

«Er ist auch nicht mein Mann.»

«Aha...» der Priester schüttelte verwirrt den Kopf, und die Gelenke seiner zusammengefalteten Finger wurden langsam bleich, sie verrieten das krampfhafte Bemühen des erwachenden Geistes, etwas zu begreifen.

«Er ist noch nicht geschieden!» sagte sie bewußt direkt.

Das hat ihm total die Rede verschlagen.

«Was hast du gesagt?» fragte Václav sie.

«Wie es mit uns beiden so aussieht.»

«Und was sagte er?» das wollte sein schlechtes Gewissen erfahren.

«Bislang nichts.»

Mit der Köchin trat ein starkes Aroma ein, das aus der Mündung einer Majolikakanne drang. Sie trug außerdem eine Platte mit dicken Kuchenscheiben auf.

«Der Kaffietschko ist da», verkündete sie, «der wird euch auf die Sprünge helfen. Dann nehmen Sie eine heiße Dusche, die bringt Sie in die Heia. Das Zimmer ist fertig», gab sie dem Pfarrer bekannt.

Lydia ertappte sich dabei, daß sie sich bereits amüsiert.

«Ich glaube», sagte ernsthaft der junge Herr, der erst in einigen Jahren zu der Größe seiner Lebensaufgabe finden sollte, «Frau Agnes, Sie richten besser noch ein weiteres Zimmer her.»

«I wo!» winkte sie mit der eben frei gewordenen Hand ab und wandte sich an den Gärtner, «ihr schlaft doch nicht getrennt, oder?»

«Nein...» gestand er und setzte gleich eifrig hinzu, «könnten Sie den Herrn Pfarrer fragen, ob ich morgen beichten darf? Ich durfte es so schrecklich lange nicht mehr...»

Als sie das übersetzte, sagte ihr Jüngling verlegen.

«Ich kann doch nicht Tschechisch.»

«Ich aber», sagte sie resolut, «der alte Herr Pfarrer läßt es zu, wenn es sich um Flüchtlinge handelt, und ich vergesse alles gleich wieder!»

2. Den selben Tag, 07.30

Sie warteten etwa fünfzig Meter vor der Schranke. In der Morgendämmerung hatten sie bereits vorher auf einem Waldparkplatz angehalten, um sich nach der Nacht in Ordnung zu bringen. Auf dem schmutzigen WC floß wie ein Pißstrahl dünn das Wasser, sie konnten sich ein bißchen abspülen. Rasieren war nicht nötig, die Natur hat den Schauspieler mit einem Flaum ausgerüstet, den abzukratzen alle zwei Tage genügte. Bei seinem Beruf eine Himmelsgabe.

Dann gab Dora ihren Männern frische Hemden und ermahnte sie, sich nicht zu bekleckern, denn die nächsten versprach sie ihnen erst drüben. Dabei sah sie, daß ihr Mann wieder das Stieramulett von seiner Mutter um den Hals trug. Jetzt kamen die beiden Thermosflaschen dran. Den Kaffee leerte Milan selbst, den Tee teilte die Mutter mit dem Sohn. Das Salamibrot aus der Alufolie schmeckte wie frisch. Der Himmel leergefegt, und die leichte Brise versprach einen angenehmen Reisetag. Von seinen Tücken sprachen sie nicht.

Er kippte den Sitz zurück und schlief eine Stunde lang tief, während Dora und Petřík auf der nahen Wiese sich den Ball zuwarfen, leise, um den Schläfer nicht zu stören. Als er wach war, lud er den Sohn zu einem Konditionslauf ein. Es ärgerte ihn, daß der Junge allzuschnell zu schnaufen beginnt. Dora füttert ihn zu gut und verzieht ihn! Er war entschlossen, im Flüchtlingslager, in dem sie für einige Zeit zum bloßen Warten genötigt sein würden, mit ihm Sport zu treiben. Doch er hat ihm jetzt damit nicht gedroht und ihr nichts vorgeworfen. Er wollte vor der Schlüsselszene keinem die Laune verderben.

In dem jugoslawischen Zollamt, hinter dem die Welt begann, mit keinem Stacheldraht umzäunt, war nicht viel los. Höchstens drei Autos rollten gleichzeitig zur Abfertigung. Der Schauspieler studierte die lässige Art, mit der die Fahrer, alle Österreicher, die Hand aus dem Fenster mit den Pässen hinausschoben, die von zwei jungen Grenzern abwechselnd auf einem Tischchen vor dem Gebäude gestempelt und gleich zurückgereicht wurden. Die Amtshandlung endete mit einem Lächeln.

Das Problem bestand darin, daß ihre Pässe nicht die richtige Farbe hatten. Um die undichte Stelle in dem Zaun der riesigen Besserungsanstalt zuzustopfen, für die Milan das ganze «Lager des Friedens und des Sozialismus» hielt, hat man sich in Prag für Jugoslawien zweierlei Pässe ausgedacht. Die normalen grünen wurden Prominenten ausgestellt mit Ausreisevisum für westliche Länder, zu denen, pflegte Milan zu sagen, hat er sich noch nicht durchgehurt. Für den Plebs, der höchstens nach Rumänien Auslauf bekam, gab es seit neuestem graue Pässe, und die Jugoslawen haben sich nolens volens verpflichtet, ihren Inhabern den Transit ausschließlich ostwärts zu gewähren.

Zu ihrer Ehre haben sie sich daran nur halbwegs gehalten, selbst die skeptische Dora wußte von Freunden, die hier ohne Schwierigkeiten durchkamen. Es war nur schwer festzustellen, wo wer aus dem Käfig herausgeflogen war, das hat man hier vielleicht gern mißbraucht. In Prag sprach sich herum, es sei gut, den Paß in grünes Papier einzuwickeln, damit das verräterische Grau nicht so schreie und den Wohltätern die Hilfe erleichtert würde. Das grüne Papier fehlte natürlich im heimatlichen Warenangebot, zuletzt halfen Petříks Wasserfarben. Nun lagen die frisch eingehüllten Pässe auf Milans Schoß, aber er wartete noch. Dora sah, er ist aufgeregt wie vor einer großen Premiere. Sie versuchte, ihn auf eine ihm vertraute Art zu beruhigen: Unerwartet beugte sie sich zu ihm und deutete drei Glücksspucker über seine linke Schulter an.

«Hals und Beinbruch!» wünschte sie ihm.

«Man wird mir schon dazu helfen...» sprach er nach seinem Ritual, «schnell, tut so, als ob ihr schlaft! Beide! Allez hopp!»

Und wie immer verschwanden Magenkrämpfe, Herzklopfen und die Rotation im Gehirn. Er startete und stürzte sich auf die Bühne, um sie für sich ganz einzunehmen, wie das nur Milan Čech konnte.

Man ließ hier den Grenzbalken kaum herunter, er blieb auch nach dem Wagen vor ihm oben. Gleich war Milan dran, reichte dem jungen Offizier die Pässe mit der Lässigkeit eines Mannes, der so was täglich tut. Wie er sich schon immer mit jeder Rolle auch physisch zu identifizieren wußte, befiel ihn sogar ein Gähnen, das bei ihm, nur Dora war es bekannt, ein Zeichen höchster Erregung war.

Der Offizier stempelte die Pässe ab, wandte sich zu ihm, um sie zurückzureichen. Und wie in einem Theaterstück zog er die Hand zurück, schaute sich den grünen Umschlag an und nahm ihn auseinander. Graue Farbe kam zum Vorschein.

«Moment mal!» sagte er, hielt die Dokumente zurück und fuhr in irgendeiner der südslawischen Sprachen fort, «fahren Sie dorthin.»

Er zeigte auf die Abstellspur. Der Schauspieler kämpfte jetzt gegen die Versuchung, das Gaspedal, Pässe ja oder nein! herunterzutreten. Noch bevor er sein Gehirn von der Ehrfurcht vor den wertlosen Papieren zu befreien vermochte und dies dem Fuß übermitteln konnte, drückte der Soldat eine Taste, und die Schranke schnellte nach unten. Die Chance war vorbei, und er, sich selbst verfluchend, bog ab, wohin befohlen.

«Was ist los?» flüsterte Dora, die Augen zu.

«Er geht ins Zollhaus...»

»Warum...?»

«Wie soll ich das wissen!»

«Macht nichts», war sie bemüht, ihn zu beruhigen, «wir haben dich lieb, weißt du?»

Es half wenig. Er sah im Rückspiegel, wie der Sohn dahinten krampfhaft die Augenlider zusammendrückte, und dieser unbeholfene Gehorsam reizte ihn obendrein.

«Schau doch mal lieber normal zu, anstatt so blöd zu grinsen!»

Jetzt zwinkerte der Junge wie schwachsinnig mit den Augen, doch ehe der Vater ihn weiter einschüchtern konnte, sagte Dora besänftigend.

«Jetzt muß der Hunderter helfen...»

Ihre Bekannten sind auch durchgekommen, nachdem sie geschmiert hatten, und so schob Dora in der Frühe einen der Hundertmarkscheine, bislang im Schuh versteckt, unter den grünen Umschlag. Der zweite Grenzer fertigte lächelnd und salutierend immer neue Autos ab. Die Sekunden zogen sich hin, es fing schon an, heiß zu werden, aus dem Zollhausfenster klang jugoslawische Volksmusik. Eine sich endlos wiederholende Melodie ging dem Schauspieler auf die Nerven; seine Sinne befanden sich in Lauerstellung für den kommenden Auftritt.

Da war er! Ihr Offizier kam aus dem Gebäude mit einer höheren Charge zurück. Ein älterer braunhäutiger Mann mit albanischer Nase hielt ihre Pässe.

«Aussteigen!» befahl er, und als er sah, daß der Fahrer dies nur auf sich bezog, fügte er hinzu, «alle drei!»

Milan tat, als weckte er sie.

«Dora...! Petřík! Wir müssen aussteigen!»

Sie half dem Sohn, sich aus dem Gepäck herauszuschälen. In ihre Ohren prägte sich schmerzhaft das eintönige Musikmotiv ein, und ihre Augen brannten von den schrillen Farben der Wagen, die froh die Grenze der beiden Welten passierten. Ihr Herz verkrampfte sich. Wie vereinsamt sie hier waren, wie machtlos. Milan spielte mit Ausdauer weiter.

«Eine Durchsuchung? Soll ich den Koffer aufmachen...?»

Seine glaubhafte Sorglosigkeit wirkte nicht. Das Nashorn hielt eine kurze Rede.

«Sie haben die Vorschriften Ihres Landes mißachtet, die auch wir hier respektieren müssen. Ist Ihnen das klar?»

«Ich verstehe nicht...»

«Sprechen Sie Deutsch?»

Er war wie ein Papagei, selbst aus dem Deutschen hat er genug mitgenommen in der Zeit, als er den Fučíkfilm drehte; den Kommissar Böhm, einen Gestapo-Mephisto, spielte ein Kollege aus der DDR, sie wetteten damals, wer von wem mehr lernt, und Milan gewann turmhoch.

«Ein wenig», untertrieb er, um sich nicht in ein gefährliches Gespräch einlassen zu müssen; sein ausgezeichnetes Englisch verriet er nicht.

«Ihr habt nicht die richtigen Pässe», sagte ihm der Jugoslawe in gutem Deutsch.

«Was...?»

«Sie haben keine Pässe für den Westen. Die grünen. Die grauen gelten an diesem Übergang nicht.»

«Na, und...?» täuschte er Begriffsstutzigkeit überzeugend vor.

«Sie haben sich eines Vergehens schuldig gemacht. Wir müssen Sie bis zur Entscheidung Ihrer Behörden festhalten.»

Das gibt’s nicht! Das Gehirn suchte hartnäckig nach einem Weg aus dieser Falle. Um Zeit zu gewinnen, verhedderte er sich im Deutschen.

«Ich verstehe nicht... Was müssen Sie?»

Der Mann legte seine Handgelenke bildhaft kreuzweise übereinander, es fehlten nur die Handschellen. Der Schauspieler erschrak, wie das nur Unschuldige schaffen.

«Warum denn?»

Der Offizier führte mit zwei Fingern einen Lauf auf die Grenze vor.

«Flucht. Flucht nach Westen! Husch, husch!»

«Westen?» Der Schauspieler pokerte ums Ganze. «Warum Westen? Wir nix Westen, wir Hungaria! Ungarn! Wir Praha! Prag!»

Der Mann hat hier so viele Schwindeleien erlebt, daß er darin unterrichten könnte.

«Dort nix Ungarn», er lachte ihn aus, «dort Österreich.»

Dann wurde er doch noch überrascht, als sich seine Geisel unerwartet zu der verträumt wirkenden Frau umdrehte und sie anschrie, um so überzeugender, als er das auf tschechisch tat.

«Hör mal, du bist so blöd, das hat die Welt noch nicht erlebt. Warum hast du mich hierher bugsiert, du blöde Gans?»

Er sah, daß er sogar sie überraschte, und brüllte um so echter.

«Meine Herren, da endet man noch im Irrenhaus. Sie soll mich nach Ungarn lotsen und bringt mich hierher! Ich probiere morgen, Probe! Nationaltheater, nix Österreich. Bin tschechischer Schauspieler!»

Sie haben’s geschluckt, triumphierte er, als ihre amtlichen Masken von unwillkürlicher Sympathie ausgelöst wurden der Frau gegenüber, die auch in ihrem Erschrecken noch schön war. Petřík weinte bereits lautlos vor sich hin. Die Kindertränen brachten auch die Entscheidung. Der Ältere fragte.

«Wo haben Sie die Karte?»

Der Schock seines Kindes warf den Schauspieler aus dem Konzept.

«Was...?»

«Die Landkarte.»

Er kam wieder zu sich und schlüpfte ins Auto zurück. Sie lag hinter der Windschutzscheibe. Während Dora Petřík besänftigte, faltete der Offizier die Karte auf der Motorhaube auseinander und zeichnete mit einem dicken Bleistift die Strecke an, von hier zur ungarischen Grenze.

«Schleunigst!» befahl er dann, «nix rechts, nix links, schnurstracks gradaus!»

Er drohte ihm mit dem Finger wie einem Schuljungen und marschierte ins Zollhaus zurück. Der Jüngere, der von ihm die Pässe bekam, bedeutete jetzt dem Schauspieler, den Wagen umzudrehen.

«Steigt ein!» kläffte Milan die Seinen an, er mußte das Schmierentheater zu Ende führen. Er warf einen wütenden Blick auf Dora, lächelte dem Kerl ganz unterwürfig zu, der ihr soeben die verräterischen Dokumente zurückgab und dazu galant den Hunderter.

Kurz darauf hielt Milan an der ersten Stelle, an der er von der Grenze aus nicht mehr zu sehen war, und studierte fieberhaft die Karte.

«Wo kommen wir jetzt durch? Vielleicht sicherheitshalber erst bei der übernächsten Grenzstation, ich denke, sie haben’s gefressen, glaubst du auch?»

«Petřík auf jeden Fall», sagte Dora.

«Er ist doch nicht so blöd, er kapiert, wann ich Theater spiele und warum! Hast du’s tatsächlich nicht gemerkt?»

«Nein, Papi...» piepste das Kind gerade so, wie er es am wenigsten vertragen konnte.

«Manchmal hab’ ich das Gefühl, du bist irgendwie auf den Kopf gefallen und hast es vor uns verheimlicht.»

«Nein, Papi...»

«Er braucht heute eher eine Aufmunterung...!» versuchte Dora ihn milde zu stimmen.

«Heute würde ich es vor allem brauchen! Und wenn ich mich nicht irre, war dieser Übergang hier deine Idee.»

Sie kannte seine Zustände uferloser Verbitterung, aus denen er sich mit krampfhaften Sprüchen und auch Taten freizumachen versuchte, was ihn bereits ein paar gute Rollen und Bekannte gekostet hatte. So stellte sie sich lieber auf seine Seite.

«Papa hat recht, wir müssen ihm heute behilflich sein. Es war nicht echt, weißt du. Er schrie nur so, damit die denken, ich bin schuld daran, und lassen uns frei, verstehst du?»

«Ja, Mami...»

Der Schauspieler beruhigte sich wieder und wußte sogar zu scherzen.

«Du solltest besser zu mir sagen: Gut gebrüllt, Löwe! Weißt du, woher das stammt?»

«Nein, Vati...»

«Ich hab’ dir doch den Titel des Stücks gesagt, als wir in der Nacht die Eule und die Rehlein gesehen haben... na? Erinnerst du dich? Du hast es sogar gesehen: Ich war darin der Waldfürst Oberon.»

Als das Kind den Kopf schüttelte, sagte er ihm mitleidig vor.

«Der Sommer... Der Sommernacht... na?...»

Petřík erinnerte sich trotzdem nicht, was den Vater wieder verärgerte.

«Na, doch der Sommernachtstraum, Mensch. Du kannst dir aber auch gar nichts merken! Du wirst am Ende bei der Post landen.»

«Also, wo jetzt...» fragte Dora, um dem Jungen zu helfen.

«Was wo?»

«Wo wollen wir es jetzt versuchen?»

Er war wieder voll bei der Sache und stach entschieden mit dem Finger in die Karte.

«Überlaß das jetzt mir! Sicher ist sicher: Wir fahren bis hierhin nach unten!»

3. Den selben Tag, 08.00

Der Schnitter kam aus dem Staatsgut auf dem Mofa an. Mit seinem Gerät über der Schulter, die Schneide in Plastik eingewickelt, kam er dem Korporal wie ein motorisierter Sensenmann vor. Er konnte um die Vierzig sein, beinahe zwei Meter groß, das mit einem Anker geschmückte T-Shirt war von Bizepsmuskeln aufgebauscht. Wer soll an der Grenze so ein Kraftpaket bewachen? Falls er Nahkampf kann, nicht einmal ich!

«Bei der Marine gearbeitet?» klopfte er ihn ab.

«Nää», verzog der Riese die Miene, «beim Zirkus.»

«Als was?»

«Als etwas Ähnliches wie Sie: Scharfschütze.»

Er wollte ihn wohl verarschen.

«Aha... und das gefiel Ihnen weniger als auf dem Staatsgut?»

«Gefiel oder nicht», erwiderte der entlaufene Zirkusmann, «es brachte keine Mäuse. Man wird da bezahlt wie in einem Kinderhort, so hab’ ich drauf geschissen. Hierher wird man angeworben wie in die Fußballiga, sogar Trennungsgeld gibt’s. Blöd, wer nicht zupackt.»

«Nicht einmal...» der Korporal hielt inne, dann sprach er doch weiter, «durchleuchtet wird man vorher?»

Der Mann hat ihn aus der Höhe spöttisch angeschaut.

«Warum denn? Möchte ich über den Fluß auf und davon, sind doch Sie da, nää?»

«Folgen Sie mir!» befahl der Korporal barsch, «ich führe die Belehrung durch!»

Er brachte ihn zum Pappmachémodell des Grenzabschnitts. Die Wiese unterhalb des Felsens lag in der Mitte. Ziemlich oft unter Wasser, blieb sie noch lange durchnäßt, Heu von dort war säuerlich, man hat es immer nur einmal gewendet, damit es ein bißchen trockne, und dann, halbverfault, verbrannt. Die Aktion fand ausschließlich aus Sicherheitsgründen statt: Im wuchernden Gras könnte sich eine ganze Rotte Grenzverletzer verstecken. Früher mähten die Soldaten selbst, bis die Abwehrfritzen von der Division zu meckern anfingen, darunter würde die Qualität der Grenzüberwachung leiden. Und jetzt schicken sie uns also Typen, die man erst recht bewachen muß!

«Die Wiese ist lang, doch nicht allzu breit. Wenn Sie früher gekommen wären, hätten Sie damit bis Mittag fertig sein können.»

«Arbeit hat keine Beine», kicherte der Typ, «sie läuft nicht davon.»

«Meine Freizeit aber durchaus. Ich sollte heute Ausgang kriegen.»

«Na, und? Ich mähe doch allein!»

«Sie haben anscheinend vergessen...» er zeigte auf den Alustreifen, der auf dem Relief den Fluß darstellte, «daß es hier eine Grenze gibt.»

«Die stehle ich doch nicht.»

«Es ist meine Pflicht, Sie darauf aufmerksam zu machen, daß Sie während der Arbeit nie die gedachte Linie zwischen mir und dem anderen Soldaten, der mitgehen wird, übertreten dürfen!»

«Eine kleine Arbeitsbrigade also? Einer mäht, und zwei andere schießen auf ihn?»

Den Korporal machte das Gewäsch schon sauer; der Mann hat ihn dazu gebracht, daß er jetzt schon wie ein Politoffizier daherredet.

«Wir tun hier auch unsere Arbeit. Nur daß sie eben keinen Kies bringt.»

«Erzählen Sie mir nicht, man kriegt hier keine Abschußprämien! Wieviel ist damals bei der doofen Nuß herausgesprungen, die ihr so mit Blei vollgepumpt habt?»

Er war nicht weit von der Wahrheit weg, darum stand es dem Korporal schon bis zum Hals.

«Würden Sie die Kurve kratzen, werde ich gezielt und ohne Warnung schießen, die haben Sie gerade bekommen. Unterschreiben Sie hier die durchgeführte Belehrung!»

Nachdem sich der Herkules mit einem Kopierstift in einer Kladde eingetragen hatte, verzog er sein Gesicht besonders bedeutungsvoll. Dir, du slowakischer Saukopf, meinte ihn der Korporal verstanden zu haben, dir haue ich noch ab, wann ich will, sogar mit deiner Knarre, schlimmstenfalls ziehe ich dir eins mit der Sense über! Sein Magen revoltierte jetzt gewaltig, als meldete er: Dieser Mann, der ist es! Der wird’s tun!

4. Den selben Tag, 08.15

Schlapp saßen sie über einem reichlichen Frühstück, bei dem ihnen die Lust verging, als sie erfuhren, dies sei der Abschiedsschmaus.

«Genossen», schloß der Reiseleiter, dessen inneren Zustand die rot angelaufenen Augen und der unrasierte Stoppelbart verrieten, seine Rede, «die erste Reisegruppe auf den Spuren der Arbeiterbewegung kann eine solche Niedertracht nicht einfach wegstecken, als wäre alles in Butter! Diese Schande wieder reinzuwaschen, das geht nur mit unserer sofortigen Rückkehr, um die positive Einstellung aller ehrlich arbeitenden Menschen bei uns zu den sozialistischen Errungenschaften dadurch zu demonstrieren, daß wir dem Kapitalismus einmütig den Rücken zeigen! Damit jeder hierzulande erkennt, Genossen, daß wir uns nicht blenden lassen! Wir stimmen darüber ab: Wer, Genossinnen und Genossen, dafür ist, soll die Hand heben...»

Erst jetzt wurde der Verkäuferin klar, auf was der Ochse hinauswill. Sie wäre vorher nie auf die Idee gekommen, daß sich jemand so einen Blödsinn ausdenken könnte.

«Momeeent!» zog sie mit ihrer unverwechselbaren Stimme das Wort in die Länge, «wieso denn das? Ist doch bezahlt!»

Das Plenum, voll ähnlicher Befürchtung zitternd, blieb an ihr hoffnungsvoll mit den Augen haften. Der Reiseleiter blies sofort in sein Versammlungshorn.

«Genossin...»

«Havránková!»

«Ja doch! Es gibt in der Welt auch viel wichtigere Werte als nur den Mammon!»

«Was heißt hier Mammon? Dafür habe ich ehrlich geschuftet!»

Der Zauberer im Koch hat auf ein Wunder oder wenigstens eine Eingebung gewartet. Da war sie, und er fing mit einem Manöver an.

«Ich meine, Genossen, die Genossin hat recht. Die positive Beziehung zu den Errungenschaften des Sozialismus können wir am besten demonstrieren, wenn wir uns weiterhin dicht an die Spuren der hiesigen Arbeiterbewegung halten und keiner mehr abhaut!»

«Genosse Strniště, du meinst es gewiß gut, nur wer wird das so verstehen? Nein! Das Positive an seiner Einstellung kann jeder von uns bloß durch die Rückkehr demonstrieren, und ich gebe Ihnen hiermit mein Parteiwort, daß ich Ihnen allen, wie Sie hier sitzen, bald eine neue Ausreise verschaffe, und dann muß es nicht mehr die Arbeiterbewegung sein, sondern zur Belohnung etwa deine Kaufhäuser, Genossin Šafránková.»

Sie hat ihn nicht mehr korrigiert, sie erstickte vor Wut.

«Also: Wer ist nun mal dafür...?»

Josef Strniště wußte, was auch die anderen wußten: Bei diesen drei Lumpen handelt es sich nur darum, daß ihre eigenen Hintern Weiterreisen können, und der Spitzel von Busfahrer wird ihn direkt an der Grenze zu einem Komplizen des Geflohenen erklären und ihm alles auf ewig versauen. Daß eben dieser Fettarsch beim Frühstück fehlte, sprach dafür, daß er irgendwo Unheil ausbrütete. Waren die Stasimänner zur Grenze unterwegs, um ihn dort dingfest zu machen? Seine Lebenserfahrung sagte ihm, daß der einzige Weg nach vorn im Augenblick rückwärts führt. So wechselte er sofort die Fronten und stimmte als erster dafür.

«Aber doch alle, nicht wahr?»

Daraufhin flogen die Hände hoch, bis auf die der Verkäuferin. Sie sagte in die Stille hinein.

«Du meine Omi, das darf doch nicht wahr sein...!»

Die Antwort auf diese Frechheit hat der Reiseleiter verschluckt, aber sie stand in seinen Augen. Fast alle hatten Kinder zu Hause, meistens ähnlich großmäulig wie diese Unglückskrähe, armes Mädel, sie tat ihnen leid, du kommst nie mehr raus aus dem Käfig. In die Gaststube platzte der Busfahrer.

«Fertig!» schnaufte er zufrieden und ließ sich zum Frühstück nieder.

«Hier war’s einstimmig!» teilte ihm der Reiseleiter stolz mit, «sodann: Genossen, sobald Sie gegessen haben...»

Strniště schmiedete eifrig das Eisen, das er auszuglühen half.

«Aber vorher dürfen wir doch noch schleunigst ein bißchen Obst und ein paar Geschenke einkaufen, nicht wahr? Sollten wir mit dem Taschengeld wieder nach Hause kommen, würde man uns für total belämmert halten!»

Mehr als die noch vor kurzem zelebrierte Loyalität kam ihm jetzt zugute, daß sich das schwer geprüfte Kollektiv zu einem klangvollen Zustimmungsjubel durchrang. Der Reiseleiter begriff, daß er den Bogen nicht überspannen darf. Er zwinkerte dem Fahrer zu, und als er auf keine Ablehnung gestoßen war, ließ er locker.

«Klar. Sie haben eine Stunde Zeit.»

«Doch lieber mindestens zwei!» verlangte unerwartet eine dürre Frau am Nebentisch und erntete wieder allgemeine Unterstützung.

«Also, gut!» gab der Reiseleiter noch einmal nach; es wurde ihm leichter ums Herz, daß er das heikle Problem so gemeistert hat, er erinnerte sich, daß ihm seine eigene Frau eine lange Einkaufsliste mitgegeben hatte, und verwandelte sich in einen gütigen Vater, «dann treffen wir uns Schlag zwölf, dann muß sich niemand hetzen.»

Beifall wurde sein Lohn.

«Tja», fügte er noch hinzu, «unter diesen Umständen gilt natürlich: Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser. Ihre Pässe bleiben bis zur Grenze bei mir, und alle Koffer samt Mänteln ließ Genosse Dadák bereits in den Bus laden.»

Der Fahrer schenkte sich dabei mit einer Hand Kaffee ein, während die andere mit seinen Autoschlüsseln rasselte. Gespannt paßte der Zauberer auf, wohin er sie steckte.

5. Den selben Tag, 10.20

Die uralte Tupolew der Tschechoslowakischen Aerolinien landete in Wien-Schwechat beinahe pünktlich. Die kleine Delegation des Glasimpex, auf die präzise vorbereitete Verhandlungen warteten, mit einem Weekend in Salzburg gewürzt, war jedoch nicht frohen Muts. Obwohl sie in azurblauer Luft wie in einem Fauteuil saßen, wurde ihrem Chef gleich nach dem Start übel. Er versuchte den Magen mit tiefen Atemzügen zu beruhigen, als aber das Frühstück kam, konnte er doch nicht widerstehen. Den Rest der Reise verbrachte er auf dem WC.

Seine drei Begleiter, die den Ausflug bereits auf dem Prager Flughafen mit einem doppelten grusinischen Kognak gefeiert hatten, gingen inzwischen ihrer guten Stimmung verlustig. Sie fürchteten, schon heute den Vertrag zu unterschreiben und gleich danach zurück zu müssen. Mit ihm, das wußten sie, waren sie überflüssig, ohne ihn verloren. Selbst in der Branche, wo man sich gegenseitig nicht einmal das Schwarze unter dem Nagel gönnte, konnte man kaum bestreiten: Es war vor allem das Verdienst des Ingenieurs Karel Markalous, Erfinder und Organisator, daß es mit dem technischen Glas nicht auf das gleiche hinauslief wie mit so vielen tschechoslowakischen Erzeugnissen, einst weltberühmt und heute hoffnungslos hinterm Mond.

Er war einsame, die Dunstglocke der Mittelmäßigkeit durchstoßende Spitze, und manche ahnten, um wieviel größer er noch sein könnte, hätte er nicht sein Glas unter die Füße der heimischen Elefanten blasen müssen. Darum duldete man bei ihm sogar, was anderen das Genick brechen würde, hauptsächlich seine Weibergeschichten. Zum Glück hat er nie jemandem eine abspenstig gemacht: Ihn zogen vor allem Geschiedene und Witwen an, in dem Alter, in dem auch Frauen, wie er sich vernehmen ließ, den besten Weinen ähnlich, Reife erlangen.

Er wußte Technologien zu erfinden, die es den veralteten Glaswerken möglich machten, im harten Wettbewerb mit Amerikanern und Japanern zu bestehen. Außerdem verstand er die Trends des Weltmarkts und war als einziger imstande, gute Verträge mit den richtigen Partnern zur rechten Zeit abzuschließen. Daß er mit dieser Gottespfründe in Böhmen blieb, wo sie nie geschätzt werden konnte, überraschte trotzdem nicht. Man wußte, daß er außer seinen Heißgeliebten, die ihn eben aus diesem Grunde rasch zu verlassen pflegten, nur das Glas liebt.

Sobald ein neuer Gedanke ihn überfiel, war er gern bereit, sich mitten in der Nacht ins Auto zu werfen und einen Glasschmelzer, den er gerade nötig hatte, aus dem Ehebett zu holen. Er wußte es aber reichlich zu belohnen, und die Glasfabriken konnten sich auf neue Bestellungen freuen, so daß ihn niemand dorthin trat, wohin man jeden anderen längst getreten hätte. Dies, wiederholte er jahrelang vor ausländischen Abwerbern, würde man ihm nirgendwo in der Welt erlauben, überall geht es nur ums Geld, allein in der Tschechoslowakei weiß man trotz allem noch immer, daß Glas eine Seele hat. Nur dem Glas zuliebe ist er in die Partei eingetreten, damit er studieren durfte; mit dem Glas hat er sich auch in jenem stürmischen Jahr 68 beschäftigt, als die anderen nur noch Politik kannten, das Glas hat ihn sein Leben lang beherrscht und in den tristen Jahren der «Normalisierung» sogar geschützt.

Auch heute kreuzte er durch die Luft wie die erste Taube nach der Sintflut: Durch seine Unterschrift sollte er eine neue Ära einleiten. Hartnäkkig setzte er für das führende tschechische Glaswerk eine perspektivenreiche Kooperationsform durch, mit der größten Firma, die sich in Österreich mit der Entwicklung und Herstellung von hochqualifiziertem chemischen Glas beschäftigte. «Joint-venture» hieß die Zauberformel, die den Landsleuten eine stattliche Devisenspritze versprach: Sie sollten Glas nach Maß, noch dazu mit Seele liefern, während die draußen Aufträge und Rohstoffe sicherten.

Obwohl die österreichische Firma zu den verstaatlichten Betrieben gehörte und für die Tschechoslowakei den Vertrag eigentlich ein Stellvertreter des Ministers unterzeichnen müßte, haben alle die Finger davon gelassen: Man wußte nicht, was die Sowjets für ein Gesicht machen würden. Schließlich hat man es zu einem Experiment erklärt, Markalous wurde zum Direktor einer Sonderabteilung ernannt, und man beschloß, er sollte allein unterschreiben.

«Ein Wirtschaftsexperiment auf tschechisch», scherzte der Beförderte bitter, «ist wie ein Versuchstaxi, das, um die berühmte Effizienz des Londoner Taxidienstes zu testen, durch Prag unter Einhaltung aller Rechtsregeln links fahren soll!»

Daß man ihn aber so unverfroren zum Abschuß vorgesehen hatte, sicher bei dem ersten «Verkehrsverstoß», leitete eine wichtige Veränderung seines Denkens ein, was seiner Umgebung entging: Zum erstenmal stellte er sich die Frage, weshalb er hier eigentlich für eine Bande feiger Nichtskönner schuftet. Zu jener Zeit hat er Gerda kennengelernt...

«Genosse Ingenieur», flüsterte eine Stimme in sein Ohr, «wir landen...»

Er wußte von sich, daß er ein schlechter Schauspieler ist, wenigstens haben ihn die Frauen immer schneller durchschaut als er sie; nachdem er sich entschieden hatte, heute Übelkeit vorzutäuschen, verbrachte er den halben Flug lieber in der Toilette versteckt. Auch jetzt nickte er nur und hielt die Augen weiter zu.

«Geht es Ihnen ein bißchen besser?»

Er nickte matt. Štrasmajer mußte sich vor Angst winden, bei dem Gedanken, die Verantwortung für die Verhandlungen müsse er übernehmen. Obwohl er mit Rücksicht auf die Wiener Partner Markalous nur vertreten durfte, stand er zu Hause als Stellvertreter des Direktors einer staatlichen Exportgesellschaft und als Mitglied des Parteistadtkomitees hoch über ihm. Über Joint-ventures wußte er, so seine Mitarbeiter, nur soviel, daß es sich nicht um ein Kap von Afrika handelte. Die Aussicht, Markalous ersetzen zu müssen, versetzte ihn in Panik, um so mehr, da ihn gleich zwei Zeugen im ganzen Fachbereich unmöglich machen könnten.

«Vielleicht wäre es am besten, das erste Treffen auf morgen zu verlegen, damit Sie im Hotel wieder auf die Beine kommen können... oder vielleicht gleich auf übermorgen?»

Dieser Einfall war ein Kind des Gedankens, aus der Schlinge herauszuschlüpfen und sich noch den Ausflug zu verlängern. Markalous beließ ihm die Hoffnung; er nickte nochmals. Als sie ausrollten, angelte Štrasmajer erbötig nach Markalous’ Aktenkoffer, vergeblich natürlich: Drinnen lag der Schlüssel zu «Jenseits», wie Markalous ironisch und nostalgisch den Westen gern nannte. Er behielt als Talisman auch seinen abgetragenen englischen Überzieher an, erlaubte jedoch dem Jüngsten des Trios, auch seinen Koffer vom Transportband zu nehmen und ihn neben eigenes Gepäck auf den Kuli zu stellen. Währenddessen drückte er sein Taschentuch an den Mund, um sich laienhafte Mimik zu ersparen. Er kam sich schon wie ein Läufer vor dem Startschuß vor, wie er sie manchmal auf dem Bildschirm sah.

Als sie durch den Zoll die Halle betraten, erblickte er das miteinander plaudernde Empfangskomitee der Österreicher eher als sie ihn. Das kam ihm gelegen. Ganz plötzlich bat er Štrasmajer.

«Begrüßen Sie sie und entschuldigen Sie mich inzwischen, ich verschwinde mal kurz zum Klo!»

Er überließ die drei ihrem Schicksal und strebte eilig der Treppe zu, die nach unten rollte. Dort ließ er das Spiel mit dem Taschentuch sein, es war ihm schon alles egal: Er brach aus dem Startblock aus. Und aus dem gesamten Ostblock.

Die Flucht dauerte keine Minute. Er lief ganz gezielt, kannte sich hier aus, die Strecke hatte er sich wochenlang vorgestellt, wenn er vorm Einschlafen an Gerda dachte. Er ließ das WC links liegen und schoß durch den Betonärmel Richtung Parkhaus. Er riß die Stahltür auf und war in einem riesigen Raum, einem von denen, die in ihm hier im Westen die beklemmende Vorstellung der Welt nach der Bombe hervorriefen. Die Betondecke lag nur so hoch, daß darunter ein Lieferwagen durchkonnte. Einige lange Sekunden suchte er im fahlen Licht der Neonröhren ihren flotten Sportwagen. Dann quäkte eine Hupe das altvertraute Signal.

«Should all acquaintance be forgott...»

«Abschiedswalzer», wurde es in Prag genannt, jetzt aber war es eine Begrüßungsfanfare. Aus dem feuerroten Porsche stieg eine feuerrothaarige Frau in feuerrotem Kleid aus. Sie machte ihn schon auf die Entfernung hin glühend. Er roch das bekannte Parfüm, es betäubte ihn wie Opium. Schon in ihren Armen hörte er die verlockende Stimme flüstern.

«Karel... ach, Karel!»

«Gerda...!»

Und mit der tschechischen Verkleinerung, die sie so liebte.

«Gerdička...»

Die Herrengesellschaft trank an der Bar Kaffee und besprach die neuesten Ergebnisse des europäischen Fußballs. Damit war Štrasmajer mit seinem Deutsch am Ende. Als ihm klarwurde, daß ihn seine beiden Untergebenen mit ihrem bedeutungsvollen Schweigen ins Dauerabseits stellen möchten, hat er ihnen das vermasselt: Er brach selber in das Unterirdische auf, um sich als teilnahmsvoller Samariter zu erweisen. Nach einer Weile kehrte er zurück, und in seinen Augen stand Staunen.

«Er ist nicht da...» sagte er zu seinen Begleitern auf tschechisch.

«Wo ist sein Aktenkoffer?» fragte der eine automatisch.

«Den hat er behalten», flüsterte der andere.

Und je nach Naturell wurden sie blaß oder rot. Sie begriffen.

6. Den selben Tag, 12.00

Er hat sich entschieden zu glauben, daß die Jugos nicht die Zeit oder Technik hätten, dem Irrflug eines jeden Böhmenvogels zu folgen. Also wollte er es riskieren. Die zweite Möglichkeit, Schreck laß nach! war der Urlaub in Bulgarien mit einem neuen Versuch bei der Rückkehr. Er wollte ein Profi bleiben, auch auf der Flucht: Deshalb stellte er das Auto auch hier in Sichtweite der Grenze ab, um, wie er oft sagte, wenn er für eine Rolle in Kneipen und auf Spielplätzen Leutchen studierte, das Gezappel zu beobachten.

