Kitabı oku: «Sankt Michael - Ein Kirchenjuwel an der Mosel», sayfa 2
Pfarrer Johann Hau schloss nun die Zusammenkunft und die Männer des Kirchenvorstands gingen, jeder in Gedanken versunken, was die Visitation nächste Woche bringen könnte, nach Hause.

Piesport um 1770 (Ausschnitt aus LHA Koblenz 702/326)
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Der Tag der Pfarrvisitation war gekommen. Der Ort hatte sich herausgeputzt, die Straßen waren gefegt, die Kapellen und Bildstöcke mit Pflanzen geschmückt, die von den Frauen über Winter in ihren Wohnungen aufgezogen worden waren. Da es um diese Jahreszeit noch keine blühende Blumen gab, hatten sich auch die Kinder viel Mühe gegeben und unter Anleitung des Frühmessers in der Schule Blumen aus buntem Papier ausgeschnitten, gefaltet und geklebt. So war alles bereit.
Um die Mittagszeit sollten die Herren aus Trier ankommen. So war es dem Pfarrer mitgeteilt worden. Alle Dorfbewohner hatten sich pünktlich um 12 Uhr nach dem Mittagsläuten am Fährkopf versammelt, allen voran Pfarrer Johannes Hau mit den Synodalen der Kirchengemeinde. Ebenso standen der Bürgermeister, die Gemeindescheffen, die Zender und die Verwalter der herrschaftlichen Güter bereit, die Abordnung aus Trier zu empfangen. Alle hatten ihre besten Kleider angezogen, hohen Herren der Gemeinde ihre besten Hüte aufgesetzt.
„Hallo, hallo, sie kommen“, rief von der anderen Moselseite Fährmann Heinrich Esselen aufgeregt und ruderte mit den Armen, um auf sich aufmerksam zu machen. „Ich höre schon den Hufschlag der Pferde und die Geräusche der Wagenräder.“
Die Erstkommunionkinder des letzten Jahres, die Mädchen in weißen Kleidern, mit Kränzchen auf dem Kopf, die Jungen dunkel gekleidet, bildeten ein Spalier, um die Kutschen der Trierer Herren vom Land auf die Fähre zu geleiten.
Dann kamen sie um die letzte Kurve. Vorneweg zwei bewaffnete Reiter, dann mehrere mit den Standarten des Kurfürsten und Erzbischofs Clemens Wenzeslaus. Diese wurden immer bei offiziellen Anlässen mitgeführt, und dann die beiden Kutschen mit den Herren Visitatoren aus Trier. Der Fährmann und seine Gehilfen geleiteten die Reiter und die Kutschen, begleitet von den Kindern, auf die Fähre. Diese legte ab und war in ein paar Minuten auf der anderen Moselseite und legte an. Die Fährgehilfen sprangen schnell aufs Land und zurrten die Fähre mit schweren Ketten an im Boden eingelassenen Ringen fest. Die Pferde der begleitenden Reiter trabten los, die Kutscher auf den Böcken ließen die Peitschen knallen, und die Kutschen setzten sich ebenfalls, rechts und links geleitet von den Kommunionkindern, ebenfalls in Bewegung und hielten auf dem Platz vor dem Pfarrhaus an. Die Menschen aus Piesport, Müstert, Ferres und Crames bildeten einen großen Kreis darum. Die Kutscher der beiden Gefährte stiegen herab, öffneten die Verschläge der Kutschen, und die Herren entstiegen diesen.
Pfarrer Johannes Hau trat an die erste Kutsche heran und begrüßte die Ankommenden
„Meine Edlen Herren, hochwürdiger Herr Dekan Feilen und hochwürdiger Definitor Guspert seid in Piesport herzlich willkommen“, sprach er sie an. „Haben die Herren eine gute Reise gehabt?“
„Ja, mein lieber Pfarrer Hau, danke der Nachfrage. Die Kutsche war bequem und die Wege nach dem Winter wieder in einem guten Zustand. Wir können nicht klagen.“
Dann traten auch die anderen Vertreter der Pfarrei hinzu und begrüßten ebenfalls die Herren, vorneweg der Frühmesser, dann die Synodalen der Kirchengemeinde, die Bürgermeister der zur Pfarrei gehörenden drei Orte und die Meier der Grundherren. Inzwischen waren auch die Insassen der zweiten Kutsche ausgestiegen, die Vertreter der wichtigsten Abteien und Klöster, die in Piesport Grundbesitz hatten. Pfarrer Johannes Hau wandte sich nun auch diesen zu und hieß sie in Piesport willkommen. Ebenso taten auch die anderen Vertreter der drei zur Pfarrei gehörenden Orte. Die Schulkinder stellten sich auf und sangen unter der Leitung des Frühmessers ein Lied.
