Kitabı oku: «Freiheit und Ehre - Roman nach der wahren Geschichte eines dänischen Freiheitskämpfers»

Yazı tipi:

Pernille Juhl

Freiheit und Ehre

Roman

Saga

Freiheit und EhreAus dem Dänischen von Patric Zöller nach Frihed og ære Copyright © 2018 Pernille Juhl und Lindhardt og Ringhof Forlag A/S All rights reserved ISBN: 9788726029345

1. Ebook-Auflage, 2018

Format: EPUB 2.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach

Absprache mit Lindhardt og Ringhof gestattet.

SAGA Egmont www.saga-books.com und Lindhardt og Ringhof www.lrforlag.dk – a part of Egmont www.egmont.com

Vorwort

An einem eiskalten Tag im Dezember 2014 habe ich mir einige Dokumente ausgedruckt, die im Eingangsfach auf meinem Mailkonto angekommen waren. Mit dem Stapel Papiere, einer dampfenden Tasse Tee und einer warmen Wolldecke habe ich es mir dann vor dem Kaminofen gemütlich gemacht.

In den Unterlagen ging es um einen jungen Mann, Christian Fries, geboren 1916 in Bov. Er wuchs als Pflegekind bei seinem Onkel und seiner Tante auf, machte eine Ausbildung zum Bäckergesellen und ging danach zum Militär. Nachdem Dänemark 1940 von den Deutschen besetzt wurde, baute er unter dem Dach des Studentischen Nachrichtendienstes den illegalen Militärischen Nachrichtendienst auf.

Warum entschied sich ein so junger Mann, dem eine vielversprechende Karriere bevorstand, sein Leben so einschneidend zu verändern? Ganz zweifellos war es ein äußerst gefährlicher Entschluss. Er muss also tatsächlich für die Sache gebrannt haben. Was trieb ihn an, die Bedrohung durch die Besatzungsmacht und die geltenden Gesetze seines Landes in den Wind zu schlagen und das zu tun, was er für richtig hielt? Außer Mut und Willensstärke muss sehr viel Leidenschaft dazugehört haben, gepaart mit der Überzeugung der Jugend, unverwundbar zu sein. Alle wussten, dass illegale Aktivitäten sehr riskant sein und nicht zuletzt das Leben kosten konnten.

Es war eine Mail von Poul Agertoft, der in der Zeitung Jydske Vestkysten einen Artikel über mein Buch Efter mørket / Nach der Dunkelheit gelesen hatte, die mich dazu brachte, mich mit der Person Christian Fries zu befassen und meiner Fantasie freien Lauf zu lassen. Schnell war mir klar, ich musste die Geschichtsbücher hervorkramen und mehr über diesen jungen Freiheitskämpfer herausfinden.

Das Ergebnis halten Sie in Händen. Der Roman schildert, wie Christian Fries' Leben verlaufen sein könnte und basiert zum Teil auf historischen Fakten, zum Teil auf meinen Vermutungen und Annahmen. Glücklicherweise hatte ich umfangreiches Quellenmaterial zur Verfügung, darunter Briefe, die mir Poul Agertoft, übrigens entfernt verwandt mit Christian Fries, übergeben hat. Außerdem hatte ich das Vergnügen, mich ein paar Mal mit Poul zu treffen, und darüber hinaus haben wir uns regelmäßig per Mail ausgetauscht. Im Stadtarchiv in Bov findet man ebenfalls viele interessante Briefe und weitere Unterlagen, die über das Leben von Christian Fries Aufschluss geben. Außerdem gibt es einiges an Fachliteratur, in der Christian Fries erwähnt wird.

Die Geschichte Südjütlands hat mich schon immer in ihren Bann gezogen, nicht zuletzt wegen des besonderen Verhältnisses zwischen den Südjüten und dem Rest Dänemarks. Die Tatsache, das Südjütland 1864 von Deutschland vereinnahmt und erst im Zuge der Wiedervereinigung 1920 erneut dänisch wurde, hatte zur Folge, dass Worte wie Gott, König und Vaterland in diesem Teil des Landes eine ganz besondere Bedeutung haben. Und das passt sehr gut zur Geschichte von Christian Fries.

Ein großes Dankeschön geht an Poul Agertoft, der mein Interesse für dieses spannende Projekt geweckt hat. Es war faszinierend – und eine Herausforderung!

Haderslev, 1937

„Kompanie aufstehen!“

Fast im selben Moment sprang Christian aus dem Bett. Der erste Morgen in der Haderslev Kaserne. Draußen vor dem Fenster schien eine gutgelaunte Sonne, obwohl es erst halb sechs war. Die übrigen elf Kameraden auf seiner Stube waren ebenfalls aufgestanden und sahen sich schlaftrunken um.

Eine Tür am anderen Ende der Stube führte in den Waschraum. Der Boden war aus Zement, die Wände weiß getüncht, und die Mitte des Raums dominierte eine Art längliches Waschbecken mit einer Reihe Hähne darüber. Christian schob sich zwischen einigen seiner Kameraden, die sich kaltes Wasser ins Gesicht spritzten, rasierten oder im einzigen Spiegel mit einem raschen Blick Frisur und Scheitel überprüften, hindurch und stellte sich in die kleine Schlange vor der einzigen Dusche, die nur eiskaltes Wasser bereithielt. Feixend warteten er und die anderen, während ihr Kamerad unter der Dusche vor Kälte keuchte und japste.

Zurück auf der Stube war es höchste Zeit, das Bett zu machen.

„Das kann doch jeder“, flüsterte ihm einer der Kameraden zu, aber nur wenige Augenblicke später wurden sie eines Besseren belehrt.

Gefreiter From war die Freundlichkeit in Person, als er sie im Bettenbau unterwies. Eine Seegrasmatratze, ein Betttuch, ein Keilkissen, ein Plumeau und zwei Decken waren zu arrangieren. Es schien ganz einfach zu sein, und Christian und seine Kameraden waren schnell fertig. Kurz darauf stand From vor ihm und sagte mit weniger freundlicher Stimme: „257, nennen Sie diesen Kasten da etwa ein gemachtes Bett?“

Christian blickte zu Boden und versuchte es erneut, wobei ihm der Schweiß auf die Stirn trat. Als sie sich endlich auf den Weg zum Frühstück machten, war er sich darüber im Klaren, dass es sich beim Bettenbau offensichtlich um eine Disziplin handelte, die einiges an Übung verlangte, wollte man einen Gefreiten zufriedenstellen.

Das Frühstück war überraschend gut. Zunächst aßen sie schweigend, dann löste sich allmählich die Anspannung und erste Bemerkungen wurden ausgetauscht. Eine optimistische Stimmung breitete sich am Tisch aus. Es würde schon alles gut laufen, er hatte die richtige Entscheidung getroffen, man musste sich nur erst einmal zurechtfinden. Und wenn er an die Bäckerei dachte, verflogen ohnehin die letzten Zweifel. Wenn es mal schwierig werden sollte, dann erinnere dich einfach an Ivar, sagte er zu sich selbst und musste lächeln.

Dann rief einer der Gefreiten: „Antreten auf dem Exerzierplatz!“

Ein wenig kam er sich vor wie ein Schüler in der ersten Klasse. Er und seine Kameraden wussten nichts, mussten das militärische Grüßen lernen, in Reih' und Glied zu stehen und zu marschieren. Der Vormittag verging mit der Ausgabe der Uniformen und der Waffen. Beinahe ehrfürchtig traten die Rekruten vor der Waffenkammer an, und stolz nahm Christian ein Gewehr, ein Bajonett im Futteral und einen ledernen Gürtel mit zwei Magazintaschen entgegen. Das Gewicht des Gewehrs überraschte ihn. Er konnte es kaum heben und stellte sich vor, wie es sein würde, damit zu exerzieren, wie die lang gedienten Soldaten es taten. Hantierten sie mit dem Gewehr, sah alles spielerisch leicht aus.

Ob das Soldatenleben so werden würde, wie er es sich vorgestellt hatte? Jeden einzelnen Tag seiner Lehre als Bäckergeselle hatte er davon geträumt, Kollund den Rücken zu kehren. Während er Teig knetete, verwandelte sich die Backstube in seiner Fantasie in ein umkämpftes Schlachtfeld, auf dem die Guten auf die Bösen trafen. Schwitzend schob er Bleche in den Ofen und zog sie mechanisch wieder heraus, während vor seinem geistigen Auge ein Film ablief, der das Militär als eine einfache, aber harmonische Gemeinschaft mit klaren Regeln zeigte. Er sah sich in einer langen Reihe Kameraden in schneidigen Uniformen marschieren, Männer, die zusammenstanden und Dänemark und ihre Familien verteidigten. Freiheit und Ehre waren unverbrüchliche Werte für sie. Sie hatten eine Mission.

Es galt, Südjütland zu verteidigen! Oma würde stolz auf ihn sein. Als Kind hatte er es geliebt, auf der Eckbank in ihrer mollig warmen Küche zu sitzen und ihr zuzuhören, während sie Töpfe, Schüsseln, Pfannen und alles Mögliche aufräumte. Sie erzählte immer wieder die gleichen Geschichten. Über die Grenze, die entlang des Kongeå, des Königsbachs, verlief, damals, 1916, als er geboren wurde. Über die Zeit, in der Sütjütland ein Teil Deutschlands gewesen war, und über den Tag, als sie darüber abstimmen durften, ob ihre Heimat wieder zu Dänemark gehören sollte. Die Straßen waren mit Fahnen geschmückt, und als das Ergebnis bekanntgegeben wurde, feierten sie tagelang.

Oft tauchte ihr Lieblingslied in seiner Erinnerung auf, und dann war er mit einem Mal zurück in der Küche, spürte die Wärme des Herds, der mit Holz beheizt wurde, und roch den Duft von Kaffee und Zimt.

„Na, Kedde, wollen wir singen?“, würde Oma fragen.

„Gerne“, hätte Christian geantwortet und die kurzen Beine von der Bank baumeln lassen.

Und dann hätten sie gesungen, Oma mit einer hohen, klaren Stimme, als seien sie in der Kirche, und Christian mit der zerbrechlichen Stimme des Jungen, der er war.

Regen fällt in dichten Schauern,

Sturm peitscht über unser Land und Grund.

Fegt über Zäune und Mauern,

sein Joch im Nacken, und stumm unser Mund.

Doch das Jahr nimmt seinen Lauf,

bald leuchtet hell das Laub,

ach, nicht lange, und wieder ist alles des Sturmes Raub.

Schon als kleines Kind hatte er das Lied auswendig gekannt und begriffen, wie viel Oma ihr geliebtes Südjütland bedeutete.

„Wir dürfen dieses Lied nie vergessen“, sagte sie ein paar Mal. „Es wurde gegen Ende des letzten Jahrhunderts geschrieben, als Südjütland noch deutsch war und man von der Polizei verhaftet wurde, wenn man auf Dänisch sang.“

Wie oft hatte er es vor sich hingesummt, während er in der Bäckerei seinen Tagträumen nachhing?

Vier Jahre lang überließ er sich beinahe täglich seine Träumereien, und einige Monate bevor er den Gesellenbrief in Händen hielt, hatte er eine Bewerbung ans Militär geschickt. Jeden Tag brannte er darauf, nach Hause zu kommen, und jeden Tag fragte er Alma, ob ein Brief für ihn gekommen sei. Sie lachte und sagte: „Lieber guter Kedde, ich werde es dir schon sagen, wenn Post für dich da ist.“

An dem Tag, als der Brief endlich eintraf, kam sie ihm schon auf dem Hof entgegen und schwenkte das weiße Kuvert in der Luft. Sie strahlte. Nicht weil sie meinte, er solle zum Militär gehen, sondern weil sie wusste, dass es sein größter Wunsch war.

Sie umarmten sich, und er rief „Hurra!“, bevor er zur Hühnerfarm hinüber rannte, um es Onkel Jes zu erzählen.

Nicht mehr lange, und er würde seinen Gesellenbrief überreicht bekommen, und dann würde er als Rekrut in die Haderslev Kaserne einrücken. Sie lag ganz in der Nähe von Lindholm Herregård. Ganz in Gerdas Nähe. An dem Tag, als er zum letzten Mal die Bäckerei verließ und daran dachte, dass er nie wieder in einer Backstube arbeiten würde, spürte er ein sonderbares Kribbeln im Magen.

Haderslev, 1937

Acht Tage sollten vergehen, bevor sie die Erlaubnis erhielten, die Kaserne zu verlassen. Er hatte den militärischen Gruß gelernt, rechte Hand an die Nahtkante der Mütze, alle Finger durchgestreckt. Die Grußpflicht war Teil seines Bewusstseins geworden, und er reagierte ohne Zögern, sobald er eine Uniform sah. Genauso war ihm der Befehl „Stillgestanden!“ in Fleisch und Blut übergegangen. Er hatte gelernt, dass Offiziere mit silbernen Sternen bestickte Schulterklappen trugen, die der Unteroffiziere zierten braune Dienstgradabzeichen und Feldwebel trugen Balken. Die Gefreiten hatten keine Schulterklappen. Christian schwor sich, seine Schultern sobald wie möglich mit Dienstgradabzeichen auszustatten.

Intensive Tage voller neuer Erfahrungen, aber auch Wiederholungen lagen hinter ihm, trotzdem waren seine Gedanken immer wieder zu Gerda gewandert. Wann würde er Gelegenheit haben, raus nach Lindholm Herregård zu radeln? Ob sie sich diesmal küssten? Jedenfalls würde er sie einladen, einen Film anzuschauen, in einem dunklen Kino. Es gab so vieles, wovon er träumte.

Dann, am ersten freien Nachmittag, verließ er die Kaserne in der vorgeschriebenen khakifarbenen Ausgehuniform. Er war glücklich. Die Sonne schien wunderbar, und es war der perfekte Tag, um Gerda zu treffen. Im Waschraum nahm er sich reichlich Zeit, stand so lange unter der kalten Dusche, bis ihm beinahe der Atem stockte. Er rasierte sich gründlich und strich prüfend mit der Hand über die glatte Haut. Ein paar Minuten lang putzte er sich die Zähne und konsultierte schließlich den Spiegel. Er war zufrieden. Das dunkle Haar war modisch kurz geschnitten, die Uniform strahlte Autorität aus, und von den vielen Stunden an der frischen Luft war seine Haut sonnengebräunt. Gerda würde Augen machen.

Fröhlich pfeifend rollte er auf einem geliehenen Fahrrad durch das Kasernentor.

Während seiner Zeit in der Bäckerei war er Gerda ab und zu begegnet, wenn sie zu Hause in Kollund gewesen war. Sie trafen sich an einer Straßenecke oder in einem Laden, und ein paar Mal hatte er sie besucht. Starr wie Salzsäulen saßen sie im Wohnzimmer und führten nichtssagende Gespräche über Wind und Wetter, während Gerdas Geschwister um sie herumwuselten und ihre neugierige Mutter sie überwachte. Sie saß in ihrem Sessel und las in einem Wochenmagazin oder strickte unaufhörlich, wobei sie so tat, als höre sie ihnen gar nicht zu. Unterdessen hockte Christian auf dem Sofa und fühlte sich alles andere als wohl in seiner Haut, obwohl Gerda neben ihm saß.

Sie sprachen über Lindholm und die Bäckerei. Er erzählte von der Arbeit, malte alles schöner aus, als es war und tat so, als sei er ein beliebter und geschätzter Mitarbeiter. Seinen Kollegen Ivar, der ihn hartnäckig ignorierte, erwähnte er nicht, und auch die Bewerbung beim Militär behielt er für sich.

Manchmal verließ Gerdas Mutter für ein paar Augenblicke das Zimmer. Dann hatten sie einige Minuten für sich, ignorierten die störenden Kinder, die auf dem Fußboden spielten, und ihre Blicke trafen sich. Die Zeit stand still. Sie errötete ein wenig und sah zu Boden, hob dann aber wieder den Kopf und sah ihm in die Augen. Er meinte, Verlangen und Zärtlichkeit in ihrem Blick zu lesen, und fühlte sich innerlich zerrissen. Am liebsten hätte er die Hand ausgestreckt, um sie zu berühren, ihre warme Haut, spürte Lust, aufzustehen und sie an sich zu ziehen, aber er widerstand der Versuchung.

Dann gerieten sich die Kleinen in die Haare, und einen Moment später war Gerdas Mutter wieder da, um sie auseinanderzuhalten und zu fragen, ob Christian noch eine Tasse Kaffee wolle. Gerda und er glitten zurück in die Wirklichkeit, in der es nichts Unbedeutenderes als Kaffee gab. Er brachte ein blasses Lächeln zustande und lehnte höflich dankend ab. „Aber Ihr Kaffee ist sehr gut, Frau Madsen.“

Ein paar Wochen bevor der Brief vom Militär gekommen war, hatten sie sich das letzte Mal im Wohnzimmer der Familie Madsen getroffen. Er hatte nichts darüber gesagt. Wenn er nach Haderslev kam, konnte er Gerda überraschen. Und sich vielleicht ohne all die anderen Madsens mit ihr treffen!

Gerda wurde zu einer Art Besessenheit für ihn. Ständig tauchte sie in seinen Gedanken auf. Während der Stunden in der Backstube verdrängte sie immer öfter sogar das Militär aus seinen Fantasien. Und wenn er ins Bett ging oder nachts aufwachte, materialisierte sie sich förmlich vor seinen Augen. Mal hielt sie ihn wach, mal versank er in intensiven Träumen. Er wollte allein mit ihr sein, sie umarmen, sie küssen.

Dass es tatsächlich passieren könnte, obwohl Frau Madsen und der Rest der Sippschaft zu Hause waren, ging über seine Vorstellungskraft. Aber Gerda brachte ihn zur Tür, nachdem er ihrer Mutter zum Abschied höflich eine klamme Hand gereicht hatte. Sorgfältig schloss Gerda die Tür zum Wohnzimmer, und als sie hinter der matten Glasscheibe der Haustür standen, lehnte sie sich an ihn. Sein Herz schlug heftig. Er nahm sie in die Arme und ihre Münder begegneten sich in einem kurzen, feuchten Kuss. Dann blickte sie zu Boden und flüsterte „Auf Wiedersehen.“ An diesem Tag hatte sein Rad den Weg nach Hause wie von allein gefunden, und das in Rekordgeschwindigkeit.

Die Erinnerung daran ließ ihn stärker in die Pedale treten.

Schon von Weitem raubte ihm die Schönheit des Lindholm Herregård beinahe den Atem. Weiße, herrschaftliche Gebäude mit Zinnen und Spitzen thronten zwischen gepflegten, grünen Wiesen, die sich erstreckten, so weit das Auge reichte. Hinter einem der Häuser konnte er einen kleinen See erahnen, und exotisch bepflanzte Terrassen und Gärten vervollständigten das Bild. Er fuhr jetzt langsamer. Vielleicht war es doch keine so gute Idee? Vielleicht hätte er doch besser anrufen oder einen Brief schreiben sollen. Konnte er hier einfach so unangemeldet aufmarschieren?

Schließlich blieb er am Ende der Allee stehen, stieg vom Rad und schaute hinüber zu der pompösen Einfahrt, die zu den Gebäuden führte. Das hier war nichts für ihn, und er entschied sich, umzukehren. Er fühlte sich fehl am Platz in seiner Uniform, die er doch sonst voller Stolz trug, konnte sich nicht vorstellen, zu dem prächtigen Eingangsbereich des Hauptgebäudes zu gehen und die Türglocke zu betätigen. Im selben Moment hörte er Motorengeräusche und drehte sich um. Ein schwarzer, blank polierter Wagen näherte sich. War es die Polizei? Sein Herz schlug schneller, und er fühlte sich, als habe er etwas Verbotenes getan.

Der Wagen kam neben Christian zum Stehen, und der Fahrer öffnete die Tür. „Suchen Sie jemanden?“, fragte er freundlich und sah ihn forschend an. Der Mann trug eine karierte Schirmmütze und einen dunklen, kurz geschnittenen Oberlippenbart und machte einen ausgesprochen aristokratischen Eindruck. Christian entschied sich, dass er den Gutsbesitzer vor sich haben musste.

„Ja … Nein … Ich ...“. Er drehte sein Fahrrad in die andere Richtung.

„Junger Mann, sind Sie sicher, dass ich Ihnen nicht vielleicht doch behilflich sein kann?“

„Nun ja, ich hatte nur eine etwas verrückte Idee“, murmelte Christian und blickte dabei zu Boden. „Eine Bekannte von mir arbeitet auf dem Hof.“ Er sah hinüber zu den Gebäuden.

„Und wer, wenn man fragen darf?“ Der Mann sah ihn mit hochgezogenen Brauen an.

„Ja, also ... Fräulein Gerda Madsen“, antwortete Christian und ärgerte sich darüber, dass er errötete.

„Aha.“ Der Mann schien sich jetzt zu amüsieren. „Ein richtig nettes Mädchen. Wollen wir mal sehen, ob wir sie finden? Schließlich haben Sie den ganzen Weg auf sich genommen. Kommen Sie am Besten einfach mit.“

Christian zögerte. Er wünschte, er wäre nie gekommen. Was in aller Welt sollte er zu Gerda sagen, wenn ausgerechnet der Gutsbesitzer dabeistand? Wie war er auf den Gedanken verfallen, er könne einfach so an der Tür klingeln und Gerda würde öffnen? Und was dann? Was hatte er sich bloß dabei gedacht?

Zwei große Hunde kamen bellend und mit aufgestellten Nackenhaaren auf sie zu. Der Gutsbesitzer fuchtelte kurz mit den Armen und sagte ein paar Worte, und die Tiere legten sich schwanzwedelnd in den Kies der Einfahrt. Der Mann stieg die breite Treppe zum Eingang hinauf, schob die Tür weit auf und winkte Christian, ihm zu folgen.

„Jemand zu Hause?“, rief er in die große Halle. Christian widerstand der Versuchung, nach oben zu schauen und den riesigen Kronleuchter zu bewundern. Eine breite, weiß gestrichene Treppe führte in die erste Etage.

In einer Tür erschien eine dünne, gut gekleidete Frau. „Musst du so einen Lärm machen, Mogens?“ Dann bemerkte sie Christian.

Er wäre am liebsten im Boden versunken. Kurz überlegte er, unter dem Vorwand, er habe noch etwas Wichtiges zu erledigen, zur Tür hinauszustürzen. Aber das wäre nur noch peinlicher gewesen.

Der Gutsbesitzer deutete auf Christian und entgegnete der Dame, die vermutlich seine Frau war: „Wo ist Gerda? Sie hat Herrenbesuch.“ Schelmischer Tonfall, ein Lächeln in den Mundwinkeln. Herrenbesuch! Die Götter mochten wissen, was sie darunter verstanden.

„Guten Tag.“ Lächelnd reichte die Dame Christian eine zerbrechlich wirkende, parfümierte Hand. Nachdem er ihren Gruß erwidert hatte, sagte sie: „Ich glaube, sie hilft in der Küche. Ich sehe mal nach.“

Kurz darauf stand er alleine in der Halle und fühlte sich mehr denn je klein und völlig fehl am Platz. Immerhin konnte er nun ungestört den Blick durch die Eingangshalle wandern lassen, wagte sich an ein großes Gemälde heran und betrachtete die zahlreichen Jagdtrophäen, die an den Wänden hingen.

Plötzlich hörte er Gerdas helle Stimme hinter sich. „Kedde! Bist du es wirklich?“

Sein Puls beschleunigte, als er sich zu ihr umdrehte.

Sie trug eine weiße Schürze und lächelte, sodass man ihre perfekten Zähne sehen konnte. Das kastanienbraune Haar war zu einem Knoten im Nacken geflochten.

Vor lauter Verlegenheit rang er beinahe die Hände. „Ja … Ich … Ich wollte nicht, dass … Ich dachte ...“

Sie streckte die Hand aus und sie begrüßten sich förmlich. Mit einem anerkennenden Blick musterte sie ihn. Vielleicht war es doch keine so schlechte Vorschrift, die Ausgehuniform tragen zu müssen.

„Wollen wir uns nicht auf die Terrasse setzen? Möchtest du etwas trinken? Einen Kaffee vielleicht?“

„Öh, ein Kaffee wäre ...“

„Schön. Komm, ich zeige dir die Terrasse.“

Wenig später saß er auf der Kante eines Gartenstuhls und sah sich verstohlen um, während er darauf wartete, dass sie zurückkam. Ob der Graf oder was er nun auch immer sein mochte irgendwo hinter einer Gardine stand und ihn beobachtete? Und was dachten sie von Gerda und ihm? Dass sie verlobt waren?

Sie balancierte Tassen, Teller, eine geblümte Kaffeekanne im selben Muster und ein paar Plätzchen auf einem Tablett, als sie die Terrasse betrat.

„Wie schön“, sagte sie und arrangierte hektisch das Gedeck. Peinlich berührt, stellte er fest. Wie er selbst.

„Kannst du denn einfach so … Ich meine, während der Arbeitszeit …?“

„Ja, das geht schon. Sie sind sehr nett. Tatsächlich hat die Dame des Hauses vorgeschlagen, ob ich nicht eine Stunde freinehmen wolle.“ Jetzt lächelte sie wieder, und die Grübchen machten ihr Gesicht noch anmutiger.

„Ich bin in der Haderslev Kaserne stationiert“, erzählte er und versuchte, eine ernste Miene aufzusetzen. Das konnte sie sich wahrscheinlich selbst denken.

„Wirklich?“ Ihre Augen funkelten.