Sie aßen den Rest ihres Proviants. Sein Magen vertrug Konserven nicht, so daß sie sich die demütigende Ladung ersparen konnten, unter der in bolschewistischer Neuzeit die Autos tschechoslowakischer Touristen zusammenbrachen. Früher, klagte er bitter, ließ der Tscheche auf dem Mount Everest seine Flagge zurück, heute nur leere Gänseblutdosen. Wie immer, wenn er auf ein Ziel lossteuerte, schloß er jede andere Möglichkeit aus und verbrannte alle Brücken hinter sich. Als ihn Dora vorgestern noch fragte, was sie einkaufen sollte, erklärte er.

«Brot, Wurst, Käse und Äpfel. Dienstag abend füttern uns entweder die Österreicher oder unsere Gefängniswärter!»

Er aß wie ein Spatz, er überwachte seine Figur, damit sein Romeo, lachte er, nicht wie die Tenor-Hänschen aus der «Verkauften Braut» aussehe. Nur vor Premieren stopfte er sich wie ein Nimmersatt voll, um die Bäche von Schweiß wettmachen zu können. Dora kam nicht auf den Gedanken, daß eben dies hier eine seiner größten sein könnte, und kaufte so ein. Jetzt reichten ihm gerade noch die letzten Reste, und sie konnte nur hoffen, daß sie bald durch sind und vor dem Abend im Flüchtlingslager ankommen.

Dabei dachte er nicht einmal ans Essen. Er saß auf dem Plaid, das sie für ihn auf der Grasböschung ausgebreitet hatte, schluckte gierig, ohne zu merken, was, und drückte unauffällig den Stopper seiner Uhr, so wie er in der Garderobe seine Auftritte kontrollierte, damit sie sich nicht wie bei den Schmierenkollegen maßlos ausdehnen oder verkürzen.

«Pünktlich zwanzig Sekunden!» sagte er vor sich hin, «die Taste läßt die Schranken immer gleich schnell rauf und runter... ein einziger Zöllner, meistens ein einziges Auto... wenn ich mich als zweiter einreihe und direkt hinter dem Vordermann losfahre, muß ich in zwanzig Sekunden dreimal durch sein... schießen können sie nicht, schon wegen dem vorne.»

Damit wandte er sich ihr zu. Sie nickte. Doch er wollte es von ihr laut hören.

«Riskieren wir’s?»

«Wir können es probieren...»

«Bist also nicht dafür?»

«Aber doch...»

«Das sagst du nicht gerade begeistert!»

«Verzeih mir, bin ein bißchen müde...»

«Du? Du hast die ganze Nacht geschlafen!»

«Sei mir nicht böse, es geht gleich wieder vorbei. Vielleicht bin ich aufgeregt.»

Damit goß sie nur Öl ins Feuer.

«Aufgeregt darf heute nur ich sein, denn ich trage unsere Haut zu Markte!»

«Ich weiß doch, sei mir nicht...»

«Wenn du aber willst, drehen wir einfach um!»

«Warum sollten wir...?»

«Morgen bist du wieder bei deiner Genossin Muttilein!»

«Milan!» sie wollte um jeden Preis einen sinnlosen Streit verhindern, «ich bitte dich, laß das! Mein Platz ist bei dir!»

«Das klingt direkt, als wäre das ein ganz gefährlicher Arbeitsplatz. Etwas wie eine alte Kohlengrube vorm Einsturz! Wenn man hier einen einbuchtet, bin ich das, euch zwei läßt man gewiß laufen, mußt keine Angst haben!»

Er hat eben die Dreharbeiten an der Filmversion von Čapeks Roman «Die erste Schicht» beendet, für jede Klappe in dem echten Schacht brauchte er einen Schnaps; er glaubte, das Ganze wird gleich runterfallen, und wollte nicht begreifen, wie jemand jeden Morgen unter Tage einfahren kann, lieber würde ich nichts fressen! vertraute er sich bleich Dora an. Ähnlich erwartete er den Herzinfarkt, als er in einem anderen Streifen einen kranken Arzt mimte, und seit «Hamlet»-Zeiten schenkte er sich den Wein allein ein, als fürchtete er sich vor Giftmischern. Es kam ihr vor, er verliere sich jetzt in der zukünftigen Rolle des Häftlings, und sie wollte ihn rechtzeitig befreien.

«Milan, Liebster, ängstige dich nicht selber und uns noch dazu! Du hast dich einmal entschlossen, also los! Du hast es hier immer gehaßt, bist dir gewiß, daß du es dort schaffst, sollst du dir ewig vorwerfen, daß du diese Chance auf den letzten Metern hast sausen lassen? Andere sind durchgekommen, wir kommen auch durch. In der Früh war es einfach Pech, steigen wir ein, und los!»

«Mami», sagte Petřík in die Pause hinein überraschend, «ich hab’ noch Hunger...»

Auch wenn er wütend war, wußte Milan immer, was er tat, eine Berufsdeformation sicherlich, wie es ihm Dora einmal anschaulich vorgeführt hatte. Auch jetzt wurde ihm bewußt, daß er da angelangt war, wo jedesmal die Entscheidung fiel, ob er sich beruhigte und wieder normal würde oder ob er sich bis zur Unzurechnungsfähigkeit gehen ließ, die im Gebrüll oder sogar im Abgang gipfelte und am nächsten Morgen mit Entschuldigungen und Rosen endete. Die Anspielung des Kindes genügte, um Dora zu beschimpfen, sie hätte wieder wie üblich an nichts, aber auch an gar nichts gedacht! er begriff jedoch rechtzeitig, daß, falls er sich jetzt nicht beherrscht, alles aus ist. Die Fähigkeit einer schnellen und genauen Reaktion verhalf ihm dazu, die Stimmung schlagartig zu verändern.

«Nein!» er schlug sich mit der Hand gegen die Stirn, «ich habe dir alles weggeputzt! Verzeihung, Petřík! Die Mutti hat recht: Wir steigen ein und fahren los, und du kannst dir in der ersten Konditorei bestellen, was dein Magen schafft!»

«Alles...?» vergewisserte er sich mißtrauisch.

«Ich soll auf der Stelle versinken!» wiederholte er ihre alte Zauberformel, die das Ehrenwort ersetzte, «also», er wandte sich zu Dora, als hätte er vorher nie gefragt, «ist das dein Wunsch?»

So fragte er sie zum erstenmal in der Hochzeitsnacht, als sie endlich zu seiner Geliebten werden sollte. Sie hat begriffen, was für ihn unerläßlich war: daß die Verantwortung für wichtige Entscheidungen wenigstens dem Anschein nach sie zu tragen hat. Aus Aberglauben! behauptete er hartnäckig, sie aber erkannte bald die wahre Ursache: Obwohl er gern auch vor ihr den strammen Kerl spielte, der er in den meisten Rollen war, brachte ihn jeder Mißerfolg so aus dem Gleichgewicht, daß er ihn jemand anderem anhängen mußte. Aber schließlich war sie gerade deswegen seine Frau, eigentlich konnte sie ihm nur so im Leben helfen.

«Ja», sagte sie auch jetzt, «es ist mein Wunsch. Ich wünsche es mir wegen dir, wegen Petřík und auch für mich selbst!»

«Okay!» sagte er, wie er es sich angewöhnt hatte, seitdem er seinen ersten Western mit John Wayne gesehen hatte, heimlich in Westberlin eingeschlichen, während östlich der Mauer die Galapremiere seines Fučíkfilms lief, «okay», wiederholte er erleichtert, «wie du willst. Dein Wunsch ist für uns Befehl, nicht wahr, Petřík? Come on!»

Er stand auf, schaute zu der Grenze hin und erstarrte.

«Scheiße!»

«Ist was?»

«Hast du keine Augen? Da ist jetzt noch ein zweiter! Sie fertigen paarweise ab!»

«Und was willst du...?»

«Was wohl! Na, was wohl? Sich aufknüpfen oder warten!»

7. Den selben Tag, 12.15

Der Zauberer fing an zu verzagen. Als ahnte der Fahrer etwas, stand er die ganze Zeit vor dem abgeschlossenen Bus, der bald zu einem fahrbaren Kerker werden sollte, die gekreuzten Arme unter die Achseln gesteckt, so daß die rechte Hand den Zugang zu der Hemdtasche betonierte, in die er vorher den Schlüsselbund geschoben hatte. Solange er die Pratzen nicht runternimmt, hilft kein Trick! Danach müßte man ihn nur für einige Sekunden weglocken, damit Strniště an seinen Umschlag käme.

Er hat sich bereits damit abgefunden, den Koffer in dem Bauch des Blechwals zurückzulassen, in dem Umschlag aber befanden sich Versicherungsscheine für seine Zukunft, ohne die müßte er umkehren. Den meisten seiner Landsleute hatte er voraus, den Westen zu kennen, und er wußte, wie hier der Hase läuft. Vor fünfzehn Jahren hätte er es gewagt, mit nacktem Arsch gegen die gesamte Konkurrenz anzutreten, seine geschickten Händchen hätten es allein geschafft; heute, in seinem Alter, sollte ihm der geschickt versteckte Umschlag helfen. Allzu geschickt versteckt!

Seit dem Augenblick, als er das fliehende Duo erblickte und begriff, daß ihn der durchtriebene Gärtner wie einen Schulbuben reingelegt hatte, lähmte ihn die Vorahnung, daß es ähnlich wie beim letztenmal enden wird. Als er beim Frühstück eine Verschiebung der Abfahrt herausgeschunden hat, kam es ihm natürlich nicht in den Sinn, irgendeinen Krimskrams einzukaufen. Im nahen Supermarkt wühlte er in einem Berg verbilligter Herrenslips herum, von dem aus er den Bus sehen konnte. Die ersten Ausflügler auf den Spuren der europäischen Arbeiterbewegung, die sich bereits mit ihrem Schicksal versöhnt und ihre bescheidenen Devisen verbraucht hatten, baten den Fahrer, ihnen aufzumachen, worauf der wiederholt mit dem Kopf verneinte, ohne sich zu rühren. Die Mäntel und weitere Habseligkeiten, vom nichtsahnenden Hausdiener während des Frühstücks in den Bus gebracht, stellten samt Koffern und Pässen das wirkungsvollste Pfand dar.

Da sah Strniště, wie der verdiente Reiseleiter und der Lehrer zurückkommen, die offensichtlich für den Fahrer mit eingekauft hatten; sie reichten ihm zwei der bunten Einkaufstüten hin, mit denen sie behängt waren, er zog seine fleischigen Hände aus den Achseln und übernahm die Ware. Da ließ der Zauberer die Unterwäsche sein und eilte nach draußen, um sein Können vorzuführen. Im Laufschritt erreichte er den Bus, vor dem soeben der Streit losbrach.

Die hochtoupierte Verkäuferin hielt eine durchsichtige Plastiktüte in der Hand; eine knallrote Strumpfhose prangte darin und ein schwarzer BH mit purpurner Nylonspitze. Mit einer Stimme, vor der auf dem Platz kein Entkommen war, verlangte sie ihren Koffer, was das Führungstrio ablehnte.

«Na hör’n Sie mal», schrie das Mädchen und zeigte auf die Gruppe, die mit ihren Einkäufen herumstand, «wir werden an der Grenze wie eine Schmugglerbande aussehen.»

«Dort, Genossin», nach dem Namen suchte der Reiseleiter nicht einmal mehr, er wollte nichts als weg von hier, «werde ich das schon erklären, darauf kannst du dich verlassen! So, Genossen, alle da?»

Zustimmendes Gemurmel antwortete ihm.

«Also aufmachen, Genosse Dadák!»

«Momeeent», rebellierte das Mädchen, «ich will in Budweis nicht wie eine Nutte aussteigen, ich möchte das in den Koffer reinstecken.»

Er war im Geist bereits in Böhmen, danach klang auch sein Ton.

«Steck es dir sonstwohin! Den Koffer kriegst du erst daheim. Hier bin ich dein Reiseleiter.»

«Aber nicht mein Wärter.»

«Was... hast du da gesagt?»

«Und duzen Sie mich nicht. Wer, glauben Sie, sind Sie denn?»

Die Gruppe beobachtete die plötzlich ausgebrochene Streiterei wie ein spannendes Tennismatch, die Köpfe pendelten zwischen den beiden hin und her. Strniště hat sich zum Fahrer durchgeschlängelt. Erst das Stutzen des Lehrers hatte den Reiseleiter darauf aufmerksam gemacht, daß auf dem Trottoir ein paar ortsansässige Zuschauer stehenblieben, vom Duell exotischer Stimmen angezogen. So zischte er das Mädchen nur an, was jedoch einem Gebrüll gleichkam.

«Das werde ich dir... Ihnen», verbesserte er sich zwar, doch das klang noch unheilvoller, «zu Hause schon zeigen... Alles rein, wir starten!»

«Wissen Sie was», kreischte das Mädchen, «ich zeige Ihnen auch was, und zwar gleich!»

Sie schmiß die Tüte mit der Wäsche auf das Pflaster, drehte dem verdienten Parteigenossen den Rücken zu, beugte sich tief nach vorn und hob mit beiden Händen das ohnehin kurze Röckchen hoch. Sie enthüllte einen rosigen Hintern, mit durchsichtigem Höschenstoff nur spärlich bedeckt. Dabei blieb sie ziemlich lange. Der Reiseleiter klappte lautlos den Mund auf, wie ein Fisch auf dem Trockenen. Er stach seinen zitternden Zeigefinger in Richtung Popo und beklagte sich vor seinen Landsleuten.

«Ihr habt das... alle... gesehen...»

Sie schauten benommen weiter zu, bis das Mädchen den Rock wieder fallen ließ. Noch in der Verbeugung griff sie nach ihrer Tüte, richtete sich auf und ging weg. Der Konflikt nahm ein neues Ausmaß an.

«Wohin geht sie...?» stotterte der Mann, «wohin geht sie? Sofort zurück, ich habe Ihren Paß!»

Sie drehte sich um und erklärte feierlich klangvoll.

«Dann werd’ ich mir halt einen anderen besorgen müssen. Aber nur von einem Land, in dem Bolschewisten noch auf Bäumen klettern!»

Sie zog wieder los und davon, immer schneller wie ein Wagen im Anfahren. Der Bonze verlor endgültig die Nerven und setzte ihr nach.

«Stehen bleiben! Halt! Steh!»

Er holte sie ein und ging gleich vom Duzen zu Taten über: Er packte sie bei der Hand, doch umgehend landete mit einem Schwung in seinem Gesicht die Tüte mit der Reizwäsche, die als Köder für den reichen Ami-Beau dienen sollte, den die Jarina ihr sicher schickt. Das Mädchen hieb damit einige Male auf den völlig verstörten Genossen ein, was der Tschechenhaufen, versteinert, wie eine Szene aus alten Slapstickfilmen wahrnahm. Sie aber, die eben diese Art von Flucht stets für eine hirnverbrannte Idee dummer Gänse hielt, die dann, wegen Republikflucht verurteilt, jahrelang nicht nach Hause fahren durften, wurde nun von dem Schrecken ergriffen, diese Reisekameraden würden sie jetzt mit Gewalt in den Blechkorb zwingen und zu jenem Hühnerstall einliefern, aus dem nach einem solchen Theater kein Entkommen war, selbst wenn Robert Redford sie heiraten möchte!

Běla, Bobina genannt, legte wie die meisten ihrer Altersklasse die Faulheit nur in der Disco ab. Nicht einmal schwimmen zu lernen hatte sie Lust, und niemand hat sie jemals rennen gesehen. Wenn sie jetzt losspritzte wie ein scheugemachter Hase, wurde davon sie selbst überrascht.

«Ihr naaach!» donnerte der verdiente Kommunist, dem mit ihr der Traum von weltweit geführter Arbeiterspurensucherei für immer entschwand, «glotzt nicht so, haltet sie fest, sie macht uns alle noch fix und fertig!»

Einige Männer schossen gehorsam los, als fände diese Jagd auf der Heimatscholle statt. Niemand zerbrach sich den Kopf, wie man sie brüllend und beißend aus einer fremden Stadt entführen wird, die dank einer anderen Zeitgeschichte Ähnliches jahrzehntelang nicht mehr erlebt hatte. Die Österreicher, durch barbarische Töne und Bilder angezogen, standen bisher unentschlossen da.

Als wollte er beim Fahrer Seelentrost finden, stützte sich Strniště auf dessen Schulter.

«Fürchterlich, nicht wahr?» sprach er zu ihm und zog ihm die Schlüssel so gekonnt aus der Hemdtasche, wie er das bei Maestro Toscani gelernt hatte, «fangen Sie sie!» lockte er ihn vom Bus weg, «schöne Schlappe für uns alle!»

Worauf ihm der Kerl eine fast amüsierte Antwort gab.

«Für mich wohl kaum.»

Die Hetzjagd nahm inzwischen ein schnelles Ende. Obwohl die Verkäuferin kein einziges Fremdwort blöken konnte, begriff sie in der Gefahr irgendwie, was das Schild Gendarmerie bedeutet, das sie am oberen Platzende entdeckte. Die Angst verlieh ihr eine akrobatische Wendigkeit, sie überquerte das Katzenkopfpflaster ohne Stolpern und konnte gerade noch auf der Schwelle der Wachstube einem Beamten ausweichen, der gerade rausging. Die Verfolger hielten an, schnaufend schauten sie zu dem Eingang wie eine Meute hungriger Wölfe. Der verdatterte Gendarm rückte vorsichtshalber sein Koppel mit der Pistole zurecht. Da zogen sie sich bereits zurück.

«Meiner Empfehlung nach hätten wir schon am Morgen weg sollen!» spendete sich der Busfahrer ein Selbstlob und pfiff vor sich hin.

Strniště klopfte ihm voller Anerkennung wieder auf die Schulter.

«Köpfchen muß man haben!»

Dabei steckte er ihm die Schlüssel in die Tasche zurück. Er konnte nicht mehr riskieren, daß sich der Dickwanst daran erinnerte, wer die folgenschwere Verzögerung vorgeschlagen hatte, und dies mit dem verschwundenen Schlüsselbund in den richtigen Zusammenhang bringt. Unmittelbar darauf fischte der Mann tatsächlich danach. Als er aber dann öffnete, pferchte er sich als erster in den Bus hinein und verdeckte mit dem Riesenschrank seines Rückens den Fahrersitz: An einen Griff zu dem Umschlag war nicht zu denken.

Des kreideweiß bleichen Reiseleiters und des beefsteakroten Lehrers bemächtigte sich ein einziger Gedanke: den Rest der Herde hinter den Drahtzaun zurückzujagen.

«Einsteigen, einsteigen! Jetzt haftet jeder persönlich für jeden! Abfahrt!»

Niedergeschlagen mußte der Zauberer ebenfalls einsteigen und zerbrach sich den Kopf, wo sich noch eine Gelegenheit bieten könnte.

8. Den selben Tag, 12.30

Der Mann schuftet wie eine Maschine, sagte sich der Korporal. Einmal in fünfzehn Minuten dengelte er die Sense nach, einmal in einer halben Stunde steckte er sich eine Zigarette an, nach drei Zügen drückte er sie aus und schob den noch heißen Stummel zurück hinter das Ohr. Einmal in der Stunde ging er zum Pförtchen im Drahtzaun, um aus einer großen Thermosflasche, in der man das Wasser mitbrachte, zu trinken, ein bißchen davon goß er auch in die Wetzsteinscheide nach. Er mähte schnurgerade, mit langsamen, aber breiten Schwüngen, so daß er bereits eine Hälfte der Wiese geschafft hatte. Als ihm in der Frühe der Korporal vorhielt, die Soldaten wären hier oft schon mittags fertig gewesen, verriet er in seinem Ärger nicht, daß es dann zwei oder gar drei waren.

Gerade die Leistung machte ihn so nervös. Er hat auf dem Staatsgut bislang nur Musterexemplare von Faulenzern erlebt. Was hatte also dieses Kraftpaket unter ihnen zu suchen, das sich hier abplagte, als gehörte ihm der Grund? Warum hängte er seine Zirkusscharfschützerei an den Nagel, die doch tausendmal interessanter sein mußte? Nur dem Kies zuliebe? Was konnte er denn auf dem Hungerposten hier verdienen?

Heute früh fing er auf der Schmalseite an. Als der Korporal einwand, man hätte hier bis jetzt der Breite nach gemäht, spuckte der vor sich hin und stichelte, es müßten wahre Könner gewesen sein, sie schritten mit der Sonne, nicht mit dem Schatten. Es gebe dafür, konterte der Korporal, einen Befehl, der Sicherheit wegen: Man erledigt zuerst den Flußstreifen und geht auf den Felsen zu. Der Schnitter grinste spöttisch und meinte, hier wären doch zwei MG gegen eine Sense, dann sollten sie ihn gefälligst bewachen und nicht kujonieren. Er fügte hinzu, er würde sonst den ganzen Laden schmeißen, und jeder wird sie auslachen, sollten sie ihm ankreiden, daß er kein trockenes, sondern feuchtes Gras mähen wollte, damit die Schneide nicht ständig stumpf wurde.

Dem Korporal wurde klar, daß der Mann in der Sache recht hat, man könne das Unternehmen nicht einfach abpfeifen aus bloßem Verdacht, er wollte etwa türmen. Jeder würde doch das gleiche sagen: Auch ein Zauberschütze kann aus keiner Sense schießen! Und der Gutsdirektor könnte ihnen erleichtert vorschlagen, sie sollten wieder allein mähen wie früher. Und so, obwohl er hier das Kommando hatte und einen jungen Hüpfer als Mädchen für alles dazu, schmorte er lieber persönlich im Sonnenstreifen, der bessere Fluchtbedingungen bot. Der Fluß tauchte hier aus dem Mäander auf und war weitaus enger als ein Stück weiter. Vom Felsen an hob sich die Wiese zu ihrer Mitte, von wo sie zum Wasser abfiel, ein Vorteil für einen, der im Hocken laufen kann... Von einem heftigen Magenschmerz begleitet, kam ihm der Gedanke: Jesusmeingott, wird heute hier wirklich geschossen?

Nein, er konnte nicht und war auch nicht bereit, das Gewissen seines jungen Kameraden zu belasten, dem er das befehlen konnte, wie kürzlich Scherg, das Stinktier! Von ihm sprangen die Gedanken zum Bataillonskommandeur, der als Prämie für vorsätzliches Totschießen Urlaubsscheine verteilt, und von ihm weiter bis zu der simplen Frage, was ist das für ein System, das all dem Rechtsschutz gewährt. Doch das wurde von dem Selbstvorwurf übertönt, daß er es längst und nur allzugut weiß, niemals jedoch dagegen tat, was er hätte tun sollen; ein paar freche Sprüche reichten bei weitem nicht.

Wie er da in der sengenden Junisonne schwitzte, wurde sein Kopf erstaunlich klar; er kapierte plötzlich, daß das ständige Verschieben des Parteieintritts, zu dem ihn die Eltern samt Brüdern überredeten, nichts anderes war als der unbewußte Ausdruck eines Widerwillens; dieser wuchs in ihm, seit er Verstand annahm. Allzu viele Dinge stimmten nicht überein, selbst zu Hause nicht. Es schien ihm, daß der Vater, für einen Vorzeigekommunisten, als den er sich ansah, zu kurz im Widerstand, zu lange in der Kirche, zu spät in der Partei und zu früh mit allem fertig war, was seinem Sohn den Kopf durcheinanderbrachte.

Und am wenigsten gefiel es ihm, daß seine Brüder die Parteimitgliedschaft nur für eine bessere Netzkarte hielten: Sie klebten einfach regelmäßig eine kostengünstige Monatsmarke drauf und fuhren erster Klasse herum, zu der Spezialläden, Vorzugsspitäler und Erholungsheime im brüderlichen Ausland gehörten, ebenso wie das nachsichtige Lächeln eines Verkehrspolizisten, wann immer er sie vollgetankt hinter dem Steuer erwischte. Dabei waren sie nicht Gott weiß welche Opportunisten, sie haben nur einfach bei Husák und seinen Leuten gelernt, die Partei als Werkzeug zu verstehen; mit ihm konnten die braven Slowaken endlich die tückischen Tschechen in die Pfanne hauen, von denen ihnen so viel Mist aufgezwungen worden war.

Auch der Korporal war auf sein Slowakentum stolz, und die Tschechen fuchsten ihn zunächst: Als er zum erstenmal in Prag war, vor acht Jahren, beim Staatsturnfest, Spartakiade genannt, suchten die nebenan zeltenden Pilsener die slowakischen Mädchen mit der plumpen Kraftprotzerei wegzulocken, wieviel besser es sei, nach Böhmen zu heiraten. Außerdem erteilte ihm ein Taxifahrer, den er höflich nach dem Weg fragte, den Rat, er solle sich heimschleichen zum Scherenschleifen und Kesselflicken.

Erst als er in seiner Dienstzeit ein paar prima Prager kennengelernt hatte, erfuhr er nach und nach, daß das Leben in beiden vereinigten Republiken bereits jahrelang auf verschiedene Weise vor sich geht. Während in Böhmen die besten Leute aus der Partei rausgeflogen sind und damit auch aus den Führungspositionen, haben sich die Slowaken vernünftig überlegt, daß ein ähnlicher Aderlaß sie die historische Chance kosten könnte, sich all das zurückzuholen, was ihnen die Tschechen gestohlen hatten. Wenn man schon einen der Eigenen wegräumen mußte, schickte man ihm gleich eine Flasche Sliwowitz und beschaffte ein warmes Archivpöstchen, auf dem er ungestört lesen und kritzeln konnte, was ihm gefiel, und selbst, mit Gottes Hilfe, politisch weiterirren.

Aus dem Erzählen der Prager auf Patrouillen und Wachtürmen, wo kein Politdepp dabei war, machte er sich ein ungefähres Bild von jenem heute insgeheim gepriesenen, öffentlich verfemten Jahr, in dem er acht war. Damals bedeuteten die russischen Panzer und das Aufsehen um sie eine willkommene Abwechslung und Ferienverlängerung. Zu Hause jedoch hörte man gleich nach der ersten Wut auf, davon zu sprechen, man feierte irgendeine Föderalisierung, was er auch nicht verstand.

Erst in Mähren begann er seine älteren Landsleute zu verdächtigen, daß sie bloß ihren Katzenjammer und ihr schlechtes Gewissen beschwichtigt hatten und daß es sich in jenem geheimnisvollen Jahr um keinen ruhmreichen Kampf edler Slowaken gegen tschechische Bösewichter handelte, der letztlich zugunsten der Erstgenannten von den gerechten Russen entschieden wurde. Ziemlich bald war er sich gewiß, daß es sich in keinem Fall um eine Konterrevolution handeln konnte, inspiriert vom Westen, wenn an deren Spitze ein waschechter Slowake namens Dubček stand, von dem die Tantenschaft des Korporals bis heute wie von einem Heiligen sprach.

O Gott! erschrak er jetzt auf der sonnenheißen Wiese, und mangels einer anderen Autorität hob er seinen Geist wieder zum Himmel, und was, wenn damals die Panzer diesen tschechischen Zirkusschützen aus der Bahn geschleudert haben? Sein Alter würde genau hinhauen, das könnte der Grund sein, warum er, statt auf Welttournee herumwandern zu dürfen, sich hier abrackert. Und gesetzt den Fall, er möchte sich wirklich mit der Sense einen Pfad in die breite Welt freimähen, soll ich ihn nur dafür abknallen wie ein Raubwild?

In diesem Augenblick gab ihm der Gluthimmel barmherzig einen Ausweg ein, der ihm bis heute nie eingefallen war: Wenn schon, dann statt schießen selber abkratzen! Es war eine törichte, irrsinnige und unmögliche Idee, aber offensichtlich auch eine gute: Der Magenschmerz ließ sofort nach...

Ein doppeltes Pfeifsignal, vom Felsenecho vervielfacht, kündigte an, daß man ihnen die Menage brachte. Der gedrillte Soldat in ihm ließ das Meditieren sein und vergewisserte sich, wie das Dienstreglement es bei jedem Öffnen des Grenzzauns befahl, ob seine Waffe schußbereit sei.

«Masopust!» schrie er seinem Rekruten über die Wiese hin zu, «mach das Türchen auf!»

Der Schnitter stach den Sensenstiel geschickt in den Boden dort, wo er sich gerade befand, und machte ein paar leichte Übungen, als hätte er einen Konditionslauf hinter sich. Dann zeigte er, dabei die Bizepse durchlockernd, auf den Fluß und rief dem Korporal zu.

«Darf ich mich ein wenig erfrischen?»

«Nicht, natürlich.»

«Klaro!» wieherte der Tscheche belustigt, «wir baden dann gemeinsam, zur Belohnung, nää?»

Und er schaute den Korporal an, als könnte er dessen Gedanken lesen, und wartete nur auf einen Wink.

«Wegtreten!» befahl dieser und richtete die Waffe vorschriftsmäßig zu ihm hin, «da lang, wir essen hinter dem Draht...» und ließ sofort seine MP sinken, als habe er nur einen peinlichen Scherz gemacht.

9. Den selben Tag, 12.45

Karel Markalous konnte den Aufschrei nicht mehr unterdrücken. Obwohl Leidenschaft für ihn den Gipfel des Seins bedeutete, in der Arbeit wie in der Liebe, konnte er sich immer kontrollieren, aber er vernaschte Gerda, seitdem er die Luxussuite betrat, die sein nächster Arbeitgeber für ihn gemietet hatte, und war wie von Sinnen.

Bereits in der Flughafen-Parkhalle haben sie sich voneinander nur schwer trennen können, während der Fahrt über die Stadtautobahn lag er mit dem Kopf in Gerdas Schoß, am Anfang hatte er sich vor den wartenden Fahrern der österreichischen Potentaten versteckt, dann blieb er weiterhin so und berührte durch die Seide ihrer Bluse die Brüste, bis sie seufzte, während sie steuerte. Sie gönnte es ihm, sich im uferlosen Gefühl von Glück und Freiheit gehenzulassen, sie sagte ihm nur, das Mittagessen mit ihrem Chef finde um halb drei statt, so hätten sie jetzt fast drei Stunden für sich.

Als er sie in der Tiefgarage des Hotels wieder umarmte, flüsterte sie, das Bett sei doch angenehmer. Er ließ sich von ihr zum Lift führen, dankbar, daß sie die Rezeption vermeiden konnten, nicht der Geheimhaltung wegen, er konnte es einfach nicht mehr erwarten!

Das Appartement, dessen Schlüssel sie schon bei sich hatte, lag im obersten Stock und dürfte das Monatsgehalt eines Durchschnittswieners kosten, einige exklusive Lampen brannten hier, die Vorhänge der riesigen Fenster waren zugezogen. Er hat noch abgewartet, bis sie eine Flasche Veuve Cliquot öffnete, mein Witwentrank! wie sie mit ihm zu scherzen lernte, doch sobald er den ersten Schluck hinunterschüttete, machte er sich daran, sie auszuziehen.

Ihr Körper bewegte sich entgegenkommend, so ging es schneller mit dem Aufknöpfen. Einen Büstenhalter trug sie nie und hatte heute auch keinen Slip an – er sollte sie gleich nackt sehen. Er warf sich auf sie wie ein Höhlenmensch auf die erste Frau. Erst nach einer Weile kam sie dazu, ihre Schuhe abzuschütteln.

Sie liebten sich pausenlos über eine Stunde. Einige Male war ihm, als könnte man es nicht mehr steigern, doch die Spirale drehte sich höher, sein Gesicht flammte, von ihrem Busen gepeitscht, ein Wellengang! Sie hatte ihm für sich noch einiges abverlangt, bis sie ihm erlaubte, bei ihr zu bleiben. Lange lag er ganz erschöpft. Dann küßte sie ihn auf die geschlossenen Augen und flüsterte.

«Noch am Leben?»

«Falls nicht», antwortete er heiser, während mit der Stimme das Denkvermögen zurückkehrte, «so muß der Tod herrlich sein... Alte fromme Glasarbeiter bei uns drohten mir oft, ich würde selbst in der Hölle in siedender Schmelze baden! Und lebe ich doch, dann weiß ich nicht, wofür noch, alles habe ich gerade bekommen...»

«Lästere nicht!»

Sie verschloß ihm den Mund mit der Hand, er sprach jedoch zwischen ihren Fingern weiter.

«Ich werd’s dir kaum je erklären können!»

«Ich brauche keine Erklärung.»

«Aber ich. Du hast nie nach etwas gefragt. Manchmal kommt es mir vor, als wäre ich dir total egal!»

»Kam dir das auch in der letzten Stunde so vor?»

«Du weißt, wie ich es meine!»

«Ja. Und ich erklär’s dir. Deine Vergangenheit mußte mir egal sein. Ich wäre verrückt geworden über jede Minute, die du mit anderen verbracht hast.»

«Manchmal glaube ich, dich interessiert an mir nur das Glas...»

«Karel, du spinnst! Ich mag dein Glas, das hat uns ja auch zusammengebracht. Und wie, das haben wir soeben erlebt, du vielleicht nicht?»

«Ja», stimmte er leidenschaftlich zu, «ja, ja, ja! Du bist die phantastischste Frau, die ich je hatte!»

«Kein Wort von den anderen, bitte! Ich bin nämlich schrecklich eifersüchtig!»

«Warum denn? Ein Mann über Vierzig», untertrieb er ganz schön, «wenn er kein Eunuch ist, muß bereits neun Leben hinter sich haben. Das zehnte und letzte möchte ich mit dir verbringen. Die davor will ich jedoch nicht verleugnen.»

«Tu es aber! Es hat keinen Sinn, im Abfalleimer zu wühlen, höchstens bleibt der Gestank an dir hängen.»

«Und bist du es nicht...» er sprach jetzt aus, was ihn längst beunruhigte, «die mir diesen Rat gibt, weil du dich fürchtest, von der eigenen Vergangenheit zu reden? Warum darf ich immer noch nicht wissen, wie dein Mann gestorben ist?»

«Weil ich es nicht will», sagte sie entschieden, «ich will von nichts und niemandem von früher sprechen. Du hast heute alle Brücken hinter dir verbrannt, dann darf ich das wohl auch tun.»

Sie wartete nicht auf Antwort und ging in die Knie, damit sie ihnen beiden Champagner nachgoß.

«Das ist doch nicht möglich!» lachte sie auf.

«Was denn?»

«Das ganze Eis ist weggeschmolzen.»

Er hat sich mit ihrer Haltung abgefunden, für ihre Tragödie hätte er ihr sowieso nur billige Bettgeschichten bieten können. Sie war zu allem auch lebensklug.

«Und das wundert dich?» sagte er deswegen, «unter uns würde ein Eisberg glatt wegschmelzen.»

«Zum Glück ist die Flasche immer noch kalt. Nein, bleib du liegen!»

Sie füllte sich den Mund mit Champagner, legte ihn auf seine Lippen und ließ langsam einen kalten Strahl hineinrinnen. Sowie der ihm in den Hals glitt, stieg perlendes Schäumen in seinen Kopf. Er schluckte den Rest und sagte.

«So. Du hast aus mir den letzten Funken Energie herausgewetzt, und dazu habe ich mich noch besoffen.»

«Wie das...?»

«Seit heute morgen habe ich nichts gegessen.»

«Ach!» sie wurde besorgt, «das wollte ich nicht! Du mußt einen klaren Kopf haben, wenn du sie triffst!»

«Wie spät ist es...?»

Seine Armbanduhr lag irgendwo in dem Häufchen Wäsche am Boden. Gerda trug ihre Uhr in einem Ring, den sie nie ablegte; dieser Liliputzeitmesser hat sie beide vor einem Jahr zusammengebracht, als sie, vom Computer nebeneinander plaziert, den Luftsprung Hamburg – Frankfurt absolvierten; zunächst hielt ihn ihr hochgeschlossenes schwarzes Kleid auf Abstand, bevor er feststellte, daß sie genau sein Typ war und obendrein ausgesprochen freundlich; nachdem er sorgfältig nachgerechnet hatte, daß seine Fünftagespesen für ein anständiges Abendessen zu zweit ausreichen mußten, lud er sie ein; sie schaute kurz auf die Uhr und meinte, es sei leider schon zu spät; es besteht wohl kein Unterschied, bedauerte er, zwischen den Medici und Ihnen! die trugen Gift in ihren Ringen, Sie führen ebenda die mordende Zeit mit sich! Da lachte sie und willigte ein; beim Wein kam heraus, daß sie beide in der Glasbranche arbeiten...

«Fünf nach eins», hörte er sie da sagen und erschrak.

«Könnte man das nicht...»

Er wagte den Vorschlag nicht auszusprechen, sie tat es für ihn.

«Verschieben...?»

«Ach nein, ich steh’ schon auf...»

«Warte!» stoppte sie ihn, «du hast ein Recht, dich ein bißchen auszuruhen, es war brutal von mir, nicht daran zu denken...» sie legte die Hand in seinen Schoß, «und eine ebenso schwere Nacht steht dir noch bevor, mein Armer!»

Sein Körper reagierte sogleich, doch sie sprang schon auf, ging durch die offenstehende Schiebetür in den Wohnraum zum weißen Schreibtisch mit dem Telephon. Er wollte ihr nachrufen, ein Apparat stehe doch hier am Bett, unterließ es jedoch, um auf diese Distanz ihre Figur betrachten zu dürfen; mit ihr könnte sie es mit jedem Spitzenmannequin aufnehmen. Gleich als dieser Liebeswahn begann, damals in Hamburg noch, wollte er ihr auch nur ungern ihr Alter abnehmen. Sie sprach von Mitte Dreißig, während er der festen Haut und dem frischen Teint nach ihr zehn Jahre weniger zugetraut hätte. Warum aber sollte sich eine Frau älter machen? Es war eben ein Teil des Wunders, und auch in seiner Ermüdung konnte er sich nicht sattsehen, ein Wahnsinn, daß sie jetzt mir gehört!

Sie wählte die Nummer auswendig und legte gleich los. Von hier verstand er nicht jedes Wort, doch bei seinem recht guten Englisch begriff er, daß sie von seiner leichten Indisposition sprach. Jemand mußte ihr Fragen gestellt haben, auf die sie nach kurzen Pausen ebenso kurz Antwort gab. Schließlich lachte sie und wünschte dem Partner am Ende der Leitung, er möge nicht Hungers sterben.