„Nun, meine Herren“, sprach Pfarrer Hau die Angekommenen an, als die Kinder das Lied beendet hatten. „Ihr seid bestimmt durstig, hungrig und erschöpft von der Fahrt. Kommt mit ins Pfarrhaus, der Tisch ist gedeckt, erfrischt und sättigt Euch und trinkt von unserem guten Wein.“
Das ließen sie nicht zweimal sagen und folgten Pfarrer Hau ins Pfarrhaus. Ein reges Gespräch kam auf, als sie alle gegessen und getrunken und sich etwas erfrischt hatten. Pfarrer Hau befragte die Herren nach dem allgemeinen Zustand in der Erzdiözese und im Reich. Er erkundigte sich auch nach seinen Mitbrüdern, mit denen er das Priesterstudium gemacht hatte, die aber in dem ganzen Erzbistum verstreut, teils sogar in den französischen Suffraganbistümern eingesetzt waren. Dadurch war es oft schwierig, den Kontakt mit ihnen aufrecht zu erhalten. Erfreut erfuhr er, dass es den meisten von ihnen gut ginge. So verging der Nachmittag in regem Gedankenaustausch zwischen Pfarrer Hau, den beiden Visitatoren und den sie begleitenden Vertretern der in Piesport begüterten Abteien.
Gegen Abend kamen dann auch die Pfarrsynodalen, der kurfürstliche Meier und die der Abteien Mettlach, Ouren, Himmerodt und Tholey dazu. Der Ablauf der Visitation wurde besprochen und natürlich dem Wein aus der letzten Ernte zugesprochen. Daran mangelte es nicht. Dafür hatten alle im Ort beteiligte Personen rechtzeitig gesorgt. Es war schon spät, als die Runde in weinseliger Laune aufgelöst wurde. Die beiden Visitatoren des Erzbischofs blieben im Pfarrhaus, für die Vertreter der Abteien war ein Bett bei den jeweiligen Meiern hergerichtet.
Der nächste Morgen. Nach dem Frühstück nahmen die Visitatoren ihre Arbeit auf. Die Abgesandten der Grundherren ließen sich von den Meiern die wirtschaftliche Situation der Güter erklären, ließen sich die Bücher seit der letzten Überprüfung zeigen und wollten wissen, was in den nächsten Jahren an größeren und kleineren Investitionen geplant sei. Dann sahen sich auch den Zustand der Hofhäuser, des ganzen Ortes und der Weinberge an. Bis hinunter in den Mettlacher Pichter gingen sie, inspizierten dort das Kelterhaus, und weiter, bis die Felsen den Weg versperrten. Auch in Richtung Ferres gingen sie bis in das Tholeyer Fünftel. Erfreut bemerkten sie dabei, dass der größte Teil der Parzellen bereits mit den vom Kurfürsten favorisierten Rieslingreben bepflanzt waren und die Weinberge sich in einem gutem Zustand befanden. Man könne nicht alle Weinberge auf einmal umpflanzen, sondern nach und nach, der Ernteausfall wäre sonst zu hoch, bekamen die Inspektoren zur Antwort, als sie die noch fehlenden Neuanpflanzungen mit den Rieslingreben bemängelten. Das sahen diese dann auch ein und lobten diese Voraussicht. Nur am Zustand der Wege, hauptsächlich an den Seitenwegen, hatten sie einiges zu bemängeln und brachten dies bei der abschließenden Besprechung mit allen Meiern deutlich zum Ausdruck.