„Bist du gerne hier?“, wechselte er das Thema.

Sie nickte und trank einen Schluck Kaffee. Er bemühte sich, seinen Blick nicht allzu ungeniert über ihren wohlgeformten Körper wandern zu lassen. Sie war jetzt zwanzig Jahre alt, wie er auch, war eine Frau geworden. Eine attraktive Frau! Seit fünf Jahren hatte sie die Stellung auf Lindholm inne. Wollte sie etwa den Rest ihres Lebens als Haushälterin verbringen, so wie seine Mutter? Sie schien sich wohlzufühlen. Aber was war mit den guten Noten, die sie in der Schule bekommen hatte? Sie hatte doch Ärztin werden wollen.

Warum in aller Welt hatten sie sich immer nur bei ihr zu Hause getroffen, wenn die Familie dabei gewesen war? Warum hatte er sie nie eingeladen, mit ihm auszugehen? Ein vertrauenswürdiger Bewerber brauchte ja wohl keine Anstandsdame. Vielleicht hielt Frau Madsen ihn einfach nur für einen alten Schulkameraden. Wofür hielt Gerda ihn?

„Mir geht es hier sehr gut“, antwortete sie.

Sie gehört zu mir. Wir sind füreinander bestimmt, dachte er. Aber was, wenn sie schon einen anderen hat? Ein kalter Schrecken durchzuckte ihn eine Sekunde lang. Was wusste er schon über Gerda?

„Schön zu hören.“ Er richtete sich auf seinem Stuhl auf.

Sie sprachen über Peter, die Mittelschule, die sie verlassen hatte. Über ihre Familien. Über Kollund und Haderslev. Sein neues Leben als Rekrut. Die Stunde verging wie im Flug.

„Komm bald wieder her, ja?“, sagte sie, als sie ihm die Hand gab. Er genoss ihre feuchte Wärme und hielt sie einen Moment zu lange.

Auf dem Weg zurück zur Kaserne ließ er seinen Gedanken freien Lauf. Ein ganzer Film lief vor seinem geistigen Auge ab. Er in inniger Umarmung mit Gerda, dann kniete er vor ihr und sie heirateten in der Kirche in Bov. Alma und Jes waren unglaublich stolz. Onkel Jes war ganz rot im Gesicht, wie jedes Mal, wenn er begeistert war, lächelte breit und fuhr sich mit seinem Taschentuch über den kahlen Schädel. Gab der Wahl seines Pflegesohns seinen Segen. Nach der Trauung umarmte Alma ihn, sichtlich gerührt, und voller Inbrunst schloss sie ihre neue Schwiegertochter in die Arme, denn als solche sahen sie Gerda. Sie wären überzeugt, seine Wahl sei perfekt und würden sich auf Enkelkinder freuen, die sie ebenso als ihre eigenen betrachten würden. Oma und seine Mutter, Tidde, würden natürlich da sein und beide vor Stolz strahlen. Und er würde über seinen Schatten springen und seiner Mutter zeigen, dass er sie liebte. Dass es kein Problem für ihn war, mehrere Mütter in seinem Leben zu haben. Und auch Gerda würde es hinbekommen, Schwiegertochter zweier Mütter zu sein. Onkel Jacob und Vetter Georg würden da sein, und nicht zuletzt Vetter Nicolaj, grün vor Neid. Peter und Hans mussten sie natürlich auch einladen.

Der Gedanke an die Freunde Peter und Hans rief die Erinnerung an die Zeiten der Mittelschule wach, an die er gerne zurückdachte. Johannes Fosmark, einer der Lehrer, hatte sein erwachendes Interesse für Literatur gefördert. In den übrigen Fächern lief es nicht so gut, aber Alma und Jes sprachen die Zeugnisnoten nie an, weshalb er davon ausging, dass sie leidlich zufrieden mit ihnen waren.

Die Zeit verrann wie Sand zwischen den Fingern, und eines schönen Frühlingstags – sie gingen bereits zwei Jahre auf die Mittelschule –, den er nie vergessen würde, war alles anders als gewöhnlich. Gerda blickte den ganzen Tag mürrisch drein, und Christian war froh, dass Peter auf direktem Weg nach Hause fuhr, weil er seinen Eltern bei irgendetwas helfen musste. So hatte er das letzte Stück des Schulwegs Gerda für sich allein.

„Wollen wir noch bei den Pferden vorbeischauen?“, fragte er und sah Gerda von der Seite an, die die ganze Zeit über schweigend in die Pedale getreten hatte. Die Aprilluft war ungewöhnlich mild und die Sonne lugte grüßend zwischen den freundlichen Wolken hervor.

„Gerne.“ Sie starrte weiter vor sich auf die Straße, die Lippen fest zusammengekniffen. Sie nahmen sich viel Zeit für ihr Ritual, die Räder gegen die Hecke lehnen und die Pferde füttern, die träge mit dem Schweif nach Fliegen schlugen und zufrieden das Gras aus ihren ausgestreckten Händen kauten. Christian hätte zu gerne gewusst, warum Gerda in so selten schlechter Stimmung war.

„Komm, legen wir uns ins Gras. Ist dir kalt? Du kannst meine Jacke haben, wenn du willst.“

„Danke.“

Ihre Einsilbigkeit beunruhigte ihn immer mehr. Der traurige Blick, die hängenden Schultern.

Eine Weile sahen sie stumm in den Himmel, lauschten dem Zwitschern der Vögel und genossen den Duft des noch jungen Frühjahrs. Dann drehte Christian den Kopf, sah sie an und brach die Stille: „Was ist denn los mit dir?“

„Ich gehe nicht mehr auf die Duborg Schule.“ Gerda starrte weiter ausdruckslos hinauf zu den Wolken.

„Was meinst du damit?“ Christian setzte sich unwillkürlich auf.

Gerda sah ihn immer noch nicht an. „Ich komme nicht mehr zur Schule.“

„Nicht mehr zur Schule?“, echote er und bemerkte ein Schimmern in ihren Augenwinkeln.

Mit dem Handrücken wischte sie ein paar Tränen weg und sah ihn immer noch nicht an. „Mein Vater sagt, ich soll eine Lehre als Zimmermädchen machen.“ Sie schniefte und tupfte sich die Nase mit dem Zipfel ihres Ärmels ab.

„Als Zimmermädchen?“, fragte er und bemerkte, dass er einmal mehr wiederholte, was sie gesagt hatte. Dann fügte er hinzu: „Wo? Warum?“

„Auf Lindholm Herregård, bei Haderslev. Mein Vater sagt, es sei eine sehr gute Stellung.“ Sie sprach immer noch zu dem Himmel über ihnen. Konnte sie ihn nicht wenigstens ansehen?

„Aber wieso denn?“, rief er beinahe. „Du musst doch erst die Schule fertig machen.“

Endlich schaute sie ihn mit feucht glänzenden Augen an. „Wir brauchen das Geld. Es ist teuer, mich zu Hause zu haben, und Mädchen studieren ja doch nicht.“

„Aber du wolltest doch Ärztin werden“, setzte er zaghaft nach, hielt aber inne, als er bemerkte, wie sehr es sie schmerzte. Er wünschte, er hätte es nicht gesagt.

„Es ist entschieden“, sagte sie mit tonloser Stimme und wandte den Blick ab, starrte wieder in die Wolken, die plötzlich schwer und bedrohlich wirkten, als solle es gleich Regen geben; ein Spiegelbild der Stimmung, die über ihnen lag. Gerda zog ihre Jacke zu.

Ein Pferd wieherte. Unten auf der Straße fuhr ein Auto vorbei. Christian hatte einen Kloß im Hals. Er wollte die Hand ausstrecken und sie trösten, hielt dann aber inne. Es würde doch nur unbeholfen wirken. Sie hatten sich nie berührt. Stattdessen sagte er: „Ich würde so gerne weiter mit dir zur Schule gehen. Ohne dich ist es nicht dasselbe.“ Er hörte sein eigenes Seufzen.

Er ließ sich wieder neben sie ins Gras sinken. Wartete darauf, dass sie etwas sagte.

„Wir können uns doch trotzdem hin und wieder sehen, oder nicht?“, fragte sie schließlich.

Wieder richtete er sich auf. „Natürlich. Ich besuche dich, wenn du frei hast. Du kannst dir Bücher von mir leihen, und vielleicht können wir mal ins Kino gehen.“ Seine Stimme klang beinahe begeistert.

Gerda lächelte vorsichtig, setzte sich auf und wandte sich ihm zu. „Du bist sehr nett, Kedde“, sagte sie, und sein Herz schlug etwas schneller. Ärgerlich, dass er Peter nicht davon erzählen konnte. Peter wäre ganz sicher selber gerne alleine mit Gerda gewesen. Das Problem war, dass Peter gerne mit ihr, aber auch mit ihm zusammen war, nur eben am liebsten alleine mit jedem von ihnen. Und Christian ging es genauso. Das würde sich nun ändern. Peter und Christian würden weiter zur Schule gehen, ohne Gerda.

Mit der Erinnerung kam die Traurigkeit. Er versuchte, sich auf das Positive zu konzentrieren. Die Zukunft. Er würde Gerda heiraten und eine glänzende Karriere beim Militär machen, General oder vielleicht Major werden. Er sah bereits die Orden an seiner Brust und dachte an das viele Geld, das er verdienen würde. Sie würden in ein großes Haus ziehen, und er würde Alma und Jes Geld schicken, sodass sie es sich endlich ein wenig gutgehen, ihr Haus renovieren lassen und einen Helfer für die Hühnerfarm einstellen konnten. Alma würde sich weiße Paneelen fürs Esszimmer und ein neues Badezimmer leisten können, wovon sie seit ihrem Einzug träumte.

Er lächelte still, überzeugt, dass er Gerda schon nächsten Samstag ins Kino einladen und in der Dunkelheit ihre Hand halten würde. Und danach, wenn sie noch ausgingen, würde er ihr von seinen Plänen erzählen. Zumindest von einem Teil seiner Pläne. Er wollte keinesfalls mit der Tür ins Haus fallen, aber sie sollte wissen, dass er ehrliche Absichten hatte. Und er war überzeugt, dass er ihr einen Kuss geben würde, sollte sich die Gelegenheit bieten.

Haderslev, 1937

Christian fand sich in seinem neuen Leben als Rekrut gut zurecht. Die Tage flogen nur so dahin, und auch der Samstag glitt schnell vorüber. Er nahm sich vor, Gerda am nächsten Samstag einzuladen.

Kurz darauf bekamen er und einige Kameraden früh am Nachmittag dienstfrei und schlenderten gemeinsam die Hauptstraße in Haderslev entlang. Zu seiner Überraschung entdeckte er Gerda, und eine Sekunde später kam es ihm vor, als habe ihm jemand in die Brust geschossen. Er sank beinahe zusammen. Sie war nicht allein. Ein hochgewachsener, dunkelhaariger Kerl ging neben ihr, und die Blicke zwischen ihnen und das Lächeln auf ihren Gesichtern ließen keinen Zweifel zu. Ihre Körper sprachen dieselbe Sprache, ohne dass sie sich berührten. Ihm wurde übel und er meinte, sich übergeben zu müssen.

Sie winkte. Er konnte unmöglich so tun, als habe er sie nicht gesehen, und winkte ihr seinerseits zu.

Bis zu dieser Begegnung hatte es ihm auf der Seele gelegen, nach Sønderborg versetzt zu werden, um die Ausbildung zum Feldwebel zu absolvieren. Aber jetzt konnte es nicht schnell genug gehen, Haderslev den Rücken zu kehren. An einem seiner letzten Tage vor der Versetzung traf er sie noch einmal. Sie ging auf der anderen Straßenseite, überquerte die Fahrbahn und kam auf ihn zu, sodass er ihr nicht ausweichen konnte.

„Guten Tag, Christian. Ist schon ein bisschen her, dass wir uns gesehen haben.“

„Da hast du recht.“ Sein Blick ruhte auf ihrem hübschen Gesicht. Sie war ganz offensichtlich froh, ihn zu sehen, und sein Herz machte einen kleinen Sprung.

Einen langen Moment sahen sie sich schweigend an, dann nahm er seinen Mut zusammen. „Hast du Zeit für eine Tasse Kaffee?“

„Ja, gerne“, antwortete sie prompt.

Sie betraten ein kleines Café, setzten sich an einen Tisch am Fenster und Christian bestellte Kaffee und Kuchen für sie beide. Er kam sich vor wie in einer Blase, in der es nur Gerda und ihn gab. Die übrigen Gäste und die Bedienung waren wie Schatten in einem pantomimischen Schauspiel.

„Du bist gar nicht mehr nach Lindholm gekommen“, stellte sie fest und biss ein Stück von ihrem Kuchen ab.

„Die Zeit vergeht so schnell und wir dürfen die Kaserne kaum verlassen. Tja, ich habe es einfach nicht geschafft.“

Sah sie ihn skeptisch an?

„Sehr schade, ich hätte mich sehr gefreut.“

„Ja.“

Sie hoben beide ihre Kaffeetasse, und Christian sah aus dem Fenster. Draußen gingen zwei kichernde Mädchen vorbei, gefolgt von einer alten Dame mit Gehstock.

„Wie geht es dir denn draußen auf Lindholm?“, fragte er.

„Ganz ausgezeichnet.“

Er spürte, dass etwas sie beschäftigte.

„Wir hatten es richtig schön, damals, als wir noch Kinder waren, nicht wahr?“, wechselte sie das Thema. „Wir waren richtig gute Freunde, oder?“

Er nickte ernst, und plötzlich vermisste er die gemeinsamen Stunden mit ihr bei den Pferden. Bekämpfte den Impuls, den Arm auszustrecken und ihr über die Wange zu streicheln. Am liebsten hätte er ihr gesagt, dass er sie heiraten wolle, aber erst einmal mussten sie miteinander reden. Vielleicht hatte er das mit dem dunkelhaarigen Kerl ja falsch verstanden. Er wünschte, es wäre so.

„Erinnerst du dich, wie wir uns auf dem Weg von der Schule nach Hause ins Gras gelegt und über Gott und die Welt geplaudert haben? Das war eine schöne Zeit.“

„Ja, das war es“, flüsterte er beinahe. Fühlte sich gerührt und traurig zugleich.

„Reitest du noch manchmal?“ Sie hob das Kinn und sah ihm in die Augen, und fast hätte er vergessen zu antworten.

„Nur ganz selten, seit ich von Zuhause weg bin, aber ich würde gerne.“

„Vielleicht ergibt sich ja mal wieder eine Gelegenheit.“ Es war die Annäherung an das, was sie eigentlich sagen wollte, und es war nichts Gutes, so viel war ihm klar.

„Ja, vielleicht, obwohl der Dienst mir nicht viel Zeit lässt.“ Er wandte den Blick ab, irritiert über seine Unbeholfenheit. Hätte er nicht strotzen müssen vor Selbstbewusstsein? Er hätte ein paar witzige Soldatengeschichten erzählen können. Sie könnten hier sitzen und gemeinsam lachen. Er liebte es doch, sie zum Lachen zu bringen. Und jetzt hockte er da wie das Leiden Christi, steif und unsicher und wusste nicht, was er sagen sollte, kaum in der Lage, die kleine Porzellantasse zu halten vor lauter Angst, sie könnte zerbrechen. Nachher, wenn sie sich verabschiedet hatten, dann würden ihm all die charmanten Bemerkungen einfallen, die er hätte machen können.

„Vermisst du das manchmal? Also Kind zu sein und keinerlei Verpflichtungen zu haben? Einfach nur zur Schule zu gehen und das Leben zu genießen?“ Sie sah ihn mit ernstem Blick an, versuchte sich dann aber doch an einem sanften Lächeln.

Er legte den Kopf ein wenig schief. „Und ob ich das vermisse, das kannst du mir glauben … genauso wie dich.“ Die letzten Worte hatte er nicht aussprechen wollen, sie rutschten ihm heraus, ohne dass er etwas dagegen tun konnte.

Sie sah auf den Tisch zwischen ihnen. „Du sollst wissen, dass ich das auch als eine wunderschöne Zeit empfunden habe.“ Sie atmete tief ein, und er dachte, dass es jetzt endlich soweit war.

Er wartete. Aß etwas von seinem Kuchen, obwohl es schien, als verwandele er sich in seinem Hals zu einem Klumpen, den er kaum schlucken konnte.

Sie schaute ihn mit einem Anflug von Verzweiflung an.

„Ich höre auf auf Lindholm.“

„Was?“ Sein Ausbruch überraschte ihn selbst.

„Es ist so, dass ich im Sommer heiraten werde.“

Schweigen. Es dauerte eine Zeit lang, bis er sich gesammelt hatte und eine Antwort zustande brachte.

„Ja, also, was sagt man …? Herzlichen Glückwunsch. Das ist mal eine ...“ Er konnte sich nicht erinnern, jemals einen solchen Unsinn von sich gegeben zu haben.

„Du bist ihm übrigens schon begegnet. Er heißt Hans-Jørgen, mein Vater hat ihn mir vor einigen Jahren vorgestellt. Ja, und seitdem … na ja, hat es sich weiterentwickelt, und nun hat er also bei meinem Vater um meine Hand angehalten.“

Tausend Gedanken schossen Christian durch den Kopf. Warum hatte er sich nicht zusammengenommen und war schon viel früher zu ihr nach Haderslev gefahren? Er hätte Gerda schon vor Jahren sagen können, dass es doch nur sie beide gab. Dass er ohne sie nicht leben konnte und kein Tag verging, an dem er nicht an sie dachte. Dass er nachts von ihr träumte. Er wusste ja, dass ihr Vater Pläne hatte, sie in eine vornehme Familie zu verheiraten – aber das entschied doch wohl nicht ihr Vater! Hans-Jørgen konnte unmöglich ihre eigene Wahl sein.

Er spürte den Impuls, zu schreien und auf den Tisch zu schlagen und sie zu fragen: ,Willst du das wirklich? Ich sehe dir doch an, dass du dir etwas anderes wünschst! Deine Augen verraten dich. Wir sind doch füreinander bestimmt. Ich bin nur langsam. Viel zu langsam!?

Er räusperte sich, versuchte, den Kloß herunterzuschlucken, der sich in seinem Hals festgesetzt hatte. „Glückwunsch“, wiederholte er. „Das ist … Das ist mal eine Überraschung.“

Sie lächelte kaum merklich.

Einige Augenblicke lang saßen sie schweigend da. Er drehte seine halbleere Tasse zwischen den Händen. Stocherte mit der Kuchengabel herum. Hilflos sah sie aus dem Fenster.

„Ich werde demnächst Unteroffiziersanwärter“, sagte er dann. Die Bemerkung schien völlig deplatziert.

Sie schaute ihn überrascht an.

„Wenn ich fertig bin, gehe ich nach Sønderborg und mache die Ausbildung zum Feldwebel“, fuhr er fort und fingerte an seiner Tasse herum.

Kurz darauf musste sie nach Hause. Er versuchte, sich an den letzten Teil ihres Gesprächs zu erinnern, aber er war voll und ganz aus seinem Gedächtnis gelöscht. Als habe er nicht stattgefunden. Als hätten zwei andere Menschen an dem Tisch im Café gesessen und über Sønderborg und andere Belanglosigkeiten gesprochen. An ihren Abschied konnte er sich wiederum erinnern. Sie standen sich gegenüber, gaben sich die Hand. Hielten sie, als hinge ihr Leben davon ab, bis beide meinten, jetzt sähe es doch etwas sonderbar aus, wir sollten besser loslassen.

Dann gingen sie beide ihrer Wege, ohne sich noch einmal umzusehen.

Sønderborg, 1938

Christian war beeindruckt von der Sønderborg Kaserne. Das schöne, rote Gebäude bot einen wunderschönen Ausblick auf den Als Sund. Er stellte sich vor, wie er Spaziergänge am Wasser entlang unternahm und versuchte, die innere Stimme in ihre Schranken zu weisen, die ihm sagte, dass dazu wohl kaum Zeit bleiben würde. Stimmten die Gerüchte, war der Dienst hier hart und dauerte oft vierzehn, fünfzehn Stunden am Tag. Und bevor die Rede von Spaziergängen am Meer oder durch die Stadt oder von anderem Luxus sein konnte, waren Briefe zu schreiben. Das hatte höchste Priorität unter den privaten Angelegenheiten. Briefe an Oma, Alma und Jes, Tidde und Tanta Adda. Sie verstanden nicht, dass er nur selten Gelegenheit fand, sie zu besuchen, obwohl er doch nicht weit von zu Hause weg war. Aber stolz waren sie auf jeden Fall. Als er nach Sønderborg kam, war er Unteroffizier, wenn er die Kaserne verließ, würde er Feldwebel sein. Für sie war es so, als sei er Leutnant. Christian musste lächeln, wenn er daran dachte.

Im Speisesaal war ihm ein blonder Hüne aufgefallen. Der Mann hatte etwas Ruhiges und Sympathisches an sich und schien ebenso auf sich allein gestellt wie er selbst. Meistens saßen sie nicht weit voneinander entfernt. Jetzt war der Speisesaal bereits halbleer, die meisten waren gegangen, und der Mann saß alleine an seinem Tisch. Christian entschied sich, ihn anzusprechen. Er nahm sein Tablett und setzte sich ihm gegenüber.

„Wir haben uns noch gar nicht vorgestellt“, sagte Christian, reichte seinem Gegenüber die Hand und nannte seinen Namen.

„Peter Østergaard“, entgegnete der andere, begleitet von einem festen Händedruck. Er war ein außergewöhnlich gutaussehender Mann, schlank, große graue Augen und hohe Wangenknochen. Sie lächelten beide.

Peter Østergaard fragte, woher er komme, und Christian antwortete und gab die Frage zurück.

„Tønder“, erwiderte der andere.

Sie sprachen über ihre Familien, und Peter erzählte von Solvej und dass sie bald heiraten wollten. Gerne hätte Christian ihm von Gerda berichtet, aber darüber gab es nichts zu sagen. Dennoch hatte er ein gutes Gefühl. Vielleicht würde sich eine Freundschaft zwischen Peter und ihm entwickeln.

„Und? Was hast du vor, wenn du hier fertig bist?“, fragte Peter. Ihre Mahlzeit hatten sie längst beendet, und ausnahmsweise warteten keine dienstlichen Pflichten auf sie.

„Vielleicht gehe ich nach Kopenhagen und mache die Ausbildung zum Offizier, vielleicht bleibe ich hier und werde Ausbilder. Ich weiß es noch nicht. Und du?“

Ein Lächeln breitete sich auf dem Gesicht seines neuen Freundes aus. „Ich werde wahrscheinlich auf die andere Seite der Grenze gehen, zum deutschen Militär. Da unten gehen zurzeit ein paar richtig interessante Dinge vor sich.“

Christians Lächeln erstarrte zur Grimasse. Unwillkürlich kniff er die Augen zusammen, als er sagte:

„Ich verstehe nicht.“

„Hitler ist ein wahrer Teufelskerl. Er macht seine Sache hervorragend. Die Arbeitslosigkeit ist so gut wie ausgerottet, Deutschland ist es nie besser gegangen. Ich könnte mir vorstellen, in seinem Heer zu dienen. Hast du nie darüber nachgedacht?“ Seine Augen strahlten beinahe, während er über den deutschen Reichskanzler sprach.

Christians Herz hämmerte. Die Wendung, die ihr Gespräch nahm, traf ihn völlig unvorbereitet, und er wünschte, er hätte nie an diesem Tisch Platz genommen.

„Nein, daran habe ich wirklich noch nie gedacht“, antwortete er scharf, sodass der andere die Botschaft nicht überhören konnte. Dennoch fuhr Peter unverdrossen und mit Begeisterung in der Stimme fort: „Hitler ist das Beste, was Deutschland seit Jahren passiert ist, ja sogar das Beste, was ganz Europa passieren konnte. Wart's ab, du wirst sehen ...“

Christians Gesicht war jetzt wie versteinert, und es fiel ihm schwer, ruhig zu bleiben, als er sagte: „Solange du dänischer Soldat bist, kannst du doch nicht Hitler und den Nationalsozialismus unterstützen. Ist dir Dänemarks Zukunft vollkommen egal?“ Seine Stimme zitterte, als er fortfuhr: „Die Deutschen haben sich Österreich einverleibt. Und jetzt erheben sie Anspruch auf das Sudetenland an der Grenze zur Tschechoslowakei. Was glaubst du, was sie mit Dänemark im Sinn haben, wenn es soweit ist? Du bist doch Südjüte, oder etwa nicht? Viele hier befürchten, Deutschland könnte die alte Grenze wieder herstellen und alles wird so wie vor der Vereinigung. Viele haben Angst, dass sie sich auch Südjütland einverleiben. Wie kannst du da mit einem Mann wie Hitler sympathisieren?“

Die letzten Worte schrie er nahezu. Alle, die noch im Speisesaal waren, glotzten ihn an, aber es war ihm gleichgültig. Wütend und herausfordernd starrte er sein Gegenüber an.