«See you soon», sagte sie überraschenderweise, ehe sie auflegte.

«Ich muß hoch, nicht wahr?» so verstand er das, «sie warten...»

«Sie warten einstweilen nur auf mich, du darfst noch in den Federn bleiben», sie kehrte mit ihrem unnachahmlich erotischen Schritt zum Bett zurück.

«Wieso...?»

Sie kniete zu ihm nieder, und ihre Brüste brachten ihn wieder zum Schweigen.

«Dich laden sie zum Dinner ein. Und bitten nur darum, daß sie inzwischen deine Schätze anschauen dürfen. Ihr spart so allerseits Zeit.»

«Ich würde aber gern...»

«Den besten Eindruck machen!» neckte sie ihn, «versuch es lieber, dich fit zu machen für deinen Abend und unsere Nacht. Ich muß nämlich noch in Wien bleiben.»

Das verblüffte ihn.

«Und ich...?»

«Wenn ihr heute das Abkommen getroffen habt, fliegst du mit ihnen morgen nach Hongkong. Ursprünglich wollten sie sogar noch heute starten. Das habe ich verhindert, verstehst du?»

«Gar nicht... was wird mit dir?»

«Der Vizechef muß hier noch eine Woche bleiben.»

«Willst du damit etwa sagen, daß ich dich eine ganze Woche nicht sehen kann?»

«Zwei Wochen.»

Er schob sie erregt zur Seite, um sich aufsetzen zu können.

«Was soll das, bitte...»

«Die erste Woche bin ich von früh bis abends eingespannt, wann soll ich da zum Packen kommen?»

«Im Packen bin ich Weltmeister, deine Wohnung kenne ich wie meine Westentasche. In zwei Stunden habe ich dich fertig gepackt, sogar für einen Mondflug.»

«Und was passiert mit der Wohnung?»

«Was soll mit ihr?» fragte er begriffsstutzig.

«Du hast mir gesagt, du möchtest das erste Jahr in Asien bleiben, bis sich hier die Wogen glätten. Soll ich da die ganze Zeit in Wien Miete zahlen? Ich habe gekündigt, und am nächsten Freitag findet die Übergabe statt, ich muß aus dem Hausherrn die Kaution herausquetschen und die Möbel verkaufen. Oder soll ich sie vielleicht einlagern?»

Sachliche Fragen beantwortete er in jeder Lage sachlich.

«Das sind sie nicht wert.»

«Machst du uns demnächst welche aus deinem neuen Glas?»

Bevor er dazu etwas sagen konnte, eilte sie zu der Stelle, wo er sie ausgezogen hatte, und kam mit ihrer eleganten Tasche zurück. Sie zog ein schmales Heft heraus.

«Postsparbuch», erklärte sie, «von dem du noch heute abheben kannst. Die Banken machen um drei zu, die Postämter um sechs.»

Er schlug es auf. Für den Überbringer ausgestellt, lautete die Einlage auf 100 000 Schilling.

«Als Taschengeld», fügte sie heiter hinzu, «wenn du unterschreibst, kriegst du in Hongkong dieselbe Summe in Dollars. Falls du sie verlangst, natürlich!»

Das überstieg seine Vorstellungen um hundert Prozent.

«Und was, wenn sie erfahren, daß du mich managst. Schmeißen sie dich dann raus?»

«Höchstwahrscheinlich. Da bin ich aber bereits deine Frau, nicht wahr? Oder hast du es schon für eine andere parat?»

«Gerda!»

«Ein dummer Witz, ein böhmischer, wie du es mir beigebracht hast. Aber Vorsicht: Die Schillinge bekommst du nur auf ein Kennwort. Vorsichtshalber habe ich deinen Namen nicht angegeben.»

«Klar... und wie heißt es?»

«Dreimal darfst du raten. Was ist für dich das Wichtigste?»

«Du!»

«Das wäre für einen Dieb allzu einfach. Was nach mir? Glas, versteht sich! Das wäre geradezu kinderleicht. Na?»

«Ich geb’s auf. Liebe...?»

«Na, der Sex doch. Jawohl: Kennwort Sex!»

Da lachte auch er, beruhigt; er wußte, er benahm sich wieder einmal, würde seine Tochter Zdena sagen, wie einer, der von der Pubertät nicht loskommt. Und als sie von neuem auf ihre Mediciuhr blickte, beeilte er sich, um sich nicht endgültig zu blamieren.

«Bon. Die Papiere sind im Aktenkoffer. Der versiegelte Umschlag, sie sollen ihn öffnen!»

Er riskierte nichts. Was sie da finden würden, muß ihnen reichen, nicht nur für heute, sondern für allemal. Zum Glück hat er die kapitalistischen Marktgesetze zu gründlich aus der Nähe kennengelernt, als daß er sich einen primitiven Fehler leisten würde. Was er ihnen da schickte, war immerhin ein Rezept für gutes Gebrauchsglas, bei dessen Produktion man etliches einsparen könnte. Sein Traumprojekt hat er sogar Gerda nur vorsichtig angedeutet, davon durfte noch lange keiner wissen, bevor er sich nicht auch anderswo umsehen würde. Und auch jetzt lieferte er nur das Schloß, den Schlüssel dazu behielt er weiter: die Schmelzeformel. Die hatte er fest im Kopf. Er konnte sich erlauben zu feilschen.

«Unter einer Bedingung!»

«Und zwar...?»

«Daß du ruck zuck wieder hier im Bettchen landest!»

«Das läßt sich hören!»

Ihre Spannung lockerte sich sofort, rasch zog sie sich an, und während ihre sonnenbraune Haut im roten Stoff verschwand, ergriff ihn die Sehnsucht nach ihr noch stärker als am Flughafen. Er erhob sich, trat zu ihr und schob die Hand in ihren Ausschnitt. Sie wehrte sich nicht, sagte nur.

«Wenn du sie dort noch zehn Sekunden läßt, dann gehe ich nicht mehr weg, und wir verbumsen beide den Job!»

Gehorsam zog er die Hand wieder zurück und schaute zu, wie flink und gekonnt, zu sehr gekonnt! durchfuhr es ihn schmerzlich, sie das wirre Rothaar zurechtkämmt, mit dem Lippenstift dem Mund die Kontur zurückgibt und wie sie vergeblich versucht, seinen Aktenkoffer aufzumachen, bis er kam und lächelnd den Code eingab: Ihr Geburtsdatum 031 050. Daß sie Waage ist, vermutete er schon, als er sie zum erstenmal sah, und sofort wurde ihm klar, daß er alle Hebel in Bewegung setzen muß, wenn er Ungreifbares behalten will. Sie nahm den Umschlag, in dem er im Prager Büro zwischen den Verhandlungsunterlagen auch seine privaten Papiere versteckt hatte, und spuckte dreimal darauf, toi toi toi! Das rief eine vage Erinnerung in ihm wach, doch er hatte keine Zeit nachzudenken, an was.

«Ich sperre dich lieber ein!» erklärte sie, «und hänge draußen das rote Zimmerschild hin. Die Suite läuft auf meinen Namen, schlaf dich gut aus für mich, Liebster!»

Bevor sie die Tür hinter sich zumachen konnte, hatte er sie bei der Hand gepackt.

«Wann?»

«Vorsicht! Du bist doch nackt!»

«Wann kommst du wieder?»

«Bis der Hahn dreimal gekräht hat... Quatsch! Um vier.»

«Um drei!»

«Also um halb vier.»

«Viertel nach drei!»

«Um zwanzig nach.»

«Also fünfzehn siebzehn!»

«Bon!» sagte sie, wie er es üblicherweise tat, hauchte ihm einen Kuß hin und schlug die Tür zu. Er hörte die Schlüssel, die Schritte schluckte der Gangläufer.

Müdigkeit befiel ihn, und er war froh, das Treffen verschoben zu haben. Er verspürte das Verlangen nach einem heißen Bad und ging, das Wasser richtig zu mischen. Beim Warten trank er zwei Fläschchen Bier aus der Minibar; er verheimlichte Gerda bis jetzt, daß ihm Champagner wie sprudelnde Molke schmeckte. Er betrachtete dabei fachmännisch den bräunlichen Spiegel, der die ganze Stirnwand des Schlafzimmers einnahm. Darin hatte er vorhin nach Voyeursart zugeschaut, wie sie ihn liebte. Jetzt sah er einen nackten Bock, sein Instrument noch immer aufragend, keinesfalls ein Muster menschlicher Schönheit, statt dessen aber das Bild eines erfolgreichen Mannes. Ich hab’s geschafft!

In einer Anwandlung animalischer Freude trommelte er gegen seine haarige Brust und gab dabei ein dunkles Gebrüll von sich.

10. Den selben Tag, 13.30

Seine Omegauhr tickte kaum neunzig Minuten runter, für Dora war es eine Ewigkeit. Die ganze Zeit benahm sich Milan unzurechnungsfähig. Er hat die beiden gezwungen, bei laufendem Motor im Wagen zu sitzen, der auf dem baumlosen Betonparkplatz wie ein Ofen glühte, nur weil man von dort die Schranke sehen konnte. Der zweite Zöllner verschwand und kam gleich wieder, die Schranke hob sich und sank, wie es Milan nicht brauchen konnte. Er hatte den Fuß unentwegt auf dem Gaspedal wie am Start, schaltete die Kupplung ein und aus. Er fluchte dabei hemmungslos, doch wagte Dora es nicht, ihn zu maßregeln. Sie hat sich damit abgefunden, daß Petřík ein traumatischer Tag bevorsteht, und hoffte nur, daß dieser von künftigen Erlebnissen aus dem Gedächtnis des Kindes gelöscht werde.

Die Grenze verlief hier durch eine Gebirgslandschaft, die gleich hinter dem Schlagbaum aufzuhören schien; die abgefertigten Autos versanken sofort unter dem Horizont, die anrollenden tauchten schlagartig auf. Von Österreich waren nur entfernte Hügelscheitel zu sehen, als wollte sich ihr Ziel vor ihnen verstecken. Das, spürte Dora, deprimierte ihn am meisten. Obwohl selbst launisch und unberechenbar, unverständlich oft sich selbst, brachte ihn die kleinste Irrationalität aus dem Gleichgewicht. Das erste entschuldigte sie mit seinem Beruf, sie hat sich mit den Jahren davon überzeugt, daß Schauspielerei sich in einem bestimmten Arbeitsstadium in eine Art Schizophrenie verwandelt. Das zweite störte sie mehr und mehr, denn von ihm, der sich in so viele erdichtete Schicksale eingefühlt hatte, erwartete sie ein wenig Verständnis für die echten.

Mehr als seine Seitensprünge, die sie für eine Art Geistesverwirrung gehalten hatte, für ihre Ehe nie wirklich bedrohlich, verletzte sie seine Gefühllosigkeit, ja seine Brutalität, mit der er sie anzugreifen pflegte, wann immer er tief im Unrecht war. Langsam kam sie dahinter, daß selbst diese Rüpelhaftigkeit nur eine Art Fieber ist, das im Körper Schadstoffe liquidiert, eine Art Siedepunkt, bei dem im Wasser Bakterien getötet werden. Wenn er genug getobt und früher sogar vor Wut etwas zertrümmert hatte, entschuldigte er sich und tat Buße, versprach goldene Berge und das Blaue vom Himmel.

Mit seiner Kaputtschmeißerei hörte er erst auf, als sie einmal in ihrer Verzweiflung dagegen ein Mittel fand. Er zerschlug zwar, war ihr aufgefallen, was ihm unter die Hand kam, doch selbst in anscheinend blinder Rage wählte er immer einen ersetzbaren Gegenstand, meist aus dem Zwiebelmusterservice, das schlimmstenfalls im Devisenladen nachzukaufen war. Und so, als er wieder auf dem Höhepunkt eines wilden Auftritts die blauweiße Platte mit dem Rest eines Baiserkuchens zertrümmert hatte, griff sie nach der uralten dreistöckigen Pralinenetagere aus dem rosaweißen Karlsbader Überfang, die sie selbst ungemein mochte, und führte das gleiche Theater auf.

Danach wurde ihr mordsübel, und sie erwartete, er würde sie zum erstenmal schlagen, aber in seinen Augen war nur kindliches Staunen, er war sprachlos, versteinert. Dann schoß er aus dem Zimmer, doch die Außentür hat nicht geknallt, er kam mit der Schaufel zurück und begann die Scherben zu beseitigen. Also holte sie den Eimer voll heißen Wassers und putzte mit dem Lappen das Baiser samt Johannisbeeren vom Teppich. Schweigend führten sie das Werk gemeinsam zu Ende und fingen zu reden an, als wäre nichts passiert. Seit diesem Tag hat er nie mehr etwas zerschlagen.

Damals hat sie die Medizin gegen seinen Jähzorn zum ersten- und zum letztenmal gefunden. Dieser hat seine schärfsten Kanten verloren, doch die verbalen Ausfälle dauerten um so länger an. Sie haben sich von einem Tag auf den anderen gelegt, als er sich entschieden hatte, aus der Heimat fortzugehen, was sie vor allem anderen mit dieser Absicht versöhnte. Sie glaubte, er spare jedes Quentchen Energie für das Ringen, das draußen hauptsächlich ihn erwartete.

Wenn sie und Petřík jetzt wieder im Kraftfeld seines Zorns gefangen saßen, um so aufreibender, je weniger er an ihrer Lage etwas ändern konnte, hat sie sich erstmals die Frage gestellt, ob sich an ihrem Schicksal «dort» etwas bessern würde. Gewiß, er ließ hier den Ballast zurück, der ihnen Leben und Liebe verdorben hatte, an erster Stelle «den Bolschewisten», wie er für sich die ganze politische Geschwulst vereinfachend nannte, wozu alles gehörte, von dem «Kotz» der Regimeautoren, die er spielen mußte, bis zu dem «Scheiß» der Staatsjournalisten, in den er sich dann so unglücklich eingetunkt hatte, als auch die endlosen Konflikte mit Doras Mutter und dazu noch die Prozession von Weibern zwischen fünfzehn und fünfzig, von der Gier befallen, mit Hamlet oder Fürst Myschkin und weitaus lieber noch mit dem widerlichen Jago zu schlafen, was offensichtlich auch einigen gelungen war...

Nur, da war der Haken: Was er nicht dalassen konnte bei dem riskanten Versuch, die ihm verweigerte Ehre und Freiheit anderswo zu erlangen, war sein Charakter. Wenn sie jetzt von neuem erlebte, wie er sich völlig gehenließ und dem gefährlichen Punkt näher kam, wo er nicht mehr wußte, was er tat, fröstelte sie bei der Erkenntnis, daß er sein Hauptproblem mit sich schleppt, in sich, wie eine Krebszelle, die jederzeit weiterwuchern kann, und wer wird das ausbaden? Immer nur...

«Papa», ließ sich Petřík plötzlich vernehmen, «wann fahren wir...?»

O nein! Es hat Dora weh getan, er wählte heute für das Wiederfinden der Sprache die schlimmsten Momente! Da schrie der Schauspieler bereits.

«Halt die Klappe! Du hältst sie doch das ganze Jahr über, also halt sie auch jetzt, oder ich setz dich hinaus, und du darfst da brabbeln bis zum Sterbetag!»

Da brauste auch Dora auf, doch ehe es ihr gelang, die Tür aufzumachen und das arme Kind von hinten rauszuholen, damit er mit sich alleine schimpfe und fahre bis ans Ende der Welt, schrie er schon wieder.

«Los geht’s!»

Der Motor lief immer noch, er legte den Gang ein und gab mächtig Gas. Vor dem Schlagbaum stand nur ein einziges Auto und ein einziger Zöllner.

«Haltet euch fest!» befahl er verspätet, «ich fahre bis hinter den Wagen und breche gleich mit ihm auf!»

Der vorangegangenen Szene war er sich offensichtlich überhaupt nicht bewußt, und Dora wünschte sich nichts mehr, als endlich mal drüben zu sein.

«Petřík», wiederholte sie sanft, damit der verstörte Junge es begriff, «halt dich, wie du kannst, es wird nochmals einen Ruck tun!»

Der Schauspieler bremste, um noch im Fahren den Augenblick zu erwischen, wenn der Österreicher vor ihm, der soeben seinen Paß zurückbekam, losstartet. Der Schlagbaum hob sich, und der Zöllner stand auf dem Bordstein, es muß klappen! war sich Milan ebenso sicher wie bei einem Bühnenauftritt.

«Noch eh der Jugo kapiert, daß ich nicht anhalte, bin ich durch!»

Er weiß nicht einmal, daß er laut denkt, begriff Dora. Da brüllte er schon wieder.

«Mach doch, Idiot!»

Wider Erwarten blieb der Vordermann stehen und fing mit dem Zöllner zu ratschen an. Milan fuhr schon im Schrittempo.

«Fahr in den Arsch! Mir kommt die Scheiße hoch!»

Der Schuft und Schurke, wie er ihn beschimpfte, regte sich nicht. Sie mußten hinter ihm anhalten, und Dora riskierte jetzt, Milan in eine noch größere Raserei zu bringen, doch ihre Angst um Petřík war stärker: Sie lehnte sich nach hinten und zog ihn an sich. Er zitterte am ganzen Körper. Es soll ein Ende nehmen! flehte Dora das Schicksal an. Und es hat sie erhört, wenn auch auf ganz andere Weise als erhofft.

Überraschend setzte sich der vordere Wagen in Bewegung. Der Zöllner ging auf sie zu.

«Jetzt!» befahl sich der Schauspieler selbst, krümmte den Buckel, wie er es in seiner Jugend beim Skispringen tat, und trat das Gaspedal bis zum Boden durch.

Der Škoda stand.

«Was soll das...?» stotterte er verwirrt, bis ihm klar war: Der Motor war gestorben.

Das Auto vor ihm befand sich noch unter der Schranke. Er startete. Nichts. Noch einmal. Nichts. Der andere fuhr bereits in das Tal hinunter, das man von hier schon sehen konnte. Hinter dem österreichischen Zollamt flatterten bunte Fahnen einer Tankstelle wie vor einem Zirkus. Dora sah, wie Milan der Schweiß über Stirn und Nase rann. Der Anlasser lud mit Gequietsche die Batterie leer, der Motor sprang nicht an. Entsetzen übertrug sich auch auf sie.

Dann begann der Schlagbaum zu sinken, hinter ihnen hat sich plötzlich ein halbes Dutzend Autos eingefunden, und aus dem Gebäude tauchte der zweite Mann auf. Der erste stand vor ihnen, freundliches Interesse in den Augen. Er hob den Zeigefinger, als wollte er sich zu Wort melden, beugte sich nach unten und pferchte den Kopf in das Fahrerfenster. Er schaute kurz auf das Armaturenbrett, nickte zufrieden und rückte mit des Rätsels Lösung heraus.

«Nema sprita...» und er wiederholte es deutsch, «kein Benzin!»

Milan sah aus, als würde er in Ohnmacht fallen. Jetzt hatte Dora Angst um ihn. Der Uniformierte besänftigte ihn.

«Macht nichts! Ich Ihre Pässe...» er führte das Stempeln vor und zeigte auf den Kollegen, der an ihnen vorbei auf den nächsten Wagen zuging, «wir dann beide...» er ahmte das Schieben bergab zur Tankstelle nach und streckte die Hand nach den Dokumenten aus.

Dora reichte sie ihm, in der grünen Verkleidung und mit dem eingelegten Hundertmarkschein. Das Schicksal nahm die Gestalt eines Feschaks mit Schnurrbart an. Als Zugabe lächelte sie ihn an, so bezaubernd, wie es ihr unter diesen Umständen gelang. Er strahlte auf, doch sein Genosse kehrte plötzlich zurück, nahm aus der Tasche einen Zettel, trat vor den Škoda. Kein Zweifel, daß ihn das Kennzeichen interessierte.

Die Hoffnung stirbt als letztes, war Milans Devise. Die seine lag im Sterben! Dora nährte ihr Flämmchen: Sie versuchte nun auch, mit dem zweiten zu kokettieren. Ein Blick des Ekels traf sie. Ob er, mit Milan gesagt, ein Supersaubolschewist war oder einfach ein Schwuler, sie durfte auf das Schlimmste gefaßt sein. Er nahm dem ersten die Pässe ab und führte ihm wie ein Schullehrer ihr graues Innenleben vor.

«Steigen Sie aus!» befahl er Dora spöttisch, und als sie verblüfft gehorchte, sogar Petřík im Wagen zurücklassend, wandte er sich zum Fahrer, «gehen Sie in den Leerlauf, wir schieben Sie zurück!»

Er bedeutete den Glückspilzen dahinter zurückzusetzen, um dem Škoda Platz zu machen. Die Hoffnung wurde unwiderruflich zu Grabe getragen.

11. Den selben Tag, 14.00

Ab und zu beschlich sie das selige Gefühl, als lebte sie bereits in der Zukunft, die sie sich vor einem halben Jahr noch zu Hause erträumte, damit sie alle Risiken wagen konnte. Jetzt saß sie wieder in einem Garten, von einer undurchsichtigen grünen Palisade umgeben, ähnlich dem, den sie schweren Herzens im geliebten Südböhmen zurückgelassen hatte, sie trank einen Tee, schwarz und stark, aus einem altertümlich bauchigen Frühstückstopf, hörte den Vogelflöten und -klarinetten zu, die aus der wohlbekannten Partitur spielten, und schaute, wie ihr Geliebter die Rosen beschnitt.

Aus ihren Träumen riß sie ständig der Jüngling in der schwarzen Soutane, der neben ihr scheu seinen Tee schlürfte, mit reichlich Wasser verdünnt. Er muß doch, fiel ihr lästerlicherweise ein, teuflisch begabt sein, hier als Stellvertreter die fromme Herde weiden zu dürfen, oder hat er einen Bischof zum Onkel? Er stammte eher aus bescheidenen Verhältnissen, da er nicht wußte, daß der vom Tassenhenkel vornehm abgespreizte kleine Finger kein Beweis von Kinderstube bedeutet. Am meisten bedrückte sie jedoch der Eindruck, sie spreche mit einem Menschen von einem anderen Planeten.

Obwohl sie sich neben Václav an den Katholizismus als Lebenshaltung gewöhnt hatte und sich immer öfter dabei ertappte, wie ihre eingefleischte Gottlosigkeit in der Wärme seiner schlichten, aber echten Frömmigkeit dahinschmilzt, bewahrte sie sich dennoch zur Kirche eine ähnlich kritische Distanz wie zu der Staatspartei. Der antikatholische Vorbehalt war uralten Datums: Das Unrecht von Konstanz an Johannes Hus traf sie in der Kindheit tief. Ihre Beziehung zu den Kommunisten, zunächst neutral mißtrauisch, hat sich für kurze Zeit gebessert, was aber kein Verdienst von Marx und Lenin war; sie mußte eine solche Unmenge Noten lesen und erfahren, daß sie auch zur schönen Literatur nur selten kam. Der erfolgreiche Agitator hieß Ilja.

Er stand kurz vor dem Abschluß des letzten Jahrgangs im Fach Komposition und Dirigieren, als sie am Konservatorium erschien, und so schwebte er für sie in den Wolken. Bei dem Absolventenkonzert, als er seine eigene «Partita für neun Holzinstrumente» dirigierte, verkrachte sie sich mit einer Freundin, die während der Pause giftete, das zehnte und führende Holzstück sei er selbst. Das Mädchen ging mit seinem Kommilitonen und somit Konkurrenten, und Lydia brachte dem Geschmähten ähnliche Sympathie entgegen wie einst dem verbrannten Magister Hus.

Es störte sie nicht, daß diese ablehnende Meinung offensichtlich von vielen geteilt wurde. Ilja kriegte das schlechteste Angebot des ganzen Jahrgangs, nur das «Haus der jungen Pioniere» in Tábor, der Provinzstadt, hat sich für ihn erwärmt. Er nahm das Engagement nicht an, versteht sich, und schlug schnell und erfolgreich als Musikrezensent Wurzeln beim Prager Abendblatt. Und eben er war es, der fünf Jahre später über ihr Absolventenkonzert schrieb, der Janáček möge ruhig unter seinem «verwachsenen Pfad» weiterschlafen, er habe die Interpretin gefunden, für die er komponiert habe.

Sie erhielt Angebote in Hülle und Fülle und konnte von Anfang an wählen, was, wo und auf welchem Flügel sie spielen will. Nach weiteren fünf Jahren konnte sie im führenden Musikblatt über ihre «Apassionata» lesen: «Die Gutenberg beherrscht das Pedal so meisterhaft wie einst ihr berühmter Namensvetter die Druckpresse.» Diese Kritik brachte ihr neben Hohn und Neid der weniger glücklichen Kollegen auch die erste Einladung ins Ausland. Das Konzert in Salzburg hat die mollige und geschwätzige, dabei aber unglaublich nette und vor allem tüchtige Margrit Prohaska zustande gebracht, die auch den tschechischen Kritikerpapst eingeladen hatte.

Er kehrte nach Prag gemeinsam mit Lydia zurück und erzählte im Speisewagen von seiner mißlungenen Ehe mit einer Kunstmalerin, die soeben vor dem Scheidungsrichter endete. Er räumte ein, er habe vorerst keine Kinder gewollt, und Lydia hat es als Grund verstanden. Sie befand sich auf dem Höhenflug, und bis auf das Klavier sollte alles andere warten. Als sie in der Nacht in Prag ankamen, wunderte sie sich, wieso er ihr früher unattraktiv erschienen war. Gern gab sie ihm ihr Telephon.

Sie hat bis dahin nur ein paar flüchtige Bekanntschaften gehabt, «damit die Saiten nicht morsch werden», wie man zynisch auf dem Konservatorium sagte, mit einem Mitschüler, einem Gynäkologen, einem italienischen Jurymitglied bei einem Wettbewerb, den sie auch ohne ihn gewonnen hätte, und schließlich mit einem berühmten Opernregisseur; der wollte sie sogar heiraten, leider war er bereits ein unrettbarer Alkoholiker. Ilja war nur fünf Jahre älter als sie, imponierte ihr jedoch mit seiner Selbstsicherheit, seinem Ehrgeiz und natürlich auch mit der Position, die er sich erkämpft hatte, von vielen gehaßt, von allen respektiert. Noch dazu hat sie erst mit ihm den Gipfel der Liebe entdeckt und fühlte sich nun endlich als Frau.

Als er sie fragte, ob sie mit ihm das Leben teilen möchte, zögerte sie nicht mit ihrem Ja. Auch gefiel ihr sein Vorschlag, jeder solle in der eigenen Wohnung bleiben, sie müsse üben, er schreiben, und ihre beiden Instrumente könne man kaum aufeinander abstimmen. Außerdem wäre es gar nicht gut für sie, wenn sie sich so demonstrativ unter seine Obhut begäbe. Damit war vielleicht jener Fehler begangen.

Vorher kam noch das legendäre Achtundsechzig. Ilja war schon auf der Schule Kommunist, was ihm zu allem übrigen noch die Nachrede eintrug, er müsse jede Taktangabe bei der Partei erfragen. Zweifellos verhalf ihm die Mitgliedschaft in das vom Stadtausschuß der Partei herausgegebene Blatt; danach jedoch konnte ihm niemand mehr streitig machen, er unterstützte Qualität gegen Nichtskönnen, selbst wenn es wer weiß was für ein Genosse zelebrierte. Wie die Zeit für die Reform reifte, so schrieb er mehr und mehr über Politik und behauptete, die dahinsiechende politische Konstellation sei auch für eine so unpolitische Kunst wie die Musik schädlich gewesen. Er überzeugte die Musiker, sie sollten sich nicht mehr «in ihren Futteralen verstecken», sondern der Partei beitreten, die sich damit «aus einer Tambourkapelle schneller in ein Symphonieorchester verwandeln wird». Lydia hat er im Mai 68 überzeugt. Hundert Tage später kamen die Panzer.

Noch ein halbes Jahr glaubte sie, es sei da noch etwas zu retten, besuchte Versammlungen und Unterzeichnete Solidaritätserklärungen. Hinter dem Sarg von Palach, dem Studenten, der sich in der knabenhaften Hoffnung, seine Tat würde die abgestumpften Herzen wachrütteln, verbrannt hatte, sah sie viele ihrer Kollegen zum letztenmal. Als der neue Generalsekretär Husák den besiegten Vorgänger Dubček als Botschafter in die Türkei schickte, nannte man bald das Idol von gestern «Schwanda der Dudelsackpfeifer», und es klang schadenfroh.

Die Säuberung, die auch die Künstlerverbände dezimierte, hat bei den Musikern den harmlosesten Verlauf genommen. Die Obrigkeit sah ein, daß in Zukunft nur Musik einiges an Devisen einbringen würde, so begnügte sie sich zur Buße mit einem Häufchen Asche auf den Häuptern. Iljas Artikel wurden nicht als direkte Attacken gegen die gesunden Kräfte in der Partei angesehen; der Vorsitzende der Überprüfungskommission, der ihm offensichtlich helfen wollte, tat sie milde als «intellektuelles Blabla» ab. Ilja erhielt einen Verweis, zugleich aber auch das Angebot, sich des Aufbaus des erneuerten Musikverbandes anzunehmen.

Nachdem das laut wurde, traf ihn nicht, wie sie gefürchtet hatte, Verachtung. Es haben ihn sogar Leute dazu ermutigt, die ihn früher als Karrieristen verpönten. Nähme er an, könne er unzählige Werte retten, bevor sie für ein Jahrhundert von irgendeinem Parteiochsen niedergetrampelt werden, der anno dazumal eine schlechte Polka komponiert hatte. Als Ilja es sich bei ihr bestätigen lassen wollte, war er bereits entschieden, und sie redete ihm auch nichts aus. Die anderen konnten doch recht haben. Sie gestand ihm nur, im nachhinein, daß sie ihre kurze Parteimitgliedschaft bereits beendet hat, der Dubček habe ihr genauso leid getan wie einst Hus und nach ihm er.

Er sagte, sie sei verrückt geworden! Kann sie vielleicht etwas anderes außer Klavierspielen? Und sie war dann die erste, die er in seiner neuen Funktion rettete, als er unter vier Augen, wie du mir, so ich dir! den Sekretär der Überprüfungskommission erweicht hatte, Lydias gewagte Tat für einen Akt zu halten, der im Gegenteil ihre politische Unschuld wieder hergestellt hat: War es denn nicht Dubčeks Partei, der beizutreten Rechtsopportunisten und Verräter sie gezwungen hatten? Ihre Anmeldung hatte zum Glück ein soeben Geflüchteter unterschrieben.

Margrit Prohaska, die zwar wie andere normale Europäer das diluviale Problem, so nannte sie es, nicht verstehen konnte, doch inzwischen Lydia wie eine Schwester mochte, hat schleunigst eine halbjährige Konzerttournee durch mittelgroße österreichische Städte zusammengebastelt; durch einen vordatierten Vertrag hat es der immer noch anständige Direktor der Prager Konzertagentur abgesegnet, kurz ehe man ihn feuerte. Sein Nachfolger, der aus dem Parteiapparat kam, hätte das Papier am liebsten makuliert, überlegte sich aber diesen Schritt in der Furcht, eine Konventionalstrafe in Devisen könnte seine auf schwachen Füßen stehende Karriere gefährden.

Das halbe Jahr verbrachte sie wie in Trance, sie verstand nichts und glaubte an nichts mehr, sie wartete auf ein Wunder. Sie rief Ilja in Prag nur an, wenn ihr hundsmiserabel zumute war, und er sie nur «dienstlich», beide nahmen sie an, sie seien in der Leitung nicht allein und jedes offene Wort könnte sie bedrohen. Die mitleidige Margrit wurde zur Kupplerin: Sie machte Lydia mit dem Redakteur des österreichischen Rundfunks bekannt, der sich bis über die Ohren in sie verliebte.

Johann Christopher war jedoch der erste Mann in ihrem Leben, der jünger war als sie, um fünf Jahre sogar! und das machte ihr mehr zu schaffen, als das dahinvegetierende Verhältnis mit Ilja. Vergeblich versuchte Margrit sie zu überzeugen, wie sichtbar gut ihr die neue Beziehung bekam, und daß der junge Mann, den sicherlich eine steile Karriere erwartet, sie ewig lieben wird, weil er sie auch als Künstlerin vergöttert: Sie werde es gut haben im Beruf wie im Bett! Lydia ließ es nie zum Siedepunkt kommen.

Er flehte sie an, mit ihm nach dem letzten Konzert für zwei Wochen in die Toscana zu reisen, sie sollte selbst erfahren, daß sie mit ihm problemlos leben kann. Doch sie schrieb ihm einen Brief, dankbar, zärtlich und traurig, über den Unterschied «von fünf Sternenjahren», und den Protesten ihrer Freundin zum Trotz flüchtete sie in die Heimat zurück, die sich über ihr wie Wasser schloß.

Vor den Neidern, die ihr nach ihrer Rückkehr das Leben sauer machen wollten, rettete sie ein unverhoffter Eisregen. Sie fiel auf einem nicht gestreuten Bürgersteig hin und brach sich arg den kleinen Finger der linken Hand. Als sie auf der Unfallstation davon erfuhr, weinte sie heftig, bis Ilja sie beruhigt hatte: Von allem Unglück, das ihr in dieser bösen Zeit begegnen konnte, sei dies, versicherte er, das angenehmste. Sie komme in das Alter, in dem eine Pianistin reif wird, und wenn sie sich mit aller Energie ehrlich kurierte und übte, schaffte sie es noch, ihre wirklich großen Konzerte zu spielen. Jetzt entschwinde sie für einige Zeit den Augen jener, die sich an ihr feige für seine schlechten Kritiken von einst rächen möchten, sie werde ein auskömmliches Krankenkassengeld beziehen, mindestens zwei Jahre! währenddessen müsse sich doch die aus allen Fugen geratene Zeit wieder einrenken.

Er irrte in allem. Die Rehabilitierung der Linken dauerte viel länger, und auch danach hielten Lydias Zweifel an, sie würde nie wieder spielen können wie früher; und obwohl das allen Gesetzen der gesellschaftlichen Entwicklung widersprach, wurde die politische Lage immer schlimmer. Am schlimmsten im Januar 1977.

Damals konzertierte sie bereits fleißig im Lande, denn, ungeachtet der Lockrufe und Vorwürfe ihrer Margrit, traute sie sich noch immer nicht ins Ausland. Da brach die hysterische Kampagne gegen die «Charta» aus. Ende Januar zitierte man nacheinander alle registrierten Mitglieder in den Musikerverband und stellte sie ohne Umschweife vor die Wahl: Falls sie weiter auftreten wollten, müßten sie, angefangen mit den Jungs, die irgendwo im Keller Jazztrommeln schlugen, bis zu den gefeierten Staatspreisträgern, durch ihre Unterschrift eine Petition verurteilen, die sie nicht einmal lesen durften.

Ilja hat den verdammten Aufruf Lydia heimlich nach Hause gebracht, er kannte sie und hatte Angst vor ihrer «heiligen Einfalt», wie er ihren krankhaften Glauben an irgendeine überirdische Gerechtigkeit nannte. Dieser Text, beschwor er sie, beinhalte nichts als ähnlich einfältige Enthüllungen über Dinge, die hier jeder kennt, doch einstweilen keiner ändern kann, er sei doch nicht so viel wert, als daß man deswegen den Rest der nationalen Kultur den Repressionen ausliefern dürfte. Fünf Jahre habe sie der Sturz auf dem gefrorenen Regen gekostet, wolle sie sich da jetzt noch freiwillig das Genick brechen?

Die schlichten Sätze aber, die die Regierung zur Einhaltung der elementaren, verfassungsmäßig garantierten Rechte aufforderten, seit Jahren wieder mit Füßen getreten, sprachen ihr aus der Seele, und sie stieß bei den Unterzeichnern auf Namen vieler Leute, die sie sehr schätzte, ehe man sie alle barbarisch zum Schweigen brachte. Sie selbst hätte sich ihnen nie angeschlossen, dazu hatte sie nicht den Schneid, doch sie fühlte sich außerstande, sie schamlos zu verleugnen und mit eigener Unterschrift wie mit einem Stein auf Unschuldige zu werfen. Auf wiederholte Vorladungen reagierte sie nicht, und mit Hilfe eines anständigen Postboten gelang es ihr, das Einschreiben zurückzuschicken, Adressat verreist! Ein kindisches Versteckspiel von kurzer Dauer: Man hat sie zu Hause überfallen.

Das negative Ergebnis unterbreitete man eilends Ilja, und der kam angerannt, ohnmächtig vor Wut. Wer sich aus Dummheit zum Selbstmord entschlossen hat, schrie er, kann von keinem normalen Menschen verlangen, daß er sich ihm anschließt. Sie versuchte, ihm ihre Gründe zu erklären, ohne Aussicht auf Erfolg. Er schlug die Tür zu, und was das bedeutete, hat sie am nächsten Morgen begriffen: Es war auch die Tür zu ihrer beider Beziehung.

Bald bestätigte sich, daß er noch dazu recht behielt. Es schien, als wären alle Konzertveranstalter in Bezirks- und Kreisstädten, alle Rundfunk- und Schallplattenredakteure, die sich noch gestern um sie geprügelt haben, plötzlich spurlos verschwunden. Eine Hinrichtung in Etappen. Lydia erfüllte, wenn nicht einer von ihnen eine schlaue Ausrede fand, noch zwei Jahre ihre Vertragsverpflichtungen, wußte aber, daß man sie längst hinterrücks umbrachte, und konnte sich nicht wehren.

Noch einmal hat es Margrit Prohaska versucht, man ließ sie jedoch, um ihr nichts Geschriebenes auszuhändigen, auf Umwegen wissen, die Gutenberg sei nach ihrem Unfall leistungsmäßig nicht mehr auf der Höhe und somit liege Auslandsrepräsentation momentan nicht im Interesse der Staatskultur. Als Margrit in Prag Krach schlagen wollte, hat sie kein Visum bekommen, man wartete ab, bis sie abkühlte; erst dann erschienen bei ihr die neuen Herren aus dem Pragokonzert mit einem schönen Erpressungsangebot: Falls sie auch regimetreue Solisten in Kauf nimmt, bekommt sie als Zulage ihre Lieblingspianistin, vorausgesetzt, sie ist in Form, versteht sich.