„Meine Herren“, hielt ihnen daraufhin der kurfürstliche Meier Matthias Veit vor. „Wir hatten einen strengen Winter, die Schneeschmelze und der Regen danach haben viele Schäden angerichtet. Dass die Stöcke geschnitten werden, damit sie in diesem Jahr wieder einen guten Ertrag bringen, hatte doch Vorrang vor allen anderen Arbeiten. Denn wenn dieser, nur weil wir die Stöcke nicht richtig bearbeitet haben, ausbleibt, hätten unsere Herren wirklich einen Grund, sich zu beschweren. Außerdem war auch noch einige Zeit der Winzermeister des Reichsgrafen Hugo von Kesselstatt hier, um einige Winzer in der Endbehandlung der letzten Ernte und der richtigen Pflege der Rieslingreben zu unterstützen. Diese Arbeit war wichtiger als die paar Schlaglöcher in den Wegen auszubessern. Dafür ist noch Zeit genug, während die Frauen die Reben binden.“
Die Meier der anderen Grundherren blicken Matthias Veit anerkennend an. Endlich hatte einer denen da oben mal die Meinung gesagt. Einige Abgesandte der Abteien wollten ihm widersprechen, wagten es aber nicht, denn sie mussten einsehen, dass er Recht hatte. Außerdem stand er in Trier in hohem Ansehen und hatte großen Rückhalt bei vielen hochgestellten Personen in der kurfürstlichen Verwaltung. Die Ergebnisse der Visitation und die Einlassungen der Meier, besonders die des kurfürstlichen, wurden in einem Protokoll festgehalten und von den Beteiligten unterzeichnet.
Auch bei der Visitation im kirchlichen Bereich ging es sachlich zu. Pfarrer Johannes Hau und der älteste der Synodalen, Peter Hardt, legten dem Dekan Feilen die Bücher der Kirchenfabrik vor und erläutertem ihm einige Punkte. Dekan Feilen war sehr zufrieden, als er das Endergebnis der Bücher sah. Er lobte sie wegen der guten Führung der Unterlagen. Währenddessen ging Definitor Guspert mit Anton Hardt, dem Sohn von Peter Hardt, durch den ganzen Ort und ließ sich sämtliche Kapellen und Bildstöcke zeigen. Überall machte er sich Notizen über deren Zustand. Auf die Begehung des großen Kreuzweges, der über den alten steilen Bergweg auf die Höhe führte, wurde verzichtet. Das war dem Definitor doch etwas zu anstrengend. Der kleinere Kreuzweg, mit den vier Bildstöcken den Michelsweg hinauf, sollte morgen inspiziert werden, wenn sich der Dekan auch die Pfarrkirche in den Weinbergen ansehen wollte.
Der nächste Tag. Besorgt und in Gedanken für die kommende Inspektion der Kirche unten im Ort und besonders der alten Pfarrkirche in den Weinbergen setzte sich Pfarrer Johannes Hau an den Frühstückstisch und wartete auf die beiden Visitatoren. Er sah diesem Tag mit gemischten Gefühlen entgegen.
„Guten Morgen. Haben die Herren gut geschlafen?“, empfing Pfarrer Hau die beiden Visitatoren, als sie den Raum betraten.
„Danke, Pfarrer Hau“, antwortete Dekan Feilen. „Die Runde gestern Abend mit Eurem guten Piesporter Rieslingwein zusammen mit den Synodalen war der richtige Abschluss nach der trockenen Prüfung der Bücher der Kirchenfabrik. Er hier, Definitor Guspert hatte wenigstens etwas Bewegung beim Inspizieren der Kapellen und Bildstöcke. Er war sehr angetan von der Vielzahl und deren gutem Zustand, hat er mir auf dem Weg nach hier noch gesagt. Wenn es so weitergeht, meinte er, könnten wir sehr zufrieden sein.“
„Dann setzt Euch, meine Herren, und stärkt Euch und genießt das Frühstück.“
Nach dem Frühstück, als auch der Frühmesser und die Pfarrsynodalen hinzugekommen waren, wurde das Programm des kommenden Tages besprochen.
„Pfarrer Hau“, begann Dekan Feilen und entnahm seinen Unterlagen mehrere Blätter zum Ausfüllen. „Ehe wir heute mit den Besichtigungen draußen beginnen, haben wir noch einige Fragen zu der Pfarrgemeinde.“
„Bitte meine Herren, der Frühmesser und ich werden versuchen, ihre Fragen wahrheitsgemäß zu beantworten.“
„Die Pfarrei Piesport besteht aus den drei Orten Piesport, auf der anderen Moselseite Müstert und dann noch Crames. Wie haltet ihr es mit den Messen an den Sonn- und Feiertagen?“
„Die Sonntagsmessen sind fast alle hier unten in der kleinen Ortskirche, nur an den hohen Feiertagen wird das Festhochamt oben in den Weinbergen in der alten St. Michaelspfarrkirche gelesen. Dazu befinden sich in Müstert und in Crames größere Kapellen, in denen auch Messen gelesen werden können. Dies wird von mir und dem Frühmesser abwechselnd gemacht. Die Crameser haben dazu auch noch die Möglichkeit, die Wallfahrtskirche in Eberhardsclausen für die Sonntagsmessen zu besuchen.“
„Wie viele Einwohner haben die drei Orte?“
„Piesport hat 75 Haushaltungen, Müstert 32 und Crames 16.“
„Wie viele Kommunikanten hat die Pfarrei?“
„Für alle drei Orte zusammen 662.“
Noch viele weitere Fragen stellten die zwei Visitatoren anhand der von der erzbischöflichen Verwaltung festgelegten Liste. Diese konnten Pfarrer Hau, sein Frühmesser und die Synodalen zu deren Zufriedenheit beantworten. Alles wurde fein säuberlich in der Fragenliste vermerkt.