„Du scheinst ja wirklich für deine Sache zu brennen“, antwortete Peter kühl und fügte hinzu: „Ich bin nicht sicher, ob es schlecht wäre, wenn wir wieder zu Deutschland gehören würden. Hitler ist ein Mann mit Visionen. Er stellt Deutschland wieder auf die Beine, nachdem Europa alles getan hat, um das Land niederzuhalten. Die deutsche Wirtschaft wird immer stärker, seit er die Macht übernommen hat, und nicht zuletzt packt er das Judenproblem an. Davon könnten sich andere Länder eine Scheibe abschneiden.“

Christian runzelte die Stirn. „Das kann nicht dein Ernst sein. Das Judenproblem?“

„Du wirst ja wohl zugeben, dass die Juden nichts als gierige Teufel sind. Schwindler und Betrüger allesamt. Sie akzeptieren nur ihresgleichen, und ihr Ziel ist es, die Welt zu regieren. Es gibt nur eine Art, mit ihnen fertig zu werden, und zwar so, wie Hitler es macht.“

Christian stand so ruckartig auf, dass sein Stuhl nach hinten kippte. Seine Wut steigerte sich noch, und eine Sekunde lang packte ihn ein selten erlebtes Gefühl: Er wollte zuschlagen, aber im nächsten Moment ergriff eine kalte Ruhe Besitz von ihm. Wozu noch mehr Zeit an diesen Fantasten verschwenden? An einen Arier, der bestens in Hitlers Weltbild passte. Er würde nie wieder mit diesem Mistkerl reden! Es lohnte sich nicht einmal, auch nur ein Wort über einen idiotischen Schreihals wie Hitler zu verlieren, der immer häufiger im Radio und in den Zeitungen auftauchte. Gott bewahre! Christian schaltete jedes Mal ab, wenn er die Stimme des deutschen Reichskanzlers hörte.

Noch immer schlug sein Herz schneller als gewöhnlich, und sein Brustkasten hob und senkte sich. „Wir haben uns nichts mehr zu sagen“, knurrte er und wandte Peter Østergaard den Rücken zu, bevor der etwas erwidern konnte.

Die Hände zu Fäusten geballt, verließ er den Speisesaal. Wenn das die Art von Freundschaft war, die man hier schließen konnte, verzichtete er liebend gerne darauf.

Alle Ausbilder in den militärischen Fächern waren Offiziere. Schon nach kurzer Zeit in Sønderborg stand für Christian fest, dass auch er einmal Offizier und Ausbilder sein würde.

An einem der ersten Tage kam er mit Petersen und Aksel ins Gespräch, die sich schon seit ihrer gemeinsamen Zeit an der Grundschule Sønderborg kannten. In der Mittagspause zwischen der praktischen Ausbildung am Vormittag und der Theorie am Nachmittag steuerten sie im Speisesaal zielstrebig Christians Tisch an und ließen sich auf den Stühlen ihm gegenüber nieder. Christian waren die ungleichen Freunde schon am ersten Tag in der Kaserne aufgefallen. Petersen war schlank und tat sich besonders in den physischen Disziplinen hervor, beim Sport und draußen im Feld ebenso wie beim Exerzieren. Aksel dagegen war rundlicher, stämmiger und behäbiger als Petersen, hielt sich aber dennoch gut, wenn es um körperliche Anstrengungen ging. Er war ein offener und redseliger Mensch, lachte gern und viel, und auf eine sonderbare Weise hatte Christian das Gefühl, er würde die beiden Freunde schon lange kennen.

„Aksel Lykkegaard mein Name, und das hier ist mein Kamerad Klaus Petersen, genannt Petersen“, sagte Aksel und schaufelte sich dabei das Mittagessen in den Mund.

„Christian Fries“, antwortete Christian mit einem Nicken und fuhr fort: „Alle nennen mich Kedde.“ Letzteres hätte er sich eigentlich sparen können, in Südjütland wurden alle mit seinem Namen so genannt.

„Du bist doch der, der was gegen Hitler hat, oder?“, fragte Aksel mit einem verschmitzten Lächeln.

„Richtig.“ Christian hob den Kopf.

„Da geht es dir wie uns“, sagte Aksel.

Sie lachten alle drei.

„Du siehst nach einem ganz brauchbaren Kerl aus, und als wir von dem kleinen Auftritt neulich hier in diesem wunderschönen Speisesaal hörten, wollten wir gerne mal mit dir reden.“ Aksel blinzelte vergnügt, bevor er weitersprach: „Also zur Sache. Wir suchen nach einem dritten Kameraden, um ein Zimmer zu mieten. Wär' das was für dich?“ Das Kinn entschlossen vorgeschoben, sahen ihn Aksels dunkle Augen unter den buschigen Brauen und den ungekämmten Haaren einladend an. Christian hatte den Eindruck, dass er wie geschaffen war für die Bühne. Er würde die Menschen zum Lachen bringen und musste sich nicht einmal Mühe dabei geben.

Sein Freund Petersen war zurückhaltender, ähnlich wie Christian. Das blonde Haar über dem blassen Gesicht war bereits auf dem Rückzug und machte hohen Schläfen Platz. Nicht mehr lange, und er hat eine Glatze, dachte Christian. Aber Petersens Augen sahen ihn freundlich an. Offenbar stürzte er sich nicht so vorbehaltlos in Gespräche mit Leuten, die er nicht kannte, wie sein Freund Aksel.

„Ein Zimmer mieten?“ Christian runzelte die Stirn. Soviel er wusste, wohnten alle auf den Stuben in der Kaserne.

„Du weißt schon, Damenbekanntschaften und so weiter. Da muss man was in petto haben.“ Aksel lachte schallend, als er Christians Gesichtsausdruck sah. Petersen und Christian konnten nicht anders und brachen ebenfalls in Gelächter aus.

„Keine Angst, wir meinen es ernst mit der Ausbildung, und du siehst so aus, als wolltest du es ebenfalls zu was bringen. Mein Bruder war auch hier in Sønderborg, und er hat mir geraten, mir ein Zimmer zu besorgen, wo man in Ruhe lernen und sich auf die Prüfungen vorbereiten kann. Zu dritt müsste das mit der Miete hinzukriegen sein.“

Christian dachte nach. Wenn jemand die Ausbildung hier ernst nimmt, dann ich! Konnte er sich das leisten? Möglicherweise. Die fünfzig Kronen Sold im Monat waren nicht viel, andererseits hatte er auch keine großen Ausgaben.

„Was soll so ein Zimmer denn kosten?“, fragte er.

„Fünfzehn Kronen im Monat“, antwortete Aksel.

„Danke, dass ihr dabei an mich gedacht habt. Warum eigentlich nicht? Versuchen wir's einfach mal.“

„Ausgezeichnet. Außerdem kannst du nach einem Monat ja auch wieder aussteigen, wenn dir das Ganze doch nicht passt“, sagte Aksel lächelnd. „Tatsächlich haben wir schon was in Aussicht, in der Heloglandsgade, das Zimmer, das auch mein Bruder hatte. Und ein Kaffee am Abend ist sogar inbegriffen.“

Christian konnte sich des Gedankens nicht erwehren, dass es ganz bestimmt nicht langweilig werden würde.

„Ein bisschen umständlich ist es schon“, meinte Petersen mit einem kaum wahrnehmbaren Lächeln. „Immerhin müssen wir jedes Mal Ausgehuniform tragen, wenn wir die Kaserne verlassen.“

Auch Christian fand diese Vorschrift albern. „Ja, und die weißen Handschuhe nicht vergessen ...“

„ … und Gürtel und Stiefel immer auf Hochglanz poliert“, fügte Aksel in einem Tonfall hinzu, als hielte er sich die Nase zu und klang dabei genau wie ihr Ausbilder Berg.

Wieder lachten sie alle drei.

„Ich finde, es ist schon allerhand, dass sie uns vorschreiben, in welche Kneipen wir gehen dürfen und in welche nicht“, ereiferte Aksel sich.

„Als hätten wir Zeit, in die Kneipe zu gehen“, ergriff Petersen wieder das Wort. „Aber es kann sein, dass hin und wieder einer der Offiziere in unserem Zimmer vorbeischaut, Christian. Nicht, dass wir am Ende noch Karten spielen oder uns mit jungen Damen vergnügen.“

„Das wäre ja wirklich allerhand“, sagte Christian und stimmte in das Lachen der beiden anderen ein.

„Wartet erst mal ab, wenn am Sonntag Pimmel-Parade ist“, sagte Aksel mit einer Miene, als warte er nur auf ihre Reaktion. Petersen kam Christian zuvor.

„Pimmel-Parade?“

„Jeden Sonntag kommt ein Oberstleutnant zur Kontrolle. Dann haben wir in Unterhose und mit nackten Füßen vor unseren frisch gemachten Betten zu stehen und die Hände auszustrecken. Und dann wird der Herr Oberstleutnant kontrollieren, ob die Zeh- und die Fingernägel auch ordentlich sauber sind.“

„Das ist ja schlimmer als zu Hause bei Mama“, sagte Christian, und sie lachten wieder.

Schlimmer als in Haderslev kann es ja wohl nicht werden, dachte er, musste aber bald feststellen, dass er sich geirrt hatte.

Schon am Nachmittag spürte Christian die Veränderung. Er hatte zwei neue Freunde, und sie tauschten diskrete Blicke aus, als sie Ausbilder Berg gegenüberstanden, der genauestens die Regeln für die Grußpflicht außerhalb der Kaserne und noch ein paar andere seltsame Dienstvorschriften durchging.

Das Zimmer in der Helgolandsgade erwies sich sehr schnell als Glücksfall für Christian. Er hielt sich häufig dort auf, um in Ruhe oder gemeinsam mit seinen neuen Freunden pauken zu können. Sie mussten nur um 22.00 Uhr zurück in der Kaserne sein und auf ihrer Stube im Bett liegen.

Es war ein strammes Programm, das Christian im Frühjahr 1938 in der Sønderborg Kaserne zu absolvieren hatte, dennoch blieb ihm genug Zeit darüber nachzudenken, wie er Gerdas famose Hochzeit mit diesem Hans-Jørgen verhindern konnte. Natürlich war es Zeitverschwendung. Während des Sommers und ein Jahr später, im September, verbrachte er einige Tage zu Hause auf der Hühnerfarm bei Alma und Jes, die ihn nach Kräften verwöhnten.

Sonntags traf sich die ganze Familie bei Oma, wie in den guten alten Zeiten. Christian freute sich darauf. Natürlich war er ein paar Mal bei ihr gewesen, aber die Familientreffen am Sonntag waren ein Ritual, das ihn an seine Kindheit erinnerte.

Bei einem seiner unzähligen Besuche als Kind hatte Oma einmal gesagt: „Dein sonniges Gemüt hast du von Tidde geerbt. Das ist ein Geschenk, Kedde.“

Er hatte die Bemerkung nie vergessen. Es war wie eine Verpflichtung, ein Geschenk in Form eines sonnigen Gemüts. Aber für ihn hieß es auch, dass er ein Geschenk für die Familie war. Schon damals, als er noch ein kleiner Junge war, gab er sich alle Mühe, ein Geschenk zu sein, besonders für Tidde. Damals glaubte er, er werde eines Tages mit Oma Botilla über die ungewöhnlichen Familienverhältnisse sprechen, unter denen er aufwuchs, aber es war nie dazu gekommen.

Für die anderen Kinder in der Schule war es viel einfacher. Es war schwierig, zu erklären, wie das alles zusammenhing mit seiner Familie. Er war von Frauen umgeben, Tidde, Botilla samt Tante Alma und Tante Adda. Tidde war seine richtige Mutter, und doch auch wieder nicht. Sie hatte ihn zur Welt gebracht, konnte sich aber nicht um ihn kümmern, weil sie als Haushälterin bei einem Fuhrunternehmer in Tinglev arbeitete.

Als Kind hatte er unzählige Male darüber nachgedacht. Wenn er und Tidde sich nur sonntags bei den gemeinsamen Essen der Familie bei Oma sahen, wie konnte sie dann seine Mutter sein? Niemand von den anderen sah seine Mutter nur am Sonntag. Manchmal machte es ihn wütend. Es fühlte sich an, als sei er ein Ballon, in den jemand zu viel Luft geblasen hatte und der kurz davor war, zu zerplatzen. Er spürte den Drang, Tidde anzuschreien, sie sei nicht seine Mutter und dass er nicht von ihr umarmt werden wollte. Nicht ihr Seufzen hören und nicht die sehnsüchtigen Blicke sehen wollte, mit denen sie ihn anschaute.

Damals wünschte er sich nichts mehr, als dass Alma und Jes seine Eltern wären. Schließlich wohnte er bei ihnen, und das schon sein ganzes Leben. Er war ihr Kind. Oma sagte oft zu ihm: „Was für ein Glück, dass Alma und Jes dich aufnehmen konnten. Sie haben sich so sehr ein Kind gewünscht, und dann kamst du, Kedde.“

Bei ihr klang es, als sei es ganz leicht. Aber seine Kinderlogik sagte ihm, er würde in der Schule nicht dauernd geärgert, wenn Tidde nicht seine Mutter wäre. Alles wäre viel einfacher ohne Tidde. Er hätte Alma und Jes Mama und Papa nennen können, nicht Tante und Onkel, und alle hätten es verstanden.

Sonntag für Sonntag trabte er mit ordentlichem Scheitel und in frisch gewaschenen Sachen zum Familientreffen bei Oma und benahm sich, wie man es von ihm erwartete. Er ließ sich küssen und umarmen und beobachtete, wie die Erwachsenen sich bestätigende Blicke zuwarfen. Ja, ihr Kedde war ein Geschenk. Von seiner inneren Zerrissenheit sahen sie nichts, sahen nicht, dass er Tidde am liebsten angeschrien hätte: „Du sollst sonntags nicht mehr kommen! Du sollst mich nicht so ansehen! Ich bin nicht dein Sohn! Warum bleibst du nicht einfach in Tinglev?“

Das war viele Jahre her, und jetzt freute er sich darauf, die Familie zu sehen. Er vermisste sie, allesamt, und fühlte sich geliebt, wenn Tidde und Oma ihn an sich drückten und lange festhielten. Seine Onkel und Tanten waren da, und natürlich Vetter Nicolaj. Vor dem Essen schlenderten er und Nicolaj durch den Garten. Der Spätsommer hielt sich, und die Sonne zeigte sich von ihrer großzügigen Seite und verwöhnte sie mit ihren angenehm warmen Strahlen. Die Äste der Apfelbäume waren voller roter Früchte und hingen fast bis zur Erde. Wespen umkreisten die reifen Pflaumen, und Christian pflückte sich einen Apfel, während er versuchte, mit Nicolaj Schritt zu halten.

Die zunehmende Unruhe in Europa beschäftigte den Vetter, der das Gesicht in ernste Falten legte.

„Was zum Teufel geht da vor sich?“, fragte er beinahe wütend und machte sich daran, seine Pfeife zu stopfen.

Christian schüttelte den Kopf. „Tja, es ist wirklich beängstigend. Der deutsche Kanzler ist ganz sicher nicht mein Fall.“ Plötzlich fiel ihm die Begegnung mit Peter Østergaard an einem seiner ersten Tage in der Sønderborg Kaserne ein, aber vielleicht war es besser, Nicolaj nicht auch noch davon zu erzählen.

„Das ist mal eine Untertreibung!“, schnaubte sein Vetter. „Er ist vollkommen verrückt! Allein, wenn man ihn im Radio rumbrüllen hört weiß man schon, dass er nicht alle Tassen im Schrank hat. Bevor man sich umsieht, hat er verdammt noch mal ganz Europa mit Krieg überzogen! Du wirst mir ja wohl recht geben, wenn ich sage, dass im letzten Monat so einiges passiert ist.“ Nicolaj kaute auf dem Pfeifenstiel herum, und dichte Rauchwölkchen stiegen auf. „Deutschland ist in Polen einmarschiert, und ein paar Tage später erklären England und Frankreich Deutschland den Krieg … Ein deutsches U-Boot versenkt ein englisches Passagierschiff. Wo soll das enden, kannst du mir das sagen?“

„In den Nachrichten hieß es zuletzt, die deutschen Truppen hätten Warschau erreicht, und Kanada hat Deutschland ebenfalls den Krieg erklärt.“

„Ha, Deutschland gegen den Rest der Welt!“

Sie mussten beide lachen.

„Sie haben eine ordentliche Tracht Prügel verdient, diese Deutschen“, sagte Nicolaj. „Immer halten sie sich für was Besseres. Dass Südjütland sich für Dänemark entschieden hat, daraus sind sie auch nicht schlauer geworden.“

„Neulich habe ich in irgendeinem Blatt eine Karikatur gesehen“, sagte Christian. „Darin ging es um den Nichtangriffspakt zwischen Dänemark und Deutschland. Hitler steht auf einem riesigen Panzer mit Hakenkreuz und diesem ganzen Zeugs an der Seite. Die Kanone zielt auf einen kleinen Mann, der seinen Hut in den Händen hält: unser Außenminister P. Munch. Ich finde, das trifft den Nagel auf den Kopf.“

„Mit dem Pakt können sie sich genauso gut den Hintern abwischen“, sagte Nicolaj und spuckte auf den Boden.

Dann rief Oma, das Essen sei fertig. Christian hätte ihr Gespräch gerne fortgesetzt, aber solche Themen war bei Tisch tabu.

Vor dem Essen sangen sie 'In Jesu Namen kommen wir zu Tisch', und Christian spürte mit einem Mal, wie sehr er das Singen vermisste.

Jes erzählte von der Hühnerfarm und einer neuen Epidemie, die alle Hühnerzüchter teuer zu stehen kommen würde. Es galt, schnell und klug zu handeln, ansonsten könnte es fatale Folgen für die Tiere haben. Er hatte die wenigen kranken Hühner sofort von den gesunden getrennt. Alma und Jes lächelten sich über den Tisch hinweg an, und Christian wurde warm ums Herz. Hier zu Hause bei seinen Pflegeeltern war die Welt noch in Ordnung. Endlich lief der Betrieb besser, und Jes hatte seinen sonstigen Arbeitgebern gekündigt und konnte sich ausschließlich um die Hühnerfarm kümmern. Alma schien regelrecht glücklich zu sein. Es gab keinen Grund, die gute Stimmung zu zerstören und von den neuesten Entwicklungen in Deutschland und vom Krieg zu reden. Die meisten am Tisch erinnerten sich noch gut an den Großen Krieg, und keiner von ihnen wollte daran denken, es könnte noch einmal zu einer ähnlichen Katastrophe kommen.

Nicolaj und er warfen sich verständnisvolle Blicke zu.

Sie sprachen über Christians Karriere beim Militär. Oma, Tidde und Alma strahlten vor Freude über ihren „kleinen Kedde“, und tatsächlich fühlte er einen gewissen Stolz. Er musste erzählen, wie die Tage in der Kaserne abliefen und was er sein würde, wenn er mit seiner Ausbildung fertig war. Alle möglichen Fragen prasselten auf ihn ein. Dann redeten sie über Nicolajs Ausbildung zum Buchdrucker in Fredericia.

Das Essen schmeckte ausgezeichnet, und alles war wunderbar, bis Oma sagte: „Sag mal, Kedde, du hast doch früher immer mit Gerda gespielt, der Tochter von Zimmermann Madsen, oder?“

Er räusperte sich. „Öh, ja.“

„Wusstest du, dass sie geheiratet hat? Letztes Jahr, in der Kirche in Bov.“

„Nein, wusste ich nicht.“

„Ich bin da gewesen, neugierig wie ich nun mal bin.“ Typisch Oma. Sie lächelte zufrieden und fuhr fort. „Ihr Vater ist ja ein Fall für sich. Nichts ist gut genug für seine kleine Gerda, und er platzte fast vor Stolz über seinen neuen Schwiegersohn. Hans-Jørgen Holst heißt er und ist wohl der Sohn eines der großen Gutsbesitzer bei Haderslev.“

Gerda Holst, du lieber Gott!

„Aha. Wie schön für sie.“

Nicolaj sah ihn forschend an, und es schien, als wisse er alles.

Oma bemerkte nichts, und unbekümmert sprach sie weiter. „Jetzt läuft sie mit dickem Bauch herum, ist wohl schon ein paar Tage überfällig. Sie war letzte Woche auf Besuch zu Hause bei ihren Eltern. Sehr hübsches Mädchen, muss man schon sagen.“

Den Rest des Tages musste Christian sich zusammenreißen. Es fiel ihm schwer, an den richtigen Stellen zu lächeln, und ein ums andere Mal überzogen dunkle Falten sein Gesicht.

Er wünschte, Oma hätte nicht von Gerda und dem dicken Bauch erzählt. Immer wieder tauchten Bilder von Gerda als schöner Braut und werdender Mutter vor seinem inneren Auge auf. Er konnte sich nicht vorstellen, dass es irgendwo in diesem Land eine Frau gab, die ihn genauso beeindrucken würde wie sie.

Sønderborg, Winter '39 / '40

Christian widmete sich mit Leib und Seele der Infanterie-Unteroffiziersschule in Sønderborg. Seine Zeit verbrachte er entweder in der Kaserne oder in Gesellschaft von Aksel und Petersen in ihrem gemeinsamen Studierzimmer. Er war fest entschlossen, Gerda zu vergessen und die Prüfungen mit Bestnoten zu bestehen.

Die Ausbildung gestaltete sich so, wie er es erwartet hatte, anspruchsvoll und hart. An den sechs Werktagen der Woche absolvierten sie vormittags Übungen draußen im Feld oder auf dem Kasernengelände. Er mochte es, seine Muskeln zu spüren, sein Körperbau konnte mittlerweile mit dem einer griechischen Statue konkurrieren, und auch die Übungen auf der Schießbahn im Sønderskoven, dem nahegelegenen Waldgebiet, bereiteten ihm keinerlei Probleme, ganz im Gegensatz zu dem korpulenten Aksel, der sich mit diesen Teilen der Ausbildung zunehmend schwertat. Einige der Ausbilder scheuchten ihre Schützlinge besonders gerne zur Schießbahn, um irgendwelche Übungen durchzuführen. Schon der Weg dorthin glich einem Gewaltmarsch, und in der Nähe gab es eine drei Meter hohe Mauer, die die Soldaten mit vollem Gerödel überklettern mussten.

In diesen Augenblicken, in denen ihm alles abverlangt wurde, erkannte Christian, dass es ihm nicht gelingen würde, Gerda voll und ganz aus seinen Gedanken zu verbannen. So manches Mal ertappte er sich bei dem Gedanken: Wenn du mich jetzt sehen könntest …, während er die Mauer überquerte und sich dabei stark wie ein Ochse fühlte, während Aksel als einer der letzten den anderen hinterherstolperte.

Nachmittags stand Theorie auf dem Stundenplan, und auch hier gehörte er in sämtlichen Fächern zu den Besten. Den Samstag mochte er am wenigsten: Reinigen der Ausrüstung sowie der Stube, außerdem persönliche Hygiene. Ganz gleich, wie sehr er sein Zeug putzte und polierte, die abschließende Musterung brachte er nie hinter sich, ohne von seinem Ausbilder abgekanzelt zu werden. Meistens war es Nikolajsen. Christian hatte ihn im Verdacht, ihn auf dem Kieker zu haben.

Sonntags hatten sie die berühmte Pimmel-Parade zu überstehen, anschließend wurde der Stubendurchgang geradezu zelebriert. Die Fenster mussten geputzt und der Boden gewischt sein. Immer Punkt acht Uhr wurden Kleidung, persönliche Hygiene und Spinde genauestens überprüft. Nach einiger Zeit betrachtete Christian es als einen natürlichen Bestandteil des Heeres. Er verstand die Notwendigkeit von Regelmäßigkeit und Routine, und samstags musste er nun mal mit Nikolajsen leben.

Das Dasein in der Sønderborg Kaserne war vorhersagbar und verlässlich. Sie lebten wie in einer Enklave, abgesondert vom Rest der Welt. Nur auf dem Weg zwischen Studierzimmer und Kaserne und bei Besuchen zu Hause bei der Familie hatten sie kurz Kontakt mit der Welt außerhalb des Militärs. Sowohl Christian als auch Petersen und Aksel schlossen die Ausbildung zum Feldwebel mit guten Prüfungen ab, und alle drei entschieden sich, mit der Ausbildung zum Oberfeldwebel weiterzumachen.

Im Herbst und Winter '39 / '40 beanspruchte die Welt außerhalb ihres Alltags mehr und mehr Aufmerksamkeit. Die Überschriften der Zeitungen erreichten auch die Sønderborg Kaserne, wo man mit wachsender Beunruhigung die politischen Spannungen in Europa verfolgte; Hitlers aufstachelnde Reden, die immer unmenschlichere Behandlung der Juden und die Invasion Polens. Ende November überfiel die Sowjetunion ohne Kriegserklärung Finnland.

Anfang Januar, unmittelbar nach der Zwischenprüfung, gönnte sich das Trio ausnahmsweise einmal einige Glas Bier im Gasthaus Christian IV. Hemmungslos zogen sie über Staatsminister Staunings Neujahrsansprache her, und nach den ersten Bier wechselte die Stimmung zwischen lauthals vorgetragenen Ansprachen, ohrenbetäubendem Gelächter und ausschweifenden Prophezeiungen des kurz bevorstehenden Weltuntergangs. Sie hatten völlig vergessen, dass sie nicht allein waren, und achteten nicht auf die neugierigen oder leicht vorwurfsvollen Blicke der übrigen Gäste.