Lydia bemühte sich hartnäckig, wieder Fuß zu fassen, doch als fiele sie von einem Fels herab, stieß sie auf Kanten und Zacken. Ihre letzte Chopin-Aufnahme wurde «versehentlich» gelöscht, und das Studio war leider für ein Jahr ausgebucht; das Konservatorium mußte Sparmaßnahmen treffen, also wurde von der Liste der Pädagogen gerade sie gestrichen. In ihrer Zerstreutheit vergaß sie, im Bad das Wasser abzustellen, und überflutete die Parteien darunter, auf dem Rückweg von der Sparkasse ließ sie die Handtasche mit dreitausend Kronen in der Straßenbahn liegen; das alles war bislang nie passiert. Ilja zog inzwischen zu einer jungen Harfenistin, von der er lobend schon zu Lydias Zeiten schrieb; sie hat es ihr damals gewünscht, doch es war seltsam zu lesen: «Evelyna Freud versteht die Harfenseele so vollkommen wie einst ihr berühmer Namensvetter die menschliche Psyche...»

Sie hat sich an die einzige Freude geheftet, die ihr blieb, das kleine Bauernhaus in Südböhmen, zum Glück hat sie es noch in den Tagen ihres Ruhms und Wohlstands gekauft. Lange hat sie es vernachlässigt, obwohl sie dort einen zweiten Flügel aufstellte, das Hin- und Herfahren kostete Zeit. Erst im Vorjahr, nach einer depressiven Nacht, als sie beinahe den Gashahn aufgedreht hatte, verließ sie Prag und blieb in Klíčov auf Dauer. Damals faßte sie den Entschluß, sich entgegen ihrer finanziellen Situation einen Gärtner zu leisten, der den verwahrlosten Garten zum Leben erwecken sollte...

Jetzt beobachtete sie gerührt, wie er gerade einen oberösterreichischen Pfarrgarten in Ordnung brachte, und war seinem Gott dankbar, daß er ihn geschickt hat. So wurden die bitteren Niederlagen zur Hoffnung, daß sie gerade dank ihnen schließlich gewann, wovon sie seit der Jugend träumte: Raum für Arbeit und Glück in der Liebe.

«Denken Sie nicht schlecht von mir, Hochwürden», sagte sie nach einer Pause zu dem Buben in der Soutane, «Sie sind zwar Priester, dabei aber, Verzeihung, noch ein sehr, sehr junger Mensch.»

Er wurde rot, als hätte sie ihm eine Sünde vorgeworfen.

«Ich bin hier nur als Aushilfe...» entschuldigte er sich, «solange der alte Herr Pfarrer in der Kur bleibt...»

«Ich sage es Ihnen ohne Umschweife», setzte sie leidenschaftlich fort, als ob er mit ihr einen Streit austrüge, «ich glaube nicht einmal an Gott! Nie habe ich einer Fliege etwas zuleide getan, und doch bin ich fortwährend gestraft worden. Der, den ich liebte, hat mich verlassen, selbst die Musik hat man mir eigentlich genommen, erst das Publikum verleiht meinem Spielen einen Sinn...» längst hat sie ihren Tee vergessen, die Hände lagen im Schoß, gefaltet wie zum Gebet, doch der Heilige, den sie anflehte, klapperte unweit von hier mit einer mächtigen Schere, «er ist meine letzte Hoffnung!»

Der Priester wußte sich mit diesem lästerlichen Bekenntnis keinen Rat. Zum Glück wandte sich soeben der Gärtner ihnen zu.

«Sag dem Herrn Pfarrer, daß ich nur Erste Hilfe leiste, hier gäbe es genug Arbeit für eine ganze Woche. Ich würde gern verschneiden, sobald die Vegetation zum Stehen kommt!»

Kein ganzes Jahr war es her, daß sie diese Worte zum erstenmal hörte, ihre Hoffnung war noch immer zerbrechlich und schwankend, sie zitterte um sie und war bereit, jeden zu beißen und zu kratzen, der sich daran vergreifen möchte, selbst einen Priester.

«Er mag mich», sagte sie geradezu herausfordernd, statt Václav zu übersetzen, «und ich ihn auch, dort ließ ich alles zurück, was ich je besaß. Als ich die Ausreise beantragte, ist mir ein Diamantring von der Mutter aus dem Handschuh herausgekugelt und blieb zwischen mir und dem Beamten liegen. Ich hob ihn dann nicht auf, und auch er sagte nicht etwa, ich hätte was verloren, da wußte ich, diesmal werde ich rauskommen!»

Sie zeigte ihm den blassen Streifen um ihren Ringfinger, und der Priester war gespannt, als erzählte sie ihm einen Krimi, und zugleich verlegen, daß er sich nicht hinter dem Beichtstuhlgitter verstecken durfte.

«Ich weiß», fuhr sie fort, «daß wir beide es anfangs nicht leicht haben werden, um so mehr muß mir mein Comeback gelingen! Ansonsten sind wir beide gewöhnt, bescheiden zu leben!»

«Er...» warf der Priester ein, um nicht unentwegt nur peinlich zu schweigen, «wird doch sein Auskommen gleich finden, eine Menge Leute haben hier ihre Gärten...»

«Das kommt gar nicht in Frage!» erwiderte sie so resolut, daß sie erschrak, «entschuldigen Sie, das gilt natürlich nicht für Sie, aber ich will nicht, daß ihn mir jemand abspenstig macht, wie ich ihn. Jawohl, es mag zwar schamlos klingen, doch eines weiß ich ganz sicher: Entweder er bleibt bei mir, oder ich habe keinen Grund zu leben mehr!»

Der Priester schüttelte ratlos den Kopf und wußte nicht, ob er sie wenigstens für diese Versündigung tadeln sollte. Der Auftritt der Köchin hat ihn gerettet. Wie eine Riesenente watschelte sie aus dem Haus, mit einem Bündel Formulare winkend.

«Sodann: Man wird Sie erst im Flüchtlingslager registrieren. Der Zug nach Wien geht um fünf, und vor der Abfahrt richte ich euch eine kleine Jause her.»

Der junge Herr Pfarrer schaute sich die Fahrkarten an und wunderte sich.

«Wieso sind Sie drei...?«

«Ach!» schlug sie sich vor die Stirn, «wir haben Zuwachs gekriegt, nur macht sie gerade Pipi.»

Aus dem Haus kam die Verkäuferin, schwenkte die Plastiktüte mit der rotschwarzen Reizgarnitur und kreischte ihren Landsleuten erleichtert entgegen.

«Ahoooj, Leutchen, da habt ihr mich wieder! Ich dachte schon, ich muß mich abknallen lassen, aber dann erschien das brave Omachen. Von den blöden Bullen kann kein einziger tschechisch quaken!»

Wohlgefällig musterte sie dabei den Gärtner, was höchstens dem jungen Schwarzrock entgehen konnte.

12. Den selben Tag, 15.33

Doktor Čierniak war ein gewissenhafter Mann. Ähnlich wie er es in der Poliklinik stets verstand, die Patienten so zu bestellen, daß sie nicht stundenlang warten mußten, plante er sorgfältig die Flucht. Die Entscheidung traf er gemeinsam mit seiner Frau zu Weihnachten, als sie den Amerikaner trafen. Sie nahmen sich seiner an, als er in den Gäßchen unter dem Bratislaver Schloß herumirrte, und begleiteten ihn zum «Carlton», wo er abgestiegen war. Seit er pensioniert war, reiste er durch exotische Länder und war, so ein Zufall! selber Zahnarzt gewesen. Er lud sie zu einem Abendessen ein, das ihr Leben völlig veränderte.

Als er auf ihren Wunsch vorrechnete, wieviel ihm seine bescheidene Privatpraxis eingebracht hatte, und ihnen erzählte, in seinem heimatlichen Kalifornien mangelte es dennoch an Zahnärzten, riß der Damm, den das Paar seit Jahren zwischen ihre reale Sicherheit und einen riskanten Traum hartnäckig aufzuschütten versuchte. Warum probierten sie es denn nicht? fragte der Mann, nachdem er sich ihr Lamento angehört hatte. Sie müßten flüchten, erklärte ihm Doktor Čierniak, und zur Emigration seien sie nicht mehr jung genug. Ein junges Alter, versicherte ihnen der Kalifornier, wäre in ihrem Fall eher von Nachteil, ein Zahnarzt muß Vertrauen in sein Können erwecken, und vierzig Jahre seien so gesehen ideal. Würde man denn dort sein Diplom anerkennen, wollte Doktor Čierniak noch wissen. In Amerika zähle die Leistung, nicht das Papier, hieß es. Auf dem Heimweg haben sich die Eheleute zum zweitenmal das Jawort gegeben.

Der Erfolg des Unternehmens hing von der Geheimhaltung ab. Deswegen vermieden sie jede Andeutung vor den Kindern. Sie waren Mieter eines halben Doppelhäuschens, sparten auf eine eigene Villa, und dieses Geld wollten sie natürlich nicht hier liegenlassen. Wie aber eine Währung, die drüben beinahe Nullwert besaß, in konvertibles Kapital zu verwandeln, zum heimlichen Transport über eine Grenze geeignet, an der sie schon zweimal eine Kontrolle erlebten, bei aller Zufälligkeit sehr gründlich? Ein Einfall seiner Frau begeisterte den Doktor; in den darauffolgenden Monaten hat er ihn mit findiger Sorgfalt verwirklicht.

Am Tag der «Sizilien»-Abreise setzte jedoch eine gefährliche Pechsträhne ein. Zunächst hat der kleine Miro den Schlüssel zum Keller verlegt, in dem das Surfbrett lag, der wertvollste Gegenstand, den sie mitführten. Nach einer Stunde vergeblichen Suchens mußte der Doktor die Tür aufbrechen, zum Mißfallen des Hausbesitzers, der nicht zulassen wollte, daß der Raum unverschlossen blieb; es hat gedauert, bis er erweichte und versprach, die Reparatur für sie in Auftrag zu geben. Zum erstenmal, seit sie den Simca fuhren, hatten sie dann einen Platten, und das auf der Donaubrücke, so daß die Mutter den Verkehr dirigieren und der Vater in der Hupenflut erboster Fahrer sich als Monteur betätigen mußte. Eine Weiterreise ohne Reservereifen konnten sie nicht riskieren, so haben sie über eine Stunde auf einen neuen Schlauch gewartet. Und obwohl sie noch vor Schulende losfuhren, gerieten sie an der Grenze in einen Stau. Es waren die Polen, offensichtlich aufs Exil zusteuernd, denen die tschechoslowakischen Zöllner zum letztenmal Lust und Wonne des Sozialismus vorführten: Man durchsuchte jede Hosentasche.

Als nach zwei Stunden die Čierniaks dran waren, erhofften sie sich vergebens eine slowakische Gunst, Grenzer waren bereits gegen jedermann allergisch geworden. Auch diesmal hatte der knochige Oberleutnant keine Mühe, einen Vorwand zu finden. Nachdem er die Zoll- und Devisenerklärung des Familienoberhaupts studiert hatte, stach er mit dem Finger in das pralle Ding auf dem Dach; mit dem Brett waren auch Mast und Segel zusammengeschnürt.

«Und das hier, ist was?»

Das Ehepaar zuckte zusammen, nur mit Mühe unterdrückte es seine Verwirrung.

«Das ist ein Brett», erklärte der Doktor, folgsam wie ein Abc-Schütze, «ein sogenanntes Surfbrett!»

«Zu was?»

«Na, zum Surfen. Damit gleitet man am Meer auf den Wogen...»

«Ich bin kein Tartar!» erklärte der Zolloffizier mit überraschender Respektlosigkeit vor einem sowjetischen Brudervolk, «mich interessiert, zu was Sie das haben?»

«Nun, zum... zum Surfen doch...»

«Nicht zufällig zum Verkaufen?»

Der Doktor stand vor dem Zusammenbruch. Überzeugt, daß jemand sie angezeigt hatte, schickte er sich schon an, zu seiner Entlastung lieber gleich alles zu beichten. Noch bevor ihm das Harakiri gelang, ließ der Uniformierte durchblicken, um was es ihm ging.

«Es fehlt in Ihrer Zollerklärung, wissen Sie das nicht?»

Im Doktor ging die Hoffnung wieder auf, vor Erleichterung brach er in unsinniges Lachen aus.

«Verzeihung, wir haben es total vergessen. Ich habe gänzlich verbummelt, daß es auch eine Wertsache ist... Sie glauben doch sicher nicht, wir wollten ein Ding wie ein Kamel unauffällig durchschmuggeln!»

Das Knochengesicht maß ihn wie einen besonders pfiffigen Filou.

«Was ich denke, ist meine Sache. Sie haben das Gerät nicht aufgeführt, so kann ich es auch konfiszieren.«

Die Aussicht hat den Doktor beinahe niedergeschmettert. Seine Frau wußte ihm nicht zu helfen, es ging ihr ähnlich. Übereinstimmend glaubten sie beide, daß ihre Reise hier endet. Sie wollte gerade vorschlagen, sie würden lieber umkehren, um daheim abzuwarten, bis das Vergehen geklärt ist, als sich zur Überraschung aller die Tochter meldete.

«Vati, ich habe es in Muttis Papier eingetragen...»

«Ich bitte dich, misch du dich nicht... was?»

«Verzeihung, aber ich habe das Surfbrett bei der Mutti aufgeführt», Magda sprach bereits zu dem Offizier, «ich wußte nicht, daß man es in beiden Formularen angeben muß.»

Er faltete das zweite Formular auseinander, nickte, drückte den Stempel drauf, sprach das Mädchen beinahe freundlich an, als hielte er nur sie hier für kompetent.

«Mach’s gut!»

Als sie einstiegen, zitterten des Doktors Knie, und er fühlte sich so geschwächt, daß er vorerst die Kupplung nicht durchzutreten vermochte. Sie waren um Haaresbreite einem Desaster entronnen! Er sammelte alle Kräfte, brachte endlich das Pedal nach unten, und in einer Minute waren sie am österreichischen Zoll. Im Exil! Er lehnte sich nach hinten und umarmte dankbar die Tochter.

«Magduška, dafür erfülle ich dir jeden Wunsch...»

Zur selben Zeit keuchte zur Grenze der ČSSR ein Bus, der ursprünglich mit fünfzig Südtschechen bis Samstag den Spuren der Arbeiterbewegung nachgehen sollte. Statt dessen bezeugten sie jetzt ihre Schmähung. Drei leere Sitze klagten darüber, und in der Karosse herrschte auch bei dem äußerst warmen Juniwetter, das über ganz Europa lag, eine Allerseelenstimmung.

Nur drei Männer haben daran geglaubt, daß ihnen die Buße, vorzeitig zur Schau gestellt, Ablässe in Form weiterer Ausreisen einbringen würde. Der Rest machte sich keine Illusionen, daß man je den Teil Europas wird erblicken dürfen, der nach der Meinung des «Lektors» im Kapitalismus hoffnungslos verfault, nunmehr die tschechoslowakischen Errungenschaften nicht einmal abwarten kann. Nur ein einziges Gehirn ratterte, dem Motor des Busses ähnlich, der den letzten Hügel Österreichs hinaufkletterte.

Josef Strniště wußte, er kann seine gesamte Zauberei vergessen, falls ihm jetzt kein befreiender Trick einfällt. Erwischt er seinen versteckten Umschlag nicht rechtzeitig, entdeckt man ihn bei der Durchsuchung, die sie zweifellos alle erwartete. Und die hatten genügend Mittel, um schnell festzustellen, wem die Bescherung anzukreiden wäre. Obwohl die Macht selbst schamlos stahl und schob, strafte sie das Vergehen gegen das Devisengesetz fast wie Meuchelmord. Sollte der Magier auffliegen, hätte er seine letzte Westreise erlebt.

Das Malheur bestand andauernd darin, daß die Lederjacke des Busfahrers über die mit einem Reißverschluß versehene Rückenlehne seines Sitzes hing, mit irdischen Mitteln konnte man zum Umschlagversteck nicht gelangen. Im übrigen war es genial gewählt. Auf der Hinreise hat auch keiner nach Schmuggelware in den heiligen Hainen des Stasi-Fahrers gesucht.

Sie ließen das Straßenschild Staatsgrenze 1 KM hinter sich, und dem Magier schwante es, er würde für den Rest seiner Tage wieder zum Koch werden, am ehesten zum Gefängniskoch. Bald hielten sie vor dem österreichischen Zollhaus an, in Sichtweite wehte die rot-blau-weiße Fahne der stiefmütterlichen Heimat. Der Reiseleiter trug das Pfand namens Pässe in das Gebäude, während der Lehrer zum letztenmal nach dem Mikrophon griff, und das Gedicht «Verläßt du mich, wirst du sterben» las, das, laut ihm, der Klassiker Dyk ahnungsvoll den künftigen verräterischen Emigranten gewidmet habe.

Der Zauberer, neben dem drohend des Gärtners Sitzplatz klaffte, betrachtete mit den Augen eines Ertrinkenden den Ort seiner letzten Chance. Neben der alten Baracke hat man eine neue Abfertigungsveranda mit riesigen Glasfenstern angelegt, nebenan befand sich ein Büfett im Aufbau. In Paletten warteten Ziegel, bis man sie vermauert. Josef Strniště wußte plötzlich genau, was zu tun sei, und verspürte jene fruchtbare Spannung wie vor den Spitzennummern seines Repertoires. Nur in diesem Zustand entsteht Kunst! flößte ihm der alte Toscani ein, als er sich auf seine alten Tage herbeiließ, ihm seine Tricks zu verkaufen gegen tägliche Abendmahlzeiten, die der Koch für ihn aus der Kantinenküche ins Henkeltöpfchen verschwinden ließ.

Das übrige war Routine, die ihm im Blut lag. Er mußte nur die Aufmerksamkeit des Publikums von der technischen Durchführung des Wunders so ablenken, daß niemand sie wahrnehmen konnte. So also hat er abgewartet, bis vor dem Zollhaus der Reiseführer erschien, von zwei Österreichern begleitet, mehr aus Höflichkeit als in der Absicht, die armen Schlucker einer ernsthaften Amtshandlung zu unterziehen. Da erhob er sich, und mit schallender Stimme, die das ganze Fahrzeug erfüllte und selbst zu den Männern draußen durchdrang, verkündete er.

«Schaut euch mal die Fratzen an!» er zeigte unmißverständlich auf die beiden Österreicher, «schaut sie euch mal an, diese aufgedunsenen Kapitalistenärsche und -mäuler!»

Sechsundvierzig Tschechen verspürten das gleiche Gefühl: Er ist verrückt geworden! Schon weil die Zöllner ausgesprochen schlanke Burschen waren.

«Die denken, sie würden uns ein paar faule Bananen oder Strümpfe andrehen, und wir machen uns vor Rührung gleich die Hose voll!»

Er hat seinen Sitzplatz verlassen und drang durch die Reihen versteinerter Reisender nach vorn, an dem nicht weniger schockierten Lehrer und dem Fahrer vorbei, stieß draußen den Reiseleiter zur Seite, schoß aus allernächster Nähe mit dem Finger auf die beiden Uniformen und brüllte sich die Lunge aus dem Hals.

«Die glauben doch tatsächlich daran, daß wir ohne ihre beschissenen Bananen und Behas nicht leben können! Sie hätten gern, daß wir wegen dem bißchen beschissener Modeslips unsere Heimat verleugnen!»

Die Österreicher standen wie Salzsäulen da. Aus dem Gebäude eilten Kollegen herbei, und die Mienen verrieten, daß sie ein solches Spektakel zum erstenmal erleben. Inzwischen hat der erschrockene Reiseleiter die Sprache wiedergefunden.

«Genosse, die da, die wollen es bestimmt nicht...»

«Einen Dreck werde ich leugnen!» tobte der Magier weiter, «ich schätze meine sozialistische Heimat, ich liebe sie, ich bin auf meine sozialistische Heimat stolz, der ganze Kapitalismus kann mich nun mal! Für den hab’ ich nur das hier übrig!»

Ehe noch jemand seine Absicht erraten konnte, rückte er zu dem nächstliegenden Ziegelhaufen vor, faßte beidhändig ein oben links liegendes Stück und warf es mit voller Wucht gegen die gläserne Auslage des Zollhauses. Die große Scheibe brach mit einem Knall in Scherben zusammen. Die Zöllner standen mit halbgeöffnetem Mund da.

«Hah!» johlte Josef Strniště siegesbewußt, «und genauso wird eines schönen Tages auch euer Scheißkapitalismus zusammenkrachen!»

Er griff nach dem zweiten Ziegelstein, an dessen Abwurf ihn jedoch der Busfahrer Dadák hindern konnte, der dabei ein Spezialtraining preisgab, so blitzschnell konnte er seinen dicken Wanst zu dem Irren hinbefördern und ihn mit einem Würgegriff unschädlich machen.

«Laß mich los, Genosse!» röchelte der Gewürgte, «ich bin stolz darauf, ein Tscheche zu sein, dir wird man es zu Hause noch beibringen!»

Der King Kong aus Budweis verfrachtete den machtlos Fuchtelnden im Schraubstock seiner Arme in den Wanderkäfig. Von dem Fahrersitz war der jedoch nicht mehr loszureißen. Er verspreizte sich mit Händen und Füßen, man hätte ihn zum Krüppel machen müssen, und das konnte sich Dadák hier doch nicht leisten, die Amtspersonen wären imstande, sie alle hierzulassen! Er lockerte den Griff und überließ das Agieren dem Reiseleiter, der draußen gegen die Herzschwäche und sein schwaches Deutsch ankämpfte.

«Er krank... wir ihn... bald heim...!»

«Moment mal!» besann sich die höchste der österreichischen Chargen mit Blick auf die Scherbenwüste, «zuerst ist der Schaden zu begleichen! Sie müssen einen ausreichenden Reparaturvorschuß hinterlegen!»

Damit die Tschechen verstehen konnten, zeigte er im internationalen Code mit Zeigefinger und Daumen, daß der Spaß sie teuer zu stehen käme.

«Aber wir...» jammerte das verdiente Parteimitglied, «nix Geld... alles futschi...!»

Dem Zollamtsvorsteher hat es gereicht.

«Dann muß eben der Täter so lange hierbleiben, bis die zuständigen Stellen die Schadenshöhe eruieren und die Geldstrafe bemessen. Jawohl: der Mann da drinnen!»

Jetzt peilte er auf die Entfernung den Hintern des noch immer zwischen den ersten Sitzen verspreizten und sich da mit Fingern, Ellbogen, Knien und Sohlen festklemmenden Magiers an. Seine Leute umzingelten inzwischen den Bus von allen Seiten. Den Reiseleiter ließ die Aussicht erzittern, er könnte noch eine vierte Seele verlieren.

«Der aber... muß doch mit...!»

«Sein Name!»

«Genosse Strniště... also Strniště Josef...»

Der Österreicher war Herr der Lage, hat den Namen sogar richtig nachgesprochen.

«Den Sternischtje-Paß hierbehalten! Und heraus mit dem Mann!»

«Genosse Dadák...», befahl der Reiseführer schlaff, «laß ihn los...»

Dieser gehorchte, Strniště jedoch wechselte nur den Griff und umarmte den Fahrersessel.

«Zu Hilfe!» randalierte er, «Genossen, schützt mich, ich will heim!»

Jetzt konnte er bequem die Linke unter die Lederjacke schieben, den Reißverschluß öffnen, das Kuvert herausnehmen und in seine Zaubertasche verlagern. Dann ließ er sich heraustragen. Und weil die Gunst des Augenblicks fortwährte, donnerte er weiter herum, zur Abwechslung auf deutsch, damit die Richtigen ihn verstanden.

«Meinen Koffer her! Ich möchte meinen Koffer haben. Gebt mir meinen Koffer heraus! Er liegt unten im Laderaum!»

Dadák mußte öffnen, und der Magier hatte wieder alles, was ihm gehörte. Zwei Grenzer hielten ihn zwischen sich fest, damit er keine Heimflucht versuchen konnte. Als ihre Kollegen den kleinlauten Rückkehrern ihre Pässe zurückreichten und Dadák den Motor anließ, hat sich der Zauberer mit einem wendigen Dreh von seinen Bewachern befreit, nahm Habachtstellung an und salutierte, wie der brave Soldat.

«Lebt wohl, Genossen, lebt wohl! Grüßt von mir die Genossen in Budweis! Richtet ihnen aus, daß ich auch hier ewig treu bleibe!»

Er wartete ab, bis die Budweisriege vom Vaterland verschlungen wurde, und dann, noch ehe man es vermeiden konnte, warf er sich auf den Boden. Zu ihrem Staunen küßte er den warmen Asphalt, wie der Heilige Vater unterwegs. Beim Aufstehen zauberte er den fetten Umschlag heraus, riß ihn auseinander und führte ein prächiges Banknotenbündel hervor, das er professionell durch die Finger fahren ließ, als mischte er Karten. Schillinge, Mark, Dollar und Franken flimmerten auf. Er drehte sich zu der erblindeten Wand des Zollamts und fragte, als hätte er im Restaurant zu zahlen.

«Meine Herren, was bin ich schuldig?»

13. Den selben Tag, 16.00

Das vergitterte Zimmer im ersten Stock des jugoslawischen Dienstgebäudes, in das man sie wortlos eingesperrt hatte, war mit Diplomen behängt, die die Grenzschutzeinheit für die beste floristische Ausstattung des Geländes, den ersten Platz in der Fußball-Divisionsliga und andere Friedensleistungen lobten. Für die drei war es ein Gefängnis, und Dora kamen alle vorangegangenen Erlebnisse des Tages wie eine Idylle vor, verglichen mit den zwei Stunden hier.

Milan spielte im Leben allzu oft Komödien, denen Dora zunehmend weniger Gewicht beimaß, ähnlich wie seinen Anfällen von Jähzorn. Er schaffte es leicht, scheinbar völlig zusammengebrochen, das Telephon zu übernehmen und mit einem Regisseur zu schwadronieren, der ihm eine gute Rolle anbot. In lichten Augenblicken nannte er das selbst «professionelle Deviation» und schämte sich dafür: Solange sich der Clown keine rote Nase aufgesetzt hat, soll er sich zivilisiert benehmen!

Jetzt, könnte sie schwören, täuschte er nichts vor. Er saß auf seinem Stuhl, sinnlos in die Mitte des Zimmers gestellt, so wie er sich darauf niedergelassen hatte, kaum daß das Türschloß eingeschnappt war, schaute vor sich hin und wiederholte nur dasselbe.

«Verzeiht mir... bitte, verzeiht mir...»

Sie litt gemeinsam mit ihm und noch stärker mit dem Kind, dem heute nichts erspart bleiben sollte. Sie selbst schöpfte Mut dadurch, daß sie ihn ermutigte. Zuerst versuchte sie, ihm auszureden, er habe sie alle für immer zugrunde gerichtet. Noch ist nichts passiert! Man kann sie nicht ausliefern, solange man sie nicht verhört hat, und man wird ihnen schwer beweisen können, daß sie sich nicht auch das zweite Mal verirrt hatten, sie beide sollten sich jetzt lieber klug verabreden, als daß sie sich abquälten! Er schien sie nicht zu hören.

Zum erstenmal fiel Dora ein, daß sie ihr Zusammenleben durch einen Irrtum verdarb, der ihr schon zu Beginn widerfuhr. Daß der Rädelsführer, den er vor der Welt so überzeugend darstellte, bis auch sie daran glaubte, nicht er war und auch niemals gewesen ist. Es war ihr plötzlich unbegreiflich, daß sie sich ihm so auslieferte, obwohl er, sobald er zu Hause mit ihr allein blieb, oft sich selbst nicht helfen konnte. Ein Herrschaftssöhnchen, hörte sie die Mutter sagen, verwöhnt und egoistisch, halt ihn dir vom Leib... Sie tat es nicht, und jetzt mußte auch Petřík dafür büßen...

Sie zerriß den Gedanken und warf ihn weg wie eine unheilbringende Nachricht, die eine ohnehin schlechte Lage nur noch verschlimmert. Mit den Augen bat sie den Sohn, der schon wieder den Tränen nahe war, daß er jetzt zu all dem nicht auch noch loslegt, und zu Milan wiederholte sie, sie wußte nicht mehr, zum wievielten Mal, damit es zu seinem blockierten Gehirn endlich durchdrang.

«Wir haben dir nichts zu verzeihen. Wir sind doch deine Familie!»

«Nein!» sträubte er sich in einer Aufwallung von Selbstpeinigung dagegen, «ich dachte nur an mich selbst! Nur und nur an mich!»

«Aber nicht doch! Wir wollten auch mit... wollen doch nach wie vor!» verbesserte sie sich schleunigst, «Petřík freut sich schrecklich auf die Indianer, nicht wahr, Petřík?»

Der Sohn nickte, unkindlich ernsthaft. Ihr kam es vor, als hätte sie zwei Kinder, das größere schüttelte verzweifelt den Kopf und tat sich selbst leid.

«Ihr werdet bis zum Tode in Böhmen gefangen sein... und ich kehre die Straßen!»

«Milan! Wahrscheinlich verhört man uns hier bloß und läßt uns dann laufen! Und wenn nicht, wir sind noch jung genug, es kann sich noch so viel ändern. Laß uns froh sein, daß wir zusammen und gesund sind...»

Ihr Kredo hat ihn anfangs bezaubert und später abgestoßen, durch das, wie er es am zahmsten nannte, ihrer unwürdigen Primitivität. Jetzt hoffte Dora sogar, er würde in Wut geraten, auch das könnte ihm aus diesem psychischen Tief heraushelfen. Doch selbst das blieb aus, Milan schien tatsächlich am Ende zu sein.

Auch plötzliche Schritte auf dem Gang und der Schlüssel im Schloß brachten nichts, obwohl Milan es haßte, die eigene Schwäche Fremden vorzuzeigen. Er hat sich nicht einmal dann bewegt, als Breschnew in das Zimmer trat. Der Neuankömmling, wenn auch viel jünger, ähnelte dem Kremlherrscher fatal bis zu den wild zusammengewachsenen Augenbrauen, den Eindruck schwächten nur absurde Requisiten ab: In der Hand hielt er einen Motorradhelm, und beide Lederjackentaschen quollen über von zwei Flaschen gelblichen Schnapses. Er sprach sie langsam und deutlich an, ob das nun kroatisch, serbisch oder slowenisch war, sie konnten ihn verstehen.

«Wohin ging die Reise?»

Der Ton und das Auftreten verrieten einen Soldaten. Der Schauspieler raffte sich endlich auf. War es ein Verhör, so lag nun alles an ihm.

«Nach Prag...»

«Über Österreich? Mit den grauen Pässen?»

«Nein, über Ungarn!»

«Dort», nickte Breschnews Doppelgänger zum Fenster, hinter dessen Gitter sich wie eine Fata Morgana die grünen Hügel der freien Welt abzeichneten, die sie aus dem Auto kurz gesehen hatten, «liegt aber Österreich.»

«Wir haben uns verfranzt.»

«Heute zum zweitenmal!»

Der Schauspieler stand wieder auf der Bühne, glaubwürdig wie eh und je.

«Es tut mir wirklich leid. Wir waren die ganze Nacht unterwegs, und ich mußte allein am Steuer sitzen, es waren beidesmal Fehler aus Müdigkeit. Dürfen wir endlich nach Hause?»

«Sie müssen sogar. Ihre Behörden bestehen darauf, daß wir den tschechoslowakischen Bürgern, die sich auf diese Art verfranzen, ihre Reisepapiere abnehmen und in die Botschaft schicken, wo sie sie persönlich abzuholen haben.»

«Aha...» Milan ließ es unkommentiert, er wartete, was kommt.

«Ihre Behörden werfen uns vor, wir machen ihren Staatsangehörigen gesetzwidrige Heimatflucht möglich. Unsere Republik hat genug eigene Probleme und kann sich keine neuen leisten.»

«Jawohl...»

«Sodann.»

Breschnews Linke fuhr in die Jackentasche und wühlte darin unter der Flasche. Dabei verlautete er teilnahmslos.

«Sie nehmen den kürzesten Weg nach Beograd. Da werden Ihre Behörden schon dafür sorgen, daß Sie sich nicht weiter verfranzen.»

«Das ist doch schrecklich weit. Ich habe morgen in Prag eine Fernsehprobe!»

«Bei Ihnen gehen die Ferien zu Ende? Bei uns fangen sie erst an.»

Inzwischen stellte er eine der Flaschen auf den Tisch und fischte aus der Tasche eine Apfelsine. Er reichte sie dem Kind.

«Nimm...!»

Petřík regte sich nicht.

«Probier doch mal!» sagte der Mann freundlich.

«Hörst du, du sollst mal probieren...!» redete ihm Dora zu.

Er griff nach der Frucht, stand aber da wie ein Häufchen Unglück.

«Und sag auch danke schön!» ermahnte sie ihn.

«Danke schön...» piepste er, und nichts weiter.

«Iß doch», sagte Dora, «du hast Hunger!»

Sie schälte ihm die Orange und teilte sie in Scheibchen, die sie dem Kind in den Mund schob. Die drei Erwachsenen schauten schweigend zu, wie er aß. Seltsam, dachte sich Dora, ich verspüre kaum den Duft. Ähnlich wie Milan mußte auch sie so aufgeregt sein, daß ihre Sinne gefährlich abstumpften.

«Falls Sie sich aber nicht wieder verfranzen wollen», sagte der Jugoslawe unerwartet, «gebe ich Ihnen eine Adresse hier in der Nähe, da werden Sie gut beraten.»

Sie schauten ihn verständnislos an.

«Man hat dort bereits viele Ihrer Landsleute gut beraten. Niemand hat sich bislang beschwert. Sind Sie interessiert?»

Der Schauspieler, durch seinen Mißerfolg benommen, verstand immer noch nicht, dafür aber Dora.

«Ja, natürlich sind wir das!»

Der Unbekannte mit dem bekannten Gesicht zog jetzt ein Papier aus der Brusttasche. Übersichtlich war darin eine Route eingezeichnet. Er legte noch ihre beiden Pässe dazu, ohne die grünen Hüllen; aus dem oberen schaute wieder der Hundert-DM-Schein heraus. Er stellte zu der ersten Flasche auch die zweite und lächelte zum erstenmal.

«Das ist kein Sliwowitz. Das ist Benzin. Ihr Wagen steht vorn beim Bistro, und die neue Schicht im Dienst kennt Sie nicht. Gute Reise!»

Sie nahm die Banknote aus dem Paß und reichte sie ihm wortlos; vor Rührung konnte sie nicht sprechen. Er lehnte ab und machte ihnen die Tür auf.

«Bei der Rückkehr.»

14. Den selben Tag, 16.30

Der Korporal erkannte sich nicht wieder. Er wußte, daß er seine Ansicht ändern kann, falls ein Irrtum vorläge, doch er ahnte nicht, daß es so schnell vonstatten gehen könnte. Seit dem Augenblick, da der Gedanke in ihm wie eine Automatenmünze klickte und ihn mit seinen alten Zweifeln verband, änderte sich seine Einstellung zu dem aufmüpfigen Schnitter gründlich. Als er beim Gulasch in seine spöttischen Augen schaute und neue Boshaftigkeiten zu hören bekam, begann der Mann ihn gleichermaßen anzuziehen, wie er ihn noch heute früh gefuchst hatte.

Er war sich gewiß, daß der Tscheche abhauen wird, sobald er die erste Gelegenheit wittert, und als die Sonne auf das österreichische Ufer wechselte, das jetzt wie auf einem Reiseprospekt erstrahlte, fragte er sich, warum das gleiche bislang nicht ihm eingefallen war. Seit langem glaubte er nicht mehr an das Gewäsch aus der politischen Schulung, das man höchstens noch Schwachköpfen auftischen konnte, nur Agenten und Kriminelle würden die Republik verlassen. Er selbst hatte doch entfernte Verwandte, die nach dem Krieg, dem Februar 48 und August 68 geflohen waren und jetzt als hochwillkommene Landsleute auf Besuch kamen, denen man hier gern von ihren Devisen abhalf.

Außerdem war der Korporal längst der Meinung, die Menschen sollten das Land selbst wählen können, in dem sie leben und sterben möchten. Nun verhalf ihm dieser trotzige Sensenmensch zu der Entdeckung, daß es eigentlich eine Art Verbrechen ist, die eigenen Bürger in der Heimat wie im Knast zu halten. Bei der Vorstellung, daß er jetzt auf jemanden schießen sollte, der sich hier den Weg zur Freiheit freimähte, war er dem Ersticken nahe, und Empörung kam in ihm hoch auf die Bonzen Marke Scherg, die ihre Soldaten vor die Wahl stellten, zu Mördern oder zu Häftlingen zu werden. Er verspürte Lust, es ihnen zu zeigen.

Wie er jedem, der es wissen wollte, versicherte, er habe genug Zeit für Mädchen wie auch für die Hochschule, wurde ihm jetzt obendrein klar, daß er auch Zeit fürs Wandern habe! Sein Großvater und dessen Brüder haben vor dem Krieg in Pest und Wien geschuftet, wohin sie von zu Haus mit der Straßenbahn fahren konnten, und alle sind danach ans größere Geld und zu höheren Ehren gekommen als die Faulpelze, die nirgendwohin wollten. Sollte nicht auch er, solange sich hierzulande ohnehin nur Füchse und Hasen Gute Nacht sagten und die Schergs mit den senilen Jugendverbändlern herumkommandieren, einen Ausflug in die Welt machen, von der ihn kaum zwei Dutzend Schwimmzüge trennen? Auch Schülerchampion im Kraulen war er gewesen!

Und sollte man ihn in Abwesenheit wegen Fahnenflucht verurteilen, so ließen ihn alle die immer wiederkehrenden Verhaue tschechoslowakischer Geschichte hoffen, er könnte noch vor seinem Dreißigsten wieder zurück sein, rechtzeitig genug für eine Heirat in der Heimat. Als ein fertiger Mann, wohl bemerkt, der es in einer fremden Welt und Sprache gemeistert hatte. Er kannte ein paar Brocken Ungarisch, war durch das Wiener Fernsehen geschliffen, hatte einen bulligen Willen und vor allem Zeit, Zeit, Zeit! Seine dreiundzwanzig Jahre erschienen ihm wie ein Rammbock, mit dem er jedes Tor aufreißen wird.

Er hat einmal einen Kulturfilm gesehen: Korn in der Nährlösung, einmal pro Stunde aufgenommen, wuchs vor den Augen der Zuschauer in einigen Sekunden zur reifen Ähre. Ähnlich schien ihm die Entscheidung, die in ihm erst heute aufging. Zuletzt tauchten in seinem Gedächtnis auch Verse wieder auf, die einzigen, die er je auswendig gelernt hatte, weil ihm der langnasige Held so imponierte, der sie auf der Bühne sprach.

Wir fliehen vor weichlichen Betten

Und sammeln kein Geld in der Truh’

Wir pflegen das Haar nicht zu glätten

Wir lieben und zürnen im Nu

Wir halten zusammen wie Kletten

Und gilt es zu kämpfen, zu retten

Dann kommen wir gerne dazu

Wir sind die Gascogner Kadetten...