„Nun, meine Herren“, fuhr Dekan Feilen, nachdem sich alle noch mit einem Glas Wein gestärkt hatten, fort „gehen wird nun nach draußen und inspizieren die Kirchengebäude.“
Der Pfarrer und die Synodalen sahen sich verstohlen an, denn sie ahnten bereits, was auf sie zukommen könnte, wenn sie an der Kirche in den Weinbergen angekommen waren.
„So, dass ist eure kleine Kirche im Ort“, bemerkte Dekan Feilen, als sie in der Ortskirche angekommen waren und er sich sich dort umgesehen hatte. „Viel macht die aber nicht daher. Wie schafft ihr es, dass alle eure Gläubigen die Sonntagsmesse besuchen können.“
„Wir halten hier jeden Sonn- und Feiertag eine Frühmesse, dafür ist hier unser Frühmesser zuständig. Ich halte das Hochamt. So haben die Menschen hier die Wahl zwischen zwei Messen und können sich die Arbeit zu Hause einteilen. Das Vieh und die kleinen Kinder und Säuglinge müssen auch Sonntags versorgt werden. Die Müsterter halten es genau so. Außerdem hält der Frühmesser drüben in Müstert in der Allerheiligenkappelle eine zweite Messe, so dass auch für die gesorgt ist. Die Crameser gehen meist in die Wallfahrtskirche Eberhardsclausen. Diese gehört ja auch zu unserem Pfarrbezirk. Zu den Augustinermönchen dort, besonders zu ihrem Prior Johann Jakob Otto, haben wir ein gutes Verhältnis und diese helfen uns immer gerne aus. Oft sitzen wir zusammen, nicht nur wegen unseres guten Weins, mit dem wir die Mönche versorgen.“
Über diese letzte Bemerkung mussten auch die beiden Visitatoren lachen und Dekan Feilen bemerkte: „Es ist immer gut, wenn man sich in der Nachbarschaft gut versteht. Das kann nur vom Vorteil sein.“
„Zu der kleinen Kirche hier unten muss noch bemerken, dass es in den letzten fünfzig Jahren zunehmend zu Problemen mit dem Platz gibt. Davon haben mir einige ältere Mitbürger berichtet. Die Einwohnerzahl ist in den letzten 100 Jahren stark gestiegen. Hatten wir bei der Visitation 1715 erst 350 Kommunikanten, so sind es jetzt sogar 662. Wenn es so weiter geht, wird auch unsere Pfarrkirche in den Weinbergen zu klein.“
„Herr Pfarrer, nicht so voreilig“, entgegnete Dekan Feilen. „Erst will ich mir anschauen, wie es oben aussieht. Gehen wir.“
Pfarrer Hau und der Frühmesser vorneweg machten sie sich nun den steilen und engen Michelsweg hinauf zur Pfarrkirche. Bei jeder der vier Stationen entlang des Weges blieben die Synodalen stehen und verharrten im Gebet. Den Visitatoren blieb nichts anderes übrig, als auch stehen zu bleiben. Bei der dritten Station begann Definitor Guspert zu murren: „Warum bleiben die immer bei jeder Station eine Zeit lang stehen? Ich glaube, die wollen nur verzögern.“
„Nein, nein, meine Herren“, antwortete Pfarrer Johannes darauf. Er hatte rasch begriffen, was die Synodalen bezweckten und reagierte entsprechend. „Sie wollen nicht verzögern. Seht doch, die beiden älteren der Synodalen, wie beschwerlich für sie der Weg nach hier oben ist. Außerdem ist es hier seit ewigen Zeiten Brauch, an diesen Stationen kurz zu verweilen und für die Verstorbenen und für eine eigene gute Sterbestunde zu beten. Dieser Brauch kommt daher, dass früher auch die Toten dort oben begraben wurden. Der alte Friedhof ist immer noch um unsere alte ehrwürdige Pfarrkirche. Und viele ältere Menschen aus dem Ort haben ihre Eltern und nahe Angehörige noch dort oben liegen.“
Diese Antwort leuchtete den beiden Visitatoren ein und sie gaben sich damit zufrieden.