Aksel hatte einen Satz aus der Rede Staunings auswendig gelernt und zitierte ihn im Laufe des Abends mehrere Male: „Aufgrund der Struktur unseres Landes sind wir nicht in der Lage, eine Verteidigung aufzubieten, wie andere Länder es können, obwohl der Wille dazu durchaus vorhanden war.“

Petersen schüttelte den Kopf, trank einen Schluck Bier und sagte: „Stauning wirft von Vorneherein das Handtuch. Nach dieser Rede denkt das ganze Land, die Niederlage sei schon besiegelt.“

Aksel schlug mit der Faust auf den Tisch und rief: „Sind wir uns einig, dass er den Mut und die Bereitschaft der Dänen, sich zu verteidigen, infrage stellt?“

„Er sagt den Deutschen, dass sie ruhig bei uns einmarschieren können, so wie die Russen es in Finnland getan haben. Wir können sowieso nichts ausrichten! Liebe Deutsche, kommt gerne her … Wir haben uns flach auf den Bauch gelegt … Seid so gut und übernehmt das Land, es gehört euch.“ Petersen unterstrich seine Worte mit einladenden Handbewegungen, als sei er dabei, die Deutschen über die Grenze zu bitten.

Sie lachten schallend.

Christian begnügte sich damit, den beiden anderen zuzuhören. Das Thema beschäftigte ihn. Was, wenn die Deutschen Dänemark tatsächlich angriffen, trotz der Neutralitätspolitik? Was würde mit der Familie geschehen? Tidde wohnte direkt an der Grenze. Oma, Alma und Jes? Er würde nicht dort sein können, um sie zu unterstützen.

Und welche Rolle spielte das Militär im Falle eines Angriffs? Konnte es tatsächlich zum Krieg kommen?

„Ich stimme euch zu. Wir halten die Luft an und versuchen, uns irgendwie durchzulavieren, wie damals im Großen Krieg“, sagte er, nachdem er er eine Weile nachgedacht hatte.

„Ha! Und gibt es irgendetwas, das darauf hindeutet, es könnte uns gelingen? Das nennt man die Vogel-Strauß-Methode. Hitler ist vollkommen wahnsinnig – nichts ist vorhersagbar.“ Aksel trank einen großen Schluck Bier, wischte sich mit dem Handrücken den Mund ab und rülpste.

Sie lachten alle drei, als er hinzufügte: „Das ist jedenfalls meine Meinung zu diesem beschissenen Emporkömmling von einem deutschen Kanzler.“

Die Leute an den umstehenden Tischen stimmten in ihr Gelächter ein.

In der nächsten Zeit hörte Christian immer wieder, wie Offiziere und andere Militärs über die denkwürdige und von Niederlage und vorauseilender Kapitulation geprägte Rede des Staatsministers diskutierten. Einige meinten, nach Staunings Worten müsse man daran zweifeln, ob Dänemark sich im Falle eines Angriffs überhaupt verteidigen wollte. Mitte Januar konnte man einiges von dem, was auf den Fluren besprochen wurde, in der Berlingske Tidende lesen. Zwar war die 'Kopenhagen-Zeitung' in Sønderborg verpönt, doch hatte Petersen über verschlungene Wege, auf die er nicht näher einging, die aktuelle Ausgabe besorgt.

Sie beschränkten sich auf den offenen Brief von Oberst Alf Giersing, Chef des Gardehusarregiments, der die Regierung offen kritisierte und Staunings Äußerungen als „Unsinn“ bezeichnete. Giersing gab dem Staatsminister und dem radikalen Außenminister P. Munch die Schuld dafür, dass Dänemark praktisch wehrlos war. Hätte man in den Dreißigerjahren eine „vorausschauende und mannhafte Politik“ betrieben, könnte Dänemark heute über eine effektive Verteidigung verfügen.

Sie beugten sich alle drei über die Zeilen und verschlangen die Worte förmlich. Dann richtete Petersen sich auf, ballte die Fäuste und sagte laut: „Genau meine Worte! Man hätte eine vorausschauende und mannhafte Politik führen müssen.“ Die beiden anderen konnten sich ihm nur anschließen.

Kurz darauf griff die Konservative Folkeparti die Kritik des Obersts auf und empfahl dem Regierungschef, eine Volksabstimmung über die Verteidigung Dänemarks „mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln“ durchzuführen. Die Meldung gab den Ausschlag darüber, für welche Partei Christian und die anderen bei der nächsten Wahl stimmen würden. Daran konnte auch Staunings Erklärung, er sei missverstanden worden und „selbstverständlich sollen alle Kräfte des Landes dafür eingesetzt werden, einen Angriff auf die Neutralität unseres Landes abzuwehren“, nichts ändern.

Im Laufe des Winters richtete sich der Fokus der Öffentlichkeit auf Finnland. Heute stand ein neuer Artikel in der Zeitung, und Christian und die beiden anderen saßen in ihrem Zimmer, bemüht, sich auf ihren Lernstoff zu konzentrieren, doch auf dem Tisch lag die Ausgabe und schrie geradezu nach Aufmerksamkeit. Es war tatsächlich nicht schwer, sich ablenken zu lassen, im Zimmer war es eiskalt, sie froren, obwohl sie ihre dicken Uniformmäntel trugen. Sie saßen über ihre Bücher gebeugt da, während ein leises Hintergrundgeräusch aus stetig stampfenden Füßen den Raum erfüllte, ein ebenso verzweifelter wie hoffnungsloser Versuch, Körperwärme zu speichern.

„Was schreiben sie denn? Hat einer von euch schon den Artikel gelesen?“ Aksels Fragen veranlassten seine Kameraden, den Kopf zu heben.

Beide hatten ihn gelesen, aber Petersen kam Christian zuvor: „Er bestätigt, was wir schon wussten. Seit der Winter in Finnland eingesetzt hat, laufen die Dinge für die Russen nicht mehr so reibungslos. Es ist der kälteste Winter seit Menschengedenken, und ihre Panzer sitzen in Eis und Schnee fest. Da sieht man mal, plötzlich haben die Finnen einen Vorteil, wo vorher alles komplett hoffnungslos aussah, aber jetzt haben sie eine reelle Chance.“

„Teufel auch, gut zu hören!“ Aksel schlug mit der Faust auf den Tisch.

In diesem Moment klopfte ihre Vermieterin an die Tür, es war wohl Zeit für den Abendkaffee. Vorsichtig schob sie die Tür auf und kam mit einem Tablett in den Händen herein. Wie gewöhnlich hatte sie reichlich Lippenstift aufgetragen und sich die Augenbrauen gezupft. Das Resultat war dramatisch und beinahe unfreiwillig komisch. Frau Jakobsen war und blieb eine eitle Witwe ohne jeden Inhalt in ihrem monotonen Dasein. Christian war überzeugt, dass die Vermietung des Studierzimmers und das Servieren des Abendkaffees die Hauptbeschäftigung in ihrem Leben war. Sie brezelte sich auf und tat alles, um die Aufmerksamkeit ihrer Mieter auf sich zu ziehen. Offensichtlich spielte ein Altersunterschied von dreißig, vielleicht vierzig Jahren aus ihrer Sicht keine nennenswerte Rolle. Sie hatten sich oft darüber amüsiert. Das Problem war nur, dass man sie kaum wieder loswurde, war sie einmal im Zimmer.

„Ah, da sitzen meine Jungens ja und sind wieder so fleißig“, flötete sie in irritierend hohem Ton.

Als sie das Klopfen hörten, hatten sich alle drei rasch wieder über ihre Bücher gebeugt und so getan, als seien sie in die Lektüre vertieft.

„Was steht denn heute auf dem Stundenplan?“, fragte sie. „Sind etwa bald Prüfungen?“

„Stellen Sie den Kaffee bitte einfach dorthin.“ Aksel zeigte auf die kleine Anrichte, auf der Frau Jakobsen das Tablett stets abstellte, nachdem sie hereingekommen war.

„Ah, endlich ein bisschen was, um sich aufzuwärmen“, sagte Petersen. „Ist es wirklich nicht möglich, etwas mehr zu heizen?“

„Aber Herr Petersen, seien Sie doch nicht so streng mit einer Dame. Stramme junge Männer wie sie haben doch nun wirklich andere Möglichkeiten ...“ Was für Möglichkeiten sie meinte, beließ Frau Jakobsen im Ungewissen, jedenfalls ging Christian davon aus, dass es in ihrem Zimmer kaum wärmer werden würde.

„Danke, Frau Jakobsen“, sagte Aksel kurz angebunden.

„Na denn ...“ Sie zog sich zur Tür zurück.

„Aber Herr Petersen, seien Sie doch nicht so streng ...“, sagte Aksel mit theatralischer Stimme, nachdem die Tür ins Schloss gefallen war, und sie lachten laut.

Beinahe gierig griffen sie nach den dampfenden Kaffeetassen, und Aksel sagte: „Also, was ist da los in Finnland? Die Russen sitzen in Eis und Schnee fest?“

„Ja, genau“, antwortete Petersen und blies auf seinen Kaffee. „Sie wurden vom Winter überrascht. Ich weiß, das klingt ziemlich albern, aber es sind wohl schon eine ganze Menge russischer Soldaten gefallen. Die Finnen kämpfen mit Todesverachtung, sie halten sich verdammt noch mal wacker, und es sieht gar nicht schlecht für sie aus, aber sie brauchen Hilfe.“

„Da kann man mal sehen, ein kleines Land kämpft um seine Eigenständigkeit, und es gelingt ihm tatsächlich, den Russen die Stirn zu bieten. Man sollte ihnen beispringen“, meinte Aksel und sah sie entschlossen an.

„Zuerst haben sie Schweden um Hilfe gebeten, dann aber auch Dänemark und Norwegen und andere Alliierte.“

Christian seufzte und trank nachdenklich von seinem Kaffee. „Ich stimme dir ja zu, man sollte ihnen zu Hilfe kommen“, er hielt kurz inne, „aber kann man als Südjüte in diesen Zeiten sein Land verlassen? Hitler wird immer unberechenbarer, marschiert er vielleicht plötzlich in Dänemark ein? Müssen wir dann nicht hier sein und Südjütland verteidigen? Ist das nicht unsere Pflicht?“

„Was gerade in Finnland passiert, erfordert entschlossenes Handeln, und zwar jetzt. Dass die Deutschen die Grenze überschreiten, ist hypothetisch“, entgegnete Petersen. „Wir sollten ihnen helfen und den Russen zeigen, was eine Harke ist – ich konnte die Kommunisten noch nie ausstehen.“

Christian rümpfte die Nase. „Und ich konnte die Nazis noch nie ausstehen.“

„Einer meiner Vetter ist auch beim Militär. Er hat sich entschieden, nach Finnland zu gehen, zusammen mit zwei Kameraden“, sagte Petersen und stellte seine Tasse auf den Tisch.

Aksel runzelte die Stirn. „Ich glaube, ich muss meine Meinung ändern. Christian hat recht. So, wie die Sache steht, müssen wir hierbleiben und unsere Heimat verteidigen, bis zum letzten Blutstropfen, wenn es sein muss. Die Deutschen können jederzeit hier auftauchen.“

Sønderborg, 8. April 1940

An einem der ersten richtigen Frühlingstage lag Christian in voller Montur in seiner Koje und war ausnahmsweise einmal froh darüber, dass Aksel nichts sagte. Sein Freund lag leise schnarchend in der Koje über ihm, und Christians Körper summte angenehm von der Anstrengung, die hinter ihm lag. Er vermochte kaum, den Arm zu heben, und bei dem Gedanken daran, gleich die Füße über die Kante schwingen und aufstehen zu müssen, bildeten sich tiefe Falten auf seiner Stirn. Zwei schmerzhafte Blasen hatten sich unter den Sohlen gebildet. Na ja, es war nicht das erste Mal und würde sicher auch nicht das letzte Mal sein.

Er schloss die Augen. Warum konnte er nicht schlafen, obwohl sich der seltene Luxus einer langen Mittagspause bot? Obendrein hatte er sich im Speisesaal zweimal Nachschlag geholt! Nach den Strapazen des Vormittags hatte er das unbedingt verdient, wie er fand, sie hatten sich vom Übungsplatz im Sønderskoven förmlich zur Kaserne geschleppt.

Der Kalender zeigte den achten April; nur noch wenige Tage bis zu seiner Ernennung zum Oberfeldwebel. Er musste sich ausruhen, versuchen, ein wenig zu schlafen, bevor der Befehl zum Antreten über den Flur gebrüllt wurde, aber in seinem Kopf kreisten die Gedanken wie kurze Filmaufnahmen, die ineinander übergingen. Abschied von den Kameraden. Ankunft in der Hauptstadt. Er spürte Unbehagen bei dem Gedanken daran, sich auf diesen Weg zu begeben. Er hatte keine Ahnung, was ihn erwartete. Wollte alles von sich wegschieben. Nicht zuletzt, weil ihm seit Kurzem immer wieder Zweifel kamen und seine Zuversicht zersetzten. Hatte er wirklich die richtige Entscheidung getroffen?

Lieber stellte er sich ein Familientreffen bei Oma vor. Alle würden da sein und über seine hervorragenden Prüfungsergebnisse und seinen neuen Dienstgrad staunen. Oberfeldwebel. Er würde ihnen erzählen, dass er vorhatte, die Offizierslaufbahn einzuschlagen, und Oma würde ihn mit ihren runden Augen ansehen und sagen ‚Jesus! Kedde, mein Lieber, wirst du denn nie fertig? Willst du es etwa zu etwas noch Vornehmeren bringen?‘ Alle würden so stolz auf ihn sein. Oma würde zu Nachbar Bjerre laufen und es ihm erzählen. ‚Haben Sie schon gehört, unser Kedde geht nach Kopenhagen, um etwas zu werden, das man Offizier nennt. Er macht eine Ausbildung auf Frederiksberg Slot und Kronborg, direkt bei der königlichen Familie.‘ Und Bjerre würde garantiert sagen: ‚Dewsen i 'et'‘, was man nur in Südjütland verstand und was soviel bedeutete wie ‚Hat man Töne‘. Bjerre sagte es immer, wenn ihn etwas überraschte oder beeindruckte.

Auf irgendeine Weise würde sicher auch Gerda davon hören. Natürlich konnte er auch einfach bei ihr vorbeischauen und es ihr selbst erzählen, ihr Mann hatte ihr ja wohl nicht verboten, sich mit alten Freunden zu unterhalten?

Lächelnd und mit geschlossenen Augen lag er da. Dachte daran, dass es sehr schade war, sich von Aksel und Petersen verabschieden zu müssen.

Dann drangen andere Geräusche in sein Bewusstsein. Es war nicht Aksels Schnarchen, nicht Poulsens Murmeln und erst recht nicht Oves Furzen. Auf dem Flur vor ihrer Tür gab es Unruhe, und es klang, als würde jeden Moment etwas passieren. Christian stützte sich auf den Ellbogen und lauschte, und einige der Kameraden taten es ihm nach, während sie sich müde mit der anderen Hand übers Gesicht fuhren. Allen war klar, dass es gleich mit ihrer Siesta vorbei sein würde.

William gähnte gerade ausgiebig, als auf der anderen Seite der Tür „Alarmbereitschaft!“ gebrüllt wurde. Alle hatten in voller Ausrüstung auf dem Flur anzutreten.

„Was zum Teufel soll das denn?“, fragte Gustav, der in der unteren Koje neben Christian lag. „Versuchen sie jetzt auch noch, witzig zu sein?“

Christian war bereits aufgestanden. „Beim Militär gibt’s keinen Humor.“ Unsanft rüttelte er Aksel aus dem Schlaf.

„Was soll das?“ Mürrisch starrte Aksel ihn an.

„Alarmbereitschaft“, sagte Christian nur und war im nächsten Augenblick bei seinem Spind.

„Das darf doch nicht wahr sein“, knurrte Aksel und kletterte aus seiner Koje.

Alle stolperten wild durcheinander in der Stube herum, aber nur wenige Minuten später standen sie in Stiefeln, Uniform, Mütze und mit vollem Gerödel in Reih' und Glied auf dem Flur. Vor ihnen stand der Kasernenkommandant und sah sie mit ernster Miene an. Es musste irgendetwas Außergewöhnliches vorgefallen sein, wenn der Herr Hauptmann die Meldungen über das vollzählige Antreten der Züge selbst entgegennahm. In militärischer Kürze informierte er sie darüber, die Alarmbereitschaft sei befohlen worden, weil man sechzig Kilometer südlich der Grenze eine starke deutsche Militäreinheit beobachtet habe, die in Richtung Dänemark vorrücke.

Er schloss mit dem Befehl, sich in Gruppen zu formieren und zusätzliche Ausrüstung in Empfang zu nehmen. Christian hob überrascht die Augenbrauen, als man ihnen scharfe Munition, Erste-Hilfe-Päckchen des Roten Kreuz' und Notverpflegung in Form von Konservendosen aushändigte. Äußerst ungewöhnlich. Den nachhaltigsten Eindruck aber hinterließ eine kleine Plakette aus Metall, in die sein Name und das Wort Dänemark eingraviert waren. Sie wurde um den Hals getragen und konnte in der Mitte entzwei gebrochen werden. Der Name stand auf beiden Hälften. Der Hauptmann rief ihnen die Instruktionen in Erinnerung, die sie schon früher einmal bekommen hatten: Fand man einen toten Kameraden, brach man die untere Hälfte der Plakette ab, nahm sie mit und übergab sie seinem Vorgesetzten.

Christian schauderte.

Danach wurde Wegtreten befohlen, sie hatten sich auf die Stuben zu begeben und weitere Befehle abzuwarten. Es war kaum zu fassen. Noch vor ein paar Minuten hatten sie in ihren Kojen gelegen und waren nur darauf aus gewesen, sich auszuruhen. Jetzt liefen einige zwischen den Kojen auf und ab, andere saßen auf den Matratzen, während alle möglichen Theorien quer durch den Raum gerufen wurden.

Aksel klang enthusiastisch, als er sagte: „Vielleicht können wir jetzt endlich losschlagen. Es wäre mir ein ausgesuchtes Vergnügen, den Deutschen ordentlich den Arsch zu versohlen!“

„Es geht doch nur um die angespannte Situation in Norwegen. Mit uns hat das Ganze überhaupt nichts zu tun“, stellte Petersen fest.

„Und warum marschieren die dann von Süden auf unsere Grenze zu?“, fragte ein anderer.

„Weil sie nach Norwegen wollen“, meinte ein Dritter.

„Aber warum tun wir nichts?“, fragte ein Vierter und stemmte die Hände in die Hüften. „Warum werden wir nicht an die Grenze geschickt, um den verfluchten Deutschen einen gebührenden Empfang zu bereiten?“

„Ich begreife es nicht.“ Poulsen schüttelte heftig den Kopf.

„Wer sagt eigentlich, dass das keine Übung ist?“, rief einer.

Wie seine Kameraden auch, überprüfte Christian sein Gewehr noch einmal besonders sorgfältig. Seine Gedanken wanderten an die Grenze, nach Kollund, zu seiner Familie, für die er nun nicht da sein konnte. Eine Übung? Nein, er glaubte nicht daran.

Der Nachmittag zog sich in die Länge. Rastlosigkeit herrschte auf der Stube, und ihre Diskussionen drehten sich weiter im Kreis und führten zu nichts als Vermutungen und Spekulationen. Einige malten sich das Schlimmste aus, andere glaubten an die Norwegen-Theorie und bagatellisierten das Ganze. Christian dachte an den morgigen Tag. War er das letzte Mal mit seinen Freunden zusammen? Würden sie nach Morgen noch am Leben sein? Würden Kollund, Sønderborg und andere dänische Städte bombardiert und ausgelöscht werden, so wie es in Polen geschehen war?

Ihm war klar, dass sich die anderen ähnliche Gedanken machten.

Ein Kamerad, den sie Stehaufmännchen nannten, sagte plötzlich: „Was, wenn Deutschland sich Nordschleswig einverleibt? Was, wenn wir auf einmal für die Deutschen kämpfen sollen?“

Als sie nach dem Abendessen zurück auf der Stube waren, hatte sich an der Situation nichts geändert. Die Frustration und die vielen unbeantworteten Fragen waberten durch den Raum wie Gespenster auf einem Spukschloss.

„Was zum Henker geht da vor? Ich hatte damit gerechnet, dass wir beim Abendessen wenigstens mal über die Lage informiert werden“, sagte Aksel im Berg'schen Tonfall und breitete hilflos die Arme aus. Er stand zwischen den Kojen mitten im Raum und sah vorsichtig formuliert unzufrieden aus.

„Anscheinend ist momentan niemand in der Lage, Entscheidungen zu treffen“, stellte Poulsen fest. „Vielleicht sollte man die Dinge selbst in die Hand nehmen. Sie müssen doch ein paar Leute an die Grenze schicken! Was denken die sich eigentlich?“

Einige lachten.

„Ja klar, Poulsen. Am besten marschierst du gleich mal beim Hauptmann auf und sagst ihm so richtig Bescheid“, höhnte Stehaufmännchen.

Poulsen sah ihn scharf an. „Das würde mir nicht das Geringste ausmachen. Sie bekommen es ja selbst nicht hin.“

Aksel plusterte sich auf. „Sag den Schlappschwänzen, dass wir den Deutschen die Seele aus dem Leib prügeln werden, bis sie auf dem Absatz kehrtmachen und wieder nach Hause gehen!“

„Wie wär's denn, wenn wir Kedde schicken? Er ist so gut wie Oberfeldwebel und sowieso der einzige von uns, den sie ernst nehmen“, meinte Stehaufmännchen, und alle sahen Christian an.

„Natürlich, ich klopfe mal eben bei den hohen Herren an die Tür und führe ein ernstes Gespräch mit ihnen, weil sie offenbar nicht in der Lage sind, Entscheidungen zu treffen“, antwortete Christian und schnitt eine Grimasse.

Er hatte kaum ausgesprochen und seine Kameraden lachten lauthals, als plötzlich ein Offizier in der Tür stand.

„Zehn Uhr, Bettruhe in Uniform.“

Nachdem der Offizier ihre Stube verlassen hatte, murmelte Stehaufmännchen: „Was zur Hölle denken die sich bloß dabei?“ Einige lachten leise ein nervöses Lachen. Wieder schienen Geister durch den Raum zu schweben. Es beschlich sie ein Gefühl, als hätten die Deutschen die Kaserne bereits umstellt. Nachdem sie alle noch einmal die scharf geladenen Gewehre überprüft und neben den Kojen abgestellt hatten, legten sie sich in voller Uniform auf die Matratzen, um zu schlafen.

„Vielleicht ist es ja doch nur eine Übung“, flüsterte irgendjemand, nachdem das Licht ausgegangen war.

Christian bekam nicht viel Schlaf. Um halb fünf wurden er und seine Kameraden von demselben Offizier geweckt, der auch schon die Meldung über den Grenzübertritt der deutschen Truppen gemacht hatte. Die dänischen Streitkräfte hatten den Kampf aufgenommen, und ihre Kompanie sollte den Einheiten bei Søgård zu Hilfe eilen.

Da sie in Uniform geschlafen hatten, dauerte es nur wenige Minuten, bis alle angetreten waren.

„Als Erstes werden Sie nach unten in den Speisesaal gehen und das Frühstück einnehmen“, fuhr der Vorgesetzte fort.

Christian und die anderen sahen sich verdutzt an. Frühstück?

„Ich dachte, wir hätten es eilig“, stieß Petersen auf dem Weg in den Speisesaal zwischen den Zähnen hervor.

Im Speisesaal erhielten sie den Befehl, ein Verpflegungspaket für die bevorstehende Fahrt in Empfang zu nehmen. Christian wunderte sich einmal mehr, und überall an den Tischen wurde geflüstert und getuschelt. Die Soldaten warfen sich vielsagende Blicke zu.

Während sie aßen, hörten sie Busse draußen auf dem Kasernenhof vorfahren, und Aksel sagte in bester Berg-Manier: „Ohne Mampf kein Kampf … Die in Søgård müssen eben noch ein bisschen durchhalten.“

Dann standen endlich alle vierhundert Mann in voller Ausrüstung draußen auf dem Kasernenhof und brannten darauf, nach Søgård zu kommen und endlich etwas auszurichten, einen Unterschied zu machen; ihren Kameraden zu Hilfe zu kommen und den Feind zurückzudrängen. Christian atmete tief durch. Für das hier war er ausgebildet, er war bereit.

Es war immer noch dunkel. Wie eine endlose Kette aus Schatten standen sie auf dem Hof, der von wenigen Lampen schwach beleuchtet wurde. Der Schotter knirschte unter ihren Stiefeln. Sechs Busse standen bereit, und sie warteten auf den Befehl zum Einsteigen. Die Anspannung war förmlich mit Händen zu greifen. Christian fühlte sich als Teil von etwas Größerem. Er versuchte sich einzureden, die Unruhe, die ihn ergriffen hatte, werde sich schon wieder verflüchtigen, sobald alle im Bus saßen.

Dann brüllte jemand „Luftangriff, Deckung suchen!“ Einen Augenblick lang glaubte er, sich verhört zu haben, aber dann wurde der Befehl noch einmal gerufen, und der Motorenlärm eines Flugzeugs war zu hören.

Christian schlug das Herz bis zum Hals, seine Hände wurden feucht. Sie hatten den Befehl während der Übungen unzählige Male erhalten, aber was tat man, wenn vierhundert Mann in ein und demselben Augenblick Deckung suchen sollten? Wenn sie mitten auf einem offenen Platz standen? Panik packte ihn. Sie konnten unmöglich alle entlang der Kasernenmauer in Deckung gehen, sie waren viel zu viele, und nur Wenige würden die Türen zu den Schutzräumen erreichen. Was sollte er tun?