Nachdem er durch das Pförtchen zurückgekehrt war und der Schnitter sich an den Rest der Wiese gemacht hatte, beschäftigte den Korporal nur eine einzige Überlegung: Wie?! Dieser Mensch hatte ohne ihn keine Chance, doch auch er wird genug Probleme haben: Als den zweiten Mann nahm er natürlich einen, der am tüchtigsten aussah. Das könnte sich jetzt an ihm rächen. Der Neuling war schon einen Schuß Pulver wert, seit dem frühen Morgen hat er dem Korporal vorgeführt, was für ein toller Bursche er sei, nicht einmal in der Mittagshitze bat er um Erlaubnis, die Bluse ablegen zu dürfen, die MP trug er ununterbrochen vorschriftsmäßig, so konnte er im Nu schießen. Er glühte spürbar vor Verlangen, sich eine Woche Urlaub zu erschießen. Würde er vierzehn Tage bekommen, wenn er sie alle beide erlegt?

Bald hat er zwei Köpfe gehabt. Im einen lief die Gegenwart, im anderen die Zukunft ab: Lebhaft stellte er sich vor, wie der Riese plötzlich die Sense fallen läßt, nach drei Zickzacksätzen kopfüber in den Fluß springt, währenddessen er das Magazin ins Wasser wirft, da er weder mit seiner Waffe flüchten noch aus ihr abgeknallt werden möchte, und dann allein im munteren Strom zu den Fischerbuden hinüberkrault, wegen des häufigen Hochwassers auf mannshohe Pfähle gestellt; wie er mit dem Tschechen in das Jungholz hineinwatet, den österreichischen Zöllnern entgegen, die hier gegen fünf promenieren; auf der ausgetrockneten Zunge verspürte er sogar den bitteren Geschmack des Weins, mit dem sie beide am Abend auf Brüderschaft anstoßen werden.

Gleich morgen früh wird er sich zu einem Deutschkurs melden und ab Herbst auf die Hochschule. Für die Eltern der Flüchtlinge galt ein Gewohnheitsrecht, sofort zu einem «Überredungstrip» anzutreten; er traute sich zu, die Tat vor der Familie erfolgreich zu verteidigen, um so mehr, als ihr daraus kaum Unannehmlichkeiten erwachsen würden. In der Slowakei nahm man auch das sportlicher als in Böhmen.

Den ersten Kopf zerbrach er sich über dem Problem, wie er sich von seinem Milchbart loseisen könnte, um ein schlimmes Malheur zu vermeiden. Ihn unter irgendeinem Vorwand wegschicken? Ihn sofort zu entwaffnen? Blödsinn! In beiden Fällen könnte der Streber, falls sich ein Schräubchen in seinem Gehirn lockerte, eine Garbe rausjagen, er läuft ja entsichert herum! Ihm in die Eier zu treten? Das kam für ihn nicht in Betracht, er wäre unfähig, einen Jungen gemein anzufallen, der ihn für einen Kameraden hielt. Jesusmariajosef! haderte er schon wieder mit dem Himmel, wie mach’ ich’s nur?

Dann gewann der Selbsterhaltungstrieb die Oberhand: Ein paarmal hat er heftig mit dem Kopf von links nach rechts und zurück gezuckt, ähnlich wie auf Nachtposten, wenn er gegen das Einschlafen ankämpfen mußte. Der Fahnenfluchtfilm riß sofort ab. Der Korporal stand auf der Wiese unter dem Felsen, wie so oft vorher, hundert Meter entfernt schob Masopust Wache, und zwischen den beiden rückte Schritt für Schritt der emsige Arbeiter gegen das letzte Geviert des hohen Grases vor. Alles in Butter wie sonst auch! mit der üppigen Phantasie würde er sich bald Rat wissen: Abends einen Ausritt nach Břeclav und einen Meter Bier im Nationalhaus; vielleicht hat Hanka, die flotte Kellnerin, Dienst, die ihm so anständig vorkam, dann geht er mit ihr danach in den Stadtpark, und morgen hat er wieder nur einen einzigen Kopf, einen ganz normalen.

«Genosse Korporal...!»

Es war sein Masopust.

«Ja...?»

«Ich muß mal!»

Er traute seinen Ohren nicht.

«Wie?»

Über die ganze Wiese hin rief der Soldat schuldbewußt.

«Groß...»

Was nun? überlegte der Korporal. Der Junge hielt das Schweigen für eine Ablehnung und entschuldigte sich unglücklich.

«Wahrscheinlich Dünnschiß...»

Der Himmel hat sich inzwischen weiter ganz tüchtig bemüht: Unter der ersten Bude jenseits des Flusses tauchten zwei österreichische Zöllner auf. Der Tscheche starrte ihn gespannt an. Den Korporal quälten jetzt keine Zweifel mehr. Er befehligte wie ein General.

«Wegtreten, zu dem Dingsbums da... zum Weidengebüsch... daß nicht gleich die halbe Welt sieht, wie Sie scheißen! Und sichern Sie die Schußwaffe, sonst treffen Sie noch den eigenen Arsch!»

«Zu Befehl!» rief der Junge ganz nach Vorschrift und sauste los, wohin ihm befohlen wurde.

In voller Kühle schätzte der Korporal ab, wann der Mann da die Hose runterläßt. Man hatte jetzt mindestens eine Minute Zeit. Wie vorher in Gedanken, riß er das Magazin der MP heraus und schlug die Patrone aus dem Lauf. Der Halbkreis der Felsen verstärkte den metallenen Klang. Der Schnitter erstarrte mitten im Schwung, doch nichts weiter. Der Korporal zeigte zum Fluß.

«Na, mach doch!» zischte er dem anderen zu.

Der Kerl blieb stehen, als wären ihm vor Schreck die Beine gefesselt. Mein Gott, erschrak auch der Korporal zu spät, ein Provokateur...? Er warf die MP weg und brach allein zum Fluß auf.

«Renn!» schrie er dem Mann zu, «lauf doch!»

Am Ufer stieß er mächtig ab und holte aus, vereinte Sprung und Wurf. Das Magazin hörte er noch vor dem anderen Ufer ins Wasser plumpsen. Nach einigen Zügen drehte er sich um und war baff: Der Tscheche schmiß zwar die Sense hin und spurtete zum Fluß, doch gleichzeitig johlte er zum Weidengebüsch.

«Alarm! Er türmt!»

Er hatte die liegende Waffe erreicht, und der Korporal konnte im Fluß noch die Sperrklappe hören, o Gott! hat er wieder mal unwillkürlich gebetet, gib, daß er die scharfe nicht findet... damit er richtig reagieren konnte, wechselte er in die Rückenlage und sah seinen Rekruten, wie er unglaublich schnell auf das Ufer zurannte, die Hose mit einer Hand hochhaltend, darum konnte er noch nicht schießen, obwohl der Saukerl von Schnitter, gewiß ein getarnter Offizier auf Grenzkontrolle, jetzt wie Scherg brüllte.

«Feuer, verdammte Scheiße, pump ihn voll mit Blei!»

Masopust, der endlich kapierte, daß er die zweite Hand braucht, blieb stehen und ließ seine Hose fallen, die zwar bis zu den Knobelbechern herunterrutschte, ihn aber nicht mehr am Schießen hinderte. Vor dem Korporal lag das unterhöhlte Ufer, das er nun hinaufklettern mußte, er spürte es jedoch in den Knochen, daß der Schuft, Österreich hin oder her! gleich loslegen wird, komisch, erfaßte er noch, daß ich jetzt, statt vor denen Angst zu haben, auf mich selbst wütend bin... Da erschien der Schatten.

Einer der dickleibigen ältlichen Zöllner, von den tschechoslowakischen Cowboys spöttisch «Grufties» genannt, sprang nun flink vom Ufer ins Wasser zum Korporal hinunter, riß ihn beinahe um und machte die molligen Arme vor ihm breit.

«Hooolt!» fast jodelte er aus voller Kehle zur tschechischen Seite, «Se zül’n auf österreichiches Gebiet! Se begeh’n a strafbare Grenzverletzung!»

Die drüben wurden zum lebenden Bild. Und der Korporal konnte über den Fluß hin den schluchzenden Masopust hören.

«Mist... so ein Mist...»

Er kroch das Ufer hinauf, der andere Österreicher half ihm dabei, der Korporal glaubte, man habe ihm von oben eine komplette Schutzengelpatrouille geschickt. Auf dem Weg zum Jungholz deckten ihm die Zöllner den Rücken, und er hatte endlich Zeit, sich darüber klarzuwerden: Anton Vágner, heute morgen noch im Jugendverband und in der Armee, war jetzt Deserteur und Emigrant.

15. Den selben Tag, 17.00

Als Karel Markalous aufwachte, kannte er sich weder in der Zeit noch im Raum aus. Obwohl er vor sich hinstierte, nahm er nur Dunkelheit wahr. Er dachte, er sitze noch in jenem feuchten Keller, und er fürchtete sich ungemein, daß er am Morgen sterben muß.

Am vorigen Tag sind durch das Glasstädtchen an der Sávaza deutsche Einheiten durchgezogen, die amerikanischer Gefangenschaft zueilten. Es war nicht mehr die schreckenerregende Kraft, die letzten Pimpfe legten eilends die Schußwaffen vor den hiesigen Feuerwehruniformen nieder. Sie berichteten, die Rote Armee rolle dicht hinter ihnen her, und die Stadt steckte gleich Fahnen heraus, die morschen, dreifarbigen Flaggen der Tschechoslowakischen Republik. Die Radionachricht über den Prager Aufstand hat mehrere Mannen samt Karels Vater veranlaßt, vor und hinter der Brücke Barrikaden zu errichten.

Auch der kleine Karel bewaffnete sich: mit einem wackeligen deutschen Stahlhelm und verrostetem Bajonett, Besseres hatten ältere Jungs gegriffen. Am Nachmittag jedoch kamen statt russischer Panzer die mit dem Hakenkreuz: SS-Eliteeinheiten aus Benešov, auf der Suche nach der letzten Lücke. Die Barrikadenkämpfer ergaben sich ohne einen einzigen Schuß der Übermacht, wurden gezwungen, die Durchfahrt freizumachen, und danach in den Keller der Feuerwache hineingepfercht, mit dem Versprechen, daß man sie morgen früh, sobald die Division drüben ist, zusammen mit der Brücke in die Luft jagen würde. Die verwilderten Deutschen sperrten den Zehnjährigen zu ihnen. Trotz der Todesangst schlief er bald vor Müdigkeit ein.

Auch damals wachte er im Dunkeln auf, und er vergaß später nie, wie ihm Tränen über die Wangen rannen bei der Vorstellung, daß er nach einem Weilchen in Stücke gerissen werden sollte und nie mehr ins Kino, zum Angeln oder sonstigen Freuden der Kindheit könnte, ja, damals erschien ihm selbst die Schule ein Paradies...

In der Morgendämmerung hat die Gefangenen zum Glück ein SS-Offizier übernommen, der sein Leben nicht mehr dadurch komplizieren wollte, daß er sich noch in den letzten Stunden des Krieges auf die Verbrecherliste setzte. Zuerst hat er Karelchen mit den Worten entlassen, mit denen Augenzeugen ihn ewig geneckt haben.

«Ein kleines Kind spielt nicht im Hochwasser!»

Langsam kam er nun zu sich und begriff, wo er sich tatsächlich befand und was er da suche. Der Schlaf kam ihm bestens zugute. Keine Spur von Alkohol, und was nicht weniger wichtig war, keine Gewissensbisse. Bald wird er doch Zdena überzeugen, daß sie ihm unrecht tat, und die kleine Zuzi, daß sie einen braven, jawohl! Opa hat, denn es kommt doch nicht auf den Titel an. Eine leichte Ermattung der Glieder erinnerte ihn an den Liebeskampf, bei dem er besser bestanden hatte, als viele Jüngere es schaffen würden. Und sein ausgeruhtes Gehirn war begierig, wieder auf vollen Touren in Sachen Glas und Zukunft zu laufen.

Die Dunkelheit wurde von den schweren Vorhängen künstlich erzeugt, und Gerda war pünktlich, es konnte also noch nicht Viertel nach drei sein... fünfzehn siebzehn! lächelte er, als ihm das kindische Lizitationsspiel in den Sinn kam. Genüßlich streckte und reckte er sich, bereitete sich geistig darauf vor, was ihn erwartete.

Von seinem Vertrag hatte er eine präzise Vorstellung, und er leitete sie über Gerda beim letzten Wiener Besuch nach Hongkong weiter; Gerdas Postkarte, mit abgesprochenem Grußtext, hat ihm nach Prag das Ja der Firmenleitung bestätigt. Er setzte keine Komplikationen voraus, der Inhalt des Umschlags müßte die Leute selbst in seiner unvollständigen Fassung überzeugt haben, daß sein Angebot dem Verlangten entsprach. Unerfreulich war nur die neue Trennung von ihr, doch er hat schon Schlimmeres überlebt als vierzehn Tage luxuriöse Einsamkeit in der Metropole der Sünde. Übrigens konnte er sich aus diesem Grund am Anfang ganz und gar seinem Job widmen, und um so mehr würde er dann Zeit für sie haben. Spätestens im August möchte er sich seinen Traum erfüllen: einen Urlaub auf Tahiti.

Er machte das Licht über dem Bett an, um das Zifferblatt seiner Uhr abzulesen, und war schockiert: zehn Minuten vor fünf! Gleichzeitig ertönten die Kirchenglocken von Wien. Na klar, sie war schon hier und ließ mich weiter süß schlafen! Er sprang aus dem Bett und zog die Gardinen auseinander. Die großen Fensterscheiben führten auf das Herz der Stadt, hinter dem blühenden Stadtpark zogen sich die stolzen Portale der Paläste am Ring dahin, und über all dem zeigte der schlanke Finger des Doms in den Himmel. Die Sonne stand noch hoch, der längste Tag des Jahres doch!

Er drehte sich um und suchte nach einer Nachricht. Als er nichts fand, zog er sich schnell an, damit er gleich aufbrechen könnte, sobald sie erschien. Widerwillig schlüpfte er in das alte Oberhemd, über frische verfügte er nicht, weil sich der Koffer bei den verflossenen Landsleuten befand; er mußte gleich noch zumindest zwei neue kaufen und Wäsche für die Reise, bevor er sich in Seide kleidet, die in Hongkong für ein Spottgeld zu haben sei. Sofort wollte er auch etwas Tolles für Tochter und Enkelin aussuchen, Gerda wird gern ihm mit Rat und Tat beistehen, auch den Versand besorgen. Schmeißt Zdena alles trotzig weg, ist es ihre Sache!

Als er fertig war, schlug es fünf, und er verspürte Unruhe. Ist ihr was passiert? Er zog sein dünnes Telephonbuch, fand ihre hiesige Nummer, unter einem fiktiven tschechischen Namen chiffriert, tippte sie in den Tastenapparat ein und wartete. Ein Piepston meldete sich, als hätte ein Papagei abgenommen, und eine metallene Stimme wiederholte den automatischen Text.

«Kein Anschluß unter dieser Nummer... Kein Anschluß...»

Anscheinend hat Gerda das Telephon schon abgemeldet. Und was sollte sie zu dieser Stunde im fernen Grinzing suchen? Ihre Chefs müssen sie aufgehalten haben. Irgendeine Komplikation? Die Firmennummer hatte er sich vorsichtshalber nie notiert; im Fach des Telephontischchens lag das vierteilige Fernsprechbuch. Da erinnerte er sich, daß die hiesige Vertretung des Chinaglass ihren Sitz bei einer anderen Firma hat, um die er sich bislang nicht gekümmert hatte, da die Kontakte allein Sache der auffällig unauffälligen Gerda bleiben sollten.

Er entschloß sich, für alle Fälle ein paar Tausender abzuheben, und lobte Gerda für die Idee, das Geld auf ein Postsparbuch einzuzahlen, eine Post findet man überall. Auf das Hotelbriefpapier kritzelte er die Nachricht, er komme sofort zurück, sie solle hier warten; er legte es auf den Teppich an der Tür. Als er sie hinter sich zuschlug, durchfuhr es ihn: Er hatte keinen Schlüssel. Und wunderte sich gleich: Sie hat ihn doch eingesperrt, wie kam er also raus? Ach! beruhigte er sich, es ist ein Hotelschloß, hier kann man immer öffnen.

Für einen Ersatzschlüssel mußte er jetzt in die Halle hinunterfahren und dort einfach melden, er sei der Gast im Appartement 1213, von Frau Gerda Vargasz bestellt und zu bezahlen. Dabei blitzte es ihm durch den Kopf, sie könnte bei der Bestellung die Telephonnummer der Firma angegeben haben, und er fragte, ob er den Auftrag sehen könne. Die Empfangschefin blätterte zuvorkommend im Ordner nach, doch dann stockte sie.

«Wer soll zahlen?»

«Frau Gerda Vargasz», wiederholte er.

«Hier steht aber ein ganz anderer Name.»

«Der Firma vielleicht!»

Noch immer hat sie ihm das Papier nicht überreicht und studierte es weiter.

«Heißen Sie Marka-luss?» fragte sie; den Doppellaut «ou» kannte die deutsche Sprache nicht.

«Markalo-us!» verbesserte er sie, wie er es hier gewöhnt war, »Ingenieur Karel Markalous.»

«Das stimmt, aber das ist auch schon alles. Die Bestellung kommt aus Prag, und hier steht, Sie zahlen selbst.»

«Ausgeschlossen!» erwiderte er heftig, daß er hier wohnen würde, wußte er selbst heute früh noch nicht.

Da dämmerte ihm, daß das Ministerium, das Prager Unterhändler stets im Hotel «König von Böhmen» einquartierte, zur Vertragsunterzeichnung ausnahmsweise diesen Luxus bestellt haben könnte. Als lauerten hinter ihm bereits Štrasmajer und Co., drehte er sich rasch um. Da standen sie nicht, zum Glück, aber es konnte ihn noch nicht beruhigen. Sie reichte ihm den Papierbogen, und er starrte auf eine Reservierung der Monopolgesellschaft GmbH Glasimpex, die für den 21. 6. 1983 eine Suite für Ing. Karel Markalous bestätigt, von dem Gast persönlich bar zu bezahlen, unterzeichnet Ing. K. Markalous.

Wüßte er nicht genau, daß er das nie unterschrieben haben konnte, müßte er sich jetzt für einen hoffnungslosen Sklerotiker halten. So aber wurde er von Panik ergriffen: Was soll das alles? Der erfahrenen Rezeptionistin war seine Verwirrung nicht entgangen. Sie wurde aufmerksam.

«Irgendein Problem?»

«Nein, nein! Ein Fehler meines Sekretariats, nichts weiter...!»

Im Handumdrehen hatte er eine neue Erklärung. Natürlich! Gerda entschloß sich zu dieser Fälschung, um seine neue Verbindung nicht vorzeitig zu verraten. Daß sie nicht dazu kam, es ihm zu sagen, war schließlich seine Schuld. Erleichtert lächelte er der Frau zu und verließ das Thema mit der Frage nach dem nächsten Postamt. Sie zeigte ihm gleich zwei auf dem Hotelstadtplan und fragte nicht weiter. Als er sich jedoch in der Drehtür umwandte, sah er, wie sie, die Ordre in der Hand, mit jemandem telephoniert.

Schnell schlug er sich das Bild aus dem Kopf; jedenfalls besaß er das Sparbuch! Und er muß sich ohnehin daran gewöhnen, nicht mehr der alte Klinkenputzer zu sein, sondern internationaler Spitzenfachmann, der nur in den teuren Hotels absteigt und natürlich auch selbst zahlen kann. In Gedanken vertieft, verirrte er sich und nahm dann mit einer kleinen Post in der Nähe der Oper vorlieb, wo er am Schalter ziemlich lange warten mußte, die Betriebsboten brachten die Tageskasse und Massensendungen. Vor Nervosität und Hitze wurde seine Kehle trokken, die Stimme versagte beinahe, als er endlich die Beamtin fragen konnte, ob er von seinem Sparbuch einen höheren Betrag abheben könne. Er mußte es wiederholen.

«Je nachdem», meinte sie dann, «wie hoch?»

«Zehntausend...»

«Die haben wir bestimmt da.»

Falls es Ironie war, klang sie höflich. Sie schob ihm ein Blatt zu.

«Schreiben Sie das Kennwort drauf!»

Mit einem Kugelschreiber, an der Kette diebstahlgesichert, setzte er in Blockschrift Sex. Sie strich es quer durch und gab ihm das Papier zurück.

«Sie müssen sich bessern.»

«Wie...?» er verstand sie nicht.

«Das Kennwort lautet anders!» erklärte sie schon ein wenig ungeduldig, eine neue Schlange bildete sich hinter ihm.

Er rief sich die Worte vom Mittag in Erinnerung, noch glaubte er, etwas verwechselt zu haben.

«Liebe!»

«Nein.»

«Ich weiß schon: Glas...»

«Nein.»

«Gerda?»

«Es tut mir leid.»

Er wurde rot, dieses Ratespiel stempelte ihn zum Betrüger, doch er sah nicht danach aus, und die Beamtin schien bereits Mitleid mit ihm zu haben, vielleicht auch seines tschechischen Akzents wegen. Leise, daß die anderen es nicht hörten, versuchte sie, ihm vorzusagen.

«Offensichtlich ebenfalls ein Name... ein fremder...»

«Markalous! O-u...»

Sie schüttelte den Kopf. Mehr konnte sie ihm nicht helfen. Er hielt sich jedoch an seiner letzten Hoffnung fest.

«Ich habe das Sparbuch erst heute mittag bekommen, man hat sich vielleicht vertan. Was nun?»

«Den Einzahler kennen Sie?»

«Natürlich.»

«Fragen Sie also nach. Die Telephonzelle ist dort.»

Und streckte die Hand nach einem Stoß Einschreibebriefe aus, die ihr der hinter Markalous stehende Bote aufdrängte.

«Danke...» sagte er niedergeschmettert, «ich hole mir bloß die Nummer...»

Er entfernte sich langsam, sie rief ihm nach.

«Ihr Sparbuch.»

Er kehrte zum Schalter zurück, steckte es ein und ging wie betäubt auf die Straße hinaus. Nein... das alles... es muß doch ein Traum sein, eine Fortsetzung des Kellertraums... Das bestätigte sich, als er auf dem Rükken eines Zeitungsverkäufers, der soeben an der Ecke aufgetaucht war, sein eigenes Porträt erblickte! Er kam näher und sah die Titelseite der Abendausgabe, in eine Sichthülle gesteckt.

Flucht oder entführung? fragte die daumendicke Schlagzeile. Unter einem Agenturphoto, gewiß während eines der vorherigen Besuche geschossen, meldete ein fetter Untertitel: Tschechoslowakischer delegationschef vermisst.

Er blieb stehen. Wenige Meter von ihm entfernt fing ein Leierkastenmann mit Melone an, die Kurbel zu drehen. Der breite Boulevard, in eine Fußgängerzone verwandelt, quoll über von eilenden und flanierenden Menschen, über deren Köpfen wie ein bizarres Luftschiff eine Traube grellfarbener Luftballons in Häschenform schwebte... immer schon wollte er sowas Zuzi mitnehmen, jedesmal aber schämte er sich, wie er wohl damit an der Grenze dastehen würde, erst jetzt fiel ihm ein, daß er hier das Gas herauslassen und es zu Hause im Labor wieder einfüllen konnte... in der anbrechenden Dämmerung wurden langsam die Neonschriften sichtbar, begleitet von der suggestiven Filmmelodie aus dem «Dritten Mann». Hoch darüber schien der bis dahin blasse Mond an der Turmspitze anzulegen.

Als er hier zum erstenmal war, vor mehr als zwanzig Jahren, drängte sich zu Füßen des Turms eine schaulustige Menschenmenge und blickte gespannt zu den Wasserspeiern empor, an die sich in schwindelerregender Höhe eine menschliche Gestalt klammerte. Er hatte damals keine Zeit herumzulungern, im übrigen litt er seit frühester Jugend unter Schwindelanfällen, weshalb ihm das bloße Hinaufschauen weh tat. Tags darauf las er in der gleichen Boulevardzeitung, die jetzt sein Verschwinden brachte, der Turmmensch habe seine Arbeit verloren und drohte herunterzuspringen, falls er sie nicht wiederbekäme. Darauf war von innen, aber immerhin auch halsbrecherisch, sein Chef zu ihm hinaufgeklettert, hatte ihn dort oben wieder eingestellt und sogar sein Gehalt erhöht; die Reporter schrieben höhnisch, normalerweise hätte die Firma für eine vergleichbare Reklame eine Riesensumme zahlen müssen, wer weiß, ob es nicht ein abgekartetes Spiel war.

Nach einiger Zeit, als sich das Gehirn immer schwächer dagegen, wehrte, begriff Ingenieur Karel Markalous, daß er soeben alles verloren hatte, was ein Mensch im Leben besitzt: Heimat, Liebe, Geld und Ehre. Er konnte nur noch auf den Turm klettern, doch niemand würde ihn retten. Ein kleines Kind, dröhnte es in seinem Kopf, darf nicht im Hochwasser spielen...

16. Den selben Tag, 20.00

Das Pech, das seit dem frühen Morgen an ihnen klebte, blieb in der Tschechoslowakei zurück, wohin es nach Meinung des Ehepaares Čierniak auch gehörte, wie die Kommunisten. Von der Grenze an war ihre Laune nicht minder strahlend als das Wetter. In Carnumtum leisteten sie sich wie bei allen vorherigen Reisen den teuren Genuß der Einkehr in ein Gartenrestaurant. Da sie nach all ihren Verspätungen schon regelrecht ausgehungert waren, durfte es sogar was Warmes sein.

Nachdem es Miro glückte, auf Anhieb den Bananensplit mit Schlagsahne und heißer Schokolade herauszubetteln, bat Magda um ein bißchen Taschengeld in Devisen und bekam es auch. Abseits schrieb sie die erste versprochene Postkarte an Gabriel. Sie war froh, daß es ihr genauso unverbindlich verbindlich gelang, wie sie sich das vorgestellt hatte.

Ahoj, Gabo. Bereits eine ganze halbe Stunde von Dir entfernt, bin ich bislang niemandem begegnet, der einer Sünde wert wäre. Es grüßt Dich Deine Kameradin M.

Terezie Čierniak, ihre Mutter, lehnte sich sonnenhungrig in ihren Stuhl zurück, um ihr mehliges Gesicht endlich zu bräunen, beobachtete dabei aber mit halb geschlossenen Augen verstohlen den Gesichtsausdruck der Tochter; er verriet ihr alles. Kinder pflegten sich heute den Eltern nicht mehr anzuvertrauen, wie sie es noch selbst getan hatte, im Gegenteil, sie brachten fast überbetont zum Ausdruck, daß sie ihre Erfahrung wenig schätzten. Von Welt und Geschichte hatten sie zwar nur eine nebulöse Vorstellung, und Politik ekelte sie wie eine ansteckende Krankheit, dennoch erkannten sie instinktiv, daß sie in einer stinkenden Sackgasse leben mußten, in die sie von den großmauligen Vorgängern gebracht worden sind.

Diese Jungen, wußte die Mutter, waren nicht auf den Kopf gefallen, ohne mit der Wimper zu zucken, papageiten sie die ideologischen Phrasen und nahmen an den Staatsritualen teil, ihren Spott erntete jedoch jeder, der sie davon überzeugen wollte, daß man damit irgendwelchen Idealen diene. Die Lüge war ihnen ein Mittel zum Zweck: eine private Wahrheit zu entdecken, die jeder in etwas anderem suchte. Und wenn sie meinten, sie entdeckt zu haben, logen sie weiter, um sie für sich zu erhalten.

Magdas Mutter hatte noch Ideale gehabt, doch bald wurde sie darum gerade von jenen Menschen gebracht, die von ihr verlangten, dafür zu kämpfen. Nach dem Abitur bekam sie als ziemlich aktives Mitglied des Jugendverbands, sie tanzte gern und organisierte deshalb eine Volkstanzgruppe an der Schule, ein Angebot: als bezahlte Instruktorin des Zentralsekretariats weiterzumachen. Bald durchschaute sie, daß sie von Zynikern umgeben war, die ihrer Karriere wegen auf alles pfiffen, was sie vor den Massen inbrünstig für heilig erklärten.

Sie beschloß, auf Jura umzusteigen, in der Erwartung, dabei ihren alten Glauben wiederzuentdecken. Noch vorher hatte sie an der zahnärztlichen Fakultät Bohdan kennengelernt, nicht als künftigen Zahnarzt, ihr Gebiß war noch heute ohne jede Plombe, sondern als Leiter und Primas einer Cimbalkapelle, die sie zur Maidemonstration einladen wollte. Er war ein anständiger, strebsamer und im ganzen nicht häßlicher Slowake vom Land, der ihr noch in derselben heiligen Nacht des Proletariats an der Mauer des Ehrenfriedhofs ihr Kränzchen raubte. Während ihres Falls vernahm sie wonniges Lustgestöhn von rechts und links und war etwas irritiert, daß das Fest des Lebens in Hörweite der gefallenen sowjetischen Helden stattfand.

Einen Monat später wußte sie bereits, daß sie sich in anderen Umständen befand, geschwängert von einem Burschen, meilenweit vom Bild eines Mannes entfernt, den sie lieben möchte. Die Möglichkeit einer nicht genehmigten Abtreibung gab es damals nicht, und noch dazu liebte er sie über alles; sie traute sich nicht, vor der Kommission als Grund anzugeben, daß er sie langweile. So endete, mit einer kurzen Wiederkehr, die Jugend von Terka Raňajková, die sich allmählich an ihre Ehe gewöhnte, um so leichter, je weniger glückliche Frauen sie um sich sah. Sie wünschte sich sehnlich, ihre Tochter möge ein besseres Schicksal erwarten; das war es auch, was sie von dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten erwartete.

Bis gestern abend zitterte sie, daß Magda auf den Leim gehen könnte, auf dem die Träume der Mutter klebengeblieben waren. In dem selben Maß, in dem sie ihr erstes Erglühen für ihren Gabriel beobachtete, war sie in der Tiefe ihrer Seele glücklich über das Fluchtunternehmen, das dieser Beziehung ein Ende setzte. Es verschreckte sie, daß die Tochter die Geschichte der Mutter wiederholen sollte; hübsch, leidenschaftlich und naiv genug, war sie nach ihr geraten. Das Malheur bestand darin, daß Magda es anders als sie gelernt hatte, kämpferisch und stur zu sein.

Als sie die Tochter so unbeobachtet beobachtete, wie sie mit ihrem ganzen Wesen der sich leiblich entfernenden Liebe seelisch immer näher kam, befiel die Mutter Angst, ob sie imstande sein würden, Magda glaubhaft zu machen, daß sie nur ihr Bestes im Sinn haben. Sie hatte mit ihrem Mann ausgemacht, daß sie, ehe das Flüchtlingslager sie schluckt, den letzten Abend und die Nacht in angenehmer Umgebung verbringen und mit den Kindern offen reden werden. Sie stand auf, wollte schon dort sein, um sich nicht länger wie eine Betrügerin vorzukommen.

Magda warf die Postkarte in den Briefkasten, Miro hat ein Comic-Heft ergattert, und weiter ging’s gen Sizilien. Um sich von ihrer Nervosität zu befreien, fing die Mutter Volkslieder zu singen an, und die anderen fielen mit ein. Die Kinder begrüßten mit Indianergeheul, daß der Vater plötzlich von der bekannten Route abbog und ihnen ankündigte, man werde zur Feier der beginnenden Ferien, die sie so geschickt verlängert hatten, in einem sagenhaften Hotel übernachten, wo er dank einer Einladung vor zwei Jahren an einem Zahnärztekongreß teilgenommen hatte!

Von dem Städtchen Rust waren sie hell begeistert. Auf jedem Schornstein staksten in flachen Nestern Störche. Das Hotel am See hat sie geradezu hingerissen, es bot mehr Komfort als das beste in Bratislava. Sie badeten dann im herrlichen Wasser, und alle drei verwunderte Vaters Eröffnung, daß selbst an der tiefsten Stelle der riesigen Wasserfläche, auf der schon die Rundung der Erde sichtbar war, man immer noch stehen konnte. Mit dem Quartier gab es irgendwelche Probleme, doch die Kinder nahmen sie nicht wahr, sie erlebten diesen Luxus zum erstenmal.

Im Speisesaal empfing sie eine Zigeunerkapelle, vor allem jedoch ein kaltes und warmes Büfett unglaublicher Leckerbissen, von denen sie nach Belieben nehmen durften, ohne Aufpreis! Miro protzte am Anfang, er werde radikal alles wegputzen, doch nach einer Viertelstunde war er geschafft. Er wollte sich einige der Köstlichkeiten für die weitere Reise einpacken und wunderte sich zum zweitenmal, daß das nicht erlaubt war. So saß er aufgebläht da und kämpfte gegen die Lust, laut zu rülpsen, wie man sich damit in der Schule zu übertrumpfen suchte, doch die Eltern hätten ihn gewiß ins Zimmer geschickt. Magda schrieb eine Ansichtskarte mit eingekreister Nr. 2.

Servus, Gabo! Jetzt liegen mehr als fünfzig Kilometer zwischen uns, doch ich bin immer noch, wie ich war. Und du? Bis dann. M.

Sicherheitshalber zog sie damit gleich zu dem Briefkasten am Hoteleingang. Die Mutter verscheuchte inzwischen die schwarzen Gedankenwolken. Magda reist doch so schrecklich gern! Schon die Vision von Hollywood müßte sich schließlich als stärkerer Magnet erweisen als eine zum Glück nur platonische Verwirrung.

«Jetzt sagen wir es ihnen», erklärte sie ihrem Mann entschieden.

«Was?» interessierte sich der vollgestopfte Miro.

«Etwas. Sei nicht neugierig, warte, bis Magda zurück ist.»

Da war sie wieder.

«Sie wollen uns was sagen«, rief Miro wichtigtuerisch.

«Aha, und zwar was?»

«Was würdet ihr beide dazu meinen», fing Doktor Čierniak von weither an, «wenn wir heuer viel weiter fahren würden als nach Sizilien?»

«Wohin?» Miro platzte vor Neugier und rülpste nun endlich doch.

Ein vernichtender Blick der Familie strafte ihn, doch seltsamerweise kein Rausschmiß. Nicht einmal eine Rüge bekam er. Lächelnd spannte der Vater die Kinder auf die Folter.

«Sehr weit. Ratet mal!»

«Nach Australien», schwadronierte der Sohn ermuntert.

«Das nicht. Dort gibt’s doch nichts außer Kaninchen!»

»Nach Afrika», tippte die Tochter mit mehr Logik, weil es in der geplanten Richtung lag.

«Nach Amerika», gab der Vater stolz bekannt, «und zwar in dessen schönsten Teil, nach Kalifornien.»

Damit hat er wie erwartet die beiden begeistert.

«Mordsding!»

«Nein! Wieso?»

Und so schenkte er ihnen reinen Wein ein. In einer kurzen, nicht gerade schlechten Rede versuchte er, ihnen zu erklären, warum Menschen ihre Heimat verlassen und warum er mit der Mutter auch für sie, ihre Kinder, eine solche Entscheidung getroffen hat.

«Wir wollten und durften es euch nicht sagen, es wäre ein großes Risiko gewesen, es auszuplaudern.»

Er gab zu, sie haben ein halbes Jahr gebraucht, unauffällig die Brücken hinter sich zu verbrennen, damit sie für sie beide ein neues Zuhause im besten Land der Welt aufbauen konnten. Deshalb führen sie nicht nach Italien, sondern in ein Flüchtlingslager, dort wird man sie einige Wochen versorgen, ehe sie Asyl und Einreisevisa bekommen. Dort ist nicht gerade Komfort zu erwarten, doch vom Urlaubsgeld kann man immer etwas zuschießen. Sie werden Englisch lernen und im Wiener Prater ein- und ausgehen, der so viele phantastische Attraktionen bietet. Jenseits des Teichs verdient sich der Vater schnell einen kleinen Bungalow mit Swimmingpool, sie beide können studieren, was ihnen gefällt, werden durch die Welt reisen können und bald sogar nach Bratislava, weil Amerikaner, zu denen sie werden, einfach alles dürfen.

«Hurra!» rief Miro, hingerissen von der Vorstellung, daß er vielleicht monatelang nicht in die Schule muß.

Magda dagegen heftete sich mit verängstigten Augen an den Vater, als hoffte sie, er werde noch alles für einen Spaß erklären. Als er schließlich fragte, ob sie sich ähnlich freute wie die Eltern, platzte aus ihr heraus, was die Mutter erwartet hatte.

«Was würde er von mir denken?!»

«Wer?» fragte der Vater ahnungslos.

«Der Gabriel doch...!» erklärte seine Frau anstelle ihrer geschockten Tochter.

«Na und?» er tat, als hätte er den Jungen längst vergessen, «ist er es, dem du die zwei Postkarten geschickt hast? So schreib ihm doch ruhig weiter!»

«Vati...!» Tränen schossen ihr in die Augen, «du hast mir an der Grenze gesagt, falls ich einen Wunsch hätte, du würdest ihn mir erfüllen...»

«Jawohl. Ich halte immer mein Wort!»

«Vati, ich bitte dich, fahren wir nach Sizilien und kehren zurück. Ich möchte zu Hause bleiben... Ich bitte dich, Mama...» sie suchte bei ihr Hilfe, und Terezie wurde bang ums Herz.

«Magduška, du hast doch noch das Leben vor...»

«Ja! Und ich will es bei uns daheim verbringen!»

«Glaub mir», tröstete sie der Vater, «du gewöhnst dich bald...»

«Nein!» das klang so stark, daß sich nach ihnen, da die Musik eben Pause machte, die Gäste samt dem Oberkellner in der Tschamara umwandten; sie kümmerte sich darum nicht und setzte ebenso laut fort, «nein, ich gewöhne mich nicht! Ich will mich nicht gewöhnen! Ich mache nicht mit, auch wenn ich allein zurück muß!»

Dr. Čierniak zog das Portemonnaie heraus und vor Aufregung zählte er immer wieder seine Schillinge.

«Ich bitte dich, Terka, bring sie nach oben, warum hier so einen Aufstand machen! Wir kehren doch nicht wegen einer Rotznase in die Wüste zurück!»

Magda zitterte vor heiligem Zorn.

«Du bist gemein!»

Wiewohl sonst ein friedlicher Mensch, kochte er jetzt vor Wut.