„Dies ist ein guter Brauch. Den wollen wir natürlich nicht stören.“, bemerkte Dekan Feilen. Er und sein Begleiter beteiligten sich dann ebenfalls an den Gebeten.
Oben an dem Standort der Kirche angekommen, mussten sie ebenfalls kurz anhalten und zu Atem kommen, schauten zurück auf den friedlichen Ort unten am Fluss, weiter flussauf gen Ferres und auch hinüber auf die andere Moselseite nach Müstert mit der Allerheiligenkapelle. Die Aussicht von hier hatte es ihnen angetan und ihre Gedanken versuchten abzuschweifen. Doch schnell mussten sie sich wieder von dem Anblick losreißen. Die Pflicht holte sie wieder in die Wirklichkeit zurück und sie wandten ihren Blick zur Kirche.
„Wie sieht die den aus!“, riefen vor Schreck die beiden Visitatoren. „Das nennt ihr Eure Pfarrkirche! Das ist nicht viel mehr als eine heruntergekommene Scheune und kein Gotteshaus. Schämt ihr Euch nicht?“
In der Tat bot das Gebäude bereits von außen einen desolaten Eindruck. Das Kreuz auf der Kirchturmspitze hing schief, in der Dachabdeckung des Turmes und des Kirchenschiffes klafften überall Lücken, der Putz blätterte an vielen Stellen ab, Streifen von herabfließendem Niederschlagswasser verunstalteten den Anstrich. Sogar einige Fenster waren zerbrochen.
Pfarrer Johannes Hau und die Synodalen sahen beschämt zu Boden. Sie wussten zwar über den Zustand der Kirche Bescheid, aber über die harsche Reaktion der beiden Visitatoren waren sie doch sehr erschrocken. So befürchteten sie schon das Schlimmste bei der Besichtigung des Innenraums. Und so kam es auch. Schon das Eingangsportal gab Anlass zur Beanstandung, schief hing es in den Angeln und einige Bretter fehlten, so dass man direkt hineinsehen konnte. Dazu klemmte es noch, nur mit Gewalt ließ sich die Tür öffnen. Und erst der Innenraum. Überall waren die Spuren des undichten Daches zu sehen. Der Wind hatte durch die zerbrochenen Fenster und das Loch in der Tür viel Laub und Unrat in den Ecken und unter den Bänken zusammen geweht, es begann sogar langsam Unkraut darauf zu wachsen. Die beiden Visitatoren waren entsetzt, als sie dies sahen und überschütteten den Pfarrer und die Synodalen mit Vorwürfen. Eine regelrechte Sauerei wäre der Zustand, die Ältäre nicht mehr würdig, darauf eine Messfeier abzuhalten, ein Wunder sei, dass das ewige Licht noch brennt. Kurzum, der Dekan und der Definitor waren so entsetzt, dass sie kurzerhand die Kirche als baufällig und als entweiht erklärten und untersagten, diese noch weiter zu nutzen. Alle Einwände des Pfarrers und der Synodalen, es sei immer so mühselig, besonders für die älteren Leute hierhin zu gehen, um die notwendigen Reinigungen und Instandsetzungen durchzuführen, nutzten nichts, die Visitatoren blieben hart. Auch den Hinweis auf den kalten Winter mit viel Schnee ließen sie nicht gelten. Viele schwere Vorwürfe mussten sie daher über sich ergehen lassen. Nachlässigkeit und Schlamperei waren da noch die harmlosesten Ausdrücke. Ein Gotteshaus hat man zu pflegen, egal wie beschwerlich es auch ist. Eure Weinberge hier oben haltet ihr doch auch in Ordnung, dann könne dies auch für die Kirche gelten. Besonders Pfarrer Hau und der Vorsitzende der Synodalen, Peter Hardt und der kurfürstliche Meier, Matthias Veit, als in den Augen der Visitatoren Hauptverantwortliche, mussten die meisten Rügen einstecken. Dann nahmen die Visitatoren die noch vorhandenen sakralen Gegenstände an sich und löschten das ewige Licht.
Tief betroffen und machtlos sahen Pfarrer Hau und die Synodalen der Tätigkeit der Visitatoren zu und gingen betrübt und weil es schon gegen Abend war, sofort zu ihren Familien. Auch um an den vier Stationen, wie es sonst üblich war, kurz zu verweilen, hatten sie heute keinen Sinn. Ihre Gedanken waren anderswo.