Er war gefangen zwischen all den anderen, die wild durcheinander rannten auf der Suche nach der Deckung, die nicht zu finden war. Hörte das Flugzeug näher kommen. Sah die große Maschine, die wie ein gewaltiger, Unheil verkündender Drache am dunklen Himmel auftauchte und dicht über ihren Köpfen dahinglitt. Gleich würden die Bomben fallen, riesige glühende Kugeln, die mit großer Geschwindigkeit zur Erde fielen, so stellte er es sich jedenfalls vor. Sie würden die ganze Kaserne auslöschen.

Dann verschwand das Flugzeug, wurde zu einem dunklen Brummen über dem nachtschlafenden Sønderborg. Christian lauschte, wartete darauf, dass es zurückkam.

„Ein Aufklärer“, stellte sein Nebenmann fest und atmete erleichtert auf. Christian war zu dem selbem Schluss gekommen.

Die Lage hatte sich geändert. Der Marschbefehl wurde aufgehoben und sie erhielten die Order, zu bleiben und Als zu verteidigen. Dänische Truppen befanden sich auf der Hauptstraße auf dem Rückzug Richtung Norden und würden bald bei Åbenrå stehen.

Die einzelnen Züge bekamen weitere Befehle. Einer sollte zum Frydendal Kro vorrücken und dort Stellung beziehen, ein anderer die Brücke über den Alssund verteidigen. Christians Zug wurde auf den Sportplatz zwischen der Kaserne und dem Krankenhaus beordert. Auf dem Weg dorthin passierten sie einige schlaftrunkene Leute, die vom Lärm der Maschine geweckt worden waren und jetzt auf den Bürgersteigen standen, den Blick zum Himmel gewandt, und mit den Nachbarn sprachen. Auch in den Fenstern der Häuser waren Menschen zu sehen. Christian tauschte einen Blick mit Petersen aus und meinte, die gleiche Gereiztheit zu erkennen, die auch von ihm Besitz ergriffen hatte. Einen Sportplatz zu verteidigen stimmte ganz und gar nicht mit ihrer Vorstellung davon überein, für ihr Land zu kämpfen.

Der Sportplatz war eine große, ebene Wiese mit einem Fußballtor auf beiden Seiten, eine offene Fläche. Was sollen wir hier? fragte Christian sich. Er folgte seiner Gruppe, die an dem umlaufenden Zaun Stellung bezog. Die Gewehre im Anschlag, lagen sie auf dem Boden und rührten sich nicht. Allmählich ging die Sonne auf, und aus dem Grau der Dämmerung wurde heller Tag. Alles veränderte sich. Das Gras wurde grün, und Flugzeuge würden sehr viel früher zu sehen sein.

Christian konzentrierte sich, aber erst einmal geschah nichts. Dann hörten sie plötzlich wieder das Brummen von Rotoren, einen Moment später tauchte die Maschine auf und flog dicht über die Kaserne hinweg. Ihr Zugführer schrie: „Feuer!“

Sie mussten getroffen haben, es waren so viele Schüsse gefallen. Christian und seine Kameraden rissen die Augen auf, mussten aber enttäuscht zusehen, wie das deutsche Flugzeug mit dem Hakenkreuz am Heck und dem schwarzen Kreuz am Rumpf unbeeindruckt von ihren Salven wieder verschwand.

Christian schauderte.

„Ich glaube, die Reichweite der Maschinengewehre ist zu klein“, sagte der Kamerad neben ihm.

Weitere Flugzeuge zogen hoch über ihren Köpfen dunkel brummend vorüber. Wie ein Schwarm riesiger Insekten, bedrohlich und eine finstere Zukunft prophezeiend.

„Verdammt, verdammt, verdammt ...“, murmelte sein Nebenmann.

Christian hatte eine Erwiderung auf der Zunge, aber dann hörte er plötzlich einen neuen Befehl: „Kampfhandlungen einstellen! Kampfhandlungen einstellen!“

Sie sahen sich an. Fragende Mienen. Zogen die Brauen zusammen und formten jeder ein lautloses „WAS?“ mit den Lippen. Sie hatten noch keinen einzigen deutschen Soldaten zu sehen bekommen, aber die Flugzeuge auf dem Weg nach Norden sprachen eine deutliche Sprache.

Christian fühlte Wut in sich aufsteigen. Die Anspannung der letzten Stunden hatte sich aufgestaut, und jetzt sollten sie zurück zur Kaserne marschieren, einfach so. Er konnte es nicht fassen. Funktionierte so etwa die dänische Verteidigung? Die Verteidigung, der er blind vertraut hatte und von der er ein Teil sein wollte, unbedingt? Die Gedanken an die Familie zu Hause, die stolz auf ihn sein würde, verblassten. Hier gab es nicht das Geringste, worauf irgendjemand stolz sein konnte!

Er atmete tief durch und riss sich zusammen. Er musste professionell sein. So wie er es immer war. Dann entdeckte er ihren Zugführer, der den Helm abnahm und auf die Erde schleuderte, dass kleine Steinchen und Erde nach allen Seiten spritzten. Genauso fühlte er sich gerade auch.

Zögernd und mit hängenden Köpfen machten sich die Soldaten auf den Weg zurück zur Kaserne. Die mühsam unterdrückte Wut drohte, beim kleinsten Anlass auszubrechen, und Christian wusste auch ohne jedes Wort, wie es Aksel und Petersen ging.

Auf den Bürgersteigen standen immer noch zahlreiche Leute herum, darunter viele Heimatdeutsche. Einige hielten Blumensträuße in den Händen, um den Feind willkommen zu heißen, und warfen den dänischen Soldaten verächtliche Blicke zu. Was zum Teufel dachten sie sich eigentlich? Glaubten sie wirklich, dieser Teil Dänemarks würde wieder deutsch werden?

Vereinzelte „Heil Hitler“-Rufe waren zu hören, und Arme wurden zum Hitlergruß ausgestreckt. „Was für Idioten“, sagte Petersen, der offenbar Gedanken lesen konnte.

„Man würde ihnen gerne mal ein paar Takte sagen“, meinte Christian nur und bemühte sich, seine Wut unter Kontrolle zu halten. Wenig später spürte er, wie der Drang, etwas zu tun, zu handeln, langsam abflaute. Was hätte es schon nützen können? Die Situation in Sønderborg war, wie sie nun einmal war. Wie es wohl um die anderen Städte in Südjütland stand? Er wollte es lieber gar nicht wissen.

Aber auch andere sahen mit finsterer Miene zu ihm und seinem Zug herüber, empört über die Passivität des Militärs. Höhnische Zurufe waren zu hören. Er versuchte, sie zu ignorieren.

Was machte die Familie in Kollund jetzt? Standen sie auch vor ihrem Haus und redeten flüsternd mit den Nachbarn? Lasen sie die Flugblätter, die massenweise aus den deutschen Flugzeugen abgeworfen worden waren? Früh am Morgen hatte es geradezu Flugblätter geregnet, und jetzt lagen sie überall herum und wurden vom Wind aufgewirbelt und hierhin und dorthin geweht. Schon draußen am Sportplatz hatte Christian sich ein Exemplar in die Tasche gesteckt. Er hatte es später lesen wollen, aber jetzt brannte er darauf zu erfahren, was dort stand. Was schrieben die Deutschen? Er musste es wissen und wünschte sich gleichzeitig, nie auch nur ein Wort davon zu erfahren.

Die Überschrift wirkte beinahe schon komisch, und die dänische Rechtschreibung schien den Deutschen auch nicht besonders zu liegen: „AUFRUF! Ohne Grund und gegen den Willen der deutschen Regierung und des deutschen Volkes, in Frieden zu leben ...“

„Ihr könnt mich mal“, hatte er gedacht. Es schien schon wieder lange her zu sein.

Zurück in der Kaserne, teilte sein Zug sich in mehrere kleine Gruppen auf. Einige berichteten, die Turmwache habe den ganzen Morgen über unverdrossen „Fluglärm aus Süd … Fluglärm aus West“ gerufen, bis ein Offizier gekommen war und ihm befohlen hatte, endlich den Mund zu halten.

Wie immer ließ Aksel seine Kontakte spielen. Er wusste zu berichten, dass Generalleutnant Prior schon am 6. April um die Erlaubnis zur Mobilmachung und zur Einberufung der Reservisten ersucht hatte. In den Tagen danach hatte er erneut empfohlen, die Reservisten einzuberufen und Verteidigungsstellungen an strategisch wichtigen Punkten zu errichten. Der Verteidigungsminister hatte jedes Mal abgelehnt.

„Mit der Begründung, dass die Deutschen keinesfalls provoziert werden dürfen. Mein Gott noch mal“, beschloss er seinen kurzen Vortrag.

„Verflucht, wir könnten die Deutschen ruckzuck aus dem Land jagen – man muss uns nur lassen“, meinte Gustav, der in der Koje gegenüber der von Christian zu Hause war.

Andere Kameraden gesellten sich zu ihnen. Alle waren aufgebracht wegen der Entwicklung, die sich abzeichnete. Ihre Wut richtete sich nicht mehr gegen den Kasernenkommandanten, sondern zielte auf den Verteidigungsminister. Was für ein Idiot! Typisch, dass ein Mann, der oberster Befehlshaber des Militärs war, keine Ahnung davon hatte, wie man ernste Situationen wie diese anpacken musste.

„Erst heißt es, die dänischen Soldaten werden aktiv in Kampfhandlungen eingreifen, dann dürfen wir uns nicht mal auf Kampfhandlungen vorbereiten. Was ist das für eine Doppelmoral?“, fragte einer der Kameraden.

Während sie miteinander redeten, überquerten beinahe pausenlos deutsche Flugzeuge die Kaserne und flogen nach Norden.

Das Schlimmste war nicht, dass sie nicht wussten, was vor sich ging. Nicht zu wissen, wo das alles hinführen würde. Vermutlich dachten die anderen genauso sehr an ihre Familien und Liebsten wie Christian es tat. Waren sie in Gefahr? Konnte ihnen etwas zustoßen?

Christian fiel das Flugblatt wieder ein, das er am Sportplatz aufgehoben und mitgenommen hatte. Er nahm es aus der Tasche, und sofort richtete sich die Aufmerksamkeit aller auf das Stück Papier.

„Mit freundlichen Grüßen von den Deutschen“, knurrte Gustav.

Angestachelt von der Stimmung las Christian mit ironischer und verfremdeter Theaterstimme: „AUFRUF! An die dänischen Soldaten und das dänische Volk! Ohne Grund und gegen den aufrichtigen Wunsch der deutschen Regierung und des deutschen Volkes, in Frieden zu leben und in Freundschaft mit dem englischen Volk und dem französischen Volk, haben die Machthaber in England und Frankreich im letzten September Deutschland den Krieg erklärt ...“

Der Text war zu lang, um ihn komplett vorzulesen, wie er einsehen musste. Unterzeichnet war das Flugblatt mit 'Der deutsche Kommandeur', und schon nach den ersten Worten brach die Gruppe um ihn herum in höhnisches Gelächter aus.

Mit seiner Ausbilder-Berg-Karikaturstimme fragte Aksel „Nennen sie das etwa Dänisch?“, und wieder lachten alle.

Das Stück Papier machte die Runde, jeder von ihnen las es durch und als Christian es zurückbekam, las er den Text auch noch einmal von Anfang bis Ende. Die letzten Zeilen lauteten: „Das Volk wird aufgefordert, mit der täglichen Arbeit fortzufahren und für Ruhe und Ordnung zu sorgen! Für die Sicherheit des Landes sorgt von jetzt ab das deutsche Heer und die Flotte.“

Der Tag verging quälend langsam. Die Atmosphäre in der Kaserne war geprägt von unverbrauchter Energie, die nach einem Ventil suchte, um sich zu entladen. Christian war völlig desillusioniert und niedergeschlagen. Was nützt mir jetzt mein 'sonniges Gemüt', von dem du immer sprichst, liebe Oma?, dachte er. Kann ich jemals wieder glücklich werden nach dem, was heute passiert ist? Nicht, bevor die verfluchten Deutschen unser Land verlassen haben!

Pausenlos gab es neue Gerüchte, und niemand wusste, woher sie kamen oder was man auf das geben konnte, was erzählt wurde.

„Es heißt, die Garde-Husaren hätten sich geweigert, sich zu ergeben und kämpfen jetzt in den Waldgebieten in Nordseeland gegen die Deutschen“, berichtete einer. „Ich habe eben noch gehört, das ganze Regiment sei nach Schweden geflohen“, erwiderte ein anderer.

„Vorhin sagte jemand, die Deutschen seien bei Kopenhagen an Land gegangen und hätten das Hauptquartier im Kastellet besetzt.“

„Das darf doch nicht wahr sein!“ Erschrocken sahen sie sich an.

„So ist es aber wohl. Es wird keinerlei Widerstand geleistet, und jetzt marschieren sie durch die Stadt nach Amalienborg.“

Christians Puls beschleunigte. Wo im Land waren die Deutschen noch eingefallen? Sie hatten kaum Zeit, die Nachricht zu verdauen, als schon wieder ein neuer Bote zu ihrer Gruppe stieß und behauptete, auf Fünen habe man einige Streitkräfte zusammengezogen, die sich jetzt in den südfünischen Alpen, wo das Gelände günstig war, um Verteidigungsstellungen aufzubauen, verschanzen und gegen die Deutschen kämpfen sollten.

Etwas später tauchte Petersen auf, der bei einigen anderen Gruppen Erkundigungen eingeholt hatte. Atemlos berichtete er: „Man sagt, heute Morgen sei es bei Sønderbro in Haderslev zu Gefechten gekommen. Die Deutschen sind mit Panzern vorgerückt, unsere Leute hatten nur ein Geschütz. Sie haben tapfer gekämpft, aber der Feind war überlegen, und als das Geschütz getroffen und zerstört wurde, mussten sie das Feuer einstellen. Die Rede ist von drei Toten und vier Verletzten. Und bei der Besetzung der Kaserne in Haderslev hat es wohl auch einen Toten gegeben.“ Blicke wurden gewechselt. Tote. In der Nähe von Haderslev.

Das Gefühl der Machtlosigkeit wurde noch stärker, und es war sinnlos, immer wieder dieselben Fragen zu stellen: „Warum tun wir nichts? Warum leisten wir keinen Widerstand?“

Mit hängenden Schultern zogen sie sich auf ihre Stuben zurück und schlossen die Fenster. Dennoch drang der Lärm der Flugzeuge, die dröhnend dicht über den Dächern der Häuser vorbeizogen, zu ihnen durch.

Gegen Ende des Tages tauchte ein neues Flugblatt auf. Darauf war zu lesen:

„Deutsche Truppen haben in der vergangenen Nacht die dänische Grenze überschritten und sind an mehreren Orten des Reiches an Land gegangen. Die dänische Regierung hat unter Protest beschlossen, unser Land den Erfordernissen der Besatzung anzupassen. In diesem Zusammenhang wird Folgendes bekannt gegeben:

Die deutschen Truppen, die sich zurzeit im Land befinden, nehmen Kontakt mit den dänischen Streitkräften auf. Die Bevölkerung ist verpflichtet, jeden Widerstand gegen diese Truppen zu unterlassen. Ziel der Regierung ist es, das dänische Volk und unser Land vor Kriegshandlungen und den damit verbundenen Zerstörungen und Opfern zu schützen. Daher wird die Bevölkerung zu Ruhe und Besonnenheit hinsichtlich der zurzeit gegebenen Verhältnisse aufgerufen.

Ruhe und Ordnung im Land müssen aufrecht erhalten werden, und Loyalität ist Bürgerpflicht gegenüber allen, die ein Amt auszuüben haben.“


Kopenhagen, 9. April 1940

Chr. R./Th. Stauning.

Christian kniff die Augen zusammen und runzelte verwundert die Stirn. Er musste den Text noch einmal lesen, langsamer diesmal. War das wirklich die Botschaft des Königs und der Regierung? Er konnte es nicht fassen.

„Ruhe und Besonnenheit hinsichtlich der zurzeit gegebenen Verhältnisse“, fauchte Aksel. „Was zum Teufel ist das bloß für eine Regierung?“

„Jeden Widerstand unterlassen … Loyalität ist Bürgerpflicht. Du lieber Himmel, das ist wahrhaftig zu viel!“ Petersens Augen funkelten. „Der erste, den man erschießen sollte, ist dieser verdammte Staatsminister. Was für ein Feigling!“

„Mir dreht sich der Magen um, wenn ich nur daran denke, dass Sønderborg von Deutschen überschwemmt wird“, sagte Christian, „die von den Heimatdeutschen auch noch mit einem freundlichen 'Heil Hitler? begrüßt werden.“

Die Gruppe löste sich auf.

Die Sonne ging unter, und Christian dachte, dass es der sonderbarste und schlechteste Tag gewesen war, den er in seinem vierundzwanzigjährigen Leben durchgemacht hatte. Sie hatten zusehen müssen, wie Kolonnen deutscher Militärfahrzeuge in die Stadt gerollt waren. Im Laufe des Tages hatten sie jede Menge deutscher Soldaten gesehen. Jetzt saß er alleine mit Aksel und Petersen in ihrem Studierzimmer und sprach aus, was ihm schon lange im Kopf herumging: „Irgendetwas müssen wir tun.“

„Du sagst es. Die Deutschen können nicht einfach hier einmarschieren und wir legen die Hände in den Schoß … Wir könnten ihnen wenigstens Schwierigkeiten machen“, sagte Petersen.

Sowohl Christian als auch Aksel sahen ihn an. Nach einer Weile sagte Aksel nachdenklich: „Und was stellst du dir da so vor?“

„Mal sehen. Es muss doch möglich sein, den Deutschen das Leben schwer zu machen. Erst mal müsste man sich natürlich von allem fernhalten, was nach Nazis oder Heimatdeutschen aussieht, nicht bei ihnen einkaufen. Bei keinem, der mit den Deutschen Geschäfte macht. So was eben.“

Die beiden anderen stimmten ihm zu, meinten aber, das sei ja wohl eine Selbstverständlichkeit. Bei den Heimatdeutschen kaufte man nichts, das hatte Christian schon von Kindesbeinen an gelernt.

„Man könnte zum Beispiel die Reifen ihrer Autos zerstechen. Nur für den Anfang“, meinte Aksel, und dann lachten sie zum ersten Mal an diesem Tag.

Sønderborg, 10. April 1940

„Geht es dir gut, Kedde?“ Onkel Jes Stimme drang ängstlich durch den Telefonhörer in sein Ohr.

„Ja, ausgezeichnet, danke.“ Er stand draußen auf dem Gang und fühlte eine seltsame Beklemmung dabei, in das Telefon zu sprechen. Jes und Alma hatten sich vor Kurzem einen Apparat angeschafft, wegen des Ladens. Es war neu und ungewohnt, auf diese Art zu kommunizieren.

„Wir waren gestern sehr besorgt wegen dir. Man hört so viele Gerüchte.“

Er lächelte, stellte sich vor, wie Jes zu Oma gegangen war und sie beruhigt hatte. Und mit Tidde hatten sie ganz sicher auch gesprochen.

„Ich habe auch an euch gedacht.“

„Als wir hörten, dass es bei Søgaard zu Gefechten gekommen sei, war Alma ganz außer sich.“ Jes atmete tief durch.

„Hier war alles ruhig.“

„In Kollund sind gestern den lieben langen Tag deutsche Soldaten durch die Stadt marschiert, und heute kommen immer noch welche.“

„Ja.“

„Hast du schon gehört, dass die Regierung Verbote gegen Preissteigerungen erlassen hat? Und Lebensmittel bunkern darf man auch nicht, man darf nur für drei Tage einkaufen.“

Nein, das hatte er noch nicht gehört.

„Willst du immer noch nach Kopenhagen? Ich meine, mitten in all dem hier?“

„Ja, ich fahre in ein paar Tagen.“

Die Dame in der Vermittlung schaltete sich ein. „Es sind drei Minuten um. Wünschen Sie fortzufahren?“

Ich hätte ruhig etwas redseliger sein können, dachte er, nachdem er aufgelegt hatte. Hätte mehr erzählen können. Aber was? Er schämte sich dafür, beim Militär zu sein. Für die Passivität, dafür, dass sie einfach nichts taten. Darüber würden die Leute in Kollund sicher reden. Sie mussten sich doch wundern. Vielleicht waren sie regelrecht aufgebracht?

Telefonate waren sehr teuer. Nächstes Mal würde er darauf achten, dass keine Pausen entstanden. Das versprach er sich. Und er würde ihnen schreiben, ihnen allen. Letzte Woche war er nicht dazu gekommen, einen Brief zu schreiben.

Es war ihr letzter Abend im Studierzimmer. Sie waren alle drei zu Oberfeldwebeln ernannt worden und hatten ihre Pläne. Christians Prüfungsergebnisse waren ausgezeichnet, und im Gegensatz zu seinen beiden Freunden wollte er nach Kopenhagen gehen und die Ausbildung zum Offizier absolvieren. Die Entscheidung war so klar gewesen, es schien so richtig zu sein, aber jetzt hatte er dieses Ziehen im Magen. Er war sich nicht mehr sicher.

Ein sonderbares Gefühl beschlich ihn, als er durch die verdunkelten Straßen zu Frau Jakobsens Haus ging. Diesmal stand kein Lernstoff auf dem Plan, sie wollten sich nur noch ein letztes Mal dort treffen, wo sie so manche Stunde in Gesellschaft ihrer Bücher verbracht hatten. Sie hätten sich ohnehin nicht konzentrieren können. Die Tatsache, dass ihr Land besetzt war, nahm viel zu viel Platz in ihrem Bewusstsein ein. Es kursierten so viele Gerüchte, die sie diskutieren, so viel Hörensagen, über das sie sprechen mussten.

Die Temperaturen waren sehr mild für die Jahreszeit. Sie hatten ihre Mäntel übergezogen und die Terrasse in Beschlag genommen, die Frau Jakobsen ihnen angeboten hatte. Wenn sie hier saßen, konnte sie im Wohnzimmer Platz nehmen und bekam alles mit, was draußen vor sich ging. Christian mochte es dennoch, hier zu sitzen. Er ließ den Blick über die vielen Blumen im Garten schweifen, Winterlinge und Schneeglöckchen hatten bereits Gesellschaft von Gelben Narzissen und Tulpen bekommen, und bald würde alles in grünen Farben explodieren.

„Und? Wart ihr schon auf der Bank und habt alles abgehoben?“, fragte Aksel.

„Bei mir gibt es nichts abzuheben“, sagte Christian.

„Was man so hört, standen die Leute gestern vor der Sparkasse Schlange, um sich ihr Geld auszahlen zu lassen.“

„Wen wundert's?“, meinte Petersen.

Eine Weile saßen sie schweigend und rauchend im Halbdunkel und lauschten dem Rascheln eines Igels in der Hecke. Dann räusperte Petersen sich und sagte:

„Habt ihr die Geschichte von Dybøl Banke gehört, dem Hotel?“

Das hatten sie nicht.

„Ich bin mit Hans in eine Klasse gegangen, seinen Eltern gehört das Hotel. Er hat mir erzählt, ein deutscher Hauptmann sei mitsamt seiner Einheit im Hotel aufgetaucht und habe sofortige Unterbringung verlangt. Aber Hans' Vater hat ihn in seinem besten Deutsch darauf aufmerksam gemacht, sie seien unerwünscht. Ha ha! Was sagt ihr dazu? Unerwünscht!“

Sie lachten, und Christian bemerkte einen Schatten hinter der Gardine. Frau Jakobsen.

„Der Hauptmann wurde so wütend, dass er seine Pistole zog, aber dann besann er sich und begnügte sich damit, Hans' Vater jede Menge üble Beschimpfungen an den Kopf zu werfen. Aber der Alte blieb stur und bestand sogar auf einer Entschuldigung. Und hat sie ein paar Tage später tatsächlich bekommen!“

„Das nenne ich mal Mut“, sagte Christian.

„Wenn die Regierung und der König einfach nur kuschen, müssen aufrechte Dänen die Sache eben selbst in die Hand nehmen“, meinte Aksel.

„Tja, wir tun ja nichts“, sagte Christian und seufzte.

Petersen senkte die Stimme: „Können wir als Nation damit leben, dass eine fremde Macht unser Land besetzt und wir uns nicht zur Wehr setzen?“ Diese Frage hatten sie schon des Öfteren diskutiert, aber jetzt stand sie erneut im Raum. Nicht zuletzt, weil sie einfach nicht begreifen konnten, wie es dazu hatte kommen können.

„Geht es nur mir so, dass ich fast einen Herzinfarkt bekomme, wenn ich sehe, wie überall in Sønderborg deutsche Soldaten herumlaufen, als würde ihnen die Stadt gehören? Ich könnte kotzen, wenn sie im Stechschritt durch die Straßen marschieren, die Leute anpöbeln oder ihre beschissenen Lieder singen.“ Christian spuckte aus, um seine Worte zu unterstreichen.

„Grashüpfer“, zischte Aksel. Den Spitznamen hatten die Deutschen ihren grünen Uniformen zu verdanken.

„Ich werde ganz krank, wenn ich ihre Kolonnen aus Lastwagen mit Geschützen hinten dran sehe.“ Christians Herz hämmerte. Er war selbst überrascht, wie aufgebracht er war. Wäre die ganze Angelegenheit nicht so ernst gewesen, hätte man darüber lachen können, wie sie mit ihren verkniffenen Mienen in die zunehmende Dunkelheit starrten.