«Und du noch nicht volljährig, und deswegen wirst du tun, was man dir sagt. Geh, Terka, geh mit ihr nach oben und sperr sie da ein, und zwar gut!»

Miro freute sich weiter. Die Ferien begannen einfach stark.

17. Den selben Tag, 20.30

Eine neue Hoffnung stellte Milan immer blitzartig auf die Beine. Dora erlebte während der anstrengenden Theaterproben seine Stimmungstiefs, in denen er fast im Sterben lag, um mit einem neuen Einfall wie der sagenhafte Phoenix aus der eigenen Asche wieder aufzusteigen. Es funktionierte auch jetzt. Er schüttete den Inhalt der beiden Literflaschen in den leeren Tank des Škoda, den jemand vor das Bistro geschoben hatte, legte die Skizze auf die Knie und brach auf, ohne daß jemand das zur Kenntnis nahm.

Bald fuhr er ab auf den Lehmweg, der entlang der grünen Grenze verlief. Sie verführte sie fast dazu, das Auto Auto sein zu lassen, die Koffer zu schnappen und direkt rüberzugehen, schlimmstenfalls auf zweimal. Doch ihr Retter, sicherlich eine höhere Charge, hatte sie nachdrücklich davor gewarnt. Der Schein trügt, hatte er vor dem Abschied hinzugefügt, sie würden riskieren, auf eine Patrouille zu stoßen, die auf Drogenschmuggler lauert und leicht schießen könnte vor Angst, selbst ins Feuer zu geraten. Das durfte kein normaler Mensch riskieren. Außerdem, meinte Dora, muß jede Kette Rücksicht nehmen auf das schwächste Glied, und das ist in diesem steilen Terrain Petřík!

Die Zeichnung war klar und genau, nach einer Viertelstunde langsamen Geratters erreichten sie in der Dämmerung eine Ansammlung von Gebäuden, gewiß ein ehemaliger Gutshof. Ringsumher ragten Mauern von jahrelang nicht mehr beschnittenen Büschen oder verwilderten Bäumen, umschanzt von wucherndem Unkraut wie von Stacheldraht. Das Anwesen war heruntergekommen, aber hie und da konnte man frische Ausbesserungen vermerken.

Die Zufahrt säumten Autokarosserien in allen Stadien des Zerfalls. Ein kleiner Kran verriet, was ihnen auch bald bestätigt wurde: Es war ein Lager und die Reparaturwerkstatt ausgedienter Vehikel. Milan kam aus einem Land, in dem Wracks, wieder fahrbar gemacht, das Gros des Autoparks darstellten, deshalb war er von diesem Blechfriedhof nicht geschockt. Die Werkstätte deutete auf die Nähe geschickter Menschen hin, mit denen ein intelligenter Zeitgenosse sich schnell verständigt.

Niemand hieß sie willkommen, doch sie hörten einen satten Bariton; er sprach mit Pausen und allein. Der Stimme folgend, betraten sie einen dunklen Raum, der einmal als Stall gedient haben mochte; die Fenster waren blind von Staub, und in der einzigen Lampe brannte eine ganz schwache Birne. Darunter stand ein Mann im verölten Sweater und telephonierte. Als er sie sah, legte er den Hörer des vorsintflutlichen Apparats gleich auf, ging auf sie zu und putzte sich die Hände an einem Lappen ab, von dem sie nur noch schmutziger werden konnten. Die Rechte reichte er dem Schauspieler, Frau und Kind nahm er nach balkanesischer Sitte nicht zur Kenntnis.

«Weiß ich», sagte er ohne Umschweife auf gut deutsch, «Sie sind die, die um jeden Preis nach Österreich wollen!»

«Ja», sagte Dora noch vor Milan, «können Sie uns dabei helfen?»

Unterwegs war sie zu dem Entschluß gekommen, möglichst viel Verantwortung auf sich zu nehmen, um es ihm leichter zu machen. Dadurch konnte sie ihn allerdings wiederum anders reizen. Oft warf er ihr Unbeholfenheit beim Verhandeln vor, und im übrigen wollte er nie die zweite Geige spielen; heute war das jedoch das kleinere Übel, und er ließ sie bis jetzt gewähren.

Auch der Mann nahm sie zur Kenntnis. Aus der Schublade des ungehobelten Tisches, auf dem Schlüssel, Schrauben und Muttern herumlagen, zog er eine neue Terrainskizze hervor und winkte, sie sollten nähertreten. Den beiden kam der gleiche Gedanke: daß sie sich auf einer Trasse bewegten, die manche vor ihnen schon passiert hatten. Das beruhigte sie.

«Wir sind hier», er legte den Finger auf die Karte und schob ihn weiter, «hier verläuft die Grenze, und hier liegt der Tunnel.»

«Was für ein Tunnel?» fragte Dora.

«Ein Eisenbahntunnel. Einfahrt Jugoslawien, Ausfahrt Österreich.»

«Und die Grenze...»

«In der Mitte. Nur eine Tafel.»

«Und die Wachen?»

«Keine.»

«Wie das?»

«Nun darum. Hier wird wenig geflüchtet.»

«Aber...» sie verstand überhaupt nichts, «warum, wenn es hier keine Bewachung gibt...?»

«Weil man fast nichts mitnehmen kann. Der Tunnel ist lang.»

«Wie lang...?»

«Achteinhalb Kilometer.»

Es wurde ihr dunkel vor den Augen, als wäre sie schon drinnen.

«Das geht doch nicht», sagte sie erschreckt.

«Moment», mischte sich ihr Mann ein, «warum nicht?»

«Milan!»

Er jedoch hat bereits das Gespräch an sich gerissen.

«Acht Kilometer sind nichts, die bist du täglich mit dem Kinderwagen gefahren, als Petřík noch klein war!»

Verzweiflung stieg in ihr hoch.

«Doch nicht über die Gleise...» sie wandte sich an den Mann, «da fahren doch Züge!»

«Jawohl», nickte er ihr zu, «aber nicht immer, er hat recht», stimmte er mit Milan überein, «es ist nicht gefährlich, wenn man weiß, wann die Züge gehen. Und ich weiß es. Da kommt nichts zwischen halb elf und Mitternacht.»

«Aber das sind nur...» protestierte sie weiter.

«Neunzig Minuten!» unterbrach sie Milan, «reichlich genug!»

«Petřík kann nicht so schnell...»

«Petřík ist doch ein Sportsmann», sagte er zu seinem Sohn beschwörend, «nicht wahr, Petřík?»

Der Junge nickte geschmeichelt. Dora kämpfte weiter.

«Weißt du noch, wie du dich im Schacht gefürchtet hast?»

«Ein Schacht ist ein Schacht, ein Tunnel ist ein Tunnel!»

«Und wenn doch ein Zug kommt?»

«Man kann ihn von weitem hören», mischte sich der Jugoslawe wieder ein, «und alle zweihundert Meter ist eine geräumige Nische in der Wand. Keine Angst.»

Aber in ihr bebte bereits ein animalischer Instinkt, nicht zugänglich logischen Argumenten. Fieberhaft suchte sie, wie sie dieses Wahnsinnsunternehmen verhindern könnte.

«Da müßten wir ja das Auto hierlassen und so gut wie alle Sachen...?»

Der Mann zuckte bedauernd mit den Schultern. Dora hoffte, daß es Milan überzeugen könnte. Sie hat doch seine liebsten Hemden, Pullover und maßgeschneiderten Sakkos eingepackt. Und er zögerte tatsächlich.

«Können Sie uns auch da helfen?» wandte er sich an den Mann.

«Ich tu’ es doch bereits.»

«Ich meine mit den Koffern, das Auto soll der Teufel holen.»

Der Mann schloß es entschieden aus.

«Das mach’ ich nicht. Aus Sympathie berate ich Sie, doch das Risiko, und damit auch die Koffer, das müssen Sie schon alles selber tragen.»

«Ich lasse Ihnen dafür den Wagen», versuchte es der Schauspieler noch einmal.

Der Bariton lächelte nachsichtig.

«Ich will ihn nicht.»

«Er muß doch hierbleiben...!»

«Dann stellen Sie ihn anderswo ab.»

«Wo denn?»

«Weiß ich nicht. Falls Sie ihn hierlassen, schlachte ich ihn aus und zahle damit den Abtransport zum Schrott. Spuren dürfen hier keine bleiben!»

«Milan», bat ihn Dora drängend auf tschechisch, «ist dir das schon klar? Wir verlieren hier alles! Probieren wir es doch noch anderswo. Wie sollen wir da drüben mit nackten Händen...»

«Gott!» schrie er auf, «Gott, Gott! Wovon redest du? Was helfen uns die Klamotten, wenn wir hier versauern! Sollen wir uns hier weiter so verfranzen, bis man uns wirklich per Schubs zurückschickt? Mir hat immer eine Flasche Wein und ein Stück Brot gereicht...» das Bett ließ er lieber weg, «was mußt du denn haben? Möchtest du im Lager eine Modenschau abgeben?»

«Milan...»

Er vergegenwärtigte sich, daß der Mann die Szene beobachtet, und begriff vor allem, auf diese Art würden sie nirgendwohin kommen. So wechselte er den Ton.

«Sobald ich mit euch beiden dort bin, wird mir kein Schatz der Welt fehlen, aber natürlich», sagte er, breitete die Arme aus und tat, was bei ihr immer wirkte, «du bist seine Mutter, du mußt entscheiden! Ich...» fügte er bitter hinzu, «ich hatte heute bereits zweimal Pech, habe also kein Recht dazu...»

Sie wußte, daß er jetzt nicht spielt, Buße war bei ihm aufrichtig, doch gleichzeitig erpreßte er sie immer. Auch jetzt hatte sie keine Wahl, weil sie für sie drei keinen besseren Ausweg vorschlagen konnte. Alles in ihr sträubte sich, zwang sie, sich entschieden zu wehren, doch die Aussicht, zum drittenmal und wahrscheinlich zum letztenmal im Netz der Macht hängenzubleiben, war nicht weniger furchtbar.

«Also, entscheide es», er sah sie durchdringend an, «wie du willst, aber irgendwie, damit wir endlich weiterkommen...» und er machte es ihr noch schwerer, «ich bitte dich, richte dich nach deinem besten Wissen und Gewissen!»

In dieser Ausweglosigkeit wandte sie sich wieder dem Jugoslawen zu, der teilnahmslos zuschaute und sich nicht anmerken ließ, wieviel er verstand. Mit dem Schraubenschlüssel, den er vom Tisch nahm, klopfte er sich auf die Handflächen. Da fragte sie, sicherlich vergeblich, aber es gab ihr den Mut zu dem Sprung ins Unbekannte.

«Sind da viele gegangen?»

«Aber ja», sagte der Bariton.

«Auch mit so kleinen...» sie zeigte auf den Sohn.

«Auch mit Säuglingen.»

«Und es ist niemals... was passiert...?»

«Niemals.»

Gehupft wie gesprungen! dachte sie sich niedergeschlagen, und mit dem Wissen des schlechten Gewissens entschied sie sich für das Übel, das ihr um nichts kleiner erschien als das andere.

18. Den selben Tag, 22.30

Běla-Bobina hatte die durchdringende Stimme von der Mutter; wann immer deren Kinder in alle Teile des Hofes und hinter die Tenne gehuscht waren, rief sie die Schar mit Schreien zusammen, die an eine Sirene erinnerten, und das ganze Dorf wußte, daß bei Havráneks gefuttert werden sollte. Ähnlich wie die Groß- und Urgroßmutter war auch Bělas Mutter eine Landarbeiterin. Die arme böhmisch-mährische Hochebene hatte die Rote Armee begeistert begrüßt und die Kommunisten gewählt, die allen versprachen: Wer mit eigenen Händen sät und pflanzt, wird nie mehr Not ernten. Als die Jüngste ihren früheren Mitschüler heiratete, wurde das Paar von beiden Eltern feierlich nach Südböhmen begleitet, in ein malerisches Dorf an der österreichischen Grenze; dort sollte sie Bäuerin werden.

Große und kleine Höfe im ehemaligen Sudetenland wurden nach dem Abschub der Deutschen zunächst von Plünderern und dann von Brandstiftern heimgesucht; nach den «Volksverwaltern», die meist stahlen, was sie nur konnten, spielte hier dann übungsweise eine Friedensarmee Kalter Krieg. In der Mitte der fünfziger Jahre blitzte in dem entvölkerten und verwüsteten Landstrich die Hoffnung auf, als man Tausenden jungen Menschen anbot, hier ihr eigenes Heim zu gründen. Ruinen wurden abgerissen, die besser erhaltenen Häuser sogar verputzt und an das Stromnetz angeschlossen.

Keinesfalls repariert, selbst nach Stalins Tod nicht, wurde das politische System. Bělas Eltern stellten fest, daß sie auch hier nur zwischen dem Schlamm eines schlecht funktionierenden Staatsguts und dem Mist einer miserabel geführten Genossenschaft zu wählen hatten. Sie entschlossen sich für das erste, der Staat schien ihnen ein mächtigerer Beschützer zu sein, doch es lief dabei auf dasselbe hinaus: Sie haben wieder Frondienst geleistet. Was sie vielleicht mehr verdient haben, war für die Katz, in die Stadt fuhr der Bus nur früh morgens, und hier herrschte Ödnis, nicht einmal eine Kneipe oder ein Kino gab’s, selbst keinen Gott, denn die Kirche war Jahre vorher zur beliebtesten Zielscheibe beim Scharfschießen der Panzer geworden. Das Radio strahlte Reden und wieder Reden aus. Also machten sie nach Dämmerung Kinder.

Běla war das siebte und letzte, der Vater soff bereits hoffnungslos, und die Mutter rackerte sich für zwei ab. Wieder klar im Kopf, schlug er die ihm gerade zu nächst stehenden Sprößlinge zusammen, samt Frau, falls die sie schützen wollte. Eines Winters ging er verloren, und sie hofften, er wäre über die Hügel nach drüben gegangen; sie meldeten es einige Tage lieber nicht, um ihn um Gottes willen nicht zurückzubekommen. Sein Traum seit Jugendtagen war die Fremdenlegion, er hatte darüber einst einen komischen Film mit Laurel und Hardy gesehen.

Als das Eis schmolz und man die Jauche zum Felderspritzen in die Karren pumpte, entdeckte man ihn auf dem Boden der Senkgrube. Jemand hat die Mutter anonym angezeigt, sie hätte ihn hineingeschubst; Polizei hat sie nach Budweis transportiert, doch nach einem halben Jahr war sie wieder da, der Augenzeuge ließ sich nicht erkennen, das Gut brauchte zur Erntezeit jede Hand, und außerdem gab es im Kreiswaisenhaus keine sieben freien Plätze.

Die Jüngste, Běla, hatte Mordsglück, in der neunten Klasse eine mitfühlende Lehrerin zu bekommen, die diese vorlaute Göre für weltgewandt hielt und sie im Internat und in der Lehrlingsschule für Verkäufer im «Sozialistischen Gebrauchswarenhandel» in Budweis durchboxte. Im Vergleich mit Zuhause ging es ihr da wahrhaftig besser, und sie fing endlich an, sich zu amüsieren.

Alles in allem aber hat ihr das Leben in den zwanzig Jahren wenig geboten, ein paar Burschen, mit denen sie auf Sausen und in diversen Wochenendhäuschen schlief, einen Sommerurlaub in der DDR, den sie mit der heutigen Mitbesitzerin amerikanischer Wolkenkratzer an der Ostsee durchfror und durchalberte, und einen zweiten Urlaub in Rumänien, den hatte sie größtenteils mit einem Darmkatarrh auf den hoffnungslos verstopften türkischen Klos verbracht. Langsam kam sie dahinter, daß das Schicksal sie gehörig beschissen hat und offensichtlich auch nicht beabsichtigte, sich zu bessern. Der größte Treffer, der ihr vielleicht noch zufallen konnte, war die Hochzeit mit irgendeinem Verkäufer oder Ausfahrer vom Kaufhaus.

Sich dessen endlich bewußt, beschloß sie, ihr Leben in die eigenen Hände zu nehmen. Sie beschimpfte sich, daß sie damals Jarina so dumm hatte wegfahren lassen, glaubte jedoch, es noch gut wettmachen zu können. Damals brütete sie ihren Plan aus, den sie nun mit ihrer närrischen Reaktion auf eine lächerliche Kränkung, wie sie unzählige erlebt und überlebt hatte, selber versaut hat. Sie, die sich in Notlagen mit der ihr angeborenen Schlauheit und ihrem proletarischen Mundwerk immer zu helfen wußte, verspielte selbstverschuldet das wenige, was sie zu Hause mühsam zusammengekratzt hatte, und alles nur, um einem alten Knakker den Hintern zu zeigen.

Als sie atemlos in die Gendarmerie reinplatzte, zu der sie mit untrüglichem Instinkt hinsteuerte, war sie auf sich so wütend, daß sie sich die ersten Minuten nur an die Stirn schlug, bis man beinahe den Arzt rief. Es ging rechtzeitig vorüber, und sie rasselte ihre Geschichte herunter. Daß man sie hier nicht verstand, machte ihr nicht das geringste aus, ohne Scheu, wie sie Gebildete lahmlegt, plapperte sie mit Händen und Füßen drauflos, so daß man sie trotzdem begriff.

Zudem war sie eine der vielen, die den Entschluß faßten, dem Vaterland den Rücken zuzukehren, und die Gendarmen wußten genau, was zu tun ist. Meistens riefen sie einen von den Vertriebenen zu Hilfe, der noch Tschechisch konnte und dem längst aufgegangen war, daß das Unrecht des Nachkriegs ihm ein halbes Jahrhundert Sozialismus erspart hatte. Bělas Glück bestand darin, daß kurz nach ihr die Pfarrköchin eintraf, die hier das Schicksal ihrer Tschechen erörtern wollte.

Die Gendarmen hatten sich überzeugt, daß die gelichtete Reisegruppe weg war und den Flüchtlingen keine Entführung oder andere Gefahr drohte. Sie riefen die Fremdenpolizei an, die sich des Falls in der Urlaubszeit kurzerhand durch das Versprechen entledigte: die Ankunft des Trios im zentralen Flüchtlingslager anzumelden. Die Fahrkarten, erklärte die Köchin, beschaffe sie lieber selbst, die Rechnung schicke sie hierher nach. Běla gefiel ihr besonders gut, einesteils sprach sie eine Mundart, die auch in ihr noch nachklang, andernteils besaß sie den natürlichen Charme von einfachen, aber munteren Menschen, die nichts Vortäuschen. Die Zuneigung der alten Frau brachte die Verkäuferin zu der Ansicht, sie habe zumindest nicht weitere tote Jahre verloren. Mit der Leichtigkeit einer Sonnenblume drehte sie sich der Zukunft entgegen und erwartete nun sehnsüchtig ihre Gaben.

Die erste war der Gärtner, den sie in dem Pfarrgarten wieder erblickte. Bereits gestern früh stellte sie fest, daß er als einziger des ganzen Vereins eine Sünde wert wäre, und tagsüber zwinkerte sie ihm einige Male verschwörerisch zu, was er nur zweimal mit einem scheuen Lächeln erwiderte, sonst aber nichts unternahm. Sie hatte vor, mit ihm im Prater eine Sohle hinzulegen, statt mit dem fetten Fahrer, und sie bedauerte, als sie von der nächtlichen Flucht erfuhr, daß er nicht sie mitgenommen hatte, ja, vielleicht vollführte sie ihr mittägliches Glanzstück mit einem Gedanken an ihn.

Daß er mit dieser Frau floh, machte sie zunächst nicht stutzig, zu zweit flüchtet sich’s besser! Sie wäre nie darauf gekommen, daß er mit der alten Schachtel etwas haben könnte. Als sie das jetzt sah, zerbrach sie sich den Kopf: Ist sie so gut im Bett, oder hat sie einen Onkel mit Kies draußen, und darin liegt ihr ganzer Zauber?

Jedenfalls reagierte er auch hier auf nichts, und für Běla war die Indianerhaut weiterhin wichtig, sie wollte es sich mit ihr nicht verderben. So füllte sie lieber den Garten mit ihrem Gedröhn, leerte das Backblech voll frischer Buchteln, pumpte dann beim Abschied kräftig die Hand des Pfarrers und versuchte ihm den tschechischen Ahoj-Gruß beizubringen; der Köchin führte sie vor, wie man einen echten Zwickschmatz setzte, und lud sie schon jetzt nach Amerika ein; sie wird ihr, versprach sie, sobald sie in Nijork heiratet, ein Altenteil verschaffen, weil sie wieder eine liebe Großmutter haben möchte.

Die anderen schliefen im Zug sofort ein, und so beäugte sie durch das Fenster die wohlgeordnete Landschaft, genoß die Reise in dem sauberen Abteil und rief Jeee! und Neee! und Ooh! und Du liebe Omi! oder Herrschaftszeiten! als sie schließlich die abendlichen Straßen Wiens erreichten. Die Pianistin, die sich da auskannte, hat das Grüppchen vom Westzum Südbahnhof befördert. Daß sie sich ein Taxi leisten konnte, bestätigte Běla in ihrem Verdacht, und sie schrieb den Gärtner ab.

Was sie jedoch nicht daran hinderte, die beiden unter einem unaufhörlichen Wortstrom zu halten. Sie zeigte mit der Hand, in der sie die ewige Plastiktüte hielt, auf Menschen und Dinge, wobei sie unabsichtlich allen ihre Reizwäsche vorführte, stellte unentwegt Fragen über Fragen, ohne auch nur Antwort abzuwarten, immer wieder von einer neuen Entdekkung fasziniert. Zwischendurch, bereits in der Lokalbahn, gab sie platte Histörchen zum besten und Klatsch aus Budweis und würzte alles mit ihren Urteilen, ebenso verwirrt wie naiv.

Lydia ist gestern nicht entgangen, wie bemüht sie war, Václav zu angeln, es amüsierte sie sogar seine Verlegenheit als Beweis seiner Unerfahrenheit im Flirten. Das alles verlieh ihr die Hoffnung, die sie jetzt brauchte, und als das Mädchen im Pfarrgarten davon abließ, zeigte es außer der Einfalt ihres Geistes auch gewisse Reinheit ihres Herzens. Die Pianistin empfand gegen sie keinerlei Abneigung, eher Mitleid.

Das verließ sie jedoch, als sie jetzt eine Litanei mitanhören mußte, ähnlich unendlich wie die Allee, durch die sie vom Minibahnhof zum Lager zogen. Ununterbrochene Spaliere geparkter Pkws, meistens östlicher Herkunft, kündigten es an, bei einigen fehlten die Kennzeichen, bei anderen Räder, eine traurige Schau jenes Teils von Europa, der den Krieg gewann und den Frieden verlor.

«Also die Jarina», leierte die Verkäuferin unermüdlich, «das ist vielleicht eine Marke für sich, die hat heute Villen mit Schwimmbecken rund um die Welt, eine von uns hörte im Radio Frijurop, daß sie in der Früh ihrem Mann sagt, heute möcht’ ich unbedingt Hummer haben! er schaut auf einem Plan, wo man gerade frische hat, und klingelt da an, daß man gleich kocht, weil sie schon fliegen; aber auch Danuš, mein Kumpel aus der Lehrlingspenne, die hat sich in der ‹Eisernen Jungfrau› einen Australier geangelt, als der dort gerade mit seiner Reisegruppe angekommen ist, so daß sie mit ihm jetzt eine Farm mit Känguruhs hat und zum Friseur mit ’m eigenen Hubschrauber fliegt, und alle ledigen Bekannten ihres Mannes prügeln sich um tschechische Mädeln, denn das ist vielleicht das einzige, was es im Westen nicht gibt, geschickt in allem, vom Herd bis zum Bett, und darüber hinaus klug wie die Affen... was...?»

Das galt dem Gärtner, der die Koffer auf den Boden stellte, damit Lydia aufatmen durfte. Er konnte es nicht fassen, wie sie bei ihrer zarten Konstitution mit all dem fertig wurde, was man heute von ihr verlangte. Ihre kindlich dünnen Beine haben ihn mehr als je zuvor gerührt, er fürchtete wieder, sie könnte in ihren wackligen Pumps das Gelenk brechen. Das pausenlose Geschwätz hörte er gar nicht mehr, er hatte nur einen Gedanken: wo sie die Schuhe loswerden konnte.

«Das da muß es sein», sagte er eher ungläubig.

Die Wipfel der Bäume haben bis zum letzten Augenblick den Komplex von Kasernengebäuden verdeckt. Hinter einer Mauer strahlten still in die Nacht Dutzende Fenster hinaus, er überlegte sich, was an ihnen so sonderbar war, und kam dahinter: Es fehlten die Gardinen und vor allem das bläuliche Fernsehlicht, typisch für die leeren Straßen tschechischer Städte. Dennoch atmete er auf, er hatte nur mit Holzbaracken über einem schlammigen Boden gerechnet, mit Brettern verbunden, nur lose auf Ziegel gelegt, wie er das vom Militär kannte.

Auch die Verkäuferin wurde vom Anblick des Lagers so gefesselt, daß sie verstummte. Plötzlich standen sie vor einem Portal, das sie an das alte Budweiser Krankenhaus erinnerte. Davor lag im Anbau eine verglaste Pförtnerloge, aus der endlich bläulich die Zivilisation leuchtete. Ein alter Mann in Uniform saß drin, mit dem Rücken zu ihnen, und sah sich einen Western an; das Heulen der Wilden und das Bellen der Colts drang bis in die Allee raus. Der Gärtner blinzelte zur Pianistin. Sie nickte, ordnete mit den Fingern das nasse Haar und nahm ihre letzten Kräfte zusammen. Ihr Klopfen ans Glas drang durch den Lärm nicht hindurch, also machte sie die Tür auf.

«Guten Abend», grüßte sie, und als der Mann sie wahrnahm, lächelte sie ihn trotz ihrer Müdigkeit an, «wir sind die drei aus Oberösterreich.»

Er schien verwundert.

«Was...?»

Hinter ihm verfolgten die Rothäute auf Pferden eine Kutsche, deren Insassen sich mit dichtem Feuer verteidigten, die Angreifenden kippten malerisch vom Sattel. Sie wiederholte es geduldig.

Im Lärm des Gefechts merkte er jetzt ihren Akzent.

«Flüchtlinge!»

«Ja. Tschechen, wir waren mit einer Reisegruppe hier.»

«Morgen!» sagte er barsch und drehte den Kopf zum Bildschirm zurück.

Sie dachte noch, er hätte nicht verstanden.

«Man hat uns versprochen, wir könnten schon heute hier schlafen. Die Polizei soll angerufen haben...»

«Erst nach der Registrierung», sagte er über die Schulter zurück.

«Und wo findet die statt?»

«Ebenda. Zwischen sechs und zweiundzwanzig. Jetzt ist’s bald elf.»

«Man mußte Ihnen doch melden», ließ sie nicht locker, «daß wir es nicht rechtzeitig schaffen werden.»

Seine Schultern hoben und senkten sich wieder. Der Gärtner fragte von draußen.

«Was sagt er?»

Sie konnte nicht antworten. Soviel Gefühllosigkeit hier, wo man auf ratlose und hilflose Menschen vorbereitet sein sollte, bedrückte sie. Wir interessieren ihn weniger als die abgeschossenen Indianer. Sie fragte zu dem Rücken hin.

«Wo sollen wir also heute schlafen?»

Der Nacken nickte unbestimmt in die Nacht.

«Rundherum gibt’s Pensionen.»

Das Geld war nicht ihr Problem, sie konnte es sich bei Margrit leihen, doch es empörte sie, da er doch mit Mittellosen rechnen mußte.

«Und wer nichts hat?»

«Der... konnte ja zu Hause bleiben, da hatte er doch gewiß was. Fast jeder kommt mit einem Auto zu uns.»

Das hat ihr die Sprache verschlagen.

«Oder», setzte er fort, in die Schüsse und das Hufgetrappel hinein, »es ging ihm dort tatsächlich so schlecht, daß er eine Nacht unter freiheitlichem Himmel gern in Kauf nimmt.»

«Was...» wollte der Gärtner fragen, doch er verstummte, als er das Beben von Lydias Schultern bemerkte und sie schluchzen hörte.

«Lydia... was ist??»

Für das Mädchen Běla fand hier neben dem Fernsehen noch ein unverständliches Theater statt. Sie hatte keine Ahnung, um was es geht, und Tränen gehörten nicht zu ihrer Natur. Bereits in der Kindheit begriff sie: Was man sich nicht selber nimmt, heult man sich nicht herbei! Und Václav hat bislang bei Lydia keine Träne gesehen. Weinend sah sie noch älter aus, und so zwang sie sich die ganze Zeit, ihm ihren Kummer nicht zu zeigen. Jetzt aber, nach der Anspannung der letzten Monate, löste sich ihre Selbstbeherrschung.

«Liduška, was ist mit dir...?»

Das Geschehen im Fernsehen ging mit einem Filmschnitt in eine leisere Szene am Lagerfeuer über, so daß auch der Wächter das Schluchzen nicht mehr überhören konnte. Er drehte sich wieder um. Er hat hier zu viele Tränen gesehen, als daß sie ihn noch rühren könnten, aber auch wenige Frauen, wie sie eine war. Sie paßte nicht in das ihm vertraute Bild. Er spürte eine Regung, ihr seine Haltung zu erklären.

«Das ist eine Anordnung von Amts wegen, Gnädigste, in der Nacht darf man hier keinen aufnehmen. Dort draußen wußte man das wahrscheinlich nicht. Können Sie nicht im Auto übernachten?»

Als hätte man ihn für sie bestellt, kam in diesem Augenblick ein roter Kleinbus aus der Allee und bog zum verschlossenen Tor ab. Der Fahrer ließ das Fenster runter.

«Leutchen», kreischte draußen Bobina auf, «kommt her! das ist aber ein Volltreffer.»

Auch der Mann hinter dem Steuer erkannte sie und rief begeistert.

«Es lebe Budweis! Aber ohne uns! Kann mir der Alte da aufmachen?»

Verblüfft schaute der Gärtner auf das Fahrzeug, das gestern abend vor ihrem Hotel auf dem Stadtplatz parkte.

«Er hat ihn für siebentausend rausgerückt», rühmte sich der Zauberer vor dem Zeugen seines Erfolgs, «ein Geschenk des Himmels, das auszuschlagen wäre Undankbarkeit gewesen.»

Die Pianistin nahm sich inzwischen zusammen. Jetzt konnte sie den anderen die Lage klarmachen.

«Erst morgen früh um sechs, vorher will man uns nicht reinlassen!»

Was ihr als eine Katastrophe erschien, hörte sich für den Glückspilz wie die Nachricht der Nachrichten an.

«Na denn, worauf wartet ihr noch, Herrschaften? Das muß gefeiert werden!»

Sein klangvoller Auftritt zwang auch den Westernfan, aus seiner Loge herauszukommen.

«Wo hier offen?» verhörte ihn der Mann im Wagen, «aber nix Spelunka, Ia Lokal, und offen bis quattro, compris?»

«In Baden», meldete der Alte gehorsam.

«Weit von hier?»

«Nein... sechs Kilometer... immer geradeaus...»

«Also einsteigen, einsteigen!» er öffnete alle Türen.

Da schau mal! wunderte sich die Verkäuferin, die ihn auf der ganzen Reise nur eines einzigen und zugleich letzten Blickes gewürdigt hatte, der Onkel ist flott...! Sie schickte ihm einen Probeballon hinüber.

«Ich bin blank.»

«Keine Angst», sagte er, was sie auch von ihm erwartete, «heute bin ich dran! Sie mit den Koffern», trieb er ungeduldig das Paar an, «nach hinten, und das Fräulein zu mir, wie heißt du, Kätzchen?»

«Běla, doch man nennt mich Bobina.»

«Na prima, mich hat man Genosse genannt, jetzt bin ich wieder Herr Strniště Josef. Aber für dich immer nur Pepi, Pepíček. Abfahrt!»

Die Nacht roch ihm nach Freiheit, Welt und Geld und jetzt noch nach junger Haut dieses vollbusigen Pflänzchens mit dem sexy Arsch, der ihm schon gestern aufgefallen war. Sie sah nicht so aus, als würde sie sich zieren, wenn er sie mit seiner dicken Brieftasche bekannt machen würde, geschweige denn mit seinem noch immer flinken Josefik.

19. Den selben Tag, 22.33

Die Zeit in der seltsamen Autowerkstatt, die sich zweifellos an der Not der Flüchtlinge mästete, was auch die Großzügigkeit des geheimnisvollen Grenzers erklärte, hatte für Dora den Anstrich des Irrealen. Sie ließ sich einst von Milans Kollegen zu einem Scherz überreden, als er den jungen König Karl IV. spielte: Man legte ihr ein Kostüm an und führte sie in eine riesige Außendekoration hinter den Studios von Barrandov. Der Herrscher sollte sich allein in ein Dorf verirren und dort der Versuchung schöner Dörflerinnen widerstehen. Sie befand sich unter ihnen, und er, nachdem er sie erkannt hatte, verdarb husarenartig die Aufnahme, hob sie geschickt zu sich in den Sattel und ritt mit ihr vom Drehort. Begleitet von Ovationen, die sie zum erstenmal zusammen mit ihm erlebte, lernte sie das Opiat kennen, dem er verfallen war. Es blieb ihr dabei im Gedächtnis haften, daß der Dorfplatz, der so echt ausgesehen hatte, auf der Rückseite nur ein Gewirr von Brettern, Latten und Stützen war.

Seit dem Augenblick, als sie ihre Zustimmung gab, kam es ihr ab und zu vor, als hätte Milan sie in einem anderen Stück in eine ähnlich glaubhafte Dekoration versetzt. Bald aber geriet sie wiederholt in den Zustand von Angst, der um so stärker anwuchs, je näher die Stunde des Aufbruchs rückte. Von dem Tunnel trennte sie zum Glück kein Kilometer, sie haben deutlich bei einigen Zügen das Rattern der Achsen über die Gleisnähte gehört.

Die Koffer und Taschen trugen sie in die Werkstatt und stellten sie unter der schwachen Glühbirne ab, dabei half der Jugoslawe. Dann ging er, und sie konnten ungestört umpacken. Dora wollte Petřík noch einmal in den Škoda setzen, zum Ausschlafen, doch er wehrte sich verzweifelt dagegen, und sie verstand, daß er nicht allein bleiben mochte. Sie versuchte das Unmögliche: aus den bereits sorgfältig ausgesuchten Sachen die nötigsten und wertvollsten herauszuholen. Milan traute sich zu, zwei große Koffer und eine Tasche um den Hals zu tragen, sie übernahm das Köfferchen mit Toiletten- und Wertsachen, den Sack mit Schuhen und beide Bademäntel, ohne die sie sich das Leben in einer Gemeinschaftsschlafstätte nicht vorstellen konnte. Für Petřík blieb der kleine Rucksack, wo sie in Prag heimlich sein Spielzeug unterbrachte und viel wichtigere Sachen dafür zurückließ.

Zu ihrer Erleichterung schien Milan sich wieder zu fangen. Er warf sogar einige seiner Lieblingspullis und -blazer raus, die er sich in Prager Devisenshops gekauft hatte. Er achtete darauf, daß sie nicht zu kurz kam, und ahnte nicht, wie dankbar sie ihm war. Sie griff wie nach einem Strohhalm nach allem, was diesem Risiko Sinn gab. Zum Schluß zogen sie zwei Sweater an und darüber ihre Trenchs. Übrig blieben zwei Taschen und ein Koffer voller aussortierter Textilien, flüchtig aufeinandergehäuft. Oben lag das Kleid, das sie beim «Hamlet» getragen hatte, seit langem hat sie es nicht mehr angehabt, doch es wegzuschmeißen, dazu fand sie den Mut erst jetzt. Er erkannte es.

«Das könnte man doch sicher noch...»

«Komm», sagte sie nachdrücklich, «lassen wir das hier und gehen wir! Wir kaufen uns alles wieder und schöner, wenn wir dort sind, heil und miteinander!»

«Dora», plötzlich sprach er ganz nachgiebig, «wenn du willst, lassen wir es noch.»

Ach, nein! stöhnte sie im stillen, nicht schon wieder! Er kannte sie zu gut, um das nicht zu ahnen, und er gab sich die größte Mühe, sie zu überzeugen.

«Bitte, glaube mir, es ist mein Ernst! Wir packen zusammen und fahren direkt nach Hause, morgen früh sind wir an der Grenze, und dann kann kommen, was will, ich rede die Unseren in Grund und Boden, sie werden doch glauben, daß einer, der soviel spielt und dreht wie ich, kein Ochse ist, um zu wagen, was bislang kein tschechischer Schauspieler je geschafft hat. Los, fahren wir!»

Sie litt um so mehr, weil da immer der arme Petřík herumstand. So sagte sie fast aggressiv.

«Und dann?»

«Was dann...»

«Dann wird was? Schon morgen abend wird es mit dir nicht auszuhalten sein! Bitte...» sie kam seiner Antwort zuvor, «erbarme dich unser und fang nicht wieder an!»

«Gott!» sagte er wieder dreimal, «Gott, Gott, glaubst du mir wenigstens, daß ich dich liebe?»

«Ja! Aber jetzt sollst du vor allem Petřík lieben, damit er es schnell hinter sich hat!»

Als hätte er sie nicht gehört, wiederholte er gequält.

«Ich liebe dich! Ich liebe dich, Dora!»

Sie nickte, mehr schaffte sie nicht.

«Was auch immer geschehen ist, ich hab’ dich geliebt, nur dich!»

Sie nickte wieder.

«Was ich auf dieser Welt am meisten möchte, ist, dich glücklich zu sehen!»

«Dann komm...!»

«Willst du es tatsächlich?»

«Ich will es...»

«Und nicht nur meinetwegen? Bitte, sag es mir!»

«Nicht nur deinetwegen!» sagte sie mit allerletzter Kraft, «auch wegen Petřík und meinetwegen! Wegen uns allen! Komm schon...!»

Sofort beruhigte er sich.

«Nun gut. Also, los!»

Der Mann zeigte ihnen die Richtung und schob in Milans Manteltasche einen Gegenstand, an den sie selbst nicht gedacht hatten: eine große abgewetzte Stablampe.

«Sie ist kräftig und hat eine frische Batterie, sie hält durch, laßt sie gleich hinter dem Tunnel rechts im Gras. Zum Bahnhof sind es dann nur ein paar Schritte. Und nun, guten Übergang!»