Die alte Michelskirche in den Weinbergen um 1770 (Ausschnitt aus LHA 702/326)
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Am nächsten Morgen trafen sich alle noch einmal im Pfarrhaus zur Abschlussbesprechung. Die Vertreter der Abteien und die Meier der Grundherren waren ebenfalls anwesend, um den Abschlussbericht der kirchlichen Visitation zur Kenntnis zu nehmen, ebenso die Vertreter der Zivilgemeinde, allen voran Bürgermeister Hermann Kirsten und Josef Lönerd aus Krames. Die beiden Visitatoren hatten, da sie noch am Nachmittag und Abend des Vortages Zeit hatten, den Bericht bereits fertig gestellt und eine Abschrift zum Verbleib im Pfarrarchiv angefertigt.
„Herr Pfarrer Hau, meine Herren Synodalen und Vertreter der Gemeinde“, begann Dekan Feilen. „Die diesjährige Visitation war eine große Enttäuschung für uns. Besonders Eure Pfarrkirche oben in den Weinbergen ist eine Katastrophe, nicht mehr wert, Kirche genannt zu werden. Ich will hier nicht wieder alles wiederholen, was dort oben im Argen liegt. Ihr wisst es zur Genüge und habt es ja gestern selbst gesehen. Unserem hochwürdigsten Herrn Dompropst Franz Ludwig von Kesselstatt werde ich nach unserer Rückkehr nach Trier berichten und von ihm wird es dann auch bald Seine Exzellenz, Kurfürst und Erzbischof Clemens Wenzeslaus erfahren. Wie der reagiert, kann ich nicht sagen. Erfreut wird er wohl nicht sein. Jedenfalls, die Kirche oben bleibt zu! Und dann seht, wie ihr aus dieser Sache wieder heraus kommt. Ihr habt sie auch selbst verschuldet.“
Dann legte Definitor Guspert, der sich bis jetzt etwas zurückgehalten hatte, den Bericht den Beteiligten zur Unterschrift vor. Danach geleiteten noch alle die beiden Herren zur Fähre und verabschiedeten sich von ihnen. Der Abschied fiel etwas kühler und förmlicher aus als der Empfang. Der Frühmesser hatte auch die Kinder, die noch ein Lied vortragen wollten, bereits nach Hause geschickt. Pfarrer Hau und die ihn begleitenden Synodalen warteten noch eine Weile am Fährkopf, bis die beiden Kutschen mit den sie begleitenden Reitern hinter der nächsten Wegebiegung verschwunden waren und kehrten dann mit hängenden Köpfen ins Pfarrhaus zurück.
Tief betroffen und sprachlos sanken Pfarrer Johannes Hau und die anderen Offizialen der Pfarr- und Zivilgemeinde in ihre Sitze, als sie in das Pfarrhaus zurückgekehrt waren. Zu schwer waren die Anschuldigungen der Kommission aus Trier über den Zustand der Pfarrkirche in den Weinbergen. Schlamperei, Nachlässigkeit, Faulheit waren noch die harmlosesten Ausdrücke, die sie sich gestern und auch heute Morgen noch hatten anhören mussten. Keiner wagte aufzusehen, keiner wagte ein Wort zu sprechen. Allen stand noch das Entsetzen im Gesicht über das von den Trierer Herren gesprochene Urteil, die schöne, uralte, ehrwürdige Pfarrkirche sei nicht viel mehr als eine Ruine und nicht mehr wert, Pfarrkirche genannt zu werden. Der Schock saß tief.
Auch die bei der Visitation anwesenden Vertreter der Zivilgemeinde, allen voran Bürgermeister Josef Lönerd, waren schockiert. Da sie sich bei kirchlichen Angelegenheiten immer auf den Pfarrer und die Synodalen verlassen hatten, traf auch sie der Zustand der Pfarrkirche sehr schwer. So hatten auch sie nicht mit Vorwürfen gespart.
„Heiliger Michael, Schutzpatron unserer Kirche, hilf uns!“, war der einzige unausgesprochene Gedanke, der Pfarrer Johannes Hau durch den Kopf ging. Er als Verantwortlicher für die Pfarrei hatte sich die größten Anschuldigungen anhören müssen, wurde der größten Versäumnisse beschuldigt. Auch die anderen Offizialen, allen voran die beiden älteren Synodale Peter Hardt, und Matthias Veit bekamen ihren Teil der Vorwürfe ab. So saßen alle mit hängenden Köpfen und in Gedanken versunken am Tisch. Keiner wagte ein Wort zu sagen. „Wie soll es nun weitergehen?“, nur dieser eine Gedanke stand lautlos im Raum. Nur dieses eine Thema ging ihnen im Kopf um.