„Bei kleinsten Vorfällen in den Straßen greifen sie sofort ein. Als wären sie die Polizei. Fressen den Leuten alles weg und führen sich auf wie Herrenmenschen. Sagen den Politikern und den Leuten, was sie dürfen und was sie nicht dürfen.“ Aksel hatte sich in Rage geredet, und seine Stimme war lauter und lauter geworden. „Habt ihr nicht auch manchmal Lust, euch den erstbesten Deutschen zu greifen, am Kragen zu packen, bis seine Füße in der Luft zappeln und ihm in seine hässliche Fratze zu schreien ,Mach, dass du nach Hause kommst, wir können dich und deinesgleichen hier nicht gebrauchen!??“

Christian musste lächeln. „Du sprichst mir aus der Seele.“

„Vielleicht müssen wir diese unausstehlichen, großmäuligen Deutschen im Moment einfach ertragen, wenn sie auf ihren Motorrädern und mit ihren Pistolen und Gewehren durch die Stadt patrouillieren, aber es wird die Zeit kommen ...“ Aksel ballte die Fäuste.

„Sie sind überall in Westeuropa auf dem Vormarsch, was sie nur noch unerträglicher macht“, sagte Petersen und zündete sich eine neue Zigarette an. „Aber wir können uns doch nicht einfach damit abfinden! Wir müssen kämpfen bis zu dem Tag, an dem die Deutschen raus sind aus unserem Land. Bis wir wieder frei sind!“ Die letzten Worte rief er aus, als stehe er an einem Rednerpult und spreche zu einer größeren Versammlung. Hinter ihrer Gardine hörte Frau Jakobsen alles, was sie sagten, aber das war ihnen in diesem Augenblick gleichgültig.

Aksel nickte sogar in Richtung des Fensters hinter ihnen, als wolle er sagen: ,Oder was meinen Sie dazu, Frau Jakobsen??, bevor er das Wort ergriff. „Wie Kedde ja neulich schon gesagt hat, könnten wir den Deutschen das Leben schwer machen … aus dem Untergrund heraus.“

„Das könnten wir, wenn wir uns nicht morgen voneinander verabschieden würden“, sagte Christian und bemühte sich, die Wehmut zu verbergen, die ihn bei dem Gedanken daran überkam. Schon bald würde er alleine in Kopenhagen sein und wieder von vorne anfangen müssen. Ob er Aksel und Petersen überhaupt wiedersehen würde? Er versuchte, den Gedanken beiseite zu schieben. Momentan würde er lieber in Südjütland bleiben und den Kampf aufnehmen.

„Hast du deine Entscheidung überdacht, Kedde? Du verlässt dein geliebtes Südjütland, und das in diesen Zeiten? Du verlässt uns?“ Petersen sah ihn mit aufgesetzt anklagendem Gesichtsausdruck an.

„Das kannst du mir ja wohl nicht verdenken. Ich brauche eine Luftveränderung. Ich muss hier weg, weg von diesen unerträglichen Heimatdeutschen. Die ist man in Kopenhagen immerhin los.“ Demonstrativ hob er das Kinn.

„Du könntest bleiben und versuchen, die Dinge zu verändern – anstatt einfach wegzulaufen“, hielt Petersen dagegen.

„Morgen ist es Zeit, Abschied zu nehmen“, sagte Christian und hob abwehrend die Hände. „Du weißt genau, dass es zu spät ist, daran etwas zu ändern – belassen wir es für heute dabei.“

Den letzten Abend verbrachten sie in dem alten, gemütlichen Wirtshaus Christian IV, das im Volksmund nur ’Kedde der Vierte’ genannt wurde. Die Gaststube war bereits gut besucht, und viele der Gäste kannten sie. Sie bestellten eine Runde Bier und setzten sich an einen freien Tisch.

„Zum Teufel, Kedde, man könnte dich glatt vermissen“, sagte Aksel mit beinahe feierlicher Stimme, bevor er das Glas hob und sie anstießen.

„Prost, Kedde, und viel Glück!“, schaltete Petersen sich ein. „Hätten wir dich nicht gefragt, ob du dich an unserem kleinen Studierzimmer beteiligen willst, hättest du es niemals geschafft.“

Sie lachten.

Als sie das erste Glas geleert hatten, gab Christian die zweite Runde aus.

„Pass bloß auf, bevor du dich umsiehst, bist du einer von diesen hochnäsigen Kopenhagenern geworden“, meinte Aksel und prostete ihnen zu.

„Ich verspreche, dass ich immer Südjüte bleiben werde, auch wenn sie mich einen Bauerntrampel nennen“, sagte Christian, und wieder lachten sie.

„In Kopenhagen wimmelt es nur so von Deutschen“, stellte Petersen mit einem so markanten Seufzen fest, dass sie ein Lachen nicht zurückhalten konnten.

„Wollt ihr eine Geschichte über unsere dreckige Besatzungsmacht hören?“, fragte Aksel. „Ich verspreche euch, dass ihr sie noch nicht kennt, sie ist nämlich ganz frisch.“

„Lass hören, ausnahmsweise glauben wir dir mal“, sagte Christian und blinzelte Petersen zu.

„Tut mir leid, aber es ist keine besonders gute Geschichte, man kann sich eigentlich nur darüber aufregen.“ Aksel hob entschuldigend die Hände.

„Das fängt ja gut an“, sagte Christian, konnte aber ein Lächeln nicht unterdrücken. „Wenn es wenigstens die Deutschen sind, über die man sich aufregen muss, können wir damit leben.“

„Mein Onkel ist Journalist in Aabenraa, und vor ein paar Tagen hielt der Chef des deutschen Pressedienstes – fragt mich nicht, wie er heißt ...“

„Tut ja nichts zur Sache“, unterbrach Petersen.

„Wie auch immer, jedenfalls hatten die Deutschen Journalisten aus ganz Südjütland nach Aabenraa einbestellt, um sie darüber zu informieren, wie sie sich nach der Besatzung Dänemarks zu verhalten haben. Die Journalisten sitzen also an einem langen Tisch, an dem einen Ende der Deutsche, der die 'Konferenz' leiten sollte, unter einem großen Bild von Hitler.“ Aksels Stimme schwoll mehr und mehr an, und als der Name des Führers fiel, schrie er so laut, dass einige der Gäste sich umdrehten und zu ihrem Tisch herübersahen.

Petersen schüttelte den Kopf, schien sich aber zu amüsieren. „Aksel, um Himmels willen, ein bisschen leiser. Es gibt reichlich Heimatdeutsche und andere Idioten in diesem Land, die mit den Deutschen sympathisieren. Willst du etwa rausgeschmissen werden?“

„Lass sie nur kommen“, Aksel breitete die Arme aus, „aber zurück zu dieser sogenannten Konferenz. Was meint ihr dazu? Das ist doch wohl der Gipfel der Arroganz. Was bilden die sich eigentlich ein?“

„Wie ist es dann weitergegangen?“, fragte Christian und trank einen Schluck Bier.

„Nun ja, er fängt damit an, dass die Deutschen nicht die Absicht hätten, die Presse zu zensieren. Dann erwähnt er die 'unerfreulichen Zwischenfälle?, zu denen es trotz der Kooperationspolitik seit dem 9. April gekommen sei. Außerdem müsse er feststellen, dass mehrere Proklamationen nicht in den dänischen Zeitungen erschienen seien. Zum Schluss meinte er, die Besatzungsmacht erwarte, dass die Presse keinen passiven Widerstand leisten und keine negative Propaganda verbreiten werde.“ Bei den letzten Worten war Aksels Stimme wieder deutlich lauter geworden.

„Aber genau das nennt man Zensur“, unterstrich Petersen leise.

„Sie meinten, es würden viel zu viele negative Artikel über die Besatzungsmacht geschrieben. Stattdessen sollten die Zeitungen doch über die vielen positiven Dinge berichten ...“. Aksel schüttelte den Kopf.

„Und davon gibt es ja jede Menge“, fügte Christian mit unverhohlener Ironie hinzu.

„Er nannte sogar ein paar Beispiele, sprach von den Bauarbeiten, die in nächster Zeit beginnen sollen und von denen dänische Arbeitslose profitieren würden.“

„Ha, Bauarbeiten! Damit ihre Panzer schneller durch unser Land rollen können, oder was? Und im Übrigen finanziert von uns selbst!“ Petersen schlug mit der Faust auf den Tisch.

Sie stießen ein paar Flüche und Verwünschungen aus und spülten sie mit Hopfen herunter. Dann sagte Petersen: „Genug davon, es ist unser letzter gemeinsamer Abend, und da sollten wir ein bisschen Spaß haben. Obwohl das Bier mehr nach Leichenschmaus schmeckt, wenn man daran denkt, dass Kedde unserer schönen Heimat den Rücken kehrt. Es ist eine Schande, dass du uns verlässt. Und dann müssen wir obendrein noch zusehen, wie wir die Besatzungsmacht wieder loswerden.“

Sie stießen wieder an, und Aksel sagte:

„Zur Hölle mit den verdammten Heimatdeutschen!“

„Ihr kommt auch gut ohne mich zurecht, und die Besatzungsmacht wird wohl so oder so noch eine Weile im Land bleiben“, meinte Christian.

Er dachte daran, was Freundschaft eigentlich bedeutete und was sie zusammen hätten ausrichten können. An die Bewerbung, die er vor ein paar Monaten abgeschickt hatte und die inzwischen angenommen worden war. Er würde seine Ausbildung auf Frederiksberg Slot und Kronborg fortsetzen, doch hätte ihn jemand jetzt danach gefragt, wäre er froh gewesen, er hätte sie niemals abgeschickt. Er wollte Sønderborg nicht verlassen, wollte nicht von vorne anfangen, wollte nicht alleine sein.

Er war erst einen Moment lang in seine Gedanken versunken, als plötzlich zwei junge Mädchen an ihrem Tisch standen. Wie eine Fata Morgana. Sie passten nicht hierher, gehörten nicht in dieses ohrenbetäubend laute Wirtshaus voller Zigaretten rauchender Männer.

„Na, wen haben wir denn da? Wenn das mal nicht Gurli und Lis sind“, trompetete Aksel und lächelte über das ganze Gesicht. „Setzt euch, Mädchen. Was wollt ihr trinken?“

Christian nahm an, dass Aksel sie eingeladen hatte, zu kommen. Vielleicht sollte es eine Überraschung sein, aber es dauerte nicht lange, und Christian wünschte, sie wären nicht gekommen. Er hätte sich lieber noch länger mit seinen Kameraden unterhalten, ein paar Geschichten aus ihrer gemeinsamen Ausbildung erzählt, aber jetzt änderte sich die Stimmung, wurde anzüglich. Die Mädchen kicherten albern, und zweideutige Bemerkungen flogen hin und her.

Petersens Augen glänzten und drückten schamloses Interesse an der Dunkelhaarigen der beiden aus, während Aksel damit beschäftigt war, der vollbusigen Lis Komplimente zu machen. Sein Blick klebte förmlich an ihrem Ausschnitt.

Die Mädchen besuchten die Krankenpflegeschule in Sønderborg. Wenn sie nicht redeten, kicherten sie.

Petersen hatte gerade eine Runde ausgegeben, und Christian trank sein Glas aus, stand auf und sagte: „Na, dann mal vielen Dank für den netten Abend, Jungs.“

„Kedde, zum Teufel, willst du etwa schon gehen? Sie sind doch gerade erst gekommen … Sagt mal, Mädels, habt ihr nicht noch irgendwo eine Freundin versteckt?“

„Nein, nein. Viel Spaß noch, ich muss morgen früh raus.“ Er deutete eine Verbeugung an. „Schönen Abend noch.“

Mit schnellen Schritten ging er zur Tür und überhörte Aksels Proteste. Fühlte Erleichterung, als er draußen stand. Langsam ging er durch die dunklen Straßen. Es waren mehr Bier geworden, als ihm lieb war, und er fühlte sich leicht benommen. Die Fenster der Häuser waren mit Verdunkelungsvorhängen hermetisch abgeriegelt, sodass kein Licht auf den Bürgersteig fiel. Es waren so gut wie keine Menschen auf der Straße. Er dachte an Gerda. Das tat er immer, wenn er etwas getrunken hatte. Er stellte sich vor, wie er nach Kollund fuhr und an ihrer Tür klingelte. Wie sie ihm um den Hals fiel.

Er schüttelte den Kopf über sich selbst, blieb stehen und lauschte in die Dunkelheit. Gleichmäßige Schritte mit Nägeln beschlagener Militärstiefel waren zu hören. Deutsche Soldaten? Unwillkürlich trat er in den nächsten Hauseingang und wartete, bis die Patrouille vorüber war. Sie gingen mit einer Ruhe und Selbstgefälligkeit die Straße hinunter, die ihn irritierte. Er spürte den Drang, auf sie loszugehen. Keine besonders kluge Strategie. Kurz darauf waren die Geräusche verschwunden, und wieder schüttelte er den Kopf über sich selbst. Was bin ich für ein Idiot, was soll das nützen, auf sie loszugehen und ihnen ins Gesicht zu schreien, was ich von ihnen halte? Sie würden mich einsperren, und was hätte ich damit erreicht?

Am nächsten Morgen verabschiedete er sich von den Kameraden in der Kaserne und warf einen letzten Blick auf das majestätische, hohe Gebäude aus rotem Backstein, hinter dem sich das Wasser wie ein riesiger Spiegel bis zum Horizont erstreckte. Er würde diesen Ort vermissen, sowohl wegen seiner Schönheit als auch wegen der Kameradschaft, die er hier erlebt hatte. Ob er noch einmal solche Freunde wie Aksel und Petersen fand?

Kronborg, Herbst 1940

Christian war überwältigt, als er zusammen mit einigen hundert anderen jungen Männern aus allen Teilen des Landes, die ebenfalls an der Offiziersanwärterschule beginnen würden, vorm Kronborg Slot ankam. Unwillkürlich musste er lächeln. Hier stand er mit seinem Koffer an der einen und dem Einberufungsbefehl in der anderen Hand, genau wie der Großteil der anderen um ihn herum, und war sicher, dass sich keiner von ihnen wohler fühlte als er.

Den ganzen Sommer über hatte er sich in Kollund verwöhnen lassen, hatte jeden Tag auf der Hühnerfarm mit angepackt, hatte Oma und Tidde und Tante Adda besucht, die wieder ins Krankenhaus nach Augustenborg gebracht worden war. Er hatte ein paar Kilo zugelegt und richtige Apfelbäckchen bekommen. Sie neckten ihn und meinten, jetzt habe er wenigstens ein bisschen was auf den Rippen, bevor es nach Kopenhagen gehe.

Kopenhagen war eine andere Welt, wenn man Südjütland gewohnt war. Plötzlich bemerkte Christian seinen Akzent und fühlte sich wie ein dummer Bauerntrampel aus der Provinz, sobald er den Mund aufmachte, und er spürte keinen besonderen Drang, sich anderen anzuschließen. Nein, am wohlsten fühlte er sich bei den Stallungen oder auf dem Rücken eines Pferdes.

Der Stall hatte seine eigene, besondere Atmosphäre; das ungeduldige Schaben der Hufe, kurz bevor der Hafer verteilt wurde; ein freudiges Wiehern, wenn er hereinkam. Eine schöne, dunkelbraune Stute mit vier weißen Socken und einer Blesse auf der Stirn hatte es ihm besonders angetan. Musse. Ihr Maul war seidig weich und sie war von sanftem Gemüt, was ihm sehr gefiel. Er verbrachte Stunden auf ihrem Rücken oder bei ihr in der Box, während er nachdachte oder Selbstgespräche führte.

Warum fühlst du dich hier nicht wohl? Du kommst doch im Großen und Ganzen in allen Fächern ziemlich gut zurecht.

Reiten war sein Lieblingsfach. Bot sich die Gelegenheit, schlenderte er hinunter zu den Ställen. Sport bereitete ihm die größten Probleme, und in einem schwachen Moment hatte er sich ein Buch zugelegt, Sport in unserer Zeit – Ertüchtigung fürs Volk, obwohl er eigentlich gar kein Interesse daran hatte. Jetzt lag es unberührt in einer Ecke seiner Stube und schien ihn höhnisch anzusehen.

Wenn du das bisschen Freizeit, das du hier hast, ja doch nicht mit diesem langweiligen Unsinn verschwenden willst, warum hast du das Buch dann überhaupt gekauft? Er lächelte über sich selbst. Ein wenig Vergnügen stand ihm ja wohl zu. Vielleicht konnte er das Buch an irgendjemanden verkaufen?

Wenn ich schon etwas lese, muss es wenigstens spannend sein, außerdem kann ich genauso gut in den Stall gehen oder Briefe nach Hause schreiben.

Er war ein guter Junge. Ja, das war er. Schrieb Brief um Brief an die Lieben zu Hause, sowohl an Oma, Alma und Jes als auch an Tidde und Tante Adda. Er stellte sich vor, wie sie über ihn sprachen, ihren Kedde. Stellte sich ihre lachenden Gesichter vor, wenn sie sich sonntags trafen, sich über seine guten Eigenschaften austauschten und sich gegenseitig versicherten, dass er es schon zu etwas bringen werde in Kopenhagen. Gut zu wissen, dass es Menschen gab, die an ihn glaubten.

Er klopfte Musses Hals und verließ die Box, um die Kiste mit den Striegeln zu holen. Als er zurückkam, ging er systematisch ans Werk, striegelte die Stute mit langen, festen Streichen und freute sich darüber, dass sie es sichtlich genoss. Ganz still stand das Pferd da, die Ohren nach vorne geklappt und den Kopf zu ihm gedreht, als wolle es alles genau beobachten. Er ließ die Hand über das glänzende Fell am Rücken des Tieres gleiten und atmete den starken, aber angenehmen Geruch des Pferdes ein. Der Geruch würde sich in seiner Kleidung festsetzen, ihn den Rest des Abends begleiten und an seinen Zufluchtsort erinnern.

Du musst verflixt noch mal zusehen, den Leuten gegenüber etwas offener zu sein. Will man neue Kameraden finden, muss man auch etwas dafür tun. Die Sätze schwirrten ihm im Kopf herum. Du führst Selbstgespräche und merkst es fast nicht mal. Das einzige Wesen, mit dem du sprichst, ist ein Pferd! Schlechte Angewohnheit. Nur weil du nicht mehr zusammen mit Aksel und Petersen in Sønderborg bist, musst du ja wohl nicht gleich als Sonderling enden, der nur noch mit sich selbst spricht … und einem Pferd!

Er seufzte. Tja, er musste wohl die Initiative ergreifen. Es gab noch einen anderen Burschen, der sich oft im Stall aufhielt, Hans Kristian. Er schien ein netter Kerl zu sein, und er kam auch aus Südjütland. Hoch aufgeschossen und knochig, ging er immer leicht vornübergebeugt, wie groß gewachsene Menschen es oft tun, die sich unbewusst kleiner machen wollen. Aber wie man mit einem Pferd umging, das wusste er!

Christian hörte, wie die Tür zum Stall aufgeschoben wurde und Hufe über den Gang klapperten. Jemand war von einem Ausritt zurückgekommen und brachte sein Pferd zurück in die Box. Christian trat dicht an die Gitterstäbe vom Musses Box heran und spähte den Gang entlang.

„Guten Abend.“

„Ach, hallo, da versteckst du dich.“ Lächelnd führte Hans Kristian sein Pferd vorbei.

Schweigend kümmerten sie sich um die Tiere. Christian zog das Striegeln in die Länge, bis er hörte, wie sich Hans Kristian auf dem Gang zu schaffen machte. Als er sich umdrehte, stand Hans Kristian vor Musses Box.

„Die anderen sitzen draußen und schnacken ein bisschen. Kommst du mit?“

„Warum nicht? Ich bin hier sowieso fertig.“ Er gab Musse einen Klaps aufs Hinterteil und trat auf den Gang. Milde Luft empfing sie an der Stalltür, und Hans Kristian steuerte zielstrebig auf eine Gruppe Offiziersanwärter zu, die es sich dort bequem gemacht hatten, wo sie sich immer trafen. Christian folgte ihm. Spätsommer. Vielleicht einer der letzten warmen Abende des Jahres? Der süße Duft der Stockrosen, die an der Mauer emporrankten, hing in der Luft. Saftiges grünes Gras erfreute das Auge, Hummeln summten und der Abendhimmel war tiefblau.

Sicher sprachen sie über Politik, das taten alle in diesen Zeiten. Es überraschte Christian deshalb nicht, dass er die Worte Kooperationspolitik und Regierung schon von Weitem ausmachen konnte. Hans Kristian und er sahen sich an, als hätten sie denselben Gedanken.

Sie ließen sich auf zwei freien Stühlen nieder und glitten nahezu unbemerkt in den Kreis junger Männer, die lautstark diskutierten.

„Das sind eben genau die Gründe, warum die Kooperationspolitik richtig ist“, stellte Holm fest, einer der Wenigen, die die Politik der Regierung unterstützten, wie Christian schon früher aufgefallen war, während die meisten von ihnen kein gutes Haar daran ließen. Jetzt fuhr er unverdrossen fort: „Erstens: Die Nazis lassen die Finger von den Gesetzen unseres Landes. Zweitens: Auf diese Weise ist sichergestellt, dass wir nicht in Kriegshandlungen verwickelt werden und schließlich drittens: Unsere Grenzen bleiben bestehen, so wie sie sind. Nichts täten die Deutschen lieber, als die Grenze wieder an den Kongeå zu verlegen, so wie vor 1920.“

„Die Regierung ist ein Haufen von Marionetten“, behauptete ein Kerl namens Tage Larsen. „Sie müssen einfach mal Rückgrat beweisen. Wenn sie ständig nur den Schwanz einziehen, übernehmen die Deutschen bald voll und ganz die Kontrolle über unser Land.“

Christian fand, beide Standpunkte hatten etwas für sich, auch wenn er mehr mit Tages Meinung sympathisierte. Als Südjüte kannte er die Angst nur allzu gut, die die Menschen nahe der Grenze auch noch zwanzig Jahre nach der Vereinigung spürten. Sie fürchteten, die Deutschen könnten die Grenze wieder verlegen. Auch in seinem Kopf waren die Bilder von dem Tag vor ungefähr einem halben Jahr, als die Deutschen das Land besetzten, noch allzu frisch. Wie die Heimatdeutschen in Sønderborg an den Straßenrändern gestanden und den Besatzern zugewunken und sie gefeiert hatten, als seien sie Helden. Es war und blieb eine ewige Streitfrage in seiner Heimat.

„Unsere Regierung führt ein absurdes Theaterstück auf, und wir, die dänischen Soldaten, sind nur die Statisten“, meinte ein Nordjüte mit rotem Bart, ein riesiger Kerl, dem niemand gern allein im Dunklen begegnet wäre.

„Ich könnte kotzen, wenn ich die ganzen Anweisungen höre, die man andauernd von allen Seiten bekommt“, warf einer ein, den Christian nicht kannte. „Überall, im Radio, in den Zeitungen, wenn man sich mit Freunden trifft und um Himmels willen sogar im Kino kriegt man gesagt, was man zu tun hat … und um Gottes willen zu lassen hat.“

Einige nickten, und jemand murmelte mit aufgesetzt ironischer Stimme: „Obacht, gemäß Paragraph 117 Absatz soundso kann ihr Verhalten ernst zu nehmende Folgen nach sich ziehen.“

„Ich sage ja nur, dass alles noch viel schlimmer wäre, wenn wir nicht entsprechend der Kooperationspolitik handeln würden“, beharrte Holm. „Dann würden die Deutschen den ganzen Laden übernehmen.“

Eine Weile sagte niemand etwas, offenbar war jeder mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt. Es war, als gebe es nichts anderes mehr in ihrem Leben als den Krieg.

„Die Kooperationspolitik stellt trotz allem sicher, dass die etablierten dänischen Parteien an der Macht bleiben. Und bis jetzt ist es immerhin gelungen, Frits Clausen von den Futtertrögen fernzuhalten.“

„Frits Clausen“, schnaubte einer aus der Runde. „Seine Kampagnen für die Machtübernahme der Nazis in Dänemark sind ja kaum noch zu übersehen.“

Einige lachten.

„Den nimmt doch sowieso keiner ernst.“

„Sag das mal nicht, seine Partei ist auf dem Vormarsch.“

„In der Hauptstadt haben sie jedenfalls fleißig Plakate geklebt“, meldete Christian sich zu Wort. „Schöne, bunte Plakate mit Clausens Porträt, dem Dannebrog und einem Wikingerschiff im Hintergrund. 'Frits weist den Weg? steht darunter.“ Er achtete darauf, seiner Stimme einen unüberhörbar ironischen Tonfall zu verleihen, sodass niemand missverstehen konnte, was er davon hielt.

„Jedenfalls weiß er, wie man sein Fähnchen auf die Landkarte setzt“, meinte Hans Kristian. „Soweit ich weiß, kommt es immer wieder zu Konfrontationen zwischen jungen Nationalisten und den Nazis, oder?“

„Schade, dass wir im Sommer in Roskilde nicht dabei waren. Da gab's ein paar ordentliche Prügeleien mit der Polizei.“

Die Versammlung lachte wieder.

„Klingt, als wären es einige von euch gewesen, die Clausens Plakate verunstaltet haben.“ Holm sah einige seiner Zuhörer direkt an und fuhr fort, als ihm verständnislose Blicke begegneten. „Ha, habt ihr das etwa noch nicht mitgekriegt? Mein Vetter ist in der K. U., und er hat mir erzählt, dass sie auf alle Clausen-Plakate einen Streifen geklebt haben, auf dem 'Aus dem Schweinestall entlaufen? steht.