Der Pfad führte nach unten, der zunehmende Mond beleuchtete ihn, und so war er mühelos zu gehen. In den Hügeln herrschte Kälte, gut, daß sie tüchtig eingemummt waren. Sie gelangten zum Tunnelportal, weit früher als gedacht, und warteten hinter den Büschen. Die Pause vor dem letzten Akt ihrer Flucht war die erste seit heute früh, in der sie bewußt Luft holen konnten und die Natur vernehmen. Erst jetzt hörte Dora das metallische Brausen der Zikaden und den rohen Schrei eines unbekannten Raubvogels. Verdorrte Gräser schnitten ihr ins Fußgelenk, alles hier war ihr fremd. Sie preßte einen Augenblick den Kopf des Sohnes an ihre Seite.

«Erinnerst du dich an die Kitzlein...?»

«Ja, Mami...»

Es waren nicht einmal vierundzwanzig Stunden vergangen, doch sie kam sich um Jahre älter vor. Sie verspürte die Sehnsucht, die dahinjagende Zeit zum Stehen zu bringen.

«Sobald wir dort sind, Petřík, legen wir uns alle drei zusammen ins Bett, knubbeln uns im Knäulchen zusammen und werden schlafen, schlafen und schlafen. Und wenn wir aufwachen, kauft uns der Vati soo einen großen Berg Eis mit Sahne!»

«Ja, Mami...»

«Komm schon», flüsterte Milan voller Spannung. Seine Omega zeigte eine Minute vor halb elf, in seinem Gehirn schellte es Alarm. Was, wenn sich der Zug verspätet? Jede Sekunde Verspätung zwang sie, die Strecke um einen Schritt schneller zurückzulegen, doch irgendwo lag die natürliche Leistungsgrenze. Gleich danach beruhigte er sich, als in der Tunnelmündung ein unbekannter, geradezu außerirdischer Klang zu vibrieren anfing, der sich plötzlich in das gewöhnliche Rattern von Rädern einer Lokomotive verwandelte, die auch bald erschien.

Sie warteten ab, bis der letzte Waggon mit den roten Schlußlichtern an ihnen vorbeigedonnert war, und der Tunnel verschlang sie.

Bei den ersten Schritten erkannten sie, daß ihnen ein Arm fehlte, der die Lampe halten könnte. Milan wußte sich Rat: Er steckte die Lampe in die Achselhöhle, so daß der Lichtkegel vor seine Füße fiel.

«Haltet euch an mich! Wenn möglich, auf die Schwellen treten! In achteinhalb Kilometern gibt es höchstens zehntausend davon! Okay: Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben...»

Bald meldete er nur noch jede zehnte, später jede hundertste. Die Schwellen lagen ziemlich weit auseinander, er mußte die Schritte lang nehmen, hatte mehr von dem Sauerstoff nötig, der mit aufgewirbeltem, stechendem Staub übersättigt war. Dora und Petřík, das wußte er, konnten nicht in seinem Rhythmus gehen, immer wieder traten sie auf den buckligen Schotter. Doch es war ihre letzte teuer erkaufte Chance, sie waren jung und gesund, wie sie immer behauptete, deshalb hat er sie beide jetzt erbarmungslos vorwärtsgehetzt.

Es war mühseliger, als sie es sich vorgestellt hatte, aber wiederum nicht so schrecklich, wie sie befürchtete. Erleichtert stellte sie fest, daß man es zu den Nischen vorn oder hinten höchstens hundert Meter weit hat. Die Röhre war ganz still, gab nur ihre Schritte wieder. Auch Petřík, den der Vater geschickt dadurch munter machte, indem er ihn anfeuerte wie ein Trainer seinen Athleten, konnte den zweiten Atem schöpfen und marschierte munter voran. In Bodennähe war die Luft für ihn reiner. Erstaunt hörte sie, wie Milan bald fünftausend meldete; weil sie selbst vierundzwanzig Nischen gezählt hatte, hatten sie wohl ziemlich die Hälfte geschafft.

«Wie spät ist es?» rief sie keuchend.

Das hat er ausgenutzt, um die Koffer wieder einmal abzusetzen und den Rücken zu strecken.

«Viertel. Viertel zwölf.»

Das «Bald» dauerte also eine dreiviertel Stunde.

«Die Hälfte?» fragte sie vorsichtig.

«Klar! Es läuft prächtig, nur müssen wir ein bißchen zulegen, aber das ist noch drin, nicht wahr, Petřík. Wie bei der Olympiade. So läuft man Marathon, weißt du? Am Anfang schnell, wie es geht, dann dreht man etwas auf, ab der Wende wird richtig gelaufen, und vor dem Stadion setzt man zum Finish an. Also, leg zu!»

«Ja, Papi.»

Milan hat mit seiner ganzen Last tatsächlich beschleunigt, und Dora hatte viel zu tun, um mit ihm Schritt zu halten. Sie bewunderte Petřík, daß er so gut nachkommen konnte, obwohl seine Beinchen sich viel mehr bewegen mußten. Daß sich bei ihnen alles auf nur zwei Funktionen, Laufen und Tragen, konzentrierte, ermöglichte es ihnen allen offensichtlich, tief in die Reserven zu greifen. Das Lampenlicht tanzte vor ihnen wie ein Riesenfalter, der sie anzuführen schien. So legten sie das dritte Viertel zurück, als Petřík zum erstenmal stolperte. Zweimal fing er sich wieder, beim drittenmal fiel er hin.

«Ist dir was passiert?» erschrak sie.

«Nein...»

Der Falter flog davon.

«Milan! Halt!»

Das Licht, auf sie gerichtet, blendete die ans Dunkel gewöhnten Augen.

«Schnell, schnell«, hörte sie ihn, «nicht stehen, laufen.»

«Petřík kann nicht mehr...!»

«Quatsch! Klar kann er. Wir sind fast da! Petřík, jetzt geht’s um die Goldene, hörst du?»

Das Kind brachte nichts heraus. Dora hatte den rettenden Einfall.

«Falls du jetzt die Mäntel und Schuhe... ich nehme ihn an die Hand...»

«Her damit!»

Doch er konnte die Sachen nicht fassen; dabei stellte er fest, daß sein Hemd total durchnäßt war, das viele Zeug, das er übergezogen hatte, war zu einer Schwitzpackung geworden, in die er einst von seiner Mutter bei jeder Erkrankung gesteckt wurde. Das Gehirn half ihm wieder.

«Kommt nach vorn! Vor mich hin! Du trägst ihn und er die Lampe, ich kann euch besser voranbringen!»

Beim Wechsel reichte er die Stablampe dem Sohn.

«Du darfst sie nicht fallen lassen! Nicht, daß du sie fallen läßt, verstehst du? Oder wir sind im Arsch!»

«Nein, Papi...»

«Also, wir machen weiter! Na, Dora!»

«Ja...»

«Leg zu! Du hältst es aus, der Mensch kann alles, wenn er muß!»

Er hatte recht. Obwohl sie keine besondere Sportlerin war und diesen Wahnsinnslauf nun schon mehr als eine Stunde mitmachte, war sie schweißübergossen noch imstande, das Kind zu tragen und sogar ihre Schritte zu beschleunigen. Nur das Zählen der Nischen gab sie auf, die Zeit blieb für sie stehen und dann vielleicht auch die Bewegung, ihr war, als wäre sie an einem Punkt steckengeblieben, und unter ihr lief der zweifache Stahlstreifen samt Schwellen nach hinten. Dann stolperte auch sie. Ihm gelang es, dicht hinter ihr anzuhalten.

«Vorwärts! Weiter! Der letzte Tausender.»

Das waren nicht mehr die Muskeln, nur der Wille allein, der ihren Körper wieder zum Gehen zwang. Petřík, obwohl längst nur getragen, umklammerte krampfhaft mit der linken Hand ihren Hals, als wollte er es ihr leichtermachen, er konnte den Lampenstiel mit der Rechten nicht mehr festhalten, dieser sank nach unten, und der Lichtkegel zielte auf Doras Füße. Milan hat das bemerkt.

«Halt sie ordentlich... leuchte vor uns, daß wir nicht stolpern!»

Sie ließen eine weitere Nische hinter sich, als wiederum der seltsame Klang ertönte. Sie dachte zuerst, es dröhnte in ihrem Kopf, doch einige Sekunden später hatte sie keine Zweifel mehr. Vor Schreck blieb sie stehen. Er hat sie von hinten beinahe umgerissen.

«Weiter! Weiter!»

«Der Zug...»

«Lauf, zum Teufel, lauf!»

«Der Zug kommt...!»

Er konnte sich noch orientieren.

«Von hinten. Wir schaffen es! Nur noch einige hundert Meter!»

Er schoß los. Da er aber das Denken und Sich-Bewegen nicht mehr in eins bringen konnte, nahm er nicht wahr, daß sie noch dastand. Er rammte sie, und Petřík ließ die Lampe fallen. Glas klirrte, und die totale Dunkelheit hat sie umgeben.

«Du Idiot!» brüllte Milan wütend, «was hast du da getan?»

»Laß ihn!» schrie sie jetzt auch und preßte das Kind an sich, «laß ihn in Frieden!!»

Ihre Stimmen verhallten fast in der donnernden Vibration, die mit der Gleichmäßigkeit eines langsamen Paukencrescendos anschwoll. Da hörte Dora ihn wieder brüllen.

«Schau nach vorn, dort!»

Jetzt sah sie selber den schwachen Lichtbogen des zweiten Portals. Milan war noch einmal fähig, das Kommando zu übernehmen.

«Gib her!»

Er nahm ihr auch das Köfferchen weg, es war ihr, als müßte sie gleich vor Leichtigkeit schweben. Sie hörte ihn über das Geröll stolpern und begriff seine Absicht. Er legte das Gepäck an der linken Tunnelwand ab und würde es dort später abholen. Er übernahm den Sohn und fing schwerfällig an zu traben.

«Mir nach!»

Er schöpfte aus dem Letzten, aber lief wirklich wie im Finish, und sie blieb nicht zurück. Der Bogen vorne schien langsam aufzuleuchten, nicht jedoch zu wachsen. Dafür wurde das Dröhnen der riesigen Kesselpauken, das die stehende Luft bereits erbeben ließ, immer stärker. Dora übermannte der Zwang, sich umzudrehen. Deutlich nahm sie ein Dreieck leuchtender Augen wahr.

«Milan, er ist schon...!»

Er hörte sie offenbar nicht mehr. Er sprang vor ihr über die Schwellen und hechelte wie ein großes Tier, über seinen Rücken flog ihr Schatten hin und her.

Die Scheinwerfer der Elektrolok begannen den Raum ringsherum zu durchleuchten. Sie schnitten die Silhouette einer Nische aus, auf die sie hinsteuerten.

«Milan! Da hin! Da hin!»

Er verpaßte die Nische, taumelte mehr, als er lief, als wäre er selbst eine Maschine, die diese Gleise nicht verlassen kann.

Als Dora begriff, daß ihn nur ein automatischer Reflex nach vorn treibt und er jeden Sinn für die Wirklichkeit verloren hatte, tat sie das einzige, wozu sie noch fähig war. Sie wandte sich gegen die Zyklopenaugen und breitete weit die Arme aus. Das letzte, was sie noch hörte, waren der betäubende Pfiff und das nervenzerreißende Gekreische blockierender Eisenräder, die die mächtige Kraft der Trägheit Hunderte Tonnen weiter nach vorn schob.

III
Der erste tag im zweiten leben
Der Tag danach

Mittwoch, den 22. Juni 1983

1. Die vier Zufallsvereinten

Sie kamen sich sorglos und frei von Verpflichtungen vor, wie auf einem Schulausflug oder vielmehr beim Schulschwänzen.

Sie stiegen aus dem Minibus, als eine unsichtbare Turmuhr Mitternacht schlug. Wie in ihnen die Feder der Erregung nachließ, die sie lange Stunden angetrieben hatte, so nahmen sie nicht wahr, daß bereits der erste volle Tag in ihrem neuen Leben anbrach.

Die Eingangshalle des Kasinos, die sie aus einem niedlichen Park betraten, war nüchtern. Außer einer runden Sitzgruppe stand dort nur ein Empfangspult, an dem man gerade eine Gruppe malerisch bekleideter Afrikaner bediente. Gleichzeitig nahm ein unbekanntes Summen ihre Aufmerksamkeit gefangen. Erst als sie zu den verglasten Schiebetüren aufsahen, die als Kontrollschleuse und Schaufenster der riesigen Spielstätte dienten, erkannten sie die vielschichtige, durch den Raum gedämpfte Stimme einer Menschenmasse.

Das Kasino begeisterte sie durch seine Farbtönung, in durchdachter Harmonie mischten sich hier alle Schattierungen von Braun: auf den bemalten oder vielleicht geätzten hohen Fenstern, auf den Holzverschalungen der Wände, auf den Teppichen, Vorhängen und Bezügen; mit dem Braun harmonierte das Messing der Beleuchtungskörper und der Klinken und auch die gelblichen Ovale des Lichts aus den niedrighängenden Lampen, die aus dem Dämmerlicht die Spieltische ausschnitten. In dem riesigen Saal fand beinahe keine Bewegung statt. Zu den Tischen schienen sich Gruppen von Figurinen niederzubeugen, und über ihnen stieg ein Nebel aus Zigarettendunst empor.

Jeder der vier Tschechen empfand etwas anderes.

Der Zauberer und Koch: Dreißig Jahre habe ich auf dich gewartet, mein geliebtes Kügelchen!

Die Verkäuferin: Von all diesen Knackern muß doch wenigstens einer ein geschicktes tschechisches Mädel suchen.

Der Gärtner: Ist das die Welt, in der wir gemeinsam leben sollen...?

Die Pianistin: Christopher... Was macht jetzt Johann Christopher?

Es war für sie kaum noch vorstellbar, daß sie hier einmal mit jenem kraushaarigen Wirrkopf stand, der hier sein ganzes Gehalt gelassen haben würde, hätte sie ihm nicht gedroht, er würde sie dann nie mehr sehen. Er pflegte leidenschaftlich zu verlieren, um ihr zu beweisen, daß das Schicksal ihm allein das Glück in der Liebe gönnt, und sie hat sich dabei ertappt, wie sehr sie dadurch erregt wurde. Sein Gehalt vom Radio war übrigens für ihn nur ein Zubrot zu den Zinsen aus dem ererbten Familienkapital. Neben dem Altersunterschied warnte sie auch sein Reichtum, aus der Literatur kannte sie nur das schlimme Ende ähnlicher Typen... der Altersunterschied? was würdest du, mein lockiges Christöphchen, dazu sagen, würdest du mich jetzt hier, zehn Jahre älter, mit einem um fünfzehn Sternenjahre jüngeren Liebhaber sehen? Sie seufzte.

«Bist du müde?» hörte sie ihn sagen, «wir haben doch genug für ein Hotel.»

«Nein, nein!» sie war ihm dankbar für seine Fürsorge, doch wollte sie heute nicht allein zwischen vier Wänden sein, «ich bin froh», rechtzeitig ließ sie das Wörtchen «wieder» weg, «hier zu sein! Wie eine Zäsur, eine Pause ist das, weißt du, zwischen der einen und der anderen Welt.»

«Halli, hallo», befahl energisch ihr selbsternannter Führer, der sich hier inzwischen orientiert hatte, «alle Mann mir nach, Herrschaften gehen wir’s an!» Er zeigte auf das Pult, das die Exoten gerade verließen.

Die Verkäuferin riß ihre Augen von dem nie gesehenen lebenden Bild im Kasino los und staunte nun die üppig befransten Burnusse an. Die Frau in ihr lehnte sich auf, als sie auf das eigene leinene Complet zeigte; daß es in Budweis ein «Importstück» war, half ihr hier wenig.

«Kann ich denn so gehen?»

«Eine echte Dame», sagte der Zauberer, «darf heute auch in einem Kartoffelsack herumlaufen, falls sie dazu eine Nobelmiene trägt, und um uns Herren», er zeigte auf seinen offenen Kragen, «muß man sich doch bemühen, wenn man unseren Kies will.»

«Sie haben sich damit gebrüstet, hier die Bank zu sprengen», maunzte das Mädchen.

«Pst, das dürfen die doch nicht ahnen!»

Er trat zum Pult, wo er von zwei schwarzgekleideten Jünglingen, die Uniform der hiesigen Angestellten, mißtrauisch beäugt wurde.

«Viermal», befahl er und streckte dazu noch vier Finger hoch, als bestellte er in einer Kneipe eine Runde. Eine weitere Abkühlung der Geschäftsbeziehungen trat dadurch ein.

«Flüchtlinge?» fragte der ältere der jungen Männer.

«Warum denn?» antwortete Strniště mit einer Frage.

«Flüchtlingen wird der Besuch hier nicht empfohlen», erklärte der jüngere Jüngling.

«Und zwar warum?»

«Es ist nicht der Sinn der Unterstützung für Asylbewerber, daß man sie hier verspielt.»

«Sehr vernünftig», sagte er, «ich beabsichtige aber, hier zu gewinnen.»

«Wir bedauern, doch...»

Die Pianistin wurde wütend. Sie versöhnte sich bereits damit, daß sie in der Nacht nicht im Lager aufgenommen wurden, doch hier war sie einst gewissermaßen als Königin aufgetreten und wollte nun nicht wie ein lästiges Insekt verscheucht werden.

«Ist das eine Empfehlung oder ein Verbot?»

Beide Empfangsleute schauten sie genauer an und wurden milder.

«Eine Empfehlung», sagte der Ältere, «doch wir richten uns nach ihr, wir haben hier schon Tragödien erlebt.»

«Was sagt er?» fragte der Gärtner.

Der Antwort hat Strniště wahrhaft wie ein Zauberer vorgegriffen. In der Hand, vor einem Augenblick noch leer, hielt er ein grünes Büchlein und sagte höflich.

«Der Irrtum besteht nur darin, daß wir ordentliche Bürger der Tschechoslowakischen und obendrein noch Sozialistischen Republik sind. Ist auch denen hier der Zutritt verboten?»

Verlegen haben sie darin geblättert. Strniště wandte sich seinem Häuflein zu.

«Bemühen Sie sich bitte, auch Ihre Pässe vorzuzeigen, damit sie uns zum letztenmal von Nutzen sind. Und du», ordnete er ähnlich unverbindlich Bobina an, «verdünnisiere dich auf zwei Nullen!»

«Wie...» sie begriff nicht.

«So, die Richtung, in die dein Hintern zeigt, und dann links, ich kann es dir jetzt nicht zeigen, schleich dich dann einfach nach, danke!» dies galt bereits dem Paar, das ihm seine Papiere wiedergegeben hatte.

Die Wachsamkeit der Jünglinge zerstreute sich, das Mißtrauen noch nicht.

«Bei uns wird nur in Gesellschaftskleidung gespielt.»

Der Zauberer zeigte spöttisch in den Spielraum. An der Kasse hinter der Tür wechselte eine Männerschar in amerikanisch schrillen Sakkos Geld ein.

«Sehen wir da nicht besser aus?»

«Die Herren tragen Krawatten.»

«In jedem guten Kasino dieser Welt», sagte er bedeutungsvoll, «hat man mir einen Schlips geliehen.»

Ein zweitesmal versuchten sie, die Oberhand zu gewinnen.

«Hier wird nur um harte Währung gespielt.»

«Schillinge?»

Es klang enttäuscht und für sie endlich wie der Punkt hinter diesem Auftritt. Sie beugten sich bereits über irgendwelche Papiere, als er sie endgültig fertigmachte.

«Und keine Mark?»

«Nur westliche.»

«Aha. Und Fränkli?»

«Die auch.»

«Und Pfund. Ich meine das englische?»

«Natürlich», das klang bereits gereizt.

«Und Dollars. Ich meine die amerikanischen?»

«Wir nehmen jede konvertible Währung an.»

«Ach, so geht’s hier zu. Und die Untergrenze? Wie zum Beispiel, daß ich mindestens tausend haben muß?»

Zu Recht hielten sie ihn schon für einen Spinner.

«Sie müssen soviel haben, um spielen zu können.»

«Und wie hoch ist der niedrigste Einsatz?»

«Tagsüber zwanzig, jetzt fünfzig Schillinge», sagte der Jüngling abschätzig.

«So daß das da reichen müßte!»

Er knöpfte die Manchesterjacke auf, und dann erstarrte auch das böhmische Duo. Eine Miniweste mit sechs aufgequollenen Täschchen überspannte das Hemd, die er der Reihe nach öffnete, um jedesmal ein Bündel zusammengefalteter Banknoten ein wenig zu lüften, jede Tasche eine Währung.

«Ich bin noch nicht dazu gekommen, mir einen Safe zu mieten», erklärte er freundlich den sprachlosen Rezeptionisten, «findet man jetzt für uns ein Schlipspärchen?»

Da sie dorthin mußte, wollte die Verkäuferin auch zugleich das WC ausnutzen und erlebte dabei den ersten Schock. Zuerst war sie außerstande zu erkennen, daß sie tatsächlich dort war, wohin sie sollte. Ein Marmorsalon mit einer Reihe sonderbar geformter Waschbecken, in den sich leise Musik ergoß, erinnerte an nichts, was sie je gesehen hatte. Als sie endlich feststellte, daß sich hinter den Spiegeltüren Kabinen verbargen, war sie sich wiederum nicht sicher, ob die Sitze aus geblümtem Porzellan wirklich so einem niederen Zweck dienten. Danach erlebte sie das Schlimmste: Sie konnte die Spülvorrichtung nicht finden. Kein Hebel, keine Kette, aber auch kein Wasserkasten, nichts.

Am Rande der Verzweiflung hatte sie einen Druckknopf entdeckt, fast unsichtbar in die Kachelwand eingelassen. Dann erschrak sie, als ein giftiggrüner Wasserstrahl in die Schüssel sprang, erst an dem wohlriechenden Duft, den er mit sich führte, hat sie das Reinigungsmittel erkannt.

Mit einiger Scheu wollte sie sich in einem der prachtvollen Becken die Hände waschen. Sie war immer ein reinliches Mädchen gewesen, doch in Böhmen ging sie lieber verschmutzt nach Hause, statt sich in der rostigen Flüssigkeit säubern zu müssen, die aus den Röhren im Kaufhauswaschraum tröpfelte. Hier jedoch fand sie keinen Wasserhahn, nur einen seltsamen Hebel, der sich nicht niederdrücken ließ. Langsam wurde sie wütend auf die ganze Vornehmheit, hier will mir jemand mit aller Macht zeigen, daß ich total blöd bin!

Es gelang ihr, den Hebel nach links und rechts zu schwenken, ohne einen Tropfen herauszumelken. Kaputt! beschloß sie endlich und versuchte beim nächsten ihr Glück. Kein Wasser! fiel ihr eine weitere tschechische Erklärung ein, und es freute sie; geschieht ihnen recht, den Angebern! Dabei zog sie den Hebel nach oben und schrie auf. In die Schüssel prallte heißes Wasser, im Nu verschwand der Spiegel im Dampf. In Panik drückte sie den Hebel in die richtige Stellung. Oh du liebe Omi, schon gefährlich dieser Westen!

Ein Handtuch suchte sie gar nicht erst. Zu Hause hingen überall höchstens fleckige Fetzen, schon der bloße Anblick ekelte sie. Aber in diesem Luxus muß sich der Mensch doch abtrocknen können! Drei Kästchen an der Seitenwand zogen ihre Aufmerksamkeit auf sich; Lufttrockner, fiel ihr ein, doch sie fand keinen Schalter. Dann hat man sie wieder reingelegt: Als sie bereits nur der Ordnung halber unten herumtastete, blies es plötzlich heiß heraus. Das Vieh reagiert allein! Sie trocknete sich, stolz, alle hiesigen Tricks durchschaut zu haben, aber zugleich in Sorge, wieviel schlimmere sie in dieser Welt noch erwarteten.

Die Empfangsherren schenkten ihr keinen Blick mehr, und den Kontrolleur entwaffnete sie mit tschechischem Gruß.

Ihr Busen schien der beste Passierschein zu sein.

«Ahoj! Das bin nur ich wieder!»

Die Pianistin staunte, wie ein Streifen bedruckten Stoffs den Charakter eines Menschen verändern kann: Der Gärtner sah mit der breiten Leihkrawatte geradezu weltmännisch aus. Als sie es ihm verriet, während der Zauberer Geld für Jetons wechselte, nickte er bedrückt.

«Jawohl... ich würde lieber Weggehen.»

«Was ist mit dir?» wunderte sie sich; darauf war sie nicht gefaßt.

«Ich fühle mich hier nicht wohl.»

«Und warum?»

Soll ich mich auf Müdigkeit rausreden? überlegte er, doch wie immer gewann seine Wahrheitsliebe.

«Ich gehöre nicht hierher.»

Kann er meine Gedanken lesen? erschrak sie. Ahnt er, daß ich an einen anderen denke, sieht man es mir an? Damals hatte sie mit dem Jungen nichts, sie war so dumm, an einen Ilja in Prag zu glauben, dessen glatte und flache Sprüche sie von Anfang an hätten warnen müssen, und eben der Schiffbruch hat sie zu diesem Mann vom Lande hingezogen, ihr gegenüber fast dreimal so jung wie Christopher damals. Doch was heute ihre Beziehung bedrohte, war ganz anderer Natur.

«Václav!» sagte sie leise, aber eindringlich zu ihm, «bitte fang nicht wieder damit an! Wenn du meinst, es wäre eine Lasterhöhle, so reimt es sich nicht mit deiner Toleranz allem Menschlichen gegenüber; das hier ist eine der wenigen Chancen, die das Leben wirklich jedem bietet. Und wenn du damit sagen willst, daß du nicht hierher gehörst, denkst du nicht wie ein Christ!»

«Wie kommst du darauf?» staunte er.

«Die Kommunisten haben sich, damit alle Menschen gleich werden, ausgedacht, daß einige von ihnen eine Avantgarde bilden müssen, die führende Kraft und wie sich das nennt. So haben sie sich an ihre Vorgänger mit Kasten und Titeln angepaßt. Auch ihr Katholiken habt was Ähnliches in der Kirche eingeführt, doch als Christen bekennt ihr bis heute, daß die Menschen wenigstens vor Gott gleich sind. Das solltest du auch hier gelten lassen.»

«Ich habe nicht geahnt», er mußte lächeln, «daß du mir mal das Christentum predigen wirst, dazu noch in einer Spielbank!»

«Ich predige dir gar nichts, ich bitte dich nur, deine Welt nicht nur auf die Kirche einzuengen, wohin ich bald mit dir gemeinsam zu gehen beginne, jawohl!» sie reagierte auf seine Verwunderung, «doch komm auch du mit, wo es mich freut. Das Leben hat eine Unmenge Gesichter, stammen sie für dich nicht alle von Gott? Schau dir die Leute an, bis auf ein paar leidenschaftliche Spieler alles nur einfache Touristen und Kurgäste, für einen Augenblick steigen sie aus dem Alltagstrott aus, um ihr Schicksal zu prüfen, ob sie nun an Gott oder den Zufall glauben...» bevor sie zu Ende war, erschrak sie: Gott gebe, daß er nicht fragt, woher sie das alles weiß!

«Woher weißt du das alles?» fragte er logisch.

Die fromme Lüge diente ihr bis in das vorige Jahr, immer wenn die nichtigen Wahrheiten ihre Arbeit und Beziehungen unnötig bedrohten; seitdem sie Václav kennengelernt hatte, redete sie sich ein, die erste Lüge würde seinen Gott bewegen, ihr ihn wieder zu nehmen.

«Ich war hier schon mal», gab sie zu.

Möge er jetzt wenigstens nicht fragen, mit wem! In der Nacht, in der sie die gemeinsame Flucht vereinbart hatten, zählte sie ihm ihre Lieben auf, damit er wußte, daß sie vor ihm alle ihre Geheimnisse preisgibt; Johann Christopher hat sie dabei ehrlich vergessen. Daß sie mit ihm nicht schlief, war kein Maßstab, es war geistige Überlegenheit, die Václav deprimierte, und Lydia wollte nicht, daß er fürchtete, hier würde neben all dem Unbekannten noch ein Rivale lauern. So entschloß sie sich, es zu verheimlichen.

«Entschuldige», sagte er, «das letzte, was ich heute und irgendwann will, ist, dir die Freude zu verderben. Mach dir meinetwegen keine Gedanken, ich werde mich an alles gewöhnen, was du gern hast!»

«Ahooj, Leute«, lärmte Bobina, »war einer von euch hier schon auf dem Häuschen? Das ist ein Jux, da braucht man Hochschule, wenn man auf den Topf will!»

«Herrschaften!» rief der Zauberer und klickerte mit den Jetons, als schüttle er Würfel, «hereinspaziert, mir nach, Fortuna entgegen!»

Bislang haben sie keinen der von Menschentrauben umlagerten Roulettetische frei erblickt. Der Zauberer schritt aber nun mit nachtwandlerischer Sicherheit auf den drittgelegenen zu und beschlagnahmte als erster drei soeben frei gewordene Stühle.

«Hierher, meine Damen!» er plazierte höflich Lydia links und Bobina rechts neben sich, «der Herr Václav stellt sich dahinter auf als Schmiere, daß uns niemand den Haufen Geld klaut, den wir jetzt gewinnen!»

Der Gärtner und die Verkäuferin sahen zum erstenmal ein echtes Roulette.

«Zunächst beobachten», ermahnte sie der Anführer, die Jetons behielt er weiter in der Hand, «und dann erst mich fragen, wie wir diese Bank zur Ader lassen werden!»

Er gönnte es ihnen drei Runden lang, sich an das Milieu und das Spiel zu gewöhnen. Der Gärtner bemühte sich, wie er versprochen hatte, ein Verhältnis zu alldem zu finden, doch die Zeit reichte nicht einmal aus, die Spielregeln zu begreifen. Bobina dagegen hatte gleich blitzartig erkannt, daß man hier hauptsächlich auf Nummern und ihre Gruppen setzt. Sie staunte, wie genau zwei andere Jungs im Schwarzen mit langstieligen Harken Türme von verschiedenfarbigen Ringeln zusammenfegten und den Spielern zuschoben, viel öfter jedoch zu sich, wo sie sie blitzschnell zu den selben Farben in der Bank ordneten. Dann entdeckte sie einen dritten, der auf einem erhöhten Sessel, das Gesicht über der ovalen Lampe im Halbschatten, offensichtlich zu beobachten hatte, daß nicht geschwindelt wird. Bobina kam es vor, als hätte er ihr zugezwinkert. Aha! diese Art Aufsicht kennen wir von daheim.

Lydia war aufgeregt wie schon damals. Als sie Christopher dazu zwang, sein Wahnsinnsspiel aufzugeben, tat sie es auch zu ihrem eigenen Wohl. Obwohl sie lebenslang eine Gefangene ihrer Disziplin war, von der sie mehr als von Notenlinien zusammengeschnürt war, verspürte sie beim Roulette, wie leicht sie selbst der Leidenschaft verfallen würde, die der holpernde Lauf der kleinen Kugel erweckte. Gerade jetzt hatte sie es durch ihre Tat bestätigt: Sie hatte das Sichere für das Unsichere verworfen, gab sich einer unbekannten Zukunft an der Seite eines unbekannten Menschen preis.

Ich bin eine Spielerin, gestand sie sich, eine Hazardeuse, und am Ende werde ich alles verspielen. Erschreckt suchte sie hinter sich nach seiner Hand, drückte sie fest zu und ließ nicht locker, als wäre diese Hand jener feste Punkt, an dem ihr Leben hängt.

Der Zauberer gab jedem fünf Jetons zu zwanzig. Václav überließ sie ihr, und Lydia, ohne zu zögern, setzte alles auf die Zwei.

«Auf uns beide», flüsterte sie ihm nach hinten zu, «alles oder nichts!»

«Wieviel kann man da rauskriegen?» fragte Bobina, als die Kugel wieder losrollte.

«Mal fünfunddreißig», rechnete der Zauberer, «macht siebentausend.»

«Nee, wohin soll ich es pflastern?»

«Der Spielgott liebt keine Kiebitze, beim Roulette und im Tod steht jeder allein. Im Unterschied zur Liebe, wo es ab zwei losgeht.»

Sie schaute sich den schwarzen Aufseher an. Er fixierte sie weiter. Sie setzte für zwanzig auf Nummern, die sie jahrelang vergeblich im Lotto versucht hatte, sieben, elf, dreizehn, zweiundzwanzig, dreiunddreißig. Sie schaute schnell zu dem Kerl auf. Zweimal gezwinkert! freute sie sich, also in Butter! Es geht hier wie zu Hause zu, man muß nur den Richtigen picken. Wieviel wird er dafür wollen, der Schlaumeier, oder vielleicht, was? Das geb’ ich lieber, er sieht ganz passabel aus...

Es fiel die Drei.

Was soll das? Sauer schaute sie auf den Ratgeber. Er zwinkerte dreimal, und sie erkannte zu spät, er hat nur so einen Tick.

«Siehst du», sagte Lydia zu Václav, «wir haben Glück in der Liebe.»

«Oder es montiert sich ein Dritter dazwischen», lachte der Zauberer.

Das erinnerte beide daran, daß Věra in Budweis inzwischen alles weiß und gemeinsam mit dem Polizeipapa fieberhaft überlegt, wie ihnen hier einzuheizen wäre. Sie hörten auf, daran zu denken, als der Zauberer zehn Ringel mit der Ziffer 100 auf dem schwarzen Viereck absetzte.

«Ach, du meine Güte», sagte die Verkäuferin verblüfft, «wohin schieben Sie das alles?»

«Auf die Farbe, auf Schwarz.»

«Und soviel? Was, wenn Rot fällt?»

«Wie könnte es», wunderte er sich flunkernd, «wenn ich auf Schwarz stehe!»

Die Kugel lief in der Schale immer langsamer, bis sie in das schwarze Fach fiel.

«Nee!» rief das Mädchen begeistert, «wieviel hat das gebracht?»

«Das Zweifache.»

Die Harken wischten die meisten Jetons anderer Spieler für die Bank zusammen. Zu seinem Säulchen schoben sie aber ein weiteres, genau so hoch. Das Roulette drehte sich schon wieder.

«Packen Sie es doch weg», sorgte sich Bobina, «warum nehmen Sie es nicht?»

«Weil ich weiter das Doppelte will.»

Bald darauf hatte er es und ließ bereits vier Säulchen da stehen.

«Na, so was!» Bobina kaute an den Nägeln, «wieviel wäre das bei uns?»

«Rechne zwei Kronen für einen Schilling und multiplizier das gleich mit zwei.»

Er irrte nicht. Als die Kugel richtig einfiel, hat er in Jetons achttausend gehabt, was also sechzehntausend Kronen ausmachte. Das bleibt mir zu Hause nach allen Abzügen für ein Jahr! Es fuchste sie, als wäre sie immer noch dort; laut ängstigte sie sich.

«Nun nehmen Sie es schon weg, nee?»

Auch die beiden anderen fühlten sich wie auf Dornen, seltsam, dachte Lydia, fremdes Geld, und man zittert darum.

«Wollen Sie tatsächlich weiterspielen?» fragte sie ihn vorsichtig.

Er schaute auf sein Kapital, zu dem einige Spieler ihre Marken zulegten, um sich an seinem Glück zu erwärmen, und kratzte sich am Kopf.

«Ich passe, ich mach’ eine Pause», erklärte er und schob alles zu sich, doch er verfolgte das Spiel konzentriert weiter, als bliebe er dabei.

Rund um den Tisch rumorte es, als Rot fiel. Bobina staunte.

«Oh du liebe Omi, wer hat’s Ihnen gesagt?»

«Störe nicht, jetzt geht’s rund.»

«Gib Tausender», wies er den Mann an, der auf seiner Seite die Bank bediente.

Die Harke fuhr seinen Haufen weg, und die Finger schickten zu ihm gleitend acht große Ringel mit der Ziffer 1000 hin. Eine Höllenmaschine, fiel Lydia ein, als die Schale wieder losging, Václav hat recht! Der Zauberer wartete ab, bis alle gesetzt hatten, inzwischen ordnete er die Scheiben aufeinander und schob sie wieder auf das freie Schwarzfeld.

»Warum nicht lieber auf das rote?» konnte sich Bobina nicht verkneifen.

«Das rote ist für mich seit heute gestorben», verkündete er feierlich, «bis zum Todestag.»

Die Kugel ratterte außerordentlich lang, bis sie wieder auf Schwarz fiel.

«Ein Teufel sind Sie», stöhnte die Verkäuferin voll Bewunderung auf.

Die Menge rund um den Tisch wurde dichter, der Gärtner sah, wie sich hier mit einem Schlag Zuschauer von überall zusammenzogen. Riecht das Glück? Dann erinnerte er sich daran, daß einige Blumen im Klíčover Gewächshaus schneller verwelkten, wenn er bei ihnen wegen Věra litt. Warum sollte die Freude nicht noch stärker strahlen?

Sechzehn Tausenderjetons häufte der Zauberer zu einem dicken Turm und ließ ihn auf Schwarz stehen. Bobina blickte zu dem Vogel da oben, der sie so schön reingelegt hatte. Er hatte aufgehört zu zwinkern und verfolgte jetzt das Spiel wie ein echter Falke. Václav entzog Lydia seine Hand.

«Was ist?» stutzte sie.

«Verzeih... es tat weh...»

Sie sah in seiner Haut Einschnitte ihrer Nägel, kam jedoch nicht dazu, sich zu entschuldigen, weil sie nur die Kugel wahrnahm, als gehörte der Einsatz ihr selbst, Schwarz, befahl sie ihr, auf Schwarz!

Schwarz kam.

«Jetzt aber Schluß!» stieß es aus Bobina heraus.

«Schweig still!»

Sie sah ihn im Profil mit neuen Augen an, nein! er war keinesfalls ein Tattergreisschlawiner, wie es ihr noch am Morgen vorkam, sondern ein Mann wie ein Baum, der es auch sicher verstand, es einem Weib zu besorgen...

Er stellte sechzehn neue auf die sechzehn alten Scheiben und ordnete sie sorgfältig in der geometrischen Mitte des schwarzen Feldes. Ringsherum gab es nur Bagatelleinsätze, eigentlich spielte er allein gegen die drei schwarzen Bankiers. Doch obwohl sie die Kugel mit mehr Energie als vorher reingeworfen hatten, kreiselte sie in der Gegenrichtung nur zweimal, übersprang wild eine Reihe von Fächern, fiel in das rote, und aus ihm heraus schaukelte sie in das schwarze.

Anerkennender Beifall erklang. Der Zauberer wartete, bis man ihm den Gewinn zuschob, und nach langer Zeit sprach er wieder.

«Wo ist Limit?» fragte er den auf dem Hochsitz.