Schließlich räusperte sich Pfarrer Hau und brach damit den Bann, in dem sie alle gefangen waren. Sofort sprachen alle durcheinander und wollten sich die Last, die auf ihnen lag, von der Seele reden. Ein heilloses Durcheinander entstand, jeder versuchte sich bemerkbar zu machen, dem anderen eine Schuld zuzuweisen und dadurch die eigene zu vermindern. Schließlich griff Pfarrer Johannes Hau ein und gebot Ruhe.
„Meine Herren, Ruhe bitte, so geht es nicht. Mit gegenseitigen Schuldzuweisungen an dem jetzigen Zustand unserer geliebten Pfarrkirche kommen wir nicht weiter. Wir müssen uns alle auf die Brust klopfen und ‚Mea Culpa‘ sagen. Ein jeder von uns trägt einen Teil der Verantwortung. Ein jeder von uns hätte auf den Zustand unserer Kirche achten müssen. Ein jeder von uns hätte etwas unternehmen müssen, damit es nicht so weit kommt. Am meisten jedoch muss ich mir dies zurechnen lassen. Denn ich als euer Pfarrer trage dabei die größte Verantwortung. Trinken wir jetzt zuerst ein Glas von unserem guten Wein zur Beruhigung. Dann lasst uns nach Hause gehen und in Ruhe überlegen, was wir gemeinsam tun können. Heute können wir unter dem Eindruck der Vorwürfe doch noch keinen klaren Gedanken fassen. Zum Wohl!“
Der Frühmesser hatte schon vorgesorgt und einige Krüge kühlen Wein bereitgestellt und Gläser verteilt. Er ahnte bereits, was den Leuten in der jetzigen Lage gut tun würde.
„Zum Wohl, Herr Pfarrer!“, prosteten ihm alle Anwesenden zu, nachdem sie ihre Gläser gefüllt hatten. Auch die erregten Gemüter beruhigten sich langsam wieder. Auf das erste Glas folgte dann ein zweites und ein drittes. Die Welt sah nun schon wieder etwas besser aus.
„Richtig, hochwürdiger Herr Pfarrer“, begann nun Matthias Veit, der älteste der anwesenden Synodalen und kurfürstliche Meier. „Ja, wir alle haben Schuld auf uns geladen. Wir alle haben unsere Pflichten gegenüber unserer altehrwürdigen Pfarrkirche vernachlässigt. Nur so konnte es zu diesem unhaltbaren Zustand kommen. Gegenüber den Herren von Trier haben wir zwar den Einwand vorgebracht, dass die Kirche außerhalb des Ortes auf halber Bergeshöhe liegt. Diesen haben sie aber nicht gelten lassen mit dem Hinweis, dies sei doch schon seit Jahrhunderten so. Ich muss den Trierer Herren recht geben. Jahrhunderte lang haben unsere Vorfahren diese Kirche mit viel Aufwand gehegt und gepflegt und oft trotz widriger Umstände wieder hergerichtet. Unsere Vorfahren haben diese mit größten Mühen erbaut, diese Stelle dem Heiligen Michael geweiht und damit von dort die heidnischen Geister vertrieben. So kann es also nicht bleiben.“
„Du hast recht, Matthias“, fuhr Pfarrer Hau unter dem Beifall der Anwesenden fort. „So kann es wirklich nicht bleiben. Schämen müssen wir uns vor allen, dass es so weit gekommen ist. Die Kirche ist nicht nur der Mittelpunkt unserer großen Pfarrei, sondern auch des ganzen Landkapitels, dem ich vorstehe. Wir müssen also etwas tun, um den alten Zustand unserer Pfarrkirche wieder herzustellen und dann wieder einen würdigen Mittelpunkt unserer Pfarrei und des Landkapitels darstellt.“
„Wie soll das geschehen?“, wandte Peter Hardt, der zweite der Synodalen ein. „Auch ich weiß mir keinen Rat. Zu stark stehen wir noch unter dem Eindruck der Vorwürfe der Visitatoren aus Trier. Zu stark belasten uns diese Eindrücke, so dass wir noch keine klaren Gedanken fassen können. Ich schlage deshalb vor, wir trinken jetzt zuerst noch den Rest Wein aus den Krügen. Dann gehen wir nach Hause und schlafen erst einmal einige Nächte darüber. Vielleicht sieht die Welt dann schon wieder etwas besser aus und können uns in Ruhe das weitere Vorgehen überlegen.“