Schallendes Gelächter brach aus.

Als Christian wenig später ins Bett ging, hatte er das Gefühl, erst jetzt tatsächlich auf der Offiziersanwärterschule angekommen zu sein. Es brauchte eben nicht immer die großen Dinge, um dazuzugehören.

Christian trieb sich im Stall herum. Vielleicht würde Hans Kristian ja noch auftauchen. Sie hatten sich oft zur selben Zeit bei den Stallungen aufgehalten, ohne miteinander zu sprechen, aber jetzt war das Eis gebrochen.

Dann hörte er die Stalltür quietschen und das charakteristische Klappern von Hufen auf Beton. Neben dem Vierbeiner betrat Hans Kristian den Stall. Christian grüßte ihn und ließ ein paar Minuten verstreichen, bevor er zu der Box schlenderte, in der Hans Kristian sein Pferd versorgte.

„Na, schönen Ausritt gehabt?“, fragte er beiläufig.

„Und ob. Ich liebe es, um diese Jahreszeit über die abgeernteten Felder zu reiten“, antwortete Hans Kristian, während er den Sattel vom Rücken des Pferdes hob.

„War ein netter Abend gestern.“ Christian streckte die Arme aus zum Zeichen, er könne behilflich sein und den Sattel in die Sattelkammer bringen.

„Danke“, sagte Hans Kristian lächelnd und mit frischen roten Wangen. Als Christian zurückkam, fuhr er fort: „Alle reden nur noch über Politik. Vor der Besatzung habe ich mich eigentlich nicht besonders für Politik interessiert. Tja, das hat sich gründlich geändert.“

„Das geht wohl den meisten so“, meinte Christian.

Hans Kristian nahm eine Hand voll Heu und rieb damit das schwitzende Pferd ab. „Wir sitzen schon viel zu lange untätig herum.“ Er hielt inne und sah Christian an, der vor der Box auf dem Gang stand. „Ich glaube, es ist zu spät, um dem Beispiel der Norweger zu folgen. Sie haben sich von Anfang an einen Platz an der Seite der Alliierten erkämpft. Wenn wir das Gleiche erreichen wollen, dann brauchen wir List und viel Geduld … Und wir müssen endlich mal in Gang kommen.“

„Das sehe ich genauso.“ Christian überlegte, wie offen er sein konnte und kam zu dem Ergebnis, dass er und Hans Kristian auf derselben Seite standen. „Stauning und der Rest der Regierung tun, was sie können, um uns davon zu überzeugen, dass sich Dänemark am besten wegduckt und so klein wie möglich macht. Eine äußerst sonderbare Strategie.“

Er verstummte. Entschied, dass es vorläufig besser war, nichts darüber zu sagen, wie er sich den Widerstand gegen die Deutschen vorstellten. Noch wusste er nicht, wie er es anpacken sollte. Er saß auf der Offiziersanwärterschule fest. Außerdem gab es keinen nennenswerten Widerstand in der Bevölkerung, die Leute schwiegen und fügten sich, schienen sich mit ihrem Schicksal abgefunden zu haben. Im Radio hörte man tagtäglich von den siegreichen Feldzügen der Deutschen.

„Ich habe übrigens etwas ganz Neues angefangen“, sagte Hans Kristian unvermittelt.

„Aha?“ Christian war neugierig.

Sein Gesprächspartner drehte sich zu ihm um und sah ihn eindringlich an. „Ich gehe jetzt doch tatsächlich regelmäßig in die Bibliothek.“

Überrascht hob Christian die Augenbrauen, und Hans Kristian lachte.

„Damit hattest du nicht gerechnet, was? Ich lese viel über die alten Kämpfe und Streitigkeiten um die Grenze. Ja, und über die, die sich früher in Deutschland dafür eingesetzt haben, dass unsere Heimat heute zu Dänemark gehört. Besonders H. P. Hanssens Erinnerungen haben großen Eindruck auf mich gemacht.“

Christian sah ihm in die Augen. „Woher kommst du eigentlich?“

„Aabenraa.“

„Kann ich mir die Bücher mal ausleihen?“

„Na klar.“

Haderslev, Sommer 1941

Die Zeit verging wie im Flug. Als Christian sein Zeugnis als Ausbildungsoffizier in Händen hielt, konnte er es kaum fassen. Es trug die Überschrift 'Offiziersanwärterschule des Heeres? und war auf Frederiksberg Slot ausgestellt und unterzeichnet worden. Es besagte, dass er der viertbeste von fünfzig Schülern seiner Klasse war.

Die Offiziersanwärterschule hatte ihn zu einem vorzeigbaren Fechter gemacht, und was das Schießen anging, hatte er sich noch einmal verbessert. Auch im Sport schlug er sich inzwischen wacker, und er konnte auf eine Zeit zurückblicken, in der er viel erlebt hatte. Militärhistorische Vorträge hatten ebenso zu seiner Ausbildung gehört wie Erste-Hilfe-Kurse, Gesangsunterricht und Tanz.

Gesang und Tanz! Nicht gerade Disziplinen, die er erwartet hatte – aber die Fächer hatten ihn positiv überrascht. Überall im Land war das Nationalbewusstsein seit der Besatzung stärker zutage getreten, und es schien, als sei damit auch die Lust am Singen größer geworden. Die Zeitungen brachten Bilder von tausenden von Menschen, die sich zum gemeinsamen Singen zusammenfanden. Sogar Alma und Jes gingen zu solchen Veranstaltungen. Und dass 'Gemeinsames Singen? auf dem Ausbildungsplan der Offiziersanwärterschule stand, ergab plötzlich erst recht einen Sinn, verschaffte es ihnen doch die Gelegenheit, zusammen ein Bekenntnis für ihr Land abzulegen. Stolz sangen sie sich durch das nationale Liedgut.

Der Tanzunterricht erinnerte ihn daran, dass es außerhalb der Offiziersanwärterschule Frauen gab. Tatsächlich waren sie überall. Sie waren schön, ausgelassen und kurvig. Nicht ganz so wie Gerda, aber es musste doch eine andere geben, die zu ihm passte.

Es ärgerte ihn, dass er jedes Mal, wenn er mit einer der attraktiven Frauen das Parkett betrat, an Gerda denken musste. Reiß dich zusammen, ermahnte er sich selbst, aber es half nichts. Es lag wie ein Fluch über ihm. Über etwas zu fantasieren, das man ja doch nicht bekommen konnte, war einfach nur Zeitverschwendung.

Er würde viele gute Erinnerungen an die Schule mitnehmen. Brauchte er etwas Aufmunterung, musste er nur an das Lied denken, das sie auf ihrem Abschlussfest gesungen hatten. Hans Kristian und ein paar andere hatten es sich ausgedacht, und es war so komisch, dass ihm vor Lachen die Tränen in die Augen getreten waren, als sie es an ihrem letzten gemeinsamen Abend zum Besten gaben. Es trug den Titel 'Das Ende der Statistenschule? und beschrieb sehr treffend, wie es gewesen war, die Offiziersanwärterschule zu besuchen, während das Land besetzt war. Sogar die Lehrer hatten ihren Spaß. Eine Strophe hatte es allen besonders angetan, und Christian kannte sie auswendig:

Merkt auf, Soldaten, euer Land ist in Gefahr,

denn das Geld ist knapp in diesem Jahr,

aber unser Land kommt schon zurecht,

nur ein paar Touristen mehr wären schon nicht schlecht.

Und um die hierher zu führen,

gibt’s ab sofort 'ne neue Taktik.

Ihr werdet einfach keine Offiziere,

sondern Statisten in der Schauspieltruppe vom Old Vic.

Ein paar Tage später stand er mit dem Marschbefehl in der Hand vor der Haderslev Kaserne, um seinen Dienst als Ausbilder anzutreten. Hatte er sich vorgestellt, es würde so werden wie früher? Plötzlich wusste er nicht mehr, warum er zurück nach Südjütland hatte versetzt werden wollen. War es die richtige Entscheidung gewesen? Er hatte sich an das Leben in Kopenhagen gewöhnt, warum wollte er also jetzt zurück nach Südjütland? Hier fühlte sich alles so pathetisch an, alles erinnerte ihn an Gerda. Der Lindholm Herregård, auf dem sie gearbeitet hatte, die Hauptstraße und das Café, in dem sie gesessen hatten. Trotzdem setzte er sich in seiner Freizeit aufs Rad, suchte die Orte auf und spürte den Schmerz.

Mehr als einmal sagte er sich, er wäre besser in Kopenhagen geblieben. Die Hauptstadt war einfach offener, dort konnte er ein anderer sein, dort war er ein anderer, ein begabter Offiziersanwärter mit einer vielversprechenden Zukunft. Sein Akzent war schon lange kein Problem mehr, im Gegenteil, einige Mädchen fanden ihn sogar richtig entzückend.

Schön war, dass er nah bei der Familie sein konnte. Die gemeinsamen Sonntagsessen wurden wieder aufgenommen, und sowohl Oma als auch Tidde und Alma platzten beinahe vor Stolz darüber, dass er nun Offizier und Ausbilder beim Militär war. Sie wussten nicht genau, was es bedeutete, aber das spielte für sie auch keine Rolle.

Er fand eine Wohnung im Toftevej, und es kam ihm sehr gelegen, nicht in der Kaserne wohnen zu müssen.

Mit aller Kraft widmete er sich seiner Aufgabe und wurde schnell zu einem der beliebtesten Ausbilder in der Kaserne. Oft rief er sich die Abschlussrede des Generalinspekteurs an der Offiziersanwärterschule in Erinnerung, der betont hatte, es sei vornehmste Pflicht der zukünftigen Ausbilder, erzieherisch auf die Wehrpflichtigen einzuwirken, um so der Jugend des Landes das geistige und moralische Rüstzeug an die Hand zu geben, das im Hinblick auf das gesellschaftliche Zusammenleben für Land und Volk so unverzichtbar sei. Der Ausbilder habe die moralischen Eigenschaften des Soldaten zu fördern, sodass dieser stets seine Pflicht erfülle, selbst unter den gewaltsamen Einflüssen des Krieges, selbst wenn er auf sich allein gestellt war. Es sei ihre Aufgabe, Vaterlandsliebe und das Verständnis dafür zu festigen, was es bedeute, den Nachkommen ein freies und selbstständiges Dänemark in die Hände zu legen.

Sicher, die Rede des Generalinspekteurs hatte bei den Abschlussfeiern der letzten Jahre wohl genauso oder zumindest ähnlich geklungen, aber sie konnte kaum zutreffender gewesen sein als in diesen Tagen. Das Land war besetzt, und sowohl in Dänemark als auch jenseits der Landesgrenzen überschlugen sich die Ereignisse. Im Juni hatte Deutschland die Sowjetunion angegriffen, im Laufe des Sommers waren überall im Land führende Kommunisten verhaftet worden und im August hatte das dänische Parlament das Kommunistengesetz verabschiedet, das jegliche kommunistische Vereinigungen und Verbindungen verbot.

Christian verfolgte die Entwicklung genau. Zwar spielte sich sein Leben beinahe ausschließlich in der Kaserne ab, doch stellten Zeitungen und Radio eine feste Verbindung zur Außenwelt sicher. Seine Wut wuchs im Takt mit der Ohnmacht gegenüber der Entwicklung in Dänemark. Er konnte nicht mehr tun, als auf dem Weg vom Toftevej zur Kaserne und zurück alle Deutschen in Haderslev zu ignorieren und die Straßenseite zu wechseln, kam ihm die Besatzungsmacht entgegen.

Ab und zu berichtete die Presse über Sabotageakte, die darauf abzielten, den Deutschen den größtmöglichen Schaden zuzufügen. Er dachte an die Unterhaltungen mit Aksel und Petersen, kurz nachdem der Krieg ausgebrochen war. Sie hatten über ähnliche Aktionen gesprochen. Aber wie schloss man sich einer solchen Gruppe an, wenn man umgezogen war und sich gerade erst niedergelassen hatte? Schließlich gab es keine Aushänge beim Kaufmann am Schwarzen Brett, wo man sich melden konnte.

Die Rekruten sprachen fast jede freie Minute über die Besatzung ihres Landes. Manchmal hörte Christian ihre Diskussionen mit an, ohne etwas dazu zu sagen. Einige von ihnen hatten sehr vernünftige Ansichten, wie er fand. Nach der Invasion Russlands hatte Frits Clausen, der Arzt aus Bovrup, noch mehr Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Nicht zuletzt in diesem Teil des Landes fand er überdurchschnittlich viele Anhänger. Christian erinnerte sich an einen der Wortwechsel der Rekruten, bei dem er dabei gewesen war. Hoffentlich hatten sie ihm nicht angesehen, was er dachte. Innerlich war er sehr stolz auf sie gewesen.

Natürlich hatten sie auch auf der Offiziersanwärterschule über die DNSAP gesprochen, und jetzt spukte Frits Clausen wieder in den Zeitungen herum. Einige veröffentlichten Bilder der ersten Soldaten, die im Dienste des Freikorps' Dänemark das Land verließen.

„Da wir gerade von Clausen sprechen: Jetzt ist die Gelegenheit, sich zu melden. In Kopenhagen hat die Waffen-SS eine Werbekampagne gestartet“, sagte Heino mit unschuldiger Miene und breitete die Arme aus. Christian mochte ihn. Zwar gehörte er nicht zu den besten Rekruten, aber er hatte Humor. „Für alle, die Lust haben, mit den Nazis in Russland zu kämpfen und den Bolschewiken mal so richtig die Gamaschen zu besohlen.“

Alle lachten.

„Frits Clausen steht hinter der Kampagne. Habt ihr die Plakate gesehen?“, hakte Heino nach. „Wer sich meldet, kämpft ab sofort für das Freikorps Dänemark.“

„Du bist ja bestens informiert“, sagte der Bornholmer und zog an seiner Zigarette.

„Mein Vetter hat sich gemeldet. Grundgütiger! Sie schicken ihn in ein Ausbildungslager nach Deutschland, und dann geht’s ab nach Russland und in den Krieg“, fuhr Heino fort und verdrehte die Augen.

„Zum Teufel, man weiß wirklich nicht, was gefährlicher ist, ein Haufen Kommunisten oder ein Haufen Nazis“, meinte Bengtsson und schüttelte den Kopf.

„Wie wir alle wissen, ist nichts so gefährlich wie ein Kommunist“, schaltete Christian sich mit deutlicher Ironie in der Stimme ein. „Die Treibjagd, die im Moment abläuft, ist nur ein weiterer Beweis für den Einfluss der Deutschen in Dänemark“, fügte er mit ernster Miene hinzu, bereute die Worte aber in dem Moment, in dem er sie ausgesprochen hatte, denn er verstieß damit gegen eine wichtige Grundregel.

Überrascht sahen die Rekruten ihn an. Dann sagte einer: „Deutschland hat Jugoslawien und Griechenland erobert, und jetzt greifen sie die Sowjetunion an. Sie berauschen sich an ihren Siegen, aber das wird sich ändern. Mit den Russen werden sie nicht fertig.“

„In Wirklichkeit regieren doch die Deutschen unser Land, wenn sie die Regierung zwingen können, die Kommunistische Partei zu verbieten und die Kommunisten zu verhaften. Sie sagen unserer Regierung ja sogar, wenn ihr es nicht macht, dann machen wir's eben selbst!“ Bei diesen Worten sah Heino zu seinem Ausbilder hinüber.

„Sie kennen Frits Clausen doch bestimmt, Herr Ausbilder Fries“, stellte der Bornholmer fest.

„Warum sollte ich?“

„Liegen Bovrup und Kollund nicht direkt nebeneinander?“

„Nein, und ich kenne ihn auch nicht.“ Er stand auf und verließ den Unterrichtsraum, fest entschlossen, die Grundregel nicht noch einmal zu übertreten. Man diskutierte mit seinen Rekruten nicht über Politik. Nichtsdestotrotz hätte er gerne noch mehr gesagt, besonders zu der Pressemitteilung, die das Außenministerium kürzlich herausgegeben hatte und aus der hervorging, dass 'Oberstleutnant Kryssing das Kommando des Freikorps' mit Billigung der königlich-dänischen Regierung? übernommen habe.

Kollund, Dezember 1941

Christian bedankte sich bei dem Mann, der ihn auf seinem Pferdewagen mitgenommen hatte, und legte die letzten Kilometer bis zur Hühnerfarm zu Fuß zurück. Er konnte sich nicht erinnern, dass ihm jemals so kalt gewesen war. Sein ganzer Körper war steif gefroren, die Füße in den Stiefeln schienen zu Eisklumpen geworden zu sein. Er schlug den Kragen hoch und träumte von einer Pelzmütze anstelle der Strickmütze, die er trug und die der Wind vollkommen ignorierte. Die Böen wirbelten Schneeflocken durch die Luft, sodass er eine Hand an die Stirn legen musste, damit sie ihm nicht in die Augen wehten. Seine Pflegeeltern hätten ihn natürlich abgeholt, besonders bei diesem Wetter, doch wussten sie nicht, dass er einen Tag früher als geplant Weihnachtsurlaub bekommen hatte. Natürlich würden sie sich freuen.

Er war fest entschlossen, die vorweihnachtliche Stimmung nicht zu verderben, indem er Alma und Jes davon erzählte, was in Kopenhagen vor sich ging. Sie machten sich ohnehin schon genug Sorgen.

Er kämpfte sich vorwärts und schob die freie Hand in die Manteltasche. Zu seiner Überraschung bekam er ein Stück Papier zu fassen, einen Handzettel, den er vor Wochen eingesteckt hatte. Tatsächlich hatte er ihn einem Kameraden weitergeben wollen, hatte es aber schlichtweg vergessen. Damals, als er den Zettel bekommen hatte, war er sehr aufgebracht gewesen. Er war in einer Angelegenheit der Offiziersanwärterschule in der Hauptstadt unterwegs und auf ein paar unvorhersehbaren Umwegen am Schlossplatz vor Amalienborg gelandet, wo hunderte von Studenten gegen den Antikominternpakt demonstrierten, einer Vereinbarung zur Ausweitung der Kooperationspolitik.

In den folgenden Wochen kam es immer wieder zu Unruhen. In der Kaserne sprachen sie darüber, dass genau das die Dinge waren, die zu illegalen Aktionen führten. Christian konnte es den Saboteuren nicht einmal verdenken.

Jetzt bog er auf den Feldweg ein und erinnerte sich an die Zeit, als er hier jeden Tag mit dem Rad entlang gefahren war. Es war mehr ein Hindernisrennen gewesen, aber heute überzog eine Schneeschicht die vielen Löcher und Unebenheiten.

Er dachte an die Hühnerfarm und den Traum, den Alma und Jes sich im Laufe der ersten zehn Jahre seines Lebens vom Munde abgespart und dann verwirklicht hatten. Für Christian bedeutete es, dass der Weg zu Oma Botilla und zur Schule länger wurde. Er fand, seine Pflegeeltern hatten einen verfallenen Hof gekauft, aber während er heruntergekommene Gebäude sah, sahen Alma und Jes Möglichkeiten. Danach verband ihn nur noch ein unendlich langer und im Winter dunkler Feldweg mit dem Rest der Welt.

Durch die Hühnerfarm hatte Christian gelernt, was früh aufstehen hieß. Hatte sich an den enormen Lärm gewöhnt, der ihm entgegenschlug, sobald er das große Gebäude betrat, in dem das Federvieh zu tausenden gackerte und krähte. An den Geruch und die staubige, stickige Luft. Und natürlich an die Hühner, die pickten und sich gegenseitig Federn ausrupften.

Einen Augenblick lang stand er im Innenhof und betrachtete sein Zuhause. Das kleine Wohnhaus und die Hühnerfarm gegenüber. Er konnte den Lärm der Hühner beinahe hören, wenn er sie nur sah.

Jetzt sah Alma aus dem Küchenfenster und bemerkte ihn. Sie schlug die Hände vor den Mund und verschwand im nächsten Moment aus seinem Blickfeld, sicher auf dem Weg zur Tür so schnell sie konnte.

Seine Tante umarmte und küsste ihn auf beide Backen. Jes kam gerade aus dem Stall, seine Augen glänzten feucht, als er seinem Pflegesohn kräftig auf den Rücken klopfte. Sein charakteristischer Duft drang Christian sofort in die Nase.

„Na komm, Kedde, jetzt tauen wir dich erst mal auf. Was für ein Wetter! Gib mir deinen Mantel und setzt dich an den Ofen.“ Seine geliebte Tante hielt immer noch seine Hände. „Wenn du wüsstest, wie froh wir sind, dich zu sehen! Komm, lass mich dir ...“

Er spürte, wie der Schnee in seinen Haaren schmolz und das Wasser seinen Nacken hinunter und unter sein Hemd rann, als er ihr den Mantel reichte.

„Jes, setzt doch schon mal Wasser auf“, sagte Alma, während sie Christians Mantel nahm.

„Aber das kann ich doch machen“, sagte Christian und lächelte über den Eifer, den sie an den Tag legte.

„Nein, du wärmst dich jetzt erst mal auf. Ist das ein Winter! Ich kann mich nicht erinnern, dass wir so was schon mal erlebt haben, und jetzt sollen wir auch noch Kohlen und alles andere sparen. Das hier ist das einzige warme Zimmer im ganzen Haus.“ Sie verschwand mit seinem Mantel, kehrte aber einen Augenblick später zurück und sagte: „Jes, zieh doch endlich deine Sachen aus, du stinkst ja fürchterlich.“

Sie lachten, und Christian sagte schnell: „Jetzt fühl' ich mich so richtig zu Hause.“

Wenig später saßen sie um den Esstisch herum und tranken Muckefuck, Christian in eine Wolldecke gehüllt mit einem Paar warmer Pantoffeln an den Füßen. Alma stellte eine Dose ihrer leckeren Plätzchen auf den Tisch, die es normalerweise immer erst am Weihnachtsabend gab.

„Ah, unübertrefflich“, sagte Christian, nachdem er ein Plätzchen in den Mund gesteckt hatte, und Alma strahlte. „Auf die Plätzchen freue ich mich zu Weihnachten immer am meisten.“

„Ach, lass mal gut sein“, sagte Alma lächelnd. „Du weißt schon, wie du mir schmeicheln kannst. Aber am meisten freust du dich doch auf Omas Weihnachtsgans, gib's ruhig zu.“

„Und zu dem Kaffee brauchst du gar nichts zu sagen“, sagte Jes, der sich seiner Arbeitskleidung entledigt hatte und jetzt beinahe eine Grimasse schnitt. „Ist mit Roggen gebrüht und schmeckt einfach scheußlich … pfui, Teufel … ja, Entschuldigung bitte ...“ Er streckte den Arm nach Alma aus.

„Hat man Töne! Er mag nicht mal meinen Kaffee“, sagte sie lachend. „Aber er schmeckt mir ja selbst nicht.“ So kam Christian wenigstens drum herum, ein Urteil über den Kaffee abgeben zu müssen, der tatsächlich widerlich war.

„Aber Roggen habt ihr also reichlich?“, fragte er und bemühte sich dabei, optimistisch zu klingen.

„Nicht sehr viel … Mal sehen, was das nächste Jahr bringt. Sie machen es uns nicht gerade leicht“, murmelte Jes. „Den größten Teil des Getreides, das wir produzieren, muss ich an den Staat abgeben, und es ist schwierig, Futter für die Hühner zu beschaffen. Jedenfalls können wir nicht so viele haben, wie wir gerne hätten. Das Ganze ist ein Teufelskreis.“

„Ich habe ein paar Lebensmittelkarten für euch mitgebracht“, sagte Christian und bemerkte, wie ein Lächeln über Almas Gesicht huschte.

„Und? Wie läuft's in Haderslev?“, fragte Jes.

„Ganz ausgezeichnet“, antwortete er kurz angebunden.

„Vielleicht ist es gut, dass du nicht mehr in Kopenhagen bist. Es sind unruhige Zeiten, seit das Außenministerium in Berlin diesen Pakt unterzeichnet hat“, sagte Jes und hob dabei die Augenbrauen. Offenbar verfolgten sie das politische Geschehen intensiver, als Christian es angenommen hatte.

Christian seufzte. „Ja, du hast recht. Seit Scavenius den Antikominternpakt unterschrieben hat, jagt eine Demonstration die andere. Die Leute sind wütend darüber, dass die Kooperationspolitik noch einmal verschärft wurde.“

„Und was hältst du davon? Hat Dänemark sich für eine Seite entschieden?“, fragte Jes.

Seine Pflegeeltern sahen ihn eindringlich an, und ihm wurde klar, dass sie das Thema nicht zum ersten Mal diskutierten. Sie waren beunruhigt, er könnte von den Folgen des Pakts betroffen sein. Er war jung und er war beim Militär. Er entschied sich, ihnen ihre Sorgen zu nehmen, zumindest was das anging, auch wenn er nicht meinte, was er sagte.

„Du meinst, es könnte bedeuten, dass Dänemark Truppen an die Ostfront schickt?“

Jes nickte mit ernster Miene und sah Alma an.

„Das glaube ich nun nicht“, sagte Christian und wünschte, er könnte sich seiner Sache sicher sein.