«Sie sind gerade drauf», erwiderte der Falke mit unbewegtem Gesicht.

«Was sagt er?» flüsterte der Gärtner, bereits gefesselt, Lydia zu.

«Es ist der höchste Betrag, den man hier setzen darf.»

«Da werden Sie... hundertachtundzwanzigtausend haben», quiekte Bobina; in Kronen eine Viertelmillion, für die sie mehr als zehn Jahre roboten müßte.

Als würde er aus einer Trance wach, wandte er sich an sie und seufzte.

«Keinesfalls.»

«Wieso?»

«Faites votre jeu», fing man schon wieder an, die Schale zu drehen.

«Weil jetzt Rot kommt.»

«Meine Güte, dann dalli weg damit!»

Er nahm drei Ringel weg.

«Warum nicht mehr?»

«Aus zwei Gründen», beobachtete er die kreisende Kugel fast melancholisch.

«Wirklich», sagte Lydia nervös, auch ihr schien es, als hätte er plötzlich nicht alle bei sich, «warum lassen Sie es nicht sein?»

«Erstens», erklärte er, als spräche er zu einem Kind, «beleidigte ich dadurch eben den Spielgott und zweitens... einen Moment!»

Er verstummte, weil die Kugel mit letzter Kraft umhersprang und dann auf Rot fiel. Für Bobina verschwammen Bild und Ton zugleich. In das enttäuschte Murmeln klimperten die weggeharkten Jetons, rund um den Tisch stand beinahe niemand mehr. Sie verspürte einen Schubs in den Rücken, und erstaunt stellte sie fest, daß der Zauberer, anstatt zu weinen, sie fröhlich angrinste.

«Und zweitens, meine Herrschaften, erster Gewinn macht nur arm. Das hier ist ein Kasino für Rentner, wenn ich mal eine Bank sprengen werde, so müssen darin schon ein paar Millionen liegen, gehn wir auf einen Drink.»

«Da bleiben Ihnen nicht einmal die drei übrig», fing sie an, doch sah sie bereits, wie er den drei schwarzen Ganoven je einen Jeton zuwarf.

«Merci, Messieurs!»

Ehrerbietig verneigten sie sich vor ihm.

Nachdem ihr Gönner ihnen an der Bar zu den belegten Brötchen einen Schlummertrunk, wie er es nannte, aufgezwungen hatte, bestellte sich der Gärtner Tee, die Pianistin ein Glas Rotwein, die Verkäuferin verlockte er zu einem Drink, von dem er behauptete, ihn in Afrika getrunken zu haben. Sie glaubte ihm wieder kein Wort, es schmeckte nach Anis und wurde matt durch das Wasser wie ein gewöhnlicher Bulgarenschnaps. Man schloß bereits, sie mußten zurück in die Nacht. Der Morgen war noch weit, und sie hatten genug. Der Fahrer studierte die Karte, und dann startete er mit ihnen los, bis der Minibus auseinanderzubrechen drohte.

Sie fuhren aus der Stadt hinaus, in wenigen Minuten mieden sie die Ausfahrt zu der Gemeinde, wo sich das ungastliche Lager befand, schon bald verließen sie die Bundesstraße und stiegen durch eine sich schlängelnde Allee in das Unbekannte hinauf. Nicht einmal vor einem weißen Schild Einfahrt verboten machten sie Halt, hinter dem ein Feldweg in einem Terrain anfing, wie sie es aus Südböhmen nicht kannten. Auch in der Nacht schien es im Schatten zu liegen, um so mehr blendete sie hinter der ersten Bodenwelle der fast volle Mond, ungewohnt groß und nah. Dann hörte auch dieser Weg vor einem Holzbau auf.

«Endstation!» rief Strniště und öffnete die Tür, «die Herren rechts, die Damen links, danach wird empfohlen, es sich im Coupé so bequem wie möglich zu machen. Bald ist sowieso Wecken.»

Sie stiegen aus und sahen, daß sie von Weinbergen umgeben waren, die über ihnen zu einem weiteren Horizont hinaufstiegen und unter ihnen zu den beleuchteten Inseln der Gemeinden herunterfielen, bis in das Unsichtbare zogen sich Reihen von Pfeilern, mit Drähten verbunden, auf denen die junge Rebe emporkletterte. Das hölzerne Monstrum, das unangenehm an einen mittelalterlichen Galgen erinnerte, war eine alte Weinpresse, hier als Denkmal aufgestellt, als Symbol oder nur zur Zierde.

Alle vier verteilten sich zuerst gehorsam. Die Pianistin dachte, sie sollte gemeinsam mit Václav eine Weile Spazierengehen, sich von ihm umarmen lassen und schweigend die warme Nacht wahrnehmen, damit in ihnen die Hitze und Hetze der vierundzwanzig Stunden abklingt, die seit dem großen Sprung dahingeflossen waren. Als sie sich jedoch vor dem Auto trafen, befiel ihre Glieder und Zungen eine solche Müdigkeit, daß sie kaum in den Wagen hineinklettern konnten. Die schmale Pianistin rollte sich hinten auf dem Sitz zusammen, die Knie des Gärtners waren ihr Kissen; die Verkäuferin vorn stützte den Kopf an der Schulter des Fahrers ab, und sie schliefen alle vier einträchtig in einigen Sekunden tief ein.

Der Zauberer erwachte um fünf Uhr dreißig, wie er das vom Militär und vom Gefängnis her gewöhnt war. Er spuckte zum Fenster hinaus, als er an das Pech dachte, das seine Prachtserie verdorben hatte. Aus der Nähe schaute er sich bei der Dämmerung das schlafende Mädchen an und war zufrieden. Ein schöner Knochen, sagte er, und sie weiß jetzt, daß ich kein Kasperl bin, für soviel Geld wenigstens etwas. Als er sie vorsichtig beiseite schob, machte er sich mit der Form ihrer Brüste vertraut und stellte sein Lieblingsmaß fest. Er war versucht, sie mit einer Vertraulichkeit zu wecken, die sie einander schnell näherbringen würde, doch er wollte nicht riskieren, daß sie, noch verschlafen, zu kreischen anfing.

Vorsichtig ließ er also den Wagen anfahren, dessen Insassen von seinen Stößen erwachten, sich die Augen rieben, gähnten und sich fragten, wo man sich eigentlich befand. Er formte aus den Händen einen Trichter und blies eine militärisch schrille Melodie.

«Bonjour, guten Morgen in der Freiheit!» meldete er wie ein Radiosprecher, «es ist Mittwoch, der zweiundzwanzigste Juni neunzehnhundertdreiundachtzig. Wir erwarten warmes, sonniges Wetter und nähern uns unserem vorübergehenden Heim. Es wurde mir von Leuten, die sich auskennen, nahegelegt, gleich vor den Toren ‹Asyl›! zu schreien und schußsichere Gründe anzugeben... Träume ich? Habt ihr so was je gesehen?»

Sie waren schon wach und staunten wie er verdutzt die Frauen und Mädchen an, die im Selbstangebot vor ihnen paradierten, hinter den dahinlaufenden Bäumen der Allee postiert.

«Nutten am Morgen? Noch nie gesehen. Und was wollen diese Schönlinge?»

Am Rand der Fahrbahn führten ihnen Männer jeden Alters ihre Muskeln vor.

«Reihen die sich zum Aufmarsch ein?» fragte aus Bobina die Erfahrung.

Dann stießen sie alle aneinander, so heftig mußte er bremsen.

«Wohl verrückt!» rief er aus dem Fenster einem jungen Mann von orientalischer Visage zu, der ihm ganz plötzlich in die Bahn trat.

Mit einem Schlag waren sie von vielen anderen umstellt.

«Ich machen alles», riefen die Männer durcheinander, «Haus, Hof, Feld, Weinberg, die Stunde finfzik Schilling.»

Und als er keine Antwort gab, riefen sie im Chor.

«Finfundvirzik!»

«Sie suchen Arbeit!» begriff er, «Arbeit?»

«Arbeit, Arbeit, virzik und Essn», unterboten sie sich gegenseitig.

«Na prima, boys, ich nehme euch, aber hier warten, bis ich Firma habe. Ich erst heute Kurve gekratzt, compris?»

Und er trat das Gaspedal im festen Vertrauen, daß man ihm den Weg freimacht, worin er zum Glück nicht irrte. Gleich darauf erblickten sie wieder die Pförtnerloge, in der ein neuer junger Kerl saß. Josef Strniště stützte die Hand auf die Hupe und donnerte in das Jaulen durchs Fenster:

«Asyyl!»

2. Der Zahnarzt und seine Familie

Wann immer sie in den letzten Monaten Zweifel befielen, ob sie richtig handelten, oder sie verspürten Angst, vorzeitig entlarvt zu werden, malten sich die Eheleute Čierniak den ersten Abend in der Freiheit fröhlich aus. Im farbigen Kunstdruckprospekt des Hotels am Neusiedlersee, das den Zahnarzt während jenes Symposiums so verzaubert hatte, wählten sie schon längst ihren Tisch auf dem Podium am Fenster aus, an dem sie es sich mit den vom reichen Büfett begeisterten Kindern gutgehen lassen wollten, wonach sie dann, wenn sie die beiden in die Heia geschickt hätten, zu zweit eine schöne Flasche Sekt leeren würden, koste es was wolle.

Später kam noch die Absicht dazu, sich in Rust zwei Zimmer zu leisten, um einander, bevor die Gemeinschaftsschlafräume des Flüchtlingslagers sie auf keusch schalten ließen, zu beweisen, daß ihre alte Liebe nicht einmal in der neuen Welt roste. Aus alldem wurde nun nichts.

Im Hotel tagten diesmal Gerichtsmediziner. So waren sie froh, noch den letzten Parkplatz in der Garage zu bekommen, auf dem der Doktor vor allem bestanden hatte, und das letzte Doppelzimmer mit zwei Zusatzbetten. Vor den Kindern konnten sie sich ein Liebesspiel unmöglich erlauben; während des Badens schwebte ihnen ein Spaziergang in der lauen Nacht ins Grüne vor, wie damals zum erstenmal in Bratislava, als sie aus Unerfahrenheit unverzüglich Magduš gezeugt hatten, doch gerade deren Auftritt machte das Fest zunichte.

Sie hat sie auch dadurch schockiert, daß sie wider Erwarten den Streit nicht fortsetzte, sondern noch am Tisch zu sprechen aufhörte. Im Zimmer, wohin die Mutter sie laut Befehl brachte, schüttelte sie den Sommeraufzug ab und ging ins Bad, die Zähne zu putzen. Als Terezie nach längerer Zeit an die Tür klopfte und sich kein Laut vernehmen ließ, öffnete sie beunruhigt, doch die Tochter hörte noch nicht auf, vor dem Spiegel ihr makelloses Gebiß, von der Mutter geerbt, weiter zu säubern.

«Keine Angst, Magduš», sie übertrug die eigene Furcht auf die Tochter, «ich sperre dich nicht ein, du bist doch vernünftig. Verzeih mir, wenn ich dir nichts verraten habe, und sei auf den Vati nicht böse, er hat von uns allen das meiste verloren!»

Magda bewegte weiter die Hand mit der Bürste hin und her wie eine mechanische Puppe in der Schießbude.

«Nicht einmal reden willst du mit mir! Warum denn?»

Die Tochter spuckte den Schaum aus, gurgelte und sagte erst dann herablassend.

«Der Mensch lernt das Sprechen, um mitteilen zu können, was er sich denkt. Falls ich das nicht darf, bin ich wahrscheinlich noch ein Embryo, so fragt mich erst, wenn ich achtzehn bin.»

Damit bohrte sie sich nackend unter die Decke des hinteren Zusatzbetts und drehte sich der Wand zu. Die Mutter wußte, daß nun nichts mehr mit ihr anzufangen war.

Sie kam nach unten, gerade als Miro vom Vater eine Ohrfeige fing. Noch bevor er laut losheulte, konnte sie ihn umarmen.

«Was ist passiert?» fragte sie still den Exekutor und den Bestraften und erfuhr, daß dieser trotz ausdrücklichen Verbots sich die Taschen mit Schokoladenriegeln vollgestopft hatte. Also führte sie ihn nach oben ab, reinigte seine verschmierte Jacke, während er sich wusch, und brachte ihn neben seiner Schwester zu Bett, die sie nicht anzureden wagte, obwohl Magduš todsicher noch nicht schlief.

Wieder ging sie nach unten und mußte erleben, was sie bereits ahnte, daß ihr Mann sich nämlich weder nach Sekt noch nach ihr sehnte. Er zitterte vor Zorn.

«Das ist dein Werk», beschuldigte er sie, «immer hast du ihnen eine Extrawurst gebraten, und auf mich kommt jetzt alles runter. Die eine habe ich ihrer unsterblichen Liebe entführt, den anderen schlage ich zusammen, weil das arme Kind Hunger hat. Immer ich bin der Bösewicht.»

«Bohdan... ich weiß, du hast für heute genug, was heißt für heute, für die ganzen Monate, aber wir konnten uns gemeinsam mit allen Wenn und Abers auseinandersetzen. Es war ausschließlich unsere Entscheidung, wir können uns bei niemand beklagen! Während die Kinder... Dank diesem Büfett ist Miro noch nicht bewußt geworden, daß er niemals mehr seine Kameraden aus der Straße, aus der Schule sehen wird, die Großeltern und Tanten...»

«Was erzählst du mir da!» er regte sich immer mehr auf, «wir fahren doch nicht auf den Mars, Amerika hat als einziges Land mit der Tschechoslowakei seit dem Ersten Weltkrieg Konsularbeziehungen, sobald wir uns dort ein Haus zugelegt haben, werden dir deine Verwandten aus der Heimat zum Hals heraushängen. Miro wird in einigen Wochen Englisch besser schwätzen als Slowakisch, er wird einen dicken Amerikaner abgeben, und an Bratislava wird er nur denken, wenn er mit einem Superschlitten auf Mädchenjagd fahren wird, und die Magduš, wenn sie Hollywood oder Disneyland nur gesehen hat, wird im Handumdrehen vergessen, daß es je einen Gabriel Babray gab.»

«Du hast ganz recht», versuchte sie es vorsichtig nochmals, «aber...»

«Und was kaufe ich mir dafür?» legte er wieder los.

Dienstbeflissen kam der Ober angerannt in der Meinung, er sei gerufen worden. Er erkundigte sich nach ihren Wünschen.

«Einen Rum», befahl der Zahnarzt tatsächlich.

«Welchen bitte, Jamaica oder Bacardi?»

«Mir egal.»

«Bohdan!» bat sie, als der Ober sich entfernte, «sei vernünftig, du weißt doch, daß du vom Klaren Sodbrennen kriegst...»

«Mir egal.»

«Komm, geh’n wir schlafen, sie überschläft es auch...»

«Die? Die kommt direkt nach dir! Mit dem Abizeugnis bringt sie gleich ein Kind daher!»

«Was sagst du da? Hast du vergessen, wie das damals mit uns war?»

«Nur, daß sie es im Charakter hat. Erinner’ dich an Karlsbad!»

Er deutete damit, ohne es zu ahnen, auf Terezies einzigen geheimen Aufstand hin. Und sie ahnte nicht, daß sie ihn damit für seinen Ausbruch bestrafte, der ihm allerdings noch dazu mißlungen war.

Die Tochter ging ins neunte Jahr, und er war langsam ehemüde. Seine neue technische Assistentin, eine fesche Ostslowakin mit ungarischem Feuer, vertraute ihm bedeutungsvoll bereits im Frühjahr an, sie würde auch den Sommer über in Bratislava bleiben; er begriff den Hinweis als Einladung zu einem Flirt. Damals verbrachte die Familie die großen Ferien noch in der sommerlichen Tatra, die ihn nicht weniger langweilte. Mit Hilfe des befreundeten Chefarztes inszenierte er eine kleine Intrige: Ausnahmsweise bekam er erst im Winter Urlaub.

Terezie hatte nichts gegen die Änderung, als er ihr vorschlug, das Nützliche mit dem Angenehmen zu verbinden, und über Bekannte ein Privatzimmer und eine Kur in dem entfernten und berühmten Karlsbad bestellte. Auch damals sah alles so vielversprechend aus, und endete dann schlimm.

Die Assistentin ließ sich zu einem delikaten Abendessen ins Hotel «Carlton» einladen und verriet ihm erst an der Bar, sie gehe schon längst heimlich mit dem Chefarzt, der ihn grüßen lasse, da er heute mit seiner Gattin ausgehen mußte. Bohdan war stocksauer und deutete ihr nicht einmal seine Absicht an, um sich nicht noch lächerlicher zu machen. Die restlichen drei Wochen bummelte er durch die Bratislaver Nachtlokale, wo man sich Weiber suchen konnte, aber die meisten machten eben Ferien oder waren vergeben. Die einzige, die er endlich nach Hause brachte, hat ihn unerwarterweise aufgefordert, im voraus zu blechen. Er gehorchte aus Angst, ihr Zuhälter könnte sonst auftauchen.

Dann wäre er lieber vor Scham in die Erde versunken, als sie aus der Handtasche ihr eigenes Bettlaken herausfischte, weil sie ihn nicht kenne, und ihm wie ein Bereitschaftsarzt befahl, sich schnell freizumachen, denn er sei nicht der einzige in der Stadt, der sie brauche. Schließlich mahnte sie ihn, wie er seine Patienten, keine Angst zu haben und sich zu lockern, das andere würde schon sie besorgen. Es gelang ihr auch nach einer Weile, in der sie ihm eher Schmerzen bereitete, sein schlappes Glied zu wecken, um ihm dann «ein Strümpfchen anzuziehen», dann kippte sie ihn auf sich und bemühte sich vergeblich, «ihn einzuführen», bis sie ihn schließlich ungeduldig auf den Rücken umdrehte und sich auf ihn stülpte, um aus ihm unbarmherzig seine Säfte herauszupressen, wie ein Küchenroboter! stöhnte das erniedrigte Männchen in ihm.

Danach duschte sie sich lang im Bad, spritzte sich irgendein Desinfektionszeug ein, packte das Laken wieder zusammen und fragte nach weiteren dreihundert Kronen oder zwanzig Mark, falls er sie habe, für «Besonderes». Und er wußte nicht, daß er für seine Geilheit am schlimmsten ein halbes tausend Kilometer entfernt büßen muß: Terezie hat sich in dieser Nacht in einen anderen verliebt.

Nach all den Jahren passierte es ihr in der Fremde, die Böhmen für sie immer bedeutete, beinahe in Reichweite des Westens, der sich hier in Bauten, in Erinnerungstafeln, im Sendestrahl des westdeutschen Fernsehens, in Gästen aus aller Welt und in der Lebensart der Einheimischen manifestierte. Der Sohn des Villeninhabers, bei dem sie mit der Tochter wohnte, einer der wenigen Deutschen, die hier als «Antifaschisten» verbleiben durften, war in Terezies Alter. Er sprach fließend tschechisch, deutsch, englisch und russisch; ein Jurist, mit Eigentumsangelegenheiten der Vertriebenen befaßt, durfte er hin- und herreisen. Als er eines Morgens beim Frühstück, während dem er wie immer schwieg, so daß Terezie schon glaubte, er habe etwas gegen sie oder die Slowaken überhaupt, mitbekam, wonach die kleine Magduš sich so sehnte, setzte er sich in den Wagen und war zu Mittag mit einem Walkman zurück, den er hinter der Grenze samt einem Dutzend Kassetten gekauft hatte. Das Mädchen war auf dem Gipfel der Seligkeit, und die Mutter zerbrach sich den Kopf, wie sie sich revanchieren könnte. Sie mußte nicht allzulange überlegen.

Am darauffolgenden Tag fuhr er seine Eltern nach Deutschland und kehrte überraschend mit der Nachricht zurück, sie blieben einige Zeit bei Verwandten in Bayern. Das Frühstück würde er für die Gäste besorgen, und er wollte eigentlich längst gefragt haben, ob er sie nicht zu einer Landpartie einladen dürfe. Bislang lebte Mutter samt Tochter ruhig dahin, morgens pflegte sie Massagen zu nehmen, dann fuhren sie gemeinsam mit dem Bus zur Talsperre baden, abends trank sie ihr Quellwasser, kochte was Einfaches, und dann schauten sie sich das deutsche Fernsehen an, das sie nicht verstanden, spielten «Domino» und «Mensch ärgere dich nicht». Jetzt wurde alles anders. In drei Tagen erlebten sie Marien- und Franzensbad, besuchten Loket und Cheb, ehemals Ellenbogen und Eger, aßen in guten Restaurants, und er ließ nicht zu, daß sie auch nur ein einziges Mal bezahlte.

Nach der Rückkehr war Magduš so müde und voll von Eis und Oblaten, daß sie keinen Einwand erhob, als man sie zu Bett brachte und um die Erlaubnis bat, noch ein bißchen frische Luft schnappen zu dürfen. Die roch nach Parfüm und Zigarren; die berühmte kleine Halle des Grandhotels in Karlsbad war fest in der Hand von Ausländern. Stephan erwies sich als glänzender Tänzer, und sie erlernte, zum erstenmal seit ihren Jugendverbandszeiten, mit wachsender Selbstsicherheit moderne Schritte und Rhythmen. Es kam ihr wie ein uralter Traum vom Leben vor, aus dem sie ein gewisser junger Zahnmediziner allzu früh in den grauen Alltag vertrieben hatte.

Daß der Ehemann nicht telephonierte und nicht schrieb, sie waren es nicht gewohnt, denn sie hatten dazu selten Gelegenheit, entschwand aus ihrem Sinn, als wäre er dort nie gewesen, und auch der Tochter, bezaubert von dem neuen Freund, war der Vater keinen Schluchzer wert. Es konnte also kaum anders enden, als es endete.

Eines Abends bei der Rückkehr begleitete Terezie ihn folgsam in seine Dachstube hinauf. Sie liebte sich mit ihm bis in die wonnige Sattheit und schlummerte dann beseligt in seinen Armen, bis zu ihnen der Tag durchs Fenster kam. Danach stieg sie hinunter, wo Magduš, die Hörer an den Ohren, noch immer fest schlief und auch sie ohne Gewissensbisse nochmals einnickte, in der glücklichen Erwartung, auch morgen werde das alles weitergehen.

Es ging auch weiter, Nacht für Nacht. Und er gestand ihr bald, er liebe sie und möchte, daß sie sich scheiden ließe. Er bat sie, sie solle nach Bratislava allein zurück, um alles mit ihrem Mann zu regeln, die Tochter könne gleich hierbleiben! Terezie begriff, daß er ein Pfand wollte. Es war so berauschend, dabei zugleich so wirklich, daß sie es tatsächlich auch so gemacht hätte, wäre da nicht Magda gewesen.

Als sie sich bei der letzten Wiederkehr aus der kleinen Halle, wo sie auf die gemeinsame Zukunft angestoßen hatten, nur schnell überzeugen wollte, ob die Tochter schlafe und sie sich ihrer Leidenschaft hingeben konnte, fand sie das Kind in Tränen vor. Sie erschrak, es könne erkrankt sein, und war schon dabei, den Liebhaber zu Hilfe zu rufen, doch Magduš hat es ihr geradezu wütend verboten. Sie konnte nicht einschlafen, gab sie der Mutter zu, so sei sie durch die Villa geschlendert und dabei in sein Zimmer, wo sie im Papierkorb diese Abscheulichkeit fand! sie zeigte ihr ein zerknittertes Briefkonzept, in dem Stephan ihr wahrscheinlich vor der Reise noch eine Liebeserklärung machen wollte.

Ehe es ihr gelang, sich der Tochter anzuvertrauen und sich ihre Zuneigung zu erbitten, wurde ihr plötzlich bewußt: Das Mädchen ahnte nicht, an wen die Zeilen gerichtet waren. Daß Stephan mit ihrer Mutter was haben könnte, war Magduš undenkbar. Langsam begriff Terezie die wahre Ursache dieser wilden Trauer: Die Tochter hatte sich verliebt. In Stephan!

Zum erstenmal in ihrem Leben, mit aller Kraft erwachender Sinnlichkeit. So glücklich war sie, klagte sie der Mutter, daß er ledig sei und sie doch Zeit habe, für ihn erwachsen zu werden, denn er ist erst achtundzwanzig, ihr würden zehn, ja vielleicht nur acht Jahre genügen, und so lange könnte er auf sie warten. Doch jetzt ist alles zunichte, er liebt eine andere, und die Mutter müßte sie kennen!

Sie gab es zu und erlebte eine solche Explosion des Hasses auf die Unbekannte, daß sie die Wahrheit verschwieg und der Tochter schwor, nicht zu wissen, um wen es da ging. Stephan, gestand sie bloß, habe tatsächlich jemanden gern, der nicht frei ist...

«Wie, nicht frei!» rief die Tochter, «falls sie dazu noch verheiratet sein sollte, so sind sie beide Dreckskerle, und ich will ihn bis zu meinem Todestag nicht wiedersehen.»

Im gleichen Augenblick klopfte der nichtsahnende Urheber der Verzweiflung an die Tür, und Magduš bohrte sich mit einem Aufschrei unter die Decke. Als er eintrat, legte Terezie den Finger auf den Mund und bat ihn mit den Augen, wieder zu gehen. Er zog sich zurück, sie saß stundenlang bei dem bitter weinenden Kind, und mit jeder Träne schmolz ihr Mut, nach dem Glück zu greifen, das noch so nahe war.

Zu Tode erschöpft schlief das Mädchen um fünf Uhr endlich ein, und sie, aschgrau, kroch nach oben, wo er sie erwartete, die Augen vom Zigarettenrauch gerötet. Sie erklärte ihm, was geschehen war und daß er sie beide gehen lassen muß und abwarten, bis die Zeit alles heilt.

«Wie ich sie und dich kenne», prophezeite er niedergeschlagen, «wird sie es dir nie erlauben, und du allein bringst nicht den Mut dazu auf.»

Sofort ging sie wieder nach unten und fing zu packen an. Als gegen Mittag das Taxi kam, wurde ihr klar, wie richtig er alles vorhergesehen hatte. Magduš stellte ihren geliebten Walkman mit den Kassetten auf das Tischchen neben der Tür und ging ohne Gruß. Terezie wagte nichts mehr, als ihm zaghaft zuzuwinken.

Das Problem der Tochter ließ sie das eigene vergessen. Sie kehrte in die redlich lasche Ehe ohne Widerstand zurück. Nur einige Wochen legte sie allerlei Gründe zurecht, warum sie sich mit ihrem Mann nicht lieben konnte. Doktor Čierniak, durch seine eigene Entgleisung gereift, erahnte natürlich hinter der Geschichte von Magdas Leidenschaft für den jungen Vermieter, die ihm seine Frau anvertraute, möglicherweise noch eine andere, doch er fragte lieber nicht. Er dankte dem Schicksal, daß er für seine Hurerei nicht ärger bestraft wurde.

Die Frucht des Ablasses war das Jahr darauf Miro.

«Karlsbad», wehrte sich jetzt an der Schwelle zu einer lichten Zukunft Terezie Čierniak gegen diesen Namen, der in der Familie zum Symbol einer dunklen Vergangenheit wurde, «das war ausschließlich das Werk ihrer beginnenden Pubertät!»

«Und du hast sie dort das zweitemal gekriegt, was?»

Er bekam gerade seinen Rum und schockte sie abermals, als er ihn wie ein Maurer auf einen Sitz hinunterkippte.

«Noch einmal!» befahl er dem Ober.

«Nein!» versuchte sie das zu verhindern, doch der Mann im Schnürrock befand sich bereits auf dem Marsch zur Bar.

Harter Alkohol setzte in ihm drei Prozesse in Gang: den hartnäckigen Drang weiterzutrinken, ein uferloses Selbstmitleid und am Ende eben das schreckliche Sodbrennen, weil er, ähnlich wie sie, ein schlechter Trinker war. Sie mußte ihn stoppen, aber wie? Sie waren jetzt die letzten im Lokal, aber dem Pußtamenschen war alles egal, Hauptsache, das Geschäft lief.

«Wie komme ich dazu», ließ ihr Mann seine übliche Litanei los, die Terezie auswendig herbeten konnte, «das ganze Leben lang schufte ich für die Familie, Jahr für Jahr putze ich Klinken, um ihr ein bißchen Sonne und Meer zu verschaffen, ihretwegen schmeiß’ ich all das weg, was mich ein halbes Leben gekostet hat, und meine eigene Tochter sagt mir, ich sei gemein!»

Der Ober stellte mit unverhohlenem Ausdruck männlicher Solidarität ein neues Stamperl vor ihn hin, bis zum Rand gefüllt. Jetzt oder nie, entschloß sie sich, in die Enge getrieben. Sie griff nach dem Gläschen und goß es auf einen Schlag in sich hinein.

«Terka!» rief Doktor Čierniak zutiefst entsetzt, weil er wußte, der Alkohol bekam seiner Frau noch viel schlechter als ihm, «dir wird übel werden!»

«Mir egal!»

So blieb ihm nichts anderes übrig, als sofort zu bezahlen und sie ins Bett zu befördern.

Wie immer schliefen die, die das Unrecht verursachten, den Schlaf der Gerechten, währenddessen jene, denen es zugefügt wurde, kein Auge zutun konnten. Terezie, weil das Bett unter ihr wie ein Schiff schaukelte, er, weil ihn abwechselnd Wehleidigkeit, Zorn und Sodbrennen schüttelten. Der Morgen war jedoch barmherziger als der Abend.

Miro versuchte ein lieber Junge zu sein, doch die größte Überraschung war die Tochter. Man hörte von ihr zwar keine Entschuldigung, doch sie verschonte sie wenigstens mit der verbissenen Sprachlosigkeit von gestern abend. Sie hat ihnen schon vom Bett aus guten Morgen gewünscht, frühstückte mit ihnen wie üblich an dem unerschöpflichen Büfett, das Miro inzwischen «Tischlein, deck dich» nannte, sie half dabei, die Sachen ins Auto zu bringen, das der Vater samt Surfbrett aus der Garage hinausfuhr, und machte widerstandslos die weitere Familienreise mit. Die Eltern wußten, daß der Streit nur vertagt war, doch waren sie ihr selbst für diesen Waffenstillstand dankbar, denn sie hatten eine Menge anderer Sorgen: Die Mutter mußte sich nach dem Trotztrunk rechtzeitig wieder ins Lot bringen, der Vater wollte das Brett unbedingt irgendwo deponieren.

Für Magda war es nun eine Reliquie, mit der sie am liebsten schlafen ginge, es trug Abdrücke seiner Spuren. Dafür fragte Miro immer, warum man den Kram nicht auf dem Dach lassen könne, wenn er mit Kette und Schloß abgesichert sei. Der Vater erklärte, es wäre nicht klug, als wohlhabende Urlauber zu wirken, wenn sie für einige Zeit arme Flüchtlinge sein sollten, die Leute gönnen einem nicht die Nase zwischen den Augen, nein, Neid können wir jetzt nicht gebrauchen! Er löste das Problem, indem er das Ding in der Gepäckaufbewahrung des Badener Bahnhofs aufgab, wo es einstweilen dreißig Tage sicher war. Dann hat sie bereits das Lager verschlungen.

Später stellten sie fest, daß auch sie nicht die ersten Stunden beschreiben können, in denen sie, leicht wie einen Regenschirm, ihre Staatsangehörigkeit abgelegt hatten und ein unbestimmt langes Warten auf eine andere begann. Sobald sie, das Auto eingeparkt, mit ihren Koffern die Pforte erreichten und ihre Absichten verkündeten, verschlang sie ein Trubel, der, wie sie nachträglich erfuhren, feste Ordnung war. Man trug sie ein, man nahm ihnen ihre Papiere ab, man gab ihnen Essensmarken, die erste Mahlzeit, Vorratsbettwäsche, Handtücher und Tüten mit Hygieneartikeln, man führte sie in den großen Schlafraum mit den Etagenbetten, lud sie in die Waschräume ein und zur ärztlichen Untersuchung vor, auch zu einem rätselhaften «Interview», fast alles in einem einzigen der großen Gebäude, für Doktor Čierniak ein wenig beunruhigend «Quarantäne» genannt.

Hier hat man sie sogar eingesperrt, man betonte jedoch, es geschehe vorübergehend und nur darum, daß sie sich nicht aus Unkenntnis der Lage irgendwohin verirrten, bevor sie Lagerausweise erhielten.

«Sie haben Glück», erfreute sie in ungewöhnlich passablem Englisch irgendein weißhaariges Faktotum vom Dienst, das bemerkt hatte, daß Terezie sich offensichtlich nicht wohl fühlte, und bereitwillig ihre Koffer übernahm, «Sie haben einen schwachen Tag erwischt, vielleicht werden Sie schon heute abend Weiterreisen können.»

«Wohin?» sorgte sich Doktor Čierniak, «wir möchten nämlich nach Amerika, wissen Sie. Ich bin Zahnarzt, ich soll in Kalifornien von einem Bekannten die Praxis übernehmen.»

«Nun, darauf werden Sie noch ein wenig warten müssen.»

«Wie lange etwa?»

«Zuerst müssen die Amerikaner Sie überhaupt zu einem Interview einladen.»

«Das macht mir eben Sorgen», gab er zu, «schrecklich ungern möchte ich mich mit der Presse einlassen, ich habe in der Slowakei Familie und Bekannte...«

«Keine Sorge, Herr Doktor», lächelte der Alte verständnisvoll, »Interview nennt man hier jedes amtliche Gespräch über Fluchtmotive und Pläne.»

Nach zwei Stunden stand der Doktor bereits mit Terezie auf dem Gang vor der einschlägigen Tür. Sie hielten ausgefüllte Fragebogen und Röntgenaufnahmen von sich und ihren Kindern in der Hand, die inzwischen im Nachtlager Karten spielten. Ohne sich zu verständigen, waren die Eltern froh, daß das Gitter unten zu war. Sie kannten Magduš und waren sich gewiß, daß das Ärgste noch vor ihnen lag.

«Geht es dir schon besser?» entsann sich der Ehemann.

«Ja», behauptete sie, obwohl sie sich noch nicht allzugut fühlte.

«Ich dachte, ich könnte mit Miro noch vor euch zum Abendbrot gehen. Inzwischen kannst du mit Magduš von Frau zu Frau reden...»

Es kam ihm schwer über die Zunge, für ihn war die Tochter ein Fröschlein, das eher ein paar hintendrauf verdient hätte, doch unter den gegebenen Umständen konnte er nicht anders.

»Ich versuche es... doch ich fürchte, mit Worten ist da nicht viel zu machen.»

«Mit was denn dann?» er war wieder gereizt.

«Zeit. Gib ihr Zeit, sei lieb zu ihr, das ist die beste Medizin.»

Im Gang saßen einige Leute auf der Bank oder standen herum, meist scheue Asiaten, während auf dem Fensterbrett gegenüber ihrer Tür ein älterer grober Typ hockte, geradezu ein Musterbeispiel von Balkanese, mit hervorstehenden Backenknochen, niedriger Stirn und schnabelartiger Nase.

«Ich setze mich zu ihm», sagte Terezie, als sie keinen anderen freien Platz sah, «ich bin noch immer ein bißchen schlapp.»

«Aber nicht dicht bei ihm», warnte sie Doktor Čierniak, dem anderen lächelte er jedoch zu, um seine Gefühle zu verbergen.

«Flöhe habe ich keine», ließ sich der Mann tschechisch hören, «und alle Kinderkrankheiten hab’ ich heil überstanden. Gnädigste kann sich ruhig neben mir platzen.»

Den Eheleuten flimmerte es vor den Augen.

«Entschuldigen Sie, bitte...» stotterte die unschuldige Terezie.

«Ich wollte Sie nicht verletzen...» bemühte der Doktor jetzt sogar sein Tschechisch.

«Vojtěch Rous!» brach der falsche Mann vom Balkan in Gelächter aus.

«Doktor Čierniak, und das hier ist meine Gattin.»

«Nun, ich habe mich nicht vorgestellt, ich habe nur Schwejk zitiert, den einzigen Klassiker, den ich kenne, die Geschichte aus Tirol, oder dort irgendwo, als er im Zug seine Jause auspackt und einem Mitreisenden sagt, der gierig in seinen Mund glotzt, fressen möchtest du, nicht wahr? worauf der andere auch in Tschechisch erwidert, das möchte ich gern, wenn du mir was abgibst, es war irgendein Vojtěch Rous! Ich bin irgendein Josef Strniště, beste Vorkriegsware, letztlich wohnhaft in Budweis.»

Er schüttelte ihnen herzlich die Hände, ohne seine Sitzlage aufzugeben, während Terezie sogar aufgestanden war, um die vorherige Unanständigkeit mit aller Höflichkeit aus der Welt zu schaffen.

«Hier wimmelt es geradezu von Rous’», fügte er hinzu, «paßt nur auf!»

Doktor Čierniak begann aus Gewohnheit gleich zu flüstern.

«Meinen Sie, wir werden hier bespitzelt?»

«Von wem denn?»

«Von den Unseren.»

«Das ist ja wie in dem Witz», lachte er wieder laut, «von den zwei Moskauer Juden, die mit dem Ohr an der Stimme Amerikas lauschen, die Israelis hätten von neuem Brüderchen Araber aus dem Sinai herausgeprügelt, und sie flüstern sich zu: Da werden die Unseren stinksauer sein, daß die Unseren gewonnen haben!»

Weil die Eheleute verständnislos dreinschauten, erklärte er es für Unbedarfte.

«Na also, falls uns hier jemand von drüben bespitzelt, so ist er für uns nicht mehr der Unsere, sondern der Ihre, nicht wahr?»

«Gewiß», bejahte der verwirrte Doktor beflissen, «ich dachte, ob die Hiesigen vielleicht nicht etwa auch... damit sie erfahren, warum wir geflüchtet sind...»

«Die werden Sie doch jetzt darüber ausfragen.»

«Wollen die uns glauben? Hier denkt sich doch jeder wer weiß was aus, um als Politischer anerkannt zu werden!»

«Was heißt hier ausdenken? Ich habe eintausendeinhundertvierundfünfzig Striche an der Wand, das muß ihnen reichen.»

«An der Wand...?»

«An der Knastwand. Für jeden Tag einen. Und Sie?»

«Wir...?» fragte er erschrocken, war aber gleich danach froh, so unerwartet gefragt zu werden, er konnte die Antwort ausprobieren, an der er mit seiner Frau den ganzen Frühling über gefeilt hatte, damit nicht gleich Lügen herauslugten, die hier, so glaubten sie, kurze Beine hätten, «uns haben dazu prinzipielle Gründe ethischer Natur bewogen...»

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