„Peter Hardt“, sagte daraufhin Pfarrer Hau. „Aus Dir spricht die Weisheit des Alters. Du hast recht. Unter dem Eindruck der letzten Tage können wir keine klaren Gedanken fassen. Füllt also nun noch alle Eure Gläser aus dem Krug mit Wein. Trinkt diese dann in Ruhe aus. Dann geht nach Hause, schlaft ein paar Nächte, damit wir alle zur Ruhe kommen. Besprecht Euch mit den Meiern der Grundherren, was die von dem Zustand unserer Pfarrkirche halten. Fragt auch die einfachen Leute, denn auch diese haben unter dem jetzigen Zustand zu leiden. Dann treffen wir uns am Sonntag nach dem ‚Weißen Sonntag‘ wieder nach der Andacht.“
„Gut, hochwürdigter Herr Pfarrer“, antwortete Peter Hardt. „So sei es. Da ich auch der Meier der kurfürstlichen Güter bin, steht es auch mir zu, das Gespräch mit den Meiern und Verwaltern der anderen Grundherren zu suchen und mit ihnen zusammen eine Lösung für unsere Pfarrkirche zu finden. Ihr anderen aber hört euch hier im Dorf um, auch bei unseren anderen Pfarrangehörenden drüben in Müstert und ebenso auch in Crames. und Ferres Dann zum Wohl!“
Nun griffen alle zu ihren Gläsern, prosteten sich zu und tranken den Wein aus. Mit einem Segen schloss Pfarrer Hau die Versammlung. Da es schon gegen Mittag geworden war und der Nachmittag mit Arbeit in den Weinbergen ausgefüllt war, machten sich alle sofort auf den Heimweg, wo die Männer schon von ihren Frauen zum Mittagstisch erwartet wurden.
In Trier angekommen, ließen sich die zwei Visitatoren, der Dekan Feilen und der Definitor Guspert sofort beim Dompropst Franz Ludwig von Kesselstatt anmelden. Dieser bemerkte sofort, dass bei der Visitation in Piesport etwas geschehen sein musste, als die beiden sein Dienstzimmer betraten.
„Nehmt bitte Platz“, forderte er sie auf. „An Euren Mienen sehe ich bereits, dass in Piesport etwas nicht in Ordnung war. Bitte berichtet.“
„Hochwürdigster Herr Dompropst“, begann Dekan Feilen. „In der Tat, da ist einiges schief gelaufen. Den Ort selbst fanden wir in einem guten Zustand. Die Bücher der Kirchenfabrik sind ordnungsgemäß geführt. Auch der Verwalter der kurfürstlichen Güter und auch die der dort begüterten Abteien haben ihre Arbeit zur Zufriedenheit gemacht, die Bücher und Weinberge sind in Ordnung. Auch sind die meisten der Parzellen bereits mit den neuen Rieslingreben bepflanzt und bringen schon guten Ertrag. Dies muss der Hartnäckigkeit des Pfarrers Johannes Hau zugerechnet werden, der seit seinem Amtsantritt im Jahre 1765 keine Ruhe in dieser Richtung gegeben und die Menschen nach und nach von dem Riesling als die Zukunft überzeugt hat.“
„Das sind doch gute Nachrichten“, war der Dompropst ein. „Was ist denn zu bemängeln?“
„Die Pfarrkirche, hochwürdigster Herr Dompropst“, führte Dekan Feilen weiter aus. „Die altehrwürdige Pfarrkirche in den Weinbergen kann nicht mehr als Kirche bezeichnet werden. Sie ist nicht viel mehr als eine Ruine, so heruntergekommen ist sie. Das Turmkreuz hängt schief, das Dach ist undicht, einige Fenster sind zerbrochen, der Putz bröckelt und vom Außenanstrich ist fast nichts mehr zu erkennen. Über das Innere will ich mich nicht weiter auslassen – entschuldigen hochwürdigster Herr Dompropst den Ausdruck – das Innere kann man nur noch als Saustall bezeichnen. ›Schämen sollt ihr Euch über diesen Zustand‘, habe ich zu dem Pfarrer und den Synodalen gesagt. Deshalb beschlossen wir beide, die Kirche zu interdizieren, haben die sakralen Gegenstände entfernt und das Ewige Licht gelöscht.“
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