„Es ist ja schon allerhand, dass sich junge Dänen freiwillig zu diesem Freikorps melden“, meinte Alma. „Stell dir vor, Jessens Sohn hat sich letzten Sommer gemeldet, und jetzt läuft die gute Frau Jessen die ganze Zeit herum und macht sich Sorgen, dass ihm etwas passiert ist. Sie traut sich kaum noch, die Post aufzumachen, aus lauter Angst, eine Benachrichtigung zu bekommen, er sei gefallen.“

„Er hätte es auch nicht besser verdient“, murmelte Jes, wobei ein kaum merkliches Lächeln in seinen Mundwinkeln lauerte. Er warf Christian einen raschen Blick zu. Diese Dinge waren trotz allem wohl zu viel für Alma.

Christian kannte Jessens Sohn aus gemeinsamen Schulzeiten. Er sagte lieber nichts dazu. Alle wussten, dass Jessens gute, aufrichtige Dänen waren und ihr Junge sich von Frits Clausen und seinem Gerede von König und Vaterland und dem Zusammenhalt unter den nordeuropäischen Ländern hatte einfangen lassen. Das machte ihnen ganz sicher sehr zu schaffen, und ihr Sohn würde hoffentlich anders denken, wenn er irgendwann einmal von der Ostfront zurückkam. Um den Aufenthalt dort war er jedenfalls nicht zu beneiden.

„Der Bursche ist Frits Clausen schon immer hinterhergelaufen, verstehe das, wer will“, sagte Jes.

„Aber du weißt schon, dass er es nur für Gott, König und Vaterland tut … und für Frits Clausen“, sagte Christian und zwinkerte Jes zu. Beide brachen in Gelächter aus.

Alma schüttelte den Kopf. „Ihr seid doch nicht ganz gescheit.“ Etwas später beugte sie sich zu Christian und sagte mit einem Lächeln: „Ich soll dich auch schön grüßen.“

Er wollte gerade die Tasse zum Mund heben, hielt aber mitten in der Bewegung inne und erstarrte, und als sie „Von Gerda“ hinzufügte, beschleunigte sein Herzschlag.

„Sie meinte, vielleicht hätte sie Zeit, Heiligabend bei Oma vorbeizuschauen, jetzt, wo du schon mal da bist.“

Christian riss sich zusammen und antwortete so leichthin wie möglich: „Na, das wäre doch schön.“

Kollund, Dezember 1941

Der Tradition gehorchend, trafen sie sich am Mittag des Heiligabend bei Oma Botilla. Die Frauen fuhrwerkten in der Küche herum und die Männer saßen im Wohnzimmer und spielten Karten. Im Laufe des Nachmittags wehten wunderbare Düfte durch die Räume und leisteten einem erwartungsfrohen Magenknurren Vorschub, das sich auf den Gesichtern der meisten spiegelte. Aber in diesem Jahr war es etwas anders als gewöhnlich. Christian dachte an Gerda und lauschte die ganze Zeit über mit einem halben Ohr, ob nicht jemand an der Tür war. Sie schafft es wohl doch nicht, sagte er sich ein paar Mal, aber es half nichts.

Onkel Jes sagte nicht nur einmal: „Himmel Herrgott, Junge, wo bist du denn mit deinen Gedanken? Ich dachte, wir wollten diesen Stich machen!“

Hingegen hatten sowohl Onkel Jacob als auch Vetter Georg ihren Spaß, schließlich lagen sie weit in Führung.

Später am Nachmittag wurde an die Tür klopft, und dann waren Stimmen im Flur zu hören. Er bemühte sich, das unruhige Klopfen seines Herzens zu ignorieren, weiterzuspielen und überrascht dreinzublicken, als Oma lächelnd in der Tür stand. „Kedde, mein Guter, Gerda ist hier und fragt nach dir.“

Onkel Jes und Onkel Jacob lächelten vielsagend, wahrscheinlich hatten sie die ganze Zeit geahnt, wie es um ihn stand. Nur Georg verdrehte die Augen zur Zimmerdecke.

„Willst du etwa mitten im Spiel aufhören?“

Hastig stand er auf, fühlte sich aber trotzdem so steif wie einer der Zinnsoldaten, die noch in seinem alten Zimmer standen.

Lieber Himmel! Er konnte es kaum ertragen, sie zu sehen.

„Guten Tag, Kedde, ich dachte, ich schaue mal vorbei. Wir haben uns lange nicht gesehen.“ Sie stand da, mit roten Wangen und Schneeflocken auf dem Mantel, und streckte ihm die Hand entgegen.

Ihre Hand war kalt, als er sie ergriff und festhielt, bis Oma sagte: „Sie will nicht hereinkommen. Sie will nicht einmal ihren Mantel ausziehen.“

„Ich muss gleich wieder los“, sagte sie lächelnd. „Ich wollte nur schnell Guten Tag sagen.“

Er war verloren. Außerstande, etwas Vernünftiges zu sagen. Der Gedanke befiel ihn, vor ihr auf die Knie zu sinken und sie anzuflehen, nicht zu gehen. Mit ihm nach Kopenhagen zu gehen. In einen neue Zukunft. Heutzutage kam es vor, dass die Leute sich scheiden ließen.

Dann hörte er sie fragen: „Wie geht's dir, Kedde?“ Die anderen Familienmitglieder verstummten, sie wollten sich kein Wort entgehen lassen.

Er riss sich zusammen und versuchte, überzeugend zu klingen. „Großartig, danke. Sicher hast du schon gehört, dass ich wieder in Haderslev bin?“

„Ja, unglaublich, wie du im ganzen Land herumkommst“, sagte Gerda. „Ab und zu treffe ich ja Botilla und Alma, und sie sind so nett und erzählen mir alles von dir. Wie schön, dass du deine Ausbildung in Kopenhagen hinter dir und eine Stellung in Haderslev bekommen hast.“

„Ach, das ist doch nichts Besonderes. Erzähl mir von dir … Willst du nicht doch den Mantel ausziehen?“ Er spürte, wie er rot wurde.

Sie stand immer noch auf der Fußmatte an der Tür. „Nein, danke, ich habe nur einen Augenblick Zeit …“

„Geht es dir denn gut?“, fragte er dann.

Sie blickte zu Boden, bevor sie antwortete. „So kann man es sagen. Wir haben einen Sohn bekommen und wohnen ganz in der Nähe von Mama und Papa und …“ Erst jetzt bemerkte er die Wölbung unter ihrem Mantel.

„Ja, und wir sind wieder guter Hoffnung. Das Kind kommt im März“, fuhr sie fort und legte die Hand auf ihren Bauch.

Ein paar Minuten später sagte sie unruhig: „Ich muss zurück … ich wollte nur …“

„Ich begleite dich noch ein Stück“, sagte er etwas zu eilig und schlüpfte hastig in ein Paar Stiefel.

Draußen war es schon dunkel. Es schneite leicht, und schnell wurde ihm klar, dass er besser noch nach einem Schal und einer Mütze gegriffen hätte.

„Können wir vielleicht einen Umweg gehen?“, fragte er. Sie hatte sich bei ihm untergehakt, und der Gedanke, dass sich ihre Arme bald wieder loslassen würden, stimmte ihn traurig.

„Doch, schon“, antwortete sie, und sie bogen in die falsche Richtung auf die Hauptstraße ab. Schweigend gingen sie weiter. Es gab nicht viel zu sagen, lieber genossen sie die Wärme, die zwischen ihnen entstand. Die Nähe. Er hätte alles dafür gegeben, sie festzuhalten. Irgendwann sah er ein, dass er etwas sagen musste. Er würde es bereuen, wenn er es nicht tat.

„Ich vermisse dich“, bekam er mit heiserer Stimme heraus. Es klang, als seien es die ersten Worte, die er seit Tagen sprach.

Sie sagte nichts, schien über das nachzudenken, was er gesagt hatte. Er hörte ihre Atemzüge und spürte, wie sie seinen Arm drückte. Gefangen in der Magie des Augenblicks fuhr er fort: „Ich denke immer noch an dich, daran, dass wir zusammen sein sollten, dass ich damals nur zu langsam war. Dass ich dich hätte fragen sollen, ob du mich heiraten willst.“

Eine Weile blieb es still zwischen ihnen. Dann sagte Gerda leise: „Ich weiß nicht mal, ob ich ans Schicksal glaube, aber manchmal denke ich, dass etwas falsch ist.“

„Gott hatte damals zu viel zu tun.“ Christian berührte ihre Hand, die auf seinem Arm lag. „Hätte ich gewusst, dass du kommst, hätte ich dir ein Weihnachtsgeschenk mitgebracht. Ich würde dir gerne etwas schenken …“

Die Verdunkelungsvorhänge sorgten dafür, dass aus den umliegenden Häusern kein Licht auf die Straße fiel. Die Dämmerung des späten Nachmittags hatte sie eingehüllt, und er spürte, dass sie ihn nicht zurückweisen würde. Er musste es tun. Hundert Meter von ihrem Haus entfernt blieb er stehen. Sah sich nach beiden Seiten um. Die Straße lag verlassen da. Bei den meisten war sicher schon Bescherung. Er legte die Arme um sie. Zog sie an sich. Spürte den Bauch unter dem Mantel. Sie ließ es ihn tun. Er küsste sie.

Haderslev, Oktober 1942

Ein Kollege bot Christian eine kleine Wohnung an. Er erbat sich etwas Bedenkzeit, sagte dann aber ab, weil das Zimmer, in dem er wohnte, zu einem günstigen Preis alles bot, was er brauchte. Inzwischen hatte er die Vermieterin, Frau Christiansen, schon ein ganzes Jahr lang ertragen, also würde er auch weiter mit ihr leben können. Offenbar geriet er jedes Mal an Menschen wie sie, wenn er nach einer Bleibe suchte. Als würden Wohnungen und Zimmer nur von Witwen vermietet, die über einen ausgeprägten Drang verfügten, im Privatleben ihrer Mieter herumzuschnüffeln. Und damit nicht genug, Frau Christiansen war eine regelrechte Klette. Immer, wenn sie die Haustür hörte, tauchte sie 'zufällig' auf, und in der Regel murmelte Christian, er habe es eilig und viel zu tun und schob sich an ihr vorbei.

Aber im Grunde ist es doch ganz gut hier, sagte er sich, wenn er sich wieder einmal darüber ärgerte, das gute Angebot seines Kollegen abgelehnt zu haben. Wann bekam man so eine Gelegenheit schon noch mal?

Es gab nicht viel, was er sonst hätte tun können, und so verbrachte Christian die Abende in Gesellschaft seiner Bücher, die er bei jeder sich bietenden Möglichkeit erwarb, im Toftevej. Las er nicht, hörte er BBC, und sein Widerwillen gegen die Besatzungsmacht wurde stetig größer.

Wahrscheinlich hatte besonders Staatsminister Buhls Ansprache, die im September im Radio ausgestrahlt worden war, seinen Unmut angeheizt. Buhl hatte unter anderem gesagt: „Es versteht sich von selbst, dass die Regierung auch weiterhin gegen jede Art von Sabotage oder anderer Verbrechen gegen die deutsche Wehrmacht mit allen gesetzlich zur Verfügung stehenden Mitteln durchgreifen wird. Die Partei wird sich dieser Aufgabe mit aller Kraft stellen. Denn zur Wahrung der Interessen unseres Landes in der gegebenen Situation steht für die Regierung die Aufrechterhaltung von Recht und Ordnung an erster Stelle.“

Außerdem hatte der Staatsminister alle Dänen dazu aufgefordert, Saboteure bei der Polizei anzuzeigen.

In Augenblicken wie diesen vermisste er Aksel und Petersen. Er konnte sich lebhaft vorstellen, wie sie sich ereifert hätten. Jetzt blieb er allein mit seiner Wut.

Er verbrachte unzählige Stunden damit, das 'Konversationslexikon unserer Zeit' zu studieren, das er sich in Kopenhagen zugelegt hatte und immer noch in monatlichen Raten von acht Kronen abbezahlte. Es lenkte ihn ab von der Frage ab, warum er keine Familie gründete, so wie alle anderen in seinem Alter es taten. Darauf gab es keine eindeutige Antwort. Außer, dass er die Richtige noch nicht gefunden hatte. Oder besser: Die Richtige hatte einen anderen gefunden.

Ein Tag verging wie der andere, doch dann nahm Christians Leben im Herbst 1942 eine unerwartete Wendung, als die Besatzungsmacht verfügte, sämtliche dänische Soldaten seien aus Jütland abzukommandieren. Offenbar fürchtete man, das Militär werde sich den Engländern anschließen, sollten diese an der Nordseeküste landen.

Die in der Haderslev Kaserne stationierten Einheiten sollten nach Fåborg verlegt werden. Seit Wochen waren sie dabei, Ausrüstung und Material zusammenzupacken, und eine vierzig Mann starke Abteilung war bereits nach Fåborg abgerückt, um ihre Einquartierung vorzubereiten.

An einem Sonntag kurz vor der Inmarschsetzung nach Fåborg war Christian zu Hause in Kollund, um die Familie zu besuchen. Er unternahm einen Spaziergang in der Hoffnung, Gerda zu begegnen, traf aber stattdessen seinen alten Freund Hans Fosmark.

Lachend und winkend überquerte Hans die Straße und grüßte ihn mit einem: „Fries, was für eine Überraschung! Ist lange her.“

„Schön dich zu sehen, Hans“, antwortete Christian lächelnd.

Hans hatte sich verändert. Verschwunden war der unsichere und vorsichtige Junge, Christian stand einem schlanken, selbstbewussten Journalisten gegenüber, der eine ruhige Souveränität ausstrahlte.

Eine Weile tauschten sie Allgemeinplätze darüber aus, wo sie wohnten und welche beruflichen Laufbahnen sie eingeschlagen hatten und was seit den Tagen an der Duborg Schule so alles passiert war. Dann sagte Hans: „Mein Vater lebt jetzt in Kopenhagen, ist Lehrer an einer Schule in Østerbro. Er würde sich ganz sicher mächtig freuen, dich mal wieder zu sehen. Vielleicht besuchst du ihn mal? Wir könnten uns doch mal bei ihm treffen.“

Überrascht hob Christian die Augenbrauen. Einen Moment zögerte er, antworte dann aber: „Ja, sicher, gerne.“ Als er kurz darauf zurück nach Hause spazierte, dachte er, dass es doch ein ganzes Stück Weg bis Kopenhagen war, aber nun hatte er zugesagt. Er würde den Besuch mit ein paar anderen Dingen verbinden, die er in der Hauptstadt zu tun hatte. Irgendetwas sagte ihm, dass das hier wichtig war. Hans war geradezu Feuer und Flamme gewesen, als er von Christians militärischem Rang hörte. Das Ganze wirkte so sonderbar, dass es etwas zu bedeuten haben musste. Warum lud ihn ein alter Schulkamerad, den er jahrelang nicht gesehen hatte, plötzlich nach Kopenhagen ein, um seinen alten Lehrer zu besuchen, mit dem er seit der Schulzeit ebenfalls keinen Kontakt mehr gehabt hatte?

Ein paar Tage später vereinbarten sie einen Termin, und am darauffolgenden Samstag nahm Christian den Zug. Als er auf dem Bahnsteig in Kopenhagen stand, glaubte er zu wissen, wie die Dinge zusammenhingen. Fosmark und sein Sohn mussten zum Widerstand gehören. Jedenfalls war es sehr wahrscheinlich, und vermutlich wollten sie Verbündete innerhalb des Militärs rekrutieren. Wenn sie ihn fragten, würde er ja sagen.

Seit Buhls Ansprache vor ein paar Monaten war sein Interesse, sich dem Widerstand anzuschließen, nicht geringer geworden. Er erinnerte sich noch genau daran, was der Staatsminister gesagt hatte. Damals war Christian aus seinem Sessel aufgesprungen und mit geballten Fäusten in dem kleinen Zimmer herumgelaufen. Am nächsten Tag war Buhls Rede in der Kaserne Gegenstand hitziger Diskussionen gewesen. Wessen Interessen vertrat Buhl eigentlich, die der Deutschen oder die der Dänen? Die Tatsache, dass er besonders der jungen Bevölkerung einschärfte, dass diejenigen, die Sabotageakte begingen oder Informationen über Saboteure zurückhielten, gegen die Interessen des Vaterlandes handelten, machte die Sache nicht besser. Auch nicht, dass derselbe Staatsminister die Menschen dazu aufrief, Widerstandskämpfer anzuzeigen.

Johannes Fosmark war viele Jahre lang Dänischlehrer an der Duborg Schule gewesen. Christian verdankte ihm sein Interesse an Literatur und an der dänischen Sprache. Er erinnerte sich, dass Fosmark in seinen jungen Jahren Wanderlehrer gewesen war und als solcher besonders engagiert mit der dänisch gesinnten Minderheit in Südschleswig gearbeitet hatte. Johannes Fosmark gehörte Tiddes Generation an, einer Generation, der Nationalität und die Identität als Dänen sehr viel bedeuteten. Christian rief sich die Besuche bei Fosmarks während der Schulzeit und die eindeutige Position seines ehemaligen Lehrers gegenüber dem neuen deutschen Kanzler in Erinnerung. Als Hitler in den Dreißigerjahren und mit Beginn des Krieges die Judenverfolgung in Gang setzte, hatte Christian so manches Mal an Fosmarks Worte gedacht. Wie Fosmark war er erschüttert darüber, was man den Juden antat. War sein alter Lehrer nach Kopenhagen gegangen, weil er dort anonymer als in Südjütland agieren konnte?

Es war viel passiert seit den Tagen an der Mittelschule. Schon damals war die Zeit eine andere geworden, nachdem Gerda die Schule verlassen hatte. Während der Unterrichtsstunden verlor Christian sich immer öfter in Gedanken und Träumereien, stellte sich vor, was Gerda auf dem Gut wohl gerade tat oder was er werden würde, wenn er die Schule hinter sich hatte. Er sah sich in Soldatenuniform und wünschte, er könne die Schule ebenfalls verlassen. Seine Hausaufgaben schob er meistens vor sich her, jetzt, da er Gerda nicht mehr imponieren konnte, und eines Morgens wurde er mit Nachdruck daran erinnert, als Johannes Fosmark plötzlich vor seinem Tisch stand.

„Wie steht's mit dem Aufsatz, Fries?“

Christian setzte sich gerade hin und antwortete: „Es tut mir leid, Herr Fosmark, aber ich habe ihn nicht.“

Fosmark war der freundlichste Lehrer an der Schule, und er begnügte sich damit, eine Augenbraue zu heben und zu fragen: „Hatte Herr Fries etwa zu viel zu tun?“

Christian nickte heftig. „Ja, wir haben ganz viele Hühner bekommen.“

Die Klasse lachte.

Christian blickte zu Boden. Es stimmte zwar, sie hatten tatsächlich jede Menge Hühner für die Farm bekommen, aber es war wohl keine gute Idee, sie als Entschuldigung für den fehlenden Aufsatz ins Feld zu führen. Aber Fosmark hätte es noch weit weniger gefallen, hätte er gesagt: 'Mir ist nichts eingefallen' oder 'Peter und ich waren im Wald und haben gespielt' oder auch einfach 'Ich kann keine Aufsätze schreiben', obwohl alle drei Erklärungen richtig gewesen wären.

Fosmark sagte nur: „Na schön, mein Freund, du bekommst Aufschub bis Freitag. Spätestens dann liegt der Aufsatz auf meinem Tisch, sind wir uns da einig?“

Wieder hatte Christian heftig genickt.

Die Tage vergingen. Er hatte den Aufsatz zwar nicht vergessen, aber doch weiter vor sich hergeschoben. Die Aufgabe erschien ihm zu groß, als dass er sie bewältigen konnte. Johannes Fosmark erwartete, dass man eine ordentliche Arbeit abgab. Zuerst war eine Gliederung anzulegen, dann ein Entwurf anzufertigen, der schließlich mit Tinte in Reinschrift zu übertragen war. Allein der Gedanke daran raubte ihm jegliche Kraft. Besonders die Kommasetzung machte ihm zu schaffen. Schließlich durfte die Reinschrift nicht zu sehr vom Entwurf abweichen, und beide Texte waren abzugeben. Aber das Schlimmste war, dass die Reinschrift in der Schule angefertigt werden musste, da er zu Hause weder einen Füllfederhalter noch Tinte hatte. Also musste er sich nach dem Unterricht unter Aufsicht eines Lehrers in die Schulbibliothek setzen.

Er hatte sich vorgenommen, den Aufsatz am Donnerstag zu schreiben. Es war der letzte mögliche Tag, und er redete sich ein, unter Druck am besten arbeiten zu können. Wie sollte er auch voraussehen, dass Onkel Jes ihm verriet, er habe Karten fürs Kino, als er Christian am Mittwochabend ins Bett brachte? Er habe doch morgen Abend nichts zu tun, oder? Natürlich musste er lügen. Er musste sagen, er habe keine Hausaufgaben mehr zu erledigen. Er war erst einmal im Kino gewesen. Am Freitagmorgen in der ersten Stunde hatte er keinen Aufsatz, den er abgeben konnte. Der Lehrer wartete, bis die Stunde vorüber war, bevor er danach fragte: „Und, Herr Fries? Hast du einen schönen Aufsatz für mich?“ Christian wand sich. Zufällig hatte der Klassenbeste, Fosmarks Sohn Hans, Tafeldienst und rieb mit dem Schwamm von oben nach unten über die Tafel und tat so, als bekomme er von all dem nichts mit.

Johannes Fosmark seufzte. „Sag mal, Fries, hast du den Aufsatz etwa wieder nicht geschrieben?“ Allmählich wurde er ungehalten.

„Ö, also … es war so, dass ich gestern Abend mit meinem Onkel Jes ins Kino musste.“

Christian ließ den Kopf hängen.

„Du musstest? Was für ein Film wurde denn gezeigt?“

„Der Pfarrer von Vejlby.“

„Der Pfarrer von Vejlby“, wiederholte sein Lehrer. „Du weißt schon, dass der Film nach einer Novelle von Steen Steensen Blicher gedreht wurde, oder? Eine ausgezeichnete Wahl, die du da getroffen hast!“

Unsicher sah Christian den Lehrer an. Er klang überhaupt nicht wütend. Fosmark lächelte sogar. „Tja, dann hätte ich den Aufsatz auch aufgeschoben, wenn ich die Möglichkeit bekommen hätte, mir so einen Film anzusehen. Sagen wir, du gibst den Aufsatz spätestens am Dienstag ab?“

„Ja, natürlich, Herr Fosmark.“ Christian verbeugte sich beinahe vor Erleichterung.

Draußen vor dem Klassenzimmer packte Hans ihn am Arm. „Ich kann dir helfen, wenn du willst.“

Sie standen sich gegenüber. Christian wusste nicht, was er sagen sollte. Unsicher wippte er auf den Zehenspitzen vor und zurück und vergrub die Hände in den Hosentaschen.

„Meine Kommasetzung ist ganz gut, und ich habe auch einen Füllfederhalter, den du gerne benutzen kannst.“ Die Sache war entschieden.

Christian hatte Hans Fosmark immer als einen zurückhaltenden, fast schüchternen Jungen gesehen. Aber das änderte sich. Hans war ein kluger Kopf, der gerne Bücher las und Schach spielte. Christian besuchte seinen neuen Freund gerne, um mit ihm Schach zu spielen und mit seinen netten Eltern zu plaudern. Johannes Fosmark sprach mit ihm über Literatur, als sei er ein Erwachsener, und lieh ihm interessante Bücher von vielen der großen dänischen Autoren.

Es war zu Hause bei Familie Fosmark gewesen, dass Christian zum ersten Mal den Namen Hitler gehört hatte, ein paar Monate, bevor er die Mittelschule abschloss und nicht lange, nachdem Adolf Hitler an die Regierungsmacht gekommen war. Er erinnerte sich nicht an die genauen Worte seines Lehrers, aber sie waren alles andere als positiv gewesen, und seitdem äußerte er sich immer kritisch, wenn die Sprache auf den deutschen Kanzler kam.

Es war noch ein langer Weg vom Bahnhof aus, und so entschied Christian sich, dem Rat eines älteren distinguierten Herrn zu folgen und nahm den Pferdeomnibus. An der Haltestelle Østersøgade nahe der Østerbrogade stieg er aus und ging den Rest des Weges bis zur Slagelsegade zu Fuß. Er schlug den Mantelkragen hoch und drückte den Hut tief ins Gesicht, dennoch biss ihn der kalte Wind in Nase und Ohrläppchen. Unsanft riss er die letzten roten und braunen Blätter von den Bäumen und kehrte sie raschelnd zu Haufen zusammen, nur um sie einen Moment später wieder auseinanderzutreiben. Christian ignorierte ein paar deutsche Soldaten, die an einer Straßenecke standen und sich lautstark unterhielten und lachten. Stattdessen betrachtete er eine Mutter mit ihrem Kind, die der Oktoberkälte trotzten. Sie war in die Hocke gegangen und hielt schützend den Arm um den Kleinen, während sie auf ein paar Enten zeigte, die träge über das Wasser des Sortedamsø glitten. Wäre nicht Krieg gewesen, hätten sie die Tiere wohl gefüttert. So aber konnte es sich niemand leisten, auch nur ein paar Brotkrumen auf diese Weise zu verschwenden.

Die Frau war schön, und er spürte einen leichten Stich in der Brust. Er war viel zu sehr mit seiner Karriere beim Militär und viel zu wenig damit beschäftigt, eine Frau zu finden und eine Familie zu gründen. Er träumte davon, Vater eines frischen, rotwangigen Knirps' zu sein wie der, der gerade den Enten zusah. Er atmete tief durch und ging weiter. Mir geht es doch gut. Das wird schon noch, kommt Zeit kommt Rat, dachte er.

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